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Surprise 480/20

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Strassenmagazin Nr. 480 24. Juli bis 6. August 2020

CHF 6.–

davon gehen CHF 3.– an die Verkaufenden

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Literatur

Peter Stamm Milena Moser Les Reines Prochaines Katja Alves Kilian Ziegler Gabriele Markus Laura de Weck


SOZIALE STADTRUNDGÄNGE

D N I S WIR F U A R WIEDE ! TOUR

ERLEBEN SIE BASEL, BERN UND ZÜRICH AUS EINER NEUEN PERSPEKTIVE. Menschen, die Armut, Ausgrenzung und Obdachlosigkeit aus eigener Erfahrung kennen, zeigen ihre Stadt aus ihrer Perspektive und erzählen aus ihrem Leben. Authentisch, direkt und nah. Buchen Sie noch heute einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich. Infos und Terminreservation: www.surprise.ngo/stadtrundgang


TITELBILD: PRISKA WENGER

Editorial

Unsichtbar Für die Sommer-Lesenummern wählen wir traditionsgemäss ein Begriffspaar als thematische Klammer. «Unsichtbar» hiess nun also die Vorgabe dieser Ausgabe («Sichtbar» die der letzten). Wir haben uns diese Begriffe ausgesucht, weil sie gerade bei ­einem Strassenmagazin eine zentrale Rolle spielen. Und im Journalismus überhaupt. Es geht darum, von Welten zu erzählen, die oft im Verborgenen – unsichtbar – bleiben. Wir als Redaktionsteam eines Strassen­ magazins interessieren uns grundsätzlich für die soziale Unsichtbarkeit. Für Menschen, die übersehen werden. Unsere Anfragen an die Autorinnen und Autoren hatten wir einige Zeit vor der Corona-Krise verschickt. Es fühlte sich an wie ein seltsamer Zufall, als wir kurz d ­ anach auf eine neue, zunächst unsichtbare Realität stiessen: Im Austausch mit Autorinnen und Autoren wurde die Verunsicherung und die finanziell ungewisse Lage schnell spürbar. Aber nicht nur deshalb möchten wir be­tonen: Alle Texte sind Geschenke an

­ urprise – sowohl die exklusiv geschrie­ S benen als auch die, die bereits einmal erschienen sind. Dabei ist unsere Themenvorgabe auch eine Art Begriffsüberprüfung: Was verbinden Autorinnen und Autoren mit diesem einen Wort? Nun – die soziale Unsichtbarkeit taucht tatsächlich auch in diesem Heft auf (S. 6). Die Unsichtbarkeit kann aber auch ganz viel anderes sein: Sie birgt Möglichkeiten der Grenzüberschreitung und setzt ­kriminelle Energien frei (S. 11), sie wird zum künstlerischen Konzept (S. 18), sie verwirrt uns in unserer Wahrnehmung (S. 23 und – in ganz anderem Sinn – S. 24), sie kommt einmal schelmisch daher (S. 15) und ein andermal rebellisch (S. 14). Wir danken ganz herzlich: Peter Stamm, Milena Moser, Kilian Ziegler, Katja Alves, Laura de Weck, Gabriele Markus und Les Reines Prochaines. DIANA FREI

Redaktorin

Illustrationen

6 Peter Stamm Supermond

15 Katja Alves

26 Rätsel

11 Milena Moser

18 Kilian Ziegler

28 SurPlus Positive Firmen

Warum Robin Hood Grün trug

14 Les Reines Prochaines

Die Zeichnungen stammen von Priska Wenger, die bereits mehrere Sonderhefte von Surprise illustriert hat. Sie lebt mit ihrer Familie in Biel. Für diese Ausgabe hat sie sich entschieden, das Unsichtbare im Alltag zu finden.

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Schlafen ist individuelle Anarchie

Die Frühaufsteherin

Kunst anschauen

23 Gabriele Markus

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

24 Laura de Weck

30 Surprise-Porträt

Das neue Buch Kalte Füsse

«Die Welt lächelte zurück»

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Supermond TEXT  PETER STAMM

Sie haben es bestimmt nicht böse gemeint, sie haben geredet im Aufzug, da müssen sie mich übersehen haben. Ich hatte sogar den Eindruck, dass einer sich nach dem Türknopf streckte, als die Tür sich schloss, oder zumindest andeutete, dass er sich nach dem Türknopf strecken wolle, als habe er mich gesehen und mich hereinlassen wollen und dann gemerkt, dass es zu spät war. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Und wenn, sie haben mich nicht bemerkt, das kommt vor. Obwohl ich direkt vor der Tür stand. Es würde mir schwerfallen, einem Aussenstehenden zu erklären, worin unsere Aufgabe hier besteht. Es hat mit der Überholung von Verkehrsflugzeugen zu tun. Ein Flugzeug besteht aus mehreren Millionen Teilen, von denen jedes eine Nummer und eine festgelegte Lebensdauer hat. Bei jeder Überholung müssen bestimmte Teile ersetzt werden, andere überprüft und im Bedarfsfall ersetzt. Einige werden aus- und wieder eingebaut und erst bei der nächsten oder übernächsten Überholung ersetzt. Neben den Flugzeug- und Triebwerksmechanikern, den Unterhaltstechnikern, den Spenglern und Malern und Elektrikern und allen anderen Spezialisten, die die Arbeiten ausführen, gibt es auch bei uns im Büro eine kleine Armee von Leuten, die sich darum kümmern, dass alles gemäss den Vorschriften ausgeführt und nichts vergessen wird. Das geschieht natürlich längst mit Computerprogrammen, aber viele dieser Programme sind veraltet und in Programmiersprachen geschrieben, die kaum noch jemand beherrscht. Seit Jahren wird von neuen Programmen gesprochen, die alles zusammenfassen und vereinfachen würden, aber weil die Aufgabe so komplex ist und alles miteinander vernetzt, traut sich keiner, irgendetwas zu ändern, aus Angst, das ganze System könnte zusammenbrechen. Ich gehöre zu jener kleinen Armee von Leuten, die alles am Laufen halten, im Wesentlichen bin ich für eine Liste verantwortlich. Das klingt nach wenig, aber es ist eine sehr lange und sehr wichtige Liste. Auch ich bin ein Teilchen in einem komplexen System, habe eine Nummer und eine festgelegte Einsatzzeit, die mit meiner bevorstehenden Pensionierung zu Ende gehen wird. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf freue, ausgemustert zu werden, aber es leuchtet mir ein, dass es notwendig ist und zum Besten der Firma und also letztlich auch zum Besten für mich. 6

Unser Grossraumbüro ist im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes untergebracht mit Blick auf eine kleine Baumgruppe und die Autobahn, die parallel verlaufende Autostrasse und die Bahnlinie. Früher hatten wir Büros, die auf die Hangars und den Tarmac hinausgingen, aber ich bin froh, dass wir vor einigen Jahren auf die Nordseite umziehen konnten, wo die Temperaturen im Sommer erträglicher sind. In die Hangars komme ich ohnehin häufig genug, während der Arbeit oder auch nach Feierabend, wenn ich kurz hinüberspaziere, um ein paar Worte mit dem Schichtleiter zu wechseln, mit den Leuten von der Qualitätssicherung oder mit dem Magaziner, der die Werkzeuge herausgibt und dafür verantwortlich ist, dass keines im Flugzeug zurückbleibt, wenn die Überholung abgeschlossen ist. Es ist immer ein grosser Moment, wenn eine dieser Riesenmaschinen aus dem Hangar rollt, bereit für neue Reisen in weit entfernte Länder. Wir tragen keine schicken Uniformen hier wie das Flugpersonal, aber letztlich ist unsere Aufgabe genauso wichtig wie ihre, auch wenn die meisten Passagiere gar nichts von unserer Existenz ahnen. Wir sind zu fünft im Büro, aber jeder hat sein Arbeitsgebiet, von dem die anderen nicht viel wissen, nur das, was er oder sie eben erzählt. Keiner sagt etwas wegen der Sache mit dem Aufzug, und ich entschliesse mich, ebenfalls nichts zu sagen. Ich starte den Computer und lese die E-Mails, die seit gestern gekommen sind, es sind weniger als sonst, aber die Arbeit geht mir auch so nicht aus. Zu einem nicht unwesentlichen Teil besteht sie aus der Verantwortung, die ich trage, ob ich nun an der Liste arbeite oder nicht. Ich garantiere für ihre Richtigkeit und Aktualität, was manchmal mehr, manchmal weniger Aufwand bedeutet. Kommt jemand mit Mittag essen? Ich muss zweimal fragen, bis Walter sagt, er sei verabredet. Gabi? Sie starrt auf ihren Bildschirm. Gabi? Endlich scheint sie mich zu hören. Kommst du mit Mittag essen? Sie muss noch schnell eine E-Mail fertig schreiben, ihre Arbeit hat etwas mit dem Treibstoffeinkauf zu tun. Wir setzen uns zu zwei Kollegen von der Arbeitsvorbereitung. Sie diskutieren die neue Überstundenanordnung. Gabi mischt sich ein, und die Diskussion wird hitzig. Ich sage nichts, ich bin ohnehin nur noch ein paar Tage hier, die neue Regelung betrifft mich nicht. Ausserdem habe ich seit Jahren keine Überstunden gemacht. Ich musste im Gegenteil aufpassen, nicht zu schnell zu arbeiten, um auf meine Stunden zu kommen und den Chef nicht Surprise 480/20


auf falsche Ideen zu bringen. Die Stimmung am Tisch ist gereizt. Irgendwann stehen die anderen einfach auf und gehen grusslos zurück an ihre Arbeit. Ich laufe hinter Gabi her. Sie ignoriert mich, als sei ich es, mit dem sie sich gestritten hat. Uns hat man noch beigebracht, einem älteren Menschen im Bus oder im Zug den Platz anzubieten oder wenigstens seine Tasche im Gepäckabteil zu verstauen und nicht zwei Sitzplätze zu belegen. Ist hier frei? Der junge Mann hat einen Kopfhörer auf, aber die Musik ist so laut, dass man sie selbst im fahrenden Zug noch hören kann. Ich berühre ihn an der Schulter. Er zuckt zusammen und schaut mich erschrocken an. Ist hier frei? Er schaut immer noch verdutzt, dann räumt er endlich seine Tasche weg, und ich kann mich setzen. Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause muss ich lange warten, bis ich die Strasse überqueren kann. Eigentlich haben Fussgänger ja Vorrang, aber das kümmert die wenigsten Autofahrer. Schon vor Jahren hat der Bewohnerverein bei der Gemeinde ein Gesuch für eine Ampel gestellt, damals hiess es, das sei zu teuer und ausserdem nicht nötig. Der Verkehr hat seitdem stark zugenommen, von einer Ampel spricht trotzdem keiner mehr. Heute ärgere ich mich nicht und warte geduldig auf eine Lücke im Verkehr. Es ist einer der ersten warmen Tage in diesem Jahr, fast schon frühlingshaft warm, obwohl erst Februar ist. Hedwig scheint die Tür nicht gehört zu haben. Als ich ins Wohnzimmer trete, erschrickt sie. Dann lächelt sie erleichtert. Ach, du bist es. Als könnte es auch jemand anderes sein, der plötzlich in unserer Wohnung auftaucht. Ich küsse sie flüchtig, sie schaut nur kurz von ihrem Buch auf und liest dann weiter. Ich blättere die Zeitung durch. Hedwig macht keine Anstalten, in die Küche zu gehen. Als ich frage, was es zum Abendessen gibt, sagt sie zerstreut, sie habe keinen Hunger, und liest weiter. Das ist noch nie passiert, seit wir verheiratet sind, und das sind doch immerhin fast vierzig Jahre. Aber ich, sage ich und lache. Hedwig reagiert nicht. Ich weiss nicht, was sie da liest, aber es scheint sie sehr gefangen zu nehmen. Ich gehe in die Küche und mache mir ein Brot. Viel Hunger habe ich auch nicht. Später schaue ich fern, während Hedwig immer noch liest. Irgendwann verlässt sie den Raum. Ich habe gemeint, sie gehe zur Toilette. Als sie nach einer Weile nicht zurückkommt, schaue ich nach ihr. Da liegt sie schon im Bett und schläft. Sie hat nicht einmal gute Nacht gesagt. Am Morgen schaffe ich es fast nicht, Hedwig zu wecken. Sonst ist immer sie es, die zuerst aufsteht, meist liegt schon der Geruch von Kaffee in der Luft, wenn ich erwache, aber heute schläft sie noch tief und fest. Vielleicht ist es die plötzliche Wärme, die sie müde macht. Erst als ich sie sanft an der Schulter berühre, wird sie wach und schaut mich an mit schläfrigem Blick. Ach, du, sagt sie. Bleib nur liegen, sage ich und bereue, dass ich sie geweckt habe, ruh dich aus. Auf dem Weg zur Arbeit geschieht etwas Lustiges. Eine junge Frau, die auf ihrem Handy herumtippt, setzt sich fast auf meinen Schoss. Erst als sie mich berührt, bemerkt sie, dass der Platz schon besetzt ist, und fährt erschrocken hoch. Früher hätte ich vielleicht gesagt, setzen Sie sich nur, aber heute muss man aufpassen mit solchen Sprüchen. Stattdessen entschuldige ich mich, als sei ich es gewesen, der nicht aufgepasst hat. Heute kommen gar keine E-Mails herein, und auch in der internen Post ist nichts für mich. Wahrscheinlich richten die Leute ihre Anfragen schon an meinen Nachfolger, obwohl ich ihm die Surprise 480/20

Arbeit noch gar nicht übergeben habe. Eigentlich ist Dieter nicht mein Nachfolger, er arbeitet schon länger in der Abteilung, ich weiss nicht genau, was sein Aufgabenbereich ist. Jedenfalls wird er die Betreuung meiner Liste zusätzlich zu seiner bisherigen Arbeit übernehmen. Ich habe den Chef gewarnt, dass er den Aufwand für die Pflege der Liste wohl unterschätze, die Zahl der Änderungen, die jeden Tag zu machen seien, aber er hat nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, Dieter werde das schon stemmen. Ich schreibe Dieter eine Mail, bitte ihn, mich anzurufen, damit wir einen Termin für die Arbeitsübergabe vereinbaren können. Bis Mittag hat er sich nicht gemeldet. Dann erst sehe ich, dass meine Mail zurückgekommen ist. Delivery to the following recipients failed permanently. Der Grund: Unknown user. Dabei haben wir schon Dutzende Male gemailt. Am Mittag verschwinden alle, ohne dass mich jemand gefragt hätte, ob ich mit essen komme. Ein bisschen netter könnten sie schon sein an meinen letzten Tagen. Schliesslich habe ich mich immer kollegial verhalten. Mag sein, dass ich nicht gerade eine Stimmungskanone bin, aber ich war stets loyal und zuverlässig. In den Bäumen vor dem Fenster turnt ein Eichhörnchen herum. Lange Zeit schaue ich zu, wie es von Ast zu Ast springt, als sei es schwerelos. Dann taucht ein zweites auf, und eine wilde Jagd beginnt, immer um den Stamm herum, hoch und wieder herunter. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger. Ich weiss nicht, ob meine Kollegen auf einmal schwerhörig geworden sind. Ich muss alles zwei- oder sogar dreimal sagen, bis jemand reagiert. Aber das Seltsamste ist, dass auch ich mich

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nur noch undeutlich höre, als trüge ich einen Gehörschutz, der aber nur meine eigene Stimme dämpft. Alle anderen Geräusche höre ich klar und deutlich, sie scheinen sogar lauter als sonst, als hörte ich sie durch eine akustische Lupe, falls es so etwas gibt. Die zweite E-Mail, die ich Dieter geschickt habe, ist nicht zurückgekommen. Morgen wird er sich bestimmt melden. Ich gehe etwas früher heim als sonst, immerhin habe ich keine Mittagspause gemacht. Und ich weiss nicht mehr, was ich tun soll, es hat eigentlich keinen Sinn mehr, etwas Neues anzufangen, wenn nächste Woche sowieso Dieter übernimmt und die Arbeit auf seine Art macht. Im Zug bleibe ich im Vorraum stehen aus Scheu, dass wieder so etwas geschieht wie heute Morgen. Ich musste den ganzen Tag über immer wieder daran denken. Im Nachhinein schien mir der Vorfall weniger lustig als unheimlich. Ich beobachte einen Mann, der auf seinem Handy herumtippt, er macht ein Gesicht, als tausche er sich über Dinge von grösster Wichtigkeit aus. Er schaut kurz hoch, er scheint meine Blicke gespürt zu haben, und tippt dann weiter auf seinem Gerät herum. Als er an der nächsten Station aussteigt, ohne den Blick von seinem Gerät zu nehmen, sehe ich, dass er ein Spiel spielt. Er bleibt spielend auf dem Bahnsteig stehen, während der Zug schon wieder anrollt. Hedwig ist nicht zu Hause. Auf dem Kalender in der Küche ist nichts eingetragen, und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie irgendetwas erwähnt hat von einem Besuch oder einem Termin, den sie wahrnehmen müsse. Der Kühlschrank ist fast leer, und ich gehe in den nahen Lebensmittelladen, kaufe Brot, Salami, Butter. Niemand ausser mir ist im Geschäft. An der Kasse steht eine Klingel, aber ich habe sie nie gerne benutzt, ich finde es unhöflich, nach der Kassiererin zu klingeln, wie man nach einem Hund pfeift. Als nach ein paar Minuten niemand auftaucht, tue ich es doch und etwas später noch einmal. Schließlich packe ich die Sachen ein, ich werde sie das nächste Mal bezahlen. Es ist mir auch schon passiert, dass ich die Geldbörse nicht dabeihatte, und der Inhaber des Ladens hat jedes Mal gesagt, zahlen Sie morgen. Auf dem Nachhauseweg denke ich kurz daran, die Sachen nicht zu bezahlen. Es ist ja nicht meine Schuld, wenn niemand da ist. Aber dann fällt mir ein, dass der Laden über eine Videoüberwachung verfügt. Die Vorstellung, nach so vielen Jahren des Ladendiebstahls überführt zu werden, belustigt mich, ich weiss nicht weshalb. Vielleicht gefällt mir der Gedanke, eine andere Seite zu haben, die niemand kennt, Dinge zu tun, die mir keiner zutrauen würde. Aber ich habe keine andere Seite, ich bin sozusagen ein einseitiger Mensch. Ich schaffe es kaum, die Tür aufzuschliessen. Als ich sie vor einer halben Stunde abgeschlossen habe, schien noch alles wie immer, aber jetzt ist das Schloss verklemmt. Ich verstaue meine Einkäufe in der Küche. Ich habe gar keinen Hunger, vielleicht esse ich später etwas. Hedwig kommt nicht nach Hause, aber aus irgendeinem Grund mache ich mir keine Sorgen, nicht aus Gottvertrauen, eher aus einem Gefühl der Gleichgültigkeit. Auch als ich die Zeitung lese, überblättere ich die meisten Artikel, nichts scheint mich etwas anzugehen, nichts interessiert mich. Nur ein Wort erregt meine Aufmerksamkeit, eine kurze Notiz über den sogenannten Supermond. Nie in diesem Jahr sei der Mond der Erde so nah wie in den kommenden Nächten, steht da, nie sei er so hell. Ich habe normalerweise kein Problem einzuschlafen, aber in dieser Nacht liege ich lange wach. Ich mache mir keine Sorgen Surprise 480/20

um Hedwig, es ist eher, als schaute ich mit geschlossenen Augen in eine grosse Leere. Ich empfinde nichts, nicht einmal Müdigkeit. Es ist kein unangenehmes Gefühl, nur ein ungewohntes. Am Morgen fühle ich mich schwach, aber das ist kein Wunder, ich habe seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und kaum geschlafen. Obwohl ich noch immer keinen Hunger habe, nehme ich einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Als ich ihn fertig gegessen habe, kann ich mich nicht entschliessen, den leeren Becher in den Müll zu werfen, als sei das eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen. Beim Zähneputzen habe ich Mühe, mich im Spiegel klar zu sehen. Eigentlich sind meine Augen für mein Alter noch sehr gut, aber jetzt sehe ich mein Bild nur unscharf. Auch nachdem ich meine Augen mit kaltem Wasser ausgewaschen habe, wird es nicht besser. Als ich die Tür der Wohnung abschliesse, merke ich, dass meine Schwierigkeiten nichts mit dem Schloss zu tun haben, dass mir ganz einfach die Kraft fehlt, um den Schlüssel richtig zu fassen und umzudrehen. Im Treppenhaus muss ich mich am Geländer festhalten, auch meine Beine sind kraftlos. Der Bus ist fast leer, der Zug ebenfalls. Ich zögere kurz, dann setze ich mich hin. Ich bin müde, zugleich fühle ich mich sehr leicht, fast schwerelos. Das Licht, das ins Abteil dringt, ist schmerzhaft hell, die Schatten, die die vorbeiziehenden Bäume werfen, lassen es flackern wie das eines Stroboskops. Mir ist ein wenig übel und ich bin froh, als meine Station kommt und ich aussteigen kann. Wenigstens sehe ich jetzt wieder klar. Es ist kaum jemand unterwegs. Erst an der Pforte merke ich, dass Samstag ist. Das ist mir in all den Jahren noch nie passiert. Trotzdem gehe ich ins Büro, setze mich an meinen Tisch und starte den Computer. Auf den Bäumen draussen turnt wieder das Eichhörnchen herum, und ich schaue ihm zu. Es kommt mir vor, als sei ich selbst so leicht, dass ich in den Bäumen herumspringen könnte. Irgendwann hat mich jemand gefragt, was ich für ein Tier sein möchte, ich weiss nicht mehr, wer es war und wann es war, aber ich weiss noch, dass mir keine Antwort einfiel. Ein Eichhörnchen? Warum nicht? Gegen Mittag verlasse ich das Büro, ohne etwas gemacht zu haben. Ich nehme den Zug zurück, den Bus. Im Lebensmittelladen sind jetzt ein paar Leute. Ich kaufe das Nötigste ein, stelle mich an der Kasse an. Vor mir ist eine Frau, die ich vom Sehen kenne, aber an deren Namen ich mich nicht erinnere, aber sie scheint mich ohnehin nicht bemerkt zu haben. Als ich an der Reihe bin, steht die Kassiererin auf und geht zu einem Regal, um Sachen einzuräumen. Kann ich zahlen?, sage ich. Sie scheint mich nicht zu hören. Ich packe die Sachen in eine Tüte und gehe. Obwohl ich nicht viel eingekauft habe, wird mir die Tüte schon nach wenigen hundert Metern zu schwer, und ich stelle sie auf den Gehsteig und ruhe mich einen Moment lang aus. Als ich die Tasche wieder aufnehmen will, scheint sie noch schwerer geworden zu sein. Ich lasse sie stehen, im Kühlschrank sind ja noch die Sachen, die ich gestern eingekauft habe, und Hunger habe ich ohnehin nicht. Das Schloss lässt sich nun gar nicht mehr öffnen. Ich kann den Schlüssel nicht fassen, es ist, als gleite er mir durch die Finger. Ich müsste mir wohl Sorgen machen, aber das tue ich nicht. Ich empfinde im Gegenteil eine seltsame Heiterkeit. Ich setze mich auf den Treppenhausboden, lehne mich an die Wand. Unten geht die Tür auf, jemand kommt die Treppe hoch. Es ist die Frau, die einen Stock über uns wohnt, aber ihr Name fällt mir 9


Ich habe nicht den Eindruck, dass Hedwig irgendetwas vermisst, dass ich ihr fehle. Sie hat ihr Essen gekocht, hat es ins Wohnzimmer getragen, sich hingesetzt. Sie hat nicht für mich gedeckt, und ich spüre keine Unruhe in ihren Bewegungen, keine Erwartung. Ich weiss nicht, warum ich das alles sehen kann. Ich habe mich die ganze Zeit nicht bewegt, aber es ist mir, als schwebe meine Wahrnehmung frei in der Wohnung herum, als könne ich alles sehen, alles hören, als sei ich überall und zugleich nirgends. Nur im Flur, da, wo ich mich vorhin hingesetzt habe, scheint es eine Art von Verdichtung zu geben, eine unförmige Dunkelheit. Ich versuche, etwas zu sagen, aber es gelingt mir nicht. Dieses Gefühl, zugleich sehr schwer und sehr leicht zu sein, bewegungsunfähig und schwebend, ermüdet mich. Hedwig isst langsam und bedächtig. Sie wischt sich den Mund mit einer Papierserviette ab, räuspert sich, trägt das schmutzige Geschirr in die Küche. Sie räumt die Küche auf, spült das Geschirr, öffnet das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Ich spüre die kalte Luft, die hereinströmt, mich erfasst und zum Fenster trägt. Ich versuche mich festzuhalten, aber es gelingt mir nicht, ich habe keine Arme mehr, keine Beine, überhaupt keinen Körper. Der Mond ist voll und scheint tatsächlich heller als sonst und wirkt ganz nah. Es ist, als werde ich von ihm emporgezogen. Auch die Sterne sind so hell, dass sie zu flackern scheinen. Ich steige ganz langsam in die Höhe, sehe unser Haus kleiner werden, sehe unsere Strasse, dann die Hauptstrasse, auf der jetzt kaum noch Verkehr ist, das Viertel, den ganzen Ort. Das Licht des Mondes ist sehr hell, die Landschaft ist deutlich zu erkennen. Ich steige. Der See, die Hügel, in der Ferne die schneebedeckten Berge. Bald werde ich das Mittelmeer sehen, dann Afrika, den Atlantik, Amerika. Ich steige. Dieser Text ist ein Vorabdruck aus der Erzählsammlung «Wenn es dunkel wird», die Ende September 2020 im S. Fischer Verlag, Frankfurt erscheint. PETER STAMM schrieb zahlreiche Reportagen, Satiren, Hörspiele und Theaterstücke. 1998 erschien sein erster Roman «Agnes». Seither fünf Erzählsammlungen und sechs weitere Romane. Die Werke wurden in 39 Sprachen übersetzt.

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FOTO: ANITA AFFENTRANGER

nicht ein, obwohl wir seit vielen Jahren Nachbarn sind. Sie geht vorbei, ohne mich zu grüssen, ohne mich wahrzunehmen. Es gehen noch ein paar Leute die Treppe hoch und runter an diesem Nachmittag, die mir alle irgendwie bekannt vorkommen, aber niemand scheint mich zu bemerken. Einmal muss ich die Beine anziehen, aus Angst, eins der Kinder, die die Treppe herunterrennen, könnte über sie stolpern. Ich muss an meine Liste denken, frage mich, ob sie wirklich so wichtig ist, wie ich immer gedacht habe. Jeden Tag habe ich Änderungen gemacht, habe Datensätze gelöscht und neue hinzugefügt, aber ich weiss nicht, wer die Liste wirklich braucht, wer ausser mir Zugriff auf sie hat. Ich weiss nur, dass sie monatlich ausgedruckt und von der Firmenpost an ein Dutzend Abteilungen verteilt wird. Ich habe die Liste gesehen, dicke Bände gestreiften Computerpapiers, die in den Regalen langsam vergilben und nach einer festgelegten Zeit entsorgt werden. Ich habe mich nie getraut, jemanden zu fragen, ob die Liste jemals konsultiert wird, vielleicht weil ich immer schon ahnte, dass dies nicht der Fall ist. Aber irgendwann hat jemand all diese Prozesse festgelegt, es muss einen Grund dafür gegeben haben, weshalb sonst sollte all das Papier bedruckt und versendet werden? Vielleicht geht es gar nicht darum, dass jemand die Informationen braucht, die in der Liste enthalten sind. Sie sind wie alles andere ein Teil der Wirklichkeit, ihre Existenz muss nicht gerechtfertigt werden. Die Liste ist da, wie wir da sind, das muss genügen. Ich weiss nicht, wie spät es ist, als Hedwig nach Hause kommt. Sie sieht müde aus. Auch sie scheint mich nicht zu sehen. Ich will beiseite rücken, um sie durchzulassen, aber sie geht einfach durch mich hindurch. Sie bringt erst die vollen Einkaufstüten in die Küche, bevor sie zurückkommt, um die Tür zu schliessen. Diesen kurzen Moment habe ich genutzt, um in die Wohnung zu kommen. Danach bin ich so erschöpft, dass ich im Flur auf dem Boden sitzen bleibe. Ich bin froh, dass Hedwig das Licht nicht angemacht hat, meine Augen sind empfindlicher als sonst, auch mein Gehör. Obwohl die Tür zur Küche geschlossen ist, verstehe ich jedes Wort des Radiosprechers, höre überdeutlich, wie Hedwig Zwiebeln schneidet, den Kühlschrank öffnet und wieder schliesst, ich höre das Rauschen des Wasserkochers, das Klappern der Pfannen und selbst das Gas, das aus dem Herd strömt, das Klicken des Anzünders, das Flackern der Flammen.


Warum Robin Hood Grün trug TEXT  MILENA MOSER

Der Regen prasselte aufs Autodach. Romy schloss die Au­ gen. Sie hatte keine Lust auszusteigen. Keine Lust auf die Sprüche der Kollegen. «Flitterwochen zuhause, was?» Das hatte sie nun davon, dass sie einen so viel jüngeren Mann geheiratet hatte. Einen Ausländer auch noch! Der Gedanke an Chidi, der bereits seit drei Stunden wieder bei der Arbeit war, mit tadellos sitzender Uniform und nach Rasierwasser duftend, gab ihr die Kraft, das Radio auszuschalten und auszusteigen. Sie nahm die Schachtel mit dem Süssgebäck vom Rücksitz und zog sich den Mantelkragen über den Kopf. Bis sie den Eingang er­ reicht hatte, war sie klatschnass und die Schachtel bog sich bedenklich. Drinnen wurde sie mit Pfiffen und Johlen begrüsst. Sie stellte die Schachtel mit dem Gebäck im Pausenzimmer ab, zog den Mantel aus und deutete eine Verbeugung an. «Sind das Schoggigipfel?», fragte Toni scheinheilig und öffnete die Schachtel. «Oder darf ich das jetzt auch nicht mehr sagen?» «Ach was, Romy hat Humor! Nicht, Romy?» Karin, die einzige Frau im Team, konnte mit Tonis Sprüchen leicht mithalten. Nur Martin hatte den Anstand, die Augen zu verdrehen. «Hab ich was verpasst?», lenkte Romy ab. «Wie viele entlaufene Katzen habt ihr eingefangen, während ich weg war?» «Ha, das weisst du ja gar nicht: Wir hatten einen Bank­ überfall», sagte Toni mit vollem Mund. Einen Moment lang starrte sie auf seinen offenen Mund, das halbzerkaute Gebäck darin, dann wandte sie sich ab. «Das glaubst du nicht, gell. Das einzige Mal, dass hier wirklich was passiert, und du bist nicht da!» «In unserer kleinen Filiale hier», sagte Karin. «Wo gibt’s denn sowas!» «Eben, in unserer kleinen Filiale hier», murmelte Mar­ tin, und Romy verkniff sich ein Grinsen. «Keine Gewaltanwendung, keine grosse Beute, unter zehntausend Franken», fuhr er fort. «Und keine brauch­ bare Beschreibung der Täter.» Romy runzelte die Stirn. «Moment», sagte sie. Gedan­ kenverloren zupfte sie eine Zimtschnecke auseinander. «Kam das eben im Radio? Das hab ich doch in den Lokal­ nachrichten gehört.» «Nein, das kann nicht sein, wir haben noch keine Mit­ teilung gemacht.» «Aber …» Das Telefon klingelte, der Arbeitstag begann, und sie vergass die ganze Sache wieder. Erst am Nachmittag, als sie eine Kaffeepause einlegen wollte und sich fragte, ob Surprise 480/20

wohl noch ein Mandelgipfel übrig wäre, fiel es ihr wieder ein. Sie loggte sich ins System ein und las die Zeugenaus­ sagen durch, die Karin zu Protokoll genommen hatte. Doch das Einzige, was die nicht besonders traumati­ siert wirkende Bankkauffrau mit Sicherheit sagen konnte, war, dass der Täter – oder die Täterin – schon älter sein musste. «Kurze graue Haare, oder vielleicht auch halblang. Schwer zu sagen.» Freundlich sei er – oder sie – gewesen, habe sich erkundigt, wie ihr Tag verlaufe und wie es ihren Kindern gehe. «Also kannten Sie ihn?» «Oder sie … Nein … ich weiss nicht …» Die unscharfen Aufnahmen der Überwachungskamera gaben auch keinen Aufschluss, allenfalls konnte man fest­ stellen, dass die Körperhaltung der Person, die sich im Schalter ihren Rucksack mit Geldscheinen füllen liess, nichts Bedrohliches an sich hatte. Romy scrollte durch die Pressemitteilungen der letz­ ten Wochen und fand schnell den Vorfall, der heute Mor­ gen im Radio erwähnt worden war. Neugierig geworden, ging sie weiter zurück und durchsuchte dann auch die Mitteilungen der umliegenden Kantone. In den letzten drei Monaten waren siebzehn fast identische Überfälle durchgeführt worden. Immer in kleinen Filialen und ohne Gewaltanwendung, und immer handelte es sich nur um kleinere Beträge von unter zehntausend Franken. Es gab nicht eine einzige brauchbare Beschreibung des Täters oder der Täterin, es war nicht einmal klar, ob es sich um eine oder mehrere Personen handelte. Freundlich waren sie gewesen. Darin waren sich alle Betroffenen einig. Jede einzelne dieser Ermittlungen war im Sand verlaufen. Hatte wirklich niemand das Muster erkannt, das Romy nach fünf Minuten schon aufgefallen war? Und sie war noch nicht mal Polizistin! Sie druckte die Suchergebnisse aus und zeichnete die relevanten Stellen mit Leuchtstift gelb an. Dann steckte sie die Blätter ordentlich in eine blaue Mappe. Martin war nicht an seinem Pult. Als sie am Pausenzimmer vorbei­ ging, hörte sie seine Stimme: «Ein Schweizer war ihr wohl nicht gut genug», und dann Karins wieherndes Lachen. Sie steckte die Mappe in ihre Handtasche und nahm das Handy heraus, das sie während der Arbeitszeit pflicht­ bewusst stumm schaltete. Wann kommst du nach Hause, Prinzessin? «Jetzt.» Ein halbes Jahr früher Sie hatte es mit Atmen versucht. Vier Sekunden ein­ atmen, sieben Sekunden den Atem anhalten, acht Sekun­ 11


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Ein nächtlicher Tanz — Schräg, verspielt, sinnlich.

Written & Directed by CARMEN STADLER KATHRIN VEITH DURAID ABBAS GHAIEB JEANNE DEVOS DANIEL KASZTURA VILMAR BIERI THIS MAAG ABRAKADABRA films

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wieder auf. «Das ist ein interessanter Gedanke.» Sie stand auf und ging zur Tafel. «Überlegt doch mal: Was würdet ihr tun, wenn euch wirklich niemand sehen könnte? Wenn ihr unsichtbar wärt?» «Tanzen», murmelte Sibylle. «Ungeschminkt das Haus verlassen», Olivia. «Die Pfingstrosen meiner Nachbarin klauen.» Pflichtbewusst schrieb Mara alles auf. Diese Liste al­ lein wäre Grund genug, um aus dem Fenster zu springen, dachte Lilly. «Mit dem Busfahrer ausgehen, der mich neulich an­ gesprochen hat.» Das war Romy, von der Lilly sich wohl­ weislich fernhielt, da sie als Sekretärin bei der Regional­ polizei arbeitete. «Mein Auto ist schon lang aus dem Service, aber ich nehm immer noch den Bus, nur seinet­ wegen …» Na prima, dachte Lilly. Männer! Noch so ein Thema … Doch dann sagte Rosa zögernd: «Eine Bank ausrau­ ben?» Ausgerechnet Rosa, die immer so zurückhaltend war. Wenn sie sich zu Wort meldete, erzählte sie nur von ihren zahlreichen Kindern und Enkeln und musste von Mara ermahnt werden, «bei sich zu bleiben». «Eine Bank ausrauben?», fragte Lilly nach. «Warum denn das? Brauchst du Geld?» Rosa schaute sie herausfordernd an. «Wer braucht schon kein Geld? Aber ich dachte grad an Helen, die unter mir wohnt. Ihr Sohn hat eine – ich weiss nicht, wie man das heute nennt, eine Lernstörung? Jedenfalls braucht er spezielle Unterstützung, aber das kostet so viel, und manchmal höre ich sie nachts weinen. Und dann ist da der junge Mann, der im Lebensmittelladen an der Ecke arbeitet … Ganz zu schweigen von Simone, die seit Jahren in eine Kampfscheidung verwickelt ist …» Beinahe trotzig schaute sie Lilly an. «Geld löst nicht alle Probleme, aber manche eben schon.» Sibylle, die neben Rosa sass, drückte ihre Hand. An­ dere nickten nachdenklich. Lilly konnte beinahe sehen, wie sie eine imaginäre Beute verteilten. Jetzt wird’s span­ nend, dachte sie. Doch dann war die Stunde zu Ende. Und bis Mara ihre Bestätigung abgestempelt hatte, waren die anderen verschwunden. Doch auf dem Parkplatz holte sie Rosa ein. «Hey, warte!» Rosa blieb stehen und schaute sie er­ wartungsvoll an. Und Lilly fehlten für einmal die richtigen Worte. Das passierte ihr sonst nie. Magst du noch ein Glas Wein mit mir trinken? Können wir reden? Hast du das ernst gemeint? Willst du wirklich eine Bank ausrauben? Rosa kam ihr zuvor. «Weisst du, warum Robin Hood nur Grün trug?» Ohne Lillys Antwort abzuwarten, hängte sie sich bei ihr ein. MILENA MOSER hat über zwanzig Bücher, zahlreiche Essays, Kolumnen und Hörspiele verfasst. Sie stand mit dem Zwei-FrauenStück «Die Unvollendeten» auf der Bühne und gibt Workshops in kreativem Schreiben. Die gebürtige Zürcherin lebt in San Francisco.

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FOTO: DAVID BUTOW

den ausatmen. Sie hatte es mit ihrem Mantra versucht. Es hatte keinen Sinn. «Okay, stopp!», rief sie, lauter als be­ absichtigt. «Ich kann’s nicht mehr hören! Immer dieselbe Platte: Niemand beachtet mich. Niemand begehrt mich. Sniff, sniff, sniff!» Einen Moment lang war es still. Dann redeten plötzlich alle durcheinander. Zufrieden lehnte Lilly sich zurück. Diese Gruppe war mit Abstand die anstrengendste, die sie je besucht hatte. Aber das gehörte nun einmal zu ihren Bewährungsauflagen. «Lilly! Das war nicht gerade konstruktiv!» Mara, die Gruppenleiterin, versuchte, die Gesprächsführung wieder an sich zu nehmen. «Ist doch wahr!» Olivia begann zu weinen. «Das verstehst du nicht», schniefte sie. «Früher wurde es still, wenn ich einen Raum betrat. Ich konnte die Blicke spüren wie eine Liebkosung. Heute – könnte ich ebenso gut unsichtbar sein.» «Ja und?» Lilly verstand das nicht. Sie hatte sich immer bemüht, nicht aufzufallen, kein Aufsehen zu erregen, un­ gesehen davonzukommen. Davon hing in ihrem Beruf alles ab. Es war ihr Mundwerk, das sie immer wieder in Schwie­ rigkeiten brauchte. Ihr aufbrausendes Temperament. «Was ist daran so schlimm? Ich sag euch mal was: Unsichtbar zu sein, hat seine Vorteile. Wer unsichtbar ist, kommt mit al­ lem durch. Unsichtbar zu sein ist eine Superkraft!» Während die Gruppe das noch verdaute, wachte Mara


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Schlafen ist individuelle Anarchie TEXT  LES REINES PROCHAINES

Schlafen kommt von «schlapp» und ist mit dem Wort «schlaff» verwandt Schlafen bedeutet nicht produktiv sein im materialistischen Sinne. Schlafen heisst – nichts schaffen. Auch die «Schläfe» leitet sich von «Schlaf» ab. Schlaf ist wie Schaf, Schlaf ist wie Schaf. Schlafen ist individuelle Anarchie ......... Die Ruhe eines Schlafenden hat etwas Unheimliches. Im Schlaf sind wir schutzlos und alleine, endlich alleine. Schlafen ist ein geheimnisvoller Zustand. Schlaf riecht nach Körper, nach niedrigen menschlichen Bedürfnissen, so ganz un-modern, unvernünftig und ohne jegliche Kontrolle. Schlafen ist individuelle Anarchie ......... Schlafen ist mehr als Pause, Erholung, Erholung des Gehirns, Schlafen ist mehr als das Umschichten vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis Schlafen ist die Bedingung zum Erwachen .......... und was weiss der Körper, was der Geist nicht weiss? Wir schlafen, wir schlafen für eine gute Welt ...... Ich meine Schlaf als revolutionäre Praxis und ich sage Ja, Geld soll schlafen. Ich sage Ja, Kontrolle soll schlafen. Ich sage, die Angst, der Kleinmut und der Schluckauf sollen schlafen, und ich sage Ja, die Gewohnheit, sie soll schlafen.

LES REINES PROCHAINES (Fränzi Madörin, Muda Mathis, Sus Zwick und Michèle Fuchs) tingeln als MusikPerformanceband seit über dreissig Jahren durch Säle und Keller populärer Musik, hoher Kunst und frauen*bewegter Räume Europas. Als Autorin­ nenband spielen sie in unterschiedlichen Formationen und Projekten. Sobald es möglich ist, sind sie wieder mit ihrem Programm «Schildkrötenritt» unterwegs.

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FOTO: LES REINES PROCHAINES

Der Songtext stammt aus dem Album «Zu unserer Verfassung», erschienen 2020 bei unrecords, Wien. Vertrieben durch Irascible.


Die Frühaufsteherin TEXT  KATJA ALVES

FOTO: ANITA AFFENTRANGER

Es ist fünf Uhr morgens. Tief hängt der Nebel über dem Douro, dem Fluss unterhalb von Porto. Mitten in der Stadt kräht ein Hahn. Dona Generosa sitzt kerzengerade in ihrem Bett. «Meu Deus. – Grosser Gott, hoffentlich ist es noch nicht zu spät!» Schnell streift sie sich die Strümpfe über. Erst den rechten und dann den linken. Um das corpete, das Korsett anzuziehen, braucht sie etwas länger. So, jetzt fehlt nur noch das geblümte Polyesterkleid. Fertig. Dona Generosa begutachtet sich im Spiegel. Alles sitzt. Óptimo, wunderbar. Strammen Schrittes marschiert sie ans Fenster und schiebt die Gardinen zurück. Gespannt späht sie zum Nachbarhaus. «Que sorte! – Was für ein Glück.» Im Haus gegenüber sind die Rollläden immer noch unten. Dona Generosa kichert. «So, fertig geschlafen, meine Lieben. Jetzt heisst es aufstehen!» Dona Generosa holt ihren alten Radioapparat aus der Küche und stellt ihn auf den Fenstersims. Die Fenster hat sie weit geöffnet. Vergnügt dreht sie am Lautstärkeknopf: «Bom dia Portugal. – Guten Morgen Portugal», ruft eine gutgelaunte Moderatorenstimme in die Frische des Morgens hinaus. «Zu leise!», befindet Dona Generosa und dreht weiter am Lautstärkeknopf. Jetzt kommt der Wetterbericht. Na endlich! Im Haus gegenüber scheint sich etwas zu regen. Dona Generosa beobachtet, wie die Rollläden hinaufgezogen werden. Schnell packt sie den Staubwedel, der einsatzbereit neben dem Fenster steht. «Die sollen nur sehen, dass ich schon lange aufgestanden bin», brummt sie und

wischt mit dem Staubwedel entschlossen über das Fensterbrett. Dona Gertrude, die Nachbarin aus dem Haus gegenüber, guckt verschlafen zwischen den Vorhängen hindurch und gähnt. Dona Generosa winkt ihr energisch mit dem Wedel: «Você dorme a vida enteira. – Sie verschlafen ja ihr halbes Leben, meine Gute.» Und etwas leiser sagt sie: «Die sollte sich schämen, zeigt sich ohne Korsett am Fenster.» Jetzt schüttelt Dona Generosa ihren Staubwedel im Takt zu einer munteren Marschmusik. Nun ist auch Senhor Antonio, der über Dona Gertrude wohnt, wach geworden. Versonnen raucht er am Fenster seine erste Zigarette: «A Dona Generosa já está a traba­ lhar! – Dona Generosa ist schon an der Arbeit. Respekt!», murmelt er. «Óptimo. Das ist ja wieder wunderbar gelaufen», freut sich Dona Generosa und winkt den beiden fröhlich zu. Dann schliesst sie das Fenster und marschiert schnurstracks ins Schlafzimmer. Und während für ihre Nachbarn langsam der Tag beginnt, legt sie sich zufrieden zurück in ihr Bett, und bald darauf ist aus ihrem Zimmer ein leises, zufriedenes Schnarchen zu vernehmen. Der Text ist im Buch «Dona Generosa», Verlag Huber, Frauenfeld 2007, erstmals erschienen. KATJA ALVES ist in Coimbra, Portugal geboren. Sie arbeitete als Buchhändlerin, Radioredak­ torin und Verlagslektorin und lebt heute als Autorin von Hörspielen, Sachbüchern und Kinderromanen in Zürich.

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Kunst anschauen TEXT  KILIAN ZIEGLER

Nach einer kurzen Busfahrt, während der ich schon ver­ mutet hatte, dass Thierry wieder eine seiner Nummern abziehen würde – er war aufgekratzt gewesen, wie ein kleines Kind –, standen wir beide in einem verlassenen Industriegebäude nahe der Stadtgrenze. «Na, was hältst du davon?», fragte er, kurz nachdem er das Licht eingeschaltet hatte. «Geräumig. Etwas dreckig, aber cool.» «Nicht die Halle. Wie findest du es.» Ich schaute mich um, was hatte ich übersehen? «Es?», fragte ich. «War ja klar, du hast kein Auge für die Kunst.» Da konnte ich nicht widersprechen. Zwar gehöre ich nicht gerade zu jenen Banausen, die im Louvre ohne Um­ wege zur Mona Lisa sprinten, nur um wenig später ent­ täuscht direkt wieder hinauszueilen («Hatte ich mir grös­ ser vorgestellt»), aber beim Auseinanderhalten von grossen Malern wie Picasso, Matisse oder Pollock bekunde ich, so peinlich es ist, bereits Mühe. Ich bin mir sicher, jedes Mal, wenn ich in einem Museum versuche, die Künst­ lerin oder den Künstler eines Werkes zu benennen, stirbt irgendwo ein Kunstexperte. «Du siehst meine bisher beste Arbeit», sagte Thierry. «Grossartig, nicht wahr?» «Sorry, aber ich sehe gar nichts.» «Versuch’s nochmal, schau genauer hin.» Die leere Fläche vor mir schien mich genauso fragend anzusehen wie ich sie. Ich suchte Boden, Wände, Decke nach Details ab, doch ich konnte nichts entdecken. Als Thierry erwartungsvoll und etwas zu demonstrativ die Brauen hob, begriff ich: «Ein unsichtbares Kunstwerk?» Ich rechnete damit, dass er jede Sekunde einen Lach­ anfall bekommen und mir sagen würde, er verarsche mich. Aber darauf hätte ich lange warten können, seine Begeis­ terung war echt: «Es ist genial! Die absolute Reduktion. Es ist, ohne zu sein. Das hat es noch nicht gegeben.» «Das hat es ganz sicher schon gegeben», ich nahm mein Handy hervor, um zu googeln. «Und selbst wenn», hielt er dagegen, «dann bestimmt nicht mit meiner Handschrift.» Ich seufzte, das Geräusch war so etwas wie ein Sound­ track unserer Freundschaft. «Der Mensch ist blind für das Wesentliche der Welt. Vielleicht muss er erst einmal nichts sehen, um zu sehen, dass es überhaupt was zu sehen gibt.» Ich verdrehte die Augen – wenn ich sie schon nicht zum Sehen brauchte, dann immerhin zum Rollen. «Wenn du jetzt noch den Saint-Exupéry auspackst, von wegen ‹Man sieht nur mit dem Herzen gut›, dann sehe ich schwarz für dich. Mit Augen und Herz. Ganz ehrlich, dein 18

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FOTO: PETER HAUSER

‹Ich sehe was, was du nicht siehst› mag vielleicht ZHdK-Studis beeindrucken, und selbst das bezweifle ich, aber ich falle darauf nicht rein. Sorry.» Es war offensichtlich: Die einzige Galerie, in die es das «Werk» schaffen würde, war jene seiner Misserfolge. Und die war gross. Alle paar Wochen erzählte Thierry von einer neuen, noch nie dagewesenen Idee oder einem lebens­ verändernden Projekt. Es mag für Aussenstehende witzig klingen, aber wenn dich dein Kumpel um drei Uhr nachts anruft, nur um dir zu sagen, er schreibe an einer bahn­ brechenden Fernsehshow, in der Kinder ihren Eltern die Schulden zurückzahlen, mit dem Titel «Mini Payback Show», dann nervt das nur. Alle seine Ideen hatten eine traurige Gemeinsamkeit: Sie scheiterten. Eine erneute Niederlage durfte ich nicht zulassen. Zum einen war er trotz allem ein Freund und zum anderen wollte ich ihm nicht monatelang zuhören müssen, wie sehr er missverstanden werde und wie dumm und ah­ nungslos die Leute seien. Ich musste ihn vor einer weite­ ren Schmach bewahren – hier half nur Ehrlichkeit: «Thierry, es tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass dies als Kunst durchgeht. Die Leute werden dich als Schwind­ ler beschimpfen und deine Arbeit durchschauen, im wahrsten Sinne des Wortes.» «Die meisten Menschen erkennen Kunst selbst dann nicht, wenn sie direkt vor ihnen steht. Hast du vorhin ein­ drücklich bewiesen – nichts für ungut. Sieh’s doch mal so: Du kennst mein Werk seit zwei Minuten, und schon diskutieren wir darüber, was Kunst ist und was nicht. Was mehr kann ein Werk leisten?!» Ich atmete tief durch (ich versuchte angestrengt, nicht zu seufzen) und beschloss, dem Ganzen eine Chance zu geben: «Und wie heisst das gute Stück? Lass mich raten: ‹Durchblick›? Oder: ‹Sehen und gesehen werden›? Nein, ich hab’s: ‹Das grosse Nichts›.» «Findest du es zu gross?» Der Typ war unglaublich. «Nein, ich nenne es ‹Anschauungsunterricht›.» «Clever! Du bist ein echter Visionär.» «Spar dir den Sarkasmus.» Meine Geduld war allmählich aufgebraucht: «Sag schon, warum bin ich hier? Soll ich dir helfen, es in eine Galerie zu tragen?» «Ich dachte mir, du könntest an der Vernissage was spielen. Auf dem Klavier.» Es konnte nicht sein Ernst sein. Wie oft schon hatte ich ihn zu Konzerten meiner Band eingeladen? Ihn bei­ nahe angefleht zu kommen, weil ich mir – warum auch immer – seine Anerkennung erhoffte? Doch Thierry hatte mich nie spielen sehen. Ich muss zugeben, es war das erste Mal, seit wir in der Lagerhalle angekommen waren, dass bei mir so etwas wie Interesse aufkam: «Nun, ich hätte ein paar aktuelle Songs, ziemlich artsy, die könnten ganz gut passen. Oder ich schreibe neue Sachen, extra für die Ausstellung, Arbeitstitel: ‹Art aber herzlich›.» «Also ich dachte eher an 4'33" von John Cage.» «Du willst, dass ich viereinhalb Minuten am Klavier sitze, ohne nur einen Ton zu spielen?» «Ist dir das zu schwierig?» «Mir reicht’s, ich gehe.» Surprise 480/20

«Warte, hör mir zu! Wenn du jetzt gehst, hinterlässt du ein Loch. Man mag es nicht sehen, aber es ist da. Und es lässt mich etwas fühlen. So ist es auch bei meinem Werk hier, ich weiss einfach, dass es da ist. Und es macht mir Freude. Vielleicht ist es ja gar nicht so wichtig, was du anschaust und was nicht, sondern wie es dabei in dir aussieht.» Obwohl es Thierry, die alte Pathosschleuder, kaum schnulziger hätte formulieren können und er tatsächlich nichts anderes als den Saint-Exupéry paraphrasierte, musste ich zugeben: Ich war gerührt. (Aber vielleicht war es auch bloss der Asbest der Industriehalle, der mir die Tränen in die Augen trieb.) Ich seufzte. Nun gut. Wenn schon scheitern, dann zu­ sammen. «Ich mach’s. Aber ich werde das Lied nicht üben.» Thierry nickte zufrieden. «Glaube mir, das wird ein Erfolg.» «Wir werden sehen.» KILIAN ZIEGLER lebt in Olten, ist Slam Poet und Kabarettist. Er wurde 2018 doppelter Poetry-­Slam-Schweizermeister (im Einzel und im Team, zusammen mit Phibi Reichling) und ist derzeit mit «Geschickt», seinem dritten abendfüllenden Programm, auf Tour, bei der er vom Solothurner Musiker Samuel Blatter begleitet wird.

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Das neue Buch

FOTO: CHARLES MARKUS

TEXT  GABRIELE MARKUS

Das Ganze schien ihm derart unglaubhaft, dass er sich noch einmal in aller Ruhe vergewissern wollte. Er war ein vernünftiger Mensch, der sich gerne an Tatsachen hielt. Phantastereien waren ihm verdächtig. Nachdenklich putzte er seine Brille, setzte sie dann wieder auf und schloss, wie um Zeit zu gewinnen, nochmals die Augen. Nun würde der Spuk ein Ende haben. Doch als er das Buch ein zweites Mal öffnete, um endlich mit der ersehnten Lektüre zu beginnen, fand er sich aufs Neue irritiert. Wie schon kurz zuvor traten einzelne Silben und Buchstaben aus den geraden schwarzen Reihen und benahmen sich äusserst befremdlich. Sie warfen sich übereinander, bildeten Knäuel, verkeilten sich, um sich gleich darauf zu trennen und zu neuen Wortbildern zu paaren. Und nicht nur die erste Seite, das ganze Buch schien in wilder, ruheloser Bewegung. Wo er es auch aufschlug, überall tanzten Buchstaben und Silben vor seinen Augen, kein Wort blieb beim andern. Es war zum Verrücktwerden! Gerade als er das Buch wütend in die Ecke schleudern wollte, bildete sich ein Wort, das ihn traf: «Geist». Ärger und Enttäuschung machten sogleich einer Faszination Platz, wie sie ihn nur in den frühesten Zeiten seines Schriftstellerlebens erfüllt hatte. Damals war er nicht müde geworden, nächtelang über Ursprung und Sinn eines einzigen Wortes nachzudenken. Wenn sich ihm dann Welt um Welt öffnete, empfand er ein nie gekanntes Glück. Aber längst war er ein Vielschreiber geworden, ein Bestseller-Autor, berühmt und sehr gefragt. Längst blieb ihm keine Zeit mehr, sich um ein einzelnes Wort zu kümmern, galt es doch, immer mehr zu schreiben, immer neue, noch ergiebigere Storys zu erfinden. Brillant, zeitnah und spannend sollten sie sein, so wollte es seine grosse Leserschaft. Vor einigen Tagen war sein neuestes Buch auf den Markt gekommen, ein umfangreicher Roman, von der Fachkritik bereits mit Vorschusslorbeeren bedacht. Nun war er begierig, in seinem neuen Werk zu blättern, denn er liebte es, seine Gedanken und Formulierungen endgültig geordnet und gedruckt zu sehen. An der Brille konnte es nicht liegen, dass jetzt die Buchstaben noch frecher und provokanter aus der Reihe tanzten. Seine Augen seien in Ordnung, hatte ihm kürzlich ein namhafter Spezialist versichert, für seine sechzig Jahre sei er in bester Form. Und mit dem Kreislauf könne er zufrieden sein. Woher dann dieses Chaos? Er trat an das offene Fenster und tat einige tiefe Atemzüge. Es wird eine kleine Übermüdung sein, nichts Ernstes, redete er sich ein. Als er sich wieder setzte, war er ganz gelassen. Doch wie erschrak er, als er die ersten Seiten seines Buches nun völlig leer fand. Irritiert und verstimmt zog er sich in sein Bett zurück und schlief bald darauf ein. Er träumte von lebensgrossen Buchstaben und Silben, dekorativen Monstern, die sich zu immer neuen Wortbildern paarten und ob ihrer dreisten Selbständigkeit noch zu kichern schienen. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er sein Buch leer, von der ersten bis zur letzten Seite. Ihm wurde übel. Dem ersten heftigen Impuls, seinen Verleger anzurufen, gab er nicht nach. Später, nach dem Frühstück, fühlte er sich besser, aber das Buch blieb leer. Unfassbar! Ausgerechnet ihm, dem Realisten, musste dies geschehen! Gegen elf Uhr traf er pünktlich zur Signierstunde ein, eine soi­gnierte, elegante Erscheinung von überlegener Gelassenheit, Surprise 480/20

ganz der erfolgsgewohnte Autor. Die Leute standen bereits Schlange, als der Lautsprecher ankündigte, der berühmte Schriftsteller T. werde nun sein neues Buch signieren. Ein flüchtiger Blick in das erste aufgeschlagene Exemplar trieb ihm den Schweiss auf die Stirn. Er blickte, auf eine leere Seite tippend, nervös zum Buchhändler auf. Aber dieser lächelte zufrieden und schien keineswegs beunruhigt. Ganz im Gegenteil, sein Geschäft würde heute auf vollen Touren laufen, bei diesem Andrang. Als T. die ersten leeren Bücher signiert hatte, zitterte er noch leicht. Aber das gab sich, als ihm klar wurde, dass niemand etwas zu merken schien. Es wurde gekauft wie noch nie. Die Leute waren sichtlich aufgeschlossen, stellten gezielte Fragen, formulierten Widmungswünsche und dankten anschliessend mit gebührendem Respekt. Einige ganz Beflissene begannen sogleich zu lesen, während die Fernsehkameras surrten. Am Ende zählte der Abteilungschef 227 verkaufte Exemplare. Ein glanzvolles Ergebnis, das noch gefeiert werden musste. Der Verleger hielt eine Rede, in der er seiner Meinung Ausdruck gab, dieses Buch sei in jeder Hinsicht das Beste, das der erfolgreiche Autor bisher geschrieben habe. Es werde die Bestsellerlisten stürmen, ein Grosserfolg sei ihm gewiss. Den seltsamen Ausdruck im Gesicht des Schriftstellers T. nahm niemand wahr. Er hatte ausgesorgt. Schliesslich war es nicht seine Schuld, dass die Leute nichts merkten. Sollten sie in dem Buch lesen, was sie wollten. Er wusste seit heute, dass nichts darin stand. Der Text stammt aus «Das Geschichtenhaus», Erzählungen, erschienen bei Edition Isele, 2013. GABRIELE MARKUS lebt als Schriftstellerin und Gesangspädagogin in Zürich. Von ihr wurden Prosa, mehrere Lyrikbände und der Kindheitsroman «Zug­ vögel wir legen uns auf den Wind» publiziert und einzelne Gedichtzyklen vertont. Mehrere Auszeichnun­ gen, unter anderem Ehrengabe und Werkhalbjahr der Stadt Zürich.

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Kalte Füsse TEXT  LAURA DE WECK

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Ernst: Woran denn? Margrit: Das liegt daran, dass alle nur noch an sich denken, Ernst. Keiner mehr denkt an die Gemeinschaft, an die Familie. Alle wollen nur noch ihre eigenen Ziele verwirklichen, all diese Individualisten. In dieser modernen Welt, wo eine Beziehung gar nichts mehr wert ist und sofort beendet wird, wenn’s kompliziert wird. Daran liegt es. Ernst: Aber auch die Nationen denken alle nur noch an sich, Margrit. Keiner mehr denkt an die Gemeinschaft, an die Union. Alle wollen nur noch ihre eigenen Ziele verwirklichen, all diese Nationalisten. In dieser modernen Welt, wo bilaterale Verträge gar nichts mehr wert sind und sofort beendet werden, wenn’s kompliziert wird. Daran liegt es. Margrit: Die Menschen sind einsam, weil Familienbande auseinanderbrechen, nicht weil Staatenbunde auseinanderbrechen. Jetzt schlaf doch endlich. Ernst: Aber warum bricht alles zeitgleich auseinander, Margrit? Das kann kein Zufall sein. Warum bleiben die Menschen und Nationen nicht mehr beisammen? Margrit: Dass du jetzt um diese Uhrzeit noch so rumdenken musst, Ernst. Ernst: Ist ja gut ... Margrit: Gut’ Nacht. Ernst: Gute Nacht. Margrit: Ach, Ernst ... Jetzt kann auch ich nicht mehr schlafen. Ernst: Du, die Ministerin hat gesagt, man könne sich von der Einsamkeit erholen und genesen, wenn man vertrauensvolle Beziehungen aufbaue. Margrit: Ah ja? Ernst: Ja. Margrit: Mm. Ernst: Gut’ Nacht. Margrit: Du, Ernst. Ernst: Ja? Margrit: Komm, gib sie mir rüber, deine kalten Füsse. Dieser Text wurde erstmals 2018 im Tages-Anzeiger publiziert. Weitere Kolumnen sind erschienen in «Politik und Liebe machen», Diogenes Verlag, Zürich, 2016. LAURA DE WECK , studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Zürich. Bis 2009 war sie Ensemble-Mitglied am Schauspielhaus Hamburg. Ihr erstes eigenes Theaterstück «Lieblingsmenschen», wurde für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Mehrere Stücke und eigene Performances folgten. Mit «Direkt Demokratisch Love» ist sie in Deutschland und in der Schweiz auf Tour.

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FOTO: JANINE GULDENER

Margrit und Ernst im Ehebett. Margrit: Gut’ Nacht. Ernst: Gute Nacht. Margrit: Komm mir nicht zu nah mit deinen kalten Füssen. Ernst: Ist gut ... Margrit: Was tust du denn so zappeln? Ernst: Ich zappel nicht, ich denke nur nach. Margrit: Was denkst denn du so angestrengt? Ernst: Ich denk ... Ich denk an England. Margrit: So weit denkst du? Ernst: Ja. Dort haben die ein Ministerium gegründet, für Einsamkeit. Margrit: Was? Ernst: Doch sicher, mit einer Einsamkeitsministerin. Margrit: Soso. Ernst: Ja, weil Einsamkeit mache krank. Bluthochdruck, Depression, Demenz, und früher Sterben tue man auch. Margrit: So ein Blödsinn. Ernst: Doch, Forscher aus Amerika haben rausgefunden, dass Einsamkeit genauso schädlich sei wie Rauchen oder Übergewicht. Margrit: So. Ernst: In der Schweiz fühlt sich auch jeder Dritte einsam. Junge und Alte. Es sei wie eine versteckte Epidemie. Immer öfter passiert es, dass einer stirbt, und es dauert Monate, bis ein Mensch den Toten vermisst. Margrit: Ich find dich schon, wenn du ein Toter bist, Ernst, und jetzt schlaf. Ernst: Ich muss aber an all die Leut’ denken, wo jetzt irgendwo einsam sitzen. Margrit: Heutzutage kann man im Internet mit der ganzen Welt plaudern. Und dann gibt es etliche Vereine, wo man sich engagieren kann, und Liebesbörsen, wo man einen Lebenspartner treffen kann. So schlimm wird’s nicht sein. Ernst: Man kann auch in der Partnerschaft einsam sein. Margrit: Was willst jetzt damit sagen? Ernst: Nichts. Margrit: Ich bin doch hier, neben dir. Ernst: Ja schon. Margrit: Eben, also schlaf jetzt, Ernst. Ernst: Ich denk nur, woran das liegt, dass wir so einsam sind. Margrit: Wir sind nicht einsam. Ernst: Schon, aber ich frage mich, warum ausgerechnet in England jetzt dieses Ministerium gegründet wird. Ob’s was mit dem Brexit zu tun hat? Margrit: Nein, Ernst, das liegt nicht an der Politik, dass die Leut’ allein rumsitzen.


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Kreuzworträtsel Wer rätselt, gewinnt: Finden Sie das Lösungswort und schicken Sie es zusammen mit Ihrer Postadresse an: Surprise ­Strassenmagazin, Münzgasse 16, 4051 Basel oder per E-Mail mit Betreff «Rätsel 480» an info@surprise.ngo

Zu gewinnen: Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir 10 Gutscheine für einen Sozialen Stadtrundgang in Bern, Basel oder Zürich. Einsendeschluss ist der 9. August 2020. Viel Glück!

Tipp: Das Lösungswort kommt in einem der Texte dieser Ausgabe vor. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden unter den richtigen Einsendungen ausgelost und persönlich benachrichtigt. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt.

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Sudoku Füllen Sie die leeren Felder mit den Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, in jeder Spalte und jedem der neun 3 × 3-Blöcke nur ein Mal vorkommen. Die Lösungen finden Sie in der nächsten Surprise-Ausgabe.

Leicht

Mittelschwer

4 3 5 9 3 8 7 1

7

9 3 1 2 8 2 6 3 9 8 5 4 8 3 9

2 5 6 6 5 2 3 1 raetsel.ch 349672

8 4

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2 5 3

3 1 7 5

4 6 9 8 2

1

7 3 1 8

4 6 1 8 8 3 5

9 3

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Mittelschwer

5 4 1 8

9

Teuflisch schwer

6

6

7 1 8 4 9 7 2 4 3 1 6 7 9 1 4 3 8 6 7

3

5 1 9 2 5 9 4 3 7 1 8 3 9 9 6 3 5 8

3

1 7

2 3 5 7

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IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit. Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist.

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Wie viele Surprise-Hefte müssten Sie verkaufen, um davon in Würde leben zu können? Hätten Sie die Kraft?

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Eine von vielen Geschichten 01 Beat Hübscher, Schreiner, Zürich 02 Dietke Becker, Physiomovimento, Männedorf 03 Stefan Westermann Immo DL, Lützelflüh 04 Praxis PD Dr. med. Uwe Ebeling, Bern 05 Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-Rüti 06 Gemeinnütziger Frauenverein Nidau 07 Sublevaris GmbH, Brigitte Sacchi, Birsfelden 08 Brother (Schweiz) AG, Dättwil 09 Senn Chemicals AG, Dielsdorf 10 Stoll Immobilientreuhand AG, Winterthur 11

Scherrer & Partner GmbH, Basel

12 TopPharm Apotheke Paradeplatz 13 Coop Genossenschaft, Basel 14 Gemeinnützige Frauen Aarau 15 VXL, gestaltung und werbung, Binningen 16 Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Zürich 17 Yogaloft, Rapperswil 18 Madlen Blösch, Geld & so, Basel

Ricardo Da Costa verliess 2003 GuineaBissau, wo seine Familie immer noch lebt. Der Mechaniker arbeitete zuerst als Bauarbeiter in Portugal und Italien. 2013 kam er in die Schweiz. Wenige Tage nach seiner Ankunft wurden ihm alle Wertsachen gestohlen und er stand er ohne Papiere da. Auf der Gasse lernte er einen Strassenmagazin-Verkäufer kennen und verkauft seither auch. «Ich bin froh, bei Surprise zu sein», erzählt Ricardo. «Manchmal komme ich traurig ins Büro und gehe mit einem Lächeln auf dem Gesicht wieder raus.» SurPlus ist für ihn eine grosse Unterstützung: Das ÖV-Abo ermöglicht Mobilität beim Heftverkauf und bei Schwierigkeiten stehen ihm die Mitarbeitenden mit Rat und Tat bei.

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19 Zubi Carosserie, Allschwil 20 Kaiser Software GmbH, Bern 21 Schluep & Degen, Rechtsanwälte, Bern 22 RLC Architekten AG, Winterthur 23 Stellenwerk AG, Zürich & Chur 24 Neue Schule für Gestaltung, Bern 25 SpringSteps GmbH, Bülach Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: PC 12-551455-3 IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Nicole Huwyler Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 50 I marketing@surprise.ngo

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Wir alle sind Surprise #476: Wir sind wieder da

#478: Sucht

#476: Nicht mein Krieg

«Super Schutzkonzept»

«Unterschied im Suchtpotenzial»

«Kaum positive Nachrichten»

Dieser Artikel ist einmalig gut geschrieben, ganz herzlichen Dank. Nicht zu tränendrüsig, und doch geht er unter die Haut und noch tiefer. Zum kurzen Artikel «Mittendrin»: Wurde er von Urs Habegger in eigener Regie geschrieben? Ich muss schauen, dass ich ihm einmal begegnen kann, um ihm ein Kompliment zu machen.

Es ist ein Riesenunterschied im Suchtpotenzial von Cannabis im Vergleich mit Kokain und Opiaten. Ich möchte nicht im Strassenverkehr auf Fahrer treffen, die auf Koks oder Heroin sind. Ausserdem ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass diese Menschen sozial absteigen und zu Sozialhilfefällen werden. Ich arbeite mit Menschen, die durch diese zwei Substanzen seit Jahrzehnten in Institutionen untergebracht sind. Die Jüngeren unter ihnen haben meistens Eltern oder Elternteile, die auch schon im Opiat- und Kokain­elend stecken oder steckten.

Gerne habe ich das Surprise gekauft. Nun bin ich fertig mit der Lektüre und auch etwas deprimiert. Mir ist aufgefallen, dass die meisten Artikel über Probleme, Krieg, Krankheit berichten. Das verstehe ich schon, jedoch ist es für mich dasselbe wie Nachrichten oder Fernsehen, wo es kaum positive Nachrichten gibt. Meine Anregung: etwas Aufgestelltes würde dem Magazin gut stehen. So wie die Menschen, die das Magazin aufgestellt verkaufen.

M. JABERG,  ohne Ort

S. REGENASS,  Facebook

M. ROSEBROCK,  Niedergösgen

Habe mich sehr darüber gefreut und natürlich sofort eine gekauft. Super Schutzkonzept! Herzlichen Dank dafür. K. HOFMANN,  Facebook

#477: Ein Gläschen in Ehren/Mittendrin

«Unter die Haut und tiefer»

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 Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Rahel Nicole Eisenring, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Isabel Mosimann, Fatima Moumouni, Stephan Pörtner, Sarah Weishaupt, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Katja Alves, Marie Brion, Alexandra Guellil, Gabriele Markus, Milena Moser, Les Reines Prochaines, Peter Stamm, Laura de Weck, Priska Wenger, Kilian Ziegler Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Geneh­ migung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik Druck  AVD Goldach Papier  Holmen TRND 2.0, 70 g/m2, FSC®, ISO 14001, PEFC, EU Ecolabel, Reach Auflage  29 500 Abonnemente  CHF 189, 25 Ex./Jahr Helfen macht Freude, spenden Sie jetzt. Spendenkonto:
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FOTO: ALEXANDRA GUELLIL

Internationales Verkäufer-Porträt

«Die Welt lächelte zurück» Als seine Eltern sich trennten, war Simon acht Jahre alt. Damals habe er seinen sozialen Halt verloren, erzählt der heute 37-Jährige. «Das war das Ende eines perfekten, normalen Lebens.» Simon wurde zum Rebell und schon bald aus der geliebten Schule ausgeschlossen. Für den Jungen brach eine Welt zusammen. Er begann Haschisch zu rauchen. Mit schlimmen Folgen: «Je mehr ich rauchte, desto weniger wollte ich zur Schule gehen», erinnert sich Simon. So verliess er die Schule, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und begann, regelmässig Drogen zu kon­ sumieren. Mit sechzehn Jahren landete er zum ersten Mal auf der Strasse. Der Vater bat die kanadische Jugendschutzbehörde um Hilfe, und Simon wurde in ein Heim gesteckt. Schon nach wenigen Tagen versuchte er zusammen mit anderen Jungs wegzulaufen. Doch sie wurden von den Schulwärtern erwischt. Den einen von ihnen hat Simon angegriffen und verprügelt. Da­ raufhin wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Während acht Monaten war Simon zwanzig Stunden täglich in einer Zelle eingesperrt, jeder Kontakt mit anderen Menschen wurde ihm verboten. Das war eine schwere Zeit, erzählt Simon. «Das Ganze hat mich zermürbt, ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig.» Als er aus dem Gefängnis kam, wurde er in ein neues Heim gebracht, wo er eine Lehre zum Bäcker begann und nebenher den High-School-Abschluss machte. Während dieser Zeit war er clean und hatte viele Pläne. Doch die Drogen waren am Ende stärker. Simon wurde mit Kokain erwischt und zu einer sechsmona­ tigen Haftstrafe verurteilt. Es ging einige Jahre, bis er eines Tages per Zufall seinen Vater traf. «Mir ging es nicht gut, er sah das sofort und fragte mich, ob ich nicht für einige Tage zu ihm kommen wolle.» Aus ein paar ­Tagen wurden acht Jahre, die Simon bei seinem Vater in Sainte-­Adèle verbrachte. «Ich brauchte wirklich eine Pause. Es war der Beginn einer wunderbaren Zeit. Ich hatte Arbeit im Dorf und lernte neue Freunde kennen, die mir gegenüber keine Vorurteile hatten.» Simon gründete eine Familie. Doch als sein Vater starb, erlitt er einen Rückschlag. «Er war mein Mentor. Als er plötzlich weg war, ging es wieder bergab.» Das war vor sechs Jahren. Simon verlor seinen Job, seine Freunde zogen weg, seine Frau verliess ihn und nahm die Kinder mit. Er litt unter Depressionen, kehrte nach Montréal zurück und landete wieder auf der Strasse. «Es war wie früher, die Drogen, die Freunde – nur dass ich jetzt wusste, wie das Glück schmeckt.» 30

Simon, 37, verkauft das Strassenmagazin L’Itinéraire in Montréal, Kanada, und ist dankbar für den Tritt in den Hintern, den er bekommen hat.

Dann traf Simon Jean-Paul, der das Strassenmagazin L’Itinéraire verkaufte. «Wir kamen sofort ins Gespräch, er verstand meine Lage, rief bei den Leuten von L’Itinéraire an und sagte: ‹Ich schicke euch einen neuen Verkäufer vorbei.›» Simon stieg bei L’Itinéraire ein. «Sie gaben mir fünf Hefte in die Hand und sagten: ‹Willkommen zuhause.› Das war völlig ungewohnt für mich, es war eine Welle der Liebe, die ich dort erfahren durfte. Am Wichtigsten aber war, dass mir Menschen ihr Vertrauen schenkten.» Simon ging mit den Zeitungen auf die Strasse und verkaufte sie innerhalb von drei Minuten. «Zuerst war ich unsicher. Dann begann ich zu lächeln, und die Welt lächelte zurück. Das war, was ich gebraucht hatte. Das Lächeln der Menschen, die Gespräche mit ihnen. Sie geben mir Kraft, wenn ich an Depressionen leide.» Dank L’Itinéraire hat er inzwischen auch ein neues ­Zuhause gefunden. Das alles, sagt Simon, habe er eigentlich Jean-Paul zu verdanken. «Er hat mir einen Tritt in den Hintern gegeben und mir damit wohl das Leben gerettet.»

Aufgezeichnet von MARIE BRION Übersetzt von KL AUS PETRUS Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von L’ITINÉR AIRE/INSP.NGO

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4 5 2 6 1 98 39 13 87 2 GESCHICHTEN GESCHICHTENVOM VOM FALLEN FALLEN 7 3 8 9 5 84 26 61 52 4 Lösungen der Rätsel aus Ausgabe 479 6 1 9 2 3 57 74 48 95 6 UND UND AUFSTEHEN AUFSTEHEN Kreuzworträtsel

Sudoku

Lösungswort: GABELNACKEN. Wir entschuldigen uns für unseren falschen Tipp, dass das Wort im Heft vorkomme: Gemeint gewesen wäre ­GABELKNACKEN aus dem Text «Antipasti». Die Gewinner werden benachrichtigt.

Lösungen für Teilauflage Basel und Bern:

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Kaufen KaufenSie Siejetzt jetztdas dasBuch Buch«Standort «StandortStrasse Strasse––Menschen MenschenininNot Notnehmen nehmen Leicht Mittelschwer 7eine 55 32 61 9 8 4 7 3 9 6 das dasHeft Heftinindie dieHand» Hand»und undunterstützen unterstützenSie Sieeinen einen oder eine 9 3 1 8 2 7 4 5 6 4 5Verkäufer 2Verkäufer 6 1 8 9 3oder 7 2 68 5 42 3 713 86 9 53 4 68 1 2 2 84 Verkäuferin Verkäuferinmit mit1010CHF. CHF. 5 7 97 7941 1

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Teuflisch schwer

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BETEILIGTE CAFÉS

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IN BASEL Bäckerei KULT, Riehentorstrasse 18 | Bäckerei KULT, Elsässerstr. 43 BackwarenOutlet, Güterstr. 120 | Bohemia, Dornacherstr. 255 | Elisabethen, Elisabethenstr. 14 | Flore, Klybeckstr. 5 | Haltestelle, Gempenstr. 5 | FAZ Gundeli, Kultur Solidaritätsgeste Dornacherstr. 192 | Oetlinger Buvette, Unterer Rheinweg | Quartiertreffpunkt Kultur Solidaritätsgeste Kleinhüningen, Kleinhüningerstr. 205 | Quartiertreffpunkt Lola, Lothringerstr. 63 Les Gareçons, Badischer Bahnhof | Manger & Boire, Gerbergasse 81 | Da Sonny, Vogesenstr. 96 | Didi Offensiv, Erasmusplatz 12 | Radius 39, Wielandplatz 8 Café Spalentor, Missionstr. CAFÉ 1 | HausBAR Markthalle, Steinentorberg 20 | Treffpunkt Breite, STRASSENZürcherstr. 149 IN BERN Kairo, Dammweg 43 | MARTA, Kramgasse 8 Café MondiaL, STRASSENCAFÉ CHOR SURPRISE Eymattstr. 2b | CaféSURPRISE Tscharni, Waldmannstr. 17a | Lehrerzimmer, Waisenhausplatz 30 CHOR LoLa, Lorrainestr. 23 | Luna Llena, Scheibenstr. 39 | Brasserie Lorraine, Quartier­ gasse 17 | Rest. Dreigänger, Waldeggstr. 27 | Rest. Löscher, Viktoriastr. 70 Rest. Lebensfreude ZugehörigkeitsSous leZugehörigkeitsPont – Reitschule, Neubrückstr. 8 | Rösterei, Güterstr. 6 | Treffpunkt Azzurro, Lebensfreude Lindenrain 5 gefühl | Zentrum 44, Scheibenstr. 44 | Café Paulus, Freiestr. 20 Becanto, gefühl Bethlehemstr. 183 | Phil’s Coffee to go, Standstr. 34 IN BIEL Treffpunkt Perron bleu, Bahnhofplatz 2d IN DIETIKON Mis Kaffi, Bremgartnerstrasse 3a IN FRAUENFELD EntwicklungsBe You Café, Lindenstr. 8 IN LENZBURG feines Kleines, Rathaus­ BEGLEITUNG Unterstützung Erlebnis Entwicklungsmöglichkeiten gasse 18 IN LUZERN Jazzkantine zum Graben,STRASSENGrabenstr. 8 | Meyer Kulturbeiz, BEGLEITUNG UND Unterstützung Erlebnis möglichkeiten STRASSENBundesplatz 3 | Blend Teehaus, Furrengasse 7 | Quai4­Markt Baselstrasse, Baselstr. 66 FUSSBALL UND BERATUNG FUSSBALL Rest. Quai4, Alpenquai 4 | Quai4­Markt Alpenquai, Alpenquai 4 Pastarazzi, Hirschen­ BERATUNG graben 13 | Netzwerk Neubad, Bireggstr. 36 | Sommerbad Volière, Inseli Park | Rest. 3 | Arlecchino, Habsburgerstr. 23 IN MÜNCHENBUCHSEE Job Brünig, Industriestr. Expertenrolle & café, Bernstr. 2 IN MÜNCHENSTEIN Bücher­ und Musikbörse, Job tuorina boutique Expertenrolle Emil­Frey­Str. 159 IN NIEDERDORF Märtkaffi am Buuremärt IN OBERRIEDEN Strandbad Oberrieden, Seestr. 47 IN OLTEN Bioland Olten, Tannwaldstr. 44 IN RAPPERSWIL Café good, Marktgasse 11 IN SCHAFFHAUSEN Kammgarn­Beiz, SOZIALE Baumgartenstr. 19 IN STEIN AM RHEIN Raum 18, Kaltenbacherstr. 18 STRASSENSOZIALE IN ST. GALLEN STADTRUNDS’Kafi, Langgasse 11 IN WINTERTHUR Bistro Dimensione, STRASSENMAGAZIN Neustadtgasse 25STADTRUNDIN GÄNGE ZÜRICH Café Zähringer, Zähringerplatz 11 MAGAZIN GÄNGE Cevi Zürich, Sihlstr. 33 | Quartiertreff Enge, Gablerstr. 20 | Flussbad Unterer Letten, Wasserwerkstr. 141 | Kafi Freud, Schaffhauserstr. 118 Information PerspektivenKumo6, Bucheggplatz 4a | Sport Bar Cafeteria, Kanzleistr. 76

Café Surprise – eine Tasse Solidarität Zwei bezahlen, eine spendieren. SURPRISE WIRKT Information

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Perspektivenwechsel Weitere Informationen: surprise.ngo/cafesurprise wechsel

Surprise unterstützt seit 1998 sozial benachteiligte Menschen in der Schweiz. Unser Angebot wirkt in doppelter Hinsicht – auf den armutsbetroffenen Menschen

NS_Kurzportraet_GzD_Layout 1 benachteiligte 09.05.17 15:43 Seite und aufSurprise die Gesellschaft. Wir arbeiten nicht gewinnorientiert, finanzieren uns ohne staatliche sind aufHinsicht Spenden Fördergelder angewiesen. Spenden auch Sie. 455/19 Surprise unterstützt seit 1998 sozial Menschen in der1Schweiz. Unser Angebot Gelder wirkt inund doppelter – und auf den armutsbetroffenen Menschen surprise.ngo/spenden | Spendenkonto: PC gewinnorientiert, 12-551455-3 | IBAN CH11 0000 1455 3Gelder und sind auf Spenden und Fördergelder angewiesen. Spenden auch Sie. und auf die Gesellschaft. Wir arbeiten nicht finanzieren uns ohne1255 staatliche NS_Kurzportraet_GzD_Layout 1 09.05.17 15:43 Seite 1 0900 surprise.ngo/spenden | Spendenkonto: PC 12-551455-3 | IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3

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So schützen wir uns gemeinsam beim Magazinkauf! Liebe Kundinnen und Kunden Wir waren alle lange im Lockdown und können nun dank den gelockerten Massnahmen endlich wieder das Surprise Strassenmagazin verkaufen. Das macht uns sehr froh. Damit dies so bleibt, bitten wir Sie, unsere Verkaufsregeln und die Hygieneregeln des BAG einzuhalten. Vielen lieben Dank!

Halten Sie Abstand. Merci für Ihre Solidarität und danke, dass Sie uns treu bleiben. Bis zum nächsten Mal auf der Strasse. Die Surprise-Verkäuferinnen und -Verkäufer. 32

Die Heft- und Geldübergabe erfolgt via Kessel.

Zahlen Sie möglichst passend in den Kessel.

Nehmen Sie das Heft bitte selber aus dem Kessel.

Wir haben Desinfektionsmittel dabei.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: info@surprise.ngo Surprise 455/19


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