HERBST 2020
KOREANISCHE KULTUR UND KUNST
SPEZIAL
Lieferindustrie
ISSN 1975-0617
JAHRGANG 15, NR. 3
Ein Blick hinter die Kulissen Zwischen Nutzen und Luxus; Ein Tag im Leben eines Lieferboten; Der Wandel der Lieferbranche; Die Welt von Paketentladern in Comics; Die koreanische Lieferindustrie: Glanz- und Schattenseiten
Lieferindustrie
IMPRESSIONEN
Der Weg zum Buseok-sa, der Heimat meines Herzens
B
© Ahn Hong-beom
useok-sa ist ein altehrwürdiger buddhistischer Tempel in meiner Heimatstadt Yeongju. Seine Gründung, um die sich die Sage eines „Buseok“ (schwebender Stein) rankt, geht bis ins 7. Jh. zurück. Meine Großmutter, die dem Buddhismus zugeneigt war, besuchte den Buseok-sa regelmäßig, um Buddha um Glück für ihre Nachkommen, vor allem für mich, ihren ältesten Enkelsohn, zu bitten. An Buddhas Geburtstag im Mai, begleitete ich sie. Der Tempel lag weit entfernt, was einen langen Fußmarsch bedeutete. Nach 10 Ri (rd. 4 km) erreichten wir den Markt in Buseok, danach waren es noch einmal 10 Ri Fußweg entlang eines einsamen Tals. Dann folgte der wirklich harte Teil: ein mehrere hundert Meter ansteigender Fußpfad, der vom Tempeleingang, wo am Ilju-mun (Einsäulen-Tor) eine Tafel mit den chinesischen Schriftzeichen für „Taebaek-san Buseok-sa“ (Buseok-Tempel im Taebaek-Gebirge) hängt, zum eigentlichen Tempelbereich führt. Auf beiden Seiten des Wegs waren nur noch Ginkobäume und Apfelgärten. Weiter ging es über eine Treppe hinauf zum Cheonwang-mun (Tor der Vier Himmlischen Wächter), von dem aus wir den neueren Glockenpavillon Beomjong-gak und sein älteres Pendant, den Beomjong-ru, erreichten. Es folgten noch mehr Steintreppen, bevor der Pavillon Anyang-ru (Pavillon des Friedens und der Ruhe) erschien. Vom Tor der Vier Himmlischen Wächter aus sind es 108 Treppenstufen, die für die den Geist trübenden Leidenschaften stehen. Als wir die Treppen unterhalb des Anyang-ru hinaufstiegen, trafen wir auf eine Steinlaterne. Dahinter befand sich die Haupthalle Muryangsu-jeon (Halle des Ewigen Lebens), deren Dachtraufen wie Flügel nach oben geschwungen ausgekragt sind. Als treuer Anhänger meiner Großmutter betrat ich die Halle stets durch die Nebentür und verbeugte mich dreimal vor dem Buddha Amitabha. Links hinter der Halle Muryangsu-jeon befindet sich der Felsbrocken Buseok (schwebender Stein), auf den der Name des Tempels zurückgeht. Im Samgukyusa (Memorabilia der Drei Königreiche) aus dem 13. Jh. wird die Gründung des Tempels mit der Geschichte einer jungen Frau namens Seonmyo und ihrer aufopfernden Liebe und Achtung gegenüber Tempelgründer Uisang in Verbindung gebracht. Aber ich bevorzuge die Gründungsgeschichte meiner Großmutter: „Der König von Silla beschloss, in dieser Region, die an die Königreiche Baekje und Goguryeo angrenzte, einen großen Tempel zu errichten, um sein Reich mit Hilfe der Kraft Buddhas zu schützen. Uisang, der Ehrwürdige Berater des Landes, durchwanderte auf seiner Suche nach einer geeigneten Stelle das Taebaek-Gebirge. Eines Tages schnippte er mit seinem Zeigefinger einen großen Felsbrocken in den Himmel. Dieser verwandelte sich in eine schwarze Wolke, die sieben Tage lang am Himmel schwebte und Starkregen auf die Erde schickte, bis sie endlich hinabstieg und diese Stelle segnete. Doch sie berührte den Boden nie wirklich. Selbst wenn man heute einen Faden unter den Felsbrocken legen und daran ziehen würde, würde er nicht zerreißen.“ Ich liebe die Aussicht von der dreistöckigen Steinpagode hinter dem Pavillon Seonmyo-gak: den Blick auf die schwungvoll ausladenden Dachtraufen der Halle Muryangsu-jeon sowie die über dem Anyang-ru hinweg sichtbaren Linien des Sobaeksan-Gebirges, die wie eine Fuge versetzt ineinanderlaufen, und das atemberaubende, malerische Abendlicht, das auf die geschwungenen Bergkämme fällt. Der Pfad hinter der Pagode führt zu dem stillen, schlichten Schrein Josa-dang (Schrein des Gründers) mit seinem Giebeldach. Hier wird das Porträt des Ehrwürdigen Uisang aufbewahrt. Auf der rechten Seite des Gebäudes steht, von einem Metallzaun umschlossen, ein Baum: der legendäre Chinesische Erbsenstrauch, der aus einem von Uisang in den Boden geschlagenen Stock herausgewachsen sein soll. Auf dem einfachen Sockel des Schreins sitzend, stelle ich mir den „schwebenden Felsbrocken“ des Tempels vor, der an stillen Nächten in den Himmel emporsteigen und lächelnd auf die schlafenden Kinder herabschauen soll, und sehne mich nach meiner Großmutter. Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Arts
Von der Redaktion
Unverzichtbare Dienstleistung in einer kritischen Zeit Nach neun Monaten Pandemie ist die Welt durch das Wüten von COVID19 und seiner verheerenden Auswirkungen ins Wanken geraten. Südkorea, das für seine vergleichsweise erfolgreiche Handhabung des Virusausbruchs gelobt wurde, hat jetzt mit einer zweiten Infektionswelle zu kämpfen. Inmitten der unvermeidlichen Dämpfung der Konjunktur und wachsender Besorgnis in Bezug auf ein längeres Anhalten der Krise wurden einige Dinge, die zuvor für selbstverständlich gehalten worden waren, unmöglich. Die Herbstausgabe von Koreana thematisiert unseren sich im Wandel befindlichen Lebensstil, wobei der Fokus insbesondere auf der Lieferindustrie liegt, einer Branche der Konsumwirtschaft, der in Pandemie-Zeiten eine besondere Bedeutung zukommt. Schon lange vor COVID-19 gehörten schnelle und korrekte Hauslieferungen von Essen und anderen Produkten zu den besonderen Kennzeichen des Verbraucherverhaltens in Korea. Zu Beginn des Jahres, als die Pandemie ausbrach, zogen die koreanischen Konsumenten das Augenmerk auf sich, da sie weder Panikkäufe machten noch Notvorräte von täglichen Bedarfsgütern anlegten. Das effiziente Liefersystem des Landes rückte dabei als einer der Hauptfaktoren ins Rampenlicht. Die SPEZIAL-Reihe der vorliegenden Ausgabe beleuchtet die verschiedenen Gesichter der koreanischen Lieferindustrie. Die Bequemlichkeit der Konsumenten hat ihren Preis. Während die Luftverschmutzung durch die Verlangsamung der Weltwirtschaft zurückgegangen ist, sorgen die schnellen Lieferdienste für andere Umweltprobleme. Die Arbeitsbedingungen der Lieferfahrer und der monopolistische Wettbewerb der Lieferfirmen sind ebenfalls zu wichtigen Themen geworden. „Besteht ein Zusammenhang zwischen florierender Lieferbranche und höherer Lebensqualität? Ist es in Ordnung, aus reinen Bequemlichkeitsgründen die Umwelt zu vernachlässigen?“– fragt einer unserer Autoren. Wir laden unsere LeserInnen dazu ein, gemeinsam mit uns einen Blick auf eine boomende Industrie und auf deren Licht- und Schattenseiten zu werfen. Ahn In-kyoung Chefredakteurin der deutschen Ausgabe
KOREANISCHE KULTUR UND KUNST HERBST 2020
Published quarterly by THE KOREA FOUNDATION 55 Sinjung-ro, Seogwipo-si, Jeju-do 63565, Korea https://www.koreana.or.kr
Bike on the Wind Ryu Seung-ok 2018. Acrylfarbe auf Leinwand, 162 × 130 cm
VERLEGER Lee Geun REDAKTIONSDIREKTOR Kang Young-pil CHEFREDAKTEURIN Ahn In-kyoung REDAKTIONSBEIRAT Han Kyung-koo Benjamin Joinau Jung Duk-hyun Kim Hwa-young Kim Young-na Koh Mi-seok Charles La Shure Song Hye-jin Song Young-man Yoon Se-young COPY EDITOR Anneliese Stern-Ko KREATIVDIREKTOR Kim Sam LEKTORAT Ji Geun-hwa, Ham So-yeon KUNSTDIREKTOR KIm Ji-yeon DESIGNER Jang Ga-eun, Park Jung-in, Yeob Lan-kyeong LAYOUT & DESIGN
Kim’s Communication Associates
240-21, Munbal-ro, Paju-si, Gyeonggi-do 10881, Korea www.gegd.co.kr Tel: 82-31-955-7413 Fax: 82-31-955-7415 ÜBERSETZER
Ahn In-kyoung Anneliese Stern-Ko Do Young-in Park Ji Hyun Eom Yuseong
Preis pro Heft in Korea 6.000 Won Außerhalb Koreas US$9 Detailinformationen zu den Subskriptionspreisen finden Sie auf Seite 88. THE KOREA FOUNDATION BERLINER BÜRO c/o Botschaft der Republik Korea Stülerstraße 8-10, 10787 Berlin, Germany Tel: +49-(0)30-260-65-458 / Fax: +49-(0)30-260-65-52 E-mail: koreana@kf.or.kr
GEDRUCKT HERBST 2020 Samsung Moonwha Printing Co. 10 Achasan-ro 11-gil, Seongdong-gu, Seoul 04796, Korea Tel: 82-2-468-0361/5 © The Korea Foundation 2020 Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne vorherige Genehmigung der Korea Foundation in irgendeiner Form reproduziert werden. Die Meinungen der Autoren decken sich nicht notwendigerweise mit denen der Redaktionsmitglieder oder der Korea Foundation. Koreana ist als Vierteljahresmagazin beim Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus registriert (Reg. Nr. No. Ba-1033, August 8, 1987) und erscheint neben Deutsch auch auf Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Indonesisch, Japanisch Russisch und Spanisch.
Lieferindustrie
Ein Blick hinter die Kulissen
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SPEZIAL 1
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SPEZIAL 4
Zwischen Nutzen und Luxus
Die Welt von Paketentladern in Comics
Lee Myoung-lang
Lee Jong-chul
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SPEZIAL 2
Ein Tag im Leben eines Lieferboten Park Sang
SPEZIAL 5
Die koreanische Lieferindustrie: Glanz- und Schattenseiten Um Ji-yong
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SPEZIAL 3
Der Wandel der Lieferbranche Joo Young-ha
© Yonhap News Agency
32 FOKUS
50 HÜTER DES TRADITIONELLEN ERBES
64 UNTERWEGS
Schützer der Kulturgüter im Krieg
Kampfkunst für beiderseitiges Wohlergehen
Haenam: Wo Anfang und Ende koexistieren
Kim Dong-ok
Lee Chang-guy
54 GESCHICHTEN AUS ZWEI KOREAS
74 REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR
Unterschiede zwischen der Musik des Nordens und der Musik des Südens
Sinn für Ethik hinter Geistreichtum und Humor
Kim Hak-soon
Choi Jae-bong
Kim Youngna
38 KUNSTKRITIK Musik, die in die Welt reicht Kim Shin-ah
44 INTERVIEW Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen Park Eun-young
Wohin ist Choe Mijin?
60 VERLIEBT IN KOREA Beleuchtung des koreanischen Films Cho Yoon-jung
Lee Ki-ho
SPEZIAL 1
Lieferindustrie: Ein Blick hinter die Kulissen
Zwischen Nutzen und Luxus In einer Welt, in der das alltäglich Notwendige vom Essen bis zur Wäsche per Lieferdienst bis zur Haustür gebracht wird, ist es schwierig, auf diesen Komfort zu verzichten. In puncto Lieferservice herrscht jedoch ein unterschiedliches Werteverständnis zwischen den Generationen: Während Ältere ihn als Luxus betrachten, ist er für die Jüngeren einfach Teil eines neuen Lifestyles. Lee Myoung-lang Schriftstellerin
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ein, nicht schon wieder! Als ich morgens nach dem Aufstehen in die Küche ging, war der Tisch übersät mit den Resten von scharf marinierten Hühnerfüßen und gewürzten Reiskugeln. Wütend checkte ich den Mülleimer. Wie erwartet war er voller Einwegpackungen. Offensichtlich hatten sich die Kinder Mitternachtssnacks bestellt, während ich schlief. Ich war früh aufgestanden, um einige hinausgeschobene Arbeiten zu erledigen, verlor jedoch bei diesem Anblick jegliche Lust. Das Essen war ja auch einfach zu schade zum Wegwerfen. Ich erwärmte also die Reste in der Mikrowelle und holte Kkakdugi (würfelförmiges Rettich-Kimchi) aus dem Kühlschrank. Trotz meiner Wut schmeckten mir die Hühnerfüße köstlich und auch die Reiskugeln waren besser als meine selbstgemachten. Vielleicht lag es an dem leckeren Essen, aber ich begann die Situation mit anderen Augen zu betrachten: Na, die Kinder hatten wohl im Gedanken an mich einen Teil übriggelassen. Wenn es ihre Absicht gewesen wäre, einer Gardinenpredigt zu entgehen, hätten sie doch wohl kaum Spuren von ihrem Mitternachtsgelage hinterlassen. Dank ihnen war ich jetzt ja auch vom Frühstückmachen befreit!
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Nachdem meine Wut mit den Hühnerfüßen hochgekocht und mit ihnen wieder verraucht war, wollte ich den Essensmüll fortbringen, aber die Wohnungstür klemmte. Ich drückte mit voller Kraft dagegen und entdeckte durch den Türspalt ein Lieferpaket. Was war das? Im Paket waren frischer Lachs mit Soße, Steak mit geschnittenem Gemüse und sogar in Sojasoße eingelegte Garnelen! Es waren Halbfertiggerichte, bei denen man die Soße nur über die ausgepackten Zutaten zu gießen und das Ganze in der Mikrowelle zu erwärmen braucht. Also diese Rangen! Die lassen sich jetzt auch noch Gerichte liefern, die man genauso gut zu Hause selbst zubereiten kann!
Unzufriedenheit und Konflikt
In meinen Zwanzigern und Dreißigern war es unvorstellbar, Essen nach Hause zu bestellen, abgesehen vielleicht von den gelegentlichen Jjajangmyeon (Nudeln in schwarzer Bohnensoße) oder frittierten
© gettyimages
Hähnchen. Kochen gehörte damals noch zu den selbstverständlichen Aufgaben einer Hausfrau. Als meine beiden Kinder klein waren, steckten Internet und Lieferservice noch in den Kinderschuhen, sodass ich jede Woche zum Supermarkt fahren musste, um alltägliche Bedarfswaren wie Milchpulver und Windeln zu besorgen. Ich schnallte die Kinder auf dem Rücksitz an und setzte sie im Supermarkt in den Einkaufswagen. Den Warenhaufen dann auch noch in den Kofferraum zu verladen, war wirklich erschöpfend. Deshalb empfand ich es sogar als eine Art Befreiung von den „schweren Lasten“ des Hausfrauendaseins, als man voluminös-unhandliche Produkte wie Reissäcke, Chilipaste oder Trinkwasser bis zur Haustür liefern lassen konnte. Für mich steht Liefern also für die Bequemlichkeit, Produkte ohne Hin- und Herfahrerei besorgen zu können. Für die Kinder ist es etwas anders. Nicht nur alltäglich Notwendiges, sondern auch fertige Gerichte bestellen sie sich über Smart-
Ein Lieferbote rast durch eine Straße in Seoul. Größter Wunsch aller Auslieferer ist: Bitte heute keine Staus, die schnelles und sicheres Ausliefern erschweren!
phone-Apps nach Hause. Selbst Menüs von angesagten Restaurants, wo man gewöhnlich Schlange stehen muss, lassen sie sich liefern: von Jokbal (Schweinshaxe koreanischer Art), Bossam (gekochte Schweinefleischscheiben, die zusammen mit Kimchi in Chinakohlblätter eingewickelt gegessen werden) über Gopchang (gegrillter Rinderdarm) und Tteokbokki (Reiskuchenwürste in scharfer Soße) bis hin zu Pasta! Sie genießen also das goldene Zeitalter der Lieferdienste in vollen Zügen. Doch ich habe so meine Bedenken. Jedes Mal, wenn meine Kinder aus bekannten Restaurants Essen bestellen und mir dies und das zum Probieren anbieten, steigt in mir ein immer größer werdender Unmut auf. Warum lassen sie sich Essen nach Hause bringen, für das sie dann auch noch hohe Liefergebühren zahlen müssen, statt zu Hause zu kochen und Geld zu sparen? Während für mich der Lieferservice lediglich
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eine „Option“ im Namen der Effizienzerhöhung darstellt, scheinen meine Kinder sich unnötigem Luxus hinzugeben. Daher hält sich meine Freude über das gelieferte Essen in Grenzen, selbst wenn ich mir deshalb manchmal wie eine Tantchen aus alten Zeiten vorkomme.
Im Nu fertiges Frühstück
Während ich die Lieferung frischer Lebensmittel inspizierend in Gedanken versunken war, kam meine Tochter aus ihrem Zimmer. „Wow, das ging ja schnell! Mama, ich möchte Frühstück für dich machen und habe dafür sogar eingelegte Garnelen, die du so gern magst, bestellt.“ Aus meiner Tochter sprudelte es nur so heraus, während sie das bereits küchenfertig zugeschnittene Gemüse wusch und auf ein Abtropftablett aus Bambusgeflecht legte. Das Steak gab sie in die Heißluftfritteuse, die eingelegten Garnelen arrangierte sie auf einem Teller. „Mama, ich werde ab und zu auf diese Weise das Frühstück für dich vorbereiten, auch wenn ich nicht versprechen kann, es oft zu tun. Ich habe mir dafür heute sogar den Wecker gestellt. Diese Website ist doch einfach super, meinst du nicht auch? Die Preise sind im Vergleich zu anderen Anbietern etwas höher, dafür sollen die Produkte wirklich frisch sein. Ich habe extra dort bestellt, auch wenn es etwas teurer ist, denn das Essen ist ja schließlich für dich. Also, was meinst du? Ist deine Tochter nicht viel besser als dein Sohn?“ Meine Tochter war so froh darüber, dass sie das Frühstück für mich zubereitet hatte. Als ich ihr lachendes Gesicht sah, brachte
ich es nicht über mich, sie zu tadeln, indem ich sagte: „Was?! Jetzt lässt du sogar noch das Frühstück nach Hause liefern?!“ Statt dessen zwang ich ein Lächeln in mein verzogenes Gesicht und setzte mich an den Tisch. „Mama! Das sind keine gewöhnlichen eingelegten Garnelen. In Gangnam gibt es ein wirklich berühmtes japanisches Restaurant, die Garnelen kommen direkt von dort. Ich weiß, dass du sie dir nie kaufen würdest, weil sie echt teuer sind. Deshalb habe ich sie extra für dich bestellt. Krittele also bitte nicht rum und frag nicht nach dem Preis, sondern genieß es einfach. Okay?“ Meine Tochter, die mich viel besser kennt als ich, kam jeder Schelte über unnötige Geldausgaben zuvor. Ich gab also ihrem Drängen, die berühmten Garnelen doch mal zu probieren, nach und schob mir eine in den Mund. Wohl mit Ingwer gewürzt, schmeckte sie pikant, nicht zu schwer und überhaupt nicht fischig. Ihr Fleisch zerging mir einfach auf der Zunge.
Eine merkwürdige Mutter
Nun gut, meine Tochter hatte ihr Geld nicht für irgendein unnützes Zeug ausgegeben, sondern ihr Taschengeld gespart, um das Frühstück für mich zuzubereiten. Ich wäre doch eine wirklich merkwürdige Mutter, wenn ich Nein dazu sagen würde, ich sollte es also einfach genießen. Als ich gerade die auf dem
1. Während der COVID-19Pandemie ist die Zahl der kontaktlosen Zustellungen in die Höhe geschossen und weiterhin hoch geblieben, da die Kunden online ordern und sich die Pakete vor die Haustür stellen lassen.
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2. Junge Koreaner betrachten Essenslieferungen fürs Familienabendessen oder für ein Dinner mit Gästen als praktische Alternative, die Lebensmitteleinkauf sowie Vor- und Zubereiten der Speisen überflüssig macht. © gettyimages
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Ehrlich gesagt, ich bin immer noch nicht recht gewillt, auch noch Fertiggerichte liefern zu lassen. Doch für alle, die alleine leben oder nicht so gut kochen können, ist der Essenslieferservice vielleicht die vernünftigere Wahl. Die Zeit, die sie fürs Vorbereiten, Zubereiten und Aufräumen aufwenden müssten, können sie für etwas anderes nutzen. Tisch angerichteten Speisen probierte, klingelte mein Handy. „Du, Myoung-lang! Hast du mir diese Salatblätter für Ssam (in Salatblätter eingeschlagenen Reis) geschickt? Warum die Mühe? Salatblätter sind derzeit doch günstig im Supermarkt nebenan zu haben, weshalb also schicken?“ Der Anruf kam von meiner ältesten Tante mütterlicherseits, die in Incheon wohnt. „Tante, ich habe auch eine Kiste für mich gekauft. Die Blätter werden gleich nach Eingang der Bestellung abgepackt, deshalb sind sie so superfrisch. Es sind auch Sorten darunter, die man im Supermarkt nicht bekommt. Ich weiß ja, dass dir das Geld dafür zu schade ist und du für dich nie solche Salatblätter kaufen würdest. Deshalb habe ich sie dir geschickt. Lass sie dir also einfach schmecken!“ Daraufhin antwortete meine Tante: „Tatsächlich sehe ich diese Sorten zum ersten Mal. Und superfrisch sind sie auch noch.“ Sie freue sich natürlich sehr darüber, aber es täte ihr leid, dass ich für sie Geld ausgeben musste. Sie bedankte sich immer und immer wieder und ich versicherte ihr immer und immer wieder, dass alles gut sei und ich es gern gemacht habe. Meine Tochter, die mir gegenüber am Tisch saß und alles mit-
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bekommen hatte, grinste mich an. „Wow, Mama! Du kennst dich ja jetzt mit dem Online-Lieferservice bestens aus.“ „Dachtest du etwa, dass ich nicht einmal das Bestellen hinbekomme?“ Ich warf ihr einen beleidigten Blick von der Seite zu und lachte lauthals.
Geständnis
Ehrlich gesagt, ich bin immer noch nicht recht gewillt, Fertiggerichte liefern zu lassen. Doch für alle, die alleine leben oder nicht so gut kochen können, ist der Essenslieferservice vielleicht die vernünftigere Wahl. Die Zeit, die sie fürs Vorbereiten, Zubereiten und Aufräumen aufwenden müssten, können sie für etwas anderes nutzen. Essenslieferungen könnten außerdem die Frauen bei der Hausarbeit entlasten und mehr „Demokratie“ ins Haus bringen, denn die Last, fürs leibliche Wohl der Familie zu sorgen, liegt in Korea meist immer noch auf den Schultern der Frauen. Und auch die Männer wären für ihre Mahlzeiten nicht mehr ausschließlich auf ihre Frauen angewiesen. Noch gelten je nach Generation andere Prinzipien für die Nutzung der Lieferdienste, aber es ist zu hoffen, dass sich diese neue „Kultur“, die unseren Alltag immer stärker prägt, als ein Segen für unser Zeitalter erweist. Mit dieser Hoffnung beförderte ich ein großes Stück des goldbraun gegrillten Steaks in meinen Mund.
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Lieferindustrie: Ein Blick hinter die Kulissen
Ein Tag im Leben eines Lieferboten An einer überfüllten Ampelkreuzung. Sobald die Ampel endlich auf Grün springt, rasen Dutzende Mopeds mit halsbrecherischer Geschwindigkeit los, bevor die Autos den Motor beschleunigen können. Das ist ein häufiger Anblick auf den Straßen in Koreas Großstädten. Hunderttausende von Zustellern trotzen jeden Tag Risiken, um Pakete, seien es nun Lebensmittel oder andere Waren, so schnell und sicher wie möglich zu den Kunden zu bringen. Park Sang Schriftsteller
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Lieferboten, die zu Spitzenverkehrszeiten durch die Straßen navigieren, sind ein häufiger Anblick. Da sie in einem beschränkten Zeitrahmen so viele Aufträge wie möglich zu erledigen haben, müssen sie die Straßen wie ihre Westentasche kennen und die effizientesten Routen planen. © NewsBank
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evor ich als Schriftsteller debütierte, hatte ich in einem Büroviertel in Seoul koreanische Gerichte ausgeliefert. Auch für ein chinesisches Restaurant in einem Vergnügungsviertel und eine Pizzeria in einem Wohngebiet hatte ich Lieferungen übernommen. Selbst während meines kurzen Aufenthalts in London war ich eine Weile als Lieferbote für ein japanisches Restaurant unterwegs, sodass ich mich wohl als „Lieferant mit Auslandserfahrung“ bezeichnen darf. Aber das stellte sich als völlig nutzlos heraus, als ich nach Korea, der Heimat des Lieferservice, zurückkam. In Großbritannien wird die Zustellung als eigener Beruf angesehen, in Korea jedoch nur als Zeitjob. Hier meine Erinnerungen an einen typischen Tag als Lieferbote.
Dilemma
„Der langhaarige Junge von nebenan wurde gestern ins Krankenhaus eingeliefert. Hast du schon davon gehört?“ Das teilte mir mein Chef mit trauriger Miene mit, als ich mich gerade auf die Arbeit des Tages vorbereitete. Der Langhaarige war ein Naturtalent, ein wahrer „Liefermeister“. Wenn ich ihm auf der Straße begegnete, staunte ich über sein Können. Er sah wirklich wie ein Profi-Rennfahrer aus. Ich hatte gehört, dass sein Herz wegen einer kurz davor auseinander gegangenen Liebesbeziehung gebrochen war. Und dann noch der Unfall… Das zeigt nur, dass ein Lieferbote jederzeit wachsam und konzentriert sein muss wie ein Chirurg, Analyst oder Pilot, der ja nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam sein darf. Ein einziger unachtsamer Moment, und schon liegst du auf der Straße. Während meiner Lieferrunden kam es vor, dass ich sogar in der sengenden Sommerhitze in kalten Schweiß ausbrach: Wenn ich ein Moped sah, das achtlos am Straßenrand stand, eins, das ganz offensichtlich nicht ganz normal dort geparkt war. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass das Speichenrad verbogen oder die Seite schrecklich verkratzt war. Das Moped war zur Seite geräumt worden, um die Straße frei zu machen, nachdem der Fahrer in einem Krankenwagen weggebracht worden war. Bei den Auslieferern kommt es nur allzu leicht zu
Unfällen. Wenn einer, der auf der Straße regelmäßig zu sehen war, plötzlich nicht mehr zu sehen ist, bedeutet das, er ist entweder verletzt oder tot. „Daher solltest auch du mit dem Beschleunigen vorsichtiger sein. Hör auf, wie ein Verrückter herumzusausen, okay?“ Mein Chef machte sich Sorgen um meinen Fahrstil. „Ich bin schon okay. Hab eh nichts zu verlieren.“ „So ein Stuss! Ich darf dich nicht verlieren. Also fahr vorsichtiger.“ Seine Ermahnung war herzerwärmend, aber auch sehr vernünftig. Jeder kann als Mopedkurier arbeiten, solange er einen Führerschein und keine Angst hat. Je nach Zahl der Zustellungen pro Tag kann ein Lieferant ein recht beachtliches Einkommen erzielen. Außerdem muss er sich nicht wie bei normalen Firmen durch eine starre Bürokultur oder einen altmodischen Chef stressen lassen. Trotzdem sind Mopedkuriere Mangelware, denn sie sind vielen Gefahren ausgesetzt. Es sind zu viele Idioten auf der Straße unterwegs und in Korea, wo es viel zu einfach ist, den Führerschein zu machen, müssen die Lieferboten immer damit rechnen, von einem Fahranfänger angefahren zu werden. Die Lieferboten riskieren ihr Leben für schnellstmögliche Lieferung und höheren Verdienst. Motorradunfälle ereignen sich genauso wie Wildunfälle. Leider glauben viele, dass ihre Mopeds schneller sind als Autos. Mopeds scheinen nur wegen ihrer geringeren
Ein Auslieferer für Ddingdong, einem für das Stadtviertel Gangnam zuständigen Lieferdienst, lädt eine in einem Imbiss georderte Bestellung auf seinen Roller. Kleine Restaurants, die sich keine eigenen Lieferboten leisten können, nutzen Lieferplattformen. © NewsBank
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Größe wendiger, aber sie sind weder schneller noch leistungsstärker. Eine sichere und langsamere Lieferung bedeutet jedoch weniger Einnahmen. Der einzige Ausweg aus diesem prekären Dilemma besteht darin, den Jackpot zu knacken. Ich wette, dass fast jeder Lieferbote einen Lottoschein in der Tasche hat.
Know-how
Elf Uhr vormittags. Das Bestelltelefon klingelt wie verrückt. Während des Zwei-Stunden-Fensters um die Mittagszeit muss jeder Zusteller rund 30 Lieferfahrten erledigen. Eine Lieferung dauert circa fünf Minuten, das macht 12 Runden pro Stunde und 24 in zwei Stunden. Aber für viele Strecken braucht man länger als fünf Minuten, weshalb er mehrere Lieferungen auf einmal machen muss. Daher entscheidet das räumliche Orientierungsvermögen über die Fähigkeiten eines Essensboten. Er erstellt im Kopf einen Bewegungsplan mit den kürzesten Verbindungen zwischen den einzelnen Adressen, um möglichst viele Lieferungen zu schaffen. Das verlangt Köpfchen: Die Menge die man auf ein Moped laden kann, ist beschränkt, ebenso die Zeit fürs Hin- und Zurückfahren. Ein echter Profi ist jemand, der eine klare Vorstellung vom jeweils effizientesten Lieferweg im Kopf hat. Auch sollte man einen scharfen Blick für die Verkehrsbedingungen im jeweiligen Zustellungsgebiet haben. Bevor man am Zielort ankommt, muss man wissen, wann die Ampel an der Kreuzung vor dem Geschäft umspringt und flugs kalkulieren, ob es schneller ist, die Treppe oder den Aufzug zu nehmen. Ein erfahrener Kurier schärft seinen sechsten Sinn, um vorherzusagen, was aus der nächsten Gasse herausspringen wird und ob ein von der anderen Seite kommendes Auto plötzlich einen U-Turn machen will. Ein „Meister“ kann ein Gefühl der Erfüllung spüren, wenn er das schafft, was andere nicht schaffen. Ich mache mich zu meinem Ziel auf. Ich hoffe, dass das Auto vor mir kein Verkehrszeichen überfährt, dass kein Fahrrad aus heiterem Himmel wie ein Reh aus der Gasse schießt, dass ich niemanden anfahre, dass mein Moped an der Ecke nicht auf einer Bananenschale ins Rutschen kommt, dass es keine Schlaglöcher gibt, die mich einen Purzelbaum in der Luft schlagen lassen. Ich muss irgendwie überleben und weiterleben. Aber sobald ich losfahre, habe ich nur einen Gedanken: Vermeide, zu spät zu kommen und dich vom Kunden aussschimpfen zu lassen!
Demütigung
Mein erstes Lieferziel heute ist ein Büro, in dem die Leute unausstehlich sind. Sie sprechen immer herablassend mit mir und fluchen, wenn ich auch nur ein bisschen später ankomme. Sie scheinen ein vulgäres Gefühl der Überlegenheit zu haben und zu denken, dass Menschen, die körperliche Arbeiten wie Essenszustellungen machen, einer niedrigen sozialen Schicht angehören und daher ruhig grob behandelt werden dürfen. Jedes Mal, wenn ich das Geschirr abhole, platzt mir der Kragen. „Ich habe Sie doch gebeten, keinen Abfall in die Schüsseln zu werfen.“ Kein einziger reagiert darauf. Für sie bin ich ein „Unsichtbarer“. Sie bezahlen nicht einmal sofort. Wenn ich darum bitte, im Rechnungsbuch für die monatlichen Bestellungen zu unterschreiben, lassen sie sich absichtlich Zeit, als würden sie für einen Riesenbetrag unterzeichnen. Manchmal tragen sie schon mal heimlich nur drei Protionen ein, obwohl sie vier bestellt haben. Wenn ich dann am Monatsende zum Kassieren gehe, schreien sie mich sogar an: „Hergottnochmal! Wir haben doch gesagt, wir zahlen später! Glaubst du etwa, wir würden dich um diese lächerliche Summe betrügen, ha?“ Aber eines Tages machten sich die Leute in diesem Büro aus dem Staub, ohne ihre überfälligen Rechnungen zu bezahlen. Völlig geladen versuchten mein Chef und ich, die Kerle aufzuspüren, aber ohne Erfolg. Heutzutage werden Vorauszahlungen online oder per App gemacht, was solche Vorfälle verhindert. In diesem Punkt ist die technologische Entwicklung nur zu begrüßen. Mein nächstes Ziel ist eine Fabrik. Dort herrscht hektische Betriebsamkeit. Ich frage mich, ob die Arbeiter überhaupt Zeit zum Essen finden. Als ich gehe, bemerke ich, dass alle blutunterlaufene Augen haben. Auch meine Augen sind rot von all den Dämpfen und dem Staub auf der Straße. Mir bleibt nicht die Zeit, um zu vergleichen, wer wohl ärmer dran ist: sie oder ich. Als ich zu meinem nächsten Ziel, einem Motel, eile, fängt es an, in Strömen zu regnen. Ich habe Halluzinationen von klingelnden Telefonen: Bei schlechtem Wetter gehen ja mehr Bestellungen ein. Ich nehme meinen Regenmantel heraus, ziehe ihn an und wickele mir ein Handtuch um den Hals, aber nicht mal das reicht aus, um den Regen abzuhalten. Die Regentropfen, die beim Dahinsausen auf meinen Körper niedergehen, sind stechend und machen mich schwermütig. Durchnässt und erschöpft schlurfe ich mit schweren, vom Regen durchgeweichten Füßen ins Motel. Ein Mann, mit nur einem Handtuch um seinen nackten Körper gewickelt, öffnet die Tür und nimmt die Lieferung entgegen. Er hat wohl Essen bestellt, weil es ihm zu lästig war, sich anzuziehen. Ja, ich wünsche ihm, dass er sich mehr ausruht und mehr liebt, anstatt seine Zeit mit Anziehen zu verschwenden. Auf meinem
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Die Menge die man auf ein Moped laden kann, ist beschränkt, ebenso die Zeit fürs Hin- und Zurückfahren. Ein echter Profi ist jemand, der eine klare Vorstellung vom jeweils effizientesten Lieferweg im Kopf hat. Weg zurück zum Restaurant, wo die nächste Auslieferung schon auf mich wartet, hoffe ich, dass sein Leben weniger hektisch sein wird, dass seine Lebensqualität sich verbessert und dass auch mein Leben einmal so sein wird.
Kompromiss
Zurück im Restaurant werden die auszuliefernden Speisen langsam kalt. Ich packe sie schnell zusammen und fahre los, bevor sie noch kälter werden. Die Leute bestellen das Essen nicht, weil es so köstlich schmeckt. Es ist auch kaum zu erwarten, dass Essen in einer mit Plastikfolie abgedeckten Plastikschüssel, das in einer Lieferbox hin- und hergeschüttelt wird, besser schmeckt als ein warmes Gericht, das in einem netten Restaurant von einem Koch zubereitet, optisch ansprechend auf dem Teller arrangiert und von einer freundlichen Bedienung serviert wird. Die Leute lassen Essen liefern, weil es bequemer ist, als in ein Restaurant zu gehen und Schlange zu stehen. Und wer keinen sensiblen Gaumen hat, legt wohl kaum besonderen Wert auf den Geschmack. Die Essenauslieferungen führen jedoch zu einer enormen Zunahme des Einwegverpackung-Aufkommens, eine der Hauptursachen für die Umweltverschmutzung durch Mikroplastik. Eine Frage nach der anderen steigt in meinem Kopf auf: Ist eine Kultur, in der alles überall und jederzeit bis zur Haustür gebracht werden kann, etwas, auf das man stolz sein kann? Besteht ein Zusammenhang zwischen florierender Lieferbranche und höherer Lebensqualität? Gibt es noch einen weiteren Vorteil von Koreas fortschrittlicher Lieferkultur außer dem Gefühl der Erleichterung, dass man zumindest nicht verhungert, wenn man wegen der Corona-Pandemie Ausgangsbeschränkungen hinnehmen muss? Dabei besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man an einen Lieferanten gerät, der durch ständigen Zeitdruck gereizt ist und es satt hat, von der Gesellschaft geringgeachtet zu werden. Kann der Vorteil, das gewünschte Essen überallhin, wo man gerade ist, geliefert zu bekommen, all die zahlreichen Probleme ausblenden? Und vor allem: Ist es in Ordnung, aus reinen Bequemlichkeitsgründen die Umwelt zu vernachlässigen? Liefermopeds schlängeln sich durch enge Gassen, um Staus zu vermeiden. Da es in Korea keine ausgewiesenen Mopedparkplätze gibt, können sie überall abgestellt werden, sogar auf Fußwegen und an Zebrastreifen. Die Fahrer haben keine Bedenken,
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Verkehrsverstöße zu begehen, z. B. Verkehrszeichen zu missachten oder sogar gegen die Fahrtrichtung zu fahren. Da Mopeds in den Seitenspiegeln von Autos nicht leicht zu sehen sind, machen die Mopedfahrer mit lautem Auspuffknattern auf sich aufmerksam oder erschrecken auch schon mal Autofahrer mit ihrem unberrechenbarem Fahrverhalten. Es ist praktisch unmöglich, Essen pünktlich zuzustellen und dabei alle Verkehrsregeln einzuhalten. Aber ein Lieferant hat nicht die Zeit, Gedanken daran zu verschwenden. Er spürt instinktiv, dass jemand mit knurrendem Magen sehnsüchtig auf ihn wartet. Also konzentriert er sich und fährt mit voller Geschwindigkeit. Meine letzte Lieferung für diesen Tag geht an eine Firma, die eine Büroparty veranstaltet. Da es eine Großbestellung ist, wackelt mein Moped, als ich es mit all dem Essen belade. Bei der Ankunft werde ich von einem Haufen fröhlicher Menschen begeistert begrüßt. Sie stoßen entspannt unter einem Glückwunschplakat an. Alle sehen glücklich aus, als hätten sie etwas gemeinsam erreicht. Zustellungen an einen Ort wie diesen machen den Job eine Spur lohnender. Als ich hinausgehe, kommt jemand auf mich zu, um mir Trinkgeld zu geben. Er sagt höflich: „Es war eine große Bestellung. Sie muss ganz schön schwer gewesen sein. Und vielen Dank, dass Sie auch bei diesem Regen noch geliefert haben.“ Das Trinkgeld und die warmen Worte machen die Müdigkeit, die sich den Tag über aufgestaut hat, vergessen. Endlich ist der Tag vorbei! Es war ein langer Tag. Wegen des schweren Helms und der Haltung beim Fahren sind mein Nacken und meine Schultern steif wie Rinder-Dörrfleisch, meine Finger sind vom Regen ganz schrumpelig geworden und meine Arme und Beine sind schlaff, da ich unzählige Male Treppen hoch- und runterrasen musste. Es ist noch eine letzte Lieferung übrig: meinen müden Körper nach Hause zu liefern und auf mein gemütliches Bett zu verfrachten. Eine Melodie pfeifend starte ich mein Moped.
© Shutterstock; Foto von Kelli Hayden
Ein für eine Hühnchenkette arbeitender Lieferbote fährt spätabends durch die Fressgasse in der Nähe der im östlichen Stadtgebiet von Seoul gelegenen Konkuk Universität.
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SPEZIAL 3
Lieferindustrie: Ein Blick hinter die Kulissen
Der Wandel der Lieferbranche Das Zeitalter, in dem man sich per Smartphone-App nahezu alles liefern lassen kann, kam nicht 체ber Nacht. Die koreanische Lieferkultur, die bis in die Joseon-Zeit (1392-1910) zur체ckgeht, nahm w채hrend der japanischen Kolonialherrschaft in der ersten H채lfte des 20. Jhs moderne Formen an und verbreitete sich danach im Zuge der raschen Industrialisierung und Urbanisierung explosionsartig. Joo Young-ha Professor, Graduate School of Korean Studies an der Academy of Korean Studies
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882 kam Paul Georg von Möllendorff, der zuvor im deutschen Konsulat in Qing-China gearbeitet hatte, als erster westlicher Berater der koreanischen Regierung nach Hanyang (das heutige Seoul). Da damals nur wenige Westler im Königreich Joseon lebten, machte er sich vor allem ums Essen Sorgen. Abends suchte ihn ein koreanischer Beamter mit einigen Dienern in seiner Unterkunft auf. Sie transportierten einen Tragetisch, der mit einem Tuch abgedeckt war, unter dem Gerichte, die er noch nie gesehen hatte, zum Vorschein kamen. Es war sein Abendessen. Da Möllendorff bereits Ähnliches in China erlebt hatte, stellte er die Gerichte auf seinen Tisch und aß zu Abend.
Abgaben und Gaben
© Koreanisches Nationalmuseum
In der Joseon-Zeit war das Liefern von Waren eine wichtige wirtschaftliche Aktivität, die die Staatsführung unterstützte. Die Bedarfswaren am Hof kamen größtenteils von den Untertanen, die sie über die Beamten der lokalen Behörden als eine Art Abgabe an den Hof lieferten. So zogen z. B. die zuständigen Verwaltungsbeamten der jeweiligen Provinzen für die monatlichen Ahnenverehrungsrituale am königlichen Ahnenschrein Jongmyo Naturalien wie Getreide, Fisch, Obst und Salz sowie alltägliche Bedarfsgüter wie Papier und Teller ein, um sie an den Hof zu schicken. Die für den Transport in die Hauptstadt zuständigen lokalen Beamten beaufsichtigten die Diener, die die Güter in Karren und Schiffe luden und abtransportierten. Diese Arbeit war von so großer Bedeutung, dass der für den Transport der regionalen Spezialitäten zuständige Beamte bei Lieferverzögerungen sogar von seinem Posten entfernt werden konnte. Die reichen Yangban (adlige Oberschicht) auf dem Land schickten auch regionale Spezialitäten als Geschenke an einflussreiche Persönlichkeiten oder Bekannte in der Hauptstadt. Kim Su-jong (16711736), ein reicher Adliger in der Region Buan (heute: Kreis Buan-gun, Provinz Jeollabuk-do), versandte an
Auf dem Weg zum Markt im Schnee. Wahrscheinlich von Yi Hyeong-rok (1808-?). 19. Jh. Tusche und leichte Farbe auf Papier. 38,8 x 28,2cm. Koreanisches Nationalmuseum. Dieses Gemälde aus der Joseon-Zeit zeigt Händler auf dem Weg zum Markt, die ihre Waren auf Pferde und Ochsen geladen haben. Das Werk ist Teil eines Albums, das von dem Hofmaler Yi Hyeong-rok stammen soll.
seine Freunde und hochrangige Beamte in Hanyang getrocknete Meeresfrüchte wie Seegurken, Seeohren, Miesmuscheln, Kraken und Seetang, dazu getrocknetes Fasanenfleisch, Schweinefleisch und Kakifrüchte. Aber auch regionale Handwerksprodukte wie Maulbeerbaumpapier, Fächer, Hüte und Kämme, für die die Region bekannt war, wurden von den Yangban in der Hauptstadt sehr geschätzt. Die Güter, die von Buan per Schiff die Westküste entlang und dann über den Han-Fluss zum Fährenanleger Mapo Naru in Hanyang gelangten, wurden von Kims Bediensteten in Karren und auf Rückentragen jedem Empfänger persönlich nach Hause zugestellt. Für den Versand ließ Kim zwei Belege anfertigen, in denen jeweils die Art der Ware und ihre Stückzahl angegeben waren. Einen behielt er für sich, der andere wurde für den Empfänger beigelegt. Auch für Yangban-Ehepaare, die getrennt lebten, wenn der Ehemann in einer anderen Region einen Beamtenposten bekleidete, waren gegenseitige Nahrungsmittellieferungen wichtig. Der Beamte und Dichter Kim Jin-hwa (1793-1850), der einen öffentlichen Posten fern von zu Hause bekleidete, bekam von seiner Frau in Andong Nahrungsmittel wie Kraken, Stachelmakrelen, japanische Flunder und Salz, dazu fermentierte Pasten wie Gochujang (Chilipaste) und Doenjang (Sojabohnenpaste) zugeschickt. Umgekehrt schickte Kim u. a. Makrelen, Pazifischen Pollack, Ayus, pazifische Heringe und Rindfleisch nach Hause. Auch hier lag die Lieferung in den Händen der Bediensteten: den Leibeigenen. Die neokonfuzianischen Literati-Gelehrten von Joseon betrachteten monetäre Handelsgeschäfte als erniedrigend und erachteten den Tauschhandel als feine Umgangsform. Einige Wirtschaftshistoriker behaupten, dass diese neokonfuzianische Denkweise hinter der Entwicklung der Lieferwirtschaft der Joseon-Zeit stand.
Fortbestehendes Klassenbewusstsein Anfang des 20. Jhs brach über die koreanische Halbinsel zwar das Unglück der japanischen Kolonialherrschaft herein, gleichzeitig erlebten die Städte aber eine schrittweise Modernisierung, in deren Zuge auch hier und da öffentliche Speiselokale aufkamen. Äußerlich betrachtet schien die starre gesellschaftliche Hierarchie der Joseon-Zeit aufgebrochen zu sein, in Wirklichkeit beherrschte sie jedoch weiterhin die zwischenmensch-
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lichen Beziehungen. Das führte schließlich zur Einführung kommerzieller Lieferdienste. In den 1920er Jahren war eins der repräsentativen Gerichte in den Seouler Restaurants Seolleongtang, eine Stocksuppe auf Ochsenknochenbasis. Die Restaurantinhaber waren meist Fleischer, die in der Joseon-Zeit die unterste Gesellschaftsschicht bildeten. Für Angehörige der Yangban-Familien war es damals unvorstellbar, in einem von einem Schlachter betriebenen Restaurant unter Menschen der unteren Gesellschaftsschicht zu essen, weshalb damals Seolleongtang-Lieferdienste aufkamen. Zu der Zeit erfolgte die Bezahlung gewöhnlich, wenn die leeren Essensbehälter abgeholt wurden, wobei es aber gelegentlich zu ernsthafteren Disputen kam. So belieferte z. B. ein Seolleongtang-Restaurant im Seouler Innenstadviertel Jong-ro einen Kunden, der sich vor dem Bezahlen drückte, indem er immer just dann, wenn der Lieferbote das Geschirr abholen kam, nicht zu Hause war. Nachdem das drei-, viermal vorgekommen war, ging der wütende Lieferbote zusammen mit einigen Freunden zum Haus des Kunden und bedrohte die Dienerin, wofür er schließlich von der Polizei verhaftet wurde. Neben Seollongtang waren zu dieser Zeit vor allem Naengmyeon (Buchweizennudeln in kalter Brühe) und Tteokguk (Reiskuchensuppe) Hauptmenüs der Restaurants, die damals in Städten wie Seoul in großer Zahl eröffnet wurden. Das Essen wurde meist telefonisch bestellt, wobei nur Behörden, einige Firmen und reiche Haushalte über einen Telefonanschluss verfügten. Der Lieferant des Restaurants brachte es auf dem Fahrrad vorbei, die linke Hand am Lenkrad, in der rechten den Essenscontainer – ein Anblick, der aus der Ferne wie ein brenzliges akrobatisches Kunststück wirkte und oft Schaulustige anlockte.
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Handkarre und Fahrrad
Mit dem Aufkommen ständiger Märkte wurden Lieferanten ein alltäglicher Anblick. Markthändler, die ihren Stand nicht verlassen konnten, ließen sich ihr Essen von Restaurants in der Nähe liefern. Es wurde dann von einer Frau gebracht, die vorsichtigen Schrittes Blechtablette voller Essen und Beilagen auf ihrem Kopf balancierte. Auch feine koreanische Restaurants boten um die 20 Menüs zum Liefern an. Mussten gleich mehrere Gerichte auf einmal geliefert werden, wurden sie mit einem hölzernen Tragetisch transportiert. Veranstaltete eine wohlhabende Familie ein Bankett, schickten die Restaurants Köche und Bedienung als Helfer. Auch feine Restaurants lieferten ihre Menüs aus, jedoch nur als Gefälligkeitsleistung für ihre Kunden. Professionelle Lieferdienste wurde zunächst in Bereichen wie Post, Zeitungen und alkoholische Getränke eingeführt. Die Brauereien versorgten Restaurants und Bars direkt mittels Zustellung per Fahrrad. Nach der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft (1945) und dem Ende des Koreakriegs (1953) beschleunigte das komprimierte Wachstum der Zeit Urbanisierung und Industrialisierung, was eine rasante Entwicklung des Groß- und Einzelhandels in Seoul bewirkte. Gab ein Einzelhändler bei einem Großhändler eine Bestellung auf, wurde sie per Handkarren ausgeliefert. Einige der Lieferanten kauften selbst Produkte beim Großhändler, um sie zum selben Preis an Einzelhändler weiterzuverkaufen. Anstatt
1. Karikatur mit dem Titel Essenslieferant und Dame von Ahn Seok-ju, erschienen in der Ausgabe vom 5. April 1934 der Tageszeitung Chosun Ilbo. Die Dame ruft erstaunt: „Oh Gott!… Sie tragen so eine schwere Last mit nur einer Hand!” Darauf entgegnet der Lieferant: „Ich glaube, die Sachen da in Ihrem Haar und an Ihren Fingern sind ein gutes Stück schwerer.” 2. Ein Postbote in den 1900er Jahren. Koreas moderner Postdienst wurde 1884 mit der Einrichtung eines Hauptamtes für Postalische Dienste ins Leben gerufen. In den frühen Jahren wurden Pferdewagen für die Zustellung eingesetzt. 3. Auf diesem Foto aus den 1930er Jahren posieren Lieferboten vor dem Sajeongok, einem berühmten Naengmyeon-Restaurant in Incheon. Die dort servierten Buchweizennudeln in kalter Brühe sollen so schmackhaft gewesen sein, dass sogar Bestellungen aus dem weit entfernten Seouler Innenstadtviertel Myeong-dong eingingen.
© Tageszeitung The Chosun Ilbo
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3 © Geschichtsmuseum Bupyeong
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© Nationalmuseum für Zeitgenössische Koreanische Geschichte
© Lim Sang-cheol
4. Morgen, eine 1946 von dem Fotografen Lim Eung-sik gemachte Aufnahme, zeigt junge Frauen, die in den Straßen der Hafenstadt Busan Wannen voller Blumen tragen. Die Aufnahme ist im Besitz der Sammlung des Nationalmuseums für Moderne und Zeitgenössische Geschichte. 5. Auf diesem in den 1950er Jahren in Sokcho aufgenommenen Foto führt ein NaengmyeonLieferant ein aufregendes Kunststück vor. Es handelt sich um den Gründer eines auf kalte Nudeln á la Hamheung spezialisierten Restaurants in der in der Nähe der DMZ gelegenen Küstenstadt Sokcho.
5 © Städtisches Museum Sokcho
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1. Ein weiterer hoffnungsvoller Tag (provisorischer Titel); das 1960 von Lim Eung-sik aufgenommene Foto zeigt rennende Zeitungsjungen im Seouler Innenstadtviertel Myeong-dong. Kinder aus ärmeren Familien verdienten sich auf diese Weise oft das Schul- oder Taschengeld. 2. Ikseon-dong, ein 1993 von Han Jeong-sik geschossenes Foto, zeigt einen Lieferanten eines Chinarestaurants, der auf seiner Zustelltour durch die Gassen von Seoul radelt, in der einen Hand einen großen Blechbehälter zum Transportieren. Die chinesischen Restaurants begannen in den 1960ern mit ihren Lieferdiensten. 3. Diese Aufnahme aus den frühen 1970ern zeigt einen Mann, der in einem am Berg gelegenen Hüttenviertel in Seoul mit Hilfe einer Schultertragestange Yeontan-Kohlebrikett ausliefert. Die mit Löchern versehenen Brikett wurden in der Zeit nach dem Koreakrieg bis in die 1990er Jahre fürs Heizen und Kochen verwendet. 1 © Lim Sang-cheol
2 © Han Jeong-sik
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3 © NewsBank
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Anders als die älteren Generationen gewöhnten sich die nach 1980 geborenen Digital Natives rasch an die neue Technologie. Mittlerweile sind Lieferdienste zu einem charakteristischen Merkmal der koreanischen Gesellschaft geworden. Protagonist dieses Erfolgs der Lieferindustrie im 21. Jh. ist zweifellos die „Generation Smartphone“.
1. Jo Tae-hun, der in den späten 1990ern in Seoul für ein chinesisches Restaurant in der Nähe der Korea Universität arbeitete, war in der Gegend bekannt für sein dekoriertes Moped und seine „Lichtgeschwindigkeit”. Ein TV-Auftritt machte ihn landesweit berühmt.
1 © NewsBank
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2. Eine Frau, die auf dem NamdaemunMarkt für ein Restaurant arbeitet, trägt auf ihrem Kopf einen Stapel mit Tabletts voller Mahlzeiten für Händler, die ihre Läden nicht für eine Esspause verlassen können.
ren Heizbehälter und warteten auf die Bestellungen der Händler. Fürs Liefern erhielten sie einen kleinen Aufschlag. Konnten sie im Tagesdurchschnitt 200 Behälter liefern, entsprach das in etwa dem damals üblichen Tageslohn.
Mopeds und Smartphone-Apps
2 © Stadtregierung Seoul; Foto von Mun Deok-gwan
einer Marge im Vertrieb machten sie kleinere Gewinne mit den leeren Transportbehältern, die sie an die Großhändler zurückverkauften. Zu dieser Zeit wurden in den Städten vorwiegend Kohlebriketts zum Heizen und Kochen verwendet. Daher lagerten die meisten Haushalte vor dem Winter Kohlebrikett-Vorräte in ihren Kellern. Doch egal, in welcher Menge man die Briketts bestellte, die Fabriken lieferten sie nicht an Privathaushalte aus. Also musste man sich zunächst einen Handkarren leihen, um damit die bestellten Briketts nach Hause zu transportieren. Angesichts der steigenden Nachfrage begannen jedoch einige Anbieter in den 1970ern damit, gegen Entrichtung einer Liefergebühr Brikett an Privathaushalte zuzustellen. Für Straßenhändler, die im Winter ohne Heizmöglichkeiten durchhalten mussten, wurden auch transportable Kohlebrikett-Heizbehälter geliefert. Auf dem Namdaemun- und Dongdaemun-Markt legten die Lieferanten schon um fünf Uhr morgens glühende Kohlebriketts in die tragba-
Die Zahl der chinesischen Restaurants, die bereits in den 1960ern Lieferdienste angeboten hatten, nahm zu, und chinesische Gerichte waren lange das repräsentativste Lieferessen. Fahrräder waren bis dahin fast das einzige Transportmittel. Als die Einwanderungspolitik der koreanischen Regierung es Ende der 1970er Jahre den in Korea ansässigen Chinesen erschwerte, eine koreanische Hochschule zu besuchen, zogen viele nach Taiwan. Infolgedessen eröffneten Koreaner, die bis dahin als Lieferanten gearbeitet hatten, eigene chinesische Restaurants. Zeitgleich stieg auch die Nachfrage nach Essenslieferungen von chinesischen Restaurants stark an, da in Großstädten wie Seoul riesige Apartmentkomplexe gebaut wurden, sodass immer mehr dicht besiedelte Wohngebiete entstanden. In den 1980ern stieg auch die Zahl der Verbraucher, die es sich leisten konnten, Liefergebühren zu zahlen, was den Lieferdiensten weiteren Auftrieb verlieh. 1982 bezeichnete eine Wirtschaftszeitung den Lieferdienst sogar als zukunftsträchtige Branche. Im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Seoul 1988, als immer mehr amerikanische Fastfood-Ketten öffneten, erweiterte sich die Lieferservice-Palette, und es boten sich neue Stadtszenen: junge Männer auf Mopeds, die Pizzas – damals noch recht unbekannt in Korea – lieferten. Da sich Mopeds in Bezug auf Geschwindigkeit und Nützlichkeit als hervorragende Transportmittel erwiesen, stiegen auch Chinarestaurants und traditionelle Märkte auf Mopeds um, statt per Fahrrad oder per pedes zu liefern. Der heute in Korea übliche Lieferdienst in Form von Tür-zu-Tür-Paketzustellungen, kam in den 1990ern mit der Einführung des japanischen Paketdienstsystems als vielversprechendes Geschäftsmodell auf. Anfänglich begegneten die Koreaner der neuen Dienstleitung noch mit einer gewissen Skepsis und betrachteten die zusätzlichen Liefergebühren als nicht hinnehmbar. Das änderte sich jedoch rasch. Die Bequemlichkeit des Service, bei dem die bestellten Waren für einen gewissen Betrag bis zur Türschwelle gebracht werden, begeisterte die Koreaner schnell. Paketdienste erlebten einen Boom, der 2010 durch das Erscheinen von Smartphone-Apps nur noch angeheizt wurde. Anders als die älteren Generationen gewöhnten sich die nach 1980 geborenen Digital Natives rasch an die neue Technologie. Mittlerweile sind Lieferdienste zu einem charakteristischen Merkmal der koreanischen Gesellschaft geworden. Protagonist dieses Erfolgs der Lieferindustrie im 21. Jh. ist zweifellos die „Generation Smartphone“.
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SPEZIAL 4
Lieferindustrie: Ein Blick hinter die Kulissen
Die Welt von Paketentladern in Comics Online bestellte Produkte laufen durch viele Hände, bevor sie an den Kunden ausgeliefert werden. Das Ausladen von Paketen aus schwer beladenen LKWs ist ein Teil des Prozesses. Der Comiczeichner Lee Jong-chul, der sechs Jahre lang als Paketentlader arbeitete, stellt seine eigenen Erfahrungen und Episoden, die seine Kollegen erlebten, in seinem 2019 veröffentlichten Comicbuch Kkadaegi dar. Lee Jong-chul Comiczeichner
Du solltest dir schnell einen ordentlichen Job suchen. Mit kkadaegi (Ein- und Ausladerei) ruinierst du nur deinen Körper!
Keuch Keuch Keuch
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ch absolvierte eine Kunsthochschule in einer Provinzstadt und zog dann ohne irgendwelche konkreten Pläne nach Seoul, um meinen Kindheitstraum, Comiczeichner zu werden, zu verwirklichen. Meine Eltern unterstützten mich eine Weile finanziell, aber das Geld, das sie schickten, reichte vorne und hinten nicht für das Leben in einer Stadt wie Seoul. Daher musste ich meinen Unterhalt selbst verdienen, während ich auf mein Debüt als Comiczeichner hinarbeitete. Ich dachte, es wäre ideal, fünf bis sechs Stunden zu arbeiten und den Rest des Tages Zeichnen zu üben. Mir fiel ein Stellenangebot für Be- und Entlader für die Frühschicht ins Auge. Würde das nicht zu anstrengend sein? Ich zögerte etwas, aber die Arbeitsstätte war in der Nähe meines Wohnortes und die Bezahlung lag zwei- bis dreitausend Won (rd. 1,5 bis 2 Euro) über dem Mindeststundenlohn, was mich zum Anrufen verleitete. Die Person am anderen Ende der Leitung fragte, ob ich am nächsten Tag anfangen könne. Ich sagte, das gehe. So begann mein „Nebenjob als Paketentlader“.
Erster Teilzeitjob
nalen Logistikzentren aufbrechen, wo die Sendungen ausgeladen und von den Paketboten an die Empfänger zugestellt werden. Meinen ersten Teilzeitjob fand ich im regionalen Logistikzentrum eines Paketdienstes. Am ersten Tag fragte der Niederlassungsleiter, ob ich schon einmal „Kkadaegi“ gemacht hätte. Das ist der Fachjargon für das Ein- und Entladen von Paketen in bzw. aus LKWs. Ich sagte ihm, ich hätte überhaupt keine Erfahrung. Der Leiter stellte mich einem anderen Teilzeitbeschäftigten vor, der im Team mit mir zusammenarbeiten werde. Es war ein graumelierter Mittfünfziger. Er war zwar etwas schroff, erklärte mir aber Schritt für Schritt, was ich zu tun hatte und fragte mich nur nach meinem Nachnamen. Da die Mitarbeiter wegen der körperlich anstrengenden Arbeit oft wechselten, hielt er es wohl nicht der Mühe wert, nach meinem vollständigen Namen zu fragen. Er nannte mich „Lee“ und ich nannte ihn „Herr Uh“.
„Dosen“ und Rückenbandagen
Online georderte Produkte durchlaufen mehrere Schritte, bevor sie den Endkunden erreichen. Zuerst bestätigt der Verkäufer die Bestellungen und verpackt die Produkte, dann bringt ein Abholfahrer des Partnerpaketdienstes die Bestellung zu einer regionalen Zustellbasis. Dort werden die Pakete in LKWs geladen und zum überregionalen Frachtzentrum des Paketdienstes gebracht und über Nacht anhand ihrer Lieferanschrift Mann, nach Zielregion ist das schwer sortiert. Teilzeit! beschäftigte verladen die Pakete dann in LKWs, die gegen Morgengrauen zu den regio-
Unsere Aufgabe war, die aus dem Frachtzentrum gelieferten Pakete aus den LKWs zu laden und auf das Förderband zu legen. Die Zusteller warteten am Band, um sich dann die Pakete mit den Adressen, die in ihrem jeweiligen Bezirk lagen, zu nehmen. Ein 11-Tonner transportierte durchschnittlich 700-800 Stück, gelegentlich mehr als 1000. Wir arbeiteten in Zweierteams, um im Durchschnitt vier bis fünf Lastwagen pro Tag zu entladen. Das Ausladen dauerte im Schnitt 40 bis 50 Minuten pro LKW. Nach nur einer Fuhre fühlten sich meine Beine wackelig an. Die LKW-Anhänger, „Dosen“ genannt, waren schlecht belüftet und stickig; kaum hatte ich angefangen zu arbeiten, brannte mir auch schon der Staub in Rachen und Nase, und ich brach am ganzen Körper in Schweiß aus. Mir wurde klar, warum der Lohn 2.000 bis 3.000 Won höher als der Mindestlohn war. Die
Der Comiczeichner Lee Jong-chul stellt seine Erlebnisse als Teilzeit-Paketentlader für eine Lieferfirma in Kkadaegi (Bori Publishing, 2019), seinem ersten Comicbuch, dar. Es fand aufgrund seiner einzigartigen Thematik und Motive, die die Marginalisierung in der koreanischen Gesellschaft beleuchten, große Beachtung auf der Leipziger Buchmesse 2019.
Vor Nä sse sch ützen!
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Ein 11-Tonner transportierte durchschnittlich 700-800 Stück, gelegentlich mehr als 1.000. Wir arbeiteten in Zweierteams, um im Durchschnitt vier bis fünf Lastwagen pro Tag zu entladen. Das Ausladen dauerte im Schnitt 40 bis 50 Minuten pro LKW. Ich lernte Leute mit völlig unterschiedlichem Hintergrund kennen: einen Athleten, der als Torhüter in der K3-Liga gespielt hatte; einen Mann, der sich auf die Einstellungsprüfung für Polizeibeamte vorbereitete; einen Arbeiter, der jung geheiratet hatte, mit seinem Verdienst in einer Halbleiterfabrik aber die Lebenshaltungskosten nicht decken konnte, weshalb er in Teilzeit dazuverdiente; einen Mann mittleren Alters, der nach 30 Dienstjahren als Beamter in Pension gegangen war, und unseren Teamleiter, einen Mittvierziger, der sich allein um seine kranke Mutter kümmerte. Jeder hatte seine eigene Geschichte.
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Ein eisiger, beißender Wind bläst im Winter.
Der einzige Weg, die Eiseskälte zu ertragen,
ist, sie einfach zu ertragen. Es ist immer noch saukalt, selbst mit warmer Unterwäsche und zwei Lagen Socken.
Irgendwann zeichnest du meine Geschichte auf, nicht wahr?
Das wird aber ne lange Geschichte… Ein richtiges Rührstück.
Arbeit begann um sieben Uhr früh und endete nach der Mittagszeit. Erst dann machten sich die Paketboten auf den Weg, um die Bestellungen an die ungeduldig wartenden Kunden zu liefern. Mit der Zeit kam ich den Zustellfahrern näher. Sie arbeiteten in der Regel von 7 Uhr morgens bis spät abends, in der Hochsaison, wenn sich die Lieferungen stauten, sogar bis weit nach Mitternacht. Pro Lieferung verdienten sie eine bescheidene Gebühr von weniger als 1.000 Won. Die Paketzusteller wollten, dass wir schneller arbeiten, damit sie schneller aufbrechen konnten, während wir hin und wieder eine Pause einlegen wollten. Solch gegensätzliche Standpunkte führten manchmal zu Konflikten. Die Arbeitsbereiche der regionalen Logistikzentren befinden sich normalerweise im Freien, sodass die Arbeiter Wind und Wetter ausgesetzt sind. Wir mussten Bruthitze und Eiseskälte trotzen. Im Herbst kommt es jedes Jahr um das Erntedankfest Chuseok zu einer „Lieferkrise“. Während dieser Hochsaison stapelten sich nämlich haufenweise Reis der neuen Ernte und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, eingesalzener Chinakohl für Kimchi und fertiges Kimchi in den regionalen Logistikzentren. Wir hielten nur mit Hilfe von Rückenbandagen durch. Herr Uh kündigte schließlich und arbeitete auf einem Agrar- und Fischmarkt am Stadtrand von Seoul, wo er nachts Gemüse trug. Ich kündigte ebenfalls und folgte ihm. Eines Tages erhielt ich von einem Verlag den Vorschlag für eine Kinder-Comicserie. Als ich Herrn Uh davon erzählte, freute er sich riesig für mich und meinte, ich solle ja nie wieder zurückkom m en. Zerb rech Ich versprach es lich ihm. Doch schon bald stellte ich fest, dass ich vom Comiczeichnen alleine nicht leben konnte, weshalb ich
wieder einen Nebenjob bei einem anderen Paketdienst annahm. Ich sagte aber Herrn Uh nichts davon. Er sollte sich so an mich erinnern: „Da gab es einen jungen Freund namens Lee Jong-chul, der sich, als er mit mir zusammenarbeitete, mit Comic-Zeichnen abrackerte und jetzt ein ansehnlicher Comic-Künstler ist.“
Jeder hat seine eigene Geschichte
Die Arbeit war zwar noch härter als erwartet, hatte aber auch Pluspunkte. Ich lernte nämlich Leute mit völlig unterschiedlichem Hintergrund kennen: einen Athleten, der als Torhüter in der K3 League gespielt hatte; einen Mann, der sich auf die Einstellungsprüfung für Polizeibeamte vorbereitete; einen Arbeiter, der jung geheiratet hatte, mit seinem Verdienst aber die Lebenshaltungskosten nicht decken konnte, weshalb er in Teilzeit dazuverdiente; einen Mann mittleren Alters, der nach 30 Dienstjahren als Beamter in Pension gegangen war, und unseren Teamleiter, einen Mittvierziger, der sich allein um seine kranke Mutter kümmerte. Jeder hatte seine eigene Geschichte. Als ich meine Kollegen dann im Laufe der Zeit etwas besser kennenlernte, wollte ich ihre ans Herz rührenden Geschichten in Comics festhalten. Ich begann, mir das auf der Arbeit Gehörte zu notieren. Ich wollte ihre Geschichten weitererzählen, sie aufmuntern und trösten. Mit diesem Gedanken im Kopf brachte ich 2019 mein Comicbuch Kkadaegi heraus. In diesen schwierigen Zeiten, in denen die ganze Welt unter der COVID-19-Pandemie leidet, zieht die Lieferbranche Aufmerksamkeit auf sich. Einerseits kann man alles, was man möchte, jederzeit und überall kontaktlos zugestellt bekommen, andererseits hört man immer mal wieder von überarbeiteten Zustellern, die aufgrund des explosionsartig angestiegenen Paketaufkommens zusammenbrechen. Die Versandkartons sind mit verschiedenen Warnhinweisen versehen wie z. B. „NICHT werfen“, „DIESE SEITE nach oben“ oder „Zerbrechlich“. Eines Tages kam mir der Gedanke, dass es gut wäre, wenn diese Warnhinweise auch für Menschen gelten würden. Daher grüße ich jetzt Leute mit: „Bitte gehen Sie mit ihrem Körper und Geist stets vorsichtig um! Sie sind zerbrechlich.“
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SPEZIAL 5
Lieferindustrie: Ein Blick hinter die Kulissen
© Yonhap News Agency
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Die koreanische Lieferindustrie Glanz- und Schattenseiten
Infolge der COVID-19-Pandemie wird der kontaktlose Lebensstil immer mehr zum Alltag. Diesem Trend entsprechend erweitern Plattformunternehmen ihre Lieferservice-Palette über Essensbestellungen per Mobile App hinaus auf ein vielfältigeres Angebot. Während diese Pattformen sich rasant entwickeln und wachsen, bleiben Probleme wie die Monopolisierung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Plattformarbeiter noch zu lösen. Um Ji-yong Journalist, Byline Network
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018 überschritt der Brutto-Umsatz im E-Commerce in Korea mit 114 Bio. Won (rd. 80,9 Mrd. €) zum ersten Mal die Marke von 100 Bio. Won (rd. 71 Mrd. €). Essenslieferungen stellten dabei lediglich einen Anteil von 4,6%. Aktuellen Berichten des koreanischen Statistikamts über E-Commerce-Trends zufolge wurde dann aber im ersten Halbjahr 2020 ein monatlicher Umsatz von weit über 1 Bio. Won (rd. 0,7 Mrd. €) mit Online-Essensbestellungen erreicht. Allein im April stieg der Umsatz im Vorjahresvergleich um 83,7% und machte mit 10,5% den drittgrößten Anteil hinter Lebensmitteln (12,7%) sowie Haushalts-, Elektro- und Telekommunikationsgeräten (11,5%) aus. Dieser Wachstumstrend ist natürlich größtenteils der COVID-19-Pandemie geschuldet. Denn aufgrund der sozialen Distanzierung wurde weniger Geld für Auswärtsessen ausgegeben, während die Nachfrage nach Essenslieferungen entsprechend stark anstieg. Laut Open Survey, einer Agentur für Recherche und Analy-
Wegen der aufgrund der COVID-19-Pandemie steigenden Nachfrage nach kontaktlosen Lieferungen ist das Logistikzentrum dieser Zustellfirma in Seoul voller Pakete und Arbeiter, die sie nach Zielgebiet sortieren. Die übermäßige Arbeitsbelastung der Zusteller und die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, ist zu einem neuen sozialen Problem geworden.
se von Mobildaten, antworteten fast 70% der befragten Verbraucher im Alter zwischen 40-60 Jahren, dass sie seit Kurzem wegen COVID-19 nur ungern auswärts essen und lieber Essen bestellen. Bedenkt man, dass diese Altersgruppe Essenslieferungen bislang nicht gerade befürwortete, ist dieser Wandel bedeutsam. Branchenexperten erwarten, dass diese Verbraucher, die jetzt auf den Geschmack der Bequemlichkeit von mobilen Lieferservice-Apps gekommen sind, sich auch nach dem Ende der Krise nicht nur Essen liefern lassen werden, sondern auch andere Produkte online besorgen.
Erweitertes Serviceangebot
Die App-gestützten Lieferplattformen haben bereits vor Beginn der aktuellen Krise das Wachstum des Essenslieferservice angeführt. Als Apple 2007 das iPhone herausbrachte, haben die Lieferplattformen das Potential der Mobilität erkannt und weiterentwickelt. Die herkömmlichen, auf Flugblättern und Werbebroschüren basierenden telefonischen Bestellungen wurden auf mobile Apps verlagert. Das Gewinnmodell der Lieferplattformen beruht auf den Werbeprovisionen der Restaurants, die sie auf ihren Apps an strategisch günstiger Stelle platzieren, oder auf Erhebung einer Vermittlungsgebühr pro Bestellung. Einer Umfrage der Korea Foodservice Industry Association von August 2019 zufolge, wurden 62,2% aller Essensbestellungen über mobile Apps getätigt und nur 37,5% per Telefon. Verbraucherumfragen erbrachten ähnliche Ergebnisse: Bei einer Erhebung von Open Survey, für die im ersten Halbjahr 2020 landes-
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weit 1.500 Personen im Alter von 20-59 Jahren befragt wurden, antworteten knapp 60%, dass sie Essen über auf Lieferdienste spezialisierte Websites und Smartphone-Apps bestellen. Die Lieferplattformen versuchen, sich über spezielle Vergünstigungen, die sie Restaurants und Konsumenten anbieten, einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Auf besonders positive Verbraucherresonanz stößt z. B. das Zahlungssystem, bei dem beim Bestellen Essenspreis und Liefergebühr gleichzeitig entrichtet werden können. Während der derzeitigen Pandemie wird das herkömmliche Nachnahmeverfahren, beim Erhalt der Lieferung bar oder mit Kreditkarte zu zahlen, rasch ersetzt. Die Option „Lieferung vor die Haustür“, bei der Direktkontakt zwischen Lieferant und Kunde nicht nötig ist, wird immer beliebter. Auffällig ist ebenfalls die Erweiterung des Lieferangebots. Die bislang auf fertig gekochte Restaurantgerichte spezialisierten Lieferdienste liefern jetzt auch industriell verarbeitete Lebensmittel wie Snacks und Instantnudeln, alltägliche Bedarfswaren wie Trinkwasser, Toilettenpapier und Waschmittel, aber auch Fleisch, frisches Obst und Gemüse sowie Fertig- und Halbfertiggerichte. Ein Beispiel dafür ist B Mart, 2019 gelauncht von Woowa Brothers, dem Betreiber der Nummer-eins-Liefer-App „Baedal Minjok“ (kurz: Baemin). B Mart hat fast alles im Angebot, was in großen Supermärkten erhältlich ist. Delivery Hero Korea, das die in Korea zweit- und drittmeistbenutzten Bestell-Plattformen
Yogiyo und Baedaltong betreibt, ist ebenfalls dabei, in Zusammenarbeit mit den lokalen 24-Stunden-Läden und Supermärkten seine Lieferdienst-Angebotsliste drastisch zu erweitern. Zudem bauen immer mehr Plattformen ihre Serviceangebote gegenüber den angeschlossenen Restaurants aus: Sie stellen ihnen u. a. Kochzutaten und Verpackungsmaterialien zur Verfügung oder entwickeln POS (Point of Sale)-Kassensysteme fürs Restaurantmanagement.
Monopol und Wettbewerb
Bislang herrschte in der koreanischen Essenslieferbranche eine Duopol-Marktform: auf der einen Seite die koreanische Firma Woowa Brothers, die im Juni 2010 den mobilen Lieferdienst Baemin einführte, und auf der anderen Seite Delivery Hero Korea, die koreanische Vertretung des Unternehmens Delivery Hero SE mit Sitz in Deutschland. Nach der Gründung des Lieferdienstes Yogiyo im Jahr 2012 konnte Delivery Hero Korea 2014 seinen Marktanteil durch die Übernahme von Baedaltong, das im April 2010 die weltweit erste Liefer-App gelauncht hatte, drastisch ausbauen.
1. Die Lieferfahrräder für Vroong Friends warten in der Nähe einer U-Bahnstation. Jeder, der sich auf der Plattform als Teilzeit-Auslieferer registriert, kann die Fahrräder für Zustellungen benutzen. Lieferfirmen, die nur mit ihren Festangestellten der Flut der Bestellungen nicht mehr Herr werden können, haben mit der Rekrutierung von Teilzeitkräften begonnen. 2. Beliebte Essen-Bestell-Apps: von links, Baedal Minjok, Yogiyo und Baedaltong. Die Zahlen der mobilen Big-Data-Plattform IGAWorks zeigen, dass die Zahl der User auf Android OS am höchsten für Baedal Minjok (9.701.158) ist, gefolgt von Yogiyo (4.926.269), Coupang Eats (391.244) und Baedaltong (272.139). Baedaltong lag seit ihrem Start 2010 auf Platz drei, wurde aber im ersten Halbjahr 2020 auf Platz vier verdrängt.
1 © Um Ji-yong
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2020 dürfte einen großen Wandel in dieser Duopol-Struktur bringen, denn im Dezember 2019 gab Delivery Hero die Übernahme von Woowa Brothers bekannt, was tektonische Verschiebungen in der gesamten Branche auslösen dürfte. Wenn das Übernahme-Vorhaben von der koreanischen Fair Trade Commission genehmigt wird, wird ein Lieferplattform-Riese geboren, der mit seinen Tochterunternehmen die drei Spitzenplätze in der Rangliste der Essen-Bestell-Applikationen einnehmen wird, was einem Marktanteil von 99% entspricht. Die Aussicht auf die Entstehung eines solch gigantischen Monopols hat heftige Kontroversen entfacht. Die Partner-Restaurants befürchten ein kollusives Zusammenwirken der Dienstleister in Form von überhöhten Gebühren oder Werbekosten, während die Verbraucher sich um Liefergebühr-Erhöhungen sorgen. Woowa Brothers auf dem Fuße folgende Erklärung, dass die beiden Unternehmen ungeachtet des Zusammenschlusses weiterhin unabhängig voneinander geleitet und in Konkurrenz zueinander stehen würden, konnte die Debatte nicht entschärfen. Um eine Monopolbildung zu verhindern, haben einzelne Gebietskörperschaften öffentliche Essensliefer-Apps für ihre jeweilige Region eingeführt oder mit der Entwicklung begonnen. Inzwischen haben sich auch die Applikationen WeMakePrice O der koreanischen E-Commerce-Plattform WeMakePrice und Coupang Eats der Nummer-eins-Plattform Coupang dem Wettrennen der
Essenslieferdienste angeschlossen, sodass sich das allgemeine Interesse auf künftig zu erwartende Änderungen im Markt konzentriert.
Lieferdienst-Anbieter
Das besondere Augenmerk der koreanischen Lieferbranche gilt neben dem Wachstum der Lieferplattformen den „Lieferdienst-Anbietern“. Die Lieferplattformen der ersten Generation fungierten lediglich als Vermittler zwischen Restaurants und Kunden, verfügten aber nicht über eigene Logistiknetzwerke. Nach der Bestellung mussten sich die Restaurants um das Ausliefern kümmern, was entweder vom Inhaber selbst oder von Teilzeitkräften übernommen wurde. Da sich Essensbestellungen auf die Mittags- oder Abendstunden konzentrierten, wurden die Lieferanten in den ruhigeren Stunden gewöhnlich mit anderen Arbeiten wie der Verteilung von Werbeflyern beauftragt. Vor diesem Hintergrund traten die Lieferdienst-Anbieter auf die Bühne, die für Restaurants für einen monatlichen Festbetrag von 100.000-150.000 Won (rd. 71-107 €) und eine Liefergebühr von um die 3.000 Won (2 €) pro Bestellung das Ausliefern übernahmen. Durch diese Auslagerung des Lieferdienstes können die Restaurants die Kosten und Verluste, die durch die Beschäftigung von Lieferkräften anfallen, reduzieren. Noch um 2013, als die ersten Lieferdienst-Start-ups gegründet wurden, deckten die meisten Restaurants ihre Lieferungen teils durch Einstellung eigener Lieferanten, teils durch Lieferdienst-Anbieter ab. Doch jüngst lagern immer mehr Restaurants ihren Lieferservice komplett aus. Gemessen an der Zahl der Lieferaufträge pro Monat sind derzeit folgende Anbieter Marktführer: Saenggakdaero (über 10 Mio.
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Aufträge), Barogo (9,8 Mio.) und Mesh Korea (4 Mio.). Aufgrund der harten Konkurrenz lassen Nettogewinne zwar noch auf sich warten, aber alle verzeichnen ein kräftiges Wachstum. Ein eigenes Logistiknetzwerk aufgestellt haben auch die Woowa Brothers, die es u. a. für ihren Essensliefer-Service Baemin Riders einsetzen, und Delivery Hero Korea für ihren Service Yogiyo Plus. Delivery Hero Korea investierte zudem 200 Mio. Won (rd. 14,2 Mio. €) in Barogo, was als Schritt zum Ausbau seines Logistikpotenzials zu bewerten sein dürfte. Da die Essenslieferdienste Baemin Riders und Yogiyo Plus auch die Logistik umfassen, liegen ihre Vermittlungsprovisionen mit ca. 15-30% des Umsatzes pro Bestellung höher als die von herkömmlichen Liefer-Plattformen, wo sie nur 6-12% betragen. Auf Grundlage dieses erfolgreichen Geschäftsmodells entwickelten sich schließlich Coupang Eats, die Plattform Ddingdong, die ursprünglich nur auf Restaurants im Seouler Nobelviertel Gangnam konzentriert war, und die Plattform Foodfly, die von Yogiyo übernommen wurde. Allmählich etablieren sich also auch diese nunmehr mit eigenen Logistiknetzwerken ausgestatteten Lieferplattformen der zweiten Generation.
Plattformarbeiter
Mit dem Erscheinen von Lieferplattformen der zweiten Generation richtet sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit vermehrt auf die durch die Plattformarbeit hervorgerufenen Probleme. Die Plattformen vermitteln nämlich nicht nur ihre in Vollzeit angestellten Lieferanten, sondern auch Privatpersonen für die Essenslieferungen. Service wie Barogo Flex von Barogo, Vroong Friends von Mesh Korea und Baemin Connect der Woowa Brothers sind repräsentative Beispiele dafür. Coupang Eats hat schon von Anfang an private Lieferanten angeheuert, da das firmeneigene Netzwerk von Vollzeit-Lieferanten der drastisch ansteigenden Bestellnachfrage nicht mehr gewachsen gewesen wäre, was zu Beschwerden wegen verspäteter Lieferungen geführt hätte. Die großen Lieferdienstleister rekrutieren daher in Großstadträumen, wo sich besonders viele Bestellungen konzentrieren, in Zeiten mit hoher Nachfrage durch Crowdsourcing Lieferanten. Die Unternehmen betonen, dass die privaten Lieferanten zu den von ihnen gewünschten Zeiten und Stundenzahlen arbeiten können. Sie erhalten ein Entgelt von 3.500-4.000 (rd. 2,49-2,84 €) Won pro Lieferauftrag statt nur 3.000 Won für Vollzeit-Lieferanten. Dieses Rekrutierungssystem stieß schlagartig auf positi-
Ein Fahrer für Vroong Friends beim Verlassen eines Convenience Store in Seoul nach dem Abholen einer Bestellung. Mit der zunehmenden Nachfrage nach Zustellungen stehen jetzt auch Produkte aus Convenience Stores auf der immer länger werdenden Liste der gelieferten Waren. Dieses Geschäft hat seinen Lieferdienst seit April auf 24 stunden am Tag erweitert.
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Andererseits werden Bedenken gegen die zunehmende Plattformarbeit erhoben, da dadurch auch die Zahl der Arbeitnehmer steigt, deren Rechte gesetzlich nicht geschützt sind. Die einzelnen Plattformarbeiter werden jeweils als „Unternehmer“ kategorisiert und gehören nach dem koreanischen Gesetz zur Gruppe von Arbeitern in einer speziellen Beschäftigungsform“. Rechtlich gesehen sind sie bei Arbeitsunfällen oder Konflikten mit dem Arbeitgeber kaum geschützt.
© NewsBank
ve Resonanz. So waren z. B. Woowa Brothers zufolge in Februar 2020 bei Baemin Connect 14.730 Personen als private Lieferanten angemeldet. Verglichen mit Baemin Riders, das über einen Pool von ca. 2.300 Lieferanten verfügt, konnte Baemin Connect also innerhalb kurzer Zeit sieben Mal mehr Auslieferer mobilisieren. Andererseits regen sich Bedenken in Bezug auf die Plattformarbeit, da dadurch auch die Zahl der Arbeitnehmer steigt, deren Rechte gesetzlich nicht geschützt sind. Die Plattformarbeiter werden nämlich als „private Unternehmer“ eingestuft und gehören nach dem koreanischen Gesetz damit zur Gruppe der „Arbeiter in speziellen Formen der Beschäftigung“. Rechtlich gesehen sind sie bei Arbeitsunfällen oder Konflikten mit dem Arbeitgeber kaum geschützt. Auch auf die vier Grundversicherungen und bezahlten Urlaub, die im koreanischen Arbeitsgesetz garantiert werden, haben sie keinen Anspruch. Aufgrund der im Zuge der COVID-19-Pandemie drastisch gestiegenen Nachfrage nach Lieferdiensten wurde erneut auf die prekären Arbeitsbedingungen der Plattformarbeiter hingewiesen, sodass Forderungen nach Systemverbesserungen zum Schutz ihrer Rechte immer lauter werden.
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FOKUS
SCHÜTZER DER KULTURGÜTER IM KRIEG Das Museum und der Krieg: In Erinnerung an den 70. Jahrestag des Ausbruchs des Koreakriegs (25. 6.-13. 9. 2020), eine Sonderausstellung des Koreanischen Nationalmuseums, die wegen der COVID-19-Pandemie am 25. Juni, dem Tag des Kriegsausbruchs, zunächst online eröffnet wurde, erinnert an die eiserne Entschlossenheit, wertvolle Kulturschätze durch Auslagern zu schützen. In diesem Beitrag beschreibt die Autorin die diesbezüglichen Bemühungen ihres Vaters, des ersten Direktors des Nationalmuseums, der Museumsmitarbeiter und der amerikanischen Helfer. Kim Youngna Ehrenprofessorin, Seoul National University; ehem. Direktorin des Koreanischen Nationalmuseums
Dieses Foto von 1952 zeigt Mitarbeiter des Nationalmuseums bei einer Besprechung im Gebäude des provisorischen Museums in Busan, das während des Kriegs als provisorische Hauptstadt fungierte. Dr. Kim Chewon, der erste Direktor des Museums, ist in der Mitte zu sehen (sechster von links).
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© Koreanisches Nationalmuseum
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rieg zerstört nicht nur Menschenleben, sondern auch bedeutende Kulturgüter und Kunstwerke. Es wird hemmungslos geplündert und zerstört, weil mit der Auslöschung der „Kultur“ des besiegten Landes auch seine Geschichte und Identität ausgelöscht werden. Im Zweiten Weltkrieg gab es eine Nazi-Organisation, die für systematische Plünderungen und Beschlagnahmung von Kunstgütern, historischen Dokumenten und Büchern in ganz Europa verantwortlich zeichnete. Allein die Zahl der Kunstwerke soll sich dabei auf rund 250.000 belaufen haben. Diese Plünderungen wurden später bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrechen gewertet. Während des Koreakriegs, des tragischen Bruderkriegs, versuchten die nordkoreanischen Streitkräfte ebenfalls, Kulturgüter zu entwenden. Es ist nur dem aufopfernden Einsatz vieler Einzelpersonen zu verdanken, dass die Exponate des Nationalmuseums noch rechtzeitig in die provisorische Hauptstadt Busan ausgelagert und vor Plünderungen bewahrt werden konnten. Diese Bemühungen sind jedoch im In- und Ausland kaum bekannt.
Gefährdete Kunstschätze
Es war Kim Jae-won (1909-1990), der erste Direktor des Nationalmuseums, der bei Ausbruch des Kriegs eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Kulturgüter des Museums zu schützen. Während seines Studiums an der Universität München in den 1920/30er Jahren hatte er die politischen
Unruhen unter Hitlers Herrschaft erlebt. Danach arbeitete er an der Universität Gent in Belgien in der Abteilung für Chinesische Archäologie als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Carl Hentze (1883–1975), bevor er 1940 nach Korea zurückkehrte, wo er am Boseong College, der heutigen Korea University, Deutsch lehrte. Im Dezember 1945 wurde er von der amerikanischen Militärverwaltung in Seoul zum ersten Direktor des Nationalmuseums, des einstigen „Museum des Japanischen Generalgouverneurs in Korea“, ernannt, einer Position, die er bis Februar 1970 innehatte. Das Museum wurde 1915 innerhalb des Palastes Gyeongbok-gung im westlichen Stil gebaut. Nach Meinung der US-Militärverwaltung, die nach der Befreiung des Landes nach einem geeigneten Leiter für das Museum suchte, war Kim, der in Deutschland promovierte Archäologe, der richtige Mann für diesen Posten. Als am 25. Juni 1950 die Nachricht vom Einmarsch und von der Besetzung Seouls durch nordkoreanische Truppen kam, waren die Mitarbeiter immer noch mit der Einrichtung des neuen Museums beschäftigt. Drei Tage später wurde die Flagge Nordkoreas auf dem Museum gehisst und einer der Mitarbeiter forderte laut den Sturz von Präsident Rhee Syngman. Kim Chewon musste sich bei einem Bekannten verstecken, da die nordkoreanischen Soldaten führende Persönlichkeiten kidnappten. Die nordkoreanischen Agenten, die das Museum besetzt hatten, arbeiteten Pläne aus, nicht nur die Sammlung des
1. Eine Aufnahme der Palastanlage Gyeongbok-gung aus dem Jahr 1915 zeigt einen im westlichen Stil gehaltenen, von der japanischen Kolonialregierung errichteten Bau, für den zuvor zahlreiche alte Palastgebäude weichen mussten. In dem Gebäude war der Vorläufer des Koreanischen Nationalmuseums, das Museum des Japanischen Generalgouverneurs von Korea, untergebracht. Rechter Hand sind einige Palastbauten und das Osttor Geonchun-mun erhalten, links unten ist die zur Thronhalle Geunjeong-jeon gehörige Arkade zu sehen.
1 © Koreanisches Nationalmuseum
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2. Kim Chewon (rechts) und Eugene I. Knez, der während des Koreakriegs als Direktor der Informationsagentur der Vereinigten Staaten in Busan diente. Knez arrangierte privat den sicheren Transport der Museumssammlung nach Busan.
beherbergt hatten.
Geheimaktion
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Nationalmuseums, sondern auch die Privatsammlung von Jeon Hyeong-pil (1906-1962), des Gründers des Kansong Art Museum, nach Nordkorea zu bringen. Sie befahlen den Mitarbeitern, die wertvollsten Kulturgüter zu verpacken und an einen anderen Ort in der Stadt zu bringen. Die Museumsmitarbeiter spielten jedoch auf Zeit, indem sie vorgaben, es fehle an Packpapier oder an Material für die Fertigung von Kisten, sodass sich die Arbeiten hinauszögerten. Auf diese Weise vergingen drei Monate, und als die UN-Truppen am 28. September Seoul zurückeroberten, gaben die Agenten ihre Pläne auf und ergriffen hastig die Flucht in den Norden. Die meisten Kulturgüter warteten zwar bereits transportbereit verpackt im Palast Deoksu-gung aufs Verladen, aber es waren nirgendwo mehr LKWs aufzutreiben, da die Nordkoreaner sie alle für den Rückzug ihrer Soldaten eingesetzt hatten. Der Palast Gyeongbok-gung war durch den nordkoreanischen Bombenhagel schwer beschädigt worden, darunter auch die Gebäude, die ein Teil der Museumssammlung
Nach der Rückeroberung Seouls rückten die Streitkräfte Südkoreas und der UN mit geballter Macht weiter nach Norden vor. Doch bald schon wendete sich das Blatt durch die Intervention des chinesischen Militärs. Direktor Kim, der im November den Rückzug Dutzender US-Panzer beobachtet hatte, erkannte den Ernst der Lage und schlug Bildungsminister Paek Nak-chun (1895-1985) vor, die Museumssammlung in die vom Krieg noch verschonte Hafenstadt Busan im Süden der koreanischen Halbinsel auszulagern. Sollten die Stücke noch einmal in die Hände der Nordkoreaner geraten, dürften sie endgültig verloren sein, so seine Beurteilung der Lage. Minister Paek verfasste daraufhin ein Genehmigungsschreiben auf Englisch, um die Vertraulichkeit der Angelegenheit sicherzustellen. Damit war die offizielle Erlaubnis zwar erteilt worden, das Problem war aber jetzt der Transport, da es ja bereits an Fahrzeugen für Soldaten und Flüchtlinge mangelte. Es war Eugene I. Knez (1916-2010), der damalige Direktor der Informationsagentur der Vereinigten Staaten (USIA) in Busan, der zum Retter in der Not wurde. Der Anthropologe hätte zwar die formelle Genehmigung von US-Botschafter John J. Muccio (1900-1989) für den Plan einholen müssen, beschloss jedoch angesichts der Dringlichkeit der Lage kurzerhand, selbst die volle Verantwortung für das Vorhaben zu übernehmen. Knez, der wusste, dass die für den Transport militärischer Fracht eingesetzten Güterzüge größtenteils leer nach Busan zurückkehrten, überzeugte einen der zuständigen US-Offiziere und konnte so einen Zug nach Busan sicherstellen. Die Transportabteilung der US-Streitkräfte stellte die LKWs für den Transport der Museumsstücke zum Seouler Bahnhof bereit. Am 6. Dezember informierte Kim Minister Paek über seine Abreise nach Busan. Insgesamt 16 Personen stiegen in den Frachtzug, darunter Verantwortliche des Nationalmuseums mit ihren Familien. Da die Aktion geheim gehalten werden und der Zug an mehreren Bahnhöfen einige Stunden Halt machen musste, dauerte die heutzutage nur zweieinhalbstündige Fahrt ganze vier Tage. Einen Monat später, am 4. Januar 1951, eroberten die nordkoreanischen Truppen Seoul zurück. Präsident Rhee Syngman war sich der Bedeutung der Kulturgüter mehr als bewusst. Da er glaubte, die Schätze im Falle einer Ausweitung des Kriegsgeschehens ins Ausland auslagern zu müssen, sondierte er die Meinungen im US-Außenministerium. Dort befürchtete man, dass eine sol-
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Die Wandgemälde gehörten zu den insgesamt 18.883 Exponaten des Nationalmuseums, die in 430 Kisten verpackt ausgelagert wurden. Durch die engagierten Bemühungen vieler Einzelpersonen wurde die Museumssammlung von den Verwüstungen des Kriegs verschont.
1. Der Katalog von Meisterwerke Koreanischer Kunst, der ersten ÜberseeAusstellung koreanischer Artefakte. Die Ausstellung, die 1957-58 in acht amerikanischen Städten zu sehen war, demonstrierte der Welt, dass Korea sich gut von den Verwüstungen des Kriegs am Erholen war. Dieses Katalogfoto zeigt die Goldkrone aus dem Seobongchong-Tumuli (Glücksbringendes Phönix-Grab) in Gyeongju, Schatz Nr. 339. 2. Pranidhi-Darstellung; Wandmalerei, Lehm, 145 × 57 cm. Koreanisches Nationalmuseum. Eine der Pranidhi (Sanskrit: Versprechen) Wandmalereien, die aus Grab Nr. 15 der Höhlen von Bezeklik, der größten, auf das 6. bis 12. Jh. zurückgehenden Höhlentempelstätte in Turpan, ausgegraben wurde. Sie zeigt Sakyamuni in einem vorherigen Leben mit Blumen in beiden Händen. 3. Eine Ausstellungshalle des Nationalmuseums, die nach Ende des Koreakriegs in den Seokjo-jeon (Pavillon aus Stein) im Palast Deoksu-gung verlegt und 1955 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
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che Aktion dem Ministerium den böswilligen Vorwurf der Plünderung koreanischer Kulturgüter einbringen könnte und empfahl die Auslagerung nach Japan. Doch Präsident Rhee war der Ansicht, dass Japan nicht zu vertrauen sei. Glücklicherweise erübrigten sich weitere Diskussionen darüber, da die koreanischen Streitkräfte und die UN-Truppen im März 1951 Seoul zurückerobern und die nordkoreanischen und chinesischen Truppen für den Rest des Krieges von Busan fernhalten konnten. In diesem Kontext bleibt noch etwas zu erwähnen: Im Juli 1950, nur wenige Wochen nach Kriegsausbruch, befahl Präsident Rhee Oberst Kim Il-hwan (1914-2001) vom koreanischen Verteidigungsministerium 139 wichtige Kulturgüter, darunter auch die Silla-Goldkronen, die in der Zweigstelle des Nationalmuseums in Gyeongju untergebracht waren, und die in der Koreanischen Nationalbank gelagerten Goldbarren nach San Francisco zu schicken, wo sie dann im Tresor der Bank of America aufbewahrt wurden. Diese Kulturgegenstände wurden in die Ausstellung Meisterwerke Koreanischer Kunst, die 1957/58 durch acht US-Städte tourte,
3 © Koreanisches Nationalmuseum
aufgenommen und 1959 wieder sicher nach Korea zurückgebracht.
Unermüdliche Unterstützung
Inzwischen sorgte sich Kim Chewon in der Provisorischen Hauptstadt Busan um die noch in Seoul verbliebenen
Weltkulturerbeschätze: rund 60 Wandmalereien aus Zentralasien. Diese auf Lehmwänden angebrachten Malereien – ein Geschenk, das ein japanischer Mäzen dem Museum des Japanischen Generalgouverneurs von Korea während der Kolonialherrschaft gemacht hatte – konnten wegen ihres Gewichts und ihrer Dicke nicht sicher nach Busan transportiert werden. Eine vergleichbare Situation hatte es im Ethnologischen Museum Berlin gegeben. Die dortigen Wandgemälde, die während des Zweiten Weltkriegs nicht wie andere Exponate an einen sicheren Ort hatten ausgelagert werden können, wurden zu ca. 30% zerstört. Der Verantwortliche soll sich damals das Leben genommen haben. Um die Wandgemälde in Seoul zu retten, kehrte Direktor Kim mit einigen Museumsmitarbeitern im April und Mai 1951 nach Seoul zurück, wo sie die Kunstwerke im Kugelhagel der von chinesischen Truppen unterstützten Frühjahrsoffensive der Nordkoreaner verpackten und sicher nach Busan brachten. Auf Bitte von Eugene I. Knez half Colonel Charles R. Munske (1897-1985) beim Verpacken und anschließenden Transport der Wandgemälde zum Seouler Hauptbahnhof. Die Wandgemälde gehörten zu den insgesamt 18.883 Exponaten des Nationalmuseums, die in 430 Kisten verpackt ausgelagert wurden. Durch die engagierten Bemühungen vieler Einzelpersonen wurde die Museumssammlung von den Verwüstungen des Kriegs verschont. Selbst im Chaos des Kriegs vernachlässigte das Nationalmuseum seine Aufgaben nicht. Nach dem Waffenstillstand 1953 wurde die Museumssammlung nach Seoul zurückgebracht und im Palast Deoksu-gung in der Halle Seokjo-jeon, dem ersten Steingebäude europäischen Stils, untergebracht. 1955 wurde das Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich wurde als jüngste Tochter von Museumsdirektor Kim Chewon in Busan geboren, nachdem meine Familie dort Zuflucht gefunden hatte. An meine Kindheit in Busan kann ich mich kaum erinnern, aber während meiner Zeit als Direktorin des Nationalmuseums (2011-2016) musste ich bei jedem Rundgang durch die Ausstellung daran denken, wie schwierig es in solch einer lebensbedrohlichen Situation gewesen sein muss, die Kulturgüter zu schützen. All das war nur möglich dank der Führungsqualitäten von Kim Chewon, der internationale Erfahrung, Fremdsprachenkenntnisse, schnelles Urteilsvermögen und ein starkes Pflichtbewusstsein besaß. Es wäre aber auch nicht möglich gewesen ohne die Museumsmitarbeiter, die ihr Leben ebenfalls für den Schutz der Kunstschätze riskierten, und all diejenigen, die unabhängig von ihrer Nationalität aus Respekt vor dem Wert von Kulturgütern eine helfende Hand reichten.
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KUNSTKRITIK
Musik, die in die Welt reicht Indem junge Künstler der traditionellen koreanischen Musik zeitgenössische Elemente hinzufügen, rufen sie eine neue Richtung der Koreawelle Hallyu ins Leben, die sich deutlich von K-Pop unterscheidet. Das wachsende Ansehen, das sie genießen, ist dem Format der Meister, die vor ihnen auf der Weltbühne auftraten, und den Bemühungen der Veranstalter hinter den Kulissen zu verdanken. Kim Shin-ah Geschäftsführende Direktorin, Stiftung des Koreanischen Nationaltheaters
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Als Teil des achten, 2005 veranstalteten Seoul International Dance Festivals wurde im CJ Towol Theater des Seoul Arts Center The Perfect and Precious Dances by Virtuosos gezeigt. Sechs Tanzveteranen zeigten die Schönheit und Kraft, die dem traditionellen koreanischen Tanz innewohnt. Hier sind vier von ihnen: von links, Kim Su-ak (1926-2009), Kim Deok-myeong (1924-2015), Kang Seon-yeong (1925-2016) und Lee Mae-bang (1927-2015). © NewsBank
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or einer Weile begleitete ich eine Gruppe von Musikern zu einem Auftritt im Ausland. Wir beschlossen, nach der Aufführung einen Ausflug zu machen. Ein Frühlingstag in der Wüste. Wenigstens für diesen einen Tag wollten wir ganz frei sein und auch Kunst und Bühne vergessen. Vor uns hin summend, machten wir uns auf den Weg zu einem „kühlen Bach“. Als wir die Füße ins Wasser tauchten, waren wir überrascht, wie warm es war. Das machte uns noch einmal bewusst, dass wir uns in einer arabischen Regi-
on befanden. Gerade in dem Moment drangen rhythmische Klänge vom anderen Bachufer zu uns herüber. Wir blickten auf und sahen einige Jungs, die etwas Trommelähnliches trugen, auf dem sie einen Beat spielten. Gleich vergaßen wir unsere Absicht, die Musik einen Tag lang Musik sein zu lassen. Einer nach dem anderen näherten wir uns den Jungs und ehe wir es uns versahen, sangen und tanzten wir schon zu ihrem Trommelrhythmus. Wir kannten zwar nur zwei arabische Ausdrücke – „as-salam aleikum“ (Friede sei mit dir)
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und „shukran“ (danke) – aber das reichte, um zu kommunizieren und zusammen zu lachen.
Virtuosen auf der Weltbühne
The Perfect and Precious Dances by Virtuosos (koreanisch: „Jeonmuhumu“. Die Koreanische Bezeichung bedeutet: 1. vollkommenster Tanz, wahrer Meister, 2. nie da gewesen und nie wiederkehrend) war eine im Jahr 2015 präsentierte Darbietung von sechs Tänzern mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren. Die für ihre Bravour bekannten GroßmeisterInnen tanzten zur Musik einer Gruppe renommierter InstrumentalistInnen, die in einer langen Reihe auf einer Matte auf der Bühne saßen. Inszeniert wurde die Vorstellung von Jin Ok-sub (geb. 1965), Regisseur im Bereich der Traditionellen Darstellenden Künste und Vorsitzender der Korea Cultural Heritage Foundation. Die Aufführung war Teil des 8. Seoul International Dance Festival, auch bekannt als SIDance. Im Publikum war auch Gisèle Depuccio, Stellvertretende Direktorin des Festivals Montpellier Danse. Sie beschloss an Ort und Stelle, die Virtuosen für das Jahr darauf nach Frankreich einzuladen, und zwar für eine Aufführung unter dem Titel Trésors vivants (Lebende Schätze). Da sich 2006 das 120-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und Korea jährte, stimmte das
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Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus bereitwillig zu, die Flug- und Frachtkosten der Darsteller zu übernehmen, während die Hauptgeschäftsstelle des Festivals die hohen Buchungsgebühren und sonstige Ausgaben tragen wollte. Es sollte zwei Aufführungen geben: eine in der Opéra Comédie in Montpellier, die andere im Théâtre national de la Danse et de l'Image de Châteauvallon in Toulon. Doch die Zeit verfloss zu schnell für die Tänzer. Im Laufe des darauffolgenden Jahres traten einige von der Bühne des Lebens ab, die Röcke ihrer langen Roben elegant hinter ihnen herschwebend. Das Team schaffte es dann doch noch ins Flugzeug, da man einige Mitglieder ersetzen konnte, wodurch das Durchschnittsalter leicht sank. Nach ihrem Auftritt in der Opéra Comédie am Place de la Comédie in Montpellier war der Theatervorplatz voll mit Zuschauern, die nicht nach Hause wollten. Die Darsteller waren erschöpft, fühlten sich aber verpflichtet, mit der Menge zu feiern. Die koreanische Perkussion-Gruppe Noreum Machi (Spielmeister; wörtlich: Spielvollender), die als unterstützende Instrumentalisten teilnahm, spielte einige MadangNori-Stücke (Madang: Hof; Nori: Spiel. Volkstümliche Tänze, Musik, Theater usw. werden sprachlich und begrifflich als „Spiel (Nori/Noreum)“ verstanden.). Es war eine Galavorstellung und sowohl die lokale Presse als auch Le Monde interviewten Lee Yun-seok (geb. 1949), Tänzer und
1. Kim Hae-sook bei der Aufführung von Gayageum Sanjo zusammen mit dem Streichquartett der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar beim Rudolstadt Festival im Juli 2014. Sie war die erste prominente Persönlichkeit aus Korea auf dem deutschen Weltmusikfestival.
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2. Gayageum Sanjo: École Choi Ok-Sam, 2012 produziert von Ocora Radio France. Harmonia Mundi veröffentlichte das Album in über 60 Ländern und stellte so die Sanjo- Instrumentalmusik der Welt vor. 3. Chant Arirang et Minyo, 2014 von Ocora Radio France veröffentlicht, enthält Aufnahmen von Lee Chun-hee, einem Meistersänger von Gyeonggi Minyo, in der Region Gyeonggi-do tradierten Volksliedern.
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4. Lee Chun-hee singt bei einem gemeinsamen Konzert von Meistermusikern, das im April 2011 im Palast Deoksu-gung von der Korea Cultural Heritage Foundation veranstaltet wurde.
zugleich Bauer, der zu Hause gelegentlich das Gießen seiner Weinreben unterbrach, um draußen in den leeren Reisfeldern zu tanzen, bevor er dann wieder zu seinem Gewächshaus zurückkehrte. Korrespondenten der Agence France-Presse (AFP) schickten fleißig Fotos von Kim Deok-myeongs (1924-2015) maskulinem Kranichtanz an die Redaktionen. Zu Tränen gerührt, meinte einer der Theatermitarbeiter: „Jang Geum-dos (geb. 1929) Salpuri (traditioneller exorzistischer Tanz) hätte die Seele meiner toten Mutter getröstet.“
Internationale Glaubwürdigkeit
Auf der E-Commerce-Website Amazon finden sich Meisteralben, die bei Fans traditioneller koreanischer Volksmusik begehrt sind. Das renommierte Plattenlabel Ocora Radio France produzierte 2012 Coreé: Gayageum Sanjo - École Choi Ok-sam, in dem das Solostück für Gayageum (zwölfsaitige Zither) von Kim Hae-sook (geb. 1955) gespielt wird. Das Maison des Cultures du Monde (Französisches Zentrum für das Immaterielle Kulturerbe) veröffentlichte Alben von zwei weiteren Instrumentalisten: 2012 von Kim Young-gil (geb. 1961) auf der Aejang (siebensaitige Zither) und 2013 von Lee Jae-hwa (geb. 1954) auf der Geomungo (sechssaitige Zither). Die Platten erhielten positive Kritiken von englischen und deutschen Musikrezensenten, weshalb man ruhig behaupten kann, dass die Musik dieser Meister die Ohren eines Weltklasse-Publikums betört hat. Im selben Jahr, 2012, als das koreanische Volkslied Arirang von der UNESCO in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde, trat aus diesem Anlass Lee Chun-hee, Meistersängerin des Gyeonggi Minyo (Genre der traditionellen Volkslieder aus der Provinz Gyeonggi-do) im UNESCO-Hauptquartier in Paris auf. 2014
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© Jeonju International Sori Festival © Yonhap News Agency
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© Song Jun-ho
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Die koreanische Musikszene feuert weiter aufsteigende Talente an und internationale Musikagenten, die sie schnell erkennen, zählen inmitten der COVID-19Pandemie die Tage, bis die Künstler wieder fliegen dürfen. 1. Die Fusion-Gugak Band Jambinai spielt im April 2017 im Palác Akropolis in Prag. In der vordersten Reihe: von links, Kim Bo-mi auf der Fidel Haegeum, Lee Il-woo auf der Gitarre und Shim Eun-yong auf der sechssaitigen Zither Geomungo. Im Hintergrund ist Yoo Byeong-gu auf der Bassgitarre zu sehen. 2. Eine Szene aus Nordkoreanischer Tanz, 2018 von der Ahn Eun-me Company im Arko Arts Theater in Seoul uraufgeführt. Das Stück wurde 2019 vom Pariser Théâtre de la Ville als saisonales Event gewählt und auch als Schlussshow des Festival Pays de Danses, das im Februar 2020 vom belgischen Théâtre de Liège veranstaltet wurde.
© Gadja Productions
wurde sie dann zum Festival de l’Imaginaire – einer Traumbühne für die meisten koreanischen Künstler – eingeladen, um bei der Eröffnung aufzutreten. Wenn sich lange Jahre harter Arbeit und Training auszahlen und man es an die Spitze schafft, wird wohl sogar das Geräusch des Atmens zur Kunst. Viele talentierte Jungmusiker würden für so eine Chance, die Lee quasi in den Schoß fiel, ihr Leben geben. Künstlerisches Können alleine reicht jedoch selten für den Sprung auf die begehrtesten Bühnen der Welt. Es war Kim Sun-kook, der einzige koreanische Musikproduzent von Radio France und CEO der Just Music & Publishing, Inc., der den koreanischen Künstlern die Türen sowohl zum Rudolstadt Festival, dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands, als auch zum Festival l’Imaginaire öffnete. Kim weigerte sich aber bescheiden, die Lorbeeren dafür einzuheimsen: „Ich freue mich, wenn den Meistern, die ihr Leben ihrer Kunst gewid-
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met haben, die gebührende Anerkennung gezollt wird.“
Star-Künstler
Jedes Jahr finden auf der ganzen Welt zahlreiche Musikveranstaltungen statt und noch bis vor einigen Monaten bereitete es einiges Kopfzerbrechen, wie die bei Auslandsengagements anfallenden Reisekosten all der inländischen Gruppen aufgebracht werden sollten. Dass immer mehr koreanische Musiker auf internationalen Bühnen auftreten und zahlreiche einheimische Musiktermini in verschiedene Sprachen übersetzt werden, ist den jungen Künstlern zu verdanken, die Traditionen fortsetzen und mit einem modernem Touch versehen. Insbesondere die Band Jambinai versetzte die Weltmusikindustrie in Staunen, indem sie die traditionelle koreanische Musik Gugak (wörtlich: Musik des Landes) mit
an Heavy Metal erinnernden Rockrhythmen mischte. Die eher als „Trendsetter, denn Trendfolger“ bekannte Gruppe ist öfter im Ausland statt in ihrer Heimat anzutreffen. Die Art und Weise, wie Jambinai die Distributionsmärkte strategisch nutzte oder Verträge mit bekannten Musiklabels abschloss, eröffnete ihren jüngeren Künstlerkollegen und auch der koreanischen Musikszene als socher neue Perspektiven in Bezug auf den internationalen Austausch. Auf dem Rücken des Erfolgs der Band tun sich auch andere Musiker mit Branchenexperten zusammen, um einen systematischen Ansatz für globale PR-Arbeit zu verfolgen. Unter den Weltmusik-Genres aus Korea besitzt allen voran Fusion Gugak das höchste Potential für den Sprung auf die Weltbühne, weshalb es auch entsprechend aktiv ist. Die koreanische Künstlerin, die die internationale Gemeinschaft der Darstellenden Künste mit besonders offenen Armen empfängt, ist Ahn Eun-me (geb. 1962). Nach dem Studium des Traditionellen Koreanischen Tanzes setzte sie ihr Studium in New York fort und debütierte schließlich als zeitgenössische Tänzerin. Ihre Darstellungen sind eine lebendige Mischung aus spektakulären Farben und energischen Bewegungen. Jedes Werk hat seine Geschichte und sie geht stets auf das Publikum zu, um ihre Botschaft zu vermitteln: „Lasst uns jetzt alle zusammen glücklich sein!“ Wahrscheinlich ist es diese Message, die den französischen Veranstalter Jean-Marie Chabot hart arbeiten lässt, um Ahn zu internationalem Erfolg zu verhelfen. Chabot sagt, Ahn auf der Bühne zu sehen wärme sein Herz und mache ihn glücklich. Lee Hee-moons (geb. 1976) Karriere als Schüler der Meistersängerin Lee Chun-hee begann damit, dass er das Volkslied-Genre mit eigenwilligen Elementen des Tanzes und der Philosophie von Ahn Eun-me verband. Das „Idol aus Joseon“ sorgte mit seiner „sehenden Musik“ für Furore. Er ist ein Sänger, der seinem Publikum „Lasst uns spielen!“ zuruft, aber auch ein Schauspieler, der sich die fabu-
löse Pracht, die Ahn Eun-me auf der Bühne zeigt, zu eigen gemacht hat. Lee, der in Netzstrümpfen, Paillettenkleidern und rosa, gelben oder blauen Perücken auftritt, zieht auf der Bühne eine harte Show ab, die das Publikum zum Glühen bringt. Er war Leadsänger der Gruppe SsingSsing, als sie zum globalFEST 2017 in New York eingeladen wurde und als einzige asiatische Gruppe Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine radikal innovative Darbietung dort brachte ihm den Spitznamen „Lady Gaga des Minyo“ ein und National Public Radio (NPR) nannte SsingSsing eine der Spitzenentdeckungen des Festivals. 2019 wurde SsingSsing die erste Gruppe aus Korea, die bei Tiny Desk Concerts von NPR auftrat – eine Videoserie, bei der Stars wie Adele und John Legend zu Gast waren – und SsingSsing Show verzeichnete mehr als fünf Millionen Aufrufe (Stand August 2020).
Auf die digitale Bühne
Die koreanische Musikszene feuert weiter aufsteigende Talente an und internationale Musikagenten, die sie schnell erkennen, zählen inmitten der COVID-19-Pandemie die Tage, bis die Künstler wieder fliegen dürfen. Die weltweite Epidemie stellte die Welt über Nacht auf den Kopf und uns damit vor die Frage, auf welche digitalen Plattformen wir die wunderschöne Musik und faszinierenden Tänze, die wir mit der ganzen Welt teilen möchten, hochladen sollen. Wir haben weder die finanziellen Mittel, um mit Netflix zu konkurrieren, noch die Technologie, um die neue Mediengeneration zu begeistern, die jetzt auf Extended Reality (XR) steht. Ebenfalls nicht abzuschätzen ist, wie lange das Publikum noch geduldig auf Offline-Auftritte zu warten bereit ist. Gleichwohl lassen wir den Künstlern Zeit, die Korea in der Welt bekannter gemacht haben, sich immer noch nach Publikumsapplaus sehnen und auch heute dafür Mikrophon und Instrumente nicht aus der Hand lassen, bis sie endlich wieder auf Live-Bühnen das Publikum des Globalen Dorfes für sich einnehmen können.
Sänger Lee Hee-moon (Mitte) bildete die Projektgruppe OBANGSINGWA (OBSG; bedeutet „Zusammen mit den Gottheiten von fünf Richtungen“) zusammen mit dem Folksong-Duo NomNom und der Band Heosongsewol (Verlorene Zeit). Lee und Shin Seung-tae (links) von NomNom waren Mitglieder der Gruppe SsingSsing, die 2019 mit ihrem Auftritt bei den NPR’s Tiny Desk Concerts in Washington D.C. für einiges Aufsehen sorgten. © Kwak Ki-gon
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INTERVIEW
Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen Zwei junge Designer mit Schwerpunkt Textildesign gründeten 2010 das Designstudio Fabrikr . In dem Bemühen, über die Grenzen von Materialien hinauszugehen, bewegen sie sich frei zwischen Möbel- und Raumdesign. Park Eun-young Chefredakteurin, Craft+Design Fotos Heo Dong-wuk
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ach der Gründung ihres Designstudios Fabrikr im Jahr 2010 präsentierten die Designer Kim Dong-kyu und Kim Sung-jo ihr erstes Werk: den Stuhl Monster, hergestellt durch Beschichten von weggeworfenen Stoffen und Holz mit Epoxidharz. Nachdem das Duo zunächst aus Weggeworfenem Möbel kreiert hatte, richtete es seinen Blick auf aufgegebene Räume: Aus Fabriken, Postämtern, öffentlichen Badehäusern und traditionellen Hanok-Häusern wurden Cafés, Optikergeschäfte, Ausstellungsräume für bestimmte Marken und mehr. Es war aber nicht nur die Nutzungart des Raums, die sich änderte. Viele tranken dort Kaffee, lasen Bücher und genossen es, dort zu sein. Sie verliebten sich in die Räumlichkeiten. Wenn Sie die Gefühls- und Gedankenwelt junger Menschen im geschäftigen Seoul verstehen möchten oder einfach neugierig auf die neuesten angesagten Hotspots sind, tun Sie gut daran, sich die Räume anzusehen, die die Handschrift von Fabrikr tragen. Denn diese Orte sind die Antworten auf Ihre Fragen. Warum interessieren Sie sich für Aufgegebenes? Kim Dong-kyu: Wir haben beide Textildesign studiert. Zunächst wollten wir die Grenzen der Faser als Material überschreiten und aus verschiedenen Stoffen Möbel und alle möglichen Objets herstellen. Materialien kaufen und daraus etwas machen: Das ist einfach. Wir fanden die Idee viel attraktiver, weggeworfenen Dingen durch unsere Hände neues Leben einzuhauchen, indem wir sie zu etwas anderem werden lassen.
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Sie haben einmal gesagt, dass „Upcycling“ und „Weggeworfenem neuen Wert verleihen“ unterschiedlich sind. Was ist der Unterschied? Kim Dong-kyu: Die Schweizer Marke Freitag hat Taschen durch die Verwendung von wasserdichtem Industrieabfall entwickelt und ist heute auf der ganzen Welt beliebt. Aber da bei einer Upcycling-Marke enorm viel Arbeit in den Produktionsprozess gesteckt werden muss, ist das Endprodukt nur entsprechend teuer. Wenn sich das Produkt trotzdem immer noch gut verkauft, beweist das eine entsprechend gute Produktplanungskompetenz. Für die Vermarktung ist zwar auch das Brand-Storytelling wichtig, aber das Produkt an sich muss hinreichend überzeugend sein, damit der Kunde bereit ist, Geld dafür auszugeben. Wir dachten, dass uns in diesem Bereich immer noch etwas fehlt. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Aufmerksamkeit auf das weggeworfene Material an sich zu richten und auf das Ziel, ihm mehr Wert zu verleihen. Aus diesem Grund haben wir statt kommerzieller Produkte Objets geschaffen, also Werke, die unsere Geschichten erzählen können. Anfangs haben Sie sich auf Material und Arbeitsweise konzentriert, aber jetzt scheint es keine Grenzen zu geben.
Die Gründer des Designstudios Fabrikr, Kim Sung-jo (links) und Kim Dong-kyu, im von Fabrikr designten Café Onion in Seongsu-dong. Sie begannen mit Möbeln und expandierten dann zu Raumdesign.
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© Fabrikr
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Kim Dong-kyu: An den Grundlagen hat sich nichts geändert. Wir haben einfach beschlossen, keine Grenzen zu setzen, und die Ausdrucksmethoden verwendet, die uns zur Verfügung standen, um Möbel, Installationsstücke und Räume zu gestalten. Jetzt denken wir auch an Architektur. Wir wollen uns immer wieder neue Herausforderungen vornehmen und sie auf unsere eigene Art und Weise lösen. Kim Sung-jo: Ob es sich nun um ein Möbelstück oder einen Raum handelt: der eigentliche Planungs- und Designprozess ist der gleiche. Der Unterschied ist nur, was an erster Stelle steht: der Gegenstand oder die Geschichte, die wir erzählen möchten. Sei es ein ausgemusterter Stuhl, ein ausgemustertes Stück Stoff oder ein aufgegebener Raum: Sobald wir uns für ein Objekt entschieden haben, überlegen wir, mit welcher Geschichte wir es füllen können. Der einzige Unterschied wäre, dass wir bei Möbeln nur unseren eigenen Vorstellungen folgen, während wir bei einem Raum versuchen, die Geschichten der Menschen, die ihn nutzen werden, einzufangen. Bei der Raumgestaltung denken wir darüber nach, wie sich die Menschen bewegen und welche Wege sie einschlagen sollen. Es gibt Momente, in denen wir uns wie Amateure vorkommen, denn wenn wir eine gute Idee haben, ändern wir sogar mitten im Projekt noch einmal die Richtung, ohne lange darüber nachzudenken. Aber letztendlich liegt meiner Meinung nach gerade darin unsere Stärke. Betrachtet man Ihre Arbeiten, scheinen Sie eine besondere Vorliebe für Epoxidharz zu haben. Kim Sung-jo: Epoxidharz besitzt bestimmte Materialeigenschaften, die für unsere Projekte und für die Blickwinkel, die uns interessieren, besonders gut geeignet sind. Es vermag die Vergangenheit festzuhalten, ist verfeinert und zugleich futuristisch, fühlt sich aber im Gegensatz zu Glas weich und warm an. Uns gefällt auch, wie sich seine Farbe im Laufe der Zeit ändert. Und dass es zunächst flüssig ist und dann fest wird, ist ebenfalls interessant. Zudem ist es ein Material, das ganz natürlich mit dem ursprünglich vorhandenen Objekt verschmilzt, sodass sich unmöglich sagen lässt, wann das Endstück hergestellt wurde. Ein Beispiel
1. Quantum Project: Sound Holic Exit (2014). Musikinstrumente, Mobiliar, Neonlicht. 9,5 × 20 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). 2. Quantum Project: Coral Wave (2014). Prismenfilm, Draht, Spiegel. 9,5 × 15 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). Im Flagship Store der Brillenmarke Gentle Monster in Seogyo-dong, Mapo-gu, befinden sich im zweiten und dritten Stock Verkaufsräume, aber das Erdgeschoss ist ein sich entwickelnder Projektraum. Ein ganzes Jahr lang präsentierte Fabrikr alle 15 Tage ein völlig neues Raumkonzept.
dafür ist unser Stuhl Chaeum. Die gebrochene Armlehne wurde durch einen schienenartigen Teil aus Epoxidharz ersetzt. Hätten wir das ursprüngliche Holz verwendet, wäre es eine „Restaurierung“ gewesen, aber durch die warme, künstliche Epoxid-Armlehne haben wir eine neue, futuristische Optik geschaffen. Kim Dong-kyu: Ich glaube, Epoxidharz hat etwas Koreanisches. Es hat etwas Mondänes, ohne provozierend zu wirken, harmoniert mit allem, was es umgibt, strahlt aber auch Kraft aus. Wir verwenden Epoxid seit fast zehn Jahren und es ist so überzeugend, dass wir noch nichts gefunden haben, was es ersetzen könnte. Ihr erstes Raumprojekt scheint Fabrikr ins öffentliche Bewusstsein gerückt zu haben. Kim Sung-jo: 2011 hat Gentle Monster uns kontaktiert und mitgeteilt, dass sie in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern Brillen herstellen. Zwei Jahre später haben sie uns dann damit beauftragt, für die Eröffnung ihres Flagship-Stores in Nonhyeon-dong im Hof eine Installation anzubringen. Zunächst hatten wir die Idee, nur ein Bootswrack vom Daecheon-Strand zu nutzen, aber nach weiteren Diskussionen haben wir das Konzept auf den gesamten Raum ausgeweitet. Wir dachten, es wäre interessanter, wenn das Boot nicht einfach Schauobjekt wäre, sondern als Eingang zum Ausstellungsraum fungieren würde, als Tür, die in eine völlig andere Welt führt. Der Gentle Monster-Store in Hongdae ist das Ergebnis intensiver Überlegungen, wie sich Markenbekanntheit durch den Raum steigern lässt. Wir haben eine ganze Reihe von Materialien, Stilen und Auslagemethoden eingesetzt, um das Store-Konzept ein ganzes Jahr lang alle fünfzehn Tage neu zu gestalten. Dadurch wurde Gentle Monster unter der jüngeren Generation sehr bekannt und bei einem Besuch des Ladens ging es nicht mehr nur um den Kauf von Brillen, sondern um ein kulturelles Erleben des Raums an sich. Ihr nächstes Projekt, Café Onion, hat jetzt drei Filialen und alle werden heiß geliebt. Kim Sung-jo: Das Gebäude der Filiale in Seongsu-dong stammt ursprünglich aus den 1970er Jahren und beherbergte zunächst eine Reparaturwerkstatt, dann einen Supermarkt und schließlich ein Hostel. Es gab daher je nach Verwendungszweck alle Arten von ungenehmigten Renovierungen und Erweiterungen, deren Spuren noch an Wänden und Böden zu sehen waren. Für uns waren es Designinspirationen. Das Seongsu-Café machte schnell von sich reden, sodass eine zweite Filiale eröffnet wurde. Der CEO von
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Onion wollte das Onion über ein einfaches Café hinaus zu einer Kulturmarke entwickeln, deshalb hat man die Filiale in Mia-dong absichtlich in einem Postgebäude untergebracht. Dahinter steht das Konzept eines „Platzes“, auf dem die Menschen zusammenkommen und kommunizieren. Für uns ist die Mia-Filiale von Onion so etwas wie ein Installationskunstwerk. Die jüngst in Anguk-dong eröffnete Onion-Filiale demonstriert die Kraft des Hanok. Kim Sung-jo: Koreas Café-Markt gilt als der drittgrößte der Welt. Die Branche ist so erfolgreich, dass ausländische Touristen Café-Touren in Korea unternehmen. In puncto Design gibt es ja einiges zu sehen. Nach dem Mia-Store wollte Onion ein Café schaffen, das die Stadt Seoul repräsentieren kann. Wir haben lange nach dem richtigen Platz gesucht und schließlich ein altes Hanok in Anguk-dong entdeckt. Wir haben so viele bautechnische Merkmale wie möglich bewahrt, z. B. die Maru-Holzdielen, Holzsäulen und Ziegeldächer. An welchem Material oder Thema sind Sie derzeit besonders interessiert? Kim Sung-jo: Als wir mit dem Café-Onion Projekt anfingen, haben wir das Licht neu und tiefer betrachten gelernt. Uns wurde bewusst, welch wichtige Rolle das Licht in einem der Ruhe und Entspannung dienenden Raum spielt. Daher interessieren wir uns zurzeit sehr für die Arbeiten des amerikanischen Installationskünstlers James Turrell, der das Licht und seine Wirkung erforscht. Gibt es Bereiche, in die Sie noch vorstoßen möchten, oder Projekte, die Sie übernehmen möchten? Kim Sung-jo: Das ist noch alles offen. Wir interessieren uns über Architektur hinaus dafür, ein ganzes „Gebiet“ zu schaffen, andererseits denken wir auch an Objekte, die kleiner als Möbel sind. Wenn man arbeitet, ohne über Schranken und Beschränkungen nachzudenken, kann man weiter und umfassender denken. Was besitzt für Fabrikr den höchsten Wert? Kim Dong-kyu: Es ist schwierig, das in einem einzigen Satz präzise zu formulieren. Das, was mir gerade in den Sinn kommt, sind „Menschen“ und „Zeit“. Kim Sung-jo: Die Übernahme der künstlerischen Leitung für Onion hat uns bewusst gemacht, dass die Kollaboration mit einer Marke größere Projekte ermöglichen kann. Uns wurde klar, dass wir einen positiven Einfluss auf die Gesell-
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1. Die Mia-Niederlassung von Café Onion, die eine in Vergessenheit geratene Ecke des Postamtes im Seouler Viertel Gangbuk wiederbelebt, spielt mit dem Konzept „öffentlicher Platz“. Der Akzent liegt dabei auf dem Nacktbeton. Es gibt nur wenige Tische. 2, 3. Seit der Eröffnung 2016 ist Café Onion in Seongsu-dong – erbaut aus den Überresten einer stillgelegten Fabrik aus den 1970ern – eine der Hauptstationen entlang der verschiedenen Café-Pilgerrouten in Seoul. Die nackten Wände, die in dem zum Café umgestalteten Innenraum die Spuren der verflossenen Zeit konservieren, schaffen eine urbane Sensivität, die die Besucher zu rühren vermag.
schaft haben können. Es gibt immer noch zu wenige koreanische Marken, die sich im Kulturbereich einen Namen gemacht haben. Eine Marke, die die koreanische Kultur repräsentieren kann: Das ist das Ziel von Onion und Fabrikr. Und wir lernen viel, während wir unser Team aufbauen, große Träume träumen und unsere Kräfte sammeln. Gibt es einen Raum oder ein Reiseziel, das Sie in letzter Zeit beeindruckt hat? Kim Dong-kyu: Vor zwei Jahren, als wir Onions Anguk-Filiale aufbauten, haben wir viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was genau etwas „koreanisch“ macht. Da stießen wir zufällig auf An einer Entasis-Säule von Muryangsu-jeon (Halle des Ewigen Lebens) gelehnt, ein Buch des Kunsthistorikers Choi Sun-u, und besuchten den Tempel Buseok-sa. Dort haben wir zum ersten Mal Anmut und Eleganz der koreanischen Architektur und Tradition nachempfunden. Die Art und Weise, wie die architektonischen Strukturen in der Natur angeordnet waren, und wie sie sich je nach Blickwinkel veränderten, war eindrucksvoll und bewegend.
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HÜTER DES TRADITIONELLEN ERBES
Kampf kunst für beiderseitiges Wohlergehen Die 29-jährige Park Shin-young praktiziert schon seit 25 Jahren die traditionelle koreanische Kampfkunst Taekkyon (auch Taekgyeon ). Heute nutzt die junge Meisterin ihre Fähigkeiten und Erfahrungen für die Leitung eines Sozialen Unternehmens, das Bühnenaufführungen produziert und den Geist des harmonischen Koexistierens im In- und Ausland verbreitet. Kim Dong-ok freiberuflicher Autor Fotos Ahn Hong-beom
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aekkyon, das von der koreanischen Regierung als Immaterielles Kulturgut gelistet und in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde, ist eine traditionelle koreanische Kampfsportart, bei der Hände und Füße eingesetzt werden, um dem Gegner einen Schlag zu versetzen oder ihn zu Fall zu bringen. Wie bei vielen anderen Volkstraditionen, so fehlen auch für Taekkyon historische Aufzeichnungen über seinen Ursprung. Aufschluss über seine lange Geschichte geben jedoch ähnliche Bewegungen, dargestellt auf einem Wandbild im Muyongchong (Grab der Tänzer) aus dem Goguryeo-Reich (37 v. Chr. - 668 n. Chr.). Wie die Bezeichnungen „Subakhui“ (wörtlich: Handkampf-Spiel) und „Gakhui“ (Fuß-Spiel), unter denen Taekkyon ebenfalls bekannt ist, andeuten, war der Kampfsport wohl tatsächlich ein bei festlichen Freiluftveranstaltungen ausgetragener Wettkampf. Ende des Joseon-Reichs (13921910) waren Taekkyon-Contests fester Bestandteil von Dorffesten. Die Einwohner aus dem Oberdorf und dem Unterdorf wählten die geschicktesten Kämpfer aus, die dann gegeneinander antraten. Normalerweise fanden zuerst die Kinder-Spiele statt. Meisterin Park Shin-Young verfiel schon als Kind dem besonderen Reiz des Taekkyon, nicht ahnend, dass es einmal ihr Leben bestimmen würde. Die Anfänge hatten auch etwas mit „Kindern“ zu tun. „Ein verblasstes, über ein Jahrhundert altes Foto führte mich in die Welt des Taekkyon.“ Die vermutlich in der späten Joseon-Zeit von einem westlichen Missionar gemachte Aufnahme zeigt einen Taekkyon-Contest zwischen zwei Knaben, die von jungen Zuschauern umringt sind.
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Tänzerisch anmutende Kampfkunst
„Meine Eltern führten einen Kindergarten. Nachdem sie das Foto irgendwo gesehen hatten, brachten sie eines Tages einen Taekkyon-Lehrer mit, der die Kleinen täglich in der Kampfkunst unterrichten sollte, um ihren Geist und Körper zu stählen. Ich habe auch mitgemacht. Ich hatte dabei aber nicht das Gefühl, etwas zu lernen, sondern eher, einfach nach Herzenslust zu tanzen und zu spielen. Ich zählte die Stunden bis zum Unterricht“, erinnerte sich Park. In diesem Jahr ist es ein Vierteljahrhundert her, dass sie in die Kampfsportart eingeführt wurde, die sie seitdem ausübt. Und so, wie sie es als Kind empfand, hat Taekkyon tatsächlich etwas tänzerisch Anmutendes: Pumbalkki, die fließenden, ständig wechselnden Bewegungen des Dreieck-Grundschrittes, mit denen der Anfänger beginnt, erinnern an fließendes Wasser. Dieser Eindruck wird insbesondere in Kombination mit den als Hwalgaetjit bekannten, großen, kreisförmigen Armbewegungen weiter verstärkt. Die Pumbalkki sind recht simpel und leicht zu lernen: Setzen Sie einen Fuß vor den anderen und beugen Sie rhythmisch die Knie; ziehen Sie dann den Fuß zurück, wobei Sie sich leicht in der Hüfte zurücklehnen. Das federnde Wippen mit den Knien (Gumsil) verleiht den Fußbewegungen Tempo und Vielseitigkeit, während die elastischen Hüftbewegungen (Neungcheong) für Schwung sorgen. Leicht zu lernen bedeutet jedoch nicht unbedingt, leicht zu meistern. Park erklärte dazu: „Sie brauchen sich nur die Ausführung eines der Grundschritte anzusehen, um festzustellen, ob Sie es mit einem Meister oder einem Anfänger zu tun haben. Der Anfänger neigt zu Ungeduld und bewegt sich hastig,
Park Shin-young, die Geschäftsführerin von IK-Taekkyon, demonstriert eine Variante des gewundenen Gyeot Chigi, der ihr bei verschiedenen Wettkämpfen den Großen Preis einbrachte. © IK Taekkyon
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während der Fortgeschrittene entspannt bleibt. Auch die Dreitakt-Schritte können je nach Trainierenden unterschiedlich kombiniert werden und z. B. dem Muster ‚betont-unbetont-unbetont‘ oder ‚unbetont-unbetont-betont‘ folgen. Aus diesen anmutigen Fußbewegungen können abrupt harte Tritte werden, die in Kombination mit bestimmten Griffen den Gegner zu Fall bringen. Wer nicht den Rhythmus zu lesen versteht, ist hilflos und landet sofort auf der Matte.“
Außen weich, innen hart
Wohl wegen der tänzerischen Bewegungen in Kombination mit den ungewohnten Kampfschreien wie „ick“ und „eck“ wird Taekkyon oft zur Publikumsbelustigung in Komödien verwendet und daher manchmal als „komödiantischer Sport“ betrachtet. In Wahrheit ist es jedoch eine aktiv praktizierte Kampfkunst von nicht zu unterschätzender Zerstörungskraft. Da die beiden Kämpfer nur eine Armlänge Abstand trennt, lässt sich nicht vorhersehen, welcher Tritt wann angewendet wird: der mit dem Fußrücken ausgeführte Aufwärtstritt Jegyeo Chagi, der harte, Schlagstock-ähnlich gewundene Seit-Tritt Huryeo Chagi, der mit dem Fußrücken ausgeführte hohe Seit-Tritt Gyeot Chigi oder der Nal Chigi, ein gewundener Tritt, der durch Radschlag in der Luft ausgeführt wird, während man auf den Händen steht.
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Park Shin-youngs Spezialität ist der Gyeot Chigi, der ihr bei zahlreichen prestigeträchtigen Wettbewerben wie den Nationalen Sportmeisterschaften den Großen Preis einbrachte. Genau wie der traditionelle koreanische Ringkampf Ssireum und der japanische Kampfsport Judo umfasst Taekkyon nicht nur Tritte, sondern auch verschiedene andere beeindruckende Techniken wie Hebel, Würfe und Schlagangriffe mit den Händen. Nach außen hin mögen die fließenden Bewegungen zwar tänzerisch weich und anmutig wirken, aber die perfekte Kombination von weichen Techniken und harten Schlagtechniken verleiht Taekkyon einen sehr kämpferischen Charakter. Die dahinter stehende Philosophie betont jedoch den gegenseitigen Respekt und das gemeinsame Wohlergehen. In anderen Kampfkünsten bedeutet „Stärke“, sich die Kontrolle über den Gegner zu sichern und ihn unerbittlich zu dominieren, sodass er keine Chance zum Gegenangriff hat. Im Gegensatz dazu bietet Taekkyon den beiden Gegnern stets die gleichen Chancen. Ein Beispiel dafür ist, dass man beim Ausführen von PumbalkkiDreieckschritten immer wieder einen Fuß in Reichweite des Gegners setzt und so eine Angriffsmöglichkeit bietet. Diese Grundposition wird Daejeop genannt, was so viel wie „jemandem Gastfreundschaft und Höflichkeit erweisen“ bedeutet. Das heißt, der Gegner ist eher ein höflich willkom-
men geheißener Gast als ein Feind, den es zu besiegen gilt. Zu siegen, ohne den Gegner zu verletzen, ist eins der Kernziele dieser alten Kunst. Vielleicht liegt es in der Natur aller Wettkämpfe, die Rivalität zu beflügeln, sodass es zu unbeabsichtigten Verletzungen kommen kann. Wer beim Taekkyon den Gegner verletzt, hat jedoch sofort verloren, denn dies gilt als Verstoß gegen die Regel des gegenseitigen Wohlergehens. Daher sollten Taekkyon-Kampfsportler sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig trainieren. Hände und Füße eines Kampfsportlers, der technisch brillant aber unbeherrscht ist, können zu brutalen Waffen werden. „Es passiert leicht, dass man den anderen durch Kraftanwendung verletzt, und die Leute meinen dann, dass man stark ist. Aber das ist keine Stärke, sondern schiere Brutalität. Dominieren ohne zu verletzen ist schwer, aber gerade das zeichnet den wahrhaft Stärkeren aus. Erreicht werden kann das nur durch ständiges geistiges Training“, sagte Park.
1. Lee Ju-young, Parks Ehemann und Lehrer (links), und Ahn Hyung-soo, Stellvertretender Geschäftsführer von IK Taekkyon, demonstrieren einen Gyeot Chigi (gewundener SeitTritt). 2. Park demonstriert Handbewegungen. Die mit der Hand ausgeführten Taekkyon-Techniken mögen eher mild wirken, sind aber genauso kraftvoll und divers wie die Fußtechniken.
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Ein Soziales Unternehmen
Eine Zeit lang war auch Park von dem Wunsch beherrscht, stärker zu werden. Sie besuchte ein Trainingszentrum nach dem anderen in Seoul, um bedeutende Großmeister zu treffen. Sie hoffte, ihre Geheimtechniken aufzusaugen und zu internalisieren. Doch dann wurde ihr in einem Moment der Ernüchterung klar, dass sie nur nach technischer, aber nicht geistiger Perfektion strebte. Sie gab ihre Suche nach Stärke auf und gründete mit ihren Kollegen von der Korea Taekkyon Federation, mit denen sie als Vorführteam zusammengearbeitet hatte, das Soziale Unternehmen ik! Taekkyon. „Wird jemals der Tag kommen, an dem die Menschen einander nicht mehr bekriegen? Ich stelle mir vor, dass das möglich ist, wenn alle Menschen auf der Welt Taekkyon praktizieren und durch langes Trainieren lernen würden, den anderen zu verstehen und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Ein erster Schritt dahin könnte meiner Meinung nach sein, Taekkyon als Kampfkunst bekannter zu machen. So gesehen darf ich behaupten, dass ich durch ik! Taekkyon nicht nur zur Gesellschaft beitrage, sondern auch meine Träume verwirkliche“, sagte Park Shin-young. Seit der Gründung des Unternehmens sind sechs Jahre vergangen. In dieser Zeit hat sie in zahlreichen Ländern Taekkyon-Vorführungen gegeben und Bühnenaufführungen produziert, für die sie Formate verschiedener
„ Dominieren ohne zu verletzen ist schwer, aber gerade das zeichnet den wahrhaft Stärkeren aus. Erreicht werden kann das nur durch ständiges geistiges Training.“ Genres der Darstellenden Künste adaptierte, darunter z. B. des traditionellen koreanischen Freilufttheaters Madanggeuk und Musicals. „Nichts macht mich so glücklich und lässt mich so lebendig fühlen wie das Taekkyon-Training, das für mich Arbeit und Erholung zugleich ist. Ich habe noch einen langen Weg vor mir und muss noch fleißiger arbeiten, denn es gibt immer noch viele Leute, die fragen, was Taekkyon eigentlich ist.“ Als ich sie so entschlossen sprechen hörte, tat sie mir irgendwie leid. Ihr Bestreben, eine verblassende Tradition am Leben zu erhalten, ist ein sehr dankenswertes, aber gleichzeitig einsames Unterfangen. Ich hoffe, dass Park trotzdem hartnäckig und furchtlos ihren Weg weiterverfolgt.
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GESCHICHTEN AUS ZWEI KOREAS
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Unterschiede zwischen der Musik des Nordens und der Musik des Südens 54 KOREANA Herbst 2020
Eine Sammlung von Interviews mit acht älteren, in Japan lebenden Künstlern aus Nordkorea bietet wertvolle Einblicke in die derzeitige nordkoreanische Musik und die Genese ihrer distinktiven Merkmale. Kim Hak-soon Journalist, Gastprofessor, Fakultät für Medien und Kommunikation, Korea University
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ie traditionelle Musik Nord- und Südkoreas hat dieselben Wurzeln, ist aber unterschiedliche Wege gegangen. In Nordkorea, wo auch die Musik strikt den Prinzipien der herrschenden Juche-Ideologie der Eigenständigkeit folgt, heißt die traditionelle Musik anders: Was im Süden „Gugak (Musik des Landes)“ genannt wird, ist im Norden „Minjok Eumak (Musik des Volkes)“. Auch in der Verwendung traditioneller Musikinstrumente gibt es Unterschiede: Während man im Süden um die Wahrung ihrer ursprünglichen Form bemüht ist, wandelt der Norden sie so ab, dass damit auch westliche Musik gespielt werden kann. Der von Cheon Hyeon-sik, Kurator im National Gugak Center, und Kim Ji-eun, Forscherin auf dem Gebiet der nordkoreanischen Musik, gemeinsam verfasste Band Mündliche Berichte von im Ausland lebenden älteren koreanischen Künstlern – Japan, gibt einen Einblick in Entwicklung und aktuellen Stand der Musik des Nordens. Für das Buch wurden acht in Japan lebende, ältere pro-nordkoreanische Künstler interviewt. In der jetzigen Situation, in der
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Verkehr und Austausch zwischen den beiden Koreas eingestellt ist, bietet dieser Band wertvolles Material. Die Interviewten sind: Kim Kyong-hwa, ehemaliger Dirigent der Kumgangsan Operntruppe, Ryu Jon-hyon, Opernsänger, Ri Chor-u, Komponist und Stellvertretender Direktor für den internationalen Austausch des Isang Yun Forschungsinstituts in Pjöngjang, Im Chu-ja, Choreografin und Tänzerin, Chong Sang-jin, Komponist, Chong Ho-wol, Sängerin und ehemalige Schauspielerin der Kumgangsan Operntruppe, Choe Jin-uk, Professor für Musikpädagogik an der Korea University Tokyo, und Hyun Gye-gwang, Tänzer. Alle wurden mit den in Nordkorea vergebenen Auszeichnungen für „Volkskünstler“, „Verdiente Künstler“, „Volksschauspieler“ oder „Verdiente Schauspieler“ geehrt und sind als oberste Autoritäten in ihren jeweiligen Bereichen anerkannt.
Unterschiedliche Ideologien, unterschiedliche Musik
© Yonhap News Agency
Der Autor Cheon Hyeon-sik ist Kurator und spezialisiert auf nordkoreanische Musik. Er promovierte in Nordkorea-Studien an der University 1. Eine Szene aus Das Lied vom of North Korean Studies und Kumgangsan, einer der fünf bedeutendsten verfasste Bücher wie Studie nordkoreanischen Revolutionsopern. über die nordkoreanische Oper Das 1973 uraufgeführte Werk erzählt die und Kunst und Politik (MitauGeschichte einer Familie, deren Mitglieder in der Kolonialzeit versprengt wurden und tor) sowie zahlreiche Artikel später unter der Regierung von Kim Il-sung einschließlich Musikpolitik der wieder zusammenfanden. Das Foto aus Moranbong Band. Die Mitaudem Jahr 1974 zeigt eine Aufführung der Kumgangsan Operntruppe, das 1955 vom torin und Cellistin Kim Ji-eun Pro-nordkoreanischen Dachverband der in studierte im PromotionsstudiJapan lebenden Koreaner gegründet wurde. engang der Konkuk Universität 2. Das Poster von Das Blumenmädchen, im Fachbereich „Geisteswiseiner Revolutionsoper, die 2008 in China auf senschaften und WiedervereiTournee ging. An dieser Produktion nahmen neben rund 50 Verdienten Künstlern und nigung“ und arbeitet derzeit an Volkskünstlern auch Mitglieder der Pibada ihrer Dissertation zum Thema Operntruppe teil. „Kunsttheorie für nordkoreani-
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sche Musik“. 2007 war sie an der Planung einer Aufführung der in Japan aktiven Kumgangsan Operntruppe in Südkorea beteiligt und interessiert sich seitdem für die Musik Nordkoreas. Die von den beiden Forschern kompilierten Berichte über die nordkoreanische Musik thematisieren viele interessante Aspekte.
Neuinterpretationen
„Laut Komponist Chong Sang-jin wird in Nordkorea unter dem Einfluss der russischen Musik hauptsächlich ‚Programmmusik‘, die sich v. a. auf melodische Motive konzentriert, komponiert. Und es wird seit jeher betont, dass die Melodie nicht ‚abgeschnitten‘ werden solle, sei es bei Symphonien oder kleineren Orchesterstücken. Die Themen-basierte Komposition westlichen Stils wurde in Nordkorea als Kompositionsweise betrachtet, die die Melodie ‚abschneidet‘, sodass viele Phrasen- bzw. Satzeinheiten entstehen. Aber heutzutage gebe es eine größere Vielfalt und daher auch neue Kompositionen, die etwas stärker als früher dem ‚Abschneiden‘ ähnelten,“ sagt Cheon. Im Buch werden nicht nur Interviews vorgestellt, sondern auch die Unterschiede zwischen der nord- und südkoreanischen Musik eingehend erklärt. Zum besseren Verständnis der Unterschiede zwischen der nord- und südkoreanischen Musik führt Cheon z. B. die Opern aus Nord und Süd an, die auf der alten Volkserzählung Chunhyang-jeon (Die Geschichte der Chunhyang) beruhen. Die nordkoreanische Version des Stücks adaptiert die westliche Belcanto-Gesangstechnik des klaren, eleganten Klangs statt im heiser-rauen Namdo-Stil (Namdo: Südregion) des traditionellen epischen Sologesangs Pansori vorzutragen. Inhaltlich liegt der Akzent zudem auf dem Klassenkampf, während das südkoreanische Pendant sich an die Originalhandlung hält, die die Liebe zwischen Chunyang, der Tochter einer Gisaeng (professionelle, in Musik und Tanz geschulte Unterhalterin am Hof und in gehobener Gesellschaft), und dem Adelssprössling Mongryong thematisiert, die ein Happy End hat. Nordkoreas Volksoper, die mit Chunhyangjeon ihren Anfang nahm, versteht sich als umfassende Bühnenkunst mit Schwerpunkt auf Liedern und Melodien. Der
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neue Zweig der Vokalmusik entstand in den 1960er Jahren im Rahmen der staatlichen Bemühungen, die traditionellen Musikinstrumente zu modernisieren. Das Genre setzte sich in den 1970ern in Form der Revolutionsoper fort. „In Nordkorea ist Pansori nur noch als Forschungs- und Lehrgegenstand erhalten, aber nicht mehr als VolksmusikGenre“, sagt Kurator Cheon. Pansori, das sich im Süden zu einem repräsentativen traditionellen Musikgenre von großer Beliebtheit entwickelt hat, wird in Nordkorea mit der Begründung, dass es von Gefühlswelt und Atmosphäre der herrschenden Oberschicht durchdrungen sei, abgelehnt. Das ist auch der Grund, warum das Pansori-Werk Chunhyang-ga in Nordkorea in eine Volksoper umgewandelt wurde.
Gesang
Im Norden hat sich die Vokalmusik in Bezug auf Gesangstechniken, Liedtexte und sogar musikalische Form dem Ziel der sozialistischen Revolution und dem Volksempfinden angepasst. Die Gesangstechniken lassen sich grob in zwei Arten unterteilen: „Minseong“ für traditionelle Volkslieder und „Yangseong“ für klassische westliche Musik. Minseong, auch als „Juche-Stil“ bezeichnet, bezieht sich auf den klaren, sanften Stil, dessen Wurzeln sich im traditionellen Gesang der Seodo (Westregion) finden. In der Volksoper Chunhyang-jeon tragen die Sänger vorwiegend im traditionellen Minseong-Stil vor, während in der Revolutionsoper Das Blumenmädchen die im westlichen Stil Singenden im Vordergrund stehen. Nach der Sängerin und Schauspielerin Chong Ho-wol bevorzugen die Nordkoreaner traditionell hohe Stimmlagen und glauben, dass v. a. alte Volkslieder in einem dünnen, hohen Ton gesungen werden sollten. Mittlerweile können sie aber auch leise gesungenen Weisen etwas abgewinnen, da unter dem Einfluss globaler Trends immer mehr Mezzosopranistinnen auf die Bühne treten. „Laut des Komponisten Chong Sang-jin hat jede der repräsentativen nordkoreanischen Opern ihre eigenen Merkmale“, sagt Kim Ji-eun. „So wirkt Meer aus Blut z. B. volkstümlich und heimatlich zugleich. Das Blumenmädchen präsentiert viele verfeinerte Melodien, aber Das Lied vom Kumgangsan hat einen etwas moderneren Touch.“ Diese
Cheon Hyeon-sik (links) und Kim Ji-eun, Ko-Autoren von Mündliche Berichte von im Ausland lebenden älteren koreanischen Künstlern – Japan. Das Buch basiert auf Interviews mit acht prominenten, in Japan lebenden Musikern und Tänzern. © Ha Ji-kwon
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Die Interviewten waren sich weitgehend einig darin, dass „die nationale Musik im Norden an Popularität eingebüßt hat, während sich die jungen Menschen immer stärker von der westlichen Musik angesprochen fühlen.“
Charakteristika spiegeln sich auch in der Orchesterbesetzung wider. Während Meer aus Blut ausschließlich für einheimische Instrumente komponiert wurde, waren im Blumenmädchen zunächst einheimische Instrumente in Kombination mit westlichen Blechblasinstrumenten zu hören, bei Auslandsaufführungen kamen später noch Geigen hinzu. Das Orchester für Das Lied vom Kumgangsan besteht aus westlichen Instrumenten, einzige Ausnahme sind traditionelle Bambus-Blasinstrumente.
Wind der Veränderung
Mittlerweile weht in der nordkoreanischen Musikszene der Wind der Veränderung. Die Interviewten waren sich weitgehend einig darin, dass „die nationale Musik im Norden an Popularität eingebüßt hat, während sich die jungen Menschen immer stärker von der westlichen Musik angesprochen fühlen.“ So erfreue sich das Samjiyon Orchester, das v. a. europäische Musik spielt und vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang auch in Südkorea aufgetreten war, ebenfalls großer Beliebtheit, und die von Jang Ryong-sik dirigierten Konzerte zögen sogar ein noch größeres Publikum an. Kim zitierte die Behauptungen der Künstler, dass sich die Musikszene des Nordens im Einklang mit den ausländischen Trends verändert und eine Vielzahl neuer Gesangstechniken eingeführt werden. „Chong Sang-jin sagte, dass die nordkoreanischen Musikhochschulen zurzeit hauptsächlich auf den Aufführungsstil der Moranbong Band fokussiert seien, der sich in drei Techniken unterteilen lässt: der Technik für Minseong, für Yangseong und dazu noch die für zeitgenössische populäre Musik.“ Einige Musikhochschulen im Norden hätten kürzlich Popmusik-Studiengänge eingerichtet. Die Pjöngjang-Universität für Musik und Tanz konzentriere sich u. a. auf die Talentausbildung, für die sie viele ausländische Musiker eingeladen habe, so Professor Choe Jin-uk. Einige Studenten der Universität hätten schließlich Preise bei internationalen Klavier- und Gesangswettbewerben gewonnen. Im
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Gegensatz dazu würde in der Staatlichen Volkskunsttruppe, einst ein führendes Ensemble der Darstellenden Künste im Norden, die Nachwuchsausbildung nicht gut laufen, da viele ihrer älteren, hochrangigen Mitglieder bereits verstorben seien. Funktionen und Tätigkeiten der Truppe seien laut Choe Jin-uk von der Pibada Operntruppe übernommen worden. Der koreanischstämmige deutsche Komponist Isang Yun (auch: Yun I-sang, 1917-1995), der 1967 vom südkoreanischen Geheimdienst der Spionage für den Norden angeklagt wurde, wird bis heute nicht gebührend gewürdigt, während er in Nordkorea nach wie vor hohes Ansehen genießt. Das Isang Yun Forschungsinstitut in Pjöngjang und das Isang-Yun-Ensemble sind immer noch aktiv. Cheon zitierte die Interviewten: „In Pjöngjang gibt es viele, die verrückt nach Yuns Musik sind.“ Nordkoreanische Musikuniversitäten unterhalten u. a. Abteilungen für traditionelle Musik, westliche Musik und Komposition. Yuns Musik wird zudem in den Musiktheorie-Abteilungen gelehrt. Auch Elemente des Jazz und der Rockmusik dringen zunehmend in die nordkoreanische Musik ein. Staatsgründer Kim Il-sung, der unterstellte, dass „westliche Popsänger Drogen nehmen und ein liederliches Leben führen“, verbot einst diese Genres. Die anarchistischen Ideen einiger Jazzkünstler dürften ein weiterer Grund dafür gewesen sein. Chong Sang-jin stimmte Kim Ji-euns Ansicht zum großen Teil zu, dass heutzutage Swing- und Beat-Rhythmen in die nordkoreanische Musik eingeflossen sein dürften. Derzeit sind unter den Nordkoreanern die Mitglieder der Moranbong Band – im Süden als „nordkoreanische Girlgroup“ bekannt – am beliebtesten. Die Band wurde 2012 zusammengestellt, kurz nach der Machtübernahme von Kim Jong-un. Hyon Song-wol, die Musikdirektorin der Truppe, zog während des Besuchs der Moranbong Band anlässlich der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang das Interesse der südkoreanischen Öffentlichkeit auf sich. Die meisten Bandmitglieder sind Absolventen der Pjöngjang-Universität für Musik und Tanz oder der Geumseong
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1. Biographische Daten der Choreographin Lim Chu-ja. Nach der Gründung des Korea Dance Institute 1957 widmete sie sich der Nachwuchsausbildung und machte sich einen Namen als großer Star in der Tanzwelt der koreanischen Diaspora in Japan. Sie verschied 2019. 2. Der Komponist Chong Sang-jin erinnert sich an das Leben von Kim Pyong-hwa, des Dirigenten des Nationalen Sinfonieorchesters Nordkoreas. Das Foto rechts zeigt Kim und das Orchester bei einem Konzert im Tokyo Metropolitan Theatre.
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Schule, der Alma Mater von Nordkoreas First Lady Ri Solju. Das führte zu der Spekulation, dass sie diejenige war, die die Band ins Leben rief. Sowohl die Moranbong Band als auch das Verdiente Staatliche Chorensemble gelten als Ikonen der Ära Kim Jong-un. Der Stil ihrer Aufführungen übt starken Einfluss auf andere Organisationen der Darstellenden Künste aus. Ebenso populär ist die 2015 auf Kims Anweisung ins Leben gerufene Chongbong Band, eine auf Unterhaltungsmusik spezialisierte Blechblasinstrumenten-Truppe.
Musikpolitik
„In Sachen Modernisierung traditioneller Musikinstrumente und Experimentieren mit Fusionmusik hat Nordkorea im Vergleich zum Süden die Nase vorn“, sagt Cheon Hyeon-sik. Die nordkoreanischen Projekte für die Modernisierung von Musikinstrumenten machten aus der 12-saitigen Zither Gayageum ein Instrument mit 19 oder 21 Saiten. Sie änderten auch die Tonleitern der traditionellen koreanischen
Musik von pentatonischen (fünf Töne) zu heptatonischen Skalen (sieben Töne). Einige von Nordkorea modernisierte Instrumente wurden von südkoreanischen Musikern akzeptiert, so z. B. die Ongnyugeum, eine Zither mit 33 Metallsaiten, das Jangsaenap, ein der Oboe ähnliches, längeres Holzblasinstrument mit kurzem Doppelrohrblatt, und das Daepiri, ein klarinettenartiges Holzblasinstrument. Die beiden Autoren betonten, dass „es unmöglich ist, Musik im Norden getrennt von der Politik zu diskutieren“ und dass „Musik dort einen größeren Einfluss hat als jedes andere Kunstgenre“. Dahinter steht die Anweisung des verstorbenen Staatsführers Kim Jong-il: „Musik muss der Politik dienen. Musik ohne Politik ist wie eine Blume ohne Duft, und Politik ohne Musik ist wie Politik ohne Herz.“ In Nordkorea ist Musik untrennbar verbunden mit Politik, während die südkoreanische Musik auf Vergnügen und Geschmack des Individuums abzielt. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Musik im Norden ein anderes Gesicht hat als die im Süden.
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VERLIEBT IN KOREA
BELEUCHTUNG DES KOREANISCHEN FILMS Pierce Conran
Durch eine Verwechslung entdeckte der Ire Pierce Conran als Jugendlicher den koreanischen Film, was ihn schließlich nach Korea brachte, wo er aus seiner Leidenschaft einen Beruf machte. Heute produziert er Filme, verfasst Kritiken und schreibt für Fans des koreanischen Kinos in aller Welt. Cho Yoon-jung Freiberufliche Schriftstellerin, Übersetzerin Fotos Heo Dong-wuk
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er erste koreanische Film, den Pierce Conran sah, war alles andere als „Teenagerliebe auf den ersten Blick“. Beim Stöbern in einem DVD-Laden geriet er, angelockt von dem verfänglichen Titel und dem auffälligen Cover, an einen Film, von dem er dachte, es sei eine der „interessanten und angesagten“ japanischen Produktionen. Stattdessen sah er Teil 1 der blutigen Rache-Trilogie des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook (geb. 1963): Sympathy for Mr. Vengeance (2002). „Ich fand den Film gewalttätig und grausam. Ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen sollte“, meint Conran. „Ehrlich gesagt, verabscheute ich ihn so sehr, dass ich jedem, dem ich begegnete, davon erzählte.“ Doch dieser Film ließ Conran nicht los. Einige Wochen später musste er ihn sich einfach noch einmal ansehen. „Plötzlich begann er mir zu gefallen“, erinnert er sich. „Beim zweiten Schauen begriff ich langsam, dass ein Sinn, eine Absicht dahintersteckt. Ich konnte zwar die Intention des Regisseurs nicht ganz nachvollziehen, wollte aber unbedingt mehr darüber herausfinden.“ Mit einer Mischung aus Aversion gegenüber und Neugier auf Korea schaute sich Conran alle koreanischen Filme, die er auftreiben konnte, an. Seine jungen Jahre verbrachte der damals 16-Jährige im schweizerischen Fribourg, der Heimat des Gruyère-Käses. Die Nachbarn waren meist Bauern und morgens wurde er von Kuhglocken geweckt. Während seiner etwas einsamen
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Kindheit in dieser idyllischen Umgebung wurden Filme seine Freunde. Mit zwölf Jahren kehrte Conran nach Irland zurück, wo er ein Internat in Dublin besuchte und seine Freizeit im nahe gelegenen Kino verbrachte. Das war in den 1990ern, einer Zeit, in der der moderne asiatische Film international an Aufmerksamkeit zu gewinnen begann.
Autor, Rundfunkjournalist, Produzent
Ein Satz reicht, um einen Einblick in Conrans Arbeitsleben in Korea zu geben: „Grundsätzlich bemühe ich mich, bei allem, was mit koreanischem Kino zu tun hat, auf irgendeine Weise mitzumachen.“ Dieses Jahr war er z. B. Jury-Mitglied beim jährlich im Juli stattfindenden Bucheon International Fantastic Film Festival (BIFAN). Aufgabe Conrans ist es, Cineasten auf der ganzen Welt über koreanische Filme zu informieren. Seine Haupttätigkeit ist die Edition der englischsprachigen Ausgabe von KoBiz, der Website des Korean Film Council (KOFIC). Er schreibt Features, Beiträge über Neuigkeiten sowie Kolumnen und plant, einen diesbezüglichen YouTube-Kanal zu moderieren. Neben Schreib- und Produktionstätigkeiten tritt er regelmäßig in Sendungen des englischsprachigen Kabelfernsehkanals Arirang und des Hörfunksenders TBS (Traffic Broadcasting System) auf. Zudem schreibt er für die kanadische Website ScreenAnarchy, die sich hauptsächlich mit Indie-Filmen befasst, und ist für die US-Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft XYZ Films mit Hauptsitz in Los Angeles tätig. Die Filmproduk-
Pierce Conran ist ein Filmfan, der sich pro Jahr bis zu 800 Filme anschaut. Sein absoluter Favorit ist Bong Joon-hos Memories of Murder, der Film, der ihn nach Korea brachte.
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tion ist sein Zweitjob. Zurzeit produziert Conran ein Stück von Regisseur Lee Sang-woo, dessen Werke als „Inbegriff des koreanischen Indie-Films“ gelten. Mit Streifen wie z. B. Mutter ist eine Hure (2011), Vater ist ein Hund (2012) und Ich bin Abfall (2016) thematisiert der Filmemacher die Schattenseiten der Gesellschaft. Die jüngste Conran-Lee-Kollaboration ist ein 2019 erschienener Teil der Horror-Anthologie Deathcember, an der verschiedene Regisseure aus aller Welt beteiligt waren. Conran und Lee hatten sich 2012 beim Cinema Digital Seoul Film Festival (CinDi) kennengelernt und Lee hatte damals eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Zu der Zeit machte sich Conran in der koreanischen Filmszene langsam einen Namen. Vor Abschluss seines M. A.-Studiums in Französischer Literatur und Filmwissenschaft am Trinity College Dublin hatte er 2010 den Blog Modern Korean Cinema gestartet und sprang zwischen Bloggen und Verfassen seiner Masterarbeit über Memories of Murder (2003) von Bong Joon-ho hin und her. Diese Bemühungen führten zu Vortragseinladungen zu Konferenzen und zahlreichen internationalen Veranstaltungen. Bloggen war zudem eine Möglichkeit, online mit Fans des koreanischen Films zu kommunizieren, darunter mit Filmkritiker Darcy Paquet, den mittlerweile jeder Koreaner kennt, da er die englischen Untertitel für den Oscar-gekrönten Film Parasite (2019) von Bong Joon-ho verfasste. Als Paquet vorschlug, Conran solle doch nach Korea kommen, bedurfte es keiner großartigen Überredungskünste, denn Conran hatte schon längst einen Koreaaufenthalt beschlossen. 2012 kam er in Korea an, wo er anfangs in einem Englisch-Hakwon (privates Lerninstitut) unterrichtete. Aber schon wenige Monate später bekam er den Editor-Job für KoBiz. Danach ging alles sehr schnell.
Tiefer eintauchen
Für Conran sind diese rasanten Veränderungen zwar reines Glück, Grundstein dafür waren aber seine Fimleidenschaft und sein „Hang zur Besessenheit“. Kurz gesagt: Seine Begeisterung ließ ihn neue Chancen ergreifen. „Meine enthusiastische Haltung hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert, v. a. im privaten Bereich,“ fügt er hinzu. „Ich hatte ohne Zweifel großes Glück, aber ab und zu mache ich mir Sorgen, dass jemand mir den Zauberteppich unter den Füßen wegziehen könnte. Mal ganz ehrlich: Zurückzuführen ist das alles doch auch darauf, dass
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Pierce Conran ist zwar in erster Linie Filmkritiker, steht aber auch hin und wieder vor der Kamera. So hatte er einen Kurzauftritt als Journalist in Yeon Sang-hos im Juli 2020 herausgekommenen Film Peninsula, der Fortsetzung des Zombie-Blockbusters Train to Busan (2016).
ein westlicher Weißer eine positive Meinung über den koreanischen Film hatte. Das hat sich zu meinem Vorteil ausgewirkt, dessen bin ich mir völlig bewusst.“ In seinem Privatleben spielte die Ehe mit der Regisseurin Lee Kyung-mi eine bedeutende Rolle. In einem Zeitungsartikel wurde Conran als „Seongdeok“ bezeichnet, was so viel wie „erfolgreicher Fan“ bedeutet und auf Anhänger von K-Pop-Stars referiert, die ihr Idol persönlich treffen konnten. Lachend sagt er: „Ich war ein großer Fan von Kyung-mis Crush and Blush von 2008 und freute mich schon auf ihren nächsten Film.“ Sie lernten sich auf einer Party kennen, wo ein befreundeter Regisseur Lee zu ihm herüberbrachte und dann laut gerufen haben soll: „Darf ich vorstellen: Lee Kyung-mis neuer Freund!“ Trotz dieses etwas peinlichen Beginns – seiner Erinnerung nach hatte er damals, sich die Arme reibend, „Oh, hallo“ gesagt und dann einfach da gestanden, als die Leute Fotos schossen – nahmen die Dinge einen natürlichen Lauf und 2018 heirateten die beiden.
© Next Entertainment World
Neben seinen zahlreichen Tätigkeiten unterstützt Conran seine Frau auf vielfältige Weise beim Filmemachen. In ihrem Beitrag zur vierteiligen Netflix-Anthologie Persona (2018) spielte er den Part des potentiellen Freundes der Protagonistin, die von K-Pop Star IU gespielt wird. Das Mädchen verspricht ihm ein Date unter der Bedingung, dass er dafür zuerst die neue Freundin (gespielt von Bae Doona) ihres Vaters verführt. Conran hat zwar keine Absicht, Schauspieler zu werden, erklärt aber: „Ich liebe es einfach, am Set dabei zu sein. Auf diesem Level mitmachen zu dürfen, ist für mich aufregend.“ Er ist auch in Peninsula (2020) zu sehen, der im Sommer 2020 erschienenen Fortsetzung von Yeon Sang-hos Zombie-Thriller Train to Busan aus dem Jahr 2016.
In die Zukunft
Aus Conrans Sicht hat die Einstellung zum koreanischen Film im Laufe der letzten Jahre Veränderungen erfahren, wofür Parasite ausschlaggebend war. Das Niveau, die einzigartigen Themen und der hohe Produktionswert koreanischer Filme hätten international schon immer ziemlich hohes Ansehen genossen, aber während in der Vergangenheit glänzende Kritiken oft noch etwas gezwungen anmuteten, so sei es heute ganz anders.
„Koreanisches Kino hat unendlich viel Potenzial,“ meint Conran. „Genrefilme liegen weltweit im Trend, was sich vorteilhaft für Korea auswirkt.“ Zudem etablieren sich Streaming-Dienste immer mehr, ein Trend, der durch die soziale Distanzierung infolge der COVID-19-Pandemie noch weiter verstärkt wird. Conran glaubt, dass die koreanische Unterhaltungsindustrie, die ihr Potenzial mit TV-Serien hinreichend bewiesen hat, große Vorteile besitzt. Was ihm Sorgen bereitet, ist jedoch die Begrenztheit der Inhalte: „Was Handlung und Musik betrifft, so finden sich heutzutage überall methodische Anlehnungen an z. B. Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Christopher Nolan. Vor 15 Jahren gab es zwar viele Flops bzw. Herumexperimentiererei, das war aber hoch spannend. Heute sind die Filme zu aufpoliert und viele ähneln einander.“ Conrans Filmgeschmack ist breit gefächert, aber er hat eine besondere Vorliebe für Genrefilme mit unklaren oder starken Botschaften. Memories of Murder ist sein absoluter Favorit. Dieser von ihm als „perfekt“ bewertete Film ist auch das Werk, das ihn fesselte und nach Korea brachte. Was er an koreanischen Filmen am meisten liebt, hat eigentlich viel mit dem zu tun, was ihm an seiner Wahlheimat nicht so gefällt. „Als ich zum ersten Mal nach Korea kam, fand ich alles spannend und aufregend, alles war einfach toll. Aber dann war das plötzlich mein Alltagsleben und es gab Aspekte, die mir missfielen.“ Damit meint er z. B. Geschäftspraktiken, patriarchalische Strukturen und verschiedene soziale Probleme. „Das Großartige an koreanischen Filmen ist, dass sie versuchen, alles Schlechte, all das Leid, das die einzelnen Generationen in der Geschichte des 20. Jhs erleben mussten, und alle Übel der modernen Gesellschaft überwinden zu helfen.“ So haben sich Conrans Gefühle gegenüber Korea mit der Zeit verändert. „Als ich durch meine Heirat in eine neue Familie aufgenommen wurde, haben sich mein Verständnis und meine Liebe zu Korea weiter vertieft. Das hat mir geholfen, mein Koreanisch zu verbessern, auch wenn es langsam vorangeht,“ sagt Conran. Er hofft, sich in Zukunft stärker auf die Filmproduktion konzentrieren zu können, und weiß, dass sein Koreanisch dafür gut sein muss. Der vollkommene Filmenthusiast und begeisterte Sammler von Blu-rays scheint wirklich glücklich zu sein, weil er das macht, was er liebt. „Ich schaue mir sehr viele Filme an. Eigentlich viel zu viele, so an die 800 pro Jahr,“ sagt er und scheint von der Zahl selbst überrascht zu sein. Lächelnd fügt er hinzu: „Das ist mein Beruf.“
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UNTERWEGS
Haenam
Wo Anfang und Ende koexistieren Haenam, als „Ttangkkeut (Ende des Landes)“ bekannt, zieht mit seiner herrlichen Berglandschaft und geschichtsträchtigen buddhistischen Tempeln viele Besucher an. An der südwestlichen Spitze der koreanischen Halbinsel gelegen, war das Gebiet einst der kulturelle Korridor zum alten China und Japan sowie ein Zufluchtsort für politische Exilanten. Lee Chang-guy Dichter, Literarturkritiker Fotos Ahn Hong-beom
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Der See Gocheonam in Haenam ist Winterquartier für Zehntausende von Zugvögeln, allen voran der Baikalente. Aber auch verschiedene andere seltene, als Naturdenkmäler designierte Vogelarten sind hier zu finden, was den See für Forscher interessant macht.
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ür jeden gibt es einen Ort, durch den man nicht unbeschwert von jeglichen Gedanken spazieren kann. Für mich ist das Haenam. Ich habe vom Frühjahr 1980 bis Herbst 1982 in Haenam gelebt. Mit knapp über zwanzig hatte ich schon alle Fragen gestellt, die man an das Leben stellen kann, und alle Verbitterung und Leidenschaften des Leben erschöpft, die sich eine nach der anderen über mein ganzes Leben hätten verteilen sollen. Geistig und körperlich aus dem letzten Loch pfeifend, meldete ich mich wie auf der Flucht freiwillig zum Militär. Wie erwartet, waren dort keine abstrakten Fragen erlaubt. Nachdem ich die Grundausbildung absolviert hatte, wurde ich an einen Ort abkommandiert, der am weitesten entfernt von zu Hause lag: Haenam in der Provinz Jeollanam-do, am südwestlichsten Ende der koreanischen Halbinsel. Dort begann ich mitten im Winter meinen Wachdienst an der Küste. Grün bemooste Steinmauern und Zäune aus dem Holz dreiblättriger Orangenbäume; der im Nebel hängende, salzig-feuchte Geruch des Meeres; lehmgestampfte Wege und Bächlein, die sich durch endlose Felder wanden; ein paar schwarze Ziegen, die auf dem Hügel herumtollten;
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die Frau, die ein Lädchen vor dem Militärstützpunkt führte, alt geworden, ohne den Namen ihres Mannes auf den Postbriefen lesen zu können – das waren meine ersten Eindrücke von Haenam, die sich mit meiner gerade abebbenden Unruhe kreuzten. Jetzt, mehr als vierzig Jahre später, überquere ich wieder einmal den Pass Useulchi (auch Useuljae; wörtlich: KuhKnie-Pass). Um aus den nördlich gelegenen Gebieten Yeongam und Gangjin in die Kreisstadt Haenam zu gelangen, muss man über diesen Pass. Meine Reisegefährten und ich halten nach unseren reservierten Unterkünften Ausschau. Nichts kommt mir bekannt vor. Für diejenigen, die die Besichtigung einst prachtvoller Kulturstätten oder Schwelgen in Erinnerungen an die Vergangenheit als Entdecken oder Reisen betrachten, ist Haenam denkbar ungeeignet. Zunächst einmal gab es dort keine glorreichen Zeiten. Daher gibt es auch nichts besonders Sehenswertes. Es ist höchstens bekannt als Ort, an dem Dissidenten fernab von der Hauptstadt des Reiches in Verbannung lebten. Dass Haenam trotzdem einen Boom als Ziel kultureller Entdeckungsreisen erlebte, ist dem Kunsthistoriker Yu Hong-jun (71) zu verdanken, der im ersten Band seiner Buchserie Meine Entdeckungstouren des kulturhistorischen Erbes Haenam als „Erkundungsort Nr. 1 der südlichen Provinzen“ vorstellt. Er entführt den Leser nach Nogudang, dem Hauptanwesen der Jongga-Stammfamilie des Yun-Clans von Haenam, gelegen im Kernbereich des von Nusseiben umgebenen Dorfs Yeondong; zum Tempel Daeheung-sa, der sich – abgelegen am Ende eines von uralten, einen Tunnel bildenden Bäumen gesäumten Waldwegs von etwa 4 km Länge – im Tal der Berge Duryun-san befindet; zum auf dem Rücken der Berge Dalma-san (auch Dharma-san) gelegenen, altehrwürdigen Tempel Mihwang-sa; und zur Bergspitze Saja-bong (wörtlich: Löwen-Bergspitze) mit ihrem Ttangkkeut-Aussichtsturm. Angezogen von der unbefangenen, geistreichen Wortgewandtheit, mit der Yu
1. Selbstbildnis von Yun Du-seo. 1710. Tusche und leichte Farben auf Papier. 38,5 × 20,5 cm. Das Werk gehört zu den Meisterwerken der koreanischen Porträtmalerei. Yun Du-seo (1668-1715), seines Zeichens Maler und Gelehrter, war der Urenkel von Yun Seon-do, eines Beamten und Dichters der mittleren Joseon-Zeit, und der Urgroßvater mütterlicherseits des berühmten Denkers und Staatsmannes Jeong Yak-yong. 2. Das Herrengebäude von Nogudang, des Stammhauses des YunClans aus Haenam. Ein Teil des Anwesens, das König Hojong (reg. 16491659) seinem Lehrer Yun Seon-do geschenkt hatte, wurde abgebaut und hierhin verlegt. Die Namenstafel stammt von dem berühmten Kalligraphen Yi Seo (1662-1723), der eng mit Yun Du-seo befreundet war.
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diese Orte beschreibt, kamen viele nach Haenam und waren von der entlegenen und friedlich-stillen, vertrauten und pittoresken, schlichten und schmucken Landschaft bezaubert, die so ganz anders als die berühmten Sehenswürdigkeiten war. Allerdings dürften nur wenige wissen, dass der Idylle aus sanften Sonnenstrahlen und lauen Brisen, die sich gelassen um die Bergrücken legen, oft gewaltig tobende Regenstürme, die alle das Zittern lehren, vorausgeht.
Nogudang und Buyongdong
An dem Tag, an dem wir Nogudang (wörtlich: „Haus des grünen Regens“), das Stammhaus des Yun-Clans von Haenam, besuchten, goss es dermaßen, dass die im Convenience-Laden gekauften Regenschirme wenig nutzten. Der Führer, der uns im Regen die verschiedenen Ecken des Anwesens zeigte und das Leben von Yun Seon-do (15871671), der die Geschichte des Hauses prägte, erklärte, war niemand anderer als der Kulturreiseleiter Yun Yeong-jin (68), der in 13. Generation in direkter Linie von Yun Seon-do abstammt. Das Haenam seiner Schulzeit vor über 50 Jahren, an das er sich erinnert, lässt sich wie folgt zusammenfassen: neu angelegte Straßen, über die der Staub weht, und Plakate an jeder Mauer, die dazu aufriefen, Spione zu melden. Die natürlichen Gegebenheiten machten den Ort „für kommunis-
tische Infiltration anfällig“, sodass es Yun gut und natürlich erschien, die Soldatenlaufbahn einzuschlagen. Erst nachdem er als Oberst aus dem aktiven Militärdienst ausgeschieden und sich in seinem Heimatort zur Ruhe gesetzt hatte, las er das Tagebuch Jiam Ilgi, verfasst von Yun I-hu (1636-1699), einem Vorfahr in direkter Linie, der ein Enkel des Dichters und Hofbeamten Yun Seon-do war, Zeile für Zeile durch. Yun I-hu war wiederum der Vater von Yun Du-seo (16681715), der das bekannteste Selbstporträt des Joseon-Reichs (1392-1910) hinterließ; Yun Du-seo war zudem der Urgroßvater mütterlicherseits des Silhak-Gelehrten Jeong Yak-yong (1762-1836; Silhak: konfuzianische Lehre vom Praktischen Wissen), eines großen Denkers und Staatsmannes der späten Joseon-Zeit. Es war in Nogudang, dem Haus, in dem wir jetzt standen, wo Yun Du-seo geboren wurde. Oberst Yun erklärte, dass die Säulen des Nogudang wie die eines Anwesens der königlichen Familie gerundet seien, weil das Haus ein Geschenk von König Hyojong (reg. 1649–1659) war, dem Yun Seon-do während dessen Kronzprinzenjahren als Hauslehrer gedient hatte. Mit dem Ableben von König Hyojong, in dessen Gunst Yun Seondo gestanden hatte, wurde er verbannt. Als er sieben Jahre später heimkehrte, ließ Yun das Sarangchae (Herrengebäude eines traditionellen Hanok-Anwesens) seines Anwesens
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in der Stadt Suwon abbauen und in Haenam wiederaufbauen. Damals war er 81 Jahre alt. Im Ausstellungspavillon, der neben dem Nogudang errichtet wurde, ist das Selbstporträt von Yun Du-seo und die Joseon-do (umfassende Karte des Joseon-Reichs) zu sehen. Als wir dann jedoch hörten, dass aus Diebstahl-Vorkehrmaßnahmen nur Repliken zu sehen waren, machten wir kehrt. Die meisten Spuren von Yun Seon-do finden sich im Garten Buyongdong auf der Insel Bogil-do. Die Insel, die heutzutage der Verwaltung des Landkreises Wan-do untersteht, erreichte man damals wohl zu Wasser vom Dorf Baekpo in Haenam aus. Heutzutage legen alle 30 Minuten Fähren von den Anlegestellen der Insel Wan-do und des Galduri-Hafens in Haenam ab. Im Dorf Baekpo befindet sich ein Haus des Familienclans Yun. Das Wattenmeer in der davor liegenden Bucht soll zu Lebzeiten von Yun Seon-dos Großvater im Zuge eines Landgewinnungsprojekts abgesperrt worden sein. Als sein Enkel Yun Du-seo das Familienanwesen übernahm, soll die Marschebene dann bereits solche Ausmaße angenommen haben, dass die Familie zwecks Bewirtschaftung des Landes dort Haus und Hof bauen ließ. Unter den von Yun Du-seo angefertigten Landschaftsbildern gibt es auch eins mit dem Titel Baekpo Byeolseodo (Bild der Baekpo-Villa). Ausländische Besucher dürften beim Anblick des Buyongdong-Gartens überrascht sein vom exquisiten Auge und
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Geschmack der wohlhabenden Adelsfamilie aus der JoseonZeit und der im Einklang mit der Natur stehenden Gesamtgestaltung. Wenn sie dann noch hörten, dass zum Empfang von Gästen auf dem gegenüber liegenden Hügel eine Trommelaufführung inszeniert wurde, dürfte ihre Bewunderung nur noch weiter steigen. Doch die Koreaner betrachten den Ort mit gemischten Gefühlen. Grund dafür ist, dass Haltung und Verhalten von Yun Seon-do, der diesen Garten anlegen ließ und genoss, nicht mit Geist und Lebensführung eines konfuzianischen Seonbi (Gelehrter) übereinstimmten. Dazu gehört z. B. Menzius’ Credo von einem frugalen und ehrlichen Leben und vom gerechten Teilen des Glücks mit allen. Yun lebte nämlich in einer Zeit, als das Land durch zwei große Kriege verwüstet war und das einfache Volk unter Armut litt. Das macht es den Koreanern nicht ganz einfach, in Yun einen Mann von edlem Charakter, der nach einem Leben im Einklang mit der Natur strebte, zu sehen. Yuns berühmtestes Werk ist Eobu Sasisa (Des Fischers vier Jahreszeiten), ein Zyklus aus 40 Sijo-Versen, der wegen seiner verfeinerten Ausdrucksweise sowie lebhaften und sinnlichen Darstellungen in literarischen Kreisen hoch geschätzt wird. Allerdings fungiert der Fischer, der als Erzähler des Gedichtszyklus in Erscheinung tritt, nur als Bestandteil der Landschaft, als, wie Yun es in seinem Vorwort formuliert, „weiteres Pläsier, das uns mit voller Stimme gemeinsam sin-
gen und rudern lässt“. Doch die tief sitzende, verbitterte Wut seines Patriotismus, der ihn dreimal ins Exil verbannt werden ließ, lastet schwer auf ihm. Und das ist der Grund, warum ich nicht einfach unbeschwert durch den wunderschönen Buyongdong-Garten „spazieren gehen“ kann.
Die Tempel Daeheung-sa und Mihwang-sa
Mit Hilfe des Kulturinstituts Haenam konnten wir durch Jeon Guk-seong (70), den pensionierten Leiter des örtlichen Gesundheitszentrums, etwas über die jüngsten Entwicklungen erfahren. Er ließ die verschütteten Erinnerungen an Sanftmut und Fleiß der Menschen wieder in mir aufleben. Jeon, der jetzt als Gastprofessor für Sozialkunde an einer Universität unterrichtet, ist stolz darauf, dass der Untergang seiner Familie ihn in seinen jungen Jahren dazu zwang, früh auf eigenen Beinen zu stehen und ihn so zu dem Menschen, der er heute ist, werden ließ. Er bot uns seine Begleitung an, was ein gemütlicheres Gespräch während der Fahrt ermöglichte. Wir waren überrascht zu hören, dass aus Hwawon, dem entlegensten Ort in Haenam, der landesweit größte Pro-
duzent für Winterkohl und Hauptlieferant von eingesalzenem, für Kimchi verwendetem Chinakohl wurde, und die dortigen Grundstückspreise durch die Straßenanbindung an die Stadt Mapo in die Höhe geschossen waren. Vor vierzig Jahren hieß es, ein dienstlicher Gang nach Hwawon beanspruche einen ganzen Tag. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Soldat für eine Gesamtbestandsaufnahme der Vorräte zu Fuß jeden einzelnen Wachposten an der Küste abklappern musste und der Schweiß nur so an mir herunterrann. Die Fläche, die Haenam zwecks landwirtschaftlicher Nutzung dem Meer abgewonnen hat, ist landesweit die 1. Der Tempel Mihwang-sa, 749 erbaut, liegt am südlichen Ende der koreanischen Halbinsel. Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass chinesische Gelehrte und Beamte den Tempel besuchten, was beweist, dass er auch in China bekannt war. Links ist die Haupthalle Daeungbojeon zu sehen, hinter der sich die malerischen Gipfel des DalmasanGebirgszugs erheben. 2. Die Einsiedelei Dosol-am auf einer Steilklippe des DalmasanGebirgszugs wurde lange Zeit vernachlässigt, bevor sie schließlich 2002 wieder aufgebaut wurde.
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Die Ortsbezeichnung „Haenam“, wörtlich „Am Meer im Süden“, lässt darauf schließen, dass eine neue Welt nur einen Schritt vom Land entfernt liegt. Dieser Ort birgt die Kraft, Seeleute und Verbannte aus den Widrigkeiten des Daseins zu retten. 70 KOREANA Herbst 2020
Lotusteich und Seyeonjeong-Pavillon im Garten Buyongdong auf der Insel Bogil-do. Als König Injo (reg. 1623-1649) sich 1637 den invasierenden Qing-Truppen ergab, schied Yun Seon-do aus dem Hofdienst aus und schuf in seinem Heimatort diesen Garten. Während er abgeschieden auf der Insel lebte, schrieb er seinen berühmten Gedichtzyklus Des Fischers vier Jahreszeiten.
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größte. Die Landgewinnung erhöhte zwar die Ernteerträge, veränderte aber auch die Wasserläufe. Dadurch seien die langarmigen Oktopussen, die man einst schaufelweise in den Kessel füllen konnte, und Schlammspringer verschwunden, was Jeon vor Bedauern seufzen ließ. Entwicklung verändert oft das Schicksal historischer Stätten und auch das Gemüt der Menschen. Jeon berichtete, dass vor dem Tempel Daeheung-sa eine neue Restaurantstraße entstanden sei und das Gasthaus Yuseon mit seiner 200 Jahre alten Geschichte zugemacht habe. Es war in diesem Gasthaus gewesen, wo ich mit meiner Mutter und Schwester, die mitten im Winter den weiten Weg von etwa 400 km auf sich genommen hatten, um mich zu sehen, übernachtet hatte. Nach einem Besuch der schneebedeckten Tempelanlage von Daeheung-sa hatte ich neben den beiden auf dem geheizten Ondol-Fußboden gelegen und vergeblich auf Schlaf gewartet, der wegen all der erdrückenden Neuigkeiten von zu Hause nicht hatte kommen wollen. Es wird erzählt, dass Kim Jeong-hui (1786-1856; Künstlername: Chusa), ein Meisterkalligraph der späten JoseonZeit, auf seinem Weg in die Verbannung auf der Insel Jejudo im Tempel Daeheung-sa, wo sich sein Freund, der Ehrwürdige Mönch Choui (1786-1866), aufhielt, Halt machte. Kim soll damals die von dem Kalligraphen Lee Gwang-sa (1705-1777) stammende Schrifttafel entfernt und durch eine von ihm gefertigte Kalligraphie ersetzt haben. Fast acht Jahre später besuchte Chusa den Tempel auf dem Nachhauseweg aus dem Exil erneut, um Lees Kalligraphie wieder anbringen zu lassen. Der Kommentar von Park Gyu-su (1807-1876), eines prominenten Vertreters der Aufklärung im späten Joseon-Reich, dass „Chusa nach dem Überqueren des Meeres sich nicht mehr von anderen beschränken lassen oder ihnen nacheifern wollte und so
wahre Meisterschaft erreichte“, lässt die Geschichte noch überzeugender klingen. Bis hinauf zur Ilji-am, einer der Klausen des Tempels, die auch als Wallfahrtsort der Teekultur bekannt ist, wo der Mönch und Teekenner Choui seine späten Jahre verbrachte, braucht man vom Tempelhof aus noch vierzig Minuten. Der Mihwang-sa hatte sich noch stärker verändert. Der Tempel, der mit nur drei, Vier Gebäuden gerade noch das Bild eines Tempels bewahrt hatte, ist heute von hohem Mauerwerk umschlossen, und vier Himmlische Wächter, wie sie in großen Tempeln zu finden sind, bewachen den Eingang. Die Anlage scheint mit Blick auf Tempelaufenthalt-Angebote stark erweitert worden zu sein. Der alte, schmale Weg über den Dalma-san, den früher nur Holzfäller und Mönche nutzten, wurde ausgebessert und in einen Wanderweg mit dem erhabenen Namen „Dalmago-do“ (dt. Alter Dharma-Weg) verwandelt. Dieser vom Mihwang-sa bis zum Dorf am Ende des Landes führende Trampelpfad ist weit und breit bekannt. Ein Besucher wie ich, für den der Herbst des Lebens mittlerweile angebrochen ist und der sich freut, die im alten „Farbenkleid“ belassene Haupthalle wieder zu erkennen, denkt eher an die verflossene Zeit als an glorreiches Äußeres und die damit verbundenen Mühen. Ich war das erste Mal zum Mihwang-sa gekommen, als ich während meines Wehrdienstes zum Sammeln von Knäuel-Klee, aus dem Besen zum Fegen des Truppenübungsplatzes gemacht werden sollten, abkommandiert worden war. Die Haenam-Region war zwar keine Region mit kalten Schneestürmen, doch hin und wieder schneite es in der Nacht, sodass Knäuel-Klee-Besen perfekt zum Fegen waren. Blickte man von dort hoch, sah man die Steinklippen, die die Einsiedelei wie einen Wandschirm einrahmten, blickte man nach unten, waren Inselchen zu sehen, die – neugeborenen Welpen gleich – sich mit noch geschlossenen Augen an den Körper ihrer Mutter schmiegten. Am Ende der Holzdiele vor den Schlafräumen des Tempels hatten ein alter Mönch und seine Frau gesessen. Hatte das Paar mir ein Glas Wasser angeboten? War die Sonne jenseits des
Boote von Aabalone-Züchtern in den Küstengewässern vor Yesong-ri, dem malerischsten Fleckchen auf der Insel Bogildo. Der nahe Mongdol-Kiesstrand und die immergrünen Wälder machen das Gebiet zu einer Touristenattraktion.
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Sehenswertes in Haenam
Meers rot untergegangen? – Ich kann mich nicht erinnern.
Seoul
Am Landesende „Ttankkeut“
Die Ortsbezeichnung „Haenam“, wörtlich „Am Meer im Süden“, lässt darauf schließen, dass eine neue Welt nur einen Schritt vom Land entfernt liegt. Dieser Ort birgt die Kraft, Seeleute und Verbannte aus den Widrigkeiten des Daseins zu retten. Diese Bild von einer Örtlichkeit, wo Anfang und Ende koexistieren, hat zwar gelegentlich schlichte Poeten zu lyrischen Ergüssen inspiriert, aber der Dichter, der sich des Motivs in heftiger Auseinandersetzung mit dem Paradox bis zum Äußersten bediente, ist Kim Ji-ha (geb. 1941). Nach der Veröffentlichung seines Gedichtbands Ojeok (Die Fünf Banditen), das diejenigen, die ständig in Bestechungs- und Korruptionsfälle verwickelt sind, auf originelle Weise satirisch verspottet, stand Kim Ji-ha stets an vorderster Front, wenn es im Zuge des Demokratisierungsprozesses der 1970er Jahre zu scharfen Konfrontationen kam. Geistig und körperlich erschöpft von einer Endlospirale aus Flucht, Verhaftung, Gefangenschaft, Folter und Begnadigung, zog er 1984 mit seiner Familie nach Haenam, der Heimat seiner Verwandten mütterlicherseits. Sein Leben stabilisierte sich zwar einigermaßen, er konnte sich aber nicht recht in dieses Leben fügen: „In dem Menschenleben hier kommen Norden und Süden, alte Tage und künftige Tage zusammen, Schreien, an die Brust schlagendes Weinen, Tränen Schlucken, mit gesenktem Kopf Laufen.“– das war es, was er damals in Ttankkeut sah. Was er in diesem düsteren, unheilschwangeren und feuchtkalten Bild entdeckte, war „Aerin“, ein abstraktes „Wesen, das stirbt und wiedergeboren wird“.
1 Kohlfelder in Hwawon-myeon
397,5km Haenam
Nogudang 2 Der Tempel Daeheung-sa in den Duryun-Bergen
Insel Jin-do Das alte Haus 3 von Yun Du-seo
Insel Wan-do
Das Observatorium 4 Löwengipfel
Insel Nohwa-do Seyeon-Pavillon Strand der Dinosaurier-Eier
Insel Bogil-do
1
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3
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Insel Soan-do
Am Landesende stehend, am Landesende, wo es nicht mehr weitergeht, wo es kein Zurück mehr gibt, wo es ohne Verwandlung nicht auszuhalten ist, stehend, – ein Vogel werden und fliegen, oder ein Fisch werden und sich verstecken. oder Wind oder Wolken oder Geist werden – allein stehend rufe ich […] Aus Aerin (1985)
Kims Geisteszustand verschlechterte sich dann extrem und er musste Haenam verlassen, um sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. In seinen späten Jahren sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal, er habe in Franz Schuberts weltlichen und wehmütigen Melodien die Pointe, „in der sich der Gedanke zuspitzt“ entdeckt: „Wir wollen gehen; dann brauchen wir
die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!“ (Aus Philosophische Untersuchungen). Im Roman Die Klavierspielerin (1983), auf dem der gleichnamige Film basiert, kritisiert die Autorin Elfriede Jelinek, dass „die Gesundheit es immer mit den Siegern hält“, und ruft dazu auf, sie nicht als Hauptkriterium für Urteilen und Beurteilen zu betrachten. Gesundheit sei nichts als dummer Unsinn und Verschönerung der Existenz. Es scheint, dass auch die Menschen in Wien, die kurz davor zu sein scheinen, im wahrsten Sinne des Wortes ihren Verstand zu verlieren, etwas Neues entdecken, das sie vor dem Verrücktwerden bewahrt. Ich wünschte, ich könnte ihnen die „rauhe Erde“ von Haenam zeigen.
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REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR
REZENSION
Sinn für Ethik hinter Geistreichtum und Humor
M
Lee Ki-ho, geboren 1972, ist ein Schriftsteller, der für seine erfrischend heitere Wohlberedtheit geschätzt wird. In diesem Sinne wird er oft als Nachfolger von Hwang Sok-yong (geb. 1943) und Sung Suk-je (geb. 1960) bezeichnet. Seine Erzählwerke lassen den Leser erst lachen, dann aber manchmal auch weinen und am Ende der Lektüre bleibt immer etwas Gewichtiges, das ihn nachdenklich stimmt.
it seinem ersten Erzählband Choe Sun-deok: Erfüllt vom Heiligen Geist (2004) machte sich Lee Ki-ho als pfiffiger und wortgewandter Geschichtenerzähler bekannt. Die Titelerzählung thematisiert den Missionierungseifer der frommen Frau Choe Sun-deok, die es als ihre Berufung betrachtet, den Exhibitionisten Adam zu bekehren und zu erretten. Der an der Bibel orientierte Aufbau nach Kapiteln und Versen und das zweispaltige Seitenlayout machen die Erzählung nur noch unterhaltsamer. Beginnend mit Kapitel 1, Vers 1 „Das ist die Geschichte der Choe Sun-deok, einer Dienerin und Gerechten Gottes, die vom Heiligen Geist getrieben wurde. Es wurde nicht der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel ausgelassen“ – so wird das vom Heiligen Geist erfüllte Leben der Protagonistin mit einem Schuss schwarzem Humor und Ironie geschildert. Lees Debüterzählung Earny, die im selben Band abgedruckt ist, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der oben genannten. Protagonisten sind ein junger Mann, der nach Abbruch der Oberschule eine Escort-Agentur betreibt, und eine geistig behinderte Prostitutierte namens Sunhui. Die Erzählung, die sich einer direkten, unverblümten Ausdrucksweise bedient, ist konsequent im schnellen Rap-Stil gehalten. Beide Werke spiegeln den Geist des Herausforderns und Experimentierens des jungen Autors wider. In Lees erstem, 2009 veröffentlichen Roman Wir sind gut im Entschuldigen ziehen zwei junge, lernbehinderte Männer aus der Sozialeinrichtung, in der sie unterge-
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Choi Jae-bong Reporter, The Hankyoreh
bracht waren, aus und machen die ungemein außergewöhnliche Dienstleistung „Proxy-Entschuldigung“ zu ihrem Beruf, was zu einer Reihe kurioser Begebenheiten führt. Alleine schon die Idee, sich im Auftrag von jemandem, der eine Entschuldigung nicht über die Lippen bringt, bei jemand anderem zu entschuldigen, zum Geschäftsmodell zu machen, ist originell. Die Gründe für die jeweiligen Aufträge und die dahinter steckenden Umstände sind ebenfalls interessant. Das Herumirren der beiden Protagonisten, die zunächst keinerlei Ahnung von den Hintergründen für die Entschuldigungen zu haben scheinen, dann aber ungewollt auf die wahren Umstände stoßen, sorgen für Lachen, aber auch für bittere Traurigkeit. Aus der Perspektive des naiven Ich-Erzählers wird auf humorvolle Weise beschrieben, wie viel Schuld und Schuldbewusstsein sich hinter richtig und gerecht erscheinenden Alltagsbegebenheiten verbergen. Die Weltgeschichte der zweitältesten Söhne (2014), Lees zweiter Roman, spielt vor dem Hintergrund der Militärdikatur unter Chun Doo-hwan in den 1980er Jahren. Na Bok-man, ein Taxifahrer in Wonju, einer Stadt in der Provinz Gangwon-do, wird aus völlig absurden Gründen eines politischen Verbrechens verdächtigt. Nachdem die Folter während des Verhörs aus ihm einen in das organisierte Verbrechen Involvierten werden ließ, muss er den Rest seines Lebens auf der Flucht verbringen. Der Titel „Die Weltgeschichte der zweitältesten Söhne“ referiert auf die Geschichte von Kain und Abel aus dem Alten Testament und wird im Roman wie folgt erklärt: „Der Vikar hat gesagt, dass die
© Munhakdongne
Geschichte von Kain und Abel auch in unserer Zeit noch relevant ist. Dass wir alle Brüder sind und dass die Welt aus einem furchteinflößenden ältesten Bruder und unzähligen jüngeren Brüdern besteht, aus unzähligen, vor Angst zitternden zweitältesten Söhnen. […] Das größere Problem sei, dass wir jüngeren Söhne so viel Furcht vor dem großen Bruder haben, dass wir ihn sogar vergöttern. Der Vikar hat über die Realität geklagt, dass wir stärker an den großen Bruder glauben als an Gott.“ Der Titel spricht zwar von „Weltgeschichte“, aber genauer genommen zielt der Roman auf die harte Wirklichkeit in Korea in den 1980er Jahren ab. Der Autor thematisiert mit der ihm typischen gewitzten Redegewandtheit, wie Na Bok-man, der zwar nicht gebildet, aber reinen und guten Herzens ist, zur Beute der auf Jagd befindlichen Nachrichtendienst-Agenten wird und schließlich zugrunde geht: „Die Zeit unseres ‚Noir-Helden‘ war eine Zeit, in der es in allen Ecken und Enden des Landes von allerlei Agenten und Kriminalbeamten mit enormen telepathischen Fähigkeiten und scharfem Analyse- und Urteilsvermögen nur so wimmelte. Sie waren so bewandert und geschickt in der Kunst des Verhörs, dass jeder – sei er nun Student, Firmenangestellter, Hausfrau oder Geistlicher – ausnahmslos seine Schuld gestand, ja, sogar dazu gebracht werden konnte,
1 Oppa: wörtlich „älterer Bruder“; nur von weiblichen Personen gebrauchte Bezeichnung für ältere männliche Geschwister und Freunde
noch mehr zu gestehen.“ Lees vierte Erzählsammlung Oppa 1 Gang Minho aus der Kirchengemeinde, der zu allen freundlich ist, wurde 2018 von Munhakdongne Publishing herausgegeben. Sie stellt sieben Erzählungen vor, in deren Titel ausnahmslos der Name des Protagonisten oder einer anderen wichtigen Person aus der jeweiligen Geschichte genannt wird. Beachtenswerter ist jedoch, dass in vier der sieben Erzählungen ein Schriftsteller erscheint, der entweder Lee Ki-ho selbst ist bzw. auf den aufgrund verschiedener Umstände zurückgeschlossen werden kann. Am Ende des Erzählbandes gibt es ein „Begleitwort des Autors“, das als Nachwort fungiert, aber so lang ist, dass es sich fast wie eine Kurzgeschichte liest. Dort steht der aufschlussreiche Satz: „Was für eine Art von Mauer steht zwischen dem Lee Ki-ho in den Erzählungen und dem Lee Ki-ho, der diese Erzählungen schreibt? Sind es zwei völlig verschiedene Wesen, zwei unterschiedliche Individuen mit jeweils distinktiver Seele?“ Statt diese Frage direkt zu beantworten, sollten wir zuerst Wohin ist Choe Mijin?, die in der vorliegenden Ausgabe präsentierte Auftakterzählung des Erzählbandes, betrachten, in der der „Schriftsteller Lee Ki-ho“ erscheint. Er findet beim Stöbern in einem Secondhand-Onlineshop einen seiner Romane im Sonderangebot. Nach vielem Hin und Her kauft Lee sein Buch von einem ihm wildfremden jungen Mann zurück und bekommt sogar noch eine Entschuldigung zu hören, die aus seinem ursprünglichen Gekränktsein Scham werden lässt. Der junge Mann, der in einer Dienstleistungsbranche, die ständiges Entschuldigen verlangt, zu arbeiten scheint, ruft eines Tages betrunken an und sagt etwas, das den Schriftsteller Lee Ki-ho noch mehr beschämt. Lee wirft in seinem Begleitwort die Frage auf: „Glauben Sie, dass man Sittlichkeit aus Büchern, aus Romanen und Erzählungen lernen kann? Glauben Sie, dass man anhand von Romanen und Erzählungen Schamgefühl entwickeln kann?“ Würde der Leser nicht bei der Lektüre eines Werkes wie Wohin ist Choe Mijin gemeinsam mit dem Autor Scham empfinden und ein gewisses ethisches Bewusstsein entwickeln? Auch in den anderen Erzählungen des Bandes stellt Lee über seinen lebendigen und spitzfindigen Humor hinaus unbequeme Fragen und beschreibt heikle Situationen, die man als „ethische Dilemmata“ bezeichnen könnte. Das ist ein Beweis dafür, dass Lees Schaffenswelt in den nunmehr schon über zwei Jahrzehnten seines Schreibens ein gutes Stück gereift ist.
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