Wir lassen uns beeinflussen von Dingen, die wir gar nicht verstehen oder greifen können. Eine illusionierte Welt, die vor allem aus einer beschönigten Darstellung besteht. Einer Darstellung fehlender Inhalte.
@ A R CHITE C T U RE I S LYI N G TOYO U PLURAL REALITIES WS 2021/22, FAKULTÄT ARCHITEKTUR TECHNISCHE HOCHSCHULE NÜRNBERG GSO SANDRA ROST 1
Auf Instagram werden allein täglich 95 Millionen Fotos gepostet. Als nur eine der größten Social Media Plattformen gehört es damit schon zum Alltag vieler Personen. Häufig automatisch werden unbewusst die Apps sozialer Plattformen geöffnet und damit Zeit vertrieben. Neben Freizeitbeschäftigung dient es vielen Nutzer*innen auch berufliche Perspektiven oder Inspiration für die verschiedensten Themen. Egal ob Mode, Kochen, Zeichnen, Tanzen, Psychologie, Technik - grundsätzlich können die konsumierten Inhalte alle Lebensbereiche abdecken. Die Popularität von Social Media entsteht vor allem, da es je nach Nutzer*innenverhalten entweder ein Abbild der Realität ist oder ein Flüchten in andere Welten. So oder so hat Social Media ein hohes Suchtpotential. Grund dafür ist die Funktionsweise des Gehirns. Sobald es sich in Erwartungshaltung befindet, wird Dopamin ausgeschüttet, ein Hormon, welches uns motivations- und antriebssteigernde Effekte vermittelt. Wer also beispielsweise ein Foto auf Instagram postet und sich auf die Likes freut, bei dem wird Dopamin ausgeschüttet.
Das birgt ein schnelles Abhängigkeitsgefühl und den Drang nach immer mehr Perfektion. Es entsteht ein Dilemma: Creator*innen produzieren immer mehr und immer perfektionierteren Inhalt und Konsument*innen erleben eine Flut an Beiträgen. Durch die dazukommende Schnelllebigkeit von sozialen Plattformen entsteht ein unbewusster Druck. Es kommt zu einem Vergleich einerseits unter Creator*innen und andererseits zwischen Creator*innen und Follower*innen. Wie können Follower*innen auch so ein perfektes Leben führen? Verstärkt wird dies noch durch die von den plattformbasierenden Algorithmen, die Content ideal steuern. Uns wird nur angezeigt, was wir gut finden. Wer einen bestimmten Inhalt öfter konsumiert, dem wird auch in Zukunft mehr in diese Richtung angezeigt. Dadurch wird primär auch gefiltert, was wir sehen, womit wir uns beschäftigen, was wir wollen, was uns beeinflusst. Gleichzeitig gibt es uns die Möglichkeit Inhalte zu konsumieren, zu denen wir sonst nie einen Zugang gefunden hätten. Wir können uns kreativ ausleben. Nicht zuletzt entstand so auch das Wort content creator. Klassisch künstlerische Inhalte genießen eine große Aufmerksamkeit. Es gilt: Je beeindruckender die Kunst, desto mehr Engagement in der Community und unter den Follower*innen. Die Frage, der Wunsch, schon fast das Verlangen nach der größtmöglichen, schnellstmöglichen Reichweite steht dabei häufig über dem Sinn des geteilten Beitrags. Quantität über Qualität.
Wenn beispielsweise Kunst konsumiert wird, ist es dem Individuum gar nicht möglich in einer angemessenen Tiefe in die Thematik einzusteigen. Je aufregender, aufwendiger und beeindruckender die Darstellung, desto mehr werden Konsument*innen geblendet. Besonders bei Architekturabbildungen ist es auffällig, dass es nicht um die Schlüssigkeit von Projekten geht, sondern darum, dass es schlicht weg gut aussieht. Grundrisse, Schnitte, Ansichten, Isometrien, Piktogramme, Perspektiven – je imposanter die Zeichnung, desto mehr Aufmerksamkeit generiert sie. Eine gute Darstellung in der Architektur ist unerlässlich, jedoch werden Konsument*innen davon auch geblendet. Es ist zu hinterfragen, ob dahinter auch mehr Sinn steckt und ob es wirklich gute Architektur ist oder nur eine gute Abbildung von Architektur. Eine tiefere Untersuchung dieser Abbildung passiert kaum. Zwar gibt es einen Mehrwert durch die Di-
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versität an Zeichensprachen und Darstellungsformen, aber wie auch in anderen Bereichen fehlt eine inhaltliche Relevanz. Das Interesse des*der Betrachter*in muss möglichst schnell geweckt werden und der Beitrag muss visuell beeindrucken.
Die Schnelllebigkeit des Internets, vor allem verschiedenster Social Media Plattformen, lässt eine intensive Auseinandersetzung diverser Inhalte gar nicht erst zu. Bewusst kurzer Content, maximal eine Minute, was häufig schon zu lange für das typische Nutzer*innenverhalten ist, sorgt für eine Dauerschleife an sinnbefreitem Scrollen. Im mobilen Facebook News Feed liegt unsere Aufmerksamkeitsspanne bei lediglich 1,7 Sekunden. Selbst bei konzentrierter Nutzung ist es gar nicht möglich komplexe Sachverhalte zu begreifen. Dabei ist es fragwürdig, ob dieser Konsum überhaupt gesund ist. Wir lassen uns beeinflussen von Dingen, die wir gar nicht verstehen oder greifen können. Da aber die Inhalte häufig perfektioniert sind, entsteht eine Illusion. Wir folgen Privatpersonen, wir folgen Künstler*innen, wir folgen Politiker*innen, wir folgen scheinbar erfolgreichen Menschen und vergleichen uns. Durch das Erzeugen und das Aufrechterhalten dieser Illusion, wird nicht hinterfragt, was dargestellt wird. Eine illusionierte Welt, die vor allem aus einer beschönigten Darstellung besteht. Einer Darstellung fehlender Inhalte.
Die Folge für die Architektur ist eine Verschiebung der Gewichtung. Wie leicht lassen sich Verantwortliche blenden? Bekommen dann eventuell schlechtere Projekte mehr architektonische Relevanz zugesprochen als inhaltlich sinnvollere? Wo verläuft die Grenze? Wie können wir immer besser, präziser, differenzierter Gedanken visuell darstellen und wie beeinflusst das unsere Interpretation, wenn wir es sehen? Grundsätzlich ist es in der Architektur und aufgrund der ständigen Auseinandersetzung mit Architektur schwierig bis unmöglich rein objektiv zu sein. Einflussnahme findet zwangsläufig auf vielen Ebenen statt. Jedoch können wir für uns selbst individuell und bewusst reflektieren und hinterfragen. Wir können Gezeigtes in verschiedenen Aspekten untersuchen und Fragen stellen. Wir können mit einer Meinungsbildung warten, anstatt zu urteilen und warten bis wir einen tieferen Einblick haben. Wir können uns darüber bewusst sein, dass Darstellungen oft eine Illusion und ein Euphemismus sind und anschießend aufmerksamer konsumieren.
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@architectureislyingtoyou
Das
Projekt
lungsillusion
des
@architectureislyingtoyou Internets.
Es
geht
behandelt um
eine
genau
Abfolge
von
diese vier
DarstelSequenzen.
Die erste Sequenz zeigt ein Plakat. Man sieht eine abstrakte Zeichnung eines Raumes. Verschiedene Ebenen, Freiformen, unterschiedliche Durchgänge und Bögen, spiralförmige und gerade Rampen, Treppen, welche teilweise in nichts führen. Es entstehen realitätsferne Raumgefüge. Ein Übermaß an Typologielosigkeit dominiert das Plakat als erstelltes Produkt.
Auf der zweiten Sequenz sieht man das abstrakte Plakat, den sinnlosen Raum auch im öffentlichen Raum, konkret in der gebauten Architektur. Der Kontrast zwischen der gebauten Realität und der gezeichneten Illusion symbolisiert auch den Kontrast zwischen der Illusion, welche uns das Internet vermittelt und der Realität, in der wir diese Illusion konsumieren. Würden wir das Plakat in der Realität sehen und es nimmt dabei unsere Aufmerksamkeit ein, würden wir in den meisten Fällen auch stehen bleiben und uns einen Moment zur genaueren Betrachtung nehmen. Würde das auch im Internet passieren?
Eine dritte Sequenz zeigt dann den Übergang zu Social Media, als Kommunikationstool, bei welchem es von einem theoretisch unendlichen Publikum konsumiert wird. Während das Plakat in der Realität bewusst erzeugt wurde, wird es jetzt ohne Grenzen und frei zugänglich unbewusst konsumiert. Während des Konsums fällt die Typologielosigkeit des Plakatinhalts erst auf den zweiten, genaueren Blick auf. Nach einigen Sekunden. Eine Zeit, die für die durchschnittliche Social Media Konzentrationsspanne bereits zu lange ist. Es entsteht zwar eine Schnittstelle mit Architektur, doch diese ist nicht greifbar. Es überwiegt schlicht weg die Darstellungsweise. Die nötige Zeit, um den gezeichneten, abstrakten Raum wahrzunehmen und zu verstehen, wird eine Minimalanzahl von Nutzer*innen investieren.
Die vierte Sequenz zeigt zuletzt die Situation des Konsums. Man sieht eine Person mit Smartphone in der Hand, unbedacht wird auf Instagram die Zeit verbracht. Das Foto zeigt eine Momentaufnahme und die direkte Beeinflussung. An die Zeichnung erinnern würden sich aber kaum Nutzer*innen.
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Erste Sequenz
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Zweite Sequenz
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Dritte Sequenz
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Vier te Sequenz
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Weiterführende Literatur https://www.sueddeutsche.de/wissen/hirnforschung-mit-facebook-wie-die-gier-nach-likes-das-gehirn-antreibt-1.2732043 <23.01.2022> https://www.futurebiz.de/artikel/aufmerksamkeitspanne-facebook-mobil/ <24.01.2022>
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