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The Gap 219

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N° 219

€ 0,—

AUSGABE OKTOBER / NOVEMBER 2026 — THE GAP IST KOSTENLOS UND ERSCHEINT ZWEIMONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 8000 GRAZ, P.B.B. | MZ 18Z041505 M

Songs mit dem Körper schreiben

Uche Yara zwischen Bilderbuch- und Solokarriere The_Gap_219_001-060_Umschlag_v2_mf_BF_BBA_FINAL.indd 1

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„In einer Zeit, in der Trennendes in den Vordergrund gerückt ist, wollte ich einen Film machen, der betont, was wir gemeinsam haben.“

london-film.at ab 6. November im Kino

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Editorial Hot Topic

Alexander Galler

Wollen wir nicht alle eine gerechtere Welt? Doch was jede*r Einzelne unter dem Begriff Gerechtigkeit verstehen, kann in der Realität sehr viel weiter auseinanderklaffen, als es die Selbstverständlichkeit dieses Wortes vermuten lässt. Das gilt einerseits für die umfassende Form von Gerechtigkeit: Haben wir eine gerechtere Welt, wenn für alle dieselben Regeln gelten? Oder wenn wir dieselben Möglichkeiten haben? Oder nur wenn unsere Lebensumstände am Ende alle dieselben sind? Andererseits gilt es aber auch für die engere, juristische Form: Ob nach einem Verbrechen, nach den Ermittlungen, nach der Anklage, nach der Verhandlung, nach dem Urteil, nach der Strafe tatsächlich Gerechtigkeit hergestellt wurde, ist stets ein heiß diskutierter Punkt speziell in Fällen mit großer Medienöffentlichkeit. Unlängst wurde die österreichische Kulturszene wieder von so einem Fall erschüttert. Ein bekannter Kleinkünstler wurde nach einer Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs einer Unmündigen angeklagt. Wir alle dürften wissen, um wen es sich handelt, ich nenne aber bewusst keinen Namen – hierzu gleich mehr. Von den Umständen erfuhr ich als Erstes über einen Instagram-Post einer österreichischen Tageszeitung. Dort war noch von einem »bekannten heimischen Künstler« die Rede, ebenfalls ohne Namensnennung. Die Kommentare darunter überschlugen sich: »Ihr müsst den Täter nennen!«, »Kein Täterschutz!«, »Gerechtigkeit für Opfer!«. Der Post ist noch online, die Kommentare wurden mittlerweile allerdings gesperrt. Den Impuls, Täter*innen zu namen und zu shamen, verstehe ich nur allzu gut. Der Mantel des Schweigens, der gerne über etliche Verbrechen ausgebreitet wird, hilft höchstens, diese weiter zu ermöglichen. Und gerade bei berühmten Menschen, die diesen Ruhm beziehungsweise das damit verbundene Geld für ihre Taten nutzen können, gibt es gute Gründe, sie öffentlich zu benennen. Doch die Forderung danach darf kein automatischer Reflex sein, sondern sollte immer primär den Opferschutz im Auge haben. Denn mit der Nennung des Täters ist in diesem Fall auch das Opfer leicht zu benennen, ein Kind, das sicherlich nicht bewusst entscheiden kann, ob es sich gewappnet fühlt, potenziell ein Leben lang mit dieser Tat in Verbindung gebracht zu werden. Ich kann auch nicht sagen, was in diesem Fall gerecht wäre, wie Gerechtigkeit für das betroffene Kind wiederhergestellt werden kann oder ob das überhaupt möglich ist. Doch ich bin mir sicher, dass dies nicht infolge einer Kurzschlussreaktion passieren wird, die aus einem Bauchgefühl der (berechtigten) Entrüstung entsteht. Diese befriedigt nämlich höchstens den inneren Gerechtigkeitssinn und schert sich wenig darum, was eine gerechtere Welt wirklich erfordern würde.

Bernhard Frena

Chefredakteur • frena@thegap.at

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www.thegap.at www.facebook.com / thegapmagazin @the_gap thegapmag the_gap

Herausgeber*innen Manuel Fronhofer, Sarah Thomas Heher Chefredaktion Bernhard Frena Leitender Redakteur Manfred Gram Gestaltung Markus Raffetseder Autor*innen dieser Ausgabe Sarah Aberer, Barbara Fohringer, Ania Gleich, Simon Graser, Johanna T. Hellmich, Jannik Hiddeßen, Selma Hörmann, Conor Körber, Anja Linhart, Veronika Metzger, Martin Mühl, Dominik Oswald, Simon Pfeifer, Nico Rottenbücher, Helene Slancar, Stefan Weinöhrl, Sarah Wetzlmayr Kolumnist*innen Josef Jöchl, Toni Patzak, Christoph Prenner Fotograf*innen der Ausgabe Brisilda Bufi, Polina Gavrilova Coverfoto Marko Mestrovic Lektorat Jana Wachtmann Anzeigenverkauf Herwig Bauer, Manuel Fronhofer (Leitung), Sarah Thomas Heher, Martin Mühl Distribution Stefan Weinöhrl Druck Grafički Zavod Hrvatske d. o. o. Mičevečka ulica 7, 10000 Zagreb, Kroatien Geschäftsführung Sarah Thomas Heher Produktion & Medieninhaberin Comrades GmbH, Hermanngasse 18/3, 1070 Wien Kontakt The Gap c/o Comrades GmbH Hermanngasse 18/3, 1070 Wien office@thegap.at — www.thegap.at Bankverbindung Comrades GmbH, Erste Bank, IBAN: AT39 2011 1841 4485 6600, BIC: GIBAATWWXXX Abonnement 6 Ausgaben; € 19,97 abo.thegap.at Heftpreis € 0,— Erscheinungsweise 6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 8000 Graz Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz www.thegap.at/impressum Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber*innen wieder. Für den Inhalt von Inseraten haften ausschließlich die Inserierenden. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung. Die Redaktion von The Gap ist dem Ehrenkodex des Österreichischen Presserates verpflichtet.

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Magazin 010

»Wenn ich performe, spüre ich das bis in die letzte Haarspitze« Uche Yara zwischen Bilderbuch- und Solokarriere

018 Im Hintergrund die Fäden ziehen Hip-Hop made in Vienna: Zau$$i 020 Im Falle des Fallens Endless Wellness üben sich im Kontrollverlust

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022 Unsterbliche Macht Queere Vampir*innen und Wiener Schmäh in »Die Blutgräfin«

026 »Es braucht die Selbstironie« Leni Gruber und Alex Reinberg über Hollywood, Schafe und Paralleluniversen 028 Die Bretter, die das Geld bedeuten Wie der Berufseinstieg für Schauspieler*innen aussieht 032 Die Kunst der Verführung Burlesque in Wien

Brisilda Bufi, Mark Völker, Luca Celine, Luca Niederdorfer, Ines Frieda Försterling

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Brisilda Bufi, Mark Völker, Luca Celine, Luca Niederdorfer, Ines Frieda Försterling

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Sarah Aberer Dass manche Phasen länger andauern, als erwartet, weiß Sarah allzu gut. Vor mittlerweile zehn Jahren ist sie von Vorarlberg nach Wien gezogen – aber eigentlich eh, um zu bleiben. Ähnlich hartnäckig hält sich ihre Liebe für Drum ’n’ Bass, die sie wider Erwarten nie abgelegt hat. Zu The Gap kam sie über ein Ethnocineca-Schreibstipendium. Seither setzt sie sich hier vor allem mit Feminismus und Film auseinander. Eine unpopuläre Meinung hat sie uns auch verraten: Nichts mit Pistaziengeschmack schmeckt je nach Pistazie.

Helene Slancar

Special Bühne Von glamourösen Performances und steinigen Wegen

Rubriken 003 Editorial / Impressum 006 Comics aus Österreich: Thomas Kriebaum 016 Golden Frame 036 Lyrik: Hannah K Bründl 038 Gewinnen 039 Rezensionen 044 Termine

Kolumnen

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Was andere vorschnell als »Guilty Pleasure« abtun, ist für Helene vor allem eines: pleasure. Egal ob Reality-TV oder Songs von Taylor Swift, unsere Autorin nimmt Popkultur ernst und beschäftigt sich mit ihrer oft unterschätzten Tragkraft. Für The Gap porträtiert sie aktuell junge Filmemacher*innen im Rahmen unserer Kooperation mit Cinema Next. Und wenn sie nicht gerade über Kino, Popmusik, Literatur oder feministische Themen schreibt, schreibt sie trotzdem: Vor Kurzem hat sie ihren Debütroman fertiggestellt.

The-Gap-Popquiz Ihr wisst über die ganz großen Pop-Phänomene ebenso Bescheid wie über musikalische Nischen? Über damals ebenso wie über heute? Dann seid ihr beim The Gap Popquiz genau richtig. Es warten wieder attraktive Preise: Konzerttickets, Bücher, Gutscheine und vieles mehr. Wann? Mi., 7. Oktober Mi., 4. November Mi., 2. Dezember jeweils ab 19 Uhr Wo? Café Wirr / Club Dual Burggasse 70, 1070 Wien Die Teilnahme ist in Teams von bis zu fünf Personen möglich. Anmeldung unter office@thegap.at empfohlen.

008 Gender Gap: Toni Patzak 052 Screen Lights: Christoph Prenner 058 Sex and the Lugner City: Josef Jöchl

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Foto: Zofia Analog

COMICS AUS ÖSTERREICH THOMAS KRIEBAUM

Zwerchfelltraining Auf unserer Seite 6 zeigen Comickünstler*innen aus Österreich, was sie können. Dieses Mal bringt uns Thomas Kriebaum zum Schmunzeln. ———— Über das Lachen wurden schon so einige Abhandlungen geschrieben. Manche erörtern, was für Dinge uns zum Lachen bringen. Andere führen aus, worüber wir lachen sollten – und worüber lieber nicht. Wieder andere fragen sich, warum wir eigentlich überhaupt lachen. Comiczeichner*innen wie Thomas Kriebaum gehen diesen ganzen Fragenkomplex wohl eher praktisch an: Zum Lachen bringt, was lustig ist. Und umgekehrt. Das dann erfolgreich umzusetzen, ist kein leichtes Unterfangen, aber sicherlich unterhalt- INSERAT_TheGap_105x140_3mm_v2_coated.indd 6 samer, als den Witz analytisch zu sezieren. Im Ergebnis kann sich die Komik im Comic (Achtung: nicht dasselbe!) dann auf der Text- oder der Bildebene abspielen sowie in deren Zusammenspiel. Während der dreiradelnde Kriebaum in der ersten Vignette nebenan etwa schon für sich genommen sehr humorig gezeichnet ist, kommt die Pointe des letzten Panels erst bei Lektüre des Textes voll zum Tragen.

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Überraschung!

Stefan Nützel

Ein Witz ist eine Erzählung mit überraschendem Ende, hat irgendwer einmal gesagt. Das scheint mir auf den ersten Blick auch zu stimmen und auf den zweiten dann doch zu kurz gegriffen. Denn immerhin erzählen wir uns Witze nur allzu gerne mehrmals und viele lachen über nichts so sehr wie den selbst vorgetragenen Kalauer. Auch der Humor bei Kriebaum scheint mir nicht bloß in der Überraschung zu liegen. Vielmehr findet er sich in den vielen versteckten Details, den unerwarteten Gesichtsausdrücken, den sparsamen Mininarrativen, die mit ein paar Andeutungen eine ganze Geschichte von der Wette bis ins Krankenhausbett zu formulieren scheinen. Ich selbst bin übrigens ein Fan von Kettenwitzen. Zum Beispiel: Wie bekommt man einen Elefanten in den Kühlschrank? Wer die überraschende Antwort hören will, darf mich bei Bernhard Frena nächster Gelegenheit gerne danach fragen. Thomas Kriebaum lebt und arbeitet als Comiczeichner sowie Illustrator in Wien. Seit mehr als dreißig Jahren zeichnet er für die Straßenzeitung Augustin den Comicstrip »Gustl«. Zusammen mit anderen betreibt er zudem das Micromuseum und den Kleinstverlag Kabinett Comicpassage, beides im Museumsquartier Wien. Die Rubrik »Comics aus Österreich« entsteht in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Comics. www.oegec.com

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Toni Patzak

hakt dort nach, wo es wehtut

Meine Zwanziger habe ich bislang damit verbracht, gescheite Texte zu lesen. Ein paar von ihnen habe ich sogar wirklich verstanden. In einem sozialwissenschaftlichen Studium liest und liest man Texte über Probleme, die uns erklären, dass die Probleme eigentlich keine Probleme sind, sondern neue Perspektiven, die aber von anderen Menschen als Probleme wahrgenommen werden und daher doch irgendwie Probleme sind. Papers mit Titeln so lang, dass man müde wird, bevor überhaupt das erste Satzzeichen erreicht ist. Aber was soll man tun? Es sind nun mal gescheite Texte von gescheiten Leuten. Woher weiß ich eigentlich, dass sie gescheit sind? Das fragte ich mich letztens, als ich wieder einmal einen Text vor mir liegen hatte, der mich effektiver als jedes Schlafmittel in die REM-Phase zu befördern drohte. Naja, gescheite Menschen schreiben gescheite Texte, und wir wissen, dass sie gescheit sind, weil andere gescheite Menschen entschieden haben, sie zu publizieren. Wer aber kommt überhaupt dazu, Texte zu schreiben und sie zu publizieren? Wer ist gescheit und wissenschaftlich und erschafft durch diese Position Wissen? Und wer bleibt amateurhaft und unakademisch?

Allwissend, allmächtig, allgütig Einer der Vorteile, gescheite Texte gelesen zu haben, ist, dass man komplizierte Wörter zwar noch immer falsch schreibt, sie aber trotzdem erklären kann: Epistemologie klingt zwar wie eine esoterische Form der Bewegungstherapie, fängt aber eigentlich die Frage ein, wo und wie Wissen geschaffen beziehungsweise was überhaupt als Wissen angesehen wird. Die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und dann aus unseren Beobachtungen Wissen ziehen, ist somit neben der Ontologie – die nebenbei noch komplizierter zu erklären ist – eine Grundlage des wissensgenerierenden Sektors.

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Wenn ich so auf mein Studium zurückblicke, dann denke ich mir: Etwas scheint dann Wissen zu sein, wenn es eine ISBN-Nummer hat und mir als Pflichtlektüre auferlegt wurde. Die Universität und die akademische Welt sind somit eine Wissensfabrik, die Ressourcen (Arbeitskraft sowie Umweltstoffe) verbrät, um Wissen auf A4-Papier auszuspucken. Aber wer oder was als Ressource angesehen wird und welche Methoden als etabliert gelten, unterliegt einer Fachgeschichte, die, oh Wunder, manche Menschen historisch aus diesem Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen hat. Der Fisch stinkt vom Kopf. Die Institutionen, Regeln und Vorstellungen davon, was als wissenschaftliches Wissen gilt, wurden lange Zeit nur von einer ziemlich exklusiven Gruppe geprägt. Und, jetzt nicht erschrecken: Das waren vor allem weiße Männer.

Weiters sieht sie Emotion nicht als Feind des rationalen Wissens, wie es oftmals dargestellt wird, sondern als unvermeidbaren Bestandteil von dessen Produktion. Empathie und Emotion würden oft überhaupt erst ermöglichen, eine Sachlage vollständig zu verstehen. Und zu guter Letzt argumentiert Collins in »Black Feminist Thought«, dass alle Menschen, die das Privileg haben, Wissen zu generieren, auch Verantwortung dafür tragen. Wissenschaftler*innen sollten nicht aus ihren Werken herausgerechnet werden, um den Anschein des Objektiven zu verstärken. Das Ich sei Teil der wissenschaftlichen Argumentation, setze Aussagen und persönliche Werte in einen Kontext.

Black Feminist Thought

Skepsis oder Kritik an Collins’ Überlegungen sind verständlich und meiner Meinung nach auch wichtig. Man sollte sich immer kritisch mit so weitreichenden Theorien auseinandersetzen. Mir ist an dieser Stelle nur ein Anliegen, darauf hinzuweisen, nichts für bare Münze zu nehmen, egal welcher epistemologische Philosophie man selbst am meisten Glauben schenkt; zu verstehen, dass selbst die Grundlagen unseres Denkens keine Naturgesetze sind. Sie sind entstanden, wurden geprägt und können genauso hinterfragt werden. Nur weil bis jetzt eine Gruppe am lautesten geschrien hat, heißt das noch lange nicht, dass sie recht hat. Und als Lektüreempfehlung ohne ISBNNummer: Gil Scott-Herons Gedicht »His Story« beschreibt die Sachlage besser, als ich es je könnte. Wem es allerdings schwerfällt, Kunst als Wissensträger zu verstehen, kann sich den Lyriktext auf A4 ausdrucken, dreizehn zufällige Ziffern draufschreiben und das Ganze dann so lange lesen, bis es ins Hirn gesickert ist. patzak@thegap.at @tonilolasmile

Das Buch, das ich allen ans Herz legen würde, die diese epistemologischen Grundfragen ans eigene Welt- und Wissensbild ebenfalls schon einmal gestellt haben, ist »Black Feminist Thought« von Patricia Hill Collins (ISBN: 978-1032157832). Auch wenn es sehr afroamerikanisch fokussiert ist, kann man gute Argumente und mutige Statements daraus mitnehmen. Mutig sage ich deswegen, weil Collins oft gegen tiefsitzende Definitionen von Wissen anschreibt. So basiert Wissen für sie nicht nur auf Informationen, die in Texten lesbar sind, sondern ebenso auf konkreten Alltagserfahrungen betroffener Personen. Diesen sollte man im Streben nach Wissen dementsprechend genauso Gehör schenken wie den heiligen abgedruckten Theorien. Das erlangte Wissen sollte laut Collins dann auch stets im lebendigen Dialog mit der jeweiligen Community bleiben. Dieser Austausch sei wichtig, um eine Prüfung und Aushandlung des Erforschten zu gewährleisten.

Was weiß ma scho?

Michael Schulte

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Gender Gap Epistemologie: Wer darf wissen?

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2027


Michael Schulte

Franzi Kreis, Kuba Celej / Adam Mickiewicz Institute

Charts Anna Horn

Charts Tomasz Kireńczuk

TOP 10

TOP 10

Situationen, in denen man plötzlich wieder zwölf ist 01 Wenn man von Erwachsenen gelobt wird. 02 Wenn jemand sagt: »Wir müssen kurz reden.« 03 Wenn man etwas kaputt gemacht hat und niemand weiß, wer es war. 04 Wenn man bei einem Spiel unbedingt gewinnen will. 05 Wenn man heimlich noch etwas Süßes isst. 06 Wenn man irgendwo zum ersten Mal allein hingeht. 07 Wenn man von jemandem ignoriert wird, den man mag. 08 Wenn man auf einer Feier niemanden kennt. 09 Wenn man etwas vorführen soll. 10 Wenn jemand sagt: »Das ist aber eine interessante Frisur.«

Orte, an die ich gerne zurückkehre, wenn ich Performing-Arts-Festivals besuche 01 Museo Chileno de Arte Precolombino, Santiago (Santiago a Mil Festival / Avanzada Sur, Chile) 02 Ristorante Albergo Zaghini, Santarcangelo (Santarcangelo Festival, Italien) 03 Museu de Arte de São Paulo, São Paulo (Mostra Internacional de Teatro de São Paulo / Farofa, Brasilien) 04 Museu Mafalala, Maputo (Kinani Festival, Mosambik) 05 Badeanstalt Bains des Pâquis, Genf (Go Go Go Festival / Emergentia Festival, Schweiz) 06 Restaurant Tablia Balady, Kairo (Downtown Contemporary Arts Festival, Ägypten) 07 Schwimmbad Sundhöll Reykjavíkur, Reykjavík (Reykjavík Dance Festival, Island) 08 Bar San Calisto, Rom (Short Theatre Festival, Italien) 09 Die Straßen der Medina, Tunis (Dream City Festival, Tunesien) 10 Café Nowa Prowincja, Krakau (Boska Komedia Festival, Polen)

TOP 03

Schlafpositionen 01 Seite, Beine angewinkelt 02 Seite, Beine ausgestreckt 03 Andere Seite, Beine angewinkelt

TOP 03

Gerichte, die ich in Italien gelernt habe und ziemlich gut zubereiten kann 01 Hausgemachte Tagliatelle al pomodoro 02 Tiramisu 03 Gnocchi alla sorrentina

Auch nicht schlecht: Walnussbrot von Joseph, Nichtstun, Pop-up-Chor Nest Anna Horn ist künstlerische Leiterin des Dschungel Wien. Das Programm des Theaterhauses für junges Publikum umfasst darstellende Kunst und Workshops für Kinder, Jugendliche sowie junge Erwachsene.

Auch nicht schlecht: Ganz geheime Sommerauszeit auf der Insel Žirje in Kroatien Tomasz Kireńczuk ist seit der Spielzeit 2026/27 künstlerischer Geschäftsführer des Brut Wien.

4 STÜCKE ZUR RECHTEN ZEIT! DIE

ANKUNFT

(WOLKEN.HEIM. / RECHNITZ – DER WÜRGEENGEL / DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN / DAS LEBEWOHL – NEIN: DIE ANKUNFT) Von Un b

VON ELFRIEDE JELINEK REGIE: JAN PHILIPP GLOGER ekannt

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VOLKSTHEATER.AT 21.09.26 04:39 03.09.26 15:30


Stand sie vor wenigen Jahren noch als »UltraFangirl« bei Bilderbuch in der ersten Reihe, so begeistert sie mittlerweile selbst die Fans der Band als Gitarristin bei deren Liveauftritten. Mit »Bodyscanner« präsentiert Uche Yara nun als Solokünstlerin ihr langersehntes Debütalbum inklusive Europatour. Eine Musikerin zwischen warmer Kollektivität und kantiger Körperlichkeit. ———— Inmitten von Probeterminen im Wiener Flex für ihren zweiten offiziellen Auftritt als Bilderbuch-Livegitarristin, findet Uche Yara irgendwie ein bisschen Zeit für ein Treffen im glühend heißen Wien. Ein Glück, dass der Schanigarten schattig und die Getränke eisgekühlt sind. »Heaven!«, meint auch unsere Interviewpartnerin. »Wie geil, dass die hier Crushed Ice haben!« Und ein umso größeres Glück wohl, dass die gebürtige Oberösterreicherin für unser Gespräch in Wien persönlich anzutreffen ist, wohnt sie doch seit mittlerweile fünf Jahren in Berlin. Es sei dann aber doch immer wieder etwas Besonderes, gerade im beruflichen Kontext zurückzukommen – auch wenn sich Wien im Vergleich zu Oberösterreich für sie wie ein schwacher Trost anfühle: »Ein bisschen wie Heimat, aber eben nicht ganz.«

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Den Entschluss, nach Berlin zu ziehen, fasste Uche Yara, die mit vollem Namen Uchenna Yara Katzmayr heißt, parallel zu ihrer Matura. Einen Großteil ihres jetzigen Teams lernte sie bereits ein Jahr zuvor durch ihren Lehrer am BORG Linz kennen. Dass so ein Umzug vom Land in die Großstadt durchaus auch seine Herausforderungen zu bieten hat, kann die heute 21-Jährige retrospektiv nur unterstreichen: »Am Anfang wusste ich mit dem ganzen Angebot dort nichts anzufangen. Es war alles so viel, so weitläufig. Ich lebte voll in meiner Welt.«

Musik low key Erst mit der Zeit fand sie Nischen, in denen sie sich so richtig wohlfühlen konnte, wodurch auch der Wunsch nach Musik als Hauptberuf zunehmend greifbarer wurde. Das sei nämlich nicht immer ihr erklärtes Ziel gewesen: »Früher wollte ich Medizin studieren. Ich interessierte mich sehr für naturwissenschaftliche Fächer, wollte unbedingt Ärztin werden und vielleicht nebenbei einen kleinen Proberaum haben. Musik verfolgte ich lange nur low key.« Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, welch hohen Stellenwert

musikalische Ausdrucksformen in ihrem Leben eigentlich schon immer hatten. Mit gerade einmal sieben Jahren begann Uche Yara bereits klassisches Schlagwerk zu lernen: »Man kann sich das wie ein großes Spektrum an Instrumenten vorstellen. Das beinhaltet Hand Percussion und Stabspiele wie Marimba, Xylophon oder Vibraphon, aber auch Schlagzeug.« In dieser insgesamt zehnjährigen Ausbildung ging sie vollständig auf und legte damit den Grundstein für ihr musikalisches Schaffen: »Darauf baut einfach alles auf.« Von zehn bis vierzehn besuchte sie zusätzlich eine Chorschule und setzte sich etwa im Rahmen eines Schulmusicals – in der Hauptrolle der Baghira im »Dschungelbuch« – erstmals so richtig mit ihrer Stimme auseinander. »Das war alles noch so unschuldig und ganz nach dem Motto: ›Na gut, dann singe ich halt, wenn das verlangt wird.‹« Als sie dreizehn wurde, begann sie schließlich E-Gitarre zu spielen. Mit sechzehn folgten erste eigene Lieder: »Damals war ich total auf einer jazzigen, klassischen Welle und sang gar nicht. Die Songs waren instrumental verworren und rhythmisch sehr anspruchsvoll. Ich habe

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»Wenn ich performe, spüre ich das bis in die letzte Haarspitze« Uche Yara zwischen Bilderbuch- und Solokarriere

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Polina Gavrilova

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»Kunst mache ich aus zwei Gründen: zum einen wegen der Selbstverwirklichung; und zum anderen, um in Menschen einen spark auszulösen.« — Uche Yara

mich einfach total ins Blaue hinein selbst ausgedrückt.« Das musikalische Repertoire, das Uche Yara sich damals aneignete, könnte also vielschichtiger kaum sein. Sie versuchte, ständig Neues zu lernen oder zu entdecken. Insgesamt ein Zugang, der Uche Yaras Arbeit bis heute prägt: »In meiner Musik will ich etwas finden, das mich catcht und das neu ist für meine Ohren. Ich will mich nicht wiederholen oder im Technischen verlieren. Kunst mache ich aus zwei Gründen: zum einen wegen der Selbstverwirklichung, weil mir das einfach alles gibt; und zum anderen, weil es so wunderschön ist, in Menschen irgendeine Form von spark auszulösen.«

Inspirieren und inspirieren lassen Bei ihr selbst war es die Band Bilderbuch, die in der künstlerischen Anfangsphase für einen solchen »spark« sorgte. Mit deren kompromisslosen Zugang zu Musik »und diesem Sound, der so fremd war«, wusste sich Uche

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Yara unmittelbar zu identifizieren. Die außergewöhnliche Bühnenpräsenz der Bandmitglieder, »die Art und Weise, wie sie in Rollen schlüpften und damit ein Lebensgefühl vermittelten«, habe die damals Fünfzehnjährige völlig geflasht zurückgelassen und sei auch heute noch eine ihrer größten Inspirationsquellen. Die Oberösterreich-Connection war obendrein noch das geografische Sahnehäubchen: »Ich fand es echt absurd, dass sie aus demselben Bundesland kommen und teilweise an meiner Schule waren. Da war die Identifikation natürlich noch mal viel stärker.« So war Uche Yara also früh ein »UltraFangirl« und wäre für Bilderbuch »wahrscheinlich überall hingefahren, um dort dann in der ersten Reihe zu stehen«. Hätte man ihr damals gesagt, dass gerade das geteilte Umfeld rund um das BORG Linz sie einmal von der ersten Reihe auf die große Bühne und damit direkt an die Seite von Bilderbuch katapultieren würde, hätte sie bestimmt große Augen gemacht, dem aber vermutlich wenig

Glauben geschenkt. Auch heute, im gemeinsamen Rückblick auf die rasante Entwicklung ihrer Karriere, kann sie diese Dimensionen nur schwer in Worte fassen: »Das war, glaube ich, alles zu krass und schwer zu checken. Ehrlich gesagt, checke ich es immer noch nicht ganz.«

Geschichte wie im Bilderbuch Es war ein Karriereeinstieg auf höchster Stufe, könnte man sagen. Ohne noch einen einzigen Song veröffentlicht zu haben, stand die gerade einmal Neunzehnjährige plötzlich in der Hamburger Elbphilharmonie und im Wiener Ernst-Happel-Stadion, um als Support-Act für Bilderbuch beziehungsweise als Aushilfsgitarristin bei diesen vor den Rolling Stones unglaubliche Performances abzuliefern. Dass diese zwei Momente natürlich das Ergebnis eines langen und intensiven Arbeitsprozesses waren, der bereits deutlich früher seine Anfänge genommen hatte und nicht einfach »plötzlich« passierte, nahm man in der breiten

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Seit Juli diesen Jahres begleitet Uche Yara die Band Bilderbuch als deren Leadgitarristin bei Liveauftritten.

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Lukas Gansterer

(Schick-)Schock Erst jüngst erlebte sie einen ähnlichen Schockmoment – erneut im Zusammenhang mit Bilderbuch. Im Frühjahr 2026 gab die Band offiziell den Rückzug ihres langjährigen Gitarristen Michael »Mike« Krammer bekannt und verkündete gleichzeitig eine »neue Ära, ein neues Wachsen«. Wenig später ließ man die Öffentlichkeit wissen, dass fortan Uche Yara als Live-Leadgitarristin zur Band stoßen werde: »Als sie mich fragten, war meine erste Reaktion: ›Kann ich das überhaupt?‹

Das war so ein Gefühlschaos. Auf der einen Seite spürte ich die Wertschätzung und das große Vertrauen. Auf der anderen Seite hatte ich echt auch ein weinendes Auge, weil ich eigentlich selbst bei den Konzerten in der ersten Reihe stehen wollte.« Gerade Mike Krammer, ihren »Gitarrengott«, habe sie immer als wahnsinnige Inspiration gesehen und seinen Sound bewundert, »den niemand so verkörpern kann wie er selbst«. So sei es nun ihre große Aufgabe, einerseits das weiterzutragen, was er über viele Jahre erschaffen hat, dabei gleichzeitig aber auch ihre eigene Sprache an der Gitarre zu finden: »Es ist ein riesengroßer Lernprozess und ich bin so dankbar, dass ich die Freiheiten bekomme, mich da heranzutasten. Gerade weil die Essenz bei Bilderbuch ja schon lange da ist und ich mit meiner eigenen Musik wiederum etwas ganz anderes verkörpere.« Es sind also zwei musikalische Zugänge, die es für Uche Yara parallel zu pflegen gilt. Doch gerade mit dem Austesten von unterschiedlichen Rollen scheint sie sich ja bereits bestens auszukennen. So zeugen sowohl ihr Debütalbum »Bodyscanner« als auch ihre künstlerische Entwicklung insgesamt von beeindruckendem Facettenreichtum. 2023 veröffentlichte Uche Yara mit »WWW She Hot« ihre erste eigene Single. In den Monaten darauf folgten mit »Sophie«, »Panama«, »Yesterday I Was in London« und »Homesick« weitere Tracks, die den innovativen Charakter ihrer Arbeit mehr als deutlich werden ließen. Was sich darin bereits andeutete und mit ihrer Debüt-EP »Golden Days« endgültig manifestierte, war ein durch und durch spielerischer Umgang mit musikalischen Ausdrucksformen, der darauf stets in einen wohlig warmen Schleier gehüllt war. Mit dem brandaktuellen Debütalbum »Bodyscanner« scheint sie nun das Gegenstück dazu präsentieren zu wollen. Während die experimentellen Instrumentals und die stimmlichspielerische Komplexität geblieben sind, zeugt »Bodyscanner« insgesamt von einem deutlich dunkleren Wesen. »Ich habe ganz lange einem warmen Sound nachgeeifert, aber irgendwann

gecheckt, dass meine Musik eigentlich viel kompromissloser ist. Deshalb ist es jetzt nicht mehr warm und grainy und ›allen geht es so gut‹. Das hat schon Ecken und Kanten und will was von einem. Das ist spiky.« Gerade im Albumcover, in diesem Ausfahren des Ellbogens und der spitz zulaufenden E-Gitarre, spiegle sich dieser Aspekt unmittelbar wider, so die Musikerin.

Anschluss finden Wie sie »Bodyscanner« als Begriff konkret auslegt? »Das geht für mich weg von jeglicher Oberflächlichkeit, auch wenn der Titel eigentlich das Gegenteil suggeriert. Da liegt so viel Tiefgründigkeit drinnen sowie Kritik an den Fassaden, die wir für uns selbst aufbauen.« Gleichzeitig behandle das Album auch einen ganz persönlichen Zugang, einen Blick nach innen, der sich maßgeblich an einem Gefühl von Zugehörigkeit und Community orientiere. »Die ersten Jahre in Berlin fand ich kaum Anschluss und fühlte mich richtig disconnected. Ich nehme keine Drogen, ich stehe nicht auf Techno und die Ravekultur. Besonders als Schwarze, queere Frau hatte ich keinen Ort, wo ich mich so richtig zugehörig fühlen konnte.« Erst im vergangenen Jahr, parallel zum Albumprozess also, habe sie im Rahmen von einzelnen Veranstaltungen dann doch Räume gefunden, wo man sie eine durchgängig wertschätzende Atmosphäre spüren ließ. Im Zuge dieses »Erwachens« und der kollektiven Erfahrung von Safer Spaces wurde Uche Yara außerdem bewusst, dass insbesondere Tanz, also »das gemeinsame Bewegen von Körpern zu Musik«, überhaupt nichts sei, bei dem man »gescannt« werde: »Das ist eigentlich genau der Punkt, an dem man im Kollektiven praktisch alle Spiegel zudeckt.« So sind auch der Entstehungsprozess ihres Albums und das Konzept ihrer Europatour maßgeblich in dieser Verschränkung von Körperlichkeit, Musik und Tanz begründet. »Wenn ich performe, spüre ich das bis in die letzte Haarspitze.« Die ins Album eingeschriebene Härte lässt sich so auch als körperliche Reaktion lesen, wie Uche Yara genauer erläutert: »Ohne

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Öffentlichkeit weniger bewusst wahr. Uche Yara: »Das Pacing war zwar sehr schnell, vor allem aber für die Außenwelt. Für mich kam das eher stetig und kontinuierlich zusammen. Natürlich arbeitet man lange auf so einen Tag hin und baut sich das langsam auf.« Und so machte sie ihre ersten Bühnenerfahrungen auch nicht erst bei ihren Support-Shows im Rahmen der »Gelb ist das Feld«-Tour 2022, sondern war bereits im Jahr zuvor als Gitarristin für Mavi Phoenix und im Vorprogramm der australischen Band Parcels musikalisch viel beschäftigt. Als dann die Frage aufkam, ob Uche Yara Bilderbuch supporten möchte, hatte sich das Verhältnis zur Band schon etwas verschoben: vom Fangirl hin zum »Friends-Level«. »Ich hatte zum Glück genug Zeit, um das alles halbwegs zu verdauen«, erinnert sich die Multiinstrumentalistin. »Vor allem durchs Älterwerden war dieses krasse ›Fangirl-Ding‹ nicht mehr so präsent.« In der Kurzfassung liest sich die Geschichte aber trotzdem wie der wahrgewordene Traum eines jeden Fans. Und auch wenn die altbekannte Redewendung »never meet your heroes« hier eindeutig nicht zutrifft, gab es durchaus Momente, in denen sich Uche Yara der Surrealität ihrer Situation bewusst wurde, wie sie mit breitem Lächeln erzählt: »Natürlich gab es solche Augenblicke, zum Beispiel bei den ersten Proben für Hamburg, wo ich dann kurz mal durchatmen und mein Spiegelbild anschauen musste. Da dachte ich nur: ›What the fuck, was passiert hier eigentlich?!‹«

»Ich habe lange einem warmen Sound nachgeeifert, aber irgendwann gecheckt, dass meine Musik eigentlich viel kompromissloser ist.« — Uche Yara

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es zu wissen, habe ich diese Songs mit meinem Körper geschrieben, teilweise im Gefühl, dass die Musik über mich drüberrollt. ›Bodyscanner‹ soll somit etwas ausdrücken, das zum einen super körperlich, zum anderen aber auch irgendwie gruselig und unheimlich ist.« Im Musikvideo zum Titeltrack wird dieser Ansatz visuell greifbar: Hier fließen Körper wunderschön-abscheulich ineinander, werden zeitlich gerafft, multipel vervielfältigt und verlieren im Bann ekstatischer Gitarrensounds jegliche Form von Autonomie. Physische Attraktivität, so betont auch Uche Yara, sei stets eine Frage der Inszenierung: »Körper sind nicht immer nur schön, auch wenn sie es in jeder Form sein können. Aber Körper dürfen auch funky sein. Wir dürfen Schönheit nicht immer nur an dieses klassische Ideal binden. Auch ›Bodyscanner‹ als Song ist nicht schön. Er ist unangenehm und hat Spikes. Aber genau darin liegt die Magie.«

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Zurück in den Clubbunker

Uche Yara über die Songs ihres Debütalbums »Bodyscanner« 01 – Bodyscanner »Das Erwachen eines neuen, dunklen, sexy, commanding Charakters im Fiebertraum eines Clubbunkers … oder war’s doch der Flughafen?« 02 – Hello Hello »Ein Aufschrei, eine Benommenheit und Taubheit angesichts der Realität, in der wir uns befinden. Zerbrechlichkeit trifft eine nie abebbende Kraft und Zuversicht.« 03 – Holden on »Lost, underaged Holden auf Selbstzerstörungstour im winterlichen New York. Inspiriert vom Buch ›The Catcher in the Rye‹.«

Aufgrund dieser Überlegungen ist es der Künstlerin wohl auch so wichtig, dieser Form von Körperlichkeit eine Bühne zu geben, eine Vielfalt zu präsentieren und damit diese eingefahrenen Strukturen aufzubrechen. Im Unterschied zu heute, sei das die wesentliche Essenz der Clubkultur in den Sechziger- und Siebzigerjahren gewesen, wie Uche Yara euphorisch erklärt: »Clubs waren früher eigentlich Safer Spaces für marginalisierte Gruppen. Die Queers und BIPoCs trafen sich in Clubbunkern, die Türen waren zu und alle drückten sich so aus, wie sie wollten. Die DJ-Person war einfach nur Host des Abends und es ging nicht um eine Inszenierung, sondern um Begegnung und Grenzenlosigkeit.« Ein Ansatz, der auch das von Uche Yara und ihrem Team entwickelte Konzept ihrer bevorstehenden Konzerte als Headlinerin maßgeblich geformt hat. »Bei der Tour geht es weniger um die Präsentation des Albums, sondern um ein gemeinsames Präsentsein. Die Vision ist, dass ich auf einer Ebene mit der Crowd stehe, im besten Fall ohne Bühne und mittendrin. Dass ich einfach host of the night bin und schaue, dass es allen gut geht. Dass wir gemeinsam tanzen und vielleicht ein Stück weit zu dem zurückkehren, was Clubkultur früher einmal ausmachte.« Anja Linhart

04 – Fugazi »Eine Ode an Identität, Queerness, Blackness in North-London-Manier.«

Uche Yaras Debütalbum »Bodyscanner« erscheint am 25. September bei Goldendays FM. Am 5. November spielt sie im Rahmen ihrer Tour in der bereits ausverkauften Arena Wien. Für den 16. Dezember gibt es einen Zusatztermin in der Grellen Forelle.

11 – Ring Ring »Groovy, dark club meets theatrical orchestra.«

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05 – What Is Left of Me »Der Titel kann als offene Frage und/oder kompromisslose Antwort verstanden werden. Der Blick richtet sich nach innen: Was bleibt, wenn ich alles von mir, das, was mich scheinbar auszumachen scheint, ablege? Peel me down to essence. What’s left of me?« 06 – Be Something »Die zynische Reflexion einer ignoranten Getriebenheit im zwanghaften Selbstoptimierungswahn. Ein Spiegel, ein Aufzeigen von Privilegien. What even is that ›something‹? What about to be ›someone‹?« 07 – Diva Club »Rollerderby meets Ballroom. Ein verspielter Song, vor Empowerment strotzend.« 08 – Sloppy Kisser (Doit Doit Doit) »Ein freches, doch bestimmtes Aufzeigen von Grenzen im Clubsetting. Who are you to make me feel bad just because I dodged your messy kissing attempt!?« 09 – Belt to Belt »Der Dancefloor ist fürs kollektive Vergnügen da, kein Scannen, keine Scham und Scheu, die Party entspringt einem sicheren Raum, einem Raum, der nicht von Kommerz, Konsum und Selbstinszenierung geprägt ist.« 10 – Power to the Ship »Ein musikalischer Blockbuster. Spielort ist ein Schiffsschlund, Schuften bis man sich selbst an die Flammen des Schiffsbauchs aufgibt.«

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Fall for Pop der Herbst im Wiener Konzerthaus 07/10/26

Cari Cari 12/10/26

SCHMUSECHOR SOLO

Cari Cari © Andreas Jakwerth

Manu Delago & Max ZT © Simon Reithofer

Schmusechor © Hanna Fasching

SODL © Michelle Rassnitzer

Cat Power © Inez Vinnoodh

Mavi Phoenix © Juanita Sohé Pereira Lillo

19/10/26

Cat Power 23/10/26

Ólafur Arnalds 10/11/26

Manu Delago & Max ZT 18/11/26

SODL live

Mehr Infos unter konzerthaus.at

05/12/26

Mavi Phoenix

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Ólafur Arnalds © Anna Maggy

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Anna Meyer »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)«, 2007–2023, Anna Meyer / Johannes Stoll / Belvedere / Bildrecht

016 Golden Frame Zeitgenössische Kunst im angemessenen Rahmen

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Bei Anna Meyer wird feministische Kunstgeschichte transparent. Ihre bemalten Plexiglastafeln bieten nebenbei auch ein überzeugendes Argument für den Wert feministischer Kunst. ———— Was soll denn diese Titelfrage schon wieder? Natürlich ist feministische Kunst voll und ganz feministisch! Dafür gibt es allein in dieser Rubrik doch regelmäßig hieb- und stichfeste Beweise. Und tatsächlich: Hier soll weder der feministische Anspruch der Künstler*innen noch ihrer Werke angezweifelt werden. Es gibt zahllose extrem kluge, nuancierte und ausgereifte feministische Kunst von Menschen, die sich ganz genau überlegt haben, was sie wie darstellen wollen. Welche Erfahrungen sie vermitteln möchten. Worüber sie zum Nachdenken anregen wollen. Doch der Feminismus ist im Kern und zuallererst ein Aktivismus. Was hilft das schönste Bild, wenn körperliche Selbstbestimmung eingeschränkt, Vergewaltigungen totgeschwiegen, Rechte mit den Füßen getreten und Frauen ermordet werden? Eine Installation geht nicht auf die Straße, ein Foto lobbyiert nicht bei Politiker*innen, ein Film bietet keiner von häuslicher Gewalt Betroffenen Unterschlupf. Das alles hat hier übrigens auch den Ton der Selbstkritik, denn was für die Kunst gilt, gilt für den Journalismus darüber gleich doppelt. Sollten wir also alle lieber Pinsel beziehungsweise Wordprocessor an den Nagel hängen und unsere Zeit aktivistischer einsetzen? Vielleicht. Doch zumindest für die Kunst liefert Anna Meyer mit ihrer Arbeit »Futurefeminismus« ein gutes Gegenargument zu dieser Schlussfolgerung. Auf aktuell 69 Plexiglasplatten hat die Malerin einen feministischen Blick auf die Kunstgeschichte in Öl festgehalten. Die Miniaturen reichen von Entwicklungslinien feministischer Kunst über kommentierte Darstellungen von Klassikern wie »Der Ursprung der Welt« bis hin zu Figuren der Popkultur. In den Galerieräumen (zuletzt 2024 bei »Auf den Schultern von Riesinnen« im Künstler:innenhaus, demnächst bei »Feminist Futures Forever« im Belvedere 21) schweben die Tafeln quasi an Schnüren im Raum und erlauben so den Blick auf sowie durch diese enorme Bandbreite feministischer Perspektiven. Solche Rekontextualisierungen sind es, die feministische Kunst so wirksam machen. Denn Aktivismus, das wird allzu leicht vergessen, braucht neben der zu leistenden Arbeit auch eine Motivation, diese tatsächlich zu erbringen. Nur wer von den zu erreichenden Idealen überzeugt ist, wer die Not und die Notwendigkeit des Handelns sieht, wird schlussendlich tätig werden. Eine Installation geht nicht auf die Bernhard Frena Straße, nein. Sie kann aber durchaus Menschen auf die Straße treiben.

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Anna Meyer »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)«, 2007–2023, Anna Meyer / Johannes Stoll / Belvedere / Bildrecht

Wie feministisch ist feministische Kunst? Anna Meyer »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)«

Die Installation »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)« von Anna Meyer ist von 5. November bis 7. März im Belvedere 21 in Wien als Teil der Ausstellung »Feminist Futures Forever« zu sehen.

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Nachwuchspreis Musikjournalismus

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Im Hintergrund die Fäden ziehen Hip-Hop made in Vienna: Zau$$i

Hooked on Logic Schon als Kind hegte er den Traum, selbst auf der Bühne zu stehen: In der Volksschule habe er einmal zeichnen müssen, wo er sich in zehn Jahren sieht, erzählt Zaussinger. Er malte sich auf der Mainstage von Defqon 1, dem größten Hardstyle-Festival der Welt. »Ich habe davon immer diese Aftermovies geschaut«, erzählt er lachend. Seine ersten musikalischen Erfahrungen hatten hingegen wenig mit verzerrten Hardstyle-Kickdrums zu tun. Sein Vater, selbst

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Hobbymusiker, schickte ihn zum Klavierunterricht. Mit mäßigem Erfolg: »Ich konnte nie nach Noten spielen.« Auch der Wechsel zur Gitarre war nicht nachhaltig, rasch wurden ihm die Stunden beim Gitarrenlehrer »zu zäh«. Dann setzte der Vater den Zehnjährigen an den Rechner und zeigte ihm die Musikproduktionssoftware Logic. »Ich war komplett hooked«, erinnert sich Zaussinger. Zunächst baute er aus vorgefertigten Loops House-

scheinlich der erste Drum-’n’-Bass-Track, den ich jemals gehört habe.« Das Genre lag ihm als Produzent mehr. Erst bastelte er melodischere Stücke, später wechselte er zu Jump Up, einem besonders harten Subgenre aus Belgien. Parallel brachte er sich mit dem Controller eines Freundes das Auflegen bei. Sein Ziel war nun nicht mehr die Mainstage des Defqon 1, sondern das Flex am Wiener Donaukanal. Der Club faszinierte ihn wohl auch deshalb, weil

»Ich mag es, ein bisschen im Hintergrund zu chillen und von dort die Fäden zu ziehen« — Nikolaus »Zau$$i« Zaussinger Tracks. Danach versuchte er sich an seinem Lieblingsgenre Hardstyle. Er musste aber feststellen, dass das eher etwas für fortgeschrittene Produzent*innen ist: »Es klingt halt unfassbar scheiße, wenn du es schlecht produzierst.« Über seinen Bruder entdeckte er schließlich Drum ’n’ Bass. »Damals waren Camo & Krooked ein großes Thema«, sagt Zaussinger. »Deren Remix von ›September‹ war wahr-

er anfangs noch zu jung war, um dort Drum ’n’ Bass in dessen natürlichem Umfeld zu erleben. Am Vorabend seines sechzehnten Geburtstags wartete Zaussinger schließlich vor der Tür des Lokals. Doch der Türsteher ließ ihn erst um Mitternacht hinein, als er offiziell sechzehn war. »Das schmeckte meinen Eltern gar nicht, weil es ein Donnerstag war und ich am nächsten Tag in die Schule musste.«

Florentine Ladenbauer

Hot Take: Die spannendsten deutschsprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der österreichischen Hauptstadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünfteiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Zum Abschluss: Zau$$i. ———— Nikolaus Zaussinger nippt an seinem halbvollen Glas Bier. Die Augen funkeln, während er aus seinem Leben erzählt und beobachtet, wie das Gesagte bei seinem Gegenüber ankommt. Mit blonden Locken, Wiener Dialekt und trockenem Humor wirkt er wie ein Mensch, dessen Leben keine größeren Haken geschlagen hat. Doch in ein, zwei Stunden Gespräch, erzählt Zaussinger mehr Geschichten, als in seine 27 Jahre Lebenszeit zu passen scheinen. Geschichten vom frühen Fame, vom harten Aufprall und vom Wiederaufstehen.

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Florentine Ladenbauer

Schließlich Hip-Hop Von der Jump-Up-Szene genervt, fand Zaussinger schließlich zum Hip-Hop. Ein alter Schulkollege, der selbst Musik machte, hatte mit seinen ersten Songs bereits Aufmerksamkeit erregt. Die Entscheidung, mit ihm zu arbeiten, sei »schon ein bisschen opportunistisch« gewesen, meint Zaussinger heute: Amphe, so der Künstlername seines Freundes, hatte bereits 30.000 monatliche Hörer*innen auf Spotify. Unter dem neuen Pseudonym Zau$$i wurde er Amphes Hauptproduzent. Doch auch diese Kooperation endete im Streit über die Aufteilung der Einnahmen. Die Arbeit als Hip-Hop-Producer gefiel ihm trotzdem. »Ich mag es, ein bisschen im Hintergrund zu chillen und von dort die Fäden zu ziehen«, führt er aus. »Auch weil ich davor viel im Rampenlicht gestanden bin.« Von der Musik konnte Zaussinger nicht leben. Er wechselte von Nebenjob zu Nebenjob, blieb nirgends wirklich lange. »Es gab, glaube ich, keinen Job, bei dem ich nicht gekündigt wurde«, erinnert er sich. Und auch sonst ging es bergab. Nach einem Unfall verlor er seinen

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Zau$$i Alter: 27 Bezirk: 3021 (Pressbaum) Dein Sound in einem Wort: intergalaktisch OG-Hip-Hop-Track aus Wien: RAF Camora feat. Yung Hurn »Wien« No.-1-Newcomer*in: Juizz

Führerschein, rutschte in eine Spielsucht und kam musikalisch kaum noch voran. »Ich habe nur noch Copy-and-Paste-Mucke gemacht«, erklärt er. »Hinten und vorne ist einfach alles aus dem Ruder gelaufen.« Seine Rettung war letztlich ein alter Bekannter aus dieser Artikelserie: Isaac Gartmayer aka Suki. Die beiden besuchten gemeinsam den Kindergarten, ihre Eltern verstanden sich gut. In den Teenagerjahren lebten sie sich auseinander, doch Jahre später meldete sich Gartmayer wieder bei Zaussinger. Auch er produzierte inzwischen Musik und hatte Fragen an den erfahreneren Kollegen.

Neue Community Irgendwann kehrte sich dieses Verhältnis dann um. So nahm Suki nun Zau$$i mit zu Sessions und half ihm damit langsam aus seiner Krise. »Das war wie eine Zündschnur, die von Isaac angezündet wurde«, erinnert sich der Producer. Suki lud ihn außerdem ins Lautlos-Haus im vierten Wiener Gemeindebezirk ein, einen kreativen Ort mit Studios, Ateliers und Ausstellungsräumen. Zaussinger: »Das war eine Community, die ich so zuvor nicht erlebt hatte.« Hier konnte jeder sein, wie er war. Über diesen Kontakt vernetzte er sich auch stärker mit der Wiener Szene. Gemeinsam besuchten Suki und er etwa SongwritingCamps. »Da haben wir mit Leuten zusammengearbeitet, die ich bis dahin nur von Spotify

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Drei Monate später stand er bei der Partyreihe Beat It selbst auf der Flex-Bühne – von halb vier bis sechs Uhr morgens. Wieder ein Donnerstag, wieder Schule am Morgen danach. Auf der Tanzfläche nur eine Handvoll Menschen: »Das waren meine Hawara – es war großartig.« Trotz überschaubarem Anfang machte sich Zaussinger in der Szene schnell einen Namen und wurde bald auch im europäischen Ausland gebucht. Mit Freunden gründete er Excidium Recordings. »Das heißt so was wie Zerstörung. Und danach klang auch der Sound«, erklärt er. »Ich hatte das Gefühl, dass ich die Leute im Club umhauen möchte, mit melodischen Intros und Blechdosen-Drops.« Früh lernte Zaussinger allerdings auch die Schattenseiten des Musikgeschäfts kennen. Er begann, Bundles aus vier oder fünf Tracks an andere DJs zu verkaufen – eine übliche Praxis in der Szene. Anfangs kosteten sie zwanzig, später 25 Euro. Irgendwann verlangte er hundert Euro für einen einzelnen Song. »Da ist das dann in eine teils kriminelle Schiene abgerutscht«, meint er. Ein befreundeter Produzent habe einen von Zaussingers Tracks hinter dessen Rücken verkauft. Er habe es ihm daraufhin gleichgetan – und die Sache schaukelte sich hoch. Eine Erfahrung, die seinen Umgang mit Geld und Beziehungen, prägen sollte: »Seitdem gilt für mich das Motto: gute Freundschaft, strenge Rechnung.« Gerade in Wien sei das oft schwierig, weil viel Musik in freundschaftlichen Beziehungen entstehe. Trotzdem müsse man finanzielle Fragen vorab klären, damit es keine falschen Erwartungen gebe.

kannte«, erzählt er. Und schon bald saß Zaussinger mit großen deutschen Künstler*innen wie Bausa im Studio. Sein Drum-’n’-Bass-Hintergrund half ihm dabei. Der Sound hat im deutschen HipHop mittlerweile einen fixen Platz gefunden. »Lange wurde das von vielen belächelt«, sagt Zaussinger. »Jetzt ist das Genre das erste Mal salonfähig.« Die Szene im deutschen Sprachraum sei dafür ein Vorzeigebeispiel. Die Offenheit für unterschiedliche Genres sieht der Musiker als lokale Stärke. Österreichische und deutsche Rapper*innen seien mittlerweile zugänglicher für andere Beats. Hip-Hop bleibe aber trotzdem Hip-Hop. Das erkenne man an den Texten: Die Themen würden dieselben bleiben, auch wenn sich das Klangbild verändere. Heute ist Zaussinger in einer Bank beschäftigt, holt seinen Bachelor nach und arbeitet an seinem ersten Produzenten-Tape. Nach dem frühen Erfolg, dem Absturz und dem Neuanfang scheint sich vieles für ihn wieder zum Guten zu wenden. Jannik Hiddeßen

Aktuelle Infos zu Zau$$i sind auf seinem Instagram-Kanal @zaussi_ zu finden. Dieser Text ist im Rahmen des The-GapNachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.

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Im Falle des Fallens Endless Wellness üben sich im Kontrollverlust

Endless Wellness legen mit »Domino Days« ihr zweites Album vor. In leicht veränderter Bandkonstellation beschäftigen sie sich darauf mit der Fragilität bestehender Systeme wie auch mit der Frage, welche Form von Utopie es bräuchte, um sich tatsächlich fallen lassen zu können. ———— Im Falle des Fallens gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, auf diesen Vorgang zu reagieren. Geht es dabei um Festungen, die endlich zu Fall gebracht werden, bietet sich in vielen Fällen eine Feier an. Wie mit fallenden Dominosteinen umzugehen ist, ist jedoch eine andere Frage. Und ob der freie Fall des Kükens tatsächlich for free war oder nicht doch ordentlich auf Kosten des besagten Kükens gegangen ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Anders als bei »Tatort« oder ähnlichen Krimireihen müssen die Fälle, von denen die Band Endless Wellness auf ihrem neuen Album »Domino Days« singt, jedoch gar nicht gelöst werden. Sie sind vielleicht eher so etwas wie kleine, aber feine Fallstudien, nur ohne die trockene Sprache und den komplizierten theoretischen Überbau. »Wenn unser Debüt ›Was für ein Glück‹ ein Rufzeichen war, ist ›Domino Days‹ eher ein Fragezeichen«, bringt es Bassistin und Sängerin Milena Klien auf den Punkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Songs im Vergleich zum Vorgänger an Dringlichkeit verloren hätten. Dadurch entstehe einfach mehr Interpretationsspielraum

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»Man kann nicht kontrollieren, was die Lieder später in den Menschen auslösen werden. Und das ist ja das Magische daran.« — Milena Klien für die Zuhörenden, meint Drummer Patrick »Pata« Huter. »Ich habe das Gefühl, dass es diesmal eher einzelne, aber sehr intensive Momente sind, von denen wir erzählen.« Außerdem habe es den Versuch gegeben, etwas weniger perfektionistisch an das zweite Album heranzugehen, die Songs mehr als Momentaufnahmen zu betrachten. Das sei teilweise auch gelungen, wie Philipp Auer betont. »Ich glaube, dass wir ein schönes Dazwischen gefunden haben«, sagt der Sänger und Gitarrist. »Wir haben weitergearbeitet und an den Songs gefeilt, aber auch losgelassen. Außerdem haben wir viel über die Band Big Thief gesprochen. Vor allem darüber, dass sie verschiedene Varianten ihrer Songs in verschiedenen Studios aufgenommen haben. Und damit im Grunde dagegen angearbeitet haben, dass der Song nur die eine Aufnahme ist. Das finde ich einen schönen Gedanken: zu wissen, dass das kein Gefängnis ist.«

Für ihn ist das auf dem Debüt erschienene »Newborn, Baby« die klarste Brücke zwischen den beiden Alben, hält Auer außerdem fest. Und zwar deshalb, weil sich im Text und im Gefühl, das der Song vermittelt, bereits das von seiner Bandkollegin angesprochene Fragezeichen manifestiere. Nach einer kurzen Nachdenkpause fasst er die Stimmung des Liedes mit dem Begriff »wackelig« zusammen. Und schafft damit die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums. Denn »Domino Days« spielt, so Auer, auf genau diese Fragilität an. Darauf, wie wenig oft ausreicht, um etwas unaufhaltsam ins Wanken zu bringen. Bis plötzlich ein Kipppunkt erreicht ist. »In unseren Gesprächen ging es immer wieder darum, wie schädlich die Strukturen sind, die gerade aufrechterhalten werden. Und wie leicht sie auch zu persönlichen und gesellschaftlichen Katastrophen führen können.« Doch er fügt hinzu: »Gleichzeitig wollten wir uns nicht in eine Opferrolle begeben oder uns selbst bemitleiden. Uns geht es nicht schlecht, aber wir fühlen uns schlecht.«

Gegen den Strich Trotz aller Dringlichkeit ist die Kritik, die Endless Wellness am Kapitalismus üben, nie ausschließlich wütend, sondern auch zart, pointiert und voller (Sprach-)Witz. Alles einmal ordentlich gegen den Strich zu bürsten, ist zwar gut und wichtig, aber es gibt auch Momente, in denen es schön wäre, einfach

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Der Chart-Slot fürs kommende Album von Endless Wellness ist vermutlich schon fix reserviert.

kurz gestreichelt zu werden. Denn unter dem dicken Fell, das man sich für den Fall des Fallens zugelegt hat, befindet sich schließlich eine Schicht, die umso verletzlicher ist. Warum es auf diese gerade jetzt so sehr ankommt, wird die Band etwas später noch erläutern.

Luca Celine

»Kontrolle ist Messer« Im Interview geht es zunächst jedoch noch um Kontrollverlust – ausgehend von den beiden Songs »Kontrolle ist Messer« und »Nie mehr sicher«. Wie auch um die Frage, ob das Schreiben von Musik eine Möglichkeit sein kann, ein Gefühl von Kontrolle wiederzuerlangen. Oder eben nicht. »Für mich ist Songschreiben eher die Hinwendung zum absichtlichen Kontrollverlust«, antwortet Milena Klien. »Ich versuche zuerst, alle rationalen Ordnungsmechanismen abzulegen, um dann vielleicht auf etwas zu stoßen, das zum ersten Mal rauskommen darf. Im zweiten Schritt bespreche ich das im Kollektiv und wir probieren, diese möglicherweise ein bisschen chaotischen Sätze und Eindrücke zu sortieren. Es gibt also diesen Strukturmoment, als Kontrolle würde ich es trotzdem nicht bezeichnen, weil ich ja auch nicht kontrollieren kann, was die Lieder später in den Menschen auslösen werden. Und das ist ja das Magische daran.« Musik sei für sie eher ein Medium, das sie sich ausborgt, hält Adele Ischia daran anknüpfend fest. »Etwas, das ich verwende, um mich auszudrücken. Dann hat aber beispielsweise

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noch der Kosmos ein Wörtchen mitzureden. Dadurch kann es so etwas wie Kontrolle eigentlich gar nicht geben«, meint die Gitarristin und Violinistin. Und auch das Konzertpublikum habe man schon aufgefordert, sich einzubringen, erzählt Patrick Huter lachend. »›Katze‹ haben wir zum Teil auf der Bühne geschrieben. Der Song war noch nicht fertig, wir haben ihn aber schon live gespielt und dann das Publikum um Feedback gebeten.«

Verletzlich im Jetzt Mit »So allein wollen wir nie wieder sein« haben Endless Wellness eine Utopie ans Ende ihres zweiten Albums gesetzt. Und dafür jeglichen Zynismus aus ihren Hosen- und Westentaschen geleert. »Ich glaube, dass eine utopische Idee besser dafür geeignet ist, etwas Gemeinsames zu schaffen, während Zynismus eher vereinzelt. Radikale Gegenentwürfe können ein gutes Mittel gegen die Resignation sein. Wenn man sich keine andere Welt vorstellen kann, kann man auch nicht darauf hinarbeiten, sie zu verändern«, findet Huter klare Worte und liefert damit die perfekte Zusammenfassung des Songs. »Das Gestrige ist das Letzte, das wir wollen. Das Jetzige ist das Verletzlichste«, zitiert Milena Klien daraufhin eine Zeile aus »Nur das Beste«. »Das Formulieren von Hoffnung ist etwas sehr Verletzliches, aber auch etwas Grundlegendes, damit sich etwas verändern kann. Es ist ein mutiger Akt, aber ohne die-

sen Akt werden sich auch in Zukunft keine neuen Optionen auftun.« Neben den großen Gegenentwürfen seien es aber auch die kleinen und alltäglichen Schritte auf dem Weg zur Utopie, die wichtig sind, betont Adele Ischia. »Damit umgeht man vielleicht auch die Ohnmacht, die sich gerne einstellt, wenn man versucht, eine Utopie zu denken.« Und vielleicht löst ein kleiner Schritt ja einen weiteren aus. Womit wir wieder beim Dominoeffekt angekommen wären, nur diesmal im positiven Sinne. Die Band verabschiedet sich mit einem Plädoyer für das Miteinander. Und für all die scheinbar kleinen Dinge, die dieses Miteinander stärken. Zum Beispiel: mit Freund*innen in ein Gürtellokal reinstolpern, obwohl man die Band, die gerade spielt, nicht kennt. Oder um es mit einer weiteren Zeile aus »Nur das Beste« zu sagen: »Wir fassen uns, wir lassen uns nicht sein.« Sarah Wetzlmayr

Das Album »Domino Days« von Endless Wellness erscheint am 16. Oktober bei Buback Tonträger. Die nächsten Konzerttermine der Band: 21. Oktober, Innsbruck, Treibhaus — 24. Oktober, Dornbirn, Spielboden — 29. Oktober, Wien, Arena — 31. Oktober, Linz, Posthof — 1. November, Graz, Dom im Berg — 4. November, Salzburg, Rockhouse — 5. November, St. Pölten, Cinema Paradiso — 6. November, Villach, Kulturhofkeller — 7. November, Vöcklabruck, OKH — 10. Dezember, Wien, Arena.

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Unsterbliche Macht Queere Vampir*innen und Wiener Schmäh in »Die Blutgräfin«

Seit jeher sind Menschen vom Vampirismus fasziniert. In ihrem neuen Film »Die Blutgräfin« verbindet Ulrike Ottinger die Legende um die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory mit feministischer Kritik und Camp-Ästhetik. Eine groteske, moderne Interpretation des Vampirmythos, die Aspekte wie Queerness und weibliche Macht thematisiert. ———— »Dracula«, »Nosferatu«, »Twilight«: Jede Zeit scheint ihre eigene Auseinandersetzung mit den Themen Vampirismus und Unsterblichkeit zu haben. Für »Die Blutgräfin« arbeitet Ulrike Ottinger mit der historischen Figur der Elisabeth Báthory. Einer mächtigen ungarischen Gräfin, die im späten sechzehnten Jahrhundert lebte und im Zuge ihrer Verurteilung als Serienmörderin unter dem Beinamen Blutgräfin bekannt wurde. Um ihre Geschichte rankten sich im Laufe der Zeit zahlreiche Mythen. Unter anderem ihr angebliches Dasein als Vampirin, das als Inspiration für spätere Blutsauger*innen wie Joseph Sheridan Le Fanus Carmilla oder Bram Stokers Dracula gilt. Heute ist umstritten, ob Báthory eine grausame Mörderin oder Opfer einer politischen Intrige war. Die Verbindung der ungarischen Gräfin zum Vampirismus hat sich jedenfalls längst verselbstständigt und wird nun von Ulrike

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Ottinger in eine moderne Horrorkomödie eingebettet. Drehort für den Film war Wien, eine Stadt reich an Geschichte, wie Ottinger ausführt. Diese Geschichte habe die Filmemacherin auch beim Schreiben des Drehbuchs inspiriert. Dadurch ergibt sich eine Überschneidung mit der historischen Elisabeth Báthory, denn diese verweilte zu Lebzeiten oft hier. Im Film wird die Ungarin von der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert dargestellt. Ihre Zofe Hermine wiederum von der Österreicherin Birgit Minichmayr, die für die Rolle Französisch lernte. Die Dialoge finden dabei auf Deutsch, Französisch und Ungarisch statt – was den Wechsel zwischen altem und neuem Europa abbilden soll.

Waschmaschinen und Straßenlaternen Wer versucht, anhand von Kulissen, Artefakten oder Sprache zu erraten, in welchem Jahrzehnt »Die Blutgräfin« angesiedelt ist, wird enttäuscht werden. Nach etwa fünfzehn Minuten des Films passiert die Gräfin mit ihrer Kutsche eine Schneiderei. Darin gluckert eine Waschmaschine aus den Siebzigern. Später fährt sie eine Gasse entlang, während im Hintergrund eine Straßenlaterne

»Wenn man eine Frau als mächtig darstellt, dann löst das sofort Reaktionen aus.« — Ulrike Ottinger

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Amour Fou / Veronique Kolber, Ulrike Ottinger

mittels Kerze angezündet wird. In der Folgeszene ziehen schwarze Pferde, allesamt geschmückt mit roten Federn, die imposante Kutsche an einem Laufhaus vorbei. Eine davorstehende Sexarbeiterin trägt Latexstiefel und Leopardenprint. Laut Ottinger spielt »Die Blutgräfin« gleichzeitig innerhalb mehrerer Jahrhunderte. Diese temporäre Unzuordenbarkeit würde sie auch mit Vampirismus verbinden: »Wiedergänger*innen leben schließlich in allen Zeiten.« Die Regisseurin merkt zudem an, dass wir aktuell in besonderem Ausmaß von Vampir*innen umgeben zu sein scheinen. Sie meint damit mächtige Menschen, die sich durch technologischen und medizinischen Fortschritt ein ewiges Leben erwarten. Auch in der Politik verortet Ottinger Wiedergänger*innen. So würden Politiker wie Trump ein ewiges (politisches) Leben anstreben. Für die Filmemacherin stellt dieses Streben nach Unsterblichkeit den Inbegriff von Hybris dar. Thomas Schubert, der im Film den Neffen der Blutgräfin, Baron Rudi Bubi von Strudl zu Buchtelau, spielt, empfindet den Vampirismus ebenso als zeitloses Thema, das Menschen überdies in unterschiedlichen Lebensabschnitten abholen kann. Sei es in der

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Die Blutgräfin (Isabelle Huppert) streift im gleichnamigen Film durch ein zeitlos scheinendes Wien.

Jugend im Zusammenhang mit Identität und Sexualität oder im Alter in Bezug auf die eigene Sterblichkeit. Ottinger bedient sich für den Film vielfach einer campy Ästhetik. Mit Schulterpolstern, Polkadot-Kleidern, Barockperücken und pelzbesetzten Mänteln baut die Regisseurin bei der Wahl der Kostüme auf eine exzentrische Optik. Besonders deutlich wird dies während eines extravaganten Rituals, bei dem der Musiker Tom Neuwirth als Zeremonienmeister auftritt.

Vampir in Samthose Die queere Ästhetik des Films zeigt sich auch an der Figur von Rudi Bubi. Er ist selbst Vampir, aber dezidierter Vegetarier. Passend dazu ist der junge Baron auffällig grün gekleidet. Mit Samthose, besticktem Jackettkragen und bissigem Witz ist er klar dem Dandytum zuordenbar. Von seinem Umfeld wird er dabei als unmännlich und seltsam bewertet. So bezeichnet ihn sein Cousin, Mitglied der schlagenden und blutsaugenden Burschenschaft Vampiria, als Schlappschwanz. Und Rudi Bubis Therapeut, dargestellt von Lars Eidinger meint: »Seien Sie doch mal ein Mann. Einmal im Jahr Fleisch werden auch Sie verkraften.«

Ulrike Ottinger, Regisseurin

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»Als darstellender Künstler muss man immer hinterfragen, inwiefern die Figur Geschlecht darstellt.« — Thomas Schubert

Thomas Schubert versteht Film in dieser Hinsicht als gesellschaftlichen Spiegel: »Als darstellender Künstler muss man immer hinterfragen, inwiefern die Figur Geschlecht darstellt. In welchen Kreisen bewegt sich der Charakter? Wie weit ist es der Figur erlaubt, aus diesen auszubrechen?« Darüber hinaus spricht Schubert von Vampiren als Ausdruck männlicher Ängste. Er meint damit die Angst, im Vergleich mit dem mächtigen, frauenverführenden Vampir nicht gut genug zu sein. Sexualität ist in »Die Blutgräfin« durchaus ein zentrales Thema. So hat die Hauptfigur eine klare Präferenz für Frauen, während sich ihr Neffe eben bewusst von seinem blutsaugenden Naturell distanziert. Mit dem vampirischen Akt als Bild für menschliche Sexualität lebt Rudi Bubi somit quasi zölibatär, verwehrt sich wegen der eigenen moralischen Prinzipien einem grundlegenden Bedürfnis. Eine queere Perspektive auf Vampirismus ist keine Neuheit. Der eingangs erwähnte irische Schriftsteller Joseph Sheridan Le Fanu legte mit seiner Figur Carmilla bereits 1872 den Grundstein für das popkulturelle Phänomen lesbischer Vampirinnen. Aufgenommen wurde diese Idee unter anderem auch von Elfriede Jelinek, die in ihrem 1987 uraufgeführten Theaterstück »Krankheit oder moderne Frauen« das Motiv der lesbischen Vampirinnen mit Kritik an patriarchalen Gesellschafts-

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verhältnissen verknüpfte. Umso mehr Sinn ergibt es also, dass Jelinek am Verfassen der Dialoge für »Die Blutgräfin« mitwirkte. Nicht nur eine queere, auch eine feministische Deutung liegt bei Elisabeth Báthory auf der Hand. Wie zuvor erwähnt, ist aus heutiger Sicht strittig, welche der Berichte über die Gräfin wahr sind. So erklärt Ottinger: »Jede Person hat mir eine andere Geschichte erzählt, eine grausamer als die vorherige.« Dabei stellt sie klar, dass es nicht die historische Figur an sich ist, die sie interessiere, sondern vielmehr das, was diese auslöse. Generell spiele die Filmemacherin gerne mit den Assoziationen seitens des Publikums. »Wenn man einen Mann als mächtig darstellt, dann finden das alle normal. Wenn man eine Frau als mächtig darstellt, dann löst das sofort Reaktionen aus.«

Weibliche Macht Die Regisseurin spricht dabei einen relevanten Punkt angesichts Báthorys Geschichte an. So war die ungarische Gräfin zu Lebzeiten eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Frauen in Europa. Eine Tatsache, die zusätzliche Deutungsmöglichkeiten ihrer Geschichte im Zusammenhang mit weiblicher Macht eröffnet: Da wäre einerseits das Interesse ihrer Familie, an ihren Reichtum zu gelangen. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit einer politischen Intrige, um Báthory

ihren Einfluss zu entreißen. Darsteller Thomas Schubert fragt sich diesbezüglich, ob es den Mythos rund um Báthory vielleicht auch als Rechtfertigung gebraucht habe. Also ob ein Mythos geschaffen werden musste, damit diese weibliche Macht gesellschaftlich respektiert werden konnte. Ulrike Ottinger verweist im Gespräch noch auf andere Beispiele von mächtigen Frauen, etwa Margaret Thatcher oder Katharina die Große. Auch diese seien nicht frei von gesellschaftlicher Wertung gewesen. So bekam Thatcher den Spitznamen »Eiserne Lady« als Kritik für ihre harte, scheinbar gefühllose Haltung. Und Katharina die Große wurde aufgrund ihrer frei ausgelebten Sexualität verunglimpft, obwohl Affären außerhalb der Ehe bei männlichen Herrschern ein gängiges Phänomen waren. Im Kontrast dazu zeigt Ottingers Darstellung der Báthory den Wandel solcher gesellschaftlichen Normen: In »Die Blutgräfin« wird deren Macht zu jeder Zeit akzeptiert. Das wird schon klar, als die Gräfin in ihrer gewohnten Wiener Residenz eintrifft, dem Hotel Königin von Ungarn. Dort wird sie untertänig empfangen: Der Page hält sie für eine große Schauspielerin, der Rezeptionist identifiziert sie als Mitglied der hoch angesehenen Báthory-Linie – und begegnet ihrer Ankunft mit Wiener Schmäh: »Manche Gäste sind Wiedergänger. Aber zahlen tun’s nur einmal.« Auch ihre lesbische Sexualität bedarf keiner Rechtfertigung. Damit schafft Ottinger eine kompromisslose weibliche Hauptfigur, die um Respekt nicht zu kämpfen braucht. Es zeigt sich: Vampirdarstellungen im Film erlauben Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Zeit. So spielt Friedrich Wilhelm Murnaus Inszenierung von »Nosferatu« mit der Angst vor Krankheit, nach den Erfahrungen mit der Spanischen Grippe, die kurz zuvor Europa heimsuchte. Francis Ford Coppolas »Bram Stoker’s Dracula« verbindet den Vampirismus mit weiblicher Lust. Und »Twilight« bettet den Vampirmythos in eine Romantisierung von toxischen Beziehungsdynamiken ein. Welche gesellschaftlichen Aspekte nun in »Die Blutgräfin« zentral sind, darf jede*r für sich selbst entscheiden. Denn wie Ulrike Ottinger meint: »Wenn man einen Film in die Freiheit entlässt, dann gehört er einem nicht mehr. Dann gehört er den Menschen zur Interpretation.« Sarah Aberer

Der Film »Die Blutgräfin« von Ulrike Ottinger startet am 29. Oktober in den österreichischen Kinos.

Amour Fou / Petro Domenigg

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Thomas Schubert spielt in »Die Blutgräfin« den Vampir und Vegetarier Baron Rudi Bubi von Strudl zu Buchtelau.

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Cinema Next Spotlight

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»Es braucht die Selbstironie« Leni Gruber und Alex Reinberg über Hollywood, Schafe und Paralleluniversen Die Filmemacher*innen Leni Gruber und Alex Reinberg arbeiten als Duo. Ihre gemeinsamen Projekte wie die neue Miniserie »Sheep« bauen sie souverän auf den schmalen Grat zwischen existentiellem Drama und makabrer Komödie. ———— Zu zweit ist man weniger allein. Als Duo lassen sich nicht nur lästige Aufgaben halbieren, gleichzeitig verdoppeln sich auch die guten Dinge: doppelt so viele Ideen und doppelt so viel Spaß. Auch wenn sie nicht wie die Wachowski-Schwestern oder die Coen-Brüder gemeinsam aufgewachsen sind, sind Leni Gruber und Alex Reinberg kein weniger gut eingespieltes Team. Kennengelernt haben sich die beiden 2017 an der Filmakademie, seit mittlerweile sieben Jahren arbeiten sie zusammen. Beim Gespräch in einem Pausenraum der Uni schwelgen die jetzigen Kolleg*innen in Erinnerungen: Mit neunzehn war Reinberg damals der Jüngste im Jahrgang Buch und Dramaturgie. Nicht nur deshalb sei er Gruber aufgefallen, erzählt sie: Schon damals habe ihr kreatives Gegenstück bevorzugt im Dialekt geschrieben. »Du schreibst aber auch viel so«, wirft er ein. »Ja, das habe ich mir von dir abgeschaut«, erwidert Gruber und lacht. Auch wie man eine gute Geschichte erzählt, habe sie von der Zusammenarbeit mitgenommen: »Dafür hat er ein enormes Gespür.« Auf diesen Schwall an Komplimenten antwortet der Gelobte ähnlich wertschätzend und erklärt,

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wie stark das visuelle Vokabular Grubers sei. Sie wisse, welche Bilder Kraft haben, welche authentisch sind. Wenn man den beiden so zuhört, bekommt man den Eindruck, sie würden sich quasi blind verstehen. Doch das sei nicht immer der Fall, so das Duo. »Selbst wenn man jeden Tag miteinander arbeitet, kann man die andere Person nicht zu hundert Prozent kennen«, meint Gruber. Im Lauf von sieben Jahren könne man dem aber schon ziemlich nahekommen.

R. I. P., Peter Rapp Eines ihrer ersten gemeinsamen Projekte hätte ein eher schräger Kurzfilm werden sollen. Geplant war, dass Fernsehmoderator Peter Rapp darin eine Matratze aus dem Ikea stiehlt. Wie so viele Vorhaben in der Filmbranche wurde auch dieses leider nicht in die Realität umgesetzt. Hauptgrund dafür? Rapps Zweifel an den eigenen körperlichen Fähigkeiten: »Er meinte, er könne mittlerweile einfach keine Matratze mehr fladern«, erzählt Gruber. Ob sie nicht das Budget nehmen und mit ihm lieber eine Art Blumenrevue oder so drehen wollen, lautete damals sein Gegenvorschlag. Die zwei lachen bei der Erinnerung: »Da hätten wir vielleicht zusagen sollen.« Am Ende ist es nichts geworden, ein messerscharfer Humor und das Gespür für skur-

»Wir sind die Leute, die im Kino dann lachen, wenn sonst niemand lacht.« — Leni Gruber

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Das Regieduo Leni Gruber und Alex Reinberg arbeitet schon seit sieben Jahren gemeinsam an Filmen.

bestimmte Distanz gehe verloren. Ganz im Gegenteil, in der Fiktion ließen sich viele höchstpersönliche Themen finden – manchmal auch Jahre nach Drehschluss, wie die Regisseurin beschreibt: »Ich lerne oft noch rückblickend Dinge über mich, die ich damals gar nicht gecheckt habe.«

Brisilda Bufi

rile Konzepte ziehen sich aber bis heute durch das Schaffen der beiden – und sind mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden. »Wir sind die Leute, die im Kino dann lachen, wenn sonst niemand lacht«, erzählen sie. Besonders das Absurde gefalle ihnen. Darin lasse sich vieles verarbeiten, ohne Gefahr zu laufen, selbstmitleidig zu werden. Die Balance zwischen Tragik und Humor macht’s aus: »Es braucht die Selbstironie«. Das zeigt sich auch in ihrer neuen Satire »Sheep«. Darin erfährt eine naive Schafherde (gedreht mit echten Tieren, synchronisiert von österreichischen und deutschen Kabarettist*innen) auf Umwegen von Fleischkonsum und Massentierhaltung. Aber wie schreibt man eigentlich Texte für ein Schaf? »Es sind Charaktere, die in einer prekären Situation sind«, meint Reinberg. »Man muss sie ernst nehmen.« Das Ergebnis ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, von der wohl auch die Menschen im Publikum einiges mitnehmen können. Reinberg jedenfalls wurde Im Laufe des Projekts sogar zum Vegetarier. Gerade in Kombination mit den Themen Selbstverwirklichung und Desillusionierung hat dieser groteske Existenzialismus etwas zutiefst Österreichisches. Tatsächlich habe Josef Hader mit seinen Kabarettprogrammen das Duo in der Jugend stark geprägt. Für

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filmische Inspiration richteten Gruber und Reinberg den Blick aber auch immer wieder nach Deutschland. Maren Ades »Wald vor lauter Bäumen« sei beispielsweise ein Film gewesen, der sie schon früh inspirierte, erinnert sich Gruber. »Und du bist ein großer Fan von ›Toni Erdmann‹, oder?«, fragt sie in Richtung ihres Kollegen. Dieser nickt zustimmend. Er habe aber auch viel von den amerikanischen Filmen mitgenommen, die ständig im Fernsehen liefen, als er ein Kind war.

Ironische Klischees Entsprechend scheint es nur folgerichtig, dass die beiden Hollywood in ihrem gleichnamigen Kurzfilm ein wenig auf die Schippe nehmen. Dort verliert sich eine gescheiterte Schauspielerin in ihrem Nebenjob als Opfer für Feuerwehrübungen. Auch »Sheep« ironisiert viele der gängigen Klischees der USamerikanischen Filmhauptstadt. »Hoffen wir zumindest«, geben sich die zwei bescheiden. Ungeachtet der gesehenen Filme kämen die meisten ihrer Ideen jedoch aus dem Alltag. Als Filmemacher müsse man eben ein Mensch sein, der sensibel durch die Welt geht, meint Reinberg. »Man schaut viel hin und überlegt, was eine Geschichte sein könnte.« Wobei das laut Gruber nicht heißt, dass diese unbedingt autobiografisch sein muss. Da werde das Arbeiten nämlich schnell anstrengend und eine

In einem anderen Kurzfilm des Duos namens »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« stolpert die Hauptfigur in den Alltag ihrer eigenen Doppelgängerin. Sie verabschiedet sich vom langweiligen Bürojob und arbeitet plötzlich in den herrlich simplen Strukturen eines Möbelhauses. Was würden Gruber und Reinberg tun, wenn sie nicht im Film tätig wären? Die beiden schmunzeln. »Man fragt sich eh: Ist noch Zeit umzusteigen? Oder ist es schon zu spät?« Grubers Vater ist selbst Filmregisseur – und manche Kinder übernehmen ja die Firma ihrer Eltern. »Unterbewusst wollte ich vielleicht Nähe zu ihm herstellen«, erzählt sie. Reinberg hingegen ist der erste in seiner Familie, der diesen Weg eingeschlagen hat. Obwohl er sich als Kind mehr fürs Theater interessiert habe, sei dieses schnell durch den Film abgelöst worden. »Es hat einfach nichts anderes gegeben, das mir so getaugt hat«, sagt er. Einen richtigen Plan B haben die beiden also nicht. Das sei schon stressig, so Gruber – und Unsicherheiten habe sie als Kunstschaffende natürlich auch genügend. Oft frage sie sich zudem, ob sie nicht mehr für die Gesellschaft tun sollte. »Ich glaube, ich würde mich einfach die ganze Zeit auf irgendwelche Sets schmuggeln«, wirft Reinberg ein und lenkt sie damit gekonnt vom Grübeln ab. Selbst in einem hypothetischen Paralleluniversum würde es ihn also wieder zum Film verschlagen. Letztlich überwiegt eben einfach die Freude an der Sache, die Leidenschaft, dem eigenen Traum nachgehen zu können. Und dessen Ende ist für Leni Gruber und Alex Reinberg – zumindest in absehbarer Zukunft Helene Slancar – nicht in Sicht.

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Im Paralleluniversum

Die Miniserie »Sheep« von Leni Gruber und Alex Reinberg läuft ab Mitte Oktober im ORF. Näheres über die beiden Filmemacher*innen auf Instagram unter @gruberleni beziehungsweise @alexreinberg. Dieser Text ist im Rahmen einer Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.

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Special Bühne 028

Sechs Schauspieler*innen blicken für uns unters Parkett des Theaterbetriebs.

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Adobe Stock, Victoria Nazarova

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Die Bretter, die das Geld bedeuten Wie der Berufseinstieg für Schauspieler*innen aussieht

So einige träumen davon, selbst einmal auf der Bühne im Rampenlicht zu stehen. Aber wie sieht der Berufseinstieg für Schauspieler*innen eigentlich aus? Wie navigiert man zwischen Kürzungen im Kulturbereich und kleiner werdenden Ensembles, wenn die Leidenschaft zum Job werden soll? ———— Ensemblestelle, freie Szene, Zeitmanagement und ein Haufen Glück. Jedes Jahr gibt es ungefähr dreißig bis vierzig Schauspielvakanzen an deutschsprachigen Theaterhäusern. Auf diese überschaubare Anzahl kommen circa 200 jährliche Absolvent*innen. Sechs Schauspieler*innen geben einen Einblick ins Jonglieren von Studium und ersten Engagements, in ihre Erfahrungen mit freien und angestellten Arbeitsverhältnissen sowie inwiefern der Beruf mit dem restlichen Leben in Balance gebracht werden kann.

Die ersten Schritte Naomi Kneip: Schon mit zehn dachte ich mir: »Dieser Beruf ist cool, das will ich machen.« Seitdem verfolge ich diese Route, diesen Traum. Eine Zeit lang hatte ich allerdings eine gewisse Scheu vorm Theater selbst.

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Wenn wir mit der Klasse dort waren, verstand ich oft gar nichts, fühlte mich dumm, fand keinen Zugang zu dem, was ich sah. Tamara Semzov: Als Kind war ich sehr schüchtern und in der Schule eigentlich immer nur damit beschäftigt, nicht aufzufallen. Das hat wahrscheinlich mit meiner Migrationsgeschichte zu tun – mit sieben kam ich aus der Ukraine nach Deutschland. Das Theater ist sehr zufällig in mein Leben gekommen. Durch die Bühne habe ich gelernt, mir auch abseits davon mehr Raum zu nehmen. Sissi Reich: Während der Schulzeit fühlte ich mich auf der Bühne immer sehr wohl und begann schon früh für eine entsprechende Ausbildung zu sparen. In der Vorsprechzeit erfuhr ich dann zum ersten Mal den starken Rassismus an diesen Institutionen. Mir wurde gesagt, ich sei ja eine ganz gute Spielerin, aber ein Mädchen wie Sie würde man dieses Jahr nicht aufnehmen. Diese Erfahrung war so heftig, dass ich eine Zeit pausieren musste. An der Zürcher Hochschule der Künste hatte ich dann das erste Mal einen Schwarzen Dozenten, der mich prüfte. Das war ein einmaliges Erlebnis.

Nils Arztmann

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Frei oder nicht frei?

Irem Gökçen

Naomi Kneip

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Irem Gökçen: Es gibt ganz viele unterschiedliche Wege neben einem Festengagement. Es ist auch okay, wenn man nach dem Abschluss zunächst kein Engagement hat, was ganz anderes macht oder vielleicht sogar ein Festengagement abbrechen möchte. Viele Schulen reden gar nicht darüber, wie viele Möglichkeiten ausgebildete Schauspieler*innen haben. Man muss auf jeden Fall lernen, das Künstler*innenleben zu managen. Daran arbeite ich immer noch, mich aktiv zu halten und nicht aufzuhören zu lesen, zu recherchieren und neugierig zu sein. Fanny Fuhs: Mir fällt es unfassbar schwer, mich selbst zu verkaufen. Man muss den Leuten wirklich nachrennen und sagen: »Hier bin ich!« Man muss sie nerven. Das ist sehr

unangenehm, aber auch äußerst wichtig. Außerdem muss man bei aller Dankbarkeit dafür, einen Job zu haben, auch immer überlegen: »Gibt mir dieses Umfeld wirklich das, was ich gerade brauche?« Diese Überlegung ist nicht zu vernachlässigen, selbst wenn man gerade erst am Anfang steht. Naomi Kneipp: Darüber, ob ich frei arbeiten will und das überhaupt kann, habe ich lange nachgedacht. Wenn man sowohl Theater als auch Film machen will, ist es, glaube ich, einfacher, einen Weg zu finden. Aber man muss auch wissen, ob man der Typ Mensch ist, der sich schon zu Karrierebeginn diese Strukturen selbst schaffen kann. Ist es für mich aushaltbar, dass ich ein paar Monate nicht weiß, wie es weitergeht? Die Kulturkürzungen führen dazu, dass viele Stellen gestrichen oder Vakanzen nicht neu besetzt werden. Das führt zu einem Verlust von kultureller Vielfalt. Tamara Semzov: Anfangs brauchte ich die Sicherheit einer festen Stelle und hatte gar nicht am Schirm, dass ich auch frei arbeiten könnte. Mit meinem Background war mir damals die Gewissheit wichtig, dass ich mit Schauspiel Geld verdienen und davon leben konnte. Diese Branche ist leider immer noch sehr exklusiv. Ich war anfangs unsicher, ob ich überhaupt die Berechtigung habe, Teil davon zu sein. Nach vier Jahren Festengagement hatte ich den Mut und die Lust, frei zu arbeiten. Als freie Schauspielerin hast du niemanden, der auf dich schaut. Du musst dich selbst um deine Jobs und alles Organisatorische kümmern. Dafür hast du auch die Freiheit zu entscheiden, mit wem du arbeiten möchtest, und es können langjährige, enge Arbeitsbeziehungen entstehen. Ich habe das Gefühl, mehr junge Kolleg*innen entscheiden sich am Anfang, frei zu arbeiten, und machen auch viel schneller den Mund auf, wenn etwas nicht passt. Das finde ich super. Nils Arztmann: Bei mir war es eine bewusste Entscheidung, ein Jahr frei zu arbeiten, aber ich wusste schon, dass ich im Anschluss eine Ensemblestelle bekommen werde. Ich

»Diese Branche ist leider immer noch sehr exklusiv. Ich war anfangs unsicher, ob ich überhaupt die Berechtigung habe, Teil davon zu sein.« — Tamara Semzov

Felix Vratny, Stefan Klüter, Elena Zaucke, Marcella Ruiz Cruz, Petite Machine

Fanny Fuhs

Irem Gökçen: Nach einem Theaterabend mit Texten meines Lieblingsdichters Nâzım Hikmet war ich schockverliebt ins Theater. Im Schauspielstudium war es für mich dann sehr interessant, zwei verschiedene Kulturen zu erleben. In Istanbul war alles eher handwerklich und sehr streng. In Graz war der Zugang hingegen freier und dadurch auch irgendwie künstlerischer. Ich will und kann aber nicht sagen, dass das eine besser als das andere ist, weil ich bei beiden so unterschiedliche Dinge gelernt habe. Nils Arztmann: Das Gefühl, dass ich das machen möchte, hatte ich schon immer. Nach ein paar Recherchen mit fünfzehn war mir schnell klar, dass ich es unbedingt versuchen will – auch wenn ich vielleicht daran scheitere. Ich wollte mir nicht selbst vorwerfen, es nicht zumindest versucht zu haben. Fanny Fuhs: Mit vierzehn hatte ich bereits den Gedanken, dass ein zweites Standbein neben Schauspiel wichtig wäre. Seit meiner Kindheit half ich immer wieder im Film beim Kostüm aus, also entschied ich mich, zuerst Mode an einer berufsbildenden höheren Schule zu lernen und mich erst anschließend an Schauspielschulen zu bewerben.

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Felix Vratny, Stefan Klüter, Elena Zaucke, Marcella Ruiz Cruz, Petite Machine

Special Bühne konnte entspannt sein, weil ich wusste, dass danach etwas Fixes kommen wird. Das war natürlich eine sehr privilegierte Position, aber vielleicht auch die schönste Zeit bislang. Ich hatte damals nicht das Gefühl, aktiv um den nächsten Schritt kämpfen zu müssen.

Ein steiniger Weg Irem Gökçen: Schauspiel verlangt so viel Kraft, Willensstärke und Durchhaltevermögen. Man sollte sich wirklich sicher sein, dass man diesen Weg gehen möchte. Es hat großartige Seiten, aber es verlangt auch sehr viel Zeit und Energie ab. Nils Arztmann: Vor dem Studium ist es ein Hobby, dann wird es plötzlich professionalisiert und du fängst an, dich jeden Tag damit auseinanderzusetzen. Du lernst ein Handwerk, es passiert nicht mehr einfach nur aus dem Bauch heraus. Im zweiten Jahr habe ich mich da etwas verkopft, die Entspanntheit ist erst nach dem Studium zurückgekommen. Fanny Fuhs: Ab und zu fühlt es sich für mich so an, als würde mir vermittelt werden, dass ich an dem Punkt, an dem ich beruflich gerade bin, keine Ansprüche stellen dürfte. Dass ich einfach machen sollte, was kommt. Dass ich mich komplett zurücknehmen und nicht verhandeln sollte. Es ist aber wichtig, auf die eigenen Grenzen zu achten, um nicht die Freude an der Arbeit zu verlieren. Tamara Semzov: Irgendwann geht es nicht mehr nur ums Können selbst, sondern um eine Chance, dieses Können auch zu zeigen. Dabei gibt es jedoch sehr viele Hürden. In den letzten Jahren ist, glaube ich, vieles im Nachdenken über Machstrukturen losgetreten worden. In der vielseitigen Kulturlandschaft der freien Szene in Wien gibt es dann auch den Raum, solche Prozesse zu reflektieren. Gleichzeitig ist gerade dieser Bereich durch die ganzen Kürzungen stark bedroht und ich mache mir Sorgen, wie es weitergeht, wie man in dieser Szene überleben können wird.

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Sissi Reich: Im selben Jahr, in dem ich nach Wien zog, starb auch meine Mutter. Ich kam von der Uni, hatte ein Engagement, wollte voll durchstarten – und dann passierte das. Da musste ich mich noch mal komplett hinterfragen. Mir kommt vor, ich bin heute nicht mehr dieselbe Person, wie davor und muss mich auf gewisse Weise erst wieder finden. Schauspiel ist höchst prekär. Das ist nicht der stabilste Job und ich bin dankbar, dass ich einen Ort habe, an dem ich meine Kunst machen kann. Ich wusste anfangs nicht, ob das klappen wird, und wäre mir auch nicht zu schade gewesen, kellnern zu gehen. Aber ich wusste, dass ich mal schauen möchte, was mich interessiert. Wo ich hinwill.

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»Schauspiel ist höchst prekär. Das ist nicht der stabilste Job und ich bin dankbar, dass ich einen Ort habe, an dem ich meine Kunst machen kann.« — Sissi Reich

Sissi Reich

Weisheiten für die Bühne Naomi Kneip: Offen und immer im Austausch bleiben, auch mit den anderen auf der Bühne, weil die Schauspielkunst eine Ensemblekunst ist. Nils Arztmann: Letztendlich ist es der schönste Beruf der Welt, aber es ist auch einfach ein Beruf – und kein leichter. Das habe ich während des Studiums oft vergessen. Erst später konnte ich wirklich begreifen, wie wichtig ein Leben daneben ist. Denn wie kann man sonst überhaupt vom Leben erzählen? Sissi Reich: Auf was ich vor Kurzem wieder draufgekommen bin, ist, wie gut es tut, wenn nicht dein kompletter Fokus auf dem Theater liegt, sondern auch auf Freund*innen und Hobbys. Wenn man, soweit das möglich ist, eine Balance hineinbringt. Und nochmal zum Schauspiel: Try it, give it your all! Wenn’s nicht klappt, ist das auch okay. Und wenn’s klappt: Pass gut auf dich auf! Johanna T. Hellmich

Tamara Semzov

In Österreich gibt es mehrere Möglichkeiten, Schauspiel zu studieren. Etwa: Max Reinhardt Seminar, MUK, Schauspielschule Krauss und Schauspielakademie Elfriede Ott in Wien, Mozarteum in Salzburg sowie Kunstuni in Graz.

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Special Bühne 032

Mit dem Cirque Rouge hat Kalinka Kalashnikow seit 2015 eine schillernde BurlesqueShowreihe in Wien etabliert.

Wer an Burlesque denkt, hat schnell pompöse Federfächer, glitzernde Korsetts und viel nackte Haut im Kopf. Zugegeben, das gehört alles dazu. Die Wiener Szene beschäftigen aber auch weniger glamouröse Fragen: Welche Körper stehen auf der Bühne? Wie werden sie bewertet? Und lässt sich von der Ausübung dieser Kunstform eigentlich leben? ———— Eine Flasche Wodka. Viel mehr bekam Kitty Willenbruch für ihren ersten Burlesque-Auftritt nicht. Anfang der Nullerjahre fiel eine Performerin für eine Party aus. »Kitty, du machst jetzt einfach diesen Scheiß«, hieß es kurzerhand von Veranstalter*innenseite. Wenig später tanzte sie schon auf der Bühne zu »Lollipop« von The Chordettes. Auch Kollegin Kalinka Kalaschnikow stolperte gewissermaßen in den Strassschuh. Bei einer Modenschau sprang sie nicht nur spontan für eine Stripperin ein, sondern gleich aus einer Torte. Verschiedene Zufälle können also in dieselbe Kunstform führen – oder zumindest in eine, die denselben Namen trägt. »Burlesque ist kreative Entfaltung. Man kann in jede Rolle schlüpfen«, beschreibt Kalinka ihre Kunst. Als Vorreiterinnen der aktuellen Welle von Burlesque in Österreich haben sie und Kitty

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in den letzten Jahrzehnten gezeigt, welche unterschiedlichen Richtungen eingeschlagen werden können. Seitdem ist die Szene in Wien gewachsen. Aus einer zunächst »überschaubar kleinen Familie« entstand 2007 die Salon Kitty Revue. Bis November letzten Jahres trafen hier regelmäßig – zuletzt im Schikaneder – Burlesque, Comedy und Freakshow aufeinander. Dabei seien diese Abende nicht immer eine glamouröse Vorstellung à la Dita von Teese gewesen, so Kitty. Ähnlich wie in der Dragszene seien den Performer*innen bei ihren Veranstaltungen nämlich keine Grenzen gesetzt: »Mich interessiert der individuelle Stil von Tänzer*innen. Ich möchte erkennen können, ob das Beate, Ursula oder Gitti ist.«

Glitzer, Federn, Freakshow Kalinka wiederum baute sich ziemlich zeitgleich dezidiert eine »bunte Glitzer-FederWelt« auf. Seit 2015 leitet sie den Cirque Rouge, eine Burlesque-Showreihe mit wechselnden Performer*innen, die inzwischen mehrmals im Monat Wiener Bühnen wie das Mirage im Prater oder das Vindobona am Wallensteinplatz bespielt. Mit aufwendig choreografierten

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Ausgezogen

Neil Kendall, Andreas Bischof

Im internationalen Vergleich ist die Szene in Wien bis heute eher klein geblieben. Weitaus mehr als die zwei genannten Veteraninnen gibt es aber allemal. Mittlerweile mischt hier etwa auch die gebürtige Niederländerin Biba Belula mit. Sie tritt über Österreich hinaus auf und beobachte dabei durchaus nationale Eigenheiten. Während in Amsterdam etwa politische Nummern stärker gefragt seien, habe Wien eher eine Fangemeinde für klassischen Glamour. So verschieden diese möglichen Spielarten sind, Biba führt dennoch zwei fundamentale, gemeinsame Nenner an: »Burlesque macht aus, dass man strippt und dass man dabei gesehen wird.« Irgendwann fallen also auf jeder Bühne die Hüllen. Wie viel und wie schnell, das entscheiden die Tänzer*innen selbst. Der funkelnde Handschuh, der langsam von den Fingerspitzen gleitet, oder das Korsett, das im richtigen Moment fällt – dem Zufall wird wenig überlassen. Oft wird dabei von der »Art of Tease«, also vom bewussten Hinauszögern und Andeuten von Nacktheit, gesprochen. Wie immer, wenn sich jemand vor Publikum auszieht, stellt sich dabei die Frage, für wen das eigentlich passiert. Kalinka Kalaschnikow will mit dem Klischee brechen, dass ihre Kunst nur existiere, um männliche Fantasien zu befriedigen: »Burlesque-Performances sind keine Peepshows, bei denen sich lauter Typen aufgeilen und nur Sex wollen. Das Publikum ist großteils weiblich. Wir geilen uns eher an uns selbst auf.«

Burlesque als Safe Space Auch bei Kittys Revue schauten von Beginn an vor allem weibliche und queere Personen zu. Nicht zuletzt, weil hier Figuren wie Conchita Wurst – Jahre vor dem großen Erfolg – ihre ersten Schritte ins Rampenlicht machten. Komplett freimachen von sexualisierenden Blicken könne man sich laut Kitty Willenbruch trotzdem nie: »Das Empowern-

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de kommt von dir, aber das Gegenüber wird dich immer sexualisieren. Das muss dir bewusst sein.« Wie ein nackter Körper wahrgenommen wird, hängt schließlich auch davon ab, auf welcher Bühne er sich entkleidet. Im zeitgenössischen Tanz – siehe Impulstanz Festival oder Florentina Holzinger – wird Nacktheit regelmäßig als künstlerisches Mittel genutzt. Große Theaterproduktionen wie »La Cage aux Folles« setzen auf Revueelemente und Showgirl-Ästhetik. Eine gewisse Ironie bringt das schon mit sich: Früher nahm Burlesque die Hochkultur auf die Schippe, heute bedient man sich aus denselben Trickkisten. Was in der einen Vorstellung aber gefeiert wird, gilt in der anderen als anrüchig und schmuddelig. Diese Trennung in der Wahrnehmung erachtet Kitty als fragwürdig: »Burlesque-Nacktheit finde ich fast äs-

thetischer, weil immer irgendetwas funkelt. Es wird aber weiterhin abgetan als etwas, das nur im kleinen Theater an der Ecke stattfinden sollte.«

Come As You Are Ein Faktor ist dabei nicht nur, wo wie viel Haut gezeigt wird, sondern auch, von wem. In einem Punkt sind sich die Performer*innen nämlich einig: Jede Körperform hat Platz auf einer Burlesque-Bühne. Biba beschreibt ihren eigenen als einen »realistischen Körper«, für den sie Zuspruch von Zuschauer*innen bekomme. »Viele wissen gar nicht, dass sie auch Burlesque machen könnten. Mir ist es wichtig den Leuten mitzugeben, dass sie diesen Raum einnehmen dürfen.« Ganz so mustergültig, wie dieses Selbstverständnis der Szene klingt, geht es allerdings in der Realität nicht immer zu. Kalinka

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Nummern, Showgirls in opulenten Kostümen, Akrobatik und einer üppigen Portion Vintage schöpft das Ensemble aus dem Vollen. »Dekadenz und Leichtigkeit« sei das Motto. Burlesque ließ sich schon immer schwer auf eine einzige Ästhetik festlegen. Blickte man ins Jahr 1890 zurück, würde man sehen, dass die Kunstform damals noch wenig mit Nippel-Pastys und überdimensionalen Champagnergläsern zu tun hatte. Sie galt als eine Art von Parodie, in der vermeintlich Hochkulturelles ins Lächerliche gezogen wurde. Im New York der 1920er rückten dann Erotik sowie Nacktheit mehr und mehr in den Fokus. Mit der Zeit verloren elaborierte Revuen aber zunehmend an Bedeutung und die rechtliche Lage für Striptease spitzte sich zu. Es musste auf kleine Bühnen im Underground ausgewichen werden.

»Das Empowernde kommt von dir, aber das Gegenüber wird dich immer sexualisieren. Das muss dir bewusst sein.« — Kitty Willenbruch

Für Kitty Willenbruch muss bei ihrer Revue nicht immer alles glamourös sein.

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»Burlesque ist kreative Entfaltung. Man kann in jede Rolle schlüpfen« — Kalinka Kalaschnikow

Das Vienna Boylesque Festival wurde 2014 von Jacques Patriaque gegründet.

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Männer in der Szene Eine Kunst, die mit gesellschaftlichen Erwartungen spielt, lädt natürlich auch dazu ein, Geschlechterstereotype zu zerlegen. Burlesque ist schließlich nicht nur Frauen vorbehalten. Stehen Männer auf der Bühne, wird von Boylesque gesprochen. In Wien stößt man da schnell auf Jacques Patriaque – sein Name fiel auch in den Gesprächen mit Kitty und Kalinka. Lange habe er nicht allzu viel Gesellschaft gehabt, erläutert der Performer: »Ich fühlte

mich meiner Zeit voraus.« Viele hätten ihn anfangs vermutlich für eine Art Chippendale gehalten, also einen braungebrannten Stripper mit Waschbrettbauch. Auch wenn Jaques diesem »Idealbild« nicht entspricht, habe ihn das nie sonderlich tangiert: »Ich bin da. Akzeptiert das. Ich wollte immer zeigen, dass jede*r Burlesque machen darf.« Mit dem Vienna Boylesque Festival schuf er deshalb 2014 einen Ort, an dem Performancekünste in großer Breite zelebriert wurden. Burlesque traf auf Boylesque, Drag auf Artistik, die Grenzen durften auch gerne verschwimmen. Der Bruch mit Klischees verbindet viele dieser Künste ja ohnehin. Die wohl größte Grenze einer scheinbar grenzenlosen Kunst ist aber eine ziemlich profane: Glitzer kostet Geld. Raummiete und Kostüme tun das auch.

Keine billige Nummer Jacques konnte seine Veranstaltung ohne ausreichendes Sponsoring nicht weiterführen. Biba kann von ihren Auftritten allein nicht leben. Und Kitty schätzt, dass achtzig Prozent in der Szene einem Nebenjob nachgehen würden. Vor rund einem Jahr habe sie selbst ihre Revue vorerst einstellen müssen: »Ich möchte kein Ticket um neunzig Euro verkaufen. Gleichzeitig möchte ich gute Gagen zahlen. Das ist meine Überzeugung und das kann ich aktuell nicht mehr gewährleisten.« Zu den vermuteten zwanzig Prozent, bei denen der Nebenverdienst irgendwann wegfällt, zählt Kalinka. Trotzdem: »Anfangs kaufte ich mir statt Essen lieber erst noch eine lebensgroße Elefantenfigur für eine Nummer. Ich steckte alles in die Kunst.« Die Leichtigkeit, die Burlesque während der Vorstellung vermittelt, gilt also häufig nicht für den Alltag der Performer*innen. Von Zeit zu Zeit müssen dementsprechend neue Wege eingeschlagen werden. Kitty Willenbruch bespielt mit ihrer »Titten Würstel Show« derzeit den Wiener Würstelstand bei der U-Bahn-Station Spittelau, Kalinka Kalaschnikow entwickelt laufend neue Konzepte für den Cirque Rouge, Biba Belula reist mit ihren Acts durch Europa und Jacques Patriaque liebäugelt mit einem Comeback des Boylesque Festivals. Kitty sieht diesen ständigen Wandel positiv: »Es ist gut, den Blickwinkel zu ändern. Das bringt uns als Menschen ja weiter.« Stillstand würde zu einer Kunst, die sich so ungern etwas vorschreiben lässt, ohnehin nicht gut passen. Simon Graser

Aktuelle Informationen zu Auftritten der genannten Burlesque-Performer*innen finden sich auf deren Instagram-Kanälen. Tickets für den Cirque Rouge gibt es unter www.cirquerouge.at.

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Uschi Pix, Berni Gogo

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hat seit mehreren Jahren Probleme, kurvige Performer*innen für ihre Produktionen zu finden. Vor allem solche, die Burlesque hauptberuflich oder zumindest mit so viel zeitlicher Flexibilität betreiben, dass sie die Proben für die Cirque-Rouge-Shows stemmen können. In ihrem Kursprogramm Burlesque Academy beobachtet sie, dass es an Vorbildern fehlt: »Wenn wir curvy Gastlehrerinnen haben, kommen plötzlich mehr curvy girls in unsere Kurse. Man muss, glaube ich, die Plattform schaffen.« Kitty erlebt, dass Vielfalt nicht für alle gleichermaßen ins Bild passt: »In der Salon Kitty Revue ist es uns gut gelungen, alle Arten von Körpern zu zeigen. Umgekehrt hieß es dann immer wieder, wir seien keine richtige Burlesque-Revue, weil bei uns nicht nur schlanke Frauen auf der Bühne stehen würden.« Von ihrem Anspruch, genau diese Diversität zu ermöglichen, habe sie das allerdings nicht abgebracht.

Special Bühne

Biba Belula tritt auch international auf und beobachtet deutliche Unterschiede in den Szenen.

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2026/27 OPER & OPERETTE La Damnation de Faust • La Bohème • Rusalka

Elektra • Monster’s Paradise • Così fan tutte • Im Weißen Rössl MUSICAL Tom Sawyer • Perfect Match BALLETT GRAZ Ikarus Romeo & Julia • Follia! • Fremde Heimat • Next Generation KONZERTE Ewig! • Advent! • ¡España! • Götterfunken! • Fantastique!

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LYRIK — HANNAH K BRÜNDL

Splittermovie Die Wiener Autorin Hannah K Bründl schreibt Gedichte, die sich nicht mit dem Sagbaren zufriedengeben. Was im Weg steht, wird mit Zitaten über Sprache zu Splittern der Erkenntnis zerschmettert. Eine kleine Auswahl noch unveröffentlichter sowie bereits erschienener Lyrik.

geborgen im holz, den brüchigen böden, den gebilden

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das sprechen : es ist dir in stücke gegangen bist knöchern geworden, besser ein messer1, ein waagrechtstehen gegen den schlund grund dann, erde dreck, vor allem anderen oder das land beschreiben, dieses land, wo wir uns weiterhin in der gleichen sprache sprechen2, wo sonst nichts gilt es muss etwas geblieben sein dort wie soll nun auf boden getreten, auf welchen boden denn und wer liegt darin wenn der tag fällt, hier mich befunden hier mich ausgelöst

———————— unter einem weichen himmel, wo abgewartet werden kann es soll leichter werden bald : die eigenen herzstellen und zerfahrene routen ein haufen fertiger sätze, die fäden ziehen gnadenlos wie : es tut mir leid wie : wie geht es dir? wie : ich hoffe, du hast es gut wie : schlaf gut, guten morgen ich komme nicht, um über etwas zu sprechen ich komme, um daneben zu sprechen3 was jeden tag sei, sei nun keine geschichte wert vielleicht aus der tiefe oder den jüngsten nachrichten vielleicht eine fehlende seite, vielleicht ein kurzer sommer

in der schönen sprache : nistplatz ich erinnere mich nicht an aufwachsen außerhalb ich erinnere mich an übereinkommen, zersplittertes zwischen bergen immer ist es dieselbe stimme vertraut gemacht wurde, was einen herreißt heim, heißt es, liebe : passen sie auf sich auf4, anstatt sie zu beantworten, versandte sophie calle diese an sie gerichtete erklärung an 107 frauen hinter den nachrichten hinter allen worten deine zunge anstatt meiner, wie sagst du?

———————— als wären dir die worte für den mund noch nicht blutig genug widergeformt, es will ihnen kein inneres werden ich sage nicht, dass ich verstehen kann erzählungen: ein beinhaus natürlich wird es immer die sprache von tätern sein wer sonst wäre ihr denn erbberechtigt? ob sie für anderes taugen, ob sich herznahes in ihr, es muss jedenfalls anders gesprochen jedenfalls nicht mehr »erzählt« werden nicht mehr derart natürlich war in dieser sprache wahr zu reden dir unmöglich

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Hannah K Bründl, 1996 in Steyr geboren, lebt in Wien. Sie schreibt Lyrik, Prosa sowie Theater- und Performancetexte. Ihre Arbeiten wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen das Theaterstück »Tender«, das 2026 am Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde, und der Lyrikband »Schilfern«, der 2025 im Ritter Verlag veröffentlicht wurde. Daraus stammen auch die letzten drei Gedichte auf dieser Doppelseite. Demnächst steht das Romandebüt der Autorin an, die ihr poetisches Schaffen am »Kreuzungspunkt von Sprache und (weiblichem*) Körper« verortet.

selbstverständlich, sagte svevo, es ist klar dass mein leben ganz anders aussehen würde wenn ich es in meinem dialekt hätte erzählen dürfen5 ein sprechen, nach der schrift, statt nach haut und rissen gefühlt, was es eben heißen könne um den verstand zu bringen und die ursache dafür

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Zur Person

jetzt bin ich deine tochter, dein anlass deine abwechslung jetzt bin ich dein makel oder der makel deines tritts, deiner erde bin deine zunge und das bild, auf das du blickst ich bin die zeilen, die du schreiben kannst, aber nicht hoffen ich bin dein unendliches tasten nach vergangenheit und dein zerkohlter schnee deine stunden, das blut, das du aus den venen presst, dein flussaufwärts, deine geheime rechenschaft, aug um aug, splitter

das kind, das du liebst die frau, die du verachtest der hund unter deiner hand

Manfred Gram

El Menges

ich bin dein verfehltes ziel, die verletzungen deines körpers ich bin all die großen worte und der verrat das hadern, die gedanken an luft, an schande bin ich zwei flüsse, zwei vögel ich bin dein reichtum, dein wahn, wieder und wieder

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jetzt bin ich am leben und brenne wie leben nun einmal brennt schlage all meine knochen aus, meine bitten gesperrt wie ein herz im brustkorb getragen gestirn, sagst du dafür fällt man, stürzt man sich eben, mit allem, das man hat wasser im fluss aber du weißt, kein wasser hier

———————— Hilde Domin Luce Irigaray 3 Trinh T. Minh-ha 4 Sophie Calle 5 Italo Svevo 1

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Gewinnen thegap.at/gewinnen 2

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1 Funko Pop! × Sabrina Carpenter Wer für den morgendlichen Espresso noch passende Gesellschaft sucht, kann sich jetzt eine Miniaturausgabe von Sabrina Carpenter auf das Nachtkasterl, den Küchen- oder Schreibtisch stellen. Damit bekommt short n’ sweet direkt eine neue Bedeutung. Für Fans und Sammler*innen, die please, please, please eine Figur des Popstars gewinnen möchten: Wir verlosen drei Exemplare.

2 Claus Oistric »Drüben im Dritten« Die Arena Wien feiert ihren fünfzigsten Geburtstag! Passend zum Jubiläum hat Claus Oistric fünf Jahrzehnte Livemusik, Protest und Subkultur zwischen zwei Buchdeckel gepackt und zeitgeschichtlich eingeordnet. Für »Drüben im Dritten« hat er mit Wegbegleiter*innen wie Patti Smith oder Bilderbuch und den Menschen hinter den Kulissen gesprochen. Wir verlosen drei Exemplare.

3 Silvia Pistotnig »Alles mit Eigengewicht«

64th V IENNA INTERNATIONAL FILM FESTIVAL

Die Essays aus dem Hause Wasser Publishing nehmen sich »Raum für sanften Widerstand«. Neu im Programm ist unter anderem Silvia Pistotnigs atemloser Text »Alles mit Eigengewicht« über Körperbilder und Vergänglichkeit. Fühle ich mich wohl in meinem Körper? Bin ich zufrieden mit ihm? Kann ich akzeptieren, dass er sich verändert? Wir verlosen drei Exemplare.

4 »Exit 8«

22. Oktober– 3. November PROGRAMM AB 13. OKTOBER TICKETS AB 17. OKTOBER

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Ein Mann (Kazunari Ninomiya) hat sich in den neonbeleuchteten, scheinbar endlosen Gängen einer U-Bahn-Station verirrt. Um aus dem unterirdischen Labyrinth zu entkommen, muss er die Regeln des Ortes entschlüsseln – und den »Exit 8« finden. Genki Kawamuras Videospieladaption sorgte unter anderem in Cannes mit Liminal-Space-Horror für Furore. Wir verlosen drei Blu-rays.

5 »This Is England« Der Film »This Is England« (2006) von Shane Meadows begleitet den zwölfjährigen Shaun (Thomas Turgoose), der im England der frühen Achtziger Anschluss sucht. Diesen findet er auch relativ rasch, allerdings ausgerechnet in einer Skinheadclique. Eine Geschichte über rassistische Gewalt, rechte Ideologien und darüber, welchen Preis man zu zahlen bereit ist, um dazuzugehören. Wir verlosen zwei Blu-rays.

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Rezensionen Musik Bibio & Dorian Concept Die Bilder und Erlebnisse, auf die »Answers« mit einem musikalischen Ausdruck reagiert, sind in meinem Kopf eher klischeehaft. Was auch an den Videos liegt, die in der Entstehung dieses Albums eine große Rolle gespielt haben: Es sind Videoaufnahmen im EightiesStil, in denen Personen durch die Natur wandern und Ausflüge abseits eines Großstadtalltags machen. Verspielt. Vielleicht nostalgisch. Jedenfalls scheint es so, als wäre die Musik die Antwort auf diese Eindrücke. Die musikalische Folge dieser Inspiration und Reflexion von Emotionen. Auch die Songtitel deuten das an – von »Womb Glow« über »Hammock Portal« bis »Pomegranate«.

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Answers Warp Records

Warp Records

Sound als Antwort

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Bibio und Dorian Concept haben im Laufe ihre Karriere schon viele musikalische Wege ausprobiert, dabei immer ihre eigenen Zugänge gefunden und nicht zuletzt aufgrund ihrer Eigenständigkeit international begeistert. Auf »Answers« machen sie dies nun gemeinsam. Der akustischen Gitarre und den verspielten Keyboardklängen wohnt etwas Leichtfüßiges inne, eine Unernsthaftigkeit, eine kindliche Verweigerung, sich vom gerade Wesentlichen ablenken zu lassen. »Answers« hat damit eine musikalische Haltung, die auch als Leitlinie für den Alltag dienen könnte. In seiner Soundästhetik erinnert das Album an Musik, die Anfang des Jahrtausends etwa auf dem deutschen Label Morr zelebriert wurde. Meist sanfte Klänge, die einen Widerspruch zwischen Elektronik und akustischen Instrumenten verneinen. Beeindruckend sind die Produktionsfähigkeiten von Bibio und Dorian Concept, was sich insbesondere darin zeigt, wie die einzelnen Klänge hier herausgearbeitet werden, um dann so leicht und niemals steril zusammenzuwirken. Entstanden ist das Album online. Stephen Wilkinson (Bibio) in Großbritannien, gerade aufs Land in Wales ziehend, und Oliver Johnson (Dorian Concept) in Wien schickten die Tracks hin und her. Vielleicht erfinden die beiden hier wenig neu. Sie verlassen sich aber auch nicht auf Vorhandenes, sondern es geht ihnen um die Verarbeitung von Eindrücken und die Haltung, mit der diesen begegnet wird. Das gelingt auf einem absolut meisterhaften Niveau und macht »Answers« zu einem nachhallend beeindruckenden Werk. (VÖ: 16. Oktober) Martin Mühl

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Anda Morts

Austrofred & Kurt Razelli

Hektomatik Phat Penguin Records

Sanfte Krieger Wohnzimmer Records

Der Sommer ist vorbei, Deadlines stehen an, alles wird ungemütlicher: Mit Herbstbeginn scheint unser Leben oft nur noch aus Durchwursteln durchs alltägliche Chaos zu bestehen – und Bürokratie sowie Leistungsdruck sind dabei die Energieräuber*innen schlechthin. Moralische Unterstützung liefern Anda Morts mit ihrer ersten Singleauskoppelung »Halbes Jahr« und sie legen gleichzeitig auch den Kern ihres neuen Albums »Hektomatik« frei. Frontman Andreas Schneider singt darin ehrlich und witzig von den existenziellen Zuständen und Gefühlen, die der oft skurrile Alltag so mit sich bringt – mit Zeilen über das Scheitern, das Nichtwissen und das Schwer-aus-dem-Bett-Kommen.

Das »Abkulten« ist ja den im doppelten Sinne gemeinen Österreicher*innen eine nicht unvertraute, fast schon inhärente Kulturform, da wird alles so »abgekultet«, dass du dich fragst: »Ist das noch Kulturgut oder schon Sekte?« Aber, ihr werdet es euch schon denken können, in diesem Fall gehört das Werfen mit Superlativen zum guten Ton: Der Austrofred, der Freddie Mercury vom Voralpenkreuz, und Kurt Razelli, die vielleicht größte heimische Trash-TV-Legende, veröffentlichen ihre zweite Zusammenarbeit und auch diese ist ein Sammelsurium von guten Tönen. Ganz der gewohnten und logischen Arbeitsteilung nachgehend ist für die klanglichen Eskapaden der Maskenmann zuständig. Der Natur des Fredls schmeichelnd, hört sich das vor allem nach Stadionpop an. Mitunter wirkt dieser sogar ziemlich synthrockig und es wird, fast schon entgegen der Razelli-Brand, weniger ge(re)mixt als beim Backen einer Biskuitroulade – schmeckt aber im Ergebnis mindestens genauso fluffig. Tipp: Mineralwasser vom Vortag in den Teig.

Alltagsgeschichten Im eingespielten Indiepunk-Sound führt das Album durch zehn schnelle Tracks. Dabei ähnelt das Hören von »Hektomatik« dem Lesen eines Tagebuchs mit Einträgen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten. Einmal geht es um die Situation, in ein wichtiges Gespräch verwickelt zu sein, gerade wenn die richtigen Worte fehlen. Ein anderes Mal um die Oma, die nach dem Tod ihres Mannes in ihrer Persönlichkeit wieder aufblüht. Und dann darum, ins Straucheln zu geraten, weil man die Miete nicht mehr bezahlen kann. Oder um dreizehn mühsamen Tage, die man im Krankenhaus verbringen musste. Kurzgesagt: Unser Dasein kann wirklich überfordernd sein. Anda Morts wissen das und bejahen das Leben trotzdem – in all seinen Facetten. Daraus wird im letzten Track »Es ist laut« schlussendlich die existenzielle Erkenntnis gezogen: »Ja vielleicht wird’s scheiße, aber hey wir haben’s versucht.« (VÖ: 16. Oktober) Selma Hörmann Live: 13. Oktober, Linz, Kapu — 14. Oktober, Linz, Kapu — 3. März, Wels, Schlachthof

Schmäh ohné Was da noch dazukommt, ist natürlich die – Schmäh ohné – exzellente Textkunst eines Austrofreds. Da sind Geschichten dabei, das glaubst du nicht, obwohl sie auf empirischen Tatsachen beruhen: So wird etwa aus Musyl & Joseppas Austropop-Klassiker beziehungsweise aus Peter Roseggers Poem in Form von »Ein Friend ging nach America« ein Abgesang auf transatlantisches Sehnsuchtsgejohle unfreiwilliger Flughafenmenschen. Und schnöd-festliches Lametta wandelt sich vom Unschuldssymbol zum Schuldbeweis für den Ehebruch mit dem Juniorchef. Das hat dann schon ein Storytelling Kreisky’scher Ausmaße, die auch dem letzten Album von Franz Adrian Wenzls Hauptkapelle nicht schlecht gestanden hätten, hier nur größtenteils im Dialekt vorgetragen. Dass da natürlich der Spaß nicht zu kurz kommt, darf als selbstverständlich betrachtet werden. Die Kombi sollte man sich übrigens durchaus auch live geben, da werden alle (Lach-)Muskelgruppen beansprucht, dagegen ist Zirkeltraining ein Halbkreis. (VÖ: 16. Oktober) Dominik Oswald Live: 20. November, Steyr, Röda — 24. November, Wien, WUK — 14. Jänner, Linz, Posthof — 16. Jänner, Graz, Orpheum Extra

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Nick Limberger, Ingo Pertramer, Marie Luise Baumschlager, Lukas Gansterer

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Rezensionen Musik

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Nick Limberger, Ingo Pertramer, Marie Luise Baumschlager, Lukas Gansterer

Rezensionen Musik

Beaks

Bilderbuch

Aldie Dottidot

Mit »Aldie« releast Anna Francesca das Debütalbum ihres Postpunk-Projekts Beaks. Der schwer zuordenbare Titel wird als Akronym klar: »A Little Death Inside the Eyes« steckt in Anlehnung an Pete Dohertys Song »A Little Death Around the Eyes« voller persönlicher Krisen und Turbulenzen der letzten Jahre. In einem transkontinentalen Schreibprozess hat die Musikerin Songs über die Koexistenz von Ekstase und Abgrund sowie über einen Weg aus dieser Ambivalenz geschaffen. Der Opener »Dogs and a Tambourine« hat den gewohnt gelangweilten Sound einer Post-Generation, immer wieder untermalt mit Störgeräuschen im Instrumentalteil. »Ty (Robbed the Bank)« klingt dank einer helleren Gitarre dann fast idyllisch und lässt das mehrfach gemurmelte »I love my friends« nahezu warm wirken.

Der Weg hinaus Das Album liefert aber nicht nur, was man von Beaks bereits kennt, sondern auch völlig neue Eindrücke. Der erste große Ausreißer ist Track Nummer sechs: »Du erinnerst mich an mich (feat. Bibiza)«. Während Beaks englischsprachige Nonchalance eine Soundwelt aus wallenden Klängen erzeugt, unterbrechen kleine deutsche Einsprengsel von Bibiza das Spiel. Sein Refrain ist im Vergleich zum restlichen Song dann fast überstimulierend. Zu knallenden Drums konterkariert Bibizas leichtes Raunzen Beaks’ monotone Wiederholung. Das Album erforscht die Dunkelheit der eigenen Gefühle, etwa wenn auf »A Sad Song« immer eindrücklicher »Run!« gerufen wird oder verzerrte Stimmen auf »Killing a Centipede« den Schmerz herausschreien. Den Weg aus diesen ganzen Gefühlsturbulenzen bietet schließlich »ABCDEFGWTFIWWM«, in dem Anna Francesca über einem lockeren Beat im Stile von »Blitzkrieg Bop« von den Ramones die Frage stellt: »What the fuck is wrong with me?« Als Alternative zur Hingabe an die Verzweiflung bietet das Album zwar schlussendlich keine Lösung an, es nimmt den Ängsten und Problemen jedoch durch den versöhnlichen Sound des letzten Stücks ein wenig das Gefährliche und bietet so doch einen Ausweg aus der konstanten Überstimulation. (VÖ: 13. November) Nico Rottenbücher Live: 21. November, Wien, Kollektiv Kaorle

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Synthesizerfanfaren ertönen, ein wie für das Stadion gemachtes Schlagzeug setzt ein und Maurice Ernst singt mit verfremdeter Stimme davon, einen Striptease hinlegen zu wollen. Kurz könnte man denken, Bilderbuch kehrten auf »∞+1« in die Ära des futuristischen Pop der Alben »Schick Schock« und »Magic Life« zurück. Schon nach einigen Takten des Openers »Finstere Erleuchtung« legt sich aber eine Schwere über den Track, die sich durch große Strecken des Albums zieht und einen deutlichen Gegensatz zum Überschwang früherer Tage darstellt. Bilderbuch waren mit ihrem Sound eigentlich immer der Zukunft zugewandt – nur sieht die im Jahr 2026 einigermaßen finster aus. Das schlägt sich auf die Musik nieder und ist besonders stark im Song »Irgendwo« zu hören: Zu finster dröhnenden Gitarren und einem stampfenden Stakkatobeat singt Ernst von Krieg in der Ferne und Drohnen am Himmel. Im Refrain heißt es dann doppeldeutig: »Irgendwo brennt immer ein Licht.« Und tatsächlich: Trotz aller Härte und Finsternis, scheint auch etwas Zugewandtheit und Hoffnung durch den Track. Dieses Vereinen von Gegensätzen ist eine große Stärke der Band. »Irgendwo« ist ein erstes Highlight auf »∞+1«, das die Band mit einem sehenswerten, surrealen Videoclip gekrönt hat.

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∞+1 Maschin Records

Bauch, Beine und Lobotomie Weniger brachial, dafür umso tanzbarer sind die beiden anderen Vorabsingles »Zahlen als Beweis« und »Push Reality«. Letzteres ist eine sarkastische Bestandsaufnahme der immer extremer werdenden Selbstoptimierungskultur zwischen Ozempic und Schönheits-OPs. Oder wie Bilderbuch es ausdrücken: »Bauch, Beine und Lobotomie«. Musikalisch ist der von einer minimalistischen Bassline und hypnotischen Synthesizern dominierte Song ein Glanzstück, das hoffentlich dank wagemutiger DJs seinen Weg in die Clubs des Landes finden wird. An anderen Stellen ist das Album weniger auf klare Songstrukturen und mehr auf Atmosphäre konzentriert. Dies und der häufige Einsatz von Stimmverzerrern machen das Hören von »∞+1« auf Dauer recht fordernd. Trotzdem bietet es einige äußerst starke Songs und zeigt, dass die Band auch nach vielen Jahren im Geschäft experimentier- und spielfreudig geblieben ist. (VÖ: 9. Oktober) Conor Körber

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Rezensionen Musik

Die Buben im Pelz

Mwita Mataro

Die Pelzerten sagen zwar nicht dem Dasein Lebewohl, verabschieden aber endgültig den Reed Lou und seine Partie in die historischen Coverjagdgründe und kommen im Jahr 2026 wieder mit ausschließlich eigenen Liedern um die Ecke. Um dieselbe bringen sie gleich einmal die ganze Resthoffnung, die noch irgendwie in uns zu schlummern droht, und setzen dem das wohl Einzige entgegen, worauf wir uns einigen können: Es ist schon ziemlich oasch da. So steht den Buben der Dichter Jean Paul (nicht Sean Paul, verehrte Lesende) aus dem achtzehnten Jahrhundert Pate, der sagte: »Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.« Das zieht sich quasi als Mantra durch die Platte, weil man schwer leugnen kann, dass da viel mit dem Vergänglichen kokettiert wird. Früher war alles natürlich irgendwie besser, da gab’s einfach ganz viele Sachen nicht, die jetzt alles ein bisschen mehr oasch machen. Das ist nicht konservativ, das ist 2026 wohl eher eine evidenzbasierte Bestandsaufnahme, deren empirische Argumentation zu liefern, die Buben nicht zu faul sind und gleich mit Fakten unterfüttern. Quasi ein bisschen eine Reminiszenz an »Alles muss zu einem Ende kommen« vom letzten Album der Vorgänger-Neigungsgruppe. Das ist schon dark.

Mit seinem Solodebütalbum »Austrodrama« bereichert Mwita Mataro die Wiener Musikszene um die Gedanken eines lokalen Virtuosen. Nachdem er bereits mit der Band At Pavillon und zuletzt mit dem Kinofilm »Austroschwarz« Bekanntheit erlangt hat, wagt sich Mataro nun mit in Deutsch gehaltenen Geschichten über intime Liebesbeziehungen und die eigene Identitätsfindung auf eine weitere Etappe seiner künstlerischen Reise. Das Album ist voll mit rockigen Songs und eingängigen Hooks. Und gleich der Opener »Grüße Sie« zeigt auch inhaltlich, was hier zu erwarten ist. Mataro bittet die Hörenden mit der titelgebenden Ansage nämlich nicht nur ins Album herein, sondern zeichnet gleich auch ein Bild seiner erlebten Erfahrungen. Da geht es etwa um Bewirtung beim »Standl-Peppi« oder die Nachricht an die eigenen Eltern, dass er es nun endlich als Künstler in Österreich geschafft habe.

Alles oasch, aber Auswege gibt’s tatsächlich nur wenige, Eskapismus ist einer davon, hör dir mal das von Christian Fuchs gesungene »I bleib am Mars« an. Die Überlegung hat schon ihren Reiz, aber man muss auch aufpassen, wer da oben dann alles ist. Zweiter Ausweg ist selbstredend die Liebe, Aussprache mit Meidlinger L, die auf »Menschen ohne Freunde« vor allem in Form des sehr, sehr guten Liedes »Für di« (gesungen von Bernd Supper) daherkommt. Verpackt in schönen Tweepop, ganz anders als der ansonsten sehr darkfolkige, leicht großmäulige Rock, gelingt ein kleiner romantischer Sommerhit mit wirklich superschönen Zeilen: » I måg, wennst trinkst, i måg, wennst nåschst, wenn du die Chips aufmåchst / Die Pringles, die i kauf, die san ålle nur für di«. Natürlich schon leiwand, wenn du so wen hast. Trotzdem grundsätzlich alles, wie gesagt: oasch. Also die Welt. Das Album dezidiert nicht. (VÖ: 30. Oktober) Dominik Oswald

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Austrodrama Las Vegas Records

Austroempowerment Der Albumname und der Titeltrack sind eine offensichtliche Referenz auf den Kinoerfolg des Musikers und Regisseurs. Facetten seiner Persönlichkeit erforschend beschreibt Mwita Mataro in dem Song die Vorfreude darauf, zum ersten Mal mit seinem Vater über das eigene Liebesleben zu reden – eine Folge des Films. Mwita Mataro macht sich hier selbst zum Thema und beschreibt das Empowerment, das er durch »Austroschwarz« erlebt hat: »Ich danke dir / Nur wegen dir / Seh ich mich in einem anderen Licht«. Zwischen Identitätsfindung und Ausgrenzung (»Schwarzer Hase«), den Wirrungen der eigenen Gefühle (»Magdalena«) oder Rückblicken in die Kindheit (»Was ist das für ein scheiß Geschwisterstreit«, »Als wir Kinder waren«) ist Mwita Mataros Solodebüt eine inhaltliche sowie musikalische Bereicherung. Die Songs wirken dabei wie kleine Gucklöcher ins Private und zeigen ein besonderes Gespür für Dramaturgie. Das sehnsüchtige Singen des Namens »Magdalena« oder der Aufschwung des ersten Refrains von »4 Uhr nachts« demonstrieren Detailverliebtheit und erweitern Mwita Mataros künstlerische Palette um ein weiteres Projekt – eines voller »Austrodrama«. (VÖ: 23. Oktober) Nico Rottenbücher Live: 3. Oktober, Kirchdorf, Bar-Café Hildegard — 21. Oktober, Graz, Music-House — 26. Oktober, Wien, B72

Georg Cizek-Graf, Gabriel Hyden, Steaming Satellites

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Menschen ohne Freunde Noise Appeal Records

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Georg Cizek-Graf, Gabriel Hyden, Steaming Satellites

Steaming Satellites The Great Lime Paradigm The Instrument Village

Es gleicht einem Durchrauschen durch die süßesten Kindheitserinnerungen, während der Fatalismus unserer Gegenwart beim Blick aus dem Fenster plötzlich ganz klein wird. Mit einer Kapsel ins Weltall geschossen, hat man nur die cozy Gefühle mit an Bord: unbeschwerte Sommermonate im Freibad, die ersten richtig dicken Freund*innenschaften, die sich bis ins Jetzt ziehen. Fotos der besten Faschingskostüme schmücken die Wände, während draußen die Welt in der Ferne verschwimmt. Es ist warm, bunt und feierlich hier oben, wo man der erdrückenden Schwere, die eine*n beim Öffnen der Nachrichten am Smartphone empfängt, für knappe vierzig Minuten entkommen kann. Zum zwanzigjährigen Jubiläum lösen sich Steaming Satellites mit »The Great Lime Paradigm« etwas von ihrem oft kraftvoll-satten Sound, ohne dabei an Intensität einzubüßen. Zwischen Indie und Alternative, psychedelischem Spacerock, Garage und kleinen Dub-Ausflügen wird diesmal jedenfalls weniger geschwelgt als losgelassen. Gitarren dürfen fuzzy sein, Rhythmen treiben nach vorne, Melodien schweben irgendwo dazwischen. Nach zwei Jahrzehnten klingt das stellenweise fast so unbeschwert, als hätte die Band gerade erst angefangen, gemeinsam Musik zu machen.

Weg mit dem Ballast »The Great Lime Paradigm« ist eine Einladung, die Augen kurz zu schließen und sich zurückzulehnen in diese wohlig-warme, fuzzy Chaiselongue, die Musik manchmal sein kann und vielleicht gerade dann sein muss, wenn alles andere um einen herum zu zerbröckeln droht. Dabei ist das hier trotzdem kein hundertprozentiges Happy-PeppiAlbum, das die Schwere einfach ignoriert oder kleinredet. Sie bleibt irgendwo da draußen bestehen, darf für elf Tracks aber einmal durch das Kapselglas betrachtet werden. Und wenn die Luke wieder aufgeht? Ist die Welt vielleicht noch genauso mühsam wie vorher. Man selbst aber ein bisschen leichter und vielleicht sogar besser gerüstet, wieder einen Fuß hineinzusetzen. (VÖ: 25. September) Ania Gleich Live: 21. Oktober, Wien, WUK — 22. Oktober, Graz, PPC — 23. Oktober, Linz, Posthof — 11. November, Dornbirn, Spielboden — 13. November, Salzburg, Rockhouse

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Termine Musik

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Ebow Die »Butch in ’nem Tank(top)« ist zurück. Ebow rappt brutal ehrlich über das politische Klima, queere Liebe und Rassismus. Neben sicken Rap-Bars, die einem regelrecht entgegen gespittet werden, findet sie stets auch Platz für spielerisch-verträumten R&B sowie Cloudrap. Auf ihrem sechsten Studioalbum »Typologie eines Lebens« zeigt sich die Rapperin so persönlich wie noch nie – und sie hat erstmals maßgeblich mitproduziert. 23. Oktober Wien, WUK

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Seit mittlerweile zehn Jahren bringen Heckspoiler die Boxen mit Metalpunk im Dialekt zum Scheppern. Ihre Leidenschaft, dem Publikum arge Gitarrenriffs und wilde Schlagzeugrhythmen um die Ohren zu hauen, befriedigen sie auf der anstehenden Tour. Zur großen Jubiläumsparty lädt das Duo in seinem »Heimathafen« Linz. Man darf sich auf diverse Bühnengäste freuen. 24. Oktober Bruck an der Mur, Daarktoberfest — 31. Oktober Ebensee, Kino — 11. Dezember Linz, Kapu — 22. Dezember Wien, Arena

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Termine Musik Pussy Riot Bunte Sturmhauben, Aktivismus und wenig Angst vor Putin: Das russische Frauenkollektiv Pussy Riot macht seit 2011 politischen Widerstand zur Kunst. Auf seinem ersten richtigen Album »Cyka« (auf Deutsch: Schlampe) trifft Protest auf klirrende Hyperpop-Beats. Dazwischen werden die Finger in sämtliche Wunden gelegt und Zensur, Faschismus sowie Autorität kritisiert. 13. Oktober Wien, Flex

H. P. Zinker Nach 31 Jahren Pause stehen H. P. Zinker wieder auf der Bühne. Die Band wurde Ende der Achtziger von den Innsbruckern Hans Platzgumer und Andi Pümpel in New York gegründet. Sie mischte erfolgreich in der dortigen Alternative- und Noise-Szene mit. Den ikonischen Sound will Platzgumer nun unterstützt durch Bassist Chris Laine und Drummer Micky Sneyder wieder aufleben lassen. 17. Oktober Wien, Chelsea

Mykki Blanco

Simon Graser

Klara Johanna Michel, Nikolaus Ratay, Barracuda Music, H. P. Zinker, James Bantone, Justin Bach, Jonas Unden

Dass die oft ziemlich heteronormative Hip-Hop-Welt aufgemischt wird, haben wir unter anderem Leuten wie Mykki Blanco zu verdanken. Seit über einem Jahrzehnt trifft bei Blanco konfrontativer Rap auf Punkattitüde und Gender-Bending. Mal rotzig, mal überraschend zart und soulig. »We make love to the night / In the back of the club yeah we feeling alright.« 19. Oktober Wien, Das Werk — 20. Oktober Innsbruck, PMK

Panicbaby Die Songs von Panicbaby klingen, als hätte man sich in eine Fantasiewelt verirrt. In ihre verträumten Alt-Pop packt die Sängerin dabei aber jede Menge female rage. Auf der EP »F U Jonathan« sammeln sich ganz schön wütende Texte über gescheiterte Beziehungen, die kaum lieblicher gesungen werden könnten. Also darf eigentlich keiner böse sein … außer Jonathan vielleicht. 30. Oktober Wien, Das Werk

Ikkimel Ikkimel ist längst kein Berliner Untergrundphänomen mehr. Der Hype um die Rapperin wird immer größer und reicht mittlerweile weit über die deutsche Hip-Hop-Bubble hinaus. Mit dem neuen Album »Poppstar« legt sie jetzt nach: gewohnt provokanter »Fotzenrap« gepaart mit Beats, die ballern. Passend dazu geht es erneut auf Tour. Wer Tickets will, muss schnell sein. Poppstar eben. 15. November Wien, Gasometer

Wallis Bird

Placebo

Jungle

Wallis Bird zeigt sich gerne verletzlich, ohne dabei an Energie zu sparen. Die irische Wahlberlinerin singt, verpackt in akustischen Indie, sehr nahbar über Verlust, mentale Gesundheit sowie Selbstreflexion. Alles stets mit einer grundlegenden Lebensfreude. 9. Oktober Salzburg, Rockhouse — 10. Oktober Wien, Flucc

Der Film »Eiskalte Engel« wird nicht zuletzt aufgrund des Placebo-Songs »Every You Every Me« einer ganzen Generation in ewiger Erinnerung bleiben. Nun hat die Band eine Reissue ihres Debütalbums herausgebracht und reist mit ihrem glammy Alternative Rock quer durch Europa. 10. November Wien, Stadthalle

Jungle kennt man, selbst wenn man glaubt, sie nicht zu kennen: Ihre funky Neosoul-Songs begleiten unzählige ästhetische Tiktoks und InstaReels. Auf der Bühne entfalten sie dann einen umso stärkeren Sog. Und sogar neue Stücke klingen bei Jungle wie nostalgische Erinnerungen. 13. November Wien, Stadthalle

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Termine Festivals

3 Fragen an Eva Sangiorgi

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Festivaldirektorin Viennale Wie gehst du die Kuration jedes Jahr an? Hast du vorab schon ein Thema im Kopf? Die Viennale ist in ihrem Zugang sehr frei und hat die besondere Position, gegen Ende des Kino- und Festivaljahres einen Überblick bieten zu können. Was ich zu finden versuche, sind Filme, die zu mir sprechen und sich gleichzeitig gegenseitig zurufen. Es gibt zwar nie ein übergeordnetes Thema, aber in jedem Jahr finden sich Echos und thematische Zufälle. Mir ist wichtig, diese Zusammenhänge aufzuzeigen, weil das auf ein geteiltes Interesse, einen kollektiven Fokus hindeutet. Die Berufung von Filmemacher*innen ist es schließlich, beobachtend durch die Welt zu gehen und das Gesehene dann analysierend, interpretierend und diskutierend abzubilden. Was sind die Trends dieses Jahr? Welche Filme haben einander zugerufen? Aktuell scheint mir das Kino mehr und mehr jüngere Genrationen ansprechen zu wollen. Folglich finden sich im Programm einige Filme, die sich um diverse Aspekte von Jugend drehen – beispielsweise ihren Bezug zu Geschichte oder zum Digitalen. Konflikte sind derzeit ein weiteres wiederkehrendes Motiv, auch abseits von ganz konkreten geopolitischen Zusammenhängen. Damit verbinden sich dann Themen wie das Ende der Welt oder der Tod. Und zu guter Letzt gibt es einige Regisseur*innen – vor allem in der Generation Fünfzig plus –, die ihre eigene Cinephilie ausleben. Menschen, die dankbar fürs Kino sind, für diese idealisierte Welt voller Freund*innen und Weggefährt*innen, in der die Hoffnung noch existiert. Du hast in einem anderen Interview einmal gesagt, dass dich politische Filme interessieren. Ist das Programm der Viennale dein politisches Statement? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es sind die Filme, die sprechen, und ich bin nicht so mutig, das als mein persönliches Statement zu bezeichnen. Natürlich müssen die ausgewählten Filme meinen ethischen und politischen Ansprüchen genügen. Aber ich möchte gerade bei kritischen Themen immer möglichst viele Positionen und Meinungen einbeziehen. Viennale 22. Oktober bis 3. November Wien, diverse Locations

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Sonic Territories Wo Wasser fließt, verändert sich etwas. Unter dem Motto »Where Water Gathers« folgt Sonic Territories sieben Tage lang den klanglichen Strömungen Wiens. In Form von Konzerten, Performances, künstlerischer Forschung und gemeinsamen Mahlzeiten erkundet das Festival das Zusammenspiel von Wasser, Raum und Sound. So baut etwa das Duo Echoes of Softness (Bild) in seiner Performance einen klanglichen Spielplatz, der zum Verweilen einlädt. Und im Rahmen des Labors »Listening Collectively: Acoustic Flows« kann das Publikum das Festival sogar aktiv mitgestalten. Bespielt werden bei Sonic Territories eine Bandbreite von Orten – vom Donaukanal über Kirchenräume und das Otto-Wagner-Areal bis hin zu einem noch geheimen Plätzchen im Wald. 19. bis 25. Oktober Wien und Umgebung, diverse Locations

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Termine Festivals

Seit zwanzig Jahren blickt Hunger Macht Profite kritisch auf internationale Landwirtschaft und die Ursachen von Hunger. Dieses Jahr werden bei den »Filmtagen zum Recht auf Nahrung« unter anderem die Dokumentationen »Toxic Harvest« über südafrikanische Landarbeiter*innen und »Tevî her tiştî – Trotz alledem« über Kurd*innen in Rojava gezeigt. Das Festival startet im Admiral Kino in Wien und tourt anschließend durch Österreich. 15. Oktober bis 26. November Österreich, diverse Locations

Bernhard Frena, Simon Graser

Alexi Pelekanos, Hanna Fasching, Faozan Rizal, Rachel Zeigler

Bei Wien Modern dürfen heuer mal Mücken und Flöhe den Ton angeben. Denn warum sollten beim Motto »Im großen Ganzen« nicht auch die ganz Kleinen mitgemeint sein? Die 39. Ausgabe des Festivals für Neue Musik widmet sich Ökosystemen und rückt die Menschen in den Hintergrund. So wird in »Mit der Donau« von Pia Palme der Fluss zur Co-Komponistin. »Hutan« (Bild) holt hingegen die Klangwelt eines der letzten Urwälder nach Wien. Für akustische Artenvielfalt sorgen Klanginstallationen, Ausstellungen sowie diverse Ur- und Erstaufführungen. 30. Oktober bis 30. November Wien, diverse Locations

Natural Kamptal Egal ob halb voll oder halb leer – Anfang November ist in Straß jedenfalls Naturwein im Glas. Und weil es sich mit gut gefülltem Magen bekanntlich gemütlicher verkosten lässt, wird bei Natural Kamptal nicht nur in flüssiger Form aufgetischt: Neben 35 Winzer*innen aus allen Weinbaugebieten Niederösterreichs warten Fine Dining, Masterclasses und Paneltalks auf die Besucher*innen. 6. bis 9. November Straß im Straßertale, Weinkontraste und Kaiser’s Hof

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Wien Modern

This Human World Die Welt retten kann das Kino allein vermutlich nicht. Genau hinschauen und danach ins Gespräch kommen lässt es sich in ihm dafür ziemlich gut. Bei This Human World werden Geschichten erzählt, die im Alltag gerne aus dem Blick geraten. In vier Wettbewerbskategorien beschäftigen sich österreichische wie internationale Filmschaffende mit Menschenrechten. In Diskussionen soll das Gesehene dann weitergedacht werden. 26. November bis 5. Dezember Wien, diverse Locations

Queertactics Weil die immer gleichen Geschichten und Perspektiven ja irgendwann fad werden, gibt es Festivals wie das Queertactics. Zum siebten Mal werden dabei queer-feministische Filme auf die Leinwände Wiens projiziert, um Lebensrealitäten sichtbar zu machen, die sonst weniger präsent sind. Wer gerne eine Extraportion statt nur einer kleinen Prise Camp hat, wird mit der Slapstickkomödie »Lady Champagne« (Bild) Freude haben. Die Verleihung der Goldenen Medusa für den besten Kurzfilm zum Thema »Aktivismus Revisited« bildet den krönenden Abschluss des Festivals. 11. bis 15. November Wien, diverse Locations

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Rotlicht Festival Digital Detox, nur eben für Fotos: Beim Rotlicht Festival wird die analoge Fotografie zelebriert. Unter dem Motto »The Anthropocene: Hybrid Realities« thematisieren die diesjährigen Arbeiten, wie Mensch, Bild und Umwelt mit- beziehungsweise gegeneinander agieren. Neben der Hauptausstellung in der Akademie der bildenden Künste finden quer durch die Stadt verteilt Workshops und Talks statt. 27. November bis 6. Dezember Wien, diverse Locations

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Die Betrachtung von Kunst kann einen schnell ans Ende eines Spektrums bringen. Gut oder schlecht; vielsagend oder bedeutungslos; gegenständlich oder abstrakt. Monster Chetwynd findet mit ihrer vielseitigen Herangehensweise Grauzonen, die über das Künstlerische hinausgehen und gleichzeitig soziale Strukturen wie Bildung oder Geschlecht miteinbeziehen. In diesem Prozess verschwimmen auch die Grenzen zwischen verschiedenen Medien, Perspektiven, Interpretationsansätzen und mitunter sogar zwischen der Kunst und dem Publikum. Das Thema des Monströsen liegt nicht nur im Namen der Künstlerin, sondern ist in ihrem ganzen Werk sichtbar. Wobei es weniger um das Monster unterm Bett geht, sondern es werden vor allem die unangepassten Seiten des Menschen sowie die Grauzonen in uns selbst erforscht. 26. September bis 21. November Innsbruck, Kunstraum

Monster Chetwynd

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Termine Kunst

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Termine Kunst

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In der Nacht fühlt sich alles ein wenig anders an. In diesen stillen Stunden zwischen Schlaf, Gedanken und Wirklichkeiten finden sich auch die Szenen von Anja Korherr wieder. Eingefangen von ihrer Farbenfreude lässt man sich in das surreal anmutende Werk mitreißen – um in der Vielzahl der Perspektiven rasch die Orientierung zu verlieren. Die Künstlerin zeigt, wie man mit dem alten Vokabular der Kunst noch neue Bildwelten schaffen kann, die vertraut und fremdartig zugleich erscheinen. Die Unterscheidung zwischen Traum und Realität muss dabei jedoch allen selbst überlassen bleiben. bis 31. Jänner Graz, Neue Galerie

Claudia Larcher: No Applause. No Life. No Pain. Der Vorhang fällt, aber niemand applaudiert. Genau auf diesen Moment des Unangenehmen schaut Claudia Larcher: auf Arten, die verschwinden, auf Bilder, die von Maschinen stammen, auf eine Welt, die sich neu sortieren muss. Es entsteht eine eigenwillige Vanitas für das digitale Zeitalter, bei der man sich vor Augen führen muss, wie es weitergehen kann oder wird. Was verlieren wir? Oder können wir am Ende sogar gewinnen? Ein vielfältiger Ausblick auf unsere Zukunft. bis 7. Februar Linz, Francisco Carolinum

Blutregen: Fotografie und Waffenhandel Exponate aus der Sammlung des Weltmuseums, zeitgenössische Kunstwerke und historische Fotografien treten in einen Dialog, der sowohl unsere Vergangenheit als auch unsere Gegenwart darstellt. Waffe ist nicht gleich Waffe: Sie kann Gewalt und Unterdrückung bedeuten, aber sie kann als zeremonielles Instrument auch ein Zeichen für Widerstand und Autonomie sein. Auch das kolonialistische Erbe Wiens wird in dieser Ausstellung untersucht, behandelt und kontextualisiert. 29. September bis 18. April Wien, Weltmuseum

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Veronika Metzger Monster Chetwynd »The Trompe L’Oeil Cleavage«, 2025, Kunsthaus Zürich / Franca Candrian / Monster Chetwynd, UMJ / J. J. Kucek / Bildrecht Wien, Claudia Larcher, Peter Kennard, Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, Marie-Louise von Motesiczky / Albertina Wien / Tate, Torkwase Dyson

Anja Korherr: Nightshifters

Der große Michelangelo ist tot! Was passiert, wenn die Kunst nicht mehr weiß, wer das Sagen hat? Zwischen Regelwerk und Regelbruch, zwischen Pathos und Provokation zeigt die Schau, wie heftig um das Neue gerungen wurde und wie sich die Kunst im Streit zwischen Avantgarde und Akademismus wieder (er)finden musste. Dafür nutzt man sowohl alte als auch zeitgenössische Werke und wirft ein kritisches Auge auf die Akademie selbst. Ein Blick in die Vergangenheit, der viel über unsere Gegenwart aussagt. 2. Oktober bis 22. August Wien, Akademie der bildenden Künste

Her Story: Künstlerinnen der Albertina Aus der Sammlung der Albertina werden nun bewusst jene Werke ausgestellt, denen in der Kunstgeschichte sonst zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird – nämlich jene von Frauen. Statt History soll also »Her Story« erzählt werden. Diese Bestandsaufnahme der Sammlung umfasst Werke aus fünf Jahrhunderten: von der Habsburgerzeit bis in die 1970er-Jahre. Auf Basis diverser künstlerischer Ansätze und Positionen soll so ein feministischer Gegenkanon geschaffen werden. 13. Oktober bis 14. Februar Wien, Albertina

Torkwase Dyson Wie das Wasser, das in Torkwase Dysons Arbeit eine wichtige Rolle spielt, ist auch ebendiese Arbeit selbst stets fließend und bleibt im Wandel. Aus mehreren Skulpturen, Malereien und einer Klanginstallation soll in Bregenz ein kollektiv erfahrbares »multiskalares Gemälde« entstehen, wie eine Collage, die als Ganzes sowie in ihren Einzelteilen eine Geschichte erzählt und sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Dabei werden Themen wie Rassismus, Umwelt und Politik verhandelt. 17. Oktober bis 24. Jänner Bregenz, Kunsthaus

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Termine Filme & Serien

3 Fragen an Tizza Covi und Rainer Frimmel

Start: 13. November

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Atmosphere Regie: Erwin Wagenhofer ———— Unsere Erdatmosphäre hat vier Schichten, besteht größtenteils aus Stickstoff und macht das Leben auf unserem Planeten überhaupt erst möglich. Erwin Wagenhofer (»We Feed the World«, »Let’s Make Money«, »Alphabet«) fokussiert in seinem neuen Film auf Probleme, die es zu lösen, und auf uns Menschen, die es zusammenzubringen gilt. So zeigt er etwa eine Künstlerin, die zur Landwirtin wurde, einen Forscher, der den Regenwald aufforstet, oder Menschen, die den Baustoff Lehm zukunftsfit machen. Wagenhofer ist bereits seit 1983 in der Filmbranche tätig. Seine Dokumentationen sind bekannt dafür, einem größeren Publikum soziale und ökologische Themen näherzubringen. »Atmosphere« macht dabei Hoffnung auf eine Zukunft, die Lösungen zulässt. Start: 9. Oktober

Nöstlinger – Sowieso und überhaupt Regie: Alexandra Schneider ———— Am 13. Oktober 2026 hätte Christiane Nöstlinger ihren neunzigsten Geburtstag feiern können, leider ist sie bereits 2018 verstorben. Mit dem neuen Film »Nöstlinger – Sowieso und überhaupt« zollt Alexandra Schneider der großen Schriftstellerin nun, einige Jahre nach ihrem Tod, Tribut. Sie beleuchtet dabei das Leben und Schaffen der gebürtigen Hernalserin, die sich mit Büchern wie »Die feuerrote Frederike« oder »Maikäfer flieg!« und vor allem mit der Serie »Geschichten vom Franz« ihren Platz als eine der wichtigsten österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen gesichert hat. Ihr scharfsinniger Humor und ihr respektvoller Blick auf Kinder und deren Probleme haben sie zu einer Ikone gemacht. Im Film kommen unter anderem prominente Fans wie Ursula Strauss und Stefanie Sargnagel (siehe auch Termine Bühne) zu Wort. Start: 16. Oktober

Anna Stöcher, Imagine Film, Alexa Gelberg, Marvel, Apple TV

Wie kam bei euch der Wunsch auf, mit Al Cook einen Film zu drehen? Tizza Covi: Wir machten häufig Tonaufnahmen von ihm und fotografierten ihn. Über die Jahre hinweg sprachen wir immer wieder darüber, dass es interessant wäre, filmisch mit ihm zu arbeiten. Rainer Frimmel: Auch dank seiner Autobiografie wussten wir sehr gut über sein Leben Bescheid. Er selbst war ursprünglich eher daran interessiert, dass jemand eine klassische Doku über ihn macht, aber wir konnten ihn davon überzeugen, den Film als Spielfilm anzulegen. Ihr scheint eine Liebe für die analoge künstlerische Arbeit zu haben. Ist das eine weitere Gemeinsamkeit mit Al Cook? Frimmel: Sicherlich. Al Cook verwendet Mikrofone aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die einen ganz eigenen Klang haben. Auch wir haben lange mit einer vierzig Jahre alten Kamera gearbeitet, die uns leider bei den letzten Dreharbeiten gestohlen wurde. Analog zu drehen, das hat für uns nicht nur ästhetische Gründe, sondern es ist eine andere Idee, eine andere Methode. Die Arbeitsweise ist konzentrierter, man bekommt das Material nicht sofort zu sehen, es kann viel schiefgehen, es fühlt sich verletzlicher an. Covi: Wir drehen auf Sechzehnmillimeterfilm, das ist ein ziemlich kleines Bildfenster – mit sehr vielen Fehlern, Unschärfen und Korn. Das passt äußerst gut zu uns und unseren Protagonist*innen. Jeder Film, den wir machen, dreht sich um die Frage, was es bedeutet, heutzutage ein Mensch zu sein. Da ist das analoge Filmmaterial die ideale ästhetische Form. Auch das Älterwerden und eine potenzielle Alterseinsamkeit spielen in »Wiener Blues« eine Rolle. Ist der Al Cook in eurem Film ein einsamer Mensch? Covi: Die Einsamkeit innerhalb der eigenen vier Wände ist ja oft eine selbst gesuchte Einsamkeit, mit der man auch glücklich sein kann. Al Cook ist in seiner Wohnung, mit seinen Gitarren und Platten, ein glücklicher Mensch, das wollten wir zeigen. Die Tatsache, dass er aus seiner Verwurzelung genommen wird, das ist der Grund für seine Einsamkeit. Frimmel: Seine Einsamkeit folgt zudem aus dem Gefühl, nicht verstanden zu werden.

Barbara Fohringer

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Regisseur*innen »Wiener Blues: The Loneliest Man in Town«

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Anna Stöcher, Imagine Film, Alexa Gelberg, Marvel, Apple TV

Barbara Fohringer

Jim Queen Regie: Nicolas Athané und Marco Nguyen ———— Eine Uraufführung in Cannes inklusive Nominierung für gleich zwei Preise (Caméra d’Or und Queer Palm) – das gelang dem Animationsfilm »Jim Queen«. Jim lebt als Fitness-Influencer in Paris, als sich eine neue Krankheit ausbreitet: die Heterose. Das Virus macht schwule Männer hetero. Jim erkrankt und will ein Heilmittel finden. Eine bissige Satire auf unsere heteronormative Welt. Start: 8. Oktober

Etwas ganz Besonderes

London Regie: Sebastian Brameshuber ———— Ein Alltag im Auto, ein Leben voller Gespräche mit diversen Mitfahrenden – so lebt Bobby (Bobby Sommer). Er pendelt mit seinem Pkw regelmäßig zwischen Wien und Salzburg und nimmt dabei Menschen mit. Eine filmische Reflexion über Dialoge, auf die man sich einlässt, und über die aktuelle Situation in Europa. Regisseur Sebastian Brameshuber wandelt dabei gekonnt auf der Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Start: 6. November

Her Private Hell Regie: Nicolas Winding Refn ———— Zehn Jahre musste man auf Nicolas Winding Refns neuen Langfilm warten, nun ist er da – und er durfte erst kürzlich das Slash Filmfestival eröffnen. In »Her Private Hell« kehrt eine Frau (Sophie Thatcher) in eine Stadt zurück, die es nicht mehr gibt. Der Soldat K. (Charles Melton) sucht seine Tochter. Und ein Serienmörder treibt sein Unwesen. »Hypnotic strangeness« attestierte The Guardian. Start: 13. November

Ein Lift fürs

Regie: Eva Trobisch ———— Was sie denn als Person ausmache, wird die jugendliche Lea (Frida Hornemann) gefragt, als sie sich bei einem Reality-TV-Format bewirbt. Eine Antwort fällt ihr schwer und die Frage hallt lange nach. In ihrem neuen Film widmet sich Eva Trobisch der nicht gerade einfachen Familiensituation Leas auf einfühlsame Art – und zeichnet ganz nebenbei auch ein Bild der aktuellen Krisen Deutschlands. Start: 6. November

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Die andere Seite Regie: Mariko Minoguchi ———— Die Ärztin Hanna (Nina Hoss) hat ihre Familie verloren und lebt alleine in der Wildnis. Ein tödliches Virus bedroht die Gesellschaft, die Menschen haben Angst. Als Hanna auf eine junge Frau (Precious Mariam Sanusi) trifft, nimmt sie sich dieser an. Gemeinsam wollen sie über die Alpen nach Süden – in ein neues Leben. Ein Film über die Bedeutung von Freiheit und Zugehörigkeit. Start: 27. November

Visionquest

Nocturne

Idee: Terry Matalas ———— »Wandavison« und »Agatha All Along« haben den Anfang gemacht, nun folgt die dritte Geschichte über die Bewohner*innen Westviews. Terry Matalas fungiert als Showrunner dieser 18. Marvel-Serie. Im Fokus steht Vision (Paul Bettany), der nach seiner Wiederbelebung in »Wandavision« nun mit inneren Dämon*innen zu kämpfen hat. Als er Thomas Shepherd (Ruaridh Mollica) begegnet, stellt sich ihm die Frage, ob der junge Mann sein Sohn sein könnte. ab 14. Oktober Disney+

Idee: Rowan Joffé ———— Der frühere Soldat und Mordermittler Jonah Lynn (Liev Schreiber) möchte ein ruhiges Leben führen, doch der Serienmörder Jurek Walter (Stephen Graham) hat es auf seine Familie und seine Stadt abgesehen. Ein letztes Mal muss er also für Gerechtigkeit kämpfen. Hilfe bekommt er dabei von seiner Tochter Saga Bauer (Zazie Beetz). Die Geschichte basiert auf Romanen des Autor*innenehepaars Alexander Ahndoril und Alexandra Coelho Ahndoril. ab 30. Oktober Apple TV

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Christoph Prenner

bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber

Screen Lights Sammelsurium, südkoreanisch Sakra, wer soll denn bitte in dieser Zettelwirtschaft je was finden? »Zettelwirtschaft« – auch schon wieder so eine Vokabel, die mir garantiert ewig nicht mehr durch den Kopf galoppiert ist. Wäre es da nicht auch gleich angebracht, sie wieder in den aktiven Wortschatz zu integrieren? Man merkt es schon: Dem Kolumnisten erscheint Stunden vor Abgabe dieses Textes wieder einmal alles dringlicher, als zielgerichtet in die Tasten zu hauen. Und so wühlt er sich grad lieber durch eine Vielzahl von Boxen, auf der Suche nach einem speziellen Schriftstück, das sich jedoch beharrlich dem Erspähtwerden entzieht, inmitten von kiloweise Papier aus Dezennien persönlicher Menschheitsgeschichte und allerlei Krimskrams, dessen ursprüngliche Bestimmung sich nicht mehr ohne Weiteres erschließt. Zu gegebener Zeit kehrt das verschollene Dokument schließlich doch ans Tageslicht zurück – jedoch erst nach einigen verblüffenden Funden, die man durchaus als Relikte aus einer /bygone era/ bezeichnen kann, etwa diverse Lieferscheine asiatischer Medienshops. Tja, so schlug man sich im Unterhaltungsland vor unserer Zeit eben durch: Videostreaming, zumal in der Flatrate, war noch eine reinste Zukunftsvision, heiß ersehnte Filmware, insbesondere jene aus dem Fernen Osten, wurde daher auf silbernen Scheiben geordert, die dann aus einem Lager am anderen Ende der Welt verschifft wurden. Proto-Temu, bloß mit Cinegold statt Plastikmüll.

Pop-Ex- und -Import Die zerknitterten Zettelchen weckten sogleich Erinnerungen an georderte Schätze produziert in Hongkong und Japan, vor allem aber an eine besonders goldene Ära des koreanischen Kinos: Kassenknüller à la »The Host« und Kultklassiker wie »Oldboy« bewältigten damals in DVD-Form die große Reise, aber auch (später von Hollywood recycelte) Meisterwerke wie »Save the Green Planet!« und beinahe in Vergessenheit geratene Großtaten wie »The Man from Nowhere«.

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Was für ein ungeahnt anregender /walk down memory lane/ sich da auftut: Er führt in eine Periode, in der das Kino jenes Landes innovationsfreudig und publikumswirksam einen Meilenstein nach dem anderen setzte; in der Regievisionäre wie Bong Joon-ho, Park Chanwook und Kim Jee-woon Südkorea lange vor dem K-Pop-Boom ein internationales Popkulturwunder bescherten – wobei der allergrößte Aufmerksamkeitsausschlag, der Oscar-Hit »Parasite«, erst viel später erfolgen sollte, nämlich 2019. Mit einem Œuvre von beträchtlicher kinetischer Wucht hat sich der Filmemacher Na Hong-jin (»The Chaser«) in ihrem Windschatten an jene großen Namen herangepirscht – nun setzt er mit seinem fulminanten vierten Langfilm »Hope« (Kinostart: 8. Oktober), im wahrsten Sinne des Wortes, zum Überholmanöver an.

Rastlose Verwüstung Nachdem man im titelgebenden Küstenstädtchen zunächst noch halb im Scherz davon ausgeht, dass ein übel zugerichteter Stier Opfer eines übergelaufenen Tigers aus Nordkorea geworden sein könnte, wird dem örtlichen Polizeichef indes rasch klar, dass man es hier mit etwas weit Gefährlicherem zu tun hat. Ein mysteriöses, so agiles wie angespeistes Geschöpf zieht eine Spur der Verwüstung durch die Straßen und ist dem Cop dabei stets lautstark einen Schritt voraus. Rastlos stolpert der Schieß- und Schimpfwütige nun durch eine schier endlose Schneise der Zerstörung – und auch vor der Leinwand schnappt man in Bälde nach Luft: Derart schweißtreibend hat in dieser Spielzeit noch kein anderer Actionfilm gerockt. Die teuerste koreanische Produktion aller Zeiten setzt also quasi dort an, wo andere Filme aufhören: mit einem elektrisierenden, einstündigen (!) Showdown, der hier jedoch erst die Ouvertüre für die kommenden, nicht minder turbulenten hundert Minuten sein soll. Wie sein Vorreiter Bong Joon-ho brilliert auch Na Hong-jin als fähiger und furchtloser

Jongleur divergierender Tempi und Tonalitäten. Mit einer Affinität für gehaltvolle, aber auch absurde Umwege sowie den durchaus brachialen Humor, für den das koreanische Kino berüchtigt ist – einen fünfminütigen Monolog über einen Erstkontakt unter denkbar widrigen körperlichen Umständen wird man nicht mehr vergessen –, lässt er der Nonstop-Hetzjagd Schritt für Schritt einen thematischen Überbau angedeihen, den man nur als irrwitzig ambitioniert bezeichnen kann.

What the Fuck? Das erfordert nach dem initialen Kick durchaus Geduld, erweist sich im stürmischen Finale aber als Gewinn: Erneut serviert der KarachoZeremonienmeister ein ausgedehntes ActionFurioso, das nun aber einen ganz anderen, nachgerade existenzphilosophischen Impact entfaltet. Ein letzter »WTF!«-Moment entlässt einen mit offenem Mund in den Abspann – man ahnt, dass dies nicht das letzte Kapitel gewesen sein wird. So lustvoll hat man lange keinen Film mehr vorsätzlich alles aufs Spiel setzen sehen – schon gar nicht in dieser Preisklasse. Das Bild der Schachtel, in der man neben dem ursprünglich Gesuchten auch auf allerlei Überraschendes stößt, passt hervorragend zu diesem schwindelerregenden Sammelsurium aus Action, Science-Fiction und Kleinstadtkomödie, aus brachialem Tempo, derben Witzen und tiefen Gedanken, in dem sich immer wieder Staunenswertes entdecken lässt. Nur folgerichtig, dass just ein Film, der »Hope« heißt, daran erinnert, dass all das, was man sich vom modernen Blockbusterkino immer erhofft, zuletzt aber leider nur selten bekommen hat, immer noch möglich ist. prenner@thegap.at • www.screenlights.at Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen.

Luca Senoner, Polyfilm

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Polizist Ko Bum-seok (Hwang Jung-min) lässt sich auf der Monsterjagd nicht so einfach abschütteln.

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Luca Senoner, Polyfilm

Grenzen waren gestern.

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Termine Bühne

3 Fragen an Felix Hafner

Im Taubenschlag Spätestens seit dem Kalten Krieg gilt Wien als zentraler Umschlagplatz im internationalen Geheimdienstgeschäft. Als Teil des Konflikts zwischen Ost und West bereiten sich drei Agentinnen des russischen Geheimdienstes in einem Hinterzimmer der Stadt auf ihre klandestine Mission vor: Passwörter knacken, Pässe fälschen, Journalist*innen auflauern, Desinformation streuen. Es gibt viel zu tun! Während sie noch üben, wie man den Westen zu Fall bringt, beginnt untereinander schon das Vertrauen zu bröckeln. »Im Taubenschlag« spielt mit Agent*innenklischees und politischer Realität. Die Parallelen zwischen Spionage und Theater werden ebenso beleuchtet wie die Frage, wem man heute eigentlich noch glauben kann. 9. bis 23. Oktober Wien, Kosmos Theater

Was hat sich für dich bei der Stückentwicklung als Sehnsuchtsort und was als Horrorszenario herauskristallisiert? Ein Sehnsuchtsort ist alles, was uns bei der Recherche an Solidarisierung oder an kollektiven Kämpfen begegnet ist. Wenn Menschen angesichts von Ungerechtigkeiten nicht lockerlassen, neue Ideen entwickeln und sich dafür einsetzen, dass das Recht auf Wohnen – eigentlich ein Menschenrecht – wirklich für alle zugänglich und möglich ist. Bei den Horrorszenarien ist einiges dabei: von Ausmietungsstrategien, die man sich gar nicht vorstellen möchte, bis hin zum absurden Konzept der »Coolen Zonen«, bei dem man an einen Ort gehen soll, um sich dort abzukühlen, weil es niemand mehr in der eigenen Wohnung oder in Arbeitsräumen aushält. Welche unsichtbaren Auswahlmechanismen sind euch in der Recherche besonders aufgefallen? Das, was uns viele Menschen erzählt haben und was wir unbedingt auf die Bühne bringen wollen, ist Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Vor allem, weil es wenig rechtliche Möglichkeiten gibt, dagegen vorzugehen, und es oft in einem Rahmen stattfindet, der schwer nachweisbar ist. Auch die Frage, welche Auswirkungen Kürzungen von Sozialleistungen auf die Wohnsituation in Wien haben, ist zentral. Ein weiterer großer blinder Fleck in Wien ist die Frage nach barrierefreiem Wohnraum. Das alles sind riesige Problematiken, die sehr, sehr viele Leute nicht mitkriegen. 7. bis 16. November Wien, Hamakom

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Nöstlinger: Eine Hommage Angefangen bei »Die feuerrote Friederike« über »Maikäfer flieg!« bis hin zu »Rosa Riedl, Schutzgespenst« – wer als Kind Christine Nöstlinger gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch daran, wie toll es war, Bücher zu kennen, die einem mit subversivem Schmäh und viel Herz erlauben, Erwachsene nicht immer ganz so ernst zu nehmen. Anlässlich ihres neunzigsten Geburtstags, den die Autorin heuer gefeiert hätte, widmen Stefanie Sargnagel und Gerald Votava Nöstlingers Werk eine Reihe von Leseabenden im Wiener Rabenhof Theater. Eine Gelegenheit zum Wiederentdecken für alle, die sie schon früher geliebt haben. Und für jene, die sie noch nicht so gut kennen, eine Chance zu erfahren, wie gut ihre Texte gealtert sind. 13. Oktober bis 13. Jänner Wien, Rabenhof Theater

Emanuel Megersa, Hanna Fasching, Ingo Pertramer / Rabenhof

Was kann Theater bei einem Thema wie dem Wohnungsmarkt leisten, das eine rein journalistische Recherche vielleicht nicht könnte? Gerade diese großen Themen, denen wir uns widmen – zuletzt Machtmissbrauch bei »Nestbeschmutzung« und jetzt hier der Wohnungsmarkt – sind an sich zu umfangreich, um sie in eine journalistische Form zu bringen. Theater hat, glaube ich, durch diese fiktionalen, spielerischen und performativen Ebenen die Möglichkeit, sehr viel mehr Facetten von einem Thema unterzubringen, als es bei streng journalistischen Formaten vielleicht der Fall ist. Idealerweise können wir so wirklich von einem Aspekt zum anderen hüpfen, sowohl von Ausmietungen als auch von Hitze in der Stadt erzählen und damit den Bogen sehr weit spannen.

Simon Pfeifer

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Co-Regisseur »Mietmarkt«

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Alle, die da sind, sind von da. Oder etwa nicht? »Фielfö‫ل‬kaŠtát« nimmt die Frage, wer eigentlich von hier sein darf, zum Ausgangspunkt für einen gegenwärtigen Blick auf Europa. Sprache macht dabei verborgene Verbindungen sichtbar, wenn lateinische Schriftzeichen auf kyrillische und arabische treffen. Und auch Ensembles treffen aufeinander: »Фielfö‫ل‬kaŠtát« ist eine Koproduktion von Schauspielhaus Wien, Schauspielhaus Graz und Katona József Theater Budapest. 26. September bis 30. Oktober Graz, Schauspielhaus ab 27. Februar Wien, Schauspielhaus

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Die sieben Todsünden: Hochmut/Völlerei If you’re feeling sinful, you’re in luck! Denn nicht nur eine, sondern zwei der sieben Todsünden sind bald wieder in Linz auf der Bühne zu sehen. In »Hochmut« kippt der Aufstieg eines Jungpolitikers nach einem Moment fataler Selbstüberschätzung – frei nach Arthur Schnitzlers »Lieutenant Gustl«. Und in »Völlerei« begleitet das Publikum die Beamt*innen des Amts für maßvollen Umgang mit Überfluss bei einer der bürokratischsten Aufgaben: dem Parteienverkehr. Beide Sünden versprechen einen unterhaltsamen Abend. 28. Oktober bis 11. November Linz, Phönix

VOM MACHER VON BORAT S A C H A

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Tintinnabulum Seit Jahren wird gefühlt nonstop über Männlichkeit geredet, geschrieben und gestritten. In »Tintinnabulum« begegnen einander, zur Abwechslung, vier Performer sehr intim und verletzlich – komplett nackt. Ohne Antworten zu suchen, widmet sich der Abend der Frage: Was darf männlich alles sein? Darf es auch weich, sinnlich oder verletzlich sein? Ein körperlich intensiver Abend, an dem das Tintinnabulum, eine rituelle Schutzglocke aus dem antiken Rom, zu einem gemeinsamen Medium von Resonanz und Intimität wird. Eintritt frei. 6. und 7. November Innsbruck, Brux

Anthropologie Was, wenn ein Chatbot die Menschen, die wir lieben, irgendwann besser zu kennen scheint als wir selbst? In »Anthropologie« wird aus einer KI, die eigentlich nur trösten soll, ziemlich schnell ein unangenehm eigenständiges Gegenüber. Bald geht es nicht mehr nur darum, was Technologie kann, sondern darum, was wir von ihr wollen: Nähe ohne Reibung, Antworten ohne Warten, Beziehungen ohne lästige andere Menschen. Regisseurin Martina Gredler bringt das Stück von Lauren Gunderson auf die Bühne und stellt dabei höchst gegenwärtige Fragen. ab 13. November Wien, Volkstheater Bezirke

LEBEN IN XXXL AB 23. OKTOBER NUR IM KINO AliGWhoIzI.de #AliGWhoIzI

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Service Notizen Glossar

Wo gibt’s The Gap?

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1973 veröffentlichte der französische Autor Jean Poiret seine Theaterfarce »La Cage aux Folles«. Weitaus bekannter ist jedoch die US-amerikanische Filmadaption aus dem Jahr 1996 mit Robin Williams und Nathan Lane unter dem Namen »The Birdcage – Ein Paradies für schrille Vögel«. »Carmilla« ist nicht nur der Name einer Novelle von Joseph Sheridan Le Fanu, sondern auch einer darauf basierenden Webserie, die von 2014 bis 2016 auf Youtube veröffentlicht wurde. Wie die Vorlage spielt auch sie in der Steiermark, gedreht wurde sie jedoch in Kanada. Unter Crushed Ice, im deutschen Sprachraum angeblich auch als Flockeneis bekannt, versteht man Eiswürfel, die in feine Stückchen zerschlagen wurden. Zu Hause kann dies beispielsweise mit einem Standmixer mit entsprechender Funktion oder einem sogenannten Lewis Bag erfolgen. Crushed Ice kühlt Drinks sehr schnell herunter und verdünnt starke Cocktails rasch mit zusätzlichem Wasser. Der Begriff Hardstyle steht für ein Subgenre von EDM (Electronic Dance Music), das sich durch schnelles Tempo und einen harten, perkussiven Sound auszeichnet. Nâzım Hikmet (1903–1963) war ein türkischer Dichter und Theaterautor, der aufgrund seiner linkspolitischen Überzeugungen einen Großteil seines Erwachsenenlebens in Gefängnissen sowie im Exil verbrachte. »Hot Topic« ist der zweite Song vom Debütalbum der Riot-Grrrl-Band Le Tigre. Die Lyrics bestehen zu großen Teilen aus Namen von bekannten Feminist*innen und ikonischen Frauen der Popkultur. Wer von Naturwein spricht, meint damit in der Regel einen Wein mit relativ wenig zugesetzten Stoffen, bei dem kaum in den spontanen Gärprozess eingegriffen wird. Welche Zusätze und Verfahren akzeptiert werden, ist jedoch je nach Winzer*in unterschiedlich. Als Wordprocessor bezeichnet man Systeme, mit denen man Text eingeben, editieren, formatieren und schlussendlich wieder ausgeben kann. Anfänglich handelte es sich dabei um mechanische Apparate, heutzutage sind damit jedoch fast ausschließlich Computerprogramme wie Microsoft Word oder Pages von Apple gemeint.

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BILDERBUCH – DIE ZEIT IST NOW ICH SEH ICH SEH / SCHÖNE BÜCHER / RUDELJOURNALISMUS 148 Magazin für Glamour und Diskurs. MONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1040 WIEN, P.B.B. GZ 05Z036212 M, Nº 148, Februar 2015

Madonna. Future Brown. Zugezogen Maskulin. Birdman. Blogging in Österreich. Theater in St. Pölten. Foxcatcher. Sandra Gugic. Was ist ein Like wert. Karl Kraus. Joey Badass.

The Gap 148 Februar 2015 Eingebetteter Journalismus, empfohlenes Pendeln ———— »Die Zeit ist now« – so titelten wir mit Blick auf Bilderbuch, die damals kurz vor Veröffentlichung ihres dritten Albums »Schick Schock« standen. Unser Fotograf und Autor Nikolaus Ostermann hatte die Jungs schon früh vor seiner Kamera gehabt und im Jahr davor deshalb auch auf Tour begleitet, war also nah dran am Hype, der kurz danach mit dem ersten ausverkauften Arena-Open-Air auf einen vorläufigen Höhepunkt zusteuern sollte. Als embedded journalist konnte er uns wie kaum ein anderer den Aufstieg der Band quasi aus erster Hand erklären. Inspiriert vom kollektiven medialen Abfeiern, das bei Bilderbuch zu beobachten war, trug Dominik Oswald einen Text über Rudeljournalismus bei, um unter anderem aufzuzeigen, wie Onlinelogiken auf Medien wirken. Und mit »Ich seh, ich seh« widmeten wir uns noch einem weiteren Hype: In einem Pro und Kontra wurde ausgelotet, ob das Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala nun Pflichtfilm oder doch überbewertet ist. Außerdem gab’s Texte über Sandra Gugic und ihren faszinierenden Debütroman »Astronauten« sowie über die Theaterszene St. Pöltens, für die wir wegen Landestheater und Festspielhaus eine »dringende Einladung zum Pendeln« aussprachen.

Kronen Kino Mistelbach

Vinyl Corner Linz

Das Kronen Kino in Mistelbach beweist, dass Kulturraum nicht Großstadt bedeuten muss. Seit fast hundert Jahren flimmern hier Filme abseits von Blockbustern über die Leinwand. Aber auch Fans von Kabarett, Musik, Theater und Literatur kommen auf ihre Kosten: Der Kultverein Film Kunst Kino hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historischen Gemäuer als einen kulturellen Ort der Begegnung zu betreiben. Vor einem Konzert oder Filmerlebnis in The Gap schmökern? Hier würde es sich anbieten. Oberhoferstraße 15, 2130 Mistelbach

Gebrauchte Platten bekommen hier eine zweite Chance. Stöbern ist ausdrücklich erwünscht – das Sortiment hält für verschiedenste Geschmäcker Fundstücke bereit. Bürgerstraße 14, 4020 Linz

Budapest Bistro Wien Wer sich Ungarn kulinarisch nach Wien holen möchte, kann einfach im Budapest Bistro vorbeischauen. Tipp für Langschläfer*innen: Frühstück gibt es hier ganztags. Pilgramgasse 10, 1050 Wien

Kronen Kino

Gewidmet all denjenigen, die beim Lesen auf die eine oder andere Wissenslücke gestoßen sind.

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Kronen Kino

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Josef Jöchl

artikuliert hier ziemlich viele Feels

Die richtige Antwort fällt mir immer viel zu spät ein. Zum Beispiel unlängst, als ich einen Bekannten auf der Rolltreppe zur Gürtelseite der Lugner City traf, die immer kaputt ist. »Alles gut?«, fragte er ein bisschen fake. »Ja, ja, alles gut«, antwortete ich zähneknirschend, während ich bei 45 Grad das eigenartige Stufenmaß einer kaputten Rolltreppe bewältigte. Eigentlich hätte ich sagen sollen: »Gar nichts ist gut! Alles ist schlecht!« Aber wie den meisten Menschen war es mir lieber, eine Armlänge Distanz zu halten, als die Wahrheit zu sagen. Zwischen uns hat es vor Jahren am Rande einer Veranstaltung eine kleine Unstimmigkeit gegeben. Seither kommt er mir jedes Mal mit dieser furchtbaren Foskel, über die sich, seit Sophie Passmann vor einigen Jahren damit begonnen hat, schon zig Kolumnist*innen publikumswirksam aufgeregt haben. Vielleicht hätte ich ihm ja von meiner Solastalgie erzählen sollen. Auch so ein Wort, das plötzlich alle benutzen. Je heißer es in der Welt wird, desto öfter steht es nämlich in den kurzen Textsorten der bürgerlichen Medien. Es handelt sich dabei letztlich um das Gefühl, die eigene Zukunft zu verlieren. Ich komme deshalb nicht umhin, mich zu wundern: Wie lange wollen wir einander noch sagen, alles wäre gut?

No More Neunzigerjahre-Core Nennt mich naiv, aber ich hatte mir mein Altenteil immer unter fünfzig Grad vorgestellt. Ich war sogar überzeugt, dass mich die Depressionen in meinen Zwanzigern abgehärtet hätten und sich im Laufe meines Lebens stets alles verbessern würde. Typischer Neunzigerjahre-Core und, wie wir heute wissen, absoluter Humbug. Ein paar Tage nach diesem Treffen war ich auf einer kleinen Ausstellung. Lauter jugendliche Künstler*innenseelen standen in einem Atelier und tauschten Allgemeinplätze aus, etwa

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dass in Berlin mehr ginge als in Wien oder dass Sophie Passmann eine schlechte Feministin sei. Ein Teil von mir dachte sich: selbst schuld, dass ihr in euren Zwanzigern so gute Laune habt. Als ich so durch die Räume streifte, stieß ich auf einen Bekannten, der auch etwas ausstellte: ein leeres Blatt Papier. »Ist das deines?«, fragte ich. »Ja! Ich habe stundenlang daran gearbeitet«, antwortete er und lachte danach zwanzig Sekunden sehr laut, was er in sozialen Situationen immer tut. »Oh, das sieht man«, sagte ich, drehte mich um und ging in einen anderen Raum. Ich hätte ihn gerne gefragt, wie er zu dieser Maske gekommen ist, die ihn zuverlässig vor jedem »Alles gut« beschützt. Aber wenn du was Unangenehmes sagen willst, geh’ nach Wien, weil dann fällt es dir erst zehn Minuten später wieder ein.

Bedrohte Existenzen Tatsächlich fand ich Wien in den Zehnerjahren nie so langweilig, wie immer alle getan haben. Vielleicht lag das daran, dass gewisse Dinge nicht so teuer waren, beispielsweise Essengehen oder ein letztes Bier. Vielleicht aber auch daran, dass ich noch gesoffen habe. Mittlerweile hat sich beides geändert. Ein paar weitere Tage später saß ich in kleiner Runde bei einem Soda Zitron. Immer wieder brausten sogenannte Autoposer vorbei, die an den Wochenenden in geliehenen Limousinen die Straßen des ersten Bezirks unsicher machen. Originär wienerische Jugendkulturen sind eben immer ein bisschen peinlich. Einer der Anwesenden machte sich Sorgen um seine berufliche Zukunft, weil KI sein Berufsfeld ordentlich durcheinanderwirbeln würde. So schnell konnte man gar nicht schauen und das Gespräch war abgedriftet zum baldigen wirtschaftlichen Kollaps Österreichs, der vor allem die Existenzen von uns soft Geskillten

bedrohte. Das erinnerte mich stark an ein anderes Gespräch, das ich kurz vorher mit den ungeschlagenen Champions des Sorgenmachens geführt hatte: meinen Eltern. Und da wurde mir plötzlich etwas klar.

Champions of Sorgenmaching Die jüngste Sorge meiner Eltern betrifft die Employability eines Familienmitglieds, das Anfang fünfzig seinen Job verloren hatte. »Man sollte über vierzig überhaupt nichts mehr verändern«, sagte mein Papa, während sich die Stirn meiner Mama in Falten legte. Wie die meisten Boomer macht es sie nervös, wenn nicht jeder Aspekt eines Lebens so bleibt, wie er immer war. Als ich an die beiden dachte, spiegelte sich in ihnen etwas von mir selbst. Ich begriff: Sorgenmachen bringt nur bis zu einem gewissen Punkt etwas. Ich will nicht Positiver Psychologie das Wort reden, aber irgendwann ist gut. Die Sorge kann vom Warnsignal zur Last werden. Lame-Ass-Antwort hin oder her, aber ich dachte: »Papa, alles gut.« Wenn Dinge schlechter werden, kann man sich nicht heimdrehen deswegen. Ob Klimawandel, Technofeudalismus, eine Welt im Zeichen neuer Kriege – wir müssen das alles bekämpfen, aber wir müssen uns auch graduell an diese Veränderungen anpassen. Vor scheinbar unüberwindbaren Hürden zu stehen und sich ausgeliefert zu fühlen, ist kein Fehler des Lebens. Es gehört zum Leben dazu. Ein häufiger Vorwurf an ihre Bücher ist, dass Sophie Passmann gesellschaftliche Probleme stark über ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle erzähle. Sie erkenne die Symptome, denke aber die politischen und ökonomischen Zusammenhänge oft nicht bis zum Ende. Mehr kann ich dazu jetzt auch nicht sagen. Der richtige Schlusssatz für diese Kolumne fällt mir bestimmt erst nach der Abgabe ein. joechl@thegap.at • @knosef4lyfe

Ari Y. Richter

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Sex and the Lugner City Alles schlecht

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EIN TICKET | HUNDERTE MUSEEN

SA | 3. OKT 26 IN GANZ ÖSTERREICH AB 18:00 | LANGENACHT.ORF.AT

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Ausstellung bis 17.1.2027

Tipp: chte Erzählte Geschi n“ io ct ofi ol „H mit Regisseur Filmvorführung ski Michal Kosakow 26, 20 r be 5. Novem 18:30 Uhr

museumnoe.at

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Sujet: büroperndl, Foto: AÖNB/Blaha/eingefärbt. Entgeltliche Einschaltung

Aufwachsen zwischen 1938 und 1955

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