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Sudetendeutsche Zeitung 4. Februar 2022 Ausgabe 5

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Sudetendeutsches Gespräch mit Bundesfrauenreferentin Gerda Ott (Seite 3)

Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Reicenberger Zeitung 161. Jahrgang

HEIMATBOTE

Jahrgang 74 | Folge 5 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 4. Februar 2022 � Europäischer Gerichtshof

Erfolg für Minority Safepack Die Bürgerbewegung Minority Safepack, zu dessen Gründungsmitgliedern die Sudetendeutsche Landsmannschaft gehört, hat höchstrichterliche Unterstützung vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) erhalten.

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ur Vorgeschichte: 2017 hatte Rumänien die EU aufgefordert, die Bürgerbewegung Minory Safepack nicht zu registrieren, was wiederum Voraussetzung ist, daß die Unterschriftensammlung offiziell gewertet wird. Um als Petition zugelassen zu werden, waren anschließend eine Million Unterschriften in sieben Mitgliedsstaaten notwendig. Bis zum Stichtag 3. April 2018 sprachen sich sogar 1 320 000 Bürger in elf EU-Staaten für den Schutz der nationalen und sprachlichen Minderheiten sowie für die kulturelle und sprachliche Vielfalt aus. Zuvor hatte die EU die Initiative 2013 nicht registriert, war dann aber im Widerspruchsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof gescheitert. Jetzt stärkte der EuGH erneut der Minority-Safepack-Initiative den Rücken und veröffentlichte dieser Tage seine Entscheidung, die Klage Rumäniens gegen die Registrierung zurückzuweisen. Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten: „Das ist eine gute Entscheidung für die Rechte nationaler Minderheiten in der Europäischen Union und eine Aufwertung des Instituts Europäischer Dr. Bernd Fabritius. Bürgerinitiativen.“ Doch dieser Sieg ist nur ein Etappenerfolg, denn bislang weigert sich die EU-Kommission, die von der Initiative geforderten Maßnahmen in EU-Recht umzusetzen. Fabritius hofft deshalb auf einen weiteren Erfolg vor dem EuGH: „Nachdem die Kommission es in ihrer Mitteilung vom 14. Januar 2021 abgelehnt hatte, die Vorschläge der Minority-Safepack-Initiative für konkrete Maßnahmen zur Stärkung der nationalen Minderheiten in der EU aufzugreifen, bleibt nunmehr abzuwarten, ob die hiergegen angestrengte Nichtigkeitsklage vor dem Europäischen Gericht Erfolg hat.“ Die Minorty-Safepack-Initiative war in dieser Woche auch Thema einer Videokonferenz von Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Günther sprach sich dabei dafür aus, den Schutz und die Förderung nationaler Minderheiten und der rund 60 Regionalsprachen im Rechtsrahmen der EU dauerhaft zu verankern.

VOLKSBOTE

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B 6543

� Ukraine-Konflikt

Wer rasselt mit dem Säbel?

Von Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Sudetendeutsche und Ukrainer sind auf vielfache Weise miteinander verbunden. Letztere bildeten die Mehrheit im zur Habsburgermonarchie gehörenden Königreich Galizien, und viele Landsleute dienten mit ihnen gemeinsam in der k.u.k. Armee – auch mein Großvater. Als ich vor längerer Zeit auf Einladung der Pommerschen Landsmannschaft in der heute polnischen Stadt Kolberg sprach, meldete sich ein uralter, dort lebender galizischer Ruthene – wie man im alten Österreich die Ukrainer nannte – und schwärmte von seinen sudetendeutschen Kameraden im Ersten Weltkrieg, die er besonders geschätzt habe.

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ie Ruthenen waren so kaisertreu, daß sie im habsburgischen Vielvölkerstaat als „Tiroler des Ostens“ bezeichnet wurden. Erzherzog Wilhelm, der einer zunächst im zu ÖsterreichischSchlesien gehörenden Teschen verwurzelten Nebenlinie des Kaiserhauses entstammte, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sogar als Herrscher eines zu errichtenden ukrainischen Königreiches gehandelt, weil er sich mit Vehemenz für die Kultur und die Freiheit dieser Volksgruppe einsetzte. Deshalb wird er in diesem größten europäischen Land – obwohl oder gerade weil er eine sehr schillernde Persönlichkeit war – als Held mit Denkmälern und Straßenbenennungen verehrt, und in Österreich wie in Böhmen haben ihn, der in einem Stalin‘schen Folterkeller sein Leben ließ, sowohl der Film als auch die Musical-Szene als interessantes Sujet entdeckt. Die Ukrainische Freie Universität wiederum entstand am 17. Januar 1921 im Exil in Wien, weil im Juni 1919 die Rote Armee die junge ukrainische Freiheitsbewegung niedergeschlagen hatte, übersiedelte aber bald auf Einladung von Staatspräsident Tomás G. Masaryk nach Prag. Wie auch die Sudetendeutschen mußte sie die Böhmischen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen und fand wie ein Großteil unserer Landsleute in Bayern Aufnahme. In München ansässig, unterhält sie enge Beziehungen zur Sudetendeutschen Volksgruppe und ihren führenden Repräsentanten. Vor diesem Hintergrund beobachten wir Sudetendeutschen besonders intensiv und mit großer Sorge, was sich derzeit in diesem wichtigsten Nachbarland der Europäischen Union und an dessen Ostgrenze vollzieht. Seit Wladimir Putin Ende letzten Jahres begonnen hat, 120 000 Mann aus Elite-Kampftruppen und schweres Kriegsgerät auf drei Seiten des ukrainischen Staatsgebietes in Stellung zu bringen, wird immer wieder vor einem „Rückfall in den Kalten Krieg“ gewarnt. Dabei ist es spätestens seit der völkerrechtswidrigen und gewaltsamen Annexion der Krim im März 2014 kein

Die Gefahr eines Krieges in Europa ist wieder real. Das Foto zeigt einen Nato-Soldaten auf einer Übung beim Abfeuern einer Panzerfaust. Kalter Krieg mehr, sondern ein heißer, in dem bereits Zehntausende Menschen gestorben sind. So richtig wurde mir dies vor einigen Jahren bewußt, als ich bei einer Adventsfeier im westukrainischen Lemberg – zur österreichischen Zeit Hauptstadt Galiziens – die Festrede hielt. Die beiden jungen Frauen, die die Versammlung leiteten, wußten an diesem Abend nicht, ob ihre Ehemänner zu Weihnach-

Mann seine militärische mit einer Propaganda-Offensive: Die Krim sei ur-russisches Territorium, wird da behauptet. Dabei war die Halbinsel eine koloniale Eroberung des zaristischen Rußland. Dessen Truppen zerstörten das 350 Jahre alte Khanat der Tataren und russifizierten die Region unter jenem Gouverneur Potemkin, der dort seine sprichwörtlichen Propagandadörfer errichtete. Dies geschah nur ein

Der ukrainische Premierminister Denys Shmyhal (links) bei einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Februar 2021. Foto: Nato ten wohl Fronturlaub bekommen würden. Selbstverständlich schwang dabei die tiefe Angst mit, sie könnten auch fallen. Was aber bezweckt wohl Putin mit dieser langfristig geplanten und geduldig vorangetriebenen Aggression? Neben geostrategischen und energiepolitischen Zielen verfolgt er auch solche, die tief an die Gefühlswelt seiner Landsleute und vor allem an seine eigene rühren: Eingliederung der Ukrainer, die von den wenigsten Russen als wirklich eigenständiges Volk angesehen werden, in die „Einheit der Ostslawen“; Zerstörung der Europäischen Union durch Zersplitterung; und Wiederherstellung einer Art von Sowjetunion, deren Ende vor dreißig Jahren der russische Herrscher als die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. Wie immer begleitet der KGB-

paar Jahrzehnte, bevor Algier französisch wurde. Die teils gewaltsame, teils schleichende Vertreibung der tatarischen Bauern, die 1784 begann, fand unter Stalin eine besonders grausame Fortsetzung, der die Reste dieses Turkvolkes nach Zentralasien deportieren ließ. Erst in der Gorbatschow-Ära konnten die Tataren zurückkehren und machen wieder 17 Prozent in der alten Heimat aus. Solange die Krim eine autonome Region in der Ukraine mit einem eigenen Parlament war, verfügten alle Volksgruppen über Abgeordnete dort sowie über ein muttersprachliches Schulwesen. Die nach der Annexion 2014 von Putin eingesetzte Spitze, die das einst blühende Land gleichschaltete, war selbst für die Russen auf der Halbinsel nicht repräsentativ, sondern besaß bis dahin als Splittergruppe nur drei von 100

Regionalmandaten. Die Tataren werden nunmehr wieder brutal verfolgt, ihre Repräsentanten verschwinden oftmals spurlos. Viel zu wenig bekannt ist auch, daß der Zerfall der Sowjetunion 1991 – ich war damals an Ort und Stelle – dadurch erfolgte, daß Jelzins Rußland seinen Austritt aus der UdSSR erklärte, was deren Existenz beendete. Der Kreml erkannte in dieser dramatischen Wendezeit die territoriale Integrität der Ukraine einschließlich Krim und DonetskBecken in aller Form an und wiederholte dies in den Folgejahren mehrfach: In der OSZE-Charta von Paris, in den beiden Abkommen über die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte in Sebastopol, vor allem aber im Memorandum von Budapest. Letzteres regelte die Abgabe jenes Großteils von sowjetischen Atomwaffen, der auf ukrainischem Gebiet verblieben war, und ihre Vernichtung. Als Gegenleistung verpflichteten sich alle Signatarmächte, darunter Rußland, feierlich, die Grenzen der Ukraine nicht nur zu respektieren, sondern zu garantieren und zu schützen – was Putin in zynischer Weise gebrochen hat. Zur Rechtfertigung werden von Moskau und seinen Lautsprechern im Westen die wildesten Legenden aufgetischt: Rußland müsse sich vor Einkreisung durch die Nato schützen; in Kiew regierten Faschisten; der Westen habe sich Anfang der 1990er Jahre verpflichtet, die Nato nicht weiter nach Osten auszudehnen; und die EU sei bestrebt, in aggressiver Weise neue Mitglieder zu werben. Nichts davon stimmt auch nur annähernd. Was die Einkreisung betrifft, muß man nur eine Landkarte betrachten: Die Russische Föderation reicht von Ostpreußen bis Wladiwostok, und nicht einmal China könnte das Land von allen Seiten bedrohen, geschweige denn die Nato, selbst wenn sie dies woll-

Foto: Nato

te. Die Ukraine hingegen ist von russischen Truppen umzingelt. Kiew ist zwar noch längst nicht die Hauptstadt einer perfekten Demokratie, doch die Maidan-Bewegung, die im Zeichen der Europafahne demonstrierte, hat einen Reformprozeß eingeleitet, der in enger Zusammenarbeit mit der EU eindrucksvolle Fortschritte macht, während sich die Putin-Diktatur in einer Rückwärtsentwicklung mit massiver Verfolgung der Opposition befindet. Aus Gesprächen mit führenden Zeitzeugen – allen voran Helmut Kohl und unserem Landsmann Hans „Johnny“ Klein, der mit dem Bundeskanzler im Kaukasus bei Gorbatschow war – weiß ich, daß ein Versprechen, die Nato nicht nach Osten auszudehnen, niemals gegeben wurde. Es wäre als Verabredung zu Lasten Dritter auch völkerrechtlich nichtig gewesen, denn jeder souveräne Staat genießt Bündnisfreiheit. Die Staats- und Regierungschefs der EU haben keinesfalls versucht, die Ukraine als Mitglied zu werben, sondern sie im Gegenteil weit von sich geschoben, bis sie das Europaparlament zu einem Minimum an Solidarität zwang. Nicht die Ukraine gefährdet die Existenz Rußlands, sondern Rußland die Existenz der Ukraine. Deshalb ist es abenteuerlich, wenn der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich in den Diensten des russischen Energieriesen Gazprom befindet, fordert, Deutschland und der Westen sollten das „Säbelrasseln der Ukraine“ stoppen. Ohne Solidarität mit Kiew läßt sich der Friede nicht wieder herstellen. Der von Helmut Schmidt und Helmut Kohl unterstützte Nato-Doppelbeschluß, gepaart mit Gesprächsbereitschaft, führte zur Freiheit und Einheit Europas und nicht die von manchen damals propagierte Bereitschaft, sich dem russischen Vorherrschaftsstreben zu beugen.


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AKTUELL · MEINUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

AUS UNSEREM PRAGER BÜRO

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er Prager militärische Friedhof wurde 1732 im Osten der Landeshauptstadt errichtet, fast fünfzig Jahre später kam daneben noch ein kleiner evangelischer Friedhof dazu. Dort fanden unter anderem manche von den 286 preußischen Soldeten, die im Kriegsjahr 1866 auf dem Gebiet Böhmens gefallen waren. ihre letzte Ruhe. Bereits 1894 wurden beide Frierdhöfe aufgehoben und die militärischen Gräber auf den de

PRAGER SPITZEN

facto Prager Zentralfriedhof Wolschan (Olšany) überführt. Der Leiter des Prager Sudetendeutschen Büros, Peter Barton, zeigte sich tief beeindruckt von der schönen Renovierung dieser Stelle aus dem Jahr 2016. Am Ort des früheren Friedhofs im Prager Stadtviertel Karolinenthal (Karlín) befindet sich noch heute eine kleine Barockkapelle, und zwar in der heutigen Žižkastraße (Žižkova), die früher auch den alten deutschen Namen Schischkastraße trug.

KZ-Überlebende wird 100 Jahre alt

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Polen kürzt Fördermittel für den Deutschunterricht – Scharfe Kritik von MdB Christoph de Vries

„Gezielte Diskriminierung der deutschen Minderheit“

Die rund 300 000 Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen leiden zunehmend unter einem antideutschen Klima, das von Rechtspopulisten geschürt wird. Christoph de Vries, Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/ CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, warnt von einer „gezielten Diskriminierung“.

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aß der Bombenanschlag 2014 auf ein Munitionslager in Mähren von russischen Agenten verübt worden ist, daran haben die tschechischen Ermittler keine Zweifel mehr. Jetzt geht die Polizei der Frage nach, warum das Büro von Staatspräsident Miloš Zeman geheime Akten zum Fall geschreddert hat. Im Fokus ist dabei der Chef der tschechischen Präsidialkanzlei, Vratislav Mynář, der die Akten, kurz bevor die Ermittler sie auf DNA-Spuren untersuchen konnten, vernichten ließ. In einer Stellungnahme ließ Mynář erklären, man habe sich „an die gültigen Rechtsvorschriften“ gehalten.

Rechtspopulist Janusz Kowalski macht Stimmung gegen die deutsche Minderheit in Polen. polnischen Beziehungen. Wir bedauern sehr, daß die eindringlichen Bitten seitens der deutschen Minderheit und der polnischen Opposition, diesen Schritt zu unterlassen, nicht gehört wurden. Dieser Angriff auf die Rechte der nationalen Minderheiten in Polen betrifft ausschließlich die deutsche Minderheit und ist eine gezielte Diskriminierung.“ Man betrachte dieses Vorgehen als eklatanten Verstoß gegen die Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten sowie gegen die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen, die auch Polen ratifiziert hat, so de Vries: „Deshalb unterstützen wir das Vorhaben des Dachverbandes der deutschen Minderheiten, vor den Europarat zu ziehen und rechtliche Schritte einzuleiten.“ Der Hamburger Bundestagsabgeordnete mit sudetendeutschen Wurzeln kündigte an, daß sich die Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSUFraktion in der kommenden Sitzungswoche mit den Außen- und Europapolitikern der Fraktion beraten werde, um die parlamentarische Befassung auf deutscher Seite anzustoßen. De Vries: „Uns

liegt das freundschaftliche Verhältnis zu Polen auch auf Grund der historischen Verantwortung Deutschlands besonders am Herzen. Deshalb hoffen wir weiterhin auf ein Einlenken der polnischen Regierung und ein Abflauen nationalistischer Reflexe.“ Außerdem werde die Fraktionsgruppe unmittelbar nach Abflauen der Omikron-Welle nach Polen reisen, um sich vor Ort ein Bild über die konkreten Auswirkungen der Kürzungen für alle Minderheiten zu machen. Janusz Kowalski wies die Kritik an seinen deutschfeindlichen Attacken als „Heuchelei“ und „Zynismus“ zurück: „Auf meine Initiative hin haben wir zu Recht die Mittel für den Deutschunterricht gekürzt, um unsere Landsleute in Deutschland zu unterstützen.“ Es sei nicht hinnehmbar, „daß Deutschland seit 30 Jahren die polnische Minderheit diskriminiert und keine Durchführungsverordnung zum Nachbarschaftsvertrag von 1991 erlassen hat, damit die Bundesländer den Unterricht von Polnisch als Muttersprache finanzieren können“. Richtig ist jedoch: Insbesondere in den an Polen angrenzenden Bundesländern wird an einigen

Foto: januszkowalski.pl

Schulen Polnisch als Fremdsprache angeboten. In einem Radiointerview legte Kowalski am Montag trotzdem noch einmal nach und sagte zu seinen Landsleuten: „Wie können Sie als Pole Ihr Kind für Deutsch als Minderheitensprache anmelden und erklären, daß es die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt? Das ist doch eine Beleidigung für jeden Polen.“ Laut Auswärtigem Amt leben in Deutschland rund zwei Millionen Polen sowie Personen polnischer Abstammung und bilden damit die zweitgrößte Herkunftsgruppe. Seit über zwei Jahrzehnten ist Deutschland der wichtigste Handels- und Investitionspartner Polens. Das bilaterale Handelsvolumen belief sich 2020 auf rund 123 Milliarden Euro. Und im ersten Quartal 2021 ist Polen zudem erstmals an die Stelle des drittwichtigsten Lieferanten für Deutschland gerückt. Bereits bei ihrem Antrittsbesuch als deutsche Außenministerin hatte Annalena Baerbock im Dezember in Warschau zwar die „tiefe Freundschaft“ und die „historische Verantwortung Deutschlands“ betont, aber auch auf die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit gepocht. T. Fricke

Kritische Stimmen nach Äußerung von Vlastimil Válek

Mendel, ein Tscheche? Fauxpas des Ministers „Jan Gregor Mendel war Tscheche und Brünner“, sagte der tschechische Gesundheitsminister Vlastimil Válek (TOP 09) auf einer Corona-Pressekonferenz und wollte damit deutlich machen, daß die Tschechische Republik mit dem „Vater der Weltgenetik“ eine große wissenschaftlichte Tradition habe.

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ichtig ist, daß Gregor Johann Mendel am 20. Juli 1822 in

ie Prager Holocaust-Überlebende Lisa Miková (geborene Lichtenstern) ist am Montag 100 Jahre alt geworden. Im Namen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte ihr der damalige Botschafter Dr. Christoph Israng vor zwei Jahren das Bundesverdienstkreuz überreicht. In der Begründung hießt es, Lisa Miková werde „für ihr langjähriges Engagement gegen das Vergessen nationalsozialistischer Unmenschlichkeit und für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen“ geehrt. Trotz ihres persönlichen Schicksals als Häftling in nationalsozialistischen Konzentrationslagern sei sie jahrzehntelang bereit gewesen, „als Zeitzeugin ihre tragischen Erlebnisse an nachfolgende Generationen, insbesondere Schulklassen, zu vermitteln“.

Präsidialkanzlei schredderte Akten

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rst kürzlich hatte der rechte Sejm-Abgeordnete Janusz Kowalski eine Pressekonferenz vor dem Sitz der deutschen Minderheit in Oppeln abgehalten und gefordert, die staatlichen Fördermittel für den Deutschunterricht als Minderheitensprache drastisch zu kürzen. Kowalski gehört der Regierungspartei Solidarna Polska an, die eng mit der PiS kooperiert und den umstrittenen Justizminister Zbigniew Ziobro stellt. Derzeit lernen in Polen circa zwei Millionen Menschen Deutsch, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Und die deutsche Minderheit ist die größte von insgesamt 13 anerkannten nationalen oder ethnischen Minderheiten. Der Sejm hat nach der Attacke von Kowalksi die Mittel für den Sprachunterricht der deutschen Minderheit um umgerechnet 10 Millionen Euro gekürzt. Der Deutschunterricht als Minderheitensprache wird infolgedessen Mahnt Polen, von drei auf eiMinderheiten ne Stunde wözu respektieren: chentlich reduMdB Christoph ziert, was auch de Vries (CDU). zur Schließung von Schulen führen könnte. Dazu erklärt der Vorsitzende der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Christoph de Vries: „Die Entscheidung des Sejm, die finanziellen Mittel für den muttersprachlichen Deutschunterricht an Schulen erheblich zu kürzen, ist völlig inakzeptabel und eine echte Belastung für die deutsch-

Heinzendorf bei Odrau in Österreichisch-Schlesien als Sohn einer deutschen Mutter und eines deutsch-tschechischen Vaters zur Welt gekommen ist und später in Brünn die Grundzüge der Genetik entwickelt hat. „Der Begründer der Genetik hatte Glück, daß er das Jahr 1945 nicht mehr erlebt hat, denn dann hätten wir ihn wahrscheinlich auch beraubt und vertrieben, wenn er die Massaker wäh-

senz in den mitteleuropäischen Bündnisstaaten verstärkt.

rend der grausamen Vertreibung überlebt hätte, wie viele andere tschechische Deutsche“, hat der tschechische Journalist Jan Šinágl den Fauxpas des Ministers kommentiert und angemerkt, daß die deutsche Minderheit „mit ihrer Arbeit und ihren Fähigkeiten einen großen Beitrag zur industriellen und kulturellen Entwicklung unseres Landes und zu seinem guten Ruf in der Welt geleistet“ habe.

Gregor Johann Mendel.

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Solidarität mit der Ukraine

schechien stehe voll hinter der Ukraine und lehne jegliche Form russischer Aggression ab, hat der tschechische Premierminister Petr Fiala (ODS) am Montag dem ukrainischen Botschafter in Prag, Jevhen Perebyjnis, zugesichert. Die Ukraine war auch Thema im tschechischen Sicherheitsrat, der am Dienstag über den Konflikt beraten hat. Rußland hatte in den vergangenen Wochen über 100 000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen (siehe auch Seite 1). Die Nato-Staaten befürchten einen russischen Einmarsch in das Nachbarland und haben die eigene Truppenprä-

Zahl der Toten deutlich gestiegen

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ereits 2020 ist die Zahl der Toten zum Vorjahr um 15 Prozent gestiegen. 2021 verzeichnete das tschechische Statistikamt einen weiteren Anstieg. Mit 139 600 Toten lag die Sterberate um acht Prozent über der des Jahres 2020. Das ist die höchste Zahl an Verstorbenen in der Nachkriegsgeschichte. Laut Gesundheitsministerium sind im Zuge der Coronapandemie allein im vergangenen Jahr 24 249 Menschen mit dem Virus gestorben. Die Lebenserwartung sank bei Frauen um 0,8 Jahre auf 80,6 Jahre und bei Männern um 1,1 Jahre auf 74,2 Jahre.

Literaturhistoriker Pytlík verstorben

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m Alter von 93 Jahren ist am Montag der tschechische Literaturhistoriker und Schriftsteller Radko Pytlík gestorben. Er war ein großer Kenner des Werks von Jaroslav Hašek, dem Autor des weltberühmten Romans „Der brave Soldat Schwejk“. Neben Hašek beschäftigte sich Pytlík auch mit Bohumil Hrabal, Franz Kafka und Egon Erwin Kisch.

Von der Leyen für Prags Atomkurs

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tarke Unterstützung für die tschechischen Atomkraftpläne: Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, teile Prags Auffassung, Atomkraft und Gas als vorübergehend nachhaltig im Sinne der EU-Taxonomie einzustufen, sagte die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Markéta Pekarová Adamová (Top 09), am Montagabend nach einem Treffen in Brüssel.

Slawisches Epos – Streit beigelegt

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inigung im jahrelangen Streit um die Präsentation des Slawischen Epos in Prag. Laut einem Vertragsentwurf soll die tschechische Hauptstadt das Monumentalwerk von Jugendstilmaler Alfons Mucha im Savarin-Palais am Wenzelsplatz zeigen können. Ursprünglich hatte Mucha für eine Präsentation seines Epos in der tschechischen Hauptstadt den Bau eines eigenen Ausstellungssaals zur Voraussetzung gemacht.

Sudetendeutsche Zeitung

ISSN 0491-4546 Erscheint wöchentlich freitags. Redaktionsschluß Veranstaltungstermine: Freitag 18.00 Uhr. Redakationsschluß Montag 18.00 Uhr. Chefredaktion und verantwortlich für den Inhalt: Torsten Fricke, Nadira Hurnaus. Kulturredaktion: Susanne Habel. Korrespondent in Prag: Dr. Jaroslav Šonka; Korrespondentin in TeplitzSchönau: Jutta Benešová; Korrespondenten im Isergebirge: Stanislav Beran, Petra Laurin; Korrespondent in Berlin: Ulrich Miksch. Ständige Mitarbeit: Peter Barton, Markus Bauer, Josef Grimm, Professor Dr. Rudolf Grulich, Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Kathrin Hoffmann, Peter Pawlik, Herbert Ring, Karl Reitmeier, Hildegard Schuster, Lexa Wessel. Verlagsassistentin: Birte Rudzki. Anschrift für alle: Hochstraße 8, 81669 München. Redaktion: eMail zeitung@sudeten.de; Verlag: Telefon (0 89) 48 00 03 80, eMail svg@sudeten.de. Jahres-Abonnement 2021 Inland als Postvertriebsstück im Lastschriftverfahren 125,00 EUR einschließlich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Ausland 154,00 EUR, Luftpost auf Anfrage. Reichenberger Zeitung (24 Ausgaben jährlich) 62,50 EUR, Neudeker Heimatbrief (12 Ausgaben jährlich) 31,25 EUR. Je Rechnung 2,00 EUR Aufschlag. Bankverbindung: Postbank München – IBAN: DE13 7001 0080 0005 7278 08, BIC: PBNKDEFF; Abbestellungen mit einer Frist von vier Wochen zum Vierteljahresschluß schriftlich an den Verlag. Anzeigenpreisliste Nr. 13 vom 1. Januar 2021; Anzeigengestaltung erst nach Auftrag. © 2021 Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft. Diese Zeitung ist mit allen Texten und Bildern urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Vervielfältigung und Verwertung – insbesondere auch Weitergabe in Form von Kopien oder Einstellen ins Internet – sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrecht nichts anderes ergibt. Mit vollem Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft wieder. Gerichtsstand und Erfüllungsort München. Kein Entschädigungsanspruch bei Nichterscheinen oder Nichtlieferung infolge Streik oder höherer Gewalt. Keine Gewähr für nicht angeforderte Manuskripte, Bilder, Dokumente, Datenträger und Daten. Alle datenschutzrechtlichen Vorschriften werden beachtet; Einzelheiten unter www.sudeten.de Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH, HRB München 3796. Geschäftsführer und verantwortlich für Anzeigen: Torsten Fricke. Alleiniger Anteilseigner: Sudetendeutsche Landsmannschaft, Hochstraße 8, 81669 München. Druck und Versand: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, 86167 Augsburg.

Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.


Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

SUDETENDEUTSCHE GESPRÄCHE

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Heimat in Bildern 2022

Der Sudetendeutsche Kalender 2022.

Schloß Grätz „Heimat in Bildern 2022“ heißt der Kalender der Sudetendeutschen Landsmannschaft (Bestellungen unter Telefon (0 89) 48 00 03 70 oder per eMail an info@sudeten.de). Mit großartigen Bildern werden bewegende Heimatgeschichten erzählt. Das Bild „Schloß Grätz“ (Altvatergebirge) steht für die erste Aprilhälfte und wurde von Josef Jirásko fotografiert.

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n einem Abend im Oktober 1806 befand sich Ludwig van Beethoven (1770–1827) in äußerst schlechter Stimmung. Schuld daran war sein langjähriger Freund und Förderer, Karl Fürst Lichnowsky (1761–1814), auf dessen Schloß Grätz bei Troppau er zu diesem Zeitpunkt weilte. Dort hielten sich gerade auch französische Offiziere der Napoleonischen Armee auf. Lichnowsky bat Beethoven, die Abendgesellschaft musikaAuf der Sitzung des Bundesvorstandes am vergangenen Samstag in München hat SL-Bundesfrauenreferentin Gerda Ott ihr Konzept „Zukunft der Frauenarbeit in der SL“ vorgestellt, das sie gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen im Bundesfrauenarbeitskreis erarbeitet hat. Im Sudetendeutschen Gespräch spricht die engagierte SL-Frau über ihre sudetendeutschen Wurzeln, wie sie selbst zur SL gekommen ist, und wie sie junge Frauen für die SL begeistern möchte.

lisch zu unterhalten, was dieser strikt ablehnte. Es kam zum Streit: Der Fürst insistierte, verschaffte sich Zugang zu Beethovens Räumen – wo dieser schon mit einem Stuhl bereitstand, den er auf dem fürstlichen Haupt zu zertrümmern gedachte, was aber gerade noch verhindert werden konnte. Am selben Abend machte sich Beethoven – ob aus Wut oder Angst vor möglichen Konsequenzen – trotz Regenwetters zu Fuß ins nahe gelegene Troppau auf. Von dort nahm er die erste Postkutsche zurück nach Wien, nicht ohne dem Fürsten zuvor ein geharnischtes „Abschiedsschreiben“

Interview mit SL-Bundesfrauenreferentin Gerda Ott

„Die Frauen haben unter der Vertreibung besonders gelitten“

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rau Ott, Sie sind im Gründungsjahr der Bundesrepublik im oberbayerischen Rosenheim geboren worden. Welche sudetendeutschen Wurzeln haben Sie? Gerda Ott: Meine Eltern kommen beide aus dem Altvatergebirge. Mein Vater stammte aus Deutsch Hause im Kreis Sternberg, meine Mutter aus Amtsdorf im Nachbarlandkreis Römerstadt. Die beiden kannten sich bereits aus der Heimat, sind aber erst nach der Vertreibung ein Paar geworden und haben 1948 in Rosenheim geheiratet. Wie haben Ihre Eltern die Vertreibung erlebt? Ott: Mein Vater wurde bereits zu Beginn des Krieges einzogen und kam nur zum Fronturlaub nach Hause. Das Kriegsende erlebte er in amerikanischer Gefangenschaft. Meine Mutter lebte auf dem Hof meiner Großmutter, die damals schon Witwe war. Ihre beiden Schwestern waren bereits verheiratet und wohnten somit auf den Höfen ihrer Ehemänner. Ihr Bruder war bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen. Bereits im Frühjahr 1946 mußten meine Mutter und meine Großmutter ihren Hof verlassen und wurden zunächst in einem Lager bei Römerstadt untergebracht. Dort verbrachten sie rund zwei Wochen, bevor sie nach Rosenheim vertrieben wurden. Wie schwer war es für Ihre Eltern, alles zu verlieren und neu anfangen zu müssen? Ott: Meine Eltern haben nicht schlecht über die Zeit nach Kriegsende bis zur Vertreibung gesprochen, auch wenn bei uns zu Hause fast kein Tag verging, an dem nicht über die Heimat erzählt wurde. Die Frauen haben besonders unter der Vertreibung gelitten. Viele wußten nicht, wie sie ihre Kinder und sich durchbringen sollen. Die meisten Männer waren entweder im Krieg gefallen oder befanden sich in Kriegsgefangenschaft. In der neuen Heimat wurden die Flüchtlinge nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen. Und meine Mutter und meine Großmutter nahmen jede Arbeit an, um sich und die Familie über Wasser zu halten. Nachdem meine Großmutter und meine Mutter in der Heimat einen größeren

hinterlassen zu haben. Wahrheit oder Fiktion? Wirklich belegen läßt sich die Geschichte nicht. Unzweifelhaft ist dagegen, daß Beethoven auf Einladung seines Mäzens mehrmals für längere Zeit in Schloß Grätz lebte, wo er unter anderem Teile seiner Vierten Sinfonie komponierte. Auch ansonsten hielt sich Beethoven häufig in den Böhmischen Ländern auf – unter anderem in Prag, Olmütz, Teplitz und Karlsbad.

Sportlerinnen, die sudetendeutsche Wurzeln haben, aber oft voneinander nichts wissen. Eine unserer Ideen ist es deshalb, zweimal im Jahr einen Rundbrief an die Frauen vom Bundesfrauenarbeitskreis als Multiplikatoren zu verschicken, damit die Kontakte zwischen den aktiven Frauen aufrecht erhalten und vertieft werden. Sie sagten auf der Sitzung, die Arbeit dürfe sich nicht allein auf Deutschland beschränken. Ott: Die Zukunft der Frauenarbeit liegt auch in der Tschechischen Republik, denn das Wissen über die Heimatdörfer haben nur wir Sudetendeutsche. Wir sind damit ein wichtiger Gesprächspartner sowohl für die Heimatverbliebenen, die oft nicht mehr in ihrer Kindheitsheimat wohnen, als auch für die heutigen Bewohner. Gerade wir Frauen kommen mit den Tschechen leichter ins Gespräch, zumal es sehr viele Bürgermeisterinnen in der Tschechischen Republik gibt. Unser großer Wissensschatz in der Heimatkunde ist auch bei den tschechischen Landsleuten gefragt, da dort oft

Zur Person: Gerda Ott

SL-Bundesfrauenreferentin Gerda Ott vor dem Eingang des Sudetendeutschen Museums in München. Foto: Fricke Hof geführt hatten, war dieser soziale Abstieg nicht leicht zu verkraften. Wann waren Sie das erste Mal in der Heimat? Ott: Das war Anfang der 1970er Jahre, und für mich war es eine Enttäuschung. Meine Eltern hatten mir viel von der Heimat erzählt, insbesondere von schönen Erinnerungen aus der Jugendzeit. Ich hatte eine bestimmte Vorstellung vom Leben in der Heimat und erlebte dann in Realität nur tristes Grau. Das Haus meiner Mutter hatte eingeschlagene Scheiben und war heruntergekommen, hinzu kam das regnerische Wetter, das wir damals hatten. Selbst meine Mutter sagte damals: „Unser Haus hat mich so traurig angeschaut.“ Wie ging dann das Leben im Westen weiter? Ott: Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft und der Hochzeit hat mein Vater zunächst in einer Fabrik gearbeitet. Später schaffte er den Sprung zum Beamten. Als ich zehn Jahre alt war, zogen wir nach BadenWürttemberg um. Nach meinem Schulabschluß habe ich in Rottweil eine Ausbildung zur Diplom-Verwaltungswirtin (FH) absolviert. Dort habe ich auch

meinen Mann Wilfried kennengelernt, dessen Vater aus Müllersgrün im Egerland stammte. Trotz dieser starken sudetendeutschen Wurzeln über beide Elternteile und Ihren Schwiegervater betonen Sie immer, Sie seien eine Seiteneinsteigerin. Warum? Ott: Mein Vater war stark in der Sudetendeutschen Landsmannschaft engagiert. Wir waren auch öfter auf Heimattreffen, aber ich war nie Mitglied der Sudetendeutschen Jugend. 1974 sind wir dann von Rottweil nach Stuttgart gezogen, wo mein Mann eine neue Position angeboten bekommen hatte. Als Mutter von zwei kleinen Kindern blieb ich zunächst daheim und hatte überhaupt keine Kontakte. Bei einem Heimattreffen meiner Mutter in Limburg habe ich dann Rosemarie Kretschmer kennengelernt, die stark im Bund der Vertriebenen und in der hessischen SL engagiert war. Sie hat den Kontakt zu Hilde Witopil hergestellt, die in Stuttgart lebte und Ortsobfrau in Bad Cannstatt und BdVFrauenvizepräsidentin war. Ich durfte 1999 Hilde Witopil bei einer Frauentagung auf dem Heiligenhof vertreten und lernte dort die legendäre Walli Richter kennen, die seit 1997 Bundesfrauen-

referentin war. Später wurde ich zu ihrer Stellvertreterin gewählt, und 2010 habe ich dann ihr Amt übernommen. Leider ist Walli Richter im April 2020 von uns gegangen. Walli Richter wurde 1935 in Oberleutensdorf im Kreis Brüx geboren und gehörte damit zu der Generation, die die Vertreibung erleben mußte. Sie sind als Nachfolgerin die erste Bundesfrauenreferentin der Bekenntnisgeneration und stehen vor der Aufgabe, Frauen, die nach Krieg und Vertreibung geboren wurden, für die Sudetendeutsche Landsmannschaft zu begeistern. Auf der Sitzung des Bundesvorstandes haben Sie dafür ein Konzept präsentiert, das Sie mit Unterstützung der Frauen des Bundesfrauenarbeitskreises erarbeitet haben. Was sind die Kernelemente? Ott: Es sind meistens die Frauen, die Mütter und Großmütter, die die Familie zusammenhalten und Überliefertes weitergeben. Es ist deshalb wichtig, jüngere Frauen in das Engagement für die Sudetendeutsche Landsmannschaft zu integrieren. Es gibt bereits viele schöne Beispiele, wo die Töchter das Ehrenamt der Mutter übernommen haben, aber das müssen wir noch be-

Geboren 20. April 1949 in Rosenheim (Oberbayern), verwitwet, zwei Söhne, Diplom-Verwaltungswirtin (FH). Seit 1978: Mitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft. 2000: Gründungsmitglied der Altvaterrunde-Stuttgart. Seit 2008: Heimatortsbetreuerin von Deutsch Hause. Seit 2009: Ortsobfrau SL Stuttgart-Bad Cannstatt. Seit 2010: Bundesfrauenreferentin der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Seit 2012: Kooptiertes Mitglied im SL-Landesvorstand Baden-Württemberg. Trägerin der Rudolf-Lodgman-Plakette.

kannter machen und die Strukturen für solche Generationswechsel verbessern. Die Alternative, außerhalb der bereits bestehenden sudetendeutschen Familie neue Mitstreiterinnen zu finden, sehe ich als äußerst schwierig an. 2017 haben wir deshalb in Würzburg erstmals ein Mütter-Töchter-Seminar durchgeführt, welches ein großer Erfolg war. Und für diesen Spätherbst wollen wir ebenfalls auf dem Heiligenhof eine Frauentagung veranstalten. Was kann man noch tun? Ott: Wir sollten unsere Familiengeschichten aufschreiben und die Erlebnisse von Zeitzeugen für die nächsten Generationen sichern. Wir sollten unsere Traditionen pflegen und an die nächste Generation weitergeben. Dabei ist das Feld groß, angefangen von Kochrezepten, Hausmitteln bei Erkrankungen, Kunsthandwerk, Brauchtum und Heimatmusik bis zu den wichtigen Frauenthemen. Und wir sollten uns vernetzen. Es gibt so viele Frauen, ob Politikerinnen, Managerinnen, Künstlerinnen oder

das historische Wissen nicht vorhanden ist. Auch die neuen Bewohner haben ein großes Interesse zu erfahren, wer vor ihnen in der Region gelebt hat. Sie sind auch Heimatortsbetreuerin von Deutsch Hause, dem Geburtsort Ihres Vaters. Ott: Die Corona-Pandemie hat leider auch hier Spuren hinterlassen, und es war uns zwei Jahre nicht möglich, uns zu treffen. Zum 70. Jubiläum unseres Heimatkreisortes sind wir 2019 wie immer in unserer Patenstadt Lichtenfels zusammengekommen. Ich bin sehr stolz, daß wir dabei auch von der Politik wahrgenommen worden sind. Mit Heidrun Piwernetz war sogar die Regierungspräsidentin von Oberfranken unser Gast. Und besonders gefreut haben wir uns, daß der Bürgermeister von Huzová, dem ehemaligen Deutsch Hause, mit seiner Frau aus der Tschechischen Republik angereist war. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen und Brücken zu bauen. Torsten Fricke


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TERMINE . AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Ausstellung zeigt das Verhältnis zwischen dem Künstler und dem in Mähren geborenen Begründer der Psychoanalyse

Salvador Dalí und seine Obsession für Sigmund Freud Noch bis Sonntag, 29. Mai: Ausstellung „Dalí – Freud. Eine Obsession“, Unteres Belvedere, Wien. Öffnungszeiten unter www.belvedere.at

Salvador Dalí und der aus Freiberg in Mähren stammende Sigmund Freud: In den surrealistischen Bildwelten des Künstlers läßt sich deutlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse erkennen. Kannten sich die beiden tatsächlich?

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ie Geschichte ist so komplex wie ihre Protagonisten: Dalí entdeckte in den 1920er Jahren die Schriften Freuds und war gebannt, ja: besessen! Von ihnen beeinflußt entwickelte er eine bis heute einzigartige Bildsprache. Freuds Skepsis gegenüber dem Surrealismus war jedoch groß. In Wien versuchte Dalí,

Ausstellungsansicht „Dalí – Freud. Eine Obsession“. Foto: Stoll/Belvedere

Dalís Portrait von Sigmund Freud. Foto: Fundació Gala-Salvador Dalí

sein Idol zu treffen – umsonst. Erst im Sommer 1938 kam eine erste und einzige Begegnung in London zustande. Dennoch bilden Dalís Erinnerungen an Wien ein faszinierendes Motiv für die Ausstellung im Unteren Belvedere.

Generaldirektorin Stella Rollig: „Die Obsession Salvador Dalis für Sigmund Freud ist ein Motor seiner Schaffenskraft – die Ausstellung zeigt Dalis Werk erstmals in diesem Kontext.“ Wien, 25. April 1937: Salvador Dalí steigt im Hotel Krantz-Am-

bassador ab. Wieder einmal hofft er darauf, Sigmund Freud zu treffen. Er möchte ihn von seiner „paranoisch-kritischen Methode“ überzeugen, Anerkennung für einen künstlerischen Ansatz erhalten, der auf den Theorien der Psychoanalyse basiert und den er für seinen größten und wichtigsten Beitrag zum Surrealismus hält. Doch es gelingt ihm nicht, den Vater der Psychoanalyse zu treffen. Salvador Dalí streift durch Wien und spielt im Geiste die ersehnten Gespräche mit Freud durch. Der Künstler selbst läßt sich dabei von der Stadt und ihrer Kunst inspirieren. Zu einer tatsächlichen Begegnung wird es erst später kommen: Am 19. Juli 1938 trifft Salvador Dalí – auf Initiative des Schriftstellers Stefan Zweig und des Mäzens Edward James – Sigmund Freud in London.

Salvador Dalí, Le jeu lugubre, 1929.

Foto: Fundació Gala-Salvador Dalí

VERANSTALTUNGSKALENDER Noch bis Freitag, 11. März: „Verblichen, aber nicht verschwunden“ – Ausstellung über eine Spurensuche im Böhmerwald. Centrum Bavaria Bohemia, Freyung 1, Schönsee. Öffnungszeiten: montags, 10.00 bis 19.00 Uhr, freitags 10.00 bis 14.00 Uhr, samstags 10.00 bis 11.30 Uhr, sonntags 14.00 bis 16.00 Uhr. Donnerstag, 10. Februar, 19.00 Uhr, Adalbert-StifterVerein in Kooperation mit dem Filmmuseum München und dem Tschechischen Zentrum München: „Böhmische Spuren in München: Gustav Machatýs Ekstase“. Filmvorführung der restaurierten deutschen Fassung. Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, München. Donnerstag, 17. Februar, 19.00 Uhr, Sudetendeutscher Heimatrat: Onlinekonferenz. Mittwoch, 23. Februar, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde. Nostalgischer Film von Horst Herz über das Seminar in der Burg Hohenberg 2008 mit Besuch der Stadt Aussig. Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Samstag, 12. bis Sonntag, 13. März: Sudetendeutsche Bundesversammlung. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Sonntag, 13. März, Landesdelegiertenversammlung der SL Bayern. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Donnerstag, 24. März, 19.00 Uhr, Sudetendeutscher Heimatrat: Onlinekonferenz.

Sudetendeutsches Haus

Fasching auf Böhmisch

Mittwoch, 30. März, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde: Dia-Vortrag Gisela Hüttisch – Bauernkriegspanorama des Malers Werner Tübke (frühbürgerliche Revolution um 1525). Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München.

Freitag, 1. bis Sonntag, 3. April, Heimatkreis Oberes Adlergebirge: Heimattreffen der Adlergebirgler. Gasthof „Zum Biber“, Hauptstraße 17, MottenSpeicherz (Kreis Bad Kissingen). Bitte Quartiere direkt buchen unter (0 97 48) 9 12 20, eMail: info@gasthof-zum-biber.de. Aus-

Hinweis Corona-Pandemie

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ie sich verschärfende Corona-Pandemielage führt erneut zu Veranstaltungsabsagen oder zu strengeren Hygienerichtlinien. Diese Änderungen können auch kurzfristig erfolgen. Die Sudetendeutsche Zeitung rät deshalb, sich vor dem Besuch direkt beim Veranstalter über die aktuelle Lage zu informieren.

kunft: Ortsbetreuer Günther Wytopil, Telefon (0 61 63) 48 27, eMail gwytopil@gmail.com Montag, 2., 9.00 Uhr bis Freitag, 6. Mai, 18.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Informationsfahrt nach Prag und Reichenberg. Auf den Spuren von DSAP und SOPADE. Dienstag 3. Mai, Kulturwallfahrt „Bayern und Böhmen, Ludmilla, bayerische Rauten und mehr“ mit Bundeskulturrefrent Prof. Dr. Ulf Broßmann. Abfahrt 8.00 Uhr vor dem Sudetendeutschen Haus, Hochstraße 8, München. Kosten für Busfahrt und Eintritte: 20 Euro. Anmeldung: anmeldung@sudeten.

Donnerstag, 17. Februar, 19.00 Uhr: „Fasching auf Böhmisch“ – Vernissage und Lesung mit Rena Dumont und František Zemen im Sudetendeutschen Haus, Hochstraße München. In der Region Reichenberg und im Egerland gab es mit der Fosnat (Fasnacht) eine Faschingstradition, in der bei ausgiebigem Essen und Trinken häufig über die Stränge geschlagen wurde. Die von dem Fotografen Petr Strbačka kuratierte Ausstellung „Fasching auf Böhmisch“ dokumentiert das bunte Treiben in den 1970er Jahren. Die origi-

nellen Schwarz-Weiß-Fotografien stammen von dem heute 88-jährigen František Zemen aus Strakonitz. Mit der Schriftstellerin und Filmregisseurin Rena Dumont erläutert er im Gespräch seine Bilder. Rena Dumont liest dazu passende Auszüge aus ihrem neuen Roman „Die Mühle“. Die Ausstellung ist eine Veranstaltung des Kulturreferats für die böhmischen Länder in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum. Ausstellungsdauer: 18. Februar bis 18. März, montags bis freitags 9.00 – 18.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

de oder schriftlich an Sudetendeutsche Landsmannschaft, Kulturwallfahrt, Hochstraße 8, 81669 München. Samstag, 7. Mai, 14.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/ Wehringen/Klosterlechfeld: Muttertagsfeier. Fischerheim, In der Aue 5, Wehringen. Donnerstag, 26. Mai, 19.00 Uhr, BdV Augsburg-Stadt und Augsburg-Land: Maiandacht. Mit dem Chor der Banater Schwaben und dem Blasorchester Königsbrunn in der Pfarrkirche St. Ulrich in Königsbrunn. Freitag, 3. bis Montag, 6. Juni, 72. Sudetendeutscher Tag in Hof. Motto: „Dialog überwin-

det Grenzen“. Freitag, 17. Juni, 10.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/ Wehringen/Klosterlechfeld: Totengedenken. Mahnmal der Sudetendeutschen am Friedhof Wehringen mit Pfarrer Hubert Ratzinger. Samstag, 23. Juli: Brünner Versöhnungsmarsch. Die Landesgruppe Bayern organisiert auch in diesem Jahre eine Reise mit zwei Bussen (Nord- und Südbayern) von Freitag, 22. Juli bis Montag, 25. Juli. Sonntag, 6. bis Freitag, 11. November, Seminarwoche für Multiplikatoren. Heiligenhof in Bad Kissingen.

In Hof und der Euregio Egrensis

72. Sudetendeutscher Tag vom 3. bis 6. Juni Filmsoirée im HDO und online

Der weite Weg zurück Dienstag, 8. Februar, 19.00 Uhr: „Der weite Weg zurück. Eine Zeitreise mit dem Rußland-Deutschen Theater (2018)“, Filmsoirée online und im Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Der Dokumentarfilm „Der weite Weg zurück. Eine Zeitreise mit dem Rußland-Deutschen Theater“ porträtiert Maria und Peter Warkentin und begleitet

sie auf Spurensuche in Kasachstan. Dort, an den Ursprungsstätten ihres schauspielerischen Wirkens, berichten sie der jüngeren Generation von ihren Motiven für die Ausreise nach Deutschland. Im Anschluß an die Filmvorführung spricht Moderatorin Lilia Antipow mit den Protagonisten des Films, Peter und Maria Warkentin, sowie mit dem Regisseur Alexej Getmann.

Der 72. Sudetendeutsche Tag findet über Pfingsten vom 3. bis 6. Juni 2022 in Hof und in der Euregio Egrensis statt.

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as große Volksgruppentreffen steht in diesem Jahr unter dem Motto „Dialog überwindet Grenzen“. Traditionelle und neue Veranstaltungsformen des detendeutschen Tages sind Freitag, 3. bis Sonntag, 5. ni in der Freiheitshalle von

Suvon JuHof

geplant. Dem sollen zwei „Sudetendeutsche Wochen“ mit interessanten Einzelveranstaltungen vieler Träger in der ganzen Euregio Egrensis vorgeschaltet werden. Erstmalig dauert die Begegnung bis Pfingstmontag. Am 6. Juni werden Ausflüge und eine Gebetswallfahrt für Frieden und Verständigung auf dem Programm stehen. Weitere Einzelheiten folgen.

Nationale Erinnerungskulturen in Südosteuropa Samstag, 12. Februar von 16.00 bis 18.00 Uhr: „Nationale Erinnerungskulturen in Südosteuropa und der europäische Integrationsgedanke“ – Online-Gespräch mit Gerald Volkmer, stellvertretender Direktor des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Oldenburg. Der Umgang mit der Vergangenheit war stets ein Politikum. Die Auseinandersetzung mit dem Europäischen Integrationsgedanken ist dabei sowohl in jenen Staaten aktuell, die bereits seit mehreren Jahren Mitglieder der Europäischen Union sind, wie zum Beispiel Ungarn, Rumänien oder Kroatien, als auch in jenen, die eine Aufnahme in die EU anstreben, zum Beispiel Bosnien-Herzegowina, Serbien oder Albanien. In diesem Gespräch soll die Herausforderung der in den südosteuropäischen Staaten verbreiteten Geschichtsbilder und der dort betriebenen Geschichtspolitik durch den Europäischen Integrationsgedanken untersucht werden. Anmeldung unter eMail info@heiligenhof.de Heiligenhof · Alte Euerdorfer Straße 1 · 97688 Bad Kissingen Telefax (09 71) 71 47 47 info@heiligenhof.de · www.heiligenhof.de


AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

5 � Mut tut gut

WinterGlaube

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Erich John wird am 6. Februar 90 Jahre alt. Der berühmte DDR-Designer mit sudetendeutschen Wurzeln schuf die Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz.

Fotos (2): Miksch

� Filmdokumentation zum 90. Geburtstag des berühmten DDR-Designers Erich John

Die Weltzeituhr – eine Hommage an die sudetendeutsche Heimat

Zu seinem 90. Geburtstag am 6. Februar wird der berühmte DDR-Designer mit sudetendeutschen Wurzeln, Erich John, der sich selbst Formgestalter nennt, viele Glückwünsche bekommen. Mit der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz hat er sich vor Jahren selbst längst ein Denkmal gesetzt.

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as interessanteste Geschenk konnte John bereits am 26. Jänner entgegennehmen und beschauen. Die Filmjournalistin Heike Schüler, die dem Designer 2015 erstmals begegnet war, als sie für den Rundfunk Berlin-Brandenburg der Frage nachging, wer eigentlich die Weltzeituhr gebaut hätte, hat Erich John seitdem immer wieder filmisch begleitet und daraus eine Filmbiografie gestaltet. Im Veranstaltungssaal des DDR-Museums direkt gegenüber vom Berliner Dom feierte der Film unter Anwesenheit von Erich John selbst und seiner Frau Brigitta-Maria Premiere in Ausschnitten und einem sehr informativen Gespräch zwischen Heike Schüler und dem baldigen Jubilaren Erich John. Der Film beginnt in Kartitz, direkt an der Elbe gelegen, wo Erich in eine Bauernfamilie geboren wurde, die durch die Umstellung auf Obst- und Gemüseanbau, die sein Vater in die Wege leitete, ein auskömmliches Leben in der Ersten Tschechoslowakischen Republik hatte. Die Dokumentation erzählt aber auch von den dunklen Stunden, die Erich John in seiner Autobiografie „Ikarusflüge: Erinnerungen eines DDR-Designers“ (2012) geschildert hat: die Enteignung als Deutsche in der Tschechoslowakei, die Verschleppung der Familie in ein Arbeitslager bei Dobkowitz, der Zwangsdienst für den Vater im Steinbruch und für Erich in einer Asbestfabrik. Dann der „Abschub“, die Vertreibung, und eine tagelange Reise ins Ungewisse, die schließlich in der Nähe von Wismar im Quarantänelager Losten endet, wo etwa 20 Prozent der Gestrandeten sterben. John besucht einen Friedhof, der später angelegt wurde, und denkt an die vielen Toten, die er selbst dort mitbegraben und mit Chlorkalk überdeckt hatte. Oder auch an ein älteres Ehepaar, das sich erhängt hatte. Dann werden aber auch die neuen Chancen geschildert, die John ergreift, und die ihn mit Glück und Fleiß bis an die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee führen, erst als Student, später als Professor in der Nachfolge seines Lehrers Rudi Högner, der zwar in Dresden seine akademische Heimat hatte, aber sich dennoch stark an die Bauhaus-Traditionen anlehnte. Högner war dabei der Begründer der industriellen Formgestaltung in der

Ludek Masar zeigt ein Foto mit der alten Dorflinde von Kartitz, die Erich John bei der Entwicklung der Weltzeituhr inspiriert hat. DDR. Und John setzte diese Arbeit fort, bekam sogar die Gelegenheit für eine Vertretungsprofessur in den USA, in Ohio. Über all diese Wegmarken informiert der Film und schaut nach, beispielsweise im ehemaligen Automobilwerk in Eisenach, wo John für die Innenausstattung eines neuen Wartburgs entwirft, wovon das Lenkrad und der Zündschlüssel schließlich verwendet werden. Was jedoch im Zentrum des Films steht, ist die Schilderung, wie die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz möglich wurde. Von der Aufforderung seines Chefs an der Kunsthochschule, Walter Womacka, der wie viele dort Sudetendeutscher war, einen Entwurf für die zerstörte Uraniasäule zu kreieren, und damit der Neugestaltung des Alexanderplatzes einen künstlerisch anspruchsvollen Entwurf zu liefern, bis hin zur schwierigen Realisierung mit Hilfe von rund 100 Beschäftigen in Feierabendarbeit bei den Rathenower Optischen Werken.

Dort war John bekannt als langjähriger Formgestalter für verschiedene Produkte, so zum Beispiel für das Schülermikroskop, das im Biologieunterricht aller DDR-Schulen Verwendung fand, ein besonderes Theaterglas namens Visastar oder die Fernglasbrille Peristar, die unter anderem Namen auch im Westen gut verkauft wurde. Mit Hilfe der Rathenower konnte John dann den gelieferten Entwurf in die Tat umsetzen. Schließlich die Suche nach einem geeigneten Kugellager, das er nur bei der Dortmunder Firma Rothe Erde auf der Leipziger Messe fand, und wofür dann tatsächlich 10 000 DM Valuta zur Verfügung gestellt wurden, damit die Weltzeituhr zum 20. Jahrestag der DDR eingeweiht werden konnte. Es war im neuen Zentrum des eingemauerten Landes ein subtiler Verweis auf die Offenheit der Welt, denn die Zeit strukturiert sich in der modernen Welt nach astronomischen Gesetzen und ist weltumspannend. John hat vor allem für diese Erfindung und Gestaltung im letzten Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht bekommen.

� Filmportrait über Erich John

Hier gibt es die DVD Auf welchem Sender und wann die Dokumentation über Erich John ausgestrahlt wird, steht noch nicht fest.

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ie DVD kann aber über die Webseite www.weltzeituhr-film.de ab sofort bestellt werden und kostet 14,99 Euro.

Von all seinen Entwürfen konnte das Publikum der Voraufführung des Geburtstagsfilms im DDR-Museum einiges ansehen. Sie lagen ausgebreitet vor den beiden Diskutanten, der Filmjournalistin Heike Schüler und Prof. Erich John. Am Schluß meldete sich der langjährige DDR-Design-Experte der Sendereihe „Kunst & Krempel“ des Bayerischen Rundfunks, Günter Höhne, der freundschaftlich mit den Johns verbunden ist, zu Wort, um zu erklären, was an der Formgestaltung in der DDR so besonders war. Daß der Film am Ende noch einmal nach Kartitz zurückkehrt, hat auch mit der neuen Bekanntschaft mit dem im heutigen Choratice geborenen und dort immer noch lebenden Ludek Masar zu tun. Der hatte einen Artikel über Erich John gelesen und den Designer zufälligerweise wiedererkannt, als dieser 2019 Kartitz besuchte. Obwohl Masar kein Wort deutsch spricht, haben sich beide über ihr Schicksal ausgetauscht. Masar übersetzte sich Johns Autobiografie elektronisch ins Tschechische. Und schickte John ein Bild von der alten ausgehöhlten Dorflinde aus den 1950er Jahren, in der sich John wie Masar als Kinder versteckten. Die Linde wurde später abgesägt. Als John Anfang der 1960er Jahre erstmals wieder nach Kartitz kam, war sie weg. Und doch spielte sie in seinen Erinnerungen eine wichtige Rolle, denn als er die Weltzeituhr entwarf, dachte er an seine alte Dorflinde als Treffpunkt des Ortes und als Schutzraum für sie als Kinder – im ausgehöhlten Stamm oder eben neu unterm Weltzeitrad. Damit setzte er der alten Linde an seinem neuen Lebensort im Ostteil der geteilten Stadt mit der Uhr ein symbolisches Denkmal. Masar empfing die Filmcrew in Kartitz und sorgte auch dafür, daß Erich John sein altes Elternhaus besichtigen konnte. Dieser war ernüchtert. Nach so vielen Jahren erkannte er das Innenleben nicht wieder. Vom Obstanbau seines Vaters entdeckte er aber noch Früchte tragende Apfelbäume. Im nahen Tetschen sah er dann einen wiederhergestellten Brunnen mit den Toten des Ersten Weltkrieges, darunter viele Johns. Ludek Masar hat für den Film auch etwas Besonderes beigesteuert. Die Drohnenflüge über Kartitz und das ehemalige Grundstück der Familie John schließen den Film ab. Diese Aufnahmen machte Masar schon 2019 nach ihrer ersten Begegnung. Und immer, wenn den bald 90-jährigen die Sehnsucht nach der Landschaft seiner Kindheit übermannt, kann Erich John zumindest aus der Vogelperspektive die Orte seines Herkommens bestaunen. Ulrich Miksch

arl Rahner, der 1984 verstorbene Jesuit und Theologe, veröffentlichte gegen Ende seines Lebens den Gesprächsband „Glaube in winterlicher Zeit“. Leider wurde das Buch später nicht, wie viele andere Werke Rahners, neu aufgelegt. Dennoch fiel mir der Titel dieser Tage wieder ein. Jetzt im Februar sind viele Kirchen am kältesten. Die Winterkälte kroch in die Gebäude hinein. Manche Kirchen werden zwar geheizt, aber andere sind einfach schwer warm zu bekommen. Ich betreue mit der Schönenberg-Kirche eine große Wallfahrtskirche. Es hat kaum Sinn, diesen Sakralraum zu heizen. Die Kirche gleicht einem Eiskasten. Auch meine frühere Prager Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen war in dieser Hinsicht berühmt. Sie stand im Ruf, die kälteste Kirche Prags zu sein. Das ist nichts für verweichlichte Gemüter. Meine Devise: Warm anziehen, wetterfest sein! Und manchmal braucht es auch Disziplin und Konsequenz, um das gottesdienstliche Leben und damit den gemeinschaftlichen Glauben weiter zu pflegen, miteinander die Botschaft des Evangeliums zu hören und die Sakramente zu feiern. Auch für das persönliche Glaubensleben ist die gegenwärtige Winterzeit eine Herausforderung. Die stimmungsvolle Atmosphäre von Advent und Weihnachten ist im Februar endgültig vorbei. Jetzt steht in den biblischen Texten der Gottesdienste weniger der Trost des Glaubens als vielmehr dessen fordernder Anspruch im Mittelpunkt. Auf das österliche Fest der Auferstehung und des Lebens ist es noch lange hin, und davor müssen wir außerdem noch durch die karge Fastenzeit hindurch. Auch dabei braucht es Disziplin und Konsequenz, Kraft und Durchhaltevermögen. Hilfreich dabei ist das Wissen, daß Ostern kommen wird. Dann werden wir wieder fröhliche Lieder singen, dann werden unsere Herzen frohlocken, dann wird unser Glaube im Licht der Frühlingssonne auch wieder leichtfüßiger und beschwingter sein. Jetzt aber ist „Glaube in winterlicher Zeit“ angesagt. Der Titel des Buches von Karl Rahner ist mir allerdings nicht ausschließlich im Blick auf die jetzige Jahreszeit eingefallen. Das vor zwei Wochen vorgestellte Münchener Mißbrauchsgutachten hat viele engagierte Christinnen und Christen erstarren lassen. Es hat erneut einen kalten Schatten offengelegt, welcher seit Jahrzehnten auf der Katholischen Kirche lastet. Durch die Tatsache des Mißbrauchs selbst wie auch durch die mangelhafte Aufarbeitung dieser Verbrechen ist der Kirche viel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verloren gegangen. Die Kirche hat mehr als andere Bereiche den Anspruch an sich selbst, ein Raum des Heiles zu sein. Gott selbst will das Heil der Menschen, besonders der Kleinen und Wehrlosen. Ich gestehe: Die Minustemperaturen der aktuellen kirchlichen Situation machen auch etwas mit meiner religiösen Einstellung. Wenn ich an das Leid der Opfer denke, frage ich mich: Wie konnte Gott das zulassen? Sich dieser Frage auszusetzen und keine vorschnellen Antworten zu akzeptieren, gehört für mich zum Glauben dazu. Ein Winterglaube, den es durchzustehen gilt. Dr. Martin Leitgöb CSsR Seelsorger der Pfarrei Ellwangen-Schönenberg


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FORUM

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

PERSONALIEN Erfolgreiche Chefin der Bubenreuther Musikinstrumentenfirma Höfner aus Schönbach

Gerhilde Benker 90 BR-Sendung „Kunst und Krempel“: Eine Gitarren-Erbin überläßt dem Bubenreutheum ihre Höfner-Gitarre zum Sonderpreis.

Zuvor erklärt ein Experte die Geschichte der Gitarre und schätzt ihren Wert.

Eine Elektrogitarre der aus Schönbach nach Bubenreuth vertriebenen Firma Höfner

BR begleitet Instrument ins Bubenreutheum Selten begutachten die Experten der BR-Sendung „Kunst & Krempel“ ein Objekt, das danach sofort ins Museum kommt.

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iese Seltenheit geschah am 22. Jänner. Tatort war das oberbayerische Schloß Dachau. Dorthin hatte eine Frau eine Elektro-Gitarre der Bubenreuther Firma Höfner ( rechts die Ge-

schichte der Firmeninhaberin) aus den Jahren 1965 oder später zur Begutachtung gebracht. Dieses Luxusmodell „117 a“ war die E-Gitarre ihres einem Unfall zum Opfer gefallenen Freundes. Dessen Familie schenkte ihr zum Andenken dessen Gitarre. Nun wollte sie die Gitarre in kundige Hände geben und erfuhr, daß es sich um das teuerste Exemplar

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5/2022

der Höfner-Gitarren gehandelt und 660 DM gekostet habe. Viele technische Details der elektronischen Tonveränderung fanden sich für die Experten an dieser aus wertvollem Holz gefertigten und bestausgestatteten E-Gitarre. Allerdings hatte sie im vorgezeigten Zustand nur noch vier Saiten und war ein wenig ramponiert. Dennoch strahlten die Gesichter der Experten, denn sie konnten viel über die Firma Höfner berichten. Im Egerland produzierten die Instrumentenbauer, vor allem die in Schönbach, Geigen und andere hochwertige Streichinstrumente. Doch schon in den vierziger Jahren befaßten sie sich mit dem Bau von E-Gitarren. Als sie im Zuge der Vertreibung schließlich in Bubenreuth strandeten, bauten sie dieses Geschäftsfeld aus und waren vor allem in Großbritannien erfolgreich. Ein früheres Modell habe 1961 Paul McCartney gekauft, erzählten die Experten, und er spiele darauf wohl immer noch. Noch immer gebe es die Firma Höfner, aber diese hochwertige E-Gitarre sei sehr selten. Selbst das Museum in Bubenreuth habe dieses Modell nicht in seiner umfänglichen Sammlung. So kam es, daß der Bayerische Rundfunk die Geschichte der Gitarrenlauf mit Bubenreuther der goldenen In- und der schrift Hofner Schönbacher ohne ö für den erzählte. Die internationalen 500 BubenMarkt reuther hätten die 2000 Instrumentenmacher aus Schönbach willkommen geheißen und sie eine Siedlung vor den Toren Erlangens errichten und neu beginnen lassen. „Guitars made in Frankonia“ hätten bald reißenden Absatz in Großbritannien und den USA gefunden. Ende der 1960er Jahre beendete die asiatische Billigkonkurrenz den Höhenflug der Instrumentenmacher in Bubenreuth, nur das Luxussegment überlebte. Im Bubenreutheum im Bubenreuther Rathaus empfingen Susanne Lang und Fritz Gembala vom Bubenreutheum-Verein das noch fehlende Modell 117 a der Firma Höfner in ihrer Sammlung. Das Museum hatte 300 Euro für das seltene Stück locker gemacht. Die ehemalige Besitzerin freute sich. Gembala nahm die Gitarre in seine Hände, bewunderte die Perlmutt-Einlagen und das Ebenholz, zog die fehlenden Saiten auf und schaltete den Verstärker an. „Dann begann Bubenreuth zu rocken“, sagt die zufriedene Der Corpus aus Spenderin. Ulrich Miksch wertvollem Holz.

Am 29. Januar feierte Gerhilde Benker, geboren in Schönbach im Egerland und langjährige Inhaberin der Musikinstrumentenbaufirma Karl Höfner, ihren 90. Geburtstag im mittelfränksichen Bubenreuth.

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enn eine der bekanntesten Persönlichkeiten in der deutschen MusikinstrumentenIndustrie 90. Geburtstag feiert, kündigt sich ein großer Reigen von Gratulanten an. Corona veränderte auch die Geburtstagsfeier von Gerhilde Benker, die Kontaktbeschränkungen erlaubten nur ein Familienfest. Gerhilde Benker ist die Tochter von Walter und Wanda Höfner. 1957 bis 1994 war sie in der elterlichen von Karl Höfner 1887 gegründeten Firma in leitender Funktion. In Schönbach ging sie in die Volksschule und in die Bürgerschule. Nach dem Krieg enteigneten die Tschechen Karl Höfner und vertrieben die Familie. 1947 strandeten die Höfners zunächst im mittelfränkischen Möhrendorf nahe

Erlangen. In Erlangen besuchte Gerhilde Höfner das Marie-Theresia-Gymnasium. Ab 1950 ging sie in die Wirtschaftsoberrealschule in Nürnberg und machte dort 1952 Abitur. 1950 verlegten die Höfners Betrieb und Wohnsitz von Möhrendorf nach Bubenreuth. Im November 1952 begann Gerhilde ein Studium an der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Nürnberg, das sie 1952 Diplom-Kauffrau abschloß. 1956 frischte sie ihre EnglischKenntnisse als Au Pair Mädchen in den USA auf. Mit dem Eintritt in die väterliche Firma begann in jenem Jahr ihr Berufsleben. Zu ihrem Aufgabengebiet gehörte der Aufbau des Inlandsgeschäftes, der Vertrieb, die Vorbereitung und der Besuch von nationalen und internationalen Musikmessen. Im Juni 1957 heiratete sie den aus dem oberfränkischen Weißenstadt stammenden DiplomIngenieur Christian Benker, der sechs Jahre später in die Firma Höfner eintrat. 1958 wurde Ger-

hilde Benker Teilinhaberin und 1985 Alleininhaberin des Unternehmens. In den 39 Jahren ihres Wirkens verhalf ihre Musikinstrumentenbaufirma Karl Höfner dem Musikort Bubenreuth zu weltweitem Ruhm. Mit ihren Beatles-Bass-Gitarren schrieb Höfner ZupfinstrumentenbauGeschichte. Ex-Beatle Paul McCartney spielt noch heute auf dem Höfner-500/1-Baß, der in allen fünf Erdteilen bekannt ist. 1995 begann für Gerhilde Benker der Ruhestand. Die Firma Höfner fertigt heute unter neuer Leitung in Hagenau bei Baiersdorf weiter. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gratulierte per Post, Landrat Alexander Tritthart und Bubenreuths Bürgermeister Norbert Stumpf überbrachten ihre Glückwünsche telefonisch. Der mit Egerländer Wurzeln behaftete Bürgermeister hob besonders hervor, daß die Jubilarin sowohl in der Sprache als auch im Liedgut ihre Heimat nicht vergessen habe. Er wünsche sich, daß man beim 91. Geburtstag wieder richtig feiern könne. Heinz Reiß

Ein funkelnder Schatz aus Trautenau

Peter Barth 85 Am 8. Februar feiert der so engagierte wie reizende Riesengebirgler Peter Barth im mecklenburgischen Barth 85. Geburtstag.

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as Telefon klingelt. Ich hebe ab und höre eine vertraute Stimme und einen vertrauten Satz: „Hier ist Peter Barth aus Barth.“ Seit vielen Jahre arbeiten wir zusammen, seit vielen Jahren veröffentlicht Peter Barth, Schriftleiter der „Riesengebirgsheimat“, Beiträge in der SdZ und Beiträge der SdZ in seiner Heimatzeitung. Als er in Trautenau zur Welt kam, diente sein Vater Otto dem tschechoslowakischen Militär. Während des Zweiten Weltkrieges zog ihn die Deutsche Wehrmacht ein. Er entkam aus russischer Kriegsgefangenschaft und landete als tschechischer Kriegsgefangener in Schatzlar in der Kohlengrube. Peters Mutter Waltraud war die Tochter des Glasund Porzellankaufmannes Heinrich Hoffman aus der Trautenauer Kudlichstraße. Im Sommer 1945 vertrieben die Tschechen die Hoffmanns mit Tochter und Enkel aus der Kudlichstraße in ein Sammellager in TrautenauOberaltstadt. Einige Monate verbrachten sie in einem Zimmer in den Etrich-Häusern in der Freyung. Barths Mutter mußte in der Etrich-Fabrik Flachszupfen. Im August 1946 kam die endgültige Vertreibung. In Viehwaggons ging es in die SBZ. Über die Quarantänezeit im Dänenlanger Damgarten landeten die Barths in Zingst auf der Halbinsel Darß. Hier ging Peter nach eineinhalb Jahren Pause wieder zur Schule. Seine Eltern arbeiteten zunächst im Kinderheim „Kiek över“, einer heimlichen Zufluchtsstätte für Riesengebirgler. Vom Heimleiter, seinem Vater, bis zum gelegentlichen Handwerker stammten alle aus dem Kreis Trautenau. Abitur machte Peter 1956 in Barth – seine erste Begegnung mit der gleichnamigen Stadt. Ein Jahr lang schufftete er als ungelernter Arbeiter im Dreischichtbetrieb in der chemischen Industrie in Bitterfeld. Barth: „Die dreckigste Stadt Deutschlands“, sagt Barth. Und: „Die

Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert sie als ,unbewohnbares Gebiet‘.“ 1957 begann er an der Ernst-MoritzArndt-Universität Greifswald, Chemie zu studieren. 1962 ging er wieder nach Bitterfeld, diesmal als Diplom-Chemiker. In jenem Jahr heiratete er Elke Wegner, eine Einheimische, die Arzthelferin im Betriebskrankenhaus der volkseigenen Filmfabrik Wolfen war. 1963 kam Sohn Klaus-Dieter zur Welt. In Bitterfeld verbrachte das Paar, bis auf ein Jahr in der Volkswerft Stralsund, sein Berufsleben. Peter Barth erforschte die Entwicklung und Produktionseinführung von Pflanzenschutzmitteln. „Wir erzielten viele gute Resultate, was mehr als 40 Patente bezeugen, auch mit Anmeldungen in der Heimat“, sagt Barth. „Wegen der wirtschaftlichen Lage wurde nur wenig realisiert. Das Insektizid Bi 58 ist ein Teil meines Lebens und vielen Bauern und Gartenfreunden ein Begriff. Wir arbeiteten auch mit Cholinesterasehemmern, dem Gift, mit dem der russische Dissident Alexej Nawalny 2020 in Tomsk ermordet werden sollte. Auch im Betrieb traf man überall Sudetendeutsche, die sich unter der Hand weiterhalfen. Und das bedeutete viel in der total heruntergewirtschafteten Chemieindustrie mit Apparaten, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammten, mit Schornsteinen, deren Umfeld bei Sturm gesperrt war, und mit Netzen unter den Decken der Werkshallen.“ Wie Barth nach der Wende erfuhr, waren Mitte der 1980er Jahre sechs IM, also Stasi-Spitzel, auf ihn angesetzt. Man wollte ihm unbedingt Wirtschaftsspionage nachweisen. Häufig machte Peter Barth mit seiner Familie Urlaub bei Bekannten seiner Eltern oder bei seinem Kindermädchen in Trautenau und Schatzlar. „Die erste private Reise unternahmen wir mit einem DKW F7. Dessen Baujahr war mein Geburtsjahr.“ Und dann kam die Wende.

„Endlich konnten wir uns öffentlich zur Heimat bekennen. 1991 gründeten wir die SL-Kreisgruppe Bitterfeld und die SLLandesgruppe Sachsen-Anhalt. Außerdem arbeitete ich im Vorstand der Landesgruppe mit und wurde 1992 Mitglied und Protokollführer des Riesengebirgler Heimatkreises Trautenau.“ Als Peter Barth 1995 – „Viel zu früh!“ – Rentner wurde, zogen er und Elke an die Ostsee zurück, und zwar in den staatlich anerkannten Erholungsort Barth. 1996 gründete er die SLKreisgruppe Nordvorpommern und arbeitete in der SL-Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern mit. Über Jahre organisierte er die zweijährlichen Nordtreffen der Riesengebirgler mit EU- und Landesprominenz. Bis Corona kam, veranstaltete Barth regelmäßig Treffen der Sudetendeutschen in Barth, Zingst und Ribnitz. Seine Haupttätigkeit ist nach wie vor die Schriftleitung der „Riesengebirgsheimat“, des Heimatblattes und offiziellen Organs der Heimatkreise Hohenelbe und Trautenau. Jahrelang unterstützte ihn seine Frau Elke nicht nur bei der Schriftleitung, sondern auch bei seiner gesamten Heimatarbeit. Schließlich waren sie schon vor der Wende häufig in der Heimat gewesen, und sie wußte, worum es ging. Seit ihrem Tod 2015 bewältigt er alles allein. Freude bereiten ihm seine Nachkommen. Sohn Klaus-Dieter leitet ein großes Warenhaus, wurde also wie seine Vorfahren Geschäftsmann. Schwiegertochter Birgit, deren Eltern ebenfalls aus dem Riesengebirge stammen, arbeitet in der Tourismusbranche, und die Enkel Sandra und Enrico promovieren gerade. Von Herzen wünschen die Landsleute Peter Barth noch viele wunderschöne Jahre und viele wunderbare Ausgaben seiner „Riesengebirgsheimat“. Und ich wünsche mir noch viele Telefonate, die mit den Satz beginnen: „Hier ist Peter Barth aus Barth.“ Nadira Hurnaus


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ir sind vor einem Jugenstilgebäude, das das GoetheInstitut beherbergt, am Masaryk-Ufer in der Prager Neustadt verabredet. Jenseits der anderen Straßenseite fließt die Moldau. František Černý führt mich über die Straße und über eine Brükke auf eine Insel. 1840 besuchte Großherzog Franz Karl von Österreich die Insel, daraufhin erhielt sie nach seiner Frau Sophie Friederike von Bayern den Namen Sophien-Insel, tschechisch Žofín. Da 1848 auf der Insel der Slawische Kongreß stattfand, wurde sie 1925 in Slawische Insel umbenannt. Wir schlendern durch einen Park, passieren den Sophien-Palast, eine Skulptur der Schriftstellerin Božena Němcová, ein Gartenrestaurant und einen Kinderspielplatz. Černý: „Hier habe ich als Kind gespielt.“ Schließlich erreichen wir die Rückseite des Ausstellungsgebäudes des Vereins bildender Künstler Mánes (SVU). Josef Mánes (1820– 1871) war ein Maler der Romantik, der Verein entstand 1887. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er federführend für die Entwicklung des tschechischen Kubismus und Rondokubismus. Der funktionalistische Bau des Architekten Otakar Novotný entstand 1930. Seine Vorderseite steht auf dem Festland, das dazugehörige Kunst-Restaurant auf der Insel. Auf dessen Terrasse wählt Černy für uns einen mährischen Sauvignon Blanc und sagt: „Auch hier bin ich schon mit 17 Jahren gesessen.“ Das war 1948. 1956 verboten die Kommunisten den Verein, 1990 nahm er seine Tätigkeit wieder auf. „Ich bin zu alt geworden“, sagt er. „Aber“, nun kokettiert er, „das schönste am Gedächtnis sind die Lücken.“ Hat er trotz der Lücken Erinnerungen an die Erste Republik? „Mein Vater war Sparkassenbeamter. Die Böhmische Sparkasse war in einem Gebäude untergebracht, in dem heute die Tschechische Akademie der Wissenschaften logiert. Das ist in der Nationalstraße nicht weit weg von hier. Vaters Büro über der Bank hatte einen großen Balkon zur Straße. Als Junge beobachtete ich von dort den imposanten Trauerzug nach Masaryks Tod.“ Das war 1937 und Černý sechs Jahre alt. Am 14. September 1937 war der erste tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk mit 87 Jahren gestorben. Im Moldauer Nebenarm zwischen Sophien-Insel und Festland ankerten damals Schiffe aus

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KÖPFE

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Plauderstunde mit František Černy

Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken „František Černý, Diplomat, Journalist und Humanist“ heißt das Liber amicorum, das Buch der Freunde, das am 8. Juni zu Černýs 90. Geburtstag erschien. Dort schreiben 61 andere Diplomaten, Journalisten und HuNordböhmen, die Obst geladen hatten. „Meine Mutter kaufte das Obst immer direkt vom Schiff. Damals gab es ja noch keine Supermärkte.“ František Černýs Mutter Antonia war eine geborene Přibylová, ihr Vater ein hoher Staatsbeamter. Černýs väterlicher Großvater war Deutscher und Kellermeister des Weinguts der Schönborns bei Leitmeritz. Da die Schönborns immer mehr Zeit in Prag verbrachten, nahmen sie auch ihren Wein und seinen Meister mit in ihr Prager Palais. Heute beherbergt der barocke Bau die Botschaft der USA. Als es modern wurde, nicht mehr heimische, sondern französische oder italienische Weine zu trinken, wurde Černý Hausmeister der Schönborns. Sein Sohn František kam in Prag zur Welt, studierte in Prag, wurde Sparkassenbeamter. Der aus kleinen Verhältnissen stammende František heiratete die aus großen Verhältnissen mit wichtigen Staatsbeamten stammende, ebenfalls in der Sparkasse angestellte Antonia Přibylová. Am 8. Juni 1931 kam ihr Sohn František, später ihr Sohn Jiří zur Welt. Während des Krieges war Prag zur Lazarettstadt geworden. Černý schildert eine Tramfahrt vor Kriegsende: „Die Ansagen des Schaffners sind zweisprachig. ,Museum, Muzeum‘. Ein bewaffneter Offizier mit Gipsarm steigt ein und will mit Reichsmark bezahlen. Der Schaffner bittet um Kronen. ,Habe ich nicht‘, sagt der Offizier. ,Dann müssen Sie leider aussteigen‘, bedauert der einfache Schaffner. Der hohe Offizier steigt aus, die Fahrgäste applaudieren.“ Am 5. Mai 1945 – drei Tage vor der deutschen Kapitulation – begann der Prager Aufstand gegen die deutschen Besatzer – und gegen alles, was deutsch war. An jenem Tag war Antonia Černý mit ihren Buben František und Jiří bei ihrer

Die Nordseite der Slawischen oder Sophien-Insel liegt gegenüber dem Goethe-Institut.

manisten sowie Politiker, Literaten, Wissenschaftler und Künstler über ihn. Unser Berlin-Korrespondent Ulrich Miksch berichtete darüber ( SdZ 28/2021). Fünf Wochen später plaudert František Černý auf der Prager

Moldauinsel Slovanský ostrov mit Nadira Hurnaus über Bertha von Suttners Friedensvision und Tomáš G. Masaryks Tod, über Deutsche und Tschechen, über Prag und Berlin. Eine Nachlese.

Mutter am Hradschin. Die deutschen Großeltern, die zusammen mit den Černýs in Smichow lebten, wurden ins Strahov-Stadion gebracht. Thomas Darnstädt und Klaus Wiegrefe schreiben 2002 im „Spiegel“: „Im StrahovStadion am Stadtrand von Prag harrten 10 000 Gefangene ohne Essen und Trinken aus. Alte und Kinder starben zu Hunderten an der Ruhr. Vor den Augen der Häftlinge prügelten Milizionäre tatsächliche oder vermeintliche NS-Funktionäre zu Tode.“ Die Großeltern sind verschollen.

an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität war Jiří Dienstbier, später sollten Václav Havel und Günter Grass zu seinen Freunden zählen. 1963 promovierte er über seinen Lieblingsschriftsteller Erich Maria Remarque. Zwei Seelen wohnen ohne ach in seiner Brust, eine deutsche und eine tschechische. Die glückliche deutsch-tschechische Symbiose ist sein Lebensinhalt. Černý wurde Redakteur beim Tschechischen Rundfunk und

Auch František Černý senior holten die Tschechen damals aus der Wohnung in Smichow, internierten ihn für sechs Monate und beschlagnahmten die Wohnung. Von einem Tag auf den anderen war die Familie obdachlos. Da Černýs Familie den Kommunisten zu bourgeoise war, mußte er zunächst an der Drehbank arbeiten und dann als Bausoldat dienen. Dann erst durfte er studieren. Sein Kommilitone

machte Auslandssendungen bei Radio Prag. Beim Rundfunk lernte er die Technikerin Helena Honzíková kennen. Ihre Mutter María Honzíková, geborene Prušáková und geschiedene Hoffmeister, war Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihr erster Mann Adolf Hoffmeister, ein Multikünstler, Professor und Politiker, und ihr zweiter Mann Karel Honzík, ein Architekt und Designer sowie Vater von Helena,

Das flußüberschreitende Mánes-Gebäude bietet Ausstellungsräume und rechts das Kunst-Restaurant.

waren einflußreiche Männer der Prager Avantgarde in der Masaryk-Republik. Die Honzíks hatten in einem Eckhaus am Palacký-Platz voller Bilder zeitgenössischer Künstler gelebt. Prag war eine vom Bombenkrieg verschonte Stadt – bis auf vier alliierte Luftangriffe. So schrillte im Februar 1945 Bombenalarm auf dem Palacký-Platz. Die Honzíks, Maria hatte ihren Pelzmantel übergestreift und Helena sich ihre Lieblingspuppe geschnappt, stellten sich an den sichersten Ort, an den Schornstein. Die Bombe fiel, das Haus brach zusammen, die Bilder brannten, und die Honzíks überlebten mit Pelzmantel und Puppe. Den Rest hatten sie verloren. Und das nur wegen eines Irrtums: Der alliierte Bomberpilot hatte Prag mit Dresden verwechselt. Černý: „Wir beide hatten von einem Tag auf den anderen unser Zuhause verloren. Wir erlitten das gleiche Schicksal. Mir hatten die Tschechen das Zuhause genommen, ihr die Alliierten.“ Die Schicksalsgefährten heirateten. Die Frankfurter Buchmesse im September 1968 kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Brüder in Prag wäre eine gute Gelegenheit gewesen zu emigrieren. Doch Černý dachte: „Vielleicht können wir noch etwas vom Prager Frühling retten.“ Der Rundfunk warf ihn raus. Nun versuchte er, sich als Dolmetscher durchzuschlagen. Außerdem wurde er an der Staatlichen Sprachschule Deutschlehrer. Sie war in jener dunklen Zeit „eine Insel mit einem Mikroklima der Freiheit für Lehrer und Schüler“, wie Lehrerkollege Jindřich Fischel im „Liber amicorum“ schreibt. Černý war dort 20 Jahre lang gerne und einer der beliebtesten Lehrer. „Ein Vorteil als Lehrer ist“, sagt Černý, „daß man zwei Monate Ferien hat.“ 1986 verdarb ihm Dienstbier die Ferien. Er bat Černý, sein Buch „Träumen von Europa“ ins Deutsche zu über-

Ein Blick in einen Ausstellungsraum des Mánes-Vereins Bildender Künstler. Bilder (4): Nadira Hurnaus

setzen. Doch die Zeit war ungünstig, das Buch paßte nicht zur deutschen Ostpolitik. Erst 1991 sollte es bei Rowohlt herauskommen. 1990 wurde der in Bonn lebende Schriftsteller und Dissident Jiří Gruša zunächst Tschechoslowakischer, dann Tschechischer Botschafter in Bonn. Auf Drängen Václav Havels und Jiří Dienstbiers wurde Černý Gesandter und Leiter der Außenstelle der Botschaft in Berlin. In der Silvesternacht zum 1. Januar 1993 trennten sich die Tschechische und die Slowakische Republik friedlich. „Das war nicht wie bei Jugoslawien. Da fiel kein Schuß.“ Černý hatte die Idee, die zwei Botschaften in einem Haus unterzubringen, eine Botschaft mit zwei Fahnen, ein Zeichen für Frieden. Eberhard Diepgen, der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, war begeistert, Prag und Preßburg waren entsetzt. Černýs einschlägiges Memorandum wurde ein Mißerfolg. Am Beispiel des Fuhrparks der Botschaft beschreibt er die Trennung. „Wir teilten die Autos im Verhältnis eins für die Slowaken zu drei für die Tschechen auf. Und dann zogen wir Lose, wer welches Gefährt bekommt.“ 1998 bis 2001 war er der erste Tschechische Botschafter im wiedervereinten Berlin. 1999 zog die Bundesregierung von Bonn nach Berlin, und Černý organisierte den Umzug der Botschaft in Bonn nach Berlin. „Angesichts der weltweit steigenden Waffenproduktion bin ich zu einem Friedensapostel geworden“, sagt der Vater von zwei Kinder, der Großvater von fünf Enkeln und der Urgroßvater eines Urenkels. „Mit Bertha von Suttner hatten wir die erste Friedensnobelpreisträgerin. Besinnen wir uns auf ihre Forderung ,Nieder mit den Waffen!‘.“ Černýs Gedächtnis hat keine Lücken. Doch die Weingläser sind leer, die Sonne neigt sich, und wir verlassen das Restaurant am Künstlerhaus, zu dessen Freunden auch Černý zählt. Wir passieren das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Das gründeten 2004 die Autorin Lenka Reinerová (1916–2008), Kurt Krolop (1930–2016), Vorsitzender der Franz-Kafka-Gesellschaft, und Franitšek Černý, damals Tschechischer Botschafter in Berlin. Černý: „Einmal die Woche komme ich hierher, um die Sudetendeutsche Zeitung zu lesen.“ Franitšek Černý baut keine Brücken, er ist eine Brücke.

Die Südseite der Insel hat links eine Schiffschleuse und rechts einen Wasserturm.


8 Das Deutsche Kulturforum Östliches Europa (DKF) präsentiert neue Folgen seiner Literaturreihe „Unerhörte Familiengeschichten aus dem östlichen Europa“. Die 2020 initiierte Lesereihe widmet sich historischen Landschaften des östlichen Europas, in denen Kulturen und Menschen im 20. Jahrhundert unheilvoll aufeinanderprallten. Die Lesungen der Autoren aus dem ehemaligen Deutschen Osten finden live im BrechtHaus Berlin und online statt.

KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

� Neue Lesereihe des Kulturforums Östliches Europa

Trilogie aus dem Osten

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ei den diesjährigen Lesungen machte Jan Koneffke mit seiner Pommern-Trilogie den Auftakt. Jan Koneffke, dessen Vater aus dem pommerschen Rügenwalde stammt, wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er wuchs in Gravenbruch (Neu-Isenburg) und Braunschweig auf. An der FU Berlin studierte er Philosophie und Germanistik. Seine erste Buchpublikation war die lange Erzählung „Vor der Premiere“ (1988). 1995 ging Koneffke mit einem Villa-MassimoStipendium nach Rom, wo er weitere sieben Jahre verbrachte und als Kulturkorrespondent für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten aus Italien berichtete, danach ging er nach Bukarest. 2000 erschien das Buch „Paul Schatz im Uhrenkasten“, das auf Platz eins der SWR-Kritiker-Bestenliste kam. 2003 zog Koneffke nach Wien, wo er bald in die Re-

Jan Koneffke mit Ingeborg Szöllösi vor einer Manuskript-Tafel im Gespräch über seine Bücher (unten) daktion der Literaturzeitschrift „Wespennest“ eintrat, die er von 2005 bis 2007 auch mitherausgab. Seitdem pendelt der Autor, der zum zweiten Mal verheiratet ist, zwischen Wien, Bukarest und dem Ort Maneciu am südlichen Karpatenrand.

Seine Romantrilogie, die sich mit der eigenen Familiengeschichte befaßt, besteht aus „Eine nie vergessene Geschichte“ (2008), „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“ (2011) und dem letzten Teil, dem mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeich-

neten Buch „Ein Sonntagskind“ (2015). Um diese Bücher und die dargestellte Familie Kannmacher ging das Gespräch des Autors und seiner begeisterten Moderatorin Ingeborg Szöllösi, der er erklärte: „Der Name Koneffka kommt aus dem Polnischen, ist germanisiert mit dem ,e‘ hinten und zwei ,f‘. Koneffka bedeutet heute Gießkanne. Ursprünglich verbarg sich darin aber auch eine Berufsbezeichnung, und die war Kannengießer.“

Das Füllen der Leere Mit seiner Herkunft habe er sich viele Jahre lang nicht beschäftigt, so Koneffke. Er sei erst nach der Wende im Osten Anfang der Neunziger mit seinem Vater nach Pommern gereist. Dort hätten sie viel über die Vergangenheit geredet, was zu „Eine nie vergessene Geschichte“ führte, dem ersten Buch der Trilogie, in dem sein Alter Ego „Lukas Kannmacher“ heiße. Der Träger des Sudetendeutschen Kulturpreises für Wissenschaft des Jahres 2013, der Sozial- und Kulturgeograph Wilfried Heller, stellte Ende 2021 sein jüngstes Werk „Zwischen Herkunft und Neuanfang – Biographische Skizze eines Vertriebenen aus dem Egerland (Böhmen)“ vor. Auf 112 Seiten versucht der Autor diesen großen Umbruch in seinem Leben darzustellen, den so viele seiner Generation erlebten. Der ehemalige SL-Bundeskulturreferent Wolf-Dieter Hamperl stellt das Buch vor.

� Buchvorstellung der Autobiographie von Kulturpreisträger

Neuanfang schon 1924 entlassen, weil er Deutschböhme ist. Der Vater betreibt dann die kleine Landwirtschaft. Erst 1939, nach dem Anschluß des Egerlandes an das Dritte Reich, erhält der Vater eine Anstellung beim Landratsamt in Elbogen. Weil er seinen Beruf si-

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eine Heimat ist Deutschland und ich stamme aus dem Egerland.“ 1942 wurde Wilfried Heller in Littmitz bei Elbogen geboren. Littmitz war ein Bauerndorf, in dem Schwefelkies und später vor allem Braunkohle abgebaut wurden. So kam auch sein Großvater Josef Heller auf der Suche nach Arbeit aus Malkowitz im Kreis Tachau hierher. Die Vorfahren mütterlicherseits stammten aus der Gegend. Also hat Wilfried Heller Egerländer Gene, und das kann jeder bestätigen, der ihn näher kennt. In welche Familie wurde Wilfried hineingeboren? Der Vater besucht nach der Volksschule die Bürgerschule in Chodau und eine Handelsschule in Prag. Er wird schließlich Berufssoldat der k. u. k. Monarchie, überlebt trotz der verlustreichen Kämpfe in Galizien und am Isonzo den Ersten Weltkrieg. Danach wird er gezwungen, für ein Jahr im Kohlebergwerk am Buscher bei Neusattl unter Tage zu arbeiten. Er wird dann in die tschechoslowakische Armee übernommen, aber

Wilfried Heller: „Zwischen Herkunft und Neuanfang. Biographische Skizze eines Vertriebenen aus dem Egerland (Böhmen)“. Verlag Inspiration Un limited, London/Berlin 2021; 112 Seiten mit einer Karte und 38 Abbildungen, 12 Euro. (ISBN 9783-945127-322)

chern will, ist er in der Partei. Am 7. Mai 1945 wird das Dorf von den Amerikanern besetzt, schließlich den Russen und im November 1945 den Tschechen übergeben. Im August 1946 muß die Familie Heller Haus und Hof verlassen. Man muß sich im Lager in Neusattl einfinden, von wo ein Eisenbahntransport die Familie nach München und schließlich nach Berchtesgaden in Bayern bringt. Man nennt es später Vertreibung, die Tschechen sprechen von „Transfer“. Rund 14 Millionen Menschen mußten 1945/1946 dieses Schicksal durchleben. Die Familie Heller kommt auf ein Anwesen mit kleiner Landwirtschaft, in dem man schon in der dreißiger Jahren Zimmer an Leute aus der Stadt vermietete. Im Antenbichl-Lehen in der Ramsau wird der Familie ein Zimmer zugewiesen. Der Vater leidet sehr unter dem erzwungenen Wandel. Er bekommt keine Anstellung in der örtlichen Verwaltung, auch nicht in München, und muß sich als Hilfsarbeiter verdingen. Bald erkrankt er an Tuberkulose, später an Darmkrebs. 1957 stirbt er. Die Mutter scheint die Stütze zu sein. Die ausgebildete Schneiderin durfte ihre Nähmaschine mitnehmen und beginnt in der Ramsau gegen Lebensmittel zu schneidern. Man kennt sie, und

sie versucht sogar, den oberbayerischen Dialekt zu sprechen. Die ältere Schwester Hellers geht als Volksschullehrerin in die nördliche Oberpfalz. Wilfried besucht das Gymnasium in Berchtesgaden. Er geht ausführlich auf die familiäre Not in diesen Jahren, auf den Lastenausgleich und die Hausratshilfe ein. Die Vertriebenen sind keine Einheimischen, sie sind nicht in der Ramsau geboren, und das läßt sie der Gebirgler spüren. Noch heute lebt er nach dem Motto „Mia san mia!“ Deshalb verläßt Heller auch Bayern und studiert in Heidelberg. Dort ist es anders. Sein beruflicher Weg geht weiter nach Göttingen, Hannover und Potsdam. Dort hat er zuletzt den Lehrstuhl für Sozial- und Kulturgeographie mit dem Schwerpunkt Migrationsforschung. Da Vertriebene keine Heimat mehr haben, sind sie in der Berufswahl nicht ortsgebunden, merken das aber auch im Alter, weil sie meist nicht wissen, wohin sie gehören. Wilfried Heller findet erst Anschluß an die Egerländer und Sudetendeutschen in Bayern über die Egerländer in Puhoi in Neuseeland, wohin einige Deutschböhmen aus Staab um 1860 ausgewandert und die Ziel einer wissenschaftlichen Exkursion und Untersuchung waren. Im Ruhestand publizierte er über den Begriff „Heimat“, die „Bohemians“ in Neuseeland, über die verschwundenen Orte in den ehemals deutschen Siedlungsgebieten und über jüdische Spuren in Böhmen. Den vorliegenden Band werden Landsleute mit großem Gewinn lesen. Er sollte nicht der letzte dieser Reihe bleiben.

Als er bei seinen Recherchen erfuhr, daß sein Großonkel früh nach Bukarest und in die Karpaten gegangen und dort verschwunden sei, wollte Koneffke auch über ihn ein Buch schreiben, „um die Leere zu füllen“. Anders als der erste Teil sei die-

ses Buch, „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“, weitgehend fiktiv. „Ein Sonntagskind“ als drittes Buch gehe besonders um das Leben seines Vaters, Gernot Koneffke, der im Buch Konrad Kannmacher heiße. Als 17jähriger sei der spätere Professor noch 1944 zum Volkssturm einberufen worden. Der Vater habe nach Kriegsende im Westen als Dorflehrer begonnen und später Philosophie studieren können. „Ich bin ein Sonntagskind, Jungchen, Du weißt ja, mir kann nichts passieren“, habe Vater seinem Sohn bei seinem letzten Besuch gesagt, erzählt Koneffke und erklärt damit den Titel dieses Buches. Aus allen drei Büchern liest der Autor interessante Passagen – die er auch gleich erläutert – und zwar so perfekt wie ein professioneller Sprecher, was auch die Lesungen zu einem Genuß macht. Sicherlich wird man ihn auch weiterhin lesen und erzählen hören. Denn nach seinem zweiten Lyrikband veröffentlichte Koneffke die fantastischen „Tsantsa-Memoiren“ (2020). Zuletzt schrieb er Drehbücher für eine eigene Filmreihe im rumänischen Fernsehen: „Mein Bukarest – Jan Koneffke“. Der vielseitige und mehrsprachige Autor liefert auch Übersetzungen, etwa aus dem Italienischen und Rumänischen und ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Susanne Habel

Familiengeschichten Das Literaturforum im Brecht-Haus bietet weitere Familiengeschichten aus dem ehemaligen Deutschen Osten. n  Samstag, 26. Februar, 17.00 Uhr: „Wohin ich immer gehe“. Lesung mit Nadine Schneider, die aus dem Banat stammt.

n  Samstag, 23. April, 17.00 Uhr: „Meine Mutter aus Mikultschütz. Eine deutsche Familiengeschichte“. Lesung mit Laura Starink.

n  Samstag, 26. März, 17.00 Uhr: „Wie kommt der Krieg ins Kind?“ Lesung mit Susanne Fritz, die aus Schwersenz bei Posen stammt.

Literaturforum im BrechtHaus in Berlin-Mitte und im Netz auf youtube.com/c/ DeutschesKulturforumöstliches Europa.

� Zum Tag der NS-Opfer im Bayerischen Rundfunk

Musik als Hilfe Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte die BR-Rundfunkreihe „Künstler im Gespräch“ in BR-KlassikPlus an Komponisten aus Böhmen und Mähren in Theresienstadt. Ihre Musik präsentiert Redakteurin Alexandra Maria Dielitz.

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it vielen eindrucksvollen Tonbeispielen wird in der Radiosendung das musikalische Leben im Lager Theresienstadt lebendig. Man hört Werke der dort aktiven Komponisten und Schriftsteller. Dabei schildert Autorin Alexandra Maria Dielitz das Leben der Lagerinsassen und präsentiert die Musik, die dort entstand. Die musikalischen Intermezzi geben einen guten Eindruck von der hohen Qualität der im Lager entstandenen Werke. Viele der Musiker im Ghetto wie Gideon Klein, Pavel Haas, Viktor Ullmann und Hans Krása sowie viele andere Künstler wurden von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und wenig später ermordet. Daß Theresienstadt immer nur eine Durchgangsstation auf dem Weg in den Tod war, blieb den Lagerinsassen nicht verborgen. Dennoch wurde in diesem Ghetto unermüdlich komponiert und konzertiert, gedichtet und geprobt. Dieses zunächst heimlich stattfindende kulturelle Leben wurde von der Lagerleitung bald

unterstützt und zu Propagandazwecken mißbraucht. Auf internationale Anfragen zu den deutschen Konzentrationslagern wurde Theresienstadt als „Paradiesghetto“ präsentiert, obwohl der Alltag auch hier von Hunger, Not und Krankheit gezeichnet war. Welch große Rolle die Musik für die internierten Menschen gespielt hat, kann man nur erahnen, bei dieser Sendung jedoch verstehen. sh

„Sudetenland“ 3/2019, Einzelheft mit Schwerpunkt auf Komponisten in Theresienstadt, 9 Euro; Abonnement 19 Euro. Erhältlich beim Adalbert-Stifter-Verein, Hochstraße 8, 81669 München, Telefon (0 89) 62 27 16 30, eMail sekretariat@ stifterverein.de


In der Reihe „Mein Weg zu unseren Deutschen“, die vom Kulturreferenten für die böhmischen Länder im Adalbert-Stifter-Verein in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum München veranstaltet wird, war Eva Lustigová zu Gast. Die Mitbegründerin und Geschäftsführerin des Arnošt-LustigStiftungsfonds, der nach ihrem Vater, dem 2011 verstorbenen tschechisch-jüdischen Schriftsteller und Journalisten benannt ist, erzählte über ihre Erlebnisse mit den (Sudeten-) Deutschen.

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va Lustigová widmet sich vor allem der Vermittlung des Vermächtnisses von Arnošt Lustig, so etwa in dem Dokumentarfilm „Přítomnost Arnošta Lustiga“ (Die Präsenz von Arnošt Lustig, 2012) oder mit der Herausgabe von Büchern wie „Vlny štěstí Arnošta Lustiga“ (Glückswellen des Arnošt Lustig, 2021) mit Texten oder Interviews ihres Vaters. Seine furchtbaren Erlebnisse während des Holocaust bestimmten Lustigs Romane, Erzählungen und Drehbücher. Der Schriftsteller thematisierte in seinen Werken den Holocaust und die menschenverachtende NSHerrschaft. Als Jugendlicher hatte Lustig die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald überlebt. Sein Vater starb in Auschwitz. Beim Transport in das Lager Dachau gelang Arnošt Lustig die Flucht. Seine Bücher gehören in der Tschechischen Republik zum Schulkanon. Immer

wieder wirft er darin Neue Fragen darüber auf, wie sich Menschen in Extremsituationen auf Leben und Tod verhalten. Lustig zeigt, wie es den Opfern der nationalsozialistischen Willkürherrschaft gelingt, aufgrund von innerer Kraft allen Erniedrigungen zum Trotz ihre Würde zu bewahren. Als Geschäftsführerin des Arnošt-Lustig-Stiftungsfonds betreut seine Tochter quasi sein humanitäres Erbe.

Musiker im Lager In ihrem Vortrag schilderte Eva Lustigová ihre Erlebnisse und Emotionen. Nachdem sie zu ihrer eigenen Überraschung die Einladung zur Vortragsreihe angenommen habe, habe sie verschiedene Einstiege für ihren Auftritt erwogen, so Lustigová. Zum Beispiel mit einem Konzert des Zyklus „Musica non grata“ in der Staatsoper in Prag mit der dramatische Musik der jüdischen Komponisten in Theresienstadt wie Gideon Klein, Pavel Haas oder Viktor Ullmann, die alle in der Shoah ermordet worden seien ( Seite 8). „Im ersten Teil des Konzertes hörten wir Arnošts Erzählung ,Der große, weiße Weg‘, in meiner literarischen Bearbeitung und Regie“, so Lustigová. Weitere Möglichkeiten eines Einstiegs in das Thema wären eine Zugreise von Brünn zurück nach Prag von einer vom Deutsch-Tschechischen Zu-

Bei einer digitalen Veranstaltung besprachen einige der früheren Referenten der Reihe „Mein Weg zu unseren Deutschen“ ihre Erfahrungen. Veranstalter waren Wolfgang Schwarz, Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert-Stifter-Verein, das Goethe-Institut Prag und die Bibliothek Reichenberg/Liberec.

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nsere Deutschen“ werden die Sudetendeutschen von den Tschechen häufig genannt. Lange lebten beide Volksgruppen in Böhmen friedlich zusammen. Nazi-Terror, Vertreibung und kommunistische Ideologie beendeten dieses Zusammenleben gewaltsam. Der Kommunismus dämonisierte fortan alle Sudetendeutschen pauschal als Revanchisten, auf sudetendeutscher Seite blieb man oft auf das eigene Leid fokussiert. Welche persönlichen Erfahrungen verbinden tschechische Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle mit ihren einstigen Landsleuten, aber auch mit den Deutschen generell? Dazu erschien 2019 das von Wolfgang Schwarz, dem Kulturreferent für die böhmischen Länder, herausgegebene Buch „Mein Weg zu unseren Deutschen. Zehn tschechische Perspektiven“, das dem-

Der Film „Munich – The Edge of War“ ist seit vier Wochen unter dem Titel „München – im Angesicht des Krieges“ im Kino und jetzt auf Netflix verfügbar. Der fiktiv-historische Thriller, der im Oktober 2021 beim London Film Festival Premiere feierte, basiert auf dem Roman „München“ (2017) von Robert Harris.

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er Film folgt streng der Handlung des Romans: Der britische Student Hugh Legat (George MacKay) und der junge Deutsche Paul von Hartmann

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KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Folge der Reihe „Mein Weg zu unseren Deutschen“

Der Staffelstab kunftsfonds organisierten Verleihung des deutsch-tschechischen Journalistenpreises 2020 oder die Erinnerung an den 17. November in Prag, dem Feiertag der Freiheit. „Ich sitze im Eva Lustigová Nationaltheater und verfolge die Preisverleihung von ,Post Bellum‘ an mutige Menschen, an Überlebende der NS-Zeit und der Diktatur in der Tschechoslowakei.“ Trotz dieser positiven Episoden sei ihr klar: Eigentlich hätte es mich gar nicht geben müssen ... Ich gehöre zur zweiten Generation der Überlebenden. Psychologen behaupten, daß das Trauma über fünf Generationen andauert.“ So habe sie sich gefragt: „Welche Beziehung kann ich zu den Deutschen haben?“ Das sei eine philosophische Frage. Sein deutsch klingender Nachname habe in der NS-Zeit Arnošt Lustig ein paarmal gerettet, da er auf der Liste jüdischer Häftlinge als ,Ernst Lustig‘ aufgeführt ge-

wesen sei. „Sie sahen oder hörten seinen Namen, überlegten, wie jemand ernsthaft lustig sein konnte, und winkten ab.“ Zumindest habe der Vater dies so empfunden. Lustigová erBild: privat innerte sich an ihre Vorfahren: die Großmütter Olga Goldberger aus Mährisch Ostrau und Terezie Löwy aus Mährisch Trübau, die Großväter Leo Weislitz aus Mährisch Ostrau und Emil Lustig aus Prag, ihre Mutter Vera Weislitz und an ihren Vater, den sie im Vortrag immer nur Arnošt nennt. „Ich habe nur meine Oma Terezie und meine perfekten Eltern kennengelernt“, bedauert sie. „Die ganzen Familienzweige der Goldbergers, Löwys, Weislitzes, Lustigs et cetera habe ich nicht beim Älterwerden beobachten können. Und sie sahen mich nicht, wie ich aufwuchs.“ Für Arnošt sei die Vergangenheit Gegenwart gewesen, erinnerte sie sich weiter. „Die Vergangenheit war so ausgeprägt,

daß er alles am Krieg maß. Oft wiederholte er, daß ihm sein Tierinstinkt, den er im Lager entwickelt hatte, gesagt habe: ,Gefährlich oder ungefährlich. Innerhalb von drei Sekunden.‘“ Lustigová kann auch Positives nennen. In Genf habe sie eine Reihe von deutschen Kollegen und Freunden. Ihre Lieblings-Vorgesetzte bei der WHO sei eine Deutsche gewesen. „Sie betraute mich mit fabelhaften Projekten und gewährte Selbständigkeit. Und der erste Mensch, mit dem ich mich bei dem globalen Programm zum Kampf gegen AIDS traf, war die sympathische 27jährige Sekretärin Evelyn aus Deutschland.“ Der Arnošt-Lustig-Stiftungsfonds habe sich das Recht genommen, für viele zu sprechen. „Bei seiner Gründung im Jahr 2020 übernahmen mein Bruder Pepi und ich offiziell den unsichtbaren Staffelstab, mit dem die Toten das Wort an die noch Lebenden übergeben.“ Ihre Vision sei, in der Welt größere Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kultivieren. Durch die Arbeit mit Arnošts Vermächtnis verbinde ich die Sümpfe der Vergangenheit und ihre Schatten mit der Gegenwart.“ Über die Vertreibung der Sudetendeutschen habe ihr Vater oft gesprochen, und sie zitiert ihn: „Ich würde nicht einen einzigen Menschen abschieben, der nichts gemacht hat. Ich war gegen

Podiumsdiskussion im Netz

„Unsere Deutschen“

Jiří Padĕvet, Kateřina Tučkova, Erik Tabery, Bara Prochasková.

(Jannis Niewöhner) studieren Anfang der Dreißiger in Oxford und sind gute Freunde. 1938 beansprucht Deutschland das Sudetenland von der Tschechoslowakei, und die Welt steht wieder vor einem Krieg. Der englische Premierminister Neville Chamberlain (Jeremy Irons) setzt alles daran, daß es nicht dazu kommt. Er fliegt nach Deutschland, wo er mit Adolf Hitler (Ulrich Matthes), Édouard Daladier (Stéphane Boucher) und Benito Mussolini (Domenico Fortunato) das Münchener

Bilder: Matěj Stránský,Martin Krušina, Vojtěch Vlk, Ostpol

Historischer Thriller im Kino und auf Netflix

München 1938 Abkommen unterzeichnen will. Die ČSR soll das Sudetenland an Deutschland abtreten und so der Frieden erhalten werden. Paul von Hartmann hat sich einer Widerstandsbewegung angeschlossen. Über seine Freundin Helen Winter (Sandra Hüller) kommt er

an ein geheimes Dokument, das die wahren territorialen Ansprüche Hitlers für Deutschland enthüllt – ähnlich wie die historische „Hoßbach-Niederschrift“. Paul bringt das Dokument 1938 zur Konferenz in München, um es Hugh zu übergeben, der als

jede Art von Ungerechtigkeit, wen auch immer sie treffe, einschließlich der Deutschen. Terror, Ungerechtigkeit oder Raub heiße ich nicht gut. Aber den Abschub der Deutschen schon ... Die Geschichte ist einfach passiert!“ Die Deutschen, die Sudetendeutschen hätten sich an den Vorbereitungen zur Ausrottung des tschechischen Volkes beteiligt. Arnošt habe gefragt: „Was verlangen Sie vom tschechischen Volk? Daß es vergibt? Daß es erneut Großmut zeigt? Erneut wie 1918 die Arme zu öffnen und zu sagen: ,Willkommen, ihr wolltet uns vernichten, aber wir glauben euch wieder?‘ Alles, was passiert ist, auch die Vertreibung, darum bettelten die Deutschen. Das haben sie bekommen.“

Brücke des Vergebens Zum Schluß wolle sie über Vergebung sprechen, so Lustigová. „Die Vergebung ist eine Brücke, auf der sich einst unversöhnliche Feinde begegnen können.“ Eine andere Brücke gebe es nicht, und ohne eine solche Brücke seien wir für immer zur Feindschaft verdammt. „Ich mache mich auf meinen großen weißen Weg auf über eine Brücke, dem Licht entgegen. Vielleicht ist es eine schwankende Kettenbrücke – ich höre auf meinen Instinkt“, schließt Lustigová. Susanne Habel Der umfangreiche Vortrag wird vom Veranstalter sicher auch publiziert.

nächst auch auf tschechisch erscheint. Einige frühere Teilnehmer trafen sich inzwischen zu einer „Podiumsdiskussion“ im Netz und sprachen mit Moderatorin Bára Procházková über ihre Erfahrungen: Jiří Padevět, Autor und Leiter des Academia-Verlags, die Schriftstellerin Kateřina Tučková und Erik Tabery, Chefredakteur des Wochenmagazins „Respekt“, waren Teilnehmer des Podiums. Ihre spannenden und oft überraschenden Aussagen kann man in einem Video auf dem YouTube-Kanal des Adalbert-StifterVereins noch erleben. Das Buch „Mein Weg zu unseren Deutschen“ enthält außerdem Beiträge von Radka Denemarková, Magdalena Jetelová, Tomáš Kafka, Lída Rakušanová, Jaroslav Rudiš, Mark Ther und Milan Uhde. sh Wolfgang Schwarz (Herausgegeber): „Mein Weg zu unseren Deutschen. Zehn tschechische Perspektiven“. Edition Lichtung, Viechtach 2019; 160 Seiten, 14,90 Euro. (ISBN 978-3-941306-84-4) Erhältlich beim Adalbert-Stifter-Verein: Telefon (0 89) 62 27 16 30, eMail sekretariat@ stifterverein.de www.youtube.com/watch?v=Swqyn1fP9vA

Chamberlains Assistent dort ist. Eine tschechische Delegation in München wird nicht zugelassen und im Hotel eingesperrt. Der bekannte Autor Robert Harris entwickelt eine glaubhafte Szenerie, wie der Aufstieg des Dritten Reiches (fast) hätte verhindert werden können. Harris hat schon mehrere erfolgreiche Thriller verfaß, die oft im antiken Rom spielten. In „Munich“ rückt der ehemalige Journalist ein Thema ins Licht, das heutige Jugendliche oft nicht mehr kennen. Selbst Hauptdarsteller Jan-

Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner) und Hugh Legat (George MacKay) treffen sich. Rechts: Der englische Premierminister Neville Chamberlain (Jeremy Irons) kommt mit dem Flugzeug an.

nis Niewöhner (29) gab bei der Frage nach dem Hintergrund des Münchener Abkommens von 1938 zu: „Über dieses spezifische Ereignis wußte ich nicht viel.“ Die deutsch-britische Verfilmung von Christian Schwochow lebt von der großartigen Besetzung. Alle Rollen sind mit Schauspielern aus den jeweiligen Ländern besetzt, die ihre Muttersprache (mit Untertiteln) sprechen. Auch die bekannten Schauplätze tragen zur hohen Authentizität bei. Susanne Habel

Bilder: Frederic Batier, Netflix


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AUS DER HEIMAT . VERBANDSNACHRICHTEN

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

� Wichstadtl/Grulicher Ländchen/Adlergebirge

Ein Besuch mit großer Mission Diese jahrelange Anstrengung wurde in diesem Jahr abgeschlossen. Am Ende all dieser Bemühungen wurde eine Messe als Dank für die Möglichkeit gehalten, Denkmale zu errichten, und so eine würdige Erinnerung für diejenigen zu ermöglichen, die hier ihr Leben als Opfer der Nacheit den 1990er Jahren ist kriegswut beendeten. Tradition, daß eine große Diese Messe, zu der alGruppe von ehemaligen Be- le Einwohner von Wichstadtl wohnern von Wichstadtl und herzlich eingeladen waren, Umgebung, die nach dem En- fand am 1. Oktober statt. Ande des Zweiten Weltkriegs schließend besuchten die ehevon dort vertrieben worden maligen Wichstadtler Bürgerwaren, alljährlich in das Gru- meister Roman Studený im licher Ländchen im Adlerge- Rathaus. Am selben Nachmitbirge kommt. Nach dem Be- tag fand die feierliche Einweisuch ihrer Geburtsorte blieben hung des Steins der Versöhsie meist mehrere Tage in Gru- nung statt. Eine weitere Meslich, wo sie ein weiteres Pro- se fand am 2. Oktober statt. An gramm, hauptsächlich kirchli- beiden Tagen war es möglich, che Schwerpunkte, erwartete. im Betsaal der Brüderkirche Nach einer langen Coro- eine Ausstellung zu besuchen, na-Pause gedie Fotos von lang es diesen den ehemaliEinheimischen gen Bewohnern endlich wieder, als Kleinkinder die Reise nach zeigte. Die BilWichstadtl ander stammten zutreten. Anaus den 1930er gesichts der Siund 1940er Jahtuation und des ren. Die BesuAlters der Teilcher waren benehmer ist dies geistert, maneine bewunche gerührt. dernswerte LeiManche ehestung. malige WichDer Besuch stadtler kamen war für die ehezur Gedenkstätmaligen Bewohte hinter dem nern von besonKraftwerk. Kein derer und au- Diese Gedenkstele wurde Wunder, daß ßerordentlicher unter Bezirksobmann F. A. nicht jeder dieBedeutung. Die Rotter erbaut. Wer weiß wa- sen unbequerum und für wen? Hauptaufgamen Weg ging. be bestand darSchließlich sind in, die Denkmale zu besuchen, viele Landsleute fast 90 Jahdie hier im Laufe der Jahre re- re alt. noviert und errichtet worden Die älteste Landsmänwaren. Dies sind Gedenkstät- nin war die 94jährige Maria ten für die Opfer des Ersten Schubert aus Deutsch Petersund Zweiten Weltkriegs sowie dorf. Hauptorganisatorin war Denkmale, die den Wunsch die 88jährige Ordensschwenach Versöhnung mit der Ver- ster Theresita Wanitschek OP. gangenheit ausdrücken. Viele Insgesamt waren rund 40 Bedieser vergangenen Ereignis- sucher nach Wichstadtl gese haben sicherlich den Haß kommen. Viele leben in Bayder Menschen auf beiden Sei- ern. Aber auch Menschen ten, der noch in wenigen Fäl- aus Dresden und Berlin solen besteht, hervorgerufen wie Österreicher waren unund geschürt. Die Menschen, sere Gäste. Am zahlreichsten die an all diesen schrecklichen war die Familie Pietsch mit ihTaten direkt beteiligt waren, ren Verwandten vertreten. Ein leben heute nicht mehr. Wir besonderer Gast war Günther alle, die wir fähig sind nachzu- Wy­topil, der Betreuer der Heidenken, sollten menschenver- matlandschaft Adlergebirachtendes Verhalten auf der ge. anderen, aber auch auf der eiIch muß noch einmal wiegenen Seite verurteilen. derholen, was ich in der EinMit großer Demut und im leitung zum Buch über WichBewußtsein der eigenen Feh- stadtl geschrieben habe. Es ler in der NS-Zeit, als ihre El- ist bewundernswert, wie tief tern und Großeltern oft von die jahrzehntelange Liebe der der Aussicht auf ein besseres ehemaligen Bewohner für dieMorgen verführt worden wa- se Region ist. Das Mindeste, ren, kamen die ehemaligen was wir ihnen geben können, Wichstadtler auf die Idee der ist, sie herzlich willkommen zu Versöhnung zwischen unse- heißen und ihnen zu ermögliren Völkern – zumindest hier, chen, die Orte zu besuchen, an zumindest zwischen früheren denen sie ihre Kindheit verund heutigen Wichstadtlern. brachten. Im vergangenen Herbst besuchten die Adlergebirgler Wichstadtl. Wichstadtls Ortschronist Miroslav Taraška berichtete Ende 2021 über dieses Ereignis im Magazin der heute tschechischen Gemeinde Mladkov. Hier die deutsche Übersetzung.

Projektleiterin Lydia Tosses, eine Trachtenpuppe und Gerhard Kasper, Ansprechpartner und Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Bergstraße

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� Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Johanneskirche in Wichstadtl.

Innenansicht der Ostdeutschen Kultur- und Heimatstuben mit Schönbacher Stube im Dachgeschoß des historischen Saalbaus des Kurmainzer Amtshofs im südhessischen Heppenheim.

Virtualisierte Heimatsammlungen Mitte Januar war das HessenTeam der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für das Leuchtturmprojekt „Virtuelle Heimatsammlungen“ im südhessischen Heppenheim zu Gast.

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ine Woche lang wurden hier ausgewählte Exponate der Ostdeutschen Kultur- und Heimatstuben mit Schönbacher Stube digitalisiert, die Räume für eine 360-Grad-Ansicht abgelichtet und die digitalisierten Ausstellungsstücke für ihren virtuel-

len Auftritt im Internet vorbereitet. Dabei unterstützte Gerhard Kasper, der Ansprechpartner der Heimatsammlung, das Team von Projektleiterin Lydia Tosses. Die Kreisstadt Heppenheim hatte 1955 mit der mittelfränkischen Gemeinde Bubenreuth die Patenschaft über die Musikstadt Schönbach im Egerland übernommen. Die Ostdeutschen Kultur- und Heimatstuben mit der Schönbacher Stube zeugen von dieser Tradition seit ihrer Gründung im Jahr 1986. Der gemeinsamen Arbeit der Stadt Heppen-

heim mit dem BdV-Kreisverband Bergstraße und dem BdV-Ortsverband Heppenheim ist es zu verdanken, daß die vielfältigen Exponate der Dauerausstellung seit 1995 im Dachgeschoß des ehemaligen Kurzmainzer Amtshofes ansprechend präsentiert werden können. Das Leuchtturmprojekt „Virtuelle Heimatsammlungen in Hessen“ der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen wird finanziell vom Hessischen Ministerium des Innern und für Sport gefördert. Es dient der Erhaltung

des deutschen kulturellen Erbes aus dem östlichen Europa. Dabei knüpft es an das bereits erfolgreich in Nordrhein-Westfalen laufende Projekt „Virtuelle Heimatsammlungen in NRW“ an. Die im Rahmen des Projektes in Nordrhein-Westfalen bislang digitalisierten und virtualisierten Objekte sind bereits jetzt auf der Projektwebseite www. heimatsammlungen.de zu sehen. Auch die virtuellen hessischen Sammlungen werden schon bald auf dieser Seite begehbar sein.

� Bund der Deutschen in Böhmen

Trotz Corona ein erfolgreiches Jahr Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen in Böhmen, Richard Šulko, berichtet über das vergangene Vereinsjahr.

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as zweite Corona-Jahr war trotz der vielen Einschränkungen in der Gesellschaft ein erfolgreiches Jahr des Egerländer Vereins aus Netschetin. Neben den Sendungen für die deutsche Minderheit jeden Freitag im Tschechischen Rundfunk und der monatlichen Herausgabe des „Heimatrufes“ konnte man das ganze Jahr hindurch viele schöne Aktionen verzeichnen. Wichtig für die Verständigung und Sichtbarkeit der deutschen Minderheit in der Gesellschaft waren die aktive Mitwirkung im Minderheitenausschuß des Karlsbader Bezirks und die Teilnahme an Sitzungen der Projekt-Kommission im tschechischen Kulturministerium. Nun möchte ich Einiges ein wenig detaillierter beschreiben: Noch aus dem Jahr 2020 schwappten die Beschimpfungen als Nazis in das Jahr 2021, welche ich erlebte. Leider wurden wegen Corona die Verhandlungen so lange verzögert, bis der Fall verjährt war. Der oder die Betroffenen wissen aber, daß ich mich wehren werde, denn so etwas gehört nicht in eine zivilisierte Gesellschaft. Im März holte ich eine CD in Prag ab, die die slowakische Minderheit herausgegeben und bei der ich mit einem Lied mitgewirkt hatte. Anfang des Jahres stellte ich auch fest, daß ich der einzige bin, der in Sachen Heimatverein Luditz, Buchau, Deutsch Manetin handeln kann. In Corona-Zeiten kann man ein anderes Land nur unter großen Beschränkungen – wenn überhaupt – besuchen. Besonders schwer hatten es die älteren Vereinsmitglieder, irgendwohin zu fahren. Eine anspruchsvolle Herausforderung. Mitte August besuchte ein Filmteam unseren Verein, um über die Egerländer Volkstanzgruppe „Die Målas“ und das Duo „Målaboum“ einen Film zu dre-

hen, der im neuen Museum in Fleißen Teil der Dauerausstellung sein wird. Große Freude bereitete uns die SL-Landesgruppe Bayern. Deren Obmann Steffen Hörtler kam mit Andreas S ­chmalcz von der SL-Landesgeschäftsstelle zu unseren deutsch-tschechischen Maiandachten. Auf der Schleife ihres Kranzes, den sie an der Mariensäule in Plachatin

schen teilnahmen. Eine Woche später ging unser Weg nach München zum Sudetendeutschen Tag, selbstverständlich mit zwei Trachtenträgern. Am 4. Juli fuhren drei Trachtenträger mit der Vereinsfahne nach Maria Stock zur Hauptwallfahrt. Am letzten Juli-Wochenende fand ein Bildungsseminar der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik in Reichenberg statt. Am 14. August hatten Vor dem „Die Målas“ einen AufMarienbader tritt in Chodau bei KarlsMuseum. bad im Rahmen des Tages der Minderheiten. Nicht wie üblich im März, sondern das letzte Wochenende im August fuhr ich zur 44. Mundarttagung auf dem Heiligenhof in Bad Kissingen, wo auch die außerordentliche Mitgliederversammlung des Heimatvereines Luditz, Buchau, Deutsch Manetin stattfand. Der letzte August-Sonntag niederlegten, stand: „In Verbun- gehörte der Wallfahrt in Pistau denheit und Liebe zur Heimat – bei Marienbad. Sudetendeutsche LandsmannAm 11. September wurde mit schaft, Landesgruppe Bayern“. einem ganztägigen KulturproEin schönes Zeichen der Verbun- gramm in Miltigau eine Zweigdenheit. stelle des Egerer Museums eröffWeitere wichtige Aufnahmen net. Die „Målaboum“ und „Die machte der Verein „Gedächtnis Målas“ konnten in zwei Prodes Volkes“ im Mai mit dem Mit- grammblöcken ihr Können zeiglied Elfriede Šulková über die gen. Erlebnisse der Deutschen nach Anfang Oktober besuchte ich 1945 in Plachtin. Am 1. Mai fand, auch das Sudetendeutsche Büwie üblich, die deutsch-tschechi- ro in Prag, um mit Büroleiter Pesche Wallfahrt nach Maria Stock ter Barton über unsere weitere statt. Zusammenarbeit zu sprechen. Anfang Juni veranstalten wir Jugendbegegnung mit dem Verein im Kloster Tepl. der Deutschen in Böhmen – Region Pilsen und dem deutsch-tschechischen Kindergarten Junikorn immer den deutschtschechischen Kindertag. 2021 war es schon der achte. Das größte Projekt war die 28. deutsch-tschechische Jugendbegegnung in Tepl, an der 24 Men-

Mitte Oktober fand in Prag wieder eine Konferenz der Landesversammlung statt, diesmal im Czernin-Palais. Am folgenden Samstag trafen sich die Vertreter der deutschen Verbände bei der Großen Kulturveranstaltung. Dabei waren auch der neue deutsche Botschafter Andreas Künne und Bernd Fabritius, der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Am 29. Oktober führte mich mein Weg ins oberfränkische Bayreuth zur Gedenkfeier anläßlich 75 Jahre Vertreibung der Sudetendeutschen. Am darauf folgenden Samstag feierten meine Frau Irene und ich 40. Hochzeitstag. In neuen Trachten wiederholten wir in der Netschetiner Sankt-Jakobus-Kirche unser Ehegelübde und feierten dann mit unserer ganzen Familie auf Schloß Preitenstein. Mitte November veranstalteten wir unsere bereits sechste Egerländer Leserreise. Wir lasen in der Karlsbader Bezirksbibliothek, im Stadtmuseum in Karlsbad und im Stadtmuseum in Komotau. Im November gelang uns, noch ein Bildungsseminar in Elbogen durchzuführen. Es beinhaltete interessante Vorträge und den Besuch des Marienbader Museums. Anfang Dezember wurde in Römerstadt die Zusammenarbeit mit dem Brokathersteller Hedva besprochen und die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Berlin wegen Zusammenarbei besucht. Trotz der schwierigen Corona-Lage war 2021 ein sehr erfolgreiches Jahr für den Verein. Wir haben es gut überstanden und schauen optimistisch in das neue Jahr 2022, für das bereits einiges geplant ist. Der ausführliche Jahresbericht kann von der Home­page des Bundes der Deutschen in Böhmen herunter geladen werden.


Reicenberger Zeitung

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Stadt und Kreis Reichenberg

Kreis Deutsch Gabel

Nordböhmi[e Um[au

Redaktion: Nadira Hurnaus, Baiernweg 5, 83233 Bernau, Telefon (0 80 51) 80 60 96, eMail rz@sudeten.de

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Kreis Friedland

Kreis Gablonz

Willy Fritsch und Lilian Harvey in „Der Kongreß tanzt“ (1931), Plakat von „Die drei von der Tankstelle“ (1930), Eugeniusz Bodo und Victor Varconi in „Rhapsodie der Liebe“ (1930), Plakat von „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (1929) und Maria Paudler in „Der Bettelstudent“ (1927). Das Kino in Friedland ist mittlerweile 90 Jahre alt. Und sein aus Johannesthal bei Reichenberg stammender Architekt Richard Brosche wäre am 2. Februar 138 Jahre alt geworden. Stanislav Beran berichtet.

Friedland

Ein Kino und sein Architekt

am 30. März 1901 abbrannte. An Der Betreiber war Josef Weiß, eit 90 Jahren erfreut das am der Außenwand sah man den für der in der Kirchenstraße 83 19. Dezember 1931 eröffne- diesen Beruf charakteristischen wohnte. Die Stummfilme wurden te Friedländer Kino in der Hein- Stuck in Form von Vasen. Das von dem Salonorchester des Carl rich-Ehrlich-StraGeißler begleitet ße am linken Ufer und musikalisch under Wittig seine Betermalt. Nach dem sucher. Vorläufer Tod von Josef Weiß des Friedländer Kiwurde Anton Hausnos waren die um mann, Fotograf und die JahrhundertBesitzer des Fotoawende weit verbreiteliers in der Görlitteten Kaiserpanorazer Gasse, Leiter des men, die sogenannstädtischen Kinos. ten Guckkästen, in Anfang 1922 war denen man durch das Kino an die Stadt Gucklöcher Bilder übergeben und mit sehen konnte, die dem dramatischen vor allem junge LeuFilm „Der Spieler“ te auf Jahrmärkten wiedereröffnet worund Festen anzogen. den. Am 29. NovemNach einem Beber 1929 starb Anton richt des weltbeHausmann nach lanrühmten Prager Heute ist der Vorführraum völlig digitalisiert. ger Krankheit im Schriftstellers Franz 65. Lebensjahr. EiniKafka, der die Stadt Friedland genaue Datum der Eröffnung des ge Jahre hatte er der Stadtvertreim Januar und Februar 1911 be- Panoramas konnte nicht ermittelt tung und dem Stadtrat angehört. suchte, war das Kaiserpanorama werden. Am 14. April 1930 brannte ein zu jener Zeit die einzige VergnüDas Kaiserpanorama wur- Teil des Kinos nieder, und die gung. Kafka schreibt in seinem de nach 1918 in Weltpanorama Decke wurde beschädigt. Die Tagebuch, was er in dem Kaiserr- umbenannt und von Karl Bren- Reparatur erfolgte bewundernspanorama in Friedland sah. Die del und später von Eduard Hart- wert schnell, so daß es nach den Fotoaufnahmen zeigten italieni- wig betrieben. Nach dem Tod Osterferien wieder in Betrieb sche Städte und Fotos von Ka- des 61jährigen Eduard Hartwig genommen werden konnte. Ein thedralen, die ihn an seine Rei- am 4. April 1938 boten seine sen erinnerten. „Brescia, Cre- Hinterbliebenen das Weltpanmona, Verona. Menschen drin orama zum Verkauf an. Wahrwie Wachspuppen, an den Soh- scheinlich fand sich zu dielen im Boden im Pflaster befe- sem Zeitpunkt kein Käufer, stigt. Grabdenkmäler: eine Da- denn am 27. April wurde das me mit über eine niedrige Trep- Gebäude an die Brüder Fiepe schleifender Schleppe öffnet biger vermietet, die die Räuein wenig eine Tür und schaut me zu einem Lagerhaus umnoch zurück, Denkmal des Hel- bauten. Damit endete die Ära den Tito Speri: Verwahrlost und des Weltpanoramas in der Reibegeistert wehen ihm die Kleider chenberger Straße. um den Leib. Bluse, breiter Hut. Nachdem sich die beweg- Berta und Anton Hausmann. Die Bilder lebendiger als im Ki- lichen Bilder des Stummfilms no, weil sie dem Blick die Ruhe Anfang des 20. Jahrhunderts Jahr später, am 27. Juni 1931, der Wirklichkeit lassen.“ etabliert hatten, wurde im Hof endete in Friedland die Ära des Das erste Kaiserpanorama des Reichshofgebäudes in der Stummfilms. stand in Friedland in der Rei- Schloßgasse 394 ein LichtspielIm Kino im Reichshof wurchenberger Straße 168 im Hin- theater eröffnet. Die erste Vor- de eine moderne Tonanlage von tergebäude des Modewaren- führung fand am 30. Dezember der Kinoton AG aus Berlin instalgeschäftes der Gebrüder Fiebi- 1911 im Saal des damaligen Ho- liert. Nach dem Brand des Kinos ger. In diesem Gebäude befand tels Österreichischer Hof – spä- sah sich der Stadtrat jedoch gesich die Töpferei Josef Rasch, die ter Reichshof – statt. zwungen, ein neues Kino zu bau-

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An die Turnhalle schließt sich das neoklassizistische Kino an.

Blick vom Balkon auf die Leinwand.

en. Ursache war auch das En- führt. Am Bau des Kinos beteiligde des Vertrags für das Kino im ten sich auch die Raspenauer ZeReichshofsaal im Jahr 1930. Der mentsteinfabrik F. J. Schwarz und Vertrag konnte nur verlängert die Ziegelei Emil Wöhl aus Arnswerden, wenn die genehmig- dorf. ten Pläne für den Bau eines neuVor 90 Jahren, am 19. Dezemen Kinogebäudes vorgelegt wür- ber 1931, konnte das neue Kiden. Da die Stadt bereits 45 000 no – damals auch städtisches Kronen jedes Jahr für Kultur er- Lichtspielhaus, Lichtspieltheater hielt und die jährlichen Einnah- oder Filmtheater genannt –, feimen aus dem Kinobetrieb wei- erlich seiner Bestimmung übertere 40 000 Kronen einbrachten, geben werden. Nach der offiziwurden vier Standorte für den ellen Begrüßung und Eröffnung Bau eines neuen Kinos vorge- wurde den Besuchern der deutschlagen. Als am besten geeignet sche Spielfilm „Der Kongreß erwies sich der Standort, an dem tanzt“ aus dem Jahr 1931 mit das Kinogebäude mit der beste- den Schauspielern Lilian Harhenden Turnhalle zusammen- vey, Willy Fritsch, Otto Wallgelegt werden konnte. Die Stadt burg, Conrad Veidt, Carl-Heinz bezuschußte den Bau mit 200 000 Kronen. 20 Jahre waren seit der Eröffnung des ersten Friedländer Kinos vergangen, als am 15. Juni 1931 der Grundstein für das damals modernste Kino in Friedland gelegt wurde. Als Standplatz des neu zu erbauenden Kinos wurde der Turnhallengarten am linken Wittigufer bestimmt. In der Stadtratsitzung am 11. Juni 1931 wurde die Lieferung der Reihensessel und Logenstühle für das neue Stadtkino nach den Aufträgen des Bauausschusses vergeben. Dieses Lichtspieltheater entwarf Richard Ein Projektor erinnert an alte Zeiten. Brosche, bekanntester akademischer Architekt Schroth und Lil Dagover gezeigt. von Kinogebäuden in Nord- Er gilt als ein Höhepunkt des und Westböhmen. Brosche deutschen Operettenfilms. war gleichzeitig der BauleiDas neoklassizistische Gebäuter. Heinrich Kaulfersch, Land- de an der Ecke Turnergasse und maschinenfabrikant und Fried- Heinrich-Ehrlich-Straße wurde länder Bürgermeister von 1912 von allen Seiten gutgeheißen, sobis 1917, wurde zum Vorsitzen- wohl was das Aussehen als auch den des Bauausschusses ge- den Nutzen und die Verbindung wählt. Die Bauarbeiten wurden mit der bestehenden Turnhalle von den Friedländer Baufirmen betrifft. Zweimal in der Woche Anton Lux sowie Rudolf Ham- wurden in dem neuen Kino die pel & Franz Kammel durchge- neuesten Filme gezeigt.

Bilder (4): Stanislav Beran

Als Neuheit war in dem neuen Gebäude eine Hörhilfe für schwerhörige Zuschauer installiert und ein Parkplatz für motorisierte Besucher errichtet worden. Auch die Tontechnik, die bereits im alten Kino im Reichshof erprobt wurde, präsentierte sich in einem guten Licht. Im gesamten Kinogebäude wurde eine gute Akustik gewährleistet, nicht nur im Erdgeschoß, sondern auch auf dem Balkon. Leiter des Kinos war Adolf Krause, seine Frau Platzanweiserin und Garderobiere. Den zahlreichen Freunden des Tonfilms wurde kurz vor der Fertigstellung des neuen Kinos mitgeteilt, daß die städtischen Lichtspiele in Friedland noch in dem alten Kinosaal im Hotel Reichshof ein Tonfilmkino provisorisch eingerichtet hätten, um TonfilmAufführungen bieten zu können. Damit eine vorzügliche Wiedergabe gewährleistet werden konnte, wurde eine äußerst moderne erstklassige Apparatur der Firma Kinoton AG Berlin installiert. Der erste Tonfilm lief am 27. Juni 1931 im alten ausgebrannten Kino im Reichshof. Dort wurde der Operettenfilm „Der Bettelstudent“ gezeigt, dessen gemütliche Handlung und schöne Melodien den Zuschauern genußreiche Stunden bereiteten. Einige Tage vor der Eröffnung des neuen Kinos an der Wittig war die Besichtigung durch die Stadtvertretung erfolgt, der am 18. Dezember 1931 eine Gratisvorstellung für alle beim Bau und der Einrichtung Beschäftigten folgte. Bei dieser, nur für geladene Gäste zugänglichen Vorstellung lief die deutsche Tonfilmoperette „Die Drei von der Tankstelle“ aus dem Jahr 1930. Im Kinogang befand sich ursprünglich auch ein Gemälde von Franz Thiele, einem gebürtigen Friedländer und Professor an der Prager Akademie der bildenden Künste. Das Hochwasser im August 2010 verschonte auch das Kino Bitte umblättern

Das neue Friedländer Lichtspieltheater 1931.


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REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

� Fortsetzung von Seite 11

Ein Kino und … in Friedland nicht. Sitzplätze bis zur vorletzten Reihe, die Bühne, der Heizungsraum, die elektrischen Leitungen und die akustische Anlage standen unter Wasser und wurden beschädigt. Nach den verheerenden Überschwemmungen wurde das Kino komplett renoviert. Es hat jetzt ein Dolby-Stereo-Soundsystem. Darüber hinaus wurde eine neue Klimaanlage installiert, um die Belüftung und die optimale Temperatur zu allen Jahreszeiten zu gewährleisten. Der Versicherungsschutz der Stadt deckte den Wiederaufbau des Kinos in Höhe von knapp 13 Millionen Kronen. Bereits 1929 hatte in Chodau bei Karlsbad die feierliche Eröffnung eines neuen städtischen Kinos stattgefunden. Auch für dieses Kino hatte Richard Brosche die Pläne entworfen und die Bauleitung übernommen. Es paßte sich in seiner Form der Umgebung an und verrät in seiner Architektur und in seiner Konstruktion den erfahrenen Architekten. Das Chodauer Lichtspielhaus war Brosches 33. Kino. Es faßte 600 Sitze, besaß eine große Bühne und hatte eine Durchlüftungsanlage, die das Vorwärmen der Frischluft vor Eintritt in den Saal gestattete. An der Eröffnung nahmen alle Behörden aus Chodau teil. Neben Bürgermeister Josef Dörfl begrüßte Architekt Brosche, als geistiger Schöpfer, das neue Haus. Als erster Streifen lief der polnische Film „Rhapsodie der Liebe“. Bei eintretender Dunkelheit wurde das Kino mit mehreren Flutlichtleuchten angestrahlt, so daß das ganze Gebäude plastisch aus seiner Umgebung weithin sichtbar wurde. Ein weiteres Brosche-Kino befindet sich in Wigstadtl, einer Stadt im Kreis Troppau in der Mährisch-Schlesischen Region. Hier wurde schon im Jahr 1913 mit der Filmvorführung angefangen. 1914 erhielt Marie Mader von der schlesischen Landesregierung die Erlaubnis, regelmäßig Filme zu zeigen. Das Kino hatte anfangs kein eigenes Gebäude. Im November 1929 beschloß der Stadtrat, ein Kino zu bauen. Im August 1930 wurde mit dem Bau des Panorama-Kinos in Wigstadtl begonnen. Die Filme wurden damals im Saal des Gasthauses Zum lustigen Tiroler vorgeführt. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Betsaal der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Diese Räumlichkeiten waren für Filmvorführungen auf Dauer nicht geeignet, und das Kreisamt Troppau machte die Genehmigung zur Filmvorführung von der Einrichtung eines eigenen Kinos abhängig. Der Berg-

steigerklassiker „Die Weiße Hölle vom Piz Palü“ aus dem Jahr 1929 war der erste Film, der gezeigt wurde. Er lief bei der Eröffnungsfeier am 22. Januar 1931. Das Kintopp-Drama war der beste Bergsteigerfilm, der zu jener Zeit gedreht worden war. Die Hauptrolle spielte die Schauspielerin und spätere prominente Regisseurin Leni Riefenstahl. Für den 1 519 494 Kronen teuren Kinobau hatte sich die Stadtverwaltung 1 260 000 Kronen von der Sparkasse im Kuhländler Neutitschein geliehen. Um Tonfilme zeigen zu können, wurde im Mai 1931 eine moderne Tonfilmausrüstung installiert. Später, in den Jahren 1958 und 1982, wurde das Kino renoviert. Seit 1959 ist das Kino mit der Leuchtreklame „Panorama“ versehen. 2005 wurde das Kinogebäude durch eine vom Kulturministerium der Tschechischen Republik getroffene Entscheidung zum Kulturdenkmal erklärt. Richard Brosche kam am 2. Februar 1884 in Johannesthal bei Reichenberg zur Welt. Er entstammte einer Tuchmacherfamilie. In Reichenberg besuchte er die Staatsgewerbeschule und war von 1903 bis 1909 im Rheinland und in Westfalen tätig. 1909 bis 1911 studierte er an der Technischen Hochschule in Karlsruhe Architektur und Städtebau und machte sich 1912 in Duisburg selbständig. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der russischen und italienischen Front. Auf dem Gebiet des Städtebauwesens war er ein hervorragender Fachmann, der aus vielen Wettbewerben als Sieger hervorging. In der Zwischenkriegszeit arbeitete er in Böhmisch Leipa und Aussig. Neben seiner Karriere als Architekt pflegte Brosche auch eine politische Karriere. Mit 28 Stimmen wurde er zum Bürgermeister von Schreckenstein gewählt, das seit 1939 Stadtteil von Aussig ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Richard Brosche mit den schätzungsweise drei Millionen anderen Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach Deutschland vertrieben. Seine neue Heimat fand er in Duisburg. Er starb am 22. Oktober 1965 in Aalen in Baden-Württemberg, etwa 73 Kilometer östlich von Stuttgart. Nach den von ihm entworfenen Bauplänen wurden auch die Kinos in Kaaden, Aussig (1945 zerstört), Bodenbach, Hohenelbe, Dux, Trautenau (unter Denkmalschutz), Asch (unter Denkmalschutz), Niemes, Königswald, Tannwald und Falkenau gebaut. Richard Brosche ist außerdem der Architekt des Theaters in Haida und der evangelischen Kirche in Böhmisch Leipa.

Dreifaltigkeitskirche in Blottendorf.

Aussegnungshalle mit Otto Hörtlers Sarg in Meuselwitz.

Otto Hörtlers blumengeschmücktes Grab im Meuselwitzer Friedhof.

Blottendorfer Friedhof mit Hörtler-Familiengrab und Hausberg Kleis.

� Blottendorf

Otto Hörtlers letzte Reise

Sudetendeutscher Tag 2022 – Festabzeichen

Hauptstraße soll der Friedhof schmaus und heimatliche Gesein. Wir haben Zeit und besu- spräche statt.“ chen den Friedhof vor der BeerGerhard Kraus, Hörtlers digung. Nachfolger als SL-LandesobBeim Gedenken am Grab rüh- mann, gehört zur Trauergemeinren die zwei Frauen der SL-Orts- de in Meuselwitz. Er sagt zu Otgruppe Meuselwitz. Man spürt, to Hörtler: „Ich will hier auch zu wie sehr sie Otto Hörtler vermis- Dir sprechen. Du hast Deine Ausen: ,Lieber Otto, Du gen für immer geschlossen, Du hast uns verlassen. bist von uns gegangen, aber Du Wir können es bist doch bei uns. alle gar nicht Wir kennen Dich als einen, fassen. Otto der immer vorangeht. Als nach Hörtler – der Wende auch wir uns als Verdieser Na- triebene bekennen und uns zuohn Stefme steht sammenfinden konnten, bist du fen Hörtfür die Su- in die Sudetendeutsche Landsler spricht detendeut- mannschaft eingetreten und hast i n d et auf dem schen in hier im Altenburger Land mehüberwnzen G re MeuselwitMeuselwitz rere Ortsgruppen und die Kreiszer Friedhof und im Alten- gruppe Altenburg mit den Heizu seinem VaI burger Land. matfreunden gegründet. Du hast N ter: „Am SamsGern denken wir diese Kreisgruppe als KreisobJU . 6 3. B I S tag bin ich im Rean die Zeit zurück, mann zu einer der größten Kreisgen- und Schneegestöda Du nicht nur die Kai- gruppen in Thüringen geführt. ber nach Blottendorf gefahren. serkirmessen in Rositz organi- Dein Verdienst war auch, daß Dort angekommen, riß der Him- siert hast. Auch für unsere Orts- hier Fahrten in die Heimat und mel auf, und die Sonne strahl- gruppe warst Du immer da. Für eben die Tradition aus der Heite Dein wunderschönes Blotten- Deine viele Arbeit und für Deine mat, die Kaiserkirmes, durchgedorf im weißen Winterkleid an. Mühen wollen wir Dir im Nach- führt wurden. Es hätte Dir so gefallen, Du wärst hinein noch einmal ganz herzlich Als wir einen neuen Landesobso glücklich gewesen. Der Tsche- danken. Wir werden Dich sehr mann für die SL Thüringen suchche, dem heute unser Haus ge- vermissen, wenn bei der näch- ten, bist du wieder vorangeganhört, gab mir Erde aus dem Gar- sten Feier Dein Platz leer bleiben gen. In dieser Funktion hast Du ten, in dem Du neun Jahre lang wird. Unser ehrendes Gedenken uns erfolgreich in der Sudetengespielt hast. Auch aus unserem sei dir gewiß. Ruhe in Frieden – deutschen Bundesversammlung Familiengrab im Blottendorfer zugedeckt mit heimatlicher Er- sowie in der Staatskanzlei bei Friedhof holte ich Erde.“ de.‘ Ministerpräsident Bernhard VoSteffen Hörtler ist Obmann Auf der Anhöhe neben dem gel in Erfurt vertreten. KREIS DEUTSCH GABEL der SL-Landesgruppe Bayern, Friedhof steht ein großes GastRuhig, sachlich und aufrichtig Heimatkreis und Gemeindebe- Dessau-Roßlau) und ihren Ange- sein Vater war Obmann der SL- haus. Dort finden der Leichen- hieltest Du die Heimatfreunde in treuer gratulieren allen treuen hörigen aus. Rosl Machtolf Landesgruppe Thüringen. RZ-Abonnenten, die im Febru„Nie hätte ich erreicht, was ich n  Hoffnung – ­ Geburtstag: heute bin, wenn es Dich nicht ar Geburtstag oder sonst ein Ereignis begehen, und wünschen Am 27. Gisela Süsser/Breite gegeben hätte. Du hast mich Hedwig-Dern-­ geprägt. Du lehrtest mich trotz von Herzen alles Gute, Gesund- (Haus-Nr. 24), heit, Wohlergehen und Zufrie- Stra­ße 14, 97353 Wiesentheid, 95 aller Widrigkeiten mit Mut Jahre. Ursula Schütz und Ausdauer, Optimismus denheit. und Durchhaltewillen immer n  Deutsch Gabel – Geburtsn  Krombach – ­ Geburtstag: die eigene Würde zu bewahtag: Am 28. Gisela Koch/Müller Am 10. Werner Zahn, Klotzscher ren. Danke.“ (Witwe von Helmut Koch, Rinne- Hauptstraße 23, 01109 Dresden, Auch Margaretha Migasse 343), Waldring 12, 39340 95 Jahre. Johanna Platz chel, Stellvertretende Obfrau Haldensleben, 93 Jahre. der SL-Landesgruppe Bayn  Kunnersdorf – Geburtstag: ern, fährt zur Beerdigung des Othmar Zinner/Helga Hecht Am 16. Greta Düll/Sitte (Haus- von ihr hochgeschätzten Otn  Hennersdorf – Sterbefall: Nr. 72), Waldstraße 5a, 91341 to Hörtlers. „Meuselwitz – Am 12. Januar starb unsere Hei- Röttenbach, 72 Jahre. wir fahren von der Autobahn matfreundin Ludmilla Hanig, Steffi Runge ab. Die Straßen werden kleiverheiratete Werner, aus Nr. 190 ner. Rechts und links flaches n  Ringelshain – Spenden- bis welliges Gelände. Der Bokurz vor ihrem 89. Geburtstag an den Folgen eines schwe- dank: Günther Teubner (beim den scheint fruchtbar. Hin und ren Sturzes. Sie lebte in Dessau. Vinzenz Teubner, Haus Nr. 197), wieder sehen wir Riesenhöfe, Unsere aufrichtige Anteilnahme Kirchgasse 3, 01744 Dippoldis- die sich meist im Zerfall befinsprechen wir ihrem Bruder Rai- walde, Schmiedeberg, spendete den. ner (Traueranschrift Rainer Ha- 20 Euro für die Heimatkreis. Wir Dann sehen wir das Ortsnig, Köthener Straße 62 D, 06847 danken herzlich. Othmar Zinner schild ,Meuselwitz‘. An der Otto Hörtlers Elternhaus im heimatlichen Blottendorf.

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Am 17. Januar starb Otto Hörtler aus Blottendorf im Kreis Böhmisch Leipa (Þ SdZ 4/2022) wenige Monate vor seinem 85. Geburtstag am 23. Mai. Zehn Tage nach seinem Tod trat er seine letzte Reise im thüringischen Meuselwitz im Altenburger Land an. Dorthin hatten die Tschechen den damals Neunjährigen mit seiner Familie vertrieben.

Thüringen zusammen. Gern erinnern wir uns an Deine Amtsträgertagungen, an die Weiterbildungen und Seminare auf Burg Hohenberg, in Wildstein und auf dem Heiligenhof in Bad Kissingen. Deine Meinung war bei unseren Landsleuten gefragt und geschätzt. Du hast Dir Respekt, Achtung und Zuneigung erworben. Dafür zeichnete Dich die SL mit ihrem Großen Ehrenzeichen und der Rudolf-LodgmanPlakette aus. Wir haben uns an Deine Verläßlichkeit gewöhnt. Es wird schwer sein, die Lücke nach Deinem Tod zu schließen.“ Steffen Hörtler: „Papa war ein Mann, der für die Volksgruppe lebte und sie mitgestaltete. Mit Widerständen wollte er sich auseinandersetzen, Probleme wollte er lösen. Papas Denken und Handeln waren geprägt von Vertreibung und Diktatur, aber auch von einem konstruktiven, realistischen politischen Instinkt. Und bei allem, was er geleistet und erreicht hatte, blieb er immer bescheiden und auf dem Boden der Tatsachen. Und noch etwas: Papa liebte seine Frau und meine Mutter Monika über alle Maßen. Familie war für ihn Mittelpunkt. Und er war stolz auf seine Enkel Laura und Sophie, die ihm seine Schwiegertöchter Lucie und Natalie geschenkt hatten. Wir waren und wir sind eine tolle Familie.“ Nadira Hurnaus


REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Wos hotte ‘s mei Voter su schiene

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an ganzn Tag hatte dar dan Jaschkn vr dr Nose, wenn dar ne grode an Wolkn stackte, oder wenn‘s ne grode ran tote wie aus Konn. Dan Jaschkn, su tunkl vur dan hellichte Himml, wenn frieh de Sunne langsam iebers Ausgesponne gekrochn kom kund und olls zenstimmaring vrgoldn tote. Dan Jaschkn an Summer, gemietlich und brejt, wie ar uf uns runderkuckte aus dan schienn schnieweißn Koppbettlwolkn. Unsn Jaschkn an Winter, dar weiß wie aus Zukker und klar vu dr Kälte wor und moichmol biese mit Schnie rimpelverte. Dan liebn Jaschkn an Friehjohre, wenn ar mit senner Pudlmitze dousoß, os wenn a son wollte: „Leute, loßt Euch Zeit, ‘s is noch kej Summer.“ Und wie a sich ferchterlich an Wolkn vrsteckte, wenn vun Rolle har a Gewitter ufziehn tote. Immerfort konnt‘n mei Vater sahn, nej glaubt mersch, ich täte ne wing drim gahn. Wos hotte ‘s mei Vater su schiene. Dar ging an Dorfe ruff und runder, die Leute tat‘n freundlich grißn, die hibschn Häusl stecktn an Grienn, bis bale ei de Fanster kucktn de Blieml, und aus dan Fanstern kucktn se raus. Nej, glaubt ock, dos sog gor zu putzich aus. Die Kinder worn grode ban Kastlhuppn, oder se totn Kugln pinkn, und de Schustermilie vrstackte sich ei ihm Gebrichtrich. Wos hotte ‘s mei Vater su schiene. Wenn dr Friehling amol richtsch dou wor, dou konnt‘a de Wiesn vuller Himmlschlissl sahn, ganz gelbe worsch ei unsn Gortn bis zu dr Baach. Hindern Hause bliehtn drnochrn de Pumplrusn, ufn Stejnhiebl de Veilchn und noch schinner bale de Hundsveilchn, – Putterblieml oll En‘n und Mejsteckl, su softsch und griene wie narre ne. Drnochrn kom Ustern. Die Kinder gingn zun Griendursche und krichtn a Platzl oder a Zeltl, wenn se ihr Sprichl rundergeleiert hottn: „Bin a klenner Keenich, / gat mr ne zu wenich. / Laßt mich ne zu lange stiehn, / ich muß a Häusl wetter giehn.“ Oder wenn se ganz ejfach ei dr Tiere stondn und „Zeist Christ zun Griendursche“ sotn. Mei Voter konnte sich ou de schinste Uferstiehung raussuchn. Bei uns ei Kriesdorf mit Musik, pengalischn Feuer, Rachetn und enn Wosserfolle aus Funkn vu dr Korche runder, – ei Schimboch mit enn worklich ufstiehndn Jesus, – oder gor ei Niems, wu herich olls elektrisch zugiehn tote. Nej, Ustern wor gor zu feierlich. Dr Popseff stand schunt im viere uf, weil a ban Friedhofe mindstns drei Peller luslossn tote. Wumm, Wumm, Wumm wur‘ mei Voter ausn Schlafe gepellert. Dou wußt a, doß Feiertag is, und a konnte de Sootreiter ne vrpossn, die geschnieglt und gebieglt mit Sträußln ufn Hüttn stolz dorch de Falder reitn totn. Wos hotte ‘s mei Voter su schiene. An Summer sog a de Futterhäufl uf olln Wiesn, de Luft wor terekt ogefüllt mit dan gudn Geruche. Gehonnsfeuer finkltn uf olln Bargn, mit aaln Basn drehtn de Jungn gruße Kreise aus Feuer und hopptn drnochern iebermietsch ieber de grußn prosslntn Feuerhaufn. Nej, dos vrgißt mr nie. De Kliefalder bliehtn tunklrut, dos Korn tote an Winde su schiene tschaukln, und noch enn Gewitter potschtn de Kinder borbs an Pfitzn rim. Mierschtns sponnte sich dou a huher Regnbugn vu dr Moislkoppe iebern Jaschkn bis uf Drausndorf. An Harbste nohm a sich a Hickl und ging ei de Pölze ban Thumanton vorbeie bis zun Robbarge. Gahlhiehnl, Harrnpölze, Rutkoppn, Putterpölze und Pfaffnhittl brocht a hejm und wor ne amol lange. Und totn dann langsam de Blätter vun Bäumn folln, dou

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Zeitzeugin aus Kriesdorf

Wemmer noch drheme wärn Am 25. September 1919 kam Brunhilde Bruscha in Kriesdorf im Gerichtsbezirk und späteren Landkreis Deutsch Gabel zur Welt. Sie starb am 25. November 2017 im hessischen Dreieich. Acht Jahre ihres Lebens verbrannte ieberole ‘s vor der Aräpplkrotsch ufn Faldrn, und dr Melder zog baale bis zun Pusche naus. Aabsche Beern wurn rut und totn ausn Ästn leuchtn wie de Korschn. Dou kajktn drnochrn de grouen Krähn durchn Wind, und huch drubn, baale an Wollen, stond a Stießer und drehte sane Kreise iebr de Stupplfalder. Jetze kom dr Winter langsam ieber de Hiehe Ar schmieß dan Schnie uf de Bohnhofstroße, zoug metterhue Windwabn sugor durchs Dorf, sotzte uf jede Zaunlotte ane klejne Mitze, molte Eisblieml o de Stieblfanster, ließ ou amol de Plumpe eifriern und baute de schinnstn Tschinderbohnn fr de Kinder. Was hotte ‘s mei Voter dou su schiene. Ar zog de Filzschuhe o, leierte sich imn Floh enn dickn Schal, sotzte ufn Kopp ane Pelzmitze zun runderkloppn, moichmol ou Uhrnschitzer und Stutzl fr de Handgelenke, zog sich de Fausthandschkn o und nohm amende gor enn Muff. Dou konnte ‘s wa-

brachte sie in SBZ- und „DDR“-Gefängnissen. 2004 gab die Gustav-Leutelt-Gesellschaft ihre mitreißenden Erinnerungen an ihre Gefangenschaft von 1946 bis 1954 als Buch heraus, das wir von Januar 2017 bis

mieh bei uns. Ruck-zuck, hoste-wos-konnste fohrn se mit ollerhand neumodschn Maschinn hindern Trakter ieber de Wiesn und blosn zerletzt ‘s Futter bale bis eis Maul vun Ochsn nei oder prassn‘s uf vierecksche Stejne zomm. Richn kon ich dou kaum wos drvune, weil ollerhand ander Gestank dorch de Gortn zieht. Mitn Hickl ei de Pölze giehn tut kenner nemmieh. De Pölze hult mr etze ausn Suppermorte, ei Plastikkastln stiehn se dorte, ‘s Gald hommer jo drzune. Und vun Winter sah ich seltn amol was Richtsches. Gegn Schnie und Eis tun se etze Saalz streun. Dou sitt de Stroße glei wie schwarze Schmiere aus, und mr muß fruh sein, wenn enn de Auto ne drmitte otrejtschn. Stots Glockngeklingl dorch de frische Luft hier iche ock Autogerumpl durchn Pensingestank. Dos Kuksöfl hejßt etze „Ölheizung“, und stots enner Dämmerstunde notsch ‘s Radio oder dudlt dr

Mai 2018 in 30 Folgen in der Reichenberger Zeitung veröffentlichten. Darüber hinaus schrieb sie Geschichten in Mundart. Dazu gehören ihre folgenden zwei Vater-Geschichten.

Ar ging ou zu sann Häusl, ei dos a ei zwej Juhrn eiziehn wollte, wenn a wär‘ pansioniert wurn, und ging langsam vu enn neuen Äppelbejml zu andern. Olle worn se schunt gutt ogewachsn, und a jeds hotte enn hibschn Steppl vun Voter gekricht. Grellrut bliehtn de Rusn nabn n Wajge. ‘S wor ja a wormer Summer. Lange soß a o sann Schreibtisch. Ar wußte, doß a sich kejne lustsche Geschichtn mieh ausdenkn kon. A suchte olls zomm: Taufschein, Heimatschein, Ostellungsdekret, Kaufvrtrag vun Häusl und vun Motorradl, Vrsicherungspoliesn und Sporkassnbichl, Gald und sane Geschichtn. Ar sog sich ou sane Bilder vun orschtn Waltkriege und vun Schulkindern o, tot se drzune und studierte zwej Briefe vu dr klennstn Tochter, die se uf Schleichwajgn ausn Biehmschn geschickt hotte, wuhie se mit andrn Madln ausn Dorfe obtransportiert wor. Wie wrd‘s dar etze giehn?

Hinder sulange fittern, bis se wiederkämn. Uf Mais Wiese tote ou kenner ne lachn. Olle suchtn sich enn Plotz uf dan Fuhrwarkn. De Mutter und dr Voter soßn uf Millians Wone ziemlich hintn, doß se ‘s klejne Wanl einouch ziehn konntn. Dr Bohnmejstr Rückl mit sanner Froue soß ou mit druf. Vill miehr os hundertmol hottn dr Rückl und dr Voter minander Mariasch gespielt. Und ‘s wor immer gemietlich gewast. Etze dochte kenner o de Kortn und „rute Blutt“ und „Schalle-Unter“. Etze hätte hichstns a „Bettl“ dou hargepoßt. De Häuser, de Korche, dr Friedhof, dr Bohnhof, de Robnstejne, de Falder und de Wiesn bliebn zunicke und immer miehre zuricke, immer miehre. Jesus – Maria. Schlißlich ging‘s an Pusch ban Robbarge nei. Dou holf kej kuckn nemmieh, etze vrschwond ou dr Jaschkn hindern Blättern und hindern Puckl. De Heimat wor vrlurn. Aber dou wußtn de ormn Leu-

Wie olls ufn Schreibtische log, worsch a klejnes Häufl. „Sellte dos olls sein, wos dr etze vu deinn Labn bleibn tut? Fr dos Häufl hoste dich bale vortsch Johre obgerackert. Und ar tote ei sann Suchn innehaln und ejne Weile ausn Fanster kuckn. De schinstn Stundn aus seinn Labn komn n vr de Ougn: „Ach, lieber Harrgott, wos tut mir mei Harze su wieh. So mrsch ock, wos hon mir denne geton, doß de grade uns su horte stroufn willst?“ Und‘s schmieß n hie und har. Ar wußte ne richtsch, sellte ar vrzweiflt sein, oder gob‘s noch a Finkl Hoffnung, doß olls gor ne su arnste gemejnt wor, oder doß sich an letztn Ougnblikke noch olls ändrn würe. De Leute sotn: „Herich ne fr lange.“ Aber wemmer wißte, ob se rajcht hon. Fr wos denne ieberhaupt? Drnochrn worsch gewieß, daß ‘s morne ausging, und doß dr Voter und de Mutter ban orschtn, die dou fortemißtn, drbeine warn. ‘s Letterwagl wor wacklicht. Schlajcht und rajcht wur‘s zommgepocht. Se mußtn sich etze an klorn sein, wos se mittenahmn wolltn. Se warn a poormol wieder ufgepackt und sich geschunn hon, olls su gutt zommzunejtern, wie‘s halt ging. Ei dar Nacht wure kej Ouge ne zugemacht. De Sunne stond rut und gelbe hindern Jaschkn, wie dr Vater zugeschlossn hat und mit dr Mutter ‘s Wanl bis zu Mai-Alfreds Wiese zoug. Nopprsch stondn arnste vr dr Haustiere und sotn, se tättn de

te uf dan Pauerwone noch niche. Ejne Ahniche hottn se jo, und ‘s wor n ou su korious schwer ims Harze, aber se underhieltn sich, wos se su olls mittegenommn und wos se vrgassn hottn. Ei Schimboch komn de Leute ausn Häusern: „Wißter denne, wu‘s hiegieht?“ „Bleibt ocke gesund.“ „Kummt ock bale wieder.“ „Hot ock Gott vr Ougn.“ „Ei Gotts Nomn.“ Und de Kriesdorfer: „Ei hichstns vier Wochn sei mr wieder dou.“ ‘s ging ieber Pankroz, Ringlshon, Lämbarg uf Pieterschdorf und vu dorte an Pusch nei ieber de Granze uf Lückndorf und wetter eis Ungewieße. Dr Jaschkn kom noch a poormol ausn Bejmn eifier, os wenn a sich salber ne trenn kennte und son wellte: „Vrgaßt mich ne, ich vrgaß euch ou ne. Vill Glicke ei dr Fremde. Ich kon ne mit euch kummn.“ De Sunne ging schunt under. War wejß, ob se sich ne schamte und dos Elend nemmieh sahn wollte – wie de Pauern uf enner Wiese bei Schirgiswale ohieltn, und de Kriesderfer ihre ejgn‘n Wajge giehn mißtn. Beisommn konntn se ne bleibn, Kriesdorf gob‘s fr sche kejs mieh. Wos hotte‘s mei Voter dou noch su schwer, ehndr doß a sane Ruhe und sann Friedn an Grobelechl findn konnte und dan enn oder dan andern Kriesderfer ei dr andern Walt wiedergetroffn hot. Und ich bie gewieß, doß ar sich dorte ubn a Platzl rausgesucht

Der Jeschken zu deutscher Zeit im Winter.

tern, wie ‘s wollte, a steckte worm, und de Kälte molte hichstns de Nose rut. Durch de Schnieflockn klingltn de Pfaareglockn, wenn de Pauern Holz ausn Pusche hultn und mit dr Peitsche noch dan Kindern schnicktn, die sich ann Kostnschlittn hintn ohängn wolltn. Drnochrn drhejme, wenn mir unsn Vater mitn Baasn obgekehrt und ou a bissl miehre drufgekloppt hottn, und wenn‘s zu dämmern ofing, soß a mit uns ban bale gliehndn Kuksöfl und rauchte gemietlich sei Pfeifl. Su schnell wure noch kej Licht ne gemacht, ar konnte sich orschtrn a bißl ausruhn, ar hotte jo genung Zeit. Und iche? Kej Jaschkn, kejne Barge, kejne Koppbettlwolkn, kejne Himmlschlissl, kej Gehonnsfeuer, kejne Reischgebindl, kejne Kostnschlittn, kej Sootreitn, kejne Putterpölze. Bei mir is bale olls andersch. Wenn ich an Gortn sitze, sah ich ock Häuser zengtimmaring. De Wiesn sein etze Roosn, dou dorf kej Mejsteckl mieh wachsn. Stots Sensetengln hier ich de „Rasenmäher“ rottern. Zu Ustern sein uf olln Stroßn Autoschlangn, vu Uferstiehung ward nemmieh geredt, Reiter gibt‘s an Farnsahn und ne im de Faldr rim. Pellern derfte dr Popseff heutzutage nemmieh. Dou tätn sich de Leute mit ihm schwaachn Nervn schiene ufregn. Denn ‘s gibt jo schunt welche, die dou ne amol Glocknläutn vrtron kenn‘n. Futterhäufl macht etze ou kej Mensch

Farnseher. Zeit ho iche nie. Wos hotte ‘s mei Voter su schiene.

Wos hotte ‘s mei Voter su schwer Zun letztnmole ging a undern Lindn durch zr Korche nei, stieg de Treppe zu dr Orgl nuf, hot se eigeschaltt, hot rundergekuckt, wie dr Dechant aus dr Sakristei kom, hat sane Akkorde zu Ofange gespielt, miehrmols „et cum spiritu tuo“ geantwortt, hot de Karzn gesahn und n Weihrauch gerochn und trotzdrn ock enn Gedankn an Koppe gehot: „Harr Gott, Du wrscht‘s doch ne amende worklich zugahn?“ Und os wellt‘a n Harrgott noch amol wejchmachn und son: „Sieh ocke, wie mr o dan Fleckl hängn, uf dos Du salber uns gesotzt host“, griffn sane Finger ei de Tastn vu dr Orgl zun Liede „Im schönsten Wiesengrunde“ und zrletzt „Wo fänd‘ ich deinesgleichen, du liebe Heimathöh‘“. Und ar song a bißl hejserer mitte, und n Dechant, dar ou ganz stille stand, konnt‘ a ocke verschwommn sahn: Gott, behitte uns. Drhejme hot a sich olls noch amol ogesahn, die zwej Klassn ei dr Schule und dan grußn Gortn. Dr Phlox wor ei schinster Bliete, dr Bornbaum hing voller Bornn, de Rinder spoziertn undern Flieder rim, os wenn olls ei Ordnung wär‘, und tichtsche Solothäutln stondn an Gartl.

hat, vu dan ar hie und dou su zwischn dan Wolkn a bißl unsn liebn Jaschkn sahn kon. Und iche? Du lieber Voter, wenn de worklich vu dorte ubn uf unse orme Walt runderkuckn konst, dou weßte jo genau, wie olls su wettergegangn is, und was aus uns gewurn is. Vrstreut sein mir wie Hirschekernl. Ich ho mich eigerichtt und labe gutt. Ich ho mrsch ‘s Huchdeutsche ogewehnt und nahme Werter ei meine Rede, die mir drhejme ne gekannt hon, und die ich dan Leutn im mich imaring vun Mau-le obgelarnt ho. Etze kuckn se einn jo nemmieh wie enn Zigeiner o, und mr hort ou nischt nemmieh vun „Kartoffelkäfern“, aber de „Flichtlinge“ warn mr wull bis an Tud nei bleibn missn. Doß se uns jo fortgejot hon, hiern die heute ne garne, die etze ubn dro sein und wos zu maldn hon. Die welln uns eiredn, doß es ejgole is, wu mr sei Gald vrproßt. Jaschkn- und Isergeborgs-Kinder gibt‘s nemmieh. Die wachsn ei dr Fremde uf, warn Bayern, Hessen, Rheinländer und war wejß wos noch olls, und dr Jaschkn is fr die ocke a Barg under Tausntn. Ich kon n ou ocke noch besuchn und ieber sann Zohnstocher trestn. „Flenn ock ne, Jaschkn, vu weitn siste noch wie dr ale aus. Kuck ock mich o, wie ich mich ei dan Johrn vrändert ho. Dou biste gegn mich terekt noch jung gebliebn. Und mir hon dich ou su noch genau su garne wie vr dreißsch Johrn.“ Und ich bie sicher, doß a mich vrstieht, denn de Bejme, de Wajge, de Strußn, de Flössl, de Korchn und de Barge dorte drhejme redn immer noch deutsch mit mir. Ock de Derfer sein bale nemmieh zun derkenn. Dos dreht mrsch Harze ausn Leibe. Und wos dos schlimmste is: Ich stieh ja ufn Robbarge heute einglich os Fremde und kumm mr vier, os hätten se mich ausn Paradiese gejot. A jeds hot a Fleckl, wu‘s hiegehort. Enn jedn Horschkafer tut mr wieder uf sei Platzl zurikke, wenn mr n ogepackt hot. Uns will kenner mieh zurickeschoffn. Mir solln ruhich sein, langsam ej Pfleckl nochn andern zurickesteckn und ne son, doß unse Worzln fr immer ei dan Budn dorte steckngebliebn sein, wie se uns su gehliche rausgerissn hon. Moichmol brengn se an Farnsahn an Simde ubnds sichte lustsche Volksstickl aus olln Gegntn, und mir schmunzln ieber die vrschiednn Tialekte und su wetter. Siste, unser liebes Reichnbargsch kon nie ne drbeine sein. Ja, wemmer noch drhejme wärn. Wenn meine Noppern Gebortstag feiert, kimmt dar ihre ganze Vrwandtschoft zomm, und se tischkeriern minander. Ich kriege Briefe und Kortn aus zwej Deutschlantn und trinke Koffie mit fremdn Leutn. Fohr ich dou rim ei a schienes Städtl wegn sann saubern Fachwarkhäusln und enn klenn Schlößl, dou sah ich glei unse putzschn Häusl drhejme an Grienn stiehn, sah Stroußn mit grußn Villn und ufn Bargn zengstimaring Schlößl, Baudn, Aussichtstörme, vrwöldrte Ruinn und gezackte Falsn, doß ock su ejne Pracht is. Und de schinnstn Gewitter tonnern drieber, oder dr glitzerichste Schnie leit droffe. Und gieht mr amol mei Harze ieber, und ich drzähle dan Leutn dou ei dr Fremde, wie schiene ‘s bei uns drhejme wor, dou lächln se nuchsichtsch und mejnn, ich tu iebertreibn, denn Reichnbarg is fr die ou heute noch a biehmsches Dorf und ligt drei Metter nabn Sibirien. Moichmol tätt‘ ich an libstn mit dr Faust neischlon, moichmol kennt‘ ich flenn, moichmol schmeiß ich de Flinte eis Korn, moichmol winsch‘ ich mich hejm, moichmol zieht‘s mich hejm und immer kon ich‘s ou heute noch ne gloubn, doß mir meine Heimat nemmieh gehiern soll. Dou siste, Voter, iche ho‘s ou ne leichte.


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Sudetendeutsche Zeitung Folge 5 | 4. 2. 2022

Dux

Ladowitz

Klostergrab

Ossegg

für die Kreise Dux, Bilin und Teplitz-Schönau

Bilin

Heimatlandschaft Erz- und Mittelgebirge – Landschaftsbetreuer: Dietmar Heller, Hillenloher Straße 10, 87733 Markt Rettenbach, Telefon (0 83 92) 9 34 72 77, Telefax 9 34 72 78, eMail dietmar.heller@deheller.de. Heimatkreis Bilin – Patenstadt Gerolz­hofen; Heimatkreisbetreuer: Dietmar Heller. Internet www.heimatkreisbilin.de. H ­ eimatkreis Dux – Patenstadt Miltenberg; Heimatkreisbetreuer: Klaus Püchler, In den See­gärten 35a, 63920 Großheubach, Tele­fon (0 93 71) 9 94 01, eMail ­klauspuechler@web.de. Heimatkreis Teplitz-Schön­au – Paten­stadt Frankfurt am Main; Heimatkreisbetreuer: Erhard Spacek, Franz-Schubert-Straße 13, 01796 Pirna, Telefon (01 60) 95 32 07 27, eMail spacek@ teplitz-­schoenau-freunde.org. Redak­tionsschluß: Freitag der Vorwoche. Redaktion: Lexa Wessel, eMail heimatruf@ sudeten.de

Teplitz-Schönau

Graupen

� Chronik von Tyssa

Burg und Schloß Schönstein Renate von Babka, Vorstandsmitglied der Heimatgemeinschaft Peterswald-Königswald, trug nachfolgende Geschichte aus der Tyssaer Chronik zusammen:

T

yssa und Schönstein waren in früherer Zeit zwei selbständige Ortschaften, begründet vermutlich im 12. oder 13. Jahrhundert von dem Deutschen Ritterorden. 1305 finden wir die Herren von Wartenberg als Besitzer dieser Gegend. Zuvor scheinen schon kleinere Ritter die Johanniter des Deutschen Ritterordens abgelöst zu haben und die Besitzer der Burg Schönstein gewesen zu sein. In früherer Zeit hieß die Burg Schönow. Sie war eine der Räuberburgen, die Friedrich Markgraf von Meißen im Jahr 1322 zerstören ließ, als er die Salzstraße von Raubgesindel säuberte. Günter von Bünau, Herr auf Lauenstein in Sachsen, errichtete in den Jahren 1554 bis 1557 unter anderem den Rittersitz Schönstein auf dem wüsten Vorwerk Schönow. Außerdem ließ er noch eine Kirche, eine Schule und ein

Wirtschaftsgebäude samt Brauhaus errichten. Die Kirche in Schönstein war eine protestantische. Sie stand am Platz des Hauses Nummer 196. An diesem Ort stand später die Gaststätte Schönsteiner Hof. Aufgrund der gut erhaltenen Kircheneinrichtung ist anzunehmen, daß die Kirche nicht einem Brand zum Opfer fiel, sondern im Laufe der Zeit zur Ruine wurde. Ein Teil der Einrichtungsgegenstände wie der Schönsteiner Taufstein befand sich später in der Tyssaer Anna-Kirche. Der Kanzelträger befand sich am Kirchenaufgang in Königswald. Überlieferungen zufolge soll die Sanktusglocke der Schönsteiner Kirche die Dorfglocke von Eiland gewesen sein. Die Herren waren streng, aber gerecht. Und das Wohl der Untergebenen lag ihnen am Herzen, so daß die Bewohner bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges ein erträgliches Leben führten. Zu Schönstein gehörte in jener Zeit Königswald, Raiza, Oberwald und Eiland. Eiland war allerdings nur ein Eisenhammer.

Das Haus Nummer 198 ist 1930 eine Gaststätte namens Schönsteiner Hof.

Das Kaiser-Joseph-Denkmal in Tyssa.

Solange das Gut Bünauburg mit Schönstein vereinigt war, mußten die Bewohner der zu Bünauburg gehörigen Dörfer in amtlichen Angelegenheiten bis zum Amt nach Schönstein wandern. Zum Beispiel gehörten im Jahr 1617 die Bewohner von Kartitz und Umgebung noch zum Amt Schönstein in Tyssa. Kaiser Ferdinand verfügte, in Böhmen die katholische Religion als ausschließliche einzuführen. Und so standen die Ritter von Bünau im Jahr 1628 vor der Wahl, entweder katholisch zu werden oder innerhalb von sechs Monaten auszuwandern. Sie wanderten aus. Für die Herrschaft Tetschen-Schönstein fand sich ein Käufer aus Tirol: Christoph Simon von Thun, der am 14. August 1628 den Kauf abschloß. Die Bünauer erhielten für die Güter Schönstein und Eulau 73 000 Gulden rheinisch. Wie das Schloß ausgesehen haben mag, ist nirgends zu erfahren. Nach Aussagen alter Leute sei der Burgraum 18 Klafter, rund 34 Meter, lang und 14 Klafter, rund 27 Meter, breit gewesen. Innerhalb der Mauer hätten zwei große Gebäude gestanden, von denen das eine die Ritterwohnung und das andere das Brauhaus gewesen sei. In dieser Zeit führte man aus dem Brauhaus zu Schönstein das Schönsteiner Bier zu den umliegenden Orten. Der Biersteig führte von Schönstein nach Unter Königswald, durch das Bauerngut Nummer 57, nach Leukersdorf, Spansdorf und Blankenstein. Im Jahr 1631 kamen nach der Schlacht bei Breitenfeld die besiegten kaiserlichen Herren nach Böhmen zurück. Und durch Unvorsichtigkeit wurden Schloß und Gut Schönstein in Brand gesetzt. Ein Teil ist abgebrannt, ein anderer wurde zur Ruine und ist zerfallen. Die Bausteine verwendete man teilweise zum Bau des Tetschner Schlosses 1786, aber auch zu Ortsbauten fanden diese Verwendung. Die letzten holte man für den Bau des Kaiser-Joseph-Denkmals in Tyssa im Jahr 1888. Einige Wirtschaftsgebäude scheinen verblieben zu sein, was der Umstand, daß sich im Jahr 1669 noch eine Schäferei am Gut Schönstein befand, beweist. Ein Merten Weigend war als herrschaftlicher Schäfer benannt. Bei den Aufräumarbeiten fand man Glasperlen und aus feinem Sandstein gearbeitete Löwenköpfe. An der Stelle, an der einst die Burg Schönstein stand, war in jüngster Zeit die Knopffabrik Josef Püschner.

WIR GRATULIEREN Allen treuen Heimatruf-Abonnenten wünschen wir herzliche Glück- und Segenswünsche zum Geburtstag im Februar: n  Bilin. Johanna Woska/Jeschke, Baaderstraße

31, 80469 München, 4 Februar 1933; Ingeborg Smetana, Bahnhofstraße 14, 83684 Tegernsee, 4. Februar 1927;

Professor Dr. Karl-Heinz Plattig, Steinforststraße 30, 91056 Erlangen, 6. Februar 1931. n  Meronitz/Kreis Bilin. Josef Liebscher, Grießweg 8, 88486 Kirchberg, 11. Februar 1949. n  Loosch/Kreis Dux. Olivia Mörl, Kiez 17, 19306 Neustadt-Glewe, 28. Februar 1928.

Ein Entwurf des neuen Beamtenhauses des Architektenbüros MiSe.

Das Beamtenhaus heute.

� Städtebauliche Entwicklung in Teplitz-Schönau

Beamtenhaus und Hilton-Hotel Jutta Benešová berichtet weiter über die Baupläne der Stadt Teplitz-Schönau. Diesmal geht es um das Beamtenhaus am Schloßplatz und das künftige Hilton-Hotel beim Rathaus auf dem Marktplatz:

D

as Beamtenhaus am Schloßplatz wurde in den Jahren 1840 und 1841 anstelle des abgerissenen Biliner Tores erbaut. Man errichtete es als ursprünglichen Sitz der Zentralverwaltung des Teplitzer Großgrundbesitzes auf Anregung von Fürst Carl von Clary und Aldringen. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Somit sind auch für einen neuen Besitzer strenge Auflagen mit einer Rekonstruktion verbunden. Das 40 Jahre lang verlassene Haus hat nun einen neuen Besitzer. Nach dem vergeblichen Versuch eines italienischen Investors, das Haus im Jahr 2010 in Luxus-Privatwohnungen umzubauen, stand es wiederum zum Verkauf. Im Juni 2021 erwarb es die Teplitzer Familienfirma Hit Office Group für etwa 15 Millionen Kronen. Die Projektplanung führt derzeit das Teplitzer Architektenbüro MiSe durch. In Zusammenarbeit mit den Denkmalschützern wird das Haus in allen wichtigen historischen Teilen rekonstruiert. Die Frontseite zur Straße behält ihr ursprüngliches Aussehen mit Ausnahme der Dachgauben. Die Seite zum Innenhof besitzt eine heute kaum noch historische Fassade. Diese wird durch den Anbau von Seitenflügeln mit Giebeln im derzeitigen Design und Material erweitert. Somit entstehen Wohnungen bis zum Dach. Nur im Erdgeschoß sind kommerzielle Räume geplant. Der Innenhof dient dann als Parkplatz für die Residenten. Dabei ist anzunehmen, daß die Baugenehmigungen, die durch die Auflagen des Denkmalschutzamtes besonders erschwert sind, einige Zeit benötigen. Unter den Fundamen-

ten des Hauses befinden sich nämlich noch die Reste des alten Biliner Stadttores. Vermutlich werden die Archäologen des Schloßmuseums noch vor dem Umbau großes Interesse zeigen. Vielleicht wird sich dieses historische Gebäude bald in die renovierten Häuser des Schloßplatzes einreihen können. Das ehemalige Fernmeldeamt auf dem jetzigen Platz der Freiheit im Stil des sozialistischen Realismus ist den Teplitzern schon lange ein Dorn im Auge. Dies liegt auch daran, daß das Gebäude, das einst große

Niklasberg

Telefonanlagen enthielt, durch die Digitalisierung seinen Nutzungszweck verloren hat. Die Firma JTH des Teplitzer Bauunternehmers Jaroslav Třešňák kaufte nun dieses nutzlose Gebäude auf. Die gesamte Anlage hat jetzt in einem kürzlich errichteten, kleinen Anbau neben der Post ihre Bleibe. Und das Fernmeldeamt wartet auf seinen Abriß. Dabei gab es unterschiedliche Bebauungspläne für diesen zukünftigen freien Platz. Noch um 2015 war von einer Parkanlage mit einem kleinen GartenCafé die Rede – als Ruhepol an dem sonst belebten Platz mit seinen beiden großen Kaufhäusern. Dann stellte man fest, daß Teplitz ein neues Hotel braucht. Das derzeitige erste Hotel am Ort, Hotel Prince de Ligne am Schloßplatz, wird stets ein zentrales Hotel bleiben, entspricht aber nicht mehr dem zukünftigen Vorhaben, aus der Bäderstadt Teplitz eine Kongreßstadt zu machen. Somit kam die Hilton-Gruppe ins Gespräch. Das erste Projekt zeigte zunächst ein zweiflügeliges, mondänes Hotel am Marktplatz: viel Glas, viel Glimmer. Ein neuer Entwurf für das Hotel entstand im Herbst 2020. Dieser sorgte aber für eine sehr geteilte Meinung der Bevölkerung. Ein etwa zehnstöckiger Betonklotz als Hauptgebäude erdrückt völlig den bescheidenen, historischen Rest des Marktplatzes sowie das Rathaus. Beide Entwürfe stammen wieder von dem Teplitzer Architektenbüro MiSe. Dabei fragen sich vielleicht manche, ob dieses Zentrum unserer Stadt nicht einen internationalen Architektenwettbewerb verdient hätte. Zum Beispiel bauten in der Vergangenheit bereits Dresdener Architekten gerne in Teplitz. Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen zu sein. Weitere Informationen unter www. architekti-mise.cz.

Entwürfe des neuen Hilton-Hotels von 2018 und 2020 des Architektenbüros MiSe.

Das ehemalige Fernmeldeamt am Teplitzer Marktplatz.


HEIMATBOTE

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Bischofteinitz

Ronsperg

FÜR DEN KREIS BISCHOFTEINITZ

15 Hostau

Heimatkreis Bischofteinitz – Patenstadt Furth im Wald. Heimatkreisbetreuer: Peter Pawlik, Palnkamer Straße 73a, 83624 Otterfing, Telefon (0 80 24) 9 26 46, Telefax 9 26 48, eMail peter-pawlik@t-online.de, Internet www.bischofteinitz.de. Spendenkonto: Heimatkreis Bischofteinitz, Raiffeisenbank Chamer Land – IBAN: DE55 7426 1024 0007 1343 20, BIC: GENODEF1CHA. Heimatbote für den Kreis Bischofteinitz – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Verantwortlich von seiten des Heimatkreises: Peter Pawlik. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

Pössigkauer Sage

Das Nippelfeuer

E

Grafenried im Haus der Geschichte in Bonn

Reitmeier-Bild dokumentiert Heimat stellt, so daß er schweren Herzens absagen mußte. Er möchte jedoch im Sommer nach Bonn fahren und sich dort die Ausstellung ansehen, die dort bis zum 25. September läuft. Anschließend kommt die Präsentation in die Wechselausstellungshalle des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, wo sie vom November bis August 2023 besichtigt werden kann. Auf der Internetseite des Hauses der Geschichte wird über die Ausstellung „Heimat. Eine Suche“ Folgendes vermerkt: „Heimat verspricht Geborgenheit und Überschaubarkeit – insbesondere in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen. Aber Heimat ist sehr vielschichtig. Menschen verlieren ihr Heim, ihr ganzes Dorf an eine Braunkohlegru-

be oder an einen Krieg. Andere Dann wird noch darauf hingeDas von Karl Reitmeier gefühlen sich in der alten Heimat wiesen, daß in der Öffentlichkeit machte Foto befindet sich in eifremd und begeben sich auf die der Heimatbegriff kontrovers ner Vitrine, über der das Schild Suche nach einer neuen Heimat diskutiert, instrumentalisiert und von dem untergangenen Dorf oder mehreren neuen Heimaten. als politischer Kampfbegriff miß- Grafenried hängt, wobei der Für manche ist Heimat Schriftzug „Grafenganz klar mit einem Ort ried“ auf den ersten verbunden, den sie nie Blick falsch zu sein verlassen wollten, dem scheint. Beim genauesie aber gezwungeren Hinschauen benermaßen den Rücken merkt man aber, daß die kehren müssen.“ Buchstaben „f“ und „e“ arl Reitmeiers Bild zeigt Danach wird der lediglich Abriebspuren Hans Laubmeier, den eheAufbau der Wechselaufweisen. Zudem bemaligen Ortsbetreuer von Graausstellung vorgestellt. finden sich in der Vitrifenried, Seeg und Anger, mit Beim Betreten komne eine abgebrochene Ivan Bartošek, dem damaligen me man zunächst in eiBierflasche der einstiund heutigen Bürgermeister von ne kleine Siedlung mit gen Brauerei in GrafenWassersuppen. Auf dem GeDorfplatz. Alles wirried, eine Glasperle der biet der Gemeinde Wassersupke auf den ersten Blick ehemaligen Glashütpen liegt die Wüstung Grafenidyllisch. In den Häute und zwei Prospekried. Auf dem Bild reichen sich sern könnten sich die te über Grafenried. Das Bartošek und Laubmeier vor der Besucher mit verschieSchild, die Bierflasche, in Grafenried aufgestellten Tadenen Seiten des Hei- Das Original-Foto vom Oktober 2017 in Grafenried mit die Glasperle und die fel mit der Aufschrift „Gramatbegriffs aus- Ivan Bartošek und Hans Laubmeier. Prospekte hat Zuzana Bilder: Stiftung Haus der Geschichte/Marlit Schulz (2), Langpaulová vom Gefenried – Ort der Versöheinandersetzen Karl Reitmeier (1) meindeverbund Tauser nung“ die Hände. Auf diewie in Heimat ser Tafel sind ebenfalls im geteilten Bündnis nach Bonn gezwei sich reichende HänDeutschland und Identitä- braucht werde. Die Ausstellung schickt. Wie sie wissen ließ, wurde abgebildet, wobei das ten in verschiedenen Re- lade dazu ein, so heißt es in dem de das Schild dem Haus der Geeine Ärmelende die tschegionen, (Spät-)Aussiedler Beitrag, über die Bedeutung von schichte gegen Erstattung der chischen, das andere die und Vertriebene, jüdisches Heimat für den Einzelnen und Versandkosten geschenkt, da deutschen Nationalfarben Leben in Deutschland, Zer- für die Gesellschaft nachzuden- es nach den Ausgrabungen dort trägt. störung von Heimat durch ken. nicht mehr benötigt wird. BierDurch einen Bericht EnergiegewinnungsproIn einem Museumsmagazin, flasche und Glasperle stammen in der „Chamer Zeitung“ jekte, Heimischwerden das vierteljährlich herausgege- aus der Sammlung des Historivom 18. Oktober 2017 war von Menschen mit inter- ben wird, wird ebenfalls auf die kers Zdeněk Procházka. Und für das Bonner Haus der Genationaler Geschichte. Der Ausstellung hingewiesen und diese beiden Ausstellungsstücke schichte der BundesrepuFokus liege dabei auf der dabei vermerkt, daß die Antwor- sei ein Leihvertrag unterzeichnet blik Deutschland auf dieEntwicklung seit 1945. ten auf die Frage „Was ist Hei- worden. ses Foto aufmerksam geZu sehen sei die Tür ei- mat?“ in hohem Maße von indivi„Das alles ist zweifelsohne worden und hatte nach ner Flüchtlingsunterkunft, duellen Erfahrungen geprägt sei- auch eine hervorragende Werden Veröffentlichungsbemalt von einer aus Syri- en. Und dennoch sei Heimat für bung für den hier entstanderechten gefragt. Die sagen nach Deutschland ge- den allergrößten Teil der Deut- nen Ort der Begegnung und des te Reitmeier spontan zu, flohenen jungen Frau. Die schen positiv besetzt. Dann wird freundschaftlichen Miteinandenn schließlich sieht er Tür zeuge von dem Be- Bundespräsident Frank-Wal- ders, der Grafenried zu einem es als eine große Ehre an, mühen, so heißt es in dem ter Steinmeier zitiert: „Wer sich leuchtenden Beispiel für das verdort mit einem vom ihm Text, den Verlust der al- nach Heimat sehnt, ist nicht von einte Europa gemacht hat“, ist „geschossenen“ Foto verten Heimat zu verarbei- gestern.“ Karl Reitmeier überzeugt. lr treten zu sein. ten und in einer potentiKeinesfalls solle Heimat, so Die Bonner hatten Reitell neuen Heimat Halt zu der breite politische Konsens, Bis Sonntag, 25. September: meier natürlich zur Eröfffinden. Das Bühnenbild dem rechtsextremen politischen „Heimat. Eine Suche“ in der Bonnung der Ausstellung am einer idyllischen Spree- Spektrum überlassen werden. ner Museumsmeile, Haus der Abend des 10. Dezembers landschaft aus dem Dorf Die Wechselausstellung „Hei- Geschichte der Bundesrepublik eingeladen. Doch die ReiMühlrose stehe für die Be- mat. Eine Suche“ wolle der im- Deutschen, Willy-Brandt-Allee sestrapazen waren ihm drohung der sorbischen mer wieder neu entflammten 14, Dienstag bis Freitag 9.00– dann doch zu groß, und Die Vitrine mit dem Karl-Reitmeier-Foto, auf Minderheit, ihrer Sprache Auseinandersetzung um das 19.00, Samstag und Sonntag zudem hatten sich gesund- dem sich Hans Laubmeier und Ivan Bartošek die und Kultur durch den Ta- Thema Heimat in Deutschland 10.00–18.00 Uhr. Der Eintritt ist heitliche Probleme einge- Hände schütteln. gebau. nachgehen. kostenlos.

„Heimat. Eine Suche“ heißt eine Ausstellung, die gegenwärtig im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im nordrhein-westfälischen Bonn läuft. Diese Ausstellung bereichert eine Fotografie von unserem Korrespondenten Karl Reitmeier, die er im Oktober 2017 in Grafenried, tschechisch Lučina, aufnahm.

K

in armer Mann aus Pössigkau ging betteln. Der Abend überkam ihn, bevor er sein Heim erreicht hatte. In den Wiesen gegen Weißensulz zogen schon die Nebel herauf, und über‘m Pössigkauer Bach schritt vom Hochwald her die Nacht. Nahe bei der Weide brannte ein vergessenes Feuer. Der Bettler ging hin, zündete an der Flamme seine Pfeife an und schmauchte sie auf dem nächtlichen Wege. Daheim angelangt, klopfte er vor dem Schlafengehen die Asche aus seinem Pfeiflein. Da klirrten zwei Goldstücke zu Boden. Der Mann ging noch öfters den Weg zu der Weide. Er wollte das segenspendende Feuer noch einmal wiedersehen. Doch es brannte niemals mehr, denn Nippelfeuer erscheinen einem selten zwei- Der Pössigkauer Bach heute. mal.

WIR GRATULIEREN Im Februar gratulieren wir herzlich folgenden Abonnenten des Bischofteinitzer Heimatboten zum Geburtstag und wünschen den Jubilaren alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen: Worowitz. Hans Wostratzky, 71364 Winnenden, 84 Jahre. Josef Steinbach Kleinsemlowitz. Am 26. Josef Eberl (Wallisch, Haus-Nr. 29), 87 Jahre. Marianne Maurer Kscheberscham. Oswald Rothmeier (Bocharer) in Garmisch-Partenkirchen, 81 Jahre. Maria Schnobrich

Ortsbetreuerecke H

erzlich gratulieren wir im Februar Georg Naujokas, Fähnrich, am 4. zum 81. Geburtstag; Josef Masanz, ehemaliger Ortsbetreuer von Mukowa, am 7. zum 89. Geburtstag; Alfred Dittrich, Ortsbetreuer von Neugramatin, am 21. zum 79. Geburtstag; Marianne Maurer, Ortsbetreuerin von Kleinsemlowitz, am 23. zum 80. Geburtstag; Roland Liebl, Ortsbetreuer von Großgorschin, am 23. zum 70. Geburtstag; Hans Wallinger, ehemaliger Berichterstatter von Wassersuppen, am 24. zum 92. Geburtstag; Peter Gaag, Ortsbetreuer von Heiligenkreuz, am 24. zum 61. Geburtstag und Stefan Stippler, Ortsbetreuer von Hostau, am 25. zum 50. Geburtstag. Wir wünschen alles Gute, noch viele Jahre in guter Gesundheit und danken für den steten und tatkräftigen Einsatz für unsere Heimat! Peter Pawlik Heimatkreisbetreuer


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Heimatbote für den Kreis Ta<au

Heimatkreis Tachau – Patenstadt Weiden in der Oberpfalz. Heimatkreisbetreuer: Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Aubergstra­ße 21, 83352 Altenmarkt, Tele­fon (0 86 21) 6 36 27, Telefax 64 75 27, eMail wolf-dieter.hamperl­ @online.de. In­ter­net www.tachau.de. Tachauer Heimatmuseum: Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a, 92637 Weiden, Telefon (09 61) 81 41 02, Telefax 81 41 19, eMail museum@tachau.de. Spendenkonto: Heimatkreis Tachau, HypoVereinsbank Nürnberg – IBAN: DE38 7602 0070 0002 0824 54, BIC: HYVEDEMM460. Heimatbote für den Kreis Tachau – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

WIR BETRAUERN

� Volksmedizin im Egerland – Teil I

Regenwurmöl und Ameisensud der damaligen Stadtbetreuerin geln eher Schmunzeln hervorru- werden, um entsprechend theravon Neustadtl, übergab. Schul- fen. piert werden zu können. rektor Ernst Iser hat die Schrift Wir denken, aufgeklärt zu Aber auch der enorme medizientziffert und die Zauberfor- sein, wir erfahren in den Medien nische Fortschritt des vergangemeln, Rezepte und Beschwörun- täglich über medizinische Fort- nen Jahrhunderts hat den Aberas Sammelgebiet von Pfarrer gen in alphabetische Reihenglauben, die Skepsis der MenJosef Lang bezog sich auf die folge gebracht. Viele Monate schen und die „Gesundbeter“ drei ehemaligen Bezirke Karls- dauerte diese Arbeit. nicht vertreiben können. Sie bad, Luditz und Tachau im EgerIch erfuhr von diesem Masind heute noch weiter verland. Dort war er Seelsorger und nuskript und gab es als Band breitet, als man glaubt, gerasammelte alles, was er als inter- 6 der „Schriften zur Tachaude dort, wo die Medizin nicht essierter Volkskundler von den er Heimatgeschichte“ im Jahr vollständig helfen kann, bei Leuten erfahren konnte. Der un- 1999 heraus. den Karzinomen zum Beispiel. vergessene Pfarrer aus Neustadl, Die Sammlung bestand urNicht wenige Patienten geliebevoll Hebammerer-Pfoarer sprünglich aus 16 Seiten stestanden mir in der Nachsorgegenannt, hatte seine Arbeit am nografierten Textes als Vorarsprechstunde, daß sie zusätzManuskript schon vor 82 Jahren beit für das eigentliche Manulich zu Mistelpräparaten oder abgeschlossen und das Vorwort skript, das 53 einseitig kurrent anderen immunstärkenden am 21. November 1939 geschrie- beschriebene vergilbte Blätter Pillen gegriffen hätten. Obben. Der Zweite Weltkrieg ver- umfaßte. Die meisten Zauberwohl in den allermeisten Fälhinderte die Drucklegung. formeln und Rezepte fanden len diese Therapien nicht erDas Manuskript konnte er als Eingang in das Büchlein, zu eifolgreich sind, vertraut man Spätvertriebener am 3. Septem- nigen Beschwörungen hat der sich einem Heilpraktiker oder ber 1950 in die Oberpfalz retten. Designer und Graphiker Paul Gesundbeter an. Er war Pfarrer in Günther IlluUnseren Vorfahren waren Zenching im Baystrationen ge- Ameisensud gegen Gicht. die Ergebnisse der Schulme Karikaturen (2): Paul Günther dizin nicht zugänglich. In soerischen Wald, schaffen. heute ein OrtsWährend die genannten Medizin- und Zauteil der oberpfälKräuter und Heil- schritte und können am Fernse- berbüchern und auch in Mirazischen Gemeinpflanzen in den hen Operationen verfolgen. kelbüchern alter Wallfahrtsorte de Arnschwang. vergangenen JahWer zum Beispiel heute Ge- erfuhren sie, wie sie glaubten, Nach seinem Tod ren eine großar- lenkschmerzen auf Grund einer Wege sich helfen zu können. Eiam 1. März 1973 tige Renaissance Gicht hat, geht zum Arzt und be- nige Beispiele aus der Sammlung ging das handgeerlebten, mögen kommt Allopurinol verordnet, von Pfarrer Josef Lang: l So ein Mensch Gicht hat, schriebene Manufür uns heutige um den zu hohen Harnsäurespieskript in den BeMenschen am Be- gel wieder zu senken. Damit wer- nehme er einen Ameisenhausitz seines Neffen ginn des 21. Jahr- den die furchtbaren Schmerzen fen und koche ihn, schlag ihn Josef Lang über, hunderts die Tex- rasch beseitigt. Das war früher, gar warm über und schmiere die der die Lose-Blattte der Beschwö- vor den Zeiten der Schulmedizin, Glieder mit Regenwurmöl ein. Sammlung Thererungen, Rezepte nicht so einfach. Viele Krank- Das hilft ganz gewiß. Fortsetzung folgt se Schambureck, Pfarrer Josef Lang und Verhaltensre- heitsbilder mußten erst erforscht Wolf-Dieter Hamperl, Heimatkreisbetreuer und Arzt, berichtet über Volksmedizin im Egerland.

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n  Neulosimthal. Am 4. Januar starb Edith Lowak/Krämer mit 85 Jahren im Betreuten Wohnen im oberpfälzischen Moosbach. In dem heute verschwundenen Neulos­ imthal wurde sie am 25. Oktober 1936 als Tochter des Volksschullehrers Ludwig Krämer geboren. In dem Grenzdorf verbrachte sie ihre Ferien. Da der Vater in Brüx Lehrer war, lebte die Familie dort. 1945 traf sie die Wilde Vertreibung. Von heute auf morgen und nur mit dem Notwendigsten gelangte die Mutter Anna mit Edith zu Fuß über Dresden und Hof ins oberpfälzische Floß, wo sie bei einer Tante, die eine Gaststätte mit Metzgerei betrieb, unterkamen. Man zog nach Böhmischbruck, wo der Vater eine Lehrer-Stellung gefunden hatte. Doch kehrte man wieder nach Floß zurück. Nach der Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten heiratete sie Wilhelm Lowak in Weiden, wo 1969 Tochter Michaela zur Welt kam. 1981 bezogen sie das Haus ihrer Mutter in Floß. Der Garten dort war Edith bis zum Schluß wichtig. Er grünte und blühte an allen Ecken. Jeden Tag frönte sie ihrer Leidenschaft. Auf dem Flosser Friedhof ganz in der Nähe ihres Gartens wurde sie am 22. Januar begraben. Edith Lowak trug eine große Heimatliebe in sich. Gerne erzählte sie Geschichten und Anek­ doten von Neulosimthal, vom alten Schulhaus, in dem der Großvater Kilbert Lehrer war, und von der Schneiderei, die Tante Kathi führte. Unserem Verein war sie verbunden. Sie besuchte jede Weihnachtsfeier, jedes Heimattreffen und liebte unsere Busfahrten in die Heimat und zu Oberpfälzer Kunstwerken. Leider setzten ein Oberschenkelhalsbruch 2020 und Corona diesen Aktivitäten ein Ende. Viele Fotos von Neulos­ im­ thal, von Oberlehrer Kilbert und von Eger verdanke ich ihr. Auch unserem Museum schenkte sie

schöne Gegenstände. Der Heimatkreis, der Heimatkreisverein und ich verabschieden uns in Trauer von Edith Lowak. Wir werden ihr Andenken stets in Ehren halten. Der Tochter Michaela gilt unsere herzliche Anteilnahme. Wolf-Dieter Hamperl Heimatkreisbetreuer n  Schossenreith. Franziska Rappolder/Menigat (Meningfany) starb am 18. November mit 86 Jahren im oberbayerischen Kochel am See. Sie war am 12. September 1935 als dritte Tochter von Georg und Maria Meni­ gat zur Welt gekommen. Ihre Kindheit verbrachte sie in Schossenreith. Im Zuge der Vertreibung strandete sie zuerst in Urfeld, heute ein Ortsteil von Kochel, dann in Kochel. Dort arbeitete sie 25 Jahre lang in der Reißverschlußfabrik. 1960 heiratete sie Siegfried Rappolder, mit dem sie 58 Jahre lang in seinem von ihm ausgebauten Vaterhaus in Kochel wohnte. Drei Kinder verlor sie wegen eine fehlerhaften Blutübertragung bereits bei der Geburt. Im Mai 1976 adoptierten die Rappolders deshalb Markus. Ihr Leben lang liebte sie Kinder. Sie konnte an keinem Kinderwagen vorbeigehen, ohne einen längeren Blick hineinzuwerfen. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter pflegte sie 13 Jahre lang ihren Vater bis zu dessen Tod 1986. Leider belasteten der Verlust ihres Mannes, vieler Verwandter und Nachbarn ihre letzten Lebensjahre. Zum Schluß litt sie unter starken Depressionen und schwerer Demenz. Schließlich schlief sie friedlich ein. Fanny war bei den meisten unserer Heimattreffen und den Sudetendeutschen Tagen dabei. Namens der Landsleute spreche ich den Hinterbliebenen unser herzliches Beileid aus. Liebe Fanny, ruhe in Frieden. Josef Magerl Ortsbetreuer

WIR GRATULIEREN Wir gratulieren folgenden treuen Abonnenten des Tachauer Heimatboten, die im Monat Februar Geburtstag feierten und feiern, und wünschen von ganzem Herzen alles Gute, Gesundheit und Gottes überreichen Segen. n  Pfraumberg, Mühloh. Am 12. Josef Hüttl (Konsum Peppe, Haus-Nr. 137), 96 Jahre, und am 24. Erich Roppert (Lenkerer, Mühloh Haus-Nr. 18), 88 Jahre.

Christine Obermeier Stellvertretende Stadtbetreuerin n  Hesselsdorf. Am 2. Josef Magerl (Posterer), 90 Jahre, und am 7. Brigitte Langguth, Brückenstraße 35, 99098 Erfurt, 76 Jahre. Anni Knarr Ortsbetreuerin n  Godrusch. Am 28. Roland Sperl (Storzen, Haus-Nr. 5), 95 Jahre. Franz J. Schart Ortsbetreuer

Ortsbetreuerecke

H

erzlich gratulieren wir im Februar Dr. Wolf-Dieter Hamperl, unserem Heimatkreisbetreuer, am 1. zum 79. Geburtstag; Franz Härtl, Ortsbetreuer von Großgropitzreith, am 13. zum 86. Geburtstag sowie Sieglinde Wolf, Marktbetreuerin von Altzed-

lisch und Ortsbetreuerin von Innichen, am 15. zum 67. Geburtstag. Wir wünschen Gesundheit, Gottes Segen und danken für alle Arbeit für unsere Heimat! Gernot Schnabl Stellvertretender Heimatkreisbetreuer


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