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Strassenmagazin Nr. 616 30. Dez. bis 15. Jan. 2026

CHF 8.–

davon gehen CHF 4.– an die Verkäufer*innen

Beziehung

Bitte kaufen Sie nur bei Verkäufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

Hände halten Das einstige Kind und sein Vater. Ein Fotograf schafft Nähe. Seite 8


«Ich konnte nicht mehr kämpfen und gab auf» Auf seinen Sozialen Stadtrundgängen durch Basel erzählt Benno Fricker, wie er trotz Ausbildung und Arbeit alles verliert und obdachlos wird. Er gibt Einblick in seine persönlichen Überlebensstrategien unter Bäumen und Brücken. Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.


TITELBILD: VALERY POSHTAROV

Editorial

Zwischen empfindsam und empfindlich Die Idee hinter der Bilderserie des bul­gari­ schen Fotografen Valery Poshtarov, die wir in dieser Ausgabe abdrucken, ist denkbar einfach: Vater und Sohn, zwei erwachsene Männer, halten sich an den Händen. Das hat für mich, ich gebe es zu, etwas Verstörendes. Die Männer geben einander nicht begrüssend oder verab­ schiedend die Hand, was mir vertraut wäre. Auch sehe ich hier kein Kind, das die Hand des Vaters hält. Stattdessen halten zwei ausgewachsene Männer einander, eine Geste von – ja von was genau? Ich, männlich, Jahrgang 1967, aufgewachsen im stockkatholischen Wallis, hatte zwar eine vertraute Beziehung zu meinem Vater, auch im Erwachsenenalter, gewiss aber keine zärtliche, keine, wo wir Gefühle offen gezeigt hätten. Fürs Weinen gehen die Männer in den Keller, hiess es immer. Hätten mein inzwischen verstorbener Vater und ich uns an den Händen gehalten, es wäre uns sonderbar vorgekommen,

vielleicht wäre es uns gar peinlich gewesen – was wir natürlich überspielt hätten. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Viele – auch Männer – zeigen immer mehr Gefühle, sie sprechen darüber, sind nicht mehr so verknorzt. Die Kehrseite: Je sensibler wir sein dürfen, umso verletzli­ cher werden wir. Und auch: Umso gekränkter sind wir, wenn wir nicht ausreichend gehört oder gesehen werden. Genau die­ sen Raum zwischen Empfindsamkeit und Empfindlichkeit öffnet für Poshtarov die simple Geste des Handhaltens, ab Seite 8. Mit dieser Ausgabe beginnen wir zudem auf Seite 27 eine neue Kolumne, die einmal im Monat erscheint und in der wir Schweizer Fotografinnen des Netzwerkes «Purple Eye» fragen, das sie in Zeiten wie diesen mit Hoffnung verbinden. KL AUS PETRUS

Redaktor

4 Aufgelesen 5 Na? Gut!

Stalking darf bestraft werden 5 Vor Gericht

Zu schnell unterwegs 6 Verkäufer*innenkolumne

Reqiuem für Khalid 7 Die Sozialzahl

Leben mit geringen Alltagskompetenzen

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8 Beziehung

Vater und Sohn – an den Händen nehmen 14 Sexualisierte Gewalt Ein Leben in Angst

18 Ukraine-Krieg

Weg aus den besetzten Gebieten 22 Medien

Wohlfühlthema Migration 24 Kunst

27 Was gibt dir Hoffnung? 28 SurPlus Positive Firmen 29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Internationales Von der Sehnsucht, am Leben teilzuhaben Verkäufer*innen-Porträt «Im Gespräch 26 Veranstaltungen tauscht man positive Energie aus»

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Aufgelesen

News aus den über 90 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Windkraft: Erneuerbare in Österreich

16 % 1451

20–30

des österreichischen Strombedarfs wurden 2024 durch Windkraft gedeckt.

Windkraftanlagen gab es Ende 2024 in Österreich. Die meisten befanden sich in Niederösterreich (823), gefolgt vom Burgenland (456) und der Steiermark (122). In Tirol, Vorarlberg und Salzburg gibt es keine signifikante Windkraftnutzung.

1,2 Mrd.

20ER, #269, NOVEMBER 2025, TIROL

Widerstand leisten Was für Rechte haben US-Bürger*innen, die Zeug*innen von Festnahmen durch die US-amerikanische Einwanderungsbehörde ICE werden? Gemäss dem Ersten Zusatz zur USVerfassung darf jede Person Sicherheitsbeamte filmen – solange die Festnahme nicht behindert und offen gefilmt wird. 2020 gewann die American Civil Liberties Union of Oregon einen entsprechenden wegweisenden Prozess vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Zwar hält dies Bundesbeamte nicht davon ab, filmende Zeug*innen auch zu verhaften, doch: «diese Menschen, die die Aktivitäten von ICE vor Ort dokumentieren, sind die wichtigste Informationsquelle darüber, was ICE in unseren Gemeinden tut», so eine Vertreterin der Portland Immigrant Rights Coalition. Für mehr Informationen und Inspiration: oregonforall.us/tools

STREET ROOTS, SEP. 2025, PORTLAND, OREGON, USA

200 000 junge Erwachsene sehen sich aufgrund der Wohnungsknappheit in Schweden gezwungen, weiterhin bei ihren Eltern zu wohnen, sagt ein neuer Bericht des schwedischen Mieterverbandes Hyresgästföreningen. FAKTUM, #278, NOV. 2025, GÖTEBORG

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Jahre beträgt die Lebensdauer von Windkraftanlagen. Danach werden sie rückgebaut und teilweise recycelt. Ältere Rotorblätter lassen sich nicht recyceln, da die Bestandteile Duroplaste und Epoxidharz nicht schmelzen und auch die Rückgewinnung von darin eingeschlossenen Glasfasern daher kaum bzw. nur mit grossem Aufwand möglich ist. Neue Rotorblätter bestehen hingegen aus auflösbaren Harzen, die besser recycelt werden können.

Euro pro Jahr hat die österreichische Windbranche im Durchschnitt der letzten zehn Jahre erwirtschaftet.

Rückbau des Sozialstaats Die neue Grundsicherung der deutschen Bundesregierung stösst auf scharfe Kritik bei Sozialverbänden. Der Paritätische Gesamtverband spricht von einem «ungerechtfertigten und unsozialen Misstrauensvotum gegen Arbeitsuchende». Die geplante vollständige Streichung von Leistungen nach dem dritten Meldeversäumnis sowie die Möglichkeit, in weiteren Schritten auch Mietzuschüsse einzustellen, seien sozialpolitisch gefährlich und integrationshemmend. Wenn selbst die Kosten der Unterkunft gestrichen werden, drohe zudem eine Zunahme von Wohnungslosigkeit. DROBS, 11/2025, DRESDEN

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ILLUSTRATION: PRISKA WENGER

Na? Gut!

Stalking kann bestraft werden In der Schweiz wird der Opferschutz gestärkt. Auf den 1. Januar 2026 wird das Strafgesetzbuch ergänzt: Neu ist Stalking darin als eigenständige Strafnorm verankert. Stalking – im Fachjargon auch Nachstellung – bedeutet im strafrechtlichen Sinn, dass jemand wiederholt belästigt, verfolgt oder bedroht wird. Bisher war es sehr schwierig, die Täter (seltener Täterinnen) strafrechtlich zu verfolgen. Deshalb soll diese Ergänzung des Strafgesetzbuches, die das Parlament im vergagenen Sommer entschieden hatte, den Schutz der Betroffenen erhöhen. Durch das Stalking wird das Leben vieler Betroffener erheblich eingeschränkt, das Sicher­heitsgefühl geht oftmals verloren. Viele entwickeln Schlafstörungen oder Angstzustände, neben diesen psychischen Folgen leiden sie auch unter sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Zwar werden Polizei und Staatsanwaltschaft nicht von sich aus aktiv. Wenn aber das Opfer eine Strafanzeige stellt, kann eine Nachstellung neu strafrechtlich verfolgt werden. Wer einer Person nachstellt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Diese Gesetzesänderung hat der Bundesrat – nach Konsultation der Kantone – an seiner Sitzung vom 19. November 2025 beschlossen. LEA

An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen. Surprise 616/25

Vor Gericht

Zu schnell unterwegs Wer im Feierabendverkehr mit dem Auto unterwegs ist, kennt das Phänomen: Töfffahrer*innen, die im Stau den schmalen Bereich zwischen den Fahrspuren nutzen, um schneller voranzukommen. Das sogenannte Filtern ist gemäss Strassenverkehrsgesetzgebung verboten, in der Praxis wird es aber durchaus toleriert. Er finde das grundsätzlich ok, sagt ein Polizist, der als Zeuge an die Verhandlung am Bezirksgericht Baden geladen ist, solange man es mit der Geschwindigkeit nicht übertreibe. Mit der Geschwindigkeit übertrieben hat es der Geschädigte in diesem Fall. Er fuhr im November vergangenen Jahres auf der A1 Richtung Bern auf der Höhe Dättwil mit seinem Motorrad im stockenden Verkehr zwischen den Überholstreifen; gemäss Aussagen verschiedener Zeug*innen mit einem Tempo zwischen 60 und 80 Stundenkilometer. Es sei blosse «Lotterie» gewesen, welcher Autolenker den Töfffahrer schliesslich «aufladen» werde, sagt ein anderer Zeuge an der Verhandlung. Getroffen hat es in dieser Lotterie schliesslich einen 35-jährigen Mann. Er wechselte mit seinem Opel kurz nach dem Bareggtunnel von der zweiten auf die erste Überholspur und erwischte dabei den heranbrausenden Motorradfahrer. Die Verletzungen, die sich dieser zuzog, waren erheblich: Beckenbruch, mehrere Armbrüche, kompletter Abriss der Harnröhre. Noch heute ist er 100 Prozent arbeitsunfähig. Die Staatsanwaltschaft stellte in der Folge einen Strafbefehl gegen den Opel-

Fahrer aus wegen fahrlässiger Körperverletzung, der Opel-Fahrer erhob Einsprache, und so trifft man sich an diesem Novembernachmittag, fast ein Jahr nach dem Unfall, in einem kleinen Sitzungsraum des Bezirksgerichts Baden, um dem Recht Genüge zu tun. Die Staatsanwaltschaft ist nicht erschienen, und so bleibt es dem Vertreter des Geschädigten und Privatklägers überlassen, die Fahrweise des beschuldigten Autolenkers als ursächlich für den Unfall darzustellen. Mit seinem abrupten Spurwechsel habe er den Unfall mitzuverantworten. Dass er den Schulterblick vorgenommen habe, sei blosse Schutzbehauptung. Und schon zuvor sei der Opel-Fahrer auf der Auto­bahn damit aufgefallen, dass er oft unnötige Spurwechsel vorgenommen habe. Auch dass der Beschuldigte einschlägig vorbestraft ist, lässt er in seinem Plädoyer nicht unerwähnt. Aber der Anwalt des Geschädigten steht hier auf verlorenem Posten: Die Aussagen der Zeug*innen – darunter zwei Polizisten – fallen eindeutig zu dessen Ungunsten aus: Wie in einem Rennspiel, so schildert es ein Zeuge, sei der Töfffahrer zwischen den Kolonnen hin und her gekurvt. Die Einzelrichterin kommt im Urteil zum gleichen Schluss. Der Opel-Fahrer wird vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung freigesprochen, die Verfahrenskosten werden von der Staatskasse übernommen. Dem Geschädigten, der seinerseits wegen seiner gefährlichen Fahrweise bereits verurteilt wurde, bleibt der Gang vors Zivilgericht.

WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter

in Zürich. 5


ILLUSTRATION: RAPHAEL GANZ

Verkäufer*innenkolumne

Requiem für Khalid Du warst jünger als unser Jahrtausend. 2001 kamst du in Somalia zur Welt. Deine Eltern trennten sich. Wenn sich in Somalia Eltern trennen, werden auch die Kinder getrennt. Vom Vater getrennt. Er kümmert sich nicht mehr um sie. Mit sechszehn bist du in die Schweiz geflüchtet. Durch die Wüste, durch Libyen, übers Meer, nach Bassersdorf, in eine Asylunterkunft. In einem Alter, in dem Jugendliche hier langsam erwachsen werden, hast du schon mehr Elend und Schrecken erlebt als andere in ihrem ganzen Leben. Du warst ein feiner Junge, schmal, mit zartem Gesicht. Du hattest vielleicht nicht die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, deine Traumata und Erinnerungen zu betäuben. 6

Du bist an die falschen Leute geraten, hast die falsche Abzweigung genommen. Wer kann es dir übelnehmen. Du warst allein. Du kamst ins Gefängnis, irgendwo in Graubünden. Als du aus dem Gefängnis rauskamst, wurdest du ausgewiesen. Du hast es in Deutschland versucht, in Frankreich, in Belgien, bist zurück in die Schweiz gekommen, bist untergetaucht. Ein unsichtbarer, ein verlorener Mensch. Ich wünschte, jemand hätte sich um dich gekümmert, als du hier angekommen bist. Mein Sohn hat dich gekannt. Ich habe versucht, dich zu unterstützen, aber mir fehlte die Zeit und die Kraft. In jener verhängnisvollen Nacht warst du mit deinen falschen, aber einzigen Freunden in einem Hotel, es gab Streit, eine Schlägerei, du bist aus dem Fenster gestiegen, wolltest zum nächsten Fenster klettern, die Polizei kam, du bist in Panik geraten, du bist gestürzt. Die Ärzt*innen und das Personal auf der Intensivstation des Universitätsspitals haben alles versucht. Sie waren nett und hilfsbereit.

Dein Vater kam aus London. Viel zu spät. Du hättest ihn vorher gebraucht. Deine Mutter konnte nicht da sein. Dann haben sie die Maschinen abgeschaltet. In Somalia sagen wir, dass alle ihre Zeit haben, und wenn die Zeit um ist, dann ist sie um. Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt. Ruhe in Frieden, Khalid.

SEYNAB ALI ISSE, 54, verkauft Surprise in Winterthur. Khalid (2001–2025) hat «Tante» zu ihr gesagt.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration. Surprise 616/25


INFOGRAFIK: BODARA ; QUELLE: BUNDESAMT FÜR STATISTIK (2025): LEBEN MIT GERINGEN LESE-, ALLTAGSMATHEMATIK- UND PROBLEMLÖSUNGSKOMPETENZEN IN DEN JAHREN 2022/2033. NEUCHÂTEL.

Die Sozialzahl

Leben mit geringen Alltagskompetenzen Wir brauchen ein Mindestmass an Kompetenz im Lesen, in der Alltagsmathematik und im adaptiven Problemlösen, um im Alltag, bei der Arbeit und beim gesellschaftlichen Zusammenleben teilzuhaben. Nicht alle in der Schweiz erreichen dieses notwendige Niveau. Im Lesen haben 22 Prozent (1,25 Mio. Personen), in Mathematik knapp 19 Prozent (1,06 Mio.) und im Problemlösen 25 Prozent (1,38 Mio.) der erwachsenen Bevöl­kerung zwischen 16 und 65 Jahren geringe Kompetenzen. 15 Prozent oder 844 000 Personen weisen in allen drei Bereichen tiefe Werte aus. Die Gruppe mit geringen Alltagskompetenzen wie den obgenannten ist äusserst heterogen. Sie setzt sich aus Personen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Bildung zusammen. Darum ist das Leben mit geringen Alltagskompetenzen nicht einfach ein Ausländer*innenproblem. So finden sich Personen, die vor mehr als fünf Jahren in die Schweiz immigriert sind, häufiger in der Gruppe mit geringen Kompetenzen als Einheimische und Personen, die vor weniger als fünf Jahren eingewandert sind. Zudem weisen Personen, die aus den umliegenden Ländern in die Schweiz gekommen sind, einen ähnlichen Anteil an dieser Gruppe auf wie die Schweizer*innen.

der KI in zunehmendem Ausmass bedroht. Wenig überraschend erzielen Menschen mit geringen Alltagskompetenzen öfter niedrigere Einkommen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte dieser Gruppe befindet sich im untersten Quintil, gehört also zu den 20 Prozent Einkommensschwächsten. In der Gesamtbevölkerung liegt dieser Anteil bei einem Fünftel. Menschen mit geringen Alltagskompetenzen nehmen auch weniger häufig am gesellschaftlichen Leben teil, schätzen ihren physischen und psychischen Gesundheitszustand schlechter ein und sind mit ihrem Leben unzufriedener. Die Gruppe der Menschen mit geringen Alltagskompetenzen droht von der gesellschaftlichen Dynamik abgekoppelt zu werden. Die Arbeitswelt verlangt nach mehr Kompetenzen, in vielen Alltagssituationen wie etwa im Kontakt mit den Behörden werden ebenfalls qualifizierte Fähigkeiten erwartet. Kurzfristig wird diese Situation kaum zu verbessern sein. Die zahlreichen Möglichkeiten zur Weiterbildung erreichen diese Menschen nicht. Es darf aber nicht passieren, dass diese schwierige Lebenslage von Generation zu Generation weitergegeben wird. Bei fast der Hälfte der Personen mit geringen Alltagskompetenzen hat keiner der beiden Elternteile einen Abschluss auf der Sekundarstufe II erzielt. Hier zeigt sich einmal mehr die grosse Bedeutung der Kitas. Sie sind ein Ort, an dem Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten gefördert werden. Dafür braucht es aber genügend und vor allem auch bezahlbare Plätze.

Menschen mit geringen Alltagskompetenzen haben im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr Schwierigkeiten, sich im hiesigen Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie sind seltener erwerbstätig und häufiger erwerbslos. Wenn sie eine Stelle haben, ist diese öfter in einer Tieflohnbranche und mit einem gering- oder mittelqualifizierten Beruf verbunden und von

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Prozentuale Verteilung der Personen mit geringen Alltagskompetenzen und der Gesamtbevölkerung nach der Berufsgruppe

63%

Gruppe mit geringen Alltagskompetenzen

55%

Gesamtbevölkerung

39% 19%

18% 5%

Geringqualifizierte Berufe

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Mittelqualifizierte Berufe

Hochqualifizierte Berufe

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Petvar, Bulgarien, 2022

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Krapets, Bulgarien, 2023

Dobritsch, Bulgarien, 2021

Die Kraft der kleinen Geste Beziehung Zwei Männer halten einander an der Hand. Vor langer Zeit taten sie das oft. Dann ein Erwachsenenleben nicht mehr. Der bulgarische Fotograf Valery Poshtarov lässt Söhne und ihre Väter wieder Hände halten. Und hält die Momente fest. FOTOS VALERY POSHTAROV

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Altınyayla, Türkei, 2022

Midyat, Türkei, 2023

Shkodra, Albanien, 2024

Castiglion Fiorentino, Italien, 2024

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Baronissi, Italien, 2024

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Schumen, Bulgarien, 2023

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Saint-Gervais-les-Bains, Frankreich, 2025

Zwei erwachsene Männer, die sich an den Händen halten, in unterschiedlichen Umgebungen, sie blicken in die Kamera, schauen uns an, mehr ist da nicht. Ausser dass es sich um Vater und Sohn handelt. Was genügt, dass wir genauer hinschauen und wissen wollen, wie es ihnen dabei geht. Ist es ihnen unangenehm, fühlen sie sich fremd oder ist es für sie das Selbstverständlichste auf der Welt? Das erste Paar, welches der bulgarische Fotograf Valery Poshtarov fotografiert hat, war sein Vater und sein Grossvater (siehe Seite 9, oben rechts). Das Vertraute, das die beiden miteinander teilten, als der eine noch Kind war, begann sich mit dem Erwachsenwerden immer mehr aufzulösen und auf andere Bezugsmenschen im Leben zu übertragen, auf die Ehefrau zum Beispiel, die Kinder oder auf Freunde, erzählt der Fotograf, der mit beiden darüber gesprochen hat. «Dabei besteht die Kraft dieser kleinen Geste des Handhaltens genau darin, dass wir sie irgendwann nicht mehr machen», so Poshtarov. Den Augenblick einzufangen, da es von Neuem passiert, ist der Reiz der Serie, die der Fotograf 2021 begonnen hat und die inzwischen mehrere hundert Bilder aus mehr als einem Dutzend Ländern umfasst. Noch ein anderes Moment der Beziehung erwachsener Söhne zu ihren Vätern treibt den Fotografen um, nämlich die Frage der Identität über Generationen hinweg: Was geben Eltern an Kinder weiter, was tragen Söhne und Töchter an ihre Väter und Mütter heran? Was wird bewahrt, was verändert sich? Antworten auf diese Fragen geben für Poshtaro tiefe Einblicke in «eine sich stetig entwickelnde Geschichte der Menschlichkeit». KP

FOTO: FLORIAN DEMIREV

VALERY POSHTAROV, 40, wurde in Bulgarien geboren, absolvierte Kunsthochschulen in Warna sowie an der Sorbonne. Er ist Gründer einer Online-Kunst­ galerie sowie Autor des Foto­ buches «The Last Man Standing in the Rhodope Mountains» (2022). poshtarov.net

Lukovit, Bulgarien, 2023

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«Eines Abends wurde er wütend auf mich und zerrte mich in den nahegelegenen Wald und verprügelte mich», beschreibt Louise den ersten Gewaltausbruch ihres Mannes.

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«Ich wollte ihn immer wieder verlassen, von Neuem beginnen» Sexualisierte Gewalt Louise* lebte jahelang in einer Ehe voller Gewalt und Erniedrigung.

Nach einer Zeit im Frauenhaus wohnt sie jetzt mit ihren Kindern an einem Ort, wo sie der Täter nicht finden soll, und wartet auf den Beginn des Gerichtsverfahrens. AUFGEZEICHNET VON NATALIA WIDLA

«Wenn ich von diesem Mann spreche, dann sage ich nicht gerne ‹mein Ex›, weil er nicht zu mir gehört – in keiner Form. Auch ‹der Vater der Kinder› ist unpassend. Das klingt zu liebevoll. Er und ich lernten uns per Zufall kennen und heirateten wenige Jahre später. Seit über einem Jahr sind wir getrennt. Als wir noch gar nicht definiert hatten, was das zwischen uns ist, kam es bereits ab und an vor, dass er mich beleidigte. An die erste physische Gewalt kann ich mich noch genau erinnern. Da waren wir vielleicht seit zwei Monaten ein Paar und wohnten mit anderen zusammen in einer WG. Eines Abends wurde er wütend auf mich und zerrte mich in den nahegelegenen Wald und verprügelte mich. Am nächsten Tag sagte er, ich solle mein Gesicht schminken und niemandem davon erzählen. Kurz nach der Gewalt war er liebevoll und fürsorglich, forderte aber auch viel Nähe ein. Das wurde ein Muster. Wenn die Gewalt schlimm wurde, kam er kurze Zeit später zu mir und wollte Sex, und ich wusste: Wenn ich mich nicht füge, fängt die Gewalt wieder an und er wird noch wütender. Kurz bevor ich mein Studium beendete, einigten wir uns auf seine Initiative hin darauf, mit der Familienplanung zu beginnen. Mehrere Monate lang konnte ich nicht schwanger werden und immer, wenn meine Mens kam, rastete er aus. Als ich dann doch schwanger wurde, sagte er zu mir: ‹Das kannst du nicht behalten, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt.› Plötzlich wollte er nicht mehr. Er zwang mich abzutreiben, was ich dann gegen meinen Willen auch tat. Einige Jahre später kam mein älteres Kind auf die Welt. In dieser Zeit wohnte sein Bruder bei uns. Er betreute unser Kind, wenn ich arbeiten musste. Der Vater weigerte sich, sich um das Kind zu kümmern. Der Bruder bekam alles mit. Er sprach mir oft gut zu und versuchte mich zu trösten, aber er war auch von ihm abhängig und ging nie aktiv dazwischen. Auch er wurde geschlagen, wenn auch selten. Anderthalb Jahre nach der Geburt unseres Kindes wurde ich wieder schwanger. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es einvernehmlicher Sex war, der zu dieser Schwangerschaft geführt hat. Als ich beim Ultraschall von meiner ungeplanten Schwangerschaft erfuhr, hatte ich Angst vor seiner Reaktion. Er sagte mir am Telefon, dass ich ihm nur Probleme mache und sein Leben zerstöre. Bereits während der ersten Schwangerschaft hatte er mich geschlagen. Aber dieses Mal zielte er immer wieder auf meinen Bauch und versuchte mehrfach mit Gewalt einen Abort herbeizuführen. Am Abend vor meinem geplanten Kaiserschnitt erinnerte ich ihn daran, dass wir am nächsten Morgen früh losmüssten. Da verlor er die Fassung und sagte, dass ich mir jemanSurprise 616/25

FOTOS ULRIKE MEUTZNER

den anderes suchen sollte, der mich fährt. Ich wusste nicht, wen ich sonst fragen konnte, da ich mich schämte, jemandem zu sagen, dass mein Mann mich nicht zur Entbindung fahren wolle. Die ganze Nacht hindurch hatte ich Wehen, und schlussendlich fuhr er mich ins Spital, ging aber sofort wieder. Er schlief in dieser Zeit zuhause und ging nicht ans Telefon. Ich musste eine Woche im Spital bleiben. Ein einziges Mal kam er mich besuchen und brachte Essen mit, das die Frau eines Bekannten gekocht hatte. Als er da war, weinten alle Kinder. Mitten in diesem Chaos wollte er mir ein Geschenk übergeben. Doch ich musste ihm sagen, dass ich es gerade nicht öffnen könne, weil ich mit den Kindern beschäftigt sei. Daraufhin stürmte er aus dem Spital und schickte mir eine Sprachnachricht, in der er sagte, er hoffe, dass die Kinder und ich sterben würden. Die eigene Familie wusste nichts Ich wollte ihn immer wieder verlassen, von Neuem beginnen. Aber ich hatte bis zum Schluss das Gefühl, dass er mich ohnehin finden würde – dieses Gefühl habe ich heute noch. Ich ging auch deswegen nicht, weil ich Angst hatte und mich schämte. Stattdessen schrieb ich viel: Wenn etwas Schlimmes geschah, schrieb ich es detailliert nieder und versteckte die Datei auf meinem Computer. Ich schrieb mit dem Ziel, dass ich mir selbst glaube. Ich habe mit seiner Familie über diese Gewalt gesprochen, zum Teil haben sie es auch aktiv miterlebt. Meine eigene Familie wusste von nichts. Ich sah sie nur selten in dieser Zeit. Er hatte mir oft verboten, das Haus zu verlassen. Wenn ich weg war, musste ich immer erreichbar sein, und bevor ich gehen durfte, musste ich vorkochen und die Wohnung putzen. Er rief mich konstant an und sagte, ich solle nach Hause kommen. Mehr als einmal musste ich mitten im Essen gehen, weil ich Angst vor ihm hatte.

Serie «Hinter Mauern» In unserer Serie blicken wir hinter unterschiedliche Mauern – bauliche, aber auch soziale und symbolische. Teil 1: Häusliche Gewalt, Surprise Nr. 594 Teil 2: Vorurteile und Feindbilder, Surprise Nr. 596 Teil 3: Massentierhaltung, Surprise Nr. 598 Teil 4: Asylunterkünfte, Surprise Nr. 601 Teil 5: Museumsmauern, Surprise Nr. 608 Teil 6: Superreiche, Surprise Nr. 611

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Einmal hatte ich den Schlüssel verloren, dann schloss er mich und die Kinder während mehrerer Monate wiederholt in der Wohnung ein. Er sagte, wir müssten ja ohnehin nirgends hin. Kurz nach der Geburt der Zwillinge war ich psychisch am Ende und nahm Medikament. Man sagte mir, dass ich zu labil sei für ein Frauenhaus und in den Familienzimmern in der Psychiatrie, die für mich in Frage gekommen wären, gilt eine Obergrenze von zwei Kindern. In einem Podcast hörte ich von einer Mutter-Kind-Einrichtung. Meine Hebamme half mir einen Ersttermin zu organisieren, an dem ich informiert wurde, dass die Opferhilfe die Kosten für den Aufenthalt übernehme. Ihm hatte ich nur gesagt, dass es ein Ort sei, an dem mir mit meiner Psyche und mit den Kindern geholfen werde. Er wusste nicht, dass ich länger dortbleiben wollte. Weil die Kinder immer weinten, war er eh froh, wenn wir für kurze Zeit weggehen würden. Er fuhr mich sogar hin – doch ich kam zu spät an, weil er mich zuvor noch gezwungen hatte, die Wäsche zu falten. Mir wurde bei der Ankunft gesagt, da die Einrichtung kein Frauenhaus sei, müsse ich den Vater der Kinder über meinen Aufenthaltsort informieren. Ich wehrte mich anfangs, da ich Angst hatte, wieder zu ihm gehen zu müssen, fügte mich dann aber. Kurze Zeit später stand er vor der Tür und wollte mich abholen, er redete auf mich ein und versprach, dass alles besser werden würde. Ich ging mit. Die Einrichtung machte jedoch eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB. Als ich von dieser Stelle zuhause angerufen wurde, beschwichtigte ich sie, weil ich noch einmal Hoffnung geschöpft hatte, dass jetzt wirklich alles besser würde. Ein paar Tage lang war es das auch, er half mit den Kindern, war etwas präsenter. Dann passierte das mit dem Messer. Ich kann dazu nicht viel mehr sagen, sagt meine Anwältin. Da ich mich psychisch etwas stabilisiert hatte, dank sorgfältiger Planung und einiger glücklicher Fügungen, schaffte ich es doch noch, mit meinen Kindern ins Frauenhaus zu fliehen. Was mich zuletzt ins Handeln brachte, war die Tatsache, dass meine Kinder das alles mitbekamen und er meinen Kindern gegenüber ebenfalls Gewalt anwendete. Im Frauenhaus wurde ich gleich beim Eintritt gefragt, ob ich eine Anzeige machen wolle. Ich sagte nein, weil ich wusste, wie schwer so etwas zu beweisen ist. In dieser Zeit trat ich einem selbstorganisierten Kollektiv von gewaltbetroffenen Frauen bei, den Sisters Domestic Violence Schweiz. Diese Frauen gaben mir viel Stärke und schliesslich auch die Kraft, doch noch eine Anzeige zu machen. Ich hatte zwei ganztägige Einvernahmen bei der Polizei und musste bei der Spezial­ abteilung für Sexualdelikte noch einmal gesondert aussagen.

Gewalt und Schutz In 16,7 Prozent der Fälle ging es gemäss polizeilicher Kriminalstatistik um Konflikte zwischen Eltern und Kindern. In der Stadt Zürich kann das Mädchenhaus Zürich Betroffenen ab 14 Jahren für die Dauer von maximal drei Monaten Schutz bieten. Erleben Sie Gewalt? Opferhilfe-schweiz.ch bietet kostenlose, vertrauliche und anonyme Beratung. Infos zu Frauenhäusern unter frauenhaeuser.ch. Üben Sie Gewalt aus? Unterstützung bietet der Fachverband Gewaltberatung Schweiz fvgs.ch.

Hinzu kamen einige weitere Einvernahmen bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft, während welcher ich mit seinen Aussagen konfrontiert wurde und darauf Bezug nehmen musste. Ich wollte nicht im Frauenhaus bleiben, das war für mich mit drei Kindern schwierig, da das Personal sehr reduziert ist. Meine Zwillinge waren damals drei Monate alt und ich war komplett allein mit ihnen. Niemand durfte wissen, wo ich bin, also konnte mich auch niemand unterstützen. Da ich wegwollte, wurde eine Gefahreneinschätzung durch die Kriminalpolizei vorgenommen. Man sagte mir, dass ich nicht in die Nähe der Stadt zurückkönne, in der ich vorher gewohnt hatte. Also wohne ich jetzt hier. Hoffen auf ein Leben ohne Angst Gegen ihn besteht ein Kontakt- und Annährungsverbot: Er darf sich mir nicht nähern und mich auch nicht kontaktieren. Er darf sich auch dem Haus meiner Eltern nicht nähern, ebenso wenig meinem Arbeitsort. Aber er hat sich schon oft darüber hinweggesetzt. Erst kürzlich hat er mich über den Facebook Messenger angerufen und mir dann geschrieben, dass er meine Hilfe brauche. Er versteht die Tragweite meiner Anzeige und der polizei­ lichen Einschränkungen nicht, und ich begreife nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Bei jedem Auto, das aussieht wie seines, habe ich Angst. Gemäss der Gefahreneinschätzung der Polizei ist er komplett unberechenbar. Es könnte sein, dass er versuchen würde, mich zu töten. Oder dass er lieb zu mir wäre – es ist alles vorstellbar. Bei meiner ersten Einvernahme gab ich bereits an, dass er zwei Pistolen besitzt. Erst einen Monat später wurde seine Wohnung durchsucht. Ob sie dort die Waffen fanden, weiss ich nicht. Er war bisher auch nie in Untersuchungshaft. Ich habe ihn das letzte Mal vor wenigen Wochen gesehen, da mein älteres Kind ihn eine Zeit lang besuchen musste – zum Glück begleitet. Momentan ist dieses Besuchsrecht ausgesetzt, da er sich nicht an die Regeln gehalten hat. So ist er bei der Übergabe unseres Kindes immer wieder absichtlich zu früh erschienen, um mich abzufangen – oder er erschien gar nicht. Ich besitze kein einziges Foto, auf dem er mit den Kindern abgebildet ist oder sie in den Armen hält. Ich glaube auch nicht, dass meine Kinder irgendwelche Erinnerungen an ihn haben, die nicht von Gewalt handeln. In der Anklageschrift stehen diverse Straftatbestände, zum Teil mehrfach oder über mehrere Jahre hinweg begangen. Mehr kann ich dazu momentan nicht sagen, da das Verfahren ja noch läuft. Es sind schwere Straftaten – und trotzdem stellen die Dinge, die angeklagt sind, nur einen kleinen Teil der gesamten Gewalt dar. Ich warte seit über einem Jahr auf einen Gerichtstermin. Ich glaube nicht, dass eine Haftstrafe etwas an seiner Einstellung ändern würde. Aber es würde mir sicher besser gehen, wenn ich wenigstens einige Jahre nicht in Angst leben müsste. Vom Strafprozess erhoffe ich mir ausserdem, dass ich Teil einer Statistik werde. Ich habe mir die Gewaltstatistiken früher ab und an angeschaut und mir immer gedacht: ‹Was sagt das schon aus? Ich stehe da ja auch nicht drauf.› Vielleicht geht es mir besser, wenn mein Fall auf dem Papier existiert, wenn ich die juristische, offizielle Anerkennung bekomme, dass das, was ich erlebt habe, wirklich Gewalt war, dass es nicht in Ordnung war und irgendwelche Konsequenzen hat.»

* Name geändert 16

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«Er hatte mir oft verboten, das Haus zu verlassen. Wenn ich weg war, musste ich immer erreichbar sein.» LOUISE

Louise erhofft sich durch ein Gerichtsurteil eine offizielle Anerkennung all dessen, was sie durchmachen musste.

Hintergründe im Podcast: Autorin Natalia Widla ist bei Radiojournalist Simon Berginz zu Gast. surprise.ngo/talk

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«Drohnen flogen wie Tauben» Ukraine-Krieg Noch sechs Millionen Ukrainer*innen leben in den

von Russland besetzten Gebieten. Wer sich in Sicherheit bringen will, muss eine beschwerliche Reise auf sich nehmen. TEXT EMILIA SULEK

FOTOS STAS KOZLIUK

BELARUS

Domanowe UKRAINE

«Borschtsch, Erbsen- oder Pilzsuppe?», fragt Tetiana Naumuk die Personen, die neu ankommen. Sie stehen in einer winzigen Suppenküche in einem Container an der Grenze zu Belarus. Alle sagen «Borschtsch» und wählen den ukrainischen Randeneintopf. Ringsum raschelt der Wald, Raben krächzen. Wir befinden uns im einzigen humanitären Korridor zwischen der Ukraine und Belarus, in Domanowe. Vor 2022 gab es hier einen ganz normalen Grenzübergang, einen von zwölf entlang der 1084 Kilo­meter langen Grenze. Heute sind sie alle geschlossen. Auch hier ist der Zugang zur Grenze durch Betonblöcke versperrt, Nagelsperren liegen auf dem Asphalt. Man kann trotzdem durch, nur zu Fuss und nur in eine Richtung: in die Ukraine. Der Weg ist ausschliesslich für ukrainische Staatsbürger*innen offen, es kommen vor allem solche aus den von Russland besetzten Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Wer vor dem Krieg flieht oder Verwandte in einer anderen Region der Ukraine besuchen will, muss den Umweg über Russland und Belarus machen. Einen direkten Weg gibt es nicht, dazwischen liegt die Frontlinie. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 gab es mehrere Orte wie diesen, über den sich Zivilist*innen aus den besetzten Gebieten in Sicherheit bringen konnten. Im August 2024 jedoch schloss der letzte humanitäre Korridor zwischen der Ukraine und Russland in der Oblast Sumy in der Nordost-Ukraine. Seitdem führt der kürzeste Landweg 18

durch Belarus. Mehrere Dutzend Menschen überqueren täglich die Grenze, im September waren es 1452. Tetiana Naumuk, eine Freiwillige, die in einem benachbarten Dorf lebt, ist jeden Tag hier. Sie leitet die kleine Suppenküche, wo sich die Menschen nach einer langen Reise etwas stärken können. «Manchmal schenke ich sogar nach Mitternacht noch Suppe aus.» Zwischen der Suppenküche und der eigen­tlichen Landesgrenze liegen 800 Meter. Auf dem Weg dorthin befinden sich Posten der ukrainischen Grenzkontrolle. Nach der Grenzlinie folgen weitere 800 Meter bis zu dem Grenzposten im Dorf Mokrany auf der belarussischen Seite. Eigentlich ziemlich nahe, aber es gibt keinen Informationsaustausch zwischen diesen beiden Seiten. Diejenigen, die die ukrainische Seite erreichen, werden von den dortigen Soldat*innen gefragt, wie viele Menschen wohl noch unterwegs sind. Die Schwächsten holen die ukrainischen Soldat*innen mit einem kleinen Elektro­ fahrzeug ab. Auf der belarussischen Seite müssen sie den Weg zur Landesgrenze zu Fuss zurücklegen. Zwei Tage und neun Stunden Diese 1,6 Kilometer durch den Wald könnte man zu Fuss locker in einer halben Stunde schaffen. Doch für viele fühlt sich das wie die längste Strecke ihres Lebens an. Auch für ihre Angehörigen, die auf der ukrainischen Seite warten, zieht sich die Zeit endlos hin. Switlana Taraskina kam aus Poltawa in der Zentralukraine. Seit drei Stunden steht sie auf der Strasse und starrt auf den Wald,

1 1 Walentina Topalo hat 2200 Kilometer zurückgelegt, um aus den besetzten Gebieten zu ihren Verwandten zu gelangen. 2 Hinter der Absperrung stehen Autos von Ukrainer*innen, die gekommen sind, um ihre Angehörigen abzuholen. Surprise 616/25


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der hinter Stacheldraht und Betonbarrieren verschwindet. Heute solle ihre Mutter, Walentina Topalo, angekommen sein. Fast vier Jahre haben sie sich nicht gesehen. «Ist das bereits die Ukraine?», fragt die 78-jährige Topalo verzweifelt, als sie endlich durch die Kontrolle kommt. Noch nie ist sie so weit gereist. Sie erkennt kaum ihre Tochter, auch nicht ihren Schwiegersohn, der ihr eine rote Rose überreicht. Bis vor drei Tagen lebte Topalo noch in Wolnowacha, einer Kleinstadt in der Oblast Donezk, im Osten der Ukraine. Im Jahr 2021 hatte die Stadt etwa 21 441 Einwohner*innen, heute sind es schätzungsweise noch um die 13 000. Wolnowacha wurde bereits im März 2022 von den russischen Truppen eingenommen. «Mama hat lange darauf beharrt, nirgendwohin zu gehen», erzählt die Tochter. «Sie sagte: Ich warte, bis unsere Jungs uns befreien.» Schliesslich konnte sie ihre Mutter überzeugen. Einfach war es aber nicht, denn: «Alle Telefonate in Donezk werden von den Russen abgehört, das ganze Internet ist unter russischer Kontrolle.» Doch schliesslich goss Topalo das letzte Mal ihre Geranien und schloss die Tür hinter sich. Ein sogenannter Kurier brachte sie bis zur belarussischen Grenze. 30 000 Rubel verlangte er dafür, umgerechnet 308 Franken. Das ist das Dreifache der durchschnittlichen monatlichen Rente in der Ukraine. Sie durfte nur eine Tasche mitnehmen, darin ein paar Erinnerungsstücke, ein Pullover und ein Blutdruckmessgerät. «Wir werden nie zurückkehren», sagt Taraskina, die noch vor kurzem eine Wohnung in Wolnowacha hatte. Das Eigentum der Ukrainer*innen, die aus den besetzten Gebieten ausgereist sind oder keine russische Staatsbürgerschaft angenommen haben, wurde von Russland systematisch beschlagnahmt. «Sie haben uns enteignet. Es wäre besser, wenn eine Rakete unser Haus getroffen hätte.» Die drei quetschen sich ins Auto. «Hauptsache, sind wir endlich zusammen», sagt Taraskina vor der Abfahrt. Ihre Mutter ist seit zwei Tagen und 2200 Kilometern unterwegs. «Mögen wir diesen Krieg gewinnen», sagt sie noch. Der Weg dazu ist lang. Nach Poltawa sind es neun Stunden. «Alte Bäume verpflanzt man nicht» Wer bei Tetiana Naumuk einkehrt, bekommt zunächst etwas Warmes. Dann stellt die Freiwillige Fragen: «Woher kommt ihr?», «wohin wollt ihr?», «nur vorübergehend oder für immer?» Meist

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folgt danach ein Moment der Stille. Naumuk sagt: «Diese Menschen haben ein Haus auf dem Land, hatten einen Garten und ein Feld. Oder eine Wohnung in der Stadt. Ihr ganzes Leben haben sie dort verbracht, alle ihre Erinnerungen sind dort. Und plötzlich müssen sie weg.» Sie seufzt. «Alte Bäume verpflanzt man nicht. Aber die Russen reissen diese mitsamt den Wurzeln heraus.» Der Name der Region Polesien, wo sich der humanitäre Korridor befindet, stammt vom Wort für «Wald», «lis» auf Ukrainisch. Ein Drittel dieser Region, die sich über rund 200 000 Quadratkilometer erstreckt – sie ist mehr als viermal so gross wie die Schweiz – ist dichter Wald. Wenn Naumuk nicht gerade Suppe ausschenkt, sammelt sie dort Pilze. Schilder warnen vor Minen. «Man muss wissen, wo man hintreten muss», sagt sie. «Es ist ein Wunder, dass es bei den Grenz­übertritten nicht zu Unfällen kommt. Aber es ist das letzte Stück bis zur Sicherheit, das macht die Menschen besonders konzentriert.» Das glaubt Naumuk. «Erst nach der Grenze dann kommen die Emotionen hoch: die Wut und die Trauer darüber, dass man alles zurücklassen musste oder dass man selbst wieder zurück muss.» Etwa 60 Prozent der Reisenden kommen nur für kurze Zeit. Es sind Menschen, deren Eltern zu alt oder krank zum Weggehen sind, oder die ihr Haus nicht in russische Hände fallen lassen wollen. Nach der Suppe schickt Naumuk die Leute zu den Containern ringsum. In einem erhält man eine ukrainische SIM-Karte. In einem anderen sitzen Freiwillige, die beim Kauf einer Fahrkarte für die Weiterreise helfen. In dem dritten kann man beim Staat einen Antrag auf finanzielle Hilfe für den neuen Lebensstart stellen: 10 800 Griwna, fast 210 Franken. Man erhält auch eine Bescheinigung für den Grenzübertritt. Die Ukraine stempelt ihre Pässe nicht. Für diejenigen, die in die besetzten Gebiete zurückkehren, stellt jede Spur dieser Reise ein Risiko dar. Daheim Hühner und Enten Olha Dobryn – der Name ist geändert – ruht sich auf einer Bank in der Sonne aus. «Nachdem ich den belarussischen Grenzposten passiert hatte, bin ich praktisch durch den Wald gerannt.» Ihre Gefühle könne sie kaum beschreiben. Einerseits Erschöpfung nach der dreitägigen Reise, andererseits Erleichterung und Freude. Ihre Kinder wohnen in Charkiw, seit Weih20

nachten 2021 hat sie sie nicht gesehen. Das Dorf, aus dem sie kommt, heisst Nowooleksandriwka und liegt in der Oblast Luhansk, in besetzten Gebieten. «Von dort bis Charkiw sind es nur 208 Kilometer, aber ich mache hier eine Weltreise», sagt sie. Sie fuhr mit dem Zug nach Minsk, in die Hauptstadt von Belarus, dann nach Brest, von dort mit dem Taxi nach Mokrany, den Rest ging sie zu Fuss. Insgesamt etwa 1800 Kilometer. Bald steigt sie in einen Kleinbus und fährt nach Kowel, der nächsten Stadt. Dort wird sie den Zug nehmen. Noch einmal tausend Kilometer. Am liebsten würde Dobryn in Charkiw bleiben. Ihr Mann und die Schwiegereltern sind aber noch im Dorf. «Ich lasse sie nicht im Stich», sagt sie. «Ich werde mit meinen Enkelkindern spielen, die Freiheit genies­ sen und dann zurückkehren.» Deshalb will sie ihren richtigen Namen nicht nennen und darf nicht fotografiert werden. «Die Russen dürfen nicht erfahren, dass ich hier bin.» Daheim hat Dobryn einen Garten mit Hühnern und Enten. Damit können sie überleben. Auf den Feldern wächst nichts mehr, sie sind vermint, und es herrscht Dürre. Im Jahr 2021 hatte Nowooleksandriwka etwa 1531 Einwohner*innen, heute nur noch die Hälfte. Wer konnte, ist geflohen. Auch Dobryn versuchte früher mal, gemeinsam mit ihrem Mann zu fliehen. Wer aus den besetzten Gebieten nach Russland

3 Petro Bezruk wartet in einem Haus von Freiwilligen auf eine ukrainische SIM-Karte. Hinter ihm eine Karte der Ukraine mit der besetzten Krim. 4 Noch 800 Kilometer trennen Ljubow und Petro Bezruk von der Stadt, in der Ljubows Schwester lebt. 5 Tetiana Naumuk ist eine der ersten, die Ukrainer*innen aus den besetzten Gebieten mit heissem Borschtsch empfängt.


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ausreisen will, muss aber erstmal ein sogenanntes Filtrationslager passieren. «Die Russen haben meinen Mann verhört, geschlagen, bedroht. Er ist 58, im besten Alter für die Armee. Sie meinten, er wolle für die Ukraine kämpfen gehen.» Ihre Telefone wurden ebenfalls gescannt. Dobryn: «Die Russen können längst gelöschte Inhalte wiederherstellen. Für einen antirussischen Kommentar und ein Zeichen ukrainischer Loyalität kann man gefoltert oder auch erschossen werden.» Diesmal reiste Dobryn alleine. An der russischen Grenze sagte sie, sie wolle sich in Belarus medizinisch behandeln lassen, also liessen sie sie durch. Ihre grösste Angst ist jetzt, dass Russland sie nicht zurückkehren lässt. Ukrainer*innen in den besetzten Gebieten, die die russische Staatsbürgerschaft verweigern – die anzunehmen seit Oktober 2025 Pflicht ist –, werden nach Russland deportiert. Was dort passiert, weiss niemand. Dobryn hat zwar inzwischen einen russischen Pass, trotzdem hat sie Angst. «Dieser Pass ekelt mich an», sagt sie. Ihr russischer Pass ist aber auch Mittel zum Überleben und Dokument für den Fluchtweg. Ihre Rückreise in die besetzten Gebiete wird jedoch länger dauern: Denn von der Ukraine nach Belarus einzureisen geht gar nicht, die Grenze ist geschlossen. Dobryn wird also erst nach Polen reisen müssen, um von dort nach Belarus zu kommen. Dies wird sie mit ihrem ukrainischen Pass machen. Sie wird ihn auch an der belarussischen Grenze zeigen und dann irgendwo gut verstecken, bis zum nächsten Mal. Mit Borschtsch gegen die Sorgen Wie Ljubow und Petro Bezruk den Weg durch den Wald geschafft haben, lässt sich kaum erklären. Er ist 84, selbst mit Krücken kann er kaum laufen. Sie, 79, sitzt im Rollstuhl. Ihr Haus ist in Oleschky, einer Stadt in der Oblast Cherson am Dnepr in der Südukraine. 2021 hatte sie 24 383 Einwohner*innen, neuere Zahlen gibt es nicht. Bereits in den ersten Tagen der grossangelegten Invasion fiel Oleschky unter russische Besatzung. Bezruk starrt leer vor sich hin. Seit zwei Tagen hat er nichts gegessen. «Essen Sie doch was, ein Borschtsch hilft gegen alle Sorgen», drängt ihn Naumuk in der Suppenküche. Ljubows Hände zittern vor Aufregung, es fällt ihr schwer, den Löffel zu halten. «Furchtbar, furchtbar», wiederholt sie

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leise, als könne sie nicht aus ihrem Albtraum erwachen. Oleschky habe aus­gestorben gewirkt, die Menschen würden die Strassen meiden. «Immer wenn in der Nähe eine Rakete einschlug, dachten wir, dass unser Gebäude wie ein Kartenhaus zusammenfällt», erzählt Ljubow Bezruk. «Drohnen flogen wie Tauben. Wenn eine Drohne fiel und der Wind wehte, brannten ganze Stadtviertel.» Am schlimmsten sei der Winter. Es gebe kein Gas, kein Wasser, keinen Strom. «Wir würden keinen weiteren Winter dort überleben», sagt Ljubow. Deshalb beschloss das Ehepaar zu fliehen. Die ukrainischen Staatsbürger*innen in den besetzten Gebieten erhalten weiterhin ihre Renten. Nun kommen sie unter der russischen Besatzung aber nicht an die ukrainischen Bankkonten ran. Ljubow Bezruk: «Wir mieten uns jetzt ein Zimmer in Kropywnytzkyj und werden dort unseren Lebensabend verbringen.» Dort, in der Zentralukraine, lebt ihre Schwester. Von Oleschky in der Luftlinie sind das 200 Kilometer. Die Bezruks haben bereits 2500 Kilometer zurückgelegt und sind seit vier Tagen unterwegs. Bis zum Ziel bleiben noch 800. Niemand wartet auf sie an der Grenze. Niemand ausser den Freiwilligen. Mit einem Kleinbus fahren sie die Bezruks nach Kowel. Dort, in der orthodoxen Gemeinde, kauft der Pfarrer für sie Fahrkarten für den weiteren Weg. Petro schläft ein. Ljubow hält lieber Wache; in ihrer Tasche hat sie alle Dokumente, darunter die Eigentums­ urkunde für das Haus. Auch ihr Haus wird von Russland verstaatlicht werden. Noch in derselben Nacht brechen sie wieder auf. «Trinken Sie etwas Warmes, Sie zittern ja», sagt Tetiana Naumuk zu einer neu ankommenden 92-jährigen Frau, der ältesten, die heute die Grenze überquert hat. «Ist Ihnen kalt?» «Nein, ich glaube, es ist die Freude», antwortet die Frau.

Die Reportage entstand mit finanzieller Unterstützung durch das europäische journalistische Netzwerk N-OST. 21


Wohlfühlthema Migration Medien Seit 17 Staffeln begleitet SRF mit «Auf und davon» Menschen,

die auswandern – und tut dabei so, als wäre Migration vor allem eine Sache von Mut, Leidenschaft und Selbstverwirklichung KOMMENTAR LEA STUBER

Waren Sie auch dabei, im Januar vor einem Jahr, als Sabina Kilchenmann und Patrick Lo Giudice nach Sizilien auswanderten? Als Familie Alvarado nach Ecuador migrierte? Und als Bauernfamilie Steinmann nach Kanada ging? Hören Sie sie schon, die sanfte Stimme aus dem Off, die uns erklärt: «Doch die Steinmanns wandern nicht wegen Not und Armut aus, die Schweiz bietet ihnen schlichtweg zu wenig Platz für ihre Ideen»? Wir hörten Dinge wie: «Manchmal muss man einfach etwas wagen, und das machen wir jetzt» (Sabina Kilchenmann) oder: «Das ist das Schöne, wir sind nicht am Fliehen, wir gehen nach Ecuador, weil wir da andere Chancen sehen» (Leo Alvarado). Pro Folge schauten 670 000 Menschen die sechzehnte Staffel von «Auf und davon», ein SRF-Spitzenwert. Keine SRF-Dok-Serie hat mehr Staffeln («SRF bi de Lüt – Hüttengeschichten» schafft es auf vierzehn). Migration mögen viele nicht – Parteien vom rechten Rand bis zur Mitte äus­ sern sich immer migrationsfeindlicher –, im Unter­ haltungsfernsehen wollen sie jedoch alle. Der entscheidende Unterschied: Hier geht es nicht um Zu-, sondern um Auswanderung. Unsere Sehnsüchte Die siebzehnte Staffel startet am 2. Januar, es geht nach Frankreich, in die USA und nach Costa Rica. Sibylle Luisi und Thomas Neyerlin wollen in ihrem «Lieblingsland» einen Campingplatz kaufen, Mirjam und Marc Dunkel ziehen auf eine Ranch, und Familie Burkhalter will Gästebungalows bauen. Sie sagen: «Wir lassen das alles zurück, um uns in ein neues Abenteuer zu stürzen» (Mirjam Dunkel), «Wir wollen ein bisschen einfacher leben» (Michel Burkhalter), «Wir wollen nochmals was Neues machen (…), wo man sich noch ein bisschen verwirklichen kann» (Sibylle Luisi). Jahr um Jahr wiederholen sich die wohligen Sätze. Die Menschen, die wir sehen, verwirklichen Träume – wie Mirjam Dunkel, die seit zwanzig Jahren von einem Leben mit ihren Pferden in den USA träumt –, sie sind leidenschaftlich, mutig und riskieren etwas. Es sind Geschichten von Veränderung, Neuanfang und von Selbstverwirklichung. Wem schwebt das insgeheim nicht selbst vor? Zumindest eines Tages vielleicht? 22

In der Welt von «Auf und davon» ist Auswandern und damit Migration ein Versprechen. Ist dir dein Leben in der Schweiz nicht genug? Dann suche dir einen Ort auf der Welt, wo es wärmer/grösser/weniger stressig ist, und ziehe los. Hier magst du Probleme haben, Sorgen oder Unzufriedenheiten – dort wird alles anders. Solche Sehnsüchte holt «Auf und davon» ab (und manchen geht es vielleicht nur um die Selbstvergewisserung: das Glück, hier ein sicheres, geregeltes Leben zu haben und dies nicht tun müssen, nochmals von vorne beginnen). Die richtigen Voraussetzungen Mirjam Dunkel hat Geld in einer Eventfirma angelegt, deshalb erhält sie ein Investorenvisum für die USA. Bei «Auf und davon» muss sich niemand damit herumschlagen, dass ein Diplom oder ein Abschluss nicht anerkannt würde. Hier bringen alle die richtigen Voraussetzungen mit: den Schweizer Pass, Geld, Bildung, auch Erfahrung und Ideen. Und die Rückkehr, sie bleibt eine Option. Das Weggehen ist ein Wollen, kein Müssen. Über 300 Millionen Menschen lebten 2024 in Ländern, in denen sie nicht geboren wurden. «Auf und davon» zeigt nur einen winzigen Teil davon, sozusagen die Vorzeige-Migration, die nicht wehtut, die nicht Gewissheiten infrage stellt, auch lieber nicht die eigene Mitverantwortung für die aktuelle Politik. Bei «Auf und davon» wirken alle Hindernisse von persönlicher Art. Etwa wenn die Katze von Familie Burkhalter nicht einreisen darf. Was genau das Problem ist, verstehen

«Wir wollen ein bisschen einfacher leben.» MICHEL BURKHALTER


auch die Burkhalters nicht; irgendwie haben sie nicht die richtigen Papiere dabei. Michel Burkhalter muss mit der Katze zurück in die Schweiz fliegen und lässt bei notfallmässig vereinbarten Terminen im Tierspital und beim Kantonstierarzt alle infrage kommenden Dokumente ausstellen. Beim zweiten Einreiseversuch dann werden die Papiere nicht einmal angeschaut. Solche Episoden werden nicht thematisiert als Teil eines Systems und einer Politik, die migrierende Menschen (und Tiere) willkürlich und ungleich behandeln – je nach Pass und finanziellen Mitteln. Manche werden kontrolliert und eingeschränkt, andere erhalten Vorzugsbehandlungen wie tiefe Steuern. Erst recht privilegiert sind die «Auf und davon»-Auswander*innen in jenen Ländern, wo sie zwar als Immigrant*innen ankommen, ihnen dieses Label aber gar nicht zugeschrieben wird. Sie werden nicht als «Fremde» angeschaut, die den Menschen etwas wegnehmen könnten. Die Erzählung einer Bedrohung funktioniert halt weniger gut, wenn die Menschen mit Plänen und Projekten anreisen. Und dank der ökonomischen Situation in diesen Ländern mit tieferen Lebenshaltungskosten können sich die Schweizer*innen in Costa Rica dann ein Stück Land kaufen, das sie sich in der Schweiz so wahrscheinlich gar nicht leisten könnten. Kommt hinzu: Die «Auf und davon»-Auswander*innen sind weisse Menschen, sie haben in Costa Rica, aber auch in Frankreich oder den USA keinen Rassismus zu fürchten, keine Ausgrenzung und Abwertung deswegen. Wie gut sie sich «integrieren», wie wir das von Menschen, die in die Schweiz kommen, erwarten, lässt «Auf und davon» offen. Selbst wenn sie – wie die Burkhalters in Costa Rica – die Sprache kaum sprechen. Gerade zu den USA gäbe es im Moment viel zu sagen, wo ein Präsident die Einwanderungsbehörde ICE Migrant*innen aufsuchen und ausschaffen lässt und er am liebsten keine Migrant*innen mehr ins Land lassen würde, schon gar nicht aus «Ländern der Dritten Welt». Zwei Schweizer*innen mit Geld sind jedoch willkommen. Ungleichheiten und Gleichzeitigkeiten Auch andere emigrieren aus der Schweiz, nicht nur der Typ «Auf und davon»-Auswanderer. Ehemals Geflüchtete, die nach Kriegsende und nach Jahrzehnten in der Schweiz zurückkehren. Arbeitsmigrant*innen, die ihr Leben lang viel gearbeitet haben und im Alter wieder in ihrem Herkunftsland leben wollen. Expats, die weiterziehen. Andere müssen hingegen weggehen. Abgewiesene Asylsuchende, die von selbst gehen oder unter Zwang ausgeschafft werden. Es gibt auch Menschen, die würden die Schweiz gerne verlassen – und sei es nur kurzfristig, für einen Besuch bei der kranken Mutter zum Beispiel –, können aber nicht, weil ihr Aufenthaltsstatus ihnen das nicht erlaubt.

«Manchmal muss man einfach etwas wagen, und das machen wir jetzt.» SABINA KILCHENMANN

Ohne ihre Privilegien würden die Burkhalters, Dunkels und Luisi/Neyerlin in ihrer neuen Heimat vielleicht eher als Care-Migrant*innen eine Person betreuen, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft arbeiten. Das Weggehen wäre dann ein Müssen, kein Wollen. Und würden sie nicht aus einem EU-/EFTA-Land kommen, sondern aus einem sogenannten Drittstaat, wären die Hürden, in einem euro­ päischen Land eine Arbeitsbewilligung zu bekommen, sehr hoch. Ohne diese hätten sie noch die Option, als Sans-Papiers schwarz zu arbeiten. Abenteuer und Selbstverwirklichung als Motive einer Auswanderung machen wohl in der gesamten weltweiten Migration einen nebensächlichen Teil aus. Wer auswandert, weil er kaum überleben kann, wird nicht von Abenteuer und Selbstverwirklichung getrieben. Sondern von dem Wunsch nach einem besseren Einkommen – oder überhaupt einem. Auf der einen Seite also die privilegierten Auswander*innen aus einer Wohlstandsgesellschaft, die sich (noch mehr) verwirklichen wollen. Auf der anderen Seite Arbeitsmigrant*innen, die der Armut entkommen wollen und eine Perspektive sowie sozio-ökonomische Stabilität suchen. Diese Ungleichheiten und Gleichzeitigkeiten werden bei «Auf und davon» ausgeklammert. «Auf und davon» auf Albanisch? Dass SRF Migration als Wohlfühlthema verkaufen kann und alle zuschauen, funktioniert auch nur deshalb, weil nicht «zu viele» auswandern – wie es beispielsweise im Balkan geschieht. Viele gut ausgebildete Menschen wandern ab und bringen die Länder wegen des Fachkräftemangels in Schwierigkeiten, während die reicheren Zuwanderungsländer profitieren. Ende November hielt ein Bericht des Staatssekretariats für Migration fest: Die Zuwanderung ist für den Wohlstand und die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz von «grundlegender Bedeutung». Man stelle sich vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen von Albanien produziert eine Sendung wie «Auf und davon». Die Voraussetzungen wären ganz anders.

«Auf und davon», Staffel 17, läuft ab Freitag, 2. Januar 2026, 21 Uhr, auf SRF 1. 23


Von der Sehnsucht, am Leben teilzuhaben Kunst Das open art museum in St. Gallen zeigt Werke von Patient*innen der Universitären

Psychiatrischen Kliniken Basel. Es sind Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensthemen und genauso mit der Aussenwelt. TEXT DIANA FREI

Auf den Bildern von E. W., geboren 1934, ist die Signatur, die ihren vollständigen Namen zeigt, mit einem schwarzen Balken überklebt. Etwas klobig sieht das aus, und das ist genau auch die Absicht der Kuratorinnen Monika Jagfeld und Isabelle Zürcher, um explizit auf die Frage der Urheberschaft hinzuweisen: Die Nachkommen wollten den Namen nicht veröffentlicht haben. Aber was fangen wir nun mit diesem Persönlichkeitsschutz an? Wer schützt hier wen vor was? Die Anonymisierung ist das gute Recht der Nachkommen, und doch bleibt das Gefühl zurück: Es wird über die Urheberin verfügt, indem ihr Name getilgt wird, obwohl sie selber ihre Urheberschaft einst klar ausgezeichnet hatte. Gleichzeitig bleibt offen, für wen die Zeichnungen gedacht waren – einzig für den Kosmos innerhalb der Klinikmauern oder auch für ein Publikum ausserhalb? Jedenfalls sind genau diese beiden Welten und die Schwelle zwischen Drinnen und Draussen immer wieder Motiv in diesen Zeichnungen. E. W. bildete geradezu systematisch Habseligkeiten aus ihrem früheren Leben ab, Gegenstände, die sie in einer anderen Welt zurücklassen musste, als sie zur Patien­tin wurde: Schuhe, Krawatten, eine Kinderlocke, Orangen, die der Vater gegessen hatte, Nachthemden an einer Stange. Die Bilder haben Untertitel: «Stoff zu einem Sommerkleid» oder «Ein Traum von einem Ballkleid». Und wie letzteres lautet auch der Titel dieser Ausstellung, der eine Sehnsucht ausdrückt nach einem früheren Leben, nach erinnerten gesellschaftlichen Situa­tionen und sozialen Rollen, nach Gelegenheiten, ein Ballkleid zu tragen, oder Kinderlocken in Schachteln zu legen. Die Bilder, die zurzeit im open art museum in St. Gallen zu sehen sind, wurden letztes Jahr zuerst in den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel gezeigt. Dort sind sie in den Jahren 1960 bis 1990 auch entstanden: Es sind Werke von Patient*innen, die im klinikeigenen Bilderlager – unter rund 5000 24

Arbeiten insgesamt – aufbewahrt werden. In den 1950er-Jahren kam in der Psychiatrie die Beschäftigungstherapie auf, die Patient*innen malten um des Ausdrucks willen oder zur Ablenkung, teils wurden die Werke diagnostisch ausgewertet. Dass die Zeichnungen und Gemälde in den UPK aufbewahrt werden, lässt darauf schliessen, dass durchaus auch ihr künstlerischer Wert anerkannt wurde. Die Ausstellung ausserhalb der Klinik im open art museum legt eine zusätzliche Aufmerksamkeit auf die künstlerischen Aspekte. Das Museum ist auf Outsider Art, Art Brut und Naive Kunst spezialisiert – Kunst also, die ausserhalb des etablierten Kunstbetriebs entstanden ist. Hier erzählen die Werke nun vom Leben, Wirken und Denken in der oft sehr abgeschlossenen Welt der Psychiatrie. Innere Dämonen und gesellschaftlicher Druck Auch in den viel zu hoch gehängten Fenstern der Räume, die Vera Geigy gezeichnet hat, steckt vielleicht die Sehnsucht, an einem normalen Leben teilzuhaben – und die Einsicht, den Zugang dazu nicht mehr zu haben. In seltsam verzogenen Interieurs kleben winzige Figuren, flächige, leere Körperchen, auf ihren Stühlen. Geigy erzählt vom Leben in der Klinik, ihre Zeichnungen ergeben in der Abfolge fast eine comichafte Bildergeschichte über ein reduziertes Dasein. Die Grössenverhältnisse sind verzerrt und vielleicht ist auch die eigene Verortung in der Welt ein bisschen verrutscht. Auch bei Abraham Siegelbaum-Soberski wird ein ganz eigenes Verhältnis zur Aussenwelt sichtbar. Siegelbaum bannte in seinen Zeichnungen mit hebräischen Aufschriften geheime Botschaften für den Weltfrieden auf Papier, wie den Krankenakten entnommen werden konnte. Die Beschäftigung mit der Welt scheint gerade bei ihnen, die im Klinikaufenthalt von ihr abgekoppelt sind, besonders stark zu sein. Surprise 616/25

BILD (1): UPK BASEL KUNSTARCHIV, BILD (2): UPK BASEL KUNSTARCHIV, SCHENKUNG BENNY SCHWEIZER, BILD (3): OPEN ART MUSEUM, STIFTUNG FÜR SCHWEIZERISCHE NAIVE KUNST UND ART BRUT, ST. GALLEN, SAMMLUNG FELIX FEIGENWINTER

Vera Geigy erzählt in ihren Bildern vom Leben in der Klinik, von einem reduzierten Dasein. Dieses namenlose Bild malte sie 1937.


Die 2013 verstorbene Béatrice Schweizer träumte davon, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein. Dieses Bild mit dem Titel «5’ nach Pertranquil / bewegt sich» zeichnete sie mit Kugelschreiber.

Die Schriftstellerin Adelheid Duvanel (1936–1996) war auch eine talentierte bildende Künstlerin. Dieses Bild ohne Titel malte sie mit Kreide auf Karton.

So fragt auch die Basler Schauspielerin und Zeichnerin Béatrice Schweizer ihren Therapeuten im Fernsehfilm «Selbstbildnis Béatrice S.», ob nicht eher an einer Geisteskrankheit leide, wer nach den Nachrichten über die «Schlächtereien in dieser Welt» noch normal bleibe. Sie jedenfalls habe einen Traum, wie sie im Film sagt: «Menschen, die füreinander da sind. Eine Gemeinschaft, in der man aufgehoben ist.» Bei der Psychiatriepatientin wird daraufhin ein «Zug ins Utopische» diagnostiziert. Das eineinhalbstündige Fernsehspiel von Radio Bremen (1973/74) basiert auf Texten von Schweizer selber, aber fiktionalisiert ihre Person. Diese Filmfigur – eine alkoholkranke und depressive Schauspielerin – wird wiederum von ihr selber gespielt. Das ist ein ziemlich wildes Konstrukt auf der Metaebene, das man sich im heutigen Fernsehen kaum mehr vorstellen kann. Der gesellschaftliche Rahmen der Alkoholsucht ist dabei stark mitgedacht und mitinszeniert. Das deutsche Fernsehspiel spielt in den Basler Altstadtgassen, in Schweizers Heimatstadt, und die Fasnachtsmasken werden dabei zu Bildern ihrer inneren Dämonen. Oder auch des gesellschaftlichen Drucks. Der fremden, verurteilenden Blicke der anderen. Béatrice Schweizer war auch bildende Künstlerin – in der Psychiatrie verwendete sie die Blätter mit den Aufzeichnungen ihrer eigenen Hirnströme als Zeichenpapier. Die Tuschezeichnungen nehmen die Linien der EEG-Messungen auf und transformieren sie allmählich in dämonische Figuren. Die Bedrohung bricht ins Bild ein Den Zeichnungen und Gemälden von Adelheid Duvanel – die vor allem als Schriftstellerin bekannt ist – ist eine eigene Einzelausstellung gewidmet. Auch sie war Psychiatriepatientin in Basel, und mit Béatrice Schweizer verband sie ein künstlerischer Austausch. Duvanel widmete sich in ihren frühen Zeichnungen der Surprise 616/25

1950er-Jahre Menschen am Rand der Gesellschaft, fragilen Frauen­figuren und geflüchteten Kindern nach dem Ungarnaufstand 1956. Auch surreale Szenen sind dabei, die Motive kreisen um existenzielle Themen wie Mutter und Kind, Angst und Bedrohung, Einsamkeit und Verlust. Immer wieder setzt sich Duvanel auch mit patriarchalen Strukturen auseinander. Nach einer längeren Schaffenspause begann sie 1980 in der sicheren Umgebung der psychiatrischen Klinik in Basel erneut zu zeichnen und zu malen. Dem voraus ging die Trennung von ihrem Mann, dem Maler Joseph Duvanel. Er hatte ihr das Malen verboten. Albtraumhafte Motive ziehen sich durch Adelheid Duvanels Werk, oft steht ein Gefühl der Verlassenheit im Zentrum. Sie selber fühlte sich ein Leben lang als Aussenseiterin, und ihre Tochter entglitt ihr in die Drogen. In den grossformatigen Acrylgemälden bricht die Bedrohung förmlich durch den Bildrahmen ins Innere durch. Duvanels Kunst ist in ihren späten Jahren der Aufarbeitung ihrer Lebensthemen offensichtlich comichaft und plakativer als früher. Die 1950er-Jahre mit ihren rigiden Normvorstellungen hatten sie geprägt, sie war katholisch aufgewachsen, aus dem Grossbürgertum kommend und doch damit fremdelnd. Die Bilder zeigen nun groteske Pfarrerfiguren und christliche Ikonographie und wirken dabei albtraumhaft. Es sind Gemälde, die von fehlendem Schutz erzählen.

«Ein Traum von einem Ballkleid. Werke aus den Universitären Psychiatrischen Kliniken», bis 22. Feb. und «Adelheid Duvanel», bis 18. Okt., Open art museum, Davidstrasse 44, St. Gallen. openartmuseum.ch 25


BILD(1): MOHAMED YAGHI, BILD(2): CHRISTIAN VOGT

Veranstaltungen Bern «Norient Festival», Musik- und Kunstfestival, Do, 15. bis Sa, 17. Jan., verschiedene Spielorte. norient-festival.com

«The World Through Sound and Image», die Welt via Ton und Bild, heisst das Norient im Untertitel. Das bringt den Geist dieses hybriden Festivals ganz gut auf den Punkt. Es stellt Klangexperimente und Musik ins Zentrum, interessiert sich dabei aber konsequent für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge und integriert auch Filme an der Schnittstelle von Kunst und Experiment. Drei Tage lang führt das Programm vom Persönlichen zum Geopolitischen – von Gaza nach Delhi, vom Schweizer Jodeln zum westafrikanischen Trommeln, von Sufi-Poesie zu Protestgesängen, von indischer Klassik zu basslastigen Clubnächten und bis zu Wildschweinen, die sich im Dickicht verstecken. Die Fragen, die unter all dem liegen: Wie stellen wir uns die Welt der Zukunft vor? Wie leben, denken und navigieren wir Unterschiede und Konflikte? Klang-Communities feiern das Zuhören als Aktivismus und als Form des Widerstands. So hört etwa Mohamed Yagh im 43-minütigen Film «Gaza Sound Man» unermüdlich der Zerstörung zu und schafft akustische Zeugnisse davon. DIF

Basel «Kala Chakra», Tanz- und Musiktheater, Mi, 7. Jan., 19.30 Uhr und Sa, 10. Jan., 17 Uhr, Theater Basel, Kleine Bühne, Theaterstrasse 7. Weitere Vorstellungen: Sa, 9. und So, 10. Mai, Neues Theater Dornach, Sa, 21. Nov., Calvinhaus Allschwil. theater-basel.ch In «Kala Chakra» verweben sich Tanz, Musik, mythologische und biografische Erzählungen – es ist eine Reise durch Zeit, Raum und Identität. Und eine Einladung, Kunst über Generationen und Kulturen hinweg gemeinsam zu erleben und zu feiern. Denn die schweizerisch-indische Familie Keshava Jenny aus Basel widmet sich seit 50 Jahren der indischen Tanzkunst: 1976 legten Esther Jenny und Vidwan D. Keshava den Grundstein für ihr Tanz- und YogaInstitut Kalasri – es wurde zum Ausgangspunkt zahlreicher klassischer und moderner indischer Tanzproduktionen. Unterdessen führen die Töchter Anjali und Sumitra Keshava die Arbeit der Eltern fort. Für ihr künstlerisches Schaf-

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fen und ihr kulturelles Engagement erhielten sie 2024 den Kulturpreis Baselland in der Sparte Tanz. «Kala Chakra» – zu deutsch «Rad der Zeit» – heisst nun die Jubiläumsproduktion. Im Foyer Public des Theater Basel ist dazu vom 7. bis 20. Jan die Ausstellung «50 Jahre Kalasri – eine schweizerisch-indische Tanzgeschichte» zu sehen. Am So, 18. Jan. sind die Keshava Jennys von 12 bis 15 Uhr vor Ort, und von 11 bis 11.40 Uhr findet ein Kindertanzworkshop statt. DIF

Bern «artlinkDEBATES #2–#4», Jan. bis Mai, jeweils 19.30 Uhr, Aula Progr Bern, Waisenhausplatz 30, Do, 22. Jan., Do, 12. März und Do, 28. Mai. Kostenlos und rollstuhlgängig, Anmeldung nötig, online unter «Debates». artlink.ch Artlink verbindet Kultur, Kunst und Menschen über Kontinente hinweg, regt Debatten an und schafft Räume für Reflexion. In einer aktuellen Gesprächsreihe geht es um Fragen der Relevanz, dem Handlungsfeld und dem Wert der Kultur in einer Welt, die gerade aus den Fugen gerät: Warum ist die Kultur wichtig für eine Gesellschaft? Und wie können wir ihr Potenzial stärken (darüber zu berichten ist übrigens auch nötig)? Bei den «artlinkDEBATES» bringen jeweils drei bis vier geladene Gäste ihre Perspektiven ein, und das Publikum redet mit. Im Januar geht es zentral um die Frage: Wer braucht die Kultur? Es diskutieren Michael Kinzer (Direktor Pro Helvetia), Matthias Michel (Ständerat FDP), Fatima Moumouni (Künstlerin und Surprise-Kolumnistin) und Laila Sheikh (Leiterin Haus der Religionen Bern und langjährige Schweizer Diplomatin). Die Kulturwissenschaftlerin und artlink-Geschäftsführerin Rahel Leupin und die Kulturjournalistin Dagmar Walser moderieren. Die Fragen im März und Mai lauten: Wem gehört die Kultur? Respektive: Wie überlebt die Kultur? DIF Zürich «Campobello», Theater, Do, 15. Jan., 20 Uhr, So, 18. Jan., 16 Uhr, Do, 20. Jan., 20 Uhr, Theater Winkelwiese Zürich, Winkelwiese 4. Ab 20. Mai im Schlachthaus Theater Bern. winkelwiese.ch Jedes Jahr versammeln sich in der italienischen Kleinstadt Campobello tausende westafrikanische Saisonarbeiter*innen für die Ernte der grossen grünen Oliven. Obwohl die Arbeiter*innen dringend gebraucht werden, sind sie nicht willkommen. Die Schweizer Theatermacherin Eva-Maria Bertschy, der malische Filmemacher Abou Bakar Sidibé und die sizilianische Schauspielerin Daniela Macaluso untersuchen in «Campobello» gemeinsam die Auswirkungen der ausbeuterischen Verstrickungen, die sich hier zeigen. Es ist ein Stück

über unsichtbare Existenzen, Solidarität und Widerstand angesichts einer unnachgiebigen gesellschaftlichen Ordnung. Eva-Maria Bertschy zählt zu den einflussreichsten Stimmen des gegenwärtigen politischen Theaters. Seit Jahren ist sie mit ihrer dokumentarisch-fiktionalen Arbeitsweise in der internationalen Theaterlandschaft unterwegs. Und ja: Sie hat mit dem Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau zusammengearbeitet und mit ihm die künstlerische Sprache des International Institute of Political Murder (IIPM), seinem Produktionshaus für politische Kunst, entwickelt. Diese langjährige Zusammenarbeit beeinflusste auch ihre eigene Herangehensweise an politisches, dokumentarisches und gesellschaftskritisches Theater, das Realität und Inszenierung verbindet. DIF

Basel «Oliver Ressler: Scenes from the Invention of Democracy», bis 1. März, Di bis So, 11 bis 18 Uhr, So bis 21 Uhr; Panel Talk, Do, 15. Jan., 19 Uhr, Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage. tinguely.ch Die Ausstellung «Scenes from the Invention of Democracy» umfasst vier Videoarbeiten, die zwischen 2009 und 2025 entstanden sind und angesichts der Klimakrise und des weltweit zunehmenden Autoritarismus hoch aktuell sind. Der österreichische Künstler Oliver Ressler arbeitet mit Installationen, Projekten im Aussenraum und Filmen zu Ökonomie, Demokratie, Klimakollaps, Formen des zivilen Ungehorsams und gesellschaftlicher Alternativen. An der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus dokumentiert er in der Rolle des solidarischen Beobachters Aktionen und Proteste. Seine 8-KanalVideoinstallation «What is Democracy?» (2009) zum Beispiel basiert auf Interviews mit Aktivist*innen und politischen Ana­ lyst*innen aus 18 Städten auf der ganzen Welt zur Frage, ob die vorherrschenden Formen der repräsentativen und direkten Demokratie wirklich demokratisch sind? Am Panel Talk «What Is Democracy? 2009–2026» diskutiert Ressler 17 Jahre nach dieser Videoinstallation ebendiese Fragen live mit den damaligen Interviewpartner*innen aus Dänemark, Polen und Ungarn (auf Englisch, freier Eintritt, ohne Anmeldung). DIF

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Was gibt dir Hoffnung?

ANNET TE BOUTELLIER, 59, ist eine freiberufliche Fotografin aus Bern. Das Bild von 2024 ist Teil der Arbeit «Betonierte Sehnsucht» und entstand im spanischen Benidorm. Es zeigt Chewbacca aus «Star Wars», der für Gerechtigkeit und Loyalität kämpft. Die Begegnung des haarigen Riesen mit dem Jungen trifft für die Fotografin einen Nerv: Freundschaft verändert die Galaxis.

An dieser Stelle fragen wir einmal im Monat Schweizer Fotografinnen des Netzwerkes «Purple Eye», was ihnen in Zeiten wie diesen Hoffnung gibt. purple-eye.ch Surprise 616/25

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IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA Das Programm

Wie w ist Ihn ichtig Unabh en Ihre ängigk eit?

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01

xmedia für Kommunikation, Laufenburg

02

Lebensraum Interlaken GmbH

03

TopPharm Apotheke Paradeplatz

04

Stahel & Co. AG, Winterthur

05

Gemeinnützige Frauen Aarau

06

Spoon Thai Kitchen, Zürich

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movaplan GmbH, Baden

08

InoSmart Consulting, Reinach

09

Fonds Heidi Fröhlich

10

WORTIMRAUM AG Bern

11

Hervorragend.ch | Grusskarteenshop

12

Hofstetter Holding AG, Bern

13

COOP Genossenschaft, Basel

14

Atem-Fachschule LIKA, Stilli bei Brugg

15

FairSilk Social Enterprise, www.fairsilk.ch

16

Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich

17

scherrer & partner GmbH, Basel

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Madlen Blösch, Geld & so

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Kaiser Software GmbH, Bern

20

Frauengemeinschaft Altenrhein

21

Appius GmbH, Interims-Management

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Maya Recordings, Oberstammheim

23

altra vista gmbh - Schulberatung

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Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern

25

Breite-Apotheke, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Clara Fasse Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 53 I marketing@surprise.ngo

Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Eine von vielen Geschichten Lange bemühte sich Haimanot Mesfin um eine feste Arbeitsstelle in der Schweiz, doch mit einem F-Ausweis sind die Chancen klein. Sozialhilfe kam für sie nie in Frage – sie wollte stets selbstständig im Leben auskommen. Aus diesem Grund verkauft Haimanot Mesfin seit über zehn Jahren das Surprise Strassenmagazin am Bahnhof Bern. Dort steht sie bereits früh morgens und verkauft ihre Magazine. Das Begleitprogramm SurPlus unterstützt sie dabei mit einem ÖV-Abo sowie Ferienund Krankentaggelder. Dank der Begleitung auf dem Berner Surprise-Büro hat sie eine neue Wohnung gefunden. Nach langer Zeit in einer 1-Zimmer-Wohnung haben sie und ihr Sohn nun endlich etwas mehr Platz zu Hause.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

Unterstützungsmöglichkeiten: · 1 Jahr: 6000 Franken · ½ Jahr: 3000 Franken · ¼ Jahr: 1500 Franken · 1 Monat: 500 Franken · oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.

Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 | Vermerk: SurPlus Oder Einzahlungsschein bestellen: T +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo | surprise.ngo/spenden Herzlichen Dank!


Wir alle sind Surprise

Gestern Abend war ich bei der Veranstaltung «Der Blick von der Strasse». Ich war sehr beeindruckt und gerührt von all den Geschichten, die erzählt wurden, und von der Gemeinschaft, die man so fest im Raum gespürt hat. Vielen Dank für Ihr Engagement im Kontext der Textwerkstatt und die Möglichkeit, am Anlass teilzunehmen.

«Noch länger Gesprächsstoff» Es war eine herzerwärmende Lesung, sehr berührend und unvergesslich, vielfältig und Respekt einflössend. Die musikalische Begleitung war wunderschön und die Moderation von Ralf Schlatter wunderbar. Jeder gab sich persönlich ein und gab sein Bestes. Sie sehen: Wir sind begeistert und es wird bei uns noch länger ein Gesprächsstoff sein. Von nun an werden wir das Surprise noch genauer lesen, mit Hintergrundwissen.

KRISTINA KOCH, per Email

REGUL A SCHOCH, per Email

Lesung: Autor*innen der Verkäufer*innen-Kolumne bei «Zürich liest»

«Überwältigt» Vielen Dank euch für die wahnsinnig stimmige, authentische und nahbare Lesung im Rahmen von «Zürich liest» 2025. Ich war überwältigt von dem schönen Ablauf, den emotionalen Texten, der musikalischen Begleitung und der freundschaftlichen Art der Vortragenden! MANUEL A BR AUCHLI, per Email

#613: Moumouni antwortet – Wieso heisst der Tisch nicht Vogel?

«Weiter so» Da ist mir heute in Zug doch ein kurzer lauter Lacher entwichen! «Es ist nicht alles Volk, was grenzt!» Weiter so Moumouni, auch weisse cis-Männer mögen deine Kolumne. BASTIAN HURNI, per Email

«Beeindruckt von der Gemeinschaft»

Impressum Herausgeber Surprise, Münzgasse 16 CH-4051 Basel Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T +41 44 242 72 11 M+41 79 636 46 12 Regionalstelle Bern Beundenfeldstrasse 57, 3013 Bern T +41 31 332 53 93 Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T +41 43 321 28 78 M+41 79 797 94 10 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Klaus Petrus (kp) Esther Banz (eb), Diana Frei (dif), Lea Stuber (lea), Sara Winter Sayilir (win) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

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Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Isabel Mosimann, Fatima Moumouni, Stephan Pörtner, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Seynab Ali Isse, Annette Boutellier, Raphael Ganz, Stas Kozlink, Ulrike Meutzner, Anja Mihić, Valery Poshtarov, Emilia Sulek, Natalia Widla Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Geneh­ migung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik Druck AVD Goldach Papier Holmen TRND 2.0, 70 g/m2, FSC®, ISO 14001, PEFC, EU Ecolabel, Reach Auflage 37 020

Ich möchte Surprise abonnieren Das Abonnement ist für jene Personen gedacht, die keinen Zugang zum Heftverkauf auf der Strasse haben. Alle Preise inklusive Versandkosten.

25 Ausgaben zum Preis von CHF 250.– (Europa: CHF 305.–) Reduziert CHF 175.– (Europa: CHF 213.50) Gönner*innen-Abo für CHF 320.– Probe-Abo für CHF 40.– (Europa: CHF 50.–), 4 Ausgaben Reduziert CHF 28.– (Europa: CHF 35.–) Halbjahres-Abo CHF 120.–, 12 Ausgaben Reduziert CHF 84.– Der reduzierte Tarif gilt für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Es zählt die Selbsteinschätzung.

Bestellen Email: info@surprise.ngo Telefon: 061 564 90 90 Post: Surprise, Münzgasse 16, CH-4051 Basel Online bestellen surprise.ngo/strassenmagazin/abo

Abonnemente CHF 250.–, 25 Ex./Jahr Helfen macht Freude, spenden Sie jetzt. IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3

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FOTO: ANJA MIHIĆ

Internationales Verkäufer*innen-Porträt

«Im Gespräch tauscht man positive Energie aus» «Seit fast 30 Jahren werde ich wegen einer allgemeinen Angststörung behandelt. In den letzten sechs, sieben Jahren war mein Gesundheitszustand nicht sehr stabil. Die Krisen dauerten manchmal mehrere Monate. Aus diesem Grund konnte ich eine Zeit lang nicht regelmäs­ sig das serbische Strassenmagazin Liceulice verkaufen. Früher schämte ich mich zu sagen, dass ich in psych­ia­ trischer Behandlung war. Aber warum sollte das be­ schämend sein? Zu einem Psychotherapeuten zu gehen, ist eine intelligente Entscheidung. Wenn man ein Problem hat, bedeutet das nicht, dass man verrückt ist. Es bedeutet nur, dass man Hilfe braucht, um damit umzugehen. Das Bewusstsein der Menschen muss ge­ schärft werden; wir müssen mehr darüber sprechen. In unserer patriarchalen Gesellschaft ist das Stigma im­ mer noch gross, und damit auch die Diskriminierung. Das muss sich ändern. Es geschieht auch bereits, aber langsam. In unserer Gesellschaft wird über psychische Gesundheit gesprochen, doch auf staatlicher Ebene wird wenig getan. Ich bin Mitglied von Duša, dem Verein der Nutzer*innen psychiatrischer Einrichtungen und ihrer Familienangehörigen. Ich habe diesen Verein acht Jahre lang geleitet. Der Staat sollte marginalisierten Gruppen mehr Auf­ merksamkeit schenken. Wenn ein Einzelner nicht glücklich ist, ist auch die Gesellschaft nicht glücklich. Um mehr zu verdienen, opfern Menschen oft ihre Gesund­ heit. Wir fragen uns zu wenig, was wir wirklich brauchen. Suchen wir die Nähe zu einem anderen Menschen, weil wir unzufrieden sind mit uns selbst? Psychotherapie ist ein Weg, bewusster zu werden und an sich selbst zu arbeiten. Man empfindet Angst und Unbehagen, aber die bittere Medizin heilt. Mein persönliches Unterstützungssystem ist meine Familie: meine Mutter und meine Schwester, mein Partner Slobodan und dann auch mein Psychotherapeut. Slobodan und ich sind seit 17 Jahren zusammen. Er ist meine grösste Stütze. Da er wegen einer Psychose behandelt wird, haben wir Ähnliches durchgemacht und verstehen uns. Er spricht auch offen über seine Krank­ heit. Während meiner Krisen ging Slobodan jeden Tag mit mir nach draussen. Ich konnte nicht alleine laufen. Meine Angst manifestiert sich körperlich, im ganzen Körper. Ich konnte auch nicht richtig sprechen. Jeden Tag sass ich da und zitterte. Mein Partner hat mir da mit seiner Fürsorge und Geduld geholfen. Er musste nicht viel reden, allein durch seine Anwesenheit wusste ich, dass er mitfühlte. Auch meine Mutter und meine Schwester haben mich 30

Vesna Avramović verkauft in Belgrad das Stassenmagazin Liceulice und kämpft gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen an.

verstanden. Sie haben mich nie angeschrien, waren nie fordernd und haben mir nicht Faulheit unterstellt. Sie haben mir keine Schuld gegeben und wussten, dass ich selbst dagegen ankämpfte. Ich lasse mich von dem Gedanken leiten, Dinge lang­ samer, aber sicherer und beständiger zu tun. Ich denke, das sollte für alle gelten, nicht nur für diejenigen von uns mit psychischen Schwierigkeiten. Ich versuche, meinen Tag mit Liceulice zu organisieren und zu strukturieren. Eine tägliche Struktur ist eine Stütze für jeden von uns. Es ist wichtig, Morgenrituale zu haben, Zeit für sich selbst, für angenehme, entspannende Aktivitäten, aber auch für Verpflichtungen. Liceulice ist mir nicht nur wichtig, weil es das Haushaltsbudget aufbessert, sondern auch wegen des Kontakts zu Men­ schen. Meine grösste Freude ist es, wenn jemand das Magazin zum ersten Mal kauft. Dann habe ich das Gefühl, ich sei erfolgreich. Ich lese das Magazin eben­ falls, denn man muss sein Produkt kennen, um es ver­ kaufen zu können. Und im Gespräch mit Kund*innen tauscht man immer positive Energie aus.

Aufgezeichnet von ANJA MIHIĆ Mit freundlicher Genehmigung von LICEULICE / INSP.NGO Surprise 616/25


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Zur Kolumne «Die Sozialzahl»

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Unser Gast:

Carlo Knöpfel Kolumnist «Surprise»

Der Wirtschaftswissenschaftler Carlo Knöpfel hat bereits 150 Kolumnen für das «Surprise» geschrieben. In jeder davon setzt er sich anhand (mindestens) einer Zahl mit der Schweizer Sozialpolitik auseinander. Der Polit-Podcast von Elvira Isenring und Dominik Dusek Aktuelle Themen im Hintergrundgespräch mit Journalist:innen von:

Was sagen diese Zahlen aus? Ab 4. Januar. Überall, wo es Podcasts gibt. Ausserdem zu hören auf: Radio RaSa: 5. Januar, 11.30 Uhr | Radio RaBe: 6. Januar, 12 Uhr Radio LoRa: 8. Januar, 15 Uhr | Radio Stadtfilter: 9. Januar, 19 Uhr


Hoffnung entfalten. Wer hinsieht, kann helfen. Ein aufmerksamer Blick kann viel bewirken. Mit Achtsamkeit und Mitgefühl können wir Menschen in Not neue Hoffnung schenken. Vielen Dank! heilsarmee.ch/hoffnung

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