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Koreana Summer 2009 (German)

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a h rgNo a n. g2 4,SuNr. 2 So mmer Vo l .J24, mmer 2009 r ehe a n Kunst u r e ur Ko r e ani K osc a r t & und C u l tKult

2009

Jahrgang Vol. 24, 4, No. Nr. 2 Summer Sommer 2009

Theder Royal Tombs of Erhalt koreanischen the Joseon Dynasty Feuchtgebiete ISSN 1975-0617 1016-0744


KoreanISCHer SCHÖnHeItSSInn

Pyojubak

© Seo Heun-kang

V

or der Erfindung von Verkehrsmitteln packten koreanische

Bei einer traditionellen Hochzeit gab es ein Ritual, bei dem Braut und

Gelehrte, die zu einer längeren Reise aufbrachen, unbedingt

Bräutigam Reiswein aus zwei Pyojubak, die aus ein und derselben

einen Wanderstab, ein extra Paar Strohschuhe und eine Pyo-

Kalebasse gefertigt waren, tranken. Danach wurden diese Kellen wie-

jubak, eine Flaschenkürbis-Schöpfkelle, ein. Unter diesen Objekten

der vereint und zusammengebunden an einer gut sichtbaren Stelle

war die Pyojubak, die man an der Schnur des Mantels befestigte, ein

im Zimmer des frisch vermählten Paares als Schmuck aufgehängt.

Gegenstand, der die Würde des Gelehrten bewahren half. Wenn der

Das war ein Symbol dafür, dass aus zwei Menschen eine Einheit

Gelehrte auf eine Quelle traf, stillte er mit Hilfe der Pyojubak seinen

geworden war. Aus diesem Grund gab es auch den Brauch, Kalebas-

Durst, ohne eine seiner sozialen Stellung unwürdige Körperhaltung

sen im Garten zu pflanzen, wenn man im Hause eine Tochter im hei-

annehmen zu müssen. So war es in alten Zeiten, als das Wasser noch

ratsfähigen Alter hatte.

nicht verschmutzt war.

Auch gab der König seinen Generälen, wenn er sie zu einer gefähr-

Die Pyojubak ist ein Erzeugnis der Natur. Wenn man im Frühling

lichen Mission entsandte, eine Kalebassenhälfte. Diese Geste brachte

Kalebassensamen säte, wuchsen die Ranken oft bis auf das Dach des

den Wunsch zum Ausdruck, dass der General lebend zurückkehren

Hauses und trieben im Sommer weiße Blüten, an deren Stelle sich

und einen Schluck mit ihm trinken möge. Daher fand man gelegent-

Kürbisfrüchte bildeten, die dann im Herbst reif wurden. Die Frucht

lich unter den Besitztümern von auf dem Schlachtfeld gefallenen

hat man früher halbiert und fein säuberlich ausgeschabt. Danach

Generälen eine Pyojubak. Ein Beispiel ist die aprikosenförmige

wurde die Schale gekocht und anschließend getrocknet. Diese Fla-

Pyojubak von Yi Sun-sin (1545-1598), des legendären Admirals der

schenkürbishälften wurden als Maß für Getreide oder als Schöpfkelle

Joseon-Zeit. Bis heute haben in Korea viele verschiedene Pyojubak

für Flüssigkeiten verwendet. Die Form des Flaschenkürbis – kugelig

aus Materialien wie Ton, Metall, Knochen, Bronze, Leder, Muscheln,

oder mit einer Verschlankung in der Mitte – bestimmte die Form der

Papier, Stein usw. und mit vielen verschiedenen Dekors die Zeiten

Pyojubak.

überdauert.

Weil die Pyojubak ein Gegenstand war, der von den Gelehrten am

Mit der Erfindung des Plastiks wurde jedoch die Erinnerung an die

Körper getragen wurde, entwickelte sich eine Vielzahl von Pyoju-

Zeiten, in denen man auf den Dächern Kalebassen züchtete und zu

bak-Dekorationen, Stilen und auch Materialien. Die aus der späten

Pyojubak verarbeitete, so gut wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Aber

Joseon-Zeit stammende Pyojubak in der Abbildung oben wurde aus

da es doch noch Menschen gibt, die die einzigartige ästhetische Form

Holz in Form einer Pfirsichhälfte geschnitzt und mit entsprechenden

und das Geschmackvolle der Pyojubak schätzen, wurde das Pyoju-

dekorativen Elementen versehen. Unabhängig von Material und

bak-Handwerk auch bis auf den heutigen Tag tradiert. Vor allem gibt

Dekor haben alle Pyojubak die Gemeinsamkeit, dass sie mit einem

es nicht wenige, die gerne in den Bergen wandern und das Wasser

Ring versehen sind, damit man sie an der Taille befestigt tragen

der klaren Bäche in den tiefen Wäldern kosten möchten. Sie tragen

konnte.

zu diesem Zweck eine kleine Pyojubak an der Taille befestigt.


Koreanische Kunst und Kultur

Jahrgang 4, Nr. 2 Sommer 2009

Das Upo-Sumpfgebiet im Kreis Changnyeonggun in der Provinz Gyeongsangnam-do ist das größte natürliche Feuchtgebiet Koreas, das noch aus der Urzeit stammt. Das Titelfoto, das den Upo-Sumpf an einem Herbstmorgen zeigt, wurde von dem Fotografen Serene Cho (www. serenecho.net) aufgenommen, der im Jahre 2008 auf Einladung der Generalversammlung der Unterzeichnerstaaten der RamsarKonvention die Ausstellung Whispers with Wetlands präsentierte. © Serene Cho

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Erhalt der koreanischen Feuchtgebiete 8

24

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Feuchtgebiete heute und morgen Koh Chul-hwan 44

14 Die Ramsar-Feuchtgebiete in Korea Han Dong-uk

24 Das Upo-Sumpfgebiet: ein Ort der Urzeit Kang Byung Kuk 68


32

FoKuS

IMPRESSUM

Meilenstein der IT-Kultur: die Nationale Digitalbibliothek

Herausgeber 2558 Nambusunhwanno, Seocho-gu Seoul 137-863, Korea

Nam Young-joon

38

IntervIew rhie won-bok

Professor und Vater des koreanischen Lerncomics Goo Bonjoon

44

The Korea Foundation

PRÄSIDENT Yim Sung-joon REDAKTIONSDIREKTOR Hahn Young-hee CHEFREDAKTEURIN Ahn In-kyoung KUNSTDIREKTOR Lee Duk-lim DESIGNER Han Su-hee, Kim Su-hye REDAKTIONSMITGLIEDER Lim Sun-kun REDAKTIONSBEIRAT Cho Sung-taek, Han Kyung-koo, Han Myung-hee, Jung Joong-hun, Kim Hwa-young, Kim Moon-hwan, Kim Youngna

KunStHanDwerKer Bang Yeon-ok

Bang Yeon-Ok, Ramie: leicht wie Libellenflügel

| Park Hyun Sook

Herausgabezweck: ideell

SUBSKRIPTION

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MeISterwerKe

Eine königliche Schale von schlichter Schönheit

| Yoon Yong-yee

KunStKrItIK

Der Film Old Partner (Wonang Sori ) und die koreanischen Independentfilme

Subskription/Korrespondenzanschrift:

| Yang Sung Hee

Korea entDeCKen alan timblick

Alan Timblicks Traum von einer „Regenbogenstadt“ Seoul Hwang Sun-Ae

64

auF Der weltBÜHne edward Kwon

Edward Kwon und die Globalisierung der koreanischen Küche Seo Il-ho

68 76 80

unterweGS Goseong

Goseong - Heimat der Dinosaurier

Vierteljährlich herausgegeben Preis für Jahresabonnement: Korea 18.000 Won, Luftpost in Deutschland und Österreich 32 EUR (einschließlich Porto) Preis für Einzelheft: Korea 4.500 Won, Deutschland und Österreich 8 EUR (einschließlich Porto)

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leSerBeItraG

Die zeitlose Kultur eines Landes

| Erika Lippki

Koreana Internet Webseite http://www.koreana.or.kr

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leBen

Koreaner – ein Volk der passionierten Bergwanderer Charles La Shure

87

reISen In DIe KoreanISCHe lIteratur

Cheon Woon Young Die Nadel, die das Universum aufsaugt | Seo Young-chae Die Nadel | Übersetzung: Ahn, In-kyoung, Anneliese Stern-Ko

©The Korea Foundation 2009 Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne vorherige Genehmigung der Korea Foundation in irgendeiner Form reproduziert werden. Die Meinungen der Autoren decken sich nicht notwendigerweise mit denen der Herausgeber von Koreana oder denen der Korea Foundation. Koreana ist als Vierteljahresmagazin beim Ministerium für Kultur und Tourismus registriert (Reg. Nr. Ba-1033 vom 8.8.1997) und erscheint auch auf Englisch, Chinesisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Japanisch und Russisch.


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Das Upo-Sumpfgebiet ist ein gigantisches naturgeschichtliches Museum mit unzähligen Tier- und Pflanzenarten.

Erhalt der koreanischen Feuchtgebiete Feuchtgebiete sind von dermaßen ausschlaggebender Bedeutung für den Erhalt der Umwelt, dass sie auch als „Lunge der Erde“ bezeichnet werden. Sie bieten dem modernen Menschen, der sich von der Natur entfremdet hat, einen Ort der Natur- und Umwelterfahrung und der Erholung. Der folgende Überblick über den ökologischen Zustand der koreanischen Feuchtgebiete, darunter auch „Ramsar-Feuchtgebiete“, erlaubt eine Prognose in Bezug auf das Wohlergehen der Menschheit in der Zukunft. Sommer 2009 | Koreana


Feuchtgebiete heute und morgen In Korea hat sich das ökologische Bewusstsein ungeachtet der Tatsache, dass das Land nur eine relativ kurze Geschichte des Feuchtgebietschutzes besitzt, rasch verbreitet. Erfahren Sie mehr darüber, welche Veränderungen nach der Generalversammlung der Unterzeichnerstaaten der Ramsar-Konvention noch wünschenswert sind und welche Aufgaben in Zukunft anstehen. Koh Chul-hwan Professor für Marine Ökologie, Seoul National University Fotos: Kown Tae-kyun

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Die weitläufigen Schilffelder des Öko-Parks in der Suncheon-Bucht sind von Spazierwegen durchzogen, die es dem Besucher ermöglichen, diese Pracht der Natur voll zu genießen.

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© Lee Chang-soo

ie 2006 veröffentlichte Weltökosystemstudie der Vereinten Nationen hebt hervor, dass in den vergangenen 50 Jahren das Ökosystem der Erde in negativer Weise genutzt wurde und sich infolgedessen 60 Prozent der untersuchten Ökosystemdienstleistungen in ihrer Qualität verschlechtert haben. Laut der Studie wurden ein Viertel des Festlandes kultiviert und 15 von 24 untersuchten Ökosystemen zerstört. Betrachtet man das marine Ökosystem, sind etwa 40 Prozent der gesamten Fischarten überfischt. Anhand der Studie wird eine noch negativere Entwicklung der Ökosysteme als in den vergangenen 50 Jahren prognostiziert. Wie sieht die diesbezügliche Lage in Korea aus? Die Entscheidung der Stadt Suncheon Zunächst ein Beispiel für einen kleinen, aber durchaus positiven Wandel in der koreanischen Gesellschaft. Vor kurzem kam aus der Provinz Jeollanam-do eine erfreuliche Nachricht: Die Stadt Suncheon hatte beschlossen, alle Betonmasten in der Suncheon-Bucht zu entfernen, und bereits versuchsweise zwei Masten beseitigt. Die Bucht von Suncheon gehört zu den fünf Feuchtgebieten Internationaler Bedeutung (FIB), wo 5 von insgesamt 15 gefährdeten Kranicharten überwintern. Die Stadt Suncheon traf die Entscheidung, die für die Kraniche lebensgefährlichen Betonmasten zu entfernen, weil im vergangenen Jahr ein Kranich auf einen Masten geprallt und abgestürzt war. Allerdings hatten sich auch bereits zuvor einige ähnliche Unfälle ereignet. Die Entscheidung der Stadt, alle Strommasten und -leitungen auf den Feldern in der Bucht, die sich über eine Fläche von 300 Hektar erstrecken, und im bzw. um den ökologischen Park der SuncheonBucht zu beseitigen, ist daher als ein hoffnungsvolles Signal dafür zu interpretieren, dass die Einstellung der politischen Entscheidungsträger sich nun allmählich in eine ökologische Richtung wendet. Sommer 2009 | Koreana


Während der Weißreiher früher auf seiner jährlichen Migrationsroute nur eine Zeitlang im UpoSumpfgebiet Rast machte, brütet er heute hier.

Die Effekte der Ramsar-Generalversammlung Die Generalversammlung der Unterzeichnerstaaten der Ramsar-Konvention, die zwischen vom 28. Oktober bis 4. November 2008 in Changwon in der Provinz Gyeongsangnam-do stattfand, war für Korea ein internationales Ereignis von großer Bedeutung. Dies nicht allein deshalb, weil es eine Mammutveranstaltung mit etwa 2.000 Teilnehmern aus 160 Ländern - darunter Landesrepräsentaten, Mitglieder internationaler Vereine und verschiedener Bürgerinitiativen - war, sondern vor allem auch, weil es einen Anlass für die koreanische Regierung und die Bevölkerung darstellte, sich Bedeutung und Sinn der RamsarKonvention noch einmal vor Augen zu führen. Die Ramsar-Konvention (Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung ) hat einen völlig anderen Gründungshintergrund als sonstige Abkommen internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen. Dieses ursprünglich von internationalen Verbänden initiierte Übereinkommen über Feuchtgebiete hat sich in den 1980er Jahren zu einem Abkommen zwischen Staaten etabliert, was seine Generalversammlung entsprechend einzigartig macht. Bei dieser Vollverversammlung handelt es sich zwar um eine Zusammenkunft der Landesvertreter, jedoch haben internationale Verbände eine starke Stimme, die im Großen und Ganzen auch von den Landesvertretern gehört und unterstützt wird. Eine weitere Besonderheit der Generalversammlung ist, dass an ihr mehr Bürgerinitiativen teilnehmen als an irgendeiner anderen vergleichbaren Konferenz, und dass die Meinungen dieser NGOs einen starken Niederschlag im Konferenzgeschehen finden. Daher 10 Koreana | Sommer 2009

ist jeder Konferenzraum während der Plenarversammlung vom Enthusiasmus der Bürgerinitiativen erfüllt, die das besondere Ziel „Erhalt der Feuchtgebiete“ anstreben. Ein gutes Beispiel ist die abschließende Diskussion aller Diskutanten unter dem Thema „Sein oder Nichtsein - das ist die Frage in Bezug auf die Wattenmeere in Südostasien (To be or not to be, that is the question of East-Asian Coastal Wetlands)“, die ich im Rahmen des internationalen Symposiums zum Wattenmeer in Südostasien auf der Ramsar-Plenarversammlung moderierte. Es war eine Diskussion, bei der Bügerinitiativen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit Regierungsmitgliedern zusammenkamen und die dringende Agenda anhand der Beziehung „Wattenmeer-ZugvögelMensch“ diskutierten sowie den Zustand der koreanischen Feuchtgebiete in den Küstenregionen diagnostizierten und die Aufgaben für die Zukunft bestimmten. Man kann annehmen, dass eine solche Diskussion für die koreanische Regierung als ein Anlass für einen Einstellungswandel gedient hat. Schließlich hat sie ja durch die erfolgreiche Veranstaltung der Generalversammlung der internationalen Gemeinschaft ihren Willen erklärt, in Zukunft die Feuchtgebiete, vor allem das Wattenmeer, engagiert zu schützen. Hierin liegt die Stärke der Ramsar-Konvention. Statt Eindeichungsprojekte Schutzmaßnahmen Allerdings besteht noch ein weiter Weg bis zur Wiederherstellung der durch das rücksichtslose Entwicklungsprimat verloren gegangenen Feuchtgebiete und bis zum Erhalt der bedrohten Feuchtgebiete. Man kann nicht verleugnen, dass es in Korea bislang an Diskussionen über die Kernthematik der RamsarKonvention - „Erhalt der Feuchtge-

biete und ihre vernünftige Nutzung“ - gemangelt hat. In Korea wurde erst 1999 ein eigenes Gesetz zum Schutz der Feuchtgebiete erlassen und das Interesse der Öffentlichkeit an der FeuchtgebietThematik erwachte auch erst nach dem Jahr 2000. Da Korea zu fast 70 Prozent aus Gebirge besteht, besitzt das Land nur eine geringe Fläche von Feuchtgebieten im Binnenland, das Wattenmeer an der Westküste zählt aber zu den größten Feuchtgebieten der Welt. Bedauerlicherweise hat Korea, ähnlich wie andere ostasiatische Länder auch, lange Zeit eher groß angelegte Eindeichungsprojekte durchgeführt, anstatt sich Gedanken über Schutzmaßnahmen zu machen. Daher ist es für das Schicksal der koreanischen Feuchtgebiete ausschlaggebend,


ob nun weitere groß angelegte Eindeichungen stattfinden oder nicht. Zum Glück sind verschiedene Anzeichen dafür zu finden, die zu der Hoffnung berechtigen, dass Korea sich von den Eindeichungsprojekten abgekehrt und einen Schritt in die Richtung zur Konservierung der Feuchtgebiete gemacht hat. Beispielsweise hat die Provinz Chungcheongnam-do den Plan für das Eindeichungsprojekt in Seocheon eingestellt und sich stattdessen für Alternativprojekte entschieden, die ökologisch verträglich sind. Die koreanische Regierung hat sogar eine SeocheonErklärung abgegeben, in der sie ihren Willen zur Revitalisierung stark beeinträchtigter Feuchtgebiete in Seocheon und ihre Entschlossenheit, die Region zu einem Mittelpunkt der internatio-

nalen Wattenmeerforschung zu entwickeln, betont. Die Wiederherstellung des Wattenmeers bedeutet, dass eine fortgeschrittene Umweltschutzpolitik betrieben wird. In diesem Kontext sind strategische und kontinuierliche Unterstützungsmaßnahmen zur natürlichen Revitalisierung dringend notwendig und keine Maßnahmen, die die aufwändige Einrichtung künstlicher Anlagen beinhalten. Ein anderes erfreuliches Beispiel ist die Suncheon-Bucht, die sich als Erfolgsmodell des Ökotourismus etabliert hat. Dieser Erfolg hat der koreanischen Gesellschaft gezeigt, dass Erhalt der Natur und Entwicklung gleichzeitig erzielt werden können, ohne im Widerspruch zueinander zu stehen. Das koreanische Umweltministerium hat nach der Ramsar-Generalversamm-

lung bekannt gegeben, bis 2012 die Zahl der in der Ramsar-Liste stehenden koreanischen Feuchtgebiete auf 16 und die der Feuchtgebiet-Schutzzonen auf 30 erweitern zu wollen; bis 2017 sollen zudem mindestens 20 Prozent der gesamten Wattenmeerfläche zum Schutzgebiet erklärt werden. Außerdem umfasst der Plan die Revitalisierung von 81 Quadratkilometer Wattenmeer, also etwa 10 Prozent des zerstörten Watts, bis zum Jahr 2017. Leider ist es noch zu früh, darüber erleichtert zu sein, dass die Zeiten der großen Eindeichungen vorbei sind. Denn derzeit gewinnen mit der Durchsetzung des „Grüne Energie“ -Trends das Thema Gezeitenkraft und der Bau von Gezeitenkraftwerken, der Eindeichungsprojekte voraussetzt, große Aufmerksamkeit. Sommer 2009 | Koreana 11


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Die wichtigste Aufgabe für den Erhalt der koreanischen Feuchtgebiete ist der Schutz des Wattenmeers am Gelben Meer. Am 30. März 200 schloss die koreanische Regierung mit den drei Wattenmeerstaaten in Europa eine Kooperationsvereinbarung über den Schutz der Wattenmeere ab.

Wattenmeer an der Nordsee und am Gelben Meer Die Wattenmeerbuchten an der Westmeerküste der koreanischen Halbinsel sind für die ganze Welt von großer Bedeutung. Sie sind nämlich eine wichtige Raststelle für Zugvögel auf der OstasienAustralasien-Migrationsroute. In Korea gibt es zwar mehrere geschützte Feuchtgebiete, sie sind jedoch kleineren Umfangs. Größere Feuchtgebiete wie Wattenmeere sind noch nicht in ausreichendem Maße zu Schutzgebieten bestimmt worden. Die Westmeerküste, also die Küste am Gelben Meer, ist nicht nur als Station für Zugvögel von Bedeutung, sondern auch als Laichstätte für Fische. Sie spielt darüber hinaus eine große Rolle unter 12 Koreana | Sommer 2009

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1 Blick auf die Suncheon-Bucht vom Observatorium Yongsan. 2 Der Zustand der Wattgebiete in Ostasien war Gegenstand eingehender Diskussionen auf der Ramsar-Vertragsstaatenkonferenz 2008 in Changwon. 3 Die Suncheon-Bucht: natürlicher Lebensraum auch für diesen Gemeinen Fischreiher.

dem Aspekt des durch Seebeben und Klimawandel hervorgerufenen Meeresspiegelanstiegs. Dieses Feuchtgebiet ist vor allem aber reich an marinen Ressourcen, die die Lebensgrundlage für die Fischer in der Umgebung darstellen. Der Schutz des Wattenmeers wird daher auch einen großen Beitrag zur Bereicherung dieser marinen Ressourcen leisten. Trotz dieser Wichtigkeit des Wattenmeers wurden in den 1990er Jahren Landgewinnungsprojekte wie z.B. in Saemangeum und Sihwa durchgeführt, die selbst nach internationalen Standards als groß angelegt bezeichnet werden können, und derzeit ist, wie oben bereits erwähnt, auch noch vom Bau weiterer Deiche für Gezeitenkraftwerke die Rede. Die Durchführung solcher Vorhaben sollte unter dem Aspekt der Aufrechterhaltung der Ökologie, der Feuchtgebiete und der Ökosystemdienstleistungen und schließlich des Wohlergehens der Menschheit noch einmal überprüft werden. Das Wattenmeer der Nordsee bezeichnet den Küstenbereich der drei Länder Deutschland, Dänemark und Niederlande, das von den drei Staaten durch die Gemeinsame Erklärung zum Schutz des Wattenmeers von 1982 geschützt wird. Allerdings haben diese Länder unterschiedliche Schutzmaßnahmen ergriffen. So schützt Deutschland z.B. sein Wattenmeer als Nationalpark. Der gesamte Wattenmeerstreifen, der sich von den Niederlanden über Deutschland bis nach Dänemark hochzieht, wurde von der UNESCO im Rahmen des Programms Der Mensch und die Biosphäre

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(MAB) als Biosphärenreservat anerkannt und unterliegt auch der RamsarKonvention. Das Wattenmeer wird als ein so wichtiges Ökosystem angesehen, dass der gesamte Wattenmeerstreifen von 15.000 Quadratkilometern zur besonderen Schutzzone bestimmt wurde. Grund dafür ist hauptsächlich die „weltweite Einzigartigkeit“ des Wattenmeers der Nordsee. Das Wattenmeer an der Küste des Gelben Meeres, das territorial zu China, Nord- und Südkorea gehört, ist nach dem Wattenmeer der Nordsee eines der größten der Welt. Etwa 2.500 Quadratkilometer davon gehören zu Südkorea. Daher ist es für Korea die wichtigste Aufgabe zur Konservierung seiner Feuchtgebiete, dieses Wattenmeer angemessen zu schützen. Jedoch besitzt das Land kaum Erfahrung und Knowhow in diesem Bereich, so dass eine konkrete Vorstellung davon fehlt, welche Vorteile der Erhalt des Wattenmeers für das

Wohlergehen der Menschen bietet, welche Schutzstrategien ergriffen und wie das Wattenmeer in der Praxis verwaltet werden sollte. Die koreanische Regierung schloss daher am 30. März 2009 mit den drei Wattenmeerstatten eine Kooperationsvereinbarung über den Schutz der Wattenmeere ab. Auf Grundlage dieses Abkommens ist eine rege Zusammenarbeit und eine Aktivierung der Maßnahmen zur Wahrung des Wattenmeers zu erwarten, was es Korea ermöglichen wird, sein Wattenmeer aktiver und effektiver als bisher zu schützen. Betrachtet man den heutigen Zustand des koreanischen Wattenmeers, so befindet sich Korea momentan auf einer Gratwanderung zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Es ist zu hoffen, dass sich das Bewusstsein über die Wichtigkeit der Feuchtgebiete und des Wattenmeers in der Öffentlichkeit weiter verbreitet.

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Die RamsarFeuchtgebiete in Korea Die Ramsar-Konvention, die 1971 durch Vertragsverhandlungen in der am Kaspischen Meer gelegenen iranischen Stadt Ramsar entstand, ist zu einer wichtigen Säule für den Erhalt der ökologische Vielfalt auf der Welt geworden. Erfahren Sie mehr über die elf Ramsar-Feuchtgebiete in Korea allgemein und insbesondere über vier repräsentative Feuchtgebiete und ihre Merkmale. Han Dong-uk Generaldirektor des PGA Wetland Ecology Institute Fotos: Kown Tae-kyun, Lee Gap-chul

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Das Upo-Feuchtgebiet, das vor rund 140 Mio. Jahren entstanden sein soll, besteht aus urzeitlichen SĂźmpfen, deren Wasser im Winter nicht friert. Sommer 2009 | Koreana 15


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ie elf Ramsar-Feuchtgebiete in Korea sind jedes für sich ein Naturerbe von einzigartigem ökologischen Wert. Aus der Sicht eines Forschers, der sich mit der Ökologie der Feuchtgebiete beschäftigt, sind vier Gebiete von besonders großer Bedeutung: die Hochmoore in Yongneup im Gebirge Daeam-san, wo nach alter Mär ein Drache auf seinem Weg ins himmlische Reich Rast gemacht haben soll; Jang-do, das als Ort der Natur- und Umwelterfahrung die Funktion der Feuchtgebiete als Wasserquelle belegt; die Suncheon-Bucht, eine Winterheimat der Mönchskraniche, und das Maehwamareum-Habitat in Ganghwa-do, bei dem erstmalig Reisfelder als Ramsar-Feuchtgebiet anerkannt wurden. Die Yongneup-Hochmoore Die Yongneup-Hochmoore im Gebirge Daeam-san, die als erstes koreanisches Feuchtgebiet in die Ramsar-Liste eingetragen wurden, sind Moore, die in Gipfelhöhe und damit weit über dem Meeresspiegel liegen. Dieses Feuchtgebiet

befindet sich in der Entmilitarisierten Zone (DMZ) an der Grenze zu Nordkorea, so dass es nicht frei zugänglich ist. Das 1.304 Meter hohe Gebirge Daeamsan weist niedrige Temperaturen (mehr als fünf Monate im Jahr unter 0℃) und dichte Nebel (Jahresdurchschnitt: 170 neblige Tage) auf, so dass sich die Feuchtigkeit in der beckenartigen Senkung sammelt, was zur Entstehung eines Feuchtgebietes führte. Das Alter des Yongneup-Feuchtgebiets wird auf 4.500 bis 5.000 Jahre geschätzt. Es besteht aus dem großen Yongneup-Hochmoor (Höhe: 1.180~1.200 Meter) und dem kleinen Yongneup-Hochmoor (Höhe: 1.240~1.260 Meter), die eine Gesamtfläche von 57.000 Quadratmeter umfassen. Die Existenz der Yongneup-Hochmoore wurde Anfang der 1970er Jahre bekannt, als koreanische und ausländische Wissenschaftler auf die ökologische Einzigartigkeit der DMZ aufmerksam wurden und eine gemeinsame Studie der dortigen Ökosysteme durchführten. Sie entdeckten das erste saure Feuchtgebiet

Koreas. Der Wert dieser Besonderheit wurde anerkannt und die Hochmoore wurden zum Naturdenkmal, ÖkoSchutzgebiet und zur Naturschutzzone bestimmt. Unter einem sauren Feuchtgebiet versteht man ein hoch gelegenes Gebiet, bei dem sich durch einen verlangsamten Zersetzungsprozess abgestorbener Pflanzen eine Torfschicht gebildet hat, die wie ein Schwamm Wasser aufsaugt, das einen hohen Säuregehalt aufweist. Die Torfschicht der Yongneup-Hochmoore ist rund 1,50 Meter dick. Durch Regen, Schnee, Nebel und Frost wird diese Schicht mit Wasser versorgt, das dann wiederum als Grundoder Hangwasser an die Erdoberfläche tritt und über die Moorgebietsränder hinaus abfließt, so dass die Gegend der Yongneup-Hochmoore zu allen Jahreszeiten mit reichlich Wasser versorgt ist. Das Yongneup-Feuchtgebiet ist als Hochmoorgebiet ein Habitat verschiedener insektenfressender Pflanzen wie z.B. Rotblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia ) oder Blassgelber Wasserschlauch (Utricularia ochroleuca ), die

1 Das Riedgrasgewächs Carex dispalata bildet Whirlpool-Muster in der Nähe der Hochmoore von Yongneup. 2 Die gelb blühende Sumpfdotterblume Caltha palustris ist im Hochmoorgebiet von Yongneup endemisch.

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1 Eine Kolonie des Germergewächses Veratrum patulum im Hochmoorgebiet von Yongneup. 2 Rotblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia), eine insektenfressende Pflanzenart, ist in den Hochmooren von Yongneup zuhause.

als Hochmoorpflanzen die Nährstoffe, an denen es dem sauren Boden mangelt, über Insekten aufnehmen. Außerdem haben hier auch bedrohte Pflanzen- und Tierarten wie eine Variante des Europäischen Siebensterns (Trientalis europaea var. arctica ), Fieberklee (Menyanthes trifoliate ) und Langschwanzgoral (Naemorhedus caudatus ) ihr Zuhause, die nur in solch hoch gelegenen Feuchtgebieten in Korea zu finden sind. Vor kurzem wurden auch zwölf in Korea bislang noch nicht registrierte Arten wie die Pflaumenmadenart Grapholita dimorpha entdeckt, was erneut beweist, dass es sich um ein Feuchtgebiet von äußerst hoher Biodiversität handelt. Leider war das Yongneup-Feuchtgebiet während des Koreakriegs ein großes Schlachtfeld, weshalb seine ursprüngliche Form Schaden genommen haben dürfte. Weitere Beeinträchtigungen haben sich wohl auch dadurch ergeben, dass das Feuchtgebiet von einer Militäreinheit, der der ökologische Wert nicht bewusst war, als Wintertrainingsplatz genutzt wurde. Auch haben Bewohner in der Nähe das Gebiet ohne Erlaubnis betreten, um wilde Bergkräuter wie Goldkolben (Ligularia fischeri ) zu sammeln. Derzeit ist es auf Grund der Maßnahmen zum Erhalt der Feuchtgebiete gesperrt. 18 Koreana | Sommer 2009

Die Insel Jang-do Feuchtgebiete sind ein besonderes Habitat aus Wasserpflanzen und Feuchtböden, die sich der feuchten Umwelt angepasst haben. Diese Eigenschaft ermöglicht es den Feuchtgebieten, durch ihre hohe Wasserreinigungskraft angesammeltes Wasser zu reinigen. Das Feuchtgebiet auf der Insel Jang-do in Sinan ist ein großes Hochmoor in Gipfelhöhe, das wie ein Wassertank Regenwasser auffängt, speichert und langsam in den Grund ableitet. Das Wasser, das sich dort angesammelt hat, ist trinkbar und klar und fließt zu den Ortschaften. Die Inselbewohner sind sich daher sehr wohl bewusst, dass das Feuchtgebiet eine Ressource ist, die sie mit Trinkwasser versorgt. Das Jang-do-Feuchtgebiet befindet sich auf einer kleinen Insel im Dadohae Haesang National Park, einem aus den zahlreichen Inseln vor der West- und Südküste der koreanischen Halbinsel bestehendem Meeresnationalpark. Dort gibt es viele Inselchen mit bizarren und steilen Felsformationen, jedoch sticht die Insel Jang-do in ihrer Einzigartigkeit besonders hervor. In Gipfelhöhe (267 Meter) befindet sich nämlich das Jangdo-Feuchtgebiet, das nicht nur dem Menschen, sondern sämtlichen Lebewesen dient.

Die Insel besteht zwar gänzlich aus wasserundurchlässigem Granitgestein, weist aber auf dem Gipfel eine kesselförmige Vertiefung auf, in der sich Wasser und abgestorbene, noch nicht verfaulte Pflanzen ansammelten, so dass sich im Laufe der Zeit eine Torfschicht bildete, die als Feuchtquelle dient. Der organische Boden des Jang-do-Feuchtgebiets fängt Regenwasser auf, das dort gereinigt wird und beständig in den Grund abfließt, so dass die Inselbewohner das Grundwasser als Trinkwasser nutzen können. Daher ist Jang-do auch als Ort der Natur- und Umwelterfahrung von Interesse, da man hier sehen kann, wie ein Feuchtgebiet als Wasserressource fungiert. Das Hochmoor auf der Insel Jang-do ist ein Paradies für verschiedene Raubvögel wie z.B. Wanderfalken (Falco peregrinus ), Schopfwespenbussarde (Pernis ptilorhynchus ), Trillersperber (Accipiter gularis ), Baumfalken (Falco subbuteo ) und Amurfalken (Falco amurensis ), aber auch für die Veilchentaube (Columba janthina ), die lediglich in Inselregionen zu finden ist. Hier wurden endemische Pflanzen wie das Springkraut Impatiens koreana , Hosta yingeri , eine koreanische Lilienart, die vor allem auf der Insel Heuksan-do wächst, und das Rosengewächs Rosa kokusanensis


Ramsar-Feuchtgebiete in Korea

Maehwamareum-Habitat Ausweisungsdatum: 13. 10. 2008 / Stadt Incheon-si, Provinz Ganghwa-gun / 0,3 ha

schrenckii) entdeckt. Ausweisungsdatum:13. 10. 2008 / Kreis Pyeongchang-gun und Hongcheon-gun, Provinz Gangwon-do / 1,7 ha

Mujechi-Sümpfe Duung-Feuchtgebiet Ein hoch gelegenes Feuchtgebiet auf dem Ein Süßwasser-Feuchtgebiet, das sich im Berg Jeongjok-san (700m) im ProvinzHinterland des Dünenfelds in Sindu-ri, das als park Gaji-san. Hochmoore in Nationales Naturdenkmal unter Schutz steht, Es ist ein Lebensraum für vom Yongneup im Gebirge Daeam-san entwickelt hat. Aussterben bedrohte Tierarten MaehwamareumEs ist ein Habitat verschiedener Pflanzen wie Nannophya pygmaea, die Habitat und Tiere, vor allem aber eins bedrohter kleinste Libelle der Welt, die Feuchtgebiet im Arten wie seltener Frösche (Rana plancyi chosenica Odaesan-Nationalpark Bengalkatze Prionailurus bengalensis und den Wüstenund Kaloula borealis), Wüstenrenner (Eremias argus) und renner Eremias argus. In der Nähe des Feuchtgebiets Froschsperber (Accipiter soloensis). wächst auf dem Berg auch das Berberitzengewächs Ausweisungsdatum: 20. 12. 2007 / Kreis Taean-gun, Jeffersonia dubia. Duung-Feuchtgebiet Provinz Chungcheongnam-do / 6 ha Es ist zudem ein Paradies verschiedener insektenfressender Pflanzen wie z.B. Rotblättriger Sonnentau Muan-Wattenmeer (Drosera rotundifolia) sowie der WasserschlaucharUpo-Sumpf Eine Gezeitenzone tief in der ten Utricularia racemosa und Utricularia bifida. Mujechi-Sümpfe Ausweisungsdatum: 20. 12. 2007 / Kreis Ulju-gun / Hampyeong-Bucht, die eine Muan-Wattenmeer wunderschöne Landschaft Stadt Ulsan-si / 4 ha aus steilen KüstenklipSuncheon-Bucht Feuchtgebiet auf Upo-Sumpf pen und abwechslungsder Insel Jang-do Muljangori-Oreum reiche Küstenlinien aufweist und daher auch offiziell Ausweisungsdatum: zum Wattenmeer-Park der Provinz bestimmt wurde. Das 2. 3. 1998 / Kreis Muryeongari-Oreum Wattenmeer ist als Habitat der so genannten Drei-Fuß-Krake Changnyeong-gun, Provinz Octopus minor und als Heimat verschiedener Meeresbodentiere wie z.B. der Gyeongsangnam-do / 854 ha Wattwurmart Lumbrineris nipponica bekannt. Ausweisungsdatum: 14. 1. 2008 / Muljangori-Oreum Kreis Muan-gun, Provinz Jeollanam-do / 3.589 ha Dies ist ein vergleichsweise großes Feuchtgebiet unter den in Gipfelhöhe geleFeuchtgebiet auf der Insel Jang-do genen parasitären Vulkanfeuchtgebieten auf der Insel Jeju-do und eine Wiege Ausweisungsdatum: 30. 3. 2005 / Kreis Sinan-gun, Provinz Jeollanam-do / 9 ha sagenhafter Mären. Es ist ein Habitat verschiedener Pflanzen und Tiere, vor allem aber eins beSuncheon-Bucht drohter Arten wie des Wanderfalken (Falco peregrinus), der Sperlingsvogelart Ausweisungsdatum: 20. 1. 2006 / Stadt Suncheon-si, Pitta brachyura nympha, des Schwarzer Milan (Milvus migrans), des TrillersperProvinz Jeollanam-do / 3.550 ha bers (Accipiter gularis), des Prinzen-Paradiesschnäppers (Terpsiphone atrocaudata), der Schmetterlingsart Fabriciana nerippe, des Riesenwasserkäfers Hochmoore in Yongneup im Gebirge Daeam-san Lethocerus deyrollei und der Pfingstrosenart Paeonia obovata. Ausweisungsdatum: 28. 3. 1997 / Kreis Inje-gun, Ausweisungsdatum: 13. 10. 2008 / Stadt Jeju-si, Provinz Jeju-do / 62,8 ha Provinz Gangwon-do / 106 ha Muryeongari-Oreum Feuchtgebiet im Odaesan-Nationalpark Ein Feuchtgebiet auf der Insel Jeju-do im parasitären Vulkankegel des Das Feuchtgebiet umfasst die drei Hochmoore Jilmoeneup, SohwangbyeongSuryeong-san, eines Bergs, der 508m über dem Meeresspiegel südwestlich des sanneup und Jogaedongneup. Gipfels des Bergs Halla-san gelegen ist. Es ist eine Heimat der Fischotter (Lutra lutra); in Es ist ein Habitat der vom Aussterben bedrohten Wasserwanze Lethocerus deyder Umgebung im Odaesan-Gebirge wurden zudem rollei und der seltenen Froschart Kaloula borealis. Rund um den Berg wächst vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten die Orchideenart Galeola septentrionalis. wie Langschwanzgoral (Naemorhedus caudatus), Ausweisungsdatum: 18. 10. 2006 / Seogwipo, Kreis Namjeju-gun, Provinz JejuSteinadler (Aquila chrysaetos), die Langhornkäferart do / 31 ha Callipogon relictus und die Amurnatter (Elaphe


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entdeckt. Auch konnte das Vorkommen der als „vom Aussterben bedroht“ kategorisierten Orchideenart Neofinetia falcata sowie der subtropischen Vogelart Chinesenbülbül (Pycnonotus sinensis ) bestätigt werden, was die hohe Artenvielfalt der Insel Jang-do unterstreicht. Die Suncheon-Bucht Die Suncheon-Bucht und das Wattenmeer in Beolgyo, Boseong, die als Feuchtgebiete beide unter Schutz stehen,

wurden zusammen unter der Bezeichnung „Suncheon-Bucht“ in die RamsarListe aufgenommen. Die Bucht mit ihren weitläufigen Schilffeldern, die aus der Vogelperspektive wie runde Stempelabdrücke aussehen, den zwischen dem Schilf hervortretenden Roten Salzmelden (Suaeda japonica ) und dem schwarzen Watt bietet einen exotischen Anblick. In der Winterszeit sorgen die Formationen verschiedener Zugvögel wie Mönchskraniche über

dem tiefsten Einschnitt der Bucht für ein prächtiges Schauspiel, weshalb die Suncheon-Bucht auch als „Schilfparadies“ und „Heimat der Mönchskraniche“ bezeichnet wird. Die perfekte Harmonie der natürlichen Gegebenheiten sorgt für die landschaftliche Einzigartigkeit der Bucht. Über das Wattenmeer in der Bucht erstrecken sich nämlich die zwei Flussarme Dong-cheon und Isa-cheon, durch die das Watt kontinuierlich mit Süßwasser versorgt und das Salzwasser versüßt wird, so dass Schilf und Rote Salzmelden wachsen können. Solche Gegenden werden als Brackwasserzonen, die sich in Flussmündungs-Salzmarschen entwickelt haben, bezeichnet. Da an den meisten Flussmündungen in Korea Dämme oder Staubecken gebaut wurden, um Wasser für die Landwirtschaft zu gewinnen, weist die Suncheon-Bucht einen hohen Seltenheitswert auf. Dort befinden sich nicht nur Gezeiten-Salzsümpfe und Schilffelder, sondern auch das Öko-Museum der Suncheon-Bucht, eine Sternwarte, CCTV-Anlagen zur Beobachtung der Zugvögel, Spazierwege durch die Schilffelder, das Yongsan-Observatorium, ein Aussichtsturm am Watt und

1 Ein sich windender Wasserweg, der in die Suncheon-Bucht an der Südküste fließt. 2 Die Insel Jang-do, die vor der südwestlichen Küste Koreas im Dadohae Meerespark liegt, beherbergt ein Hochmoor, das sich 267m über dem Meeresspiegel in Gipfelhöhe befindet. 3 Die schilffelder der Suncheon-Bucht.

Was sind Ramsar-Feuchtgebiete? mit einer Gesamtfläche von 170,32 Millionen HekDie Ramsar-Konvention umfasst derzeit weltweit tar. 159 Vertragsstaaten, Tendenz steigend (Stand: März Definition 2009). Die Unterzeichnerstaaten dieses Übereinkommens sind verpflichtet, mindestens eins ihrer Laut der Konvention sind Feuchtgebiete „Feuchtnationalen Feuchtgebiete in die Liste der Feuchtgewiesen, Moor- und Sumpfgebiete oder Gewässer, biete von internationaler Bedeutung (kurz „Ramsardie natürlich oder künstlich, dauernd oder zeitweiListe“) eintragen zu lassen, die dann als „Ramsarlig, stehend oder fließend, Süß-, Brack- oder Salz2 Feuchtgebiete“ bezeichnet werden. Die offizielle wasser sind, einschließlich solcher Meeresgebiete, © PGA Wetland Ecology Institute PGA Bezeichnung der Ramsar-Konvention lautet „Überdie eine Tiefe von sechs Metern bei Niedrigwasser einkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als nicht übersteigen.” Es ist eine äußerst umfassende Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung”. Dieses Definition, die die Vielfalt der möglichen Feuchtgebiete in den einzelnen LänÜbereinkommen hat sich in den vergangenen 38 Jahren seit seinem Abschluss dern akzeptiert und sämtliche natürlichen und künstlichen Feuchtgebiete im zu einem Vertrag entwickelt, der über das ursprüngliche Ziel des Schutzes der Landesinneren sowie in den Küstenregionen umfasst. Dem Sinn der Konvention Wasser- und Watvögel und des Erhalts von deren Lebensräumen hinaus nun daentsprechend, die die Erkennung des wirtschaftlichen, kulturellen, wissenschaftrauf abzielt, Richtlinien und Rahmenbedingungen für nationale Maßnahmen und lichen und ästhetischen Wertes der Feuchtgebiete und den Stopp der Zerstörung internationale Zusammenarbeit zum Schutz und zur wohl ausgewogenen Nutdieser hochwertigen Naturschätze bezweckt, wird im Rahmen dieser Konvenzung sämtlicher Feuchtgebiete und deren Ressourcen zur Verfügung zu stellen. tion jedes Land dazu aufgefordert, als Maßnahme zum Feuchtgebietschutz die Die Ramsar-Liste umfasst bis zum heutigen Stand weltweit 1.833 Feuchtgebiete Anzahl seiner Ramsar-Gebiete zu erweitern. Korea hat beim Beitritt zu diesem


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Übereinkommen die Hochmoore in Yongneup im Gebirge Daeam-san, Kreis Injegun, Provinz Gangwon-do, als erstes koreanisches Feuchtgebiet in die RamsarListe eintragen lassen, danach den Upo-Sumpf im Kreis Changnyeong-gun in der Provinz Gyeongsangnam-do. Bis heute sind insgesamt elf Feuchtgebiete registriert. Registrierungskriterien und Verpflichtungen Für den Antrag auf Aufnahme in die Ramsar-Liste sind ein sorgfältig ausgefülltes Ramsar Information Sheet (RIS) mit Detailinformationen zu dem entsprechenden Gebiet und eine Karte mit eindeutig markierten Grenzen einzureichen. Feuchtgebiete werden nämlich durch Bewertungen aus ökologischer, botanischer, zoologischer, limnologischer und hydrologischer Perspektive hinsichtlich ihrer internationalen Wichtigkeit als Ramsar-Feuchtgebiete anerkannt. Im Rahmen der Ramsar-Konvention werden - anders als etwa bei der Verleihung des Status einer Welterbestätte durch die Welterbekonvention (World Heritage Convention) - Feuchtgebiete, deren Aufnahme ein Vertragsstaat beantragt hat, ohne weitere Inspektionen und nur anhand der erforderlichen Unterlagen akzeptiert, so dass praktisch jeder Antrag eines Landes, das willens ist, ein Gebiet registrieren zu lassen, angenommen wird. Falls sich die Grenzen oder ökologischen Gegeben-

heiten eines bereits in die Ramsar-Liste gestellten Gebietes geändert haben, sich im Wandel befinden oder sich mit großer Wahrscheinlichkeit ändern werden, ist diese Tatsache dem Ramsar-Büro möglichst schnell mitzuteilen. Diese Änderungen werden dann auf einer Versammlung, die von dem betreffenden Land einberufen wird, besprochen. Wenn ein Vertragsstaat der Ramsar-Konvention auf Grund dringender staatlicher Interessen den Schutz eines Gebietes im Rahmen der Ramsar-Konvention aufheben oder auf einen kleineren Umfang reduzieren möchte, muss es den dadurch entstandenen Verlust an Feuchtgebieten und deren Ressourcen ausgleichen, indem es in der betreffenden oder in einer anderen Gegend ein neues Schutzgebiet einrichtet, das einen dem ehemaligen Feuchtgebiet entsprechenden Umfang aufweist. Auf den Generalversammlungen der Ramsar-Vertragsstaaten, die alle drei Jahre stattfinden, werden Diskussionen über die Aufnahme neuer Gebiete in die Ramsar-Liste und Änderungen der Liste geführt, Berichte über die Änderung der ökologischen Eigenschaften der Ramsar-Gebiete überprüft und auch allgemeine sowie konkrete Vorschläge an die einzelnen Vertragsstaaten herangetragen wie z.B. Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Feuchtgebiete und Tier- und Pflanzenarten in diesen Gebieten oder zu ihrer wohl ausgewogenen Nutzung.


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weitere Sehenswürdigkeiten und Freizeitanlagen, weshalb die Bucht als ÖkoTouristenattraktion großes Interesse gewinnt. Außerdem werden verschiedenen Bemühungen für eine wohl ausgewogene Nutzung des Feuchtgebiets unternommen; so hat man z.B.Tourbusse und Leih-Fahrräder zur Verfügung gestellt, um den Fahrzeugverkehr in der Bucht zu kontrollieren. Die Suncheon-Bucht ist ein Habitat für insgesamt mehr als 220 Vogelarten, darunter auch 35 gefährdete Arten, wie z.B. Mönchskranich (Grus monacha ), Grauer Kranich (Grus grus ), Austernfischer (Haematopus ostralegus ), Saundersmöwe (Larus saundersi ), Schwarzstirnlöffler (Platalea minor ), Löffler (Platalea leucorodia ), China-Seidenreiher (Egretta eulophotes ), Schwarzschnabelstorch (Ciconia boyciana ), Löffelstrandläufer (Eurynorhynchus pygmeus ), Tüpfelgrünschenkel (Tringa guttifer ), Baikalente (Anas formosa ), Wanderfalke (Falco peregrinus ), Singschwan (Cygnus cygnus ), Saatgans (Anser fabalis ), Kornweihe (Circus cyaneus ), Mäusebussard (Buteo buteo ) und Weißnackenkranich (Grus vipio ). 22 Koreana | Sommer 2009

lichen Wert erhöhen. Das Wattenmeer der Suncheon-Bucht ist ein sicheres Habitat für verschiedene Lebewesen wie die oben genannten, und daher in hohem Maße schützenswert. Es besitzt zudem aber auch einen beachtlichen kulturellen Wert, da sich dort eine einzigartige Feuchtgebietkultur wie der Gebrauch von Watt-Floßen für den Muschelfang entwickelt hat.

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Gegenüber der Suncheon-Bucht befindet sich das Boseong-Beolgyo-Wattenmeer, der größte Lieferant für Rotfleischige Archenmuscheln (Tegillarca granosa ) und Schlammspringer (Boleophthalmus pectinirostris ) in Korea, der den Fischern in der Gegend ein gutes Auskommen sichert. Schalentiere wie Kleine Japanische Scheidenmuscheln (Solen strictus ) und Körbchenmuscheln (Corbicula fluminea ) sind wichtige Arten, die in diesem Wattenmeer leben und seinen wirtschaft-

Das Maehwamareum-Habitat Reisfelder sind, was für jeden leicht nachzuvollziehen sein dürfte, eine Art künstliche Feuchtgebiete. Daher wurden diese wichtigen Pflanzenhabitate auch im Rahmen der Ramsar-Konvention unter Schutz gestellt. Das MaehwamareumHabitat in Korea ist weltweit das erste Feuchtgebiet, das in seiner Eigenschaft als Reisfeld in die Ramsar-Liste aufgenommen wurde. Das war ein Ergebnis der 10. Generalversammlung der Ramsar-Vertragsstaaten, auf der der hohe Wert der Reisfelder in den asiatischen Monsunzonen als Feuchtgebiete von hoher biologischer Vielfalt anerkannt wurde. Die Bemühungen zum Erhalt der Biodiversität der Reisfelder wie das


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Monitoring von Arten und die Feststellung der regionaltypischen so genannten Flaggschiffarten in den Reisfeldern haben Früchte getragen. Ein Beispiel stellt Japan dar, das 5.000 in Reisfeldern lebende Arten entdeckt bzw. registriert hat und mit neuen umweltfreundlichen landwirtschaftlichen Methoden experimentiert, die den Erhalt der Artenvielfalt zum Ziel setzen. Auch in Korea wurde die Bedeutung der Reisfelder als Habitat von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten einer Neubewertung unterzogen und Anstrengungen zum Schutz dieser wichtigen Feuchtgebiete unternommen, unter denen das MaehwamareumHabitat auf der Insel Ganghwa-do am repräsentativsten ist. Der koreanische Wasserhahnenfuß Maehwamareum, der als ausgestorben galt, wurde in den Reisfeldern auf der Insel Ganghwa-do entdeckt. Sein Bestand geriet jedoch wegen Flächenbereinigungsplänen wieder in Gefahr. Der koreanische UmweltTreuhandsfonds erwarb daraufhin das Gebiet, das seitdem unter Schutz steht. Flächenmäßig ist es zwar nur ein kleines Feuchtgebiet, da es jedoch ein wichtiges Habitat ist, wurde es in die Ramsar-Liste

1 Das Muan-Wattenmeer, das für seine malerischen Felsformationen und die zerklüftete Küstenlinie bekannt ist, ist das erste Feuchtgebiet in Korea, das zu einem Provinzpark bestimmt wurde. 2 Eurasische Austernfänger in der Suncheon-Bucht. 3 Das Maehwamarum-Habitat auf der Insel Ganghwa-do war ursprünglich eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die dann vom Koreanischen Umwelt-Treuhandfonds erworben wurde, um den gefährdeten koreanischen Wasserhahnenfuß Maehwamarum besser zu schützen.

eingetragen, um es für immer zu schützen. Unter der Umwelt-Treuhandfonds versteht man eine gemeinnützige Organisation und Bewegung, die mit Mitteln aus Spenden und Sammelaktionen gefährdete Habitate, die erhaltenswert sind, erwirbt und so für alle Zeiten schützt. Derzeit wird sogar bis hin zu den Anrainer-Gebieten des Maehwamareum-Habitats organisch-biologische Landwirtschaft betrieben, um den koreanischen Wasserhahnenfuß Maehwamareum zu schützen. Der Reis aus den Reisfeldern des Habitats trägt unter dem Markennamen „MaehwamareumReis“ beträchtlich zur Erweiterung des Einkommens der Inselbewohner bei. Durch das Maehwamareum-Habitat führen Erlebnispfade zu Lernstätten für Natur- und Umwelt. Zusammen mit dem Wattenmeer und den vielen historischen Relikten in der Nähe gewinnt das Habitat auch als Ziel ökologischer und

kulturhistorischer Exkursionen an Aufmerksamkeit. In den Reisfeldern und der Umgebung leben verschiedene vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten: der koreanische Wasserhahnenfuß Maehwamareum (Ranunculus kazusensis ), Schwarzstirnlöffler (Platalea minor ), Schneereiher (Egretta eulophotes ), Amurnattern (Elaphe schrenckii ) und seltene Frösche wie Rana plancyi chosenica und Kaloula borealis . Die organisch-biologisch bestellten Reisfelder sind auch Heimat von rund 100 Wasserpflanzenarten wie der Binsenart Scirpus fluviatilis , aber auch verschiedenen Wassertieren wie Wollhandkrabbe, Reisfeld-Deckelschnecke, Karausche und Schlammpeitzger. Der Maehwamareum blüht Anfang Mai und bildet kurz vor dem Umsetzen der Setzlinge ins Reisfeld Samen, so dass die schönste Blüte gegen den 10. Mai zu beobachten ist. Sommer 2009 | Koreana 23


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as Okavango-Delta im westafrikanischen Botswana, das weltweit größte Feuchtgebiet im Binnenland, ist eine Oase für zahlreiche Lebewesen. Alle Flüsse münden normalerweise ins Meer, jedoch der Okavango nicht: Der Fluss fließt in die Wüste Kalahari, wo er vom heißen Wind ausgetrocknet wird. Allerdings bildet er, bevor er wie eine Fata Morgana verschwindet, noch einen riesigen Sumpf. Das Okavango-Delta, in dem weltweit die meisten Löwen und Elefanten leben, ist auch ein Paradies 24 Koreana | Sommer 2009

und Zuflucht für andere Fleischfresser wie Büffel und Letschwen sowie verschiedene Pflanzenfresser. Das wilde Okavango ist einfach ein fantastisches Wunder. Ein großartiges Werk der Natur Das Upo-Sumpfgebiet wird als „Okavango-Delta Koreas“ bezeichnet. Es handelt sich nämlich um das größte Feuchtgebiet im Landesinneren, das nach wissenschaftlichen Schätzungen etwa vor 140 Mio. Jahren entstanden sein soll.

Dieses Flussmoor am Ufer des Nakdong-kang, des längsten Flusses Südkoreas, hat die Ökologie der Urzeit bewahrt. Es leben hier zwar nicht so große Tiere wie im Okavango-Delta, jedoch ist es ein Paradies für Wildtiere wie die Bengalkatze Prionailurus bengalensis und den Fischotter Lutra lutra sowie ein Zuhause verschiedener Fisch-, Vogelund Insektenarten. Ich besuche jedes Wochenende das Upo-Sumpfgebiet. Für mich ist – da meine Eltern bereits verstorben sind


Das Upo-Sumpfgebiet: ein Ort der Urzeit Das Upo-Sumpfgebiet zog ab Ende der 1990er Jahre als verborgene Schatztruhe der Natur das Interesse auf sich und gewinnt nun immer mehr an internationaler Bekanntheit. Es bedarf weiser Klugheit, um das Ökosystem dieses urzeitlichen Feuchtgebiets zu erhalten und dafür zu sorgen, dass viele Menschen diese zu allen Jahreszeiten wunderschöne Sumpflandschaft genießen können. Kang Byung Kuk Dozent an der Gyeongsang National University, Stellvertretender Leiter des Vereins Green Upos Friends Fotos: Kown Tae-kyun, Lee Gap-chul

Wasserpflanzen wie der Schwimmfarn Salvinia natans, die Vielwurzelige Teichlinse Spirodela polyrhiza und das Froschbissgewächs Hydrocharis dubia sind Beispiele für die ökologische Vielfalt des Upo-Sumpfes.

– das Feuchtgebiet so etwas wie eine Heimat des Herzens. Dort kann man zu allen vier Jahreszeiten den Gesang der Vögel hören. Im Frühling kommt das lockende Quaken der paarungswilligen Frösche hinzu, im Sommer die gesanglichen Höchstleistungen der Zimtroller, Pirole und Feldlerchen und im Herbst das Geräusch verschiedener Insekten, die gemeinsam ein prächtiges Orchester bilden. Zur Winterzeit sind es Wildgänse, Schwäne, Stockenten und Mandarinenten, die ihre Pracht und ihre Gesangs-

begabung präsentieren. Allein schon der Anblick dieses Sumpfgebiets mit seinen Bäumen und Wildpflanzen, die mir seit der Kindheit vertraut sind, erfüllt mich mit einem Gefühl des Glücks. Vor meinem geistigen Auge laufen wie ein Panoramafilm die glücklichen Momente der Kindheit vorbei wie z.B. das Spielen an einem Teich, an dem ich verschiedene Schwimmkäfer und Wasserwanzen gefangen habe. In den ersten Frühlingstagen setze ich mich an das Sumpfufer und beobachte

die Wiedehopfart Upupa epops saturata , deren Kopfschmuck an einen Indianerhäuptling erinnert. Wenn ich dem Wiedehopf zuschaue, wie er am Sumpfrand hin und her hüpft und Insekten fängt, scheine ich geradezu zu träumen. Wegen der Erderwärmung hat der Wiedehopf das Upo-Sumpfgebiet dieses Jahr früher als in den Jahren davor aufgesucht. Der märchenhafte Vogel führt mich zu dem Schluss, dass es sich hier um ein von den Göttern gesegnetes Fleckchen Erde handeln muss. Im FrühSommer 2009 | Koreana 25


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sommer letzten Jahres wurde mir wegen des betörenden Gesangs eines gelben Pirols am Sumpfufer einmal regelrecht schwindelig. Mir wurde damals bewusst, warum man in Korea eine Frau mit einer schönen Stimme mit einem Pirol vergleicht. Es sind die Vögel, die Leben ins UpoSumpfgebiet bringen. Die RamsarKonvention entstand ursprünglich mit dem Ziel, solche Zugvögel, die zum Jahreszeitwechsel fortziehen, zu schützen. Im Rahmen dieser Konvention wurden dann auch die Feuchtgebiete geschützt, da die Zerstörung oder Verschmutzung eines einzigen Feuchtgebiets eine Beeinträchtigung für sämtliche Zugvögel der Welt bedeutet, die von einem Ort zum anderen ziehen. Was für ein großes Glück, zu allen vier Jahreszeiten Wasservögel beobachten zu können, die sich mit Muße vergnügen. Graureiher und Weißreiher, die ursprünglich als Zugvögel das Upo-Sumpfgebiet aufsuchten, haben sich hier sogar niedergelassen. Sie haben keinen Grund mehr, sich auf wei26 Koreana | Sommer 2009

te und anstrengende Flugreisen zu begeben, denn das Sumpfgebiet bietet ihnen reichlich Nahrung, so dass Existenz und Fortpflanzung problemlos möglich sind. Allein schon der Anblick der auffliegenden Vögel hat einen gewissen Meditationseffekt. Man braucht sich nicht bewusst Mühe zu geben, sich von allen Gedanken zu befreien und in Meditation zu versinken. Im Upo-Sumpfgebiet ist es ein Leichtes, sich völlig von seinem Ich loszulösen. In der Bibel heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ Und das Upo-Sumpfgebiet ist voller Worte bzw. Geräusche, die von Vögeln, Wind, Tannen, Regen und Graskäfern erzeugt werden und sich mit den Geräuschen der Fischer bei der Arbeit und dem Lachen der Frauen und Kinder, die in der Natur spielen, vermischen. Vor 2.600 Jahren erläuterte Buddha, dass „die Erkenntnis der Nicht-Existenz des Selbst die größte Opfergabe ist“. Daher ist das UpoSumpfgebiet womöglich der idealste Ort für Asketen. Es ist nämlich ein großartiges Werk der Natur.

Zug- und Standvögel präsentieren vollendete Tänze und Lieder. Die Bewegungen der Kraniche werden sogar durch den Kranich-Tanz von Yangsan in der Provinz Gyeongsangnam-do, der durch seine elegante Choreographie die Zuschauer fasziniert, dargestellt. Ein großer Teil der traditionellen koreanischen Tänze basiert auf den Bewegungen von Vögeln. Die Entstehung des UpoSumpfgebiets Die Gegend vom Mittellauf des Flusses Nakdong-gang bis zu seiner Mündung, die die zur Provinz Gyeongsangnamdo gehörigen Kreise Changnyeong, Hapcheon und Uiryeong umfasst, ist ein Feuchtgebiet aus vielen Sümpfen. Im Joseonjiji (Geographie von Joseon,1918), heißt es: „Während es im himmlischen Reich den Kratersee Cheonji auf dem Berg Baekdu-san gibt, befindet sich auf der Erde das UpoSumpfgebiet in Changnyeong, Provinz Gyeongsangnam-do.“ Anhand dieser


Beschreibung kann man sich vorstellen, wie groß das Upo-Sumpfgebiet einst war. So wie der Kratersee Cheonji auf dem Berg Baekdu-san war auch der Upo-Sumpf für die alten Koreaner ein Heiligtum, vor dem sie Ehrfurcht empfanden und das sie als mystischen Boden betrachteten, dem sich der Mensch nicht nähern darf. Um das Jahr 1970 wurde jedoch im Zuge der zunehmenden Industrialisierung und der Maßnahmen der Regierung zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung das Sumpfgebiet allmählich eingedeicht. Laut den Angaben von Wissenschaftlern und Einwohnern umfasste das Gebiet ursprünglich eine Fläche von etwa 11 km² und war damit fünf Mal größer als heute. Das heißt, dass es in seinem ursprünglichen Umfang 1,25 Mrd. Tonnen Süßwasser konservieren konnte, was mit der Leistung des Andong-Damms in der Provinz Gyeongsangbuk-do vergleichbar ist. Die Fläche, die das südkoreanische Umweltministerium zur Öko- und Landschaftsschutzzone erklärt hat, beträgt 8,54 km², darunter 2,3 km² Gewässer. Das Upo-Sumpfgebiet entstand vermutlich zur Zeit der Dinosaurier der Kreidezeit. Während der Eiszeit erfuhr die Ufer-Topographie des Nakdonggang große Veränderungen: Durch die Eisschmelze trat der Fluss über die Ufer, Sand und Erdmasse wurden ans Ufer befördert und versperrten die Mündung des jetzigen Flusses Topyeong-cheon, so dass das Wasser nicht hinausströmen konnte und einen riesigen See bildete. Aus diesem See entwickelten sich nach und nach Sümpfe, die das heutige UpoSumpfgebiet bilden. Mitten im Upo-Gebiet befindet sich der Berg Uhang-san (Kuhnackenberg). Dieser Berg kam zu seinem Namen, weil seine Umrisse an die Gestalt einer aus dem Sumpf trinkenden Kuh (=U) erinnerten, und zwar an ihren Nacken. Seit frühester Zeit ließ man in der Nähe des Sumpfes Vieh grasen, so dass die Gegend auch „Sobeol“ (Kuh-Niederung) genannt wurde. Während der

2 1 Der Upo-Sumpf ist deutlich flacher als ein gewöhnlicher See. 2 Im Sommer wimmelt es im Upo-Sumpf nur so von allerlei Kreaturen wie diesen Schnecken.

japanischen Kolonialherrschaft schrieb man „Sobeol“ mit chinesischen Schriftzeichen, die dann „Upo“ ausgesprochen wurden. Das Upo-Sumpfgebiet besteht aus den vier Sümpfen Upo, Mokpo, Sajipo und Jjokjibeol. Bei starkem Regen treibt der Fluss viel Holz nach Mokpo, daher auch die ursprüngliche Bezeichnung „Namubeol“ (Holz-Niederung). In Sajipo, das einst „Moraebeol“ (SandNiederung) hieß, häufte sich Sand an, und Jjokjibeol (Kleine Niederung) hatte einen vergleichsweise kleinen Sumpf. Das Upo-Sumpfgebiet ist – wie die anderen Feuchtgebiete im Landesinneren auch – flacher als normale Seen und erreicht an der tiefsten Stelle nicht einmal einen Meter. Im Sumpfgebiet hat sich durch die endlose Wiederholung von Sammeln und Abfließen des Wassers ein einzigartiges Milieu entwickelt. Auf der dicken Lehmschicht haben verschiedene Wassergräser ein Zuhause gefunden, die bei starkem Regen Überflutungen verhindern und während trockener Zeiten das konservierte Wasser abgeben, so dass hier viele Tier- und Pflanzenarten ein sicheres Habitat gefunden haben. Das Gebiet konnte sich dank der Mikroorganismen, die die Ausscheidungen der dort lebenden Lebewesen von ihrer Geburt bis zum Tod zerlegen und der

Fäulnisbildung im Wasser vorbeugen, zu einem nährstoffreichen Boden entwickeln. Feuchtgebiete sind ein beispielhaftes Ökosystem mit einer erstaunlichen Vitalität. Die vier Jahreszeiten im UpoSumpfgebiet Das Nahen des Frühlings in diesem Feuchtgebiet ist an den Weiden wie der Echten Trauerweide und der Japanischen Weide als erstes zu erkennen. Wenn noch vor dem Sprießen der Knospen die Äste der Weiden saftig werden, fangen die Boten des Frühlings wie Amur-Adonisröschen, Japanische Zaubernuss und Japanischer Hartriegel an zu blühen. Auch die Chinesische Milchwicke strahlt ihren Charme aus. Auf dem Wasser verkündet die Europäische Seekanne den Beginn des Frühlings. Verschiedene Insekten wie der Wasserläufer, die Wasserwanzenart Laccotrephes japonensis Scott und die Schwimmkäferart Cybister japonicus Sharp empfangen tanzend den Frühling. Standvögel wie die Elster sind zu dieser Jahreszeit wegen des Nestbaus äußerst beschäftigt, denn sie müssen sich darauf vorbereiten, im bevorstehenden Sommer zu brüten und den Nachwuchs mit reichlich Nahrung zu versorgen. Sommer 2009 | Koreana 2


Im Sommer bietet sich der friedliche Anblick der das ganze Jahr über barfüßig arbeitenden Frauen, die im Sumpf Reisfeld-Deckelschnecken sammeln. Es ist eine Szene, die deutlich zeigt, dass auch der Mensch Teil des Ökosystems ist. Die in der Zwischenzeit hochgewachsene Rohrkolbenart Typha orientalis , die Kalmusart Acorus calamus var. angustatus , die Sumpfbinsenart Eleocharis kuroguwai , der Rohrschilf sowie die Stachelseerose (vom südkoreanischen Umweltministerium als vom Aussterben bedroht kategorisiert), die wie grüne Teppiche die Wasseroberfläche bedecken, sind im Sommer besonders schön. Außerdem ist der Sumpf von diversen Wasserpflanzen wie Gemeiner Schwimmfarn (Salvinia natans (L.) All .), Wasserkastanien (Trapa japonica Flerow ), Wasserschild (Brasenia schreberi J.F. Gmelin ), Europäischer Seekanne, Froschbiss und Vielwurzeliger Teichlinse bedeckt und daher noch geheimnisvoller. Zwischen den Blättern dieser Wasserpflanzen schwimmt das Teichhuhn gelassen hin und her. An einem Herbstmorgen ist in der Landschaft des Sumpfgebiets, aus dem wie in einer Tuschemalerei ein Hauch von Nebel aufsteigt, sogar der seit ural-

ter Zeit unveränderte Atem des Feuchtgebiets zu spüren. An Regentagen ist die Landschaft so geheimnisvoll und schwermuterregend, dass es einem das Herz abzudrücken scheint. Wenn der grüne Teppich auf dem Sumpf unter der Herbstsonne reif wird und der Herbst, begleitet vom Gesang der Graskäfer, seinen Höhepunkt erreicht hat, beginnen die Leuchtkäfer (Lychnuris rufa ) mit ihren nächtlichen Festen. Im Winter verwandelt sich das Upo-Sumpfgebiet in ein Vogelparadies. Wenn die Gräser, die noch die Spuren des Herbstes aufweisen, vom Winterwind verdrängt werden, erobern die Zugvögel die Bühne. Das prächtige Schauspiel des Formationsflugs der Baikalente am rotglühenden Abendhimmel und der Anblick der Zugvögel wie Stockenten, Saatgänse, Singschwäne, Schneereiher und Mandarinenten, die nach Insekten suchen und sich ausruhen, macht jeden Beobachter zum Dichter. Einzigartige Tier- und Pflanzenwelt Das 21. Jahrhundert wird oft als „Zeitalter des stillen Kampfes um die Sicherung der biologischen Vielfalt“ bezeichnet. Laut der Prognosen von Zukunftsforschern werden in der Zukunft die Län-

der, die eine hohe biologische Artenvielfalt aufweisen, die Starken und Reichen sein. Fragt man nach der ungewöhnlichsten Art des Upo-Sumpfgebiets, dann lautet die Antwort Weißer Reisaal (Fluta alba ). Er ist eine besondere Fischart, die während des Wachstums ihr Geschlecht ändert. Der Weiße Reisaal ist etwas kleiner als der japanische Aal, aber deutlich größer als ein Schlammpeitzger. Er zieht das Interesse der Schülergruppen und Besucher auf sich, die ins UpoSumpfgebiet kommen, um am UpoSumpf-Erlebnisprogramm teilzunehmen. Bis Ende der 1990er Jahre konnte man diesen Aal noch in den meisten Sümpfen, Reservoirs und Reisfeldern Koreas finden, seit 2000 nur noch im Upo-Sumpfgebiet. Die Kaulquappenkrebsart Triops longicaudatus , eine Krebsart, die vom südkoreanischen Umweltministerium als vom Aussterben bedroht registriert wurde, ist eine weitere Besonderheit des Sumpfgebiets. Es handelt sich um einen kleinen Krebs, der mit seinem Panzer aus 30~40 Gelenken, die an einen Helm erinnern, und seinem riesigen Augenpaar vorn in der Mitte besonders ungewöhnlich ist. Unter den Säugetieren ist die Bengalkatze Prionailurus bengalensis repräsenta-

Die Ramsar-Konvention entstand ursprünglich mit dem Ziel, solche Zugvögel, die zum Jahreszeitwechsel fortziehen, zu schützen. Im Rahmen dieser Konvention wurden dann auch die Feuchtgebiete geschützt, da die Zerstörung oder Verschmutzung eines einzigen Feuchtgebiets eine Beeinträchtigung für sämtliche Zugvögel der Welt bedeutet, die von einem Ort zum anderen ziehen.

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1 (von links nach rechts) Eine Libelle schl체pft aus ihrem Puppengeh채use; Teichhuhn (Gallinula chloropus indica Blyth); die Wasserpflanze Monochoria korsakowi und Indische Seekanne (Nymphoides indica). 2 Der Upo-Sumpf ist reich geschm체ckt mit Bl체tenpflanzen wie dieser Gelben Seekanne (Nymphoides peltata).

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© Ha Dong-chil

tiv. Sie hat ihren Platz ganz oben in der Nahrungskette des Sumpf-Ökosystems und kann oft bei der Vogeljagd beobachtet werden. Solche Szenen sind sonst nur im afrikanischen OkavangoDelta oder im Serengeti-Park zu sehen. Auch der bedrohte Fischotter Lutra lutra hat hier sein Zuhause. Die FischotterPopulation, die vor der Industrialisierung auf viele Hundert geschätzt wurde, ist heute enorm geschrumpft, so dass der Fischotter zu einer seltenen Art geworden ist. Unter den Wasserpflanzen steht die Stachelseerose im Mittelpunkt des Interesses, da sie unter den in Korea wachsenden Pflanzen mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern die größten Blätter aufweist. Sie ist zwar eine vom Umweltministerium als bedroht kategorisierte Art, aber das UpoSumpfgebiet ist während des Sommers mit Tausenden von Stachelseerosen bestickt. Unter den Wasserpflanzen darf der Wasserschild (Brasenia schreberi J.F. Gmelin ) nicht vergessen werden. Er war eine beliebte, hochwertige Zutat der tra30 Koreana | Sommer 2009

ditionellen koreanischen Küche, so dass es sogar hieß: „Während die Berge Sansam (Wild-Ginseng) und die Felder Insam (Ginseng) liefern, schenkt uns das Wasser den Wasserschild.“ Jedoch ist er heute vom Aussterben bedroht. Das Upo-Sumpfgebiet wurde in der Vergangenheit auch als Lebensraum für Schwäne ausgezeichnet, weil es viele Schwäne hierher zog. Ich würde so gerne noch einmal das friedliche Bild der Schwäne, die den Wintersumpf bedecken, sehen. Zukunft des Upo-Sumpfgebiets Das Upo-Sumpfgebiet zog ab Ende der 1990er Jahre als verborgene Schatztruhe der Natur das Interesse auf sich und gewinnt immer mehr an internationaler Bekanntheit. Es befindet sich zurzeit in einer äußerst entscheidenden Entwicklungsphase, da nach der Generalversammlung der Ramsar-Vertragsstaaten im Jahr 2008 die koreanische Regierung unter Präsident Lee Myung-bak die Strategie „Grünes Wachstum mit wenig Kohlenstoff“ eingeführt hat, in deren Zusammenhang Öko-Tourismus als

Alternative hervorgehoben wird; zudem wird das Projekt zur Erneuerung der vier wichtigen Flüsse Koreas vorangetrieben. Und nicht zuletzt hat sich die koreanische Regierung das ehrgeizige Ziel gesetzt, das Upo-Sumpfgebiet neben der Entmilitarisierten Zone (DMZ) an der Grenze zu Nordkorea zu einer internationalen und für Korea repräsentativen Ökotourismus-Attraktion zu entwickeln. Das Koreanische Forschungsinstitut für Kultur und Tourismus (Korea Culture & Tourism Institute) plant, im ersten Halbjahr 2009 die Auftragsempfänger für das Projekt bekannt zu geben und im zweiten Halbjahr mit der Umsetzung zu beginnen. Die Investitionen, die die Regierung drei Jahre lang in das Upo-Sumpfgebiet fließen lassen möchte, werden auf knapp 114 Mio. Euro (200 Milliarden Won) geschätzt. Dadurch soll die Grundlage dafür gelegt werden, dass sich das UpoSumpfgebiet als eine Ökotourismus-Attraktion von Weltrang etablieren kann. Die Ökologen hoffen, dass in diesem Zusammenhang stark in die Entwick-


lung kultureller Contents investiert wird und nicht in „Hardware“ wie z.B. den Bau neuer Straßen und Gebäude. Sie weisen vor allem auch auf die Wichtigkeit der Bemühungen hin, Gebäude und Einrichtungen in der Umgebung des Sumpfes, die das Gebiet verschmutzen, auf Grundlage von Kompensationszahlungen zu verlegen oder Bioanbau zu unterstützen. Allein das Beispiel der Blockhütte am Walden-See, wo Henry David Thoreau inspirierende Gedanken für seine Werke fand, und das jährlich von rund 600.000 Literatur-Pilgern aus der ganzen Welt besucht wird, belegt die Stärke kultureller Konzepte. Entwicklungsmaßnahmen, die die ursprünglichen natürlichen Gegebenheiten beeinträchtigen, sollten streng vermieden werden. Schon dem Projekt zur Erneuerung der vier wichtigen Flüsse Koreas sollte eine eingehende Analyse über die Auswirkungen der Ausbaggerung des Flussbettes auf die ökologische Schatztruhe Upo-Sumpf vorausgehen. Auch wenn es sich um eine Ausbaggerung handelt, die zur Hochwasser-Prävention und zur Verbesserung der ökologischen Gesundheit beitragen wird, sollte der Erhalt eines gewissen Wasserspiegels des UpoSumpfes, der die 140 Mio. Jahre alte Urform der Natur bewahrt, Vorrang haben. Wie wird der amerikanische Walden-See als Ökotourismus-Attraktion genutzt? Wie konnte Hongkong die Mai-Po-Sumpfgebiete so wunderschön gestalten und Touristen anlocken? Und wie halten Japan und Australien den Nationalpark der Kushiro-Sümpfe bzw. das Boondall Wetlands Reserve instand? Es ist notwendig, solche und ähnliche Beispiele genau zu betrachten und zu analysieren.

Atem der Urzeit: das Upo-Sumpfgebiet

© PGA Wetland Ecology Institute PGA

Die Stachelseerose Euryale ferox, deren Blüten sich aus dornenbewehrten Knospen entwickeln, ist eine weitere Bereicherung der Farbenpracht, die der Upo-Sumpf im Hochsommer bietet.

Anfahrt Mit dem PKW zum Upo Nature Learning Center des Vereins Green Upo Friends: Nehmen Sie die Jungbu-Autobahn (Jungbu Expressway), die an den Städten Daegu und Masan vorbeiführt, bis zur Changnyeong IC; biegen Sie dort links ab und fahren Sie etwa 10 km der Straßenausschilderung zum Center nach. Am Upo Nature Learning Center befindet sich der DaedaeDamm, der eine wunderbare Aussicht auf die Sümpfe Upo, Mokpo und Sajipo bietet. Öffentliche Verkehrsmittel: Nehmen Sie einen Express-Bus zum Changnyeong Intercity Bus Terminal und von dort aus ein Taxi oder einen Bus. Die Busse zum Upo-Sumpfgebiet – Busse in Richtung Ibang oder Yueo – fahren am Yeongsin Bus Terminal (3 Min. Fußweg) ab. KTX-Schnellzug: Nehmen Sie den KTX bis zum Bahnhof Dongdaegu. Nehmen Sie dort an der West-Bushaltestelle (Seobu-Jeongnyujang) einen Bus zum Changnyeong Intercity Bus Terminal. Oder steigen Sie an der Miryang-Station aus und fahren Sie von dort direkt zum Changnyeong Intercity Bus Terminal.

Tourrouten Wer sich in kurzer Zeit einen vollen Überblick über die Schönheit des Upo-Sumpfgebiets verschaffen möchte, dem sei folgende Route empfohlen: Sejilli-Parkplatz → Daedae-Damm → Observatorium → Jjokjibeol-Sumpf → Upo-Sumpf. Wer alle Ecken des Feuchtgebiets erkunden möchte, der nehme folgende Route: Sejilli-Parkplatz → Daedae-Damm → Gebiet hinter den Entwässerungsgräben → über den Fluss Topyeong-cheon → Weg Jebang-gil, der zwischen den Sümpfen Sajipo und Upo verläuft. Um die mysteriöse Schönheit des Sumpfgebiets zu erleben, sollte man von der Ortschaft Changnyeong-eup mit einem Dorfbus Richtung Ibang bzw. Daeji bis zum Dorf Jangjae-maeul fahren und von dort aus das Sumpfufer entlang spazieren. Vom Frühling bis zum Herbst ist das Habitat der Weidenart Salix glandulosa eine besondere Attraktion und im Hochsommer die Stachelseerose.

Gaumenfreuden Zu den regionalen Spezialitäten gehören gedämpfte Karauschen und Argus-Schlangenkopf-Sashimi, wie sie im Restaurant Upominbak serviert werden. Das Restaurant befindet sich zwischen den Dörfern Somong-maeul und Jangjae-maeul in An-ri, Ibang-myeon, Changnyeong-gun. Ist man kein Rohfisch-Fan, empfiehlt sich als Alternative die Suppe aus Argus-Schlangenkopf. In der Nähe des öffentlichen Parkplatzes der Gemeinde Yueo-myeon, die sich in Richtung Sejin befindet, gibt es auch ein gutes traditionelles Restaurant. In Changnyeong-eup sind die Restaurants Jangmaeul und Daega für besonders wohlschmeckende, aber trotzdem sehr preiswerte Rindfleischgerichte bekannt.

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FoKuS

Meilenstein der IT-Kultur:

die Nationale Digitalbibliothek Die Erรถffnung der Nationalen Digitalbibliothek hat den Zugriff auf 100 Millionen Contents aus der ganzen Welt wesentlich erleichtert. Welche Bedeutung hat eine solche unter einem vollkommen neuen Konzept stehende Bibliothek in der Wissens- und Informationsgesellschaft? Nam Young-joon Professor der Abteilung Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationswissenschaft (BID), Chung-Ang University Fotos: Ahn Hong-beom


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ie National Digital Bibliothek (NDL) hat ihren Service am 25. Mai 2009 offiziell gestartet. Die Zielsetzung der NDL besteht zwar wie bei herkömmlichen Bibliotheken auch in der ZurVerfügung-Stellung von Informationen für die Nutzer, aber die Art und Weise, wie Informationen angeboten werden, ist in revolutionärer Weise neuartig.

Ubiquitäre Bibliothek Die NDL wurde im Seouler Stadtteil Seocho-dong auf dem Gelände der Nationalbibliothek auf einer Fläche von 38.014 m² errichtet. Nach dem ersten Spatenstich im Dezember 2005 dauerte es drei Jahre, bis das fünf Etagen tiefe und

drei Etagen hohe Gebäude fertiggestellt war. Die Bibliothek wurde mit hochtechnologischen Ausstattungen wie einem mehrsprachigen Infomationsraum, digitalen Lesesälen, Seminarräumen, einem Medienzentrum, einem Multiplex-Raum, und einem automatisierten Regalsystem mit den ersten Neun-Stufen-Mobilregalen der Welt versehen. Auch gibt es umweltfreundliche Plätze zum Sitzen und Ausruhen wie einen Rasenplatz, einen koreanischen Garten, ein digitales Büchercafé und das Digital Monument im Innengebäude, wo Natur, Mensch und Information in harmonischem Miteinander existieren. Die NDL ist eine repräsentative hochmoderne ubiquitäre Bibliothek, in der sich

Koreas fortgeschrittene IT-Technologie, das Kulturbewusstsein der koreanischen Bevölkerung und die zukunftsorientierte Entschlossenheit der koreanischen Bibliothekskreise vereinen. Ihr liegt ein völlig anderes Konzept zugrunde als bei den inländischen und ausländischen digitalen Bibliotheken, auf die man im Internet zugreifen kann. Zum Beispiel waren die koreanischen digitalen Bibliotheken bislang nur eine Art Homepage der analogen Bibliotheken, auf der Printmaterialien online zur Verfügung gestellt wurden. Im Vergleich dazu bietet die NDL eine breite Palette von Informationen, die als nützlich beurteilt wurden, einschließlich multimediale Video-Informationen. Auch werden

Der Bereich Productivity Computer Cluster gehört zu den Kerneinrichtungen der Digitalen Nationalbibliothek.Summer 2009 | Koreana 33


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In den Lesesälen der NDL (National Digital Library) gibt es keine „anfassbaren“ Materialien wie Papier oder Bücher. Diese Besonderheit verlangt eine neue Dienstleistungsphilosophie, die als „Information Commons“ (CI) bezeichnet wird.

1 Im Eingangsbereich der Bibliothek können Informationen über Einrichtungen und Betrieb der Bibliothek an berührungsempfindlichen Tastbildschirmen per Fingerzeig abgerufen werden. 2 Die Global Lounge ist mit ihrem Informationsangebot in verschiedenen Sprachen auf die besonderen Bedürfnisse multiethnischer Familien und ausländischer Besucher abgestimmt. 3 Zwischen den digitalen Arbeitsplätzen befindet sich das Digital Monument, das von natürlichem Licht durchflutet wird. 34 Koreana | Sommer 2009

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kommerzielle Datenbanken und wichtige, im Inland hergestellte Dokumente und Materialien digitalisiert, gesammelt und gespeichert. Das heißt, die NDL ist eine ideale Bibliothek die alle möglichen im In- und Ausland in analoger und digitaler Form existierenden Dokumente sammelt und on- und offline zur Verfügung stellt. Betrachten wir einmal, welche Bedeutung der Eröffnung der NDL im internationalen Wissens- und Informationsstrom zukommt.

Innovative Dienstleistungsphilosophie Die Lesesäle der NDL sind alle mit Monitoren zum Lesen digitaler Dokumente ausgestattet. Es gibt keine „anfassbaren“ Materialien wie Papier oder Bücher. Diese Besonderheit verlangt eine neue Dienstleistungsphilosophie, die als „Information Commons“ (CI) bezeichnet wird. Die NDL unterstützt die Besucher durch ein entsprechendes Schulungsangebot dabei, alle Digitalgeräte anzuwenden und die digitalen Ressourcen zu nutzen. Eine solche Anleitung, mit der Besucher, die mit Zugang und Nutzung digitaler Informationen nicht vertraut sind, eingeführt werden, ist unbedingt notwendig, da sie in direkter Weise mit der Popularisierung der NDL in Verbindung steht. Daher werden die Besucher der Bibliothek im Vergleich zu traditionellen und anderen digitalen Bibliotheken wesentlich aktiver und umfassender von den Mitarbeitern der Bibliothek unterstützt. Diese Punkte sind als Dienstleistung auf Basis von „Information Commons“ zu verstehen. Die NDL bietet ein Umfeld, das ohne Unterscheidung nach Geschlecht, Nationalität, Sprache, Körperbehinderung usw. gleiche Bibliotheksdienstleistungen für alle zur Verfügung stellt. In diesem Kontext wurde die NDL von Grund auf barrierefrei und damit behindertenfreundlich gestaltet. Zum Beispiel gibt es in allen Lesesälen Plätze, die für Rollstuhlfahrer leicht zugänglich sind. Auch werden Sehbehinderte mit speziellen Softwares wie TTS (Text To Speech) unterstützt. Im Moment werden Anlagen und Geräte für

Sehbehinderte und körperlich Behinderte prioritär zur Verfügung gestellt, für Hörund Schwerbehinderte ist das Umfeld jedoch immer noch vergleichsweise mangelhaft. Deswegen müssen noch mehr Forschungen und finanzielle Unterstützungen in diese Richtung nachhaltig vorangetrieben werden. Auch werden die wichtigsten Informationen in den wichtigsten Sprachen angeboten, damit die Migranten, die in Korea eine multiethnische Familie gegründet haben, die digitalen Dokumente lesen können. In der Bibliothek stehen nicht nur eine Reihe von Programmen und Geräten zur Verfügung, sondern es werden auch Bildungsprogramme veranstaltet, damit die Nutzer alle Ressourcen der 3 NDL leicht anwenden können. Es ist bedauerlich, dass es in den Fremdsprachen wie Thailändisch, die in Korea relativ wenig verbreitet sind, noch keine entsprechende Benutzeroberfläche zur Verfügung steht. Dementsprechend sollten kontinuierlich Entwicklung und Investitionen für die zweiten Fremdsprachen, die in den multiethnischen Familien Koreas am häufigsten gebraucht werden, vorangetrieben werden.

Benutzerfreundlicher Raum Ausstattungen und Dienstleistungen der NDL ermöglichen es dem Nutzer nicht nur, Dokumente zu lesen und anzuwenden, sondern auch seine eigenen digitalen Ressourcen und Contents zu produzieren. So können z.B. vollständige Ausrüstungen für Internet-Sendungen wie das Multimedia Studio genutzt werden, um UCC (User Created Contents) und eigene Video-Dokumentationen zu produzieren. Auch werden die besten von den Nutzern geschaffenen UCC, Blogs, Contents usw. gemäß dem Konzept „Library 2.0“ (neuer Begriff, der sich darauf bezieht, dass die im Rahmen von Web 2.0 vorangetriebenen

Konzepte von Partizipation und Interaktion auf die Bibliotheksdienstleistungen übertragen werden) gesammelt. Bislang wurden etwa 430.000 einzelne Webcontents zusammengetragen. Es wird auch weiterhin nach noch unentdeckten WebRessourcen geforscht, bis die Zielzahl von 2,7 Millionen erreicht ist. In Zusammenarbeit mit verschiedenen online-Wissensund Informationsdiensten plant die NDL zudem, als erste in Korea Portalseiten zur Verfügung zu stellen, die sich speziell auf die Bereiche Regionen, Politik, Behinderte und multiethnische Familien konzentrieren. Die NDL wird noch strenger als herkömmliche Bibliotheken darauf achten, dass nur ein absolut minimaler Geräuschpegel vorhanden ist. Zum einen wird zwar streng dafür gesorgt, dass eine Atmosphäre gewährleistet ist, in der sich der Einzelnutzer auf seine persönliche Forschung konzentrieren kann, zum anderen stehen aber auch Diskussionsräume zur Verfügung, in denen Zusammenarbeit und Interaktion, wie sie der Wissens- und Sommer 2009 | Koreana 35


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Informationsgesellschaft entsprechen, möglich sind. Die Seminarräume, in denen sich die Nutzer in kleinen Runden zusammensetzen können, sind für solche Zwecke gedacht. Dort ist man zwar ungestört und unter sich, da die Wände jedoch aus Glas bestehen, entsteht eine Atmosphäre der Offenheit und Gemeinsamkeit. Von allen Räumen aus hat man per Internet mit oder ohne Kabel Zugriff auf den Gesamtdokumentenbestand der NDL und es steht auch eine digitale Workstation bereit. Im kurz als „Multiplex“ bezeichneten Raum kann man in kleinen Gruppen oder im Hobbykreis Videos über individuelle kabellose Headsets ansehen. Die Ausleihe von UMPC (Ultra Mobile Personal Computer), mit denen man überall innerhalb des Bibliotheksgeländes digitale Dokumente ansehen oder die verschiedenen Dienstleistungsangebote wahrnehmen kann, ist ebenfalls möglich.

NDL Service Die NDL ist eine Hybrid-Bibliothek, die zugleich Dienstleistungen im physika36 Koreana | Sommer 2009

lischen Raum und Portal Service im virtuellen Raum zur Verfügung stellt. Der Nutzer hat freien Zugriff – im Rahmen der Urheberrechtsbestimmungen – auf Informationen in Korea und auch in den wichtigsten Bibliotheken der Welt. Hauptmerkmal ist, dass jeder jederzeit und überall leicht und bequem hochwertige digitale Informationen erhalten kann. Zusammengefasst werden im physikalischen und im virtuellen Raum folgende Dienstleistungen angeboten: Dienstleistungen im physikalischen Raum - Digital-Cluster Raum (Productivity Computer Cluster): ein Raum, in dem der Besucher digitale Geräte wie PC, Drucker usw. benutzen kann. - Digitaler Gruppen-Lernraum: ein Raum, der zur Unterstützung von verschiedenen Bildungsangeboten, Forschungen, Diskussionen u.ä. mit spitzentechnologischen Digitalgeräten (Projektscheinwerfer, LCDMonitor, elektronische Tafel ) ausgestattet ist. Außerdem stehen verschiedene Solu-

1 Die Digitale Nationalbibliothek befindet sich neben der Koreanischen Nationalbibliothek. 2 Die Digitale Nationalbibliothek ist ein auf einem völlig neuen Konzept beruhender Raum der Kultur, der den fortschrittlichen Stand der koreanischen Informationsgesellschaft widerspiegelt.

tions für Besprechungen zur Verfügung, mit denen Konferenzinhalte dokumentiert, gespeichert und verschickt werden können. - Ubiquitärer Multiplex-Raum: ein Multiplex-Raum, der ein digitales Umfeld mit 3D virtueller Realität, RFID, USN, Touchscreens usw. bietet, die die Ära der IT-Ubiquität befördern - Medien-Studio: ein Raum mit expertengerechter Ausstattung, in dem mit Hilfe der entsprechenden digitalen Ausrüstung UCC, Videos und Multimedia-Contents hergestellt, bearbeitet und umgewandelt werden können. - Digitales Büchercafé: ein Raum mit Blick auf eine Grünfläche, in dem man sich ausruhen kann.


- Digital Monument: ein in Form eines koreanischen Gartens gestalteter Raum inmitten der digitalen Arbeitsplätze, in dem man die Natur spüren kann. Die Bibliothek als Raum der Kultur erfährt damit eine Neuinterpretation. Dibrary Portal Service Dibrary ist eine Zusammensetzung aus „Digital“ und „Library“ und bezeichnet das Information Portal System von Nationalbibliothek und Digitalbibliothek. Es ist ein System, auf dessen Basis man überall inner- und außerhalb der Bibliothek Videos, digitale Bücher und verschiedene Formen von Online-Dokumenten verwenden kann. Es werden insgesamt über 100 Millionen Contents bzw. Informationen der wichtigsten Bibliotheken der Welt wie der Library of Congress in den USA, der in- und ausländischen Institutionen und Organisationen sowie privat erstellte Informationen angeboten. Darüber hinaus kommt diesem Service die Funktion zu, weltweit akademische und kulturelle Wissensressourcen zu sammeln, in digitaler

Form zu archivieren und zu integrieren. Es ist als „offenes Portal“ der wissenschaftlichen Daten Koreas, durch das die Nutzer alle Daten, deren Urheberrecht geklärt worden ist, frei online nutzen können, die Verkörperung einer digitalen Bibliothek im wahrsten Sinne des Wortes.

NDL in der Welt Durch die Eröffnung der NDL ist nun in Korea ein neuer komplexer Kulturraum entstanden, in dem man das kulturelle Bedürfnis nach leichtem Zugriff auf und Austausch von Informationen, Erlebnis, Erholung usw. befriedigen kann. Die rund um die Uhr geöffnete Dibrary, die den Nutzer in den Mittelpunkt stellt, macht die NDL komplett. Es ist möglich, dass in Zukunft in kulturell fortgeschrittenen Ländern Bibliotheken gebaut werden, die über eine bessere Hardware als die NDL verfügen. Tatsächlich haben der amerikanische Kongress und die UNESCO im letzten Jahr dem Bau einer World Digital Library (WDL) zugestimmt und die EU hat im Jahr 2006 die

European Digital Library (EDL) Website eröffnet, die die Informationen der meisten europäischen Nationalbibliotheken zur Verfügung stellt. Inmitten dieser weltweiten Trends präsentiert die NDL eine neue Philosophie, die auf zukünftige Bibliotheken angewendet werden kann wie „Bürgernahe Dienstleistungen“ und „Information Commons“. Die NDL hat damit in der internationalen Bibliothekengeschichte einen wichtigen Meilenstein gesetzt. Es ist jetzt dringend vonnöten Forschungen im Bereich Technologie und Recht zu betreiben, um den „fairen Gebrauch“ der massiven Sammlung digitaler Dokumente der NDL zu gewährleisten. Auch müssen die Bibliothekare, die die Hauptrolle bei Information Commons spielen, sich ununterbrochen um ihre Weiterbildung bemühen. Es ist zu hoffen, dass sich die NDL durch professionelle Bibliothekare und die rege Integration von neuen IT-Technologien zu einer der besten Digitalbibliotheken des 21. Jahrhunderts entwickelt. Sommer 2009 | Koreana 3


IntervIew

Rhie Won-bok Professor und Vater des koreanischen Lerncomics Rhie Won-bok sollte eher als „Kulturübersetzer“ statt als „Comiczeichner“ bezeichnet werden. Als Juror für den Preis „Illustratoren des Jahres“, der bei der Bologna Children’s Book Fair vergeben wird, stellte er sich vor kurzem auch als Illustrator der Welt vor. Vor 27 Jahren war er selbst einer der Preisträger. Das Interview mit ihm gibt Aufschluss über Stand und Perspektiven der koreanischen Comic-Illustration. Goo Bonjoon Leiter der Sonderbericht-Abteilung, Tageszeitung The Hankyoreh Fotos: Ahn Hong-beom

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s gibt eine Tatsache über koreanische Comics, die auch den meisten Koreanern nicht bewusst ist: Korea gehört zu den großen Comicbuch-Ländern der Welt. In Korea kommen tagtäglich neue Comicbücher heimischer Produktion und Fortsetzungen rund 100 verschiedenen Serien heraus. Im Jahr beträgt die Zahl der Veröffentlichungen sogar 10.000. Korea gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, in denen sich die Comicbuch-Kultur so erfolgreich etablieren konnte, dass auch eigene Comics exportiert werden, während z.B. in anderen asiatischen Ländern die Comic-Industrie der japanischen Übermacht nicht standhalten konnte und zerfiel. Dazu gibt es in Korea ein originäres Comic-Genre, das sich besonders stark entwickelte: Es ist der sog. Lerncomic.

Vater des Lerncomics Koreanische Lerncomics sind Comicbücher mit Bildungszweck, durch die Kindern Wissen und Allgemeinbildung einfach und interessant nahe gebracht wird. Nach ihrem ersten Erscheinen in der koreanischen Verlagsindustrie in den 1970er Jahren entwickelten sich die Lerncomics zu einem wichtigen Bereich auf dem koreanischen Büchermarkt, auf dem nicht nur das größte Augenmerk liegt, sondern auch die größte Konkurrenz herrscht. Die erfolgreiche Verankerung und Entwicklung der koreanischen Lerncomics geht darauf zurück, dass die heutigen Eltern von Schulkindern in ihrer eigenen Kindheit in den 1980er und 1990er Jahren durch eine Lerncomicserie Zugang und Zuneigung zu Comicbüchern fanden. Es war die Serie Ferne Länder, Nachbarländer von Professor Rhie Won-bok (geb. 1946), dem größten Bestsellerautor in der koreanischen Comic-Geschichte, die damals eine ganze Generation faszinierte. Die Comicserie Ferne Länder, Nachbarländer, die im Jahr 1981 in einer Kinderzeitung erschien, erlangte einen unglaublich großen Erfolg, da sie zu einer Zeit, in der Auslandsreisen für viele Koreaner noch kaum möglich waren, die Kultur und Geschichte der europäischen Staaten, also der von Korea am weitesten entfernten Länder, interessant und eingehend vorstellte. Mit der enormen Verkaufszahl von 1,5 Mio. ist 38 Koreana | Sommer 2009


Prof. Rhie Won-bok gilt als Pionier des Bildungscomics, der auf die BefÜrderung des gegenseitigen Verständnisses unter den Kulturen abzielt.


sie seit über 20 Jahren ein Steadyseller, der sich auch heute noch einer großen Beliebtheit erfreut. Schon vor dieser erfolgreichen Serie war Rhie bereits ein bekannter Veteran unter den Comiczeichnern. Er studierte an der Seoul National University Architektur, doch definierte er sich selbst immer als Comiczeichner und interessierte sich ausschließlich für Comics. Er debütierte bereits in seinem ersten Oberschuljahr, als er gerade 16 war, als Comiczeichner und entschied sich nach dem Universitätsabschluss für ein Studium in Europa, um seine Zeichentechnik zu innovieren. In Europa lernte er die Comicserie Asterix kennen, die auf ihn wie ein aufrüttelnder Schlag wirkte und ihn nachhaltig beeinflusste. Er änderte seine Zeichentechnik und experimentierte mit einer neuen Art von Comic, der Bildung und reichhaltige Informationen in sich vereinte. Ferne Länder, Nachbarländer war Resultat dieser Bemühungen. Dieses Werk brachte ihm nicht nur einen unglaublich großen Erfolg und Ruhm ein, sondern übte auch auf andere koreanische Lerncomics einen großen Einfluss aus. Die Comicserie sorgte für einiges Aufsehen in der damaligen koreanischen Gesellschaft, da sie sich von den bis dahin üblichen Comics unterschied und das intellektuelle Niveau der koreanischen Comics auf eine höhere Stufe anhob. In dieser Hinsicht ist Rhie der repräsentativste und bekannteste Comiczeichner Koreas und wird auch „Vater des koreanischen Lerncomics“ genannt.

Content-Vermittler und „Kultur-Übersetzer“ Rhie Won-bok, der nach seiner Rückkehr aus Europa Professor wurde, veröffentlichte nach Ferne Länder, Nachbarländer weitere erfogreiche Comics und stellte verschiedene Rekorde in der koreanischen Comicgeschichte auf. Vor allem brach er die vorherrschende Denkweise der damaligen Erwachsenen-Generation auf, die Comicbücher nur als infantile Kinderlektüre von niedrigem Niveau betrachtete. Rhie ist auch der erste „Professor-Comiczeichner“. Bevor seine erfolgreichen Comics erschienen, waren Comics in Korea das vernachlässigste Genre der Populärkultur, weswegen man sich auch gar nicht vorstellen konnte, dass ein Universitätsprofessor, der sogar im Ausland studiert hatte, Comics zeichnete. Sein Comicbuch Einführung in den Kapitalismus und Sozialismus durch Comics belegte als erstes Comicbuch Platz Nr. 1 der Bestsellerliste in Korea. „Die koreanische Illustration hat gerade erst damit begonnen, sich der Seine Comics sind von zeitloser Beliebtheit, Welt zu präsentieren. Es wäre für mich eine Freude, wenn ich künftig einen Beitrag zur Entwicklung einer koreatypischen Illustration, in der weil sie nicht nur interessant sind, sondern dem die koreanische Kultur zum Ausdruck kommt, leisten könnte.“ Leser leicht verständlich allgemeinbildendes Wissen und Informationen vermitteln. Rhie erklärt in seinen Comics das allgemeine Wissen, das für den Menschen von heute notwendig ist, anhand von verschiedenen Beispielen, die auch miteinander verglichen werden, klar und deutlich, aber nicht trocken, sondern leicht eingängig. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass ziemlich viele Koreaner durch seine Comicserie Ferne Länder, Nachbarländer die Kultur und Geschichte der europäischen Länder kennen lernten. In dieser Hinsicht ist er eher ein „Content-Vermittler“ oder „Kultur-Übersetzer“ als ein einfacher Comiczeichner. Die Themen seiner Comics umfassen verschiedene Bereiche, angefangen von Wirtschaftsphilosophie über Religion oder aktuelle Themen bis hin zur Kunst des Weingenusses. Comiczeichnen liegt offenbar in seiner Natur, denn auch noch mit heute 60 pendelt er zwischen Universität und Studio und zeichnet unermüdlich nur Comics.

Preisträger wird Preisrichter Professor Rhie hat aber auch noch eine andere Seite, die selbst Koreanern kaum bekannt ist. Er wurde im Jahr 1982, als er in Deutschland studierte, auf der weltgrößten Kinderbuchmesse Bologna Children’s Book Fair als erster koreanischer Illustrator zum „Illustrator des Jahres“ ausgewählt. Da in Bologna zahlreiche Illustratoren aus aller Welt mit ihren Werken vertreten sind, gilt dieser Preis als internationale Anerkennung des künstlerischen Niveaus des Preisträgers. Man mag sich vielleicht fragen, warum ein Comiczeichner einen Illustrationspreis erhielt, aber die Antwort liegt eigentlich klar auf der Hand. Comiczeichner bzw. Cartoonisten gehören im breiten Verständnis des Wortes zu den Illustratoren. Rhie unterrichtet seit 25 Jahren Illustration an der Abteilung für Industriekunst an der Duksung Women’s University in Seoul. Genau genommen ist Rhie ein Illustrator, der Comics zeichnet. Vor kurzem stellte er sich als Illustrator der Welt vor. Er wurde zusammen mit drei weiteren Preisrichtern als Juror für den Preis „Illustratoren des Jahres“ zur Bologna Children’s Book Fair, die vom 23. bis 26. März 2009 stattfand, eingeladen und bewertete Illustrationswerke aus aller Welt. Der junge Illustrator von einst, der auf 40 Koreana | Sommer 2009

1 Ein Beispiel für Rhies Schaffen: Die herrliche Käse-Party der Mäuse 2 Prof. Rhie wurde in das Juroren-Team für den Wettbewerb „Die besten Illustratoren des Jahres” berufen, der im Rahmen der Bologna Kinderbuchmesse 2009 stattfand.


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dieser Messe seine ersten Lorbeeren als Künstler geerntet hatte, nahm nach 27 Jahren als Preisrichter teil. Er ist der zweite Koreaner und der erste koreanische Illustrator, der Illustrations-Preisrichter auf der Kinderbuchmesse in Bologna war. Es gibt wohl niemanden, der für diese Aufgabe besser geeignet gewesen wäre als dieser Professor für Illustration, der früher selbst einmal Preisträger war. Dazu war Korea Gastland der Bologna Children’s Book Fair 2009. In Bologna richteten sich entsprechend alle Augen auf Potential und Perspektiven von Korea als neuem Powerhouse der Kultur in Asien und Rhie kam als repräsentativem koreanischen Illustrator eine wichtige Rolle auf der Messe zu. Die Illustration hat in Korea zwar noch keine besonders lange Geschichte, aber in jüngster Zeit weist sie ein rapides Wachstum auf. Mit der beachtlichen Entwicklung der koreanischen Kinderbücher hat auf natürliche Weise auch die Buchillustration Fortschritte gemacht. Korea hat zwar noch keinen Illustrator von Weltrang hervorgebracht, aber durch internationale Veranstaltungen wie die Kinderbuchmesse in Bologna ziehen immer mehr koreanische Künstler die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. In diesem Jahr waren zum Beispiel drei der 80 „Illustratoren des Jahres“, die unter den 2.711 Bewerbern in Bologna ausgewählt wurden, Koreaner. Bei Illustrationen spielt der individuelle Charakter des jeweiligen Künstlers zwar die größte Rolle, aber zugleich lassen sich je nach Land Gemeinsamkeiten und charakteristische Eigenheiten ausmachen. Selbst innerhalb von Europa lassen sich kleine Unterschiede in der Illustration zwischen der germanischen Region mit Deutschland im Mittelpunkt und den romanischen sowie britischen Regionen erkennen. Illustrationen aus der germanischen Region weisen versteckte Züge des deutschen Expressionismus auf. Sie sind zwar stark und intensiv im Ausdruck, betonen aber zugleich das Düster-Psychische. In Großbritannien gibt es viele originelle, bis ans Bizarre 42 Koreana | Sommer 2009


reichende Illustrationen, die in den Augen der Ausländer eine trübe, an das englische Wetter erinnernde Atmosphäre vermitteln. Im Gegensatz dazu sind Illustrationen aus Frankreich hell und prächtig. Italienische Illustrationen sind besonders experimentell, verspielt und enthalten auch viele avantgardistische Elemente. In amerikanischen Illustrationen tritt zwar typisch Amerikanisches nicht so deutlich in Erscheinung, aber die realistischen Illustrationen gelten als die besondere Stärke der Illustratoren aus den USA. In Asien ist der Bereich Illustration fast nur in Japan und Korea, die einen entwickelten Verlagsmarkt haben, bis zu einem gewissen Grade etabliert. Illustrationen aus Japan, das zu den in Sachen Illustration starken Ländern zählt, sind schwarz-weiß, nachdenklich und introvertiert. Im Gegensatz dazu ist der Hauptstrom der koreanischen Illustrationen meistens extrovertiert, ausdrucksstark und farbenfroh. Nach Professor Rhies Ansicht befindet sich die Illustration in Korea gerade in der Anfangsphase ihrer Blütezeit. Bislang gibt es in Korea noch nicht so viele „nicht-fiktionale“ Illustrationen, die der Informationsvermittlung dienen, sondern die meisten sind fiktionale Illustrationen, die das Geschichte-Erzählen unterstützen. Aber es wird erwartet, dass durch das Erscheinen verschiedener neuer Künstler sich eine typisch koreanische Illustrationskultur entwickeln wird. Was ist nach Preisrichter Rhie Won-bok der neueste Trend in der weltweiten Kinderbuch-Illustration? Nach der Bewertung sagte er, dass ihm „die Wichtigkeit von Bildern bewusst geworden ist, die eine Neuartigkeit aufweisen, die den Blick des Betrachters zu fesseln vermag“. „Früher wurden Bilder von herausragender Zeichentechnik hoch bewertet. Aber heute wird viel mehr Wert auf die Originalität gelegt. Deswegen sage ich meinen Studenten auch nicht, was sie verbessern sollen und versuche auch nicht, ihnen Zeichentechniken beizubringen, sondern ich bemühe mich, ihnen zu helfen, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Schließlich muss jeder sein eigenes Bild zeichnen“. Seine Worte machen deutlich, dass in einem Bereich mit dermaßen hoher Konkurrenz wie dem der Illustration nur Künstler überleben können, die in puncto individuellem Charakter und Stil auf sensationelle Weise originell sind.

Nachwuchsförderung

Rhie lehrt seit 25 Jahren Illustration am Duksung Women’s University’s College of Graphic Design.

Nach Rhie Won-bok ist die Illustration deshalb besonders wichtig, weil Illustrationen die allerersten Bilder sind, mit denen Kinder durch ihre Bilderbücher in Kontakt kommen. Illustrationen beeinflussen nämlich die Kinder sehr stark und helfen ihnen, ein ästhetisches Bewusstsein zu entwicklen. Er weist darauf hin, dass aus diesem Grund besonders in diesem Bereich wissenschaftliche Studien noch aktiver vorangetrieben werden sollten. Durch ein größeres Interesse an Illustrationen und durch stärkere wissenschaftliche Bemühungen können die Eltern die Fähigkeit entwickeln, gute Illustrationen für ihre Kinder auszuwählen. Wenn die Kinder wiederum durch hochwertige Illustrationen ein gutes ästhetisches Gefühl entwickeln können, kann das kulturelle Niveau einer ganzen Nation erhöht werden. Mit diesem Ziel veranstaltet Rhie Ausstellungen, die die Werke von jungen Illustratoren aus Korea und Deutschland vorstellen. Es ist ein persönliches Projekt von Rhie, das er, der renommierte Illustrator und Pionier der koreanischen Illustration, zur Nachwuchsförderung vorantreibt. In seinen Illustrationsausstellungen werden unter einem Thema verschiedene Werke aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam vorgestellt. Der Zweck liegt darin, den jungen Illustratoren die Gelegenheit zu bieten, durch den Vergleich der unterschiedlichen Illustrationstraditionen der einzelnen Länder und deren jeweiligen kulturellen Besonderheiten neue Kulturen kennen zu lernen. Wie er selbst in seinen jungen Jahren durch das Kennenlernen fremder Kulturen seine eigene Kunstwelt entwickelte, so wünscht er sich, dass die jungen Illustratoren durch verschiedenartige kulturelle Erfahrungen ihren eigenen charakteristischen Stil entwickeln können. „Der Bereich Illustration rückt heute in den Mittelpunkt der visuellen Kultur. Das Werk eines einzigen Illustrators erscheint auf verschiedenen Produkten und macht so die Kultur bekannt. Die koreanische Illustration hat gerade erst damit begonnen, sich der Welt zu präsentieren. Es wäre für mich eine Freude, wenn ich künftig einen Beitrag zur Entwicklung einer koreatypischen Illustration, in der die koreanische Kultur zum Ausdruck kommt, leisten könnte.“ Sommer 2009 | Koreana 43


KunStHanDwerKer

1 Hansan-Mosi ist dermaßen fein gewebt, dass der Stoff oft mit den Flügeln einer Libelle verglichen wird.

2 Detailansicht einer Damenjacke aus feinem Mosi-Stoff, die mit Natur-Indigofarbe gefärbt wurde. Brosche in Blütenform nach dem Design von Bang Yeon-Ok. 44 Koreana | Sommer 2009

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adegrüner Semosi-Rock und Blattgold-verzierte Haarschleife Schwingen zum Himmel hinauf und flattern zwischen den Wolken. Selbst die Schwalbe hält staunend inne im Flug.” Wie der Text des Kunstliedes Schaukel (Geune ) vermittelt, gleicht Semosi einem Windhauch. Früher zogen die unverheirateten Mädchen des Dorfes an besonderen Tagen wie dem Dano-Fest (der fünfte Tag des fünften Monats nach Lunarkalendar), wenn langsam die Sommerhitze beginnt, ihre Semosi-Kleider, die sie sorgfältig für solch besondere Gelegenheiten aufbewahrt hatten, an und vergnügten sich auf den an Bäumen befestigten Langschaukeln. Mosi ist neben Sambe (Hanffaserstoff) einer der repräsentativsten Stoffe für Sommerkleidung in Korea. Sambe, für den die Schaftfasern des Hanfs zu einem groben Stoff gewebt wurden, war beim einfachen Volk als Kleiderstoff beliebt. Die Mosifasern werden hingegen aus dem Bastteil der Ramiepflanze gewonnen, weshalb der Stoff viel feiner ist. Weil das Herstellen von Mosi große Sorgfalt erfordert, galt der Stoff als entsprechend höherwertig und wurde vorzugsweise von der gehobenen Gesellschaftsschicht getragen. In der Joseon-Zeit (1392-1910) gehörte er zu den Tributgeschenken an den König. Mosi ist so dünn, dass er sogar leicht durchsichtig ist, und das Gewebe

fühlt sich kühl an wie hauchdünnes Eis. Deswegen sagte man auch, dass Mosi Libellenflügeln gleicht.

Zwei Meister Mosi wird zwar auch in der HonamRegion hergestellt, aber von früh an ist der Mosi aus Hansan, Kreis Seocheongun, Provinz Chungcheongnam-do besonders berühmt. In dem bedeutenden Geographiebuch Taengniji (Führer durch Korea) von Yi Jung-hwan (1690-1756), der in der Joseon-Zeit als Wissenschaftler der Silhak-Philosophenschule des Praktischen Wissens angehörte, wurden die besten Produkte der einzelnen Regionen vermerkt: Tabak für Jinan, Ingwer für Jeonju, Ramie für Imcheon und Hansan und Riedgras für Andong and Yean. In Hansan baute jeder Haushalt Ramiepflanzen an und jede Frau konnte Ramiestoff weben. Semosi aus Hansan ist von so überragender Qualität, dass „HansanSemosi“ quasi schon ein Eigenname ist. Dieser Stoff ist von so feiner Webart, dass es heißt, ein ganzer Pil (Breite: 31,5cm, Länge: 21,6m) würde in eine einzige Reisschüssel passen. Der Stoff ist aber nicht nur fein, sondern auch sehr reißfest. Bang Yeon-Ok (62), die Trägerin des Immateriellen Kulturgutes Nr. 14, des Webens von Hansan-Mosi, sagt, dass sie von zwei Meisterinnen gelernt habe: ihrer verstorbenen Mutter und ihrer

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Nachbarin Mun Jeong-Ok (81 Jahre). „Früher hat meine Mutter mir immer erzählt: ‚Du hast schon mit fünf Jahren Mosi gewebt.‘ Meine Mutter hat mich bis zu meinem fünften Lebensjahr gestillt. In den Armen meiner Mutter habe ich gesehen, wie sie zusammen mit meinen Schwestern und Nachbarinnen den Bastteil des Stängels in dünne Streifen zerteilte, daraus Fäden machte und sie stärkte. Ich soll schon damals gut die Fasern zerteilt und versponnen haben. Als ich ein bisschen älter geworden war, hat mir meine Mutter nichts mehr beigebracht: Man würde ein hartes Leben haben, wenn man sich einmal auf dieses

Bang Yeon-Ok Ramie: leicht wie Libellenflügel Mosi (Ramiestoff) ist ein traditioneller koreanischer Stoff, der die schwüle Sommerhitze etwas erträglicher macht. Er zählt zu den idealsten Kleiderstoffen für den Sommer, da er luftdurchlässig ist und auch Schweiß gut absorbiert. Semosi, aus feinsten Fäden gewebter Mosi, gilt als elegantester unter den Ramiestoffen. Bang YeonOk, die in der für Mosi bekannten Stadt Hansan geboren wurde und dort aufwuchs, webt bereits seit 30 Jahren zarte Semosi-Stoffe. Park Hyun Sook Freie Schriftstellerin | Fotos: Ahn Hong-beom

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1 Mosi-Fäden, die für den Webstuhl fertig gemacht wurden. 2 Bang Yeon-Oks lebenslange Hingabe für das Weben von Hansan-Mosi wurde im Jahr 2000 mit der Designierung zur Trägerin des entsprechenden Immateriellen Kulturgutes gewürdigt.

3 Kleidungsstück für ein Neugeborenes aus Natur-Mosi.

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„Während des Webens habe ich das Gefühl, über hauchdünnes Eis zu laufen. Mosi ist so dezent und anmutig, von Semosi ganz zu schweigen. Man muss mit Mosi so vorsichtig wie mit einem Neugeborenen umgehen. Es gibt nichts Eleganteres als ein Kleidungsstück aus sorgfältig gewebtem Mosi. Da ein Mosi-Kleid die Luft in sich behalten kann, sehen selbst Personen mit Figurproblemen gut darin aus.“

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Handwerk einlässt, denn man könne sich nicht wieder davon trennen. Es waren Zeiten, in denen man noch glaubte, dass eine Frau mit geschickten Händen unter einem schlechten Stern geboren sei. Aber trotzdem habe ich das Handwerk gelernt, indem ich Mutter über die Schulter sah, und mit 17 Jahren habe ich zum ersten Mal einen Pil Mosi gemacht. Aber das Weben im letzten Arbeitsschritt hat eigentlich meine Mutter übernommen. Meine Mutter wollte mich vom MosiWeben abhalten, weil ich ihr als Nesthäkchen unter uns acht Geschwistern Leid tat, aber ich mochte Mosi-Machen und -Weben. Ich habe nicht ein einziges Mal daran gedacht, damit aufzuhören. Beim Weben vergesse ich alle Sorgen und verliere mich im rhythmischen Klang des Webstuhls.“ Zu dieser Zeit war Mun Jeong-ok, die im Jahr 2008 zur Ehrenträgerin des Immateriellen Kulturgutes Nr. 14 wurde, bereits als Mosi-Meisterin bekannt. Sie stammte aus dem Nachbarort Gisan, zog aber im Alter von 28 mit der Heirat nach Hansan. Sie hatte drei Kinder aufgezogen, und als ihr jüngstes drei geworden war, nahm sie nach mehreren Jahren Pause die MosiHerstellung wieder auf. „Ich habe in den 1980er Jahren das Mosi-Handwerk von Grund auf gelernt. Jeder Schritt der MosiHerstellung ist schwer. Am schwersten ist es aber, die Fasern zu teilen, zu verspinnen und zu stärken. Ein einziger Fehlgriff und alles ist verdorben. Es ist sehr schwer, die Fasern gleich dick zu teilen. Beim Verspinnen darf man die Fasern dann nicht zu schwach zwirbeln. Um den Faden zu stärken, trocknet man ihn über einem Feuer aus Reishäcksel. Schon bei kleinster Überhitzung reißt der Faden. Die Meisterin hat mir zwar ohne große Worte alles in Ruhe beigebracht, aber wenn der

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Faden riss, konnte sie einem schon Angst einjagen. Man verliert mit einem Schlag alle Kraft, wenn durch einen einzigen kleinen Fehler alle Mühe und Sorgfalt zunichte wird.“ Bang Yeon-Ok hat im Winter 1981 ihre ersten drei Pil Mosi gewebt. Diese hat sie damals auf dem Hansan-Mosi-Markt für 120.000 Won verkauft. Rechnet man das in Reis um, so konnte man zu der Zeit für diese Summe 160 kg Reis bekommen, d.h. es war keine geringe Summe. Im August 2000 wurde Bang zur Trägerin des Immateriellen Kulturgutes erkoren, 23 Jahre nachdem sie unter Meisterin Mun das Mosi-Weben zu lernen begonnen hatte.

Herstellungsschritte In Hansan bezeichnet man die Schritte, in denen man die Fasern teilt, zu einem langen Faden verspinnt, den fertigen Faden gemäß der genormten Breite und Länge des Mosi-Stoffes auf vier Paare von Pfosten des Kettbaums spannt, stärkt und die Kett- und Schussfäden aufwickelt als „Mosi-Machen“ und das eigentliche Weben als „Mosi-Weben“. Bang Yeon-Ok sagt, dass sie sie sich bei den Prozessen des Mosi-Machens elend fühlt, während sie sich beim Weben wirklich wohlfühlt. Aber bis zur Fertigstellung einer Rolle Mosi stehe man fortwährend unter Spannung.

„Es ist, als ob man ständig über hauchdünnes Eis läuft. Wenn man auch nur einen Moment unkonzentriert ist, macht man leicht Fehler, und wenn man sich darüber ärgert, verliert man einen Faden, so dass man sich nicht mal nach Herzenslust aufregen darf. Mosi ist so dezent und anmutig, von Semosi ganz zu schweigen. Man muss mit Mosi so vorsichtig wie mit einem Neugeborenen umgehen. Es gibt nichts Eleganteres als ein Kleidungsstück aus sorgfältig gewebtem Mosi. Ein Mosikleid muss man ein bisschen größer nähen, um beim Tragen Platz für Luft zu lassen. Da ein Mosi-Kleid die Luft in sich behalten kann, sehen selbst Personen mit Figurproblemen gut darin aus. Mosi ist zwar sehr reißfest, aber wenn man sich ohne Zurückhaltung bewegt, knittert der Stoff leicht. Deswegen sagte man, dass selbst der König, wenn er Kleidungsstücke aus Mosi trägt, sich vorsichtig bewegen muss.“ Bang Yeon-Ok erklärt, dass die MosiHerstellung acht Arbeitsschritte umfasst. „Zuerst muss man die Ramie-Pflanzen auf dem Feld ernten. Geerntet werden Stängel, die über zwei Meter hoch sind und oberhalb der Wurzeln eine leicht bräunliche Farbe angenommen haben. Die erste Ernte ist Ende Mai, Anfang Juni, die zweite Anfang bis Ende August und die Sommer 2009 | Koreana 4


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1 Diese von Bang Yeon-Ok gefertigte MosiHandtasche gehört zu den Artikeln, die im Hansan Mosi Museum zum Verkauf angeboten werden.

2 Hauptarbeitschritte der Mosi-Herstellung (von links nach rechts): Die Rinde des RamieStängels wird mit einem sichelartigen Spezialmesser entfernt. Die Ramie-Fasern werden mit Lippen und Zähnen geteilt. Mit einem kammartigen Gerät werden die feinen MosiEinzelfäden geglättet. Die fertigen Fäden werden auf den Webstuhl gespannt, um feinstes Mosi-Gewebe herzustellen.

3 Kettfäden, die wie herabfließendes Wasser aussehen.

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dritte im Oktober. Es gibt zwar drei Ernten pro Jahr, aber die Fasern aus der zweiten Ernte gelten als die besten.“ Im ersten Arbeitsschritt werden Blätter und Zweige entfernt und die Rinde mit einem sichelförmigen, fingerlangen Spezialmesser abgeschabt, bis nur noch die weichen inneren Bastfaserstränge (Taemosi) übrig bleiben. Die Bastfasern werden zu kleinen Bündeln zusammengebunden, in Wasser eingeweicht und in der Sonne trocknen gelassen. Dieses Verfahren wird vier bis fünf Mal wiederholt. Der nächste Schritt ist das Teilen der Fasern. Dazu werden Mund und Zähne eingesetzt. Wenn die Fasern nicht gleichmäßig dick sind, sinkt die Qualität. Die Fasern werden je nach Dicke in Sangjeo (Semosi), superdünne Fasern von höchster Qualität, Jungjeo oder Fasern mittlerer Dicke und Qualität, sowie minderwertigere, grobe MakjeoFasern unterschieden. Die Mosifasern werden in Strängen an eine Hängevorrichtung (Jjeonji) gehängt. Aus den Strängen werden dann zwei Fasern herausgezogen, übers Knie gelegt und von den beiden Enden zu einem Faden zusammengezwirbelt. Dieser Arbeitsschritt ist das Verspinnen der Mosi-Fasern. Die so gewonnenen Fäden werden in einer bestimmten Länge zu Docken (Mosigut) verarbeitet. Ein Mosigut entspricht etwa einer Handvoll Fäden. Aus 400g Fasern kann man ungefähr fünf solche Mosigut machen. Um einen Pil Mosi-Stoff von 31,5cm Breite und 21,6m Länge herzustellen, braucht man zehn Mosigut. Im nächsten Arbeitsschritt werden die Fäden auf den Kettbaum (Jeojeuldae) gewickelt, wobei sich Länge und Anzahl

an den Abmessungen für ein Pil orientieren. Die Fäden von etwa zehn Mosigut werden zuerst durch die Löcher des Jeojeuldae gefädelt und zu einem Bündel zusammen gebunden. Danach werden die einzelnen Fäden um den Kettbaum gespannt, wobei die Länge auf die übliche Norm abgestimmt und die Anzahl der Kettfäden bestimmt wird. Beim Spannen der Kettfäden ist darauf zu achten, dass sich die Fäden nicht verschlingen. Die Gewebedichte wird in Sae gerechnet: 1 Sae sind ca. 80 Kettfäden auf einer Breite von 31,5cm. Es gibt 7 Sae bis 15 Sae, auch Boreumsae genannt. Die Stoffe mit einer Fadendichte von über 10 Sae werden als Semosi bezeichnet. Ein Mosi-Stoff mit einer Gewebedichte von 12 Sae hat demnach 960 Kettfäden. 10 Sae bdeutet, dass die Fäden noch dünner und feiner als ein menschliches Haar sind. Der nächste Schritt ist das Mosimaegi, das Beschlichten oder Stärken der Fäden. Nach Bang Yeon-Ok ist es neben dem Teilen der Fasern und dem Verspinnen der schwierigste Schritt des Mosi-Machens. Um den Mosi zu beschlichten, zieht man eine bestimmte Anzahl von Kettfäden durch einen der gewünschten Gewebedichte entsprechend dichten Webkamm (Badi). Die eine Seite des Fadenbündels wird an der Garnspule befestigt und die andere um die Rolle gewickelt, die zum Spannen des Fadens gebraucht wird. Danach mischt man Wasser mit Bohnenpulver und Salz zu einer Stärkepaste. Diese sog. Schlichte wird mit einem Pinsel auf die Fäden gestrichen, um die Verbindungsstellen zu glätten und Ausfasern zu verhindern. Das Beschlichten geschieht über einem Feuer aus Reishäcksel, damit die Fäden gleichzeitig trocknen.


„Ich hasse es, wenn man im Sommer Mosi beschlichtet und es zu lange dauert. Der Schweiß läuft einem dann in Strömen herunter. Kein gerade angenehmer Duft, der sich da entwickelt“, meint Bang. Beim Weben unterscheidet man zwischen den vertikal laufenden Kettfäden und den horizontal laufenden Schussfäden. Der nächste Schritt ist, die Schussfäden auf einen Webschütz zu wickeln. Danach kommt als letzter Schritt das Weben des Mosi. Die Garnspule (Dotumari), um die die Kettfäden gewickelt sind, wird auf den Webrahmen gelegt; danach schiebt man den Webkamm abwechselnd in die beiden Litzen. Anschließend steckt man die Kettfäden wieder in den Webkamm, bindet sie straff an den Knotenhalter, windet sie um die Stoffrolle und strafft das Ganze noch einmal. Danach zieht man mit dem Fuß am Trennstab und zieht die Kettfäden auseinander. Anschließend schiebt man den Webschütz mit dem Schussgarn hin und her und fertigt so das Gewebe. Bang Yeon-Ok sagt, dass sie ungefähr vier bis fünf Tage braucht, um einen Pil Mosi zu weben. Mosi reißt leicht, wenn er zu trocken ist. Deswegen wird selbst während der Hundstage in einem feuchten und geschlossenen unterirdischen Raum gewebt. Früher hat man in Hansan unter der Maru (Holzdiele) des Hauses ein großes Loch ausgehoben und dort einen Webstuhl hingestellt. Es wurde in diesem Loch gewebt und wenn es an Feuchtigkeit fehlte, hat man um den Webstuhl große Reisstrohgarben gestellt, die zwischendurch mit Wasser besprenkelt wurden. Heute ersetzt der Luftbefeuchter Kellerraum und Stroh. In einem letzten Arbeitsschritt befeuchtet man den fertigen Mosi-Stoff mehrmals mit Wasser und

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lässt ihn in der Sonne trocken. Wenn man diesen natürlichen Bleichvorgang mehrmals wiederholt, erhält man weißen Mosi, den man „Baekjeopo“ nennt. Zur Zeit wird in Hansan Mosi in verschiedenen Farben hergestellt, wobei man Naturfarben zum Färben benutzt.

Widerstandsfähiger durch Tragen „Ein Kleidungsstück aus Mosi ist ein gutes Stück. Es sieht nicht nur elegant aus, sondern wird auch widerstandsfähiger, je öfter man es trägt, und weißer und passender, je öfter man es wäscht. Ich dachte, dass das für alle Mosi-Kleider gilt. Aber man sagt, dass Mosi aus Hansan besonders strapazierfähig und von hoher Farbbeständigkeit ist. Sehen Sie sich mal dieses Oberteil aus Mosi an. Es ist schon 50 Jahre alt. Meine Mutter hat es für mich gemacht, als ich heiratete.“ Bang Yeon-Ok holt das boleroartige Hanbok-Oberteil hervor, das sie tief im Schrank aufbewahrte. Die Gewebedichte

ist 12 Sae. Diese Kleidungsstück, das schon ein halbes Jahrhundert alt ist, ist fein gewoben und wirkt, als ob es gerade genäht worden sei. Frau Bang sagt, dass sie es in diesem Sommer zum Mosi-Festival tragen möchte und lacht verschämt wie eine frisch verheiratete junge Frau. „Jeden Tag, sobald ich die Augen aufgeschlagen habe, komme ich hierher zum Hansan Mosi Museum und webe. Früher haben alle Frauen gewebt. Unter den Besuchern gibt es ältere Frauen, die nicht einmal hingucken, wenn ich webe, sondern einfach vorbeigehen. Sie haben sich in ihren jungen Tagen die Finger blutig gewebt. Wenn man lange webt, schmerzen Rücken und Augen. Früher haben die Frauen tagsüber auf dem Feld gearbeitet, Getreide gemahlen, Wasser vom Brunnen geholt und in der Nacht noch mit halb zugefallenen Augen am Webstuhl gesessen. Aber es gibt auch Leute, die sich freuen und sagen, dass das Weben sie an ihre Mutter erinnere. Meistens sind es ältere Männer. Junge Menschen dagegen finden alles neu und aufregend. Das Weben ist zwar körperlich sehr anstrengend, aber es macht mir immer noch Spaß. Die ersten Reaktionen der Besucher sind alle unterschiedlich. Aber wenn sie mich weben sehen, staunen doch alle, wie viel Sorgfalt und Mühe im Mosi steckt. Nun, das reicht mir.“

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MeISterwerKe

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aekja, weiße Keramik, die seit Beginn der GoryeoDynastie (918-1392) gelegentlich neben dem jadegrünen Seladon, auf Koreanisch Cheongja, hergestellt wurde, stand in der nachfolgenden Joseon-Zeit (1392-1910) im Mittelpunkt der Porzellankunst. Während der Joseon-Zeit wurden Herstellung und Kontrolle von Baekja gefördert und infolge ihrer großen Popularität unter der ganzen Bevölkerung erfuhr die weiße Baekja-Keramik zu dieser Zeit eine außergewöhnliche Entwicklung. Im Zentrum dieser Entwicklung standen am Anfang die Stadt Gwangju in der Provinz Gyeonggi-do und die Berge Gwanak-san sowie Bukhan-san. Später breitete sich die Baekja-Produktion auf andere Regionen aus und die Stadt Gwangju, wo sich die staatliche Manufaktur befand, wurde zum Mittelpunkt der Baekja-Brennerei in der Joseon-Zeit.

Ein geschichtlicher Überblick Die Geschichte der Baekja-Keramik der Joseon-Zeit wird normalerweise in drei Perioden unterteilt. Die Anfangsperiode begann mit der Gründung des Joseon-Reiches (1392) und dauerte bis zum 17. Jahrhundert, als die so genannte Joseon-Baekja in ihrer Form vollendet wurde. Im 15. Jahrhundert erschienen Sanggam-Baekja, weiße Keramiken mit eingelegtem Dekor, die aber gleich wieder verschwanden. Populär waren Blaudekor-Baekja, die auf der Grundlage des chinesischen Stils koreanische Besonderheiten entwickelten. In der mittleren Periode, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts reichte, dominierten EisenBraundekor-Baekja, während die zahlder BlaudekorBaekja zeitweilig abnahm, im 18. Jahrhundert aber erneut

drastisch zunahm. Damals wurden auch Kupfer-RotdekorBaekja hergestellt. In der Endperiode von Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ging die Qualität der Baekja zurück, während man sie gleichzeitig in Massen produzierte. Zu der Zeit waren Blaudekor-Baekja populär und man begann auch damit, Keramiken mit Kupfer-Rotpigment zu verzieren. Zu Beginn der Joseon-Zeit stellte man meistens reine Baejka ohne jeglichen Dekor her und bei Sanggam-Baekja herrschten als Einlege-Motive Lotosranken, Blütenpflanzen, Wolken sowie Lotosblumen vor. Von der Technik her ähneln sie dem Seladon mit eingelegtem Dekor. Baekja wurden zwar selten, aber doch hin und wieder mit Ziergravuren und figurativem Dekor verziert. Ab der mittleren Periode waren die reliefartigen Gravuren nicht mehr so üblich, sondern man schmückte die Keramiken immer mehr mit Ziergravuren und figurativem Dekor, wobei man Blau- oder Eisen-Braunpigmente benutzte. Die Motive waren sehr verschiedenartig wie zum Beispiel Pflaumenbaum und Bambus, Kiefer und Bambus, Ume-Bäume, Chrysanthemen, Kettenmuster, Wolkenmuster, die Tiere der zehn Symbole der Unsterblichkeit (Schildkröte, Kranich und Hirsch), Trauben, Orchideen, Fische, Muscheln, Krebse oder Vögel. Die Farbe des Baekja hängt davon ab, aus welcher Region der Weißton stammt, und auch Glasur und Feuerung bestimmen den Farbton. Im 15. Jahrhundert waren die Baekja milchweiß, im 16. schneeweiß, im 17. hellgrau und im 18. sowie 19. Jahrhundert hatten sie einen leicht hellgrün schimmernden Weißton.

Eine königliche Schale von schlichter Schönheit

Weiße Keramikschale mit eingelegtem Lotosblütenrankendekor Die Dekors weißer Keramiken aus der Joseon-Zeit sind in ihren Motiven und Techniken sehr verschiedenartig. Darunter ragt diese Schale mit eingelegten Lotosblütenranken mit ihrem schlichten und feinen Dekor hervor. Yoon Yong-yee Professor für Kunstgeschichte, Myeongji University Fotos: National Museum of Korea

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Baekja, deren Oberfläche je nach Ausdruckweise mit verschiedenartigen Dekorstilen verziert ist, sind von praktischer und ästhetischer Schönheit. Je nach Dekor unterscheidet man reinweiße Baekja, Sanggam-Baekja mit eingelegtem Dekor, Blaudekor-Baekja, Eisen-BraundekorBaekja und Kupfer-Rotdekor-Baekja.

Keramikschale mit Lotosblütenrankendekor Die weiße Keramikschale mit eingelegtem Lotosblütenrankendekor, Nationalschatz Nr. 175, die zwischen 1460– 1470 für den Gebrauch am Königshof hergestellt wurde, gilt unter den heute noch existierenden Sanggam-Baekja als Krönung ihrer Art. Die Keramik, die in der Tradition der weichen Keramiken der Goryeo-Zeit steht, wurde im Gegensatz zu den üblichen Sanggam-Baekja aus Joseon, bei denen die Glasur meistens rau und das Einlegedekor gröber ist, äußerst sauber verarbeitet; sie bringt die Zartheit des Materials hervorragend zum Ausdruck und weist im Dekor technische Feinheit auf. Auch die schlichte Schönheit macht sie zu einem einmaligen Kunstwerk. Das Muster wurde auf die Oberfläche der Schale eingraviert. Danach füllte man die Gravuren mit Rotocker, dem traditionellen Farbpigment für Keramiken, und überzog sie nach dem ersten Brennen mit Glasur, so dass das Muster schließlich einen schwarzen Farbton annahm. Besonders

beachtenswert ist, dass man die Lotosblumen, die durch die oben beschriebene schwarze Einlegetechnik weit aufblühten, und deren Stängel sowie Blätter zu einer Ranke verbunden darstellte. Das Weiß, das über die Leere hinausgeht und blassgelb wirkt, und das schwarz eingelegte Lotosblütenrankendekor in scharfer Formulierung bilden eine schöne Harmonie. Die innere Seite ist nur oben an der Mündung mit einer grasbüschelartigen Zeichnung in vereinfachter Rankenform umzogen und ansonsten unverziert, so dass sie ein Gefühl der Unbeschränktheit vermittelt. Die Außenwandung wird oben und unten von Doppellinien gerahmt, zwischen denen die oben erklärten weit aufgeblühten Lotosblumen mit ihren Stängeln und Blättern schlicht und gestochen eingraviert sind. Dieser Rankendekor weist strukturelle Parallelen mit dem Dekor auf der Keramikschale mit blauem Lotosblumenrankendekor aus der Zeit des 5. Kaisers der chinesischen Ming-Dynastie (Xuande Di, frühes 15. Jh.) auf, was eine Verbindung zwischen den Keramikkulturen der beiden Reiche vermuten lässt.

Lotosblüten, Stängel und Blätter schmücken diese weiße Porzellanschale mit einem fortlaufenden schwarzem Dekor, für den die Rotocker-Einlegetechnik verwendet wurde. Die Schale ist ein repräsentatives Sanggam-Baekja Stück (weißes Porzellan mit eingelegtem Dekor).

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Diese Keramikschale, die in der Tradition der weichen Keramiken der Goryeo-Zeit steht, wurde sehr sauber verarbeitet, bringt die Zartheit des Materials hervorragend zum Ausdruck und weist im Dekor technische Feinheit auf. Auch die schlichte Schönheit macht sie zu einem einmaligen Kunstwerk.

Die Mündung schwingt weit aus, während der Körper volumenreich geformt ist und der Fuß breit und stabil steht. Die auf der ganzen Fläche fein aufgezogene blassgelbe Glasur ist mit Haarrissen, wie sie beim Reißen von Eis entstehen, überzogen, und am Fuß gibt es Spuren, an denen man erkennen kann, dass man die Schale auf feinen Sand gestellt gebrannt hat.

Bedeutung und Ursprung des Lotosblütenmotivs Lotosblumen („Yeonkkot“ auf Koreanisch) nennt man auch „Yeonhwa“ oder „Hahwa“, früher wurden sie auch „Buyong“ oder „Suhwa“ genannt. Lotosblumen waren infolge ihrer starken Lebenskraft seit alters her ein beliebtes Symbol für Schöpfung und Prosperität des Lebens. Diese starke Lebenskraft wird z.B. dadurch demonstriert, dass es einmal gelang, einen Lotossamen, der über 1.000 Jahre lang unter der Erde vergraben war, keimen zu lassen. Dies stimmt mit der Aussage überein, die sich im Bonchogangmok (Enzyklopädie der Heilkräuter ), einem Heilkräuter-Handbuch aus der MingDynastie, findet: „Lotosblumen besitzen eine sehr starke Lebenskraft, so dass sie fast unsterblich sind. Lotosfrüchte bergen die Kraft des Lebens in sich, die Triebe, die aus den Wurzeln sprießen, wachsen ohne Ende und die Harmonie ihrer Entwicklung kennt keinen Stillstand.“ Auf Grund ihrer charakteristischen Besonderheit, nicht vom Schlamm beschmutzt zu werden, obwohl sie in Sümpfen und Teichen wachsen, symbolisieren die Lotosblumen im Buddhismus Sauberkeit und Reinheit. Im Zusammenhang mit der buddhistischen Lehre werden sie auch als Symbole für Konzepte wie Transzendenz, Erleuchtung und Läuterung betrachtet. Außerdem sind sie auch ein Symbol der Reinkarnation. In der koreanischen Volkserzählung Simcheong-jeon (Die Geschichte der Simcheong ) wird die Hauptfigur, die pietätvolle Tochter Simcheong, aus einer großen Lotosblume wiedergeboren, nachdem sie sich zur Rettung ihres blinden Vaters ins Wasser gestürzt hatte. Lotosblumen, die „im schmutzigen Schlamm wachsen, aber selbst nicht schmutzig werden“, sind nicht nur ein

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buddhistisches Symbol, sondern stellen im Konfuzianismus auch die ehrliche Armut des Ehrenmannes und das stolz-einsame Über-den-Dingen-Stehen, die Distanziertheit, dar. Im Taoismus war der Lotos-Kerzenständer ein heiliger Gegenstand, den Xiaxiangu, eine der acht taoistischen Unsterblichen aus der chinesischen Mythologie, immer bei sich trug. Lotosblumen zeigen auch das schicksalhafte Verhältnis zwischen Wasser und Sonne. Der Zusammenhang zwischen der Lotosblume auf dem Wasser und dem Sonnengott beruht auf dem täglichen Zyklus der Lotosblüten: Wenn die Sonne im Osten aufgeht, blühen die Lotosblumen auf und wenn die Sonne im Westen untergeht, schließen sie ihre Blüten, weshalb sie für das Wiedergeborenwerden stehen. Als Symbol für die Schöpfung von Leben, von Prosperität, Sauberkeit, Reinheit, Transzendenz, Reinkarnation, ehrlicher Armut, Distanziertheit und Wiedergeborenwerden waren Lotosblumen vom Beginn der Goryeo-Zeit bis zum Ende der Joseon-Zeit sehr beliebt. Sie wurden auch immer wieder als Dekor-Motiv verwendet und die Lotosblumenranken auf dieser Keramikschale beinhalten den Wunsch nach dem langen bzw. ewigen Leben der Lotosblume.

Zeitalterlicher Hintergrund Wie wurden die Joseon-Baekja hergestellt und entwickelt? Aus jüngsten Studien über die Entwicklung der Keramiktechniken geht hervor, dass der Wandel von jadegrünem Seladon Cheongja zu weißem Baekja-Porzellan unvermeidlich war. Kaolin, das zur Herstellung von Baekja verwendet wird, ist reiner als der Ton für Cheongja, so dass Baekja normalerweise bei 1.300℃ gebrannt wird, während Cheongja Temperaturen von 1.270-1.280℃ braucht. Auch die Glasur ist bei Baekja viel widerstandsfähiger. Das heißt, dass Baekja haltbarere und weiter entwickeltere Keramiken als Cheongja sind. Auch in der chinesischen Porzellangeschichte erfolgte nach der lange herrschenden Seladon-Kultur in der YuanDynastie (1271-1368) die Wende zur Weißkeramik-Kultur. In der Ming-Dynastie (1368-1644) dominierte Baekja die Keramikkultur und es wurden auch Blaudekor-Baekja hergestellt, die in der Königsfamilie oder bei Empfängen


für ausländische Delegationen verwendet wurden. Solche Baekja der Ming-Dynastie einschließlich der BlaudekorBaekja wurden den Königen von Joseon geschenkt. Dazu übte die Einführung der Baumwollpflanze Ende des Goryeo-Reichs einen großen Einfluss auf das Denken der adligen Oberschicht aus. Mit der Einführung der Baumwolle Ende des 14. Jahrhunderts durch Mun Ik-jeom, einen Gelehrten des Goryeo-Reichs, wurde ab dem 15. Jahrhundert das Tragen weißer Kleidung unter Adligen und Bürgern gleichermaßen beliebt. Vor allem wurde es üblich, im Sommer Weiß zu tragen. Man sagt zwar, dass die Koreaner seit frühester Zeit weiße Kleidung schätzten, doch populär wurde sie erst nach der Einführung der Baumwolle, was die Einstellung der Koreaner in Bezug auf die Farbe Weiß erneuerte. Auch das Streben der Adligen nach der Welt des Neo-Konfuzianismus trug zur Entstehung der Baekja bei. Kernwerte des Neo-Konfuzianismus waren nämlich Sparsamkeit, Schlichtheit und Reinheit. Ojuyeonmunjangjeonsango , die im 18. Jahrhundert von dem Wissenschaftler Lee Gyu-gyeong, der die SilhakPhilosophie des Praktischen Wissens verfolgte, verfasste Enzyklopädie in Bezug auf Korea, China und andere Nachbarländer, berichtet über Baekja wie folgt: „Im Reich Joseon wird Weiß bevorzugt und deswegen verwendet man auch im Königspalast Baekja. Warum? Weil die Koreaner Schlichtheit und Reinheit lieben.“ Die große Beliebtheit der Baekja in der Joseon-Zeit steht auch mit der Vorliebe der herrschenden Adelsschicht für die „weiße Welt“ in Zusammenhang. In den 1440er Jahren verstärkte sich am Königshof und unter der herrschenden Schicht die Tendenz, den konfuzianischen Werten noch wortgetreuer zu folgen, wobei v.a. das Jiphyeonjeon, eine 1420 von König Sejong erneuerte und verstärkte wissenschaftliche Einrichtung, in der sich die herausragendsten Gelehrten der Zeit zusammenfanden, eine zentrale Rolle spielte. Baekja wurde vom Jiphyeonjeon zum Kernbestandteil der Kultur der Zeit bestimmt, weshalb es in besonderer Weise den Geist der herrschenden Schicht der Joseon-Gesellschaft widerspiegelt. Falls die Gelehrten damals Seladon bevorzugt hätten, hätte sich eine entsprechende Cheongja-Kultur entwickelt. Während der Regierungszeit von König Sejong (1418-1450) gab es einen besonderen Anlass, der dazu führte, dass das Silbergeschirr am Königshof durch weißes BaekjaPorzellan ersetzt wurde. Damals forderte Ming-China von Joseon jährliche hohe Tributzahlungen, denen König

Sejong nicht nachkommen konnte. Er ließ im Palast und in den staatlichen Behörden alles Silbergeschirr durch Baekja-Geschirr, das dem Silber am meisten ähnelte, ersetzen, weil er dem Ming-Reich nicht sagen konnte, dass Joseon nicht hinreichend Silber besitze, während man für die chinesischen Entsandten Silbergeschirr verwendete. Das Sejong-Sillok, die Annalen von König Sejong aus den 1440er Jahren, stützen dies, denn dort heißt es: „Ersetzt in Musojeon (Schrein der Königin Sinui) und Huideokjeon (Schrein der Königin Soheon) das Silbergeschirr durch Baekja.“

Überreste von Sanggam-Baekja Wie bereits erwähnt, wurde Sanggam-Baekja, weiße Keramik mit Einlegedekor, nur kurz im 15. Jahrhundert, als Buncheongsagi (graublaue Keramik mit weißer Glasur), populär war, hergestellt, so dass keine Überreste aus dem frühen 15. Jahrhundert erhalten sind. Die Geschichte der Sanggam-Baekja lässt sich nur aus Dokumenten belegen. In Band 27 der Annalen von König Sejong wird darüber berichtet, dass 1425, im 7. Regierungsjahr von König Sejong, Joseon auf Forderung des Ming-Königs Hongxi Di Baekja-Geschirr für zehn Tische lieferte, das man im Brennofen in der Stadt Gwangju in der Provinz Gyeonggido sorgfältig brennen ließ. In Band 8 des Jeompiljaejip, der Gedichtsammlung des hochrangigen Beamten Kim Jongjik, den er 1445 nach seinem Besuch in der Stadt Goryeong in der Provinz Gyeongsangbuk-do verfasste, heißt es, dass er von dem Baekja-Porzellan, mit dem die zu seinen Ehren hergerichteten Tafeln gedeckt waren, fasziniert wurde, und das Yongjaechonghwa , der Essayband des Gelehrten Seonghyeon, berichtet, dass das Geschirr am Hofe Sejongs weißes Baekja-Porzellan war und belegt Produktion und Verwendung von Baekja in Gwangju und Goryeong. Von den heute noch erhaltenen Sanggam-Baekja-Keramiken aus dem späten 15. Jahrhundert sind neben der hier vorgestellten weißen Keramikschale mit eingelegtem Lotosblütenrankendekor noch folgende Stücke zu nennen: die Gedenktafel der Yeongin Jeong Familie aus der Stadt Jinyang aus dem Jahr 1466, eine bauchige Flasche mit Pflanzen- und Blumendekor, die Gedenktafel am Grab des Wissenschaftlers Yun Jeung aus dem Jahr 1467 und das Tassenset mit Pflanzen- und Blumendekor mit eingravierten Schriftzeichen von „Taeiljeon (taoistische Zeremonienstätte“ aus der Zeit vor 1478. Wie schon erwähnt, ragt darunter die weiße Keramikschale mit eingelegtem Lotosblütenrankendekor besonders hervor.

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KunStKrItIK

Der Film Old Partner (Wonang Sori ) und die koreanischen Independentfilme

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er Debüt-Kinofilm Old Partner (Wonang Sori ) von Lee Chung-ryoul, einem unabhängigen TV-Produzenten, stellte als Independentfilm einen Publikumsrekord auf und sorgte für Aufregung in der Kinowelt. Der Film sandte solche Schockwellen aus, weil in der koreanischen Filmindustrie seit ein, zwei Jahren Flaute herrschte, vor allem aber auch, weil es sich um einen Indie-Film handelte. Old Partner erzählt von einem achtzigjährigen Ehepaar und einem alten Ochsen, der das Leben dieses Paars begleitet hat. Der Film kam übrigens passenderweise zum Beginn des „Jahres des Ochsen“ nach dem östlichen Zodiak in die Kinos. Er hat es auch geschafft, für beispiellose Szenen zu sorgen: Ältere Jahrgänge und Senioren, die sonst kaum je ins Kino gehen, standen an den Kartenschaltern Schlange.

Hauptdarsteller: Ochse, 40 Jahre alt Der Film lief zuerst in nur sieben Kunstfilmkinos an, eroberte dann aber die Leinwände von rund 150 Filmtheatern und registrierte innerhalb von zehn Wochen nach der Premiere eine Besucherzahl von etwa 2,86 Millionen. Er spielte 18,5 Milliarden Won (knapp 10,5 Millionen Euro) ein, das Neunzigfache der Gesamtproduktionskosten (etwa 200 Millionen Won bzw. 114.000 Euro, inklusive Kosten für Postproduktion und Marketing). Damit

Ab Beginn des Jahres 2009 herrschte in der koreanischen Kinowelt einige Monate lang Hochstimmung dank einer heiß ersehnten erfreulichen Nachricht: ein überraschender Kinoerfolg, den niemand vorausgesehen hatte. Gemeint ist der LowBudget-Film Old Partner , dessen Produktionsaufwand insgesamt nur etwa 100 Millionen Won (knapp 56.500 Euro) betrug. Bedenkt man die Zahl der Kinobesucher und den Einfluss des Films auf die Gesellschaft kann man durchaus von einem „Syndrom“ sprechen. In Korea ist nach dem Erfolg von Old Partner das Interesse an Low-Budget- und Independentfilmen, auch als „Indie-Filme“ bekannt, enorm gestiegen. Yang Sung Hee Reporter für Kultur & Unterhaltung, Tageszeitung The JoongAng Ilbo | Fotos: The National Theater of Korea

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verzeichnete Old Partner nicht nur als Indie-Film und Dokumentarfilm einen neuen Besucherrekord, sondern auch die höchste Profitabilität in der koreanischen Filmindustrie. Angesichts seines Erfolgs beim Publikum und der Auswirkungen auf die Gesellschaft konnte man wahrlich von einem „Old Partner -Syndrom“ sprechen. Hauptfiguren des Films sind ein altes Ehepaar und ein alter Ochse. Der Film beschreibt das Leben, das das achtzigjährige Bauernpaar aus dem Kreis Bonghwa-gun in der Provinz Gyeongsangbuk-do in den letzten 30 Jahren mit ihrem schon 40 Jahre alten Ochsen verbracht hat. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Ochsen normalerweise 15 Jahre beträgt, dann grenzt das Alter des vierzigjährigen Ochsen im Film an ein Wunder. Für den alten Bauern, der wegen einer medizinischen Fehlbehandlung in seiner Kindheit an einer Beinbehinderung leidet, fungiert der Ochse als Teil seines eigenen Körpers. Er ist darauf angewiesen, von dem Ochsen auf einem Karren durch die Gegend gezogen zu werden. Da er dank des Ochsen auch genug verdienen konnte, um seine neun Kinder aufzuziehen und ausbilden zu lassen, ist der Ochse für ihn das wertvollste Vermögen und der größte Schatz in seinem Leben. Der Bauer, für den der Ochse den gleichen Stellenwert wie er selbst oder seine Kinder hat, verwendet auch keine Agrarchemikalien, damit der Ochse kein durch chemische Stoffe belastetes Gras frisst. Der alte Bauer, der jetzt nicht mehr gut hören kann und zudem noch unter Kopfschmerzattacken ungeklärter Ursache leidet, gibt trotz alledem seine Feldarbeit nicht auf. Auch wenn moderne landwirtschaftliche Geräte und Agrarchemikalien die Feldarbeit erleichtern würden, erledigt er um des Ochsen willen alles auf alte Weise mit seinen Händen. Seine Ehefrau macht sich große

Sorgen um ihn. Sie jammert, dass er sich selbst ins Grab bringen würde, nur um den „dummen Ochsen“ zu füttern. Im Gegensatz zu dem alten Bauern, der nichts anderes als schweigsames Arbeiten kennt, lässt seine Frau Schimpftiraden in der heimischen Mundart los und zetert vor sich hin. Sie beginnt mit den Sorgen über ihren Mann und lamentiert dann über ihr hartes Leben, das sie seit ihrer Heirat mit 15 geführt hat. Der Bauer steht für den typischen koreanischen Vater und seine Frau verkörpert das Bild der typischen koreanischen Mutter. Während die Szenen der Kameradschaft zwischen dem Großvater und dem alten Ochsen das Publikum zu Tränen rühren, reizt das lautstarke, im rauen Dialekt vorgebrachte Gezetere der alten Bauersfrau zu plötzlichen Lachausbrüchen. Der Ochse, der seinem Herren bis ins Kleinste ähnelt, arbeitet bis zu seinem letzten Muhen. Als es ans Sterben geht, rinnt aus seinen Augen, die den alten Bauern anblicken, eine Träne und der alte Mann nimmt ihm Nasenring und Glocke ab. Es ist, als würde er einem treuen Freund wünschen, sich von den Qualen langer Fron zu befreien und endlich für immer in Frieden zu ruhen. Regisseur Lee Chung-ryoul erklärt: „Der alte Bauer sah in diesem Moment wie ein Heiliger aus. Er hatte immer gesagt, dass er nach seinem Tode der Haupttrauernde sein und eine richtige Bestattung für ihn ausrichten werde. Der Tod des Ochsen schien für ihn zu bedeuten, dass er seinem eigenen Tod näher gekommen ist. Der Ochse war für den alten Mann das ein und alles auf der Welt.“

Loblied auf alles Vergängliche In diesem Sinne ist Old Partner eine stille Hymne, die allem im Aussterben und am Verschwinden Befindlichen gewidmet ist. Nicht nur der alte Bauer, der sein Leben lang den Boden bestellt hat, verschwindet in der Mottenkiste der Geschichte, sondern

Szenen aus Old Partner, einem Dokumentarfilm über die symbiotische Beziehung eines über 80-jährigen alten Bauern und seines 40 Jahre alten Ochsen, der wegen seiner rührenden Darstellung der aussterbenden Landkultur Koreas die Aufmerksamkeit auf sich zog.

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1 1~2 Nachdem sein geliebter Ochse an Altersschwäche gestorben ist, bleibt

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dem alten Bauern nur noch die Glocke, die der Ochse stets um den Hals getragen hatte. Die Bauersfrau lamentiert endlos über ihr hartes Leben, wie z.B. darüber, dass ihr Mann sich weigert, Agrarchemikalien zu verwenden, weil sie seinem Ochsen schaden könnten.

auch Konzepte wie „Feldarbeit mit bloßen Händen ohne Einsatz von Geräten und Agrarchemikalien“, „Aufopferung und Hingabe“ und „in Einklang mit der Natur leben“ geraten in Vergessenheit. Der alte Mann ist jedenfalls mehr als ein einfacher Bauer: Er ist Symbol für all jene, die durch ihrer Hände Arbeit innerhalb kurzer Zeit das erstaunliche Wachstum und die Entwicklung der koreanischen Gesellschaft ermöglicht haben. Er steht zudem für Ökologie und eine gegen die moderne Zivilisation gerichtete Haltung, die das Tempo der Welt und den Wettlauf der Zivilisation ablehnt und auf dem langsamen Schritt seines Lebens besteht. Kurioserweise schiebt sich während des Films plötzlich das von tiefen Falten durchzogene Gesicht des alten Mannes über das des Ochsen. Einen Moment lang ist der Bauer der Ochse und der Ochse der Bauer. Die wahre Stärke des Films liegt in der Besonderheit, den Menschen als Teil der Natur zu zeichnen und die Gleichung „Natur = Mensch“ darzustellen. Regisseur Lee Chung-ryoul erzählt, dass er sich Mitte dreißig, als er auf Grund anhaltender Misserfolge als TV-Produzent verzweifelt vor einem Schuldenberg stand, plötzlich seinem Vater gegenüber sehr schuldig fühlte und beschloss, es mit einem Dokumentarfilm zu versuchen. Er erinnerte sich an die Geschichte von einem behinderten alten Mann und einem Ochsen, der dem Mann ähnlich ist, und suchte im ganzen Land nach einem solchen Fall. Leiterinnen von Bezirksfrauenvereinen und Kreisvertreter aus sämtlichen Provinzen, die er bei den Aufnahmearbeiten zu TV-Dokumentationen kennen gelernt hatte, halfen ihm. Nach fünfjähriger Suche traf er schließlich in Bonghwa den alten Bauern. Die Dreharbeiten, mit denen er im Jahr 2005 begann, dauerten drei Jahre. Ursprünglich war der Film als TV-Dokumen56 Koreana | Sommer 2009

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tation geplant, deren Produktion dann jedoch eingestellt wurde. Regisseur Lee Chung-ryoul kam jedoch zum Glück mit einem Indie-Film-Produzenten in Kontakt, so dass letzten Endes ein Kinofilm entstand. „In den ersten sechs bis sieben Monaten mussten wir uns bemühen, das Vertrauen und das Herz des Bauern zu gewinnen. Es war wirklich ganz schön anstrengend, weil zwar die alte Bauersfrau verstand, was mit Bewegtbildaufnahme gemeint war, aber der Großvater starr und steif vor der Kamera stehen blieb, da er dachte, dass wir Fotos schießen würden. Grundprinzip bei den Aufnahmen war, das Alltagsleben dieses Ehepaares nicht zu stören. Deshalb haben wir uns bemüht, sie aus möglichst großer Entfernung zu beobachten, wodurch wir das wahre Wesen ihrer Beziehung im Alltag zeigen konnten. Das Beziehungsdreieck zwischen dem alten Bauern, seiner Frau und dem alten Ochsen - ein wahres Melodrama.” Der Regisseur, der aus Yeongam in der Provinz Jeollanamdo stammt, ist selbst ein Bauernsohn und hatte als Kind Kühe getrieben. Der koreanische Originaltitel von Old Partner ist Warnangsori (nach der offziellen Schreibweise Weonangsori), was soviel wie „Klang (=Sori) der Kuhglocke (=Warnang/Weonang)“ bedeutet. Dieser Kuhglockenklang ist für Lee Chung-ryoul wie ein Zauberspruch, der seine Kindheit wieder heraufschwört: „Jedes Mal, wenn ich als Kind in die Richtung blickte, aus der die Kuhglocke erklang, konnte ich dort meinen Vater und die Kuh sehen.“ Während der gesamten Laufzeit des Films ist im Hintergrund der leise Klang der Kuhglocke zu hören – laut Regisseur eine Metapher für den Pulsschlag, das Lebendigsein an sich. Nach dem Tod des Ochsen verstummt die Glocke.


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„Es war wirklich ganz schön anstrengend, weil zwar die alte Bauersfrau verstand, was mit Bewegtbildaufnahme gemeint war, aber der Großvater starr und steif vor der Kamera stehen blieb, da er dachte, dass wir Fotos schießen würden. Grundprinzip bei den Aufnahmen war, das Alltagsleben dieses Ehepaares nicht zu stören. Deshalb haben wir uns bemüht, sie aus möglichst großer Entfernung zu beobachten, wodurch wir das wahre Wesen ihrer Beziehung im Alltag zeigen konnten. Das Beziehungsdreieck zwischen dem alten Bauern, seiner Frau und dem alten Ochsen - ein wahres Melodrama.“

Das Wunder eines Independentfilms Unter den Indie-Filmen, die bislang in den koreanischen Kinos gelaufen waren, hatte der irländische Film Once (2007) mit 220.000 Besuchern den bislang höchsten Zuschauerrekord erreicht. Für Indie-Filme koreanischer Produktion lag die Marke bei ca. 50.000. So stellte der Film Our School (2007), der von der dritten Generation der in Japan lebenden Koreaner an einer Jochongnyeon-Schule (Schule des pro-nordkoreanischen Dachverbands der Koreaner in Japan) handelt, mit 55.000 Kinobesuchern den Rekord auf (Mit Sondervorführungen für Gruppen sind es ca. 100.000 Besucher). Unter den Filmdramen verbuchte die koreanische „Queer Romance“ No Regret (2006) mit 45.000 Besuchern den größten Erfolg. An dem Tag, als Old Partner in Korea die 1-Million-Marke, den Traumrekord der Indie-Filmwelt, überschritt, herrschte in den Medien und in der Filmindustrie des Landes höchste Aufregung. Es war ein Ereignis, das mit dem erstmaligen Überschreiten der 1-Million-Besucher-Marke durch den Film Seopyeonje (1993; Regisseur: Im Kwon-taek) und dem Sprengen der 10-MillionenMarke durch Silmido (2003; Regisseur: Kang Woo-suk) vergleichbar ist. Es war auch ein Beweis für den Aufstieg und die Entwicklung der Indie-Filme, die bis dahin meistens nur als Filme für eine kleine Fan-Gemeinde von Film-Maniacs galten. Es ist eine Tatsache, dass bis dahin die koreanischen Indie-Filme zu politisch oder experimentell ausgerichtet waren, um für das durchschnittliche Publikum verständlich und zugänglich zu sein. Der Film Old Partner wurde auf dem Busan International Film Festival 2008 als „Bester Dokumentarfilm“ gekrönt und erhielt auf dem Seoul Independent Film Festival den „Publikumspreis“, was

ihn in alle Munde brachte. Das Publikum war von der im Vergleich zu herkömmlichen Indie-Filmen völlig neuen Art und Weise der Darstellung von Emotionen, die an den allgemeinen Geschmack rührte, fasziniert. Old Partner wurde auch als erster koreanischer Film als Kandidat für die internationale Konkurrenz zum amerikanischen Sundance Film Festival 2009 eingeladen. Er erhielt zwar keinen Preis, aber der Regisseur meinte zufrieden: „Die Teilnahme hat bestätigt, dass die Resonanz des Publikums im Westen nicht anders als die im Osten ist.“ Auch westliche Kinobesucher ließen sich durch die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier, die Bedeutung von Familie u.ä. zu Tränen rühren. In koreanischen Filmkreisen betont man, dass der Erfolg von Old Partner in Zukunft einen tiefgreifenden Wandel der koreanischen Filmindustrie bewirken wird. Der Regisseur des Films, ein erfahrener TV-Produzent, war allerdings ein Neuling im IndieFilmbereich. Daher war es möglich, eine auf das breite Publikum ausgerichtete Sprache und Atmosphäre zu schaffen und nicht, wie bei typischen Indie-Filmen, eine kämpferische oder politische Gesinnung in den Vordergrund zu stellen. Die Filmkritikerin Maeng Su-jin hat vor kurzem die Jahre lang auf der Stelle tretende koreanische Indie-Filmwelt zum Wandel aufgefordert: „Unsere Indie-Filme müssen sich nun endlich von der Zwangsvorstellung befreien, dass ihre Aufgabe die Darstellung politischer Korrektheit sei, und nach Diversität streben.“ Der Erfolg des Films Old Partner, der sogar Senioren auf dem Land, die kaum ins Kino gehen – und schon gar nicht, wenn ein Indie-Film läuft –, ins Kino gelockt hat, ist sozusagen ein Musterbeispiel für das erfolgreiche Streben nach Vielfältigkeit. Der Kinoerfolg von Old Partner zieht auch deshalb besondere AufSommer 2009 | Koreana 5


merksamkeit auf sich, weil er nach der „Renaissance des koreanischen Films” Anfang des Jahres 2000 und während der Flaute der koreanischen Filmindustrie nach dem Platzen der „Blase” erzielt wurde. Der Film unterstreicht, dass das Publikum auch mit eher kleinen Filmen, die ohne Riesenbudget, Blockbuster-Dreharbeiten, Filmstars und aufwändige Marketingstrategien gedreht werden, und statt dessen mit einzigartigen und eindrucksvollen Ideen und Inhalten überzeugen, zu begeistern ist. Dies belegt auch, wie sehr die Kinofans nach Filmen neuer Machart dürsten. Filmkritiker Lee Sang-yong weist darauf hin, dass die Situation in Korea, in der kleine Filme wie Old Partner erfolgreich sind, viele Parallelen zu der von Japan vor zehn Jahren aufweist: „Damals geriet die japanische Filmindustrie in die Krise, wobei schließlich Mainstream-Filme in den Hintergrund traten und die kleinen Filme aufstiegen.” Ist der Film interessant und gut gemacht, wird er – unabhäng davon, ob es ein Mainstream bzw. kommerzieller Film oder ein Low-Budget bzw. Indie-Film ist – die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für sich gewinnen. Darüber hinaus wird dies laut Beobachtungen zum Wandel des Filmmarktes führen, der nicht mehr ausschließlich von Blockbuster-Filmen dominiert wird, sondern von einem Nebeneinander großer und und verschiedener kleiner Filme. Tatsächlich ist in Korea nach dem Erfolg von Old Partner das Interesse für kleine bzw. Indie-Filme rapide gestiegen. Low-BudgetFilme wie Daytime Drinking (Regisseur: Noh Young-seok), ein Film über die witzigen Erlebnisse eines jungen Mannes, der süchtig nach Frauen und Alkohol ist, und Breathless (Regisseur: Yang Ik-jun), der auf fünf internationalen Filmfestspielen mit einem Preis gekrönt wurde (darunter mit dem Grand-Prix des International Film Festival Rotterdam , mit dem Grand-Prix des Deauville Asian Film Festival und dem Preis der Filmkritiker-

und Filmjournalisten-Vereinigung FIPRESCI ), kamen ins Kino und sorgten für Schlagzeilen. Noh Young-seok, der mit dem Film Daytime Drinking debütierte, übernahm acht Rollen, so z.B. die des Regisseurs, Drehbuchautors, Kameramanns, Kunstdirektors usw. Yang Ik-jun, Regisseur des Films Breathless, der eigentlich ein repräsentativer Schauspieler für Indie-Filme war, hat sich nun als Regisseur und zugleich Schauspieler zum Geheimtipp der koreanischen Filmwelt profiliert.

Neue Sprache der Dokumentation Der Film Old Partner hat auch enorm zur Erweiterung des Bereichs Dokumentarfilm in Korea beigetragen. Old Partner ist eine Dokumentation, die aktiv verschiedene Darstellungsmethoden wie Erzählung, Vermenschlichung und Dramatisierung verwendet. Auf Grund dessen regen sich in der Indie-Filmwelt auch Stimmen mit der Kritik, dass er die Tradition des Dokumentarfilms verlassen hätte. Er habe zwar durch Dramatisierung erfolgreich den Dialog mit dem allgemeinen Publikum aufnehmen können, weise aber dafür einen Mangel an wahrem dokumentarischen Gehalt auf. Diese Kritik setzt voraus, dass für einen Dokumentarfilm die „Erfassung“ eines Ereignisses wichtiger ist als seine „Konstruktion“ und das Verfahren oder die Methode der Aufnahme dokumentarisch sein müssen. Auch unter dem Publikum gibt es viele, die diese Meinung teilen. Zum Beispiel zeigt der Film in Nahaufnahme, wie der Ochse Tränen fallen lässt, als er den alten Bauern erblickt. Jedoch fragt man sich bei dieser Szene, ob das Tier in diesem Moment nun wirklich geweint hat, oder die Tränen extra aufgenommen und hineingeschnitten wurden. Gleiches gilt für die Szene, in der der alte Mann mit seinem Ochsen an den Kerzenlicht-Demonstranten gegen das Freihandelsabkommen zwischen Korea und den USA

Szene aus Breathless, einem Indie-Film, der sich offen mit der inneren Dynamik einer durch Gewalt auseinander fallenden Familie beschäftigt und mit seiner Darstellung das Publikum emotional herausforderte.

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vorbeizieht. Kritiker vermuten, dass der Regisseur sie absichtlich auf diese Straße geführt haben könnte. Tatsächlich sind Ton, Bild und Schnitt bearbeitet worden. Während des gesamten Films ist der Klang der Kuhglocke im Hintergrund zu hören und statt O-Tönen vor Ort wurden Effekte wie Vogel- oder Insektengeräusche eingebaut. Auch die zeitliche Reihenfolge wurde auf den Kopf gestellt. Der Regisseur meint dazu, dass er die Reaktion des Publikums in Betracht gezogen und beim Schnitt die Momente, die zum Lachen oder Weinen veranlassen, erfasst habe. Diejenigen, die kritisieren, dass dadurch das Essentielle einer Dokumentation zerstört, exzessiv redigiert oder die Realität verzerrt worden sei, haben die jüngste Strömung im Bereich Dokumentarfilm nicht begriffen. In der Filmwelt sind weltweit schon längst die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion gefallen. Eine Dokumentation ohne Bearbeitung und Schnitt ist nun unvorstellbar geworden und es wurde sogar postuliert: „Alles ist ein Spielfilm, es gibt überhaupt keinen Dokumentarfilm.” Einige lehnen sogar die Bezeichnung „Dokumentarist” ab, wie z.B. der japanische Regisseur Makoto Sato, der sich durch den Dokumentarfilm Out of Place: Memories of Edward Said einen Namen gemacht hat. Michael Moore, Regisseur des Films Fahrenheit 9/11 , der auf den internationalen Filmfestspielen von Cannes für einige Furore sorgte, ist für seinen agitatorischen Stil und seine subjektive Interpretation von Einzelszenen bekannt. Neuerdings sind auch „Mockumentary-Filme” sehr beliebt. Diese Fiktionen, die in Form von Dokumentationen inszeniert werden, haben die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufgehoben. Der Regisseur von Old Partner äußert dazu: „Ich habe unter den Monate lang gesammelten Alltagsszenen quasi nur die Essenz

herausgefiltert und zusammengeschnitten. Wenn die ursprünglichen Emotionen und realen Beziehungen nicht verletzt werden, gibt es kein Problem. Wenn man einfach alle Ereignisse mechanisch in chronologischer Reihenfolge aneinanderreihen würde, was für einen Unterschied gäbe es dann noch zwischen einem Dokumentarfilm und einer CCTV-Aufnahme?“ Diese Einstellung teilt auch Nam In-young, Filmografie-Professor an der Dongseo Universität: „Bedenken in Bezug auf eine übermäßige Bearbeitung oder Manipulation bei der Herstellung von Dokumentarfilmen könnten z.B. bei Szenen, in denen, nehmen wir mal an, der Ochse und der alte Bauer entgegen der Realität als Freunde dargestellt werden, vorgebracht werden. Allerdings ist die Fähigkeit, durch das alte Ehepaar und den Ochsen eine solch einfühlsame Geschichte zu erzählen und durch eine präzise und geniale Inszenierung an das Herz und die Gefühle des Publikums zu rühren, eher eine Stärke.” In diesem Sinne ist es nicht nur der koreanische Kinorekord für Indie-Filme, den Old Partner gebrochen hat: Er brach auch das Vorurteil der koreanischen Gesellschaft gegenüber Dokumentarfilmen. Old Partner erläuterte, dass es eine sehr naive und engstirnige Einstellung sei, eine Dokumentation als ein 100%-iges Protokoll der Realität zu betrachten und sogar zu glauben, dass das zu Sehende der Wahrheit entspreche. Der Film ist auch ein Beleg für die Tendenz, dass sich die Grenzen zwischen Dokumentation und Drama, Realität und Fiktion zunehmend auflösen und diese Bereiche miteinander verschmelzen. Old Partner hat also über die Diskussion zur Unterhaltsamkeit von Dokumentarfilmen nach dem Motto „die Realität ist dramatischer als ein Drama“ hinaus, auch die Auseinandersetzung bezüglich der Existenzweise von Dokumentationen angeregt.

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Korea entDeCKen

Alan Timblick

Traum von einer „Regenbogenstadt“ Seoul Im Januar 2008 öffnete die Stadt Seoul im Rahmen ihrer verschiedenen Strategien, Seoul in eine globalisierte Metropole umzuwandeln, die Türen des Seoul Global Center. Der Brite Alan Timblick, der schon über 20 Jahre in Korea lebt, wurde mit der Leitung dieser Institution betraut. Hwang Sun-Ae Freiberufliche Schriftstellerin | Fotos: Ahn Hong-beom

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orea, das einst als „Einsiedler-Königreich“ galt, hat nun der Welt seine Tore weit geöffnet. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der internationalen Ehen emporgeschnellt und man nimmt an, dass diese Tendenz noch eine Weile anhalten wird. Laut Statistik waren 2005 14% aller Eheschließungen internationale Eheschließungen und in ländlichen Regionen ist jede dritte neu geschlossene Ehe international. Mit dem steigenden Bedarf an Englischkenntnissen, der mit der Globalisierung aufkam, strömte eine große Anzahl von Englisch-Muttersprachlern ins Land. Diese Englischlehrer stellen mittlerweile eine eigene Schicht hoch ausgebildeter Expatriates in Korea. Auch steigt die Zahl der ausländischen Studenten. Ein Teil von ihnen hat auf Grund der „Korea-Welle Hallyu“, die die koreanische Populärkultur im Ausland bekannt machte, Interesse an der koreanischen Kultur gewonnen und ist nach Korea gekommen, um Koreanisch zu lernen. Die Arbeitsmigranten, die in den frühen 1990er Jahren auf der Suche nach dem „Korean Dream“ ins Land kamen, machen einen weiteren großen Anteil der in Korea lebenden ausländischen Mitbürger aus.

Globalisierung Seouls Egal, bis zu welchem Grade Korea letztendlich globalisiert wird: fest steht, dass ein deutlicher Drang nach Globalisierung vorhanden ist. Ein Beweis dafür ist, dass im Januar 2008 das Seoul Global Center (http://global.seoul.co.kr) eröffnet wurde, mit dem die Stadt ein Image als wahre Weltstadt befördern möchte. Der Brite Alan Timblick, der schon über 20 Jahre lang in Korea lebt, nahm am „Global Zone Project“ teil und wurde mit der Leitung des Seoul Global Center betraut. In dieser Funktion wird er viele verschiedene Projekte des Centers leiten. Timblick träumte bereits als kleiner Junge von der großen weiten Welt und den Abenteuern, die ihn dort erwarteten. Seine Träume scheinen wahr zu werden, denn er ist nun in Seoul, der Hauptstadt seiner zweiten Heimat, für die Globalisierung der Stadt verantwortlich. „Als ich klein war, hing an der Wand meines Zimmers immer eine Weltkarte. Ich wollte Diplomat werden oder bei einer internationalen Entwicklungsorgansiation arbeiten.“ Auf die Frage, ob es einen besondern Grund für diese Träume gab, antwortete er: „Man kann es mit dem deutschen Wort ‚Wanderlust‘ bezeichnen, was so viel wie Fernweh bedeutet. Ich habe in meiner Kindheit einige Jahre in Deutschland gelebt. Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind daher nicht an England, sondern an Deutschland. Ich glaube, dass wir durch das Erlernen einer Fremdsprache aus dem Rahmen der Monokultur heraustreten können. Der geistige Horizont und das Denken erweitern sich. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich von der großen weiten Welt geträumt habe.“ Alan Timblick studierte in den frühen 1960er Jahren Geschichte an der Oxford Universität. Für sein M.A.-Aufbaustudium wählte er dann jedoch Agrarwissenschaft, um seinen Kindheitstraum zu verwirklichen. Denn er hoffte, nach dem Studium bei einer internationalen Organsiation für landwirtschaftliche Entwicklung oder bei einem bri60 Koreana | Sommer 2009


Als Kind träumte Alan Timblick oft vom Aufbruch in die große weite Welt. Heute engagiert er sich fernab von seiner Heimat als Leiter des Seoul Global Center für die Beförderung der Globalisierung von Seoul, der Hauptstadt seiner zweiten Heimat.


Alan Timblick erklärt: „Multikulturalität steht in Verbindung mit Verhalten und kulturellen Aktivitäten. Alle möglichen Aktivitäten, die eine Kultur schaffen, wie Religion und Musik, gehören dazu. Was meiner Meinung nach eine multikulturelle Gesellschaft ausmacht, ist die Annahme verschiedener Kulturen und das Schätzen des Wertes von Kulturen mit unterschiedlichen Wurzeln.“

© The Seoul Shinmun

tischen Institut, das sich mit Entwicklungsarbeit beschäftigt, zu arbeiten. Aber in der Studienberatung riet ihm sein Professor, zunächst einmal ein Wirtschaftsstudium zu absolvieren, wenn er im Ausland arbeiten wolle. Deswegen studierte er Mitte der 1960er Jahre an der University of Kansas in den USA mit einem Forschungsassistent-Stipendium Wirtschaftswissenschaft. Dort traf er eine besondere Studentin aus Korea. Später heiratete er diese Studentin, die ihn als seine Frau dann in einen ganz anderen Teil der Welt führte. Timblick begann seine berufliche Laufbahn bei der Barclays Bank, die ihn 1977 auf seinen ersten Auslandsposten entsandte, nämlich nach Korea, wo er in Seoul eine Zweigstelle der Bank eröffnen sollte. Während seines dreijährigen Aufenthaltes in Korea wuchs sein Interesse an internationalen Bankgeschäften und er arbeitete später in Filialen in Schweden, Finnland, Belgien und Luxemburg. 1989 kehrte er wieder nach Korea zurück, diesmal endgültig. Er war als Präsident des Seoul’s Foreign Investment Advisory Council (FIAC) tätig und auch als Leiter von Invest Korea, einer staatlichen Beratungsorganisation, die für ausländische Investitionen zuständig ist, bevor er seine jetzige Position als Leiter des Centers annahm. Betrachtet man seinen langen Koreaaufenthalt und seine bisherigen Tätigkeiten, kommt der Gedanke, dass er der passende Leiter des Seoul Global Center ist, von alleine auf. Timblick meint, dass die Koreaner heutzutage in ihrer Denkweise wesentlich internationaler sind als früher. Auf die Frage, ob überhaupt ein Global Center benötigt wird, antwortet er, dass es definitiv eine Rolle gebe, die das Center übernehmen müsse. „Es gibt noch viel zu tun. Ein wichtiger Grund für die Einrichtung des Centers ist, die Schwierigkeiten, auf die die in Korea lebenden Ausländer treffen, zu beseitigen. Bei den meisten dieser Probleme handelt es sich um Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten.“ Das Center betreibt verschiedene Programme, um diesen Kommunikationsproblemen abzuhelfen. So leistet es z.B. 62 Koreana | Sommer 2009

Hilfestellung bei Alltagsproblemen wie Autokauf und Anmietung von Wohnungen, steht aber auch bei größeren Anliegen wie Geschäftsgründungen zur Seite. Um eine möglichst große Zahl von Expats zu erreichen, betreibt es fünf kleinere Global Village Center in Seouler Stadtbezirken mit hoher Ausländerkonzentration. Neben den Bemühungen, das Leben der Ausländer in Korea zu erleichtern, veranstaltet das Center auch viele Programme, um den Austausch zwischen ausländischen und koreanischen Mitbürgern reger zu machen, denn eine wahrhaft globalisierte Stadt lebt vom gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Kulturen. Durch Kulturaustauschprogramme lernen Ausländer die koreanische Kultur besser verstehen und Koreaner sich an die ausländischen Kulturen gewöhnen. Heutzutage sind solche Programme von besonders großer Bedeutung, da die Zahl der Arbeitsmigranten und der internationalen Ehen steigt.

„Regenbogen-Stadt“ Korea ist jetzt auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft. In den letzten Jahrzehnten hat der Kontakt zu anderen Völkern und Kulturen stark zugenommen, so dass man dieser Tendenz nicht mehr ausweichen kann. Das gilt insbesondere auch für das Inland. Multikulturalität und multikulturelle Gesellschaft sind wichtige Themen, die zurzeit in aller Munde sind. Aber was hat es damit wirklich auf sich und welche Probleme stellen sich in diesem Zusammenhang? Alan Timblick erklärt: „Multikulturalität steht in Verbindung mit Verhalten und kulturellen Aktivitäten. Alle möglichen Aktivitäten, die eine Kultur schaffen, wie Religion und Musik, gehören dazu. Was meiner Meinung nach eine multikulturelle Gesellschaft ausmacht, ist die Annahme verschiedener Kulturen und das Schätzen des Wertes von Kulturen mit unterschiedlichen Wurzeln.“ Die Koreaner haben lange Zeit selbst betont, ein ethnisch homogenes Volk zu sein, was sich nach AlanTimblick besonders im


Das Seoul Global Center bietet eine Reihe von Programmen, mit denen es in Seoul lebende Ausländer bei alltäglichen Angelegenheiten und Geschäftsaktivitäten unterstützt, und organisiert diverse Kulturaustauschaktivitäten, um das Verständnis für andere Kulturen zu erhöhen.

Gebrauch des Wortes „uri (wir)“ manifestiere. Seiner Meinung nach könne der Mythos vom ethnisch homogenen Volk ein Hindernis für die Entwicklung zu einer multikulturellen Gesellschaft darstellen. „Die Koreaner glauben, dass das Wort ,uri‘ Homogenität schaffe. Sie sind stolz darauf, einer Blutlinie und einem ethnisch homogenen Volk anzugehören, das eine Sprache spricht. Aber wenn man das zu sehr betont, entsteht automatisch das Gegenteil, nämlich ,geudeul‘ (die/sie). Die Koreaner verwenden das Wort ,uri‘ sehr oft. Sogar in der Wettervorhersage spricht die Ansagerin von ,uri Nara‘ (unser Land). In den USA oder England würde niemand sagen ,Das Wetter in unserem Land wird so und so sein.‘ Man würde das Wort einfach nicht gebrauchen. Wenn man das Wort ,uri‘ oft benutzt, entsteht eine Trennlinie zwischen den Menschen der ,uri-Gruppe‘ und den ,anderen‘. Diese Unterscheidung ist keine gute Ausgangsposition für eine multikulturelle Gesellschaft. Um das zu überwinden und das Denken der Menschen zu verändern, braucht es wirklich viel Zeit und Anstrengungen.“ Das Center hat die wichtige Rolle übernommen, einen Bewusstseinswandel herbeizuführen, und setzt dabei schwerpunktmäßig bei der Erziehung der nächsten Generation an. Alan Timblick meint dazu: „Wichtig ist die Einstellung der Kinder. Sie dürfen nicht die Vorurteile ihrer Eltern übernehmen. Die Kinder von Arbeitsmigranten oder aus internationalen Ehen stellen zwar eine gesellschaftliche Minderheit dar, aber sie müssen gleiche Bildungsmöglichkeiten wie andere Kinder haben. Wir müssen uns darum bemühen, diese Kinder in die Gesellschaft einzugliedern, ihnen gesellschaftliche Akzeptanz zukommen zu lassen und ihnen zu helfen, sich zurechtzufinden.“ Damit die Generation der jungen Koreaner andere Kulturen besser verstehen lernt, unterstützt das Center Schulexkursionen, organisiert Vorträge und verschiedene Programme mit ausländischen Lektoren und schickt Ausländer in die Schulen der jeweiligen Bezirke. Außerdem gibt es ein Evaluierungsprogramm, in dessen Rahmen die Koreanischkenntnisse der Kinder aus inter-

nationalen Ehen bewertet werden, und ein Programm, das auf die speziellen Bedürfnisse dieser Kinder abgestimmt ist, ist in Planung. Alan Timblick weist aber darauf hin, dass es sich dabei um eine Aufgbae von enormem Umfang und landesweitem Belang handele, so dass der Wirksamkeit des Centers Grenzen gesetzt seien. Vielmehr sei eine systematische Herangehensweise durch bildungs- und gesellschaftspolitische Maßnahmen erforderlich. Das Englischlern-Fieber, das zurzeit in Korea grassiert, sei alleine nicht ausreichend, um die Schüler zu Weltbürgern zu erziehen. Neben einer fließenden Beherrschung des Englischen ist es notwendig, die verschiedenen Kulturen, die nun ein Teil der koreanischen Gesellschaft geworden sind, eingehend zu verstehen. Auch wenn Alan Timblick, der das Problem des übermäßig leistungsorientierten koreanischen Bildungssystems kennt, sich Sorgen macht, ist er doch in Bezug auf die Zukunft der koreanischen Gesellschaft optimistisch: „Ich glaube, dass der Drang der Koreaner nach Verbesserung eine starke Kraft ist, die die koreanische Gesellschaft nach vorne treibt. Solch ein geballter Drang findet sich nicht so leicht in anderen Ländern.“ Das Seoul Global Center ist Inkarnation dieses Drangs nach Verbesserung. Es reflektiert das Bestreben, eine multikulturelle Stadt von internationalem Rang zu schaffen, in der Koreaner und Ausländer in harmonischer Gemeinsamkeit ihr Leben gegenseitig bereichern. In seiner Freizeit sieht sich Alan Timblick gerne koreanische Filme an oder besucht einen buddhistischen Tempel, in dem das Geräusch des hölzernen Gongs und die Gebetsrituale ihn in die Kirche seiner Kindheit zurückversetzen. Damals sang er im Kirchenchor. Er schreibt auch einmal im Monat für die Zeitung Seoul Shinmun einen Beitrag zum Thema globalisierte Gesellschaft. Darin sucht er nach Wegen, wie sich der Alltag in Korea bereichern lässt – für Koreaner und für Ausländer – und teilt seine Gedanken mit. Ein Beweis für etwaige noch zweifelnde Koreaner, dass auch ein Ausländer ein guter Bürger sein kann.

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Nach Kwons Auffassung ist ein Koch eine Art KĂźnstler. Rechts eine von Kwons beachtenswerten Kreationen: Roulade Samgyetang. 64 Koreana | Sommer 2009


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ei der Korea Night auf dem Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos präsentierten zehn internationale Köche unter der Leitung eines koreanischen Chefkochs 19 koreanische FusionstilGerichte. Vor allem war die kalte Roulade Samgyetang (Samgyetang: Hühnersuppe mit einem gekochten Huhn, gefüllt mit Ginseng, Jujuben, Knoblauch und Klebreis) für die VIP-Gäste eine große Gaumenfreude. Bei dem Chefkoch handelt es sich um Edward Kwon (geb. 1970; koreanischer Name: Kwon Young-min), den ehemaligen Chefkoch des Sieben Sterne Luxushotels Burj al Arab in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kwon ist auch Autor des Bestsellers Cooking Seven Stars (Verlag: Bookhouse). Er plant, Ende Juli sein eigenes Restaurant Edward Kwon im Seouler Stadtviertel Pyeongchang-dong/Jongro-gu zu eröffnen. Das Restaurant soll Platz für 180 Gäste bieten und mit fünf Köchen aus verschiedenen Ländern aufwarten. Der Franzose Eric Gouteyron, der 14 Jahre lang Chefkonditor im Plaza Hotel in New York war, ist einer von ihnen.

Die Globalisierung der koreanischen Küche Zu seinen Anstrengungen für die Globalisierung der koreanischen Küche sagt Kwon: „Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, bei ausländischen Köchen ein richtiges Verständnis über Korea zu entwickeln und Gerichte zu kreieren, die Nicht-Koreaner auch gerne essen möchten.“ Er hat vor, in den kommenden drei Jahren noch zehn weitere internationale Köche nach Korea zu holen. Auf die Idee, ein Restaurant mit seinem Namen zu eröffnen, kam er vor einem Jahr auf dem Festival der koreanischen Küche im Hotel Burj al Arab. Auf diesem Festival, das übrigens auch seine Idee war, klärte er ausländische Gäste, die Kimchi für ein japanisches Gericht gehalten hatten, persönlich über dessen koreanischen Ursprung auf. Auf die Frage, welches koreanische Restaurant in Seoul besonders bekannt sei, konnte er jedoch nicht gleich anworten. Natürlich gibt es in Seoul viele gute Restaurants, die auf die koreanische Küche spezialisiert sind. Kwon wurde in diesem Moment bewusst, dass es aber praktisch kaum Restaurants gibt, die auch ausländische Besucher leicht ansprechen. Ursprünglich hatte er geplant, ein asiatisches Restaurant in New York oder London aufzumachen. Laut einer Marktstudie würde es sich rentieren und potentielle Investoren gab es auch schon. Aber letztendlich entschied sich Kwon

Edward Kwon und die Globalisierung der koreanischen Küche Edward Kwon ist ein koreanischer Koch, der als ehemaliger Chefkoch des Sieben Sterne Luxushotels Burj al Arab in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten weit bekannt ist. Auf dem Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos verwöhnte er bei der Korea Night als Chef für die koreanische Fusionstil-Küche die Gaumen der VIPGäste mit kalter Roulade Samgyetang. Seo Il-ho Kulturteam-Leiter, Wochenzeitung Weekly Chosun | Fotos: Lee Kwa Yong

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Nachdem Kwon mehrere Jahre lang von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht gearbeitet hatte, wurden seine hingebungsvollen Bemühungen gewürdigt: Die American Culinary Federation zeichnete ihn im Jahr 2003 als einen der „Zehn besten Nachwuchsköche“ aus.

für Seoul: „Je weiter der Plan Fortschritte machte, desto stärker wurde in mir der Gedanke, dass die Globalisierung der koreanischen Küche zunächst im Ursprungsland beginnen sollte.“ Er fügte noch hinzu, dass es später immer noch möglich sei, Zweigstellen in New York oder London zu eröffnen. Als das Team für sein Restaurant bereit stand, kündigte Kwon im Februar seine Stelle im Hotel in Dubai. Damit gab er auch ein Jahresgehalt von knapp 300.000 Euro und den Luxuswagen auf, den das Hotel ihm zur Verfügung gestellt hatte. „In meiner Umgebung gibt es auch Leute, die mir vorwerfen, dass ich keine authentischen traditionellen koreanischen Gerichte zubereite, sondern quasi ‚unechte‘ Gerichte. Aber ich bin da etwas anderer Meinung. Das chinesische Nudelgericht ‚Jajangmyeon‘ (Nudeln mit schwarzer chinesischer SojabohnenpastenSoße) verwandelte sich in Korea zu ‚Jjajangmyeon‘, das dem koreanischen Gaumen besser entspricht, und wurde so zum Flaggschiff der Verbreitung der chinesischen Küche in Korea. Wir sollten nicht von Anfang an ausländischen Gästen das scharfe Bibimbap (Reis, gemischt mit Gemüse, Fleisch, Ei und roter ChiliPaste) auftischen, sondern ihnen zunächst einmal einen Bibimbap-Salat aus Bibimbap-Gemüsen anbieten. Diejenigen, denen der Bibimbap-Salat geschmeckt hat, werden von selbst darauf kommen, auch einmal Bibimbap zu probieren.“ Kwon absolvierte eine Ausbildung zum Hotelkoch (Hauptfach: Französische Küche) am Gangneung Yeongdong College. Nach dem Abschluss arbeitete er in Hotels wie dem Ritz Carlton in Seoul, dem Ritz Carlton in San Francisco, dem Sheraton Grand Hotel in Tianjin in China sowie dem Fairmont Hotel und dem Burj al Arab Hotel in Dubai. „So wie Sportler von speziellen Agenturen vermittelt werden, gibt es auch Agenturen für Köche. Sie vermitteln Chefköche an Hotels und kassieren dafür vom Hotel als Vermittlungsgebühr 17-25% des Jahresgehalts des jeweiligen Kochs.“ 66 Koreana | Sommer 2009

Einer der „Zehn besten Nachwuchsköche“ Edward Kwon, aufgewachsen in Gangneung in der Provinz Gangwon-do, machte seine ersten Kocherfahrungen, als er in seinem dritten Oberschuljahr von zu Hause weglief und in einem Restaurant als Küchenhilfe arbeitete. „Nachdem ich auf Grund des Widerstands meiner Großmutter meinen Plan, Theologie zu studieren, aufgeben musste, geriet ich in Verlegenheit und machte mich einfach auf den Weg nach Seoul, um mich in einem zweiten Versuch auf die Uniaufnahmeprüfung vorzubereiten. Aber ich hatte kein Geld und fing an, in einem westlichen Restaurant in der Küche zu jobben, anstatt zu lernen. Damals sagten meine Kollgen, die schon mehr Erfahrung als ich hatten, ich sei ‚nicht schlecht‘. Sie meinten eigentlich, dass ich schnell und fleißig arbeitete, aber ich verstand es als Kompliment für mein Kochtalent. Ihre Worte, die ich missverstanden hatte, wurden Wahrheit; ich entschied mich für eine Ausbildung zum Koch an der Fachhochschule.“ Nachdem Kwon nach der Ausbildung im Jahr 1995 im Hotel Ritz Carlton in Seoul ins Berufsleben eingestiegen war, flog er 2001 mit dem Traum, ein Koch von internationalem Rang zu werden, nach San Francisco, wo er im Ritz Carlton in Halfmoon Bay arbeitete. Das Leben in den USA war natürlich nicht so einfach. Die unterschiedlichen Nahrungsmittel und Zutaten, mit denen er es zu tun hatte, machten sich in Unterschieden in Konzepten und Fertigkeiten zwischen ihm und seinen Kollegen bemerkbar. Während seiner Zeit im Ritz Carlton Seoul war er öfters in Buchhandlungen gegangen und hatte ausländische Kochbücher studiert; in San Francisco ging er täglich zum Supermarkt: „Jeden Tag kaufte ich einige der Hunderte von Sorten Käse und probierte sie mit Baguette. Ich fing mit einem so genannten ‚Rohessen-Training‘ an. Viele sagen zwar, dass man den Geschmack mit der Zunge wahrnimmt, aber letztendlich ist das Gehirn die Endstation aller


„Für die Globalisierung der koreanischen Küche müssen wir uns der Augenhöhe der Weltbürger anpassen. Wenn eine Geschmacksrichtung von den Weltbürgern nicht verstanden wird, dann sollte man sich bemühen, sie ihnen näher zu bringen, auch wenn man den Geschmack dafür entsprechend abwandeln muss; dann funktioniert auch die Globalisierung. Damit die koreanische Küche das Interesse und die Zuneigung der Welt gewinnen kann, müssen meiner Meinung nach vor allem die koreanischen Lebensmittel und Kochzutaten vertrieben werden.“

Sinneswahrnehmungen. Der Preisträger der Auszeichnung ‚Bester Koch der USA‘ des Jahres 2008 war ein Koch, der an Zungenkrebs erkrankt war und dem man die Zunge amputieren musste.“ In den USA ging er tagtäglich zur Arbeit, wenn noch die Sterne am Himmel standen, und wenn er Feierabend machte, leuchteten ihm wieder die Sterne den Weg. „Ich habe jeden Tag 20 Stunden von fünf Uhr früh bis ein Uhr morgens gearbeitet, und das zwei Jahre lang ohne Unterbrechung. Meine amerikanischen Kollegen mochten mich nicht besonders, weil ich nach ihrer Meinung die Arbeitsatmosphäre vermiest haben soll. Ich habe dazu nur gesagt: ‚Ich weiß nicht mal ein Zehntel von dem, was ihr wisst. Das ist für mich der einzige Weg, zu überleben.“ Als Resultat solch harter Anstrengungen wurde Kwon im Jahr 2003 von dem Kochverband American Culinary Federation als einer der „Zehn besten Nachwuchsköche“ geehrt. Im April 2006 wechselte er zum Fairmont Hotel in Dubai. Während seiner beruflichen Tätigkeit in den USA und Dubai lernte er viele weltbekannte Persönlichkeiten kennen. „Wenn besondere Gäste kommen, begrüße ich sie nach dem Essen persönlich am Tisch. Ich habe berühmte Stars wie George Clooney, Sharon Stone, Pierce Brosnan, Arnold Schwarzenegger und Tiger Woods kennen gelernt. In Bezug auf Staatschefs gilt absolute Diskretion. Barbara Streisand hat mir sogar angeboten, als ihr privater Koch zu arbeiten. Und Madonna kommentierte, dass meine Gerichte besser als Sex seien. Der ehemalige US-Präsident George H. Bush ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Er erschien höchstpersönlich in der Küche, reichte mir die Hand und sagte, dass es ihm wirklich ausgezeichnet geschmeckt habe.“ Edward Kwon begründet seinen Erfolg als selbstbewusster „Koch von Welt“ damit, dass er sich von der Angst vor der englischen Sprache befreit habe. „Ich habe mir die Aussprache des amerikanischen Alltagsenglisch in koreanischen Zeichen notiert und alles einfach auswendig gelernt. Wenn man erst einmal Angst und Schüchternheit abgelegt hat, klappt es auch gut mit dem Englischen. Eigentlich ist mein englischer Wortschatz immer noch mangelhaft. Aber es reicht schon, wenn man einige für die Verständigung unbedingt notwendige Wendungen genau beherrscht und diese dann ohne Angst vor Fehlern anwendet. Dann klappt die Kommunikation ohne Probleme.“

Kochschule in Kibbuz-Form Edward Kwons Erfolg als Koch von Weltrang war möglich, weil er als Schüler von internationalen Meisterköchen lernte. „In Europa leert der Chefkoch den Mülleimer und fegt selbst die Küche. Man gibt den rangniederen Köchen keine Handlangerarbeiten,

sondern hilft ihnen eher, sich völlig aufs Kochen zu konzentrieren. Solch ein Chefkoch, der durch das eigene Beispiel lehrt, wird respektiert, auch ohne dass er seine Autorität hervorkehren muss. Das ist ‚Servant Leadership‘, also dienende Führung, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Ein weiteres Rollenvorbild ist für Kwon der weltbekannte koreanische Modedesigner André Kim. André Kim entwarf für ihn eine Kochuniform und stellte ihn auch auf den Laufsteg. Für Kwon sind Köche Künstler, genau so wie Designer. „Kochen ist eine Allroundkunst. Ein guter Koch ist ein Allroundkünstler, der Mode, Design, Musik, Malerei und Architektur in Einklang bringen kann. Ein Koch muss entsprechend auch ein Gespür für Innenarchitektur haben. Denn das Essen an sich ist zwar wichtig, aber es ist auch wichtig, in welchem Umfeld und welcher Atmosphäre man isst.“ Er sagt, dass jeder ein Koch werden kann. „Egal, ob man für sich selbst oder für jemand anderen kocht: Jeder ist ein Koch. Man kann sagen, dass Koch der allererste und der allerletzte Beruf in der Menschheitsgeschichte ist.“ Edward Kwon, der heute ein Koch von Welt ist, möchte zur Globalisierung der koreanischen Küche beitragen: „Für die Globalisierung der koreanischen Küche müssen wir uns der Augenhöhe der Weltbürger anpassen. Wenn eine Geschmacksrichtung von den Weltbürgern nicht verstanden wird, dann sollte man sich bemühen, sie ihnen näher zu bringen, auch wenn man den Geschmack dafür entsprechend abwandeln muss; dann funktioniert auch die Globalisierung. Damit die koreanische Küche das Interesse und die Zuneigung der Welt gewinnen kann, müssen meiner Meinung nach vor allem die koreanischen Lebensmittel und Kochzutaten vertrieben werden. Wie schön wäre es, wenn alle Sushi-Restaurants auf der ganzen Welt die koreanische Sojasoße Ganjang statt der japanischen Kikoman benutzen würden!“ Neben der Globalisierung der koreanischen Küche hat Kwon noch ein weiteres Ziel: die Nachwuchsförderung. Zu diesem Zweck möchte er eine Kochschule in Korea gründen. Im August 2008 wurde er Chair Professor für Food Service Industry am Seoul Hyundai Technical College. „Ich möchte in Korea eine Kochschule in Kibbuz-Form gründen. Die Schule sollte sich in einem Bauernhof befinden, so dass man stets von den ‚Zutaten der Natur‘ umgeben ist und das Kochen quasi von den natürlichen Grundlagen bis zur praktischen Anwendung lernt. Mein Traum ist dabei eine Schule ohne Gebühren. Um das zu verwirklichen, bedarf es einer Stiftung und einer großen Menge Kapital. Für so eine Schule braucht man auch ein weitläufiges Gelände und ordentliche Einrichtungen. Zu diesem Zweck werde ich neben dem Restaurant als Geschäftsbereich auch Ernährungsberatung betreiben.“ Sommer 2009 | Koreana 6


unterweGS

Goseong

Heimat der Dinosaurier In der Gegend, wo die nicht allzu hohen Berge gleichsam zum blauen Meer hin fließen, dort ist in der für den Süden Koreas typischen Landschaft mit ihrem milden Klima der Atem der 2.000 Jahre alten Geschichte zu spüren. Bei flüchtiger Betrachtung scheint es ein ruhiges und friedliches Fleckchen Erde zu sein, aber das ist längst nicht alles. Die zahlreichen Dinosaurier-Spuren, die sich entlang der Küste und in den Tälern finden, laden die Besucher zu einer Reise in die Welt der Fantasie ein. Kim Hyungyoon Essayist | Fotos: Kwon Tae-kyun

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An diesem Strand in Deokmyeong-ri, Hai-myeon im Kreis Goseong-gun finden sich auf einem sechs Kilometer langen Küstenstreifen im Kreispark Sangjogam mehr als 1.900 DinosaurierFußabdrücke.

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ier Tage nach der Rückkehr aus Goseong machte ich mich erneut auf den Weg dorthin. Ich wollte nämlich unbedingt einmal mit dem Dorfbus zum Strand von Guryongpo fahren. Bei meinem ersten dreitägigen Besuch in Goseong war ich mit dem Taxi herumgefahren. Als ich dann nach hinreichender Besichtigung am Intercity-Bus-Terminal ankam und mein Ticket für die Rückfahrt besorgen wollte, erfuhr ich, dass es in der Ortschaft Donghae-myeon auch einen Rundfahrtbus gibt. Aus einem plötzlichen Impuls heraus wollte ich mich zwar in dem Moment in dieses Fortbewegungsmittel setzen und eine Rundfahrt an der

Ostküste der koreanischen Halbinsel entlang machen, aber ich hielt mich dann doch zurück. Ich wollte nicht so viel Zeit dafür investieren. Aber das war wohl zu kurz gedacht. Denn schließlich landete ich per Flugzeug und Bus wieder in Goseong.

Auf den Spuren der Dinosaurier Vom Bus-Terminal in Goseong fuhr jede Stunde ein Bus los. Die Fahrgäste waren alle alt und Einwohner der Stadt. Der auch schon alte Fahrer tauschte mit den Fahrgästen, die er wohl gut kannte, einige deftige Späße aus, ganz in der Manier von Malttugi, Sommer 2009 | Koreana 6


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2 1 Dinosaurier-Skelett, das auf der Dinosaurier-Weltexpo 2009 in Goseong (Gyeongnam Goseong Dinosaur World Expo) zu sehen war. 2 Die Fußabdrücke eines Ornithopoden sehen wie ein dreizackiger Speer aus. 3 In der Bucht Jaranman befinden sich zahlreiche kleinere Inseln.

einer Figur aus dem traditionellen Maskenspiel dieser Region (Goseong-Ogwangdae ), die als Untertan seinen Herrn karikiert. Aber er brachte mich sicher die Küstenstraße entlang, die er wie seine Hosentasche kannte und an der mir rote Kamelien, weiße Ume-Blüten und rosafarbene Azaleen zuwinkten, zum Dorf Guhakpo. Die Fahrt dauerte anderthalb Stunden. Das Dorf unterteilt sich in „Klein-Guhakpo“ und „Groß-Guhakpo“. Beide Dörfer haben einen kleinen Hafen. Ich stieg in Klein-Guhakpo aus, erkundigte mich bei einem Einwohner nach dem Weg zum Strand mit den Dinosaurier-Fußspuren und ging dorthin. Auf einem flachen schwarzen Felsen am Strand entdeckte ich sofort das, weshalb ich hierher gekommen war. Schon bei meinem ersten Goseong-Besuch ein paar Tage zuvor war ich auf verschiedene Spuren dieser ungewöhnlichen Tiere, die vor 65 Mio. Jahren von der Erde verschwanden, getroffen, und zwar das erste Mal am Strand von Deongmyeong-ri westlich von Goseong. Am späten Nachmittag zeigten sich die Spuren auf einem breiten, flachen, schwarzen Felsen, dessen Ränder die tanzenden Wellen leckten. Die Fußabdrücke, die wie eine Sammlung von Kinderhänden geformten Schüsseln aussahen, hätte ich ehrlich gesagt ohne das freundliche Hinweisschild mit den Fotos gar nicht sofort erkannt. Ich hatte einmal in einem Museum die Rekonstruktion eines Dinosaurier-Skeletts gesehen. Damals bewunderte ich diese kreativ und eigenartig wirkende Erscheinung und die hartnäckige Fähigkeit des Menschen, die dieses Wesen, das niemand je zu Gesicht bekommen hatte, aus der Dunkelheit ferner Zeiten ans Licht gebracht hatte. Da ich bereits diese erste Begegnung mit einem Dinosaurier hinter mir hatte, erwartete ich von den Fußspur-Fossilien nichts Besonderes. Es sind ja auch keine Füße, sondern nur Fußspuren, und dann auch nur Fußspur-Fossilien! Ich konnte keine große Erwartungen in Bezug auf so etwas Unbestimmtes haben. Aber dann kam doch alles ganz anders. Die Fußabdrücke dieser urzeitlichen Geschöpfe schlichen sich heimlich in meine fünf Sinne hinein. Ich bekam einen leisen Schock. 0 Koreana | Sommer 2009

Ich wollte mir diese Dinge mit ihren undefinierbaren Formen noch näher ansehen. Anfänglich hatte ich nicht beabsichtigt, nur den Spuren dieser riesigen, längst ausgestorbenen Wesen zu folgen. Eigentlich wollte ich Goseong näher kennen lernen. Aber schließlich wurde meine Reise quasi eine Fußspuren-Tour.

Seeufer aus der Kreidezeit Nach 1982, als ein Experte das alte Rätsel dieser Region löste, wurde Goseong eine Stadt der Dinosaurier. Bis dahin hatte sich keiner der Bewohner der Region für diese Ungeheuer interessiert. Man war zwar neugierig, woher die hier und da am Meer und in den Bergen zu sehenden Spuren wohl stammten, aber da es auf der Welt viele unerklärliche Dinge gibt, kümmerte man sich nicht weiter darum. Manche sagten, es seien Kotspuren von Kühen und einige wenige entwickelten die notwendige Fantasie und fragten, ob es nicht Dinosaurier-Fossilien sein könnten, aber das war dann auch schon alles. Aber kaum hatte man bestätigt, dass es tatsächlich Dinosaurier-Fußspuren waren, verwandelte sich die Stadt in kürzester Zeit in eine Domäne dieser Haustiere von Göttern, die diese in uralten Zeiten, lange vor dem Erscheinen des Menschen, im Wettstreit untereinander und unter Aufbietung all ihrer Fertigkeiten geschaffen hatten. Bislang wurden in Goseong über 4.300 Dinosaurier-Fossilien entdeckt. Allein am Strand von Deongmyeong-ri finden sich auf einer sechs Kilometer langen Strecke, die die Felsenküste Sangjogam einschließt, mehr als 1.900 Fußabdrücke. Goseong gehört mit dem Bundesstaat Colorado in den USA und der Westküste Argentiniens zu den drei Dinosaurier-Gebieten der Welt mit der höchsten Konzentration von Fußspuren. Die Abdrücke lassen sich nach ihrer Herkunft folgendermaßen klassifizieren: Fossilien von Sauropoden, Ornithopoden und Theropoden. Sauropoden waren riesige vierbeinige Pflanzenfresser wie der 25 Meter lange und 78 Tonnen schwere Brachiosaurus. Die Ornithopoden oder Vogelfüßler hatten Flügel und bewegten sich zweibeinig fort, während die Theropoden


Fleischfresser waren wie z.B. der Tyrannosaurus rex. Nach den Erklärungen von Wissenschaftlern soll die GoseongRegion zur Kreidezeit, die vor 136 Mio. Jahren begann und 71 Mio. Jahre lang währte, ein Seeufer gewesen sein. Eines Tages kam es urplötzlich zu einer Naturkatastrophe. Man weiß nicht genau, ob es sich dabei um Hochwasser, einen Vulkanausbruch oder eine Erdkrustenverschiebung handelte. Jedenfalls versank die Erdoberfläche bei diesem Unglück und mit ihr die Fußspuren von Tieren auf dem Schlammboden am Ufer. Aber nicht nur Fußspuren, sondern auch die Spuren von Regentropfen wurden verschluckt. Selbst die Spuren von Seewellen, die ans Ufer tasteten, verschwanden im Dunkel der Erde.

Spuren einer alten Zivilisation Goseong, das sich in der Mitte der Südküste der koreanischen Halbinsel, die sich östlich von der Stadt Busan bis westlich zur Stadt Haenam in der Provinz Jeollabuk-do erstreckt, befindet, liegt am Meeres-Nationalpark Hallyeosudo. Bewegt man sich jedoch landeinwärts, trifft man sofort auf größere und kleinere Berge. Die weißen Wege, die sich vom Flachland über den Bergfuß schlangenartig zum Wald hin winden, lassen das Herz höher schlagen. Der buddhistische Tempel Gyeseung-sa auf dem Berg

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Geumtae-san im Dorf Yeonghyeon-myeon, der den Wanderer am Ende eines dieser Wege erwartet, lehnt sich an einen steilen Felsen. Der Felsen, der am Tempel gleich einem Wasserfall herunterzustürzen scheint, ist von kraftvoller Imposanz. Das Gebäude dieses noch nicht besonders alten Tempels, in dem der Bodhisattwa Avalokiteshvara sitzt, wurde auf einem flach geschnittenen Grundstein errichtet. Auf dem länglichen Felsen hinter dem Haus des barmherzigen Bodhisattwa sind sieben SauropodenFußspuren eingeprägt. Auf dem breiten Felsgestein auf der linken Seite vor diesem Gebäude finden sich zahlreiche Spuren von Regentropfen. Geht man noch ein Stück weiter hinunter, findet man auf einem breiten flachen Felsen deutliche Spuren von Wellen. Um aus einem steilen Felsen eine ebene Grundfläche für den Tempel zu schaffen, musste man viele Felsen beschneiden und auch zerbrechen. Aus diesen Steinen baute man ein solides Steinfundament, wobei auch einige Dinosaurier-Fossilien Verwendung fanden. Die Regierung bestimmte 2006 die sedimentäre Schichtung und die Fossilien in diesem Tempelbereich, die die Sedimentstruktur der Kreidezeit zeigen, zum Naturdenkmal, so dass hier diese Zeugen der Naturgeschichte nicht länger beschädigt werden. In Goseong, das schon vor Christi Geburt eine Festungsanlage war, was die Gräber aus der Gaya-Zeit (42-562) in Songhak-dong

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1 Diese Gedenkstätte, die in Danghangpo zu Ehren von Admiral Yi Sun-sin errichtet wurde, erinnert an dessen legendäre Heldentaten während der Großen Schlacht von Danghangpo im Jahre 1592, als Yi die Übermacht der angreifenden japanischen Kriegsschiffe zurückschlug.

2 Vorratskrüge im Hinterhof des Tempels Unheung-sa, der sich auf halbem Weg zum Gipfel Hyangno-bong im Gebirge Waryong-san befindet.

3 Dieses buddhistische Gemälde (Gwaebultaeng) wird nur einmal pro Jahr im Rahmen des Rituals Yeongsanjae, das am dritten Tag des dritten Mondmonats stattfindet, der Öffentlichkeit gezeigt.

Wohin sind diese seltsamen Geschöpfe verschwunden? Die Dinosaurier-Fußabdrücke machen einen neugierig darauf, welch geheimnisvolle Geschichte sich in diesem Felsen und jenem Stück Stein verbirgt und welch erstaunliche Ursprünge diese sanft wirkende Landschaft wohl hat.

bestätigen, sind hier und da Spuren der alten Zivilisation zu finden. Unter anderem sind die zahlreichen Tempel ein wichtiges Erbe, das Vergangenheit und Gegenwart verknüpft. In der heutigen Zeit, in der kaum noch jemand in einem traditionellen koreanischen Hanok-Haus, das für seine wunderschöne Linienführung bekannt ist, lebt, sind buddhistische Tempel, konfuzianische Schulen und Gedenkhallen besonders wichtige Stätten, die die Tradition und Schönheit der koreanischen Architektur demonstrieren. Der Tempel Munsu-am auf dem Berg Mui-san in Sangni-myeon befindet sich wie der Gyeseung-sa und seine Pavillons ebenfalls an einem äußerst steilen Berghang. Die Harmonie der komplizierten topographischen Gegebenheiten mit der Architektur zieht die Blicke der Besucher auf sich. Der Weg zur Buddha-Halle, der weit über zahlreiche Treppen nach oben führt, ist zwar sehr mühsam, dafür wird man mit dem Anblick des sanft und warm wirkenden Dachvorsprungs der buddhistischen Halle belohnt. Dreht der Besucher sich nach einem kurzen Gruß des Buddhas um, entfaltet sich vor seinen Augen in der Ferne das Meer mit seinen vielen Inseln. In diesem Moment wird einem bewusst, von was für einer herrlichen Landschaft die Einwohner von Goseong umgeben sind. Der Tempel Unheung-sa, der sich auf halber Gipfelhöhe auf dem Berg Waryong-san im Dorf Hai-myeon befindet, macht schon auf den ersten Blick einen einladenden Eindruck. Die Tempelgebäude strahlen zwar auch Gemütlichkeit aus, aber vor allem die quasi freundlich wirkenden Krüge hinter der Buddha-Halle hatten es mir angetan. Der Tempel ist v.a. für das Buddha- Wandgemälde bekannt, das nur anlässlich der Yeongsanjae-Zeremonie (Nachstellung von Buddhas Unterrichtung der Lotus-Sutra; findet jährlich am dritten Tag des dritten Mondmonats statt) der

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Öffentlichkeit gezeigt wird. Aber meiner Meinung nach stellen die Krüge, die während des ganzen Jahres die Gäste begrüßen, die Barmherzigkeit Buddhas besser als das Buddha-Gemälde dar. Ich fragte den Taxifahrer, mit dem ich zwei Tage lang unterwegs war, was er mir als besonders sehenswert in Goseong empfehlen würde. Dieser Ureinwohner der Stadt nannte den buddhistischen Tempel Okcheon-sa auf dem Berg Yeonhwa-san in Gaecheonmyeon. Okcheon-sa ist ein großer, alter Tempel mit zwölf großen und kleinen Gebäuden, darunter dem im Jahr 1745 neu gebauten Hauptgebäude und der gegenüber stehenden 300 Jahre alten imposanten Zeremonienhalle Jabangnu. Die Gebäude sind so positioniert, dass sie aus der Vogelperspektive wie eine Lotusblume aussehen. Der Tempel beherbergt zahlreiche Werke des buddhistischen Kulturerbes. Mehr als 120 buddhistische Artefakte wie die Eisentrommel Imjamyeong Banja, die 1252 in der GoryeoZeit gegossen wurde, die Tempelglocke, der bronzene Weihrauchbrenner mit eingelegtem Silberdrahtdekor und Holzschnitttafeln der buddhistischen heiligen Schrift Geumganggyeong (Sutra zur Unterweisung in den Prinzipien des Buddhismus) loben jetzt wie einst die Gnaden Buddhas. Das Tal, das sich vor dem Tempel erstreckt, ist sehr tief. Auch der Weg von Yeonhwa-san, der das Tal entlang zur Spitze führt, ist tief. Im Frühling lockt die Pracht des ersten Grüns, durchsetzt mit roten und weißen Blüten. Im Sommer werden die Schatten unter den dicht belaubten Bäumen dunkler. Im Herbst färben sich die Blätter bunt und im Winter reiben sich die dürren Äste aneinander. Hier trägt jede Jahreszeit ein reizendes Gewand. Die Gegend ist immer voller Leben, da sie gerne von Familien, die einen Ausflug machen, und von Bergwanderern, die auf die Gipfel wollen, um den Ausblick auf das violettblaue Meer zu genießen, besucht wird. Sommer 2009 | Koreana 3


1 Der in Yeonghyeon-myeon im Gebirge Geumtae-san gelegene Tempel Gyeseung-sa lehnt sich an eine steile Felswand an. Die Sedimentschichten und Fossilien, die hier zu finden sind, gehen auf die Kreidezeit zurück und wurden zum Naturdenkmal bestimmt.

2 Diese Steinmauer im Dorf Hakdong wurde aus Tonschiefer vom Berg Sutae-san, der hinter dem Dorf liegt, errichtet. Die Mauer ist als Kulturschatz Nr. 258 registriert und gehört zu den landesweit insgesamt 18 Steinmauern, die von der Koreanischen Behörde für Kulturgüterverwaltung (Cultural Heritage Administration of Korea) geschützt werden.

3 Szene aus dem Goseong Ogwangdae, einem traditionellen Maskenspiel aus der Goseong-Region, das zum Wichtigen Immateriellen Kulturgut Nr. 7 erklärt wurde.

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Dinosaurier-Weltexpo Auch im Tal vor Okcheon-sa gibt es Spuren von Dinsauriern. Auf den Felsen sind Fußabdrücke von vierbeinigen, pflanzenfressenden Dinsauriern eingeprägt. Diese Fossilien auf dem Berg Yeonhwa-san bestätigen wie die im Tempel Gyeseung-sa, dass an der Stelle des heutigen Goseong früher ein Seeufer war. Die zahlreichen Berge waren also in Urzeiten keine Berge. Seit ein paar Jahren „opfert“ die Stadt Goseong ihr Gelände den Dinosauriern. Sie suchte und kennzeichnete die einzelnen Fußspuren, die die Urzeitwesen an den verschiedenen Stellen des Kreisgebiets hinterließen, und im Jahr 2006 zog sie mit der Dinosaurier-Weltexpo (Gyeongnam Goseong Dinosaur World Expo) 1,5 Mio. Besucher an. Drei Jahre später, im Frühling 2009, richtete sie das zweite Dinosaurier-Festival dieser Art in noch größerem Umfang aus. Der Schauplatz dieses Fests ist die Bucht Danghangpo. Goseong umarmt eine weitläufige, tiefe und schön gekurvte Bucht, die zu einer schmalen Wasserstraße und zum Südmeer führt: Danghangpo. Am 5. und 6. Juni 1592 (im 25. Regierungsjahr von König Seonjo), als die Japaner ins Königreich Joseon einfielen, schlug die Marine von Joseon unter der Führung von Admiral Yi Sun-sin auf dem Meer nahe Danghangpo, das immer still wie ein See ist, die japa 4 Koreana | Sommer 2009

nischen Flotte erfolgreich zurück. Zwei Jahre später, am 4. März 1594, errang Joseon am selben Ort wieder einen großen Seesieg. Schon vor langem hat die Kommunalverwaltung von Goseong einen Schrein zum Gedenken an Admiral Yi und ein SeeschlachtMuseum in der Nähe des Eingangs der Bucht errichtet. Die Gegend ist als Danghangpo Tourist Resort bekannt und dient den Einwohnern von Goseong als Park. Mit der Entdeckung der Dinosaurier-Fossilien wurde der Park thematisch erweitert. Es wurden ein Naturgeschichtliches Museum, ein DinosaurierMuseum, das mit verschiedenartigen Nachbildungen, 3-D-Filmen und Dioramen die Welt dieser Urzeitgeschöpfe auferstehen lässt, sowie ein Vergnügungspark gebaut. Die Stadt machte diese große Anlage zum Mittelpunkt des Dinosaurier-Festivals der Superlative. Natürlich sind auch am Strand von Danghangpo und im ExpoGelände Fußabdrücke von verschiedenen Dinosauriern zu finden, die sich wahrscheinlich mit ungemeiner Energie fortbewegt haben. Dem lautlosen Schrei dieser ungewöhnlichen Geschöpfe kann man in Goseong nirgends entkommen. Verlässt man die Bucht von Danghangpo in Richtung Südmeer, erstreckt sich die Küste von Osten nach Westen in schierer Endlosigkeit. Setzt man seinen Weg an der östlichen Küste entlang fort, trifft man neben dem Meer abwechselnd auf Dörfer, Häfen und Strände. Es gibt Strände, die man betreten darf, aber auch welche, die gesperrt sind. Jedenfalls wirken alle Strände ruhig, strahlend und einladend. Klein-Guhakpo, wo ich aus dem Bus ausgestiegen war, hat einen Küstenstreifen, den man betreten darf. Geht man von dort über breite Felsen, gebrochene Felsen und kleine Kieselsteine etwas weiter nach Westen, erreicht man das Dorf Groß-Guhakpo. Dort, wo sich der Strand von Groß-Guhakpo mit dem sich heimlich heranschleichenden Wellen trifft, finden sich ebenfalls die fraglichen Fußspuren. Wenn man direkt daneben steht, sind sie schwer zu erkennen, aber wenn man ein Stück den Hügel hinaufsteigt und von dort herabblickt, präsentiert sich der herrliche Anblick von Dutzenden von Fußabdrücken, die sich in eine Richtung bewegen. Tektonische Bewegungen und darauf folgend Wind und Regen holten die Fußspuren aus der 650 Mio. alten


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Zeitkapsel heraus und setzten sie in Bewegung. Der Prozess der Verwitterung ist auch heute noch im Gange. Vielleicht werden die Dinosaurier aus dem jurassischen Zeitalter irgendwann wieder den Strand entlang wandern.

Dinosaurier der Moderne Ich verbrachte einen ganzen Tag unter der warmen Sonne an der Küste. Am Strand, wo nach der Ebbe grüner Seetang und Austern erscheinen, traf ich alte Frauen, die Schnecken und Austern sammelten. Auf die Frage, ob ich eine Auster probieren dürfte, tauchte die alte Frau den Austernkorb einmal zum Abwaschen in das saubere Meerwasser und hielt mir dann den ganzen Korb hin. Ich solle doch nicht nur eine, sondern gleich mehrere nehmen. Ich lief von Groß-Guhakpo bis zum Dorf Janghang und beendete dort meine Tagesreise. Da ich nicht zu Mittag gegessen hatte, hatte ich großen Hunger. Ich rief ein Taxi und fuhr die Küste entlang bis zur nächsten Ortschaft, wo ich ein spätes Mittagessen einnahm. Der Taxifahrer empfahl mir Ziegenfleisch-Bulgogi (Bulgogi: mariniertes, kurz gebratenes Fleischgericht) und brachte mich zu einem Restaurant auf dem Marktplatz in der Stadtmitte. Das Ziegenfleisch, das ich zum ersten Mal probierte, erzeugte über den Duft der leicht süßlichen Marinade hinaus einen leichten Fettge-

ruch wie der von Lammfleisch, war aber nicht schlecht. Auf Grund der Lage am Meer, wo sich warme und kalte Strömungen treffen, ist diese Gegend reich an verschiedenen Fischarten. So gibt es im Frühling viele Seezungen und Stachelköpfe, im Sommer Aale, im Herbst fadenflossige Alsen und im Winter Kabeljau. Fisch hatte ich aber schon zu Genüge probiert, weshalb das LammfleischGericht in meiner Erinnerung bleibt. Im Bus auf dem Weg nach Hause erinnerte ich mich wieder an den Strand von Goseong. Es tat mir Leid, dass die herrliche Natur durch Werften gefährdet wird. Als ich in Guhakpo den Strand entlang spazierte, musste ich auf einmal einen Umweg durch das Dorf machen, weil der Strandweg von einer Werft blockiert war. Mit Donghae-myeon und dem Nachbarort Georyumyeon als Mittelpunkt drängen sich die riesigen Stahlkonstruktionen Stück für Stück in die Küstenregionen. Offenbar kann die Stadt Goseong der negativen demographischen Entwicklung nicht tatenlos zusehen: Vor 20 Jahren betrug die Einwohnerzahl fast 100.000, heute weniger als 60.000. Selbstverständlich verstehe ich die Schwierigkeiten der Stadt, die nach wirtschaftlichen Aufschwung und Steigerung der Einwohnerzahl strebt, aber ich hoffe trotzdem, dass die Dinosaurier aus uralten Zeiten, die durch die Gnade der Götter gediehen, die fantasielosen Dinosaurier der Moderne besiegen. Sommer 2009 | Koreana 5


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Gebratener Aal Nahrhafte Sommerküche Der Aal ist allgemein als proteinreicher Fisch bekannt, der Vitalität und Widerstandskraft fördert. Beim Braten wird das körpereigene Fett des Aals herausgebraten und die hinzugefügte Chilisoße sorgt für einen reichen und pikant-scharfen Geschmack. Gibt man noch in schräge Scheiben geschnittenen, kurz gebratenen frischen Ginseng hinzu, eignet sich das Gericht ausgezeichnet für schwül-heiße Sommermonate, um schwindende Energie und Appetit zu beleben. Shim Young Soon Leiterin des Shim Young-soon Korean Food Research Institute, Autorin des Buches Best Tastes of Korean Food Fotos: Ahn Hong-beom

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er Pungcheon-Aal ist unter den verschiedenen Aalsorten besonders berühmt. Er wird in freier Natur in den Flüssen der Provinzen Jeolla-do gefangen, die ins Südmeer münden, das für seinen großen Tidenhub bekannt ist. Mit dem Namen „ Pungcheon-Aal“ hat es folgende Bewandnis: In den Fluss Incheon, der am Tempel Seoun-sa in der Stadt Gochang im Norden der Provinz Jeollabuk-do vorbeifließt, strömt zweimal am Tag Meerwasser hinein, weshalb man auch sagt, dass Aale, die in freier Natur leben, Meerwasser und Wind mit sich bringen. Daher wurde der Name aus den chinesischen Zeichen für „Pung“ (風) (Wind) und „Cheon“ (川) (Fluss) zusammengesetzt und der Aal „Pungcheon-Aal“ genannt. Das Meerwasser dieser Region hat einen besonders hohen Salzgehalt und ist sehr sauber. Deswegen ist das Fleisch des Pungcheon-Aals von besonders hoher Qualität.

Aalsorten Es gibt sehr viele Aalsorten und Bezeichnungen. „Cham-jangeo“ (Japanischer Aal), „Bung-jangeo“ (Seeaal), „Gaet-jangeo“ (Muraenesox cinereus) und „Meok-jangeo“ (Eptatretus burger). Die verschiedenen Sorten werden je nach dem Ort, an dem sie vorkommen, anders bezeichnet. Fürs Braten eignet sich besonders der Cham-jangeo (Anguilla japonica), der im Süßwasser lebt. Er wird mit Sojasoße oder Chilipaste gebraten oder geschmort, findet aber auch für Sushi und Deopbap (Reis gemischt mit Rohfisch, verschiedenen Gemüsen und Gewürzen) Verwendung. Im Folgenden wird der Cham-jangeo kurz als „Aal“ bezeichnet. Anders als der Lachs schwimmt der Aal als Jungfisch den Fluss hinauf und lebt etwa fünf bis zwölf Jahre im Süßwasser. Danach schwimmt er von August bis Oktober ins Meer und laicht. Der Mutterfisch stirbt und die Jungfische schwimmen nach dem Schlüpfen 6 Koreana | Sommer 2009


Gebratener Aal mit einer Garnierung aus frischem Susam-Ginseng. Im Gegensatz zur japanischen Version dieses Gerichts, die mit Sojasoße zubereitet wird, wird in der koreanischen Variante hauptsächlich rote Chilipaste verwendet, die für den lebhaften Farbton und den pikant-scharfen Geschmack sorgt. Summer 2009 | Koreana


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Tierische Nahrungsmittel (Acidität) mit pflanzlichen Gewürzen (Alkalität) zu kombinieren ist die Basis der koreanischen Küche, wobei unter ernährungswissenschaftlichem Aspekt die Harmonie der Zutaten bedacht wird. Beim Braten des Aals wurden auch verschiedene Gemüsesäfte als Gewürz hinzugefügt.

etwa ein Jahr lang mit den warmen Strömungen nach Norden und später wieder nach Süden in die Flüsse. Der Aal ist so stark, dass er selbst im Winter über mehrere Monate lang zig Kilometer ohne Futter schwimmen kann. Auch kann er länger als andere Fische außerhalb des Wassers überleben, weshalb Süßwasseraal schon seit alter Zeit in Korea im Sommer, wenn man viel schwitzt, als Vitalität und Widerstandskraft förderndes Gericht gerne gegessen wurde. Der Aal gilt auch als stärkendes Nahrungsmittel für Menschen, die sich nach langer Krankheit in der Rekonvaleszenz

befinden. Er ist anerkannt als gesundheitsfördernde Nahrungsquelle mit hohem Proteingehalt, die besonders gut für Lunge und Dickdarm ist.

Eine reiche Nährstoffquelle Aal ist u.a. reich an Vitamin A, D, E und Omega-3-Fettsäuren. 100g Aal enthalten 4.400 IU (Internationale Einheit) Vitamin A, womit die für einen Erwachsenen empfohlene Menge an Vitamin A pro Tag ausreichend abgedeckt werden kann. Diese Menge entspricht 5l Milch oder 10 Eiern. Vitamin E hat eine starke Antioxydanswirkung, schützt den Körper vor Aktivsauerstoff und beugt Krebs und Herzkrankheiten vor. Auch ist bekannt, dass Aal die Blutgefäßwände stärkt und dadurch hilft, Arteriosklerose und Gehirnschlag vorzubeugen. Die Omega-3-Fettsäu-

ren, die im Aal reichlich vorhanden sind, verhindern das Verklumpen des Blutes, das Kreislauferkrankungen verursachen kann. Außerdem wirken die im Aal in hoher Menge enthaltenen Proteine entgiftend und zellregenerierend.

Vor- und Zubereitung Bei der Vorbereitung legt man den Aal zuerst auf das Schneidbrett und fixiert ihn dort, indem man mit einem spitzen Vorbohrer direkt unter den Kiemen durchsticht. Danach schlitzt man den Bauch auf und entfernt zuerst die Eingeweide, bevor Kopf und Schwanz abgeschnitten werden. Anschließend entfernt man die starken Rückengräten und kratzt mit dem Messer die schleimige Haut ab. Dabei ist zu beachten, dass der Aal auf keinen Fall mit Wasser abgewaschen werden darf, sondern Wasser und Blut nur mit Küchenpapier oder einem trockenen Tuch abgetupft

1 Der leicht vorgekochte Aal wird über mittlerer Flamme gebraten und mit Würzmarinade bestrichen.

2 Für die Garnierung wird frischer Susam-Ginseng in schräge Scheiben geschnitten.

3 Der Aal wird in der würzigen Soße mariniert.

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Zubereitung des gebratenen Aals Zutaten: Hauptzutat 2 Aale

werden. Anschließend schneidet man den Fisch in angemessene Stücke. Der so vorbereitete Aal wird dann in Gewürzen mariniert. In der koreanischen Küche achtet man unter ernährungswissenschaftlichem Aspekt auf die Harmonie der einzelnen Zutaten, indem tierische Zutaten (Acidität) wie Fleisch und Fisch in pflanzliche Gewürze (Alkalität) eingelegt werden. Der Aal ist fettreich und hat einen starken Eigengeruch; beides kann beseitigt werden, indem man den marinierten Aal über Holzkohlefeuer oder im Backofen leicht vorbrät. Kopf und Gräten des Fisches, werden lange in Wasser gekocht. Diese Aal-Brühe wird nicht nur als Suppe gegessen, sondern es empfiehlt sich auch, sie unter die Würzmarinade zu mischen. Der leicht vorgebratene Aal wird während des Bratens mehrmals mit der Würzmarinade bestrichen.

Susam-Ginseng als Garnierung Die Besonderheit des hier vorgestellten Rezepts besteht darin, dass der gebratene Aal mit Susam-Ginseng garniert wird. Ginseng enthält 30 verschiedene Saponinsorten, die eine vitalisierende Wirkung haben, indem sie den Metabolismus anregen, die Nährstoffabsorption befördern und auch die Verdauung verbessern. Zudem wird die Abwehrkraft des Körpers erhöht und das Immunsystem gestärkt, so dass auch eine antikarzinogene Wirkung besteht und die Vermehrung von Krebszellen unterdrückt wird. Außerdem werden der Lebermetabolismus zum Abbau von Cholesterin angeregt und die Leberfunktionen geschützt; Alkohol wird zudem schneller zerlegt und ausgeschieden, was den Ginseng gut gegen Kater macht. Es ist empfehlenswert, Susam-Ginseng – frischen, völlig unbehandelten Ginseng – in kleinen Mengen beim Zubereiten verschiedener Gerichte unterzumischen.

• Würzmarinade: 2EL Hyangsin-Saft, 2EL Reiswein, 1TL Ginsengextrakt, 1TL Umefrucht-Saft • Würzmarinade fürs Braten 1EL Chilipaste, 1EL Chilipulver, 2EL Hyangsin-Paste, 1EL Gurkensaft, 1/EL zerstoßener Knoblauch, 1/2 TL feine Ingwerstreifen, 1TL Stärkesirup • Garnierung 2 Susam-Ginsengwurzeln, 1 rote Chili, 1 Schote Cheong-yang Chili (spät reifende, sehr scharfe Chilisorte), Hyangsin-Öl 1/2 EL, eine Prise Salz Zubereitung - Den Aal aufschlitzen, ausnehmen und die schleimige Haut abkratzen; mit einem trockenen Tuch oder Küchenpapier abtupfen; in angemessene Portionen schneiden oder ganz lassen. - Den Aal mit der Würzmarinade bestreichen und ziehen lassen; über Holzkohle oder im Backofen leicht vorbraten, bis er etwa zu 2/3 gar ist. - Über mittlerer Flamme ganz durchbraten und dabei mehrmals mit der Würzmarinade fürs Braten bestreichen; der Fisch ist durch, wenn er sich leicht mit einem Stäbchen einstechen lässt. - Den Susam-Ginseng in schräge Scheiben schneiden und braten. Wenn der Ginseng gar ist, die grünen und roten, schräg geschnittenen Chilischoten hinzugeben und leicht braten. Den Aal auf einem Teller anrichten und mit der Ginseng-Chili-Garnierung servieren. Einfache Grundgewürze als Basis der koreanischen Küche Bei der Zubereitung werden Hyangsin-Saft, Hyangsin-Paste und Hyangsin-Öl verwendet. Für viele mögen diese Gewürze fremd sein, aber wenn man sie einsetzt, werden die Gerichte noch aromatischer. Die Hyangsin-Gewürzmischungen ersetzen eine Reihe von Einzelzutaten und lassen nicht nur das Auge verstärkt mitessen, sondern sorgen auch für eine reichere Geschmacksnote. In der koreanischen Küche ist die Vorbereitung der vielen verschiedenen Gewürzzutaten wie Knoblauch, Lauch, Ingwer, Chili, Zwiebeln, Chilipulver, Sesamblätter, Sesamkörner und fermentierte Fischpaste sehr aufwändig. Aber wenn man alles im Voraus und auf Vorrat zubereitet und bei Bedarf verwendet, kann man Zeit und Geld sparen – eine vernünftige Lösung. Erfahren Sie, wie man es macht.

Zutaten

Zubereitung

Hyangsin-

200g Koreanische Birne, 200g Ret-

Birne, Rettich, Zwiebel und Knoblauch auf einem Reibbrett

Saft

tich, 200g Zwiebeln, 200g Knoblauch,

reiben oder mit einem Mixer zerkleinern und zu Saft verar-

10g Ingwer

beiten. In eine kleine Flasche abfüllen, im Gefrierfach aufbewahren und bei Bedarf verwenden.

Hyansin-Öl 2 Becher Öl (473,2ml), 2 rote Chili,

1. Chilischote halbieren und die Samen entfernen. Knoblauch

10 Knoblauchzehen, 2 Ingwer, 1

und Ingwer in dünne Scheiben, Lauch schräg und die Zwie-

Lauch, 3-4 Sesamblätter, 1/2 Zwiebel

beln in feine Streifen schneiden. 2. Die Zutaten von Nr. 1 mit Sesamblättern und Öl in einen Topf geben und auf schwachem Feuer kochen lassen. Wenn das Gemüse gelblich wird, sofort aus dem Öl nehmen. Das Öl abkühlen lassen, in eine Flasche füllen und bei Bedarf verwenden.

Hyangsin-

2 Becher (473,2ml) Jinganjang

Jinganjang, Zucker, Hyangsin-Saft, Chili, Sesamblätter,

Paste

(geschmacksintensive Sojasoße),

Stärkesirup, in dünne Scheiben geschnittenen Ingwer und

1/2 EL Zucker, 1/2 Becher Hyangsin-

Weißwein in einen Topf geben und kochen. Sobald alles auf-

Saft (118,3ml), eine Prise Pfeffer, 3

kocht, das Rindfleisch hinzugeben und auf schwachem Feuer

getrocknete rote Chili, 5 Sesamblätter, weiter kochen lassen. Nach einiger Zeit Honig hinzugeben 2EL Stärkesirup, 100g Rindfleisch, 2

und auf eine Menge von 2 Bechern herunterköcheln lassen.

Ingwer, 1/2 Becher Honig (118,3ml),

Dann durch ein Sieb streichen, in eine Flasche abfüllen und

1/2 Becher Weißwein (118,3ml)

bei Bedarf verwenden.

Sommer 2009 | Koreana


leSerBeItraG

Die zeitlose Kultur eines Landes Erika Lippki Freie Journalistin

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as war wie eine angerichtete Fülle aus der Natur, in allen Farben, im tiefen Rot und hellem Grün. KIMCHI in jeder schwarzbraunen oder weißen Schale durchzogen von zarten Fäden irdischer Gewürze. Dem visuellen Geschmack folgte der Gaumen mit einer losgelassenen Zunge, die schmecken und schmecken wollte, obwohl sie das Gericht nicht kannte. Es war ein himmlischer Geschmack. Dann verlangte die Nase ihr Recht, sie pochte sogar darauf. Sie wollte riechen! Und das konnte sie auf Grund der exzellenten, fotografischen Kunstwerke. Welch einen Zauber die Nase aufnahm. Sie vertiefte den Geschmack. Er wurde eins mit der Zunge, so intensiv, so klar, dass der Gaumen anfing, alle Ingredienzien ihrem Namen nach zu erkennen. Ingwer, Knoblauch, Chili, Rettich, die hauchfeinen Chinakohlblätter und das Salz, prickelnd, körnig, sanft. Das war ein Gefühl, als ob man auf purer Gesundheit kaute. Dieses Salz, das vor Jahrhunderten schon buddhistische Mönche als Heilsalz und zum Würzen ihrer kargen Speisen benutzten. Und wenn nicht ein wohliges Sättigungsgefühl eingetreten wäre, würde die Zunge, der Gaumen, die Nase noch weiterschlemmen. Weiter, weiter bis zur Erkenntnis, das ein Ende des Genusses genau so wichtig ist, wie der Genuss selbst. Die Frage stellt sich, warum der koreanische KIMCHI nicht schon längst seine internationale Reise in die europäische


Länder angetreten hat, obwohl er doch weltweit bekannt ist, und zumal der „Quick-Service“ mit seinen rasenden Motorräderm für den warmen Erhalt der perfekt verpackten Speisen sorgt. Nicht nur KIMCHI, auch YAKSIK, der senfgelbe, süße Klebreis, zu wunderbarem Dessert verarbeitet, mit Kastanien und gelbem Honig angereichert, der bis zum Vollmond sein Ziel erreichen muss, damit die tägliche Ration für die Gesundheit der koreanischen Menschen gesichert ist. Hat nicht König Soji die Verschwörung seiner Frau mit tollpatschigen Mönchen, die seinen Tod wollten, während eines Picknicks damit aufgedeckt, dass auffliegende Krähen ihn warnten? Seine Dankbarkeit kannte keine Grenzen, er ließ schwarzen Klebreis YAKSIK zubereiten und die Krähen hatten ein wundervolles Futter. Sind es immer wieder Grenzen, die uns nicht teilhaben lassen können an den Erkenntnissen, die aus der reinen Natur gewonnen werden können? Oder ist es einfache Ignoranz, die uns Europäer nicht glauben lässt, dass die pure Einfachheit von Korn, Körnern, Reis und Kastanien, von Honig und Ingwer, von Pinienkernen und Zimt uns lehren könnten, wie ungesund wir leben? Natürlich kann uns der „Quick-Service“ hier nicht beliefern. Aber darf man nicht Träume haben? „Eine ästhetisch verfeinerte Welt“, schreibt der Anthropologe Werner Sasse. Eine Welt, in der die Demokratie und lange überlieferte Traditionen eins werden konnten ohne sich das Hei-

matgefühl nehmen zu lassen. Eine Heimat, in der Kultur, Künste und Kulinarismus ineinander verschmelzen. Das bedarf schon der Philosophie des Denkens und des Dankens für ein Land, das eben nicht nur von der Schönheit der Natur, seiner Seltenheit der Berge, Täler, Flüsse und Seen lebt, sondern auch in seinen Häusern die Modernisierung zugelassen hat, die High-Tech, Romantik und Poetik auf traditionelle Art verbindet. Gerne hätte ich einen Byeoru, diesen wundersamen Tuschreibstein mit Ornamenten von chinesischen Vögeln, Lotusblumen, Fischen, Pflanzen, Orchideen, Chrysanthemen und Bambus, um meine Gedanken über die deutsche Ausgabe von Koreana zu besiegeln. Durch Freunde habe ich Koreana kennen gelernt und von Heft zu Heft ist meine Faszination für die Kultur des Landes größer geworden. Ja, es ist Hommage an Koreana. Sie beinhaltet die Moderne, die Avantgarde, die sich in allen Details widerspiegelt. Das Layout, die gekonnte fotografische Wiedergabe der Küchenkunst, die zarten Tuschzeichnungen zu der herrlichen Erzählung des koreanischen Dichters KOO Hyoseo, von dem ich ein Zitat Kierkegaards übernehmen möchte: „... denn es ist groß, seinen Wunsch aufzugeben, doch es ist größer, ihn festzuhalten, nachdem man ihn aufgegeben hat, es ist groß, das Ewige zu ergreifen, doch es ist größer, das Zeitliche festzuhalten, nachdem man es aufgegeben hat.“ Es ist das Zeitliche, wovon, wodurch Koreana lebt.

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Der Nationalpark Bukhan-san zieht bei einer relativ kompakten Fläche von 80 Quadratkilometern jährlich an die fünf Millionen Besucher an. Er wurde ins Guinness-Buch der Weltrekorde als der Park mit der höchsten Besucherzahl pro Jahr in Relation zur Fläche eingetragen. 82 Koreana | Sommer 2009


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erge sind ein wichtiges Merkmal der koreanischen Halbinsel. Die Taebaek-Gebirgskette erstreckt sich gleich einem Rückgrat etwa 600 km an der Ostküste der Halbinsel entlang. Von dieser Gebirgskette zweigen mehrere kleine Bergketten ab, die nach Westen führen und wie Rippen aussehen. Die gebirgigen topographischen Gegebenheiten des Landes üben seit mehreren hundert Jahren einen wesentlichen Einfluss auf Klima, Kultur und sogar auf die Sprache aus. Früher waren die Gebirge ein Hindernis für Verkehr und Austausch zwischen den einzelnen Regionen, aber heutzutage bieten sie dem modernen Menschen, der aus der Hektik des Alltags ausbrechen möchte, eine Zuflucht in der Natur.

Seoul und seine Berge Die koreanische Hauptstadt Seoul ist eine der größten Städte der

Welt, in der rund 20% der Gesamtbevölkerung des Landes (2008: 48,3 Mio) leben. Wie in Großstädten allgemein der Fall, so ist auch das Leben in Seoul zwar hektisch und ermüdend, aber die Seouler brauchen nur einige Stationen mit U-Bahn oder Bus zu fahren, um Stille und die Schönheit der Natur genießen zu können. Und tatsächlich machen das auch viele. Der etwa 80 km² umfassende Nationalpark Bukhan-san, zu dem mehrere Bergspitzen wie die des Bukhan-san (auch „Samgak-san“ genannt) und des Dobongsan gehören, wurde mit einer Rekord-Besucherzahl von jährlich fünf Millionen als „Nationalpark mit höchster Besucherzahl in Relation zur Fläche“ ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen. Es ist kein Zufall, dass es in Seoul und Umgebung viele Berge gibt. Im Jahr 1392, als das Königreich Joseon gegründet wurde, brauchte die neue Dynastie eine neue Hauptstadt und entschied sich für die von Bergen umgebene Stadt Seoul. Nach der traditi-

Koreaner – ein Volk der passionierten Bergwanderer Bei einem Symposium im Jahr 2008 konnte man die große Popularität des Bergwanderns in Korea bestätigt finden. Auf die Frage, welcher Freizeitbeschäftigung man am liebsten nachgehen würde, nannten im Jahr 2000 4,5% der befragten Männer und 5,5% der Frauen „Bergwandern“; 2008 wiesen die entsprechenden Zahlen mit jeweils 43,5% bzw. 35,6% einen enormen Anstieg auf. Auf Grund der jüngsten Wirtschaftsflaute und der Schwäche der koreanischen Währung Won sind die Kosten für Auslandsreisen emporgeschnellt. In gleichem Maße ist die Zahl der Koreaner gestiegen, die statt Auslandsreisen die schöne Natur Koreas entdecken. Charles La Shure Professor für Übersetzen Koreanisch-Englisch, Hankuk University of Foreign Studies | Fotos: Ahn Hong-beom

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1 Am Fuße beliebter Berge finden sich unweigeronellen Geomantik, in Korea „Pungsu“ der höchste auf der Südhälfte der korealich Läden und Stände, die alles nur Denkbare genannt, ist ein Ort, der im Norden von nischen Halbinsel der Jiri-san (1.915 m). an Bergsteig- und Wanderausrüstung anbieten. Bergen und im Süden von einem Fluss Von der Höhe her sind die koreanischen Trotz der jüngsten Wirtschaftsflaute läuft das Geschäft mit Artikeln fürs Wandern und Bergumgeben ist, ideal für eine Stadt. Solche Berge im Vergleich zu den Gebirgen der steigen gut. topographischen Bedingungen haben Welt wie den Rocky Mountains (4.401 m) 2 Auch wenn der Bukhan-san leicht mit Bus oder in der Tat einen großen Vorteil, weil in Nordamerika, den Alpen (4.811 m) in U-Bahn zu erreichen ist, ist der Berg doch kein die Berge den von Sibirien nach Süden Europa oder dem Himalaya (8.848 m) in Kinderspiel, sondern bietet selbst erfahrenen wehenden kalten Wind aufhalten. Für Asien wesentlich kleiner. Aber so wie kleiKletterern ernsthafte Herausforderungen. Seoul fungieren der Bukhan-san und ne Peperoni die Menschen durch ihren Dobong-san, die zur Gwangju-Bergkette, scharfen Geschmack in Erstaunen verseteiner der „Rippen“ Koreas, die aus dem „Rückgrat“ Taebaek-san zen, so warten die Berge in Korea für abenteuerlustige Bergwanabzweigen, gehören, als Windschutz. derer mit einem unerwartet großen Genuss auf. Der Großteil der Außerdem spielen auch militärische Faktoren eine wichtige Rolle koreanischen Berge beginnt auf der Höhe des Meeresspiegels, bei der Entscheidung über die Lage einer Hauptstadt. Seoul, das so dass sich bis zur Bergspitze relativ lange Wanderwege winden, von einem äußeren und einem inneren Gebirgszug umgeben die selbst bei niedrigeren Gipfeln sehr steil sind und dem Verlauf ist, errichtete den Bergrücken entlang Festungsmauern, um die der Bergrücken entsprechend bergauf, bergab durch Höhen und Stadt gegen Feinde zu verteidigen. Die Innere Festungsmauer Tiefen führen. Außerdem bestehen viele koreanische Berge aus verlief entlang der Berge wie Bugak-san (342 m) und Nam-san hartem Granitgestein, so dass die auf steilen Bergpfaden hier und (265 m), die Äußere Festungsmauer erstreckte sich zum Beispiel da wie glitzernde weiße Knochen herausragenden Granitformaentlang des Bergrückens des Bukhan-san, der die höchste Erhetionen für den Bergwanderer eine abenteuerliche Herausfordebung (836,5 m) in der Hauptstadtregion aufweist. Zwar wurden die rung darstellen. Solche Granitfelsen, die senkrecht stehen oder alten Mauern im Rahmen der Stadtsanierung bis auf einige der eine fast senkrechte Neigung aufweisen, bieten Freunden des Haupttore abgerissen, aber an einigen Stellen sind sie noch als Felskletterns oder Rappelings (Abseilen) eine willkommene Gelekulturelle und historische Stätten erhalten geblieben. genheit, ihr Können zu demonstrieren. Die koreanischen Berge verfügen nicht nur über eine gute Derselbe Berg, verschiedene Erfahrungen Zugänglichkeit und historische und kulturelle Sehenswürdigkeiten wie die Überreste der Festungsmauern oder buddhistische Nach einer bekannten Anekdote antwortete der britische AbenTempel, sondern stellen auch das koreanische Sprichwort teurer George Mallory auf die Frage, warum er den Everest „Kleine Peperoni sind scharf!“ unter Beweis. Der höchste Berg besteigen wolle: „Weil es ihn gibt. (Because it´s there.)“ Das mag in1 Südkorea ist der Halla-san (1.950 m) auf der Insel Jeju-do und etwas leicht dahergesagt klingen, aber diese Antwort ist auch 84 Koreana | Sommer 2009


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ein gutes Beispiel für das Verlangen des Menschen, Hürden zu nehmen und sich der Herausforderung neuer Höhen zu stellen. Auch wenn wir nicht auf die Riesenberge wie den Everest steigen, so kennen die meisten doch die Freuden des Bergsteigens und verstehen das Hochgefühl, wenn man von der Bergspitze auf die Welt herabblickt, die sich unter einem entfaltet. Vielleicht ist es daher auch kein Wunder, dass bei einer Umfrage über beliebte Freizeitsportarten in Korea die Bergwanderung mit 13,2% den ersten Platz einnimmt. (Quelle: Tageszeitung Dong-A Ilbo, Ausgabe vom 30. 1. 2009) Wie jeder Mensch ein Individuum ist, so hat auch jeder einen anderen Grund und ein anderes Ziel beim Bergwandern. Herr und Frau Lee sind ein Rentnerehepaar, das seine Freizeit damit verbringt, durch Korea zu reisen und sich die verschiedenen Berge anzusehen. Für Herrn Lee sind Berge ein Ort der Erholung, wo er den Alltagsstress loswerden und die Natur genießen kann. „Wenn man in die Berge geht, wird das Herz weit. Weil Natur pur ist, weil wir aus der Natur stammen - deshalb fühlen wir uns dort auch wohl.“ Seine Frau betont, wie gesund das Bergwandern ist. Sie wurde vor einigen Jahren als krebskrank diagnostiziert und musste eine Operation und langwierige Therapien über sich ergehen lassen. Aber als alles nicht so richtig zu helfen schien, beschloss sie, es mit einem naturnahen Ansatz zu versuchen. Sie änderte ihre Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, wobei das Bergwandern das wichtigste Element ihres neuen Lebens wurde. „Wenn ich nicht mit dem Bergwandern angefangen hätte, wäre ich schon tot. Durch das Bergsteigen habe ich an Körperkraft gewonnen.“ Herr Kim ist ein leidenschaftlicher Bergwanderer. Um sich vor dem kalten Wind, der über den Bergrücken weht, zu schützen,

macht er eine kleine Pause in einer Höhle unterhalb einer der Bergspitzen des Gebirges Bukhan-san. Kim, der in der Vertriebsindustrie beschäftigt ist, nimmt sich regelmäßig einen Tag frei, um auf einen der Berge in der Nähe von Seoul zu steigen. Natürlich geht er auch am Wochenende in die Berge, aber er bevorzugt Wochentage, weil es dann weniger Menschen gibt, er seine Arbeit sein lassen und eine willkommene Erholungspause genießen kann. „Man geht doch in die Berge, um aus dem Alltag auszubrechen und die Zeit zu genießen, nicht wahr?“, beginnt Kim über die Berge zu erzählen. Bergsteigen ist natürlich eine gute Methode, seine Gesundheit zu pflegen, aber für Kim bedeutet „Gesundheit“ nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern auch das geistige. Er erzählt von Bergwanderern, die die gekennzeichneten Wanderwege verließen oder ihre Kondition überschätzten und dadurch in Schwierigkeiten gerieten. Dabei warnt er, dass man aus solchen Beispielen Lehren ziehen muss. „Wenn ich auf die Berge steige, empfinde ich so eine Art Ehrfurcht. Jedes Mal, wenn ich in die Berge gehe, nehme ich das als gute Gelegenheit wahr, um mein Ego etwas kleiner zu machen und über Dinge in meinem gesellschaftlichen Leben nachzudenken; dann lege ich alle Eitelkeit und Arroganz ab.“ Viele sehen im Bergwandern auch eine Aktivität zur Pflege gesellschaftlicher Beziehungen. Das wird schon in dem Moment klar, in dem man nur einen Fuß in die Berge in Korea setzt. Überall sieht man Menschen - Frauen und Männer, Jung und Alt – in der Gruppe den Berg hochkraxeln, zwischendurch bei der Brotzeit das Mitgebrachte teilen und gemeinsam eine schöne Zeit verbringen. Neben solchen Wandergruppen aus Familienmitgliedern oder Freunden gibt es auch Wandervereine, die regelmäßige Treffen Sommer 2009 | Koreana 85


Herr Kim ist ein leidenschaftlicher Bergwanderer. Um sich vor dem kalten Wind, der über den Bergrücken weht, zu schützen, macht er eine kleine Pause in einer Höhle unterhalb einer der Bergspitzen des Gebirges Bukhan-san. Kim, der in der Vertriebsindustrie beschäftigt ist, nimmt sich regelmäßig einen Tag frei, um auf einen der Berge in der Nähe von Seoul zu steigen

organisieren und gemeinsam wandern gehen. Es gibt Vereine, die sich einen Berg aussuchen und verschiedene Wanderrouten erforschen, oder welche, die sich zu verschiedenen Bergen aufmachen, darunter manchmal auch berühmte Berge, die weit entfernt sind. Egal, aus welchem Grund man auf die Berge steigt: es ist eine Art metaphorische Erfahrung, was in den Bergen um Seoul noch deutlicher wird. An vielen Tagen hängt über Seoul ein trüber, grauer Nebelschleier, aber wenn man auf die Berge steigt, steigt man im wahrsten Sinne des Wortes über die Stadt mit ihrer erstickenden Luft. Der frische Duft der klaren Luft erweckt Körper und Herz und schwemmt alle angesammelten Abfallstoffe hinweg. In diesem Moment sieht die Stadt unter einem auch unheimlich friedlich aus. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Koreaner auf die Berge klettern. Nirgendwo sonst kann man mit Familie oder Freunden so viel Spaß haben, während man gleichzeitig etwas für seine körperliche und geistige Gesundheit tut und die Welt mit ihren Sorgen unter seinen Füßen liegen lässt.

Volkssport Bedenkt man die Tatsache, dass es in der Nähe der Großstädte in Korea viele Berge gibt, dann ist es auch kein Wunder, dass Bergwandern in Korea zu einem beliebten Freizeitvergnügen fürs ganze Volk geworden ist. Wenn etwas sich der Beliebheit der ganzen Bevölkerung erfreut, entwickelt sich entsprechend eine diesbezügliche Industrie. Überall in Seoul, wo es Berge mit Wanderrouten gibt, findet man leicht Geschäfte und Stände, die Wanderanzüge und -ausrüstungen verkaufen. Es gibt die unterschiedlichsten Artikel, angefangen von Wanderanzügen aus speziellen Fasern, die den Schweiß über die Hautoberfläche schnell ausscheiden lassen, bis hin zu Steigeisen, mit denen man auch auf verschneiten oder vereisten Pfaden wandern kann. Solche Produkte sind nicht nur für professionelle Bergsteiger gedacht. Auf den Bergen in Korea sieht man überall Wanderer in Bergschuhen und Bergsteigerkluft. Tatsächlich würden sich ausländische Touristen in Korea darüber wundern, dass so viele Koreaner nicht einfach in Altagskleidung wie Jeans und Turnschuhen in die Berge ziehen, sondern von Kopf bis Fuß richtig ausgerüstet sind. Der Erfolg der Outdoor- bzw. der Wanderbezogenen Industrie bestätigt, wie viele Koreaner Wanderfreunde sind. Nach einem Bericht der Tageszeitung JoongAng Ilbo von Ende 2008 zufolge steigt die Verkaufszahl von Wanderanzügen und –ausrüstungen vor allem durch Online-Shops. Bei dem bekannten koreanischen Online-Shop Auction (www.auction. co.kr) stieg zum Beispiel im Oktober und November 2008 die 86 Koreana | Sommer 2009

durchschnittliche Verkaufszahl pro Tag von Wanderbedarf um etwa 20% im Vergleich zum Vorjahr. Zu den Artikeln, deren Absatz mit 88% am stärksten emporgeschnellt ist, gehört Campingzubehör wie Kocher, Brenner und Zelte. Auch bei Wanderschuhen stieg die Verkaufsrate um etwa 80% im Vergleich zum Jahr 2007. Der Artikel der JoongAng Ilbo vom 21. November 2008 erklärt diese Entwicklung wie folgt: „Wenn in der Konjunktur Flaute herrscht, ist Freizeitbeschäftigung Nr. 1 Bergsteigen. Es kostet nämlich nicht viel und kann betrieben werden, ohne dass man weit fährt. Immer dann, wenn der Absatz von Wanderbedarf auffällig zu steigen beginnt, ist das Konjunkturtief auf der Haut zu spüren.“ Es gibt einen weiteren Industriebereich, der von der Popularität des Wanderns profitiert. Da auch eine leichte Wanderung bereits den Appetit anregt, gibt es am Fuß der Berge mit viel Wanderbetrieb eine Unzahl von Restaurants, die die Scharen der hungrigen Bergwanderer, die nach einem Tagesmarsch auf dem Heimweg sind, willkommen heißen. Es gibt keinen besseren Abschluss für eine Bergtour als ein nahrhaftes koreanisches Essen wie Tofu oder gegrillten Schweinebauch, das zusammen mit dem koreanischen Reiswein Dongdongju die Müdigkeit vertreibt. Auch Wandertouren in bekannte Gebirge Koreas, für die Reisebüros in großem Maßstab Gruppen organisieren, sorgen dank der jüngsten Beliebtheit des Bergwanderns für ein gutes Geschäft. So wie man am Ausgabeverhalten eines Menschen auf seinen Charakter schließen kann, so bestätigt die prosperierende Wanderindustrie die universale Popularität des Bergwanderns in Korea. Und der Trend steigt von Jahr zu Jahr: Bei einem Symposium, das Ende 2008 unter der Federführung des Korea Mountaineering Support Center stattfand, konnte man die große Beliebtheit des Bergwanderns bestätigt finden. Auf die Frage, welcher Freizeitbeschäftigung man am liebsten nachgehen würden, nannten im Jahr 2000 4,5% der befragten Männer und 5,5% der Frauen „Bergwandern“; 2008 wiesen die entsprechenden Zahlen mit jeweils 43,5% bzw. 35,6% einen enormen Anstieg auf. Auf Grund der jüngsten Wirtschaftsflaute und der Schwäche der koreanischen Währung Won sind die Kosten für Auslandsreisen emporgeschnellt. In gleichem Maße ist die Zahl der Koreaner gestiegen, die statt Auslandsreisen die schöne Natur Koreas entdecken. Wenn der Abenteuergeist des Menschen und die Liebe zur Natur auf die einzigartigen topographischen Gegebenheiten Koreas trifft, dann muss man einfach Spaß am Bergwandern finden, dieser Freizeitaktivität, die weder Grenzen noch Alter kennt, und die jeder genießen kann, unabhängig davon, ob er in Korea lebt oder nur auf der Durchreise ist.


Reisen in die Koreanische Literatur

Cheon Woon Young

© Paik Da Huim

Cheon Woon Young (geb. 1971) ist eine der bekanntesten Nachwuchsschriftsteller, die mit Begina des neuen Millenniums die Aufmerksamkeit der koreanischen Literaturkreise auf sich zog. Bis jetzt veröffentlichte sie drei Erzählbände: Die Nadel; Heiterkeit ; Ihre Tränenan-

wendungsmethode und einen Roman: Auf Wiedersehen, Zirkus . Durch ihr Debütwerk Die Nadel wurde ihr „die hervorstechende Fähigkeit, die Leser bis zum Rande des Abgrundes der gefährlichen Aggression, der Begierde und des Ästhetizismus zu führen“ zugeschrieben.


reZenSIon

Die Nadel,

die das Universum aufsaugt Seo Young-chae Professor für Literarisches Schreiben, Hanshin University

88 Koreana | Sommer 2009

Dass das Erscheinen von Cheon Woon Young am literarischen Himmel erfrischend wirkte, lag an der bis dahin unbekannten Sensibilität und der ihr typischen schriftstellerischen Souveränität über die ganze Erzählung. Der Hang zum „Fleischfressen“, der durch den Schlachthof symbolisiert wird, und eine wilde Sensibilität durchfluten ihren ersten Erzählband. Diese Stimmung, vermischt mit ästhetizistischer Sinnlichkeit, perverser Begierde und Phantasie, schafft eine originelle epische Welt. Das Entscheidende bei der Gestaltung dieser Charakteristika ist die handwerklerische Präzision, mit der Cheon die Details behandelt. Einige Szenen in ihren ersten Werken, wie die Beschreibung des Vorgangs des Tätowierens oder des Zerlegens eines Rinderschädels sind Paradebeispiele dafür. Diese ihre Besonderheit kommt in dem Roman Auf Wiedersehen , Zirkus , in dem das Leben einer chinesischen Übersiedlerin koreanischer Abstammung geschildert wird, sehr stark zur Geltung. Die Erzählung Die Nadel , die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, ist das Debütwerk von Cheon Woon Young. Es ist die Geschichte einer Frau, die vom Tätowieren lebt. Die Handlung, auf Brust, Rücken, Oberschenkel, Schulter oder Geschlechtsorgan Motive zu stechen, und – wohl noch mehr – die Handlungssituierung in der Wohnung der Frau, wo das Tätowieren heimlich betrieben wird, verleihen dem Akt des Tätowierens einen sinnlichen Charakter. Die Männer sind während und nach dem Tätowieren sexuell erregt und auch die Frau fühlt sich müde und schlaff wie nach dem Geschlechtsverkehr. Heißt das, dass „Tätowieren“ für sie eine andere Bezeichnung für „Sex“ ist? Warum braucht Sex in Cheons Erzählung eine solche Maske? Sex oder Prostitution ist doch nichts Neues mehr. In der Erzählung sind die Figuren mit der Tätowiererin als Achse symmetrisch angeordnet. Auf der einen Seite steht die Mutter, die Schneiderin war, und auf der anderen Seite der junge, schöne Mann, der am anderen Ende auf derselben Etage wohnt. Aus ihrer Sicht gesehen, hat sie von ihrer Mutter Nadeln bekommen bzw. gestohlen und dem jungen Mann eine Nadel gegeben. Die Erzählung endet damit, dass sich diese symmetrische Struktur aufhebt. Für die Mutter, die Schneiderin war, waren die Nadeln von genauso großer Bedeutung wie für die Tochter. Die Nadeln, die die Mutter so sehr geschätzt und behütet hatte, sind auch für die Tochter ein Objekt des Begehrens. Die Mutter kehrte ohne jede Vorwarnung zum Tempel zurück und ließ die Tochter,


die von ihr Sticken und Schneidern lernen wollte, allein zurück. Es war der Tempel, in dem Mutter und Tochter zur Heilung der Krankheit der Tochter zusammen gewesen waren. Es wird angedeutet, dass zwischen der Mutter und dem Priester etwas war, aber Näheres ist nicht zu erfahren. Schließlich stirbt der alte Priester und die Mutter nimmt sich das Leben. Sie behauptete, dass sie den Priester umgebracht hätte, und daher wurde sie von der Polizei verhört, aber ob sie ihn wirklich tötete, bleibt offen. Im Schlussteil der Erzählung entdeckt die Tochter, dass die Spitzen der Nadeln, die sie aus dem Zimmer ihrer Mutter mitgenommen hatte, fein säuberlich abgeschnitten sind, was darauf hinweist, dass die Mutter den Priester getötet haben könnte. Auf jeden Fall war die Tochter von ihrer Mutter verlassen worden und hat von ihr quasi übernommen, mit und von Nadeln zu leben, auch wenn sie an Stelle von Sticken und Schneidern Tattoos sticht. Der gut aussehende junge Mann vom anderen Ende der Etage wird in der Erzählung als „schön“ bezeichnet. Das Wort „schön“ kann auf ihn angewendet werden, weil ihm eine hässliche Frau gegenüber steht. Er sucht sie auf, als er erfährt, was in ihrer Wohnung vor sich geht. Wie die anderen Männer, so wünscht auch er sich etwas Starkes, das in seine Haut eingeritzt wird. Er bittet sie, ihm eine starke Waffe zu tätowieren. Darauf hin sticht sie ihm auf seine Brust eine Nadel von der Länge eines kleinen Fingers. Wie können Nadeln Waffen sein? Natürlich können sie zu Mordwaffen werden, wenn man sie nach den Worten der Mutter in Grüngemüsesaft untermischt und so zum Töten verwendet. Aber auch wenn dem so ist, kann eine Nadel doch keine Waffe wie ein Langschwert, ein Bogen oder eine Rakete sein, die sich der Mann gewünscht hat. Die fiktive Erzählerin beschreibt die auf der Brust des Mannes tätowierte Nadel als „einen schmalen Schlitz wie die Genitalie eines kleinen Mädchens“. Ein Schlitz, in den das ganze Universum hineingesogen werden könnte. Wie wäre es, wenn die Nadel eine gigantische Macht wäre, die alles Existierende aufsaugen kann? Könnte sie nicht eine viel stärkere Waffe sein als bloß eine zum Stechen, Zerschneiden oder Zerstören? Die Erzählung endet damit, dass der Mann, der nunmehr die ultimative Waffe auf seiner Brust trägt, nach Feierabend nicht in seine eigene Wohnung geht, sondern in die der

Frau. Damit sind die beiden Pole, die mit ihr in der Mitte existiert hatten, aufgehoben. Da ihre Mutter durch den Tod verschwunden und der Mann mit der Frau „deckungsgleich“ geworden ist, bleibt nur noch der furchteinflößende Schlitz, der durch die Nadel repräsentiert wird. Ein Spalt der puren Fleischlichkeit. Die Gegebenheiten der koreanischen Kulturkreise zur Zeit von Cheons Debüt im Alter von 29 Jahren verleihen diesem Bild der Nadel zusätzlichen symbolischen Charakter. Wenn Tattoos nicht als Schutzzauber für die Krieger des Altertums gedacht sind, so können sie als Wahrzeichen der Zeit angesehen werden, in der der menschliche Körper an sich zum Modeobjekt geworden ist. Um die Zeit, als Cheon Woon Young Die Nadel veröffentlichte, hatte sich der Rigorismus, der in Korea in Bereichen wie Politik oder Kultur geherrscht hatte, auf den Markt verlagert, und die durch Idealismus und Geistesorientiertheit unterdrückten Gefühle und Phantasien begannen an die Oberfläche zu steigen. Die Welt nahm deutlich und unverhohlen Schamlosigkeit an. Es geschah auch im Rahmen dieses Phänomens, dass der menschliche Körper keine Metapher mehr für etwas anderes war, sondern selbst zum Gegenstand des Interesses zu werden begann. Wenn im epischen Kontext der politischen Revolution in den 1980er Jahren die Begegnungen der Menschen in Form von Liebe als gegenseitige Anerkennung stattfanden, so wurden die Begegungen in den 1990er Jahren, einer Zeit der kulturellen Revolution, in Sex als Form der Fleischlichkeit bzw. als genderpolitisch definiert transferiert. Das mag epische Spannung erzeugt haben. Aber als Cheon ihren ersten schriftstellerischen Schritt machte, war diese Zeit vorüber und es war bereits die Phase der Enttäuschung und des Überdrusses eingetreten. In ihrer Erzählung geht es nicht um Sex als etwas Fleischliches, sondern um die darin enthaltene Komponente des Todes. Cheons Nadel, der Schlitz als absoluter Tod, der alles in sich aufsaugt, verkörpert das Wesen der Zeit. Durch das Symbol der Nadel und durch verschiedene Stoffe aus den Bereichen Körper und Tod zeigt Cheon Woon Youngs Erzählung, dass es nicht nur um Fleischlichkeit im Gegensatz zur Geistigkeit geht, sondern eher um den der Fleischlichkeit innewohnenden Todestrieb, und dass die Konzentration auf die Fleischlichkeit gleich der Konzentration auf den Tod ist.

Sommer 2009 | Koreana 8


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