Mauern müssen durchlässiger werden, sagen die Künstler*innen Stirnimann und Stojanovic, und schaffen weiche Backsteine.
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dennoch oft getrennt. Speziell, wenn es um soziale Brennpunktthemen geht und um die Anliegen benachteiligter Gesellschaftsgruppen. Die weit verbreitete Annahme ist immer noch: Hochkultur gehört ins Museum, Soziokultur ins Gemeinschaftszentrum. Dabei soll Kunst doch unter anderem auch Gesellschaft verhandeln, und Kategorien wie «Relevanz» und «Dringlichkeit» gehören zu Förder- und Ausstellungskriterien. So fragt sich Daniel Morgenthaler, Kurator am Helmhaus Zürich: Muss man die Mauern von Museen stärker niederreissen? Oder bröckeln sie schon? Das Helmhaus gehört zu den Kulturinstitutionen, die von der Stadt Zürich geführt werden. Teilhabe ist eines ihrer Ziele. Doch wie setzt man diese am besten um? Anfang Jahr kuratierte Morgenthaler die Ausstellung «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» zusammen mit der Künstlerin Katalin Branner, die eigene Erfahrungen mit Obdachlosigkeit hat und weitere armutsbetroffene Künstler*innen ins Programm einbrachte. An der Vernissage sang der Surprise-Chor. Eine Arbeit in der Ausstellung hiess: «What if the Walls were more flexible?». Die Künstler*innen Nathalie Stirnimann und Stefan Stojanovic verhandelten darin die Zugänglichkeit der Museen: Was wäre, wenn die Mauern flexibler wären? Zu sehen war eine Installation aus gehäkelten Backsteinen. Die Künstler*innen deuteten die Mauern um, von starren Abgrenzungen wurden sie zu weichen Elementen, die sich sozialen Realitäten anpassen können. «Mit Nathalie Stirnimann und Stefan Stojanovic habe ich viel darüber gesprochen, wessen Aufgabe es ist, die Mauern zu überwinden oder niederzureissen», sagt Morgenthaler. Die Perspektive der beiden Kunstschaffenden steckt bereits in ihrem Werk: Die Erwartung, dass es die Aufgabe der Einzelnen sei, die bestehenden Mauern zu überwinden, ist überholt. Es sind die Mauern selber, die sich verändern müssen. Durchlässiger werden müssen.
Kunst ist klassischerweise eingeschlossen, im Museum, in Ausstellungsräumen. Gleichzeitig soll sie das Leben, die Realität, die Gesellschaft verhandeln. Also findet sie immer öfter auch draussen statt, in Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft, sozial engagiert. Oder sie fliesst in den Alltag ein, begegnet einem als Installation in einer Londoner U-Bahn-Station, in einem US-amerikanischen Vorort in Form von Gedichten aus der Nachbarschaft, eingraviert in die Steinplatten des Trottoirs, oder in der Schweiz gern abseits der kulturverwöhnten Zentren in Outdoor-Ausstellungen im Safiental, im Walliser Dorf Ernen oder in Soazza im Misox. Aus institutioneller Sicht bleiben die Welten der hehren Kunst hinter Mauern und der Kunst draussen im Alltag hierzulande Surprise 608/25
Maurerlehrlinge in der Ausstellung «Wir sagen immer: Wir dürfen eigentlich keine Zielgruppe haben. Alle sind unsere Zielgruppe», sagt Morgenthaler. «Aber wenn wir uns zum Beispiel anschauen, wer in die ‹Kunst ist Klasse›-Ausstellung kam, dann waren es vielleicht ein paar Menschen mit schmalem Budget, weil sie die Künstler*innen kannten. Der grösste Teil des Publikums war eher bildungsbürgerlich. Es ist nicht so, dass man automatisch davon ausgehen kann, dass es sofort alle armutsbetroffenen Menschen anspricht, wenn man das Thema Armut aufgreift.» Etwas sei allerdings spannend gewesen, findet Morgenthaler: Es kamen überdurchschnittlich viele Schulklassen in die Ausstellung über Armut und Klassismus, ohne dass es das Haus speziell forciert hätte. Von Berufsschüler*innen bis Kunststudent*innen. Morgenthaler hat durchaus Respekt vor Präsentationen für Schulklassen, weil er sie mit seinen Erklärungen häufig nicht zu erreichen vermag. «Das war bei dieser Ausstellung anders. Einmal waren Maurerlehrlinge da, junge Männer kurz vor dem Abschluss. Die hatten sich sorgfältig vorbereitet, waren sehr gut 19