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Viral Schreiben Du wirst nicht glauben, was in unsrer CoverStory steht 143

Magazin für Glamour und Diskurs

»... Ich war in letzter Zeit viel auf Reddit, und ich hab mittlerweile ein echt gutes Gespür für Dog-Content. – Chefredakteur kann Internet.

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MONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1040 WIEN, P.B.B. GZ 05Z036212 M, Nº 143, MAi 2014

Stadtschrift. Matthew Barney. Kurt Razelli. Wolfgang Möstl. Fargo. SZA. Cro. Dame. Wild Boy. Christoph Seiler. Damon Albarn. Fluc. Nation Branding mit Fußball. Dark Souls.

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n i e r F端 r o v Leben . L e z t i n h c S Dem zerne. n o k r a r G a acht der GeGen die M schaFt. t ir W d n a L Bio F端r unsere Mehr! n n a k a p o r eu 25. Mai: dein

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Leitartikel von Thomas Weber

  Du wirst nicht glauben, wer bei der     Netzwerkstudie wieder versagt hat   Eine aktuelle Kammerstudie zeigt zwar, dass die kreativen Branchen – vor allem Softwarefirmen und Game-Entwickler – überdurchschnittlich wachsen. Zu den großen Verlierern der letzten Jahre zählen aber Fotografen, Künstler, Architekten. Mehr denn je im Abseits: die Musikbranche.

Ein Fazit von FAS Research ist auch: Die Personen sind insgesamt besser vernetzt – quer über alle Branchen und Bundesländer hinweg. Abgefragt wurden aber nicht nur Namen, sondern auch Stimmungen. Und die sind vor allem unter Architekten schlecht und den von der Natur her hochgradig individualisierten Künstlern von »Enge«, wenig Kooperation und Konkurrenz geprägt. Ganz klare Rückzugsgefechte as hat sich in den vergangenen führen auch Fotografen. fünf Jahren getan? Zumindest für die Tatsächlich traurig sieht es aber für die heimische Kreativwirtschaft kann man Musikwelt aus. Schon 2009 als abgekapselt, isoliert und über die eigenen das nun recht genau sagen. 2009 hatte die Genregrenzen hinweg schlecht vernetzt Creativwirtschaft Austria (cwa) erstmals dargestellt, stagniert sie weiterhin als die Netzwerkforscher von FAS Research Anhängsel. Gäbe es nicht Personen hinter damit beauftragt, den Vernetzungsgrad Monkey Music, Ink Music und den Knoinnerhalb der zu den Creative Industries tenpunkt fm4 – die Branche hätte nahezu gezählten Branchen zu ermitteln. Mittels keine Berührungspunkte zu anderen Schneeballverfahren wurden Akteure aus den Milieus der Mode-, Musik-, IT-, Design-, Medien. Das ist vor allem angesichts des wachsenden Game-Sektors (der ja Musik Architektur-, Werbe- und auch Kunstwelt und Sounds braucht) und der theoretinach jeweils wichtigen Playern, Partnern schen Nähe zu Design und Visual Design und Mitbewerbern befragt. Fünf Jahre später gibt es ein Update, das vordergründig schwer nachvollziehbar und ein klares vor allem eines zeigt: Wachstum. Wurden – auch strukturelles – Versäumnis. Auch 2009 noch 900 Personen genannt, sind die eher lachhafte Wiener Popakademie es 2014 bereits knapp 1.500. Hinter ihnen hat da keine Bewegung gebracht. Und stehen mittlerweile 1.167 Unternehmen, die seitens der Stadt Wien immer wieder Vereine und Organisationen. Insgesamt einmal angedachte Cluster-Bildung – also erwirtschaften in der österreichischen die geförderte Ansiedlung mehrerer Kreativwirtschaft 150.000 Beschäftigte Musikunternehmungen an einem Ort – ist in 40.000 Unternehmen (von denen 71% wohl als eher ein Zugang der 90er Jahre. profitabel sind) einen Umsatz von 20 Das Problem der mangelnden Vernetzung Milliarden Euro. Das ist gewaltig. Keine über die eigenen Kreise hinaus kann ein Frage. Beeindruckend auch, dass nach den Branchen-Cluster eben genau nicht lösen. Vorreitern Wien, Vorarlberg und SteierNicht zuletzt erweisen sich übergreifend mark nun auch Tirol, Niederösterreich, vernetzte Akteure – Stichwort Resilienz – Burgenland und Kärnten Anschluss gefunals widerstandsfähiger und innovativer als den haben - und Oberösterreich rund um solche, die dauernd nur im eigenen Saft seine Fachhochschule in Hagenberg eine braten. Ein Lösungsansatz könnte übrigens florierende Software- und Gamebranche aus der Kreativwirtschaft selbst kommen. Denn auch die derzeit und künftig entwickelt hat.

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Bild Michael Winkelmann

wichtigsten Themen hat die cwa abgefragt. Noch von der sva und der Großbaustelle Urheberrecht wurde da quer über alle Branchen hinweg »Co-working« als Thema genannt. Also: das gemeinsame Arbeiten mit anderen Kreativen, möglichen Lieferanten, Kunden, Inspirations- und Input-Gebern. Eine Stichprobe – ein schneller Rundruf bei den drei großen Co-working-Spaces der Stadt (Sektor5, Innovation Hub und Schraubenfabrik) – hat meine These bestätigt und ergeben, dass dort bis auf ein Start-up de facto keine Musikunternehmer werken. »Maximal Hobby-Musiker«, heißt es da bis auf einmal. Die Musiker mögen weiter jammern, im Hobbykeller jammen und über Ö3 schimpfen. Wien allerdings sollte, so es seinen Status als Musikstadt in die Zukunft retten will, aktiv werden und sie in alte und neu errichtete Co-working-Spaces locken. Und sei’s durch angeschlossene Studio-Zellen.

Thomas Weber Herausgeber weber@thegap.at @th_weber

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Schreiben im Netz – »Die Dominanz von Listenjournalismus zu kritisieren ist so, also würde man die Schwerkraft kritisieren«, sagt Fritz Jergitsch, Autor der erfolgreichsten österreichische Satireseite. Journalismus hat sich durch das Internet verändert. Das finden nicht alle gut, aber sich dem nicht zu stellen, wäre naiv. Wir haben recherchiert, wer die großen Player im Netz. Außerdem wissen wir jetzt, wie Online-Journalismus geht: wir haben die wichtigsten österreichischen Online-Redakteure gefragt und die 10 Gebote des viralen Schreibens rausgesucht.

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Magazin Schreiben fürs Netz 016 —— Listicles, Häppchen und emotionales Storytelling – so soll ernstzunehmender Journalismus heute aussehen? LOL. Golden Frame: Isa Genzken 022 —— Die Deutsche gilt als eine der wichtigsten lebenden Künstlerinnen und kommt mit einer Werkschau ins die Kunsthalle Wien. Kurt Razelli 024 —— Er hat Sozialporno auf Internet übersetzt. Kurt Razelli macht erfolgreich Austrotrash für Youtube. Christoph Seiler 026 —— Christoph Seilers Kunstfigur Anton Horvath sudert gern auf Youtube übers Sudern und macht ganz nebenbei Sozial-Satire Internet-Style. Wiener Festwochen 028 —— Scheiße, Unsterblichkeit und Stahl kann man sich in Matthew Barneys abgefahrenem Opernfilm »River of Fundament« im Gartenbaukino ansehen. Fargo 030 —— Die Coen-Brothers haben »Fargo« aufgewärmt, und zwar als Serie. Und das ist ziemlich gut geworden. Damon Albarn 032 —— Mit Blur und Gorillaz hat der Brite die Charts angeführt – nun bringt der von Kritikern gefeierte Allrounder ein Solo-Album raus. Wolfgang Möstl 034 —— Er zieht die Strippen im Hintergrund und es wird zu Gold, was er anfasst. Wolfgang Möstl ist der Pharrell des Wiener Noise-Rock.

Cro 036 —— Cro bringt sein zweites Album, und damit einen ambitionierten Versuch, deutschen HipHop umzubringen, raus. Dame 038 —— Der Salzburger rappt über Videospiele und Liebe. Wir finden, dass das Kunst ist. Wenn man sich anstrengt. SZA 039 —— Sie gehört zu einer neuen Generation an weiblichen Role Models, auch wenn sich ihre Songperlen noch kein sinnvolles Ganzes ergeben. Wild Boy Comic 040 —— Autobiografisch inspirierte Graphic Novels: wir gehen dem Trend anhand von Alexander Strohmaiers »Wild Boy« nach. Dark Souls 2 041 —— Was, wenn man in einem Game stirbt und man stirbt wirklich und muss ganz von vorne anfangen? FuSSball-WM in Brasilien 042 —— Sportevents eignen sich hervorragend zum Nation Branding. Eine Retrospektive. Fluc 044 —— Was Clubkultur mit urbanen Entwicklungen zu tun hat beschreibt das neue Buch »Tanz die Utopie« am Beispiel des Wiener Flucs. Design Stadt Schrift 046 —— Schrift in der Stadt erlebt im Netz und auch offline Hochkonjunktur. Wieso eigentlich?

ist da : hans.thegap.at

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Wolfgang Möstl Er ist der Strippenzieher der Wiener Noise-Szene. Zum Beispiel beim hervorragenden neuen Album von Mile Me Deaf. Oder bei Goldsoundz. Oder als Ruhepol bei den Sex Jams. Ohne ihn wäre dort in den letzten Jahren nicht viel passiert und die Welt schlechter. Wolfgang Möstl (hier in der Tizian Pose) ist der Pharrell Williams des Noise-Rock.

034 Rubriken Leitartikel 003 Inhalt004 Editorial  006 Porträt006 Impressum006 Fondue009 Unbezahlter Anzeiger 011 Splitter012 050 Work Station: Alexander Papis  Lyrik: Alexander Micheuz054 Reviews057 Introducing: Nathan Stewart-Jarrett066 Termine074

Bild der Ausgabe Wir bekommen ja nicht allzu oft Fanpost. Wenn aber, dann ist sie richtig gut. Wie diese Seite aus unserer letzten Ausgabe, auf der ein gesichtloser, finsterer Dean Blunt in ein süßes Alien verwandelt wurde. Wir wissen nur nicht mehr richtig, aus welchem Film wir das kennen – Fanpost anyone?

Kolumnen 010 082

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Fabula Rasa  Know-Nothing-Gesellschaft 

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72 Artikel, die du niemals in The Gap lesen wirst — Wir haben es übertrieben. Ganz absichtlich. Und natürlich wirken Überschriften und Stories, die fürs soziale Netz optimiert sind, auf Papier gedruckt erst einmal sehr seltsam. Wir stellen uns aber mental schon darauf ein wie das sein wird. Wenn etwa die Huffington Post auch einen Österreich-Ableger gründet, oder die Fellners eine schmierige Web-Plattform für emotionale Chauvi-Geschichten gründen, oder der Falter eine Satireseite macht – denn mit dem Best Of Böse hat man ja einige Erfahrung gesammelt. Denn man wird nicht so bald mehr Print lesen. Eher muss man die Geschäftsmodelle für Artikel im Netz, die in den USA funktionieren – Listen wtf! Katzen omg! Sozialstaat fail! – erst einmal für Europa sinnvoll adaptieren, also nicht einfach kopieren. Deshalb haben wir uns für unsere Coverstory vor allem die US-Vorbilder angesehen (Seite 016). Überhaupt ziehen sich grelle Headlines und das grelle Internet quer durch diese Ausgabe. Matthew Barney macht eine Oper über heilige Scheiße (Seite 028), Kurt Razelli und Christoph Seiler machen Alltags-Youtube (Seite 024), der Salzburger Rapper Dame macht Games-Rap (Seite 038) und Mile Me Deaf setzen sich für ihre Fotos überhaupt gleich in die Farbpalette des Netscape Navigators (Seite 034). Wir drucken also das Internet aus. Über Katzen, Pandas und Kühe werden wir hier jedenfalls nicht schreiben. Muschis und Ärsche – kommt drauf an.

Stefan Niederwieser niederwieser@thegap.at @the_gap

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Julia Gschmeidler

Franz Lichtenegger

Unsere Freundin Julia — Die Menschheit lässt sich ja endlos in Gegensatzpaare einteilen: etwa Menschen mit Kindern und Menschen ohne. Noch wichtiger aber ist der Unterschied zwischen Hunde- und Katzenliebhabern. Julia gehört zu Ersteren. Sonst ernährt sie sich allerdings lieber vegan. Und von Rap. Für unsere Freunde von The Message ist sie deshalb schon seit fünf Jahren Chefin vom Dienst – Chefa könnte man sagen. Manchmal spuckt sie für uns auch Zeilen über Reimer aus, wenn sie nicht gerade Youtube-Vlogger interviewt. Voll gut insofern, dass sie Non-Profit-Management studiert hat. Oder dass sie Puzzles und Orchideen mag. Damit wäre sie eigentlich eh sehr gut für uns oder The Message gerüstet gewesen. Seit September hat allerdings auch die alte Tante Kurier ihre Talente entdeckt. Trotzdem geht ihr noch nicht die Zeit für uns und unsere Freunde aus. Oder für ein Wochenende daheim im Waldviertel, wo sie damals die einzige war, die HipHop und Conscious Rap gehört hat. Dass sie Menschen für ignorant und egoistisch hält, hat vielleicht auch damit zu tun. Beim dazu passenden Gegensatzpaar – gute Menschen nämlich – ist sie ganz vorn mit dabei. 

Flawless — Eines schönen Tages trudelte ein Text in unsere Inbox, verfasst von einem gewissen Franz Lichtenegger. Dass Beyoncé endlich ein neues Album veröffentlichen soll, hieß es da. Wie aus dem Nichts war das Album zwei Tage später da und Franz quasi auch. Der Text war nämlich so gut, dass wir Fronzé, oder France, wie wir ihn mittlerweile nennen, gleich für drei Monate als Praktikanten behalten haben. Das war vielleicht die beste Entscheidung unseres Lebens. Franz vergöttert Pop, je mainstreamiger, desto besser. Er kann mehr Britney-Lyrics auswendig als sie selbst, liebt Darkchild-Produktionen und stellt ausschließlich richtige Fragen wie: »Was ist eigentlich mit Murder, Inc. passiert?«. Franz kann mit seinen Händen nicht nur lustige Texte in einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit schreiben, sondern auch kochen und Wein ausschenken. Er war nämlich mit seinen 20 Jahren schon in einer Küche auf Jersey zugange und hat eine SommelierAusbildung. Seit seiner Darbietung von »Never Ever« auf der Verlagsklausur wissen wir auch, dass er das Zeug zum Boyband-Leadsänger hat. Und wie das Foto beweist, sieht er auch so aus, sogar dann, wenn er noch halb verschlafen, weil chronisch unpünktlich, morgens ins Büro schlendert: He woke up like dis. Flawless. 

TEXT Stefan Niederwieser BILD claudio Farkasch

TEXT Amira Ben Saoud BILD Elisa Kerschbaumer

Impressum

HERAUSgeber Thomas Weber chefredaktION Martin Mühl, Stefan Niederwieser Redaktion Ranya Abd El Shafy, Niko Acherer, Matthias Balgavy, Amira Ben Saoud, Josef Berner, Sandra Bernhofer, Liliane Blaha, David Bogner, Manuel Bovio, Ivo Brodnik, Stephan Bruckner, Klaus Buchholz, Johannes Busching, Ann Cotten, Lisa Dittlbacher, Andreea Dosa, Margit Emesz, Juliane Fischer, Holger Fleischmann, Philipp Forthuber, Manuel Fronhofer, Miriam Frühstück, Barbara Fuchs, Daniel Garcia, Yannick Gotthardt, Manfred Gram, Dominique Gromes, Philipp Grüll, Julia Gschmeidler, Andreas Hagenauer, Jan Hestmann, Magdalena Hiller, Christoph Hofer, Sebastian Hofer, Peter Hoffmann, Michael Huber, Konstantin Jakabb, Reiner Kapeller, Jakob Kattner, Sophie Kattner, Markus Keuschnigg, Michael Kirchdorfer, Kristina Kirova, Stefan Kluger, Michaela Knapp, Katrin Kneissl, Markus Köhle, Christian Köllerer, Leonie Krachler, Christoph Kranebitter, Rainer Krispel, Michael Bela Kurz, Philipp L’Heritier, Franz Lichtenegger, Artemis Linhart, Gunnar Landsgesell, Ali Mahlodji, David Mochida Krispel, Christiane Murer, Nuri Nurbachsch, Dominik Oswald, Ritchie Pettauer, Stefan Pichler, Johannes Piller, Stefanie Platzgummer, Lasse Preng, Christoph Prenner, Teresa Reiter, Werner Reiter, Kevin Reiterer, Martin Riedl, Tobias Riedl, Georg Russegger, Joachim Schätz, Peter Schernhuber, Bernhard Schmidt, Nicole Schöndorfer, Werner Schröttner, Richard Schwarz, Katja Schwemmers, Katharina Seidler, Wolfgang Smejkal, Lisa Stadler, Cornelia Stastny, Roland Steiner, Gerald C. Stocker, Johanna Stögmüller, Peter Stuiber, Wernr Sturmberger, Denise Helene Sumi, Asha Taruvinga, Hanna Thiele, Horst Thiele, Franziska Tschinderle, Erwin Uhrmann, Jonas Vogt, Luise Wolf, Maximilian Zeller, Martin Zellhofer, Barbara Zeman PRAKTIKUM Marco Leimer, Tanja Schuster, Yasmin Szaraniec termine Manuel Fronhofer, Stefan Niederwieser AUTOREN Georg Cracked, Michaela Knapp, Michael Lanner, Moriz Piffl-Percevic, Jürgen Wallner, Martin G. Wanko fotografie Florian Auer, Lukas Beck, Stephan Doleschal, Andreas Jakwerth, Georg Molterer, Ingo Pertramer, Kurt Prinz, Karin Wasner, Michael Winkelmann Illbilly-illustration Jakob Kirchmayr COVER Annemarie Sauerbier ART DIRECTION Sig Ganhoer DESIGN Elisabeth Els, Annemarie Sauerbier, Thomas Wieflingseder Lektorat Wolfgang Smejkal, Adalbert Gratzer web Super-Fi, m-otion anzeigen Herwig Bauer, Thomas Heher, Wolfgang Hoffer, Micky Klemsch, David Kreytenberg, Martin Mühl, Thomas Weber (Leitung) Distribution Martin Mühl druck Ferdinand Berger & Söhne GmbH, Pulverturmgasse 3, 1090 Wien geschäftsFÜHRung Martin Mühl PRODuktion & MedieninhabERin Monopol GmbH, Favoritenstraße 4–6 / III, 1040 Wien kontakt The Gap c/o Monopol GmbH, Favoritenstraße 4–6/III, 1040 Wien; Tel. +43 1 9076766–41; wien@thegap.at, www.thegap.at, www.monopol.at, office@thegap.at bankverbindung Monopol GmbH, easybank, IBAN AT77 14200 20010710457, BIC EASYATW1 abonnement 10 Ausgaben; Inland EUR 15, Europa EUR 35, Rest der Welt EUR 42 HEFTPREIS EUR 2 erscheinungsweise 8 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1040 Wien Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Für den Inhalt von Inseraten haftet ausschließlich der Inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bild- und Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

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Die direkte Verbindung von der WG zum MQ.

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Spähaugen und Schnappschützen aufgepasst: The Gap freut sich immer über bemerkenswerte Momentaufnahmen, optische Querschläger und belichtete Kuriositäten. Einsendungen an fondue@thegap.at

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In Bayreuth steht auch Sündern nach dem Tod der Himml offen. Sofern sich die Hinterbliebenen mit Christ, dem Herrn dem er gehört, über die Marie einig werden.

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Eine schlampig geschriebene Ligatur sagt, was sich alle Biertrinker denken.

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Kulturelles von Nischen bis Pop POOLBA R. AT

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F E S T I VA L / F E L D K I R C H A LT E S H A L L E N B A D Bilderbuch The Dandy Warhols Sofa Surfers feat. poolbar/generator Gilles Peterson´s Sonzeira poolbar auf der Wiese Open Air 18./19.07.14 Cody ChesnuTT Shout Out Louds Bonaparte Gerard u.v.a. Anna Calvi The Hidden Cameras Maximo Park Ja,Panik Irie Révoltés The Subways The Real McKenzies Wallis Bird WhoMadeWho Fink William Fitzsimmons u.v.a. more to come!

Danke für die Förderung: Feldkirch, Vorarlberg, BMUKK, AKM

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Fabula Rasa All Hail The Captain!  Die Kolumne von Georg Cracked

»all art is quite useless.« (oscar wilde) Guido ist glücklich, er hat sich verliebt. »In eine Zuckerbäckerin, kannst du dir das vorstellen?« schreit er dich an. »Sie arbeitet in der neuen Konditorei am Enkh-Platz! Diese Plunderstückchen! Du kannst es dir nicht vorstellen! Es ist jedes Mal ein einzigartiges Erlebnis!« Guido schreit eigentlich immer. Er hat in seiner Sprache nur diese eine Lautstärke: laut. Und er hat Glück, denn die Zuckerbäckerin ist auch in ihn verliebt und bäckt ihm morgens spezielle Plunderstückchen, die nur für ihn bestimmt sind. Während du nicht weißt, ob du in die Callcenter-Managerin Melanie wirklich verliebt bist, oder jemals warst, oder ob es nur die Gewohnheit ist, oder doch »weil wir halt gut zusammen passen.« Aber Guido ist nicht mit allem in seinem Leben zufrieden. »Ist Dir aufgefallen, dass es entweder Typen gibt mit Vollbärten oder glatt rasiert!« schreit er. »Keiner dazwischen! Keine Drei- oder Sechs-TageBärte! Wie kommen die zu den Bärten!? Bleiben die wochenlang zu Hause, bis der Bart fertig ist, oder was!?« Naja, denkst du, es gibt auch noch diese eigenartigen Hipster-Schnurrbärte. »c’mon give peace a chance« (beady eye) Melanie hat einen Artikel darüber gelesen, dass immer mehr wirklich erfolgreiche Manager immer öfter Zeit ohne ihr Handy verbringen. Deshalb dreht sie es jetzt zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens ab. Außer sie ist auf Party unterwegs, dann muss sie ja ihre Faces posten. Außerdem hat ihre Life-Coach ihr geraten, »positiv zu denken« und das gleichnamige Buch empfohlen. Also hat sich Melanie eine upgedatete Version bei Amazon bestellt; sie will ja nicht hinten nach sein. »Stell dir vor, das ist aus den 80ern! Aus Papier!« Und jetzt befiehlt sie dir: »Sei fröhlich!« oder »Los, wir lachen jetzt eine Minute lang gemeinsam!« oder »Sei spontan!« Zum Glück weißt du, dass es sinnlos ist, zu argumentieren. Und alles in allem ist das ist immer noch besser als die Woche, als sie am Sonntagabend nach einem Nachwuchsführungskräfte-Seminar voller Euphorie nach Hause kam und von dir verlangte: »Sei ein Baum!«   Powered by Black Flag, Year Of No Light, Beady Eye

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UN B E Z

HLT E R A N Z E I G E R

Es gibt Dinge da draußen, die sind so gut, die sind Segnungen für die Menschheit, echte Hits der Warenwelt, für die machen wir freiwillig Werbung.

Ass Riot

Wake Me Up, Before You Go Go

Innereien

Was das Eindringen betrifft, fühlt sich Putin auf der Krim sicher wohler als im Hinterland. Trotzdem kann man sich den russischen Präsidenten nach dem Motto »die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Pöpschen« jetzt auch sonstwohin stecken. Zumindest theoretisch. »Kommanalpolitik« lässt sich mit dem 3D-gedruckten Stöpsel aus Sandstein nämlich noch nicht betreiben, an einer verträglichen Variante aus Gummi wird aber gearbeitet.  www.shapeways.com

Hähne hören irgendwann auf zu krähen, die mit Tonnen ratternden Müllmänner verziehen sich und jeder handelsübliche Wecker kann mit einem einfachen Handgriff zum Schweigen gebracht werden. Clocky aber hat zwei Räder, mit denen er vor der Schnarchnase wegradelt. Man muss also zumindest mal aus dem Bett raus, um ihn zu bändigen. Fehlt nur noch, dass man den Wecker so programmieren kann, dass er gleich ins Badezimmer läuft …  www.amazon.de

Nicht nur die Baumwolltaschen können sich vor coolen Sprüchen und origineller Grafik nicht mehr retten, auch die letzte Bastion der Biederkeit, die Jausenbox, wurde von Urban Outfitters nun aufgepimpt. Was früher ein stinkendes Plastikschachterl war, schaut nun wie die aus Ärzteserien bekannten Boxen zur Organtransplantation aus. Da kann man sich dann auch die geröstete Leber einpacken lassen. Mahlzeit!  www.urbanoutfitters.com

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Franziska Mayr-Keber (Club Courage)

TOP 10

IMMER WIEDER GERN

01 Ein »Official Welcome« von Andrea Fraser 02 Meditieren mit Ursula Lyon 03 Ein Blick in Die Tagespresse 04 Modern Family zum Entspannen 05 Eintauchen in die Colbert Nation 06 Eine Episode »Portlandia« 07 Einfach nichts tun 08 Versagen üben im Karaoke-Raum 09 An Bernd Wand denken 10 Von Carl Magnus Malcom träumen

TOP 5

ZULETZT GELESEN UND GEFALLEN

01 Jack Halberstam – Gaga Feminism 02 Renata Salecl – Tyrannei der Freiheit 03 Eva Illouz – Warum Liebe weh tut 04 Sara Thornton – Club Cultures 05 Andreas Lesti – Oben ist besser als unten

auch nicht schlecht: »Falsche« Wochenenden

Laman Lemlem (www.lamankind.com)

TOP 10

MÖGLICHKEITEN FEMINISMUS ZURÜCK ZU KATAPULTIEREN

01 Wähle Poledancing als Sport 02 Weine wenn du eine Spinne siehst 03 Lass deinen Freund dich »Puppe« nennen 04 Nimm an einem Wet T-Shirt Contest teil 05 Twerke 06 Halte Ausschau nach deinem künftigen Ehemann in der Onyx Bar 07 Lass einen Typen Shots von deinem Bauch / Titten saufen 08 Wähle »50 Shades of Grey« als Lieblingsbuch 09 Nimm teil bei »The Bachelor« oder »Austria’s Next Top Model« 10 Lass deinen Freund deinen Boobjob bezahlen

TOP 5

Vintage-Läden in Wien

01 Crystal Meth 02 Kristallnacht 03 Christl Stürmer 04 Billy Chrystal 05 Cristal Champagne

auch nicht schlecht: Insalatissime Messicana

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TEXT Peter Stuiber BILD Frizzi Weidner: Tiergarten Schönbrunn, Werbeplakat, 1955, Wienbibliothek, Margit Doppler: Lichter der GroSSstadt, Filmplakat, um 1932, Privatarchiv Xenia Katzenstein, Margit Doppler: Die Königin von Paris, Filmplakat, um 1935, Privatarchiv Xenia Katzenstein, Emma Reif: Wiener Internationale Gartenschau, Werbeplakat, 1964, ÖNB

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10 Prozent Ein Buch stellt Wiener Grafik-Designerinnen des 20. Jahrhunderts in die Auslage. Spannend und ernüchternd zugleich. Österreichisches Grafikdesign? Historisch denkt man da an Namen wie Joseph Binder, Julius Klinger, Hermann Kosel und Victor Theodor Slama. Was zu erwarten war: Frauen standen kaum in der ersten Reihe. Dabei wäre die Ausgangslage eigentlich gar nicht so schlecht gewesen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es viele Studentinnen an der Wiener Kunstgewerbeschule (der Vorläuferin der »Angewandten«) und an der »Graphischen«. Doch deren berufliche Perspektiven waren begrenzt, vor allem wenn sie Kinder bekamen. In dem Standardwerk »Österreichisches Grafikdesign im 20. Jahrhundert« hat Anita Kern bereits vor Jahren begonnen, das Werk heimischer Grafikerinnen vorzustellen. Hier kommt eine Art Fortsetzung: »14 Grafikerinnen im Wien des 20. Jahrhunderts« von Heidelinde Resch, ursprünglich entstanden als Abschlussarbeit an der FH Joanneum. Reschs Betreuerin an der Hochschule war übrigens die Grafikdesignerin Catherine Rollier, die seit den 80er Jahren u. a. im Kulturbereich Akzente gesetzt hat und in dem Buch selbst vorgestellt wird. Sie entwarf z.B. Logo, Plakate und Kataloge für das seinerzeit von Peter Noever aus dem Dornröschenschlaf gerüttelte mak. 250 Grafikerinnen hat die Autorin ausfindig gemacht, bei 14 war die Quellenlage ausreichend, um Werk und Leben näher zu beschreiben. Zeitlich reicht der schmale Band von der Zwischenkriegszeit, als sich die umtriebige Margit Doppler auf den boomenden Bereich der Filmplakate spezialisierte, über die Jahre nach 1945, in denen Emma Reif vom Atelier »Der Kreis« ästhetische Aufbauarbeit geleistet hat bis zu zeitgenössischen Gestalterinnen wie Cordula Alessandri. Ein Schwerpunkt liegt auf den 50er und 60er Jahren, deren gestalterische Qualität erst in den letzten Jahren geschätzt wird. Klar: Plakate für »Maldone Moden« (Ilse Jahnass) und »Amazone«-Strümpfe (Elisabeth Pikhard) oder das Coverbild für das »Dirndl-Heft« (Paula Keller) wirken rückblickend nicht wie revolutionäre Kracher. Doch das lag am Mief der Zeit, nicht an den Frauen. Die hätten sich mit Sicherheit mehr Spielraum gewünscht. Für seinen Beitrag zum Buch hat der ÖNB-Plakathistoriker Christian Maryška übrigens recherchiert, dass von den 20er bis in die späten 90er Jahre der Frauenanteil bei Grafikausstellungen oder bei der Standesvertretung (Bund Österreichischer Gebrauchsgraphiker bzw. später designaustria) meist um die zehn Prozent lag. Und heute?  Heidelinde Resch: »14 Grafikerinnen im Wien des 20. Jahrhunderts« 206 Seiten / 180 Abbildungen; Ambra Verlag, Wien

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Pandagram-Steckbrief: Lady Venom Einmal pro Ausgabe bitten wir interessante Menschen, unseren Instagram-Account für 10 Tage zu übernehmen. Einen Steckbrief und das meistgelikte Foto gibt’s hier.

Die The-Gap-Follower auf Instagram mögen wohl Fuchsschwänze – und orange Autos. Auf Instagram ist #soloparking ein richtiger Dauerbrenner, mittlerweile gibt es über 59.000 Fotos zu dem Hashtag.

Marion Vicenta Payr a.k.a. Lady Venom

hat mehr als 250.000 Follower auf Instagram. Sie hat Journalismus und Medienmanagement studiert und lebt nach elf Umzügen nun in Wien. »Sieht man mir nicht an, ist aber so: Ich war mal in einem Counterstrike-Girls-Clan (und ziemlich gut).Am schwersten auf einem Foto festzuhalten: Menschen die meinen, nicht schön zu sein.«

liebste foto-app:

vscocam

liebster hashtag:

#vanishingpoint

drei follow-empfehlungen:

@anasbarros, @lionheaded, @igersvienna

schaue oder höre ich nur hinter zugezogenen vorhängen:

Atv

würd’ ich mir tätowieren: Linien. Bevorzugt geometrisch. saidnooneever: »Selfies sind Kunst.« (Sind sie irgendwie nie. Nicht mal das vom Astronauten beim Weltraumspaziergang.)

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Sarah Fritz (Das Techno Café)

TOP 10

GÄSTELISTEN-ANFRAGEN

01 Ich bin wichtig. 02 Ich habe eine Werbeagentur. 03 Ich bin Student. 04 Na geh, sei net so. 05 Ich war letzte Woche auch da. 06 Mein Freundin ist schon drin. 07 Ich kenn die Sarah. 08 Ich bin das Plus 1. 09 Ich steh immer und überall auf der Liste. 10 Mach ’ne Ausnahme.

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NEUERUNGEN BEI DAS TECHNO CAFE

01 Mosquitobar 02 Eigener Gästelisteneingang 03 Rosenbar 04 BBQ-Smoker 05 Ante Portas

auch nicht schlecht:

Neubaugürtel

Saisonstart am 29 April mit Lee Douglas (DFA, NYC), Wolfram, Barbarella und Felix The Houserat.

www.thegap.at/gewinnen Ein europäisches Karussell

Teresa Havlicek (The Gap, Kunstrausch)

TOP 10

INSPIRIERTE TATTOO-IDEEN

01 Meaningful Lyrics 02 Cooles grafisches Muster 03 Löwenzahn, der zu Vögeln wird (Freiheit!) 04 Irgendwas Lateinisches (deep!) 05 Sterne 06 Buddhistisches Zeichen 07 Deathly Hallows 08 Das eine Nietzsche-Zitat 09 Irgendwas Griechisches (philosophisch) 10 Anker

TOP 5

SUBTILE POP-LYRICS

01 And if we get together, don’t let the pictures leave your phone 02 I’ve got a house with windows and doors, I will show you mine if you show me yours 03 We’re already wet and we’re gonna go swimming 04 I’m a genie in a bottle, you gotta rub me the right way 05 If you seek Amy

auch nicht schlecht: Hauswein (www.dasrechtaufhauswein.tumblr.com/)

Die Staaten in Ost-, Zentral- und Südosteuropa sind politisch und ökonomisch gesehen noch weit hinter den mitteleuropäischen Ländern, doch ihre literarische Tradition ist seit jeher ungebrochen. Um die Werke der Autoren und Autorinnen dieser Länder dem deutschsprachigen Lesepublikum nahe zu bringen, hat der Wieser Verlag schon 2001 gemeinsam mit KulturKontakt Austria und der Bank Austria eine zweisprachige Edition ins Leben gerufen. Die nun vorliegende Ausgabe von neun Bänden in einem Schuber ist eine Einladung zu einer lohnenden Rundreise in unsere Nachbarländer, zu ihren Dichtern und zu ihrer Literatur. Wir verlosen 1 Box.

»South Park« Comedy Central Comedy Central ist derzeit die Möglichkeit, deutschsprachige Premieren von »South Park«-Folgen zu sehen. Am 11. Mai zum Beispiel »The Hobbit«, die letzte Folge der 17. Staffel: Wendy versucht zu beweisen, wie sehr junge Mädchen unter dem Druck des Schönheitsideals, welches zahlreiche berühmte Persönlichkeiten zur Schau stellen, leiden müssen. Wir verlosen gemeinsam mit Comedy.

»Bad Fucking« / »BÖSterreich« / »Schlawiner« Heimische TV- und Filmhighlights der letzten Monate mit den üblichen Verdächtigen und Spaßgaranten: Michael Ostrowski, Roman Palfrader oder natürlich auch Nicholas Ofczarek. Wir verlosen 2 Pakete, bestehend aus den dvd-Boxen von »Bad Fucking«, »BÖSterreich« und der zweiten Staffel von »Schlawiner«.

Mando Diao Mando Diao – ja, diese nordischen Gitarrentypen – haben die 80er Jahre und deren Neon-Trash für sich entdeckt. Zu hören gibt es das auf dem neuen Album »Aelita«, von dem wir 3 Stück verlosen!

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Die Social Media Charts österreichischer Musik sind verblüffend und schockierend Du dachtest Christina Stürmer und DJ Ötzi sind österreichische Exportschlager? Ganz falsch. Das soziale Netz denkt da anders. Vor fast drei Jahren hatten wir einen Artikel veröffentlicht mit für uns völlig überraschenden Ergebnissen. Parov Stelar heißt der König von Last.fm und Facebook. Tosca, Summoning oder Fennesz kommen bald hinterher. Wo war sie bloß, die dumme Popmusik, die uns wie Valium und Ritalin um die Ohren gehauen wird. Dem Netz schien sie egal. Wir messen jetzt also die Lautstärke von Musik im sozialen Netz. Aus Österreich um genau zu sein. Denn ohne Facebook und Twitter geht es heute nicht mehr. Auf diesen Plattformen werden neue Tracks angekündigt, Tourtagebücher geführt, Statements gemacht oder einfach nur Liebe von den Fans geerntet. Na klar, Fans und Followers kann man kaufen. Aber Feedback und Liebe eben nicht – und genau das misst das Music Meter. Sortieren kann man nach Musikern, Festivals, Clubs, Labels, Equipment und Medien. Auffällig ist erst einmal wie beliebt Hip Hop und elektronische Musik sind. Beliebtestes Festival in Österreich? Du wirst verblüfft und schockiert sein ...

FUSSGÄNGERZONE Radler sind Gäste Schrittempo

ofer-G. Karl-Schweigh BEGEGNUNGSZONE 20 km/h

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Das Musicmeter wird jeden Montag neu erstellt. Jemand fehlt? Sei bitte nachtragend: www.musicmeter.at

Radfahrende sind in der Fußgängerzone zu Gast. Hier benötigt

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Vorsicht gegenüber Zu-Fuß-Gehenden. Die Straßenverkehrsordnung sieht Schrittgeschwindigkeit vor. Beim Tempo gilt also:

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es von den Radlerinnen und Radlern große Rücksichtnahme und

Laufende Informationen zum Umgestaltung der Mariahilfer Straße finden Sie auch unter www.dialog-mariahilferstrasse.at Die wichtigsten Verkehrsregeln, Tipps für ein entspanntes Vorankommen und den nützlichen Rad-Routenplaner gibt es unter www.fahrradwien.at 143_002-015_Splitter.indd 15

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Schreiben im Netz — Neuer Online-Journalismus mit Listicles, Häppchen und emotionales Storytelling

Du wirst nicht glauben, was da in unserer Coverstory steht. Wenn du so bist wie ich, wirst du kurz vor dem Ende völlig platt sein. Echt jetzt, WOW Wir zeigen dir die 11 Medien, die das Internet neu erfunden haben. Nummer 2 macht es besonders schlau, unglaublich.

Dieser Mann wurde von Nike verarscht, seine Antwort war epochal 2001 hatte sich Jonah Peretti in einen Briefwechsel mit Nike verwickelt, die sich auf eine schnippische Anfrage hin nicht als »Sweatshop« bezeichnen lassen wollten. Peretti gab irgendwann auf, bestellte andere Schuhe, versehen mit der Bitte, ihm nur noch ein Foto der zehn Jahre alten Vietnamesin zu schicken, die seine Schuhe gemacht hatte. Der Briefwechsel ging durch richtig viele Medien und veränderte Perettis Blick darauf, wie sich News verbreiten. Fünf Jahre später gründete er Buzzfeed. Er sieht es heute als Nachfolger der seo-Ära, also jener Zeit, in der vor allem darauf geachtet wurde, wie man Artikel für Suchmaschinen optimiert, damit sie dort möglichst weit vorne sind. Jonah Peretti drückt das in einem Interview mit dem britischen Wired so aus: »Statt Inhalten, die ein Roboter mag, war es befriedigender, Inhalte zu machen, die Menschen mit anderen teilen wollen.«

Google muss dich finden Tatsächlich war es lange so. Früher kleisterte man die eigene Startseite mit den richtigen Keywords voll oder baute im Schneeballsystem Links auf, um möglichst weit vorne bei Google zu sein. Man platziert die Begriffe, nach denen andere suchen, an bestimmten Stellen, formatiert Text und Bilder entsprechend, macht eine Sitemap und klopft die richtigen Metadaten rein. Es gibt unzählige Ratgeber, was man dabei beachten muss, es gibt dafür Jobs und dann natürlich Zugriffe. Wenn Google nun seinen Algorithmus ändert, was es oft tut, dann hat das mittelfristig enorme Auswirkungen auf die Oberfläche des Internets. Bei Rapgenius musste man etwa diese Erfahrung machen. Sie

Text Stefan Niederwieser collage Annemarie Sauerbier

Diese Story wird dein Leben verändern, sie ist in etwa das Coolste, das du diese Woche lesen wirst und Muschi und Ärsche kommen auch darin vor. Denn das Netz verändert sich, es verändert dich und es verändert auch das, was früher einmal Journalismus geheißen hat. Der ist deshalb längst nicht tot, aber er bekommt noch mehr Rivalen. Ja, es gibt also naive Menschen, die glauben, dass man im Netz so wie immer schreibt und dass ein guter Text einfach ein guter Text ist. Weit gefehlt. Wir kennen alle diese Headlines. Ein Freund postet sie die ganze Zeit, man bleibt hängen, wird neugierig und weiß eh, man wird dafür in der ewigen Klickhölle schmoren. Dort sieht man Bilderstrecken, Listen von 23, 17 oder 10 Dingen, die man so noch nie gesehen hat, echt verdammt viele Superlative oder halt Katzen. Clickbait nennt man solche Artikel abschätzig. Oder Häppchen-Journalismus. Oder Buzzfeed-Journalismus, nach jener Seite, die das Modell perfektioniert hat. Buzzfeed ist ein Kind des sozialen Netzes. Denn jede Medienrevolution bringt neue Platzhirsche hervor. Für Online-News waren das die Huffington Post, der Drudge Report, Spiegel Online oder derstandard.at. Nun haben Twitter, Facebook und all die anderen nicht nur echte Revolutionen befeuert, sondern sie haben auch die Medien umgegraben. Man geht heute nicht einfach die wichtigsten Bookmarks durch, sondern schaut eben in der Timeline, was interessant sein könnte. In den USA steht Buzzfeed deshalb mittlerweile mit über 68 Millionen monatlichen Lesern auf Nummer 13 der zugriffsstärksten Seiten überhaupt. Bald will man Yahoo und msn überholen.

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Buzzfeed Listen, Quizzes, Katzen. Buzzfeed hat den Häppchen-Journalismus perfektioniert. Immer mit Bezug auf sich selbst.

versuchten, das System auszutricksen, erstellten dubiose Backlinks und wurden dafür abgestraft. Die Zugriffe brachen komplett ein und erholten sich erst nach Monaten wieder, als man brav spurte. Heute ist es Google Plus, um das man nicht mehr herumkommt. Die Regeln werden sich auch wieder ändern. Nicht ändern wird sich aber, dass man von solchen Dingen Ahnung haben muss, mehr noch, dass man sie aktiv befolgt. Neben den klassischen News entsteht so immer mehr Evergreen Content, man könnte auch »No na«-Artikel dazu sagen. Dabei kann es um Körperbehaarung gehen, um Bindungsangst, das Vermächtnis von Steve Jobs, den Unterschied zwischen Mann und Frau, was seo ist oder was die Schlacht in den Karpaten eigentlich war. Wichtig dabei ist, dass das Thema dauerhaft Leute interessiert und ein Artikel darauf gute Antworten oder Meinungen liefert. Man kann diese Inhalte später tatsächlich sinnvoll zweit- und drittverwerten. Die Leute bei Buffer – einer der Gründer, Leo Widrich, ist übrigens Österreicher – haben sich genau auf solche Ratgeber spezialisiert. 61 Social Media Tools für kleine Unternehmen, Warum das Logo von Facebook blau ist, 10 einfache Dinge, die du heute tun kannst, die dich glücklicher machen, wissenschaftlich belegt ... solche Artikel haben nur teilweise mit dem zu tun, was Buffer täglich macht, aber sie helfen Buffer dabei, von mehr Leuten gefunden zu werden.

Kohlsprossen, die wie ein Burger schmecken Mashable Mashable hat sich auf Social Media News spezialisiert. Dem Konzept geben fast 2,5 Millionen Facebook Fans recht.

Vice Vice weiß was funktioniert, ob Print oder online. Du wirst dich davon immer angesprochen fühlen, mein Freund.

Upworthy Kann Emotionen. Geschichten so verpackt, dass sie auch in die kleinsten Herzen passen.

Der linke Internet-Aktivist Eli Pariser griff diese Abhängigkeit von Google und Facebook 2011 in dem Buch »The Filter Bubble« auf. Denn ohne dass wir es wissen und ohne dass wir es ändern können, zeigen diese jedem einzelnen von uns ganz unterschiedliche Informationen. Wer meine Freunde sind, wo ich vorher im Netz war, all das bestimmt, was ich in welcher Reihenfolge sehe. Das wäre nun eine Gefahr für die Allgemeinheit, für unsere Neugier und unsere Unabhängigkeit, meinte Pariser in dem vieldiskutierten Buch. Wenig später scheint es ihm gereicht zu haben. 2012 gründete er Upworthy. Die Seite soll wirklich bedeutsame News, zu denen man Leute sonst wie zu Kohlsprossen zwingen muss, in etwas Aufregendes und Tolles verwandeln. Upworthy schreibt über Themen, die wichtig sind, die etwas zählen, es schreibt über die großen Zusammenhänge wie etwa Klimawandel und Armut. Der Stil schmeckt vielen, aber doch nicht jedem. Er wäre plakativ und manipulativ. Eli Pariser nennt es dagegen emotionales Storytelling. Man müsse heute eben wie eine echte Person klingen, nicht wie eine Institution. Drei deiner Freunde und sehr vielen anderen Personen gefällt das. Upworthy hat heute – so wie Buzzfeed – deutlich mehr Zugriffe als die New York Times oder CNN.

Copycats, LOL In den usa schießen immer mehr von diesen Seiten aus dem Boden. Buzzfeed, Upworthy, Distractify, Viralnova, Examiner, Thought Catalog, Gawker, Quantcast, Bored Panda, Elite Daily, Hello U – und nein, du bist selbst schuld, wenn du die jetzt alle likest, mach uns nicht dafür verantwortlich, lol. Ihr Modell ist im Grunde einfach kopierbar ... und es wird auch ständig kopiert. Via Reddit steht dann etwa klein am Ende eines Beitrags. Andere Seiten haben das schon lange so gemacht und Storys von anderen zusammengeführt, kuratiert oder vielleicht auch einfach nur geklaut. Wie legal das ist, wird immer wieder diskutiert. Manchmal ist es nur eine neue, grellere Headline zu einem Youtube-Video und fertig. Bei Upworthy, so sagt man dort, wird erst gar kein eigener Content gemacht. Das Team besteht aus Kuratoren, die sich durch Tonnen an Material wühlen, auswählen und dann bei der einen Story intensiv prüfen, ob sie auch wirklich wahr ist. Jede Story bekommt 25 verschiedene Überschriften, die automatisch darauf getestet werden, welche die meisten Klicks bekommt. Auch bei vielen anderen Seiten erstellt die Community oder die kritische Leserschaft viele Inhalte. Die Kritik daran bleibt, Buzzfeed musste die Richtlinien dafür kürzlich verschärfen, Examiner hat das System perfektioniert und zahlt richtig schlecht.

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Online-Journalismus — Regeln für das Schreiben im NetZ

Storys von Sponsoren sind außerdem so ein Ding, das nur wenige für ganz sauber halten.

Die 10 Gebote des Online-Journalismus

Datenjournalismus

Brummfutter, Hochwürdig, Neue Drahtpost Natürlich machen solche Entwicklungen auch vor anderen Medien nicht Halt. Mashable, Wired oder Vice sind noch nicht alt genug, um sich davor zu fürchten und übernehmen einige Elemente dieses neuen Schreibstils. Im schönen Österreich und im deutschen Sprachraum macht man dagegen fast überall noch ganz klassisches Internet, mit wenigen Ausnahmen. Am nächsten dran ist wohl Vice. Sogar Rupert Murdoch, der Mediensatan von Fox, hat es als globale Erfolgsstory für die Generation der Millenials bezeichnet, die sonst keine etablierten Medien lesen oder schauen. Eingekauft hat er sich dann auch gleich. Den ganz subjektiven Sprech von Vice haben dort nicht immer alle drauf. Wenn es mal peinlich wird, dann richtig. Dokus vom Akademikerball oder vom Freiwild-Konzert machen aber fast alles richtig. Sonst gibt es außer Satire-Seiten wie Der Postillon und Die Tagespresse kaum neue Newsportale. Die Huffington Post hat eine deutschsprachige Ausgabe gestartet. Nichts aber erreicht hier schon annähernd die Tragweite der US-Vorbilder. Ganz einfach wird sich ihr Erfolg hier auch nicht wiederholen lassen. Frag nach bei Pizza Hut, edm oder Chevrolet. »Die soziale Unsicherheit und die hohen Lebenskosten in den usa«, das sind laut Elisabeth Oberndorfer ein Grund, warum dort so viel Neues passiert. Sie studiert derzeit im Silicon Valley die Zukunft des Journalismus. Dort sind überregionale Tageszeitungen schon viel mehr gestorben als in Europa. Man könne sich also schlicht nicht auf dem eigenen Arsch ausruhen, weil man sonst schnell auf der Straße steht. Der Erste, dem das nun sinnvoll auf Deutsch gelingt, bekommt von den Platzhirschen sicherlich verbale Prügel, das ginge so doch nicht und wo bleibt denn da hochwertiger Journalismus, es wäre alles wegen der Qualität. Der Erste, dem das sinnvoll auf Deutsch gelingt, bekommt dann aber auch dieses unglaubliche Modell zum Laufen, dass nämlich im Netz mit guten Inhalten Geld zu verdienen ist. Und dass das nicht zwangsläufig auf Kosten der Qualität gehen muss. Im Idealfall verändert es unser Leben. Für. Immer. omg, es wird wahnsinnig großartig, das musst du sehen.

01

Die Headline muss knallen Du sollst die Überschrift lobpreisen. Deine Leser müssen auf deinen Artikel klicken wollen. Es soll aufregend, arg, emotional sein, mein Freund.

02

Das Bild muss knallen Du sollst keine Leute vor Computern oder alte Marionetten in Anzügen oder fade Pressefotos verwenden. Katzen gehen eigentlich immer. Denn sie sind wie Menschen. Nur anders.

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Schreib wie ein Mensch, nicht wie eine Maschine Du sollst nicht wie ein Konzernsprecher klingen oder wie ein Oberlehrer. Oder wie Moses, wenn wir schon dabei sind. Du sollst mit deinem Leser auf Augenhöhe sein, nimm ihn verdammt noch mal ernst.

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Ein Gedanke pro absatz Du sollst prägnant sein. Mehr überfordert die ADHS-gepeinigte Generation einfach ... Squirrel!

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Machen, Tun, Mitmachen Du sollst nicht im Befehlston schreiben. Aber ein Artikel soll etwas bringen. Ruf auf, mitzumachen, stell Fragen, sag, wie etwas gehen könnte. Neutrale Artikel verlieren.

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Listen Du sollst Listen machen. Im Internet sind sie König. Listen müssen nicht dumm sein. Sie helfen Leuten, sich etwas zu merken.

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genau die richtige Länge Du sollst nicht schwafeln, du sollst auch nicht zu kurz sein. Tweets um die 100 Zeichen, Facebook-Posts unter 40, Google+ unter 60, Headlines mit 6 Wörtern, Blog-Posts mit 1.600 Wörtern, Newsletter-Betreffs 28 – 39 Zeichen. Genau so.

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Ich muss das lesen wollen Du sollst spezifisch sein, neugierig machen, überraschen, aufdecken oder den Leuten etwas bieten. Ich und du, Müllers Kuh, das wird dein Leben verändern.

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Korrekturlesen Du sollst das korrekturlesen. Auch im Netz kommen Rechtscheibfeler ganz schlecht.

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Ziffern nicht ausschreiben Es sind 10 Gebote des Online-Journalismus, nicht zehn.

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Regeln sind da, um gebrochen zu werden Und Listen mit ungeraden Zahlen kommen sowieso besser, duh.

Text Teresa Havlicek, Stefan Niederwieser

Ich war nicht betrunken, ich schwöre, aber letztens hat sich Buzzfeed mit einem Test wirklich selbst übertroffen. Wie erfahren bist du beim Scheißen, hieß der. Katerscheiße, Post-Kaffee-Scheiße, NinjaScheiße (du wischst und es ist nichts?!??!) oder arschzerfetzende Kohlscheiße waren ein paar der Optionen. War das Auto-Trolling? Damit verließ man das erprobte Feld der Listicles – zu deutsch vermutlich Listikel – also ein Artikel in Listenform. Man kann nun lange mit diesen Formaten experimentieren, vieles lässt schlicht und einfach technisch lösen. Ky Harlin ist Buzzfeeds Typ für die Daten. Er soll der entscheidende Faktor gewesen sein, warum man dort allein 2013 mehr Zugriffe hatte als in allen Jahren davor zusammen. Ky Harlin ist Mathematiker, er analysiert, welche Inhalte sich warum viral verbreiten. Denn bei über 400 Artikeln täglich braucht es eine Art Frühwarnsystem, was davon unter die Leute gebracht werden soll. Nicht alles, was geklickt wird, wird auch geteilt. Mit einfachen A/B-Tests wird etwa geprüft, welche Bild-Überschrift-Kombination besser funktioniert. Das ist dann Datenjournalismus einmal anders. Wenn Redaktionen von diesen Fakten keine Ahnung haben, stehen sie in Zukunft auf verlorenem Posten. Aber auch Facebook ändert manchmal die Taktik. Kurz vor Weihnachten wollte man Qualität für die Nutzer besser sichtbar machen und schraubte an den Spielregeln. Es gab Protest, weil viele um ihre organische Reichweite und damit um ihre Zugriffe fürchteten. Wirklich genützt – bzw. solchen Seiten geschadet – hat es ihnen bisher aber nicht. Wer es dennoch vermeiden will, von den großen TechKonzernen unserer Gegenwart abhängig zu sein, muss wohl wieder eigene Newsletter verschicken oder User-Foren einrichten. Not.

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Hoodie-Journalisten im Gespräch

Interview: Wie lernt man Schreiben für das Internet?

Die Regeln brechen und die Schwerkraft beugen Sie wurden als Kapuzenpulliträger oder Internetexperten abgestempelt, aber irgendwas scheinen Online-Journalisten richtig zu machen, denn sie bereiten Informationen für jenes Medium auf, das immer mehr Menschen täglich informiert. Wir haben nachgefragt, wie das geht.

cebook wurden 2014 geschätzt schon über 30 Milliarden Bilder hochgeladen. Das meist gesehene Bild aller Zeiten ist nun »Bliss« von Charles O‘Rear, der es 1995 auf dem Weg zu seiner Freundin in der Nähe von San Francisco spontan geschossen hat. Richtig, es wurde zum Hintergrundbild von Windows XP.

Was unterscheidet Schreiben für Online-Medien vom Schreiben für Print? fritz jergitsch, dietagespresse.com: Zum einen die Überschrift. Im Print ist die Headline eine Zusammenfassung in wenigen Wörtern, zum Beispiel: »Obama kritisiert Putin in Telefonat«. Im Internet dagegen wird sie ohne Artikel angezeigt; etwa auf der Startseite, auf Twitter oder auf Facebook. Die Headline muss also durch versprochene Unterhaltung zum Klicken animieren, mit Lachen, Wut, Trauer oder Staunen. Die Überschrift würde also eher lauten: »Du wirst nicht glauben, was Obama zu Putin gesagt hat.« gerlinde hinterleitner, chefredakteurin derstandard.at: Der große Unterschied ist, dass der Leser in wenigen Sekunden entscheidet, ob er den Artikel lesen will oder nicht. Für diese Entscheidung steht ihm nur ein Titel, Untertitel und eventuell ein Bild zur Verfügung. Daher spielen diese Elemente eine große Rolle. Die Texte werden nicht linear gelesen, sondern die User scannen die Seite nur. Das Wichtigste sollte immer am Beginn eines Satzes, einer Aufzählung oder in den Zwischentiteln stehen. walter gröbchen, journalist, blogger und verleger: lch unterscheide nicht zwischen Online-Journalismus und anderem Journalismus. Journalismus ist Journalismus, das Medium ist zweitrangig. Natürlich hat jedes seine Stärken. Eine ideale Headline hat 55 Zeichen, ein idealer Artikel 1.600 Wörter, ein idealer Facebook-Status hat unter 40 Zeichen. Verben sind in Headlines gut, zu etwas aufrufen auch, Nomen sind schlecht. Muss man derlei Zahlen und Regeln kennen? nana siebert, leitung woman.at: Man sollte noch viel mehr wissen: negative Superlative klicken besser als positive, Befehlston kommt immer ganz schlecht, ungerade Zahlen (»11 Tricks«) bringen‘s mehr als gerade … ein paar Regeln sollte man natürlich schon kennen. Die Wahrheit ist aber eine andere: Egal ob für Print oder Online – ohne Gespür für Geschichten und Text ist auch das längste Regelwerk völlig sinnlos. Als Online-Journalist muss man schneller lernen, dass für den User sehr oft ganz andere Themen relevant sind, als man selbst denkt. jergtisch: Ich habe sie bis jetzt nicht gekannt. Bei Satire spielen solche Regeln auch keine Rolle. Stattdessen muss die Headline den Witz transportieren. Die meistgeklickten Artikel sind in der Regel die lustigsten. hinterleitner: Ja, man sollte die Regeln sehr gut kennen, damit man sie auch bewusst brechen kann. Hier ist ein Tipp, wie du am besten und schnellsten lernst, für das Web zu texten.

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jergitsch: Wenn man nicht gerade Armin Wolf heißt und 150.000 Likes hat, halte ich eigene Reichweite auf Twitter und Facebook für maßlos überbewertet. Zum Beispiel mit 1.000 Twitter-Followern, von denen vielleicht 100 zum Zeitpunkt X online sind, erzielt man inklusive Retweets vielleicht 22 Klicks auf einen Artikel. Gratulation. troxler: Neben den Grundeigenschaften eines Journalisten ist Social Media schon wichtig. Man kann mit Usern »auf Augenhöhe« in Dialog treten. Die Leser fühlen sich ernst genommen und es kann auch Inputs für die eigenen Geschichten geben. Technisches Grundverständnis hilft zu entscheiden, welche Features nützen, um eine Geschichte zu erzählen und ob sich der Umsetzungsaufwand lohnt. gröbchen: All das und mehr. Journalismus ist nichts, das eine Lizenz erfordern würde. Wo sich aber die Spreu vom Weizen trennt, ist die Motivation. Menschen, die Journalismus aus innerem Antrieb betreiben, sind oft von Selbstdarstellungsdrang oder Kommentierwut getrieben. Personen, die davon leben müssen, sind vielleicht professioneller, und können Schwachstellen in einer Argumentation ausmachen. Listenjournalismus – gute oder allerbeste Errungenschaft des Online-Journalismus? siebert: Listenjournalismus gab’s früher in Print-Publikationen auch schon, es kommt nur eben Online besser. Insofern ist es keine Errungenschaft, sondern eine lustige Spielart. blumenau: Listenjournalismus ist einfach nur ein Klickratenpimp. Erfolgreich und langweilig. gerit götzenbrucker, stv. institutsvorständin publizistik und kommunikationswissenschaft: Es ist die neueste und noch dazu unspannende Antwort auf den Information Overload und eine Komplexitäts- wie Persönlichkeitsreduktion. jergitsch: Als Unterhaltungsjournalismus ist es durchaus legitim. Wenn ich auf Facebook lese: »30 echt peinliche Familienfotos«, dann klicke ich darauf. Nicht, weil ich packenden Investigativjournalismus erwarte, aber einige Minuten Ablenkung vom Alltag und vielleicht einen Schmunzler. Die Dominanz des Listenjournalismus zu kritisieren ist so, als würde man die Schwerkraft kritisieren.

Text Teresa Havlicek

martin blumenau, fm4.orf.at: Mische am besten klassische PrintUsancen mit dem sprechsprachlichen Radio-Gefühl für pfiffigere Ausdrucksformen! jergitsch: Ja, selber viel online lesen und versuchen, die Stile zu imitieren. Beim Schreiben möglichst leicht verdauliche »Absätzchen« verfassen, anstatt epochale literarische Höheflüge hinzulegen – im Internet funktioniert die hohe Literatur einfach nicht, sorry. Goethe wäre heute wohl ein verkannter Nischenblogger. siebert: Texte! Am besten einfach selber so viel Lesen und Schreiben wie möglich ... Gibt es dafür eine empfehlenswerte formale Ausbildung? Welche Berufserfahrung/Karriereschritte sind dafür zu empfehlen? siebert: Nö, tolle Ausbildung gibt es meines Erachtens nach nicht. Einen Blog schreiben und Praktika sind ein guter Anfang. Auch wenn junge Journalisten dann oft von Praktikum zu Praktikum geschickt werden: Irgendwie muss man ja in einer Redaktion Fuß fassen und sich bewähren. jergtisch: Es gibt keine formale Ausbildung. Man muss Digital Native sein und die ungeschriebenen Regeln des Internets kennen. regula troxler, bereichsleiterin für online-journalismus am institut für journalismus & medienmanagement der fh wien: Wir versuchen, das nötige Handwerk für mehr medialen Journalismus mitzugeben. Das heißt, sowohl gute Beiträge für Print, Online, Fernsehen und Radio machen zu können. gröbchen: Karriereschritte ergeben sich im Positivfall von selbst. Berufserfahrung? Nun ja: Lernen, unter Druck und auf eine Leserschaft hin zu schreiben lernt man immer noch am ehesten in traditionellen Printmedien (und / oder deren Online-Extensions). Ansonsten gilt: Alles kann ge- und beschrieben werden. Vom eigenen Block bis zum eigenen Blog. Ist Online-Journalismus ein 24-Stunden-Job? siebert: Nein, ist es nicht. Aber wir sind alle nahezu 19 Stunden am Tag online. Ist man Journalist, dann interessiert man sich für vieles und man findet vieles mitteilenswert. Ergo lässt einen die Arbeit vermutlich nie ganz los. jergitsch: In gewisser Hinsicht denke ich schon. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, dann erwarten sich die Benutzer, innerhalb einer Stunde davon lesen zu können, auch sonntags um 22 Uhr. hinterleitner: Nein, das geht auch nicht. Es ist so wie in jedem anderen Job, wo Erreichbarkeit und ständiges Arbeiten möglich ist, dass Arbeit und Freizeit ineinander übergehen. Was muss ein Redakteur mitbringen? Gespür für Bild-Content? Video? Schnelligkeit? Eigene Reichweite auf Twitter und Facebook? siebert: Das A und O ist ein Gespür für gute Geschichten sowie eine gute, im besten Fall meinungsstarke oder emotionale Schreibe. Gefühl für Bilder und Video-Erfahrung, Social Media-Reichweite und Ahnung von Analytics ist alles wichtig – Schnelligkeit ist manchmal nicht schlecht. Aber mir geht diese Getriebenheit im News-Bereich ziemlich auf die Nerven. Mir ist ein Redakteur lieber, der vielleicht länger braucht, aber einen kreativen, eigenständigen Zugang wählt. Nenn’ mich romantisch, aber ich glaube an Qualität und nicht an Schnelligkeit.

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Fragile Modelle, die gar nicht gebaut werden wollen. Isa Genzken beschäftigt sich in ihren »Strandhäusern zum Umziehen« mit Architektursprache und Konsumkritik.

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golden frame — Isa Genzken – Strandhäuser zum Umziehen

Schön spröd Ihre Formensprache ist spröde, konzeptuell, riecht nach Architektur, Stadt und Land. Isa Genzken wird oft als wichtigste lebende Künstlerin gehandelt und kommt im Mai mit einer Werkschau in die Kunsthalle Wien. Komplex, skulptural, Materialmix, Auslotung von sozialem Raum – das sind nur einige Stichworte, die fallen, wenn man sich der seit den 80ern tätigen Künstlerin annähert. Genzken, deren bekanntere Arbeiten oft Skulpturen ähneln, bedient sich einer fast unüberschaubaren Medien- und Formenvielfalt, die vom Objekt über die Fotografie bis zum Video reicht. Klassische Techniken wie Malerei werden eingebunden, gefundene Objekte und Alltagsgegenstände ebenso. Ihre Arbeiten verkörpern ebenso strenge Ordnung wie unbändige Freiheit und beziehen sich häufig auf vertraute Formensprachen aus Architektur und Kunst. Die Objekte wirken manchmal steril, was durch die Verwendung von Schrift und von alltäglichen Gegenständen und Szenerien aufgebrochen wird.

Mit Ellipsoiden und Hyperbol-Skulpturen war Genzken bereits 1982 auf der Documenta 7 in Kassel vertreten. Sie bilden einen Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Vokabular und sind ästhetisch an Minimalismus und Konstruktivismus orientiert. Diesen Formen Genzkens wirken monumental, sie erinnern an Wurmlöcher oder aerodynamische Gegenstände. So als wolle sie die Strukturen von Raum und Zeit untersuchen. Später geht sie in die Mikroebene, untersucht Details, verwendet dazu das Medium der Fotografie. Genzken arbeitet nicht nur mit verschiedenen Techniken, für die Künstlerin ist auch ihre Beschäftigung mit unterschiedlichen Materialien wie Holz, Papier oder Beton typisch. Immer wieder aber ist es die Architektur, das Urbane und Soziale, das Genzken in ihren Arbeiten auslotet und vorantreibt. Hier sind auch Arbeiten wie »New Buildings for Berlin« oder die »Strandhäuser zum Umziehen« anzusiedeln.

Konsumkultur Die kleinen Architekturmodelle wirken etwas verloren und einsam auf ihren Podesten. Liebevoll wurden sie auf eine Schicht Sand gestellt, der unbeholfen auf den Verwendungsort verweist: den Strand. Abgeschlossen und offen zu gleich, durchsichtig oder abgeschottet zeigt jedes Haus seinen eigenen Stil, ist sehr individuell, obwohl die Grundfunktion immer gleich bleibt, fast wie bei einem Fertighaus; die Exklusivität – denn auf welchen Stränden gibt es schon Häuschen zum Umziehen – steht im Kontrast zum billigen Materialmix. Den fragilen Werken wohnt dabei sowohl ein humoristisches als auch ein kritisches Element inne. In den letzten Jahren beschäftigte sich Genzken am deutlichsten mit gesellschaftlichen Themen wie Konsumkultur, Wirtschaft und kriegerischem Verhalten.  Die Kunsthalle Wien widmet ihr die Einzelausstellung »I’m Isa Genzken, The Only Female Fool« von 28. Mai bis 7. September 2014.

Text Erwin Uhrmann Bild Sixtus Preiss Andreas koller, LutTer kohlemAyr und knapp, lia

Gebastelte Klänge

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Kurt Razelli — Youtube-Trash auf Österreichisch

Dieser Typ macht geilen Sozial beat 024

Text Amira Ben Saoud Bild Thomas Albdorf

Niemand kann Austrotrash so gut wie Kurt Razelli. Und das seit ziemlich genau drei Jahren. Das Porträt eines Mannes ohne Gesicht.

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Heinrich Heidel findet Milch richtig gut. Das weiß auch jeder, der das Stichwort »besoffener Politiker« in eine Suchmaschine klopft. Das Video, in dem der lallende fdp-Abgeordnete aus Hessen für faire Milchpreise kämpft, findet nach circa drei Minuten seinen ersten argumentatorischen Höhepunkt: »Milch muss gemolken werden, weil die Tiere das wollen!« Wirklich viral wurde es mit ungefähr 10.000 Klicks nicht. Und auch wenn Heidel so blau scheint wie die Schriftfarbe seiner Partei, schlägt er sich eigentlich ganz wacker. Der Fun-Factor hält sich dafür aber in den Grenzen von Pannenshows auf rtl. Würde man nun aber die besten Sager herausfiltern – ohnehin schon charmant wegen des hessischen Dialekts und der angeheiterten Nicht-Artikulation –, ein paar Effekte drüber und einen Beat drunter legen und daraus einen Song mit trashigem Video machen, könnte man die Klicks locker mehr als verzehnfachen.

Ein breites Grinsen Beziehungsweise Kurt Razelli könnte. Sein beliebtestes Werk, der »General Stronach Song«, zählt mittlerweile über 180.000 Klicks auf Youtube und macht genau das: er greift ein paar knackig-skurrile Aussagen des Austro-Kanadiers heraus und macht aus dem Wahnsinn mittels HipHop-Beat und Waffengeräuschen einen absurden Ohrwurm. Seit drei Jahren produziert Razelli so Musik. Anfangs, weil ihm die Vocals fehlten und er ohnehin eine Schlagseite für österreichisches Fernsehen hat, das er sich am liebsten allein im Keller reinzieht. Stundenlang. »Ich muss halt viel fernschauen, ganz viel«, sagt Kurt Razelli mit einem breiten Grinsen, so wie er vieles mit einem breiten Grinsen, oft ein bisschen ironisch, aber immer ehrlich und sympathisch sagt. Formate wie »Wir leben im Gemeindebau« oder die Dokumentarreihe »Alltagsgeschichte« von Elizabeth T. Spira, aber auch Fußballer und Politiker aller Couleur haben es Razelli angetan. Je weniger gestellt die Akteure in den Ausgangsvideos sind, desto spannender sind sie für ihn. Für diese Art von Sendungen wurde früher einmal der Begriff »Sozialporno« erfunden. Gecuttet und remixt werden die voyeuristischen Originalclips dann zu einem Stück postmoderner Kultur veredelt.

betitelt. Missverständnisse passieren erst, wenn diese Auseinandersetzung nicht stattfindet. Wie die Vermutung, dass Razelli ausländerfeindlich sein könnte oder einem bestimmten politischen Lager angehören würde. Völlig unbegründet, wenn man das Gesamtbild im Auge behält und sich ein bisschen Mühe macht in »die eigene Welt«, wie Razelli sie nennt, einzutauchen. Eine Mühe, die es immer wert ist, egal, ob es um die Vamummtn, Moneyboy oder Mozart geht.

In ein anderes Licht gerückt

Nur, weil nicht alles immer 100%ig ernst gemeint ist, ist Mister Kurt Russels Musik – so heißt der Youtube-Kanal – aber noch keine Verarsche: »Das einzige Mal, wo ich Material wirklich in ein anderes Licht gerückt habe, war beim ‘Stronach Song’. Aber sonst verdrehe ich die Aussagen ja nicht. Die Leute sagen das ja so vor einer Kamera, präsentieren sich so. Das kann man dann nur insofern als Verarsche bezeichnen, als das Original schon eine Verarsche ist.« Auch seine Leadsänger fühlen sich – so wie in Filmen von Ulrich Seidel – eher geschmeichelt als parodiert. Robert Nissel, bekannt aus der atv-Serie »Das Geschäft mit der Liebe«, hat ihm persönlich geschrieben; sonst verfolgt Razelli interessiert via Facebook, wer seine Songs teilt und unterstützt. Auch kritische Stimmen, die Haters, beobachtet er – eingreifen würde er bei negativen Kommentaren aber nicht.

Das Gespenst Razelli

atv und orf legen ihm wegen der Rechte in Moment keine Steine in den Weg. Da Razelli außer über Merchandise so gut wie kein Geld mit den Songs verdient, scheinen sie sich eher über das gratis Werbefenster zu freuen. Gerade in Österreich, wo »Promis« erst mühsam in eigens dafür geschaffenen TV-Formaten herangezüchtet und vom Boulevard herbeigeschrieben werden müssen, können sich Sender – ob öffentlich oder privat – über jeden weiteren Verstärker freuen. Razelli möchte nun nicht, dass man weiß, wer genau ihn gerne vor den eigenen Karren spannen wollte, aber ja, es gab solche Anfragen. Er weiß auch, dass er sich bei seinen Fans unbeliebt machen würde, wenn er im Razelli-Style plötzlich Werbung machen würde. Aber es geht ihm nicht nur darum, Razelli will sich einfach ungerne in sein Konzept reinreden lassen: »Das Gespenst Razelli«, »der Mythos Razelli«, Der Flow der Politiker Je nach Sprechweise des Charakters wird entschieden, ob es ein Hip- so will er wahrgenommen werden. Nur nicht zu viel preisgeben. InterHop-Track oder einer der Disco-Songs wird. »Politiker flowen einfach views wählt er sorgfältig aus – so war das Gespräch zu diesem Porträt mehr, die spitten ihre Texte manchmal so richtig«, sagt der Meister. Die – nach einem Text im Ballesterer – erst der zweite Termin mit einem Belegschaft von »Saturday Night Fever« kommt dann eher in die »Disco Magazin. Auch bei Live-Auftritten ist er wählerisch: »Es muss einfach Songs«, wie eine der Kategorien auf Razellis Youtube-Kanal heißt. Mehr passen. Auf irgendeiner Geburtstagsparty spiel’ ich sicher nicht«, sagt als 5.000 Abonnenten hat dieser Kanal mittlerweile, bei über 90 Videos. er. Geburtstage von Freunden – dafür macht er natürlich Ausnahmen.

7.200 Schilling

Immer mit Maske

Und jetzt der »Milch Song« also. Ein Sample-Feuerwerk der Heidel’schen Rede, wird es eines der nächsten Videos sein, die Razelli auf seinen Kanal stellt. Irgendwas an dem angeschwipsten Hessen hat es ihm wohl angetan, obwohl Razelli weiß, dass aktuelle Themen besser funktionieren, mehr geklickt werden: Wahlkampf, wichtige Fußballspiele aber auch Inhalte, die tief in die österreichische Seele zielen, wie der schwer beliebte »7.200 Schilling Song« haben die besten Zugriffe. Die werden natürlich entsprechend dankbar von Medien und Politik aufgegriffen. Das ist ein bisschen wie bei Stefan Raab. Nur mit lustigeren Beats.

Die Maske bleibt so gut wie immer auf dem Gesicht. »Komischerweise wär’s ja den Leuten ziemlich wurscht, wenn ich das ohne Maske machen würde. Es ist halt trashiger, wenn ich das mit Maske mach’ und es war einfach auch von Anfang an ein Markenzeichen.« Jetzt gerade trägt er die Züge der Heldin des »Wien Song« auf seiner Maske. Andere Charaktere – wie er seine geborgten Sänger nennt – werden auch noch drankommen. Er hat sie alle wirklich gern. Über ein Foto mit Marko Arnautovic, Star des »Arnautovic Song«, würde er sich ganz besonders freuen, Gerhard »Disco« Doser aus »Wir leben im Gemeindebau« möchte er gern kennenlernen. Pläne? Am Live-Auftritt wird Razelli noch ein wenig feilen, bald steht das 100. Video an – da sollte was Größeres kommen. Wenn Razelli den Geburtstag seiner Kunstfigur nicht wieder vor lauter Stress verpasst, wird es wohl auch demnächst Feierlichkeiten geben. Mit der Musikproduktion und Verbreitung über Youtube wird es weitergehen wie gehabt. Und welche Musik hört Razelli so privat, gibt es Einflüsse? Nur Kurt Razelli. »Ich bin selbstverliebt, ich kann nur mich selber hören die ganze Zeit«, sagt er und grinst breit. 

ATV- und Austrotrash Ja, es würde ihn freuen, ein Album zu machen; an die Rechte zu kommen wird allerdings das Hauptproblem sein. Analog zu Austropop sollte das Genre wohl Austrotrash heißen – ganz ohne das negativ zu meinen. Denn Kurt Razelli macht gute, richtige Arbeit, indem er aus dem ganzen Fernseh-Junk Food feine Häppchen zaubert. Genießbar werden sie aber erst durch mehrmaligen Konsum. Ob Hochkultur, Pop, Trash oder wertige Unterhaltung – all das wird erst durch eine gewisse Auseinandersetzung spannend und verständlich. Gut gemachter Trash ist ja nicht einfach glatt oder zugänglich. Man muss sich einlassen. In diesem Fall auf den »Razelli-Style«, wie er ihn selbst

Über 90 Videos aus Kategorien wie »Disco«, »Alltagsgeschichten« »Fußball« oder »Politiker« finden sich bereits auf dem Kanal des maskierten Musikers: www.youtube.com/user/MisterKurtRussel 025

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Christoph Seiler — Sozialsatire und Wutbürger auf Youtube

Youtuber mit dem Mundl-Gen

Text Julia Gschmeidler Bild Bernhard Speer/JokeBrothersProductions

Die Leute, die sudern nur, die beschweren sich den ganzen Tag. Das geht Christoph Seiler so auf den Sack, da könnte er richtig lang darüber sudern. Mit seiner Kunstfigur Anton Horvath tut er das auch. Auf Youtube. »Des is da Horvath, ka Orwat, kan Bock auf irgendwos«, schallt es durch die Handyboxen in der UBahn. Mittlerweile kann man die Eingangsmelodie von »Horvathslos« sogar als Klingelton runterladen. »Horvathslos« – das ist eine satirische Dokumentation eines asozialen, rüden und Kampfsport treibenden Niederösterreichers, der seinen Alltag damit verbringt, sich die Nachbarin schönzusaufen und generell mal richtig aufzudrehen. Hinter der Kunstfigur Anton Horvath stecken der Schauspieler Christopher Seiler und Produzent Bernhard Speer, die damit ein virales Phänomen geschaffen haben. Über eine halbe Million Mal wurde »Horvathslos« online bereits gesehen, eine Tausendschaft an Fans kleidet sich in der typischen Latzhose inklusive obligatorischer Bierdose. Christopher Seiler spielt aber auch als Stand-up-Komiker, seine Auftritte sind regelmäßig ausverkauft. Höchste Zeit, sich mit ihm auf eine Hüsn zu treffen und über Verdummungsfernsehen, das Tschisi-Eis und gmiadliche Revoluzzer zu reden. Du siehst dich nicht als Kabarettist und auch nicht als Komödiant. Als was dann? Als Komiker und Allrounder. Kabarett verbinde ich mit Altbackenheit. Ich hab nix dagegen, aber was ich mach, ist sicher kein Kabarett. Meistens ist das so Schmunzel-Kabarett, mein Ziel ist aber schon, dass da die großen Lacher drinnen sind. Ich hab mich immer nach der amerikanischen Stand-up gerichtet, da wird das völlig anders zelebriert. Da gehst du raus und die Leute hupfn von den Sesseln, die drehen durch und da spürt man Energie. Das fühlt man in einem Kabarett nicht wirklich. Ich bin Komiker, aber kein Comedian. Weil damit verbinde ich immer so typisch deutsche Comedians.

Wann hast du das letzte Mal etwas Positives in der Zeitung gelesen? So viel Zeitung lese ich eigentlich nicht. In der Heute-Zeitung ist gestanden, der Weltrekord im Nasenbohren ist gebrochen. Sehr positiv. Wenn ich eine Information will, such ich mir die im Internet. Ich bin jetzt nicht der typische Kronen Zeitung- oder Österreich-Leser, wenn man das Zeitung nennen darf. Aber welchen Medien darf man vertrauen? Viele sagen: »Der Österreich, der derfst ned vertraun, du musst diese Zeitung lesen!« Wer gibt mir die Garantie, dass diese Zeitung nicht auch einen Blödsinn schreibt? Gute Nachrichten stehen zum Beispiel im Playboy. »De hot si die Tuttln mochen lossn«, sehr positiv. Von Zeitungen her vielleicht Die Tagespresse im Internet, die hat positive Sachen, wenn’s irgendwo einen Politiker angezündet haben. Bist du im echten Leben auch so ein Pessimist wie in deiner Sendung »Schichtwechsel«? Jein. Das ist ja eine gespielte Figur. Der ist eigentlich ein Heuchler, mit nix zufrieden, auch nicht mit sich selbst, tut alles anprangern. Ich bin ich oft ein Pessimist, aber ich hab einen schwarzen Humor und geh damit ganz anders um. Aber ich bin jetzt kein Schlecht-Redner. Ich mag keine Leute, die immer gegen irgendwas was haben. Kennst du solche? Das ist ein Wahnsinn, die sind gegen alles, die mögen sich selber nicht. Die schauen sich in den Spiegel und hassen sich. Ich bin ein Pro-Mensch. Pro Leben. Du hast einmal das Beispiel mit dem Tschisi-Eis gegeben. Zuerst wollten es alle zurückhaben und dann wurde erst wieder gesudert. Das Tschisi-Eis ist so ein richtiges Massenphänomen. Das stellt’s mir die Kabeln auf, weil das immer schon gschissn geschmeckt hat. Und dann kommen irgendwelche Vögel daher, machen eine Facebook-Gruppe und ihr einziges Problem ist, dass wir in Österreich ein

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Tschisi-Eis zurückkriegen. Zur selben Zeit hat in Ägypten gerade eine Revolution stattgefunden. Da siehst du, was wir für Probleme haben in Österreich. Bei uns geht’s um ein Tschisi-Eis. Und dann war das Problem, dass es keine Löcher hat. Wer scheißt denen ins Hirn? Das kannst du ruhig so schreiben, ich will das wissen. Was haben die für Probleme? Und schau, wer will das jetzt noch? Geh in den Billa rein und sie hauen’s da nach. Nimm eins und du kriegst eine lkw-Fuhr. Passiert das, weil uns fad ist? Prinzipiell ist uns fad. Und uns ist alles wurscht. Wenn wir in einer Wohnung sind und beim Nachbarn brennt die Wohnung, ist uns das wurscht. Wenn der rausrennt, brennt und um Hilfe schreit, ist das wurscht. Sobald ein Funken von seinem Brand auf unsere Wohnungstür kommt, dann zeigen wir ihn an. Verstehst, so tickt der Österreicher. Dass es grad bei uns viel Korruption gibt, das wissen eh alle. Das wissen die Leute schon 50, 60 Jahre. Bis jetzt war’s jedem wurscht. Und wir sind so faule Revoluzzer. Aber dass wir auf die Straße gehen und wirklich was machen, dass es einmal richtig poscht, für das sind wir zu gmiadlich. Wie fad war dir, dass du auf die Idee von »Horvathslos« gekommen bist? In Wirklichkeit ist es eine Persiflage. Es ist nur entstanden, weil es Formate wie »Geschäft mit der Liebe« oder »Saturday Night Fever« gibt. Wir wollten sagen: Ihr wollt einen Asozialen sehen – ich zeig euch einen Asozialen. Wir zeigen euch und eurem Sender, wie lächerlich ihr seid. In dem Sinn ist Horvath ein Freiheitskämpfer. Für Nicht-insHirn-scheißen-lassen-Fernsehen. »Horvathslos« ist schon ein kompletter Sidekick ans Verdummungsfernsehen. Es gibt eine Facebook-Gruppe, die sich für »Horvathslos« im ORF einsetzt. Wie realistisch ist die Ausstrahlung? 50 Prozent. Wenn ein Sender herkommen will und die Zahlen sieht, die »Horvathslos« hat und die Seherschaft, die ohne irgendeine Medienpräsenz oder Werbung gemacht worden ist ... Wir brauchen nix in die Entwicklung reinhauen, das funktioniert. Aber die Fernsehlandschaft versteht das Medium Internet noch nicht und das dauert noch. Ich bin jetzt 27, ich hab noch so viel Zeit, dass ich was mach. Vielleicht moderier ich mal den Opernball, schau ma mal. Wie ist es, so viel Bier und Tabak zu konsumieren? Es ist eigentlich das Anstrengendste an der ganzen Sache, wirklich. Wir wollten zuerst was anderes in die Dose einfüllen. Aber ich rauch jetzt nix mehr! Wie wir das jetzt lösen, weiß ich eh noch nicht. Das gewöhnst du dir irgendwann ab. Es ist körperlich sehr anstrengend, vor allem wegen dem Alkohol. Du hast dann so Phasen, wo du merkst jetzt bin ich schön langsam angesoffen, ich muss aber den spielen, verdammt. Dann gibt’s meistens eine Viertelstunde Pause, wo du kurz

runterkommst, aber es ist ein komischer Rausch. Bei „»Horvathslos« wirst angesoffen, dann kommst runter, dann bist wieder angesoffen, kommst wieder runter usw. Sehr anstrengend! Du selbst kommst aus einer Arbeiterfamlie, wo es deiner Meinung nach normal war, Dinge einfach hinzunehmen. Wieso hast du dir dann gedacht, es anders zu machen? Das ist, weil wir gerade in der Ära der Fische sind. (lacht) Deswegen bin ich prädestiniert, die Welt zu beherrschen. Naaa. Ich war zum Beispiel immer der Klassensprecher – aber nicht, weil ich der Streber war, sondern weil ich reden hab können. Ich hab noch nie irgendwas hingenommen wie es ist. In der Arbeiterschicht ist das leider so, denn du bist das Werkzeug von denen, die in dem System arbeiten. Würd die Arbeiterschicht das hinterfragen, würd’s auch nicht funktionieren. Weil irgendwann fragt sich dann einer, warum hackl ich da zwölf Stunden und kann mir dann nicht einmal einen Urlaub leisten? Das war aber nie meine Welt, weil ich wollt immer wissen, wie das funktioniert. Dumm sind diese Menschen nicht von Haus aus, sie werden verdummt. Ich war auch einmal dumm. Ich kann auch jetzt noch dumm werden. Sendungen wie »Wien Tag & Nacht« helfen dabei. Darum tu ich alles gegen diese Verdummung. Dumm sein ist gemütlich – Anton Horvath, der ist dumm. Der hat ein schönes Leben eigentlich. Ob das erstrebenswert ist, ist eine andere Frage, aber er ist glücklich darin. Dein Programm und Sendungen sind eigentlich Gesellschaftskritik in Reinform … Wenn ich mir unsere Gesellschaft anschau, könntest eigentlich nix anderes machen als kritisieren. Aber da wirst auch zum Hugo. Ich kenn so Leute, die sagen: »Hast die Doku gsehn jetzt, da woa a Verschwörung durt und durt.« Wenn ich mir das anschau, da krieg ich Selbstmordgedanken, ohne Spaß. Weil ich dann weiß, wenn das wirklich stimmt, dann ist es wurscht, was ich da mach. Drum schau ich mir den Dreck gar nimma an. Ich leb so, dass ich keinen anderen damit weh tu, aber ich glücklich werde. So viele Leute wollen immer was verändern. Dann fragst sie was und dann kann er dir nicht mal eine Antwort geben, was er verändern will. Irgendwo hat er mal einen Revoluzzer gesehen und der war so cool, der ist jetzt aufm Leiberl oben und er will auch einmal so sein. Geh zu Shirtalarm, mach dir ein Leiberl von deinem Kopf, mach eine Band und dann kannst es genauso verkaufen, aber lass bitte die Leute in Ruh.  Leiberln von »Horvathslos« gibt es auf der Website. Neue Videos gibt es ungefähr einmal im Monat via Youtube. www.horvathslos.at, www.facebook.com/horvathslosoffiziell www.youtube.com/user/DaKodaOffiziell 027

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Text Magdalena Hiller Bild Paul Sturminger, Hugo Glendinning, Ivano Gasso

Matthew Barney »River of Fundament« — Monumentalfilm bei den Wiener Festwochen

Heilige Scheiße 028 Matthew Barney hat eine abgefahrene Oper-Tanz-Skulptur-Film-Performance gemacht, bei der es um Autos, Ägypten, Stahl und die Unsterblichkeit geht. Aber vor allem um Scheiße. Die Grenzen zwischen Theater, Oper, Performance, Tanz und Film lösen sich auf. Das neue Werk des USamerikanischen Künstlers Matthew Barney, das im Rahmen der Festwochen dreimal im Gartenbaukino gezeigt wird, ist dafür exemplarisch. Barney balancierte immer schon zwischen allen Genres und Lebensentwürfen: Zuerst Medizin-, dann Kunst-Studium in Yale, Model für Nike, J. Crew und Ralph Lauren, Football-Spieler, der Mann an Björks Seite, Filmemacher, Bildhauer, Zeichner, Ausstatter, Performer. Mangels eines eindeutig zuschreibbaren Tätigkeitsbereichs blieb bloß das Prädikat »most important American artist of his generation« der New York Times an ihm kleben. Diesen Titel verdiente er sich vor allem mit »Cremaster«, einem Zyklus bestehend aus fünf Filmen sowie begleitenden Zeichnungen und Skulpturen, der zwischen 1994 und 2002 entstand. Benannt nach dem Kremaster-Muskel, jenem Strang, der für die Temperaturregulierung des Hodensacks zuständig ist, beschäftigte sich Barney in diesem Werkekonglomerat mit dem Werdegang seines Geschlechts, dem seiner Person und dem des Kunstwerks an sich.

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The saga continues Müsste man »Cremaster« pitchen – man könnte nur scheitern. Ein Satyr in Vaseline-Landschaft, eine Revue auf pinkem Football-Feld, ein Formel-1-Rennen, walzertanzende Cowboys, ein von Bienen umschwärmter Frauen-Torso im Plastikkorsett, Rodeo in arktischer Umgebung mit einigen Toten, Ursula Andress als Königin zu Gast in der Budapester Oper, Zauberer, Serienkiller und Pseudo-Hobbits bevölkern Barneys Welt und lässt man sich seine Codes nicht durch Sekundärliteratur erklären, so hat man keine Chance. Kunst, die sich dem Betrachter erschließt, und somit ihr Geheimnis preisgibt, sei langweilig, ließ er einmal verlauten. Barney genießt es, durch seine Erklärungen maßgeblich zu bestimmen, inwieweit das Publikum Zugang zu seinem Werk bekommt und erhält sich somit die volle Deutungshoheit über sein Oeuvre. Die misslungenen Interpretationsversuche einiger amerikanischer Filmkritiker von »Cremaster I–V« sind legendär und werden von Barney-Fans milde belächelt. Auch in seinem neuesten Werk, dem Opern-Film »River Of Fundament« schreibt der Künstler seine eigene geheimnisvolle Mythologie weiter.

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Morbider Voyeurismus

Norman Mailers gescheiterter Traum Der fast sechsstündige »Opern-Film« (die Musik stammt von Barneys langjährigem Weggefährten Jonathan Bepler, der schon für die Vertonung des »Cremaster«-Zyklus verantwortlich zeichnete) basiert lose auf dem Roman »Ancient Evenings« (»Frühe Nächte«) des Pulitzer-Preisträgers Norman Mailer. Kurz vor seinem Tod legte der große amerikanische Schriftsteller dem großen amerikanischen Künstler sein 1983 erschienenes Buch ans Herz. Mailer war mit diesem 700-Seiten-Wälzer angetreten, um sein Opus Magnum abzuliefern, die große Parabel auf Wiedergeburt und Analsex im alten Ägypten zu verfassen und nebenbei endlich sein Idol Hemingway vom Thron des ewigen literarischen Ruhmes zu stoßen. Er scheiterte grandios. Vom Publikum verschmäht und von der Kritik zerrissen bekam es ob seiner intensiven Beschäftigung mit Produkten des Enddarms den Spitznamen »Ancient Flatulence« verpasst und versank in der Vergessenheit. Die Story war wohl doch eine Spur zu krude: Edelmann Menenhetet, »Mädchen für alles« am Hof von Pharao Ramses II. ist der Meinung, für Höheres als Wagenlenken bestimmt zu sein. Der amerikanische Traum auf altägyptisch ist bloß leider nicht durch harte Arbeit, sondern nur durch Wiedergeburt zu erreichen: Mit allerlei Tricks und Zaubersprüchen schafft Menenhetet es, zweimal in seiner Frau wiedergeboren zu werden (die somit zu seiner Mutter wird) und die Karriereleiter immer ein Stück weiterzuklettern – doch beim dritten Mal bleibt er, mittlerweile fast 1.000-jährig, im Geburtskanal stecken, ohne sein Ziel, Pharao zu werden, je erreicht zu haben.

Dem Firebird geht es in weiterer Folge in Detroit spektakulär an den Kragen: Er wird im Hochofen verheizt und Teil des größten nicht-industriellen Eisengusses der Menschheitsgeschichte, einer 25 Tonnen schweren Skulptur namens djed. Der Begriff »Djed« steht, neben dem materialisierten Kuratorenalptraum und einer lebenslangen Beschäftigungsgarantie für ein Heer von Statikern, in der altägyptischen Terminologie für das ewigeErinnern – die vielleicht tristeste Form der Unsterblichkeit und ein versinnbildlichter Abgesang auf die Autoindustrie und den Niedergang ihrer ehemaligen Hauptstadt. Wenn auch ein ziemlich abgedroschener Filmemacher, der sich nach Motown aufmacht um Vergänglichkeit einzufangen – das ist nichts anderes als eine sehr elaborierte Form von Metropolen-Sozial-Porno. Zuletzt zu sehen etwa bei Jim Jarmuschs VampirMeditation »Only Lovers Left Alive«, in der Tom Hiddleston seinen Weltschmerz nur in Detroit so richtig fühlen kann. Letzte Station im Performance-Film-Zirkus ist New York: Der Traum des ewigen Lebens scheitert, das Ford Polizei-Auto – der End-TransformationsStatus von Menenhetet – wird bilderwirksam von Martial Arts-Künstlern zerlegt, während der Sarg Norman Mailers auf einer Barke den City East River hinunterschaukelt. Das verbindende und weitaus einprägsamste Element all dieser Filmteile könnte abseits aller mythologischer Spitzfindigkeiten profaner nicht sein: Scheiße. Denn laut der Sage muss Menenhetet bei jedem Übertritt vom alten ins neue Leben den namensgebenden »River of Fundament«, den »Fluss der Exkremente« überqueren. Eine willkommene Gelegenheit für Barney, menschliche Ausscheidungen in allen Aggregatszuständen und Ausprägungen zu porträtieren: Minutenlang sprudelt, wurstet, sprinkelt, gluckert es. Eine Bilderflut, die wohl keinen der Zuseher je verlassen wird. Ob das jedoch der ewige Ruhm ist, auf den Norman Mailer so sehnlich hoffte, das bleibt fraglich. Auch wenn die Interpretation vom wichtigsten US-Künstler seiner Generation stammt.

Drei Autos für die Unsterblichkeit Matthew Barney, wahrlich kein Verächter verschlungener Storylines, nahm sich dem gescheiterten und wohl zu Recht vergessenen Meisterwerk an und verwendete es als »Gastkörper, durch den er seine Arbeit durchpassierte« (so ein Begleittext zur derzeit laufenden Ausstellung zu »River Of Fundament« im Münchner Haus der Kunst). Rahmenhandlung bildet das Totenmahl zu Ehren Norman Mailers in dessen Brooklyner Klinkerhaus. Am Esstisch versammelt ist eine illustre Runde der globalen Intellektuellen-Schickeria, darunter Salman Rushdie, Jeffrey Eugenides und Fran Lebowitz, die nach und nach durch den einen oder anderen ägyptischen Geist aus der Vorzeit ergänzt werden. Quergeschnitten wird dieses prominent besetzte Kammerspiel mit dokumentarischem Material von drei Performances, die jeweils den Akt der Wiedergeburt versinnbildlichen. An die Stelle von Menenhetet treten dabei drei Autos: ein 1967 Chrysler Crown Imperial, ein 1979 Pontiac Firebird Trans Am und ein 2001 Ford Crown Victoria Police Interceptor. Der 1967 Chrysler Imperial, das Auto für den Mann »who doesn‘t seek prestige because he already has it« und Höhepunkt der amerikanischen Schmiedekunst, wird in einem Schauraum in L.A. in seine Einzelteile zerlegt, in einer bild- und tongewaltigen Prozession zu Grabe getragen und ersteht als 1979 Pontiac Firebird Trans Am wieder auf. Vom Oldschool-Schlitten zum amerikanischen Pendant des Opel Manta – ein ziemlicher Abstieg.

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Matthew Barney »River Of Fundament« wird am 14., 16. und 17. Mai jeweils um 18 Uhr im Gartenbaukino bei den Wiener Festwochen gezeigt. www.festwochen.at

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»Fargo« goes Tv — Drei Fernseh-Trends machen eine Serie

Du musst dir »Fargo« anschauen! Dass nicht nur Gulasch aufgewärmt gut schmeckt, beweist eine neue Serie. »Fargo« baut aus drei aktuellen TV-Trends eine empfehlenswerte Neuauflage des Kultfilms aus dem Hause Coen.

Text Dominik Oswald Bild FX

Film goes TV, TV goes Anthology, Stars go TV

Man kann es fast schon gar nicht mehr hören, dieses ständige Serienempfehlen. »Du musst dir unbedingt ›Breaking Bad‹ anschauen. Das Finale!«, »Was, du hast »True Detective« nicht gesehen?«. Wer mit gut gemeinten Ratschlägen nicht im echten Leben überhäuft wird, sieht sich spätestens auf seiner FacebookTimeline von ihnen eingeholt. Hat man die gerade relevante Folge nicht gesehen, schaltet man am besten gar nicht erst den Computer ein. Überall könnten Spoiler und – noch schlimmer – Kaskaden von Meinungsäußerungen lauern. Die Erkenntnis, dass Serien die besseren Filme sind, teilen Schauspieler und Publikum gleichermaßen. Je beliebter das Medium, desto ausdifferenzierter wird es mit der Zeit: Der serielle Höhepunkt scheint erreicht, noch nie gab es dermaßen viele Formate und Themen, die sich an ganz genau definierte Zielgruppen richten. Die besten Serien lieben dann natürlich alle. Betrachtet man die (US-amerikanische) Serienlandschaft der letzten Monate, lassen sich ein paar Trends herausfiltern, die die Entwicklung gerade maßgeblich bestimmen.

So werden immer mehr – mehr oder weniger erfolgreiche – Filme zu Serien umkonzipiert. Darunter findet sich Trash wie die MTV-Show Teen Wolf, aber auch in seiner Spannung und Düsternis Wunderbares wie Bates Motel, das empfehlenswerte Prequel zu Hitchcocks Welterfolg »Psycho«. Auch umgekehrt, von der Serie zum Film, hat das Rezept teilweise sehr gut, wie bei »Traffic« oder »The Addams Family«, und dann auch wieder gar nicht geklappt. »Dark Shadows« oder »Wild Wild West« sind weder gute Filme, noch werden sie ihrem Serienvorbild gerecht. Es war schwer, sich nicht in Matthew McConaugheys bravouröse Charakterstudie des mürrischen Rust Cohle in »True Detective« zu verlieben. Er und der sogar noch ein bisschen bessere Woody Harrelson werden in der zweiten Staffel aber nicht mehr zu sehen sein. Bei »True Detective« handelt es sich nämlich um eine Anthology-Serie, Trend Nummer zwei. Nach jeder Staffel werden die Hauptdarsteller ausgetauscht. Entweder sind ihre Geschichten zu Ende erzählt oder – und das kommt durchaus öfter vor – die Schauspieler und ihre Rollen werden zu alt für die anvisierte Zielgruppe, Stichwort Skins. McConaughey, der dieses Jahr für »Dallas Buyers Club« mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, leitet auch zur wohl wichtigsten und auffälligsten Entwicklung der letzten Jahre über: Hollywoodstars wollen ins Fernsehen, ganz einfach. Neben den schon angesprochenen Serien sind das aktuell als Vorreiter Kevin Spacey (»House Of Cards«), John Goodman (»Alpha House«), Kevin Bacon (»The Following«) oder Ron Perlman (»Sons Of Anarchy«). Die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen, je nachdem, wie man Hollywoodstars definiert. Aber auch das Ansehen des sogenannten »Serienschauspielers« ist rasant gestiegen. Niemand würde heute noch an der schauspielerischen Leistung eines John Hamm oder einer Elisabeth Moss (beide bekannt aus »Mad Men«) zweifeln.

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»Fargo« Jetzt kommt die obligatorische Serienempfehlung – denn es gibt etwas Neues, etwas ganz Frisches. Etwas, dass diese drei Trends aufgreift und kombiniert wie noch keine Serie zuvor: »Fargo«. Ja, der 1996er Film der Coen Brothers, der mit Awards – unter anderem mit zwei Academy Awards und der Besten Regie in Cannes – überschüttet wurde, ist nun in Serienform gegossen worden, mit den Coen Brothers als Executive Producers. Das »created by« gehört Noah Hawley. Außerdem werden die Hauptdarsteller in jeder Staffel ausgetauscht, was den Regeln der Anthology-Serie entspricht, die Hauptrollen werden in der ersten Staffel von Billy Bob Thornton und Martin Freeman übernommen, den man als Bilbo Beutlin kennt. Also alle drei Kategorien erfüllt.

The Quirky Dead Seit einer Woche läuft die Serie nun auf dem Fox-Sender FX. Es ist bereits der zweite Versuch, den Film fürs Fernsehen zu adaptieren. 1997 scheiterte der erste, der ohne die Zustimmung der Coen-Brüder in Angriff genommen worden war, grandios. Die Pilotfolge wurde gar nicht erst ausgestrahlt. Worum geht’s? Ähnlich wie beim filmischen Vorbild spielt die Handlung nicht in Fargo, North Dakota, sondern in Minnesota, in der größeren Umgebung der Twin Cities. Lester Nygaard gibt Profikiller Lorne Malvo unbeabsichtigt den Auftrag, einen ehemaligen Highschool-Bully zu erledigen. Am Ende stehen mehrere Tote. Das ruft natürlich ein Polizei-Team auf den Plan, gespielt von dem unbeschriebenen Blatt Allison Tolman und Colin Hanks, dessen Name etwas zu groß für sein Talent ist. Wichtiger als der Fall sind aber natürlich Land und Leute, ein Kleinstadtporträt eben.

Klingt alles sehr nach dem Original, ist es teilweise auch: Die Namen wurden leicht geändert (statt Margie Gunderson heißt die Polizistin Molly Sulverson), der Schauplatz ist in etwa derselbe (die Kleinstadt Bemidji liegt etwas nördlicher als das aus dem Film bekannte Brainerd). Wie der Film spielt auch die Serie in der Vergangenheit (2006 statt 1987). Die Quirkiness der Charaktere ist typisch Coen. Dabei sticht wie so oft Bob Odenkirk als weirder Deputy hervor – sein eigenes »Breaking Bad«-Spin-Off »Better Call Saul« feiert übrigens im November Premiere. Im Gegensatz zu beispielsweise »Bates Motel« hält sich »Fargo« jedoch zu keiner Zeit zu lange mit den handelnden Figuren des Films auf und erzählt stattdessen eine eigenständige Geschichte. Jedoch saugt die Serie den eindrucksvollen atmosphärischen Sog der Vorlage auf, die bedrückende Kälte, die furchteinflößende weiße Weite, das idiomatische Geez, den typischen Schmäh. Das macht »Fargo« insgesamt zu einer sehenswerten Serie, sowohl für Freunde des Originals als auch für Serienfans. Auch die Filmkritiker halten die Karten mit den hohen Zahlen in die Höhe. Aufgewärmt schmeckt also nicht nur Gulasch gut. Wir fürchten: »Du musst dir ›Fargo‹ anschauen!« »Fargo« wird jeden Dienstag um 22 Uhr Ortszeit auf FX ausgestrahlt. 031

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Text Katja Schwemmers Bild Warner Music

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Damon Albarn – Everyday Robots —Blur-Mastermind im Interview

»Ich bin total überbewertet« Mit Blur und den Gorillaz spielte sich Damon Albarn an die Spitze der Charts, mit Weltmusik und Opern überzeugte er auch die skeptischsten Kritiker. Nun veröffentlicht der 46-Jährige »Everyday Robots«, sein erstes Soloalbum. Ein Gespräch über die Orte seiner Kindheit, Liebeslieder und bohrenden Ehrgeiz. Bei einem Besuch in Damon Albarns West-Londoner Studio erkennt man schon am Interieur, dass hier ein umtriebiger Künstler haust: An der Wand hängt die Landkarte von Mali, im Regal liegt ein Saiteninstrument, das aus einem Ölkanister gebaut worden ist, und der Couchtisch zeigt einen Ausschnitt des Streckennetzes der Londoner U-Bahn.  Damon, passiert in diesen Räumlichkeiten die Magie? Manchmal. An einem guten Tag. Unten am Eingang steht ein Bücherregal. Hast du die drei Bücher über okkulte Philosophien wirklich gelesen? Das habe ich, ja. Als ich vor zwei Jahren meine Oper »Dr Dee« gemacht habe, musste ich das sogar. Sonst hätte ich nicht gewusst, wovon der Protagonist spricht. John Dee war der medizinische und wissenschaftliche Berater von Elisabeth I. Er war sehr dem Okkultismus zugetan. Aber es interessiert mich auch so. Was daran genau? Ich habe ja immer gespürt, dass ich spirituell eher dem Heidentum und der nordischen Mythologie zugetan bin. Aber wenn man wie ich oft nach Afrika reist, kann man nicht anders als Spiritualität in sich aufzunehmen. Sie ist dort in der dna der Musik, es gibt Musik für das Leben, Musik für die Liebe, und Musik für den Tod. Das gefällt mir. Ich bin jedoch kein Satanist! (lacht) Aber ich habe auch kein Problem mit der Idee eines Satans. Die dunkle Seite gehört dazu. Fühlst du dich von der dunklen Seite angezogen? Nein, ich bin ja kein Goth.  (lacht) Mehr als alles andere bin ich ein Wikinger.  Wie drückt sich das aus? Wenn ich in meinen Songs den Blick auf die modernen Zeiten werfe, kommt bei mir auch immer eine gewisse Melancholie hinsichtlich uralter historischer Ideen durch. Das können Religionen sein, Glaube oder Rituale. In der ersten Zeile des Eröffnungssongs »Everyday Robots« heißt es: »We are everyday robots on our phones / In the process of getting home / Looking like standing stones / Out there on our own.« Ich denke, das ist ein gutes Beispiel für die Art, wie ich das Alte und das Neue verbinde. Die ersten drei Songs des Albums scheinen ein Kommentar dazu zu sein, wie in unserer Gesellschaft miteinander kommuniziert wird. Stimmt, »Hostiles« ist in dieser Hinsicht ein interessanter Song, denn ich bediene mich dafür der Charaktere gewalttätiger Computerspiele. Es ist doch verrückt, dass Menschen viele Stunden damit verbringen, um einfach nur zu töten … Solche Spiele berühren einen sehr dunklen Teil der menschlichen Psyche und ursprünglichen Instinkte. Werden Blur ein neues Album machen? Nein, nicht im Moment. Die Reunion-Gigs im Hyde Park waren unfassbar toll – vielleicht die besten Konzerterlebnisse meines Lebens. Aber es ist an der Zeit, die Fred Perrys mal für eine Weile in den Schrank zu hängen. »Everyday Robots« ist ein Soloalbum, aber es sind doch wieder Gäste wie Brian Eno und Natasha Khan alias Bat For Lashes mit dabei. Geht es nicht ohne? Es sind ja nur einige wenige und eher lokale Mitmusiker. Brian Eno ist zum Beispiel mein Nachbar. Ich fand es eine gute Idee, ihn auf »Heavy Seas Of Love« singen zu lassen, was er ja eher selten tut. Mit meinem Produzenten Richard Russell war die Zusammenarbeit gut durchdacht.

Man kann Einflüsse jener Projekte heraushören, die du zuvor gemacht hast – die Melancholie einiger Blur-Stücke, Beats wie bei den Gorillaz, Weltmusik-Einflüsse von deinen Afrika-Reisen. Es ist der gleiche Maler mit einer anderen Palette von Farben, wenn man so will. Es gab auch in der Vergangenheit nicht nur einen Damon, es existierten vier bis sechs. Und nun sind es sogar sieben. Einer mehr! Was genau kannst du diesmal ausdrücken, was vorher nicht möglich war? Ich singe sehr viel über meine persönlichen Erfahrungen. Es ist eine sehr zärtliche, reflektierende Platte. Ich habe tief in meiner Vergangenheit gegraben, an Orten, die ein sehr emotionales Echo bei mir auslösen, bin zurückgegangen an die Plätze meines Erwachsenwerdens. Welche Orte sind das? Es sind die drei Orte, an denen ich bisher gelebt habe. Es beginnt in Leytonstone im Osten von London, wo ich als Kind bis zum Alter von neun Jahren zuhause war. Mein zweiter Wohnort war ein kleines Dorf namens Aldham außerhalb von Colchester in Essex. Und der dritte ist bis heute West-London. Und diese Orte haben dich geprägt? Besonders der erste. Ich wuchs im multikulturellen London der 70er auf. Die Gerüche, die aus den Küchen kamen, die Leute, mit denen ich in der Schule war, und die Musik, die aus den Kirchen drang, machten diesen Ort aus. Leytonstone war für mich das Fenster in andere Kulturen. In dem kleinen Dorf bei Colchester war es dann ganz anders. Dort fühlte ich mich wie ein Außenseiter. Alles war so konservativ. Aber dieser Ort hatte auch etwas absolut Englisches. Das und das Multikulturelle sind wohl meine größten Einflüsse. Es gibt auch einige Liebeslieder auf der Platte. Widmest du diese deiner Langzeitfreundin, der Künstlerin Suzi Winstanley? Klar! Wie bei jeder ernsthaften und beständigen Liebesaffäre hat unsere Beziehung große Freude, Optimismus, aber auch Schmerz und Bedauern mit sich gebracht. Das alles ist in den Songs zu finden. Auch wenn das Thema Liebe immer ein Schwieriges ist – man begibt sich damit automatisch in die Schusslinie, weil man sich mehr offenbart. Deine Entwicklung ist beeindruckend. Erst warst du Brit-Pop-Posterboy und nun bist du der von den Kritikern gefeierte Allround-Musiker. Das ist ein gutes Gefühl. Es ist doch schön, gemocht zu werden. Aber vielleicht war das ja alles nur ein Unfall. Bist du so clever, wie die Leute annehmen? (lacht laut) Definitiv nicht! Ich bin total überbewertet. Ich habe bei allem, was ich tue, das Gefühl: Herrje, ich könnte es so viel besser machen. Und das macht es ziemlich Die Gallagher-Brüder sind in ihrem Genre steckengeblieben, während du ständig Neues ausprobiert hast. Empfindest du Stolz, wenn du zu den beiden rüberschaust? Nein, Noel ist ein sehr witziger, wacher Typ, ich respektiere ihn wirklich. Was seine Musik betrifft, ist er eher ein Folkmusiker. Seine Songs sind sehr zugänglich und direkt. Meine wiederum ein bisschen düsterer und kosmopolitischer. Aber ich denke nicht, dass das eine besser ist als das andere. Musik bedeutet viele verschiedene Dinge für viele verschiedene Leute. Es gibt Menschen, denen bedeutet meine Musik nichts. Aber die lieben Noels Musik. Willst du denen erzählen, dass sie falsch liegen? Tun sie nicht. Das ist ihr Erleben mit seiner Musik. Und das ist es doch, was Songwriter immer wieder versuchen: einen magischen Moment zu kreieren, eine Verbindung zwischen Sender und Empfänger. »Everyday Robots« von Damon Albarn ist bei Warner Music erschienen. 033

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Mile Me Deaf – »Holography« — Noise-Rock-Mastermind Wolfgang Möstl im Porträt

Der Noise-Posterboy Wolfgang Möstl ist der Strippenzieher der Wiener Noise-Szene. Ohne ihn wäre dort in den letzten Jahren nicht viel passiert und die Welt schlechter. Er ist der Pharrell Williams des Noise-Rock.

Text Nicole Schöndorfer Bild Mile Me Deaf

Statt Hut trägt er aber Hemden mit tropischen Blumenprints und Strickwesten mit Norwegermuster. Oversized natürlich. Oft sind die Ensembles Teil der Show von Mile Me Deaf. Die vierköpfige Partie mit Hang zum Retrosound und einer Vorliebe für geschmackssichere 90s-Videokulissen ist zwar nur eine von Möstls zahlreichen Bands, hat sich aber mittlerweile vom lustigen diy-Wohnzimmergeschrammel zum Aushängeschild der Szene gemausert. Vergleichbares ist am ehesten noch von den Sex Jams bekannt, bei denen er auch mitspielt. Oder von den mittlerweile ganz fix und endgültig pensionierten Killed By 9V Batteries, deren Leader er bis zuletzt war. Also, whatever, eh alles seines.

Inspiration 90s-Trash So auch das neue Album »Holography« von Mile Me Deaf, das via Siluh Records erscheint. Dafür haben sie ein supertrashiges Cover gestaltet, auf dem nicht nur das Quartett selbst, sondern auch ein paar Freunde und Bekannte abgebildet sind: Hundeschönheit Lassie, Katey Sagal aka Peggy Bundy, die beiden Legenden Hunter S. Thompson und Reinhold Messner und viele mehr. Sie alle sind einem Song zugeordnet. Kann man in den Liner Notes nachlesen. Trash inspiriert. Eigenartige Serienfiguren, verhaltensauffällige Anti-Helden und Typen, die in den 90ern eine ganz spezielle Popkultur mitgeprägt haben. Alles das fließt in die Songs von Wolfgang Möstl ein. Wahnwitzige Sache. Die Musik funktioniert ähnlich. Wahnwitzig, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Dafür sind Mile Me Deaf zu gut. Sie können ihre Musik ja.

»Holography« klingt poppiger als das 2012er Debüt »Eat Skull«. Die »Brando«-EP vergangenen Juni hatte diese Richtung bereits angedeutet. Die Melodien gehen meist schnell ins Ohr, sind ganz logisch aufgebaut. Die Vocals flanieren oft sanft und mit wenig Schnickschnack darüber, ein anderes Mal laut und voller Wehmut. Ein bisschen kalifornisches Strand-Feeling auch. Oder die Erinnerung daran. Die Gitarren dominieren letztendlich trotzdem. Das ist typisch und legitimiert auch die Bezeichnung Noise-Rock. Oder Noise-Pop-Rock. Aber Genres interessieren sowieso niemanden. »Holography« macht in erster Linie Spaß.

Quantenphysik abseits von Prosieben Das Songwriting hat bei Wolfgang Möstl noch nie unter der präpotenten Selbstironie gelitten. Vielmehr hat sie ihn angetrieben. Selbstironie und Quantenphysik. Er könnte lange über diese Faszination plaudern und von seiner neuen Lieblingstheorie, dass das Universum bloß ein Hologramm ist, mit leuchtenden Augen und fuchtelnden Händen erzählen. Sie hat ihn auch zum Albumtitel gebracht. »The Big Bang Theory« interessiert ihn trotzdem nicht. Er war schon Fan, bevor diverse Sheldons den täglichen Prosieben-Seriennachmittag belagert haben. Das möchte er bitte gesagt haben. Nicht auszudenken, was wäre, wenn seine Bands sich selbst immer vollkommen ernst genommen hätten. Es geht wohl kaum jemand in Österreich mit so viel Authentizität und Lässigkeit ans Musikmachen wie Wolfgang Möstl und seine Kollegen. Es wird kein Druck gemacht. Wahrscheinlich ist genau deshalb alles so dank- und fruchtbar, was er macht, um nicht zu sagen: was er aufgebaut hat.

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035 Er fühlt sich geschmeichelt, wenn man ihn zum Mastermind der Wiener Noise-Szene erklärt, kann das auch ganz gut nachvollziehen. Sogar diese relativ eitle Einsicht wirkt bescheiden aus seinem Mund. Die Trends setzt er mit Surfersound, Hawaii-Hemden und schlecht blondierten Haaren – ja Maurice Ernst von Bilderbuch kann das eigentlich mindestens gleich gut –, er zieht sein Ding durch, ohne sich dabei aufpudeln zu müssen. Er kann ja auch mit Nebenrollen gut. Beispiel Sex Jams. Da haucht er hinter Energiebündel Katie Trenk allerhöchstens die Background-Vocals und spielt seine Akkorde. Er genießt es, hier einfach nur Gitarrist zu sein, meint er, braucht das FrontmannDasein bei Mile Me Deaf aber trotzdem und unbedingt. Schließlich sprudelt er vor Kreativität. Merkt man ja. Für die Sex Jams war er damals eine Bereicherung, als er irgendwann nach »Post Teenage Shine« dazu stieß. Dessen ist sich die Band bewusst, die ihn in einem Interview einmal als ihren Ruhepol bezeichnet hat (The Gap 133). Passt irgendwie, weil stille Wasser und so. Der totale Posterboy.

Bitte kein Stress Was Wolfgang Möstl anfasst, wird zu Gold. Stichwort, bei Goldsoundz ist er seit 2008 dabei. Mit »Relations« haben die Fünf im März ihre erste LP auf dem Grazer Label Kim Pop veröffentlicht. Es ist ein schön melancholisch-grungiger Gitarrensampler geworden. Für Möstl auch eher so ein Hintergrund-Ding, bei dem er aber unverkennbar die Finger im Spiel hatte. So wie bei den Projekten What A Douche, ... You Gave It A Waste und Peter Nidetzky & The Spooky Kids. Die Liste ließe sich fortführen. Ein brandneues Experiment gibt es auch. Gemeinsam mit dem ehemaligen 9V Batteries-Gitarristen Mario Zangl und dem Picture Eyes-Schlagzeuger Florian Gießauf hat er Melt Downer gegründet. Eine Band, die sich an den krachenden Instrumental-Anfängen der Batts orientiert und derzeit überhaupt keine Ambitionen hegt, ein Album aufzunehmen. Das sei auch in zwei Jahren noch früh genug, sagt Möstl. Bitte kein Stress da. Immerhin geht es mit den Sex Jams ja auch bald in die heiße Studio-Phase, wenn der Mile Me Deaf-Pressetrubel wieder vorbei ist. Melt Downer bleibt derweilen ein Hobby. Das mindert seine Begeisterung diesbezüglich aber nicht. Die Augen leuchten, die Hände fuchteln wieder. Möstl, ein Steirer, pendelt ständig zwischen Wien und Graz. In Wien ist er Musiker, in Graz Produzent. Dort hat er sich in ein Studio eingemietet und produziert Alben befreundeter Bands, wie unlängst »Purple Lips« von The Boys You Know. Das ist nicht ganz offiziell, sichert ihm aber einen großen Teil seines Einkommens. Das Fädenziehen im Hintergrund – eine ganz unabsichtliche Parallele zu Pharrell.

Ein Engel im Hawaii-Hemd Es ist so, als wäre Möstl nicht nur Ruhepol, sondern auch der, der alle locker macht, ihnen das Trotzige aus Gesicht und Songs spielt, der sie daran erinnert, warum sie Musik machen. Dabei braucht er gar nicht viel sagen. Während die Kollegen sich anmotzen, spielt er weiter. Das scheint eine meditative und versöhnende Wirkung zu haben. Später wird dann gemeinsam Bier getrunken, man erzählt sich von den Höhen und Tiefen des Lebens auf Tour. Während der »Stranger To A Feeling«Tour durch Ungarn, Mazedonien und Serbien gab es zum Beispiel Autopannen, weil der Bus bis zum Dach beladen war, daraus folgend einen Aufenthalt in einem weirden Pensionisten-Ressort mit meterlangem Buffet, Shows, für die man quasi mit Cevapcici und Cola bezahlt wurde und solche, zu denen es auch mitjohlende Hardcore-Fans geschafft haben. Pogo inklusive. Wolfgang Möstl ist wahrscheinlich ein Engel. Wenn er da ist, ist alles gut. Wie Pharrell Williams halt, nur ein bisschen anders. Die Welt wäre jedenfalls ohne den Einen wie den Anderen ein schlechterer und gar grausamer Ort. Man will es sich nicht vorstellen. Thank God for Wolfgang Möstl. »Holography« von Mile Me Deaf erscheint am 2. Mai via Siluh Records. Am 9. Mai findet die Release-Show im Wiener EKH gemeinsam mit Bulbul statt. »Relations« von Goldsoundz ist bereits via Kim Pop erschienen. 035

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CRO – »Melodie« — Vom Tod für den deutschen HipHop

Crap 036 Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Cro feiert seit nunmehr drei Jahren Riesenerfolge mit Aufrufen zur Sinnfreiheit. Was das über uns aussagt und für den deutschen HipHop bedeutet. Musik an, Welt aus: Das ewige Nörgeln der Sorgen, den gesamten Weltenschmerz mit ein paar möglichst lauten Klängen übertönen. Laute Wasser sind seicht – und manchmal muss das auch so sein. Zweieinhalb Minuten reine Freude an der Existenz, Kurzurlaub vom Denken. Es muss ja nicht immer komplexe Gesellschaftskritik, emotionaler Seelenstriptease oder tiefsinniger Existenzialismus sein. Da würde man ja irre werden. Doch ein Mann hat sich diese Gehirnpausen als Hauptprogramm auf die Fahnen geschrieben. Cro zog 2011 gegen den Tiefgang ins Feld, gerüstet mit Maske und Mixtape. Die Tracks waren Lobeshymnen auf die Lebenslust, sie

betonten die Vorteile eines sorgenfreien und genügsamen Lebensstils. Dazu müsse man nur spontan sein, sich mit den einfachen Dingen zufriedengeben und das Leben unbedingt in vollen Zügen genießen. Erfahrungsgemäß all die Eigenschaften, die Jugendliche unisono für sich beanspruchen. Alle zusammen gleich anders. Cro traf punktgenau das Lebensgefühl einer gesamten Generation, den »Ewigheutigen«, und feierte damit Wahnsinnserfolge. Das Ganze noch garniert mit tanzbaren Beats simplen Ohrwurmhooks, und – zap! – ward ein Personenkult geboren. Im Juli 2012 kam dann »Raop«, und der Sommer gehörte dem Panda-Mann. Den selbstreflektierten Albumtitel muss man ihm dabei ja noch zu Gute halten.

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Gegen irgendwas, bitte ! HipHop ist mehr als nur Musik. Es ist eine Kultur, komplett mit Kodex, traditionellen Gewändern und Heldenverehrung. Für manche Musiker bedeutet es ein Lebensgefühl. Wer dazugehören will, muss auch bereit sein, ein paar Regeln zu akzeptieren. Und vor allem sollte man diese Kultur nach außen hin respektvoll und angemessen repräsentieren. Immerhin hat HipHop einen langen Weg hinter sich, auf dem es auch mal blutig wurde. Das bedeutet nun nicht, dass man Realness nur durch Schießereien mit der Polizei erlangen kann. Oder dass neue Wege grundsätzlich verboten sind. Bei all den verschiedenen Strömungen in diesem Genre weiß sowieso niemand mehr wirklich, was nun wirklich true ist und was nicht. Aber eine gewisse Ehrfurcht vorm Ursprung, vor den reimenden Straßenjungs, das muss schon drin sein. Und sei es nur durch das Tragen von Baggy-Pants und einer gelegentlichen Kampfansage. Gegen irgendwas. Establishment, Rapper, Krieg. Hauptsache dagegen. Und wenn es nur zum Spaß ist. Symbolwirkung ist das Zauberwort. Und nun kommt so ein Kerl in Skinny-Jeans und Panda-Maske daher, trällert darüber, wie wunderbar das Leben nicht sein kann, wenn einem alles und jeder scheißegal ist, und nennt das dann HipHop. Er packt sich damit also in dieselbe Kategorie wie die Gossenpoeten, die Aufrührer, Aufschneider und kreativen Genies des Genres. Und feiert damit einen unfassbaren Erfolg. Auf einmal bezeichnen sich ein Haufen Kids als Rap-Fans, obwohl sie noch vor ein paar Jahren das ganze »Gangster-Gehabe« von Aggro Berlin und Co. zum Kotzen fanden. Die Reaktion der Rap-Gemeinschaft kam prompt – KC Rebell, Farid Bang und Sido widmeten dem »King of Raop« ein paar unfreundliche Zeilen. War ihm aber anscheinend egal. Seine Musik erreichte die Massen, lief im Radio auf Dauerschleife, und die Konzerte waren ausverkauft.

Im Zeichen des Panda 2012 stand im Zeichen des Panda. Vielleicht lag es ja am drohenden Weltuntergang, dass Texte über die kompromisslose Lust an der Gegenwart so viel Anklang fanden. Tatsache ist, dass bis heute scheinbar eine ganze Menge Leute etwas mit dieser Nicht-Botschaft anfangen können. Im Idealfall sollen Konsequenzen und Sorgen zur Gänze ins Reich der Nichtigkeiten verbannt werden. Alles was zählt ist das Jetzt, dieser Moment, dieser Augenblick. Wie bei Christina Stürmer. An sich ja ein netter Gedanke. Doch sowohl im wahren Leben wie auch in Bezug auf Cro muss man sich fragen: Ah, schön. Und was kommt dann?

Natürlich darf man all dies nicht zu ernst nehmen, denn nur weil jemand bei einem Konzert begeistert seichte Hooks mitgrölt, muss er oder sie noch lange kein Vollidiot sein. Gar nicht. Es ist nur trotzdem interessant, womit sich eine Generation durchschnittlich am besten identifizieren kann. Und wenn es sich dabei um kurzsichtige Egozentrik handelt, ist schon mal Vorsicht geboten. Manchmal muss man sich eben auch mit den komplexen Mühseligkeiten auseinandersetzen, die diese Welt so zu bieten hat.

Die Liebe, das System, die Musik, der Tod Diese Auseinandersetzung mit bedeutsamen Aspekten des Lebens ist ein wichtiger Prüfstein für jeden Teilnehmer im Rap-Game, dem die Anerkennung seiner Kollegen etwas wert ist. Die Liebe, das System, die Musik, der Tod ... an Auswahl mangelt es nicht. Und wenn schon mal über seichte Thematik gerappt wird, dann bitte zumindest auf technisch herausragendem Niveau. Das klappt auch, wie Kollegah und Farid Bang mit jbg2 eindrucksvoll bewiesen haben. Hier trennen sich die Clowns von den Künstlern. Und wenn so ein Clown dann plötzlich mit durchschnittlichem Rap und quasi inhaltsleeren Lyrics die Herzen der Teenies im Sturm erobert, sieht das natürlich niemand gerne, der mit seinen Texten ernst genommen werden möchte. Die befürchtete Welle an Nachahmern blieb aus, davon abgesehen, dass nun auch andere Rapper mehr Fokus auf ihre Hooks legen. Aber dass Cro derzeit mit deutschem HipHop verwechselt wird, das schmeckt weder den alteingesessenen Fans noch den Veteranen dieses Genres. Klar ist da auch Neid im Spiel. Doch wenn man vor allem auf individuellen Ausdruck gesetzt hat und plötzlich ein Junge mit Panda-Maske aus deutschem HipHop eine harmlose Party macht, tut das schon weh. Vor allem, wenn es so viele hochwertige Alternativen gäbe. Cros zweites Album »Melodie« erscheint am 6. Juni. Da hätte er nun die Chance, es allen zu zeigen. Dass ihm der Respekt seiner Kollegen doch etwas bedeutet. Dass er sich des Vermächtnisses seiner Vorgänger bewusst ist. Und dass er Musik nicht nur fürs Radio und die Sponsoren macht, sondern auch für sich und seine Crew. Oder er hat deutschen HipHop eben endgültig kommerzialisiert. Was ein Widerspruch in sich sein sollte. Rap und Pop sollten nicht zusammenkommen, schon gar nicht im Titel eines Albums. Das ist falsch. Klar, HipHop ist schon seit Jahrzehnten immer auch Pop. Aber nebenher. Nicht hauptberuflich. Wenn man nun ein hochgradig bekannter Vertreter einer so stark ausgeprägten Kultur wie Cro ist, hat man – altmodisch gesprochen – auch eine gewisse Verantwortung, der man sich bewusst sein sollte. Cro wird nun nicht ganz alleine den deutschen HipHop umbringen. Aber er tut, was er kann.

Text Philipp Grüll Bild Delia Baum

Nun ist leichtfüßige Sommermusik ja nichts Neues und hat auch durchaus ihre Existenzberechtigung. Easy. Allerdings sollte ein Künstler auch mal zeigen, dass er mehr drauf hat. Vor allem im HipHop, wo Respekt nicht einfach auf der Straße rumliegt, sondern sich auf selbiger erarbeitet werden soll. So sehen das zumindest die alten Hasen dieses traditionsträchtigen Genres. Doch das scheint auf Cro einfach nicht zuzutreffen. »Whatever« erschien 2013 und verkaufte sich über 300.000mal, die Single mit dem gleichnamigen Titel wurde im Radio rauf- und runtergespielt. Seine Fans laufen ihm anscheinend so bald nicht weg. Finanzielle Gründe für einen Stilwechsel oder gar eine Neuerfindung gibt es also nicht, und die Anerkennung der Genrekollegen scheint Cro herzlich egal zu sein. Und genau hier wird es dann problematisch.

Cros zweites Album »Melodie« erscheint am 6. Juni via Chimperator. 037

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DAMe – »Rap ist sein Hobby« — Camp HipHop aus Salzburg

So gut, dass mir schlecht wird Mit Songs für blasse Gamer hat sich der Salzburger Dame auf über 40 Millionen Youtube-Klicks hoch gelevelt. Jetzt spittet er auch über Liebe. Warum das Kunst ist.

Text Stefan Niederwieser Bild OFFICE4Music

»Und ich sitz wieder vorm PC, spiele WoW. Alles für die Horde, meine Freundin sagt sie geht …/ Und wenn beides nicht geht, gibt’s nur einen einzigen Weg, also pack doch deine Sachen und geh.« Dame weiß, wie man richtige Prioritäten setzt. Im Zweifelsfall eben alles für die schönste Sucht der Welt. Sein »World Of Warcraft«-Song wurde bis heute fast sieben Millionen Mal angesehen. Seit drei Jahren lädt er immer wieder Videos hoch, die sein aktuelles Lieblingsgame abfeiern. Dort schaltet er die Realität aus, skillt sich hoch, sammelt Kill um Kill, sprengt große Ringe im Universum oder bringt den Nexus zum Fallen. »Call Of Duty«, »Black Ops 2«, »Halo«, »League Of Legends«, das sind seine bisher größten Hits. Der Dreh ist simpel: Games sind immerhin eine junge Kulturtechnik, die trotz ihres enormen Erfolgs immer noch belächelt wird. Es gibt ja über alles Songs, Autos, Sex, den Kapitalismus und den Tod. Das macht Pop aus. Natürlich braucht es auch welche über Zockerei, natürlich soll das gefeiert werden. Das wusste zum Beispiel auch schon Marteria. Das weiß auch Dame. Dame macht das nun recht eigenwillig. Es wäre naiv zu glauben, dass er all seine Texte genauso meint. Da ist viel Fiktion dabei. Dames manchmal dezent ungelenke Reime schillern allerdings. Sie sind in einem ganz klassischen Sinn nicht gut. Vor ziemlich genau 50 Jahren hat nun Susan Sontag einen kurzen Essay geschrieben, »Notes on Camp«. Darin greift sie die traditionelle Auffassung dessen an, was denn Kunst ist. Das Schöne, Wahre und Gute, das allein kann es bitte noch nicht gewesen sein. Menschen finden ja laufend Dinge toll, die ihnen nicht gefallen sollten, die nicht dem allgemeinen Geschmack entsprechen. Camp, eine bestimmte Ästhetik, die vor mehr als 100 Jahren aufkam, will nun überspitzen und übertreiben. Dinge – also Filme, Songs, Menschen oder auch Gebäude –, die camp sind, sind extravagant, unernst, hochstilisiert, naiv, auch vulgär, ephemer und künstlich. Kitsch oder Eurotrash können camp sein. Die Songs von Dame sind das im besten Sinn auch. Wenn nun also Dame camp ist, dann sind seine Songs tolle Außenseiter-Kunst. Da passt es ins Bild, dass seine jüngste Single »So wie du bist« genau die besingt. Tätowierte, Schwule, Magersüchtige, Leute mit Macken bekommen ein paar sentimentale Zeilen über einer simplen Piano-Melodie gewidmet. Auf Dames aktuellem Album kommt man mit traditionellem Geschmack nicht weit. Humor schadet jedenfalls nicht, wenn man hört, dass Dame ein verkanntes Genie ist, dass er von der nsa verfolgt wird, dass Liebe ihn unbesiegbar macht oder dass Rap sein Hobby ist. Bitte, wer sagt denn heute noch Hobby? Das Album ist dabei beachtlich produziert, die Beats und Hooks unaufregend, aber ziemlich radiotauglich. Ist das aber überhaupt noch camp? Und ist Camp nicht schon längst hinüber, weil Ironie und alles Triviale – vom Dschungelcamp und Black Swan bis Glee und 90er-R’n’B – ohnehin total akzeptiert ist? Man kennt Camp heute von Lady Gaga bis einmal die Popgeschichte rauf und runter. Dame bringt zumindest mit seinen Games-Songs eine neue Facette in diese schillernde Ästhetik. Ihm wird es auch relativ egal sein. Sein Album ist gerade auf Platz 5 in den heimischen Charts eingestiegen. »Rap ist sein Hobby« von Dame ist bereits via Damestream erschienen. Dame gibt es sonst vor allem auf Facebook und Youtube. 038

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SZA – »Z« — Alt R’n’B am Kreuzweg

Kreuzweg-Stationen, die du gehört haben musst 039

Man könnte ihr statt Blumen auch Dornen aufsetzen. SZA klingt ein wenig verloren. Es könnte am vielen Geld liegen, das Top Dawg nach den Erfolgen mit Kendrick Lamar und Schoolboy Q auf sie setzt. Das muss aber kein Nachteil sein.

zuviel Geld muss nicht schaden  sza ist mit ihren 23 Jahren die erste Frau auf Top Dawg Entertainment, dem kalifornischen Label, das nach Kendrick Lamar und Schoolboy Q eindeutig zu viel Geld übrig haben dürfte. Denn nicht nur Kollege Kendrick ist dabei, sondern auch bbc-Darling der Stunde Chance The Rapper. Für die Regler hat man sich auch nicht lumpen lassen und allerbeste Qualität eingekauft, mit Mac Miller, Toro Y Moi, xxyyxx oder Emilye Haynie, der sonst für Eminem und Lana Del Rey zaubert. Nur Rick Rubin scheint mal wieder keine Zeit gehabt zu haben. Die einzelnen Namen muss man nun eh nicht kennen. Wichtig ist dabei: Hier wird an großer Kunst gearbeitet, wie in einer Werkstatt. Man castet und kuratiert, bei Banks funktioniert das ja auch. Und ihr Album wird heuer ohnehin noch massiv einschlagen. Es gibt sie, weibliche Role Models, die ihr Material selbst schreiben und manchmal auch produzieren. Im Moment gerade sogar reichlich und vielleicht muss man das in ein paar Jahren nicht einmal mehr extra erwähnen. Ganz oben in diesem Dunstkreis aus oxidierten Beats und kugelsicheren Vocals: Mapei, fka Twigs, Kelela, Kilo Kish, Empress Of, Elliphant, Liz, Iggy Azalea, Mø. Oder eben sza. Ihr Album ist voller Songperlen, die sich nur noch nicht sinnvoll auffädeln lassen. Es fehlen die Refrains und der harte Kern – selbst wenn das auch eine Stärke sein kann. Es ist in dem Sinn noch keine Offenbarung, auch keine Auferstehung, sondern mehr wie ein bittersüß klingender Leidensweg. »Z« von sza ist bereits via Topdawg Entertainment erschienen.

Text Stefan NiederwieseR Bild Jessica Lehrman

Ur. Babylon. Omega. Was da in den Boxen brennt, klingt ziemlich alttestamentarisch. Einmal singt sza auch immer wieder »Crucify Me«. Da trägt sie die Dornenkrone und fragt, wer denn ohnehin dieser Gott ist. Sie schultert den Hass und die Schuld. Aber irgendwie wartet da hinterher keine Erlösung, keine Freiheit, nur Typen, die man schon früher für nichts gefickt hat oder ein schwacher, lauer Wind. Es ist keine Liebe, über die sza da singt. Eher sind es beschädigte Herzen und ein diffuses Gefühlslimbo, ihre Songs sind taub, in einem Nirgendwo von belanglosen Tinder-Dates hängen geblieben. Es gibt in ihnen zwar ein »Du«, aber es ist schwach, es verschwindet im Hintergrund. Diese kleinen Dramen bringt sza immer wieder auf den Punkt. Soul ist ja so entstanden, Gospels singen und im Text Gott durch Sex ersetzen. sza singt nun auch irgendwie Gospels, aber die der ungemütlichen Sorte. Menschen leiden, es ist fast ein bisschen Kreuzweg. Nun sind Slowjams und Gefühle in Zeitlupe nicht eben die Revolution in der Musik der Gegenwart. Aber »Z« führt viele Stränge zusammen, Alt R’n’B, Trip Hop, Soul und narkotischen Pop. Nicht immer nur zum Vorteil des Albums. Ja, es zerfällt in einzelne Brocken, manchmal sogar in einzelne Stile, man weiß nicht so recht, wofür sza stehen, was sie sagen will. Das macht es für den Hörer etwas schwer, passt aber auch zu der verwirrten Grundstimmung des Albums und führt manchmal zu seltsam niederschmetternden Songs wie dem Heroin-Philly Soul von »Sweet November«, das nach einem verstrahlten Mittelteil nur einen Hauch zum Refrain hin abbremst. Ja, so klingt die süße Verzweiflung – wie ein perlmuttfarbenes Daunenkissen einmal kräftig in die Magengrube.

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Alexander Strohmaier – »Wild Boy« — Autobiografische Graphic Novel aus Österreich

Wo die wilden Kerle wohnen 040 Gleich mehrere österreichische Graphic Novels zeichnen das Leben ihrer Autoren in umfassenden Bildern nach. Was sie dabei antreibt am Beispiel von Alexander Strohmaiers »Wild Boy«. Ulli Lusts turbulente Reise durch das Italien der 80er Jahre in »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens«, Gerald Hartwigs ambivalente Anpassungsversuche als junger Filmschaffender in L.A. in »Chamäleon«, Franz Suess‘ melancholische Alltagsbewältigung in »Ottakring 16.« – dies sind alles Beispiele für autobiografisch inspirierte Graphic Novels aus Österreich, die in den letzten Jahren erschienen sind. Zusammen mit Alexander Strohmaiers »Wild Boy« kann man inzwischen fast schon von einem kleinen Trend sprechen.

Das (fast) echte LebeN Alexander Strohmaier ist mit »Wild Boy« definitiv gelungen, was er sich vorgenommen hat: Die besonderen Erlebnisse seiner Wiener Kindheit und Jugend in den 70ern und 80ern zu einer flüssigen Erzählung zu verbinden. Dabei ist »Wild Boy« nicht strenge Autobiografie, sondern schafft sich einen gewissen Spielraum im Fiktiven. Vielleicht verfremdete Strohmaier auch deshalb seinen Spitznamen Sascha zu »Mischa«. »Ich druck eben manchmal gern a Gschichtl«, erzählt er schelmisch lächelnd. Es scheint ihm wirklich Spaß gemacht zu haben. Dadurch wird der Leser schon einmal gefordert, offener an die Sache heranzugehen – was hier echt oder nicht echt ist, wird nicht immer klar. Die absurdesten Episoden wären meist wahr, meint er. Die normaleren mussten anscheinend erfunden werden, damit ihm überhaupt jemand das alles glaubt: einen 69er bei Sonnenaufgang auf der Wiese zwischen den Alterlaa-Bauten, Percussion-Performances im U4, eine Begegnung mit einem brasilianischen Transsexuellen (in Brasilien), sein Leben mit einer Vogelfamilie im Wald und noch viel mehr.

eNach der Scham kommt das Feiern

Text Stefan Kluger Bild Namco Banda

Diese Normalität stellt gewissermaßen den Kitt zwischen den außergewöhnlichen Episoden her und hat wohl etwas mit Alexander Strohmaiers Sicht auf seine Biografie zu tun. Wenn er sein Leben als Jugendlicher und junger Erwachsener beschreibt, zeichnet er beim Gespräch Serpentinen in die Luft, die irgendwie nach schräg oben gehen und sich dann verlieren. Manchmal habe er Scham aufgrund seines fragmentierten und umwegigen Lebenlaufs empfunden, während andere geradlinig die erwarteten Stationen eines gesellschaftlich anerkannten, »erfolgreichen« Lebens absolvierten. »Mischa« war einfach zu verträumt, zu spontan, um einen geradlinigen Weg einzuschlagen. Er brauchte zum Leben immer seine Parallelwelten: Sein Kinderzimmer wird zur Yellow Submarine, ein paar Dosen und Kübel zum Drumset, der nahegelegene Wald zum magischen Refugium. Irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, diese Scham abzulegen. »Wild Boy« ist die Wiederaneignung der eigenen Geschichte – und so nebenbei eine sehr originell und ideenreich gezeichnete Graphic Novel mit wunderbarem Erzählfluss. Es macht Sinn, dass hier alles so schamlos hergezeigt wird. Man muss zur eigenen Geschichte stehen, wenn man sie feiern will. »Wild Boy« von Alexander Strohmaier ist via Luftschacht Verlag in Wien erschienen. 040

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»Dark Souls 2« — Harter Tod in Videospielen

Spiele, die das Fürchten lehren 041

Wenn der Tod Folgen hat: Permadeath Games und ihre Verwandten. Die Faszination des Scheiterns.

sich die Erfahrung jedenfalls; zahlreiche großartige Games haben dies in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen.

Neu-Installation als Lebensrettung Das wunderbare »ftl« (»Faster Than Light«, PC, Mac, ios) ist ein Roguelike mit Weltraum-Setting. Regelmäßiges Sterben ist hier Programm, freischaltbare Raumschiffe, die man behalten darf, lindern jedoch den Schmerz beim Neustart. Einen anderen Weg beschreitet »Out There« (ios), wo gar nicht gekämpft, dafür umso mehr gestorben wird. In beiden Games spielt der Glücksfaktor eine wesentliche Rolle, in »Out There« ist es auch beim x-ten Durchlauf kaum möglich, sich auf kommende Gefahren vorzubereiten. Als süßer 2D-Plattformer getarnt, offenbart sich »Spelunky« als Mekka für Hardcore-Gamer: Wenn nach stundenlangem Erkunden der Höhlen ein schlecht ausgeführter Sprung das Ende bedeutet, liegen nicht selten die Nerven blank. Als Draufgabe gibt’s einen Koop-Modus – hoffentlich ist die Freundschaft stark genug. Dass das Thema Permadeath mittlerweile auch Mainstream sein kann, zeigt der Überlebenskampf in »DayZ« (einst lediglich Mod der Militärsimulation »arma ii«, nun auch Standalone). Auf die Spitze treiben es die Entwickler von »One Single Life« (ios), wo überhaupt nur ein Versuch möglich ist: stirbt man, ist das Abenteuer zu Ende. Nur De- und Neuinstallation des Programms schaffen Abhilfe. Einen ähnlichen Weg beschreitet die »Souls«-Reihe und ihr aktueller Titel »Dark Souls 2«: Anstatt dem Spieler alles zu nehmen, bleiben Ausrüstung, Items und Charakterlevel erhalten, dafür werden einem die Seelen (die Universalwährung) werden einem entrissen. All das resultiert in einer äußerst intensiven Spielerfahrung, wo man mit Furcht und Eifer gleichermaßen eine geheimnisvolle Welt erkundet. »Dark Souls 2« bestraft Hast, Gedankenlosigkeit, engstirniges Spielen – und belohnt dafür Geduld, Konzentration und Mut zum Experimentieren. »Dark Souls 2« ist bereits für PS3, Xbox 360 und PC erschienen.

Text Stefan Kluger Bild Namco Bandai

Nicht selten verfallen wir bei herkömmlichen Spielen in einen gewissen Spielrhythmus: In den ersten Stunden lernen wir die Regeln und freuen uns über raschen Fortschritt. Später wird die verinnerlichte Taktik nur mehr widerwillig und wirklich nur im Notfall modifiziert. Wenn aber bereits der kleinste Fehler zum Tod führen kann und Stunden des Bemühens mit einem Schlag auslöscht, ist alles anders. Plötzlich überdenkt man die Folgen jeder noch so kleinen Aktion und untersucht penibel die Umgebung. Kein gedankenloses Umherlaufen, Springen oder Attackieren mehr. Anstatt auf das Geschehen zu reagieren, wird ein wesentlicher aktiverer Teil des Geschehens selbst übernommen. Das System Permadeath eignet sich dabei nicht für jedes Spiel. Durch regelmäßiges Sterben wird das Game ja immer wieder von Neuem begonnen und jeder Fehler im Spielsystem fällt da auf. Unfaire Hindernisse oder rigorose Bugs, die unausweichlich den Tod bedeuten, stehen dem Spielprinzip im Weg. Überladene Erzählungen sind noch weniger verdaulich, wenn sie immer (und immer wieder) kommen. Und: hält einen das Gameplay nicht bei der Stange, gibt es eigentlich keinen Grund, zurückzukehren. Obwohl das Konzept bis zu den frühen Arcade Games ohne Extraleben und Continues zurückreicht, wird es gern den Roguelikes zugeordnet (benannt nach dem Spiel »Rogue«: einer Unterkategorie des Rollenspiels, die das Erforschen finsterer, zufallsgenerierter Gebiete bis zum endgültigen Tod populär machte). Viele Jahre später bot »Diablo 2« immerhin im Hardcore-Modus die endgültige Strafe. So ein unbarmherziges Feature ist der ideale Begleiter für Dungeon Crawler, die hinter jeder Ecke schreckliche Feinde, brutale Fallen oder heimtückische Tränke ohne Beschriftung dem mutigen Spieler entgegensetzen. Über die Jahre entwuchs das Spiel mit dem permanenten Tod seiner Nische und suchte immer mehr Genres heim. Tiefgehendes Bedauern und grenzenlose Freude – ein Wechselbad der Gefühle scheint garantiert. Bei handwerklich gut gemachten Vertretern lohnt

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FuSSball-WM in Brasilien

Nation Branding durch Sport

Das Runde muss ins Nationale 043 Sportevents eignen sich hervorragend dazu, das Image einer Nation aufzupolieren. Wenn die Medien kuschen, steht erfolgreichem Nation Branding nichts im Weg.

GroSS-Events sollen das Wir-Bild bestätigen Dabei geht es nicht unbedingt darum, möglichst weit zu kommen, sondern um der Welt zu zeigen, wie gut man Stadien, Flughäfen und Hotels bauen kann, um die Verwendung modernster Technik und einem reibungslosen, sicheren Ablauf der Wettkämpfe. Die Bilder gehen um die Welt und sind mit Gold oder Erdöl oder Cronuts kaum aufzuwiegen. Für Veranstalter sind »Olympische Spiele und andere große Sportereignisse die Bühne für die nationale Präsentation nach außen als ehrenwertes Mitglied der fortschrittlichen und zivilisierten Völkergemeinschaft, und nach innen als Selbstbestätigung für ein erwünschtes Wir-Bild, das mit solchen weltweit verfolgten Veranstaltungen in Zusammenhang gebracht wird«, so Dieter Reicher, Soziologe der Universität Graz. Welches Wir-Bild, welche Identität als Österreicher, Deutscher, Brasilianer dabei nach außen getragen wird, hängt von der Geschichte und dem Status ab. Dabei ist dieses Wir-Bild natürlich überzeichnet: Die letzte Fußball-WM in Südafrika stand etwa unter der Losung, das Land habe die Apartheid überwunden und steht nun als nationale Einheit da – schwarz und weiß zusammen. Rainbow Nation eben. Die Deutschen sind plötzlich freundliche Nachbarn und gute Freunde. Vermutlich sind Eröffnungsfeiern deshalb auch so unerträglich, weil man dabei zusehen kann, wie sich jemand moderne Nationalmythen aus dem Ärmel zieht.

Die politische Lage bestimmt das Image der Nation Dabei fällt auf, dass vor allem das Image der klassischen westlichen Veranstalterländer – bis 2012 fanden 76% aller Olympischen Spiele und Fußballweltmeisterschaften in Europa und Nordamerika statt – profitiert, also Länder mit relativ stabiler, innenpolitischer Lage. So hat sich das Image Deutschlands nach der WM 2006 gebessert. Sotchi 2014 zeigt hingegen, dass es für das Image eines Staates nicht immer von Vorteil ist, im Mittelpunkt zu stehen: Die Olympischen Winterspiele haben stark dazu beigetragen, dass die Welt über Russland diskutiert hat. Und vielleicht sollte man auch einfach nicht in ein Nachbarland einmarschieren. Oder überhaupt in irgendein Land. Das hilft nicht. Die Fußball-WM in Argentinien 1978 hatte zum weltweiten Aufschrei gegen die dortige Militärdiktatur geführt. Der mediale Fokus kann also auch negativ sein. Auch das Image Brasiliens, neben der Fußball-WM 2014 finden dort in zwei Jahren auch Olympische Sommerspiele statt, profitiert davon nicht unbedingt. So sieht das jedenfalls Alois Gstöttner, Wiener Jour-

nalist und Autor des Buches »Gooool do Brasil«, das sich durch einen Blick hinter die Kulissen des brasilianischen Fußballs angenehm von den meisten WM-Publikationen unterscheidet: »Ich halte die Operation für kontraproduktiv. Sämtliche Schlagzeilen aus Brasilien sind de facto negativ besetzt. Die Ereignisse – Polizeigewalt, Drogenkriminalität und so weiter – hat es vorher auch gegeben, nur hat keiner – und schon gar nicht in Europa – darüber berichtet. Wenn sich Brasilien als modernes und fortschrittliches Land positionieren will, gibt es günstigere und sozial nachhaltigere Alternativen als eine WM zu veranstalten.« Im Sinne des Wir-Gefühls versuchen deshalb offizielle Stellen, Fußball-Ikonen und Medien die Proteste, die während des Confederation Cup 2013 aufflammten und bis heute andauern, kleinzureden oder gar zu verteufeln. Dadurch hat die ohnehin schon vergleichsweise geringe Zustimmung der Bevölkerung für die WM weiter abgenommen, laut dem brasilianischen Botschafter in Wien, Evandro Didonet, sind rund 41% der Brasilianerinnen und Brasilianer gegen die WM.

Sport schafft Zugehörigkeitsgefühl Das ist deshalb überraschend, weil man – wie die Medien das auch tun – Fußball durchaus als die Nationalsportart Brasiliens bezeichnen kann. Diese Nationalsportarten – ob offiziell, oder wie im brasilianischen Fall, inoffiziell – tragen zur nationalen Identität bei. Wie in vielen lateinamerikanischen Staaten wurde auch in Brasilien erst ab 1900 versucht, nationale Traditionen zu schaffen. Bis heute gibt es eigene Fußballclubs für Immigranten aus bestimmten Herkunftsländern. Gstöttner sieht darin jedoch keine spezielle Community-Bildung: »Da praktisch jeder und jede einen Immigrationshintergrund hat, ist es eigentlich auch kein größeres Thema bzw. hat sich über die Jahrzehnte einfach aufgelöst.« Im klassischen Einwandererland Brasilien war Fußball schon früh verbreitet, aber noch nicht einheitlich organisiert. Eine Großveranstaltung förderte dann diese Nationalidentität, ähnlich wie später der deutsche Erfolg von Bern 1954. Als Brasilien 1950 die Weltmeisterschaft im eigenen Land ausrichtete, hatte sich in den zwölf Jahren seit der letzten WM das Bild der Nationalmannschaft deutlich geändert: In den Medien wollte man besonders im Spielstil des Teams Anleihen aus der afrikanischen Herkunft und die Eingliederung von Musik und Tanz in den Fußball erkennen. Diese Mischung aus Tradition und Moderne erlaubte es, dass Fußball irgendwie für Brasilien stehen konnte. Dazu kam das neu errichtete Maracanã-Stadion, das damals zehn Prozent der Bevölkerung von Rio de Janeiro Platz bot. Die vielen Kinder und Frauen im Stadion sorgten für ein neues Gemeinschaftsgefühl. Durch den Einsatz von Karnevalsmelodien erlebten die brasilianischen Zuseher erstmals ein kulturelles und spielerisches Gefühl von Nation, ohne politischen und militärischen Kontext. Die unerwartete Niederlage im letzten Spiel gegen Uruguay wurde schnell als Unrecht verdammt. Die drei Titel innerhalb von nur zwölf Jahren (1958, 1962 und 1970), die stark mit dem brasilianischen Spielstil verbunden wurden, wurden nach dem kollektiven Leiden von 1950 zu Momenten, in denen Brasilien zeigen konnte, dass es durch Kultiviertheit – die kulturelle Fähigkeit des brasilianischen Fußballs – aus unerwarteten Rückschlägen lernen und zum Rekordweltmeister aufsteigen kann. Auferstanden aus Ruinen – das ist Gold fürs kollektive Selbstbild.  »Gooool do Brasil: Kartografie einer nationalen Leidenschaft« von Alois Gstöttner ist im Club Bellevue Verlag erschienen.

Text Dominik Oswald Bild Alois Gstöttner / Club Bellevue

Sportliche Großveranstaltungen bestehen vorwiegend aus Medaillen, Skandalen, Sensationen, Rekorden und Freiluftbier. Für Sportler stellen Olympische Spiele das Nonplusultra dar. Im Fußball sind es Weltmeisterschaften. Für Fans, Freunde und Funktionäre sind diese megalomanischen Turniere Feste, die jedes Mal Milliarden an die Fernsehschirme fesseln oder in die Public-Viewing-Zonen spülen. Vorher und währenddessen überschwemmt so eine Fußballweltmeisterschaft den globalen Einzelhandel. Inklusive Medien. Davon profitieren vor allem die großen, undemokratischen Weltverbände. Die Olympischen Sommerspiele in London 2012 brachten dem ioc einen Umsatz von über sieben Milliarden Dollar, die fifa erwirtschaftete in Südafrika 2010 erstmals über vier Milliarden Dollar. Warum sich aber die Gastgeberländer diesen Aufwand antun? Es geht ums Image. Und auch um Soft Power.

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Fluc — »Tanz die Utopie!«

Freibeuter und Traumtänzer 044 Wofür geht man eigentlich in Clubs? Wegen Orten wie dem Fluc, das seit inzwischen zwölf Jahren Programm mit Charakter und Sinn macht. Ganz klar, es geht dabei um mehr als nur gute Musik und kaltes Bier. Eine Bucherscheinung würdigt das jetzt. Clubs gelten ja schon länger als Orte, in denen nicht einfach nur zu lauter Musik gesoffen wird. Leute kommen zusammen, feiern mit anderen Leuten, die sie sympathisch finden. Clubs sind jedenfalls ganz soziale Orte. Clubs sind vermutlich sogar politische Orte, weil sich dort viele Menschen mit recht unterschiedlichen Erwartungen treffen. Weil sie sich dort eine Message wünschen. Oder eben genau nicht. Das macht Clubs dann zu mehr als einem besseren Beisl – zu einem Teil einer Clubkultur nämlich. Türpolitik, Drogen, Klopolitik, Programm, Preise – das macht aus, ob ich mich in einem Club wohl fühle. Richtig gut geht das im Fluc. Am Praterstern macht man bereits seit zwölf Jahren den Spagat zwischen Kunst und Gastro – ohne jemals abgedroschen zu werden.

Es war einmal der Grind-Faktor Kurz vor seinem Abriss war der heruntergekommene Bahnhof ja nicht sonderlich angesagt. Früher durchschnitt der mitsamt der Gleisstrecke der S-Bahn den zweiten Wiener Bezirk, in den Bögen gammelten alte Geschäfte und ein paar Bretter vor sich hin, drumherum kreisten auf cirka sechs Spuren die Autos. Das sollte sich vor

allem mit der Fußball-Europameisterschaft 2008 ändern: der Bahnhof wurde geöffnet und mit Beton und Glas durchsichtiger gestaltet. Seither führen auch gleich zwei U-Bahnen am Fluc vorbei, das zuvor einige Male die Location wechseln musste, ehe es sich in der alten Fußgängerpassage niederließ. Das passte natürlich zum vollständigen Namen »fluctuated rooms«. Unterführungen galten vor zehn Jahren als nicht sonderlich sexy, die am Praterstern sollte eigentlich beim Bahnhofumbau zugeschüttet werden. Die Fluc-Betreiber hatten eine bessere Idee. Wände wurden eingerissen, die nicht mehr so schmackhaften Toiletten erneuert. Von da rührt auch der einzigartige Charakter der Fluc Wanne, dem Clubraum unten. Viel Adaption war eigentlich nicht möglich: Der Schlauch ist ungewöhnlich lang und die Bühne mit ihren zwei Terrassen über den Treppen sorgt für außergewöhnliche Konzerte. Irgendwann konnte man durch Glas auf das Riesenrad sehen. Darüber wurden einfache Baucontainer am Platz vorm Wurstelprater aufgetürmt und mehrere Plattformen kamen hinzu, die als eine Art hängende Gastgärten dienen. Mit dem mittlerweile stark frequentierten Vorplatz hat das Fluc einen Standort, um Kunst vor großem Publikum zu präsentieren. Um die Ecke war früher das Planetarium, heute kommt man auf dem Weg

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vom Praterdome, Prater und Pratersauna am Fluc vorbei. Das sorgt immer wieder für ganz eigene Publikumszusammenwürfelungen. Über die Jahre entwickelte sich aus einer Kunststudentenaktion eine Institution für Nischenkunst und rauschende Clubnächte, ein Knotenpunkt der Wiener Kunst- und Musikszene. Die Pop-Intelligenzia, die Lumpen-Bohemians, die Bobos – sie hatten hier eine Art Basisstation. Bei allem Enthusiasmus, irgendwann wurden aus den hunderten Stunden Freizeit auch normale Arbeitsverhältnisse für cirka 40 Leuten. Damit stieg natürlich auch der ökonomische Druck denn »die Wochenendparty muss gelingen, dann kann das Fluc sich auch die Avantgarde-Band oder das experimentelle Nischenprogramm unter der Woche leisten«, schreibt Martin Wagner im Prolog von »Tanz die Utopie!«. Das Buch zollt dem Containerbau mit Blick auf das Riesenrad mit 23 Texten von namhaften Autoren, Künstlern sowie den Gründern Tribut. Martin Wagner, Joachim Bock und Martin Moser alias Künstlergruppe Dy’na:mo haben zwar bereits 1998 mit einer temporären Klanginstallation in der Neulerchenfelderstraße den Grundstein für das Fluc gesetzt, es war aber bis 2001 nicht klar, wie weit dieses Projekt noch gehen wird. Sie haben jedenfalls nicht damit gerechnet, so lange im Geschäft zu bleiben.

Wir sind da, wo Oben ist. Und auSSerdem Unten.

Text Stefan Niederwieser Bild Span, MichaelGradwohl , AlexandraBerlinger, Raimund Appel

Man kann ja immer wieder beobachten, wie Clubs nach einer gewissen Zeit ein bisschen der Atem ausgeht, wenn der Buzz und der Enthusiasmus der ersten fünf oder zehn Jahre weg sind. Gürtel, Pratersauna, Flex, Titanic – sie alle erleben Phasen, in denen man weniger an sie denkt, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Das Fluc ist die Ausnahme. Man ruht sich nicht auf ein paar gut laufenden Abenden aus. Egal ob Techno, avancierter Pop, Weird Folk, Krach oder HipHop – immer wieder muss man ins Fluc, weil dort die relevanten Acts spielen. Das hat großteils mit Peter Nachtnebel zu tun, der sich um das Programm kümmert. Das Fluc hat außerdem einen ziemlich klaren Standpunkt, den Nachtnebel auch im Buch ausformuliert. Es liege an den Clubs, vor und nach der Party einen solchen zu vertreten – und währenddessen eben gute Musik zu spielen. Und im Falle des Flucs weigere man sich sich, nur zu verkaufen. Abende von Red Bull, Heineken und Burn findet man nur ganz, ganz selten. Underground und Independent, das war vielleicht mal, aber einfach verabschieden will man sich deshalb noch lange nicht davon. Und dass dabei noch alle Gäste unter der Diskokugel gleich sind, versteht sich dort – wie in den meisten anderen guten Clubs – von selbst. Im Fluc nur noch ein bisschen mehr. Dabei ist man bisher ohne Skandale und Shitstorms ausgekommen. Man vermeidet die ganz lauten Töne – in Presseaussendungen oder Club-Interviews. Das Fluc hat es geschafft, inhaltlich schwierig zu sein und sich trotzdem in das offizielle Bild der Stadt einzupassen. Ähnlich wie die »besetzte« Arena oder dem Amerling-Beisl. Es hat zur ökonomischen Aufwertung der Gegend beigetragen – Kathi Seidler beschäftigt sich im Buch ausführlich mit dem Bezirk, den Thomas Edlinger wiederum einen Subkultur-Kreativcluster nennt – und wehrt sich gleichzeitig gegen diese Logik. Es steht immer wieder neu vor der Herausforderung, seine Rolle zu hinterfragen und sich zu erneuern. Darin war das Fluc bisher die große Ausnahme. Es hat sich laufend verändert. Es war nicht damit zufrieden, eine Art Stammbeisl für alternde /Falter/-Leser oder Radio Orange-Hörer zu werden. Die sind natürlich eh ganz toll, aber irgendwann fehlt bei den besten Menschen der Mix und es bleibt außer einem Jargon der Subversivität, Körperpolitik und Selbstermächtigung nicht mehr viel über. Das Fluc hält Widersprüche aus. Und es entwickelt sich mit ihnen weiter. Das macht es so großartig. Sogar Hegel hätte seine Freude damit. Oder noch so ein Eierkopf, Michel Foucault, den der Mitgründer Martin Wagner am Ende seines Textes zitiert. Man schippert dahin auf diesen hellblauen Kultur-Containern und sucht die Orte der Träume und der Fantasie, diese poetischen Orte des Anderen. Zum Glück gibt es da am Praterstern das Fluc, das genau das jede Nacht aufs Neue versucht. »Tanz die Utopie! – Urbaner Aktivismus als gelebtes Experiment in der Wiener Kunst-, Medien- und Klubszene« mit Gastbeiträgen von Robert Misik, Kathi Seidler, Heinrich Deisl, Ursula Maria Probst, Martin Wagner, Thomas Edlinger, Christian Egger uvm. erscheint im Falter Verlag und wird am 6. Mai im Fluc vorgestellt. 045

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Diese Buchstaben prägten das Wiener Stadtbild und sind es wert gerettet zu werden. Der Verein Stadtschrift tut genau das und stellt sie aus.

Stadtschrift — Schriften in der Stadt zwischen lebendigem Vintage und Sammlerleidenschaft

Museum statt Mulde 046 Text Peter Stuiber Bild Andrea Katheder, martin ulrich kehrer , Philipp Brunner

Private Rettungsaktionen in letzter Minute, Bildergalerien im Netz, viele Emotionen: Das Thema Schrift in der Stadt erlebt seit einiger Zeit Hochkonjunktur. Warum eigentlich?

»Die schriftlose Stadt ist eine tote Stadt«, sagt der Kommunikationsdesigner Ruedi Baur. Daraus könnte man schließen: Noch nie war die Stadt so lebendig wie heute. Und tatsächlich wird man mit einer Fülle schriftlicher Eindrücke konfrontiert, sobald man das Haus verlässt: Straßenschilder, Verkehrsschilder, Leitsysteme, Plakatwerbung, Graffiti, Geschäftsbeschriftungen. Wer in einer halbwegs belebten Gasse oder Straße auf hundert Metern alles Schriftliche fotografiert, hat im Handumdrehen eine Typografie-Sammlung, mit der man eine Geschichte unserer Gesellschaft illustrieren könnte. Die Faszination für die Schriftbilder einer Stadt – insbesondere für Werbung – hat in der Kunst eine lange Tradition. Hierzulande ist es etwa der Schriftsteller und Fotograf Bodo Hell, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Thema auseinandersetzt. Sein legendäres Buch »Stadtschrift« aus dem Jahr 1983 reagierte mit Text und Fotocollagen auf die Eindrücke einer Fahrt mit dem Wiener Autobus 13a und ist nicht nur ein Klassiker urbaner Expeditionslust, sondern mittlerweile auch ein historisches Wien-Dokument. Wer kann sich noch an »ZERSTÖRT ES NICHT DENN ES KANN LEBEN RETTEN« erinnern? Das stand einst auf jeder Telefonzelle, heute ist es nirgends mehr zu sehen. Kein echter Kulturverlust – im Gegensatz zu jenen vielen Geschäftsbeschriftungen, die mit dem Wandel unserer Gesellschaft aus dem Stadtbild und damit aus dem Gedächtnis verschwinden.

Ein Stadt-alphabet Doch während es ziemlich sinnlos wäre, darüber zu trauern, dass Knopf- und Elektrogeschäfte zusperren, gibt es mittlerweile einige engagierte Menschen, die sich der Dokumentation und Rettung alter Geschäftsbeschriftungen verschrieben haben. Vorbilder dafür gibt es in Berlin. Dort wurde 2005 ein Verein gegründet, dessen Ziel die Bewahrung und Dokumentation von »Buchstaben und Zeichen unabhängig von Kultur, Sprache und Schriftsystem« ist. Daraus resultierte das Berliner Buchstabenmuseum, das sich nicht nur unter TypografieExperten herumgesprochen hat. Warum uns die Deutschen voraus waren, erklärt Vereinsvorstand Anja Schulze so: »Durch die vielen Umbrüche in Berlin entstehen immer wieder neue Trends, und viele andere Städte ziehen dann nach. Durch uns und unsere Vereins- und Museumsaktivitäten kommt das Thema stärker in die Öffentlichkeit.« Auch hierzulande brennt es einigen seit Langem unter den Nägeln. So etwa Martin Ulrich Kehrer. Der Linzer Grafikdesigner durchstreifte von 2006 an systematisch die Wiener Bezirke und fotografierte Geschäftsbeschriftungen, woraus 2009 das fantastische Buch »Stadtalphabet Wien« im Sonderzahl-Verlag (und eine gleichnamige Ausstellung im Wien Museum) entstand. Der Band ist heute längst vergriffen und bei Sammlern begehrt. Das Frappante daran: Wer darin blättert, sieht etliche Geschäftsbeschriftungen, die es heute – wenige Jahre nach der Dokumentation – nicht mehr gibt.

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Fundstücke aus dem Wiener Stadtbild hat der Linzer Fotografen Ulrich Kehrer im Buch »Stadtalphabet Wien« zusammengetragen.

Kehrers Methode war keinesfalls die der Schnelligkeit, sondern der möglichst lückenlosen Erwanderung eines Stadtgebietes. Tagesaktuell und schnell reagieren können all jene, die mit der Handykamera Fundstücke zusammentragen und sie im Netz uploaden. Hier zählt nicht immer fotografische Präzision, sondern die Reichweite von möglichst vielen Menschen. So brachte eine Facebook-Aktion des Wien Museums Anfang 2013 innerhalb weniger Wochen über 2.000 Einsendungen zu Schrift in der Stadt. Meist stammten die Fotos von Laien, die mit den Schriftbildern tägliche Stadterfahrung verbinden, Nostalgiefaktor inbegriffen.

Serif, Versalien, Freestyle, Verwittert Andere Fotosammlungen entstanden wiederum aus fachlichem Interesse. Ein Beispiel dafür ist www.typemuseum.com, einer Website, die von der Corporate Design- und Kommunikationsagentur dmcgroup betrieben wird. Geschäftsführer Ewald Pichler erzählt, dass dieses »Online-Museum« seit 1996 wuchs: »Im Grunde hat jeder Grafiker Typografie-Bilder in seiner Fotosammlung. Ich behaupte einmal, dass es in jeder Fotosammlung Typografie gibt, da sie in unserem Lebensraum überall präsent ist.« Das gestiegene Interesse motivierte, die Sammlung einem Relaunch zu unterziehen und sie allen zugänglich zu machen – als »Ausdruck der Gegenwart und Zeitdokument«. Jede und jeder kann dort Fotos uploaden und zur Vielfalt beitragen. 1600 »Exponate« sind es mittlerweile, die man nach Kriterien wie

»Serif«, »Versalien«, »Freestyle« oder »Verwittert« durchforsten kann. Eine Quelle der Inspiration – nicht nur für die Grafiker selbst. Von Stadtschrift inspiriert wurden auch die Typejockeys, ein Wiener Schrift- und Grafikbüro. Sie beschäftigten sich mit jener Schrift, die seit den 1920er Jahren für Wiens Straßenschilder verwendet wird, und entdeckten dabei 16 Varianten. Von diesen ausgehend entwarfen die Typejockeys eine eigene Schriftfamilie mit dem Namen »Henriette«, von der sie wiederum eine klassische Version (»Henriette Black«) zum freien Download anbieten – nach dem Motto: Von der Allgemeinheit genommen, der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Wie sammeln Doch nicht nur im Netz und mit Fotos wird zur Tat geschritten. Ähnlich dem Buchstabenmuseum in Berlin hat sich 2012 in Wien der Verein Stadtschrift gegründet. Das Ziel der Initiatoren Birgit Ecker und Roland Hörmann ist es, Bewusstsein zu schaffen »für die Bedeutung der handwerklichen Kunst, typografischen Vielfalt sowie der identitätsstiftenden Relevanz von Stadtbeschriftung«. Nachdem man bereits etliche alte Beschriftungen aus dem öffentlichen Raum gesammelt hatte, präsentierte man im vergangenen Herbst eine Auswahl davon im Rahmen einer kleinen Ausstellung, die viel öffentliche Resonanz erfuhr. Welche Schriften gesammelt werden? Zum einen »typografisch interessante«, womit nicht unbedingt typografische Vollkommenheit 047

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Von A wie Ästhetik bis Z wie Zoo buchstabiert das “Stadtalphabet Wien” die Stadt durch. Im Wien Museum gab es dazu ein Ausstellung.

Museen müssen tun, was ein Museum tun muss

gemeint sei, sondern der Charakter der Schrift, der auch charmante Eigenheiten haben und gestalterische Modetrends spiegeln könne. Auch »handwerklicher« Wert sei ein Kriterium, »da geht es etwa um eine seltene Bauweise oder auch die Geschichte, die in Form von Ausbesserungen, Modifikationen, Überfärbelungen etc. am Objekt »gespeichert« ist.« Und last but not least liegt der Fokus auf stadthistorisch relevanten Schriftzügen, die man vor der Mulde bewahren will: Je bekannter und stärker eine Beschriftung, desto besser. Der Verein Stadtschrift will Schriften nicht nur sammeln, sondern sie mit einer Präsentation der Bevölkerung gleichsam zurückzugeben. Allerdings auf andere Weise als beim Buchstabenmuseum in Berlin, das ja ein »echtes«, wenn auch privat betriebenes Museum ist. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, arbeiten Ecker & Hörmann zurzeit daran, einige Beschriftungen an gut frequentierten Feuermauern in der Stadt zu präsentieren. Doch noch hapert es am Geld. Wie überhaupt bei der Rettungsarbeit. Dazu kommt die Tatsache, dass Vintage-Händler mitunter ordentliche Preise für alte »Fußpflege«- oder »Milch«-Schilder zahlen. Anja Schulze meint dazu: »Wir als Buchstabenmuseum sind aber an diesem Markt nicht beteiligt. Wir sind nicht im kommerziellen Sinne unterwegs. Denn die, die verkaufen wollen, verkaufen auch immer an Leute, die entsprechend zahlen. Doch die Buchstaben, die bewahrt werden wollen, finden letztlich den Weg ins Museum.« Das Museum selbst kann auch bis heute nur dank ehrenamtlicher Arbeit betrieben werden.

Auch der Verein Stadtschrift hat kein Ankaufsbudget. »Für einzelne, besonders begehrenswerte Objekte wären wir schon bereit zu zahlen – wenn es dabei nicht um Fantasiepreise geht. Solange alles aus eigener Tasche bezahlt wird, sind aber Ankäufe auf Dauer für uns auch nicht leistbar. Deshalb montieren wir bis auf wenige Ausnahmen auf eigene Faust ab und zahlen maximal Trinkgelder für Demontagen.« Doch wäre es nicht eigentlich die Aufgabe von Museen, derartige Schriftzüge zu sammeln? Eigentlich ja – und sie tun es ja auch, wenngleich mit Einschränkungen. »Schön, dass sich das Wien Museum um Schwergewichte wie den Südbahnhof-Schriftzug oder das Stadtkino gekümmert hat. Dass nicht systematisch gesammelt wird, scheitert – wie wir glauben – am doch recht hohen Aufwand für Akquise, Koordination und Demontage«, so Birgit Ecker und Roland Hörmann. »Von privaten Organisationen und Sammlern wird dieses Feld aber ganz gut abgedeckt. Vieles, was wir schon aus der Stadt vermisst haben, ist uns jetzt in Lagern befreundeter Sammler wiederbegegnet. Vielleicht liegt die Aufgabe der Museen hier mehr in einer Hilfestellung als Kooperationspartner, Sprachrohr etc., um die Objekte aus den Kellern wieder ans Licht zu bringen.« Anja Schulze vom Berliner Buchstabenmuseum sieht die Konkurrenz zwischen Museen und privaten Stadtschrift-Initiativen auch eher entspannt: »Städtische oder staatliche Museen haben meist sehr abgesteckte Sammlungsprofile und widmen sich dem Thema eher in Sonderausstellungen.« Was beim Schriftensammeln jedenfalls stets Probleme schafft, ist die Lagerfläche, denn Schrift im öffentlichen Raum muss zwangsläufig groß sein. Das Buchstabenmuseum beklagt Platzprobleme, der Verein Stadtschrift freut sich darüber, seit Kurzem den Keller einer Wiener Gebietsbetreuung als Depot nutzen zu können.

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In Berlin sammelt man schon länger Stadtschriften. Ein Verein sammelt seit 2005 Exponate im Buchstabenmuseum.

Alles Vintage, alles Retro Der Vintage-Hype und das Schriftensammeln: Haben die beiden Phänomene etwas miteinander zu tun? Was das Feedback der Leute betrifft – ganz sicher. Vor zehn Jahren hätte es kaum als cool gegolten, sich für verwitterte »Fleischhauer«- oder »Coiffeur«-Schilder einzusetzen. Für die »Stadtschrift«-Initiatoren ist das Sammeln jedenfalls kein Selbstzweck: Ziel sei nicht nur, ein Bewusstsein für Schriftqualität zu schaffen. So fordern Birgit Ecker und Roland Hörmann nachhaltige, qualitative Beschriftungen an neuen Geschäften, etwa durch eine bauartbezogene Staffelung der Gebrauchsabgabe. Bedruckte Plastiktafeln, die allerorts Metallschriftzüge ersetzen, hätten einfach nicht dieselbe Wertigkeit. Und mit einem grundsätzlichen Missverständnis wollen sie aufräumen: »Uns geht’s nicht ums Zusammenraffen von möglichst vielen Beschriftungen. Ein schöner Schriftzug ist uns dort am liebsten, wo er schon lange hängt, für alle sichtbar. Oft stehen Lokale mit schönen Portalen ja Jahre leer. Erst in dem Moment, wenn der neue Mieter kommt oder der Bautrupp, dann ist Rettung auch wirklich Rettung. Darin liegt aber eben auch die Schwierigkeit: diesen Zeitpunkt zu erwischen.« Den richtigen Zeitpunkt erwischt hat der Münchner August Dreesbach Verlag. Wann, wenn nicht jetzt ist der Moment gekommen für eine eigene Zeitschrift zu Schrift in der Stadt?»Typotopografie« heißt die Reihe, die vor einem Jahr mit Heft 1 über München begann und mittlerweile Düsseldorf, Berlin, Leipzig, Wien und Frankfurt schriftenmäßig erkundet hat. Auch wenn der schlaue Titel etwas sperrig ist: Es handelt sich nicht um ein Nischenmagazin für Typografie-Nerds, sondern um Stadtexpeditionen in alle Richtungen – von alten Geschäften bis neuen Schrifttrends, von Buchbindereien bis zur lokal ansässigen Verlagskultur. Kurzum: Es bereitet auch demjenigen Lesevergnügen, der nicht weiß, was Minuskeln, Majuskeln oder Serifen sind. 

www.facebook.com/stadtschrift, www.stadtalphabet.at www.buchstabenmuseum.de, www.typemuseum.com 049

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bild Alexander Papis dokumentation Stefan Kluger

Workstation — MENSCHEN AM ARBEITSPLATZ

Valentin Hackl, 37, Europaletten-Designer

Eigentlich kommt Valentin Hackl ja aus der Eventbranche. Da liegen viele Europaletten herum: »Und irgendwann muss man sich niedersetzen«, erzählt der Designer. Vielleicht passt die Geschichte auch bloß gut ins Konzept. Eine Sache jedoch beschäftigte ihn stets: »Niemand hat Palettenmöbel mit Stil gemacht, sondern einfach nur schlampig gezimmert.« Seine Ideen kommen aus dem Alltag oder beim Spazierengehen durch Wien. Mission: Zweckentfremdung zum Wohlfühlen. Aus gewöhnlichen Europaletten werden Möbel gefertigt, die auf so klingende Namen wie »Sofa Hermann«, »Garnitur Leopold« oder »Die Chefpartie« hören. So geht dann echtes Upcycling, das den Namen verdient.

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Workstation — MENSCHEN AM ARBEITSPLATZ

Natalie Schwager, Cutterin

Sie wollte unbedingt was mit Film machen. Nach der Schule entdeckte sie dann zufällig den Schnitt für sich – und ist sehr glücklich damit. Die Filmeditorin (bevorzugt sie als Bezeichnung) studierte auf der Filmakademie Wien und gründete mit ein paar Compagnons La Banda Film. Dort entstand »Talea«, der auch regulär im Kino lief und einige Preise und Nominierungen abstaubte. Natalie war dort zudem Co-Produzentin. Teil ihres Berufes wäre es, sich in der Branche auszukennen, Filme zu begleiten. So wie bei ihrem letzten Projekt, dem Dokumentarfilm »Das Kind in der Schachtel«, der heuer auf der Diagonale Premiere hatte: »Ich wollte sehen, wie der Film beim Publikum ankommt. Und um danach eventuelle Fragen zu beantworten.« Derzeit arbeitet Natalie Schwager am Projekt »52 – The Trolley Bus« und sichtet das Material dafür in ihrem Wohnzimmer.

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Lyrik / Prosa Alexander Micheuz

alexander micheuz packt den lyrischen dampfhammer aus und schaut, was die untere gürtellinie an doppel- und trippelbödigkeiten hergibt. verse, nicht für lulus geschmiedet.

Extern und Hintern

brunzgedicht 63. kategorien-mashup von »es reimt sich halt so schön« & »sentenz« nicht immer kannst du glänzen, am beckenrand schüttle daher hin & wieder auch mal an die wand!

wortwatschen

ein wendepunkt, gut davongekommen

ich watsche du watschst er watscht sie watscht es watscht wir watschen ihr watscht sie watschen uns wird eine gewatscht ihnen wird eine gewatscht euch wird eine gewatscht ich werde gewatscht du wirst gewatscht sie wird gewatscht es wird gewatscht wir werden gewatscht ihr werdet gewatscht sie werden gewatscht ich werde watschen du wirst watschen sie oder er wird watschen bud spencer wird watschen wir werden watschen werden wir am ende werden wir uns gegenseitig bestens feste watschen wird einfach festes watschen sein

ich hätte mich erschiessen können, aber ich liess die büchse im regen stehen. auf das blech trappelten die wasserhahntropfen. der bezeichnete vogel war schon tot. ich stellte mich tot. irgendwo im wald. ich hörte einen knall. aber zwischen selbstreflexion und dem finger am abzug bleibt bekanntlich wenig platz fürs zuhören. eine stimme schien mit mir zu spielen. ich griff in den abfluss und zauberte einen atmenden lungenflügel hervor. ich hielt ihn längere zeit verstohlen ans schöne ohr. er hörte nicht auf zu röcheln. also briet ich das zarte, violette fleisch im letzten rest vom grammelfett. ein gedicht, das gericht.

hinterngedicht 94. not gegen elend ein hintern macht doppelt sinn hinternen und externen

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brunzgedicht 4. »nachdenklich« meine lebenszeit verrinnt so geschwind, verrinnt, verronnen, versickert …

brunzgedicht, kategorie »metabrunzen«

AD PERSONAM Alexander Micheuz, geboren 1983 ist in Bad Eisenkappel / Železna Kapla, ist im Grenzgebiet von Kärnten und Slowenien aufgewachsen. Das Studium der Germanistik (Abschluss mit einer Arbeit zu Werner Schwab), verschlug ihn nach Graz. Micheuz, der seine Sätze und Worte sehr penibel und mit Bedacht wählt, ist vor allem in der Kurzprosa und Dramatik zu Hause. 2012 wurde etwas sein Kurztheaterstück »Von der Liebe zu den Dingen und Menschen« uraufgeführt (Papierfabrik Graz). Er neigt aber auch zu aktionistischen Aktionen. Im Vorjahr eröffnete er gemeinsam mit Kathrin Bach die fiktive U-Bahnstation »Urinal 1« am Grazer Hauptplatz. Passend dazu einige Hintern- und Brunzgedichte.

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von ganz oben brunze ich herunter schiffe ich gegen den wind daraus entstehen denkbar kryptisch: hydroglyphen

brunzgedicht 112. kategorie »paranormal activity« ich bin ein alien, kennst mich eh ich schiffe konkrete konzentrische kreise in den schnee

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„Die Presse am Sonntag” ist fünf. Geburtstags-Abo: 5 Euro/Monat DiePresse.com/sonntagsabo

Wir schreiben seit 1848

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AB HIER: REZENS ONEN

143 Fennesz Bécs (Editions Mego)

Oh, Vienna Machst du Geräusche, machst das mit Liebe, machst das mit Können, machst das über Wien, wo du herkommst. Wirst total gefeiert, nur halt nicht hier. Aber was für ein Album. Als Christian Fennesz 2001 »Endless Summer« veröffentlichte, hat es die elektronische Musikszene getroffen wie ein Tsunami. Das schrieb der britische Resident Advisor. Nach diesem Meilenstein von Album durfte sie auch sonnig sein, fühlbar, fast spätromantisch. Daran will »Bécs« nun anknüpfen. Christian Fennesz ist heimgekommen, er wohnt wieder ganz hier, veröffentlicht das Album wie früher auf dem international wohl wichtigsten Wiener Label, Editions Mego, er hat es hier aufgenommen und es auch gleich entsprechend benannt, nach Wien, auf Ungarisch. Bei der Interpretation von abstrakter Musik ist man ja auf relativ wenige Indizien angewiesen. Das ist auch gut so und eine ihrer Stärken. Dadurch werden die wenigen Bedeutungsträger mitunter zu wichtig genommen, ein Cover, ein Albumtitel, eine beiläufige Äußerung. »Bécs« ist nun kein zweites »Endless Summer«. Aber im Unterschied zum harschen, finsteren »Black Sea« sucht es sozusagen das Licht, das magisch rauscht. Die Künstlerin Tina Frank hat das Artwork aus Fotografien vom neu entstehenden Wiener Hauptbahnhof gestaltet. Es zeigt Wien, »als würde man vom Osten in die Stadt kommen, mit einer dunklen, cineastischen Note«. Fennesz spielt darauf für ihn typische Qualitäten aus. Er deutet an, moduliert und überlässt es dem Ohr, sich an immer neuen Feinheiten zu orientieren. Das zentrale und fast genau zehnminütige »Liminality« kennt man von seinen Live-Performances. Auf »Paroles« hört man sie auch, die Gitarre, die Fennesz ja gegenüber vielen anderen Abstrakten auszeichnet. Immer wieder hat sich Christian Fennesz auch mit Gustav Mahler beschäftigt, er spürt eine besondere Nähe zum Spätromantiker, der zugleich in die Moderne blickte. Es gibt bei beiden »das große Wuchtige und kleine Feine auf einer Linie«, wie er das in einem Interview nannte. Und ja, seine Tracks brillieren sowohl auf einer mikroskopischen wie auch makroskopischen Ebene. Fennesz hat »Bécs« lange perfektioniert, das nun wieder klingt wie nichts anderes in der Musik unserer Zeit, das einen einzigartigen Ausdruck in Sounds gefunden hat. Man muss sich ja nicht gleich fragen, woran wir uns in 30 Jahren erinnern werden, um »Bécs« auch jetzt schon zu lieben. Aber es schadet auch nicht. 09/10 Stefan Niederwieser 057

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Mac DeMarco Salad Days (Captured Tracks)

m u si k

Wye Oak Shriek (City Slang)

Lass mal, schon okay

Buchen suchen, Eichen weichen

Mac DeMarco wird jetzt gegen Nervosität und Hyperaktivität verschrieben. Seine Songs kosten die grünen, allerbesten Jahre im ultimativen Leerlauf aus.

Das liebreizende Duo aus Baltimore, das einst noch mit seinem Indie Folk entzückte, hat unlängst die Akustikgitarren weggeschmissen. Übrig blieb besserer Dream Pop.

Mac DeMarco macht keine Musik, die man lange erklären muss. Er schreibt Songs von der Sorte, bei der es ziemlich geradlinig zugeht. Die Gitarren klirren hübsch, das Tempo ist gemächlich, die Stimmen entspannt und seine Themen sind gar nicht so überraschend. Man muss sich nicht lang umsehen, um zu verstehen, warum dieser 23-Jährige mit Zahnlücke und Schlabberkappe gerade der Mann der Stunde sein soll. Er ist als Middle Class Kid in Kanada aufgewachsen, hat Fußball gespielt und ein angenehmes, grundsympathisches Lachen. Und natürlich sind seine Songs sehr, sehr gut. Was das heißt, gute Songs? Mac DeMarco hat ein ganz besonderes Gespür für den Flow, für Phrasierungen, für offene, fast jazzige Akkorde und für das Gleichgewicht zwischen den wenigen Instrumenten der Band. Klar, das ist noch nicht alles. Der Slacker, das war eine bestimmende Figur der alternativen Popkultur der frühen 90er. Kein Text über den kanadischen Songwriter kommt ohne ihn aus. Bei ihm schwingt ständig dieses Versprechen vom einfachen Leben mit, das aus irgendwelchen Veranden mit lauen Sommerabenden, Bullshit und Nichtstun besteht – ganz verführerisch. Es passt fast zu gut zusammen, die übergroßen Pullis, die schlurfenden Songs, die Gelassenheit. Alles ist schon okay, sagt uns Mac DeMarco immer wieder. Es ist ein Spiel. Mac DeMarco ist eine Persona, er ist nicht der simple Dude vom Reihenhaus nebenan. Zumindest nicht nur. Viel eher ist er jemand, der – wie etwa schon Jonathan Richman – den Naivling fakt, bis er ihm ins Blut übergeht. Live steckt er sich Drumsticks und seinen Daumen in den Arsch und covert Limp Bizkit, Weezer oder U2. Letztens hat er Tyler The Creator produziert. Mac DeMarco macht natürlich relativ wenig draus. Es gibt keinen doppelten Boden, keine Kunst, keinen Wahnsinn. Mac DeMarco pfeift drauf, macht erst einmal gar nicht so viel anders als auf dem Vorgängeralbum »2«. Das passt. Mach es dir gemütlich mit diesen lässigen Songs. Die Weltrevolution, lass mal, schon okay, die machen wir später. 07/10 Stefan Niederwieser

Schöne Geschichte. Andy Stack und Jenn Wasner nennen sich als Band nach einer 460 Jahre alten Eiche, der »Wye Oak«, die ihren Heimatstaat Maryland als »state tree« repräsentierte. 2002 wurde diese von einem bösen Sturm umgerissen, es ist also quasi eine posthume Hommage an den geschichtsträchtigen Baum. Vielleicht war das mit den Gitarren eine ähnlich tiefgründige Aktion. Wasner sieht das nicht unbedingt so. Sie assoziierte mit den Gitarren bloß immer häufiger eine Art Ballast, den sie schließlich irgendwann abwerfen mussten. Trotzdem auch ein bisschen eso. Jedenfalls hat sie den Gitarren tatsächlich den Laufpass gegeben. Ihrem Partner war das eher wurscht, er hatte mit Schlagzeug und Keyboard sowieso nach wie vor alle Hände voll zu tun, spielt er doch beide Instrumente gleichzeitig. Ja, das geht. Für den Sound des neuen Albums »Shriek« erwies sich die instrumentale Erleichterung als sehr produktiv. Aus dem, was übrig blieb, kristallisierte sich glasklarer Dream Pop heraus. Mehr Dream als Pop mit ein paar wie zufällig platzierten, elektronisch verspielten Sprenkeln. Es ist eine präzise Aufwertung des Sounds der beiden Future Islands-Chums aus Baltimore. Dort scheint sowieso etwas in der Luft zu liegen. Erfreulicherweise hat sich durch die kleine Umorientierung das Songwriting selbst nicht wirklich verändert. Obwohl sich Wye Oak im Vergleich zum Vorgänger-Album »Civilian« mittlerweile so eindeutig von der Verankerung im US-amerikanischen Folk gelöst haben wie die mächtige Maryland-Eiche aus dem Boden, sind ihnen die feinen Rätselhaftigkeiten, die freistehenden und sich wie von allein lenkenden Melodien (»Glory«) und Wasners in allen Oktaven wundersame Stimme (»Sick Talk«) erhalten geblieben. Es wäre aber sinnlos, die Songs gesondert voneinander zu beschreiben. »Shriek« ist stimmig wie rastlos, steht dabei über sich selbst und hat schön-schaurige Abgründe. Die vertonte Introspektion eines Lebenswandels vielleicht. Eigentlich funktioniert hier ja kaum etwas nicht. 07/10 Nicole Schöndorfer

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Fatima Al Qadiri Asiatisch (Hyperdub)

m u si k

Elektro Guzzi Observatory (Macro Recordings)

Metapop

Beste Techno-Band der Welt

Das Laden einer Waffe und Sinead O’Connor. Auf Fatima Al Qadiris Debüt geht sich Diskurs und Bass aus. Unheimlich, verdächtig, gut.

Würden Jeff Mills, Carl Craig und Mike Banks eine Instrumental and gründen, sie würde nicht so gut wie Elektro Guzzi klingen.

Da ist etwas, was verdächtig nach einem Midi-PresetEs muss im Sommer 2008 gewesen sein, als ich ElekChor klingt. Darüber eine Frauenstimme. Der Text tro Guzzi, damals noch in der ersten Formation, an asiatisch. Die Melodie verdächtig bekannt. Es haneinem schwülen Samstagabend ins Wiener Rhiz delt sich um ein Cover von »Nothing Compares 2 U« eingeladen habe, um dort zu spielen. Ich kannte die mit dem Titel »Shanzai (for Shanzai Biennial)« und Band davor nur vom Hörensagen. Während des Konbildet nicht nur den Opener, sondern auch gewisserzerts gingen wundersame Schauer durch den Raum, maßen den Schlüssel zu Fatima Al Quadiris Debütalbum »Asiatisch«. ausgelöst von dieser unglaublichen Eingespieltheit der Musiker unterDer Titel nimmt zahlreiche Aspekte des gesamten Werks vorweg: den einander, die sich blind verstanden und gleichberechtigt behandelten starken Bezug zu Kunst (auf den der Begriff »Biennial« schon hinweist), – für einen rohen Sound, den sie nur mit ein paar Instrumenten und die Beschäftigung mit und Reflexion von Popkultur sowie eine Mixtur Effektgeräten aus dem Nichts meißelten. Viel früher schon wurden von eigenartigen, ja unheimlichen Sounds, die sich in binär kodierter ja in den Fabriken in Detroit die Menschen abgeschafft. So wie dann Wonne zuerst miteinander, dann auseinander bewegen. Im Verlauf später in der Musik. Das war Techno. Aber Maschinenmusik, ja, das dieser unglaublichsten aller Versionen werden die Chöre immer dis- geht offenbar auch mit Menschen. Elektro Guzzi, die klingen dabei sonanter, so als hätten sie es satt, die Hintergrundmusik für eine Neu- wie smarte Maschinen. Nicht nach Roboter. Nicht nach Autoindustrie. auflage des Hits aus 1990 zu sein, als distanzierten sie sich absichtlich Mehr wie ein Touchscreen, über den man gerne wischt. von massentauglichen Melodien, vom Bekannten. So kann sich also Techno anhören, der im Jetzt daheim ist. Sechs Das Album fühlt sich nach unsicheren Zeiten und einem Haufen Jahre und vier Alben nach dem Gig erscheint »Observatory«. Wieder von Problemen an, die jeden Moment am Horizont aufziehen könnten. auf Macro. Wieder mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Alles klingt noch Aber Al Qadiri schafft hier nicht nur ein temporäres, gefährliches Stim- mehr ineinander verwoben und ist dabei so unvorhersehbar. Elektro mungsbild der Zeit, das man als Artefakt der 2010er Jahre in einer Ku- Guzzi verzaubern vom ersten Schlag an und fordern trotzdem mit riositätenkammer der Zukunft finden wird, sie schafft erschreckend intelligenten Rhythmus-Strukturen und Harmonie-Wahnsinn. Hier eingängige Musik. Diese schreit zwar lauthals: »Ich bin komplex«, aber wird nicht berieselt, sondern Nerven und Synapsen werden gekitzelt. nicht laut genug, um nicht ab und an von sich selbst übertönt zu wer- Dabei hat sich die Band weit über die Kernidee – Techno mit echten den, während sie im Club läuft. »Asiatisch« – (warum eigentlich ein Instrumenten – entwickelt. Grooves, Sounds, Strukturen, das scheint deutscher Titel?) beschäftigt sich mit einem »imaginierten China«, wie alles noch besser zu sitzen, wenn es ein dermaßen gut eingespieltes die Künstlerin in einem Interview mit Pitchfork erzählt. Diese zehn Trio macht. Gleichzeitig hat man das Gefühl, hier den perfekten GeTracks verbinden Kritik an medial geprägter Wahrnehmung fremder genentwurf zur seichten Happy House-Welle zu hören. Wenn einem Kulturen, Kunstdiskurs und basslastige Clubnächte und verweisen da- wie z.B. bei »Alaska Flip« verspielte Sound-Details wie der Klang eines bei ständig auf diese Verbindung. Ein Konzeptalbum einer Konzept- Pianos entgegenzischen, obwohl hier gar kein Tasteninstrument zum künstlerin. Dabei Musik per se. Verdächtiger Metapop. Einsatz kam, wird einem erst bewusst, in was für einer Liga Elektro Und sehr gut. 09/10 Amira Ben Saoud Guzzi mittlerweile spielen. Und die ist nicht von dieser Welt – die ist ganz oben auf der Playlist deines Smartphones. 09/10 Johannes Piller 059

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Sam Smith In The Lonely Hour (Universal)

m u si k

Lykke Li I Never Learn (Warner)

Angenehm langweilig

Selbstverwirklichungsmusik

Sound of 2014 und Garant für nerviges Genöle Sam Smith veröffentlicht sein Debüt. Kuschelrock-Sampler bekommen damit ziemlich viel potenzielles Material.

Lykke Lis Popmusik ist die direkte Übertragung der Gefühlswelt in Sound. Auf dem dritten Album sind die Tränen immer noch nicht trocken.

Leidiges Falsetto-Winseln, eingängige Hook, Standard-Beat à la Naughty Boy – Sam Smith wollte mit der Vorab-Single zu seinem Album wohl ein »La La La« 2.0 bieten und hat dies in Sachen Radio-Rotation und Nerv-Potenzial auch eindeutig geschafft. Auf Albumlänge schlägt der entfernte Cousin von Lily Allen nun aber eine völlig andere, noch viel lahmarschigere Richtung ein. Eingestellt hatte man sich ja auf eine Platte voller »Money On My Mind«. Sam, der alte Wiffzack, hat uns vollkommen hinters Licht geführt. Wo sind die hektischen Beats, wo das Gejaule, wo die unliebsame Vokalakrobatik? Wir haben hier auf der normalen Nicht-so-deluxe-Version des Albums zehn Tracks, neun davon sind weichgespülte Kuschel-Soul-Balladen, einer ist »Money On My Mind«. Das verwirrt erst mal. Und klingt verdammt stark nach James Morrison. Schläfrig wird man außerdem auch. Und oh Gott, »I’m Not The Only One« würde einfach so megagut in eine dieser After-Fight-Szenen eines kitschigen RomCom-Streifens passen. Owen Wilson spaziert nachdenklich im Regen und denkt über den heftigen Streit mit Kate Hudson nach, während die zuhause sitzt, sich Fotos ansieht und heult. Ein Hundebaby sollte auch vorkommen. Ah, Gospel-Chor im Background. Nicht schlecht. Sam Smith ist ganz offensichtlich ein ernstzunehmender Künstler und Musiker. Das erkennt das geprüfte Pop-Auge hier schon am Depri-Artwork. Gedankenvoller, nach unten gesenkter Blick, das traurige Gesicht an den Händen abgestützt. Sam Smith trägt schwarz. Meine Damen und Herren, serious artist right there. Dürfte sich eigentlich recht gut verkaufen. Adele hat immerhin mit faden Liebeskummer-Schnulzen einen Megaseller geschafft. Will uns Sam Smith etwa die männliche Adele machen und dabei wie James Morrison klingen? Anscheinend. Angenehmer als »La La La« klingt das allemal, also sollte man sich wohl glücklich schätzen, dass »In The Lonely Hour« so schnarchig ausgefallen ist. 03/10 Franz Lichtenegger

Lykke Li wollte Künstlerin werden, der Wunsch nach Ausdruck stand vor der Wahl der Musik als Medium. Die Grenzen des Selbst sind aber weitaus endlicher als die der Musik, womit die Schwachstelle von »I Never Learn« auch schon gefunden wäre: Viel Innovation oder auch die vielzitierte Weiterentwicklung wird man hier vergeblich suchen. Was die Sängerin aber definitiv erkannt hat, ist, dass ihr großes Können in der traurigen und schweren Ballade liegt, auf die sie sich bei ihrem dritten Album konzentriert. Der Sound von »I Never Learn« ist sehr viel abgerundeter, die Zusammenstellung der Nummern stimmiger, die Arrangements gezielter, größer, reifer. »I Never Learn« klingt nach einem Soundtrack – so als würde sich Lykke Lis Filmerfahrung, die sie in einem Krimi von Tarik Saleh, der auch ihr bevorzugter Musikvideoregisseur ist, nun auch in ihrer Musik widerspiegeln. »Gunshot«, »No Rest For The Wicked« und »Love Me Like I’m Not Made Of Stone« sind die Felsen in der Brandung des Albums und machen ein ausgezeichnetes Drittel – »I Never Learn« besteht nur aus neun Stücken – aus. »Silverline« und »Heart Of Steel« gehören zu den weniger gelungenen Nummern; da wird die Kitschgrenze dann leider doch überschritten. Was Lykke Li und ihre Musik aber so bezaubernd macht, ist neben der fesselnden Stimme die Tatsache, dass die Grenze zwischen »der richtigen Person« und der Künstlerin so gut wie gar nicht vorhanden zu sein scheint. Dass sich da eine größere Kluft auftut, hätte man nach dem Erfolg von »Wounded Rhymes« eigentlich erwartet. Mehr Inszenierung, größeres Tamtam. »I Never Learn« kann als Gegenansage aufgefasst werden – es gibt von Seiten der Sängerin offenbar kein Interesse, aus irgendetwas anderem als sich selbst zu schöpfen. Es ist eine ganz spezielle Form der Unabhängigkeit, die Lykke Li immer stark und autonom wirken lässt, da kann sie in Text und Bild noch so viele Tränen vergießen. Bei Themen wie Liebesleid, Verletzlichkeit und Schwäche ist das ein großes Kunststück. 07/10 Amira Ben Saoud

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SUBOTRON/WKW pro games Veranstaltungsreihe zur Praxis von digitalen Spielen im MuseumsQuartier / quartier21 / Raum D, 1070 Wien subotron.com/veranstaltungen/pro-games/

Hamilton Leithauser Black Hours (Ribbon Music)

Namedropping Solo #Supergroup. Not. Das Solodebüt des (Ex-)The Walkmen Frontmanns Hamilton Leithauser zaubert Frühlingssonne in Indieherzen und ist ein Gipfeltreffen von Genre-Größen. Hamilton Leithauser ist nicht nur ein Name, der gut runtergeht, sondern einer, der in der ersten Dekade der 00er Jahre einiges an musikalischem Gewicht angesammelt hatte. Nachdem die Indierock-Größen The Walkmen ihren Winterschlaf auf unbestimmte Zeit bekannt gaben, rührte sich Sänger Hamilton mit der Ankündigung seines Soloalbums. Soloalbum mit Gänsefüsschen, denn Leithauser versammelt ein Ensemble um sich, das auch gut und gerne als Indie-Supergroup verschrien werden könnte. An Bord sind Rostam Batmanglij (Vampire Weekend), Paul Maroon (The Walkmen), Morgan Henderson (Fleet Foxes), Richard Swift (The Shins) und auch die bezaubernde Amber Coffman (Dirty Projectors) leiht ihre Stimme für Vocals. Hashtag: Supergroup-Alarm! Aber eben doch nicht, denn tonangebend ist Leithausers Gesang und dieser fällt heller, mutiger, entspannter und auch dominanter, als zu Walkmen-Zeiten aus und bildet den roten Faden von »Black Hours«. Leithauser verabschiedet sich nicht nur von der Rückendeckung des Status Band, sondern auch vom Genre Rock. Durchdachter Kammerpop, der es mit Genre-Grenzen nicht so ernst nimmt, ist das Ergebnis. Trotz eingängiger Melodien und poppig-optimistischem Grundtenor biedert sich »Black Hours« in keiner Sekunde an. Im Gegenteil ist es ein Album, dessen Qualität es für einen persönlich zu erobern gilt. Den größten Stolperstein dabei liefert Leithausers Stimme selbst, da sie – unweigerlich an die Strokes erinnernd – anfangs deplatziert wirkt, umgeben von der filigranen, liebevollen und niemals aufdringlichen Instrumentierung. Auf »Black Hours« gibt es eine Welt an farbenfrohen und verspielten Details zu entdecken, in denen die wahre Größe des Albums verborgen liegt. Die bewusste Distanzierung von synthetischem Sound ist dabei weniger Statement als willkommene Abwechslung. »Black Hours« ist für Leithauser ein deutlicher Schritt nach vorne ins ungeteilte Rampenlicht, aber auch Blick zurück auf die muntere Blütezeit des Indiepops. 07/10 Stefan Schallert

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Do. 08.05.14, 19h Branchenübergreifende Zusammenarbeit: „Beatbuddy“ Wolf Lang Business Development and Co-Founder bei THREAKS GmbH, Hamburg

Do. 22.05.14, 19h Von der Geschäftsidee zum funktionierenden Geschäftsmodell Dr. Karoline Simonitsch www.ks3.biz / www.erfolgsfabrik.at

Do. 05.06.14, 19h Live-Pitch österreichischer Games #3

Die VertreterInnen der nominierten Games aus den Kategorien „Studentenprojekt“ und „Firma“ haben im Vorfeld der Veranstaltung einen Pitch-Workshop der Wirtschaftskammer Wien absolviert. Jetzt müssen sie in 5 Minuten die internationale Expertenjury von ihrem Projekt überzeugen und bekommen umgehend direktes Feedback. Beurteilt werden sowohl die Präsentation als auch das Spiel selbst.

Do. 19.06.14, 19h Austria Indiebooth

EntwicklerInnen diskutieren über aktuelle Chancen und Herausforderungen von Game-Development in Österreich und laden zum Test ihrer neuesten Projekte.

Unterstützt von www.creativespace.at – Die Kreativplattform der Wirtschaftskammer Wien

Medienpartner:

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01/10 grottig 02/10 schlecht 03/10 naja 04/10 ok, passt eh 05/10 guter Durchschnitt 06/10 sehr gut 07/10 super 08/10 ein Top-Album des Jahres, Genre-Klassiker 09/10 absolutes Meisterwerk

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M185 Everything Is Up (Siluh)

#ÄhmEinhundertfünfundachtzig

m u si k

Der Nino aus Wien Bäume / Träume (Problembär Records)

Nah an der Rasierklinge gebaut

Noise, New Wave, Post-Rock, Indie-Pop – M185 lösen die letzten Jahrzehnte des Rock & Roll in harmonischen Riffs und schrammeliger Dissonanz auf.

Nach eher langer Pause brilliert Wiens Vorzeigebarde auf zwei Alben vor allem mit dem folkigerem »Bäume«.

m83, L7, m185 – keine vermissten malaysischen Flugzeuge, sondern schwer googlebare Bandnamen. Im Gegensatz zu den vorwiegend britischen »The« -Bands, die Mitte der 00er Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen, morst Pop heute mit Bands, denen Konsonanten fehlen à la Sbtrkt oder Chvrches, ver-»xten« à la The xx, xxyyxx oder Verwandtschaftsverhältnissen wie Sohn, Daughter oder Boy wieder kryptische Bandnamen. Diese müssen keinen tieferen Sinn haben, sondern einfach nur von der Ästhetik her funktionieren – auf vergilbten Polaroid-Covers und Jutebeutel. Auch wenn sich keiner so recht traut, es als Erster auszusprechen: Die Wiener Band m185 hat einen dieser Internet-Bandnamen, den man sich nur in Kombination mit einfachen Songtiteln merkt. Mit »Spoon« etwa, der ersten Single zu ihrem dritten Album »Everything Is Up«: Da prescht eine dreckige Leadgitarre gleich vorneweg, vermischt sich mit dieser kreidigen Stimme von Sänger Wolfram Leitner, mit trockenen Basslinien und verzwirbelt sich zu dieser traumhaft hookigen Melodie. Man muss ein bisschen an »Kracked« von Dinosaur Jr. denken. Die Wiener GarageRock-Band macht Indie-Rock. Keinen so poppigen wie Gin Ga, keinen diskursiven wie Ja, Panik und keinen elektroiden wie Francis International Airport oder Mauracher. Man hat offenbar in letzter Zeit weniger Sonic Youth, aber trotzdem viel krachigen Rock der frühen 90er gehört. Aber während die Songs früher mit reichlich schroffem Noise aufgeraut wurden, wirken m185 nun gesünder und aufgeräumter. Und die krautigen Schrammeleien mit geröteten Bäckchen stehen der Band. Oder auch die Bläser- und Chor-Arrangements. Man weiß bei m185 zwar immer, dass es in den usa, in der Normandie oder in Polen auch zahllose Bands gibt, die ganz ähnliche Sounds fabrizieren, dass diese Musik also absichtlich nichts Neues ist, sondern mehr ein bestimmtes Gefühl sucht, wie eine Autofahrt in einem coolen Karren. Aber es geht eben darum, wie diese Fahrt besonders lässig werden soll, wie alle Details zusammen stimmen. Und auf »Everything Is Up« tun sie das schon. 07/10 Franziska Tschinderle

Der Nino aus Wien hat verkündet, gleich zwei Alben auf einmal zu veröffentlichten. Der, dem es mit dem wunderbaren ersten und fantastischen zweiten Album gelang, gleich mehrere Leben neu zu definieren und so viele seiner Zeilen in so viele Gedächtnisse zu zementieren. Auch dem hohen Output geschuldet, konnten die Folgealben da nicht nahtlos anschließen, dennoch machte die Ankündigung den Jahreswechsel zu einer Herzklopf-Sache. »Bäume« und »Träume« heißen sie da, die neuen Schmuckstücke, praktischerweise aufgeteilt zwischen den Stühlen, auf denen der freundliche Herr Mandl mit seiner Kombo seit jeher sitzt. So orientiert sich »Bäume« musikalisch, lyrisch und überhaupt an den früheren, ruhigen Stücken wie »Vollenden« oder »Unknown Live Song«, wird getragen von spärlich instrumentieren Alltagswahrhaftigkeiten und einer textlichen Brillanz, die dem häufigen Vorwurf, es würde um gar nichts gehen, in ya face rotzen. Dieses Mal geht es um alles. Die Speerspitzen und Welthits »Davids Schlafplatz«, »Jena« und das Titelstück, das bald wohl auf jedem Liebes-Mixtape das Schlusslied sein wird, runden »Bäume« ab und machen das durchgehend großartige Hörerlebnis zum perfekten Soundtrack für betrunken-emotionale Nachtbusfahrten an den Stadtrand, für bedeutungsschwangere LateNight-Facebook-Liebesbekundungen, kurz: für alle leidenschaftlichen Heisltschick und Tachinierer vom Branntweiner, die zwar nicht am Wasser, aber doch schon nah an der Rasierklinge gebaut sind. Dieses höchstsympathische Klientel spricht das separat produzierte und erhältliche »Träume«, das den, äh, poprockigeren Nino zeigt und eindeutig mehr Bandplatte ist, nur mehr teilweise an. Die Markenzeichen gewordene lyrische Abgrund-Exaltiertheit findet man nur in drei Stücken, »Anna Maria Morett«, »Grant« und »Die Hütte vor dem Haus«. Die anderen Nummern sind dafür vom Zusammenspiel her mit das Beste der Gruppe bis jetzt und schmecken ein bisschen nach Contemporary Radio in gut. 09/10 bzw. 06/10 Dominik Oswald

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Collage: Collage: Collage: OlafOlaf Osten Olaf Osten +Osten Katharina + Katharina + Katharina Gattermann, Gattermann, Gattermann, Photo: Photo: Damaged Photo: Damaged Damaged Goods Goods /Goods Meg / Meg Stuart / Meg Stuart “Sketches/Notebook” Stuart “Sketches/Notebook” “Sketches/Notebook” © Iris © Janke Iris © Janke Iris Janke

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R ez Nächster Halt: Fruitvale Station (von Ryan Coogler; mit Michael B. Jordan, Octavia Spencer, Melonie Diaz) — Am frühen Neujahrsmorgen 2009 mündeten die Probleme des modernen Amerika – Vorurteile, Rassimus, Intoleranz – in eine Tragödie, die zum Medienereignis wurde. Ryan Coogler beginnt sein Spielfilmdebüt sogleich mit der Original-Footage des letztlich letalen Oakland bart Police Shooting rund um Oscar Grant. Wäre dieser ein Weißer, würde er in Wien leben, er wäre ein Strizzi. Nur: Oscar ist schwarz in einer Gesellschaft, in der schwarze Selbstermächtigung jahrzehntelanger weißer Stigmatisierung gegenüber steht. Sein Leben pendelt zwischen der Sehnsucht nach Kleinfamilien-Idylle und ökonomischem Scheitern. Coogler orchestriert seine kleine US-Gesellschaftsstudie als Ineinandergreifen von Ausstattungs-Codes und Schauspiel, Musik und Drehbuch. Ihn interessiert die Gesellschaft, in der das Entsetzliche passierte, ohne voreilig einer ideologischen Gewaltspirale zu folgen. Eine gegen die Sonne gefilmte US-Karre als Fetisch vor dem Einfamilienhaus gehört ebenso zum Kanon wie die Begegnung mit einem weißen Creative-Industries-Typen, der sich als Gewinner des American Dream gibt. Auch dem Film selbst sieht man seine Herkunft an: Die am Hollywood-Look orientierte Kamera und das dominante Sounddesign fixieren emotionalisierend die raren Augenblicke des Glücks. Umso verzweifelter wirkt die abrupte Stille als filmische Inszenierung der Tragödie. Mit »Fruitvale Station« ist das BART Police Shooting erneut Medienereignis. Erneut Anlass für Kritik und einen Kinobesuch. 09/10 Peter Schernhuber Kreuzweg (von Dietrich Brüggemann; mit Lea van Acken, Franziska Weisz, Florian Stetter) — Sie würde sich vorstellen, eine Heilige zu sein, beichtet sie dem Pater vor ihrer Firmung. Und dass sie ihr Leben geben würde, damit ihr kleiner Bruder spricht – denn Maria, 14 Jahre und Kind einer streng katholischen Familie, sieht die höchste Erfüllung des Glaubens darin, Opfer zu tun. Die Neugier an Christian, dem netten Typen aus der Parallelklasse, bleibt bloße Andeutung. Nicht einmal Bernadette – das Au-Pair ist ihre einzige Vertraute – kann sie davon überzeugen, dass das Leben von Gott bestimmt ist. Aber wer sagt, dass ihr Weg nicht der eines Martyriums ist? So erzählt sich am Kreuzweg Jesu orientierend in 14 dokumentarisch-statischen Bildern Marias ganz eigener Leidensweg, der in einer Erfüllung mündet. Einer Erfüllung, die sich befremdlich nah und wahr anfühlt. 08/10 Miriam Frühstück Zulu (von Jérôme Salle; mit Orlando Bloom, Forest Whitaker, Tanya van Graan) — Ein weißer Mann liegt tot in der Wüste, einige Meter weiter lehnt sein Mörder an einem Baum und tut seinen letzten Atemzug. Er hat so lange auf ihn eingeschlagen, bis der Sand um seinen Kopf herum mit roten Blutflecken gesprenkelt war. »Um Frieden zu schließen, arbeite mit deinen Feinden und sie werden zu deinen Partnern«, hat er, der da blutig lehnt – Ali Neumann (Forest Whitaker) –, noch wenige Wochen zuvor den südafrikanischen Staatshelden Nelson Mandela zitiert. Zwei Mädchen wurden zuvor brutal ermordet, die Spur führt in die von Gewalt und Drogenmissbrauch geprägten Townships. Regisseur Jérôme Salle setzt mit »Zulu« keinen prototypischen Post-Apartheid-Thriller in Szene, sondern vielmehr einen sozial- und politkritischen Rundumschlag. In knapp zwei Stunden finden nicht nur zerstümmelte Leichen und haarsträubende Strandmassaker Platz, sondern auch viel Zeitgeschichte. 07/10 Franziska Tschinderle

Film

Snowpiercer (von Joon-ho Bong; mit Chris Evans, Tilda Swinton, Jamie Bell)

Klassenkampf im Endzeit-Express In Joon-ho Bongs (»The Host«) apokalpytischem Actioner fechten die letzten Überlebenden der Menschheit die Revolution an Bord eines Zuges aus. »Was willst du dafür?«, fragt der Revoluzzer Curtis (Chris Evans) einen kleinen Jungen, der den entscheidenden Hinweis im Kampf gegen die Unterdrückung in Händen hält. »Im großen, weiten Zug?« fragt der Junge, und Curtis nickt: »Im großen, weiten Zug.« Wir befinden uns in der nahen Zukunft. Eis bedeckt den Planeten und hat die Menschheit beinahe vollständig ausgelöscht. Die große, weite Welt ist auf einen futuristischen Zug zusammengeschrumpft, in dem der mickrige Rest der Überlebenden Jahr für Jahr den Globus umrundet. An Bord herrscht eine strenge Hierarchie, die sich unter anderem in einer klaren räumlichen Trennung manifestiert. Im vorderen Zugteil residieren die VIP-Gäste und gewöhnlichen Ticket-Besitzer, im hinteren der arme Pöbel, der gratis zusteigen durfte, als die Apokalypse schon im Gange war. Curtis ist einer der heruntergekommenen Gesellen, die in den dreckigen, fensterlosen Güterwagons am Ende des Zuges hausen. Unter der geistigen Führung seines Mentors Gilliam (John Hurt) und der Hilfe eines anonymen Wohltäters aus der ersten Klasse plant er, das System zu stürzen und die Kontrolle über den Zug zu gewinnen. So geradlinig wie der Haupthandlungsstrang des Films – Rebellen kämpfen sich vom Ende einer metallischen Röhre zur deren Spitze – vermuten lässt, ist »Snowpiercer« nur auf den ersten Blick. Wie zu erwarten, rücken Protagonisten wie Zuschauer mit jedem Abteil dem Kern der neugeformten, totalitären Ordnung näher. Wie zu erwarten, ist die porträtierte rastlose Endzeit-Zivilisation so unmissverständlich als Metapher der menschlichen Gesellschaft zu lesen, dass man sich unwillkürlich nach anderen Interpretationsmöglichkeiten umsieht. »Snowpiercer« wäre ein schamlos simpler (wenn auch imposanter) Weltuntergangs-Actioner, würde Regisseur und Drehbuchautor Joon-ho Bong (»The Host«) nicht gekonnt einige Asse aus dem Ärmel schütteln. Dass Curtis‘ geradliniger Weg durch den Zug von seinen stetig wechselnden Prioritäten und Antriebskräften konterkariert wird, ist eines davon. Tilda Swinton als opportune System-Hündin ein anderes. Lediglich den »Matrix«-Touch – die Paarung von Biotechnologie mit religiös aufgeladener Mystik – hätte Bong ein wenig zurückschrauben oder gleich ganz aussparen können. 08/10 Leo Dworschak

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Bad Neighbors (von Nicholas Stoller; mit Seth Rogen, Zac Efron, Rose Byrne)

Nachbarn in Not Selten war eine Komödie übers Erwachsenwerden so witzig und so unaufdringlich: In »Bad Neighbors« liefert sich ein junges Ehepaar einen Kleinkrieg mit der neu in die Nachbarschaft gezogenen Fraternity. »Sein Körper sieht aus, als hätte ihn ein schwuler Mann designt«, sagt der bierbäuchige Jungvater Mac (Seth Rogen), als sein neuer Nachbar Teddy (Zac Efron) aus dem Umzugslaster steigt. Mehr als das Aussehen des virilen Jünglings tangiert den besorgten Papa jedoch die Tatsache, dass der Bengel seine gesamte Studentenverbindung im Schlepptau hat. Mac und seine Gattin haben sich eben erst in der Routine des Elterndaseins eingenistet: Tochter im Krabbelalter, Eigenheim in den Suburbs, wenig Sex und noch weniger soziale Kontakte. Anders gesagt machen die beiden gerade die finale Phase des Erwachsenwerdens durch. Was sie an diesem Punkt ihres Lebens am wenigsten brauchen können, ist eine lärmende Partymeute im Haus nebenan. »Bad Neighbors« handelt vom Kleinkrieg unter Nachbarn. Den heutigen US-Komödien-Standards entsprechend wird dieser schamlos, deftig und körperbetont geführt. Nicht nur die Dialoge haben sich ein »Parental Advisory«-Pickerl redlich verdient. Regisseur Nicholas Stoller (»Get Him To The Greek«) konfrontiert sein Publikum mit nackten Hintern, einem männlichen Primärgeschlechtsteil als Halskette, zum Bersten mit Muttermilch gefüllten Brüsten und natürlich (in regelmäßigen Abständen) auch mit Zac Efrons perfekt »designten« Bauchmuskeln. Dabei fällt nicht nur auf, dass der ehemalige »High School Musical«-Star zu Recht den MTV Movie Award für den besten Oben-ohneAuftritt einheimste. Es wird auch klar, dass lediglich jene Kinobesucher, die nicht durch die (neue) Comedy-Schule von Frat Pack, Jackass und Co. gegangen sind, die Gags als brachial, die Sprache als wüst und die nackte Haut als flächendeckend empfinden werden. Denn allein schon im Hinblick auf das Handlungsfundament des Films – Studentenverbindung vs. beinahe erwachsenes Elternpaar – wirken die teils tiefen Schmähs zu keinem Zeitpunkt unangebracht. Dass Stoller und die Drehbuchautoren Cohen und O’Brien viele der zugehörigen Klischees geschickt unterwandern (z.B. offenbart sich unter den Saufbrüdern wahre Freundschaft), spricht ebenso für »Bad Neighbors« wie die frühe Einsicht, dass der Film nicht in einer Moralpredigt enden wird. So bleiben die erzieherischen Untertöne Untertöne, und der Fight zwischen Eltern und Studenten lässt sich in vollen Zügen genießen. 08/10 Leo Dworschak

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The Act Of Killing (Koch Media) von Joshua Oppenheimer; Mit Anwar Congo, Haji Anif, Syamsul Arifin auf Blu-ray

Introducing Nathan StewartJarrett die quoten-diversität wird in film und tv nach wie vor gern auf nebencharaktere abgewälzt. für den talentierten briten nathan stewart-jarrett eine herausforderung — Erstmals aufgefallen dürfte Nathan Stewart-Jarrett vielen mit seiner Performance in »Misfits«, einer der irrsten britischen Serien-Ausgeburten, sein. Auch in der stylishen Sci-Fi-Verschwörungs-Serie »Utopia« ist er Teil eines gelungenen, nach britischer Manier brav diversen Ensemble-Casts. Sichtlich talentiert, liefert er stets solide Performances ab und schafft es vor allem, seine Charaktere glaubhaft darzustellen. Dies ist nicht zuletzt seiner Mimik sowie seiner Körperhaltung geschuldet, mit denen er nicht nur seinem jeweiligen Part, sondern auch dessen Rahmen eine beiläufige Authentizität verleiht. Während er 2012 auf der Bühne als Cosmo in »The Pitchfork Disney« zu sehen war, sind Stewart-Jarretts Rollen on screen immer etwas limitiert, sodass er nie wirklich herausragt. Auch wenn sie durchaus nicht als langweilig abgestempelt werden können, so sind die Figuren meist doch recht flach angelegt und bieten wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Selbst im großteils improvisierten Indie-Film »The Comedian« scheint er nicht zur Höchstform auflaufen zu können. Darüber hinaus besticht Stewart-Jarrett durch seinen einnehmenden Charme und seine reizende Art – ob als lässiger Womanizer oder als netter Kerl von nebenan. Er spielt außerdem gekonnt mit unterschiedlichen Dialekten, so auch in seiner Nebenrolle im namhaft besetzten Jude-Law-als-Bad-Boy-Vehikel »Dom Hemingway«. Dass für Nicht-Weiße ein Mangel an konkreten Möglichkeiten für komplexe Charaktere vorliegt, steht jedoch außer Frage. Diese werden trotz Tarantino wohl noch länger herumgeistern, auch wenn junge Talente wie Nathan Stewart-Jarrett mehr Karrierechancen verdient hätten. Den 28-Jährigen sollte man dabei auf jeden Fall im Fernsehauge behalten.  TEXT Artemis Linhart BILD Kudos Films and Television

Finsterworld (Al!ve) von Frauke Finsterwalder; mit Corinna Harfouch, Carla Juri, Johannes Krisch auf DVD

Inside Llewyn Davis (Studiocanal) von Ethan und Joel Coen; mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake

The Slap (Studio Hamburg) mit Jonathan Lapaglia, Melissa George, Sophie Okonedo

DVD

Anwar Congo repräsentiert den Prototyp des gewissenlosen Killers, der im Indonesien der 60er Jahre per Freibrief hunderte Gegner des politischen Systems tötete. Weil jegliche Form der Aufarbeitung ausblieb, begreift er sich nach wie vor als Nationalheld und erzählt in einer Talkshow unter frenetischem Applaus von seinen Tötungsmethoden. Das ist schockierend und erinnert wie vieles hier an den Surrealismus der Sitcom-Szene aus »Natural Born Killers«. Oppenheimer selbst stellt sich seinen Protagonisten wohlwollend gegenüber und lässt sie im Glauben, Deutungsgewalt über den Film zu besitzen. Das Ziel der Täter ist es, ihre geschichtliche Auffassung nachdrücklich in Form eines Gangsterfilms (sic!) zu verankern. Auch weil sie nicht mit Details sparen, macht eine derartige Reuelosigkeit sprachlos. Wie nur Weniges zuvor ist »The Act Of Killing« ein brachiales Dokument. Er zeigt exemplarisch den völligen Ausnahmezustand eines Landes und zugleich tief verankerte Verdrängungsmechanismen. 09/10 Reiner Kapeller Regisseurin Frauke Finsterwalder schrieb das Drehbuch, das einen großen Teil der Wucht von »Finsterworld« ausmacht, mit ihrem Ehemann Christian Kracht. Dieser erhielt für Romane wie »Faserland« oder »Imperium« gleichermaßen überwältigenden Zuspruch und herbe Kritik. Das ist meist ein gutes Zeichen und auch »Finsterworld« provoziert in der Tradition der Bücher. Der Film zieht einen Großteil der Spannung aus einer Verkettung von vorerst harmlosen Umständen, die fast ausschließlich tragisch enden. Interessanterweise gelingt es »Finsterworld« trotz der Überspitzung seiner Dialoge eine Umgebung zu erschaffen, die mitunter sehr reale Züge annimmt. Da ist es umso verstörender, dass (wieder ein Kracht-Spezifikum) beinahe alle Charaktere ihr Schicksal ohne Widerspruch akzeptieren. Die Protagonisten geraten zum Spielball einer Gesellschaft, in der – vereinfacht gesagt – die Starken so gut wie immer über die Schwachen triumphieren. So gelingt dem Film auch eine ebenso drastische wie ehrliche Annäherung an Deutschlands Nazi-Vergangenheit, die nur auf den ersten Blick geschmacklos erscheint. 08/10 Reiner Kapeller Llewyn Davis ist ein nicht mehr ganz junger Folk-Musiker, der versucht, sich nach dem Freitod seines Musik-Partners auf eigene Beine zu stellen. Er geht dabei keine Kompromisse ein, würde seine Musik nie verraten und ordnet sein Leben dieser selbst gewählten Definition von Authentizität unter. Die Coens schufen ein Zeitporträt der urbanen US-Folkszene Anfang der 60er Jahre. Bob Dylan taucht am Ende auf und wird viel verändern. Manch angerissenes Thema wird wohl heute noch in Musikkreisen diskutiert, andere haben sich durch das Internet für immer verändert. Ungewöhnlich auch die Mischung aus Anfang und Ende des Films, die sich treffen und in einem New Yorker Umfeld bleiben und den Road-Movie-Elementen dazwischen,. Erzählt wird dabei kein Handlungsbogen, sondern das Porträt einer Zeit und eines Umfelds. 07/10 Martin Mühl In acht Folgen erzählt »The Slap« über direkte und indirekte Folgen eines Zwischenfalls: Bei einer Grillparty gibt der tendenziell machoide Harry einem aufmüpfigen und nervigen Kind eine Ohrfeige. Dies und die folgenden Rechtsstreitigkeiten haben Auswirkungen auf den Freundeskreis, dessen Protagonisten eigentlich andere Probleme haben. Sie haben Affären, flirten, trennen sich von Partnern, lassen abtreiben, wissen mit ihrem Leben und ihren Gefühlen nicht umzugehen. Niemand kommt hier gut raus, ohne nicht selbst ordentlich zum allgemeinen Unwohlsein beizutragen. Diese realitätsnahe Grundstimmung verleiht »The Slap« seine Qualität und Tiefe. Das Ende bietet versöhnliche Bilder von Teenager-Erinnerungen im Sonnenschein – sie wirken schon in diesem Moment wie ein nicht auf Dauer erhaltbarer Zustand. 07/10 Martin Mühl Auf www.thegap.at außerdem Reviews von: »American Horror Story: Asylum« (Centfox), »Blutgletscher« (Luna Filmverleih), »The Counselor« (Foxfilm), »Elementary – Staffel 1« (CBS Paramount), »The Look Of Love«, »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (Kino Kontrovers), »Orlacs Hände« (Filmarchiv), »Schonzeit für Füchse, Sibirische Erziehung« (Ascot Elite), »Thor – The Dark Kingdom« (Marvel / Disney)

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R ez Valentina D’Urbano Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung 01 (DTV) — Beatrice und Alfredo, die von allen nur »die Zwillinge« genannt werden, obwohl sie weder miteinander verwandt sind, noch einander ähnlich sehen, kamen am falschen Ort zur Welt. Niemand in ihrem üblen Viertel hat Arbeit oder bewohnt sein Apartment rechtmäßig und jeder zweite sucht Zuflucht in Alkohol oder Drogen. Für den Rest der Welt sind sie wilde Tiere, für die man wenig mehr als Verachtung übrig hat. Inmitten dieser sozialen Hölle begegnen sich Beatrice und Alfredo, als sie noch Kinder sind. In einer ihnen beiden unverständlichen Hassliebe zueinander teilen sie von klein auf Essen, Bett und Geheimnisse und verstehen dennoch nie, was im Kopf des anderen vor sich geht. Als beide langsam erwachsen werden, überschlagen sich die Ereignisse und ihrer Freundschaft werden neue Regeln aufgezwungen. Valentina D’Urbanos Debütroman ist vielleicht der beste und unkitschigste Liebesroman seit vielen Jahren. Die Autorin bedient sich einer klaren und beinahe kindlichen Sprache, um eine Geschichte zu erzählen, die von Liebe, von Freundschaft und beinahe allem anderen handelt, was im Leben wichtig ist. Ein sehr besonderes Buch. 08/10 Teresa Reiter

Michel Houellebecq Gestalt des letzten Ufers (Dumont)

Arschloch-Report Michel Houellebecq legt einen Gedichtband vor. Darin verarbeitet er seine Leitthemen: Auflösung, Auslöschung, Ohnmacht, Geilheit, Liebe und körperlichen Verfall. Michael Kirchdorfer hat unter Einfluss der Houellebecq’schen Lyrik eine Rezensions-Hommage geschmiedet.

C.S. Forester Gnadenlose Giern 02 (DTV) — London war in den 1920er Jahren ein Dorado für Krimi-Autoren, war die Stadt doch damals verrucht, kalt und neblig. Der gedankliche Spielraum war größer als heute, denn weder auf DNA-Analysen noch auf Profiling mussten Autoren achten. C.S. Forester war damals ein gefragter, englischer Krimi-Autor. Vor geraumer Zeit wurde er wiederentdeckt, »Gnadenlose Gier« ist nun die zweite Neuübersetzung. In einer Londoner Werbeagentur haben drei Angestellte ein krummes Ding gedreht. Der Geschäftsführer kam ihnen dabei auf die Schliche und will sie nun verpfeifen. Doch noch bevor er dies tun kann, wird er auch schon vom kaltblütigen Morris erschossen. Der schnörkellose, gerade Plot, ist fast schon zu nett für einen heutigen Krimi. Nicht weiter problematisch, wären in der Neuübersetzung die Erzählpassagen des Autors etwas kürzer gehalten worden. Diese ermüden und stören den Lesefluss, auch die Charakterisierung der Protagonisten ist redundant. Gerade die moralisierende Meinung des Autors führt hier zu ungewollter Komik und hinterlässt einen altertümlichen Eindruck.

am unteren ende der leiter stehend schaue ich ihr nach, ihr bleicher popo streift an ausgewilderten büchern entlang. es ist mein hort der losen literatur von der ich mich zwar entfernen, aber trotzdem nie ganz scheiden kann. da gehör ich mit dazu, sagt sie, und pflückt fordernd einen band hervor, es sind gedichte von michel houellebecq. ich sammle alle seine bände, sagt sie, nur diesen einen besitze ich nicht schenkst du ihn mir? sie zwingt mich zur erklärung: warum ist der band nicht bei der prosa, wohlsortiert im guten regal am bett warum ist er da, wo das gleichgültige liegt, das ferne, und warum gibst du ihn mir nicht?   der platz ist dort, sage ich, weil es der platz ist, dem ich houellebecq in meinem kopf frei mache verteilt auf das nahe und das ferne seine prosa ist nah bei mir, sie wirkt in bitteren trümmern aus lust und lachen

05/10 Martin G. Wanko

Thomas Glavinic Meine Schreibmaschine und ich 03 (Hanser) — 2012 hielt Thomas Glavinic im Rahmen einer Poetikprofessur in Bamberg vier Vorlesungen über sich und sein Schreiben. Diese Ausführungen sind in einem kleinen roten Büchlein zusammengefasst. Im Klappentext wird angekündigt, dass man sich Thomas Glavinic selten so nahe gefühlt hätte wie während der Lektüre von »Meine Schreibmaschine und ich«. Ihm und ganz generell Schriftstellern, denn was weiß man denn schon aus erster Hand von deren Vorlieben und Schreibgewohnheiten? Nach dieser Lektüre ist man darüber bestens unterrichtet. Man weiß, was er mag (Sommer, Freiheit, Facebook, anständiges Honorar, no na) und was er nicht mag (Haarausfall, Moskitos, Wespen, Zecken), denn sein gesamtes erstes Kapitel widmet er diesen Aufzählungen. Teil zwei und drei erzählen aus dem Alltag des Schreibhandwerks, teils philosophisch von Schreibrhythmus und Ideenfindung, doch vor allem von seinen Büchern und den Glavinic-Figuren. Sie führen ein einsames, abgekapseltes Dasein. Ihr kulturelles und soziales Umfeld basiert gänzlich darauf,

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seine lyrik ist im vergleich dazu fern, der samen spritzt hier einfach mitten in die muschi. gedichte als »erinnerungen eines schwanzes« veräußern sich als existentielle krisen, sie ordnen sich um mächtige vulvas, sie münden im kleinen tod, immer wieder, und nie mehr. und warum willst du das buch dann trotzdem, fragt sie, ihre sachen packend, wenn das nicht zu dir passt? am oberen ende der leiter stehend fällt mir diese antwort leicht. ich sage: warum ich dir den band nicht schenke, liegt am prinzip unserer beziehung denn von gutem sex trennt man sich so schwer. es schallt eine ohrfeige und es folgt ein abgang, aber houllebecqs »gestalt des letzten ufers« bleibt an seinem losen platz und sagt mir, das es völlig ok ist, als mann ein armes und verzweifeltes arschloch zu sein. 07/10 Michael Kirchdorfer

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sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Der vierte Teil gilt dem Ärger Glavinics über einfältige, voreingenommene Journalisten. Als reichlich überspitztes aber witziges Klischee schließt das fiktive Interview den lesenswerten Einblick in ein Schriftstellerhirn ab. 6/10 Juliane Fischer

land und der Schweiz aus. In der südlichen Hitze spürt man die befreiende Einsamkeit der planlosen Reise und die diffuse Sehnsucht nach Selbstfindung. Seine feine Beobachtungsgabe und bewusste Sprache verheddert sich zum Glück nicht in der Beziehungsthematik. 06/10 Juliane Fischer

Lorenz Langenegger Bei 30 Grad im Schatten 04 (Jung und Jung) — Lorenz Langenegger, Schweizer Autor und Wahlwiener, hört beim Schreiben die Eels. Seinen leidenschaftslosen Protagonisten Jakob Walter schickt er in der ersten Phase der Beziehungstrennung in die Wildnis an der Südspitze des Peloponnes, einem seelischen »Nowheresville«. Jakob Walter ist ziemlich bescheiden und beschaulich. Gefühlsausbrüche widerstreben ihm. Dass Jakobs Tatenlosigkeit an der Geduld der Ehefrau Edith kratzt, erfährt der Leser nur rückblickend. Am Buchanfang steht schon die Ernüchterung nach dem Frühstücksstreit: Sie kommt nicht mehr zurück. Jakob Walter wartet bis spät in die Nacht. Im Morgengrauen erkennt er, dass er sich dieser Linearität entreißen und aus dem materiell überhäuften und inhaltsleeren Beziehungsleben fliehen muss. Außerhalb seiner überschaubaren Ordnung tut sich das weite Meer auf. Der Mann verliert das Zeitgefühl und die bemängelnde Stimme Ediths im Ohr. Das zerrüttete Griechenland empfängt den gebeutelten Jakob Walter mit offenen Armen. Langenegger reizt dabei den Arm-Reich-Kontrast zwischen Griechen-

Heinrich Steinfest Der Allesforscher 05 (Piper) — Den in Stuttgart lebenden Wiener Autor Heinrich Steinfest kennen Krimi-Fans als Verfasser skurriler Kriminalfälle. Nun hat der 53-jährige Autor dem Genre kurz abgeschworen und einen fast 400 Seiten starken Roman rausgewuchtet. Einen wunderbaren. Man begleitet über den Zeitraum von gut zehn Jahren den jungen Manager Sixten Braun und seine Wandlung vom schmierigen Emporkömmling zum liebenswerten Bademeister. Dafür braucht es einen explodierenden Wal, der ihn ins Koma befördert, eine verstörende Liebe-auf-den-ersten-Blick, einen Flugzeugabsturz und später dann eine plötzliche Vaterschaft, aus der Großes entsteht. Sixten liebt, lernt, lehrt und stellt sich sukzessive seinen Ängsten und den Geistern der Vergangenheit. Unaufdringlich verhandelt Steinfest in flirrenden, einprägsamen Sprachbildern das System »Zufall«, bis das Schicksal alle Fäden zusammenführt. Unterhaltungsliteratur, die – reine Geschmackssache natürlich – in ihren metaphysischen Sequenzen zwar ein wenig ins Wanken gerät. Romantisch, aber nie naiv.

Daniel Woodrell In Almas Augen 06 (Liebeskind) — Daniel Woodrell ist kein Unbekannter mehr. Er wurde bereits mit dem Preis des amerikanischen P.E.N. geehrt. Die Verfilmung seines Romans »Winters Knochen« wurde beim renommierten Sundance Film Festival als »bester Film« ausgezeichnet und für vier Oscars nominiert. »In Almas Augen« heißt Daniel Woodrells aktueller Roman, auch dieser legt eine Verfilmung nahe. Zum Inhalt: In einer Kleinstadt im tiefen Amerika kommt es im Sommer 1929 zu einer folgenschweren Katastrophe. Bei einer Tanzveranstaltung werden durch eine Explosion über 40 Menschen getötet. Die Ermittlungen verlaufen im Sand, nur Alma, eine kleine Dienstmagd, will nicht an Zufall glauben. Angetrieben vom Tod ihrer Schwester Ruby versucht sie das Unglück zu enträtseln, doch im Angesicht der Großen Depression will man ihr kein Gehör schenken – bis ihr Enkel kommt und die wirren Geschichten zu einem sagenhaften Plot verknüpft. Woodrell ist ein gewissenhafter Rechercheur und ein gnadenloser Schilderer der kleinen und großen Schicksale: So schuf er ein glaubhaftes und zugleich vitales Bildnis der irischen Auswanderer. Er führt den Leser mit großem Gefühl an den Abgrund, zeigt, ohne mit der Wimper zu zucken, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind. 08/10 Martin G. Wanko

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Am 16. und 17. Mai 2014 finden in diesem Jahr die Architekturtage in ganz Österreich statt. Unter dem Motto „Alt Jetzt Neu“ laden sie wieder zu einem außergewöhnlichen Architekturereignis ein! Ein umfangreiches Programm bietet vielfältige Möglichkeiten, Architektur hautnah zu erleben, Neues zu entdecken und Ungewöhnliches zu verstehen.

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R ez Michael DeForge Ant Colony 01 (Drawn & Quarterly) — »Ant Colony« muss wohl zu den brutalsten Comics der letzten Jahrzehnte gezählt werden. Gar nicht wegen exzessiver Gewaltdarstellung, sondern vielmehr wegen der erbarmungslosen Ehrlichkeit und Direktheit, mit der DeForge das Leben seiner Protagonisten – allesamt Ameisen – mit unseren inneren Konflikten gleichsetzt. Sexuelle Verwirrungen und Befreiung, soziale Norm und Devianz, Spiritualität, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch, kulturelle Konflikte, Rassismus, Krieg, Mord – in »Ant Colony« findet das alles Platz. Allerdings aus der Sicht semi-anthropomorphisierter Ameisen. Während sie sprechen und vermenschlicht sind, so dass wir an das Narrativ anknüpfen können, sind ihre Ethik und ihr Alltag doch alles andere als menschlich. In dieser Diskrepanz funktioniert DeForges Vision und wird zu etwas Einzigartigem. Wer Angst davor hat, sich seiner Menschlichkeit zu stellen, der sollte lieber weit weg von »Ant Colony« bleiben. Allen anderen ist dieser Streifzug durch die Entmenschlichung wärmstens ans Herz gelegt. 09/10 Nuri Nurbachsch

David Lapham Stray Bullets über alles (El Capitán / Image)

Scharfschütze David Laphams »Stray Bullets« sind seit beinahe 20 Jahren Pflichtlektüre für Enthusiasten moderner Comics. Es ist wie eine Offenbarung, die ersten 41 Ausgaben dieser Serie in einem Band zu sehen.

Brecht Vandenbroucke White Cube 03 (Drawn & Quarterly) — »Der Begriff »Kunst« ist so etwas wie das heilende Quellwasser vom Jungbrunnen der Schöpfung, an dem man nippen kann, wenn man sich dem »Warum?« und »Wieso?« nicht mehr stellen möchte oder auch gar nicht mehr gewachsen ist. Eine angenehme »Get Out Of Jail Free«-Karte. Missbrauch ist vorprogrammiert und so ziemlich alles und jedes ist schnell mal Kunst. Warum auch nicht, wenn eigentlich niemand so recht zu sagen vermag, wie »Kunst« zu definieren wäre. Menschliches Kulturprodukt? Jegliche nonfunktionelle Aktivität der Menschheit? Von diesem semiotischen Vakuum macht Vandenbroucke Gebrauch. Genauer gesagt: Er macht sich darüber lustig. Seine zwei rotköpfigen Kunstvandalen stürmen durch die Seiten von »White Cube« ohne Respekt vor moderner oder irgendeiner Kunst, sich selbst allerdings in jedem Moment als wahre Helden der Avantgarde verstehend. »White Cube« ist ein kurzweiliger, sehr schlauer Kommentar auf die Willkür des Kunstverständnisses unserer Zeit. 08/10 Nuri Nurbachsch G. Willow Wilson, Adrian Alphonan Ms. Marvel (ongoing series) 03 (Marvel) — »In Ausgabe Nummer 141 blickten wir tiefer in die Hintergründe der neuesten Version von Ms. Marvel und warum Marvel Comics sich entschlossen, eine muslimische Teenagerin aus New Jersey mit pakistanischen Wurzeln dazu zu machen. Selbst wenn man diese Hintergründe nicht kenn,t bleibt nach der Lektüre der ersten Ausgaben der neuen Serie folgender Eindruck: Autorin G. Willow Wilson hat es tatsächlich geschafft, wenn auch nur oberflächlich, die alltäglichen Konflikte der Protagonistin abseits von Superheldenpomp darzustellen. Wir haben es hier wirklich mit einem Teenager zu tun, nicht mit einem Metamenschen, der zufälligerweise 16 Jahre alt ist. Kamala ist weder Muslimin, noch Jersey-Girl, noch pakistanisches Familienmitglied – sie ist alles zugleich und viel mehr. Es muss unfassbar schwer sein, diesen Charakter glaubhaft und zugleich ansprechend zu schreiben für eine Leserschaft, die wahrscheinlich zum Großteil keinerlei Berührungspunkte mit deren Darstellung hat und nur mal eben unterhalten werden möchte. Bisher gelingt Wilson dieser Spagat jedoch, unterstützt von den quirligen, dynamischen und perfekt inszenierten Illustrationen von Alphona. Bleibt nur, weiterhin gutes Gelingen bei diesem ambitionierten Comic-Projekt zu wünschen. 08/10 Nuri Nurbachsch

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»Stray Bullets« liest man nicht eben einfach so. Es geht nicht, dass man ein Heft zur Hand nimmt, reinliest und es emotionslos wieder zur Seite legen kann. Das ist kein denkbares Szenario. Ist man sich dessen bewusst und war nicht von Anfang an dabei, dann kann »Stray Bullets« zu einem monumentalen Ereignis werden. Es kann auch zum persönlichen Mount Everest werden. Dieses Werk kann nur unter großem Aufwand, mit viel Vorbereitung und Zeit genommen werden. Es ist nichts für Anfänger und darf auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden. Das ist natürlich kompletter Schwachsinn. Ja, niemand wird emotionslos von »Stray Bullets« weggehen, aber es braucht nichts anderes als ein paar Minuten Ruhe um in dieses epische Machwerk von David Lapham zu fallen. 1995 veröffentlichte Lapham im Eigenverlag die erste Ausgabe seiner Serie über Kriminalität, psychische Wunden und die weniger angenehmen Seiten des Lebens. Dabei gestaltete Lapham jede einzelne Ausgabe der Serie so, dass sie als alleinstehende Story gelesen werden konnte, unabhängig von den Ausgaben davor oder danach. Sehr leserfreundlich. Das wahre Wunder von »Stray Bullets« eröffnet sich aber in drei Instanzen: in der Gesamtheit des Werks, in der schreiberischen Qualität der Storys und in der grafischen Effizienz Laphams. »Stray Bullets über alles« sammelt die bisher erschienenen 41 Ausgaben der Serie in einem wenig handlichen, aber sehr praktischen dicken Wälzer. Denn diese Gesamtausgabe macht es einfach zu erkennen, mit wie viel Übersicht und Detailverliebtheit Lapham die Storys seiner Figuren – und davon gibt es sehr viele – miteinander verwob. Von eiskalten Berufsmördern über gutgläubige Teenager, alle sind verbunden und das Verfolgen und Entdecken dieser Verbindung ist ein zentraler Bestandteil der Faszination, die von »Stray Bullets« ausgeht. Aber nicht nur das, es ist auch die unverblümte Weise, mit der Lapham schreibt. Seine Charaktere sind weder schön noch hässlich, sie sind sehr menschlich. Sie reagieren nicht zum Wohl der Story, sondern nach ihrem eigenen Ermessen. Leichen verschwinden nicht einfach so, Gewalt bringt Konsequenzen mit sich, Väter erkranken an Krebs, ignoriertes Trauma wird zur Saat für noch mehr Trauma, Verbrechen bleibt manchmal unbestraft, hat aber immer Folgen. So hart es in Laphams Storys auch sein mag, sie sind sehr echt und das macht sie so bewegend und packend. Schlussendlich sind da noch seine illustratorischen Fähigkeiten. Intim und nah am Kern folgen seine Striche der Narration. Wort und Bild ergänzen sich nicht nur bei Lapham, sie bilden eine unzertrennliche Einheit. »Stray Bullets« mag immer noch überwältigend erscheinen, der Einstieg belohnt einen jedoch mit kunstvoller Autorenschaft, die ihresgleichen sucht. 10/10 Nuri Nurbachsch 01

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Gefühlsecht Die Wiener Entwickler Broken Rules haben mit »Secrets Of Raeticon« ein Spiel entwickelt, dass seine Geheimnisse erst sehr langsam freigibt, dafür aber die Brutalität der Natur angenehm hart spüren lässt. Um nachzuvollziehen, wie es so ist als friedliebender Vogel in den Alpen, genügt ein Paragleiter, ein bisschen Mut, Können und Glück mit der Thermik. Oder eben »Secrets Of Raeticon«, das es seit Mitte April auf Steam zu haben gibt. Wenn ich also ein Vogel wäre, dann flöge ich durch eine offene, zweidimensionale Spielwelt, auf der Suche nach Scherben, die ich in eine seltsam anmutende Apparatur einbauen würde. Wozu, das offenbart das Spiel erst mit der Zeit. Überhaupt wird man ohne klare Anweisungen auf Entdeckungsreise geschickt, was einen Gutteil des Charmes dieses Titels ausmacht. Mit ein paar Flügelschlägen lassen sich auf der richtigen Strömung ganze Berge überfliegen. Oder man flattert hektisch zwischen Felswänden hin und her, um sich vor Raubvögeln in Sicherheit zu bringen. Zuallererst ist da aber eine Optik, die neugierig macht. Alles in »Secrets Of Raeticon« besteht aus scharfkantigen, farbigen Flächen und doch kann ich eine Häsin von einem Rammler unterscheiden und einen Falken von einer Elster oder so. Die sehen alle selbst dann noch hübsch aus, wenn sie mich jagen. Oder ich sie. Oder wenn sie tun, was Karnickel eben so tun. Und das ist von besonderer Bedeutung, denn die Interaktionen mit all dem Getier machen diesen Titel recht einzigartig – weil sich die Entwickler hier vom intuitiv erwarteten Wohlfühlspiel entfernen und uns die Brutalität der Natur spüren lassen, ganz unplakativ, aber umso gefühlsechter. Da kommt dann durchaus Stress auf, manchmal auch ein Hauch von Angst. Und spätestens damit ist das Spiel den schmalen Geldbetrag wert, den Steam dafür haben möchte. 08/10 Harald Koberg.

Secrets Of Raeticon (Broken Rules); PC getestet, Mac, Linux; www.secrets-of-raetikon.com 071

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R ez Bioshock Infinite Seebestattung 2 01 (2K); Xbox 360 getestet, PS3; www.bioshockinfinite. com — Die Geschichte von »Seebestattung 2« geht ebenso verwirrend weiter, wie der Vorgänger – eh fein – geendet hat. Wir übernehmen – endlich – die Rolle von Elisabeth, Booker scheint tot, nimmt aber wieder mit ihr Kontakt auf. Und dann ist da noch die kleine Sally, um deren Geschichte es wohl offensichtlich geht. All das ist wie immer fein inszeniert, diesmal dauert es aber, bis wir eine Schusswaffe in die Hand bekommen. Schon früh verlegt sich das Gameplay insgesamt auf eine andere Vorgangsweise: Das Anschleichen an Gegner wird mit InstantKills belohnt und auch die Plasmide und anderen Waffen legen eine defensivere Vorgangsweise nahe. Während im Hauptspiel überall Munition und andere Goodies warteten, sind diese hier selten und Vorsicht umso nötiger. Für Action-Spieler ist dieser Teil deswegen auch ein bisschen schwieriger, weil Elisabeth deutlich weniger Treffer einstecken kann. Es gibt dann noch ein paar schräge Momente und einen nicht wirklich ins Spiel passenden Endkampf. »Seebestattung 2« ist aber ein für die Saga auf jeden Fall würdiges Ende, das abermals mit einem selten gelungenen Setting und einer selten erreichten Atmosphäre glänzt. 07/10 Martin Mühl inFamous: Second Son 02 (Sucker Punch / Sony); PS4; de.playstation.com — Rauch, Neon, Video, Beton – Delsin Rowe ist der Captain Planet des urbanen Amerika. Nur, dass er zu Beginn von »inFamous: Secon Son« noch nicht so genau weiß, ob er denn überhaupt ein strahlender Planetenretter sein will. Denn auch mit dem neuen Helden konzentrieren sich die »inFamous«-Macher von Sucker Punch auf die alten Stärken – und Schwächen – der Serie: Delsins Entscheidungen haben Einfluss auf den Spielverlauf und wer zum freundlichsten Superhelden der Nachbarschaft aufsteigen will, muss auch aufpassen, dass er keine Zivilisten massakriert und verzweifelten Feinden die Möglichkeit bietet, sich zu ergeben. Aber welchen Feinden eigentlich? Delsin kämpft gegen die Schergen der DUP, einer Spezialeinheit, die Bio-Terroristen – so nennt man Superhelden im virtuellen Seattle – hinter Gitter bringt. Ein rebellischer Kerl also, der schnell sympathisch wird und vor allem in seiner Beziehung zum großen Bruder Reggy durchaus Ecken und Kanten bekommt. Spielmechanisch ist alles wie gewohnt, nur etwas umfangreicher: Delsin sammelt neue Kräfte und setzt diese in Missionen gegen das DUP ein. Optional kann er auch ganze Stadtteile von den Überwachern befreien, aber primär prügelt und schießt er sich durch Straßensperren, um Artgenossen aufzuspüren und Jagd auf die Chefin der feindlichen Horde zu machen. Schwierigkeiten macht die Steuerung dabei nur während der Kletterpassagen, die aufgrund diverser Sprint- und Flugfähigkeiten aber recht spärlich auftreten. Wie in den Trailern versprochen steht also der Spaß im Vordergrund; der Spaß am Herumexperimentieren

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mit Superkräften und am Chaos Stiften. Und all das sieht dank Next-Gen-Leistung und detailverliebtem Spiel-Design auch richtig gut aus. Schade nur, dass uns vor Entscheidungen verraten wird, welche die dunkle Seite ist. Und schade, dass der Einfluss des durch diese Entscheidungen beeinflussten Karmas auf Delsins Fähigkeiten recht bescheiden ausfällt. Der Schritt nach vorne ist der Serie trotzdem gelungen und damit ist »Second Son« ein guter Grund, die PS4 anzuwerfen. 07/10 Harald Koberg Castlevania – Lords Of Shadow 2 03 (Konami); PS3, www.konami-castlevania.com/castlevania-lords-of-shadow-2 — Erst 2010 vollzog »Lords Of Shadow« den Übergang der »Castlevania«-Reihe vom Side-Scroller zum 3D-Action-Adventure. Eine überfällige Entwicklung, die durchwegs glückte. Auch »Lords Of Shadow 2« experimentiert mit neuen Ideen, verkommt jedoch zu einem überlangen und nur selten mitreißenden Plattformer. Im Gegensatz zum Vorgänger ist die Umgebung deutlich gewachsen und verfügt erstmals über Gebiete im Stil einer Open World. Das ist begrüßenswert, wird aber durch die Leblosigkeit der Areale zur bloßen Hülle degradiert. Dementsprechend hinterlässt das Spiel atmosphärisch einen zwiespältigen Eindruck. Zwar zeigt sich die Architektur des gotischen Schlosses eindrücklich, das hinzugekommene moderne Setting wirkt jedoch völlig austauschbar. Auch die Stealth-Einlagen passen nicht recht ins Bild. Immerhin hat Konami beim Kampfsystem alle Register gezogen. Das erlaubt Spezialisierungen und Angriffsmuster und bleibt so auf Dauer herausfordernd. Gelegenheitsspieler werden damit dennoch Probleme haben und beim Versuch, gegnerische Angriffe zu blocken, ordentlich ins Schwitzen kommen. Die »God Of War«-Reihe ist hier offensiver angelegt und verzeiht mehr Fehler. Insgesamt also eine durchwachsene Angelegenheit, die ihre durchaus vorhandenen Momente erst über lange Durststrecken erfahrbar macht. 06/10 Reiner Kapeller Kinect Sports Rivals 04 (Rare); Xbox One; www.xbox.com — »Kinect Sports Rivals« zeigt in sechs Sportarten (Wake Racing, Klettern, Zielschießen, Fußball, Bowling und Tennis) die Möglichkeiten des neuen Kinect-Sensors. Hier werden z.B. beim Zielschießen etwa Fingerbewegungen erstaunlich genau abgefragt und integriert. Das Design ist etwas glatt ausgefallen und fügt sich bis auf ein paar Fehlentscheidungen – militärische Trainier, wirklich? – aber gut ein und funktioniert. Auch die Spiele selbst sind mehr als solide und überzeugen durch recht einfachen Zugang bei doch zumindest vorhandener Spieltiefe mit der Möglichkeit, später seine Skills zu verbessern. Auch die Karriere ist motivierend. Umso mehr enttäuscht es, dass die zweite Generation der Kinect noch mit den Schwächen der ersten zu kämpfen hat: Immer wieder ist es schwierig, richtig vor der Kamera zu stehen und spielen unterschiedlich große Personen hintereinander, gibt

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es Übergangsprobleme, das spiel mault regelmäßig, die Umgebung sei zu dunkel. Bis Kinect nicht in einem durchschnittlichen Wohnzimmer in seinen Basics quasi fehlerfrei funktioniert, spielt die Software leider eine untergeordnete Rolle. 06/10 Martin Mühl Metal Gear Solid 5: Ground Zeroes 05 (Konami); PS3 getestet, PS4, Xbox One; www.metalgearsolid.com — »Ground Zeroes« ist ein teurer Prolog. Schwerwiegender sind aber die Total-Aussetzer der KI und das zu einfache Kampfsystem. Da geht mehr. 05/10 Harald Koberg Titanfall 06 (EA); Xbox One getestet, PC; www.titanfall.com — Wallruns und halsbrecherische Sprünge von Dach zu Dach sind cool. Das ist jetzt nichts weiter Neues. Wenn man dabei noch eine Wumme in der Hand hält und dank Jetpack selbst das Fenster im ersten Stock noch spielend erreicht, klingt das bereits ein bisschen nach einem Shooter-Setting, aber Beweglichkeit allein ist nicht genug. Es braucht auch noch die namensgebenden, turmhohen Blech-Titanen, um das herrlich ausgewogene Spielkonzept von »Titanfall« abzurunden: Wendige, verletzliche Fußsoldaten oder träge, robuste Titanen – die Stärken und Schwächen der beiden Fortbewegungsformen halten das Spielgeschehen in Balance und erfordern präzise Entscheidungen. Wer zum richtigen Zeitpunkt seinen Titanen verlässt, um zu Fuß weiterzumachen, behält oft die Oberhand oder erspart sich schlicht einen Tod. Ein Taktik-Spiel ist »Titanfall« trotzdem nicht. Schon die sehr klassischen Spielmodi sprechen eine klare Sprache und die Rasanz der Fußsoldaten tut das ihre, um für reaktionsintensive Kurzweil zu sorgen und strategische Überlegungen in den Hintergrund zu schieben. Aber gerade deswegen stimmt der Spaß und selbst Genre-Einsteiger werden schnell ihre ersten Abschüsse feiern und sich als nützlicher Teil des Teams fühlen. Denn für ganz Ungeschickte gibt es auch noch ein paar NPCs in jedem Team, die sich bereitwillig vor jede Patrone werfen. Geschwächelt wird bei der Spieleranzahl: sechs Sitzplätze pro Landungsraumschiff, dann ist die Lobby voll. Zwölf Spieler also in einem Spiel, das gut und gerne ein Vielfaches an Schießwütigen vertragen würde. Schade eigentlich. Und auch an der Grafik können Puristen einige berechtigte Gründe zum Nörgeln entdecken. Ganz so NextGen ist das noch nicht. Aber es ist das erfreulichste Ego-Shooter-Ereignis seit Langem und macht überall dort alles richtig, wo der Spielspaß ernsthaft gefährdet wäre. 07/10 Harald Koberg

Yoshi’s New Island 07 (Nintendo); 3DS; www.nintendo.at — Nintendo lässt »Yoshi’s Island« auferstehen und präsentiert dabei viele Referenzen und ein paar neue Ideen. Durchwachsen, aber letztlich charmant. 07/10 Martin Mühl

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TEXT Franz Lichtenegger BILD Stefanie Pflaum; Albertina, Batliner collection; Peter Cox; Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA; FingerPrint Films; Lilja Birgisdóttir; NASA/JPL-Caltech / K. Gordon

Einen »Raum im Ausstellungsraum«, der wohl mehr einem verwunschenen Wohnzimmer gleicht, präsentiert Stephanie Pflaum im Tresor des Bank Austria Kunstforum. Auf sämtlichen Objekten – darunter Möbelstücke, Plastikblumen und Modelle mit anatomischem Hintergrund – ruht ein Schleier aus weißem Gips. Die detailverliebten Assemblagen vermitteln so einen ebenso verträumten wie glitschigen Eindruck. Eröffnung: 21. Mai, 19.30 Uhr; Dauer: 22. Mai bis 13. Juli Wien, Bank Austria Kunstforum

Stefanie Pflaum

TERMINE KULTUR

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TEXT Franz Lichtenegger BILD Stefanie Pflaum; Albertina, Batliner collection; Peter Cox; Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA; FingerPrint Films; Lilja Birgisdóttir; NASA/JPL-Caltech / K. Gordon

TERMINE

KULTUR

Alex Katz Nachdem die Albertina kürzlich 60 Alex-Katz-Werke geschenkt bekam, entschloss man sich zu einer Präsentation der gesamten hauseigenen KatzSammlung. Der bedeutende US-amerikanische Künstler versteht es, nicht nur U-Bahnen und Partys zu skizzieren – auf überdimensionalen Packpapierbögen werden Motive auf ihre Umrisse reduziert und verwandeln die einstigen Arbeitsmittel somit in Leinwände. Dauer: 28. Mai bis 28. September Wien, Albertina

Maria Eichhorn Maria Eichhorn hat schon Filmchen mit Titeln wie »Brustlecken«, »Cunnilingus«, »Zungenkuss« oder »Knutschfleck« gedreht. Diese sind Teil ihres »Filmlexikons sexueller Praktiken« und zeigen genau das, was der jeweilige Titel suggeriert. In Nahaufnahme. Natürlich werden in Bregenz auch andere, eigens für diese Ausstellung angefertigte Arbeiten der Künstlerin zu sehen sein, aber hey – Brustlecken: Dauer: 10. Mai bis 6. Juli Bregenz, Kunsthaus

Aktionistinnen Die Mütter des österreichischen Aktionismus werden diesen Sommer im Forum Frohner gebührend gefeiert. Dabei werden Aktionen, dokumentiert in Film und Fotografie, ihren Relikten gegenübergestellt und mit ausreichend subtilem Humor und Sprachwitz ausgeschmückt. Die ausgestellten Künstlerinnen, darunter Renate Bertlmann, Kiki Kogelnik und Margot Pilz, sind alles andere als unbekannte Namen. Eröffnung: 17. Mai, 11.00 Uhr; Dauer: 18 Mai bis 24. August Krems, Kunsthalle

»Dear Mr. Watterson« Wenn das Schikaneder seine Pforten öffnet und zum Lichtspielhaus wird, erfährt man ein Kino-Erlebnis der besonderen Art. »Dear Mr. Watterson« wurde richtig 2014-mäßig durch eine Kickstarter-Kampagne realisiert und befasst sich mit dem kulturellen Einfluss von Comiczeichner Bill Watterson, bekannt durch den Strip »Calvin und Hobbes«. Zu sehen sind u.a. Interviews mit Fans, darunter auch Seth Green. Schikaneder, Wien 23. Mai

Ragnar Kjartansson »Das Schloss des Sommerlandes« als Titel funktioniert schon mal ganz gut. Ragnar Kjartansson und 17 musikalische Freunde / Gleichgesinnte bauen darauf eine Langzeit-Performance auf, die sich aus Filmproduktion, Bühnenspiel und dem epischen Roman »Weltlicht« von Nobelpreisträger Halldór Laxness ergibt. Ein echtes Stück Island und laut Kjartansson die »Story eines glorreichen Scheiterns«. Eröffnung: 3. April, 19.00 Uhr; Dauer: 3. April bis 8. Juni Wien, TBA21 im Augarten

Geschichte der Weltraumfotografie Die unendlichen Weiten des Weltalls haben die Menschheit bereits seit Anbeginn der Zeit in ihren Bann gezogen. Im Westlicht erhält man von frühen Schwarzweißaufnahmen vorbeiziehender Kometen über das erste Foto der Erdkugel einen Einblick in spektakuläre Bilder, die das tiefdunkle Universum faszinierender denn je erscheinen lassen. Galaktisch genial und abgespaced as fuck. Dauer: 10. April bis 25. Mai Wien, Westlicht 075

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Kulturelles von Nischen bis Pop

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Hercules & Love Affair

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T ermine

G a lerien

highlights Do. 08.05. // 20:00 Comedy

Jango Edwards (US) 

Fr. 09.05. // 20:00 Singer/Songwriter

Der Nino aus Wien 

Sa. 10.05. // 20:00 Rap/Rock/Blues

Everlast: Acoustic Evening

CCC Projects, Ausstellungsansicht, Galerie Krinzinger

Zeitsprung

Call Me On Sunday

Anlässlich des 50. Geburtstags der Innsbrucker Galerie im Taxispalais setzen sich neun Künstler mit dem Thema Zeit auseinander (Carola Dertnig, Heinz Gappmayr, Martin Gostner, Peter Kogler, Peter Sandbichler, Eva Schlegel, Martin Walde, Hans Weigand, Lois Weinberger). Heinz Gappmayrs Arbeit »war ist wird« von 1978 auf der zentralen Betonwand im Hof der Galerie funktioniert dabei als roter Faden zwischen den Arbeiten von Carola Dertnig, die sich mit dem performativen Gehalt von Sprache beschäftigt, Lois Weinbergers Universum zum Thema Kunst und Natur oder Eva Schlegels fotografischem Zugang. Sie alle thematisieren die Verflechtung von vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Zeit. bis 31. August Galerie im Taxispalais, Innsbruck

Finden, vermitteln, verkaufen, vernetzen. Das von der Galerie Krinzinger initiierte Projekt »CCC – Curators Collectors Collaborations« versucht einen Diskurs zwischen der Parallelwelt der Sammler und der Kuratoren zu schaffen. Dabei geht es auch um die unterschiedliche Auslegung von Kunst, also Kunst als ästhetischer Gegenstand, als kritischpolitisches Potenzial oder als Marktwert. Bei diesem Projekt findet auch eine Neuinterpretation von feministischer Kunst statt, da ausschließlich Werke von Künstlerinnen gezeigt werden. Eine Rückschau auf Kunst von Frauen – von Marina Abramovic über Lucy Lippard bis zu zeitgenössischen Künstlerinnen wie Kathi Hofer oder Ursula Mayer. Im Rahmen des Vienna Gallery Weekend (16. bis 18. Mai) führt Andreas Müller am 18. Mai um 14.30 Uhr durch die Ausstellung. bis 31. Mai Galerie Krinzinger, Wien

Bild: Brandon Turner

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Lois Weinberger, »tranzi«, 2009



Mi. 14.05. // 20:00 Clowntheater

Gardi Hutter (CH) 

Mi. 14.05. // 20:00 Wave/Rock

The Sisters Of Mercy 

Do.15.–Fr.16.05. // 20:00 Kabarett

Andreas Vitásek 

Fr. 16.05. // 20:00 Americana

Bela B & Smokestack Lightnin’ ft. Peta Devlin 

Sa. 24.05. // 20:00 Kabarett

Urban Priol (D) Eternal Network / André Thomkins Neue Galerie Graz bis 9. Juni

Niederösterreich

Tirol

Oberösterreich

Lorenz Estermann Galerie Brunnhofer, Linz bis 18. Juni

Salzburg

TEXT Carola Fuchs

Steiermark

Ich bin ein Büro. Viktor Rogy Alpen-Adria Galerie, Klagenfurt bis 1. Juni East – West – South – North. Hans Schabus Galerie Stadtpark, Krems bis 30. Mai Visionen – Imaginäre Architektur und Experimentalfotografie. Otto Beckmann Fotogalerie Feurbachl, Neunkirchen bis 11. Juni

Kenton Nelson Galerie Ruzicska bis 15. Mai Laurenz Berges / Bernhard Fuchs / Jitka Hanzlova Fotohof Salzburg bis 17. Mai Alfred Kubin / Emmy Haesele Galerie Altnöder bis 21. Juni

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Bild: axel Hess

Kärnten

Beyond The Process – Werke aus der Sammlung Lenikus Kunstraum Innsbruck bis 24. Mai Gironcoli + Kienzer Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck bis 21. Juni

Wien

Unbroken Cold Chain Galerie Reinthaler bis 6. Juni All These Things – Overwriting The Subject. Iris Andraschek und Georgia Creimer Galerie Raum mit Licht bis 18. Mai Trash & Art: An Exhibition In Progress Galerie Hummel bis 27. Juni And Cut! Deborah Sengl Galerie Ernst Hilger bis 21. Juni In The Flesh – Young Artists Biennale Das weisse Haus bis 31. Mai



Mi. 28.05. // 20:00 Impro

TheatersportLändermatch A vs D 

Sa. 07.06. // 20:00 Kabarett

Angelika Niedetzky 

Do. 12.06. // 20:00 Indierock

Portugal. The Man 

Sa. 21.06. // 20:00 Alternative

Eels 

POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstraße 43, A – 4020 Linz Info + Tickets: 0732 / 78 18 00, www.posthof.at

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TERMINE

FESTIVALS

4 Fragen an Katrin Hofmann (Fesch’markt) Ihr seid ja mehr als ein Markt, ihr habt ja auch schon DJ- & Visual-Tutorials, Live-Paintings, Freiluftkinos und vieles mehr geplant. Was kommt als nächstes – DIY-Design-App, Märkte in ganz Österreich, Flagshipstore, eine Unterhosenlinie? Wir sind noch viel am Experimentieren und springen natürlich auf die aktuellen Trends auf. Graz ist nun Teil des Fesch‘universums, Vorarlberg kommt eventuell noch dazu, Kleidertauschbörse und Workshops bleiben ein fixer Bestandteil unabhängig vom Marktwochenende. Am Sommermarkt kommt wieder Fesch‘on bike und erstmals eine eigene Halle für Interior Design. Vorerst mangelt uns nicht an Ideen, eher an Zeit. Ein Designer ist: Ein Künstler? Ein Geschäftsmann? Ein Handwerker? Ein Designer hat von allem etwas. Ich fürchte allerdings, dass ein Designer am wenigsten von einem Geschäftsmann hat. Oder man kann sagen, je kreativer, desto weniger Geschäftssinn. Das lässt sich natürlich nicht verallgemeinern, aber ich denke, das hat was mit den Gehirnhälften zu tun. Diese dürften in der Hinsicht nicht optimal zusammenspielen. Aber damit die Kreativen gut verkaufen, dazu gibt es den Fesch‘markt, also alles halb so wild. Was kauft ihr eher: Vintage-Kleider oder neueste Trends? Die Mischung macht‘s, sowohl bei der Kleidung als auch beim Wohnen. Hauptsache, es sind Dinge mit Charakter. War es ein Kindheitstraum, einen Design-Markt zu gründen? Nein, da wollte ich Jägerin werden. Aber ein Faible für außergewöhnliche Dinge, die nicht jeder hat, war schon immer da. Fesch’markt 13. bis 15. Juni, Wien, Ottakringer Brauerei www.feschmarkt.info

Radical – so wollen die Spezialprogramme beim VIS sein. Als Mädchen mit Knarren und geile Unschuld kann man sie am ehesten übersetzen.

Vienna Independent Shorts Das Vienna Independent Shorts – das oberste Wiener Festival für Kurzfilme also – geht in die 11. Runde und begeben sich dabei auf die Suche nach dem »radikalen«, also dem wagemutigen, polarisierenden und politischen Kino der Außenseiter. Das machen sie gemeinsam mit neuen Partnerfestivals in Bristol und Riga, mit dem Österreichischen Filmmuseum und den Wiener Festwochen. Eine hübsche Sache ist der Österreichische Musikvideopreis. Ein paar heimische Filmemacher stehen ebenfalls im Scheinwerferlicht. Und abgerundet werden die kurzen Vergnügen von einer Porno-Nacht. Taschentücher wird man vermutlich trotzdem nicht brauchen. 23. bis 29. Mai Stadtkino im Künstlerhaus, Österreichisches Filmmuseum, Gartenbaukino, Schikaneder

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TERMINE

FESTIVALS Auch im zweiten Teil der oscarnominierten Dokumentation »Gasland« widmet sich Josh Fox den Auswirkungen von Fracking.

17 ... in so vielen verschiedenen Sprachen gibt es Performances bei den Wiener Festwochen.

Crossroads Der Festivalname ist gut gewählt. Viele der Themen, die das Filmfestival Crossroads behandelt, sind solche, die Menschen an einem Scheideweg zeigen. Einzelne Menschen oder viele Menschen. Im Idealfall erzeugen solche Filme einen Wirbel, fachen Diskussionen an und bringen Einzelne dazu, anders zu handeln als sie das sonst getan hätten. Ein Festival für Menschen also, die sich und die Menschen noch nicht aufgegeben haben. 21. Mai bis 1. Juni Graz, Forum Stadtpark

Soho in Ottakring

TEXT Tanja Schuster BILD Vis, »Gasland 2«, Dieter Werderitsch

Das Theaterstück »Hitlers Großmutter« setzt sich mir dem Leben von Hitlers Oma und den harten Arbeitsbedingungen einer Frau im Waldviertel des 19. Jahrhunderts auseinander.

Soho in Ottakring will ein wenig New York in Wiens Klein-Istanbul bringen. Zwischen diesen Kulturkreisen und ihren klassischen Codes spielt sich auch das Festivalprogramm ab. Unter dem Motto »Sandleiten auf Draht – 90 Jahre Sandleiten« gibt es etwa dieses Jahr auch eine Silent-Rasen-Disko. Sonst: Konzerte, Performances, Rambazamba. 17. bis 31. Mai Wien, Ottakring

Wiener Festwochen

Die Wiener Festwochen sind ja mittlerweile einer der wenigen Kulturtanker in diesem Land, der nicht mit Skandalen und riesigen Finanzlöchern zu kämpfen hat. Das Programm wurde zwar ein wenig schlanker, dafür spielt der Rest auf höchstem Niveau, von Haneke bis Kentridge und Barney. Daneben performen Kraftwerk ihr Gesamtwerk. 9. Mai bis 15. Juni Wien, verschiedene Locations

Literaturfest Salzburg

Zum siebten Mal gibt’s beim Literaturfest Salzburg Neuerscheinungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren sowie aktuelle Diskussionen zu Literatur und Leben. Den Ausgangspunkt bildet dabei der 100. Jahrestag des Beginn des Ersten Weltkriegs unter dem Motto »Frieden und Krieg«. 21. bis 25. Mai, Salzburg verschiedene Locations

Viertelfestival Quer durch die Regionen Niederösterreichs wandert dieses Festival von Jahr zu Jahr. Heuer ist das Waldviertel dran und damit das strukturschwächste Viertel. Deshalb werden 68 Kunst- und Kulturprojekte – davon sind 15 Schulprojekte – zu einem Festival unter dem widersprüchlichen Motto »Naturmaschine« gebündelt. Die Projekte befassen sich künstlerisch mit den Besonderheiten der Region und zeichnen sich durch experimentelle Zugänge aus. 10. Mai bis 10. August Waldviertel, verschiedene Locations

Festival Der Regionen

Seit 1993 erkundet das Festival alle zwei Jahre eine Region oder einen Ort in Oberösterreich. Abseits der Metropolen und kulturellen Zentren wird dort dann ein Programm mit zeitgenössischer Kunst und Kultur als Angebot für die Bewohnerinnen und Bewohner der jeweiligen Region gestaltet. Diese Jahr hat das Festival Ebensee für sich entdeckt. 19. bis 28. Juni Ebensee, verschiedene Locations 079

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MUSIK

Mount Kimbie, umgeben von ihrer Klangwolke.

Mount Kimbie Dominic Maker und Kai Campos waren mal die Light-Version in der sonst so basslastigen Dubstep-Szene und haben Post-Dubstep daraus abgespalten. Mit Dubstep und seinen Post- und Post-Post-Modulationen hat ihr neues Album nicht mehr so viel zu tun. Sie mischen nämlich einfach alle möglichen Einflüsse zusammen zu einem großen guten Eintopf. Als was man das dann bezeichnen darf, muss man nicht mehr wissen. Serviert wird’s als heißes DJ-Set im Café Leopold. 17. Mai Wien, Café Leopold

Luca Vasta Luca Vasta, das ist die, die damals die Show auf Viva hatte und die dieses »Cut My Hair« singt, das einem dann nicht mehr aus dem Kopf geht und einen tagelang verfolgt, bis man anfängt zu vergessen, wo man es her hat und anfängt zu überlegen, ob es das eigene Unterbewusstsein ist, das einen zum Frisör schickt. Genau die hat jetzt ihr erstes Album rausgebracht, das auf den schönen Namen »Alba« hört. 23. Mai Wien, B72

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TEXT Tanja Schuster

»Cut My Hair« heißt es zwar in ihrem Song, Luca Vasta trägt es dann doch lieber lang.

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TEXT Tanja Schuster

Kunsthalle Wien

TERMINE

MUSIK

Radian presented by The Gap Seit 1999 experimentieren die drei avantgardistischen Elektroniker aus Wien nun mit den verschiedensten Geräuschen herum. Ihre künstlerisch anspruchsvollen Krach-Eruptionen zwischen Getöse, Elektronik und Rock-Dynamik findet man nicht nur auf Alben, die wie selbstverständlich in der New York Times reviewt werden, sondern auch bei einem ihrer raren Auftritte in ihrer Basisstation Wien. 14. Mai Wien, Flex

Jack presents Molten Moods Groove-Angler Jack fängt sich bekanntlich die frischesten Fische. Die Release-Party von Sama Recordings war ein voller Erfolg. Für den Mai legen die Oberjacker Moogle und Laminat ein Schäuferl nach und präsentieren einen exklusiven Showcase des Münchner Underground-Labels Molten Moods. Gleich zwei Live-Acts der aufstrebenden Plattenschmiede werden am Kitchenfloor der Grellen Forelle Beats zwischen LeftfieldHouse und Dub-Techno brauen. Ozapft is! 9. Mai Wien, Grelle Forelle

Justin Timberlake Sexy’s Back! Das Ex-Nsync-Pupperl Justin Timberlake ist gerade auf großer Welttournee. Dabei konnte sich der wie sonst nur ganz wenige als eigenständiger Musiker von seinen harmlosen Anfangstagen lösen. Der GQ-Mann des Jahres hat ein Album gemacht, das einfach überall funktioniert und unter dem Deckmantel des Handwerks-R’n’B ganz viel Liebe zusammenkocht. In der Stadthalle kreischen wir dann noch wie Teenies »Cry Me A River«. 4. Juni Wien, Stadthalle

Belle And Sebastian Belle And Sebastian kommen nach Wien. Und damit meine ich nicht den kitschigen Film über einen Jungen und sein Haustier. Nein, ich meine die bittersüßen Klänge der nach dem zur Vorlage für den Film dienenden Buch benannten Band aus Schottland. Die machen Musik, die nicht nur super zu einem Sonntagfrühstück mit ordentlichem Familienstreit passt, sondern auch live im Sommer bei einem Open-Air. 19. Juni Wien, Arena

Rae Spoon Der kanadische Singer / Songwriter erzählt auf seinen Liedern persönliche Geschichten vom Aufwachsen als Transgender in einer erzchristlichen Familie. Seine Texte legt er dabei auf tanzbaren ElektroPop, ohne auf seine banjozupfenden Countrysänger-Wurzeln und die melancholische Schwere zu vergessen. 15. Mai Graz, Postgarage — 16. Mai Wien, B72 — 17. Mai Innsbruck, Treibhaus — 22. Mai Feldkirch, Spielwiese Festival — 23. Mai Steyr, Röda

La Dispute

Future Islands

2012 kamen La Dispute mit ihrem ausgefeilten Hardcore-Album voller verstörender, grausamer Geschichten über Amokläufe und Krebsleiden gleich dreimal nach Österreich. Jetzt haben sie ein neues Album im Schlepptau – mit weniger beklemmenden Geschichten über Leben und Tod, aber nicht weniger Emotion, Wut und Energie. Nur irgendwie subtiler. 11. Mai Wien, Flex

Future Islands schaffen es irgendwie, auf traumatischen Trennungs- und Liebeskummertexten einen fröhlichen Beat zu legen und versüßen einem das Leiden damit gewaltig. Wenn dann der Frontman Samuel T. Herring zu seiner rotzigen Stimme beginnt, das Tanzbein zu schwingen, ist es komplett aus: Man kann gar nicht anders als die sympathische Band ins Herz zu schließen. 28. Mai Wien, Flex

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Wye Oak Gerade noch am Coachella, schon sind die beiden Multi-Instrumentalisten mit ihrem vielschichtigen, manchmal geisterhaften Songs mit Folk- und Noise-Einflüssen in Wien im Chelsea zu Gast. Am neuen Album haben sie die Gitarren liegen gelassen und klingen jetzt mehr wie die Kollegen von Beach House – mit eingängigen Rhythmen. 28. Mai Wien, Chelsea

Museumsquartier ÖKonoMIE DER AuFMERKSAMKEIT 16/5 – 9/6 2014 Ausstellung #Attention Ist Kunst intelligentes Entertainment? Warum ist zeitgenössische Kunst so populär? Sind die Formate für Gegenwartskunst zeitgemäß? Was sind Kriterien für gute Kunst? Ökonomie der Aufmerksamkeit verwandelt die Kunsthalle Wien Museumsquartier für drei Wochen in einen Ausstellungsparcours und eine diskursive Plattform. Die Ausstellung präsentiert überraschende bis kritische Antworten internationaler Künstler/innen auf virulente Fragen zur Gegenwartskunst und zum Kunstbetrieb. Der Titel bezieht sich auf Georg Francks gleichnamiges Buch aus dem Jahr 1998, in dem dieser feststellt, dass Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft zu einer knappen Ressource und ökonomischen Ware geworden ist. Die Ausstellung überführt die Idee in die Gegenwart und fragt, welchen Einfluss die digitalisierte Welt, der international erstarkte Markt und die wachsende Popularität der Gegenwartskunst auf Künstler/innen und ihre Produktionen haben. Im Rahmen von Ökonomie der Aufmerksamkeit findet ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm mit Themenabenden, Filmvorführungen und Künstler/innengesprächen statt. Alle Infos zu Ausstellung und Programm unter: www.kunsthallewien.at Kunsthalle Wien Museumsplatz 1, 1070 Wien, Austria blog.kunsthallewien.at facebook.com/KunsthalleWien twitter.com/KunsthalleWien instagram.com/KunsthalleWien

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Know-Nothing-Gesellschaft von Illbilly The K.I.T.T.

  Wie wär’s mit einer Liste?   4. schon so oft Tachteln kassiert habe

E

s bereitete mir unlängst diebisches Vergnügen, in einem Druckwerk des Dudenverlags einen groben Schnitzer entdeckt zu haben. Bei besagtem Machwerk handelt es sich um das lediglich 80 Seiten zählende Büchlein »Wortfriedhof – Wörter, die uns fehlen werden«. Ich habe es um € 5,20 erstanden. Im vergangenen März. Ich könnte noch genauer werden (Ort, Datum, Zeit), sehe aber in einer exakten Ausführung dieses Spontankaufs keinen tieferen Sinn. In der Aussparung liegt die Kunst, heißt es und um heutzutage jemanden zu erreichen, wenn man also will, dass ein Mensch einen Text auch zu Ende liest und nicht gleich bei der ersten, oder zweiten, oder dritten Möglichkeit aussteigt, bedarf es einfacher, kurzer Sätze, die ohne viel Schnörkel auskommen und am besten scharf pointiert und am allerbesten noch als Liste hinserviert werden. Dass dies catchy über die Bühne gehen muss, versteht sich natürlich von selbst. Catchy wäre z.B.:

illustration Jakob Kirchmayr

1. »Duden ordentlich durchgefickt!« 2. Leider, leider, kann ich nicht so super

catchy Schreibischreib machen, weil ich, bedingt durch die Lektüre des (trotz peinlichen Fehlers) recht erbaulichen Vademecums aus dem Hause Duden, meinen Wortschatz aufpoliert habe und mich nun teilweise antiquierter, ja gar anachronistischer Vokabeln befleißige. Erschwerend kommt hinzu, dass ich ständig abschweife, mich gerne schnurrig zeige und dem munteren Schwadronieren hingebe. Da kann ich noch so viele Listenpunkte machen, ich komme auf keinen grünen Zweig. Und – noch viel unangenehmer – die Malediktionen und die ins sexuell Eindeutige gehenden Lemmata sind darin spärlich gesät. Und gefährlich zu verwenden, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprechen und mit Vorsicht zu genießen sind. Da muss man sehr aufpassen, weil einem sonst – pardauz – die Maulschellen nur so um die Ohren pfeifen. 3. Da fällt mir gerade ein: Ist es schon Blackfacing, wenn man seinen Avatar bei Quizduell auf den dunkelsten Hautton einstellt? Egal, wichtiger ist es jedenfalls zu erwähnen, dass ich

und eine sehr niedrige Lernkurve bei dem habe, was man schreiben darf. Darum sage ich jetzt einfach: Ich finde es sehr erquicklich, bei Weibsstücken, mit denen man fallweise poussiert, von Buhlen zu sprechen. Buhle, ach, das ist was Weiches, Warmes, Wunderbares. Man sollte das Wörtchen sogleich in seine Sprachschatztruhe sperren und beizeiten wie mit einem Goldnugget damit bezahlen. 5. Da ich weiß, dass der Leser ein faules und bequemes Schwein ist, eile ich gerne zu Hülfe. Unter Punkt sechs findet man daher nun eine Anwendungsmöglichkeit fürs Wörtchen Buhle. Denn Service wird bei mir groß geschrieben. 6. »Verzeih, mein Lieber Bruder im Geiste! Ein Treffen heute geht sich nicht aus, meine aktuelle Buhle, ein Backfisch feinster Güte, erwartet mich, damit ich ihr, nach kurzem Charmieren, beiwohne.« 7. Davon dürfte wohl keine Übersetzung nötig sein, falls doch, bitte ich um die Verwendung der Phrasen und Worte: »Sorry, Bro!«, »Booty Call«, »enge Teenfotze«, »reinbraten« und »schnackseln«. 8. »Schnackseln« ist eines der hässlichsten Wörter, die man für den Vollzug des Beischlafs verwenden kann. Wer »schnackseln« benutzt, ist irgendwo in den 1970er und 1980er Jahren hängengeblieben. Ich weiß auch gar nicht, was denn das hier gerade verloren hat. Es ist ein Wort für Tiroler Skilehrer, kehrtgewendete Alt-68er, samenvergilbte Landjugendhengste und Austropoplegenden. Sie sind es, die es benutzen, wenn in süßen, amourösen Erinnerungen geschwelgt wird. Es dürften nicht wenige sein, denn sonst hätten es die sprachsensiblen Geister in der DudenRedaktion vielleicht bereits in ihrem »Wortfriedhof – Wörter, die uns fehlen werden« aufgenommen. 9. Auch wenn ich stark bezweifle, dass irgendwer dieses hässliche Wort wirklich vermissen würde. Zudem bin ich auch für ein Verwendungsverbot von »bumsen«. »Bumsen« ist nämlich das weiche, gichtbrüchige Geschwisterchen von »schnackseln«. 10. Ich möchte mich an dieser Stelle an einem Geständnis üben: »Schnackseln« habe ich unter Punkt sieben nur eingeführt, damit ich problemlos einen Punkt acht, neun und zehn in dieser Liste füllen kann. Das ist ein billiger Taschenspielertrick, aber auch ein absurdes, retardierendes Moment, um nun munter fürbass zum nächsten Listenpunkt zu schreiten. Parbleu! Parbleu!

Es ist bereits der Elfte: Ha, ha, jetzt hab ich die Ordinalzahl ausgeschrieben. Weil ich finde, man muss beim Erstellen von Listen auch ein bisschen mit der Form spielen. Das heißt auch, es ist hier noch nicht zu Ende. Kann ja auch gar nicht sein. Denn Listen, die aus zehn Punkten bestehen, sind von affröser Einfältigkeit, außer natürlich die Zehn Gebote. Und elf Punkte wäre zu durchsichtig. Deswegen husch, husch zu 12. Ich bin ja noch den groben Schnitzer zu erwähnen schuldig, denn die DudenFreunde gemacht haben. Sicher, es ist ein Ausbund an Spießigkeit und Rechthaberei, darauf in gespielter Schockschwerenot herumzureiten. Gleichzeitig ereilt einen, wenn man im Duden eine Salopperie nachweist, ein äußerst höchliches Gefühl. So als parierte man einen entscheidenden Elfmeter mit einer Robinsonade. 13. Eine Robinsonade ist nicht nur die Verwendung eines Isolationsmotivs in Film und Literatur, sondern in alten Zeiten meinte man damit auch das Hechten des Torhüters nach dem Ball als gekonnte Abwehrreaktion. Benannt wurde es nach dem englischen Torhüter John William 14. »Jack« Robinson, der diesen Move etablierte und für viel Verzückung beim Publikum sorgte. Jack Robinson, der auch sehr gut Baseball spielte übrigens, lebte laut Duden von 1878–1949. 15. Das ist aber falsch. Er lebte von 1870–1931. Deswegen werde ich demnächst der Dudenredaktion einen Schur tun und sie mit einer geharnischten Korrespondenz ein wenig verdrießen. 16. Selbstredend wird besagter Brief, sobald er denn geschrieben sein wird, in bester Wutbürgermanier an passender Stelle öffentlich gemacht. Alles muss man sich ja wirklich nicht gefallen lassen. 

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