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The Gap 218

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»Warum immer gleich Konkurrenz?« Marie Kreutzer über einzigartige Filme, Frauen unter Druck und »Gentle Monster«

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Editorial Leave Your Dignity at Home

Es ist schon ein eigenartiges System, auf dem unsere Gesellschaft basiert: Um überleben zu können, müssen die meisten von uns einen Teil der eigenen Lebenszeit verkaufen. In der Regel unter Wert, denn die Käufer*innen wollen damit ja schließlich Gewinn erwirtschaften. Wer mehr wissen möchte, kann bei Pierre-Joseph Proudhon nachlesen, warum Eigentum Diebstahl (und zugleich Freiheit) ist.

Abseits der Revolution bleiben uns Normalsterblichen als Alternativen jedoch nur Armut, Tod oder halt die Selbstständigkeit. In der Kunst- und Kulturszene ist Letztere ohnehin zunehmend Standard. Allein sich selbst verpflichtet, ohne Zwang und je nach Gutdünken ausschließlich die wirklichen Herzensprojekte umsetzen – klingt doch super, oder? Die Realität ist allerdings eher von einem ständigen Hinterherjagen geprägt: hinter dem nächsten Auftrag, der nächsten Rechnungsbegleichung, dem nächsten befristeten Teilzeitjob – damit sich alles am Ende doch noch irgendwie ausgeht.

Die ö entliche Hand könnte hier eingreifen und die abgeschöpften Werte wieder etwas gerechter rückverteilen, aber die einen scheinen sich das nicht zu trauen und die anderen haben wohl zu viel von ihrer eigenen neoliberalen Propaganda genascht. Von den Dritten, die einfach nur die Welt brennen sehen möchten, solange die Hitze ihre eigenen Hintern wärmt, reden wir erst lieber gar nicht.

Dass es trotz all dieser Widrigkeiten immer noch Leute gibt, denen es wichtig ist, Schönes in die Welt zu setzen, ist umso bewundernswerter. Ich weiß schon, warum ich meine eigene Zeit dafür nutze, für diese Menschen eine Plattform zu bauen. Sicher, manchmal gehört es auch zu so einer Plattform, in die gesellschaftlichen Untiefen zu schauen. Kritik dort anzubringen, wo sie notwendig ist. Missstände aufzuzeigen. Aber Freude, A irmation und das Feiern der schönen Dinge sind mindestens ebenso wichtig. Denn wenn man aus den Augen verliert, was unsere Welt nicht nur erträglich, sondern lebenswert macht, dann stellt sich die Frage, warum wir überhaupt in ihr leben wollen.

Web www.thegap.at

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Herausgeber

Manuel Fronhofer, Thomas Heher

Chefredaktion

Bernhard Frena

Leitender Redakteur

Manfred Gram

Gestaltung

Markus Ra etseder

Autor*innen dieser Ausgabe

Luise Aymar, Barbara Fohringer, Susanne Gottlieb, Simon Graser, Jannik Hiddeßen, Nora Kantner, Conor Körber, Veronika Metzger, Martin Mühl, Petra Ortner, Dominik Oswald, Simon Pfeifer, Nico Rottenbücher, Helene Slancar, Stefan Weinöhrl

Kolumnist*innen

Josef Jöchl, Toni Patzak, Christoph Prenner

Fotograf*innen dieser Ausgabe

Marie Luise Baumschlager, Teresa Wagenhofer

Coverfoto

Teresa Wagenhofer

Lektorat

Jana Wachtmann

Anzeigenverkauf

Herwig Bauer, Manuel Fronhofer (Leitung), Thomas Heher, Martin Mühl

Distribution

Stefan Weinöhrl

Druck

Grafički Zavod Hrvatske d. o. o.

Mičevečka ulica 7, 10000 Zagreb, Kroatien

Geschäftsführung

Thomas Heher

Produktion & Medieninhaberin

Comrades GmbH, Hermanngasse 18/3, 1070 Wien

Kontakt

The Gap c/o Comrades GmbH

Hermanngasse 18/3, 1070 Wien o ice@thegap.at — www.thegap.at

Bankverbindung

Comrades GmbH, Erste Bank, IBAN: AT39 2011 1841 4485 6600, BIC: GIBAATWWXXX

Abonnement

6 Ausgaben; € 19,97 abo.thegap.at

Heftpreis

€ 0,—

Erscheinungsweise

6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 8000 Graz

Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz www.thegap.at/impressum

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber*innen wieder. Für den Inhalt von Inseraten haften ausschließlich die Inserierenden. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen.

Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

Die Redaktion von The Gap ist dem Ehrenkodex des Österreichischen Presserates verpflichtet.

010 Vom Druck, perfekt sein zu müssen

Marie Kreutzer im Porträt

018»Ich bin derjenige, der zuhört«

Regisseur Tolga Karaaslan im Cinema Next Spotlight

020»Es hat einfach alles einen Vibe«

Hip-Hop made in Vienna:

Skyfarmer

022»Die ganze Stadt miteinbeziehen«

Gabriel Roland, Direktor der Vienna Design Week, im Interview

024Ewig schön?

Mode und die Macht der Standards

Vienna Fashion Week/Thomas Lerch, Elsa Okazaki, Marie Luise Baumschlager, Lukas Gross, Simon Graser

Special

Creative Industries Über Fashion, Design und was sie bewirken

Rubriken

003 Editorial/Impressum

006 Comics aus Österreich: Nina Prader

016 Golden Frame

028 Lyrik: Daniela Chana

030 Gewinnen

031 Rezensionen

036 Termine

Kolumnen

008 Gender Gap: Toni Patzak

044 Screen Lights: Christoph Prenner

050 Sex and the Lugner City: Josef Jöchl

Nora Kantner

Stillstand scheint nicht so Noras Ding zu sein. Zwischen Italien und Wien meistert unsere Redakteurin ihren Alltag als »digital nomad« – wie sie sich selbst beschreibt – und greift dort unter die Arme, wo sie gebraucht wird. Neben dem Texteschreiben hilft sie in einem Hundeheim, modelt und hat mit ApoPost ein eigenes Unternehmen gegründet. Ihre breit gefächerten Interessen ziehen sich durch alle Lebensbereiche: Wenn sie nicht mal wieder am Trapez übt, hört sie vielleicht gerade Kehlkopfgesang.

Simon Graser

Als riesiger Kulturnerd war ein Praktikum bei The Gap für Simon naheliegend. Am liebsten widmet er sich Themen wie Theater, Musik, Drag, dem ESC und Popkultur. Sprich: Es wäre einfacher gewesen zu fragen, was ihn im Kulturressort nicht interessiert. Ähnlich vielseitig ist auch sein Musikgeschmack. Von finnischem 08/15Pop über Hardrock bis hin zu banalem Schlager landet alles in seiner Playlist. Denn für ihn gilt: »Es ist kein Guilty Pleasure, wenn man sich nicht schuldig fühlt.« Touché!

The Gap im Jahresabo

6 Ausgaben um nur € 19,97

Aboprämie: Oska »Refined Believer« (CD)

Ihr mögt uns und das, was wir schreiben?

Und ihr habt knapp € 20 übrig für unabhängigen Popkulturjournalismus, der seit 1997 Kulturscha en aus und in Österreich begleitet?

Dann haben wir für euch das The-Gap-Jahresabo im Angebot: Damit bekommt ihr uns ein ganzes Jahr, also sechs Ausgaben lang um nur € 19,97 nach Hause geliefert.

COMICS AUS ÖSTERREICH

NINA PRADER

Mythische Monster

Auf unserer Seite 6 zeigen Comickünstler*innen aus Österreich, was sie können. Diesmal erzählt uns Nina Prader von wahren Monstern. ———— Die Quellen für Comicsto e sind zahlreich und divers. Als Medium, das Visuelles mit Textuellem vereint, kann der Comic aus beiden Traditionen schöpfen. Spielfilme, Romane, Fotostorys, Gemälde, sogar wissenschaftliche Abhandlungen dienen Comickünstler*innen als Material, das adaptiert, manipuliert, arrangiert und interpretiert wird. Aber auch Immaterielles fließt in die Arbeit ein: eigene Erfahrungen, persönliche Erzählungen, weitergegebene Geschichten, mündliche Traditionen.

Der große Bereich der Märchen, Sagen und Mythen ist seit jeher ein fruchtbarer Boden für Adaptionen aller Art. Das ist kaum verwunderlich, denn es gibt wohl wenig, das so tief in unserem gesellschaftlichen Unterbewusstsein verankert ist, wie diese Geschichten, die wir seit Jahrhunderten miteinander teilen. Das Erzählen ist ein sozialer Akt. Ein Akt zwischen Menschen, aber auch einer, der Gesellschaft hervorbringt, der Regeln, Werte und Normen tradiert. Folglich ist es nur nachvollziehbar, dass Künstler*innen aller Genres immer wieder auf diese tiefsitzenden Sto e zurückgreifen.

Geteilte Realität

Comics haben hier den Vorteil, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von diesen Narrativen malen können. Wenn Nina Prader also den nebenstehenden Wolpertinger auf uns loslässt, stellt sie sich nicht nur in eine lange Erzähltradition rund um diverse (un-)heimliche Fabelwesen: Sie gibt der Chimäre eine konkrete physische Form, holt sie noch ein Stück weiter in eine geteilte Realität, als es eine rein mündliche oder textliche Erzählung zu tun vermag. Gleichzeitig unterläuft sie unsere Erwartungshaltung, wenn sich das zahme Monster hier von seiner besten Seite zeigt. Bernhard Frena

Nina Prader aka Lady Liberty Press ist Künstlerin und Kuratorin. Zuletzt hat sie die Comics »Die Ringenden«, »The Missing Book of Lilith & Judith« sowie »Demon Days: Confessions of a SheDemon« veröffentlicht. Zudem leitet sie die Lady Liberty Library für unabhängige Magazine, Zines und Künstler*innenbücher.

Die Rubrik »Comics aus Österreich« entsteht in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Comics. www.oegec.com

Das Festival der kleinen und unabhängigen Verlage

19. + 20. September 2026, 10-18 Uhr SOHO Studios, Liebknechtgasse 32, 1160 Wien www.ottakringerbuchmarkt.at

Eintritt frei!

The Gap Popquiz

Ihr wisst über die ganz großen Pop-Phänomene ebenso Bescheid wie über musikalische Nischen? Über damals ebenso wie über heute? Dann seid ihr beim The Gap Popquiz genau richtig. Es warten attraktive Preise auf euch: Konzerttickets, Bücher, Gutscheine und vieles mehr.

Wann?

Mi., 7. Oktober

Mi., 4. November

Mi., 2. Dezember jeweils ab 19 Uhr

Wo?

Café Wirr / Club Dual Burggasse 70, 1070 Wien

Die Teilnahme ist in Teams von bis zu fünf Personen möglich. Anmeldung unter o ice@thegap.at empfohlen.

Toni Patzak

hakt dort nach, wo es wehtut

Gender Gap Sei nicht wütend, Mädchen, schäm dich!

Heute früh, als sich die Frau im Spiegel anschaut, schaut ihr ein Blatt entgegen. Klein und grün kringelt es sich aus ihrer Nase. Gestern kitzelte es noch in ihrem Hals, als ihr ein paar Männer auf der Straße hinterherriefen. Da spürte sie es schon wachsen. Wütend wollte sie diesmal sein, sie schaffte es aber nicht. Sie räuspert sich, schluckt, hustet und spuckt. Dennoch schafft sie es nicht, etwas anderes als Scham zu fühlen.

Schämen ist eine tolle Emotion, sie ist nämlich keine kurz andauernde, verfliegende Emotion. Nein. Scham bleibt. Die wird einem Mädchen schon ganz früh in den Kopf gesetzt. In den verschiedenen Altersphasen wird sie dann gegossen und gedüngt, um gut zu gedeihen. Irgendwann, wenn aus dem Mädchen eine Frau geworden ist, muss nicht einmal mehr etwas von außen kommen. Die kleine Schamblume wächst und wächst ganz selbstständig.

Die Frau räuspert sich, weil ihr ein Blatt hinten im Hals steckt, während sie beim Arzt sitzt und gefragt wird, wie sie sich in diese Situation brachte. Schließlich war sie so dumm, nachts alleine nach Hause zu gehen, und außerdem zuvor etwas zu trinken. Da ist das, was dann passierte, fast ihre Schuld. Was hatte sie an? Warum war sie überhaupt in dieser dunklen Gasse? Das fragen die Tanten und ihre Mutter, die von Keimlingen nur so überwuchert sind, während die Frau ihre Arme und Beine kratzt, weil auch bei ihr die Pflanze langsam durch die Poren der Haut bricht. Sie hustet und niest, weil die Pflanze ihr hinten im Rachen in die Nasenhöhle zu wachsen droht, während sie auf den Schwangerschaftstest starrt und betet. Sie schaut in den Spiegel, niest und sieht, wie ein grüner Stängel aus ihrer Nase wächst. Das ist gut. Sie pflegt den Stängel, den ihre Mutter ihr vererbte. Der Dünger, mit dem sie in der Unterstufe gefüttert wurde, als sie das erste Mal ihre Tage bekam, reicht längst nicht mehr aus und so sucht sie auf Instagram

und auf Tiktok nach gutem Material. Bei jedem Bild einer perfekten Frau juckt ihr Unterarm mehr und mehr. Sie droht ihn blutig zu kratzen, während sie den Frauen beim Reichsein, beim Schönsein und beim Erfolgreichsein zusieht. Filter und Photoshop sind heutzutage so gut, dass man nur mehr hin und wieder etwas Grünes unter deren Haut hervorblitzen sieht, wenn sie Urlaub auf Mauritius machen oder ihr erstes Anwesen in Schweden kaufen.

Die Scham kitzelt im Hals

Die Frau sitzt da und kratzt und kratzt, und weil sie es nicht mehr aushält, holt sie sich ein Glas Wein. Kurz ist es besser und so trinkt sie ein zweites, ein drittes und auch ein viertes, bis sie auf ihrem Sofa einschläft. Sie wacht am nächsten Tag auf und spürt dort, wo sie am Vorabend noch unaufhörlich gekratzt hat, jetzt kleine Blätter in der Zugluft ihres offenen Fensters wippen. Alkohol ist wunderbar für die nun nicht mehr so kleine Schampflanze. Und so geht die Geschichte immer weiter. Von Generation zu Generation wird der Keimling weitergegeben.

Heute stehe ich vor meinem Spiegel und mir kratzt der Hals. Letzte Woche versuchte ich, mir ein Blatt aus den Tränendrüsen zu reißen. Aber je mehr man daran reißt, desto schneller wächst es. Man ist der immer wachsenden Pflanze komplett ausgeliefert. Ich nahm zu, weil ich keinen knochigen Hintern wollte, war dann sieben Kilo schwerer und genierte mich für meinen Körper. Runterhungern funktionierte auch nicht, weil meine Brüste dann so komisch zwischen den Blättern herunterhingen. Also probierte ich’s mit Arbeit. Zuerst mit viel Arbeit, dann mit ganz viel und dann, als ich zwischen den Blättern nicht mehr durchsehen konnte und Fehler machte, konnte ich gar nicht mehr arbeiten. Obwohl ich probierte, alles an mir zu ändern, spüre ich nun langsam auch meinen Arm jucken.

Also stehe ich heute vor meinem Spiegel und probiere etwas anderes. Ist diese ewige Scham eigentlich wirklich meine Emotion oder nur eine Camouflage für etwas anderes? Was kann ich stattdessen fühlen, wenn mir etwas angetan wird? Trauer? Angst? Nein. Wut passt gut. Wut passt sogar viel besser als Scham. Ich gehe in mich und schaue nach, was unter den Blättern ist. Ich gehe die Stängel hinunter und winde mich die Ranken entlang, bis ich zum Kern komme. Aber ich mache dort nicht Halt, weil jeder weiß, dass man Unkraut mit der Wurzel entfernen muss. Ich steige also vom Kern eine Etappe hinunter und sehe sie endlich. Die Wurzel. Tausende kleine, haardünne Ärmchen, die mit mir verwachsen sind. Alle Ungerechtigkeiten und Aggressionen schlugen Wurzeln, aber weil sie unter der Erde blieben, konnten nur die Blätter sprießen. Weil Scham angenehmer ist als Wut, weil Scham eine Mädchenemotion ist und Wut eine Jungenemotion, befeuerten die Wurzeln jahrelang das, was mir nun aus den Poren zu brechen droht.

Wut? Wut. Wut!

Und plötzlich spüre ich es. Wie ein Erdbeben. Ich beginne, mir die Scham vom Körper zu reißen, während ich vor Wut schreie. Es zieht und reißt in mir, aber ich merke es gar nicht vor Wut. Schämen? Für was schämen? Für die Fehler der anderen? Ich reiße die Pflanze samt Stängel und Wurzel aus mir raus und spüre, wie das ein Extragewicht von meiner Brust nimmt. Und plötzlich kann ich atmen, wie ich es noch nie in meinem Leben konnte. Die Pflanze, die nun vor mir liegt und welkt und mit jeder Sekunde mehr eingeht, schmeiße ich aber nicht einfach weg. Nein, ich zerschneide und vergifte die Blätter sowie den Stiel und hebe nur die Wurzel auf. Die brauche ich noch. Die setze ich in einen Blumentopf und schaue sie mir regelmäßig an, um nicht zu vergessen, wütend zu sein. patzak@thegap.at @tonilolasmile

Michael Schulte

Charts

Monika Ernst

TOP 10

Fragen in der Vereinsmeierei

01 Geht sich das aus?

02 Wo ist noch mal das Protokoll?

03 Finden wir da einen Termin?

04 Soll ich Frühstück zur Vorstandssitzung mitbringen?

05 Hat da schon jemand drauf geantwortet?

06 Kannst du mir das Wasser reichen?

07 Wäre das was für nächstes Jahr?

08 Wie geht es deinen Enten?

09 Haben wir noch Budget?

10 Geht sich das trotzdem aus?

TOP 03

Gründe, einen Comic zu zeichnen

01 Verrücktes erzählt bekommen, das verarbeitet werden muss

02 Als Rechtfertigung, Stift Nummer 20.175 gekauft zu haben

03 Grant, der verarbeitet werden musst

Auch nicht schlecht:

Im Zeichenprozess dreckig werden

Monika Ernst ist Grafikerin, Illustratorin und Comickünstlerin. Letztes Jahr brachte sie den Band »Alte Idioten und warum man sie nicht füttern sollte« heraus. Sie ist Obfrau der Österreichischen Gesellschaft für Comics.

Charts

Esther Krausz

TOP

10

Bücher für den Fall, dass das Patriarchat mal wieder so richtig nervt

01 »Die Erschöpfung der Frauen« und »Revolution der Verbundenheit« von Franziska Schutzbach

02 »Die Wut, die bleibt« von Mareike Fallwickl

03 »Der Hahn erläutert unentwegt der Henne, wie man Eier legt« von Ella Carina Werner

04 »Der Ursprung der Welt« von Liv Strömquist

05 »Das Pen!smuseum « von Mareike Fallwickl und Eva Reisinger

06 »Heartburn« von Nora Ephron

07 »Madita« von Astrid Lindgren

08 »Lieben« von Emilia Roig

09 »Challenge Accepted!« von Celeste Barber

10 »Die feuerrote Friederike« von Christine Nöstlinger

TOP 03

Zeitreisefilme/-serien

01 »Les 7 vies de Léa« (2022)

02 »My Old Ass« (2024)

03 »Being Erica« (2009 bis 2011)

Auch nicht schlecht

Einfach nichts tun und in den Himmel schauen

Esther Krausz leitet das International Screen Institute in Wien, das Weiterbildungsprogramme für die internationale Filmbranche entwickelt und anbietet, darunter ihr Herzensprojekt »Pro Pro – The Producers Programme for Women«.

Nachwuchspreis für Musikjournalismus

Du interessierst dich für Kulturjournalismus? Dir brennt ein Thema zur österreichischen Musikszene unter den Nägeln? Du brauchst finanzielle Unterstützung, um das Ganze umzusetzen?

Dann bewirb dich beim The Gap Nachwuchspreis für Musikjournalismus , der im Rahmen des Festivals Waves Vienna vergeben wird. Gewinne 1.000 Euro für die Umsetzung deines journalistischen Projekts!

Wir suchen Nachwuchsjournalist*innen bis inklusive 27 Jahre, die bislang noch nicht hauptberuflich als Journalist*innen tätig sind.

Details zur Bewerbung findest du unter www.thegap.at

Die Deadline für die Einreichung ist der 11. September 2026.

Der*die Gewinner*in wird von einer Fachjury ausgewählt. Die Bekanntgabe erfolgt im Rahmen der Verleihung des diesjährigen XA-Awards. Der*die Gewinner*in erhält 500 Euro unmittelbar nach Gewinn des Preises und 500 Euro nach Veröffentlichung der Arbeit.

Vom Druck, perfekt sein zu müssen Marie Kreutzer im Porträt

Die Regisseurin Marie Kreutzer erzählt gerne von Frauen, die mit Erwartungen und gesellschaftlichen Rollen zu kämpfen haben. Einen ähnlichen Kampf musste sie unlängst beim Teichtmeister-Skandal rund um »Corsage« durchstehen. Ihr jüngster Film »Gentle Monster« ist keine direkte Antwort darauf, sondern vielmehr eine weiterführende Analyse der gesellschaftlichen Reaktion. ———— Die seltsamsten Geschichten schreibt das Leben. 2022 feierte Marie Kreutzers Historiendrama »Corsage«, in dem Vicky Krieps die Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn spielt, Premiere in der Sektion »Un Certain Regard« der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Der Film konnte viel positives Momentum aufbauen und erlaubte eine etwas nüchternere Sichtweise auf die oft verkitschte Kaiserin. Doch nach dem Kinostart von »Corsage« wurde bekannt, dass Kaiser-Franz-JosephDarsteller Florian Teichtmeister rund 76.000 pornografische Fotos und Videos besaß, die sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zeigten.

2026, vier Jahre später, war Kreutzer abermals in Cannes vertreten, diesmal im Wettbewerb um die Goldene Palme: In ihrem neuen Film »Gentle Monster« findet die französische Pianistin Lucy (Léa Seydoux) heraus, dass ihr österreichischer Ehemann Philipp (Laurence Rupp) massenweise Kin-

derpornografie gehortet und verbreitet hat. Eine Verbindung, die viele Kritiker*innen in Cannes in ihren Beiträgen aufgriffen. Und eine Beobachtung, die den Film wohl auch begleiten wird, wenn er bald auf Netflix einem breiteren Publikum zur Verfügung steht. Der US-Streamer sicherte sich rasch nach der Premiere die Rechte für den nordamerikanischen Raum.

Doch seinen Ausgang nahm das filmische Narrativ eigentlich ganz woanders. »Die Ursprungsinspiration war ein Zeitungsartikel im Sommer 2020 über einen Pädokriminellenring in Deutschland, der aufgedeckt und verfolgt wurde«, erzählt Kreutzer. »Der Artikel hat mir die Größenordnung des Problems klarer gemacht hat. Die Täter sind nicht offensichtlich, sondern das kann der coole, nette Typ von nebenan sein – oder ein Freund.« Teichtmeister habe sie zwar nicht privat gekannt, »aber trotzdem bewies diese Geschichte, wovon meine Recherche ausging, nämlich dass auch ich einen Täter kennen muss. Das hat mich letztlich bestärkt, den Film zu machen.« Die Handlung und Figuren habe der Skandal dann zwar nicht mehr beeinflusst,

Regisseurin Marie Kreutzer kam über ihre Liebe zum (Drehbuch-)Schreiben zum Film.

Teresa Wagenhofer

In »Gentle Monster« rückt Marie Kreutzer bewusst die Angehörigen von Tätern in den Fokus.

»Mir wird auch immer klarer, dass es unmöglich ist, die gesellschaftliche oder mediale Erwartung zu erfüllen, wie man als Frau zu sein hat.«
— Marie Kreutzer

aber »manche meiner Schauspieler*innen haben Florian auch gekannt und somit erlebt, dass man sich von jemandem derart getäuscht fühlen kann. Insofern wurde das Projekt davon eher begleitet als beeinflusst.«

Der Film blickt nie voyeuristisch auf den Täter oder die Opfer. Mit Lucy rücken die Angehörigen in den Vordergrund. Jene, die sich nun mit den dunklen Facetten ihrer Liebsten auseinandersetzen müssen. »Ich finde, die Angehörigen repräsentieren in dieser Geschichte auch die Gesellschaft. Wie gehen wir mit solchen Fällen um?«, so Kreutzer. »Wenn es sich um jemanden handelt, der berühmt ist oder den wir nicht mögen, sagen wir immer ganz schnell, den muss man canceln. Wenn es aber jemand ist, der uns in irgendeiner Weise nahesteht oder dem wir vertraut haben, ist es ungleich schwieriger.« Zum einen versuche man dann, eine Rechtfertigung oder Erklärung zu finden. Und zum anderen wolle sich die Gesellschaft anscheinend nicht wirklich mit der Problematik befassen. »Man sieht das auch bei der Causa Epstein. Uns erreichen immer wieder neue Details und Berichte. Aber so skandalös das alles auch ist, man hat nicht das Gefühl, dass das jetzt irgendwas in Gang setzen würde.«

Von

Graz nach Wien

Kreutzers Weg zum Film war kein direkter: »Ich wollte eigentlich Schriftstellerin werden und schrieb schon immer, seit ich fünf Jahre alt war.« Geboren 1977 in Graz, wächst sie in Gleisdorf sowie Graz auf und besucht die AHS Modellschule, die einen künstlerischen Schwerpunkt hat. Nach der Matura 1995 studiert sie Romanistik und Germanistik in Graz und Wien, bevor sie 1997 an der Filmakademie Wien aufgenommen wird.

»Als Studium suchte ich etwas, bei dem ich schreiben kann. Es gab damals in Österreich aber keinen Lehrgang für Kreatives Schreiben. Ich stieß dann darauf, dass man Drehbuch studieren kann, und bewarb mich deshalb an der Filmakademie«, erklärt Kreutzer den frühen Umschwung in ihrer Laufbahn. »Die nahmen mich tatsächlich auf, ohne dass ich irgendwas über Film wusste. Ich blamierte mich sicher etwas bei der Aufnahmeprüfung, aber sie sahen, dass ich schreiben kann.« Erst im Laufe des Studiums, als sie die anderen Departments kennenlernt, kommt auch die Freude an der Regie dazu.

Sieht sie Parallelen zwischen Schreiben und Regie? »Im Prinzip erzählt man bei beidem eine Geschichte, aber in der Arbeit unterscheidet es sich schon sehr stark. Wenn ich

Teresa Wagenhofer, Film AG

schreibe, bin ich meistens zu Hause und sehr viel in meinem Kopf sowie bei der Recherche. Wenn ich Regie führe, bin ich dauernd mit vielen Menschen in Kontakt und muss Entscheidungen treffen.« Ihr Professor Walter Wippersberg habe immer gesagt, wer gut schreiben kann, kann auch Regie führen. Wer Regie führen kann, kann aber nicht unbedingt gut schreiben. Kreutzer: »Es ist das Schwierigere oder auch das Wichtigere. Ohne ein gutes Drehbuch wird es kein guter Film werden, egal wie toll alles andere ist.«

Verletzliche Frauenfiguren

Bereits in ihren ersten Kurzspielfilmen etabliert Kreutzer Themen, die sich auch in ihren späteren Langspielfilmen immer wieder finden: In »Cappy Leit« (2000) begleitet sie die 14-jährige Theres zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. »Un peu beaucoup« (2002) dreht sich um eine ungewollte Schwangerschaft und deren Folgen. Und in »White Box« (2006) beginnt eine Studentin für einen seltsamen älteren Mann zu arbeiten, dem sie die trivialen Besitztümer einer verstorbenen Frau in weißen Schachteln beschreiben muss. Stets stehen verletzliche Frauenfiguren, Umbruchsituationen und emotionale Ausnahmezustände im Mittelpunkt.

»Es ist die Lebensrealität, dass wir immer dem Ziel hinterherrennen, alle Erwartungen zu erfüllen, die die Gesellschaft an uns stellt. Und dass wir das gar nicht erreichen können, weil sich die Erwartungen immer wieder ändern«, seziert Kreutzer ihr eigenes Œuvre. »Je älter ich werde, desto mehr Rollen nehme ich in dieser Gesellschaft ein. Als Frau, beruflich,

als Mutter, als Partnerin, als Freundin von anderen Frauen und als Kind von Menschen, die altern. Diese Rollen werden immer mehr und deswegen wird mir auch immer klarer, dass es unmöglich ist, die gesellschaftliche oder mediale Erwartung zu erfüllen, wie man als Frau zu sein hat.« Daher werde dieser Druck immer ein Thema für sie sein, »weil es zu viele Geschichten darüber gibt«.

Dass solche Themen sowie weibliche Filmschaffende sich in der Filmförderung nicht immer durchsetzen konnten, hält Kreutzer für offensichtlich. »Als ich an der Filmakademie studierte, war die Geschlechterverteilung unseres Jahrgangs ungefähr fifty-fifty. In der Ausschüttung von Fördermitteln bildete sich das danach aber nicht ab.«

Die inzwischen besseren Voraussetzungen brächten andere Probleme, mit denen Frauen nun zu kämpfen hätten: »Die Wahrnehmung ist jetzt, dass wir bevorzugt werden. Das stimmt natürlich nicht. Wir versuchen nur gleich viele Möglichkeiten, gleich viele Freiheiten zu haben. Aber es gibt eine spürbare Gereiztheit unter den männlichen Kollegen, weil sie das Gefühl haben, ihnen wird etwas weggenommen. Das ist jedoch zwangsläufig der Fall: Wenn wir sagen, wir müssen Gleichheit erreichen, dann müssen die, die immer zu viel bekommen haben, natürlich auch etwas hergeben.«

Spätestens mit ihrem Langspielfilmdebüt bewies Kreutzer schließlich endgültig, was sie kann. »Die Vaterlosen« wurde 2011 auf der Berlinale uraufgeführt. Der Ensemblefilm beleuchtet die Zusammenkunft entfremdeter Geschwister, nachdem deren Vater, der An-

führer einer Hippiekommune, verstorben ist. Bei der Diagonale in Graz wurde »Die Vaterlosen« insgesamt viermal ausgezeichnet, unter anderem als bester Film. Auch international heimste er diverse Preise ein.

2019 war Marie Kreutzer dann abermals auf der Berlinale zu Gast: mit »Der Boden unter den Füßen«, in dem die von Valerie Pachner gespielte Hauptfigur an Arbeit, ihrer geistig kranken Schwester und ihren eigenen Dämonen zu zerbrechen droht.

Humor und Drama

Ihr erfolgreichster Film, so Kreutzer augenzwinkernd, sei aber nach wie vor eine Komödie. In »Was hat uns bloß so ruiniert« wollen drei Paare nach der Geburt des Nachwuchses keine elterlichen Spießer werden. Doch Elternschaft hat seine ganz eigenen Herausforderungen. Kreutzer traf damit einen Nerv: »Da sprechen mich noch immer die Leute im Supermarkt drauf an.« Humor ist der Regisseurin wichtig. »Meine Filme haben immer komische Szenen. Das gibt dem Ganzen einen kurzen Moment der Erleichterung, auch in einem dramatischen Film.« Sie sei glücklich, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen. »Dann kann man sehr schnell erkennen, ob etwas funktioniert. Wenn man ein reines Drama macht, ist es schwieriger, denn woran erkennt man die richtige Reaktion an den richtigen Stellen?« Es mache ihr viel Freude, »solche Szenen zu drehen, zu inszenieren, mit den Schauspieler*innen zu erarbeiten.« So präzise sie in ihren Büchern ist, so offen ist Kreutzer in ihrem Umgang mit den Darsteller*innen. »Mir ist sehr wich-

Lucy (Léa Seydoux) sieht sich im Film »Gentle Monster« mit den Taten ihres Mannes (Laurence Rupp) konfrontiert.
»Man denkt sich als Filmschaffende, warum ist es immer gleich eine Konkurrenz? Ich finde, man kann Filme einfach nicht vergleichen.«
— Marie Kreutzer

tig, dass sie viel Freiheit haben, dass sie sich relativ frei bewegen können.« So arbeite sie zum Beispiel nie mit Markierungen. Viele Schauspieler*innen sind gewohnt, dass sie an bestimmten Stellen stehen oder sich dorthin bewegen müssen, wenn sie einen bestimmten Satz sagen. »Das würde es bei mir niemals geben. Ich finde, das unterbricht alles. Ich versuche, sie im Moment zu haben und richtig aufeinander reagieren zu lassen; ihnen die Möglichkeit zu geben, komplett loszulassen, nicht darüber nachzudenken, ob sie gerade gut spielen oder gut aussehen.«

Apropos loslassen: Mit »Die Notlüge« aus dem Jahr 2017 inszenierte Kreutzer zum ersten Mal einen Film, der nicht aus ihrer Feder stammte, sondern von ihrer langjährigen Kollaborateurin Pia Hierzegger. Wie steht die Frau, die vom Schreiben zum Film kam, zu Stoffen anderer? Dazu, die Geschichte quasi abzugeben? »Prinzipiell gibt es keinen Grund, nicht auch Bücher von anderen Menschen zu verfilmen«, so Kreutzer. »Nur meistens gefallen sie mir nicht oder ich würde sie anders schreiben.«

2027 wird sie wahrscheinlich abermals ein fremdes Drehbuch inszenieren. »Ich handle mir aber immer heraus, dass ich eine Regiefassung schreiben darf. Damit kann ich das Buch ein bisschen in eine Richtung bringen, die mehr mit mir zu tun hat und meine Erzählweise verstärkt.«

Die Liebe zum Drehbuchschreiben überlagert inzwischen auch ihre jugendlichen Ambitionen: »Ich habe überhaupt keine Lust mehr, einen Roman zu schreiben. Selbst wenn der viel komplexer und reichhaltiger sein kann. Ein Drehbuch ist primär die Vorlage für einen Film, aber es ist auch ein Werk. Ich liebe die Ökonomie, sich genau zu überlegen: ›Brauche ich das? Was kann ich weglassen?‹ Weil ich ein sehr ordentlicher Mensch bin, mache ich das gerne.«

Preisregen

Und ihre Ordentlichkeit macht sich bezahlt: Neben den angesprochenen Auszeichnungen für »Die Vaterlosen« gab es für Kreutzer bereits zahlreiche weitere Ehrungen. So erhielt etwa »Corsage« beim BFI London Film Festival den Preis als bester Film und wurde von Österreich ins Rennen um den Auslandsoscar geschickt. Dass es dann nicht für die Shortlist reichte, lag vermutlich auch am eingangs erwähnten Skandal.

»Die Erwartung ist immer hoch«, beschreibt Kreutzer den Moment nach einem Gewinn. »Wenn man schon Erfolg hatte, dann wird die Erwartung halt noch höher. Aber selbst dann gibt es immer noch die, die sagen: ›Eigentlich ist es ein Schas.‹ Man kann es nicht allen recht machen.« Sie selbst habe zu Preisen ein sehr zwiespältiges Verhältnis: »Ich

war selbst schon in Jurys. Es ist subjektiv, es geht um Geschmack. Jede Entscheidung wird immer von so vielen Faktoren und Dynamiken bestimmt, die nichts damit zu tun haben, ob etwas das Beste ist.«

Viel lieber wäre es ihr da, die Filmkunst allgemein zu feiern. »Das Allererste, was ich gehört habe, als wir mit ›Gentle Monster‹ nach Cannes zum Wettbewerb eingeladen wurden, war, was das für ein Riesenerfolg ist. ›Wir drücken die Daumen, du gewinnst die Palme.‹« Dabei sei es wahnsinnig schwer, überhaupt erst reinzukommen. »Man denkt sich als Filmschaffende, warum kann man dort im Wettbewerb nicht gemeinsam feiern? Warum ist es immer gleich eine Konkurrenz? Ich finde, man kann Filme einfach nicht vergleichen.«

Mit sich selbst verglichen werden will Kreutzer auch nicht. »Nach ›Corsage‹ kamen mehrere Angebote für historische Stoffe. Das ist mir schon mit den Kurzfilmen passiert: Man wird sehr schnell festgelegt auf eine bestimmte Art von Film. Jedes Mal wird dann das Gleiche erwartet, nur noch besser. Ich machte es mir schon öfter schwer, indem ich etwas drehte, das man nicht von mir erwartet hatte oder das man nicht wollte. Weder das Publikum noch die Presse noch die Förderstellen.« Leichter tue man sich natürlich, wenn man eine Trademark habe. Aber: »Film kostet sehr viel Energie und ich kann die Energie nur aufbringen, wenn ich in dem Moment etwas erzähle, das ich sehr wichtig finde.«

Wichtig ist der Tochter der steirischen Grünen-Politikerin Ingrid Lechner-Sonnek auch, sich politisch zu engagieren. »Wir als Filmschaffende haben eine Verantwortung.« Gerade die jüngere Generation sei hier gefragt. »Ich bin in verschiedenen Gremien und denke mir, dass langsam andere übernehmen könnten.« Den österreichischen Film sieht sie jedenfalls gerade in einer extrem schwierigen Situation. »Durch den Ausfall der Förderschiene ÖFI+ und die Inflation, die wirklich jedes einzelne Projekt an jedem einzelnen Punkt so viel teurer macht, ist es sehr schwer geworden, überhaupt auf ein Budget zu kommen, mit dem man Filme vernünftig und auch bei verträglichen Arbeitsbedingungen realisieren kann.« Und das in einer Zeit, in der Leute sich generell schwertun, Arbeit zu bekommen. »Ich habe das Gefühl, dass unser Kulturminister gar nicht richtig versteht, wie stark der österreichische Film ist – auch im internationalen Vergleich. Und wie viele Arbeitsplätze da drinnen stecken. Wir fühlen uns gerade ziemlich allein gelassen.«

Susanne Gottlieb

Der Film »Gentle Monster« von Marie Kreutzer startet am 17. September in den österreichischen Kinos.

Film Festival in Wien

Von 4. Juli bis 6. September am Rathausplatz

Besuche Europas größtes Kultur- und Kulinarikfestival bei freiem Eintritt! Erlebe den Sommer in seiner schönsten Form und genieße Musik von Pop bis Klassik unter freiem Himmel. Täglich von 11 Uhr bis Mitternacht.

Das gesamte Programm findest du unter filmfestival-rathausplatz.at

filmfestival-rathausplatz.at

Schnappschuss »Blumenverkäufer vor dem Ponte Vecchio«

Anonym »Blumenverkäufer vor dem Ponte Vecchio in Florenz«, 1907 bis 1930, Albertina Wien / Höhere Graphische Bundes-Lehrund Versuchsanstalt

Kann ein Reisefoto anonymer Herkunft Kunst sein? An diese Frage schließt eine lange Kette von Diskursen rund um Intentionalität, Rezeption und Autor*innenschaft an. ———— Als das ausufernde Lebenswerk der US-amerikanischen Fotografin Vivian Maier Ende der Nullerjahre viral ging, begannen die Feuilletons zu rotieren: Wie hatte eine so talentierte Street-Fotografin mit Abertausenden teils brillanten Aufnahmen bis dahin völlig unbekannt sein können? Was hatte dazu geführt, dass sie ihren Lebensabend isoliert in einer vollgeramschten Wohnung in Chicago verbringen musste? Wer hat nun das Recht ihren Nachlass zu besitzen, zu vermarkten? Und vor allem: Wie ist das alles kunsthistorisch einzuordnen? Wenn eine Künstlerin Zeit ihres Lebens nur für sich selbst fotografiert, ihre Abzüge niemals anderen Menschen gezeigt und oftmals Filme gar nicht erst entwickelt hat, kann sie dann überhaupt als Künstlerin gelten?

Roland Barthes und sein »Tod des Autors« werden gerne missverstanden. Viele glauben, es sei ihm darum gegangen, die Bedeutung von Autor*innenschaft grundsätzlich abzustreiten. Also zu behaupten, dass die Intention hinter einem Kunstwerk völlig irrelevant sei, dass nur entscheidend sei, wie es rezipiert werde. Tatsächlich ist es ihm aber in erster Linie um die Lösung eines literaturkritischen Problems gegangen: Wenn wir nie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen können, was ein*e Autor*in mit einem Text genau intendiert hat – allein schon, weil er*sie sich dessen vielleicht selbst gar nicht bewusst gewesen ist –, wie können wir dann darüber sprechen, was ein Text tatsächlich bedeutet?

Im auslaufenden neunzehnten Jahrhundert begann die Fotografie für eine breitere, wenn auch immer noch relativ elitäre Schicht zugänglich zu werden. Apparate wurden kleiner, handlicher, mobiler. Gleichzeitig begann das Reisen zum guten Ton zu gehören. Wer nicht als kleinbürgerlich gelten wollte, musste zumindest ab und an raus aus den Mauern der eigenen Stadt. Und was hätte da näherliegen können, als diese Touren fotografisch zu belegen, damit auch niemand an der eigenen Weltläufigkeit zweifeln konnte.

Wenn wir heute auf Urlaub fahren, ist die Intention hinter unseren Dutzenden Handykamerabildern sicherlich selten, Kunst zu erschaffen. Den meisten von uns geht es wohl darum, einen Schnappschuss einer Reise zu haben, ein Abbild der Realität, das diese in einem bestimmten Moment festhalten soll. Als Beweis, Erinnerung, Mitbringsel. Etwas überspitzt formuliert, könnte man von einem visuellen Kolonialismus sprechen: Das Fremde wird auf ein Negativ gebannt, um es zum Teil der eigenen Geschichte zu machen, um es besitzen zu können.

Doch was passiert, wenn solche Schnappschüsse dann plötzlich im »angemessenen Rahmen« präsentiert werden? Wenn ihnen ein Museum eine ganze Ausstellung widmet? Wenn ich den Kontext nicht kenne, vielleicht nicht kennen kann, in dem ein Blumenverkäufer irgendwann Anfang des neunzehnten Jahrhunderts vor dem Ponte Vecchio in Florenz fotografiert wurde, kann es dann überhaupt eine Rolle spielen, was der*die Fotograf*in damit intendierte? Ob er*sie die Schönheit des Motivs im Auge hatte? Lange über das Framing nachdachte? Anderen diese Schönheit zeigen, durch das Foto also eine ästhetische Erfahrung vermitteln wollte? Oder zählt andererseits nur, was wir heute, hundert Jahre später wahrnehmen? Ist irrelevant, ob hier jemand bewusst, mit Überlegung und Intention ein Kunstwerk schaffen wollte? Und falls ja: Was ist dann der Unterschied zwischen Kunst und jeder anderen ästhetischen Erfahrung? Warum sind dann nicht alle Sonnenuntergänge, alle symmetrisch gewachsenen Bäume, ja, alle KI-generierten Bilder, die uns bewegen, Kunst? Wo ziehen wir die Grenze? Wollen wir sie ziehen? Bernhard Frena

Die Ausstellung »Die Welt im Fokus« widmet sich der Reise- und Expeditionsfotografie ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ist noch bis 26. Oktober in der Albertina Wien zu sehen.

»Ich bin derjenige, der zuhört« Regisseur Tolga Karaaslan im Porträt

Die Filme von Tolga Karaaslan zeigen Perspektiven, die im Mainstreamkino nicht selbstverständlich sind. Mit »Baba, What’s Your Plan?« liefert er eine Dokumentation, die Migrationsnarrative und die chronische Erkrankung seines Vaters miteinander verwebt. ———— Es gibt Geschichten, die gehören erzählt, koste es, was es wolle. Durch die Folgen seiner Krebserkrankung ist Celal Karaaslan nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Das Warten auf die Invalid*innenpension scheint ewig und aussichtslos. Als er seinen Sohn fragt, was er aus seinem Leben mit einer chronischen Krankheit machen soll, ist für den Filmemacher sofort klar, dass Celal mit dieser Erfahrung sicherlich nicht alleine ist. Das Schicksal des Vaters ist eines, das geteilt werden muss.

Dabei lässt sich Tolga Karaaslan nie vom Weg abbringen: Auch ohne Fördergelder sorgt der 31-Jährige dafür, dass der Film fertig wird. Während des Drehs arbeitet er alleine, auch Schnitt und Ton übernimmt er selbst. Dass »Baba, What’s Your Plan?« 2026 schließlich den Dokumentarfilmwettbewerb der Diagonale gewinnt, beweist, dass Karaaslan ein Auge dafür hat, welche Geschichten das Publikum bewegen.

Seine eigene als Regisseur begann gewissermaßen im Metro Kino in Wien. Denn dort erblickte zum ersten Mal ein Werk von ihm das Kinolicht der Welt. Deshalb treffen wir uns bei stabilen 35 Grad Außentemperatur im abgedunkelten historischen Saal zum

Gespräch. Auf den roten Samtsesseln, erste Reihe fußfrei, unterhalten wir uns über Tolga Karaaslans Arbeit als Filmemacher. »Ohne klaren Plan im Leben weiß man nicht, welche Rolle man spielen soll«, stellt sein Vater in »Baba, What’s Your Plan?« fest. Die Sinnfindung, eine Suche, die den Menschen antreibt, bildet den Spannungsbogen in Karaaslans Film und sie steckt auch in den atmosphärischen Bildern tief drin. Wie er selbst zu seinem Plan fürs Leben gekommen ist? Ein Weilchen habe er Architektur studiert, dann eine Grafikausbildung gemacht. Dabei habe er seine Liebe zum Visuellen, letztendlich zum Bewegbild, entdeckt. Heute studiert er an der Kunstuni Linz. Klassischen Filmhintergrund hat Karaaslan also keinen. Vielleicht ist seine Dokumentation gerade deshalb von einer so unfassbaren Authentizität geprägt.

Stiller Beobachter

In »Baba, What’s Your Plan?« führt Celal seinen Sohn in das kleine türkische Dorf, in dem er aufgewachsen war, auf die Tabakfelder, auf denen er gearbeitet hatte, und zur Schule, die er besucht hatte, bevor er nach Österreich kam. Zwischendrin reflektiert er über Liebe, Leben und seine Krankengeschichte. Er kocht, sieht fern, spaziert, erlebt Fortschritte und Rückschläge. Das Porträt dieses Mannes entfaltet sich langsam. Der Fokus liegt auf einzelnen Momenten, die sich nach und nach zu einem komplexen Ganzen verweben. Man

»Ich würde mich freuen, wenn mein Film andere Communitys erreicht als die typischen Festival- und Kinobesucher*innen.« — Tolga Karaaslan

Als Kind sah sich Tolga Karaaslan kaum auf der Leinwand repräsentiert –diesbezüglich möchte er mit seinen Filmen Abhilfe schaffen.

spürt die Intimität und Zuneigung zwischen diesen beiden Personen vor beziehungsweise hinter der Kamera.

Den Filmemacher selbst sieht man in der Doku kaum. Auch seine Stimme hört man nicht. Tolga Karaaslan versteht seine Rolle vielmehr als eine passive: »Ich bin derjenige, der zuhört«, sagt er. Auch wenn das im Fall dieser Doku nicht immer einfach war. Während er beim Dreh noch gut mit den schweren Momenten umgehen konnte, sah es in der intensiven Schnittphase anders aus: »Da musste ich zum Beispiel hundertmal anhören, wie mein Vater erfuhr, dass er Krebs hat. Das war hart.«

Erfahrung schenken

Auf einer gewissen Ebene erzählt »Baba, What’s Your Plan?« aber auch von Tolga Karaaslan selbst: Der Film ist ein Zeugnis dafür, wie eine spätere Generation ihre Eltern, die in ein fremdes Land migriert sind, unterstützen kann. Deshalb blieb er so hartnäckig bei der Entscheidung, den Film umzusetzen und die vielen Aufgaben selbst zu schultern. Bei der Premiere und den Publikumsgesprächen, für die Celal mit auf der Bühne saß, sowie spätestens beim Preisgewinn begann sich das zu lohnen: »Mein Traum war es, meinem Vater eine neue Erfahrung zu schenken«, erklärt Karaaslan.

Zu Redaktionsschluss hat »Baba, What’s Your Plan?« allerdings noch keinen regulären Kinostart. Perspektiven wie die von Karaas -

lans Vaters gibt es zuhauf auf der Welt, aber zu selten auf der Leinwand. »Ich mochte Filme schon als Kind«, erinnert sich der Regisseur. »Aber ich habe nie wirklich erlebt, dass ich mich in einem davon repräsentiert gefühlt hätte.« Dabei würden sich gerade mit Film so viele Blickwinkel abdecken lassen. Es war »Memory of the Foreign«, ein Vierminüter über die Migrationsgeschichte seiner Großmutter, mit dem es damals für Karaaslan im Metro Kino seinen Anfang nahm. Lauschige Super-8-Aufnahmen zeigen das Industrieviertel der oberösterreichischen Stadt Wels, in dem Fatma Selek gearbeitet hat. In einem Voiceover erinnert sich die gebürtige Türkin an Zuhause. Eine Wehmut, die dem Wunsch, ihren Kindern eine Zukunft in Österreich zu ermöglichen, entgegensteht. Seine entwurzelten Protagonist*innen und die Frage nach Zugehörigkeit prägen Karaaslans Arbeiten. Er selbst kann von dem Gefühl ein Lied singen: »Schon beim Aufwachsen habe ich mich gefragt, wer ich bin.« Er kennt die Kulturen beider Länder, sowohl Österreich als auch die Türkei hätten ihn beeinflusst. »Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass ich mich dazwischen bewege«, meint er.

Eine Ambivalenz, die viele Menschen mit Migrationshintergrund prägt und im Mainstreamkino kaum vertreten ist. »Ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinen Geschichten auf mich allein gestellt bin«, erzählt Karaaslan. Erst das Aufeinandertreffen mit dem

Netzwerk Gewächshaus – wieder im Metro Kino – konnte das ändern: In diesem Verein kann ein grundlegendes Verständnis für Lebensrealitäten vorausgesetzt werden, die man sonst immer extra erklären muss. Von und für BIPoC-Filmschaffende im deutschsprachigen Raum setzt er sich für mehr Vielfalt und Repräsentation in der Branche ein. An der mangelt es nämlich noch deutlich. Gerade deshalb bemüht sich Karaaslan aktuell um einen Kinostart für seinen Film: um Stimmen hörbar zu machen, die sonst untergehen.

»Baba, What’s Your Plan?« zeigt nicht nur eine individuelle Erfahrung, die Doku umspannt größere, gesellschaftliche Themen. Sie handle von »Leben und Menschen«, so der Filmemacher, biete Einblick in die Realität vieler Migrant*innen. »Ich würde mich freuen, wenn mein Film andere Communitys erreicht als die typischen Festivalund Kinobesucher*innen«. Türkische oder kurdische zum Beispiel. Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie sein Vater und die sich selbst oder ihre Eltern in der Geschichte sehen können. Helene Slancar

Der Film »Baba, What’s Your Plan?« von Tolga Karaaslan hat derzeit noch keinen Kinostarttermin.

Dieser Text ist im Rahmen einer Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.

»Es hat einfach alles einen Vibe« Hip-Hop made in Vienna: Skyfarmer

Hot Take: Die spannendsten deutschsprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der österreichischen Hauptstadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünfteiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Diesmal: Skyfarmer. ———— Als Roman Himmelbauer das Café im fünfzehnten Wiener Gemeindebezirk betritt, ist es draußen längst dunkel. Bis eben saß er noch im Büro seines Brotjobs als Buchhalter, mit dem er seine Karriere als Musikproduzent querfinanziert. Er legt die schwarzen Over-Ear-Kopfhörer auf den Tisch, bestellt einen Cappuccino und beginnt zu erzählen – von seinen Anfängen in Klosterneuburg.

Himmelbauer, der unter dem Namen Skyfarmer produziert, prägt seit Jahren den Sound des Wiener Raps, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. Für Skofi ist er der Haus-und-Hof-Produzent, dazu kommen Kollaborationen mit Künstler*innen wie Donna Savage, Verifiziert oder Bacardy. Seine Handschrift ist eine melancholische Grundstimmung, die jedoch nie ins Hoffnungslose abdriftet.

Woher kommt dieser Klang? »Meiner Mum war es extrem wichtig, dass wir musikalisch aufwachsen«, sagt er und meint damit sich und seine drei älteren Geschwister, die alle mindestens ein Instrument spielen. »Bread and butter war bei uns allen das Klavier.« Sechzehn Jahre lang nahm er Unterricht, erst klassisch, dann Jazz und Improvi-

sation. Später kamen Gitarre, Schlagzeug und dann Tenorhorn dazu. »Dieses Gerät war fast so groß wie ich.« Technisch sei davon nicht viel geblieben, sagt er, aber das geschulte Gehör schon.

Besondere Harmonien

Lauscht man seinen Produktionen, merkt man das sofort. Da sitzt niemand an den Reglern, der nur Samples aneinanderreiht, Himmelbauer denkt in Harmonien. »Das sind diese Skyfarmer-Chords«, habe ein be-

mit Avicii, dessen Songs ihn dazu brachten, selbst »EDM-Mucke« zu produzieren. Anfangs mit der Einsteigersoftware Magix Music Maker, später mit Garage Band, FL Studio und Logic. Bei Ableton blieb er schließlich hängen, auch weil Vorbilder wie Skrillex darauf schwören.

»Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre ein OG-Hip-Hopper«, meint er. Seine Rap-Sozialisation begann nicht mit Tupac und Biggie, sondern mit Mac Miller, Casper und Cro. Später entdeckte er Trap für

»Eine Zeit lang haben Künstler*innen in Wien recht ähnliche Sachen gemacht, jetzt entwickeln sie sich in sehr unterschiedliche Richtungen.« — Skyfarmer

freundeter Gitarrist einmal festgestellt, erzählt er. Seine Musik lebt von unerwarteten, spannenden Akkorden. Inspiration findet er etwa in Anime-Soundtracks. »Da gibt es oft diese Dissonanz, die dann in etwas Hoffnungsvolles kippt.«

Himmelbauers musikalische Einflüsse sind vielfältig. Sein erster Aha-Moment kam

sich, etwa die $uicideboy$ aus den USA oder Lugatti & 9ine aus Deutschland. »Wiener Vorbilder hatte ich früher nicht so wirklich«, sagt Himmelbauer.

Von seinen Eltern habe er schließlich einen Sampler bekommen, mit dem er anfing Hip-Hop-Beats zu bauen. Der erste Künstler, mit dem er dabei zusammenarbeitete,

Sebastian Ziegler

Skyfarmer

Alter: 29

Bezirk: 3400 (Klosterneuburg)

Dein Sound in einem Wort: mitreißend

OG-Hip-Hop-Track aus Wien:

Ignaz Tschinön »Spompanadln«

No.-1-Newcomer*in: Chovo

war Bibiza. Die beiden kannten sich aus der Schule. »Franz war seiner Zeit schon ziemlich voraus«, erinnert sich Himmelbauer. Während er noch in den Startlöchern seiner Produzentenkarriere stand, hatte Bibiza bereits einen Plan. Dennoch landeten zwei Skyfarmer-Beats auf einem frühen Mixtape, das aber »long gone« sei.

Mithilfe seines Vaters richtete sich Himmelbauer zu dieser Zeit ein Studio im heimatlichen Keller in Klosterneuburg ein. Bis heute entstehen dort fast alle seine Produktionen. »Ich liebe Klosterneuburg«, so der Produzent. »Da bin ich aufgewachsen, da wohne ich und da werde ich wahrscheinlich auch mein ganzes Leben bleiben.«

Klosterneuburg for Life

Gerade die Distanz zur Großstadt Wien schätzt er: Er hole viele Künstler*innen am Bahnhof ab und der Spaziergang durch die »idyllischen Straßen« des Städtchens gehöre fast schon zur Session. Erst werde geredet, Kaffee getrunken und Musik gehört. »Ich muss wissen, was die Leute gerade feiern, um den Vibe zu checken.« Trotzdem will er jedem Song etwas Eigenes mitgeben. »Ich bin nicht so der Abrufproduzent.«

Nach der Zusammenarbeit mit Bibiza steckte Himmelbauer eine Zeit lang in einer »fetten Chill-Hop-Phase«: rauchen, Beats hören, mit Kumpels freestylen (»Gott sei Dank gibt es davon keine Aufnahmen«). 2018 lernte er dann eine Person kennen, die seine weite -

re Karriere prägen sollte. Er traf Skofi, die damals noch Lo-Fi produzierte. Die beiden verabredeten sich in Klosterneuburg für eine Session und bauten gemeinsam einen Beat. Himmelbauer ermutigte die Musikerin – sie sah sich selbst zu dieser Zeit vor allem als Produzentin – die Vocals beizusteuern. »Skofi war verwundert, als ich meinte: ›Ja, geil, der Beat steht, magst du was einsingen?‹«, erinnert sich Himmelbauer.

Die Kombination funktionierte und wurde zur Grundlage einer der fruchtbarsten Kollaborationen der Wiener Rapszene. An zwei Alben, vier EPs und etlichen Singles war Himmelbauer seitdem maßgeblich beteiligt. Erst im Juni erschien Skofis neues Album »Halt mich fest«. Darauf zu hören: die typischen Skyfarmer-Chords, ob in Keyboard- oder Gitarrenausführung.

Einem Genre zuordnen lassen sich diese Beats kaum noch. Statt der Trap-Drums, die deutschen Rap vor wenigen Jahren noch dominiert haben, mischt er analoge Einflüsse wie echte Schlagzeugsounds mit Elektronischem von House bis Garage. Eine Entwicklung, die er in der gesamten Wiener Szene beobachtet. »Eine Zeit lang haben alle recht ähnliche Sachen gemacht, jetzt entwickeln sich die Künstler*innen in sehr unterschiedliche Richtungen«, erklärt er. »Das finde ich geil, weil keiner eine ultraeingeschränkte Linie fährt. Alle machen ein bisschen alles.«

Zwischen Bibizas Austropop, Skofis Indierap und Eli Preiss’ Drum-&-Bass-Songs gibt es

kaum musikalische Gemeinsamkeiten – und doch klingen alle unverkennbar wienerisch. Irgendwie seien dann doch alle Bubbles ähnlich, stimmt Himmelbauer zu. »Ich glaube, es hat einfach alles einen Vibe.«

Zurück zu den Anfängen

Mittlerweile ist Himmelbauer mit seinem Soloprojekt Unbnd. zu seinen musikalischen Wurzeln zurückgekehrt und hat sich damit ein Outlet für elektronische, sounddesignorientierte Musik zwischen House, Garage und Drum & Bass geschaffen. Im Idealfall würde er seine Zeit künftig gerne zur Hälfte in Skyfarmer und zur anderen in Unbnd. stecken, erklärt er. Realistischerweise werde er aber weiterhin viel für andere Künstler*innen produzieren und das Soloprojekt nebenbei vorantreiben. Die alleinige Verantwortung für jeden Schritt – vom Singlecover bis zur Distribution – gebe ihm maximale kreative Kontrolle, bringe aber auch viel Arbeit mit sich. Hat er ein Ziel, das er mit Unbnd. erreichen möchte? Himmelbauer überlegt kurz und sagt dann: »Einmal Grelle Forelle spielen wäre geil.« Jannik Hiddeßen

Aktuelle Infos zu Skyfarmer sind auf seinem Instagram-Kanal @skyfarmerbeats zu finden.

Dieser Text ist im Rahmen des The-GapNachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.

»Die ganze Stadt miteinbeziehen« Gabriel Roland, Direktor der Vienna Design Week, im Interview

Bereits zum zwanzigsten Mal bietet die Vienna Design Week heuer eine interdisziplinäre Plattform für Produkt- und Industriedesign, Architektur, Social Design sowie Handwerk. Wir trafen Direktor Gabriel Roland anlässlich des Festivaljubiläums zum Gespräch. ———— 2007 fand die erste Vienna Design Week statt. Seither verwandelt sie Wien jeden Herbst in eine »City Full of Design«. Hervorgegangen aus dem Projekt »Passionswege« wurde Österreichs größtes kuratiertes Designfestival zunächst von seinen Gründer*innen Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein geführt, bis Hollein 2013 schließlich die alleinige Leitung übernahm. Seit ihrer Berufung zur Generaldirektorin des Museums für angewandte Kunst im Jahr 2021 steht Gabriel Roland dem Festival vor. Für ihn ist die Vienna Design Week ein Raum, um zu zeigen, an welchen Orten der Stadt und in wie vielen Facetten Design hier zu finden ist. Im Interview spricht er über Vermittlung, über Werte und darüber, was das Festival auch nach zwei Jahrzehnten noch frisch hält.

Du bist treuen The-Gap-Leser*innen kein Unbekannter. Früher hast du selbst für das Magazin geschrieben. Nun bist du schon einige Jahre Direktor der Vienna Design Week. Kannst du deinen Werdegang ein wenig skizzieren?

GABRIELROLAND: Da gibt es zwei Aspekte: Einerseits habe ich viel im Medienbereich gearbeitet, unter anderem beim Verlag

Gabriel Roland und sein Team blicken zurück auf zwanzig Jahre Vienna Design Week.

Monopol und bei The Gap. Dort konnte ich Erfahrungen in der Text- und der Organisationsarbeit sammeln. Andererseits komme ich tatsächlich selbst aus dem Designbereich. Ich bin ausgebildeter Textildesigner. Was ich bei der Vienna Design Week mache, ist zwar kein Design, aber aus dieser Mischung unterschiedlicher Skills ist dann ein Profil entstanden, das für die Leitung eines Festivals sehr gut nutzbar ist.

Was gehört alles zu deinem Aufgabenbereich als Direktor?

Die Position eines Direktors ist, denke ich, eine, bei der es keinen festgelegten Aufgabenbereich gibt. Oder anders: Der Bereich ist alles. Das Interessante und Schöne an meinem Job ist, dass ich mit vier Kolleginnen zusammenarbeiten kann und meine Rolle dabei darin besteht, deren spezifische Arbeit an ihren Projekten zu einem großen Ganzen zusammenzufassen. Neben der Gestaltung von organisatorischen und personellen Abläufen, der Finanzplanung und den kuratorischen Entscheidungen geht es aber vor allem um Kommunikation und Repräsentation nach außen. Das meint unter anderem die Netzwerkarbeit mit vielen Partner*innen, Institutionen und Organisationen, mit denen wir kooperieren. Ihre jeweiligen Positionen sind für unser Festival sehr wichtig, weil wir eine große Breite in den Geschichten, die wir erzählen, abbilden wollen. Deshalb versuchen wir, mit ihnen gemeinsame Projekte und Visionen zu finden und zu verfolgen.

Und welche Geschichten sind das? Was möchtet ihr euren Besucher*innen vermitteln?

Wir möchten der Öffentlichkeit einen Zugang dazu ermöglichen, was Designer*innen machen. Außerdem wollen wir Designer*innen ein Selbstbewusstsein geben, indem wir ihnen eine Plattform bieten, um zu erzählen, was ihnen wichtig ist und was sie mit ihrer Arbeit erreichen wollen. Das kann von einer konzeptionellen, kritischen Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema bis hin zu etwas reichen, das ihnen – und uns – einfach Freude macht. Dabei ist uns eine willkommen heißende, persönliche und zugängliche Art ein Anliegen, mit der wir möglichst viele Menschen abzuholen hoffen, damit sie auch außerhalb des Festivals eine Verbindung zwischen Design und ihrem Leben schaffen können.

Welche Intention steht hinter eurem Vermittlungsprogramm?

Es ist uns wichtig, für Menschen, die sich für Design interessieren und daran teilhaben wollen, Möglichkeiten zu finden, mit ihrem Wissen sowie ihren Interessen zu uns

zu kommen und dabei auch Neues zu entdecken. Das kann einerseits etwas an dem Ort sein, an dem sie leben, die Stadt mit ihrem gebauten Umfeld, oder andererseits die Arbeit von Designer*innen beziehungsweise konkrete Produkte von Unternehmen. Für Leute, die sich viel mit Design auseinandersetzen und ganz in die Tiefe eines bestimmten Themas gehen wollen, kann es aber auch etwas Fachspezifischeres sein – beispielsweise mithilfe eines Workshops oder einer Paneldiskussion. Für all das soll die Vienna Design Week einen kommunikativen Rahmen bieten. Dieser reicht von der Schultour, bei der man auf kind- oder jugendgerechte Art und Weise das Festivalprogramm entdeckt, bis hin zu einer Masterclass, in der ganz gezielt zu einem Themenbereich gearbeitet wird.

Bei diesem Format bringt die Vienna Design Week traditionelle lokale Handwerksbetriebe mit internationalen Designer*innen zusammen. Rundherum hat sich das Festival dann über die Jahre mit all seinen unterschiedlichen Formaten, seinen vielen Teilnehmer*innen und seinem großen Publikum entwickelt. Gewisse Dinge bringt seither jede Ausgabe mit, beispielsweise den internationalen Kurs. Daneben die deutliche Ausrichtung auf die Stärken der lokalen Designszene, die aber mit der Welt vernetzt werden soll, um Neues zu entdecken. Dieses Brückenbauen ist bis heute eine Konstante. Genauso wie die starke Ausrichtung auf unser Publikum – etwa bei freiem Eintritt Design an Orten zu zeigen, an denen die Men-

»Es ist uns ein Anliegen, dass Menschen auch außerhalb des Festivals eine Verbindung zwischen Design und ihrem Leben schaffen können.«
— Gabriel Roland

Habt ihr dieses Jahr einen Schwerpunkt, zu dem kuratiert wurde?

Eigentlich haben wir nie ein übergreifendes Thema oder Motto. Dagegen haben wir uns immer ein wenig gewehrt. Das Festival ist aus mehreren Formaten aufgebaut – die sich mitunter schon mit gewissen Themen auseinandersetzen – und gemeinsam ergeben sie dann das Programm. Dieses Jahr ist es ein bisschen anders, weil sich das zwanzigjährige Jubiläum als großes Thema durch das Festival zieht. Es zieht sich heuer durch unsere ganze Arbeit, von Anfang bis Ende. Worüber wir viel nachgedacht haben, ist zum einen der Rückblick auf zwanzig schöne, erfolgreiche Jahre und wie wir diesen schönen Moment feiern können. Und zum anderen der Ausblick darauf, was wir noch gerne machen würden und wie sich die Rolle der Vienna Design Week weiterentwickeln wird.

Speaking of zwanzig Jahre Vienna Design Week: Was hat sich in all den Jahren verändert? Was wurde beibehalten?

Auf der einen Seite ist das Festival stark gewachsen. Das hat schon in den ersten Jahren mit den »Passionswege«-Projekte angefangen.

schen sich im Alltag aufhalten. Es ist also ein Festival, das die ganze Stadt miteinbezieht. All das sind Werte, nach denen wir unsere Arbeit nach wie vor ausrichten, seit sie von unseren Gründer*innen Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein festgelegt worden sind. Von Ausgabe zu Ausgabe setzen wir uns damit auseinander, wie wir diese Werte und diese Vision auslegen wollen und was sie bedeuten.

Habt ihr schon neue Visionen für die nächsten Jahre?

Ich glaube, es ist noch ein bisschen zu früh, um das zu sagen. Unser Fokus ist das Jetzt. Aber es gibt eben Werte und einen Charakter, die die Vienna Design Week pflegt – ausgelebt auf ganz viele unterschiedliche Weisen, sonst wäre uns ja in den letzten zwanzig Jahren langweilig geworden. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass diese Rahmenbedingungen, die wir geschaffen haben, in Zukunft weiterhin funktionieren werden.

Die zwanzigste Ausgabe der Vienna Design Week findet von 25. September bis 4. Oktober statt.

Ewig schön? Mode und die Macht der Standards

Wenn Trends in Mikrotrends zerfallen, wird es zum beinahe unmöglichen Unterfangen, up to date zu bleiben. Die Vienna Fashion Week präsentiert im September die nächste Welle an Designerware. Doch irgendetwas an den Laufstegbildern wirkt vertraut. Neue Trends, alte Körpernormen? Hinkt das Schönheitsideal den Bekenntnissen zu Diversität hinterher?

———— Die Vienna Fashion Week steht vor der Tür. Jährlich finden sich Liebhaber*innen, Bekannte und Verwandte der Modebranche zusammen, um gemeinsam neue Designs zu feiern. Events wie dieses erfordern monatelange Planung. Die einen werden eingeladen, die anderen aussortiert. Nur Models, deren Körper über eine bestimmte Größe hinausgewachsen sind, dürfen überhaupt zu Castings antreten. Wer dort überzeugt, sichert sich im besten Fall einen Platz auf dem Laufsteg. Dabei präsentiert ein Model meist mehrere Looks, die im Backstagebereich in Sekundenschnelle gewechselt werden. Sitzt schließlich jedes Detail, werden die Designer*innenstücke zum ersten Mal ins Scheinwerferlicht gerückt. Der Moment dauert zwar nur Sekunden, und doch könnte genau dieser kurze Augenblick den nächsten It-Trend hervorbringen. Wobei man den »Augenblick« hier nicht allzu wörtlich nehmen darf. Denn neben all den bloßen Augen, die auf den Runway ge-

richtet sind, vergisst kaum jemand darauf, parallel die Handykamera laufen zu lassen. So dauert es auch nicht lange, bis die neue Designer*innenkollektion am gegenüberliegenden Ende des Erdballs ankommt. Trends verbreiten sich heutzutage innerhalb von Minuten weltweit im Internet. Und dort sind sie nicht unbedingt, um zu bleiben. Ihre Lebensdauer hält nur so lange, bis der nächste Hype schamlos den letzten ablöst. Eines ist klar, die Modezyklen werden immer kürzer. Aber verändern sich damit auch die Körperideale für Models?

Ab in den Feed

Während im Backstagebereich nach einer Show in Windeseile gleich die Vorbereitungen für die nächste getroffen werden, geht es ab zur Afterparty. Die sozialen Medien arbeiten indes weiter, pausenlos und im Alleingang. »Social Media sind dabei nicht mehr nur Schaufenster, sondern Taktgeber. Trends entstehen, kippen und skalieren dort in Echtzeit«, erklärt Zigi Mueller-Matyas, die gemeinsam mit Maria Oberfrank und Elvyra Geyer die Vienna Fashion Week leitet. »Mode ist heute praktisch ohne Verzögerung verfügbar – zumindest gefühlt. Was früher noch ein bis zwei Saisonen gebraucht hat, landet heute oft innerhalb weniger Tage im Feed und im Warenkorb.«

»Die Systemlogik bleibt oft gleich. Schnittmuster und Sample Sizes orientieren sich weiterhin an sehr engen Standards.« — Elvyra Geyer

Plattformen wie Tiktok oder Instagram werden von Algorithmen gesteuert, die vor allem eines wollen: unsere Aufmerksamkeit. Was dort besonders gut funktioniert, hat automatisch bessere Chancen, zum Trend zu werden. Kein Wunder also, dass inzwischen auch Werbebudgets gezielt in algorithmusfreundliche Vermarktung fließen. Mueller-Matyas bestätigt: »Wer investiert, dominiert den Feed – unabhängig davon, ob der Look wirklich der relevantere ist.« Noch nie haben sich Trends so schnell verbreitet und verändert.

Sample Size Zero

Doch gilt dasselbe auch für Körperbilder? »Die Anforderungen haben sich etwas gewandelt. Eher zum Positiven«, meint Simone Pruckner, die Chefin der internationalen Agentur The Next Models mit Sitz in Wien. »Es gibt keine starre Masse mehr, sondern Vielfältigkeit ist gefragt. Das hat aber die Auswirkung, dass der Konkurrenzkampf noch stärker geworden ist.« Diversität scheint immer noch das geltende Stichwort zu sein, was aber schlussendlich auf den Laufstegen ankommt, sind eher ausgesuchte Körperformen – und diese orientieren sich an der Size Zero.

Die kürzlich veröffentlichte, internationale Studie »Cultural Evolution of Beauty Standards«, an der auch Forscher*innen aus Wien beteiligt waren, zeigt nach der Auswertung von knapp 800.000 Laufstegaufnahmen, Werbesujets und Magazincovers spannende Ergebnisse. Zwar ist in den letzten 25 Jahren insgesamt eine größere Vielfalt an Körperformen feststellbar, der »typische« Modelkörper hat sich jedoch kaum verändert. Die zunehmende Diversität entsteht vor allem durch einzelne Models an den Rändern des Spektrums, während das dominante Schönheitsideal weiterhin schlank, weiß und im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung überdurchschnittlich schmal geblieben ist.

In der Analyse waren Plus-Size-Models auffällig oft gleichzeitig Personen mit nicht-weißer Hautfarbe. Die Forschenden sprechen von einer symbolischen Diversität. Statt unterschiedliche Formen von Vielfalt gleichmäßig in der Branche zu verankern, wären mehrere Diversitätsmerkmale oft auf dieselben wenigen Personen gebündelt. Die kleine Konfektionsgröße hat uns also nie wirklich verlassen.

Diesen Eindruck teilt auch Elvyra Geyer von der Vienna Fashion Week: »Die Systemlogik dahinter bleibt oft gleich. Schnittmuster und Sample Sizes orientieren sich wei -

terhin an sehr engen Standards, häufig rund um Größe 34/36. Die Diskrepanz zwischen repräsentierter Vielfalt und industrieller Realität bleibt damit bestehen.« Obwohl wir also mehr Diversität erwarten, haben sich die zugrunde liegenden Strukturen nicht wirklich verändert.

Längst sind darüber hinaus nicht mehr nur Models aus Fleisch und Blut Teil der Branche. Mit dem Aufstieg von künstlicher Intelligenz finden wir immer mehr virtuelle

»Falls sich die KI durchsetzen sollte, sind nicht nur die Models betroffen, sondern natürlich auch die Stylist*innen, die Visagist*innen, die Fotoassistent*innen und viele mehr.«
— Simone Pruckner

Gesichter in der Werbung. KI-generierte Models und Influencer*innen posieren in Kampagnen, ohne dass dafür jemals irgendjemand real vor einer Kamera gestanden wäre.

»Ähnlich, glatt, austauschbar«

Für Schlagzeilen sorgte letztes Jahr etwa die Marke Guess, die in der Vogue eine Kampagne mit einem KI-generierten Model veröffentlichte, das klassischer nicht sein könnte: blonde Haaren, große Augen und volle Lippen. Die Bilder lösten eine Debatte darüber aus, ob es notwendig sei, mittels KI erstelltes Material transparenter zu kennzeichnen. »Falls sich die KI durchsetzen sollte, sind nicht nur die Models betroffen, sondern natürlich auch die Stylist*innen, die Visagist*innen, die Fotoassistent*innen und viele mehr«, prognostiziert Simone Pruckner.

Der Moderiese H&M begegnet dem Umbruch auf andere Art: Anstatt KI-Models völlig neu zu erschaffen, arbeitet das Unternehmen

mit sogenannten »digital twins«. Das bedeutet, dass digitale Pendants von rund dreißig realen Personen erstellt worden sind, um sie für Werbekampagnen und SocialMedia-Inhalte einzusetzen.

Special Creative Industries

Elvyra Geyer von der Vienna Fashion Week über die aktuellen Entwicklungen: »Virtuelle Avatare ersetzen zunehmend klassische Produktshootings im E-Commerce und senken damit Produktionskosten. Gleichzeitig zeigt sich schnell die Grenze: Viele KIVisuals wirken ähnlich, glatt und austauschbar. Deshalb geht der Trend aktuell eher in Richtung Hybridlösung – KI als Tool, aber nicht als Ersatz für echte Bildwelten, Styling und Inszenierung.«

Während durch Technologie neue Möglichkeiten entstehen, bleibt eine Frage offen: Wie neu sind die Bilder, die sie erzeugt? Schließlich lernen Algorithmen anhand von dem, was bereits existiert. Was häufig geklickt, mit einem Like versehen und geteilt wird, erhält mehr Sichtbarkeit. Psycholog*innen sprechen vom Mere-Exposure-Effekt: Was uns regelmäßig begegnet, erscheint uns vertrauter – und oft auch attraktiver. Die Digitalisierung beschleunigt somit zwar die Entstehung und Verbreitung neuer Trends, könnte gleichzeitig aber erst recht die alten Schönheitsstandards festigen.

Stabile Standards?

Fashionshows, Agenturen und Labels werden sich in Zukunft wohl auf einige große Änderungen einstellen müssen: »Im Digitalen stellt sich die Frage, wie und wo man Zielgruppen künftig überhaupt noch erreicht – besonders, wenn Plattformen reguliert oder eingeschränkt werden«, spekuliert Vienna-Fashion-Week-Mitorganisatorin Zigi Mueller-Matyas. »Das könnte eine Rückkehr oder Neudefinition klassischer Medienformate wie Print mit sich bringen.« Außerdem sei – vor allem hinsichtlich Recycling und Nachhaltigkeit – in der Produktion von Mode einiges im Wandel begriffen. Ob das auf lange Sicht auch das Körperideal für Models verschiebt, bleibt abzuwarten. Denn selbst wenn Social Media, Diversität und KI die Modewelt verändern, bleiben viele der gängigen Standards bislang erstaunlich stabil.

Die Vienna Fashion Week findet vom 14. bis 19. September im Museumsquartier Wien statt. Die Studie »Cultural Evolution of Beauty Standards« ist unter www.pnas.org abrufbar.

festivalzentralehietzingerkai101,1130wien

Panorama mit Drama

In Daniela Chanas Gedichten prallen Liebe, Alltag und Gegenwart immer wieder aufeinander.

Mit trockenem Witz und feiner Doppeldeutigkeit erzählt uns die Autorin einiges über Beziehungen und diese kleinen Erschütterungen des Lebens, die irgendwo zwischen Pinot noir, Abwasch und Balkon über die Lebensbühne gehen. Eine Auswahl ihrer Lyrik aus dem aktuellen Gedichtband »A äre mit einem Erzähler«.

Affäre mit einem Erzähler

An jenem Abend, mit Büchern und Wein

Trugen du und ich dasselbe Kostüm

Ich sah deine Prosa wie Dunst vor deinen Augen Und du schicktest mir einen Geist ins Haus

Wir sind verletzte Kinder

Die um ihr Leben spielen

Fangen, Verstecken, Flunkern

Vögel – Schatz! – verjagen

Du steckst dir meine Liebe in die Tasche

Und gehst damit spazieren

Ich spucke die wahren Kerne deiner Lügen aus Und pflanze sie in die Erde am Balkon

Bis deine Geschichte um mich wächst Du zwischen den Blättern entstehst

Nach deinem Besuch

Trage ich das Weinglas durch die Zimmer

Lache und kreische, weine, lache

Finde meine Strümpfe auf dem Boden

Das Kleid auf dem Fensterbrett

Während du schon im Auto bist

Ich presse die Blätter in einem Buch und schaue sie mit der Lupe an

Mache mir Notizen und suche im Lexikon

Du zeigst dich in der Wahl deiner Spiele

Spiel mich und Sag meinen Namen dabei

Deine Prosa wächst noch immer auf meinem Balkon

Dabei rufst du schon so lang nicht mehr an

Wir hätten uns verpassen können

Aber zum Glück haben wir uns Knapp und für kurze Zeit

Erwischt

Was die Menschen verbindet

Manchmal haben wir Pandemie

Dann wieder Fußballweltmeisterschaft

Manchmal Song Contest

Dann wieder Wirtschaftskrise

Oder Attentat

Irgendwie gehören wir alle zusammen

Und irgendwie überhaupt nicht

Manche müssen überall dabei sein

Und andere nie irgendwo

Ein Ringkampf

Dieser Wein ist stark

Wie stark bist du?

Dünne Schale einer Traube

Gegen die dünne Haut einer Frau

Es ist ein Ringkampf

Und ich werde den Verdacht nicht los Dass mit einem Weinkrampf

In diesem Weinkampf

Du verlierst

Und der Pinot noir gewinnt

Ich heiße ungefähr so ähnlich

In einer Hotelbar, spät

Nach einem Poesiefestival

Stellt sie mich anderen Gästen vor

Sie erkennt mein Gesicht

Aber erinnert ein paar Buchstaben

Meines Namens nicht – Guten Abend!

Ich heiße ungefähr so ähnlich

Wie sie mich nennt

Und vielleicht werde ich nach ein paar Drinks

Ein paar Buchstaben meines Namens verlieren und Genau die sein

Als die sie mich vorgestellt hat

Minimalistischer Einrichtungsstil

Sie rechnen jede Sekunde

Mit einem Rauswurf, mit einer Kündigung

Mit dem Ende ihres Lebensstils

Sie rechnen jede Sekunde

Mit dem Verglühen ihrer Wohnung

Es gibt zwar keinen Planeten, aber

Immer ein Zuhause B

Darum haben sie weder Koffer noch Sachen

Packen weder ein noch aus

Damit sie jederzeit bereit zum Abhauen sind

Sieh mich beim Geschirrabwasch

Zwei Teetassen neben dem Spülbecken

Zu weit entfernt, um einander zu küssen

Eine Kerze brennt daneben

Wenn du mich beim Schreiben siehst Fühle ich mich beobachtet

Sieh mir lieber beim Musikhören zu

Oder beim Geschirrabwasch

Wenn eine Teetasse ins Rutschen gerät

Berührt sie die andere

Quintessenz des Lebens

Arbeit

Rechnungen

Ab und zu Hochstimmung

Arbeit

Kaputte Waschmaschine

Glücksmoment

Ab und zu echte Hochstimmung

Wie eine Raubkatze

Eine Frau hat erst Erfolg

Wenn eine andere Frau

Wie eine Raubkatze

Mit ausgefahrenen Krallen

Zornig auf sie losspringt

Vorher hat sie nichts erreicht

Zur Person

Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, ist Literaturwissenschaftlerin, Lyrikerin und Erzählerin. Nach ihrem vielfach ausgezeichneten Lyrikdebüt »Sagt die Dame« gelang ihr mit dem Erzählband »Neun seltsame Frauen« 2021 der Sprung auf die Shortlist für den Österreichischen Buchpreis. Ihre aktuelle Gedichtsammlung »A äre mit einem Erzähler« ist im Limbus Verlag erschienen und bestätigt sie als markante Stimme der österreichischen Gegenwartsliteratur.

Teenager vom Land

Wo sich Bürgermeister und Pfarrer Gute Nacht sagen

Werfen Teenager ihre Spielkarten hin

Und ihre Speicherkarten

Ihre Würfel, Billardkugeln und Queues auf den Boden

Sie sparen auf ein Zugticket und zerreißen ihre Jeans

Denn sie wollen ganz weit weg von Der gesunden Luft

Und ihrer Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System

Sie wollen in den Lärm und den Smog und die U-Bahn

Wo sich Bettler und Diebe Gute Nacht sagen

Dort wollen sie hin

Fürstin auf meinem Balkon

Heute bin ich die Fürstin

Auf meinem Balkon

Auf meinem Liegestuhl in der Sonne

Zwischen meinen Pflanzen

Ich weiß nicht, ob ich morgen

Vergewaltigt oder getötet werde

– so wie niemand es weiß –

Aber heute

Bin ich die Fürstin auf meinem Balkon

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OPEN CALL

Comicpreis

1 Qobuz-Jahresabos

Die Lieblingssongs in guter Klangqualität genießen und Künstler*innen dabei etwas Gutes tun? Der Streamingdienst Qobuz verbindet High-Resolution-Sound mit fairer Vergütung. In der App findet man neuerdings nicht nur Songempfehlungen, sondern auch Lyrics zum Mitlesen. Und wer noch tiefer eintauchen möchte, kriegt im Qobuz-Magazin spannende Deep Dives geboten. Wir verlosen drei Jahresabos.

2 Freitag Cool Bag

Damit man sich an heißen Sommertagen unterwegs nicht mit lauwarmen Getränken begnügen muss, gibt es diese limitierte Kühltasche von Freitag. Genäht aus recycelten Lkw-Planen in Silbertönen hält es Proviant bis zu zwei Stunden kalt. Wer das Isolierfutter herausnimmt, hat zudem eine stylishe Tasche für den Alltag. Wir verlosen ein Exemplar.

3 Almdudler Badeschlapfen

(Preisgeld: 1.500 €)

Mitgliederpreis der

(Preisgeld: 750 €)

Reiche dein Projekt bis 31.08.2026 ein.

Alle Infos findest du unter: www.oegec.com

Sommer, Sonne, Schlapfen: Für die Badesaison erweitert Almdudler sein Fansortiment. Mit den rutschfesten Badeschlapfen gelangst du nicht nur sicheren Schrittes von der Liegewiese zum Beckenrand, sondern bringst die anderen im Schwimmbad bestimmt auch zum Schmunzeln. Und sollten die dort keinen Almdudler haben, eignen sie sich auch hervorragend, um wieder nach Hause zu gehen. Wir verlosen drei Paare.

4 Petra Hartlieb »Buberlpartie«

In ihrem zweiten Politkrimi setzt Bestsellerautorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb ihre Chefinspektorin auf einen neuen Fall an: Für Alma Oberkofler geht es diesmal ins Milieu der Neuen Rechten. Mit viel Sarkasmus und Referenzen auf die heimische Politik behandelt der Roman Seilschaften, Intrigen und rechte Netzwerke. Wir verlosen drei Exemplare.

5 Rebecca Maria Salentin »Der Schuh«

Rebecca Maria Salentin bestritt als erste Frau alleine den 2.700 Kilometer langen »internationalen Bergwanderweg der Freundschaft«. Dafür brauchte es gutes Schuhwerk – und das brachte die Autorin auf Gedanken. Im vorliegenden Band aus der Reihe »Dinge des Lebens« beschäftigt sie sich damit, wie eng die Geschichte des Schuhs, mit jener der Menschheit verknüpft ist. Wir verlosen drei Exemplare.

Rezensionen Musik

Sofie Royer

Before/After

Stones Throw Records

Es ist schon erstaunlich passend, dass die Rezension des vierten Studioalbums von Sofie Royer genau in unsere Ausgabe mit dem Creative-Industries-Special fällt. Denn wenn sich ein thematischer roter Faden durch »Before/After« zieht, dann ist dieser rund um all jene Niederungen gesponnen, denen man im Marksegment Indiepop ausgesetzt ist. Da kann man vielleicht mal einen Jazzclub füllen, verdient damit aber weniger als früher als DJ hinterm Mischpult (»Sold Out the Jazz Club«). Royer stapelt damit natürlich tief, scha t sie es doch längst, mehr als nur nischige Kellerlokale zu füllen. Doch die nüchterne Abgeklärtheit der 35-Jährigen ist angesichts der aktuellen Situation in der Musikbranche völlig nachvollziehbar – und klingt hier ausgesprochen gut. Sofie Royer liefert Indiepop, bei dem der Pop großgeschrieben wird und der Indie für genug Edge sorgt, um nicht in der Masse unterzugehen. Stimmlich erinnert das von Timbre und Dynamik stellenweise frappant an Art-Pop-Darling Caroline Polachek, aber mal mit eingängigeren Eighties-Synths (»Actress«), mal mit rockigeren Gitarrenri s (»Best in Show«), mal gar mit NDW-Vibes (»Auto«). Das meiste ist irgendwo im Midtempobereich angesiedelt, nichts zum Schunkeln oder Einschlafen, aber auch nicht so schnell oder hyperaktiv, dass die hohe textliche Qualität nicht einschlagen könnte.

Imponierend!

»Before/After« ist eine Platte, die im besten Sinn erwachsen klingt – allem lyrischen Widerspruch zum Trotz (»I was so young while I behaved twenty-five / But now it appears I have grown into a child«). Sofie Royer wirkt selbstsicher in dem, was sie tut. Sie weiß, wer sie ist und wo ihre Stärken liegen. Sie muss niemandem mehr imponieren, tut es aber gerade deshalb. Nur logisch also, dass Leute sie ständig ermuntern, nicht aufzugeben. Denn, obwohl der Weg zu schwer, das Geld zu wenig und das Leben manchmal zu anstrengend ist, braucht die Musikszene Menschen wie Sofie Royer, die unbeirrt ihr Ding durchziehen und Indiepop abliefern, der locker mit den ganz großen, bekannten Namen mithalten kann – ungeachtet von Airplay, Preisen und Chartplatzierungen. Also: »Keep on keeping on!« We’ll keep listening. (VÖ: 4. September) Bernhard Frena

Live: 12. September, Wien, Porgy & Bess — 22. Oktober, Hall in Tirol, Kulturlokal Stromboli

Rezensionen Musik

Der Nino aus Wien

Neubau Alone

Siluh Records

Haben Bands eine bestimmte Zeit im Musikbusiness hinter sich, setzt nicht selten ein gewisser Schli im Sound ein. Produktionen werden cleaner, die Songs poppiger. Bei Culk ist das Gegenteil der Fall: Von Anfang an gab sich ihr Postpunk ausgefeilt, kühl und durchdacht. Auf ihrem vierten Album »Smogstar« klingen sie nun aber betont noisig und rau. Es ist ein Album, das sich immer wieder darum dreht, sich neu zu erfinden – oder sich überhaupt erst mal zu finden. Die Neuausrichtung des Sounds ist da nur logisch. Waren auf früheren Alben etwa The Cure oder Siouxsie and the Banshees Referenzen, passen jetzt eher Sonic Youth oder die frühen Placebo als Vergleich. Trotzdem bleiben Culk unverkennbar sie selbst. Das liegt vor allem am außergewöhnlichen Gesangsstil von Sophie Löw: Ihr gedehnter, mal verletzlich-flüsternder und dann doch wieder kraftvoller Vortrag ist das große Alleinstellungsmerkmal der Band. Euphorie und Nostalgie

Der Noiserock-Lovesong »Kaputte Speaker« erö net das Album überraschend hymnisch, etwas, das man von den bisher eher introvertiert wirkenden Culk so nicht erwartet hätte. Nach einem leisen Anfang dreht der Song auf und hebt, von übereinandergeschichteten Gitarren getragen, förmlich ab. Ganz so euphorisch bleibt das Album nicht; immerhin geht es hier um existenzielle Fragen und Unsicherheiten, die das Leben in einer modernen Großstadt mit sich bringen. Besonders schön und poetisch werden diese im grüblerischen »Weiß nur, wer ich nicht bin« in Szene gesetzt. Sophie Löws Texte scha en es darin – ohne zu explizit zu werden –, Themen zu setzen und Bilder zu zeichnen. Das englischsprachige »Twenty, Eighteen« ist ein weiteres Highlight: Hier tri t Löws von Nostalgie durchzogener Gesang auf nervöses Schlagzeug und eine Gitarre, die auch Sonic Youth gut gestanden hätte. Für sich genommen, sind viele der weiteren Songs ähnlich eindrücklich, auf Albumlänge können der Sound und Löws Gesang aber auch etwas ermüden. Trotzdem: »Smogstar« ist die erfrischende Neuausrichtung einer der zurzeit interessantesten Wiener Bands.

(VÖ: 4. September) Conor Körber

Medienmanufaktur Wien

Da musst du dir schon überlegen, wie du jetzt zu ihm sagen sollst, denn der Nino Mandl ist hiermit mehr als nur Der Nino aus Wien, sondern auch der Paul McCartney aus Wien, der Bruce Springsteen aus Wien und von mir aus auch der Bon Iver aus Wien. Nicht nur wegen seiner immensen, knapp zwanzigjährigen(!) Bedeutung für Musik aus dieser schönen Stadt. Sondern auch, weil er nun das macht, was die Genannten für »McCartney« (1970), »Nebraska« (1982) und »For Emma, Forever Ago« (2007) auch schon gemacht haben: ein Album in kompletter Eigenregie aufnehmen. Und, ganz ehrlich, Neubau, Simmering, Hirschstetten und Favoriten sind jetzt auch nicht weniger schön als die schottischen Highlands, New Jersey oder halbzerfallene Waldhütten.

Die Leute behaupten zwar immer anderes – das kommt noch aus seiner Anfangszeit – aber der Nino aus Wien ist kein Unnahbarer, kein daheim Eing’sperrter, kein ausschließlicher »Drinni«; in einem Jahr kannst du ihn öfter live sehen als deine Eltern in zwölf. Doch so nahbar wie auf »Neubau Alone« war der Meister noch selten, höchstens vielleicht auf »Home Recordings«, der Begleit-CD zum Best-of »Immer noch besser als Spinat« aus dem 15er-Jahr. Auf der neuen Platte hörst du nur ihn und viel akustische Gitarre, hier und da mal eine Mundharmonika, manchmal dreht er den Fuzz auf, als wäre er J. Mascis.

Das gehört so

Besonders interessant dabei: Um soundästhetisch das Authentischste aus den Sessions rauszuholen, ist da gar nicht so viel gemastert und rumgepegelt worden. Ich hab’ drei verschiedene Kopfhörer ausprobiert, ein- und wiederausgesteckt: Dass da was übersteuert oder breiig klingt, gehört wirklich so. Da musst du auch damit rechnen, dass du mal das Ausschalten der Handyaufnahme hörst. Genauso wie mit zarter Lyrik, die ehrlicherweise nicht an die großen ewigen Songwriting-Meilensteine etwa auf »Bäume« oder gar »Down in Albern« herankommt. Das muss und kann das neue Album gar nicht. Dafür beinhaltet es viel Selbstreferenzielles wie das chronologische Narrativ in »Zerrissene Figuren«, bei dem man merkt: Biografien überschneiden sich – und man darf sehr froh sein, dass dieser Mann schon auch ein wichtiger Teil so vieler Leben war und ist. (VÖ: 14. August) Dominik Oswald

Sophie
Löw,
Florian Rainer, Angelo Kaiser

SANDRA HÜLLER HANNS ZISCHLER

Euroteuro Magic

Siluh Records

Das neue und vierte ist auch irgendwie das erste Euroteuro-Album. Nach drei Single-Collections ist »Magic« das erste geschlossene Album des Projekts von Peter T. und seinen Gästen. Die Platte beginnt direkt mit hochkarätiger Unterstützung. Anja Plaschg aka Soap & Skin als Duettpartnerin scha t es unmittelbar, die Grundstimmung einzufangen: Der Opener und Titeltrack »Magic« erkundet die Magie des gemeinsamen Musikmachens und dessen Unvorhersehbarkeit.

Auch Track zwei, »Connection«, erzeugt düstere Energie auf einem getriebenen Krautrock-Beat – immer wieder unterbrochen von Matthias Freys Violinspiel. Mit der Geige als kurzes Aufblitzen von Licht wird ein Weg aus einer Situation voller Zukunftsangst und Ohnmacht gezeigt: »All of the pieces that once were one / Tried to find some sort of new home.«

Feature-Reigen

Durch das ganze Album hindurch prägen weitere bekannte Stimmen und Instrumentalist*innen das Projekt zwischen Artpop, New Wave und NDW: Der verspielte Song »Energie« wird von Veronika König aka Farce an der Gitarre unterstützt; die versöhnliche Idylle von »More« durch die Band Topsy Turvy; ein Voodoo Jürgens mit Autotune macht »Nacht« fast hyperpoppig – mit Zeilen wie »Hab’n das Funkeln in den Augen / Wenn wir zu den Sternen schauen«. Das neue Album von Euroteuro besteht aus maßlos vielen Komponenten und verliert dabei trotzdem nie die Klarheit des eigenen Stils. Peter T. hat auf »Magic« mit einer feinen Auswahl von Musiker*innen einen nächtlichen Ausflug ins Innere unternommen und bringt ohne Selbstoptimierung das Beste hervor. (VÖ: 25. September) Nico Rottenbücher

Live: 3. Oktober, Innsbruck, PMK — 23. Oktober, Wien, B72 — 12. November, Graz, Music-House — 13. November, Neunkirchen, Exil Records — 8. Jänner, Salzburg, Arge Kultur — 30. Jänner, Kirchdorf, Hildegard

AB 3.9. IM KINO

AUGUST

Rezensionen Musik

Koberizde/Winterauer

Telematic

Col Legno

Field-Recordings beziehungsweise auf deren Basis produzierte Musik erfreuen sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit – auch wenn das natürlich eine Nische bleibt. Mit ihnen lassen sich klare Bezüge herstellen, etwa wenn die Sounds schmelzender Gletscher gleichermaßen von deren Lebendigkeit wie auch von deren Verschwinden zeugen. Außerdem ist Klang eine gute Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu generieren und mehr oder weniger abstrakte Vorgänge erlebbar zu machen. Die beiden Stücke auf »Telematic« arbeiten mit Field-Recordings von zwei unterschiedlichen Orten und in erster Linie mit Sounds, für die Menschen verantwortlich sind. Sie beschäftigen sich mit Transformation und Transition, reflektieren die städtischen Umgebungen.

Narration durch Klang

Der Georgier Giorgi Koberidze lässt in »Murmur« akustische und elektrische Signale ineinander übergehen und miteinander verschmelzen. Die Aufnahmen stammen aus Innsbruck, »soziale Interaktionen und kulturelle Konnotationen« bilden die Basis, herausgearbeitet wird »akustisches Terroir«, wie es im Begleittext tre end formuliert wird. Das mehr als achtzehnminütige Stück lässt tendenziell organische Klänge – egal welchen Ursprungs – dominieren. Da ist eine verspielte Lebendigkeit, sie wird bedroht, zunehmend eingeengt, verändert.

Die Wienerin Ursula Winterauer, musikalisch in erster Linie unter dem Namen Gischt aktiv, hat die Basis für den zweiten Track »When Dust Settles« in der französischen Großstadt Nantes gesammelt. Neben Chorgesängen stehen bei ihr Baustellengeräusche, die durchaus feindlich klingend von den dortigen (Um-)Bauarbeiten zeugen. Und somit Verweise beinhalten, auf das, was war, sowie auf das, was entstehen soll. Die Maschinen geben den Takt an.

In beiden Fällen handelt das Narrativ für mich von einer Übernahme, von einem Außen, das verändert, was ist. Unterschiedlich sind jedoch die Perspektiven: »When Dust Settles« legt den Fokus zu Beginn auf diese Kräfte und hört dann darauf, was bleibt, wenn umgebaut wurde. »Murmur« rückt ins Hörbild, was ist und verändert wird. Aber bei aller Konkretheit der jeweiligen Klangquellen: Die Narration erscha t man sich als Hörer*in hier letztendlich doch selbst.

(VÖ: 26. Juni)

My Ugly Clementine

Apply Autonomy

My

Ugly Clementine

Duf »Apply Autonomy« geht es darum, wie man sich selbst ermächtigen kann, ohne in einer Hyper-Independence zu enden. Mit ihrem charakteristischen Indie-Sound liefern Mira Lu Kovacs, Sophie Lindinger und Nastasja Ronck dabei eine befreiende Energieleistung.

Der Opener »Don’t Mess with Me« macht den Titel zum Programm. Alleinstehende Gitarrenklänge werden von lauten Ausbrüchen durchkreuzt – das NichtFühlen steckt im Stillen, die aufsteigende Wut wird in der düsteren Stimme deutlich. Die Singleauskoppelung »Confidence« führt diesen Ausbruch fort. Das Hinwegtäuschen über niedriges Selbstvertrauen wird in klassischer Clementine-Manier mit tanzbaren Indie-Gitarren zum Ausdruck gebracht.

Energie des Totalschadens

Die Perspektive des Albumcovers blickt aus einem Mund heraus auf ein unaufgeräumtes Zimmer, mit dem Vorgängeralbum an der Wand und einem Pferd vor dem Fenster; das zeigt, wo My Ugly Clementine hinmöchten. »Apply Autonomy« soll verzerrt und unaufgeräumt sein. So zu hören bei »Head in the Air«, wenn harter Rock auf die freigewordene Energie einer endenden Beziehung tri t. Die Band holt alles aus ihren Instrumenten und Stimmen, um den Totalschaden des Aufpralls mit Aggression zu verarbeiten.

Doch es geht nicht nur um Verletzungen, sondern auch um die hohe Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen. Zeilen über freundschaftliche Liebe bis zum Tod werden auf »Unlawfully Wedded« mit der Frage »But who are we to the government?« verbunden. Knappe drei Jahre nach ihrem letzten Album sind My Ugly Clementine mit einer Portion Angri slust sowie ausgiebigem Befreiungsdrang zurück und bestätigen auf Albumlänge den Status einer Band für große OpenAir-Konzerte. (VÖ: 4. September) Nico Rottenbücher

Live: 28. Oktober, Linz, Posthof — 4. Juni, Wien, Arena Open Air

Daniel
Jarosch, Mala
Kolumna,
Bernd Faszl

Phal:Angst

Minor Tremors

Noise Appeal Records

Wie feiert man ein rundes Jubiläum besser als mit einem neuen Album? Eben! Mit »Minor Tremors« wird dieses Feiern zu einem wahrlich aufregenden Trip, der uns mit leichten Erschütterungen in so manche Untiefe führt. Vor zwanzig Jahren sind Phal:Angst der anarchistischen Wiener DIY-Punk- und HardcoreSzene entsprungen. Längst haben sie ihren Sound gefunden und sie entwickeln diesen mit jedem Song, jedem Album weiter. »Minor Tremors« ist Langspieler Nummer sechs der Band und nimmt uns wieder mit in eine teils dunkle, teils verträumte, diesmal sogar etwas ho nungsschwangere Klangwelt. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt die Musik zwar freundlicher, die Grundstimmung bleibt aber düster.

Leichte Erschütterungen

Mit dem Opener »All Will Be Grey«, dessen ersten Takte mich irgendwie an »Stella Maris« von den Einstürzenden Neubauten erinnern, tauchen wir also ein in diese Verbindung von Ambient, Electro, Loops, Noise, Industrial und analogem Postrock, um uns mit geschlossenen Augen davontragen zu lassen. Langsam gleiten wir dahin. Manchmal wirkt alles schwerelos und schön, nur um im nächsten Moment wieder bedrückender zu werden. Dieses Gefühl von Leichtigkeit und gleichzeitiger Schwere zieht sich durch das ganze Album.

Der Sound umhüllt, trägt und unterstützt die Lyrics. Es geht um Faschismus, der uns allgegenwärtig bedroht, um politische Ho nungslosigkeit, aber auch um Empathie, Liebe und Solidarität, die sich durch all den Wahnsinn ihre Wege bahnen. Phal:Angst haben so auf ihre ganz eigene, spannende Art die »leichten Erschütterungen« in unserem derzeitigen Alltag musikalisch eingefangen und interpretiert. Für dieses Album muss man sich Zeit nehmen, man muss sich darauf einlassen wollen. Aber das lohnt sich: Je öfter man es sich anhört, desto mehr gibt es darin zu entdecken. (VÖ: 18. September) Petra Ortner

Live: 6. August, Wien, Arena — 25. September, Wien, Rhiz — 21. November, Linz, Kapu

»Die Geschichte von Ruth Klüger.

Wie ein kleines Mädchen mit Glück und Gedichten am Leben blieb«.

Ruth Klügers beeindruckende Lebensgeschichte soll inspirieren. Kindgerecht aufbereitet, fundiert recherchiert und liebevoll illustriert und erzählt – als haptisches Erlebnis zum Immer-wieder-in-die-HandNehmen, zum gemeinsamen Lesen oder als Geschenk!

Bücher über Vorbilder, gute Beispiele und beeindruckende Persönlichkeiten.

15.10.2026

Merkst du es?

Du liest gerade, was hier steht. Ja, sogar das Kleingedruckte! Und damit bist du nicht allein. Werbung in The Gap erreicht ein interessiertes und sehr musika ines Publikum. Und das Beste daran: Für Bands und Musiker*innen bieten wir besondere Konditionen. Absolut leistbar, auf all unseren Kanälen und nah dran an einer jungen, aktiven Zielgruppe. Melde dich, wir beraten dich gerne! sales@thegap.at

Termine Musik

5/8erl in Ehr’n

Wiener Soul feiert Geburtstag: Seit zwanzig Jahren prägen 5/8erl in Ehr’n den Sound der Stadt mit. Von den gemütlichen »Siasse(n) Tschik« bis zum lieb gemeinten Rausschmeißersong »Badeschluss« werden deshalb Schmankerl zelebriert, die perfekt zu einem Abend unter Freund*innen passen. Weshalb diese auch eingeladen sind: Beim Jubiläums-Open-Air wirken unter anderem Yasmo, Fiva und Marianne Mendt mit. Rundherum gibt’s eine Österreichtour mit zahlreichen weiteren Terminen. 12. September Wien, Arena Open Air

Waves Vienna

Das Showcase-Festival Waves Vienna geht in die nächste Runde und bringt wieder Newcomer*innen aus ganz Europa nach Wien. Drei Tage lang können entlang des Gürtels Acts entdeckt werden, von denen man später vielleicht sagen wird: »Ich kannte sie, bevor sie groß waren.« Als diesjähriges Gastland schickt uns das UK unter anderem grungy Postpunk von Grandmas House und vibey Indiepop von Pixie McCann. Aus Österreich ist etwa Tamara Flores (Bild) mit dabei, deren Latin-Pop-Songs live besonders abreißen. 1. bis 3. Oktober Wien, diverse Locations

Termine Musik

Blood Orange

Unter dem Pseudonym Blood Orange erzählt Songwriter Dev Hynes Geschichten über das Aufwachsen als queere Person of Colour, aber auch von Verlust und Trauer. All das ist verpackt in loungy R&B, Soul und Indiepop. Live wechselt er nonchalant zwischen Gitarre, Keyboard und Cello und verleiht seinen Arrangements so atmosphärische Facetten. 26. August Wien, Arena Open Air

Tocotronic

Auch nach über drei Jahrzehnten suchen Tocotronic immer noch das Liveerlebnis. Und mit ihrem jüngsten Album »Golden Years« hat die Band abermals Indierock mit politischer Haltung im Gepäck. Dass sich diese »goldenen Jahre« mehrdeutig und sogar sarkastisch lesen lassen, liegt auf der Hand. 26. August Linz, Frischluft Open Air — 27. August Wien, Arena Open Air — 24. Oktober Graz, Indie Ohren Festival

The Dresden Dolls

Das Punk-Cabaret-Duo The Dresden Dolls beginnt seine neue Tour in Wien und lädt zu einer theatralen Show für Auge und Ohr, bei der der Gesang und das Pianospiel Amanda Palmers in aller Eindringlichkeit auf die Schlagzeugarbeit Brian Vigliones treffen. Anlass ist das zwanzigjährige Jubiläum des Albums »Yes, Virginia…«, das in einer »Tailor’s Version« ( pun intended ) neu erscheint. 1. September Wien, Arena Open Air

Domplatz Open Air

Bevor sich der Herbst ausbreitet, kann in St. Pölten noch mal an der frischen Luft Musik genossen werden. Den Anfang macht am Donnerstag das Tonkünstler-Orchester, das mit Gastsänger*innen wie Rebekka Bakken in den hohen Norden entführt. Zwei Tage später wird der Domplatz dann zur Popbühne mit Wiener Schmäh von Bibiza (Bild), melancholischem Pop von Lea und Mundart-Reggae von Lukascher. 10. und 12. September St. Pölten, Domplatz

Oskar Haag

Nach seiner Waves Vienna UK Residency spielt Popdurchstarter Oskar Haag rechtzeitig zum Release seines zweiten Albums »Lost Cause« wieder auf heimischem Boden. 25. September Wien, Radiokulturhaus — 21. Oktober Graz, Orpheum — 22. Oktober St. Pölten, Cinema Paradiso — 23. Oktober Steyr, Röda — 24. Oktober Klagenfurt, Fritz Club — 28. Oktober Salzburg, Arge Kultur — 31. Oktober Dornbirn, Spielboden

Pink Noise Camp

Der Jugendtraum, eine eigene Band zu gründen, wird im Pink Noise Camp Realität. Eine Woche lang können sich hier FLINTA* zwischen 15 und 21 Jahren musikalisch ausprobieren. Das Ergebnis bleibt aber nicht im Proberaum, sondern wird bei einem Abschlusskonzert präsentiert. 22. August Wolkersdorf, Outback

Autechre

Wer Autechre live sehen will, muss zunächst auf das »Sehen« verzichten. Sean Booth und Rob Brown geben ihre Konzerte seit Jahren in kompletter Dunkelheit und richten die Aufmerksamkeit damit ganz auf ihren Sound zwischen experimenteller Elektronik und mathematisch konstruiertem Techno. 29. August Wien, Gasometer

Volksstimmefest

Die Jesuitenwiese im Wiener Prater verwandelt sich erneut zum Treffpunkt für Musik und politische Gespräche. Das Fest der KPÖ findet heuer zum 79. Mal statt. Bei freiem Eintritt erwarten uns unter anderem Konzerte von Birgit Denk und Mary Broadcast. 5. und 6. September Wien, Jesuitenwiese

Termine Festivals

3 Fragen an Ekaterina Degot

Intendantin Steirischer Herbst

Was erwartet die Besucher*innen beim diesjährigen Steirischen Herbst?

Es wird am 24. September eine spektakuläre Eröffnung geben. Sie wird den aktuellen Kulturkampf in Graz aufgreifen und mittels Volksmusik, zeitgenössischer Musik, Wrestling und Cheerleading darstellen. Das ist eine Arbeit von Julian Warner. Weiters findet eine Ausstellung in einem ehemaligen Gasthaus statt, das erst vor Kurzem von der extremen Rechten als Kulisse für migrationsfeindliche Propaganda genutzt worden ist. Ich freue mich deshalb besonders, dass wir genau dort ausstellen. Natürlich wird es auch Diskussionen geben. Eine davon beschäftigt sich mit der Frage, warum sich Österreicher*innen selbst nicht als Antifaschist*innen verstehen.

Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für das Thema »Red Flags«?

Red Flags sind Warnsignale, die bedeuten, dass etwas noch nicht schlimm ist, dass wir aber vermuten, dass es schlimm werden könnte. Es bleibt also noch Zeit. In Russland habe ich lange beobachtet, wie dort Europa gewissermaßen nachgespielt worden ist – zumindest so, wie man es sich eben vorgestellt hat. Europa würde demnach bedeuten, das Privileg zu genießen, weiß zu sein. Auch in Russland ist das ein schleichender Prozess gewesen, der zur heutigen Situation geführt hat. Aber das zeigt uns, dass solche Entwicklungen möglich sind. In Russland gibt es keine Red Flags mehr, dort hat es keinen Sinn mehr, über Warnsignale zu sprechen. Hier in Österreich besteht hingegen noch die Möglichkeit, Probleme zu thematisieren und sie zu diskutieren.

Würdest du es mutig nennen, sich so klar gegen Faschismus und rechte Parteien zu positionieren, obwohl ihr finanziell auch von einer rechten Landesregierung abhängig seid?

Ja, aber zum Glück leben wir im Westen. Das bedeutet, dass es immer noch demokratische Strukturen gibt und nicht eine einzige politische Kraft alles entscheidet. In diesem Punkt bin ich durchaus realistisch. Zudem macht es natürlich Spaß, mutig zu sein, Haltung zu zeigen und dafür auch Risiken einzugehen. Alles andere wäre doch furchtbar langweilig.

Steirischer Herbst 24. September bis 18. Oktober Graz und Umgebung, diverse Locations

Niederösterreichische Landesausstellung

Was tun, »wenn die Welt Kopf steht«? Diese hochaktuelle Frage nimmt die Niederösterreichische Landesausstellung zum Anlass, um der Perspektive von Menschen mit psychischer Erkrankung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Und um ein Zeichen für Offenheit und Respekt zu setzen, findet das Ganze bei laufendem Betrieb im Landesklinikum Mauer statt. In mehreren Jugendstilgebäuden werden Exponate aus verschiedensten Lebensbereichen und quer durch die Geschichte gezeigt. Hier ein Tischfußballtisch der Station für Drogenabhängigkeit, da ein übergroßes Gemälde (Bild) des Outsider Artists August Walla, dort das Modell einer gläsernen Frau. So soll das Zusammenspiel von Mensch, Psyche und Gesundheit in seiner ganzen Breite dargestellt werden. bis 8. November Amstetten, Landesklinikum Mauer

Termine Festivals

Sommerfrische am OWA

Frisch, frischer, Sommerfrische – angesichts der hitzigen Temperaturen kommt Letztere gerade recht. Bei freiem Eintritt lädt das Open-Air-Festival am OttoWagner-Areal dazu ein, einige aufstrebende Sterne am Wiener Musikhimmel zu entdecken. Neben Acts wie Strand ohne Palme oder Savi Kaboo (Bild) gibt es auch kreative Workshops vom Hof der Kulturen. Also: auf der Picknickdecke Cocktails schlürfen und die Festivalstimmung genießen – und nachts, wenn die Temperaturen milder werden, bei der Afterparty tanzen! 28. und 29. August Wien, Otto-Wagner-Areal

Slash Filmfestival

»Follow the creature from your freezer!«, heißt es im Trailer des heurigen Slash Filmfestivals. Denn hier wird nicht ängstlich die Decke über den Kopf gezogen, sondern dem Fantastischen, Surrealen und Gruseligen furchtlos nachgegangen. Neben den neuesten filmischen Highlights aus dem nationalen und internationalen Genrekino, gibt es diesmal auch eine ausgiebige Retrospektive mit Klassikern und Widerentdeckungen aus der Geschichte des Grindhouse Cinema (Bild: »The Driller Killer«, 1979). Und The Gap wird in guter Tradition wieder ein besonderes Kleinod präsentieren. Stay tuned! 23. September bis 4. Oktober Wien, diverse Kinos

Was passt besser zu frühherbstlichen Septembertagen als ein Festival für Bücherwürmer? Beim Ottakringer Buchmarkt wird man als solcher fündig. So kann man allerhand Lektürestoff entdecken, mit Menschen von dreißig unabhängigen Verlagen ins Gespräch kommen und auf der Lesebühne Autor*innen lauschen. An den zahlreichen Verkaufstischen findet sich Vielfältiges zum gemütlichen Schmökern für jene Zeit, wenn es draußen allmählich wieder kühler wird. 19. bis 20. September Wien, Soho Studios

Blockheide leuchtet

Lights on! Der Naturpark Blockheide verwandelt sich zur Lichtlandschaft und ermöglicht so, den Raum um sich herum bewusster als gewohnt wahrzunehmen. Bäume, Felsen und Gewässer werden an vier Abenden zur Projektionsfläche für immersive Lichtinstallationen, begleitet von Musiker*innen und Performer*innen, die sich durch das Gelände bewegen. Das Publikum erkundet im eigenen Tempo und erlebt den Wald in einem neuen Licht. 27. bis 30. August Gmünd, Naturpark Blockheide

Ars Electronica

Kunst und Technologie werden gerne voneinander getrennt betrachtet. Das Festival Ars Electronica baut dazwischen seit jeher eine Brücke. Und zwar schon lange vor Smartphones, Social Media und generativer KI. Rund um die Themen »Future Begins« und »Negotiating Humanity« zeigen Ausstellungen, Performances und Konzerte, dass aus dem technologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte keine Dystopie werden muss. 9. bis 13. September Linz, Ars Electronica Center

Der neue Heimatfilm

Heimat: ein umstrittener Begriff. Das Freistädter Festival Der neue Heimatfilm weicht diesem Diskurs nicht aus, sondern führt ihn anhand von nationalen sowie internationalen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen – darunter zahlreiche Ö sterreichpremieren. Die vor Ort anwesenden Filmschaffenden stellen sich dabei gerne den Fragen des Publikums und ein Rahmenprogramm mit Konzerten im nahegelegenen Salzhof gibt es überdies. 28. bis 30. August Freistadt, Kino und Kulturzentrum Salzhof

Katrin Plavčak: Painting Reality in Surreal Times

Termine Kunst

Figuren zieht Katrin Plavčak das Publikum in ihre auf den ersten Blick heiter wirkenden Bildwelten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich ernste, viel zu reale Fragen zu Fake News, künstlicher Intelligenz, Klimakrise und gesellschaftlichem Wandel. Zentral bleibt dabei aber der Aufruf, sich inmitten dieser Krisen nicht selbst zu sabotieren. Plavčak verbindet Malerei mit Anspielungen auf Popkultur sowie Psychoanalyse und schafft damit Werke, die herausfordern. Ihre Bilder laden dazu ein, den Blick auf die Gegenwart neu zu schärfen.

Bildwelten übersetzen kann. bis 10. Jänner Linz, Lentos

Eine Welt, die scheinbar aus den Fugen geraten ist: Mit leuchtenden Farben und skurrilen

Eine Ausstellung, die deutlich macht, wie Malerei heute soziale Debatten aufgreifen und in eindrucksvolle

Termine Filme & Serien

3 Fragen an Jola Wieczorek

Regisseurin »Die noch unbekannten Tage«

Wie hat die Arbeit an »Die noch unbekannten Tage« für dich begonnen?

Während meines Studiums realisierte ich 2013 den siebenminütigen Kurzfilm »List do Polski«. Darin schrieb ich einen Brief an mein Alter Ego und stellte mir vor, was passiert wäre, wenn wir nicht ausgewandert wären. Schon damals machte ich Notizen, aber es dauerte Jahre, bis ich mich traute, mich diesem Thema zu widmen. Ausschlaggebend war dann die Demenzerkrankung meiner Mutter, da dachte ich mir: Entweder machst du diesen Film jetzt oder nie.

Wie seid ihr vor dem Film als Familie mit eurer Migrationsgeschichte umgegangen?

Wir sprachen kaum darüber. Ich stellte schon immer wieder Fragen, aber ich hatte nur Puzzlestücke, die ich schlecht zusammensetzen konnte. Welche Entscheidungen wurden getroffen? Welche Informationen hatten meine Eltern? Warum kam mein Vater zuerst in Österreich an? Die Erinnerungen meiner Eltern waren trügerisch, daher waren wir froh, dass wir viele Briefe hatten, an denen wir uns orientieren konnten. Durch den Film wurde vieles greifbarer.

Welche neuen Erkenntnisse über deine Familie hast du durch die Arbeit an diesem Film gewonnen?

Ich war bereits in meiner Mutterrolle, als ich begann, den Film zu realisieren. Deshalb wurde mir erstmals so richtig bewusst, wie radikal dieser Schritt meiner Eltern damals gewesen war: diese ganzen Grenzen, das Ost-West-Gefälle, die Tatsache, dass sie nicht viele Infos hatten, die Sprache nicht kannten. Sie fuhren einfach ins Blaue nach Österreich, hatten nur ihre Hoffnung. Eine Zeit lang wussten sie nicht, ob sie weiter nach Kanada oder Australien wollten. Sie lernten parallel zu Deutsch auch Englisch. Es herrschte viel Unsicherheit. Auch das Ankommen war nicht einfach – Themen wie Sozialversicherung, Beihilfen. Sie waren den Beamt*innen quasi ausgeliefert, weil sie sich nicht selbst informieren konnten. Heutzutage ist es wohl eine Spur einfacher, wobei Migrant*innen sicher nach wie vor vielen falschen Hoffnungen hinterherjagen.

Start: 25. September

Teresas Körper

Regie: Magdalena Chmielewska Bei ihrem Langfilmdebüt nimmt die Regisseurin Magdalena Chmielewska das Leben und den Körper ihrer Mutter Teresa zum Anlass, um nicht nur eine autofiktionale Geschichte zu erzählen, sondern vielmehr allgemein einen genauen Blick auf Frauen(körper) im Patriarchat zu werfen. Denn der Körper ihrer Mutter musste vieles durchmachen, nicht zuletzt die Gewalt des eigenen Mannes. »Meine Wirbelsäule wird jeden Moment brechen«, sagt die filmische Teresa an einer Stelle zu ihrer Tochter. Die Bildebene unterstreicht derartige Feststellungen durch starke Detailaufnahmen. Zugleich erinnert sich die Regisseurin aber auch an ihr eigenes Aufwachsen sowie an ihre Hoffnung und die ihrer Schwester Ola, dass die Gewalt des Vaters aufhören möge. Ein Film über das körperliche Nachwirken traumatischer Erlebnisse und den Versuch einer Aufarbeitung. Start: 11. September

Wax & Gold

Regie: Ruth Beckermann Zuletzt widmete sich die bekannte österreichische Dokumentarfilmemacherin Ruth Beckermann in »Favoriten« dem österreichischen Schulsystem und der Frage, wie dieses Kinder mit Migrationshintergrund behandelt. Nun geht es vom zehnten Wiener Gemeindebezirk nach Äthiopien. Dort folgt sie den Spuren des Kolonialismus, zeigt die Vergangenheit, aber auch die Zukunft des Landes. Ausgangspunkt für ihre Erkundungen ist dabei ein Luxushotel in Addis Abeba, das der damalige äthiopischen Kaiser Haile Selassie 1969 erbauen ließ. Beckermann spricht mit Hotelangestellten sowie -gästen und führt dabei Historisches und Persönliches zusammen. »Ich denke, am Ende spricht man immer über sich selbst, webt einen neuen Faden in das Geflecht der eigenen Erfahrungen, der europäischen Geschichte«, sagt sie über den Film. Start: 18. September

Exit 8

Regie: Genki Kawamura ———— Tage und Situationen, die sich ewig wiederholen, kennt man etwa aus »Groundhog Day« oder »Edge of Tomorrow«. Doch das Thema ist längst auch im Horrorgenre angekommen. Jüngstes Beispiel: die Videospieladaption »Exit 8«. Im Film findet sich ein Mann (Kazunari Ninomiya) in den scheinbar endlosen Gängen einer U-Bahn-Station wieder. Um auszubrechen, muss er die Regeln des Ortes entschlüsseln – und den »Exit 8« finden. Start: 13. August

Teenage Sex and Death at Camp Miasma

Regie: Jane Schoenbrun ———— Liebe zu fantastischen Genres bewies Jane Schoenbrun bereits mit der »Buffy«-Hommage »I Saw the TV Glow«. Nun geht’s ans Slasherkino: In »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« spielt Hannah Einbinder die junge, queere Regisseurin des neuesten Teils einer lang laufenden Horrorfilmreihe. Sie ist zusehends von der fixen Idee besessen, dafür die Darstellerin des final girls aus dem ersten »Camp Miasma«-Film (Gillian Anderson) zu casten. Start: 20. August

Fatherland

Regie: Paweł Pawlikowski ———— n Cannes gab es die Auszeichnung für die beste Regie, nun macht sich das Biopic »Fatherland« bereit, auch das breite Kinopublikum zu überzeugen: Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) reisen durch das Deutschland der Nachkriegszeit. Paweł Pawlikowski bringt damit ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte auf die Leinwand. Zugleich geht es um Künstler*innenfamilien und deren Dramen. Start: 3. September

Our Girls

Regie: Mike van Diem ———— Ein Urlaub wird durch eine Katastrophe unterbrochen: Zwei Familien genießen die freie Zeit in den Alpen, als ein Unfall ihrer Teenagertöchter alle in ein Dilemma stürzt. Die Freund*innenschaft wird auf die Probe gestellt und unbequeme Wahrheiten kommen ans Tageslicht. Regisseur Mike van Diem fragt in der internationalen Koproduktion, die in Tirol gedreht wurde: Was tun Eltern, um ihre Kinder zu retten? Start: 4. September

Muss das Pferd auch arbeiten?

Regie: Leonhard Pill ———— Der Filmemacher Leonhard Pill wollte das Leben seiner Schwester Valeria besser verstehen und widmete ihr deshalb seinen ersten Langfilm. Valeria ist Schäferin und wohnt in einem Wohnwagen ohne fließendes Wasser. Die meiste Zeit verbringt sie draußen mit ihren Tieren, denn die Arbeit ruft immer. Der Regisseur begleitet sie dabei und zeichnet ein intimes Porträt ihres ungewöhnlichen Lebens. Start: 10. September

The Shards

Idee: Ryan Murphy und Bret Easton Ellis Serientausendsassa Ryan Murphy hat sich für sein neuestes Projekt mit dem Starliteraten Bret Easton Ellis zusammengetan. »The Shards« basiert auf dessen gleichnamigen semiautobiografischen Roman und fokussiert auf den siebzehnjährigen Ellis (Igby Rigney) im Los Angeles der 1980er-Jahre. In seinem Leben taucht nicht nur der Mitschüler Robert Mallory (Homer Gere), sondern auch ein Serienmörder namens The Trawler auf. ab 6. August Disney+

Brothers

Idee: Matthew McConaughey, Woody Harrelson und David West Read Starpower zuhauf gibt es in »Brothers«. Die Serie führt die beiden »True Detective«-Veteranen Matthew McConaughey und Woody Harrelson erneut zusammen. Diesmal spielen sie fiktionalisierte Versionen ihrer selbst, die in Texas auf ein Familiengeheimnis stoßen. Basierend auf medialen Gerüchten über die beiden Hauptdarsteller lotet die Serie die Grenze zwischen Wahrheit und Mythos aus. ab 23. September Apple TV

AB 10. SEPTEMBER IM KINO

UND TERMINE

Christoph Prenner

bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber

Screen Lights Einladung zur Einlassung

»Früher nannten wir das noch Sommer!1!!11!!«

Ja, es ist wieder diese Zeit des Jahres. Kaum klettern die Temperaturen beunruhigend verlässlich auf Subsaharawerte, schlägt in den Kommentarspalten die Stunde der hysterisierten Abwehrreflexe. Mit grotesk gleichförmigen Einwürfen, präsentiert mit der zähen Beharrlichkeit unzureichend programmierter Bots, wird der Klimawandel zur reinen Erfindung erklärt, Extremsthitze zur Laune des Wetters und jede wissenschaftliche Einordnung zur gigantischen Täuschungsoperation. Es irren ja sowieso immer nur die anderen.

Unbenommen: Die Erderwärmung in ihrer ganzen Bandbreite zu durchdringen, ist keine Aufgabe für einen Nachmittag. Aber muss man sich bei aller nachvollziehbaren Überforderung absichtlich auch noch fetzendeppert stellen? Nur, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Weil es viel angenehmer ist, an Verschwörungen zu glauben, als das eigene Weltbild ein Stück weit nachjustieren zu müssen?

Vulgärpopulismus

Vor der Versuchung selektiv verzerrter Wahrnehmungen ist natürlich niemand von uns gefeit. Selbst der sonst so stabile James Blake tappte jüngst in eine entsprechende Falle, als er in einem Insta-Rant schwurbelte, dass sich Labels wohlwollende Kritiken kaufen würden. Aus welchem Anlass er diesen Vorwurf erhob, weiß wohl nur er selbst. Um einen Bärendienst handelte es sich allemal: Nicht, dass Journalismus über jeden Zweifel erhaben wäre, doch der vulgärpopulistische Anwurf zahlte halt vorwiegend auf das immergrüne Ressentiment ein, Medien seien letztlich stets Handlanger sinistrer Interessen.

Gar nicht so einfach, nun halbwegs nonchalant zum tatsächlichen Filmthema dieser sicherlich immer gern gelesenen Seite überzuleiten. Ich versuche es damit, der werten Kolumnengemeinde Folgendes zu versichern: Für diese Zeilen sind keine Umschläge über

Traute Viersamkeit? Olivia Wilde, Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton in »The Invite«

Tische gewandert, es ist auch keine Einladung zu einer Soiree von Olivia Wilde angenommen worden. Schwöre! Letzteres wäre, zieht man den Plot von »The Invite« (Kinostart: 30. Juli) als Maßstab heran, aber ohnehin kein ausschließliches Vergnügen.

In Wildes dritter und bester Regiearbeit wird bald deutlich, dass in der Ehe von Angela (Wilde) und Joe (Seth Rogen) richtig der Wurm drin ist. Die stilvoll-weitläufige Wohnung kann den Umstand nicht kaschieren, dass sich dort ein Untermieter eingenistet hat: ein über Jahre kultivierter gegenseitiger Groll. Joe, einst ein semierfolgreicher Musiker, schlägt sich ohne Ambitionen mit einem Lehrjob an einem Konservatorium durch, während Angela mit extrarastloser Betriebsamkeit in den eigenen vier Wänden ihre Resignation nur behelfsmäßig überspielt. Die beiden geraten ständig aneinander, aber nur selten wegen der Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Gerade als der nächste Streit zu eskalieren droht, läutet es an der Tür: Der Dinnerbesuch aus der Wohnung über ihnen ist da.

Sehr viel mehr soll hier auch schon nicht gespoilert werden. Nur das noch: Selbstredend haben auch die Eintrudelnden, der ExFeuerwehrmann Hawk (Edward Norton) und die Therapeutin Piña (Penélope Cruz), so cool und abenteuerlustig sie im Vergleich auch wirken mögen, ihre ganz eigenen Baustellen. Diese treten freilich im Laufe des Filmes zutage – wie so vieles andere auch. Bald reiht sich Wendung an Wendung sowie Offenbarung an Offenbarung – und jedes Mal werden die Karten dabei neu gemischt: Die Beziehungen der Charaktere geraten durcheinander, Bündnisse verschieben sich, Sympathien wechseln. Und immer, wenn man glaubt, die Quintessenz des Abends entschlüsselt zu haben, erwischt man sich kurz darauf dabei, dass man nur dem nächsten Trugschluss aufgesessen ist.

Dass »The Invite« seine theatralen Wurzeln nicht verhehlt, spielt dem Film letztlich in

die Hände. In klassischer Kammerspielmanier wird die Begrenzung des Settings dazu genutzt, jede noch so kleine Verschiebung innerhalb der Gruppendynamik schonungslos offenzulegen. Meist genügt schon ein Blick oder eine passivaggressive Antwort, um die Stimmung kippen zu lassen und jene herrlich unerquicklichen Momente zu erzeugen, in denen Menschen mit beträchtlichem Aufwand versuchen, ihre sorgsam kultivierten Selbstbilder zu verteidigen. Selbst wenn das Drehbuch mit seiner Lust an vogelwilden Volten dann und wann übers Ziel hinausschießt, holt das mit erheblicher Verve agierende Ensemble den Stoff verlässlich vergnüglich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.

Bürgerliches Kammerspiel

Nachdem man sich jahrelang fragen musste, ob Hollywood sein Interesse an den Malaisen des bürgerlichen Zusammenlebens ein für alle Mal verloren hat, beeindruckt »The Invite« als willkommene Rückkehr der bissigen Erwachsenenkomödie: Hier geht zwar keine Figur unversehrt vom Feld, aber eben auch nicht ohne die eine oder andere neue, mitunter gar substanzielle Einsicht.

So schließt sich am Ende noch der Kreis zum Kolumnenbeginn: Denn letztlich werden Annahmen ja erst dann verhängnisvoll, wenn sie so gar keinen Widerspruch mehr dulden –egal ob es nun um die Klimakrise, den Kulturbetrieb oder den Lebensmenschen geht. Und die Realität zeigt sich von unseren Mutmaßungen ohnehin kaum beeindruckt. Gut also, dass es noch Werke wie »The Invite« gibt, die daran erinnern, dass Einschätzungen trügerisch sein können und wie viel einem über die Welt und ihre Menschen entgeht, wenn man glaubt, sie bereits vollständig verstanden zu haben.

prenner@thegap.at • www.screenlights.at

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen.

Luca Senoner, Tobis Film

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Termine Bühne

3 Fragen an Josef Maria Krasanovsky

Regisseur »Under the Influence«

Während draußen die Welt auseinanderzufallen scheint, kommen sich drei Nachbarinnen im siebten Stock immer näher. Was interessiert dich an dieser Konstellation aus Isolation und Gemeinschaft?

Das hat, denke ich, unglaublich viel Bezug zu uns allen. Die Coronaerfahrung hallt noch auf vielen Ebenen nach. Gleichzeitig teilen viele Menschen dieses Gefühl von Isolation. Wir leben in Zeiten einer viel zitierten Epochenwende, während der alles neu verhandelt wird. Was wollen wir als Gesellschaft sein und was nicht? Da tauchen widerliche, aber auch schöne Positionen auf, je nachdem, wo man unterwegs ist. Ich glaube, dass die ganze große Welt in diesem Mikrokosmos im siebten Stock steckt.

Die Plagen, die vom Himmel fallen, sind nicht die klassischen biblischen Katastrophen, sondern Dinge wie Sportsocken oder Mundgeruch. Warum das?

Die Bibel ist voller Metaphern dafür, wie Gesellschaft funktionieren kann – oder auch nicht. Die Erweiterung dieser Plagen um trashige, popkulturelle Bilder ist eine Übertragung auf unsere Zeit. Die dreckigen Socken, die Hausfrauen in den Fünfzigern waschen mussten, sind zum Beispiel ein überhöhtes Patriarchatsbild. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Bild für die Überflussgesellschaft. Man darf außerdem nicht unterschätzen, wie viel Humor in diesem Stück steckt. Es ist wahnsinnig ironisch gegenüber unserer Zeit, die so viel mit Klischees operiert.

Das Stück spricht von einer Suche nach einem »entpatriarchalisierten Rausch«. Wie kann man sich den vorstellen?

In »Under the Influence« sehen wir drei Generationen und drei unterschiedliche Formen, Alkohol zu verwenden: als Verdrängungsmaßnahme, als Leistungsinstrument und als Statussymbol. Dadurch stellt das Stück einen gesellschaftlichen Zusammenhang her. Mich interessiert aber vor allem die größere Frage nach dem Rausch selbst. Rausch wird heute oft ausschließlich negativ betrachtet. Gleichzeitig frage ich mich, ob er nicht auch einen reinigenden Effekt haben kann. Im Rausch reflektiere ich nicht bewusst mein Leben, sondern es fließt etwas Feinstoffliches und Unerklärliches durch mich hindurch.

12. bis 15. August und 17. bis 27. September Bregenz, Theater Kosmos

Unter Tieren

Wer bei sprechenden Tieren an George Orwells »Animal Farm« denkt, liegt nicht ganz falsch, nur dass Elfriede Jelinek deutlich weniger Interesse an Fabeln als an unserer Gegenwart hat. In »Unter Tieren« beobachten Schweine, Kühe, Kängurus und andere Kreaturen eine Welt, die sich dem Geld verschrieben hat und dabei zusehends aus den Fugen gerät. Zwischen Bibel, Benko und Börse seziert die Autorin mit ihrem unverwechselbaren Sprachwitz die Heuchelei und Korruption, die uns im Kapitalismus tagtäglich begegnet. Wer Jelineks Freude an Wortkaskaden, Sarkasmus und politischer Reibung teilt, bekommt hier reichlich Stoff. Denn eines ist ganz klar: Der Markt wird es nicht richten. 16. bis 26. August Hallein, Pernerinsel — 4. September Wien, Burgtheater

Codeborn

Was vor ein paar Jahren noch wie ein Science-Fiction-Narrativ aus ferner Zukunft gewirkt hätte, fühlt sich heute deutlich näher an der Realität an: Algorithmen, die unsere Wünsche kennen, bevor wir sie selbst aussprechen; Nähe, die jederzeit verfügbar scheint; Zugehörigkeit, die zur Dienstleistung wird. Auf der Bühne wird die Frage nach der Bedeutung menschlichen Lebens in einer sich radikal wandelnden Welt verhandelt. In der Koproduktion von Münchener Biennale, Bayerischer Staatsoper, Klangspuren Schwaz und Tiroler Landestheater entsteht zwischen elektronischen Sounds, Livemusik und Tech-Thriller-Atmosphäre ein Musiktheatererlebnis, das an »Black Mirror« und »Ex Machina« erinnert. 19. September bis 2. Oktober Innsbruck, Kammerspiele

Simon Pfeifer
Milo Jesberg, Tommy Hetzel, Frol Poslednyi

Die Träumer

PSA für alle Kinoliebhaber*innen und Cineast*innen: Im August kommt in Klagenfurt ein Stück nach Motiven aus Bernardo Bertoluccis erotisch-romantischem Drama »Die Träumer« (2003) auf die Bühne. Die Inszenierung lebt von Grauzonen und jugendlicher Grenzüberschreitung. Wir begleiten Austauschstudent Matthew sowie die Geschwister Isa und Theo. In ihrer Wohnung erschaffen sie sich eine eigene Welt, in der sie ihre intensive, experimentelle Beziehung ausleben, während draußen die Proteste von 1968 die Straßen erobern. 8. bis 22. August Klagenfurt, Theater Halle 11

Wunschlos unglücklich

Wer kennt es nicht: überraschend eine AchtzigQuadratmeter-Wohnung in bester Lage mit Fischgrätparkett und Blick auf den begrünten Innenhof geerbt und sofort in eine Sinnkrise gestürzt. Wie soll man weiterhin überzeugte Kapitalismuskritikerin sein, wenn man plötzlich selbst Eigentum besitzt? Toxische Pommes nutzt diese absurde Ausgangslage, um die moralische Überlegenheit des Publikums infrage zu stellen. 8. September bis 7. Juni Wien, diverse Locations — 1. Oktober Krems, Stadtsaal — 2. Oktober Baden, Congress Center — 20. November Tulln, Danubium

Luziwuzi

Die Habsburger sind selten so unterhaltsam wie in »Luziwuzi«. Regisseurin Ruth Brauer-Kvam widmet sich dem exzentrischen Erzherzog Ludwig Viktor, dem jüngsten Bruder Kaiser Franz Josephs, um den sich bis heute viele Legenden ranken. Mit Tom Neuwirth aka Conchita Wurst, der hier sein Theaterdebüt gibt, in der Titelrolle entsteht eine überraschend vielschichtige Habsburgerkomödie. Bei aller Lust am Lästern und allen höfischen Eitelkeiten zeigt sich, dass die spannendsten Figuren der Monarchie oft jene waren, die nicht ganz ins Bild passten. 11. September bis 15. Dezember Wien, Rabenhof

Körperschafft

Fitnesstracker am Handgelenk, Proteinpulver im Küchenkastl. Schaffst du es nicht, noch ein bisschen besser, schöner, produktiver zu sein? Das Kollektiv Luna Project hält dem Selbstoptimierungswahn einen Spiegel vor und lässt die Körper selbst zu Wort kommen. Dabei wird zur Abwechslung mal die Frage gestellt, was dein Körper an /dir/ verändern möchte, statt umgekehrt. Ein unterhaltsamer Abend über Leistungsdruck, dem man nicht standhalten kann, und Schönheitsideale, denen man nie entsprechen wird. 8. und 9. August Litschau, Herrenseetheater — 22. und 30. September Wien, Off Theater Online abstimmen auf VODCLUB.ONLINE am 29.8. kostenlos streamen!

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FILMCASINO

GARTENBAU KINO

METRO KINO

KULTURHAUS

slashfilmfestival.com

Service Notizen

Glossar

Gewidmet all denjenigen, die beim Lesen auf die eine oder andere Wissenslücke gestoßen sind.

»Leave your dignity at home« ist eine Zeile aus dem Song »Grin & Bear« der deutschen Elektropop-Gruppe Lali Puna. Der Bandname bezieht sich auf die Sängerin und deren Herkunft. Lali steht kurz für Valerie (Trebeljahr) und Puna ist eine kindliche Schreibweise der südkoreanischen Stadt Busan. Kate Millett gilt als eine der einflussreichsten Stimmen der zweiten Welle des Feminismus. Insbesondere ihr Buch »Sexual Politics« ist seit seiner Erstverö entlichung 1970 eine vielgelesene radikale Kritik patriarchaler Systeme. Darüber hinaus war die Autorin – was weniger bekannt ist – auch als Künstlerin äußerst aktiv. Der Ponte Vecchio ist eine berühmte Brücke aus dem vierzehnten Jahrhundert über den Fluss Arno in Florenz. Frühere Bauten an derselben Stelle gehen bis zurück in die Römerzeit. Die Geschäftslokale und Marktstände, die sich darauf befinden, sind übrigens kein Einzelfall für städtische Brücken des Mittelalters. So war etwa auch die Old London Bridge, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts abgerissen wurde, ähnlich aufgebaut. Size Zero ist eine Kleidungsgröße im US-amerikanischen Konfektionssystem. Über die Jahre wurden die Nummernangaben dort aufgrund des sogenannten vanity sizing schleichend immer kleiner. Größe Null entspricht etwa Größe Sechs in den Siebzigern. Im übertragenen Sinn bezieht sich Size Zero auf extrem schlanke Menschen, insbesondere Frauen und Mädchen. Super 8 ist ein von Kodak entwickeltes Acht-Millimeter-Filmformat. Es wurde zunächst vorwiegend für den Heimfilmbereich vermarktet, fand ab den Achtzigern aber zunehmend in professionellen Low-Budget-Produktionen Verwendung – unter anderem auch für Musikvideos. Trap ist eine Subgenre des Hip-Hops, das ursprünglich aus den südlichen USA stammt. Der Name leitet sich von den sogenannten trap houses ab, in denen Drogen verkauft und konsumiert werden. Die Musikrichtung zeichnet sich durch minimalistische Beats mit klarer Rhythmik aus. Die Vocals sind häufig mit E ekten wie Autotune verzerrt.

The Gap Festivalsommer Mai/Juni

2015

Erste Hilfe und Eis für Social-Media-Rockstars ———— 2016 erschien der The Gap Festivalsommer, »dein Guide zu den wichtigsten, besten und ausgefallensten Festivals in Österreich und Europa«, zum bislang letzten Mal. Mehr als ein Jahrzehnt begleitete uns dieses Magazin-Spin-off mit jeder Menge Tipps zu drei unserer Lieblingsthemen – Sommer, Musik und Festivals. Ein Klassiker daraus: Die jährlich neu geschossene Fotostrecke zum Thema »Ers te Hilfe am Festival« von Kurt Prinz. Fachlich begleitet vom Österreichischen Jugendrotkreuz erläuterten wir darin den adäquaten Umgang mit Alkoholvergiftung, Kreislaufkollaps und Co. Ein Quiz zum Thema Eis half bei der Entscheidung zwischen Ben & Jerry’s, Solero und Twinni. Und ein Guide dabei, beim Festivalbesuch zum Social-Media-Rockstar zu werden. Service was our suc cess! Warum die Festivalszene in Kroatien damals gerade einen Boom erlebte, beschäftigte uns ebenso wie die Frage nach den Lieblingsfestivals heimischer und internationaler Festivalmacher*innen. Überraschend, wie viel sich im praktischen Taschenformat unterbringen lässt.

The Social Hub Wien

Ganz nach dem Motto »Hau di her, samma mehr« funktioniert The Social Hub Vienna. Hier tri t ein leistbares Hotelkonzept auf einen großzügigen Co-Working-Space. Aber auch Studierende auf Wohnungssuche kommen nicht zu kurz, denn Langzeitaufenthalte sind explizit erwünscht. Während sich besonders Motivierte vielleicht im 24/7-Fitnessstudio austoben, können andere im sogenannten »Grätzel« ihre Mails beantworten, socializen oder auch in Ruhe in der aktuellen Ausgabe von The Gap blättern. Nordbahnstraße 47, 1020 Wien

Moses Records Wien

Egal ob Fans von Oldies, Pop oder Rock, alle, die ihre Vinylund CD-Sammlung weiter ausbauen oder endlich eine starten wollen, werden hier fündig. Lerchenfelder Straße 33, 1070 Wien

Cafe am Kai Salzburg

Traditionelle italienische Ka eespezialitäten und ein idyllischer Blick auf die Salzburger Altstadt? Im Cafe am Kai an der Salzach lässt es sich gut entspannen. Müllner Hauptstraße 4, 5020 Salzburg

EINE NEUE ZUVERSICHT AUF DIE DINGE.

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Wir schauen positiv auf die Welt. Wer schaut mit? Zuversicht. Macht was.

Josef Jöchl

artikuliert hier ziemlich viele Feels

Sex and the Lugner City Das Leben ist eine Adeg-Filiale

Gerade war meine Welt noch in Ordnung. Bei schönem Wetter saß ich anlässlich eines Geburtstages auf einer Decke im Burggarten, in meiner Hand ein paar Erdbeeren. Zwei Minuten später war alles anders. Alle Anwesenden unterbrachen ihre Gespräche und hoben Decken, Snacks und Habseligkeiten an, während ich mich nervös abtastete und gleichzeitig bei allen entschuldigte. Der Grund dafür war ebenso banal wie altbekannt: »Der Josef hat seinen Haustürschlüssel verloren, schaut’s bitte mal alle nach!«

Von jeher war ich diese Art chronischer Schussel, der seine Habe in alle Winde zerstreut. Vor allem die Trias des Taschenuniversums –Handy, Schlüsselbund, Geldbörse – scheine ich nicht bei mir behalten zu können. Durchschnittlich verliert ein Mensch 1,24 Objekte im Jahr. Ich komme auf ein Vielfaches davon, und da ist meine Selbstachtung noch gar nicht eingerechnet. Denn mit dem Verlust überkommt mich eine Welle komplexer Gefühle. Ich schiebe Panik, meine Unterlippe bebt. Wenn es mir nicht sofort gelingt, jemand anderen verantwortlich zu machen, richtet sich meine Wut gegen mich selbst. Dann schäme ich mich, heiße mich in Gedanken eine dumme Sau. Verzweifelt schreie ich in den Himmel: Warum muss immer ich diese Person sein, der so etwas passiert?

Verliebt, verloren

Erst am nächsten Tag komme ich ein bisschen runter. Wer viel verliert, ist im Schadensfall entsprechend routiniert. Die Ersatzschlüssel sind an neuralgischen Punkten deponiert. Die Sperrgebühr für Kredit- und Debitkarten spart man sich, weil die Chance, dass jemand auf den richtigen Code kommt, nur ein Zehntelpromille beträgt. Überhaupt geht man am besten nur mit Burner-Phone und ein paar Münzen außer Haus – das ganze Leben ein Zeug*innenschutzprogramm. Mühelos über-

schlägt man im Kopf die Opportunitätskosten für einen verlegten Schlüssel, einen von der Couch gefressenen Waschküchenchip und eine nicht auffindbare Brille. Wenn die besonders hoch sind, wie für einen Schlüsseldienst am Wochenende, schwört man sich, so lange Iced Coffee zu entsagen, bis die 250 Euro wieder herinnen sind, also circa eineinhalb Jahre.

Vergessen

Wer sich schon mal gefragt hat, warum man immer zur Seite gehen muss, während jemand vom Schlüsseldienst die Wohnungstür öffnet: wegen mir. Wenn sie mich lassen, krieche ich den Schlüsseltechniker*innen nämlich unter die Arme und versuche genug Know-how abzusaugen, um nie wieder im Leben auf sie angewiesen zu sein. Denn egal, was ihr auf Reddit lest oder euch der Kollege aus dem Rechnungswesen erzählt, der laut eigenen Aussagen in seiner Jugend mal ein richtig krasser Skater war: Mit einer Kreditkarte kann man keine Sicherheitstür öffnen. Mit etwas Mühe findet man dann auch einen Schuldigen, der nicht man selbst ist. Wie ich in Form einer oversized Bermuda, die ich unlängst in einem Sale erstanden hatte, beziehungsweise meines gesamten sozialen Umfelds, das mich nicht davon abhalten konnte, sie anzuziehen. Erst dann kann Ruhe einkehren. Denn auch wenn es nur ein Schlüsselbund ist: Jeder Verlust erinnert uns daran, dass uns nichts dauerhaft gehört. Auch ein Sonnenuntergang wäre nicht derselbe, wenn er ewig dauern würde. Jedes meiner 27 I-Phones habe ich nur ein Stück auf seinem Weg begleitet, der direkt in die chinesische Schattenwirtschaft führt. Ich kann es nicht festhalten, sondern nur versuchen, ihm gerecht zu werden, solange es noch da ist, indem ich es acht Stunden täglich zärtlich streichle und es so meiner Achtsamkeit versichere. Wir leben schließlich nicht, um zu besitzen.

Für unseren Seelenfrieden sollten wir deshalb einen gewissen Schwund einkalkulieren, als wäre unser Leben ein Adeg in der Oststeiermark oder – in meinem Fall – die WoolworthFiliale in der Lugner City. Außerdem sollten wir normalisieren, regelmäßig unsere Haushaltsversicherungen bluten zu lassen. Wofür bezahlt man schließlich 120 Euro im Halbjahr? Wenn also dein süßer, aber etwas verpeilter Kumpel wieder mal sein I-Phone verloren hat, biete ihm doch etwas Versicherungsbetrug an. Dann kommst du auch in den Himmel. So weit, so spiritual.

Verzeihen

Menschen, die viel verlieren, haben es schwer genug. Aktuell bin ich nur noch eine oder zwei Diagnosen davon entfernt, dass ausnahmslos jede meiner engeren Bezugspersonen mit ADHS diagnostiziert worden ist. Das bedeutet in vielen Fällen ein instabileres Arbeitsgedächtnis und eine gewisse Reizfilterschwäche, die Verluste von Alltagsgegenständen begünstigen. Schwarz auf weiß zu haben, was mit mir los ist, erlaubte es mir, Selbstvorwürfe durch Erklärungen zu ersetzen und mir in der Folge selbst zu verzeihen.

Hin und wieder hört man jedoch Abwertendes über die steigenden Fallzahlen – von wegen Navelgazing und Zeitgeistphänomen. Allen, die gerne Witze über ADHS-Diagnosen im Erwachsenenalter machen, stelle ich deshalb gern die Frage, warum sie nicht gleich welche über körperliche Behinderungen machen. Das wäre doch nur konsequent. Die meisten helfen aber beim Suchen und führen mitunter die besondere Glückseligkeit herbei, wenn man etwas verloren Geglaubtes sofort wiederfindet. Ist an diesem Tag im Burggarten allerdings nicht passiert.

joechl@thegap.at • @knosef4lyfe

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