SUPPAN
Dénesh Ghyczy
Der ideale Raum
Dénesh Ghyczy. Der ideale Raum „Ein Raum, der aktiv geworden ist, der blüht, reift und vergeht. Im Gegensatz zum <Raum als Grenze>. Die Vorstellung des Raumes fast immer mit der Passivität verbunden. […] Im Gegensatz dazu ein handelnder Raum, wo die Körper nur Flugbahnen wären. […] Ein richtig verstandener Raum umfasst ein großes Spiel von Öffnungen, Zirkulationen, Wechselbeziehungen und Durchdringungen […].“ (André Masson, „Abschweifungen über den Raum“, 1948/49)
In der Ausstellung Der ideale Raum kehrt Dénesh Ghyczy zu dem zeitlosen, tief in der DNA seines Œuvres verankerten Thema der Dialektik des Drinnen-und-Draußen zurück. Er schließt damit an die ältere Inside Outside-Serie an und geht in der malerischen Befragung einer dynamischen Wahrnehmung von Raum über diese hinaus. So geraten in seinen neuesten Werken ikonische Orte moderner Architektur durch ihre Übertragung in das Medium der Malerei in zuweilen prekäre Verhältnisse. Boardwalk, eines der zentralen Bilder der Ausstellung, zeigt in einer intensiven Farbpalette, wie sich die offene, modernistische Stahlkonstruktion einer Strandpromenade, eingebettet in die sie umgebende Natur, im Spiel von Licht und Schatten aufzulösen scheint. Malerische Entscheidungen, wie die Wahl von Farben und Pinsel, die Varianz im Farbauftrag, der teilweise durch den Einsatz von Klebestreifen und Stickern wieder abgetragen wird, dominieren das Bildgeschehen und unterwandern die streng orthogonale Gerüststruktur. Noch weiter treibt der Künstler den Prozess der Abarbeitung an der Textur seiner Bilder in System, einer ausschnitthaften Darstellung des transparenten Glaskörpers der Fondation Cartier von Jean Nouvel in Paris. Während sich die fluide Architektur des Museumsbaus symbiotisch mit der Natur arrangiert, ereignet sich auf der Fläche der Leinwand ein piktoraler Wettstreit zwischen Vegetation und Konstruktion, Chaos und Ordnung, zwischen der zentralperspektivisch organisierten, architektonischen Struktur und der ausufernden, malerischen Pflanzenwelt. Man könnte meinen, dass hier der Idee des illusionistischen Bildraums, im Geiste Leon Battista Albertis berühmter Metapher des Bildes als Fenster zur Welt, mit der Flächigkeit der Leinwand konkurriert, die durch die Gitterstruktur betont wird. Dass dies nicht notwendigerweise der Fall ist, dass das Gitter, das Fenster, die Glasfassade sich in ihrer Durchlässigkeit mit der Natur verschwistern, das Drinnen und Draußen versöhnen, belegen nicht nur zahlreiche Beispiele zeitgenössischer Architektur. Ghyczys Gemälde finden für dieses Phänomen des Porösen und Fluiden, für den Verzicht auf klare räumliche Abgrenzungen zu Gunsten eines radikal dynamischen Raumverständnisses, eine adäquate malerische Ausdrucksform, die gleichzeitig die Bildfläche überwindet und in ihrer Materialität feiert.
Das Bild Museum tanzt in mehrfacher Hinsicht aus der Reihe. In erster Linie, indem es eine ganz andere, in der Museumsarchitektur durchaus gebräuchliche, Möglichkeit der Öffnung offeriert, nämlich der des Deckenfensters, oder wie es in der Fachsprache heißt: des Oberlichts. Davon abgesehen präsentiert sich der klassische Museumssaal ungewöhnlich geschlossen, karg und grau. Einzig eine Figurengruppe, bestehend aus drei sitzenden Rückenfiguren und einer Großteils verdeckt liegenden Gestalt, bevölkert den bühnenhaften Raum. In Aktion treten jedoch nicht die Figuren. Vielmehr entspinnt sich das Geschehen auf der Ebene der Malerei selbst, in den breiten rosaroten Schlieren, die wie Fetzten von der Decke hängen, im Raum flottieren und das Haus buchstäblich als Ruine demaskieren. Wie ideal dieser Raum ist? Vielleicht hat er seine beste Zeit hinter sich. Oder aber man fragt die jungen Leute, die da einfach so abhängen. Wie der ideale Raum im Privaten aussehen könnte, lässt der Künstler in Private Utopia durchblicken. Das Bild stellt einen sonnendurchfluteten, stilvoll und gemütlich eingerichteten Wohnraum dar, in dem eine junge, in ihr Buch vertiefte Frau mit hochgezogenen Beinen auf einem Sofa platzgenommen hat. Wie so oft in Ghyczys Arbeiten erscheint die Figur melancholisch und weltfremd. Der im Œuvre des Künstlers häufig vorkommende kunsthistorische Topos der Rückenfigur deutet darauf hin, dass diese zumeist einzeln auftretende Figuren weniger einer Narration dienen, denn als Einstiegs- und Identitifikationsmoment für die Betrachter_innen. Sie erfüllen damit eine Funktion im Bildraum, ähnlich einem Vektor, der eine Blickachse oder Bewegungsrichtung andeutet. Das eigentliche Drama spielt sich auf einer anderen Ebene als der Figürlichen ab, es ereignet sich in der malerischen Darstellung flüchtiger Phänomene, wie Licht und Schatten, Glanzlichter und Spiegelungen, in wellenförmig wogenden Pinselstrichen, die sich wie ein schwebender Klangteppich über die Bildfläche ausbreiten. Es scheint, als wäre die Harmonie, die flirrende Atmosphäre in Ghyczys Werken einem permanenten dialektischen Balanceakt geschuldet, einem Abarbeiten an den Möglichkeiten, die ihm das Medium der Malerei zur Verfügung stellt, sowie an den Verhältnissen von Drinnen und Draußen, Architektur und Natur, Ordnung und Chaos, Kontrolle und Zufall, und als wäre der ideale Raum das Fixieren eines Moments der Stille in diesem Prozess des ständigen Abwägens und Ausschweifens im großen Spiel von Öffnungen, Zirkulationen, Wechselbeziehungen und Durchdringungen. Alexandra Hennig
Boardwalk, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 170 x 250 cm
Corner, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 30 x 40 cm
Dessau, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 160 x 210 cm
Sonnenterrasse, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 125 x 165 cm
Museum, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 180 x 160 cm
Vintage, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 40 x 60 cm
Private Utopia, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 100 x 105 cm
Yoga Attic, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 60 x 90 cm
Waldblick, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 85 x 100 cm
Factory, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 70 x 90 cm
System, 2023 Öl/ Acryl auf Leinwand 160 x 140 cm
DÉNESH GHYCZY Geboren (1970) in Deutschland, lebt und arbeitet in Österreich AUSBILDUNG 1988-1990 studies at Gerrit Rietveld Academy, Amsterdam 1990-1991 studies at Art Academy, Budapest 1991-1992 studies at St.Luc Academy, Brussels 2014 Pantocrator art residency, Shanghai Budapest Art Factory residency (BAR), Budapest 2017 CHB Atelier, residency at Collegium Hungaricum, Berlin EINZELAUSSTELLUNGEN 2023 Der ideale Raum, SUPPAN, Vienna Soul Garden, Kunstverein Bad Nauheim, Germany 2022 Sweet Serenety, Galerie Barbara Ruetz, Munich (catalogue) Im Glashaus, Kunstverein Aichach, Deutschland (catalogue) Jardin Zoologique, Emmanuel Walderdorff Galerie, Molsberg, Germany 2021 Biospheres, SUPPAN, Vienna Stage of Life, Erlas Galerie, Traunkirchen, Austria 2020 The Open Window, SUPPAN, Vienna Lichträume, Emmanuel Walderdorff Galerie, Molsberg, Germany 2019 Panoramic Vision, Faur Zsófi Gallery, Budapest (dual show with György Gáti) 2018 Wavelength, Odon Wagner Gallery, Toronto (catalogue) Solo presentation at Paper Positions Berlin with Westphal-Berlin 2017 Between Lines, Balassi Institute, Helsinki and Tallinn Unknown Frequencies, Westphal-Berlin, Berlin (catalogue) 2015 Fragmentiert, Brennwald Galerie, Kiel Close Up, Greskewitz Kleinitz Galerie, Hamburg Wall Painting Project, Povvera, Berlin 2014 Das fremde Selbst, Galerie Robert Eberhardt, Berlin Insight Inside, Pantocrator Gallery, Shanghai Spectral, Whiteconcepts, Berlin (with Greg Murr) El Acto de Ser, Alejandro Gallery, Barcelona 2013 Die Gefühlte Mitte, Klettgau Galerie, Klettgau-Grießen Chaque Etre Humain, 5 Pieces Gallery, Bern 2012 Echo Vision, Neonchocolate Gallery, Berlin 2010 Mind Out Of Time, Erika Deák Gallery, Budapest (catalogue) Tuning In, Galerie kulturreich, Hamburg (curated by Uwe Goldenstein) 2008 Hybriden, Berlin Art Scouts, Berlin (curated by Marc Wellmann) Mental Collage, Erika Deák Gallery, Budapest 2006 Observations, Vizivárosi Galéria, Budapest (with Tibor Iski Kocsis) 2005 Second Layer, Galerie Emmanuel Walderdorff, Cologne 2004 Between Two Worlds, Erika Deák Gallery, Budapest Reflections, Kunstraum die Rampe, Bielefeld 2003 Glass and the Maiden, Ignác Tragor Museum, Vác, Hungary Vakuum - Raum, Goethe-Institute, Budapest Fragile, Erika Deák Gallery, Budapest
GRUPPENAUSSTELLUNGEN 2023 Studio 85, Galerie Lachenmann, Frankfurt/Main Zoologischer Garten, Neues Museum Schloss Sayn, Bendorf Juxtopose, Sägewerk Rumplmayr, Altmünster 2022 When Painting Kicks In, SUPPAN, Vienna Intuit Distance, SUPPAN Schaulager, Vienna, curated by Lina Albrikiene Symbiosen, Emmanuel Walderdorff Galerie, pop-up in Hamburg 2021 SINNESRAUSCH, SUPPAN, Vienna 2020 Summer Show, SUPPAN, Vienna RED, SUPPAN, Vienna 2019 A Selection, SUPPAN, Vienna Preparing For Darkness Vol. 4, Selected Artists, Kühlhaus, Berlin Summer Show, SUPPAN, Vienna 2018 Greetings from Molsberg, Galerie Britta von Rettberg, München Unforgettable? Unforgettable!, Greskewitz Kleinitz Galerie, Hamburg (catalogue) Magic, Emmanuel Walderdorff Galerie, Molsberg 2017 Enter Art Foundation, EAF Multipolster, Berlin (catalogue) 2016 Widerkunst, Holzmarkt, Berlin 2014 Sunland, EBPC Free Trade Zone, Shanghai Drive the Change, 100 Plus, Zürich (curated by Annette Spesshardt Portatius) 2011 Young European Landscape, Collegium Hungaricum, Berlin (catalogue) Ungarische Gegenwartskunst aus Berlin, Hungarian Ambassy, Berlin (with Gábor A.Nagy, Adam Bota and Konstantin Déry) 2010 I‘m Not There, Collegium Hungaricum, Berlin (catalogue) On Paper, Erika Deák Gallery, Budapest Jahresgaben, Leopold Hoesch Museum, Düren 2008 10 Years, Erika Deák Gallery, Budapest Fragile Welten, Galerie im Park, Bremen (catalogue) 2007 Ungarischer Sommer, Kunstraum B, Kiel (with Lilla von Puttkamer) Junge Kunst aus Ungarn, die Drostei, Pinnberg Life Spotting, Vonderbank Galerie, Berlin (with Jörg Lohse and Anne Wölk) 2005 Analogue, Szinyei Salon, Budapest (with Tamás Fuchs and László Györffy) 2004 Mediafactory: Interface, former Zsolnay Factory, Pécs, Ungarn Techno realism?, Institute of Contemporary Art, Dunaújváros,Hungary (catalogue) 2003 Portrait, Erika Deák Gallery, Budapest Cream 2003, MEO, Budapest 2002 Inherited Realism, Municipal Gallery, Szombathely, Hungary (catalogue) 2001 Aritmia 9, Institute of Contemporary Art, Dunaújváros, Hungary 2000 Art Expo-Fresh, Artmill, Szentendre, Hungary (catalogue) Dialogue, Hall of Arts (Mücsarnok), Budapest (catalogue) PUBLIKATIONEN Dénesh Ghyczy, Sweet Serenity, Galerie Barbara Ruetz, Munich, 2022 Dénesh Ghyczy, Im Glashaus, Kunstverein Aichach, 2022 Dénesh Ghyczy, The Open Window, SUPPAN Edition, Vienna, 2020 Dénesh Ghyczy, Between Lines, Kerber Verlag, 2016 Dénesh Ghyczy, Wavelength, Odon Wagner Gallery, 2018
Impressum SUPPAN Habsburgergasse 5, 1010 Wien Tel: +43 1 535 535 4 Mail: office@suppan.art Fotos: Dénesh Ghyczy / SUPPAN Wien Text: Alexandra Hennig, Kunsthistorikerin SUPPAN EDITION Wien Alle Rechte vorbehalten Printed in Austria 2023
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