Die Kassierin beginnt ein Gespräch. Über das kalte Sommerwetter? Ich schnappe «tiempo» auf, mehr Spanisch verstehe ich nicht. Dann sagt einer der beiden auf Deutsch: «Und gerne ein Siberia blau.» Die Kassierin dreht sich um, zu den Zigaretten und dem Snus hinter sich. «Ist aber nicht gesund, gäu.» Der Begleiter, schon vorne am Einpacken: «Arbeiten ist auch nicht ge sund.» Und dann werfen sie eine Reihe von nicht gesunden Dingen ein, von Stress bis zu den Steuern. «Die Steuern sind am schlimmsten», meint der Mann mit dem Siberia blau, sie lachen und wünschen sich einen schönen Abend. Am Dienstag, kurz nach 18 Uhr, aus den Lautsprechern klingt Radiomusik, eine Schlange bildet sich an Kasse 1. Vor mir steht eine junge Frau mit Kleinkind im Arm und einem grösseren im Kinderwagen. Während die Kassierin scannt, unterhalten auch sie sich. Auf Kroatisch? Oder Bosnisch, vielleicht auch Albanisch? Ich verstehe kein Wort, aber das ist mehr als Smalltalk, es Surprise 613/25
geht hin und her und hin und her. Vielleicht sind die beiden Freundinnen. Oder Be kannte? Kennen sie sich über gemeinsame Freund*innen, gingen sie zusammen in die Schule? Oder haben sie sich hier kennen gelernt, an der Kasse vom Denner? Ein anderer Tag. Ein junger Mann mit einem Getränk ist an der Reihe, er nestelt in seinem Portemonnaie, entschuldigt sich und sagt dem Kassierer, dass er später nochmals komme mit mehr Geld. «Nein, nein», findet da der Mann in der Schlange hinter ihm, er übernehme das. In der Serie «Orte der Begegnung» begeben sich die Redaktionsmitglieder dorthin, wo in unserer funktionalen Welt ein Austausch stattfindet. Mit diesem Text endet die Serie. Alle Beiträge finden sich online unter surprise.ngo/strassenmagazin/ orte-der-begegnung 15