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Unter Druck Wenn Kinder zu früh zu viel Verantwortung übernehmen müssen
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Ne ue S de erie rS : A an us s-P de ap m ier Le s ben
Strassenmagazin Nr. 636 9. bis 22. Oktober 2026
«Geld und Status sind relativ – Armut auch»
Auf seinem Sozialen Stadtrundgang durch Zürich erzählt Hans Peter Meier, warum er trotz seines guten Jobs und gutem Einkommen am Nullpunkt gelandet ist – und warum er den Glauben an einen Ausweg nicht verloren hat.
Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.
TITELBILD: DIMITRI GRÜNIG
Editorial
Wichtige Unterstützung Parentifizierung – dieser sperrige Ausdruck steht in der Psychologie für eine Art Umkehr der Eltern-Kind-Beziehung: Die Kinder übernehmen Aufgaben, die eigentlich den Eltern zukämen. Sie kümmern sich um Einkäufe, putzen die Wohnung, vereinbaren Termine, schlichten Konflikte. Die Gründe dafür sind vielfältig: Scheidung, Erkrankung, Sucht probleme oder Überforderung können dazu führen, dass Kinder zu früh in eine Elternrolle gedrängt werden und damit über das gesunde Mass hinaus Verantwortung übernehmen müssen. «Ich hatte nie das Gefühl, Kind sein zu dürfen.» Das berichten Jugendliche in unserer Reportage. Sie sprechen darüber, wie sie sich in Parallelwelten zurück gezogen haben, um sich zu erholen und zu schützen – aber auch davon, wie wichtig es ist, Menschen um sich zu haben, welche die Last auf ihren Schultern bemerken und sie unterstützen, seien das Lehrpersonen oder Gleichaltrige.
4 Aufgelesen 5 Na? Gut!
8 Serie: Sans-Papiers
Ein Leben im Schatten
Eine Seite gegen Gewalt Wadenbruch statt Clubbesuch Liste der schönsten Sätze
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KL AUS PETRUS
Redaktor
14 Jugend
26 Veranstaltungen
Wenn Kinder zu viel Verantwortung tragen 27 Was gibt dir Hoffnung?
22 Kino
29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren
24 Kino
30 Surprise-Nachruf
Erinnerungen an den Kosovo-Krieg
6 Verkäufer*innenkolumne
Die IV vor dem finanziellen Kollaps
Mit ihnen beiden beginnen wir unsere dreiteilige Serie über das Leben von Sans-Papiers.
28 SurPlus 20 Verein Surprise Der Blick von der Strasse Positive Firmen
5 Vor Gericht
7 Die Sozialzahl
Parallelwelten sind auch Teil der Realität von Sans-Papiers. Schätzungsweise 100 000 Menschen ohne gültige Aufent haltsbewilligung leben und arbeiten in der Schweiz. Sie sind gezwungen, möglichst unbemerkt zu bleiben, «ein Leben im Schatten», wie David Essama das nennt. Er heisst eigentlich anders, stammt aus der Demokratischen Republik Kongo und lebt als Sans-Papiers in Basel. Unterstützt wird er von Aimé Ofounou, der sich schon seit Jahren für die politischen Rechte von Sans-Papiers einsetzt. Er selber hat inzwischen eine Aufenthaltsbewilligung – und ist damit für viele andere ein Hoffnungsschimmer, so auch für Essama.
13 Vielfältige Stimmen
Vom Kampf einer Eritreerin für Freiheit
Gabi Disch
25 Buch
Wiener Blut
3
Aufgelesen
News aus den über 80 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.
Die Parton-Playlist
«I Will Always Love You» Vom Erfolg von Whitney Houstons Cover-Version war Parton tief beeindruckt: «Ich konnte nicht glauben, dass mein kleines, trauriges Country-Lied überhaupt so interpretiert werden konnte.»
Am 25. August verstarb die US-amerikanische Country-Legende Dolly Parton. Das Strassenmagazin Big Issue Australia hat die wichtigsten Stücke aus ihrem musikalischen Vermächtnis von über 3000 Songs kuratiert:
«9 to 5» Wenn miese Chefs «deinen Verstand ausnutzen und dir nie Anerkennung zollen», mach dir keine Sorgen: Genossin Dolly ist da, um am Ende des Tages mit allen mitzufühlen.
«After the Gold Rush» Über dieses Neil-Young-Cover sagte Parton: «Ich fand das so lustig. Ich glaube, es geht um die Wiederkunft Christi oder die Invasion von Ausserirdischen – oder um beides.»
«Jolene» Vom Rolling Stone zum besten Country-Song aller Zeiten gekürt.
BIG ISSUE AUSTRALIA, #769, SEPTEMBER 2026, AUSTRALIA
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FOTO: ZVG
«My Tennessee Mountain Home» Parton war stolz auf ihre einfache Herkunft und zeigte sich ihrer Heimat später durch Wohltätigkeit und Investitionen erkenntlich.
30
Medienpartner:innen
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kurzfilmtage.ch
th
Internationale Kurzfilmtage Winterthur 3 – 8 Nov 2026
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ILLUSTRATION: PRISKA WENGER
Na? Gut!
Eine Seite gegen Gewalt Wie erkenne ich, ob ich gewalttätig bin? Und wo finde ich Hilfsangebote? Mit «way_out – Gewalt beenden. Beziehungen stärken» gibt es ein neues digitales Präventionsangebot für jene, die in Beziehungen Gewalt ausüben oder sich fragen, ob ihr Verhalten Grenzen überschreitet. Die Seite wayout.ch zeigt, wo betroffene Personen sowie das soziale Umfeld Hilfsangebote finden. Zudem liefert sie niederschwellig und kompakt Informationen zu verschiedenen Gewaltformen, Ursachen und Folgen von Gewalt sowie zur rechtlichen Situation im Falle von Gewaltandrohung und -anwendung. Für Jugendliche bietet wayout.ch zum Beispiel einen interaktiven Konsens-Check: Was bedeutet Konsens? Wo verlaufen Grenzen? Wie fühlt sich das Gegenüber? Für Fachpersonen aus Schulen oder Jugendarbeit listet die Seite verschiedene Workshops zum Thema auf, wie etwa fair-lieben.ch, ein Angebot zu häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Plattform ist auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch verfügbar und kann anonym und kostenlos genutzt werden. Entwickelt hat wayout.ch der 2020 gegründete Berner Verein Tech against Violence, in Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus Gewaltprävention und Beratung wie etwa dem Schweizerischen Dachverband für Gewaltprävention Solvio, der Fachstelle Gewalt Bern oder männer.ch. Ein anderes Projekt von Tech against Violence ist with-you.ch, das Betroffenen von häuslicher Gewalt Hilfe bietet. LEA
An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen. wayout.ch, wayout.ch/jugendliche Surprise 636/26
Vor Gericht
Wadenbruch statt Clubbesuch Dass es nachts an der Zürcher Langstrasse klöpft, ist keine Seltenheit. Die spezifische Mischung aus Rauschzustand, Hormonen und unsicherer Motorik macht die Körper anfällig für grössere und kleinere Zusammenstösse. Vieles bleibt folgenlos, abgesehen von Schrammen und verletztem Stolz, dafür sorgen nicht zuletzt Gedächtnislücken aufgrund von Intoxikationen. Was in der Nacht vom 16. auf den 17. September an der Langstrasse 112 passiert ist, lässt Manuel Peyer (Name geändert) jedoch nicht los. Dabei ist er gar nicht der Geschädigte. «Ich habe einen einzigen Fehler gemacht», sagt Peyer an der Verhandlung am Bezirksgericht Zürich, «und muss das jetzt schon drei Jahre mitschleppen.» Als Selektionär für einen Club an der Langstrasse achtete Peyer damals auf eine ausgewogene Mischung der Gäste: nicht zu viele Männer und keine mühsamen Kunden, also keine zu betrunkenen oder anderweitig schwer berauschten Leute. «Ich bin da für die Sicherheit», erklärt Peyer die Aufgaben eines Selektionärs, «und wenn ein Kunde stark alkoholisiert ist, muss ich Nein sagen.» Bei Ralf Kocher (Name geändert) handelte es sich um einen solchen Fall. Kocher, der zusammen mit zwei anderen Personen im Club feiern wollte, akzeptierte die ablehnende Entscheidung Peyers nicht. Aufbrausend sei Kocher geworden, laut und beleidigend, so schildert es der Beschuldigte bei der Befragung. So laut, dass der Selektionär ihn irgendwann am Hals packte und nach hinten stiess. Wäre es dabei geblieben, so wäre die Episode bald in Vergessenheit geraten. Aber Kocher stolperte nach dem Schubser über
die Trottoirkante und verdrehte sich dabei so unglücklich den Fuss, dass er sich unter anderem einen Bruch des oberen Wadenbeins und des unteren Schienbeins zuzog. Die Staatsanwaltschaft erliess einen Strafbefehl: Wegen Tätlichkeit (Halsgriff und Stoss) und fahrlässiger Körperverletzung (wegen des Sturzes) sollte Peyer eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 120 Franken bezahlen, zuzüglich einer Busse von 1400 Franken. Hinzu kommen Verfahrenskosten. Auch eine Zivilklage ist hängig. Peyer akzeptierte den Strafbefehl nicht und zog vor Gericht. Nach dem Halsgriff und dem Stoss habe er sich umgedreht, was anschliessend passiert sei, habe er nicht gesehen. Eine Rekonstruktion des Geschehens sei im Nachhinein schwierig, sagt sein Verteidiger, aber auch gemäss ärztlichen Berichten sei ein Kausalzusammenhang nicht zu belegen: «Weshalb Kocher überhaupt das Gleichgewicht verlor, bleibt unbeantwortet.» Die Einzelrichterin kommt zum gleichen Schluss und spricht Peyer von der fahrlässigen Körperverletzung frei. «Im Zweifel gibt es einen Freispruch.» Anders entscheidet sie beim Halsgriff, den Peyer auch gesteht: Da erfolgt zwar ein Schuldspruch, allerdings wird von einer Bestrafung abgesehen: «Wer auf Beschimpfungen mit Tätlichkeiten reagiert, also mit einer Retorsionsmassnahme, bleibt straffrei», so die Richterin.
WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter
in Zürich. 5
ILLUSTRATION: MARIE SCHÜPBACH
Verkäufer*innenkolumne
Liste der schönsten Sätze Platz 10 – Hans-Rudolf Merz, Alt Bundesrat FDP: «Bü … Bü … Bündnerfleisch!» Platz 9 – Götz Widmann, Musiker: «Stell dir vor es gibt ne Steuer, die die Leute gerne zahlen / Und so oft sie sie bezahlen, danach völlig selig strahlen (…) / Eine Steuer, die der Steuerzahler liebt / Sag nicht, dass es sowas nicht gibt! / Um diese Steuer zu kassieren / Muss man nur Hasch legalisiern!» Platz 8 – Jaromír Jágr, Eishockeyspieler: «Ich verliere nie. Entweder ich gewinne, oder ich lerne.» Platz 7 – Dr. Oliver Götze, Direktor des DB Museum: «Mit der Bahn begann auch ein Wirtschaftsaufschwung. Und später, als mehrere Bahnlinien stillgelegt wurden, sind diejenigen Gebiete wirtschaftlich abgestiegen, die ihre Bahnlinie verloren haben.» 6
Platz 6 – Mechthild Mus, Grossrätin Grüne: «Klimaschutz ist nicht alles, aber ohne Klimaschutz ist alles nichts.» Platz 5 – Oswald Käser, ehemaliger Lehrer: «Äh, die verdammti Raucherei (Lungenzug) regt mich uff. Huäscht … Huäscht … Huäscht …» Platz 4 – Regula Rytz, Ex-Parteichefin Grüne Schweiz: «Dieser Steuerwettbewerb ist eine gefährliche Abwärtsspirale, welche die Welt an die Wand fährt und viele Menschen darunter leiden lässt.» Platz 3 – Christian Sieber, ehemals Surprise-Regionalstelle ZH und Soziale Arbeit Zürich: «Chum mir spiled Queerfuessball!» Platz 2 – Anna Rosenwasser, National rätin SP: «Wenn Sie meinen, dass in Ihrem Umfeld niemand queer ist, dann
heisst das, dass die Leute in Ihrem Umfeld nicht geoutet sind, aber nicht, dass sie es nicht sind. Seit es Menschen gibt, gibt es Transmenschen, seit es Liebe gibt, gibt es homosexuelle Liebe, seit es Fa milien gibt, gibt es Regenbogenkinder.» Platz 1 – Jacqueline Badran, National rätin SP: «Wil ihr die falsche Sache filmed und die falsche Frage schtelled. Wil er vorher irgendwie de huere fucking Glarner, who cares, gfilmt händ anstatt d Forderige vo de Jugendliche. Anstatt emal irgendwie sich empöre, dass mir irgendwie de huere Planet zerstöred sit vierzg Jahr.» MICHAEL PHILIPP HOFER, 40, verkauft Surprise in Oerlikon und sammelt Sätze beim Fernsehen, Radiohören, auf Partei versammlungen und Klimaprotesten.
Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration. Surprise 636/26
INFOGRAFIK: BODARA ; QUELLE: BUNDESAMT FÜR SOZIALVERSICHERUNGEN (2026). FINANZPERSPEKTIVEN DER IV. BERN.
Die Sozialzahl
Die IV vor dem finanziellen Kollaps Jährlich aktualisiert das Bundesamt für Sozialversicherungen die Finanzperspektiven der Sozialwerke. In den letzten Jahren beschäftigte sich die Politik vor allem mit den drohenden Defiziten bei der AHV. Nun rückt ein anderes Sozialwerk in den Fokus. Der Invalidenversicherung (IV) droht in wenigen Jahren der finanzielle Kollaps, wenn nichts unter nommen wird. Die jährlichen Defizite steigen an. Lag das Betriebsergebnis 2025 noch bei einem Minus von 213 Millionen Franken, so wird dieses gemäss dem Referenzszenario 2030 bereits über 800 Millionen Franken, 2040 über 1,8 Milli arden betragen. Der Fonds der IV umfasste 2025 noch einen Kapitalstock von 3,6 Milliarden Franken, doch mit dem starken Mittelabfluss aufgrund der steigenden jährlichen Defizite wird dieser voraussichtlich bereits ab 2031 ins Minus fallen. Die IV müsste sich erneut verschulden, nachdem sie schon einmal beim AHVFonds einen Kredit von rund 15 Milliarden bekam. Dieser Kredit konnte inzwischen auf rund 10 Milliarden reduziert werden. Seither zahlt die IV jährlich rund 200 Millionen Franken Zinsen an den AHV-Fonds, ohne den Kredit weiter a bzuzahlen. Wer diesmal als Gläubiger einspringen würde, ist unklar. Die AHV wird es kaum wieder sein. Der Bundesrat will angesichts dieser trüben finanziellen Aussichten die IV erneut einer Revision unterziehen. Der Hauptgrund für die aktuelle Misere ist der starke Anstieg der Neurenten. Eine wachsende Zahl von Menschen erhält eine IV-Rente aufgrund von attestierten psychischen Erkrankungen. Betrof-
fen sind nicht nur junge Erwachsene, s ondern auch Menschen kurz vor der Pensionierung. Der Bundesrat schlägt nun eine neue Integrationsleistung vor, mit der eine zu frühe Rentenzusprache vermieden werden soll. Diese ist insbesondere für die Jüngeren gedacht, die damit mehr Zeit bekommen sollen, eine Berufsausbildung zu machen und sich in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Sie werden in dieser Phase mit einem bescheidenen Taggeld von 1008 Franken (dies entspricht 80 Prozent einer minimalen ganzen IV-Rente) und einem psychosozial und praktisch ausgerichtetem Coaching unterstützt. Man muss sich allerdings fragen, was der Mehrwert dieser «neuen» Integrationsleistung sein soll. Schon heute gilt bei der IV der Grundsatz «Integration vor Rente», schon heute können Betroffene Integrationsmassnahmen beanspruchen, schon heute kann eine IV-Rente regelmässig überprüft werden. Die zu tiefe materielle Unterstützung wird hingegen dazu führen, dass die Eltern der Jugendlichen, die Ergänzungsleistungen oder die Sozialhilfe stärker zur Kasse gebeten werden, damit die soziale Existenz der Betroffenen g ewährleistet ist. Was sich aber damit nicht ändern wird, ist die geringe Bereitschaft der Privatwirtschaft zur Integration dieser jungen Erwachsenen. Doch ohne den Goodwill von Betrieben werden die Bemühungen der IV erneut ins Leere laufen. Sie soll darum auch die Arbeitgebenden verstärkt begleiten und anleiten. Ob das gelingen wird, ist offen. Darum denkt der Bundesrat auch über neue Einnahmen für die IV nach. Vorgeschlagen wird eine Erhöhung der Lohnprozente um 0.1 bis 0.2 Prozentpunkte.
PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.
Finanzperspektive der IV: Die Entwicklung des Betriebsergebnisses 2025–2040 (in CHF)
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2025
2030
2035
2040
-213 Mio. -1000
-808 Mio. -1335 Mio.
-2000
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-1800 Mio. 7
Aus dem Schatten Sans-Papiers Beide setzen sie sich für Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus ein.
Dabei baut David Essama (Name geändert) auf dem auf, was Aimé Ofounou vor über 20 Jahren erkämpft hat. Teil 1 unserer dreiteiligen Serie über Sans-Papiers. TEXT LEA STUBER
Noch nicht lange war er in Basel, da bekam David Essama (Name geändert) die Telefonnummer von Aimé Ofounou. Essama war als Tourist aus Kamerun eingereist, nun war sein Visum abgelaufen, er hatte keine Papiere und fühlte sich verloren. Das Telefon von Ofounou klingelt ständig, auch mal um drei Uhr nachts. Sans-Papiers, die Fragen haben, ein Problem, melden sich bei ihm. Seine Nummer zirkuliere in der Community, sagt Aimé Ofounou, der ehemalige Sans-Papiers. «Ich sage oft: Es gibt kein Problem ohne Lösung.» Essama und Ofounou telefonierten zum ersten Mal im April oder Mai 2024. Wie sie Ende August 2026 nun nebeneinander am Tisch sitzen, wirken sie, als würden sie sich schon seit immer kennen. Sie sind gut gelaunt, entspannt und gesprächig, sie machen Spässe, beenden manche Sätze gleichzeitig und manchmal reden sie in den gleichen Sätzen. Es haben schon Leute gefragt, was ihr Geheimnis sei. Wie es komme, dass sie so eng verbunden seien. Ihre Antwort: Loyalität, Respekt, darum gehe es. David Essama, 39, ist in der Demokratischen Republik Kongo aufgewachsen, in einer strengen und gläubigen Familie. Der Glaube bedeutet ihm viel, Respekt vor den Älteren sei zentral. «Mit den Werten meiner Erziehung spiele ich nicht», sagt Essama. Zuletzt hat er in Kamerun gelebt, wo er einen Getränkehandel führte. Weggegangen sei er, weil ihn kriminelle Gruppen ange8
FOTOS KLAUS PETRUS
griffen hätten. In der Schweiz verdient er seinen Lebensunterhalt mit Reinigung, Reparatur und anderen Hausarbeiten, daneben singt er in einem Gospelchor. Sein Ziel: eine Aufenthaltsbewilligung. Denn, das sagt nicht nur Essama, sondern jede*r Sans-Papiers: Das Leben ohne Papiere ist anstrengend. Die alltägliche Angst, entdeckt zu werden. Keine Fehler machen, auf keinen Fall krank werden, ja nicht auffallen. Une vie dans l’ombre, nennt Essama das. Ein Leben im Schatten. Gut möglich, dass Aimé Ofounou, 64, in Essama sich selber erkennt, sein jüngeres Ich, als er 1998 aus Togo in die Schweiz flüchtete. Nach fast fünfzehn Jahren ohne Papiere bekam er 2012 eine Aufenthaltsbewilligung. Lange arbeitete Ofounou als Computeringenieur, heute ist er Sakristan in der katholischen Kirche Pratteln. Er gründete die afrikanische Sendung «Djoliba» auf Radio X mit, das 2013 den Basler Integrationspreis erhielt. Zwischen Öffnung und Abriegelung Als in der Schweiz – ausgelöst durch Demonstrationen – zum ersten Mal eine öffentliche Debatte über die Lebensbedingungen und Probleme von Sans-Papiers geführt wurde, war Aimé Ofounou mittendrin. In der Schweizer Migrationspolitik fanden in den Nullerjahren gleichzeitig zwei Entwicklungen statt: einerseits eine Politik der Öffnung gegenüber Migrieren-
den aus der EU, andererseits eine Politik der Abriegelung gegenüber Migrierenden aus der restlichen Welt, für sogenannte Drittstaatsangehörige wurden die Zulassungsbedingungen erschwert. Für viele Menschen, die nicht aus der EU kamen, blieb als einziger Weg die Illegalität, sie wurden – sofern sie weder Anrecht auf Asyl hatten noch hochqualifiziert waren – von legalen Einreise- und Aufenthaltsmöglichkeiten ausgeschlossen. Wie Ofounou erzählt, war in der Westschweiz die soziale Bewegung schon ziemlich gross, als sich auch in Basel SansPapiers jeden Monat zu «réunions clandestines» trafen. Sie waren sehr vorsichtig, um nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Ofounou fuhr auch oft nach Bern, traf sich mit NGOs und Politiker*innen. Er sprach in Gymnasien vor Schulklassen. In Basel veranstalteten sie ein öffentliches Essen, luden viele Leute ein und machten sich bekannt. Im Frühling 2001 besetzten in den Kantonen Waadt, Freiburg und Neuenburg neu gebildete Sans-Papiers-Kollektive verschiedene Kirchen, kurz darauf auch in den Städten Basel, Bern und Zürich. Ofounou erzählt: In Basel fanden sie eine römisch- katholische Kirche beim Kannenfeldpark, die sie unterstützte. Der Pfarrer sagte der Polizei: Das sind meine Freund*innen, lasst sie in Ruhe! Am Anfang hätten die Leute aus dem Quartier nicht gewusst, was Surprise 636/26
Die stete Angst, entdeckt zu werden, etwas zu machen, womit man auffällt: David Essama (Name geändert) in Basel.
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Sans-Papiers sind, manche seien aggressiv geworden. Das Kollektiv lud die Quartierbevölkerung ein, erklärte die Situation der Sans-Papiers. «Den Leuten wurde zum ersten Mal bewusst, dass unter ihnen Menschen leben, die marginalisiert werden», sagt Ofounou. Sie erfuhren viel Solidarität. Ein Koch gab seine Arbeit auf, um das Sans-Papiers-Kollektiv zu unterstützen. Er sagte, wenn die Polizei Menschen mitnehme, dann solle sie auch ihn mitnehmen. Die Sans-Papiers-Kollektive in der ganzen Schweiz forderten Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen. So fand das Thema des irregulären Aufenthalts Eingang in die Politik, wie ein entsprechender Bericht zu
den Jahren 2000 bis 2010 der Eidgenössischen Migrationskommission (EKM) festhält: Im Herbst 2001 führte das Parlament eine Debatte zum Thema Sans-Papiers; Politiker*innen brachten Postulate, Interpellationen und Motionen ein. Der wichtigste Punkt war die Frage nach der kollektiven Regularisierung des unbewilligten Aufenthalts. Doch der Bundesrat, die Behörden sowie die meisten Kantone vertraten die Haltung, dass eine solche die Probleme nicht lösen und zudem einen Anreiz für irreguläre Migration schaffen würde. Als 2002 in Basel die erste Anlaufstelle für Sans-Papiers in der Deutschschweiz entstand (damals hiess sie Union der Ar-
beiterInnen ohne geregelten Aufenthalt), gehörte Ofounou zu den Gründer*innen. Mit Unterstützung der Gewerkschaft fanden sie das Büro an der Rebgasse, wo sie bis heute arbeiten. Im Dezember 2002 fand ein nationaler Runder Tisch mit Vertreter*innen der Sans-Papiers, NGOs und Behörden statt. Doch sie konnten sich nicht auf verbindliche Beschlüsse einigen; die Forderung nach einer kollektiven Regularisierung blieb unerfüllt – bis heute. Eine der Ausnahmen ist der Kanton Neuenburg, wo seit diesem September Menschen, die seit über zehn Jahren als Sans-Papiers leben, während fünfzehn Monaten verhältnismässig unbürokratisch eine Aufent-
«Ohne mich zu kennen, hat Aimé mir vertraut. Er ist ein Engel, den Gott mir geschickt hat», sagt David Essama, der im täglichen Gebet Halt findet.
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haltsbewilligung erlangen können. Ähnlich wie von 2017 bis 2018 die «Opération Papyrus» im Kanton Genf. Ofounou und die anderen rechneten permanent damit, dass die Polizei kommt. Und als sie tatsächlich eine*n Sans-Papiers festnahm, entschieden sie: Es ist Zeit, etwas zu unternehmen. «Vielleicht werden wir schlussendlich keinen Erfolg haben, aber so merken die Politiker*innen: Die Sans-Papiers sind immer noch da, sie machen Druck. Wenn wir nichts tun, wird auch die Politik nichts tun», sagt Ofounou. Zusammen mit Anwält*innen reichten sie 100 anonyme Dossiers zur Vorprüfung ein, so mussten die Menschen ihre Identität noch nicht offenlegen, denn das hätte sie dem Risiko einer Ausschaffung ausgesetzt. Von den 100 durften 25 ein Härtefallgesuch stellen. Doch die Möglichkeit eines solchen Gesuchs kam mit der Wahl Christoph Blochers zum neuen SVP-Bundesrat unter Druck. Hatte sich seine Vorgängerin Ruth Metzler (CVP) im Dezember 2001 noch dafür stark gemacht, verschärfte Blocher die Regelung im Herbst 2004 wieder. Zwar gibt es heute vereinzelt Verbesserungen – so übernimmt etwa die Stadt Zürich die Gesundheitskosten von Sans-Papiers und will die Anlaufstelle finanziell stärker unterstützen. Doch die Migrationspolitik der Schweiz sowie der EU wird seit Jahren verschärft und die Schweiz ist – anders als etwa Spanien – weit davon entfernt, Sans-Papiers in grosser Zahl eine Aufenthaltsbewilligung zu geben. «Europa war viel zu nett» Auch Aimé Ofounou bekam keine Aufenthaltsbewilligung, mehrere Härtefallgesuche wurden abgelehnt. «Ich sagte: Bon, der Kampf geht weiter.» Als es beim Migrationsamt 2012 schliesslich hiess: «Monsieur Ofounou, Sie haben Ihre Aufenthaltsbewilligung», konnte er es kaum fassen. Inzwischen ist er mit dem damaligen Chef des Migrationsamts befreundet. «Das Einzige, was ich weiss: Wenn du etwas mit ganzer Überzeugung tust und dich reinkniest, wird es sich eines Tages auszahlen.» Auch wenn Ofounou inzwischen nicht mehr so aktiv ist wie früher, sagt er: «Ich liebe die Politik noch immer.» David Essama nickt, man müsse verstehen, was in der Gesellschaft und Politik passiert, um ins Handeln zu kommen. Und man müsse sich integrieren. Zu viele Menschen lebten in Parallelgesellschaften und weigerten sich, die hiesige Kultur zu leben. «Das ist Surprise 636/26
Religion spielt auch im Leben von Aimé Ofounou eine zentrale Rolle. Er ist heute als Sakristan in der katholischen Kirche Pratteln tätig. Das Kreuz ist ein Geschenk des Bischofs des Bistums Basel.
das Problem, das Europa heute hat. Europa war viel zu nett, das ist gefährlich. In unserer Gruppe sagen wir allen: Solange du hier bist, solltest du nach den Regeln von hier leben. Du solltest in die Schule gehen und die Sprache lernen. Du solltest zeigen, dass du bestimmte Werte lebst.» Eines Abends rief Aimé Ofounou David Essama an, bat ihn zu kommen und sagte dann: Komm mit, du fängst nun mit Freiwilligenarbeit an. «Ohne mich zu kennen, hat Aimé mir vertraut. Er ist ein Engel, den Gott mir geschickt hat», sagt Essama. Ofounou winkt ab. «Doch, ich kann den
Einfluss, den du auf mein Leben hast, nicht hoch genug einschätzen.» – «Ich habe gleich gesehen, dass du ein Mensch mit Herz bist. Ehrlich, klar, zielstrebig. Es war leicht, dir vom ersten Tag an zu vertrauen», sagt Ofounou. Und Essama: «Du hast mir gesagt: ‹Ich weiss, wozu du fähig bist, und stehe hinter dir.› Ich trage die Verantwortung für eine Gruppe, der ich gerecht werden will. Dafür brauche ich meine ganze Energie. Mein Vater sagte oft: ‹On ne donne pas parce qu’on a beaucoup. On donne parce qu’on a un cœur pour donner.› Man gibt nicht, weil man viel hat. Man gibt, weil 11
«Wenn du etwas mit ganzer Überzeugung tust und dich reinkniest, wird es sich eines Tages auszahlen», ist Aimé Ofounou überzeugt.
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man ein Herz zu geben hat. Und ich habe jemanden angetroffen, der das gleiche Herz hat wie mein Vater.» Ofounou hat Essama zu einer Brockenstube mitgenommen. Dort ist Essama zwei bis drei Mal pro Woche für Wohnungsräumungen verantwortlich, zudem führt er neue Freiwillige ein. Auch in anderen sozialen Organisationen wie einem Restaurant hat er als Freiwilliger gearbeitet. Wer keine Arbeitsbewilligung hat, darf in der Schweiz eigentlich keine Freiwilligenarbeit leisten. Ursprünglich ging es dabei um den Schutz vor Ausbeutung. Wer sich aber wie Essama integrieren will, um gute Chancen für ein Härtefallgesuch zu haben, könnte mit Freiwilligenarbeit theoretisch der Schwarzarbeit angezeigt werden. Eines Morgens, bevor sie zu einer Räumung losfuhren, sagte die Chefin der Brockenstube zu der Gruppe von drei, vier Leuten: Heute ist David euer Chef. ‹Weshalb der Schwarze?›, fragte jemand. Es gehe nicht um die Hautfarbe, es gehe um die Kompetenz, antwortete sie. Essama sagt: «Ich wusste, was die anderen von mir denken, also wollte ich es besonders gut machen. Das braucht einen klaren Kopf.» Die anderen sprechen Schweizerdeutsch, so lerne er es automatisch. Bereits hat er, für sein Härtefallgesuch, ein Empfehlungsschreiben von der Chefin der Brockenstube. Doch für eine*n Anwält*in, die ihn bei der Einreichung eines Gesuchs unterstützen könnte, fehlt ihm das Geld. Seine Generation erbe die Früchte des Kampfs von Ofounous Generation, sagt Essama. «Nun führen wir diesen Kampf weiter, und nach uns werden ihn andere fortführen. Menschen werden schliesslich nicht einfach aufhören zu migrieren.» Mittlerweile kursiert auch David Essamas Nummer. Denn bei der Basler Anlaufstelle für Sans-Papiers engagiert er sich als Koordinator. Wenn er um Mitternacht angerufen wird, weil bei jemandem die Polizei in der Wohnung steht, sagt er: «Es gibt kein Problem ohne Lösung.»
Dies ist Teil 1 einer dreiteiligen Reihe zum Thema Sans-Papiers. Teil 2 und Teil 3 folgen in den nächsten beiden Ausgaben 637/26 und 638/26. Am 6. November lanciert der Verein Surprise in Basel die Audio-Tour «Leben im Schatten – Sans-Papiers in Basel», in der drei Sans-Papiers aus ihrem Leben erzählen. Einer von ihnen ist David Essama. Surprise 636/26
Vielfältige Stimmen Literatur und Filme über Sans-Papiers in der Schweiz gibt es nach wie vor nicht viele. Dafür sind die vorhandenen Dokumente umso wichtiger. Ein Augenschein. TEXT KLAUS PETRUS
Sans-Papiers erzählen ihre eigene Wirklichkeit
tivist*innen, die sich für die politische Rechte der Betroffenen einsetzen. Die eindringlichen Texte des Buches werden durch Schwarz-Weiss-Fotografien ergänzt.
Im Buch «Von der Kraft des Durchhaltens» wird nicht «von aussen» über Sans-Papiers berichtet, vielmehr sind es sie selber, die es mitgestaltet haben – von der Themensetzung bis hin zu einem kollektiven Schreibprozess, an dem über 80 Personen mitgewirkt haben. Entsprechend vielfältig und vielstimmig ist dieses durch und durch partizipative Projekt: Es handelt vom Selbstverständnis der Sans-Papiers, ihrem Alltag, ihrem Privatleben und den Beziehungen, die durch ihren unsicheren Status geprägt sind, von der Art und Weise, wie sich Sans-Papiers politisch organisieren sowie von den strukturellen Grenzen und Möglichkeiten im Kampf um Sichtbarkeit, Anerkennung und Regularisierung.
Tanja Polli und Ursula Markus: Die Unsichtbaren. Sans-Papiers in der Schweiz. Zürich 2021. CHF 43.
Sans-Papiers-Kollektive Basel, Anlaufstelle Sans-Papiers Basel, Anny-Klawa-Morf Stiftung (Hrsg.): Von der Kraft des Durchhaltens. Zürich 2023. CHF 28.
BILDER: ZVG
Prekäre Arbeit Ebenfalls nah dran an der Lebensrealität der Sans-Papiers ist das Buch «Die Unsichtbaren» der Autorin Tanja Polli und der Fotografin Ursula Markus. Es erzählt anhand von Porträts vom Alltag dieser Menschen, wobei Arbeit eine besondere Rolle spielt: Welchen Tätigkeiten gehen Sans-Papiers in der Schweiz nach, unter welchen Bedingungen arbeiten sie und welchen Gefahren sind sie dabei ausgesetzt? Darüber hinaus kommen Expert*innen von Anlauf- und Beratungsstellen der Sans-Papiers zu Wort sowie AkSurprise 636/26
Nähe durch Zeichnungen Die immer brutaler geführte Migrationsdebatte in Europa wirkt sich auch auf Sans-Papiers aus. Der Journalist Jonas Seufert und die Illustratorin Lisa Frühbeis nutzen das Medium Comic, um die Lebensgeschichten von vier Sans-Papiers in Deutschland zu erzählen. Durch die Zeichnungen kommt man den Protagonist*innen erstaunlich nah. Es ist ein Versuch, der entmenschlichenden Debatte etwas entgegenzusetzen. Dazu liefern die Autor*innen Fakten zur gesamten DACH-Region, wo die Schweiz eine gewisse Sonderrolle einnimmt, weil das Netzwerk an Anlaufstellen für Sans-Papiers hierzulande besonders gross ist. WIN Lisa Frühbeis und Jonas Seufert: Schattenleben. Menschen ohne Papiere erzählen. Berlin 2026. CHF 24.
Grenzen überwinden Der Film von Tanja Polli und Marko Mijatovic mit dem Titel «Transcending Borders» porträtiert fünf Sans-Papiers. Das Projekt ist partizipativ in Zusammenarbeit mit Betroffenen entstanden, die seit vielen Jahren in der Schweiz leben. Zu ihnen gehört Emmanuel, der seine Iso-
lation und inneren Kämpfe in Computeranimationen umsetzt, die im Film mit Dokumentaraufnahmen verschmelzen und so zu einem vielschichtigen Porträt über Unsichtbarkeit, Würde und Widerstandsfähigkeit werden. Tanja Polli und Marko Mijatovic: Transcending Borders. Schweiz 2026. 20 Min. transcending-borders.ch
Aus Sicht der Behörden Die bisher grösste Studie über Sans-Papiers in der Schweiz wurde 2015 vom Staatssekretariat für Migration (SEM) in Auftrag gegeben. Darin wird anhand von Auswertungen sowie Interviews mit Expert*innen zu eruieren versucht, wie viele Sans-Papiers in der Schweiz leben, aus welchen Ländern sie stammen und wie sich ihre Arbeitssituation sowie Sozialstruktur gestalten. Diese Studie wurde von den Sans-Papiers im Buch «Von der Kraft des Durchhaltens» (s.o.) als zu elitär und in der thematischen Ausrichtung als zu einseitig kritisiert. Eine andere Studie des Bundesrats behandelt den Umgang der Behörden mit der rechtlichen Situation der Sans-Papiers. Dieser Bericht ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil er auf die nach wie vor grossen Lücken verweist, die aus behördlicher Sicht zu schliessen wären, soll die politische Position des Sans-Papiers grundlegend verbessert werden. Dina Bader, u.a.: Sans-Papiers in der Schweiz 2015. Basel 2015, sem.admin.ch/sem/en/home/themen/ aufenthalt/sans-papiers.html Der Bundesrat (Hg.): Gesamthafte Prüfung der Problematik der Sans-Papiers. Bern 2020, admin.ch/de/nsb?id=81688
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Was Kinder tragen Jugend Manche Kinder lernen früh, selbstständig zu sein. Weil die Eltern
häufig überfordert sind. Drei junge Menschen erzählen, was sie schon als Kind getragen haben – und was bis heute davon bleibt. TEXT DEMIAN CORNU
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ILLUSTRATIONEN DIMITRI GRÜNIG
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Wenn Sophie* als Kind nach der Schule nach Hause kam, bereitete sie sich schon im Treppenhaus vor. Sie wusste nie, was sie hinter der Wohnungstür erwartete. Ihre Mutter hatte eine Autoimmunerkrankung und ein schweres Alkoholproblem. Lag sie apathisch im Zimmer? Hatte sie getrunken? War sie ansprechbar? Wütend? Musste noch gekocht werden? Brauchte der kleine Bruder etwas? Heute ist Sophie zwanzig. Wenn sie auf ihre Kindheit zurückblickt, erinnert sie sich gerne an ihr Zimmer, den einzigen Rückzugsort in der Wohnung – auch wenn die Tür offenbleiben musste, damit die Mutter sehen konnte, was sie tat. In der Küche und im Wohnzimmer, wo meist ihre Mutter und deren Freund sassen, hielt sie sich möglichst selten auf. Bis heute hat sie die Gerüche jener Jahre im Kopf: das Parfüm der Mutter, der Zigarettenrauch, die feuchte Luft im Keller, in den sie musste, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Oft dauerte die Strafe nicht lange. Manchmal wurde sie nach wenigen Minuten wieder gerufen, als wäre nichts gewesen. Wie sehr sich ihr Alltag von dem anderer Kinder unterschied, merkte Sophie schon in der Unterstufe, wenn andere in der Pause ihre Znünis auspackten und sie selbst nichts dabeihatte – weil das Geld fehlte oder niemand daran gedacht hatte. Häufig versuchte Sophie schon am Morgen einzuschätzen, wie der Tag verlaufen würde. Wenn ihre Mutter nicht konnte, übernahm sie: kochen, einkaufen, dem Halbbruder die Windeln wechseln, ihn füttern. Auch zwischen ihren getrennten Eltern vermittelte Sophie, entschärfte Konflikte und verschwieg manches gegenüber dem Sozialdienst – aus Angst vor den Folgen für ihre Eltern und für sich selbst. «Ich hatte nie das Gefühl, Kind sein zu dürfen.» Mit vierzehn wechselte Sophie ins Internat, später in eine Wohngruppe. Zwei Lehren hat sie abgebrochen, wegen ihres psychischen Zustands ist sie bei der IV angemeldet. Im Gespräch wirkt sie ruhig und reflektiert, vieles betrachtet sie mit einer Distanz, die ihr als Kind nicht möglich war. «Ich bin heute ein grosses Stück weiter», sagt sie. Halt finde sie vor allem bei ihrem Freund. Gesamtverantwortung sollte bei Eltern bleiben Dass Kinder Verantwortung übernehmen, sei grundsätzlich nicht problematisch, sagt Andrea Schwald, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie. Im Haushalt mitzuhelfen oder auf ein jüngeres Geschwister zu achten, könne Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenzen fördern. Entscheidend sei, wie viel Verantwortung ein Kind übernehme, wie lange und wofür – und ob Erwachsene weiterhin die Gesamtverantwortung tragen würden. Problematisch werde es, so Schwald, wenn eigene Bedürfnisse, Freundschaften oder Erholung dauerhaft zu kurz kämen oder ein Kind das Gefühl entwickle: Ohne * Die Namen der Protagonist*innen wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeit geändert. Auf die Nennung genauer Wohnorte und weiterer identifizierender Angaben wurde teilweise verzichtet. Die Altersangaben sind korrekt. 16
mich funktioniert es nicht. Besonders belastend könne emotionale Verantwortung sein, etwa wenn Kinder ständig beobachteten, wie es einem Elternteil gehe, Konflikte zu verhindern versuchten oder die Stimmung in der Familie stabilisierten. «Ein Kind darf Verantwortung übernehmen, aber es sollte nicht die Verantwortung dafür tragen, dass es anderen gut geht oder dass die Familie funktioniert», sagt Schwald. Bei der neunzehnjährigen Laura klingt vieles zunächst anders als bei Sophie. Zwar übernahm auch sie früh Aufgaben in der Familie – doch erlebte sie diese nicht als Belastung. Ihre Mutter hatte ebenfalls mit Geldsorgen zu kämpfen, nicht alles, was für andere Kinder selbstverständlich war, lag drin. Doch Essen, Kleidung und das Nötigste sei immer da gewesen, sagt Laura – und die Sorgen der Mutter wurden nicht zu ihren eigenen. Sie erinnert sich an eine aufgeräumte Wohnung, gemeinsame Abendessen, eine Mutter, die wissen wollte, wie ihr Tag gewesen war. Laura half im Haushalt, erleSurprise 636/26
digte Einkäufe und passte auf ihre jüngere Schwester auf. «Es war fair», sagt sie, «ich hatte immer genug Zeit für mich.» Die eigentliche Last trug Laura an einem anderen Ort. Ihr leiblicher Vater lebte getrennt von der Familie; sie besuchte ihn regelmässig und versuchte lange, genau die Tochter zu sein, die er sich wünschte. Sie färbte ihre Haare dunkler, weil er das lieber hatte, sie versprach ihm, sich nie tätowieren oder piercen zu lassen und widersprach kaum. Vielleicht würde sie so irgendwann seinen Vorstellungen entsprechen, dachte sie. Doch ihr Vater machte sie klein, nannte sie wertlos, sagte zu ihr, er wünschte, sie wäre nicht seine Tochter. Trotzdem gab Laura die Hoffnung lange nicht auf. «Ich wollte, dass mein Vater mich gerne hat.» Heute hat sie kaum noch Kontakt zu ihm. Was Sophie und Laura zuhause erlebten, unterscheidet sich stark. Doch beide trugen ihre Erfahrungen mit in die Schule. Für Sophie wurde das Klassenzimmer trotz Mobbingerfahrungen zu einem Zufluchtsort. Der Alltag war dort berechenbarer als zuhause. «In der Schule habe ich mich sicher gefühlt», sagt sie. Laura hingegen begann in der Schule, um Anerkennung zu kämpfen. Sie wurde zum Klassenclown, kümmerte sich um andere, schlichtete Streit, gab sich stark, auch wenn es ihr längst zu viel war. Schwäche zu zeigen, bedeutete für sie, angreifbar zu sein. Erst viel später erkannte Laura das Muster dahinter. «Ich dachte immer, wenn ich genug für andere mache, mögen sie mich vielleicht.» Als Sechsjähriger in die Wohngruppe Auch Robin musste früh Verantwortung übernehmen – doch anders als Sophie und Laura erhielt er schon als Kind Unterstützung von aussen. Robin ist sechzehn und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr teilweise in einer sozialpädagogisch begleiteten Wohngruppe, die Kinder und Jugendliche ergänzend zur Familie betreut. Heute ist er dort jeweils während der Woche; das Wochenende verbringt er bei seiner Mutter. Als er zum ersten Mal in die Wohngruppe kam, hätte er allen Grund gehabt, sich fremd zu fühlen. Doch er erinnert sich anders: an das erste gemeinsame Abendessen, an Gespräche und Lachen, an die anderen Kinder und sein eigenes Zimmer. «Ich habe mich sofort zuhause gefühlt», sagt Robin. Später kamen Ausflüge dazu, in Museen, Parks, an Orte, von d enen er vorher nie gehört hatte – Unternehmungen, die es mit seiner Mutter nicht gegeben hatte. In der Wohngruppe entdeckte er, wie gern er mit Lego etwas zusammenbaute und danach betrachtete, was daraus entstanden war. «Ich war glücklich, wenn ich etwas erschaffen konnte, was andere dann bewunderten.» Zuhause teilte Robin sich ein Zimmer mit seiner drei Jahre älteren Schwester. Die Mutter war weitgehend auf sich allein gestellt; der Va-
Sie färbte ihre Haare dunkler, weil der Vater das lieber hatte. Vielleicht würde sie so seinen Vorstellungen genügen. Surprise 636/26
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ter, von dem sie sich trennte, als Robin zwei war, spielte in seinem Alltag kaum eine Rolle. Er hatte Alkoholprobleme, lebte zeitweise im Ausland und starb später. Robin sagt, er sei damals zu jung gewesen, um ihn richtig zu vermissen. Das Geld war knapp, die Stimmung zuhause selten fröhlich; man ass zusammen, danach zog sich jeder zurück. «Spielsachen habe ich zuhause kaum gehabt. Stattdessen habe ich viel Zeit am Handy verbracht», sagt Robin. Seine Mutter habe immer das Beste für ihn gewollt, nur nicht immer gewusst, wie sie ihm das zeigen könne. Als er noch klein gewesen sei, habe sie geschrien und auch zugeschlagen; später habe das aufgehört. Robin erzählt das nicht anklagend, eher so, als versuche er, seine eigene Angst, nach Hause zu kommen, sowie das Verständnis für seine Mutter gleichzeitig festzuhalten. Robins Mutter sprach nicht gut genug Deutsch, um alle schriftlichen Angelegenheiten selbst erledigen zu können. Seine Schwester musste deshalb schon mit elf oder zwölf Jahren Mails und komplexe Briefe für sie schreiben, deren Inhalt sie teilweise selbst kaum verstand, und bei wichtigen Gesprächen übersetzen. Robin ist ihr dafür bis heute dankbar. «Ich bin froh, dass ich das nicht machen musste.» Doch als das Verhältnis zwischen Mutter und Schwester schwieriger wurde und die beiden zeitweise nicht miteinander sprachen, geriet er dazwischen. Beim Essen redeten beide mit ihm, aber nicht miteinander. Seine Mutter wandte sich mit vielem direkt an ihn. Robin kaufte ein, putzte, wusch ab, kümmerte sich um Wäsche und Abfall – und vermittelte gleichzeitig zwischen Mutter und Schwester. Mit zehn Jahren wollte er diese Rolle nicht mehr. Rückblickend beschreibt Robin es fast wie zwei parallele Leben: Zuhause sei er häufig auf sich alleine gestellt gewesen, in der Wohngruppe habe er auf die Unterstützung durch andere zählen können. In der Schule sprach er kaum über sein zweites Zuhause – er kannte die Vorstellungen, die viele mit einer Wohngruppe verbanden: vergitterte Fenster, verschlossene Türen, Kinder, die etwas angestellt hatten, oder Eltern, die sich nicht kümmern konnten. Weder sich selbst noch seine Mutter wollte er diesem Urteil aussetzen; meist wusste nur die Klassenlehrperson genauer Bescheid. Für ihn selbst bedeutete die Wohngruppe etwas anderes: einen Ort, an dem Erwachsene für ihn da waren. Schwierig war nur, dass Bezugspersonen, die ihm wichtig geworden waren, manchmal von einem Tag auf den anderen nicht mehr dort arbeiteten. Heute sieht er darin auch etwas Positives: «Es verletzt mich weniger, wenn jemand plötzlich aus meinem Leben verschwindet.» Unterstützung von aussen könne zunächst etwas sehr Konkretes bewirken, sagt Psychologin Schwald: «Die Last wird auf mehrere Schultern verteilt.» Wichtig sei, dass die Unterstützung nicht einfach von aussen vorgegeben, sondern möglichst gemeinsam mit Eltern und Kindern entwickelt werde. Wenn 18
Für Robin war die Wohngruppe ein Ort, an dem Erwachsene für ihn da waren. Zuhause war er auf sich alleine gestellt. Surprise 636/26
sagen, fällt ihr noch immer nicht leicht. Wenn eine Freundin sie wirklich braucht, ist sie da. Aber sie fühlt sich nicht mehr automatisch für alles zuständig. Sophie blickt heute mit mehr Distanz auf ihre Kindheit. Die Wut auf ihre Mutter sei kleiner geworden. Sie erlebe sie heute als empathischer als früher. «Die Vergangenheit kann ich ohnehin nicht ändern», sagt sie. Gewünscht hätte sie sich Erwachsene, die genauer hinschauen. Besonders über emotionale Gewalt werde noch immer zu wenig gesprochen. Viele Kinder und Jugendliche fühlten sich mit ihren Belastungen nicht verstanden. Robin formuliert einen ähnlichen Gedanken aus einer anderen Perspektive: Er wünscht sich, dass Unterstützung von aussen weniger als Scheitern verstanden wird. Dass Eltern nicht glauben müssen, ihr Kind habe es schlecht, nur weil es zeitweise nicht zuhause lebt. Für seine Mutter sei die Wohngruppe eine Entlastung gewesen; er selbst fand dort Menschen, die sich für ihn interessierten, und Möglichkeiten, die seine Mutter ihm allein kaum hätte bieten können.
Eltern dadurch selbst weniger unter Druck stünden, könnten sie ihren Kindern eher emotional zur Verfügung stehen. Es gehe dabei nicht darum, Kindern jede Verantwortung abzunehmen. Altersangemessene Verantwortung könne auch Selbstwirksamkeit vermitteln. Entscheidend sei, «dass aus dem ‹Ich muss› wieder stärker ein ‹Ich kann und darf› wird», sagt Schwald. Auch Laura hat erst lernen müssen, dass sie nicht für alles zuständig ist. Lange galt sie als diejenige, die alles schafft. Manchmal bekam sie gerade deshalb keine Hilfe: Du kannst das doch allein, hiess es immer. Erst in den vergangenen Jahren hat sie gelernt, Verantwortung auch abzulehnen, wenn diese ihr nicht guttut. Ein Wendepunkt war ihre Lehre. Schon lange wusste sie, dass sie mit Tieren arbeiten wollte. In ihrem heutigen Betrieb erlebt sie ein Team, das zusammenarbeitet. Und sie erfährt viel Wertschätzung. Ihre Mutter bemerkte die Veränderung schon nach wenigen Tagen. Inzwischen hat Laura ihre Lehre abgeschlossen und arbeitet weiterhin dort. Nein zu Surprise 636/26
Erwachsene sollen genauer zuhören Heute macht Robin eine Lehre in der Kinderbetreuung. Der Wunsch dazu entstand in der Wohngruppe, wo immer wieder jüngere Kinder waren, mit denen er spielte und denen er half. Beim Schnuppern in einer Kita wusste er: Das könnte mein Beruf werden. Wenn er heute Eltern sieht, die ihre Kinder anschreien oder schlagen, macht ihn das wütend – und doch spricht er über seine eigene Mutter mit viel Verständnis: Sie sei überfordert gewesen. Sollte er selbst einmal Kinder haben, möchte er manches anders machen – zum Beispiel Ausflüge unternehmen, reisen, für sie da sein. Vor allem sollen sie keine Angst haben, mit einem Problem zu ihm zu kommen. Auch Sophie spricht darüber, was ihr bei einer eigenen Familie wichtig wäre. Wenn sie später Kinder habe, wolle sie vor allem dafür sorgen, dass immer genug zu essen da sei. Laura wünscht sich, dass Erwachsene Jugendlichen genauer zuhören, statt ihnen zu vermitteln, sie müssten mit ihren Belastungen allein klarkommen. Besonders störe sie, wenn Erwachsene Erfahrungen nicht ernst nähmen, nur weil sie selbst nichts Vergleichbares erlebt hätten. «Manchmal müssten sie sich einfach öffnen, zuhören und uns auch mal glauben.» Wenn Laura und Sophie an ihr jüngeres Ich denken, würden beide ihm vor allem Mut machen und sagen, dass es am Ende gut komme. Robin denkt an den sechsjährigen Jungen zurück, der zum ersten Mal in der Wohngruppe am Tisch sass. Ihm würde er sagen, dass er dort glücklich sein dürfe, dass er Menschen kennenlernen werde, die sein Leben schöner machen – und dass er mit seinen Problemen nicht allein bleiben müsse.
Hintergründe im Podcast: Simon Berginz spricht mit Autor Demian Cornu über die Recherchen zu dieser Geschichte. surprise.ngo/talk 19
DER BLICK VON DER STRASSE Am Buch- und Lesefestival «Zürich liest» tragen Surprise-Verkäufer*innen eigene Texte vor. Es sind Miniaturen aus dem Alltag von Schreibenden, die zu kämpfen haben – mit Sucht oder Behinderung, mit Ausgrenzung oder Rassismus. Vielleicht wissen sie gerade deshalb so genau, was feinsinniger Humor ist.
«Das Schwierigste für mich ist, nicht vor mir selber davonzulaufen. Manchmal hilft mir ein Blatt Papier, um mich mit mir selber auszuhalten.» Das sagt Hans Rhyner, langjähriger Surprise-Stadtführer und Verkäufer des Stras senmagazins. «Vor sich selber davonlaufen» heisst denn auch einer seiner Texte – er handelt davon, seine Gefühle ordnen zu können. Rhyners Kolumnen erzählen oft vom Alltag, in dem die ganz grossen Themen stecken: Verantwortung, Dankbarkeit, Schuld, Loslassenkönnen. Seit sechs Jahren verfassen die Teilnehmer*innen der Textwerkstatt die Verkäufer*innen-Kolumnen, die im Strassenmagazin Surprise publiziert werden. Dabei haben sie mit der Zeit ihre persönlichen Lebensthemen herausgearbeitet. Michael Philipp Hofer schreibt über Umweltthemen und Politisches und verpackt seine Inhalte gerne auch mal in Listen, die ihren eigenen trockenen Humor haben. Seynab Ali Isse erzählt schonungslos und mit subversivem Witz vom Alltagsrassismus oder dem Exponiert-Sein als Verkäuferin, und immer wieder mischen sich auch Erinnerungen an das Leben in Somalia hinein. Urs Habegger erzählt von den Begegnungen in der Bahnhofunterführung in Rapperswil, wo er Surprise verkauft – und man staunt, dass auch nach zwei eigenen veröffentlichten Büchern immer wieder neue Einsichten auf den Tisch kommen. Bei Nicolas Gabriel fliessen die Gedanken geradezu organisch in eine lyrische Form (das wissen wir, weil er in unserer Textwerkstatt auch aus dem Stand dichtet). Seine literarischen Stücke sind bevölkert von Lebenden und Verstorbenen. Auch die Ecken und Strassen von Zürich haben ihren Auftritt, gesehen durch die Augen und mit der inneren Verbundenheit des Ex-Obdachlosen. Karin Pacozzi stellt oft ihre innige Beziehung zu Tieren ins Zentrum. Und immer wieder klingen die schweren Kindheitserlebnisse an, die ihr ganzes Leben geprägt haben. Heini Hassler erinnert sich an kleine Begebenheiten, die über das Wesen von Freundschaft und Familienzusammenhalt nachdenken lassen. Und Fana Tesfay erzählt vom Alltag in Eritrea und vom Leben in der Schweizer Diaspora. DIANA FREI, ANGEBOTSLEITERIN
«Der Blick von der Strasse», Lesungen am «Zürich liest», Mi, 21. Okt., 18 Uhr und So, 25. Okt., 16 Uhr, Surprise, Kanzleistrasse 107, Zürich. Beschränkte Platzzahl, Anmeldung über diana.frei@surprise.ngo. Mehr auf: zuerich-liest.ch 20
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2 – Feste Gemeinschaft Schreiben ist zwar Einzelarbeit, aber in der Gruppe besprechen die Kolumnist*innen ihre Ideen und Themen und unterstützen sich gegenseitig. 3 – Lebensthemen In der Textwerkstatt entstehen persönliche Erzählungen oder kurze Meinungsstücke und Kommentare. Die Themen werden aus der eigenen Lebensrealität heraus entwickelt. 2
DIE SURPRISE TEXT WERKSTATT Wie Textarbeit die Perspektiven in der Schweizer Medienlandschaft zurechtrücken kann.
Seit 2020 veröffentlichen Surprise-Verkäufer*innen ihre eigenen Texte im Strassenmagazin Surprise. Sie entstehen in der Textwerkstatt, einem Projekt an der Schnittstelle von Redaktion sowie sozialer Arbeit von Surprise. Begleitet wird es von Autor und Kabarettist Ralf Schlatter: «Es ist wunderbar und immer wieder zutiefst berührend, welche Geschichten mir die Surprise-Verkäufer*innen erzählen, mitten aus ihrem bewegten Leben, aus ihren spannenden Biografien. Dafür eine Sprache zu finden, diesen Menschen eine Stimme zu geben, ist eine sehr schöne Aufgabe, ja mehr noch: eine Verantwortung.» Eine Verantwortung im weiteren Sinn. Denn die Textwerkstatt verfolgt einen Ansatz, der sich auch zum Ziel setzt, die Blickrichtungen in der Schweizer Medienlandschaft neu zu denken. Diese sind von einer privilegierten Mittelschicht geprägt, Stimmen von sozial benachteiligten Menschen sind unterrepräsentiert. Biografien mit Brüchen oder Sprachbarrieren führen dazu, dass ein Teil der Bevölkerung kaum je in einer frei erzählenden oder kommentierenden Rolle auftritt. Surprise schafft Gefässe – Textformate und Lesungen –, die den Blick aus der Richtung derer auf die Welt richten, die in der öffentlichen Berichterstattung oft genug bloss passiv als Betroffene auftreten können. Strassenzeitungen weltweit publizieren Texte ihrer Verkäufer*innen. Es sind authentische Stimmen von Armutsbetroffenen, (ehemals) Suchtkranken, Menschen mit Behinderungen und auf andere Unterstützung Angewiesenen. Das International Network of Street Papers INSP prämiert denn auch alle zwei Jahre den besten Verkäufer*innen-Beitrag «Best Vendor Article or DIF Contribution».
Mehr auf: surprise.ngo/textwerkstatt oder insp.ngo Surprise 636/26
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FOTOS: PHILIPP BAER ( 3)
1 – Textarbeit Autor Ralf Schlatter bespricht mit den Schreibenden der Verkäufer*innen-Kolumnen ihre Geschichten.
«Auch in Zeiten von Krieg herrscht Alltag» Kino Die Regisseurin Blerta Basholli war Teenagerin, als in Kosovo der
Krieg ausbrach. In «Dua» erzählt sie vom Aufwachsen in dieser Zeit. Sie sagt, dass die kollektive Aufarbeitung noch Arbeit braucht. INTERVIEW ADELINA GASHI
Blerta Basholli ist eine Sensation gelungen. Die Filmregisseurin aus Kosovo, einem der ärmsten Länder Europas, war 2022 mit ihrem Film «Hive» in der engeren Auswahl für die Oscars. Ihr Film war unter den 15 besten internationalen Filmen. Für die goldene Auszeichnung reichte es dann doch nicht, aber das spielte keine Rolle mehr, Basholli war zu diesem Zeitpunkt schon international bekannt und von Kritiker*innen gelobt. Nun ist ihr neuer Film erschienen, «Dua» heisst er, und wie schon in «Hive» verhandelt die kosovarische Regisseurin darin den Krieg in Kosovo. Blerta Basholli, in Ihrem neuen Spielfilm «Dua» erzählen Sie von Kosovo Ende der 1990er-Jahre, als die systematische Unterdrückung der Albaner*innen seitens Serbien zunahm. Viele kosovo-albanische Regisseur*innen beschäftigen sich mit dieser gewaltvollen Zeitspanne des jungen Landes. Warum? Blerta Basholli: Es ist wichtig, dass wir nicht damit aufhören, darüber zu sprechen, was in Kosovo passiert ist. Ich denke, als Filmemacher*innen können wir dazu beitragen, dass unsere Geschichte nicht vergessen geht. Viele der Verbrechen, die damals geschehen sind, wurden bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. Duas Geschichte ist auch meine Geschichte. Der Film beruht auf meinen eigenen Erfahrungen als Teenagerin in Prishtina, kurz vor Kriegsausbruch. Es war mir schon lange ein Bedürfnis, diesen Teil meiner und unserer Geschichte filmisch zu erzählen. 22
Sie knüpfen an Ihr eigenes Erleben an. Was macht die Teenagerin und ihre Perspektive zur geeigneten Erzählerinnenfigur? Mich hat die persönliche Geschichte mehr interessiert als martialische Bilder von der Front. Ich wollte, dass der Film anschlussfähig wird. Mir war wichtig zu zeigen: Auch in Zeiten von drohendem Krieg herrscht so etwas wie Alltag. Duas Sorgen und Wünsche unterscheiden sich kaum von denen anderer Teenager-Mädchen. Sie quatscht mit ihren Freundinnen über Jungs, klaut ihrer grossen Schwester ihr Band-Shirt und verabredet sich für Konzerte und Partys. Sie versteht zu diesem Zeitpunkt allerdings auch noch nicht, wie ernst die Lage ist. Ich wollte die Normalität in ausserordentlichen Umständen abbilden. Duas Geschichte hat nicht an Relevanz verloren und ist für mich auch eine Story, die leider in unsere heutige Zeit passt. Inwiefern? Es herrschen zurzeit mehrere Kriege auf der Welt. Ich wollte zeigen, wie der Mensch auch in sehr widrigen Umständen Wege findet, sein Leben zu leben. Und dass Menschen, die Isolation und Krieg erfahren, sich von anderen nicht grundsätzlich unterscheiden müssen. Sie verlieben sich, ärgern sich über Kleinigkeiten, streiten und haben auch normale und alltägliche Probleme, abseits von Kriegsleid und Bomben. Diese Gleichzeitigkeit interessierte mich. Und zu zeigen: Viele Probleme sind universell.
Ihr Film feierte Ende September Premiere in Kosovo. Wie wurde er dort von dem Publikum aufgenommen? Kann die jüngere Generation, die den Krieg nicht mehr miterlebt hat, mit Duas Geschichte etwas anfangen? Es hat mich sehr berührt und erstaunt, dass Menschen aus unterschiedlichen Generationen ins Kino strömten, um «Dua» zu sehen. Eltern mit ihren Kindern, Grosseltern mit ihren Enkel*innen. Der Film scheint unterschiedliche Generationen zusammenzubringen. Das war nicht einmal unsere erklärte Absicht. Ich wusste, dass Zuschauer*innen in meinem Alter eher etwas mit dem Stoff anfangen können würden. Aber zu sehen, dass auch Jüngere das Bedürfnis haben zu verstehen, was damals geschah, hat mich positiv überrascht. Nach der Kosovo-Premiere, an der mein Team und ich anwesend waren, sagten uns manche Zuschauer*innen, dass sie nachvollziehen wollten, was ihre Angehörigen erlebt hatten. Andere äusserten den Wunsch, dass sie diesen Teil ihrer Geschichte mit ihren jüngeren Nachkommen teilen wollten. Der Krieg ist auch Teil ihrer Familiengeschichte. Unterscheidet sich die Rezeption Ihrer Filme je nachdem, ob er vor Ort oder in der Diaspora gezeigt wird? Auf gewisse Weise schon. In der Diaspora geht es oft auch um Sichtbarkeit. Nicht nur um die Sichtbarkeit des Kriegserlebens, das für viele damals Fluchtgrund war. Sondern auch der albanischen Filmkultur. Wir Surprise 636/26
Normalität unter widrigen Umständen: Dua geht im gleichnamigen Film in die Schule und auf Partys, während sich draussen der Krieg anbahnt.
Serbien war schon lange schwierig gewesen. Ich wollte die Eskalationsstufen aufzeigen. Ich habe selbst in einem serbisch dominierten Wohnblock gelebt. Wie Dua musste auch ich mit ansehen, wie sich Nachbarn, die zwei Türen weiter wohnten, dem serbischen Paramilitär anschlossen. Das war schockierend und schwer zu verstehen: dass sich jemand, neben dem man aufgewachsen war, plötzlich als Gegner und Gefahr entpuppte. Die tägliche Anspannung, die damals herrschte, spürt auch Dua, auch wenn sie diese zunächst nicht wahrhaben will. In einer Szene entkommt sie knapp einer serbischen Schlägertruppe. Dann schliesst sie sich dem örtlichen Judo-Verein an. Ein Weg aus der Ohnmacht? Auch dieser Aspekt aus Duas Geschichte stammt aus meinem eigenen Leben. Ich begann damals mit dem Judo-Training, weil ich dieser allgegenwärtigen Unsicherheit und lauernden Gefahr etwas entgegensetzen wollte. Insbesondere als junge Frau, wie es Dua auch ist, war man ausgeliefert. Dua will sich nicht als Opfer dieser Umstände begreifen. Ihre Schwestern und Freund*innen beschützen sie. Aber das Judo ist für sie ein Weg zur körperlichen und mentalen Selbstermächtigung.
BILDER: INTERMEZZO FILMS
hatten mit «Hive» eine Visionierung in einem kleinen französischen Dorf. Kosovar*innen aus der Region reisten extra an, um den Film zu sehen. Es bedeutet ihnen viel, einen Film auf Albanisch im Kinoprogramm zu sehen. Viele der albanischen Zuschauer*innen haben gemeinsam, dass sie stolz und dankbar dafür sind, dass jemand auf positive Weise auf ihr Land aufmerksam macht. Wenn international von Kosovo die Rede ist, geht es auch oft um den nach wie vor verfeindeten Nachbarn Serbien. In «Dua» lebt die Familie der Protagonistin in einem Wohnblock in Kosovos Hauptstadt Prishtina, der mehrheitlich von Serb*innen bewohnt ist. Wie hat sich die Surprise 636/26
Beziehung zwischen Serb*innen und Albaner*innen im Vergleich zu damals verändert? Vom serbischen Publikum wurde mein Film als Propaganda bezeichnet. Ich glaube allerdings, dass vielen Serb*innen die Kosovo-Frage heute nicht mehr wichtig ist. Nur wird das Land von einem Nationalisten regiert, der noch immer Stimmung macht gegen Kosovo und verhindert, dass sich die Beziehung zwischen uns verbessern kann (Anm. d. Red: Aleksandar Vučić war seit 2022 Präsident der Republik Serbien und ist Ende September 2026 zurückgetreten; am 25. Oktober finden Neuwahlen statt). In «Dua» zeige ich ein anderes Bild. Damals waren die Fronten verhärteter. Die Beziehung zwischen Kosovo und
Der Krieg ist nun 27 Jahre her. Was braucht es, um die kollektive Verarbeitung voranzubringen? Wir dürfen die Augen nicht davor verschliessen, dass es noch viel Arbeit braucht. Wir sind noch nicht so weit, das Geschehene hinter uns zu lassen. Wir müssen deswegen im Dialog bleiben und benennen, was uns widerfahren ist. Ich wünsche mir, dass die kommenden Generationen ohne diese Animositäten aufwachsen, die noch immer zwischen Kosovo und Serbien herrschen. Dafür muss aber auch die serbische Seite endlich Verantwortung für die damaligen Kriegsverbrechen übernehmen.
«Dua», Regie: Blerta Basholli, mit Pinea Matoshi, Vlera Bilalli, Kaona Matoshi u. a., XK, CH, FR, 2026, 101 Min. Der Film läuft ab 15. Okt. im Kino. 23
«Sie verstehen nicht, was wir erlebt haben» Kino In «Freedom – Le Destin de Shewit» kämpft eine junge Eritreerin darum, in der
Schweiz eine freie Frau zu werden. Entstanden ist ein behutsames LangzeitPorträt, bei dem die journalistische und die persönliche Rolle zuweilen verschwimmen. TEXT CÉLINE GRAF
Zur Schule gehen, selbst über ihr Leben bestimmen, mit Freundinnen ausgehen. Darauf freut sich Shewit Tekie, als sie 2015 in die Schweiz kommt. Die damals 15-jährige Eritreerin ist eine von Tausenden unbegleiteten Minderjährigen, die vor Repression, Krieg und Terror über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet sind. Sie hat die lebensgefährliche Reise mit Schleppern durch die Wüste im Sudan alleine bewältigt. Auf der Flucht war sie auch in einem libyschen Gefängnis eingesperrt, in dem Frauen missbraucht und entführt wurden. In Genf lernt Shewit die RTS-Journalistin Anne-Frédérique Widmann kennen. Dass die Schweiz für Menschen, die Asyl beantragen, nicht nur ein «Land der Freiheit» ist, wie es Shewit erwartet, zeigen Dokumentarfilme immer wieder auf. «Freedom – Le Destin de Shewit» gehört hier zu den konsequent anwaltschaftlichen Produktionen wie «Neuland» oder «Die Anhörung». Regisseurin Anne-Frédérique Widmann hat Shewit zehn Jahre lang begleitet. Zum Film habe sie die Frage bewogen, wie die jungen Geflüchteten mit den Hindernissen in der Schweiz zurechtkämen, sagte sie in einem Talk auf dem Sender RTS. «Ich wollte wissen, was aus ihnen wird.» Das Anprangern von institutioneller Ungerechtigkeit und auf der anderen Seite das Einfangen von Hoffnung und Resilienz prägten auch Widmanns anderen Dokumentarfilm «Free Man» (2018) über einen zum Tod verurteilten Mann in den USA. In Bildern aus dem Alltag und Interviewsequenzen wird Shewits Schwanken zwischen Ankommen und Ungewissheit greifbar. Zwar glänzt sie in einem Praktikum als Landschaftsgärtnerin, knüpft Bekanntschaften und lernt rasch Französisch, doch ihr Asylantrag wird 2018, 2019 und 2020 dreimal abgelehnt. Die Begründung: Sie sei aus Eritrea geflohen, obwohl sie noch nicht 24
zum Militär aufgeboten war. Ihre beiden Brüder, die vor ihr in die Schweiz geflohen waren, haben hingegen Asyl erhalten. Shewits Optimismus bröckelt. Sie muss mit zehn Franken Nothilfe am Tag auskommen, darf ohne Aufenthaltsbewilligung weder arbeiten noch reisen. Zudem sieht sie ihre Eltern und anderen Geschwister jahrelang nicht, was das Warten umso härter macht. Junge leiden im Asylsystem Nach der zweiten Abweisung ist Shewit verzweifelt. Die Behörden drohen der 19-Jährigen mit Gefängnis, falls sie nicht ausreise. Sie überlegt sich, mit der Hilfe von Schleppern illegal nach England zu reisen. Doch sie lässt sich umstimmen und beschliesst, auf politischem Weg zu kämpfen. Zusammen mit anderen abgewiesenen Asylsuchenden reist sie 2020 an die Pressekonferenz einer Organisation in Bern. Offenbar hat ihr Engagement eine Wirkung. Wir sehen, wie Shewit ein Jahr darauf strahlend ins Wohnzimmer tritt: Sie darf jetzt doch eine Lehre als Landschaftsgärtnerin beginnen. Dazu verholfen habe ihr ein Gespräch mit dem Genfer Regierungsrat, sagt sie. Gerne würde man erfahren, wie es dazu kam und wie wahrscheinlich solche politischen Erfolge sind, aber das Kapitel wird ohne weitere Erklärung abgehandelt. Erst zu diesem Zeitpunkt erzählt Shewit, die im Film als Stimme aus dem Off ihre Geschichte aus heutiger Sicht kommentiert, was sie in Eritrea akut zur Flucht zwang. Sie wurde mit 13 Jahren vergewaltigt. Für Frauen in Eritrea bedeutet dies gesellschaftliche Stigmatisierung. Gegenüber den Schweizer Asylbeamten konnte sie die Wahrheit nicht aussprechen, Trauma und Schamgefühle sassen zu tief. «Sie verstehen nicht, was wir Jungen durchgemacht haben. Das ist das Problem», sagt Shewit. Surprise 636/26
Wiener Blut Buch Die Autorin Stefanie Sargnagel
wirft einen schonungs-, aber nicht gnadenlosen Blick auf den Wiener Opernball. Mehr offene Türen für Geflüchtete in der Schweiz wünscht sich Protaganistin Shewit Tekie.
Zehn Jahre ist es her, seit die österreichische Autorin, Satirikerin und Cartoonistin Stefanie Sargnagel zum ersten Mal am Opernball war. Damals, im Auftrag eines Szenemagazins, war sie noch ein Alien. Jetzt ist sie eine arrivierte Künstlerin und offiziell eingeladen. Also unterwirft sie sich dem Verschönerungsdiktat und mischt sich unter die Reichsten, Schönsten, Schmierigsten und Gierigsten. Begafft von der Menge, die vor dem Portal der Wiener Staatsoper nach Gerüchten und Skandalen lechzt. Es herrsche eine Stimmung wie bei einer Hinrichtung, schreibt Sargnagel. Denn auch die zahllosen TV-Kameras lauern auf jeden Fehltritt. Kaum ist die Autorin hinter sicheren Mauern, beginnt das grosse Gesellschafts-Fragespiel: Wer ist ein Wer, und wer ist ein Was? Kellner zum Beispiel sind ein Was, ein Wer ist Jemand und zählt zum Geldadel. In welche Kategorie die Autorin gehört, muss sich noch zeigen. Die beiden Begleiter, die sie mitgebracht hat, machen sie auf jeden Fall suspekt. Ein Museumswärter und wandelndes Johann-StraussLexikon, der einen Rucksack voller Recherchematerial mit sich schleppt. Und eine klassenkämpferische und kleptomanische Kellnerin aus einem Wiener Untergrundlokal. Doch so verdächtig Aussehen und Outfit des Trios und vor allem der Rucksack (eine Bombe? Klimakleber?) sind, wer eine Karte zum Opernball hat, gehört dazu. Und kann sich in den Augen der «Kiberer», der Polizei, alles erlauben. Als Künstler*in hat man sowieso Narrenfreiheit. Denn Künstler*innen sind willkommene Maskottchen, «originelle Accessoires im fantasielosen Alltag der Vermögensvermehrung». Und so werden die drei in den Wirbel dieser aus der Zeit gefallenen Institution Opernball hineingerissen. Der Museumswärter kredenzt Johann-Strauss-Wissens-Häppchen, die Kellnerin sammelt Brillanten, abgezwickte Ohrläppchen und abgestorbene Zehen, und die Autorin lässt kaum ein gutes Haar an den Bepelzten, den Befrackten und den überzüchteten, wohlstandsverwöhnten Debütant*innen. Bis das Trio sich schliesslich selbst in die Walzer-Kampfzone wirft und der Opernball zur Wiener-Blut-Orgie mutiert. Es ist eine groteske, schrille, bissige Satire mit viel Wiener Schmäh, die Stefanie Sargnagel in bester Tradition des Österreichhassers Thomas Bernhard geschrieben hat – ein wild urkomisches, makabres und bitterböses Lesevergnügen. Ihr Blick auf den Opernball ist dabei schonungs-, aber nicht gnadenlos, wie es im Klappentext treffend heisst, denn alles ist zwar schrecklich, aber auch schrecklich interessant. CHRISTOPHER ZIMMER
Ein Film, der Mut gibt Die Begegnungen mit Shewit werden von der Regisseurin und der Kamerafrau Eliane Ruckstuhl behutsam dokumentiert. Dabei ist wahrzunehmen, wie das Vertrauen über die Zeit wächst. «Sei ehrlich», stichelt Widmann einmal, als sie Shewit fragt, ob sie das Gärtnern möge. Ihr gefalle die Arbeit draussen, antwortet Shewit lachend. Zuweilen verschwimmen die Grenzen zwischen journalistischer und persönlicher Rolle. So wird Ruckstuhl während der Dreharbeiten zur Gastmutter für Shewit. Die Ältere ermahnt die Jüngere, für sich selbst zu sorgen und nicht – als Sicherheit – jung zu heiraten, wie viele von Shewits Freundinnen. Sie nimmt sich «la libérté féminine», die Freiheit und Unabhängigkeit der Frauen in der Schweiz, zum Vorbild für ihre Emanzipation und stellt sich damit dem konservativ-traditionellen Druck der kulturellen Community entgegen. Dieser Druck ist auch in der Diaspora stark. Der Film thematisiert hier auch die weibliche Genitalverstümmelung, die trotz Verbot in Eritrea und der Schweiz nicht verschwunden ist. Darüber vor der Kamera zu sprechen, wie Shewit das tut, verlangt viel Mut. Wie Shewit in einem Interview sagte, hoffe sie, der Film möge die Situation einiger Menschen verbessern und in der Schweizer Bevölkerung mehr Türen für Geflüchtete öffnen. Auch wenn sich das Parlament erfahrungsgemäss nicht vom Kino zu politischen Reformen animieren lässt – für Bestärkung, Aufklärung und Debatte sorgt dieser Film bei vielen Zuschauer*innen gewiss.
«Freedom – Le Destin de Shewit», Regie: Anne-Frédérique Widmann, Dokumentarfilm, CH 2026, OV/df, 88 Min. Läuft zurzeit im Kino. Surprise 636/26
FOTO: ZVG
BILDER: INTERMEZZO FILMS
Nachdem sie nicht mehr von der Nothilfe abhängig ist, erhält sie 2022, nach sieben Jahren, die vorläufige Aufenthaltsbewilligung B. Der Fall vermittelt dramaturgisch klug, wie komplex Fluchtgründe sein können. Und er zeigt den Teufelskreis des hiesigen Asylsystems: Mit einem abgewiesenem Asylantrag darf man nicht arbeiten, dabei ist die Chance zu bleiben mit einem Job und Einkommen viel höher. Eine richtige Perspektive für die Jugendlichen in der Schweiz fordert im Film auch die SP-Stadträtin und interkulturelle Mediatorin Melete Solomon, die Shewit beisteht: «Gerade wenn sie beginnen, sich hier einzuleben, sollen sie das Land verlassen.»
Stefanie Sargnagel: Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee. Rowohlt 2026. CHF 27.90
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Bern «Tanz in Bern», Festival, Di, 20. Okt. bis So, 8. Nov., Dampfzentrale Bern, Marzilistrasse 47. dampfzentrale.ch
«Mensch!» heisst das Festivalthema von «Tanz in Bern». Sylvie Robinson interpretiert es im Stück «TREMOR» körperlich und letztlich doch politisch. Durch die Verschmelzung von Tanz, Sprache und Live-Trommelkompositionen strebt die Performance zitternd einer Versöhnung zwischen dem Körper der Künstlerin und all dem entgegen, was in der Welt erschüttert wird. Die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues verknüpft ihre künstlerische Arbeit seit über zwanzig Jahren mit ihrem sozialen Engagement in der Favela da Maré in Rio de Janeiro. In «Borda» – portugiesisch für Rand – denkt Rodrigues Grenzen neu: als Trennlinien, Übergänge und Orte der Begegnung. Und in «THE HERD/LESS» der südafrikanischen Choreografin Mamela Nyamza erzeugen Rituale, Wiederholung und kollektive Bewegungsmuster Macht. So wird sichtbar, wie kulturelle und gesellschaftliche Kräfte Menschen formen und wie fragil das Gleichgewicht zwischen Gemeinschaft und Selbstbestimmung ist. DIF
Bern «LAPOT», Theater, visuelle Performance, Mi 14. Okt., Fr/Sa, 16./17. Okt., je 20 Uhr, So, 18. Okt., 11 Uhr mit Kinderbetreuung, Schlachthaus Theater Bern, Rathausgasse 20/22. schlachthaus.ch
In der Performance «LAPOT» entfaltet sich ein Universum des Verschwindens und Abschiednehmens am Lebensende. Der Titel stammt von einem alten serbischen Mythos, Inspirationsquelle für die Performance. In der Legende werden Menschen, die ein bestimmtes Alter erreichen, rituell gefeiert und anschliessend von ihrer Gemein-
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schaft getötet. Der Tod erscheint dabei nicht als Tragödie, sondern als freiwilliges Opfer zugunsten der kommenden Generation. «LAPOT» ist der zweite Teil einer Trilogie über Ageism und die Bedingungen des Alterns in der Gegenwart. Das Stück untersucht, wie Gesellschaften mit dem Tod umgehen – wie sie ihn organisieren, normalisieren, leugnen oder verdrängen. Omar Ghayatt, 1976 in Kairo geboren, kommt aus der Bildenden Kunst und arbeitet als Theatermacher, Performer und Szenograf an einer atmosphärischen, bildorientierten Bühnensprache. DIF
Luzern «woerdz», Spoken Word Festival, Mi, 21. bis Sa, 24. Okt., Südpol, Arsenalstrasse 28, Kriens, und Kleintheater Luzern, Bundesplatz 14. woerdz.ch sudpol.ch/ticketshop Die Spoken-Word-Szene trifft sich in Luzern: Am «woerdz» treten über 90 Künstler*innen auf, darunter Sibylle Berg & Kreidler, OHNE
ROLF & Gregor Schwellenbach, Manuel Stahlberger, Jessica Jurassica, Jens Nielsen, Blind Butcher, Jane Mumford, Gina Walter, Karla Lamešić und Paquita Maria. Da gibt es Poetry-Slams und musikalische Leseformate, ein literarisches Fussball-Länderspiel (Schweiz-Österreich auf dem Platz des FC Littau), U18-Slams und Workshops. Es performt Jamila Woods, die in der Schwarzen feministischen Bewegung aktiv und in der Kunst-Bubble Chicagos zuhause ist. Im Dichter*innenwettkampf «Dead or Alive Slam» treten lebende Slam-Legenden gegen verstorbene Dichter*innen an. Und Dominic Oppliger
bringt seine Mundart-Fantasy-Erzählung «Helsinki» für Kinder auf die Bühne. (Können wir empfehlen: Wir hatten bereits einen Vorabdruck in den Surprise-Literaturausgaben von 2025.) DIF
Winterthur «Martin Spühler – Metall, Klang, Form», Ausstellung, bis So, 18. Okt., Fr 17 bis 20 Uhr, Sa/So 14 bis 17 Uhr, oxyd – Kunsträume, Untere Vogelsangstrasse 4. oxydart.ch So sieht Vielseitigkeit (und Obsession?) aus: In Winterthur kannte man Martin Spühler (1943–2023) als Puppenspieler und Mitbegründer des Theater am Gleis. Er erforschte aber auch Klangräume: das Zusammenspiel von Klang und Form. Aus verschiedensten Fundstücken schuf er zunächst kleinere und monumentale Objekte. Aus den Skulpturen wurden Instrumente, aus den Instrumenten Resonanzräume. Angeschlagen, gerieben oder mit dem Bogen gestrichen, schwingen sie in vielfältigen Klängen – von glockenhell bis donnernd tief. Spühlers Faszination für den
Klang von Metall führte über Schmieden, Schweissen und Hämmern zu eindrucksvollen Klangkörpern. Objekte an der Schnittstelle
zwischen Bildhauerei, Musik und Performance. Jetzt zu sehen im Kunstraum «oxyd», und natürlich gibt es an der Finissage am 18. Okt. Musik-Sessions – mit Magda Drozd, Natalie Dietrich, Marcello Mosca und Remo Signer sowie Julian Sartorius (ab 14 Uhr). DIF
Zürich «zwischentext: heimat/ home 2.0», Lesungen, «Kunst als Exil», So, 18. Okt., 18 Uhr, Schauspielhaus Zürich, Pfauen Kammer, Rämistrasse 34; Sa 24. Okt, 18 Uhr; «Zürich liest: zwischentext – heimat/home 2.0», Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62. zwischentext.ch «zwischentext» ist ein interdisziplinäres Zürcher Kollektiv, das gesellschaftliche Konventionen und Tabus hinterfragt – (post)migrantisch, politisch, multilingual und feministisch. Die aktuelle Ausgabe ihres Literaturmagazins widmet sich dem Thema «heimat/home 2.0» (in ihrem Online-Shop bestellbar für CHF 37). Im Oktober tritt zwischentext zudem an illustren Orten auf. Zum einen in der Lese- und Gesprächsreihe «Kunst als Exil» zum 100. Jubiläum des Schauspielhaus Zürich. Bekanntlich wurde das Haus von Künstler*innen geprägt, die vor dem Nationalsozialismus nach Zürich geflüchtet waren. Ihnen ist die Reihe gewidmet – ebenso aber den Menschen, die heute aus einer migrantischen Position heraus künstlerisch arbeiten. Und im Literaturhaus geht «zwischentext» gemeinsam mit den Autorinnen Andrea Rea Arežina, Nida Temaj und Sara Kišević der Frage nach, was Heimat heute überhaupt noch bedeuten kann: Wie kann ein Begriff, der traditionell geografisch verankert ist, neu gedacht werden? DIF
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BILD(1): MAMELA NYAMZA, BILD(2): OMAR GHAYATT KI-GENERIERT, BILD(3): ELIZABETH DE LA PIEDRA, BILD(4): CHRISTIAN SCHWAGER
Veranstaltungen
Was gibt dir Hoffnung?
R APHAEL A GR AF, 33, ist freischaffende Fotografin in Basel. Der kleine Apfelbaum steht im Obstgarten von Natürlich Schwarz in Tägerwilen (TG). Zwischen Hochstammbäumen finden sich auch kleinere, absterbende und tote Bäume. Sie bieten wertvollen Lebensraum für Nützlinge und fördern das ökologische Gleichgewicht – so gedeihen die Früchte ganz ohne Pestizide.
An dieser Stelle fragen wir einmal im Monat Schweizer Fotografinnen des Netzwerkes «Purple Eye», was ihnen in Zeiten wie diesen Hoffnung gibt. purple-eye.ch Surprise 636/26
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IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D
Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.
SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA Das Programm
Wie w ist Ihn ichtig Unabh en Ihre ängigk eit?
Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01
www.tajayoga.ch, Lenzburg
02
Gemeinnützige Frauen Aarau
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Atem-Fachschule LIKA, Stilli bei Brugg
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Chiway Therapiezentrum, Winterthur
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Breite-Apotheke, Basel
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Fontarocca AG Natursteine
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Toppharm Apotheke Paradeplatz Zürich
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Scherrer & Partner GmbH, Basel
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Gemeinnütziger Frauenverein Nidau
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Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern
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Lebensschau, Männedorf
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Bodyalarm – time for a massage
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Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-Rüti
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InhouseControl AG, Ettingen
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Automation Partner AG, Rheinau
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Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich
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Madlen Blösch, Geld & so, Basel
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movaplan GmbH, Baden
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Kaiser Software GmbH, Bern
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Jocher Projekte GmbH, Rheinfelden
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appius GmbH, Interims-Management
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Broki Sidewäg, Bern
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Maya Recordings, Oberstammheim
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AnyWeb AG, Zürich
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Beat Vogel – Fundraising-Datenbanken, Zürich
Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Clara Fasse Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 53 I marketing@surprise.ngo
Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.
Eine von vielen Geschichten Lange bemühte sich Haimanot Mesfin um eine feste Arbeitsstelle in der Schweiz, doch mit einem F-Ausweis sind die Chancen klein. Sozialhilfe kam für sie nie in Frage – sie wollte stets selbstständig im Leben auskommen. Aus diesem Grund verkauft Haimanot Mesfin seit über zehn Jahren das Surprise Strassenmagazin am Bahnhof Bern. Dort steht sie bereits früh morgens und verkauft ihre Magazine. Das Begleitprogramm SurPlus unterstützt sie dabei mit einem ÖV-Abo sowie Ferienund Krankentaggelder. Dank der Begleitung auf dem Berner Surprise-Büro hat sie eine neue Wohnung gefunden. Nach langer Zeit in einer 1-Zimmer-Wohnung haben sie und ihr Sohn nun endlich etwas mehr Platz zu Hause.
Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus
Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.
Unterstützungsmöglichkeiten: · 1 Jahr: 6000 Franken · ½ Jahr: 3000 Franken · ¼ Jahr: 1500 Franken · 1 Monat: 500 Franken · oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.
Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 | Vermerk: SurPlus Oder Einzahlungsschein bestellen: T +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo | surprise.ngo/spenden Herzlichen Dank!
Wir alle sind Surprise Impressum Herausgeber Surprise, Münzgasse 16 CH-4051 Basel Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T +41 44 242 72 11 Regionalstelle Bern Beundenfeldstrasse 57, 3013 Bern T +41 31 332 53 93 Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T +41 43 321 28 78 M+41 79 797 94 10 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Klaus Petrus (kp) Diana Frei (dif), Lea Stuber (lea), Sara Winter Sayilir (win), Andres Eberhard (eba) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Maj Lisa Dörig, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Fatima Moumouni, Adriana Ružek, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Demian Cornu, Adelina Gashi, Céline Graf, Raphaela Graf, Dimitri Grünig, Michael Philipp Hofer, Marie Schüpbach Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara AG, Büro für Gebrauchsgrafik Druck AVD Goldach Papier Holmen TRND 2.0, 70 g/m2, FSC®, ISO 14001, PEFC, EU Ecolabel, Reach Auflage 24 520 Abonnemente CHF 250.–, 25 Ex./Jahr Helfen macht Freude, spenden Sie jetzt. IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3
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#Sozialer Stadtrundgang Basel: Heiko Schmitz
«Einblick in einen Bereich, wo wir oft wegschauen» Wunderbar geführt, auch mit einer Portion Humor! Höchst interessant; viele Fakten auch in Zahlen, die beeindruckend waren. Man merkte gut, dass sich Heiko Schmitz äusserst gut auskannte – betreffend Stadt, Klientel, soziale Institutionen, im Dschungel der IV/«Schuldensanierung»/Admi nistration/Verwaltung. Es war äusserst lehrreich für uns, die wir im Bildungsbereich tätig sind (Primarlehrer und Heilpädagogin), und bot einen einmaligen Einblick in einen Bereich, wo wir oft wegblicken, weil wir den Dingen hilflos gegenüberstehen, uns auch überfordert fühlen und uns abgrenzen. Die Führung hat definitiv für den Rest des Wochenendes in meinen Gedanken weitergearbeitet und wird mir gewiss immer wieder bei kurzen Begegnungen in Luzern in den Sinn kommen, wenn ich um Geld gefragt werde. Sicher schaue ich in den nächsten Wochen, dass ich einige Gutscheine für die Gassenküche kaufe, um sie bei Gelegenheit weiterzugeben. MARTINA KNAUS, Sursee
#Sozialer Stadtrundgang Bern: Kathy Messerli
«Nie die Ziele aus den Augen verlieren» Es war sehr schön, wie offen Kathy Messerli über ihre Vergangenheit und Erlebnisse gesprochen hat. Wir sind tief beeindruckt von ihrem Weg und davon, mit wie viel Stärke, Willenskraft und Mut sie sich zurück ins Leben gekämpft hat. Es ist alles andere als selbstverständlich, sich trotz schwieriger Zeiten den Lebensmut zu bewahren – umso bewundernswerter ist, wie sie ihren Weg geht. Es freut uns sehr, dass du heute wieder glücklich sein kannst und das Leben dir wieder Freude bereitet. Bleib weiterhin so entschlossen und verliere deine Ziele nie aus den Augen, liebe Kathy. Für deine Zukunft wünschen wir dir von Herzen alles Gute, viel Glück, Gesundheit und weiterhin viel Kraft. DIE EQUIPE DER JUSTIZVOLLZUGS ANSTALT WITZWIL
#Sozialer Stadtrundgang Zürich: Hans Rhyner
«Klar und angenehm» Eindrücklich, mutig wie Hans Rhyner sich zeigt und reflektiert, mit Herz, klar, angenehm, inte ressant, offen für Fragen ... Danke! BRIGIT TE HUBER, Lengnau
Ich möchte Surprise abonnieren Das Abonnement ist für jene Personen gedacht, die keinen Zugang zum Heftverkauf auf der Strasse haben. Alle Preise inklusive Versandkosten.
25 Ausgaben zum Preis von CHF 250.– (Europa: CHF 305.–) Reduziert CHF 175.– (Europa: CHF 213.50) Gönner*innen-Abo für CHF 320.– Probe-Abo für CHF 40.– (Europa: CHF 50.–), 4 Ausgaben Reduziert CHF 28.– (Europa: CHF 35.–)
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Halbjahres-Abo CHF 120.–, 12 Ausgaben Reduziert CHF 84.– Der reduzierte Tarif gilt für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Es zählt die Selbsteinschätzung.
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FOTO: BODARA
Surprise-Nachruf
Gabi Disch
* 26. April 1968 bis † 12. August 2026
Zu Surprise kam Gabi Disch über ihren alten Freund Heini Hassler. Die beiden lernten sich in jungen Jahren über den Behindertensport von Procap in Chur kennen. Gabi war dort, weil sie von Geburt an Hemiplegie hatte, eine vollständige Lähmung der linken Körperseite. Da sie im Rollstuhl sass, war sie unsicher, ob sie so etwas machen könne – ein Strassenmagazin verkaufen. Heini antwortete schmunzelnd, sie werde das bestimmt besser machen als er. Gabi liebte es, Menschen kennenzulernen. Sie war eine sehr aktive Person. Obwohl sie im Alltag auf Hilfe angewiesen war, hat sie alles angepackt, was ging, sie war immer auf Zack. «Ich kann mich noch erinnern, als sie mit Anfang zwanzig ihren alten Handrollstuhl mit einem elektrischen austauschen konnte: Damals ist sie aufgeblüht wie eine schöne Blume im Garten», so Heini Hassler. Der neue Rollstuhl war eine grosse Entlastung. Plötzlich war Gaby viel selbständiger, nicht immer angewiesen auf andere. Weil sie im Rollstuhl war, war sie nicht sicher, wie die Leute beim Verkaufen des Surprise-Magazins auf sie reagieren würden. Doch sie machte grösstenteils positive Erfahrungen und schätzte den Austausch mit den Menschen sehr. Ein Magazin wie Surprise zu verkaufen war für sie ein grosses Glück: «Sie wollte immer etwas mit Journalismus machen und hat nie eine Arbeit in diesem Bereich gefunden», erzählt ihr guter Freund Heini. Neben ihrem Job als Surprise-Verkäuferin engagierte sie sich hobbymässig bei einem Webradio namens «Rogos Power radio», einem interaktiven Mitmachradio für gutgelaunte Menschen, die den Feierabend versüssen möchten – so lautet der Slogan. Das Radio ist aber auch eine Plattform für Menschen, die eine Behinderung haben wie zum Beispiel Schwierig keiten mit dem Sprechen. Dort moderierte Gaby Sendungen und führte Gespräche mit Gästen. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Romanshorn. Wegen ihres starken Bedürfnisses, so viel wie möglich selbst zu machen, lebte sie nicht in einem betreuten Wohnen, sondern mit einem Mitbewohner in einer eigenen Wohnung. Ihr Weg führte jedoch immer wieder mal in ihre alte Heimat Chur, zusam men mit Heini, oder zu ihrer Mutter und Schwester. Zu beiden hatte sie eine enge Beziehung. Die Freundschaft mit Heini Hassler war eine intensive. Sie haben sehr viel zusammen unternommen. Einmal fiel sie mit dem Handrollstuhl um, weil ein Loch in der Strasse war, erinnert sich Heini, der sie geschoben hatte. «Sie lag am Boden und meinte scherzhaft, sie würde mir dann schon sagen, wenn ich sie aufheben kann. Ich könne ja nichts dafür, wenn die Strasse nicht geflickt ist.» 30
Trotz einem Leben im Rollstuhl war Surprise-Verkäuferin Gabi Disch immer auf Zack, sehr engagiert und nie um einen flotten Spruch verlegen.
Das Erlebnis war mit einem Schreck verbunden, doch es hat ihre Zusammengehörigkeit nur gestärkt. Noch viele Jahre später konnten die beiden darüber lachen. Regelmässig tranken sie miteinander eine Kaffee. Auch machten sie viele Tages ausflüge, denn beide hatten sie ein GA. Sie fuhren oft nach nach Zürich an den See. «Ich kannte Gabi schon als Kind und hatte noch nie mit jemandem eine so lange Freundschaft gepflegt», sagt Heini. Auch zum Bowlen nach Chur ging Gabi einmal pro Monat. Der Besitzer vom Bowlingcenter Chur hatte extra eine spezielle Rampe für Personen im Rollstuhl anfertigen lassen. Ausgelassenes Feiern gehörte ebenfalls zu ihren Hobbys. «An der Gehla, der Bündner Herbstmesse in Chur, waren wir immer am Festen», sagt Heini. Gabi verkaufte dort Schokoladenherzen von Procap. Das bereitete ihr unglaubliche Freude. Gabi bleibt uns als aufgestellter Mensch in Erinnerung, sie war sehr humorvoll, hatte immer einen Spruch auf Lager. Und sie hat, wie Heini Hassler sagt, bis zum Schluss gekämpft. «Gabi hat nie aufgegeben.» Gabi Disch starb am 12. August im Alter von 58 Jahren.
Aufgezeichnet von HANNA FRÖHLICH Surprise 636/26
Der Verkauf des Strassenmagazins Surprise ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen und den sozialen Anschluss wiederzufinden.
Ein Strassenmagazin kostet 8 Franken. Die Hälfte davon geht an den*die Verkäufer*in, die andere Hälfte an den Verein Surprise.
Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.
info@surprise.ngo
Alle Verkäufer*innen tragen gut sichtbar einen Verkaufspass mit einer persönlichen Verkaufsnummer. Diese ist identisch mit der Nummer auf dem Magazin.
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Kultur
Solidaritätsgeste
STRASSENCHOR
CAFÉ SURPRISE
Lebensfreude
Entlastung Sozialwerke
BEGLEITUNG UND BERATUNG
Zugehörigkeitsgefühl Entwicklungsmöglichkeiten
Unterstützung
Job
STRASSENFUSSBALL
Erlebnis
Expertenrolle
STRASSENMAGAZIN Information
SOZIALE STADTRUNDGÄNGE Perspektivenwechsel
SURPRISE WIRKT
SURPRISE WIRKT GEGEN ARMUT UND AUSGRENZUNG
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Bild: Marc Bachmann
Surprise unterstützt seit 1998 sozial benachteiligte Menschen in der Schweiz. Unser Angebot wirkt in doppelter Hinsicht – auf den armutsbetroffenen Menschen und auf die Gesellschaft. Wir arbeiten nicht gewinnorientiert, finanzieren uns ohne staatliche Gelder und sind auf Spenden und Fördergelder angewiesen. Spenden auch Sie. surprise.ngo/spenden | Spendenkonto: PC 12-551455-3 | IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3