Skip to main content

Sudetendeutsche Zeitung 21. Januar 2022 Ausgabe 3

Page 1

SL-Obmann Klaus Hoffmann im Sudetendeutschen Gespräch (Seite 3)

Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Reicenberger Zeitung 161. Jahrgang

HEIMATBOTE

Postvertriebsstück · Deutsche Post AG · Entgelt bezahlt Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH · Hochstraße 8 · D-81669 München · eMail zeitung@sudeten.de

Jahrgang 74 | Folge 3 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 21. Januar 2022 � Generalsekretärin

B 6543

� Kristina Larischová wechselt von der Isar an den Rhein

Naaß zieht positive Bilanz

Servus, Frau Generalkonsulin

„Trotz Pandemie war der Sudetendeutsche Rat aktiv und präsent. Wir haben auch die Möglichkeiten der neuen Medien genutzt“, hat Christa Naaß, Generalsekretärin des Sudetendeutschen Rates, am Samstag auf der Plenarsitzung in München Bilanz der vergangenen vier Jahre gezogen.

Albrecht Schläger sprach von „zwei weinenden Augen“, und Bernd Posselt dichtete den legendären Dorthe-Schlager aus dem Jahr 1968 in „Wärst du doch in München geblieben“ um. Der Sudetendeutsche Rat verabschiedete die tschechische Generalkonsulin Kristina Larischová, die nach viereinhalb Jahren München verläßt und nach Düsseldorf wechselt.

D

ie ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete und amtierende Präsidentin der Sudetendeutschen Bundesversammlung erinnerte in ihrem Rechenschaftsbericht an die vielen deutsch-tschechischen Themen, die in den Plenarsitzungen und bei den Marienbader Gesprächen behandelt wurden, wie die europäische Bürgerinitiative Minority Safe Pack, die Frage nach rechtlichen Standards für Volksgruppen und Minderheiten oder – ganz aktuell – die Auswirkungen der Corona-Grenzschließungen auf das Nachbarschaftsverhältnis im Allgemeinen und auf Pendler im Speziellen. Gerade bei den Marienbader Gesprächen lege sie, so Christa Naaß, „ein besonderes Augenmerk bei der Programmgestaltung auch auf die Beteiligung von jungen Menschen“. In diesem Jahr soll das deutsch-tschechische Treffen in dem weltberühmten Kurort vom 23. bis zum 25. September stattfinden und sich mit der Frage beschäftigen, wie in Zeiten von Populismus und Fake News in den Generalsekretä- digitalen Merin Christa Naaß dien eine Zivilgesellschaft trotzdem gestärkt werden kann, zum Beispiel über die politische Bildung. Mit dazu beitragen kann in jedem Fall die Ausstellung „So geht Verständigung – dorozumění“, die der Sudetendeutsche Rat erstmals 2018 vorgestellt hat. Nachdem pandemiebedingt im vergangenen Jahr alle Ausstellungstermine abgesagt werden mußten, soll in diesem Jahr ein neuer Anlauf gestartet werden. Konkret geplant ist, daß die Ausstellung anläßlich des Treffens der Böhmerwäldler am 31. Juli in Passau zu sehen sein wird. Weitere Einsatzorte, so Christa Naaß, könnten die Bayerische Repräsentanz in Prag, das Museum in Aussig oder der Sudetendeutsche Tag in Hof sein. Ebenfalls der Pandemie zum Opfer gefallen sind der 70. Jahrestag des Wiesbadener Abkommens und das 65. Jubiläum des Sudetendeutschen Rates. Dessen Vorgängerorganisation, die Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen, wurde bereits am 14. Juli 1947 gegründet. Naaß: „Wir können also im Juli 2022 auf 75 Jahre Vorgängerorganisation des Sudetendeutschen Rates zurückblicken.“ TF

VOLKSBOTE

I Abschied aus München: Bernd Posselt, Christa Naaß und Albrecht Schläger bedankten sich im Namen des Sudetendeutschen Rates bei Generalkonsulin Kristina Larischová (zweite von rechts). Foto: Torsten Fricke

ch werde viele und vieles vermissen“, bedankte sich die empathische und hochgeschätzte Diplomatin bei den Mitgliedern des Sudetendeutschen Rates. In ihrem Vortrag sprach Larischová über die aktuelle politische Lage in der Tschechischen Republik. Die neue Regierung unter Premierminister Petr Fiala wolle, so

die Generalkonsulin, die EURatspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte nutzen, um wichtige Themen voranzubringen, wie die Wiederbelebung der Wirtschaft nach der Corona-Pandemie, die Migration und der bessere Schutz der EU-Außengrenzen und der Green Deal mit dem Maßnahmenpaket „Fit for 55“. Im Gegensatz zur alten und neuen Bundesregierung will die tschechische Regierung jedoch dabei noch stärker auf die CO2-neutrale Atomenergie setzen, um die Klimaziele zu erreichen. Ein Doppelausstieg aus Kohle und Kernenergie, wie er in Deutschland beschlossen ist, ist in Prag weiterhin kein Thema. TF

� Konstituierende Sitzung am Samstag im Sudetendeutschen Haus in München

Sudetendeutscher Rat setzt sich für Václav-Havel-Straßen ein

Auf seiner konstituierenden Sitzung nach der Bundestagswahl hat sich der Sudetendeutsche Rat am Samstag im Sudetendeutschen Haus in München einstimmig dafür ausgesprochen, an Städte und Gemeinden in Deutschland zu appellieren, Straßen und Plätze nach Václav Havel zu benennen.

E

inen entsprechenden Aufruf hatte bereits im Herbst vergangenen Jahres der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, initiiert. Anlaß war der 85. Geburtstag am 5. Oktober 2021 sowie der zehnte Todestag am 18. Dezember 2021 des ehemaligen Präsidenten der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik. Havel habe als Bürgerrechtler zum Sturz der kommunistischen Diktaturen beigetragen, die deutsch-tschechische und sudetendeutsch-tschechische Aussöhnung vorangetrieben sowie kräftige Impulse für die europäische Einigung gesetzt, hatte Posselt erklärt und betont, Havel sei zehn Jahre nach seinem Tod noch so etwas wie der „ungekrönte König einer europäischen Bürgergesellschaft, die grenzüberschreitend friedlich und kreativ zusammenlebt“. Der Sudetendeutsche Rat wird seinen Appell über den Städtetag und andere kommunale Spitzenverbände an alle Städte und Gemeinden in Deutschland richten. Nur Tage nach dem Tod von Václav Havel hatte Danzig als erste Stadt weltweit eine Straße nach dem großen Europäer benannt. In Deutschland gibt es in Bonn bereits einen Václav-Havel-Platz. Und in der tschechischen Hauptstadt Prag ist der in-

Die alte und neue Führungsmannschaft des Sudetendeutschen Rates: Generalsekretärin MdL a.D. Christa Naaß mit den Präsidiumsmitgliedern (von links) MdB Stephan Meyer, MdEP a.D. und Volksgruppensprecher Bernd Posselt, Steffen Hörtler, stellvertretender SL-Bundesvorsitzender und SL-Obmann Bayern, sowie MdL a.D. Albrecht Schläger. Foto: Torsten Fricke ternationale Flughafen nach dem Bürgerrechtler benannt. Auf seiner ersten Sitzung nach der Bundestagswahl hat der Sudetendeutsche Rat auch seine Führungsspitze neu gewählt. MdB Stephan Mayer, MdEP a.D. und Volksgruppensprecher Bernd Posselt, Steffen Hörtler, stellvertretender SL-Bundesvorsitzender und SL-Obmann Bayern, sowie MdL a.D. Albrecht Schläger wurden als gleichberechtigte Präsidiumsmitglieder bestätigt, ebenso MdL a.D. Christa Naaß als Generalsekretärin. Keinen Widerspruch gab es auch bei einer coronabedingten Satzungsänderung, wonach künftig auch Online-Sitzungen möglich sind. Torsten Fricke

� Überparteiliche Vereinigung zur Förderung der Deutsch-Tschechischen Verständigung

Das ist der Sudetendeutsche Rat Der Sudetendeutsche Rat ist eine Körperschaft der sudetendeutschen Volksgruppe und hat die Aufgabe, die Völkerverständigung zu fördern, insbesondere die Versöhnung und Verständigung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen.

J

eweils zehn Mitglieder werden von der Sudetendeutschen Landsmannschaft, den im Bundestag vertretenen Parteien und den Organen des Sudetendeutschen Rates entsandt. 1. Kurie der Sudetendeutschen Landsmannschaft: Anton

Dutz, Dr. Ortfried Kotzian, Steffen Hörtler, Heike Maas, Klaus Hoffmann, MdL a.D. Christa Naaß, Alexander Klein, MdEP a.D. und Volksgruppensprecher Bernd Posselt, Hans Knapek und Dr. Günter Reichert. 2. Kurie von den im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien benannt: SPD: MdB Rita Hagl-Kehl, MdB Simona Koß, MdB Sebastian Roloff und MdB Jörg Nürnberger (kommissarisch). CDU/CSU: MdB Knut Abraham, MdB Stephan Mayer und MdB Florian Oßner.

Bündnis 90/Die Grünen: MdB Leon Eckert und MdB Erhard Grundl. FDP: MdB Ulrich Lechte. 3. Kurie der zehn Mitglieder in den Organen des Sudetendeutschen Rates e.V.: CDU/CSU: MdB a.D. Iris Ripsam und MdB Mechthilde Wittmann. SL: Mario Hierhager, MarieL. Kotzian, Franz Longin, Dr. Raimund Paleczek und Reinfried Vogler. SPD: Dr. Helmut Eikam, MdL Volkmar Halbleib und MdL a.D. Albrecht Schläger.


2

AKTUELL · MEINUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

AUS UNSEREM PRAGER BÜRO

V

ergessene Wallfahrtsorte in der Aussiger Region“, so heißt ein Büchlein, das Autor Vít Honys vom tschechischen Nationalen Denkmalinstitut (Národní památkový ústav) schon vor vier Jahren vorbereitet hat, das aber dem SL-Büroleiter Peter Barton erst jetzt in die Hand kam, weil es nicht im Buchhandel verbreitet wurde. In diesem Heft mit 98 Seiten wird das traurige Schicksal von acht Orten näher dargestellt und mit historischen Bildern beglei-

tet. Die deutschen Ortsbezeichnungen fehlen hier ebenso nicht, und so kann der Leser zum Beispiel erfahren, daß die besonders wertvolle Barockkirche von Wernstadt „auf eine unsinnige Weise“ im Jahr 1975 zerstört wurde. Dieser Wallfahrtsort war vor dem letzten Krieg so sehr beliebt, daß damals rund tausend Pilger jedes Jahr nach Wernstadt wanderten. Die Anfang der siebziger Jahre verlassene Kirche befand sich zwar in einem schlechten Zustand, aber trotz Protesten des tschechischen

PRAGER SPITZEN

Denkmalschutzes wurde sie im Januar 1975 gesprengt, wie ein Dokument aus der Zeit erzählt. Zu diesem Zweck wurden 663 Kilogramm Sprengmittel benutzt. Das war auch das Ende des Wallfahrtsorts Wernstadt. Heute findet man an seiner Stelle nur Reste von einer Statue von Christus am Olivenberg. Die Publikation dokumentiert damit das traurige Schicksal mancher kirchlichen Gedenkstätten nach der Vertreibung der Sudetendeutschen und ist deshalb von großem Wert.

Bessere Integration von Ausländern

D

Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik wertet Ergebnis als positiv

Volkszählung: Bekenntnis zu deutschen Wurzeln wächst

Bei der aktuellen Volkszählung in der Tschechischen Republik haben 9 128 Bürger angegeben, deutscher Abstammung zu sein. Weitere 15 062 Bürger haben als Nationalität deutsch und eine weitere – meistens tschechisch – angekreuzt. Für die deutsche Minderheit ist das Ergebnis ein Erfolg.

S

eit der letzten Volkszählung im Jahr 2011 habe die Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik gemeinsam mit ihren regionalen Verbänden viele erfolgreiche Projekte durchgeführt, erklärt Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung: „Unser Ziel war dabei immer, ein größeres Bewußtsein für die Geschichte der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik zu schaffen, zu Nachforschungen in der eigenen Familiengeschichte anzuregen und die Brückenbauerfunktion der deutschen Minderheit hervorzuheben.“ Die aktuellen Zahlen, die das Statistische Amt der Tschechischen Republik jetzt veröffentlicht hat, geben Dzingel und seinen Mitstreitern Recht – obwohl die Analyse des Zahlenwerks komplex ist. Mit der Vertreibung in den Jahren 1945 und 1946 wurde es Deutschen quasi unmöglich gemacht, weiter in der damaligen Tschechoslowakei zu leben. Nur wer als Systemrelevanter unabkömmlich war, konnte bleiben – oder besser mußte bleiben. Vier Jahrzehnte kommunistische Herrschaft mit Versammlungsverboten und staatlich verordneten Diskriminierungen taten ihr übriges, daß die verbliebenen Deutschen ihre Abstammung möglichst verschwiegen. Mit der samtenen Revolution und dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union besserte sich die Situation für die verbliebenen Deutschen zwar grundlegend, aber es gab keinen Zuzug aus dem Mutter-

ie tschechische Verfassung sieht vor, daß jede neue Regierung innerhalb von 30 Tagen nach ihrer Ernennung im Parlament die Vertrauensfrage stellen muß. Da die Debatte ohne Redezeitbegrenzung geführt wird, unternahmen die beiden noch im Parlament verbliebenen Oppositionsparteien, die Bewegung

I

n der Tschechischen Republik besteht seit Montag wieder eine regelmäßige CoronaTestpflicht am Arbeitsplatz. Alle anwesenden Mitarbeiter, einschließlich freiberuflicher und externer, müssen nun zweimal wöchentlich einen AntigenSelbsttest unter medizinischer Aufsicht absolvieren. Im Falle eines positiven Ergebnisses tritt sofort eine fünftägige Quarantänepflicht in Kraft, die nur im Falle eines negativen PCR-Testes wieder abgebrochen werden kann.

D

In Prag wurden jetzt die Ergebnisse der Volkszählung 2021 veröffentlicht.

Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung, der Deutschen Vereine in der Tschechichen Republik. land, wie bei anderen Minderheiten. Sprich: Die Deutschen in der Tschechischen Republik hätten im wahrsten Sinne des Wortes aussterben müssen. Je nachdem, wie man die Volkszählungszahlen liest, ist die Anzahl der Deutschen mindestens gleich geblieben oder sogar gestiegen. Bei der letzten

Volkszählung vor zehn Jahren hatten noch 18 658 Bürger angegeben, deutsch zu sein, jetzt sind es mit 9 128 plus 15 062, also 24 190, deutlich mehr. Allerdings: Kaum bekannt ist, daß es bereits 2011 die Möglichkeit gegeben hatte, zwei Nationalitäten anzukreuzen, aber dieses Ergebnis wurde damals von offizieller

Foto: Czech Tourism, Libor Sváček Seite nicht kommuniziert. Nach inoffiziellen Quellen sollen 2011 zwischen 6 000 und 7 000 Bürger eine Doppelnationalität angegeben haben. Demnach wäre die Anzahl der Deutschen ungefähr gleich geblieben. Dzingel: „Nachdem in den vergangenen zehn Jahren viele Menschen, die die Geschehnisse in den Jahre 1945 und 1946 selbst erleben mußten, verstorben sind, lassen die aktuellen Zahlen den Schluß zu, daß vermehrt junge Bürgerinnen und Bürger sich zu ihren deutschen Wurzeln bekennen. Und dieser Trend ist natürlich sehr positiv.“ Zumal hinzukommt, daß eigentlich immer mehr Menschen keine Angaben zur eigenen Nationalität machen. Waren es bei der Volkszählung 2011 noch 25,3 Prozent, stieg dieser Wert bei der Volkszählung 2021 auf 31,6 Prozent. Das ist fast jeder Dritte. Torsten Fricke

Premierminister Fiala meistert letzte Hürde

D

Corona: Mitarbeiter müssen sich testen

Bekenntnis zur Visegrád-Gruppe

Klare Mehrheit bei der Vertrauensabstimmung nach einer mehr als 22-stündigen Debatte

Klare Mehrheit, ewige Reden: Erst nach einer mehr als 22stündigen Debatte hat das tschechische Abgeordnetenhaus der neuen Regierung von Premierminister Petr Fiala am vergangenen Donnerstag mit einer klaren Mehrheit von 106 zu 87 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen.

ie Prager Stadtführung will in den kommenden Jahren die Integration von Ausländern verbessern und dabei auch mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammenarbeiten, um Nachbarschaftsaktionen und Bildungsangebote zu fördern. Verbessert werden soll auch das Bewußtsein der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Ausländern, heißt es in dem Integrationskonzept, das der Stadtrat am Montag verabschiedet hat, das aber noch vom Stadtparlament genehmigt werden muß. In der tschechischen Hauptstadt leben knapp 250 000 Ausländer.

Ano von Ex-Premierminister Andrej Babiš und die rechtsextreme SPD von Tomio Okamura, alles, um die neue Regierung mürbe zu machen. So versuchte Okamura mehrfach, eine sudetendeutsche Verschwörung herbei zu reden und thematisierte dabei die langjährigen Beziehungen zwischen dem neuen Premierminister Petr Fiala und dem Volksgruppensprecher Bernd Posselt. Daß Posselt auch dank seiner langjährigen Tätigkeit als Abgeordneter des Europaparlaments und als Präsident der PaneuropaUnion Deutschland über ein breites Netzwerk in ganz Europa verfügt, ist allgemein bekannt.

Kein Geheimnis ist auch, daß Posselt bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs intensiven Kontakt zu Bürgerrechtlern in den damaligen Warschauer PaktStaaten hatte und dabei unter anderem Vorlesungen an geheimen Untergrund-Universitäten, wie in Brünn, der Heimatstadt von Petr Fiala, gehalten hat. Die ungewöhnliche Vertrauensabstimmung war dann auch Thema im Sudetendeutschen Rat. Trotz der Okamura-Anwürfe kommentierte Bernd Posselt die tschechische Regierungsbildung aber positiv. „Die neue Regierung ist die erste Regierung, die eine eindeutige Mehrheit im tschechischen Parlament hat“,

sagte der Volksgruppensprecher und verwies darauf, daß in der Vergangenheit mehrfach Gesprächsinitiativen kurzfristig gescheitert waren, weil in Prag zur Unzeit eine Regierungskrise ausbracht. So hatte bereits der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mit Bernd Posselt einen offiziellen Besuch in der Tschechischen Republik geplant, der dann aber kurzfristig wegen einer akuten Regierungskrise in Prag abgesagt werden mußte. Erst Stoibers Nach-Nachfolger Horst Seehofer gelang es, gemeinsam mit Bernd Posselt den Nachbarstaat offiziell zu besuchen. TF

ie Visegrád-Gruppe, also das informelle Bündnis von Tschechien, Polen, der Slowakei und Ungarn, ist wichtig und nützlich, dürfe aber nicht zur Durchsetzung individueller Interessen dienen. Darauf haben sich am Montag die Vorsitzende des tschechischen Abgeordnetenhauses, Markéta Pekarová Adamová (Top 09), und ihr slowakischer Amtskollege, Boris Kollár, bei einem Treffen in Preßburg verständigt. Die beiden Parlamentschefs lobten die überdurchschnittlich guten Verhältnisse ihrer Länder.

Nominierungen für Filmpreis Český lev

D

ie meisten Nominierungen für den wichtigsten tschechischen Filmpreis Český lev (Böhmischer Löwe) 2021 haben das Regiedebüt „Okupace“ (Okkupation) von Michal Nohejl und der Biopic „Zátopek“ von David

Ondříček bekommen. Beide Filme sind in den verschiedenen Kategorien jeweils 13 Mal vorgeschlagen, hat die tschechische Film- und Fernsehakademie am Montag bekanntgegeben. Insgesamt gehen 25 Filme ins Rennen um die Auszeichnung, die in 19 Kategorien vergeben wird. Die feierliche Verkündung der Ergebnisse und die Preisübergabe sollen am 5. März im DvořákSaal des Prager Rudolfinums stattfinden.

Präsident Zeman auf Konfrontationskurs

W

eil er noch immer Vorbehalte gegen Außenminister Jan Lipavský von den Piraten habe, werde er alle außenpolitischen Themen ausschließlich mit Premierminister Petr Fiala (ODS) besprechen, hat Staatspräsident Miloš Zeman in einem TV-Interview verkündet. In dem Fernsehauftritt äußerte Zeman auch scharfe Kritik an der Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses, Markéta Pekarová Adamová (Top 09). Sie hatte vergangene Woche in Hinblick auf die anstehenden Wahlen in Ungarn auf Twitter geschrieben, die Ungarn hätten nun die Chance, Viktor Orbán loszuwerden, so wie die Tschechen Andrej Babiš losgeworden seien. Eine Debatte mit Pekarová Adamová zur Außenpolitik hatte Zeman daraufhin abgelehnt und dies als „Zeitverschwendung“ bezeichnet. Auch gegen Senatschef Miloš Vystrčil (ODS) erhob Zeman Vorwürfe und sprach von „Hyänismus“, weil Vystrčil während Zemans 46-tägigen Krankenhausaufenthalt im Oktober und November des vergangenen Jahres dessen Amtsfähigkeit offiziell angezweifelt hatte.

Immer mehr Rentner arbeiten weiter

Z

u wenig Geld im Alter: Immer mehr Rentner in der Tschechischen Republik arbeiten auch nach dem Erreichen der Altersgrenze weiter. So hat sich die Zahl der über 65-jährigen Berufstätigen in den letzten zehn Jahren auf 148 300 Frauen und Männer fast verdoppelt, hat das Tschechische Statistikamt veröffentlicht. Gleichzeitig wird die Gesamtbevölkerung immer älter. So machen die über 65jährigen bereits ein Fünftel der Bevölkerung des Landes aus. In den letzten zehn Jahren ist ihre Zahl um eine halbe Million auf 2,1 Millionen gestiegen.

Sudetendeutsche Zeitung

ISSN 0491-4546 Erscheint wöchentlich freitags. Redaktionsschluß Veranstaltungstermine: Freitag 18.00 Uhr. Redakationsschluß Montag 18.00 Uhr. Chefredaktion und verantwortlich für den Inhalt: Torsten Fricke, Nadira Hurnaus. Kulturredaktion: Susanne Habel. Korrespondent in Prag: Dr. Jaroslav Šonka; Korrespondentin in TeplitzSchönau: Jutta Benešová; Korrespondenten im Isergebirge: Stanislav Beran, Petra Laurin; Korrespondent in Berlin: Ulrich Miksch. Ständige Mitarbeit: Peter Barton, Markus Bauer, Josef Grimm, Professor Dr. Rudolf Grulich, Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Kathrin Hoffmann, Peter Pawlik, Herbert Ring, Karl Reitmeier, Hildegard Schuster, Lexa Wessel. Verlagsassistentin: Birte Rudzki. Anschrift für alle: Hochstraße 8, 81669 München. Redaktion: eMail zeitung@sudeten.de; Verlag: Telefon (0 89) 48 00 03 80, eMail svg@sudeten.de. Jahres-Abonnement 2021 Inland als Postvertriebsstück im Lastschriftverfahren 125,00 EUR einschließlich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Ausland 154,00 EUR, Luftpost auf Anfrage. Reichenberger Zeitung (24 Ausgaben jährlich) 62,50 EUR, Neudeker Heimatbrief (12 Ausgaben jährlich) 31,25 EUR. Je Rechnung 2,00 EUR Aufschlag. Bankverbindung: Postbank München – IBAN: DE13 7001 0080 0005 7278 08, BIC: PBNKDEFF; Abbestellungen mit einer Frist von vier Wochen zum Vierteljahresschluß schriftlich an den Verlag. Anzeigenpreisliste Nr. 13 vom 1. Januar 2021; Anzeigengestaltung erst nach Auftrag. © 2021 Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft. Diese Zeitung ist mit allen Texten und Bildern urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Vervielfältigung und Verwertung – insbesondere auch Weitergabe in Form von Kopien oder Einstellen ins Internet – sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrecht nichts anderes ergibt. Mit vollem Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft wieder. Gerichtsstand und Erfüllungsort München. Kein Entschädigungsanspruch bei Nichterscheinen oder Nichtlieferung infolge Streik oder höherer Gewalt. Keine Gewähr für nicht angeforderte Manuskripte, Bilder, Dokumente, Datenträger und Daten. Alle datenschutzrechtlichen Vorschriften werden beachtet; Einzelheiten unter www.sudeten.de Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH, HRB München 3796. Geschäftsführer und verantwortlich für Anzeigen: Torsten Fricke. Alleiniger Anteilseigner: Sudetendeutsche Landsmannschaft, Hochstraße 8, 81669 München. Druck und Versand: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, 86167 Augsburg.

Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.


Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

SUDETENDEUTSCHE GESPRÄCHE Heimat in Bildern 2022

Sankt Joachimsthal „Heimat in Bildern 2022“ heißt der Kalender der Sudetendeutschen Landsmannschaft (Bestellungen unter Telefon (0 89) 48 00 03 70 oder per eMail an info@sudeten.de). Mit großartigen Bildern werden bewegende Heimatgeschichten erzählt. Das Bild „Bei Sankt Joachimsthal/ Jáchymov (Erzgebirge) steht für die erste Februarhälfte und wurde von Erich Hemmel fotografiert.

W

enige Kilometer nördlich von Sankt Joachimsthal liegt die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen. Ihr Verlauf ist seit über 450 Jahren fast unverändert. Damit zählt sie zu den ältesten noch bestehenden Grenzen Europas. Erstmals festgelegt wurde der Grenzverlauf im Vertrag von Pirna, den Kaiser Karl IV. und die Markgrafen von Meißen im Jahr 1372 schlossen. Zu letzten Korrekturen kam es durch den Vertrag von Eger (1459) und die Wittenberger Ka-

635 Auto-Kilometer liegen zwischen Karlsruhe, dem Geburtsort von Klaus Hoffmann, und Reichenberg, wo sein Vater 1925 geboren und aufgewachsen ist. Trotz der großen Entfernung und der langen Zeit treibt die Heimat des Vaters und das Vertreibungsschicksal der Familie den stellvertretenden SLBundesvorsitzenden und SL-Obmann von Baden-Württemberg immer noch an.

pitulation (1547). Ihre Stabilität verdankt die böhmisch-sächsische Grenze vielleicht auch der Tatsache, daß sie im Alltag ihrer Anwohner zu vielen Zeiten keine große Rolle spielte. Bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer Heimat besaßen böhmisches und sächsisches Erzgebirge viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Über die Grenze hinweg wurde gehandelt, gearbeitet und gefeiert. Von besonderer Bedeutung war dabei der Handel. Als das bis dahin weitgehend unbewohnte Erzgebirge im Hochmittelalter besiedelt wurde, kam es zu einem deutlichen Ausbau des Straßenund Wegenetzes. Eine dieser Straßen führt von Karlsbad über den bei Sankt Joach-

Interview mit Klaus Hoffmann, stellvertretender SL-Bundesvorsitzender und baden-württembergischer SL-Obmann

„Das Vertreibungsschicksal meines Vater hat mich geprägt“

H

err Hoffmann, Sie sind ein hochrangiger Vertreter der Bekenntnisgeneration. Was haben Sie von Ihrem Vater, der aus Reichenberg stammte, von der Vertreibung erfahren? Klaus Hoffmann: Zum Kriegsende saß mein Vater als junger Soldat in französischer Gefangenschaft in Neu-Breisach, während seine Eltern und Geschwister aus Reichenberg nach Thüringen vertrieben wurden. Mein Vater hat sich danach nach München durchgeschlagen und über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes den Aufenthaltsort seiner Familie erfahren, die bei Suhl untergebracht waren. Aus einer inneren Eingebung heraus blieb mein Vater jedoch nicht bei meinen Großeltern in der sowjetischen Besatzungszone, sondern ging in die Rhön, wo er dann meine Mutter kennengelernt hat. Das Vertriebenenschicksal habe ich also von Kindesbeinen an aus der Sicht meines Vaters erlebt. Konnte Ihr Vater trotz der deutschen Teilung seine Eltern regelmäßig besuchen? Hoffmann: Nein, mein Vater ging Mitte der 1950er Jahre als Soldat zur Bundeswehr, die damals aufgestellt wurde. Damit war es ihm als Geheimnisträger verboten, in die DDR oder in seine Geburtsstadt Reichenberg zu reisen. Vor dem Einstieg bei der Bundeswehr hat mein Vater, wie es damals durchaus üblich war, die verschiedensten Berufe ausgeübt, um die Familie durchzubringen. Er hat sogar unter Tage gearbeitet. Als Soldat wurde er dann versetzt, und wir zogen von der Rhön erst nach Karlsruhe, wo ich geboren wurde, und später nach Memmingerberg ins Allgäu, wo mein Vater auf dem Fliegerhorst eingesetzt war. Meine ältere Schwester wurde in der Rhön geboren, ich in Karlsruhe, mein jüngerer Bruder im Allgäu. Wann hat Ihr Vater das erste Mal seine Heimat wiedersehen können? Hoffmann: 1978, nach seiner Pensionierung als Luftwaffen-Offizier. Wann hatten Sie das erste Mal Kontakt zur Sudetendeutschen Landsmannschaft beziehungsweise anderen Vertriebenen?

Zur Person: Klaus Hoffmann Geboren 11. April 1960 in Karlsruhe, aufgewachsen im Allgäu, verheiratet, drei Kinder. Landesobmann der SL Baden-Württemberg, stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Mitglied des Sudetendeutschen Rates, stellvertretender Vorsitzender des BdV Baden-Württemberg, Bezirksvorsitzender der UdVF Nordbaden und Mitglied des UdVF-Landesvorstands. Mitglied des Stiftungsrates des Isergebirgsmuseums. Studium der Wirtschaftswissenschaften in Augsburg. 2003 bis 2006: Kaufmännischer Leiter und anschließend Leiter Händlernetzentwicklung der Iveco Magirus AG. 2006 bis 2014: Bereichsleiter Verwaltung und anschließend Geschäftsführer der Karlsruher Messe- und Kongreß GmbH 2017 bis 2020: Geschäftsführer der Stadtmarketing Karlsruhe GmbH, später der KTG Karlsruhe Tourismus GmbH. Seit 2020: Bürgermeister von Bad Herrenalb im Landkreis Calw.

Hoffmann: Das war eine Reise der Reichenberger Jugend nach Augsburg. Damals haben wir die Reichenberger Heimatstube besucht. Und ich weiß noch wie heute, wie ich vor einem Relief stand, das die Reichenberger Landschaft zeigte. Dieses Bild hat mich nie wieder losgelassen. 1980, nach meinem Abitur, bin ich dann in die Fußstapfen meines Vaters getreten und habe als Jugendreferent des Heimatkreises Reichenberg die Organisation der Reichenberger Jugendwoche übernommen. Das war der Einstieg. Später wurde ich dann in den SdJ-Bundesvorstand gewählt.

1988 wurden Sie unter dem legendären Ossi Böse, einem der Mitbegründer der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der 1924 in Seifersdorf bei Reichenberg geboren wurde, stellvertretender Vorsitzender des Heimatkreises. Wie hat Sie diese Zeit geprägt? Hoffmann: Das war eine sehr spannende Zeit, an der Seite eines Grandseigneurs der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu arbeiten. Und dann kam auch noch die Wende, und der Heimatkreis baute die Kontakte nach Reichenberg auf. Ich war dann später 19 Jahre lang Vorsitzender des Heimatkreises Reichenberg und habe versucht, das

Klaus Hoffmann auf der Dachterrasse des Sudetendeutschen Hauses in München. Foto: Torsten Fricke weiterzumachen, was Ossi Böse aufgebaut hat. So kam eins zum andern. Ich wurde dann Mitglied im Stiftungsrat des Isergebirgsmuseums, das sich insbesondere dank des großartigen Engagements von Martin Posselt zu einem Aushängeschild in der sudetendeutschen Museumslandschaft entwickelt hat. Sie sind seit 2014 Landesobmann der SL Baden-Württemberg. Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesem Amt? Hoffmann: Der erste Schritt war die aktive Hinwendung zu den Parteien. Wir waren bei der CDU, bei der SPD, der FDP und den Grünen und haben mit allen Gespräche geführt, um zu zeigen, daß die Landsmannschaft auch in Baden-Württemberg aktiv und agil ist. Wir wissen natürlich, daß es einen enormen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung macht, wenn man, wie die Landsleute in Bayern und Sachsen, grenznah lebt. Mit den offenen Grenzen gibt es zum Beispiel einen regen Austausch zwischen dem Bayer- und

dem Böhmerwald. Wie reagieren Sie auf diesen Standortnachteil? Hoffmann: Wir müssen viel mehr politische Überzeugungsarbeit leisten, um das Bewußtsein für das Thema Vertreibung in der Öffentlichkeit zu halten und zu zeigen, daß auch BadenWürttemberg als Ganzes über die Sudetendeutschen von guten Beziehungen zur Tschechischen Republik profitiert. Aber es ist richtig: Von Stuttgart ist es viel weiter nach Prag als von München – nicht nur in Kilometern, sondern auch emotional. Wann waren Sie das erste Mal in Reichenberg? Hoffmann: 1979, gemeinsam mit meinem Vater. Was haben Sie damals empfunden? Hoffmann: Es war beklemmend, zumal wir auch noch tristes, regnerisches Wetter hatten. Imposant fand ich, daß mir mein Vater, obwohl er Jahrzehnte nicht mehr in Reichenberg gewesen war, alles zeigen und erklären konnte. Er wußte genau,

3 Der Sudetendeutsche Kalender 2022. imsthal gelegenen Wiesenthaler Paß bis nach Leipzig. Auf 1083 Metern über dem Meeresspiegel bildet sie den höchstgelegenen Weg über das Erzgebirge. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war der Paß dauerhaft gesperrt; im Rahmen eines geeinten Europas ist er heute wieder ohne Einschränkungen passierbar. Historische Stadtansichten von Sankt Joachimsthal finden Sie unter: https://www. boehmisches-erzgebirge.cz/pictures/Joachimsthal/index.html

wer wo gewohnt hatte. Er kannte noch jeden Stein. Eine Szene, die ich nie vergessen werde: Auf der Brücke über der Neiße meinte mein Vater plötzlich: „In meinem Kopf war die Neiße ein reißender Fluß, und jetzt ist es ein Bach.“ Was hat Ihr Vater vor dem Krieg gemacht? Hoffmann: Er hatte Versicherungskaufmann gelernt und bei der Donau-Concordia gearbeitet. Später ist mein Vater regelmäßig nach Reichenberg gereist. Dabei habe ich ihn aber nicht mehr begleitet. Ich war dann erst 1989 nach der Wende wieder in Reichenberg. Sie sind viele Jahre nach Krieg und Vertreibung in Karlsruhe geboren worden. Warum engagieren Sie sich trotzdem für dieses Thema? Hoffmann: Natürlich bin ich über meinen Vater an das Thema herangeführt worden, aber wesentlich war für mich auch die Wende 1989. Wir haben damals angefangen, Kontakte zu knüpfen, um zu helfen und um Aussöhnung sowie Völkerverständigung voranzutreiben. Ich weiß aber noch gut, als Ossi Böse 1990 bei einem Empfang im Reichenberger Rathaus vor der damaligen grenzenlosen Euphorie warnte und sagte, man müsse noch viele Dinge aufarbeiten. Das Engagement für die Sudetendeutschen und für die Aussöhnung zwischen den Volksgruppen in Böhmen, Mähren und Schlesien ist eine langfristige Aufgabe, die es aber wert ist. Und das treibt mich an. Wir müssen das Unrecht, das damals geschehen ist, auf- und abarbeiten. Eine wesentliche Voraussetzung ist, daß wir gegenseitig das Unrecht auch anerkennen. Deshalb ist es unser Bestreben, die deutsche Kultur in der Tschechischen Republik zu erhalten. Mein Ziel ist ein gutes Miteinander auf Augenhöhe. Jetzt sind Sie selbst Vater. Wie reagierten Ihre Kinder? Hoffmann: Meine Kinder wissen, daß unsere Familie böhmische Wurzeln hat, können aber mit der Begrifflichkeit noch nichts anfangen. Aber erst gestern hatte ich mit meiner jüngsten Tochter ein Gespräch. Ich habe ihr vom Schicksal ihres Großvaters und ihrer Urgroßeltern erzählt. Sie ist 13 Jahre alt und war total entsetzt, wie man Menschen von jetzt auf gleich aus dem Haus treiben kann. Mein Plan ist es, mit meinen Kindern möglichst bald nach Reichenberg zu fahren und ihnen zu zeigen, wo ihr Großvater herkommt. Klar ist: Das Vertreibungsschicksal meines Vaters hat mich geprägt. Torsten Fricke


4

TERMINE . AKTUELL

Neue Aufgabe für die Leiterin des Deutsch-Tschechischen Jugendaustauschs Tandem, Kathrin Freier-Maldoner

„Austausch macht Schule“ zieht nach Regensburg

Kathrin Freier-Maldoner, Leiterin des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem, und Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, sind die neuen Sprecher der Initiative „Austausch macht Schule“.

J

eder Schüler sollte die Möglichkeit haben, an einem internationalen Austausch teilzunehmen – das ist das erklärte Ziel von „Austausch macht Schule“. Die Initiative befindet sich deshalb im regelmäßigen Dialog mit der Kultusministerkonferenz der Länder. 2023 soll die Geschäftsstelle von Hamburg nach Regensburg umziehen und beim Ko-

rungszentrum fördert im Auftrag der Bundesrepublik und der Tschechischen Republik den Jugendaustausch zwischen beiden Nachbarländern. Dieses Jahr feiert die Einrichtung zusammen mit dem PartnerbüSprechen für „Austausch macht Schule“: Tobias Bütow ro in Pilsen ihr und Tandem-Leiterin Kathrin Freier-Maldoner. 25-jähriges Bestehen. ordinierungszentrum DeutschTrotz der Pandemie war es der Tschechischer Jugendaustausch Initiative gelungen, Lehrkräfte Tandem in Regensburg ange- und Schulen weiter für den insiedelt werden. Das Koordinie- ternationalen Austausch zu mo-

tivieren. Bei Projekten wie dem Innovationslabor Internationalisierung der Schulbildung, zahlreichen Fortbildungen und Beratungscafés unterstützen die Fach- und Förderstellen Schulen dabei, internationale Partnerschaften aufrechtzuerhalten sowie Schülern auch in der CoronaZeit internationale Erfahrungen zu ermöglichen. 2022 wird die Wiederaufnahme von Maßnahmen im internationalen Schulaustausch das zentrale Thema bleiben. Unter anderem sind eine Regionalkonferenz in Bayern zum Schulaustausch an Mittel- und Realschulen sowie die Veröffentlichung einer Toolbox zur Internationalisierung der Schulbildung geplant.

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21.1.2022

Sudetendeutsches Haus

Gedenken an vertriebene Ungarndeutsche Donnerstag, 27. Januar, 18.00 Uhr: Gedenkveranstaltung für die vertriebenen Ungarndeutschen. Adalbert-Stifter-Saal, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Traditionsgemäß laden das Generalkonsulat von Ungarn in München und das Haus des Deutschen Ostens wieder zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung anläßlich des ungarischen Gedenktages für die vertriebenen Ungarndeutschen ein. In einem Kurzvortrag stellt der Musikwissenschaftler und Experte für die deutsche Musikgeschichte in Südosteuropa, Dr. Franz Metz, die Kir-

chenmusik der Ungarndeutschen vor. Die Musiktradition der Ungarndeutschen ist ein wichtiger Bestandteil der Musikkultur Ungarns, wobei eine klare Abgrenzung zwischen deutscher und ungarischer Musik oft schwierig ist. Nach dem Vortrag folgt die Darbietung ausgewählter Musikstücke durch Dr. Franz Metz an der Orgel. Im Anschluß an die Veranstaltung laden das HDO und das Ungarische Generalkonsulat zum Empfang. Anmeldung per eMail an einladung-muenchen@mfa. gov.hu oder per Telefon unter (0 89) 9 62 28 02 00.

VERANSTALTUNGSKALENDER Noch bis Sonntag, 30. Januar: Ausstellung „Marktredwitzer Krippenkultur“. Egerland Kulturhaus, Fikentscherstraße, Marktredwitz. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, von 14.00 bis 17.00 Uhr. Noch bis Montag, 31. Januar: „Zerbrechliche Heilige – Rumänische Hinterglasikonen aus der Sammlung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim“. Glasmuseum, Himmeroder Wall 6, Rheinbach. Noch bis Mittwoch, 2. Februar: „Alles andere ist zu ersetzen. Weihnachtskrippen in Böhmen und Mähren“. Sonderausstellung des Sudetendeutschen Museums im Sudetendeutschen Haus, Hochstraße 8, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr. Mittwoch, 26. Januar, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde. Diskussion über „Situation Se-

Donnerstag, 17. Februar, 19.00 Uhr, Sudetendeutscher Heimatrat: Onlinekonferenz. Mittwoch, 23. Februar, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochs-

Hinweis Corona-Pandemie

D

ie sich verschärfende Corona-Pandemielage führt erneut zu Veranstaltungsabsagen oder zu strengeren Hygienerichtlinien. Diese Änderungen können auch kurzfristig erfolgen. Die Sudetendeutsche Zeitung rät deshalb, sich vor dem Besuch direkt beim Veranstalter über die aktuelle Lage zu informieren. liger-Gemeinde Bund; Auswirkungen auf die Regionalgruppe? Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München.

runde. Nostalgischer Film von Horst Herz über das Seminar in der Burg Hohenberg 2008 mit Besuch der Stadt Aussig. Haus

Anzeige

Sudetendeutscher Kalender 2022 SUDETENDEUTSCHER KALENDER

HEIMAT IN BILDERN

Mährisch Trübau / Moravská Třebová (Schönhengstgau)

In der Ranklau / Ranklov (Böhmerwald)

JÄ N N E R M O N TA G

D I E N S TA G

M I T T WO C H

D O N N E R S TA G

F R E I TA G

S A M S TA G

S O N N TA G

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

1

2

3

4

5

6

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

2022

APRIL M O N TA G

D I E N S TA G

M I T T WO C H

D O N N E R S TA G

F R E I TA G

S A M S TA G

S O N N TA G

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

2

3

4

5

6

7

Ostermontag

1

Tag der Arbeit

8

Ende des Zweiten Weltkrieges / Muttertag

Sudetendeutsche Landsmannschaft • www.sudeten.de

Sudetendeutsche Landsmannschaft • www.sudeten.de

21189_SDL_Kalender_2022_211008.indd 5

21189_SDL_Kalender_2022_211008.indd 17

11.10.21 10:34

11.10.21 10:35

Weseritz / Bezdružice (Egerland)

Park in Franzensbad / Františkovy Lázně (Egerland)

AU G U ST

OK TOB E R

M O N TA G

D I E N S TA G

M I T T WO C H

D O N N E R S TA G

F R E I TA G

S A M S TA G

S O N N TA G

M O N TA G

D I E N S TA G

M I T T WO C H

22

23

24

25

26

27

28

17

18

19

20

21

22

23

29

30

31

1

2

3

4

24

25

26

27

28

29

30

5

6

7

8

9

10

11

1

2

3

4

5

6

31

Reformationstag

Allerheiligen

Sudetendeutsche Landsmannschaft • www.sudeten.de

21189_SDL_Kalender_2022_211008.indd 33

D O N N E R S TA G

F R E I TA G

S A M S TA G

S O N N TA G

Sudetendeutsche Landsmannschaft • www.sudeten.de

11.10.21 10:35

21189_SDL_Kalender_2022_211008.indd 41

Sudetendeutsche Landsmannschaft www.sudeten.de

21189_SDL_Kalender_2022_211008.indd 1

11.10.21 10:34

Heimatgeschichten in 25 großartigen Bildern. Wir freuen uns auf Ihre Bestellung. Sudetendeutsche Landsmannschaft – Bundesverband – e. V. Hochstraße 8 . 81669 München

Tel. 089/48 00 03 70 E-Mail: info@sudeten.de

11.10.21 10:35

des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Sonntag, 6. März, 14.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/Wehringen/Klosterlechfeld: Märzgedenken. Bürgersaal Wehringen. Referent: Christian Knauer, Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV) Bayern. Samstag, 12. bis Sonntag, 13. März: Sudetendeutsche Bundesversammlung. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Sonntag, 13. März, Landesdelegiertenversammlung der SL Bayern. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Donnerstag, 24. März, 19.00 Uhr, Sudetendeutscher Heimatrat: Onlinekonferenz. Mittwoch, 30. März, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde: Dia-Vortrag Gisela Hüttisch – Bauernkriegspanorama des Malers Werner Tübke (frühbürgerliche Revolution um 1525). Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Freitag, 1. bis Sonntag, 3. April, Heimatkreis Oberes Adlergebirge: Heimattreffen der Adlergebirgler. Gasthof „Zum Biber“, Hauptstraße 17, MottenSpeicherz (Kreis Bad Kissingen). Bitte Quartiere direkt buchen unter (0 97 48) 9 12 20, eMail: info@gasthof-zum-biber.de. Auskunft: Ortsbetreuer Günther Wytopil, Telefon (0 61 63) 48 27, eMail gwytopil@gmail.com Montag, 2., 9.00 Uhr bis Freitag, 6. Mai, 18.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Informationsfahrt nach Prag und Reichenberg. Auf den Spuren von DSAP und SOPADE. Samstag, 7. Mai, 14.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/ Wehringen/Klosterlechfeld: Muttertagsfeier. Fischerheim, In der Aue 5, Wehringen. Donnerstag, 26. Mai, 19.00 Uhr, BdV Augsburg-Stadt und Augsburg-Land: Maiandacht. Mit dem Chor der Banater Schwaben und dem Blasorchester Königsbrunn in der Pfarrkirche St. Ulrich in Königsbrunn. Freitag, 3. bis Montag, 6. Juni, 72. Sudetendeutscher Tag in Hof. Motto: „Dialog überwindet Grenzen“. Freitag, 17. Juni, 10.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/ Wehringen/Klosterlechfeld: Totengedenken. Mahnmal der Sudetendeutschen am Friedhof Wehringen mit Pfarrer Hubert Ratzinger. Samstag, 23. Juli: Brünner Versöhnungsmarsch. Die Landesgruppe Bayern organisiert auch in diesem Jahre eine Reise mit zwei Bussen (Nord- und Südbayern) von Freitag, 22. Juli bis Montag, 25. Juli.

Online-Seminar: Aktuelle Minderheitenfragen in Europa Samstag, 29. Januar von 9.00 bis 18.00 Uhr: „Aktuelle Minderheitenfragen in Europa“ – Online-Seminar in Kooperation mit dem Internationalen Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus (INTEREG). Das Jahr 2021 erwies sich für die Gesamtsituation der alteingesessenen Volksgruppen und Minderheiten Europas als ein Wendejahr: Die Europäische Kommission lehnte den über Jahre durch die FUEN (Föderalistische Union europäischer Volksgruppen) erstellten und durch die zusätzlich notwendige und erfolgreiche Unterschriftensammlung legitimierten Antrag auf eine rechtliche Verankerung fundamentalter Rechtspositionen auf EU-Ebene ab. Damit endet eine Ära insgesamt erfolgreicher politischer Bemühungen auf vielen nationalen und der europäischen Ebene, die 1979 mit dem Capotero-Bericht begann. Mit Fachleuten aus Theorie und Praxis sowie Vertretern der Betroffenen soll beispielhaft über die gegenwärtige Situation der alteingesessenen Volksgruppen und Minderheiten in Europa diskutiert und die Frage nach den Folgen der Brüsseler Entscheidung nachgegangen werden. Anmeldung unter eMail info@heiligenhof.de Heiligenhof · Alte Euerdorfer Straße 1 · 97688 Bad Kissingen Telefax (09 71) 71 47 47 info@heiligenhof.de · www.heiligenhof.de

Ausstellung bis 8. April

„Fremd : Vertraut“ Noch bis Freitag, 8. April: „Fremd : Vertraut. Hermannstadt : Kronstadt“, Ausstellung im Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Die beiden siebenbürgischen Städte entwickelten sich im Verlaufe ihrer Geschichte zu einem je eigenen Kosmos, auch wenn gegenseitige Berührungen, wenn das Aufeinander-Angewiesen-Sein unübersehbar sind. Selbst für diejenigen, die den jeweiligen Kosmos, in dem sie groß geworden sind, zu kennen glauben, birgt dieser immer beides zugleich – Fremdes und Vertrautes. Die Frage, wann das Fremde zum Vertrauten wird, kann kaum generell beantwortet werden. Dieser Prozeß wird von zu vielen sehr individuellen, vor allem auch biografischen Faktoren beeinflußt. Allerdings gilt auch dies: Ängste vor dem Fremden ungehemmt auszuleben, ist ein gesellschaftliches No-Go. So ist die aktuelle Frage mehr denn je: Wie wird das mir Fremde zum Vertrautem, ohne daß ich das Fremde seiner

Identität beraube? Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Jürgen van Buer sind eine Aufforderung an die Betrachter, ihre je individuelle Antwort auf die Frage dieser Ausstellung zu finden. Kurator der Ausstellung ist Josef Balazs. Öffnungszeiten noch bis zum 8. April 2022: Montag bis Freitag (werktags) 10 bis 20 Uhr. Informationen unter Telefon (0 89) 4 49 99 30 oder per eMail poststelle@hdo.bayern.de.


AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

5

� Resolution „Für Vernunft und Solidarität in der Corona-Pandemie“ einstimmig verabschiedet

Seliger-Gemeinde: Klare Kante gegen Corona-Spaziergänger

Ein klares Zeichen gegen Hetze und Fake News will die Seliger-Gemeinde mit ihrer Resolution „Für Vernunft und Solidarität in der Corona-Pandemie“ setzen, die das Präsidium in München auf Initiative von Christa Naaß einstimmig verabschiedet hat.

Die Seliger-Gemeinde setzt den unsäglichen Kampagnen und Kundgebungen von Coronaleugnerinnen und Coronaleugnern sowie Impfgegnerinnen und Impfgegnern eine starke und unmißverständliche Haltung der gesellschaftlichen Solidarität entgegen.

W

Polizeieinsatz auf dem Münchner Marienplatz gegen eine nicht genehmigte CoronaDemonstration. Foto: Mediaservice Novotny Meinungs- und Demonstrationsfreiheit seien ein hohes Gut und dürften nicht mißbraucht werden. Es sei deshalb nicht akzeptabel, so die Seliger-Gemeinde, daß unterschiedliche Gruppierungen über unangemeldete Demonstrationen, die man als „Spaziergänge“ bezeichnet, versucht, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die staatliche Autorität zu untergraben. TF

ir wollen es nicht länger hinnehmen, daß die gewaltigen gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen für den Schutz von Leben und Gesundheit durch das verantwortungslose Handeln einer kleinen, aber lautstark und rücksichtslos auftretenden Minderheit gefährdet werden. Während Verantwortungslose ohne Mund-Nasen-Schutz und Abstand auf der Straße ihren Egoismen nachgehen, arbeiten in unseren Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen seit Monaten an ihrer Leistungsgrenze, um Leib und Leben der ihnen Anvertrauten zu schützen.

Wir sind überzeugt: � Die Mehrheit der Menschen in Deutschland verhält sich vernünftig, solidarisch und rücksichtsvoll. � Auch wenn es gewiß nicht leicht fällt, haben Gastwirtschaften, Hotels,

� Seliger-Gemeinde

Die Resolution im Wortlaut Handel und Kultureinrichtungen ihren Betrieb für den Gesundheitsschutz stark eingeschränkt.

� Viele Unternehmen und Einrichtungen versuchen unter schwierigen Bedingungen ihren Betrieb in der Pandemie aufrechtzuerhalten und durch Kurzarbeit den Arbeitsplatz ihrer Mitarbeiter zu sichern, wie zum Beispiel das Evangelische Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad, der Tagungsort der Seliger-Gemeinde. � Gleiches gilt für die öffentliche Verwaltung und den Bildungsbereich mit seinen Hochschuleinrichtungen, Schulen und Kindertageseinrichtungen. � Trotz dieser Schwierigkeiten ist sich die Mehrheit der Bevölkerung darüber im Klaren, daß die Bekämpfung der Pandemie nur mit diesem Akt der Solidarität gelingen kann. Glei-

ches gilt für die Seliger-Gemeinde und ihre Mitglieder. Organisatoren von Aufmärschen, die die Gefahren durch eine Infektion mit dem Coronavirus verharmlosen und dazu aufrufen, die öffentlichen Maßnahmen des solidarischen Gesundheitsschutzes zu unterlaufen, handeln nicht nur verantwortungslos, sondern tragen dazu bei, daß die genannten gesellschaftlichen Bereiche noch länger unter den Auswirkungen der Pandemie leiden müssen, als es notwendig wäre. Aus diesen Gründen rufen wir die Menschen dazu auf, die weltweite Impfkampagne gegen das Coronavirus zu unterstützen und die vorhandenen Impfangebote anzunehmen. Wir vertrauen dabei auf die Empfehlungen der Wissenschaft und der Medizin. Wir wenden uns gegen jene, die mit gefährlichen Verschwörungstheorien unsere Demokratie angreifen und durch ihre nicht vorhandene Distanz zu rechtsextremen und antisemitischen Gruppierungen eine gesellschaftliche Spaltung herbeiführen. Wir verurteilen alle Aktivitäten zur gezielten Untergrabung des gesellschaftlichen Zusammenhangs und der staatlichen Autorität.

� Der Brückenheilige inspiriert auch die Bierbrauer

Prost auf den Hl. Johannes Nepomuk Vielerorts steht eine Figur oder Statue von ihm auf einer Brücke: Johannes von Nepomuk wurde vor 300 Jahren, im Jahr 1721, selig gesprochen und wird seitdem als Brückenheiliger verehrt. Nepomuk ist nicht nur ein Brückenbauer zwischen sudetendeutschen und tschechischen Landsleuten, sondern hat auch Bierbrauer in Böhmen und den Nachbarregionen inspiriert.

I

m Bierland Tschechien wäre es schon mehr als erstaunlich, wenn es in Sachen Nepomuk kein Bier oder keine Brauerei gäbe. Die Recherche startet im Ort Nepomuk im Bezirk Pilsen, wo Nepomuk 1350 geboren worden ist. Hier hat die im Jahr 2018 gegründete Pivovar (Brauerei) Zlatá kráva ihren Firmensitz. Die im Brauereinamen genannte „Goldene Kuh“ findet sich natürlich auf dem Bierfilzl, aber vom Heiligen zu-

Die Brauerei Nepomuk trägt den Brückenheiligen im Namen und würdigt ihn auch auf seinen Bierdeckeln. nächst keine Spur. Also ein Klick auf die Homepage der Braustätte, wo unter anderem die hier produzierten Biere aufgeführt sind: diejenigen, die es ständig gibt, und die befristeten Spezialitäten. Hier werden wir fündig. Bei den ganzjährigen Bieren gibt es das „12 Sv. Jana Nepomuckého“, also das Bier „Heiliger Johannes Nepomuk“. Dabei handelt es sich – für Tschechien nicht alltäglich – um ein Weißbier, also ein obergäriges Bier mit einem Anteil an Weizenmalz von mindestens 50 Prozent, wie erläutert wird. „Es ist ein Bier mit einer starken Intensität von fruchtigem Bananen- und Nelkenaroma und einem Geschmack mit einer geringen Bitterkeit von zarter Natur. (...) Es zeichnet sich durch seine Hefetrübung und einen erfrischenden Nachgeschmack aus.“ Zu den „inneren Werten“: Fünf Prozent Alkohol, IBU (Bittereinheit) 20, unpasteurisiert, nicht gefiltert. Gebraut aus Wasser, Gersten- und Weizenmalzen

und Hopfenprodukten. Auf dem Etikett der Bierflasche ist natürlich der Heilige Nepomuk abgebildet. Fündig geworden sind wir auch in Polen, wo der Brückenheilige und Patron des Beichtgeheimnisses ebenfalls verehrt wird. In Jutrosin gibt es im Ortsteil Szkaradowo die „Browar Nepomucen“ (Brauerei Nepomuk). Das erst 2015 von Piotr und Mariusz Musielak mit der Craftbier-Bewegung gegründete Unternehmen befindet sich in einer restaurierten, über 100 Jahre alten Bäckerei in der nördlich von Breslau gelegenen kleinen Ortschaft Szkaradowo (Woiwodschaft Großpolen im Westen Polens). Als leidenschaftliche Hobbybrauer haben die Brüder begonnen, aktuell gehört ihre Firma zu den „hippesten Brauereien in Polen“, wie es in einem Internet-Beitrag heißt. Gebraut werden traditionelle polnische Biere und auch internationale Craftbier-Stilrichtungen. Außerdem kooperiert die Brauerei mit weiteren Handwerksbrauereien, mit denen sie gemeinsame Sude bzw. Biere herstellt. Wer also auf der Suche nach polnischem Craftbier ist, der findet im vielfältigen Sortiment von Browar Nepomucen garantiert seinen Lieblings-Bierstil. Zwar gibt es kein spezielles Nepomuk-Bier, aber auf dem hölzernen (!) Bierdeckel steht der Buchstabe „N“, der auf Nepomuk hinweist. Schwierig zu verorten ist die Brauerei Nepomuk Birseck. Eindeutig ist nur das Land – die Schweiz. Denn das Birseck ist ein geographisches Gebiet an der unteren Birs und umfaßt im Schweizer Kanton Basel-Landschaft die fünf Gemeinden Arlesheim, Münchenstein, Reinach, Aesch und Pfeffingen sowie das zum Kanton Solothurn gehörige Dornach. Doch in keinem dieser Orte konnte eine Brauerei Nepomuk Birseck ermittelt werden. Jedenfalls ist der Heilige Nepomuk auf der Rückseite des Bierdeckels abgebildet. Aber auch in Deutschland hat es der Heilige Nepomuk zu Bierehren gebracht. „Das ganz besondere Biererlebnis – mit Liebe zum Detail gebraut“ steht auf dem Bierdeckel für das Nepomuk hell und dunkel der seit 2016 bestehenden Bierfabrik Neuenburg in Neuenburg am Rhein (Baden-Württemberg). Vom Verkauf jeder Flasche gehen zehn Cent einem wohltätigen Zweck zu. Markus Bauer

Das Nepomuk hell wird in Neuenburg am Rhein gebraut. Ein Teil des Verkaufserlöses kommt wohltätigen Zwecken zu gute. Fotos: Markus Bauer

� Mut tut gut

Bitte mehr Humor

D

as Jahr 2022 ist noch nicht zu alt, um nicht noch einen Wunsch in seine Richtung zu äußern. Aber kann man sich von einem Jahr, also einer Kategorie des Kalenders, etwas wünschen? Wohl eher nicht. Daher präzisere ich: Mein Wunsch richtet sich an uns alle, die wir als Einzelne und in gemeinschaftlicher Vernetzung im neuen Jahr ein Stück auf unserem Weg weiterkommen wollen. Wie wir in knapp elfeinhalb Monaten auf 2022 zurückblicken werden, hängt auch von uns selber ab: von unseren Haltungen und Handlungen, von unseren Einstellungen und Initiativen. Mindestens unseren kleinen Lebenswelten können wir mit unserem Sein und Wirken durchaus einen Stempel geben. Mein Wunsch ist, daß wir den Humor nicht verlieren. Viel ist in diesen Wochen von 2G+ die Rede. Wir alle wissen, was das heißt: geimpft, genesen plus getestet. Mit diesen Kriterien öffnen sich seit längerer Zeit die Türen zum gesellschaftlichen Leben unter Pandemiebedingungen. Wer die 2G+ nicht vorweisen kann, dem bleibt vieles versagt. Das ist für uns alle eine lästige, aber eine notwendige Regel. Schon im Silvestergottesdienst mit meiner Kirchengemeinde habe ich aber eine andere 2G+Regel formuliert. Das erste G, sagte ich, stehe für den Glauben, das zweite G für Gelassenheit und das Plus möge für den Humor stehen. Wenn wir uns an diese Regel halten, werden wir besser durch die nächsten Monate kommen. Der Humor ist das große Plus im Leben. Dazu eine kleine Illustration, die ich in dem Buch „Die Frau von Pollak oder: Wie mein Vater jüdische Witze erzählte“ des österreichischen Schriftstellers und Schauspielers Miguel Herz-Kestranek fand: Wie oft lacht ein Bauer über einen Witz? Dreimal! Zum ersten Mal, wenn man ihm den Witz erzählt. Zum zweiten Mal, wenn man ihm den Witz erklärt. Zum dritten Mal lacht der Bauer, wenn er den Witz verstanden hat. Wie oft lacht ein Professor über einen Witz? Leider nur zweimal. Das erste Mal, wenn man ihm den Witz erzählt. Auf eine Erklärung verzichtet der Professor, er hält sich für gescheit. Es braucht deswegen etwas länger, bis er den Witz verstanden hat und ein zweites Mal lachen wird. Wie oft lacht ein General über einen Witz? Nur einmal, nämlich dann, wenn man ihm den Witz erzählt. Verstehen wird er den Witz sowieso nicht. Deswegen ist auch eine Erklärung nicht sinnvoll. Der Bauer, der Professor, der General und ihr Verhältnis zum Witz. Das sind drei Typen, die man überall findet, die wir vielleicht aber auch in uns selber haben und je nach Tagesstimmung hervorkehren. Humor hat, wer dreimal lacht. Weniger hat derjenige zu lachen, der sich für allzu gescheit hält. Und wer wie der General sich selbst unter Kontrolle hat, mit anderen im Befehlston verkehrt und für alles perfekte Pläne hat, dem ist eben kaum zu lachen. Er ist ärmer. Deswegen verstehe ich den Humor als das große Plus im Leben. Humor ist das lateinische Wort für Feuchtigkeit. Ohne den Humor kann aus dem Humus des Menschseins nichts sprießen. Lassen wir uns von den Schwierigkeiten unserer Zeit und von unseren Unzulänglichkeiten nicht unterkriegen. Befeuchten wir unser Leben mit Humor! Dr. Martin Leitgöb CSsR Seelsorger der Pfarrei Ellwangen-Schönenberg


6

FORUM

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

PERSONALIEN Am 25.  Januar feiert Werner Haase, Ehrenvorsitzender des Riesengebirgler Heimatkreises Trautenau und Obmann der oberbayerischen SL-Kreisgruppe Landsberg, im bayerischschwäbischen Untermeitingen 90. Geburtstag.

� Welterfahrener Landsmann aus dem Riesengebirge

Werner Haase 90

Radowenz war ein Luftwaffe ausbilden. Bergbauort mit KohIn den USA lernte er ie jeden Tag wird Werner le- und Erzminen, in bei einem Empfang Haase auch an seinem 90. denen die meisten im Weißen Haus John Geburtstag um fünf Uhr früh Männer des Dorfes F. Kennedy kennen. aufstehen, den Tisch decken, ab arbeiteten. Werner Zurück in Europa, arsechs entlang des Lechs „Nordic war der einzige Rabeitete er für die Luftwalken“ und sich um sieben da- dowenzer Bub, deswaffe in nationalen heim freuen, daß schon „jemand“ sen Vater eingezogen und ­NATO-Stäben. den Frühstücks­tisch gedeckt hat. worden war. Sonn1977 wurde er Oberst. „Früher wurde ich bedient, jetzt tags sah er die ande1991 endete sein Solbin ich der Hausl“, erzählt der ren Väter nach dem datenleben als Kompensionierte Luftwaffenoberst Kirchgang durch den mandeur der Technimit verführerisch junger Stimme Ort spazieren oder schen Schule der Luftund ansteckender Fröhlichkeit. das Wirtshaus besuwaffe 2. Im Riesengebirgsdörflein Ra- chen. Das machte ihn Bei Heimatbesudowenz kam er zur Welt. Seine traurig und verletzchen nach der Wende Eltern waren der Postbeamte Al- te ihn. Und er bangfühlte sich die Mannfred Haase und dessen Frau Ma- te um seinen Vater. In heimerin Gudrun in ria. Werner lebte vor allem drau- der angstgeladenen Radowenz absolut ßen in der Natur. Seine Stecken- Atmosphäre schien Schwiegertochter Susanne, Jubilar Werner und Ehefrau Gu- nicht fremd. Lange pferde waren Skispringen und die Vertreibung im drun sowie Sohn Rüdiger Haase. Jahre hatte sie zugeLanglaufen. Mit acht Jahren August 1946 eine Erhört, wenn Werners sprang es bereits von der Zehn- lösung. Über das Sammellager Als Sekundaner lernte er in Mutter und Tante in ErinnerunMeter-Schanze. Das Gymnasi- Jungbuch ging es in die SBZ. der Tanzstunde die Mannhei- gen von daheim schwelgten. Sie um besuchte er in Trautenau. Mit Im November 1946 gelang die merin Gudrun Hofmann ken- sah nun endlich, was zuvor nur zwölf Jahren kam er ins Wehrer- Flucht in den Westen. Im Früh- nen und lieben. In Karlsruhe stu- ihr geistiges Auge gesehen hatte. tüchtigungslager, 1945 – bis die jahr 1947 endete die Odyssee: dierte er Maschinenbau und Ver1992 war Werner Haase MitRussen einmarschierten – zum Vater, Mutter und Sohn umarm- fahrenstechnik. Zwischendurch gründer des BGZ Trautenau. Er Panzerwarndienst. ten sich in Mannheim. machte er ein Praktikum bei war Vorstand des Vereins für Mercedes-Benz in Mannheim. deutsch-tschechische VerstänUnd 1955 heirateten Werner und digung Trautenau – RiesengeGudrun. Gudrun schenkt ihrem birge sowie HeimatkreisbetreuWerner die Kinder Uta und Rüdi- er von Trautenau, Mitglied der ger. Uta erlag vor einigen Jahren Bundesversammlung und in deeinem Krebsleiden. ren Finanzausschuß. Bis heute ist 1957 ging Werner zur Bun- er Obmann der oberbayerischen deswehr. Nach der Grundausbil- SL-Kreisgruppe Landsberg. Kostenloses Probeabo dung ließ er sich auch in den USA In Radowenz lernte er Zděnek (4 Wochen, endet automatisch) zum Fernmeldeoffizier bei der Hudek kennen, einen Nachbarn der Sudetendeutschen Zeitung,

W

Unser Angebot Print- und Onlineausgabe möglich

oder ein reguläres Abo (Bezug per Postzustellung)

Probe abo!

� Gläubiger Freigeist aus Prag

Gerold Schmiedbach 85

Sudetendeutsche Zeitung mit Reichenberger Zeitung · Heimatbote · Heimatruf Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft wöchentlich (125,00 EUR im Jahr) Reichenberger Zeitung Nordböhmische Umschau 24 Ausgaben (62,50 EUR im Jahr)

Am 24.  Januar feiert Gerold Schmidbach, Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde (AG) der Diözese Mainz, 85. Geburtstag.

Neudeker Heimatbrief für die Heimatfreunde aus Stadt und Landkreis Neudek 12 Ausgaben (31,25 EUR im Jahr)

G

mit folgendem Zahlungszeitraum: jährlich durch Lastschrift halbjährlich durch Lastschrift vierteljährlich durch Lastschrift Name, Vorname Straße, Hausnummer Postleitzahl, Ort Telefon E-Mail Geburtsjahr, Heimatkreis Datum, Unterschrift Ich/Wir ermächtige/n die Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH (SVG), Hochstraße 8, 81669 München, Gläubiger-Identifikationsnummer DE04SVG00000003583, Zahlungen von meinem/unserem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein/weisen wir unser Kreditinstitut an, die von der SVG auf mein/unser Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Dabei gelten die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Wenn sich meine Kontodaten ändern, teile ich dies der SVG unverzüglich mit.

Kontobezeichnung (Kontoinhaber) Kontonr. oder IBAN Bankleitzahl oder BIC Datum, Unterschrift Alle Preise inklusive 7 % Mehrwertsteuer und Versand. Abbestellungen mit einer Frist von einem Monat zum Vierteljahresschluß schriftlich an die SVG. Sie sind berechtigt, die Bestellung des Abonnements ohne Angabe von Gründen innerhalb 14 Tagen nach Absendung dieses Auftrages schriftlich gegenüber der Sudetendeutschen Verlagsgesellschaft, Hochstraße 8, 81669 München (auch per E-Mail an svg@sudeten.de) zu widerrufen. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs.

Bitte gescannt oder abfotografiert mailen oder in ausreichend frankiertem Umschlag (80 Cent) einsenden an Sudetendeutsche Zeitung Hochstraße 8, 81669 München E-Mail svg@sudeten.de

seines früheren Elternhauses. Hudek war im KZ Dachau gewesen. Sie schlossen Freundschaft. Hudek besuchte Haase, und gemeinsam besuchten sie die KZGedenkstätte in Dachau. Bei Haases letztem Besuch in Radowenz sagte Hudek: „So lange ich lebe, ist mein Haus Dein Haus, meine Heimat Deine Heimat.“ Auch Volksgruppensprecher Bernd Posselt würdigt seinen Weggefährten bei jahrzehntelanger gemeinsamer Arbeit: „Werner Haase gehört zu den Menschen, denen man auch ohne Uniform sofort den Offizier ansieht. Er hätte wunderbar in die k. u. k. Armee gepaßt; so war es eben die Bundeswehr, die ihn nach Landsberg am Lech führte, wo er zu einer der wichtigsten Stützen unserer Volksgruppenorganisation wurde. Geselligkeit, Musikalität, Organisationstalent und politische Klugheit kennzeichnen diesen Landsmann aus dem Riesengebirge, das bei Harrachsdorf an meine engere Heimatlandschaft, das Isergebirge, anschließt. Beide Regionen sind eng verbunden – durch die Glastradition, durch den gemeinsamen Dialekt und nicht zuletzt durch die Gestalt des Rübezahl. Werner Haase lebt in unseren heimatlichen Traditionen und ist gleichzeitig der Zukunft zugewandt. Anläßlich seines 90. Geburtstages möchte ich ihm dafür sowie für seine unermüdliche Arbeit danken und wünsche ihm, der auch manchen Schicksalsschlag zu tragen hat, von Herzen viel Glück, Gesundheit und Gottes reichen Segen.“ Nadira Hurnaus

3/2022

erold Schmiedbach stammt aus einer deutschen Familie in Prag, die –wie viele Prager Familien – auch tschechisch sprach. Als Schüler erlebte er 1945 die Vertreibung nach Hessen, zunächst nach Rotenburg an der Fulda, später nach Wiesbaden. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaft, Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeographie in Marburg an der Lahn, Wien und Freiburg im Breisgau. Schon bald wurde er – ungeachtet seiner eigenen Erlebnisse – ein engagierter Kämpfer für ein besseres Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen. Er sah die Vergebung erlittenen Unrechts – auch des an ihm begangenen – als elementar christlich. Das zeitigte hohe Anerkennung, aber auch Mißverständnisse und Anfeindungen. Er entzog sich der gegenseitigen Aufrechnung und widmete sich stattdessen der Pflege des gemeinsamen kulturellen Erbes. Schon vor 1989 bereitete er im Rahmen seiner beruflichen Arbeit deutsche Unternehmer auf eine Zusammenarbeit mit tschechischen Unternehmern vor. Das ergab erfreuliche Entwicklungen

in der Wirtschaft und gute zwischenmenschliche Beziehungen. In Darmstadt hielt er mit Hilfe der Industrie und Handelskammer und unterstützt von Unternehmern 1971 bis 2000 Vorträge und Seminare über Osteuropa, die für Deutschland einmalig waren. Zweimal im Monat referierten Experten aus Deutschland, und nach 1989 überwiegend aus Ostmitteleuropa über ihre Heimatvölker, deren Kultur, Geschichte, Gegenwart, Geographie, Wirtschaft, über ihre Sprachen und über ihre Minderheiten. Der Schwerpunkt lag bei der späteren Tschechischen Republik. 1971 schloß er sich der AG an und wurde Vorsitzender in der Diözese Mainz. 2011 bis 2019 vertrat er die AG im Katholiken- und im Diözesanrat der Diözese Mainz. Die Ackermann-Gruppe richtete er strikt in Richtung Verständigung und Zusammenarbeit mit den Tschechen aus. Schmiedbach, der auch Mitglied der tschechischen Sdruženi AG ist, weitete seine Beziehungen nach Mähren so aus, daß eine Partnerschaft der Diözese Ostrau mit der Mainzer AG entstand. Er erhielt nicht nur Zustimmung. Manche Mitglieder waren skeptisch, sie sahen Tschechen nur als ihre Vertreiber. Mit dem Mainzer Bistum vereinbarte Schmiedbach, jedes Jahr eine Tagung mit

tschechischen und deutschen Teilnehmern im katholischen Bildungszentrum Haus am Maiberg in Heppenheim zu veranstalten, darunter Schüler eines mährischen Gymnasiums. Es gab jeweils sieben Vorträge und einen von den Schülern mitgestalteten Gottesdienst. Die Heppenheim-Tagungen wurden zu einem vollen Erfolg. Aus der Tschechischen Republik kam große Anerkennung. Zwischen Tschechen und Deutschen kam es zu dauerhaften Freundschaften, die auch außerhalb der Tagungen gepflegt wurden. Schmiedbach unterstützt Pfarrer Jan Larisch, Präsident der Caritas der Diözese Ostrau, indem er hilft, dessen Forschungsergebnisse über herausragende deutsche Persönlichkeiten der Kirchengeschichte in Mähren und Schlesien im 19. und 20. Jahrhundert auch in einem deutschsprachigen Verlag zu veröffentlichen, damit seine Entdeckungen auch hier gelesen und bekannt werden können. Auch das ist ein Beitrag zum verständnisvollen Zusammenleben von Tschechen und Deutschen. Wir hoffen, er bleibt der Ackermann-Gemeinde als Vorstand erhalten, da er mit seinen weitreichenden Verbindungen und Freundschaften der Ackermann-Gemeinde und der Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen unschätzbare Dienste leistet. Ingrid Schneider

Ein Weltbegriff – ein Hochgenuß für Feinschmecker

KARLSBADER OBLATEN die meistgekauften ... … weil sie so gut sind! WETZEL Karlsbader Oblaten- und Waffelfabrik · Austraße 5 · 89407 Dillingen/Donau Internet: www.wetzel-oblaten.de · eMail: info@wetzel-oblaten.de

� Ronsperger Erbin

Barbara CoudenhoveKalergi 90 Am 15.  Januar wurde Barbara Coudenhove-Kalergi, eine österreichische Journalistin und Herausgeberin sowie Nichte des Paneuropa-Union-Gründers Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi, in Wien 90 Jahre alt.

B

arbara Coudenhove-Kalgergi kam in Prag als erstes von zwei Kindern von Gerolf Graf Coudenhove-Kalergi und Sophia Palffy zu Erdöd zur Welt. Damals war ihr Vater Privatsekretär und Pressechef der japanischen Botschaft in Prag, Lektor der japanischen Sprache und Geschichte an der Karls-Universität Prag und Vizepräsident des orientalischen Institutes. Nach der Vertreibung 1945 ließ sich die Familie in Österreich nieder. Sie schrieb für österreichische und tschechische Zeitungen und ist weiterhin Kolumnistin im österreichischen „Stand­ ard“. Sie engagierte sich lange Zeit bei der CaritasFlüchtlingshilfe und war Mitbegründerin der Initiative „Land der Menschen“. Außerdem gab sie Bücher über die Geschichte und Gegenwart der Länder Osteuropas heraus. Das breitere Publikum kannte sie seit Mitte der siebziger Jahre als Mitglied der Osteuroparedaktion des ORF. Ihre sensiblen Reportagen befaßten sich mit den zum Ostblock gehörenden Staaten, vor allem mit Polen und der Tschechoslowakei. Vor zehn Jahren wurde bekannt, daß der kommunistische Geheimdienst StB sie in Prag akribisch observierte. Daß sie mit Franz Marek (1913–1979), einem Reformkommunisten und Mitglied des Politbüros der KPÖ verheiratet war, soll sie für den StB noch verdächtiger gemacht haben. Nach der Samtenen Revolution kehrte sie in ihre Heimat zurück. In den Jahren 1991 bis 1995 war sie ORF-Korrespondentin in Prag. 1981 erhielt sie den Karl-Renner-Publizistikpreis der Stadt W ­ ien; 1990 wurde sie „Frau des Jahres“, eine Auszeichnung österreichischer Journalistinnen; 2001 verlieh ihr der damalige tschechische Staatspräsident Václav Havel für ihre besonderen Verdienste um Demokratie und Menschenrechte den ­Masaryk-Orden; 2005 wurde sie mit dem Concordia-Preis für ihr Lebenswerk und dem Axel-Corti-Preis der österreichischen Volksbildung ausgezeichnet. Das ORF würdigte seine ehemalige Korrespondentin für ihren Kampf um Weltoffenheit und Minderheitenrechte. Sie sei immer dann als Gewissen des „guten Österreichs“ zur Stelle, wenn Stammtisch-Rhetorik zur Richtschnur zu werden drohe. Hohe politische Ämter seien ihr immer wieder angetragen worden. Sie wolle sich treu bleiben, habe sie das Angebot abgelehnt, 1997 als Bundespräsidentin zu kandidieren. Österreichs damaliger Bundespräsident Heinz Fischer bezeichnete die Arbeit Barbara Coudenhove-Ka­lergis anläßlich ihres 80. Geburtstages als „bedeutendes Wir­ken“, vor allem ihre Auseinandersetzung mit dem Ostblock und mit den weltbewegenden Ereignissen in den jungen Demokratien Mitteleuropas. Nadira Hurnaus


Ralf Heimrath berichtet auf Grundlage eines Vortrags, den er bei den „Egerer Gesprächen“ (Ý HB 1+2/2022) hielt, über den großen „Codex Teplensis“.

I

n diesem Jahr kann man auf ein halbes Jahrtausend der Bibelübersetzung von Martin Luther zurückblicken. Aber der Reformator war nicht der erste Bibelübersetzer. Schon vor seinem epochalen Werk gab es mehr als 70 deutschsprachige Bibeln, die in rund 18 Drucken und 800 Handschriften überliefert sind. In Bezug auf das Neue Testament ist die bedeutendste der „Codex Teplensis“ aus der Zeit um 1400, eine Handschrift. Sie gehörte zum Bestand der Bibliothek im Prämonstratenserstift Tepl im Egerland und wird heute in der Tschechischen Nationalbibliothek in Prag aufbewahrt. Die Handschrift trägt den Titel „Di schrift dez newe(n) gezeugs“, transkribiert „Die Schrift des neuen Zeugnisses“. Sie ist zur selben Zeit wie die berühmte Wenzelsbibel entstanden, eine monumentale Prachthandschrift mit vielen Malereien aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert, die für König Wenzel IV. in

� Die Tepler Bibel

Schlichtes Vademecum bundene Werk mit dem Format 11,6 mal 8,5 Zentimeter enthält 315 beidseitig beschriebene Pergamentblätter. Den Hauptteil bilden die vier Evangelien, wie sie im Gottesdienst verwendet werden. Dazu finden sich noch die Apostelbriefe, die Offenbarung des Johannes, Predigtvorschläge und verschiedene religiöse Texte. 1884 hat der Tepler Bibliothekar Pater Philipp Klimesch nach mehr als zehnjähriger Vorbereitungszeit eine Druckfassung vorgelegt.

Schreiber aus dem Egerland Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung handelt es sich bei der Tepler Bibel um die zweitälteste vollständige Handschrift des Neuen Testaments in deutscher Sprache. Vier verschiedene Schreiber haben daran gearbeitet. Als sprachliche Zuordnung wird in der Fachliteratur übereinstimmend „nordbairischböhmisch“ genannt. Damit kann nur das Egerland gemeint sein. Zur Zeit ihrer Entstehung befand sich die deutsche Sprache gerade im Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen. Wir haben es hier also mit einem Werk zu tun, das sprachgeschichtlich in derselben Epoche steht wie der „Ackermann von Böhmen“ des Johannes von Tepl, aber während der „Ackermann“ ein literarisches Werk ist, liegt beim „Codex Teplensis“ ein Werk aus dem Bereich der Theologie vor.

Die Prager Schule

Buchrücken Prag hergestellt wurde und Teile des Alten Testaments in deutscher Sprache aufweist. Im Vergleich zur Wenzelsbibel ist der „Codex Teplensis“ dagegen rein äußerlich ein kleines und einfach gestaltetes Gebrauchsbuch, das leicht auf Reisen mitgenommen werden kann. Das in Leder gePhilipp Seuferling referierte bei einer Veranstaltung des Bildungszentrums Heiligenhof über „Die Rolle von Medien bei Flucht, Vertreibung und Migration – gestern und heute“. Der Kommunikationswissenschaftler bot so bei einer Zoom-Konderenz mit einer PowerpointPräsentation vor knapp 50 Zuschauern einen Einblick in seine Forschungsergebnisse.

M

edien und Kommunikation sind grundlegend dafür, wie Flucht und Migration erlebt werden und wie Gesellschaften damit umgehen“, so der Referent. Migration sei „durchdrungen von Medien“. Als Technologien, Institutionen und Nutzungspraktiken würden Medien die Erfahrungen von Flüchtlingen, die Kommunikation mit und über Migranten sowie Techniken von Verwaltung bedingen, so Seuferling. Mit Beispielen aus gegenwärtigen und historischen Kontexten bot diese Veranstaltung eine kritische Diskussion von Medien. In der Vergangenheit – etwa nach dem Zweiten Weltkrieg – habe bei den beteiligten Medien besonders die Betonung auf Suchdiensten, Strukturen der

7

KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

Der Text ist im Hauptteil eine Übersetzung der lateinischen „Vulgata“ des Heiligen Hieronymus aus dem späten vierten Jahrhundert nach Christus als der für die Katholische Kirche verbindlichen Bibelversion. Aber der Codex folgt der Vulgata nicht in allen Punkten und ist mit zahlreichen Randbemerkungen versehen, aus denen eine Nähe zu den böhmischen Waldensern oder zu Schriften des englischen Reformators John Wyclif vermutet wird. Obwohl die Schreiber dem Egerland zugeordnet werden, muß sich beim „Codex Teplensis“ der Blick nach Prag richten. Hier ist nicht nur die bereits ge-

„Codex Teplensis“.

Bilder: Milan Hlinomaz, Archiv des Klosters Tepl

nannte Wenzelsbibel entstanden. Hier gab es an der theologischen Fakultät der Karls-Universität einen Kreis von Gelehrten, die sich in der Zeit der beginnenden Renaissance und des Humanismus intensiv mit den damaligen Fragen zur Bibel, ihren Überlieferungen und Übersetzungen beschäftigten. Hier entstanden im 14. und 15. Jahrhundert eine Gruppe weiterer handschriftlicher Bibelübersetzungen, die in eine Reihe mit dem „Codex Teplensis“ gestellt werden können und wie dieser eine Vorlage gehabt haben müssen, die heute verschollen ist. Sie werden jeweils nach ihren späteren Aufbewahrungsorten in Wien, München, Prag, Bamberg oder Freiberg in Sachsen benannt. Sie alle werden einer sogenannten Prager Schule zugeschrieben, welche eine Bamberger Handschrift (Cod. lit. 146) aus dem Jahr 1477 als „die guten Meister von Prag“ bezeichnet. Dieser Gelehrtenkreis war

ein Zentrum der damaligen religiösen Erneuerungsbewegung, in der auch Jan Hus ausgebildet wurde. Und nicht nur deutsche Bibelübersetzungen entstanden hier. 1360 oder wenig später wurde die erste Bibel in alt­ tschechischer Sprache vorgelegt, die von zehn Dominikanermönchen erarbeitet worden war. Die Prager Schule war also nicht nur für die deutschen Bibelübersetzungen wichtig, sondern auch für die tschechischsprachige religiöse Literatur. Und sie bildete auch den Nährboden für die Lehren des Jan Hus.

Mehrfach gedruckt Unter allen Bibelübersetzungen vor Martin Luther wird dem „Codex Teplensis“ eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Er diente nicht nur der in Freiberg in Sachsen aufgefundenen Bibel als direkte Vorlage, wobei einer der Schreiber der Tepler Bibel auch bei der Freiberger Hand-

schrift mitwirkte. Der „Codex Teplensis“ war auch insbesondere eine der Vorlagen für die 1466 in Straßburg gedruckte Bibel aus der Werkstatt des Johannes Mentelin, der die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache auf den Markt brachte. Vor ihm gab es als entsprechendes Druckwerk nur die Gutenberg-Bibel, doch die war in lateinischer Sprache. Durch Mentelin wurde die deutsche Fassung der Tepler Bibel über einen großen geographischen Raum verbreitet. Kurz nach Mentelin wurde das Werk auch in der Druckerei Eggestein in Straßburg publiziert, und als der bei Mentelin ausgebildete Buchdrucker Günther Zainer in Augsburg eine Werkstatt gründete, brachte auch er 1475 einen Bibeldruck in der Tradition des „Codex Teplensis“ heraus. Dieses zusätzlich mit Illustrationen versehene Buch stieg zur meistverkauften deutschen Bibel vor Luther auf. Erst als vor 500 Jahren Martin Luther im Winter 1521/22 auf der Wartburg seine Bibelübersetzung erarbeitete und drucken ließ, büßte die Fassung der Tepler Bibel ihre Bedeutung ein. Bis dahin hatte sich in Europa und damit auch im deutschsprachigen Raum vieles geändert. Der Stand der schulischen Bildung hatte sich im Verlauf der letzten 100 Jahre deutlich verbessert. Eine Reihe neu gegründeter Universitäten erlaubte viel mehr jungen Leuten ein Studium als früher, die Zahl der Menschen, die selbst die Bibel Buchdeckel lesen konnten, war enorm gewachsen. Dazu kommt, daß nach der technischen Verbesserung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg die LutherBibel weit billiger und in größerer Auflage hergestellt werden konnte als es vor 1450 möglich gewesen wäre. Die bisherigen Bibeln waren handgeschrieben und konnten mit dem Buchdruck nicht kon-

� Vortrag auf dem Heiligenhof

Medien und Migration Flüchtlingslager mit Lagerkino, -zeitungen und -radio und Vertriebenen-Publikationen gelegen. Mit vielen historischen Fotos aus Lagern und deren Umfeld zeigte der Referent, was viele der Zuschauer noch aus eigenem Erleben kannten. Zum Vergleich stellte Seufering dann die heutige Lage vor.

Nachdem die Digitalisierung neue Bedingungen geschaffen habe, hätten sich die Medienpraktiken vielfach verändert. Dennoch seien sie für das Leben der Migranten entscheidend. Neben der weitverbreiteten, oft problematischen Darstellung von Flüchtlingen in den Massenmedien gebe es etwa Iris-

Scans und Identitätskarten, die die Verwaltung einsetze, und die Überwachung von Grenzen mit diversen Mitteln. Vor allem sei das eigene Smartphone das wichtigste Medium für die heutigen Migranten: „Damit halten sie soziale Kontakte über lange Distanzen, navigieren auf ihrer Fluchtroute, pflegen Erinnerun-

Über die Rolle von Medien bei Flucht, Vertreibung und Migration berichtet Dr. Philipp Seuferling.

gen von Zuhause und planen ihre Zukunft.“ Die Migranten heute würden auch vielfach digital erfaßt und beobachtet, etwa von großen Plattformen wie Google, das eine Partnerschaft mit der USA Border Patrol zur Grenzüberwachung habe. All diese medialen Werkzeuge würden jedoch nichts über die

kurrieren. Zu diesen äußeren Bedingungen kommt die theologische und vor allem sprachliche Leistung Luthers. Er orientierte sich an den Möglichkeiten seines Publikums und schuf mit außerordentlicher Sprachkraft eine Übersetzung, die jeder gewöhnliche Mensch verstehen konnte. Auf ihn gehen bildhafte Ausdrucksweisen wie „Perlen vor die Säue werfen“, „das Licht nicht unter den Scheffel stellen“, „sein Scherflein zu etwas beitragen“ und viele andere mehr zurück.

Von Luther übertroffen Luther wagte, aus Gründen der Verständlichkeit vom geschriebenen lateinischen Text abzuweichen und ihn durch passende deutsche Formulierungen zu ersetzen. Seine wichtigste sprachliche Leistung aber war, auf der Grundlage der mitteldeutschen Meißner Kanzleisprache einen Ausgleich zwischen allen im deutschen Sprachgebiet vorherrschenden Dialekten zu schaffen, so daß seine Bibelübersetzung sowohl im Norden wie im Süden oder in der Mitte Deutschlands von allen gelesen oder für alle in der Kirche vorgelesen werden konnte. Seine Bibel wurde zum

Bestseller, zu deren Herstellung er gleichzeitig drei Druckereien beschäftigen konnte. Mit diesem Erfolg übertraf Luther bei weitem alle vorhergehenden Bibelübersetzungen. Eine Handschrift wie der „Codex Teplensis“ und auch die auf ihm beruhenden Druckversionen konnten dem nichts entgegensetzen. Ralf Heimrath Motivation und Persönlichkeit der Flüchtlinge aussagen, war ein Einwand bei der offenen Diskussion. Die Moderation der Veranstaltung hatte Ulrich Rümenapp übernommen. Der Heiligenhof-Bildungsmanager stellte den Referenten auch vor. Philipp Seuferling ist Lektor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Södertörn University in Stockholm. Er forscht im Bereich Medien und Migration sowie Mediengeschichte. Derzeit ist er als Gastwissenschaftler an der New York University und historisiert die Digitalisierung von Grenzen. Susanne Habel


8

KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

� Vortragsreihe „Böhmen und seine Nachbarn“ – Teil 4: Österreich

„Wie Böhmen noch bei Öst‘reich war“ Die letztjährige Vortragsreihe von Stefan Samerski über „Böhmen und seine Nachbarn“ fand wegen der Corona-Pandemie fast nur im Netz statt. In der vierten und letzten Folge referierte der Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit unter dem Motto „Wie Böhmen noch bei Öst‘reich war“ über Böhmens Nachbarn Österreich. Die Reihe veranstalteten wieder der SL-Bundesverband, die Sudetendeutsche Heimatpflege, die AckermannGemeinde in der Erzdiözese München und Freising sowie die Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales sowie das Haus des Deutschen Ostens in München förderten die Vortragsreihe.

W

ie Böhmen noch bei Öst‘reich war“ ist ein bekannter Schlager, der vor allem durch die Interpretation von Peter Alexander beliebt wurde“, begann Samerski. Er erläuterte dann den historischen Hintergrund. Nach der Entscheidungsschlacht am Weißen Berg (1620) sei aus Böhmen und Österreich eine politische Schicksalsgemeinschaft geworden. Das habe sich nach 1918

schlagartig geändert, indem es Nostalgie geweckt, aber auch erbitterten nationalen Revanche­ geist hervorgerufen habe. „Das Verhältnis von Böhmen zu Österreich war nicht immer harmonisch, aber auch nicht immer spannungsgeladen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs und nur fünf Tage nach der offiziellen Gründung der Tschechoslowakei, am 3. November 1918, wurde die Mariensäule niedergerissen, angeblich als spontane Aktion des Volkes.“ Samerski zeigte, daß dies von langer Hand geplant war. „Während der Zeit der tschechischen nationalen ,Wiedergeburt‘ im 19. Jahrhundert war die Mariensäule auf dem Altstädter Ring jedoch immer mehr als Symbol der Unterdrückung der tschechischen Nation durch das Habsburgerreich angesehen“, führte Samerski weiter aus. „Provokateure hetzten die Massen dazu auf. Dies war eine Abrechnung mit den Habsburgern und dem Katholizismus.“ Dabei war die Säule viel früher errichtet worden. Aus Dankbarkeit für das Ende des 30jährigen Krieges und ebenfalls für die Rettung Prags vor schwedischen Truppen sei in Prag auf dem Altstädter Ring vor der Teynkirche eine Mariensäule aufgestellt

Professor Dr. Stefan Samerski. worden. Der Bildhauer Johann Georg Bendl hatte die barocke, 16 Meter hohe Sandsteinskulptur im Jahr 1650 errichtet. Die Schweden hätten noch kurz vor dem westfälischen Frieden 1648 das andere Moldau­ ufer, also Hradschin und Kleinseite, besetzt gehalten, bevor sie auf der Karlsbrücke, hauptsächlich von Jesuitenschülern aus dem Klementinum, hätten in die Flucht geschlagen werden können. Die Prager Säule sei damals bewußt genau dort aufgestellt worden, wo 1621 die Anführer des protestantischen Ständeaufstands in Böhmen hingerichtet worden seien, um ein Zeichen für die erfolgreiche Restaurati-

bracht. Dies sei nur ein Beispiel dafür, wie die neue Tschechoslowakei auf die frühere Herrschaft von Österreich reagiert habe. Straßen- und Ortsnamen seien von deutsch zu tschechisch geändert, weitere Denkmale gestürzt und katholische Institutionen bedrängt worden. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk habe damals von „Entösterreichisierung“ Stefan Samerski gesprochen. l  Studium der katholischen Dies sei nur Theo­ logie, Geschichte und Kunstwährend der geschichte in Bonn und Rom. Besetzung l Habilitation 2000 an der Kadurch Nazitholisch-Theologischen Fakultät der Deutschland LMU München. Weihesakrament on der Habszurückgegan2009 in Regensburg. burgermacht gen, aber nach l Professor für Kirchengezu setzen. „Ein 1948 durch das schichte am Priesterseminar ReTribut gegen kommunistidemptoris Mater Berlin, Seelsorger Habsburg und sche Regime an der Herz-Jesu-Kirche in Berlindie Macht der wiederaufgeCharlottenburg und Vizepräsident Katholischen nommen worder Sudetendeutschen Akademie. Kirche.“ Die den. Erst nach Weihe am Altder Samtenen städter Ring Revolution und erfolgte 1652 in Anwesenheit von nach der Trennung der TscheKaiser Ferdinand III. an dessen chischen und Slowakischen Re44. Geburtstag. publik 1993 habe man den österNach dem Abriß sei der Kopf reichischen Teil der Geschichte der Marienstatue im Prager Na- wieder positiver gesehen. tionalmuseum untergebracht „Das begann mit der Wiederworden, Teile des Sockels in der aufrichtung einiger DenkmaTeynkirche; später habe man le“, so Samerski, als Erstes schon auch eine Gedenkplakette an 1991 mit der Statue von Kaiser ihrem früheren Standort ange- Joseph II. (Kaiser 1765–1790),

da dieser durch seine Kirchenreformen und die Abschaffung der Leibeigenschaft ein recht gutes Image gehabt habe. Auch sein jüngerer Bruder Leopold II. (König und Kaiser 1790–1792), der sich sogar in Prag zum König habe krönen lassen, sei wohlangesehen bei den Böhmen. Ähnliches habe für Ferdinand I. (Kaiser 1835–1848) gegolten, der wie Leopold gut Tschechisch gesprochen habe und sich ebenfalls in Prag habe krönen lassen. dort habe er auch nach seiner Zeit als Kaiser gelebt und sei sehr beliebt gewesen. „Das waren alles Höhepunkte der böhmisch-österreichischen Geschichte.“ Auch der Kampf gegen Napoleon habe die beiden Völker bis zum aufsteigenden Nationalismus Mitte des 19.  Jahrhunderts vereint. Dennoch habe auch danach die böhmische Glas- und Andenken-Industrie floriert, was die Beziehungen verbessert habe. „Und der tschechische Komponist Bedřich Smetana schuf die ,Krönungsmesse‘ für Kaiser Franz Josef I. und die ,Triumph-Sinfonie‘, die er dessen Frau Elisabeth, der ,Sisi‘ widmete“, schloß Samerski. Susanne Habel Video: https://www.youtube. com/watch?v=xsdQT25Vthk

Die Schweden werden vor Prag zurückgeschlagen, und zum Dank wird die Mariensäule errichtet. Der Vielvölkerstaat zu seiner Blütezeit. 1918 stürzen aufgehetzte Tschechen die Mariensäule. Die Vortragsreihe von Stefan Samerski im Jahr 2021 über „Böhmen und seine Nachbarn“ bot viel Neues bei der dritten Folge, in der es um die Beziehungen zwischen Böhmen und Brandenburg-Preußen ging.

� „Böhmen und seine Nachbarn“ – Teil 3: Preußen

I

aufmerksam geworden und habe 1375 als erster römisch-deutscher König seit Friedrich I. die Lübeck besucht. In Tangermünde in der Altmark habe er in der alten Burg seine brandenburgische Residenz eingerichtet, „mit einer Hofkapelle voller Halbedelsteine nach Vorbild der Wenzelskapelle in Prag und Stundengebe-

ch kann gleich von einem Lichtblick in der Geschichte Böhmens berichten,“ kündigte Samerski an. Mit diesem Lichtblick meinte der Historiker die für viele überraschende Tatsache, daß Karl IV. (1316–1378) seine Herrschaft auch weit nach Norden ausgedehnt habe. Er habe sich auch die Oberhoheit über Schlesien (endgültig 1368) und die Niederlausitz (Kauf 1367) gesichert. Zuvor habe schon sein Vater, Johann von Luxemburg, 1319 die westliche Oberlausitz errungen. „1373 erhielt Karl als böhmischer König im Vertrag von Fürstenwalde die volle Verfügungsgewalt über die Mark Brandenburg.“ Er habe dafür 500 000 Gulden und einige Schlösser und Städte in der Oberpfalz hergegeben. Damit habe für sein Haus, das der Luxemburger, eine zweite Kurwürde erhalten. Zudem sei die Mark im sogenannten Landbuch statistisch möglichst genau erfaßt worden, um somit auch Steuern effizienter einnehmen zu können. Wichtig sei Karl IV. erschienen, daß man mit der Elbe eine wichtige Verbindung von Böhmen zur Nordsee habe. Im Norden sei Karl IV. auf die Hanse

Harte Kriege und lichte Blicke ten nach Prager Sitte“. Später sei es in der Mark Brandenburg unruhig geworden, bis die Hohenzollern 1415 das Kurfürstenamt übernommen hätten. „Die Erben Karls IV. konnten seine nördlichen Gebiete nicht erhalten.“ Weiter ging es mit dem Auseinandersetzungen unter Friedrich  II., dem Großen, und der

Habsburger Erzherzogin Maria Theresia. Samerski schilderte hier besonders den Zweiten Schlesischen Krieg (1744/45), bei dem Friedrich Prag einnahm und bis Budweis und Tabor gelangte, sich jedoch zurückziehen mußte. Das Ringen um Schlesien sei auch im Siebenjährigen Krieg

(1756–1763) fortgesetzt worden, in dem Preußen wieder in Prag einmarschiert sei. Die Schlachten von Kolin (1757) und Kunersdorf (1759) seien jedoch verheerend für Preußen ausgefallen. Der Dualismus zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Preußen habe sich dann auch im Deutschen Krieg

Das Reich unter Karl IV., der 1373 die Mark Brandenburg dazu gewann und es weiter ausdehnte. Video: https://www.youtube.com/watch?v=yCUdVntwCCE

gezeigt, als in der Schlacht bei Königgrätz am 4. Juli 1866 Österreich besiegt worden sei, was zur kleindeutschen Reichsgründung 1871 geführt habe. Schließlich beschrieb Samerski noch etwas „Wunderbares und Erfreuliches“ in den historischen Beziehungen zwischen Preußen und Böhmen, und zwar die zweite Heirat von Friedrich Wilhelm  III. (1770–1840) der nach dem Tod der beliebten Königin Luise lange Witwer geblieben war. „1822 lernte er bei der Kur in Teplitz die 30 Jahre jüngere Auguste Harrach kennen.“ Mit der nicht standesgemäßen und katholischen Gräfin habe er jedoch nur eine morganatische Ehe eingehen können. „Im November 1824 heirateten sie geheim in Berlin.“ Die zur Fürstin von Liegnitz erhobene Auguste sei von der Hofgesellschaft geschnitten worden, auch wenn sie sich allmählich Respekt verschafft habe. Dennoch habe sie an der Beerdigung ihres Mannes nicht teilnehmen dürfen, mit dem sie auch fast nie gemeinsam portraitiert worden sei. Friedrich Wilhelm III und seine erste Frau Luise seien in einer Gruft des Mausoleums im Schloßpark Charlottenburg beigesetzt. „Und auch Auguste ist dort zur ewigen Ruhe gebettet und auf einer Plakette auf dem Grabmal erwähnt“, schilderte Samerski diesen zweiten Lichtblick der Geschichte(n) zwischen Böhmen und Preußen. Susanne Habel


Das oberbayerische Waldkraiburg ist eine der fünf bayerischen Vertriebenenstädte und entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Waldkraiburgs Stadtarchivar Konrad Kern widmet sich einem der ältesten Dokumente über die Stadtgründung.

I

m Nachlaß von Gründungsbürgermeister Hubert Rösler (1900–1981) verwahrt das Stadtarchiv seit 2010 im Akt Nr. 1 auf Durchschlagpapier eines der ältesten Dokumente über die Gründungsgeschichte von Waldkraiburg. Es handelt sich um eine 76 Jahre alte Denkschrift von Emil Lode. Zum Verständnis und zur historischen Einordnung des Schriftstücks hier einige Anmerkungen über das Leben von Emil Lode und die Nachkriegsjahre. Emil Lode kam am 2. August 1906 in der nordböhmischen Glasstadt Haida als zweiter von vier Söhnen des Glasveredlers Gustav und dessen Frau Berta zur Welt. Er besuchte die Bürgerschule und machte eine Lehre als Bauschlosser. Nach Wehrdienst und Tätigkeiten in mehreren Betrieben gründete er 1930 als Lastwagenfahrer einen der ersten motorbetriebenen Speditionsbetriebe in Böhmen. Lode war geschäftstüchtig und vergrößerte in den folgenden Jahren sein Unternehmen. 1931 heiratete er Martha Puschmann aus Böhmisch Leipa. Sie hatten die Söhne Walter, Helmut, Dieter, Arnulf und Herbert. In Vorahnung tschechischer Racheakte an Sudetendeutschen brachte er seine Familie noch vor Kriegsende nach Birnbach in Niederbayern in Sicherheit. Lode selbst fuhr aber noch einmal nach Nordböhmen zurück. Mit viel Glück entkam er tschechischen Soldaten und kehrte vorwiegend zu Fuß über Sachsen zu seiner Familie zurück. Am 3.  Mai 1945 besetzten amerikanische Einheiten das Pulverwerk Kraiburg der Deutschen Sprengchemie (DSC). Sie legten es still und entließen die Belegschaft. Nun gab es keine Werksverwaltung mehr, und das Gelände war schutzlos. Das verleitete Ausländer wie Deutsche zu spontanen Plünderungsaktionen. Die rasch wechselnden Militäreinheiten begünstigten diese Entwicklung. Im Sommer 1945 verursachte ein unachtsamer USA-Soldat eine schwere Explosion. Mehrere Männer starben. Das veranlaßte die Militärregierung, wieder eine provisorische deutsche Werksverwaltung einzustellen. Die zwei früheren leitenden DSC-Mitarbeiter Bernd Meppen und Carl Ringe wurden Custodians genannte Verwalter. Mit einer kleinen Belegschaft begannen sie, die gröbsten Bombenschäden auf dem Gelände zu beheben und das Werk in seinem Bestand zu erhalten. Bald überlegten sie, wie man das weitläufige Areal schnell zivilen Zwecken zuführen könnte. Sie baten die neue Bayerische Staatsregierung, bei der USA-Militärregierung Einfluß zu nehmen, das Werk für die Ansiedlung von Firmen nutzbar zu machen. Bereits 1945 entstand in München die Hilfsstelle für Flüchtlinge aus den Sudetengebieten, eine von der Bayerischen Staatsregierung geförderte Gruppe von Sudetendeutschen unter der Leitung von Walter Becher (* 1912 in Karlsbad, † 2005 in Pullach). Die Hilfsstelle versuchte, die nach Bayern vertriebenen Sudetendeutschen gezielt und konzentriert an verschiedenen Orten anzusiedeln. Vermutlich informierte das Bayerische Wirtschaftsministerium die Hilfsstelle über das Pulverwerk Kraiburg. In der Folge begegneten sich der nach einer neuen Existenz suchende Emil Lode und Walter Becher. Beide kannten sich vom Jugendverband des Sudetendeutschen Wandervogels. Am 26.  März

9

ZEITGESCHICHTE

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

� Dokumentation über die Gründung der Vertriebenenstadt Waldkraiburg in Oberbayern – Teil I

Der Kampf um Wohn- und Arbeitsraum

Politische Bedeutung des Projekts Kraiburg

Deutlich sieht man auf diesem Luftbild Waldkraiburgs Lage mitten im Wald und nahe des Inns. 1946 besichtigte Lode als erster Heimatvertriebener das Werksgelände. Am 4. April formulierte er eine erste Denkschrift über die Ansiedlung von Sudetendeutschen, vornehmlich für die aus Nordböhmen vertriebenen Glasarbeiter. Er bezieht sich in dieser Denkschrift im ersten Satz eindeutig darauf. Leider ist dieses Dokument verschollen. Die Vertriebenen des ersten organisierten Transports von Sudetendeutschen wurden am 23. April 1946 in den leeren Holzbaracken – heute Waldkraiburg-Süd – einquartiert. Dieses Flüchtlingslager diente bis 1951 als Massenunterkunft und Durchgangslager. Bayerns Staatsregierung erwirkte bei der Militärregierung, daß das Werksgelände ab Juni 1946 für die Besiedlung freigegeben wur-

de. Allerdings war diese Zusage noch nicht endgültig, sondern mit vielen Auflagen, Rückschlägen und Unsicherheiten verbunden. Deshalb verfaßte Emil Lode am 1. November 1946 eine zweite Denkschrift „Denkschrift über das Projekt Kraiburg im Zusammenhang mit dem gesamten Flüchtlingsproblem“ und schickte sie allen wichtigen Entscheidungsträgern.

Gegenwärtige Situation des Projekts „In einer bereits früher übermittelten Denkschrift wurde die Lage des Werkes Kraiburg, das früher der Deutschen Sprengstoffchemie gehörte, eingehend aufgezeigt. Dort waren grundsätzlich die Möglichkeiten geschildert worden, dieses große,

mit den modernsten Einrichtungen wie Fernheizung und so weiter ausgerüstete Werk zur Begründung einer Flüchtlings-Industriesiedlung auszuwerten. Irgendwelche positiven Maßnahmen sind jedoch bisher von Seiten der maßgebenden staatlichen Stellen nicht erfolgt. Im September 1946 wurde das Werk von den Amerikanern, nachdem es schon stillschweigend freigegeben worden war, neuerlich beschlagnahmt. Den bereits in das Gelände eingewiesenen etwa 20  Firmen wurde verboten, bis zur Beendigung der Abbrucharbeiten mit der Produktion zu beginnen. Für Mitte November 1946 ist die Sprengung von weiteren 14 Pressenhäusern sowie der Unfallrettungsstation des Werkes geplant.

gungen keinerlei militärischen Wert mehr haben. l Das Werk müßte nach Abschluß der Abbrucharbeiten offiziell freigegeben werden, denn an und für sich zur Ansiedlung bereite Firmen sind nicht geneigt, Kapital zu investieren, solange die Zukunft des Werksgeländes ungeklärt ist. So haben beispielsweise Firmen der Haidaer Hohlglasindustrie, die jährlich eine Viertel Milliarde Goldmark in Devisen einbrachte, die Ansiedlung in Kraiburg, die auch vom Wirtschaftsministerium gefördert worden war, im Hinblick auf die gegenwärtig noch ungeklärte Lage abgelehnt. l Zumindest für die bereits eingewiesenen Firmen müßte erreicht werden, daß zugleich mit den Abbrucharbeiten auch die notwendigen Aufbauarbeiten eingeleitet und zum Teil auch durchgeführt werden können. Damit könnten die noch zur Verfügung stehenden zwei Vorwintermonate zu Bauarbeiten ausgenützt werden. Ohne allzu großen Kapitalaufwand ist es möglich, durch die Ansiedlung geeigneter Industrien in Kraiburg Arbeit für Tausende von Menschen zu schaffen. Diese Menschen müssen untergebracht werden. In unmittelbarer Nähe des Werkes befinden sich die Wohnlager Pürten I mit einem Fassungsraum von rund 600 und Pürten II mit einem Fassungsraum von rund 1000 Personen. Beide Lager, die bisher von der UNRRA [Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen] belegt waren, sind gegenwärtig zum größten Teile geräumt. Jedoch verlautet, daß die UNRRA eine neuerliche Belegung ins Auge faßt. Im weiteren Umkreis des Werkes Kraiburg gibt es zur Zeit keine Unterbringungsmöglichkeiten für eine größere Anzahl von Menschen. Ohne Arbeiter, die halbwegs menschenwürdig untergebracht sein müssen, ist jedoch die Ingangsetzung des Werkes selbstverständlich unmöglich. Daraus ergibt sich die selbstverständliche Forderung, alles daranzusetzen, daß eine neuerliche Belegung dieser Lager durch die ­UNRRA unterbleibt. Da die DPs [Displaced Persons] ohnehin nichts arbeiten, ist es nicht notwendig, daß sie in unmittelbarer Nähe des Werkes untergebracht sein müssen. Sie können ebenso gut in irgendwelchen anderen Lagern untergebracht werden, die im Laufe der Zeit ja auch frei geworden sein müssen. Die Werksarbeiter aber müssen natürlich in der Nähe ihrer Arbeitsplätze leben. Sollte es nicht möglich sein, die Räumung beider Lager, beziehungsweise deren Freigabe zu erreichen, müßte dennoch alles daran gesetzt werden, um wenigstens das größere Lager für die Werkssiedlung freizubekommen, damit hier Flüchtlinge angesiedelt werden können, so daß das Projekt Kraiburg überhaupt erst gestartet werden könnte.“

In jedem Pressenhaus können ohne große Umbauten je 500 Quadratmeter Produktionsfläche gewonnen werden. Außerdem kann sehr leicht durch Aufstockung umfangreicher Wohnraum gewonnen werden. Die ebenfalls zur Sprengung vorgesehene Unfallrettungsstation des Werkes kann durch Aufstockung zu einem großen Krankenhaus ausgebaut werden, wobei eine große Anzahl der erforderlichen Einrichtungen, zum Beispiel die gesamten notwendigen Elektroeinrichtungen, vorhanden ist. Um die sinnlose Zerstörung unersetzlicher Werte zu vermeiden, ist viel notwendig. l Die Sprengung muß verhindert werden, da es sich um Objekte handelt, die nach den im Werke vorgenommenen Spren-

„Das Projekt Kraiburg wird nachgerade zum Prüfstein dafür, in welchem Sinne die Regierung die Lösung des Flüchtlingsproblems anzugehen gedenkt. Selten werden die Voraussetzungen zur Industriesiedlung so günstig liegen wie in dem mit den modernsten technischen Anlagen ausgerüsteten Werk Kraiburg. Unter den Flüchtlingen wird die Beunruhigung darüber, was mit ihnen eigentlich geschehen soll, von Woche zu Woche größer. Gerade diese Flüchtlinge lehnen es ab, auf die öffentliche Fürsorge angewiesen zu sein. Aus der Art ihres Charakters verlangen sie nach Arbeit, um wieder selbstverantwortlich für ihr Schicksal zu werden und dadurch den verheerenden Gefahren der Demoralisierung zu entgehen.“ Fortsetzung folgt


10

AUS DER HEIMAT

Die bedeutendsten Söhne des Igellandes, nämlich der Komponist und Dirigent Gustav Mahler (*  7. Juli 1860 in Kalischt, † 18. Mai 1911 in W ­ ien) sowie der Architekt und Designer Josef Hoffmann (*  15.  Dezember 1870 in Pirnitz, † 7. Mai 1956 in Wien), sind zwar weltweit bekannt, aber am wenigsten in ihrer Heimat. „Beide bemühten sich in Wort und Tat um die Vereinigung der Kunstgenres im Wagnerschen Sinn“, meint der Iglauer Zdeněk Geist. Hier bietet er interessante Zeugnisse von der Beziehung zwischen Mahler und Hoffmann.

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

� Sprachinsel Iglau: Mahler und Hoffmann sind mehr als nur Landsleute in Wien – Teil II und Schluß

Zeitgenossen der Zukunft

I

m Fall des Palais Stoclet nahm die Idee des Gesamtkunstwerks eine fast absolute Gestalt an. Die Kunsthandwerker aus der Wiener Werkstätte entwarfen nicht nur Gegenstände für die Innenausstattung der Villa. Sie entwarfen sogar Kleidung für die Bewohner. Die Präsentation eines Kunstwerks als Teil des Gesamtkonzepts, die untrennbare Einheit von Musik, Literatur und bildender Kunst beschäftigte Mahler schon lang. Mahlers Weg zur bildenden Kunst war nicht vollkommen geradlinig. Und er bevorzugte Literatur oder Philosophie. Dennoch schreibt er Artur Seidel 1897: „Wenn ich ein großes musikalisches Gemälde konzipiere, komme ich immer an den Punkt, wo ich mir das Wort als Träger meiner musikalischen Idee heranziehen muß.“ Mahler meint seine eigenen Kompositionen. Wenn man die Symphonie als Synthese der Musikkunst betrachtet, will Mahler auch andere, nicht nur rein musikalische Mittel in seinen Werken verwenden. Einige Jahre später erwähnt er in einem Gespräch mit seiner künftigen Frau Alma, daß seine vierte Symphonie wie ein altes Bild auf Gold-Hintergrund wahrgenommen werden sollte. Für Alma, die mit zwei hervorragenden Malern in einem Haushalt lebte, war es ein überaus verständlicher Vergleich. Mahler lernte in Wien die künstlerischen Konzepte der Secession sowie die Werke ihrer namhaften Vertreter kennen. Dank Alma und deren Stiefvater Carl Moll machte er sich mit vielen Künstlern persönlich bekannt. Und einen von ihnen, den aus Brünn stammenden Alfred Roller, Hoffmanns Kollege an der Kunstgewerbeschule und ebenfalls ein Präsident der Secession, engagierte er nach mehrmonatiger Zusammenarbeit als Bühnenbildner der Hofoper. Nach den Erinnerungen Alma Mahlers lernten sich die Männer 1902 in der Villa Moll auf der Hohen Warte kennen. Seitdem inszenierten sie gemeinsam Opern. Die erste war Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Die Verknüpfung von Musik, Wort, Bühnenbild und Licht zu einer sich ergänzenden Gesamtheit schuf eine ungewöhnliche, moderne Theaterproduktion und weckte Interesse. In Mahlers Auffassung sollten alle modernen Kunstgattungen zusammenwirken und der Theaterbühne dienen. Obwohl solche Einbeziehung musikalischer Elemente in das gesamte, harmonische Bühnenbild nicht immer ohne Vorbehalte angenommen wurde, war Mahlers Auffassung der Oper als Gesamtkunstwerk ein wichtiger Wendepunkt in der Theaterproduktion und wurde begeistert begrüßt. Diese Begeisterung zeigte sich bereits 1902, als Mahler und Hoffmann bei der Vorbereitung der Secessionsausstellung eng zusammenarbeiteten. Hoffmann gestaltete bei der XIV. Secessionsausstellung im Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, das der aus Troppau stammende Architekt Josef Maria Olbrich entworfen hatte, die Ausstellungsräume als har-

Ab 1901 baute Josef Hoffmann in Wien auf der Hohen Warte eine Künstlerkolonie. Dies ist das Doppelhaus für Koloman Moser und Carl Moll. monische Gesamtheit, an der mehrere Künstler beteiligt waren. Dies entsprach auch Mahlers Herangehen bei Operninszenierungen. Die Musik war zwar das tragende Element, jedoch nicht die einzige Komponente des Bühnenbildes. Die Ausstellung war eine Hommage an Ludwig van Beethoven, dessen Standbild vom Leipziger

in der Auenbruggergasse 2, wo sich der Komponist 1898 bis zu seinem Weggang nach New York aufhielt. Auch hier finden wir einen indirekten Bezug zu Josef Hoffmann. Das Haus, in dessen viertem und höchstem Stockwerk sich die Wohnung der Mahlers befand, hatte der Architekt, Städteplaner und Architekturtheoretiker Otto Wagner entworfen. Hoffmann gehörte zu seinen Schülern und wurde in den 1890er Jahren zu seinem Mitarbeiter. Otto Wagner wohnte in unmittelbarer Nähe der Familie Mahler, im Haus Nr. 3. Dort war auch Wagners Atelier, das Hoffmann oft besuchte. Wagners „reizvolles Wohn- und Atelierhaus am Rennweg mit den beiden flankierenden Wohnhäusern imponierte uns besonders“, erinnerte sich Hoffmann später. Das Gebäude vom Anfang der 1890er Jahre zählte zu den modernsten Bauwerken Wiens. Das Ehepaar Mahler besuchte in diesen Jahren oft Almas Eltern auf der Hohen Warte. Dies wurde auch ab 1907 in einem anderen, von Hoffmann für die Familie Carl Molls geplanten Haus fortgesetzt, das in der Nähe des ersten Wohnhauses entstand. Hier fanden Alma und Gustav Mahler Zuflucht bei ihren Wien-Aufenthalten in den Jahren 1909 bis 1911. Alles, einschließlich des Gartens, trug Hoffmanns Handschrift. Das Haus befand sich in einem eleganten Stadtteil, dessen Bewohner eine Aussicht auf die nahen Weingärten und den nahen Wiener Wald hatten. Im Haushalt seines Schwiegervaters war Mahler nicht nur von Hoffmanns Architektur, sondern auch von den kunsthandwerklichen Gegenständen der Wiener Werkstätte umgeben. Für Al-

ma bestellte er bei Hoffmann ein köstliches Diadem. Dies tat er in den Monaten der Entfremdung, als Alma ein Liebesverhältnis mit dem deutschen Architekten Walter Gropius begann. Kurz darauf, im Mai 1911, wurde Hoffmann nach dem Tod Mahlers mit dem Entwurf für seinen Grabstein beauftragt. Dieser schlichte, jedoch eindrucksvolle Stein steht auf dem Friedhof in Grinzing nahe der Hohen Warte. Ein großer Architekt verabschiedete sich so mit dem irdischen Dasein eines genialen Komponisten. Die Namen der zwei Iglauer Bildhauer Max Klinger (1857– bleiben in dieser letzten Ehrener1920) der Schwerpunkt wurde. weisung für ewig verbunden. Die Beethoven war für die SecessiForm des Grabmals mit herausonsmitglieder mehr als nur ein ragendem Namen des Komponihervorragender Komponist. Für sten steht in sonderbarem Konsie war er ein Künstler, der mit trast zu der musikalischen Vielseinem Werk und seinen Ideen falt seiner Werke. seiner Zeit voraus war. Mit seiner Zu den oft zitierten Aussagen Musik, ihren Inhalten und ForGustav Mahlers gehören folgenmen setzte er sich für die Freiheit de, die Wahrnehmung seiner des Menschen und der Kunst ein, Identität bezeugenden Worte: ähnlich wie die Künstler der Se„Ich bin dreifach heimatcession. los: als Böhme unter den Auch Beethoven hatte großen Österreichern, als ÖsterWert auf den Inhalt seiner Musikreicher unter den Deutwerke gelegt, indem die traditioschen und als Jude in der nelle Musikform in den Hinterganzen Welt.“ grund trat. Gustav Klimt – vom Die Beziehung zwischen den Chor aus Beethovens Neunter Namen Mahler und Hoffmann Symphonie inspiriert – gestalfand auch nach 1911 ihre Fortsettete für die Ausstellung den bezung. Alma bezog 1931 mit ihrem rühmten Beethoven-Fries, der zu dritten Ehemann, dem Schriftden Höhepunkten seines Schafsteller und Prager Deutschen fens gehört. Franz Werfel, eine weitere Villa, Auch Werke von Roller und die nach den Plänen Hoffmanns Hoffmann waren hier vertreauf der Hohen Warte entstanden ten. Hoffmann erstellte auch das war. Das war die Villa Ast, nach Konzept der Ausstellung. Seine dem ersten Besitzer Eduard Ast Gestaltung der Ausstellungsräubenannt, der dieses Haus 1909 bis 1911 bauen ließ. Nach 20 Jahme und gedankliche Verknüpren mußte Ast die in der nächfung mit Beethovens Werken bilsten Nähe des zweiten Hauses deten einen würdigen Rahmen Moll stehende Villa aus ökonofür die Aufführung des von Mahmischen Gründen verkaufen. ler bearbeiteten Finalsatzes der Alma Mahler-Werfel errichteNeunten Symphonie. Sie wurde te hier einen großartigen Künstzum Höhepunkt dieser Secessilersalon, den führende Peronsausstellung. sönlichkeiten der Kultur und Die ursprünglich einige des öffentlichen Lebens beMinuten währende Chormusuchten. Hier standen auch sik wurde für sechs Posaudie Gustav-Mahler-Büste nen instrumentalisiert. Davon Auguste Rodin und Vibei standen der Dirigent und trinen mit Mahler-Partituren. die Musiker bei der AuffühNach dem Anschluß Österrung auf den Treppen der reichs 1938 verschwanden Eingangshalle. Die Verknüpdie mahlerschen Andenken fung der modern bearbeiteaus der Villa, weil Alma und ten klassischen Musik mit Franz Werfel ins Exil ginmodernen bildenden Kunstgen. Legendär wurde der Abwerken, als Gesamtkunstschiedsabend, den die Werwerk innerhalb eines einfels im Juni 1937 für 150 Gäfallsreichen Ambientes darste veranstalteten. geboten, war eine Attraktion, 1945 endeten die langen die das damalige Wien vorkünstlerischen und familiher nicht erlebt hatte. ären Beziehungen. Almas Im März 1902, also noch Stiefvater Carl Moll beging vor der Beethoven-AusSelbstmord, in dessen Wohnstellung, heirateten Alma Schindler und Gustav Mah- Der von Josef Hoffmann gestaltete Stein für häusern Gustav Mahler um ler. Das Paar lebte in Mah- Gustav Mahlers Grab auf dem Friedhof in die junge Alma geworben und der ihm die Kontakte zur lers Wohnung am Rennweg Grinzing.

Eine Hommage an Ludwig van Beethoven

Wiener Secession vermittelt hatte. In den USA starb Almas dritter Mann Franz Werfel, in Paris starb Berta Zuckerkandl, in deren Salon sich Gustav Mahler und Alma Schindler kennengelernt hatten. Auch die Beziehungen Hoffmanns zu seinem Heimatort Pirnitz und seinem Geburtshaus wurden abgebrochen, was Hoffmann kaum ertrug. 1945 war Auftakt zu einer Ära, in der die großen Söhne des Igellandes Gustav Mahler und Josef Hoffmann in der Tschechoslowakei langsam in Vergessenheit gerieten. Sie sprachen die Sprache der deutschen Feinde, ihre künstlerische Ausdrucksweise ging nicht mit der beginnenden sozialistischen Ästhetik konform. Die Ideologen störten auch die Bindungen der Künstler an Auftraggeber aus Unternehmertum und Bourgeoisie. Mahler, obwohl vordergründig nicht erkennbar, war nicht nur Zeitgenosse der Secessio-

sollten. Mahlers These „Die Symphonie muß wie die Welt sein, sie muß alles umfassen“ korrespondiert mit Hoffmanns Vorstellungen von der Gebäudeund Raumarchitektur, in der sich Schönheit und Zweckmäßigkeit zu einer harmonischen Gesamtheit verbinden. Mahler leitete seine Orchester so, daß jedes Instrument herausragte und trotzdem der großen Linie der Komposition untergeordnet war. Ähnlich verfuhr Hoffmann. Das von ihm entworfene Bauwerk war nur dann harmonisch, wenn es aus durchgearbeiteten Baudetails und Ausstattungsgegenständen bestand. Eines der ersten Beispiele war 1899 der Umbau des Landhauses Berghöhe für den Industriellen Paul Wittgenstein. Mahler litt anfänglich darunter, daß er nur als Kapellmeister wahrgenommen wurde, auch Hoffmann wollte sich nicht mit der Rolle eines Architekten zufrieden geben. Beide wollten mehr. Sie wollten neue Kunstrichtungen prägen und für ihre künstlerischen und geistigen Nachfolger bahnbrechend wirken. Sie beanspruchten für die Umsetzung ihrer Kunst einen übernationalen Raum und wurden und werden wohl mehr im Ausland geschätzt als in ihrer Heimat. Ihre Kunst ist nicht einfach zu verstehen, insbesondere bei Mahler, wegen der tief verborgenen Inhalte seiner Musikwerke. Mahler wollte übrigens gar nicht von seinen „Nachbarn“ verstanden werden. Einen Monat nach ihrer ersten Begegnung schreibt er Alma: „Ich habe seit jeher Ehrgeiz gehabt – aber ich habe nicht nach Ehre gegeizt, die mir meine Nachbarn, Zeitgenossen geben können. Aber von meinesgleichen verstanden, gewürdigt zu werden, selbst wenn ich dergleichen nicht finden sollte (und in der That sind sie ja nur außer Zeit und Raum zu suchen), darnach habe ich immer gerungen; und es soll auch von nun an mein höchstes Lebensziel sein! Und weißt Du, um sich diesen Lohn zu gewinnen, diesen Ehrenkranz, muß man auf den Beifall der Menge, ja selbst auf [den] der Guten, Hohen (die eben auch manchmal nicht mitkönnen) verzichten  … Ja, leider ist es mir nur zu sehr bewußt, daß das bißchen Respekt, das ich mir erworben, vielleicht nur einem Mißverständnis … zuzuschreiben ist. – Ich rede natürlich nicht von meiner Tätigkeit als Direktor oder Kapellmeister; dies sind schließlich im höchsten Sinne Fähigkeiten und Verdienste doch nur untergeordneter Art.“ Diese Worte schrieb er als Dirigent und Direktor der Wiener Hofoper, der einige Jahre lang auch die Wiener Philharmoniker leitete. Kurt Blaukopf bezeichnete Mahler als Zeitgenossen der Zukunft. Eine prägnante Bezeichnung. Es war schwierig, ihn vor 100 Jahren zu verstehen. Auch heutzutage ist das nicht einfach, weil die Rezeption seiner Musik und Gedankenwelt, was nahezu in gleichem Maße auf Hoffmanns Werk zutrifft, auf tschechischem Boden mit einigen Dutzend Jahren Verspätung kam. Obwohl den beiden Künstlern formelle Anerkennung in ihrer Heimat entgegengebracht wurde, wäre es natürlich wichtiger, auch mit den Inhalten ihrer Werke Schritt zu halten. Sicherlich verdienstvoll, aber auch einfacher ist, Straßen, Häuser oder was auch immer nach Mahler oder Hoffmann zu benennen. Viel schwieriger ist jedoch, an ihre Gedankenwelt heranzutreten und ihre Werke zu verstehen. Auch deshalb sollten sie nicht nur als Landsleute, sondern als Zeitgenossen in unterschiedlichen Kunstgattungen wahrgenommen werden, deren Laufbahnen sich überschnitten und ergänzten.

Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit nisten, sondern auch deren geistiger Mitstreiter. Die Ähnlichkeit zwischen Mahlers künstlerischer Vorgehensweise und den hoffmannschen Ideen des Gesamtkunstwerks ist deutlich. Die künstlerische Synthese im Sinne des Gesamtkunstwerks sollte nach der Auffassung beider Künstler einen neuen Impuls für die Öffentlichkeit liefern. Sie sollte das Motto der Wiener Secession „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ erfüllen. Sie betrachteten die Kunst als eine breite Komposition, die sich nicht nur mit der gegenwärtigen Sichtweise auseinandersetzt. Auch der Alltag und die Natur sollten in die Kunst integriert werden. Sie brauchten für ihre künstlerische Ausdrucksweise ein breiteres musikalisches und gestalterisches Instrumentarium. Dies zeigte sich sowohl bei Mahlers Symphonien und Opernaufführungen, als auch bei Hoffmanns Auffassung der Architektur als geschlossene innere und äußere Einheit. Für sie brauchte das Gesamtkunstwerk eine grundsätzliche, schöpferische Herangehensweise. Mahler änderte die traditionelle symphonische Form, genauso wie es die Secessionisten in der bildenden Kunst taten. Mahler und Hoffmann waren Träger neuer Impulse in ihren Bereichen, wobei der Inhalt und die Form ihrer Kunstwerke nicht nur kulturelle, sondern auch gesellschaftliche Themen spiegeln


Reicenberger Zeitung

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

Stadt und Kreis Reichenberg

Kreis Deutsch Gabel

Nordböhmi[e Um[au

Redaktion: Nadira Hurnaus, Baiernweg 5, 83233 Bernau, Telefon (0 80 51) 80 60 96, eMail rz@sudeten.de

11

Kreis Friedland

Kreis Gablonz

� Willi Sitte aus Kratzau und Egon Mallmann aus Mallersdorf

Ein Maler und sein Mäzen 1974), gebore- te. Das Schulgeld bezahlte der war er in junne Kaban, war Textilunternehmer Egon Mall- gen Jahren Dienstmädchen mann. Sitte wurde zum Muster- noch wähund Hausfrau. zeichner ausgebildet und sollte rend der ErDie Eltern der dann in der Teppich- und Dec- sten Tschechovielköpfigen Fa- kenfabrik I. Ginzkey in Maffers- slowakischen milie betrachten dorf – heute ein Stadtteil von Republik Mitdas Ansinnen Reichenberg – eingesetzt wer- glied der Komihres Sohnes zu den. In der Bibliothek des Muse- munistischen malen zunächst ums lieh er sich die Bände „Klas- Jugend, der mit Argwohn. siker der Kunst“ aus und be- KonsumgenosAuf den Fami- zeichnete diese Quelle später senschaft, des lienbildern in als seine eigentlichen Lehrmei- Bundes der Soder Ausstellung, ster. Nebenbei verdient sich Sit- wjetfreunde darunter eines te als versierter Zeichner mit Il- und des Arbeivor dem Haus lustrationen, mitunter auch Ka- ter-Turn- und der Familie Am rikaturen für die Reichenberger Sportvereins Görsbach 6 in Zeitung etwas dazu. Mit diesem gewesen, mit Unterkratzau, Geld kauft sich der junge Sitte anderen prosind es immer sein erstes eigenes Buch: ein Al- testierenden sechs Kinder, bum mit Arbeiten von Wilhelm Mitschülern fünf Buben und Busch. den Verweis eine Schwester. Nach seinem Abschluß in Rei- von der SchuJosef Sitte ist chenberg verfügte sein Gönner le und die Einzwischen 1902 berufung zum und 1921 MitKriegsdienst. glied der SozialNach halbdemokratischen jähriger AusPartei und gebildung in WeWilli Sittes Portrait von Franz Kafka war eine Auftrags- hört wie sein Vasel ging es im arbeit und entstand nach 1963. ter Franz SitSommer 1941 te (1854–1943) an die Ostfront. Der Kratzauer Maler Wilhelm zur Gründungsgeneration der Ab Lemberg „Willi“ Sitte (1921–2013), der Kommunistischen Partei der im Fußmarsch in der „DDR“ eine so atembe- Tschechoslowakei in Kratzau. bis ins Donezraubende wie schillernde Kar- Dort war Franz Sitte noch als Sobecken in der riere auch als Kunst-Funktionär zialdemokrat Bürgermeister war. Ukraine als machte, hätte am 28.  Februar Josef Sitte saß für die KPČ zwiSoldat untervor einem Jahr 100. Geburtstag schen 1921 und 1938 im Gemein- Willi Sitte 1940. wegs, erkrankgefeiert (Þ SdZ 15/2021). Aus derat, im Ortsschulrat und in den te er im Mai diesem Anlaß läuft bis 6. Febru- Sitzungen des Sparkassen-Aus- Egon Mallmann allerdings, daß 1942 schwer ar im Kunstmuseum Moritzburg schusses. Er war für viele Jahre Sitte doch noch an eine Hoch- an Gelbsucht in Halle an der Saale die Sonder- auch Oberkommandant der Frei- schule zur weiteren Ausbildung und wurde ausstellung „Sittes Welt“ (Þ SdZ willigen Feuerwehr in Kratzau. gehen sollte. Mallmann vermit- wiederholt in 51/2021). Zu deren BegleitmateWilli besuchte die vierklassi- telte den Besuch der Hermann- verschiederialien zählen ein Katalog und ge Knabenvolksschule, danach Göring-Meisterschule für Ma- nen Lazaretdas Buch „Willi Sitte. Künstler die dreiklassige Bürgerschule in lerei in Kronenburg in der Eifel. ten gesundund Funktionär. Eine biographi- Kratzau und 1935/36 eine tsche- Dort arbeitete Sitte an maßstäb- gepflegt. Dort sche Recherche“ von Thomas chische Schule in Český Brod/ lichen Kartons nach Entwürfen wurde er imBauer-Friedrich und Paul Kai- Böhmisch Brod 30 Kilometer öst- des Schulleiters Werner Peiner mer wieder als ser. Dieses Buch dokumentiert lich von Prag, um sein Tsche- für großformatige Gobelins für Maler eingeerstmals Sittes böhmische Wur- chisch zu verbessern. Aufgefal- Adolf Hitlers Reichskanzei und setzt. So malte zeln umfassend und aus unter- len durch sein Zeichentalent, für Hermann Görings Carinhall. er das mittler- 1961, 1963, 1967 und 1974 porträtierte Willi Sitte seine Eltern. Dies ist sein zweites ElternbildBilder: Ulrich Miksch schiedlichen Quellen. geht er ab 1936 für drei Jahre in Ein Protestschreiben gegen weile zerstörte nis von 1963, das seine Eltern als Bauern einer LPG zeigt. die Kunstschule des Nordböhmi- die militärähnlichen Arbeits- Wandbild „Die us Kratzau kamen viele Ma- schen Gewerbemuseums in Rei- und Lebensbedingungen an der Schlacht bei Liegnitz“. In Küstrin 1944 im Frühjahr an der AusstelAm 12. August kehrte er nach ler. Im Schatten der boomen- chenberg, die im Keller unterge- Schule brachte dem kommuni- malte er ein ganzes Offizierskasi- lung „Sudetendeutsche Graphik Kratzau zu den Eltern zurück, um den Industriemetropole Reichen- bracht war und Schulgeld koste- stisch geprägten Sitte, immerhin no aus. Immer wieder war er pha- der Gegenwart“ im Künstlerhaus die Übersiedlung in die Sowjetiberg mit ihren zahlungssenweise zu Hause in Kratzau. Im in Wien sowie der Jubiläumsaus- sche Besatzungszone, wo sein kräftigen Unternehmern Oktober 1942 beteiligte er sich stellung des Metznerbundes in älterer Bruder Ernst Sitte schon fanden auch viele Künstseit Anfang 1946 als Neubauan der Gauausstellung des Metz- Prag. ler ein Betätigungsfeld. nerbundes in Reichenberg, im Ende Mai wurde er als Soldat ernsiedler in einem ehemaligen Der berühmteste war der August/September 1943 an der nach Norditalien verlegt, dort Rittergut bei Niederorschel im in Kratzau geborene NaAusstellung „Sudetendeutsche desertierte er am 11. April 1945. Eichsfeld lebte, zu organisieren. zarener Joseph Ritter von Graphik in Reichenberg und Kö- Später wird er die Desertion um Am 20. Oktober ging unter WilFührich (1800–1876), niggrätz“, erneut an der Gauaus- fast ein Jahr vordatieren, um in li Sittes Leitung der letzte Antifadem man im Ort ein eistellung des Metznerbundes und der „DDR“ als Verfolgter des Na- Transport der Kommunistischen genes museales Kabinett ziregimes aner- Partei aus Kratzau ab. Die Eltern, eingerichtet hatte. Das kannt zu wer- die Schwester Elisa­beth, der BruFührich-Haus ist heuden. Das Ende der Franz und dessen Familie wate Bestandteil des Stadtdes Krieges er- ren dabei. museums, das zu Sittes Über Pirna ging es in ein lebte er am 29. Schulzeit alle Erstkläßler beApril unter Par- Durchgangslager in Wittenbersuchten. tisanen in Nord­ ge, von wo sie im November 1946 Sitte berichtet in seiner von italien. Deshalb nach Heiligenstadt im Eichsfeld Gisela Schirmer 2003 herkonnte er in Ita- übersiedelten. Mit seinem Bruausgebrachten Autobiogralien bleiben, ver- der Rudolf richtete sich Willi Sitphie: „Den Schlüssel dazu hatlebte den Som- te das Gartenhäuschen im Kurte der Schuster Siegel, zu dem mer in Vincen- park als Wohnung ein. Nach dem wir unsere Schuhe brachten, za, ab Herbst in Eintritt in die SED Anfang 1947 und als der merkte, wie sehr Mailand, wurde wurde er im Sommer nach Halich mich für das Museum inGasthörer an der le an der Saale berufen. Seither teressierte, nahm er mich einAccademia di lebte er dort und malte anfangs mal mit. So konnte ich mir alBrera, wohnte in für den Landesvorstand der SED les genau anschauen, und da einer Dachkam- Sachsen-Anhalt Gemälde und war der Damm gebrochen. Es mer eines Miets- Transparente. war für mich schon damals mit Im Mai 1965 zeigte Willi Sithauses seines sechs Jahren klar, daß ich MaFreundes Anto- te eine erste Einzelausstellung in ler werden wollte.“ nio D‘ Lucchi. Westdeutschland in der Neuen Mit sieben oder acht Jahren Bei einer Einzel- Münchner Galerie von Richard kopierte er Dürer-Holzschnitausstellung im Hiepe. Das war wohl ein privite, die er in einer Zeitschrift April und Mai legierter Auftritt eines Parteifand. Er zeichnete aus Man1946 in der Gal- Künstlers, der als Versuchsbalgel an Papier auf Tüten und leria Dedalo in lon aus der vermauerten „DDR“ Zeitungsränder. Der deutsche Mailand konn- in den Westen gelassen wurte er seine an die de. Auch sein aus Maffersdorf Vater Josef (1884–1976) war Renaissancema- vertriebener Mäzen Egon Mallgelernter Zimmermann und lerei erinnern- mann (1890–1980) kam vorbei, führte einen bäuerlichen Gartenbaubetrieb. Die tschechi- Anfang der Dreißiger Jahre: oben Elisabeth, Willi, Mutter Elisabeth, Gustav, Rudolf, Vater Josef, Ernst und Franz Sitte; unten Familie Sit- den Werke gut um nach dem Talent aus Kratzau verkaufen. sche Mutter Elisabeth (1890– te mit dem Großvater und dessen Bruder vor dem Haus Am Görsbach 6 in Unterkratzau. zu sehen. Ulrich Miksch

A


12

REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied. Völlig unerwartet starb nach kurzer schwerer Krankheit

Urd Rothe geborene Seeliger

* 10. Juni 1956 in Wuppertal

† 22. Dezember 2021 in Waldkraiburg

In stiller Trauer: Hans Pieke Angelika und Gabi, Töchter Rosemarie und Helmut Kneitschel Bärbel Winkler Christine und Thomas Wicke Jutta Pikart

KREIS DEUTSCH GABEL Heimatkreis und Gemeindebetreuer gratulieren den treuen RZ-Abonnenten aus dem Kreis Deutsch Gabel, die im Juni Geburtstag, Hochzeitstag, ein Jubiläum oder sonst ein Ereignis feierten und feiern, und wünschen alles Gute und Gesundheit. Heimatkreis – Geburtstage: Am 8. Inge Zelfel/ Kunze, Ortsbetreuerin von Schönbach, Drosselweg 5, 84478 Waldkraiburg, 87 Jahre, am 9. Johanna Platz/Hanisch, Gemeindebetreuerin von Krombach mit den Ortsteilen Juliusthal und Schanzendorf, KarlHalbig-Straße 37, 99887 Gräfenhain, 80 Jahre, und am 24.

Walter Seidel, Ortsbetreuer von Brins, Zscherbener Straße 9, 06124 Halle, eMail waseidel24 @yahoo.de, 82 Jahre. Herzlich danken wir unseren Gemeindebetreuern und Mitarbeitern für ihre aufopferungsvolle Arbeit für die Heimat. Othmar Zinner Kriesdorf – Geburtstag: Am 28. Franz Schäfer (Ndf. 16), Steinkuhle 5, 38304 Wolfenbüttel, 83 Jahre. Christian Schwarz Deutsch Gabel – Geburtstag: Am 27. Josef Jannoch, Arzbergstraße 49a, 98587 SteinbachHallenberg, 91 Jahre. Othmar Zinner Helga Hecht

Montag, 10. Januar, 15.00 Uhr auf dem Waldfriedhof in Waldkraiburg: Trotz Corona begleiten viele Verwandte, Freunde und Weggefährten Urd Rothe/ Seeligers letzte Reise.

Waldkraiburg

Reichenberger nehmen Abschied Tief betroffen nehmen die Reichenberger Abschied von Urd Rothe/Seeliger (* 10. Juni 1956 in Wuppertal, † 22. Dezember 2021 in Waldkraiburg), Betreuerin des Heimatkreises und Vorsitzende des Heimatkreisvereins Reichenberg Stadt und Land.

Augsburg und Reichenberg sowie bei deren Kulturtagen.

Somit war es nur folgerichtig, daß sie als Mitglied des Vor-

D

ie Vertreibung ihrer Eltern aus Reichenberg zum Ende des Zweiten Weltkrieges war mit entscheidend dafür, daß die Verstorbene zu einer überzeugten Persönlichkeit der Bekenntnisgeneration wurde. Jahrzehntelang engagierte sie sich für die Bewahrung der lebendigen sudetendeutschen Kultur, für die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen, bei der Pflege der Städtepartnerschaft zwischen

Nach Urd Rothes Beisetzung besuchen Leonhard Schleich, Stellvertretender Obmann der SL-Landesgruppe Bayern, Klaus Hoffmann, Obmann der SLLandesgruppe Baden-Württemberg und ehemaliger Heimatkreisbetreuer von Reichenberg, sowie SL-Bundesgeschäftsführer Andreas Miksch das Grab der aus Mähren stammenden Emilie Schindler, Ehefrau des Judenretters Oskar Schindler aus Zwittau.

standes des Reichenberger Heimatkreises und des Heimatkreisvereins im Jahr 2016 zur Stellvertretenden Obfrau und zur Stellvertretenden Vorsitzenden sowie 2019 zur Obfrau und zur Vorstandsvorsitzenden gewählt wurde. Mit großem Engagement setzte sie sich für die Belange der Vertriebenen und deren Nachfolgegeneration ein. Für ihr gesamtes Wirken danken wir ihr herzlich. Am 10. Januar fanden unter großer Anteilnahme Urd Rothes Aussegnung und Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof im oberbayerischen Waldkraiburg statt. Wir sprechen allen Hinterbliebenen unser tiefes Mitgefühl aus. Volker Patzelt

Friedland

Brand im alten Ärztehaus Ein Großbrand in einem jahrelang leerstehenden Gebäude in der Bahnhofstraße 769 in Friedland wurde der Feuerwehr am Sonntag, 12. September um 5.30 Uhr früh gemeldet. Als die ersten Löschzüge eintrafen, drangen bereits Flammen und schwarzer Rauch aus dem Dachstuhl.

D

as Dach des 100 Quadratmeter großen Hauses stand lichterloh in Flammen. Aufgrund der instabilen Konstruktion führten die Feuerwehrleute eine Untersuchung des Gebäudes durch. Die weiteren Löscharbeiten wurden aus Sicherheitsgründen hauptsächlich von einer Drehleiter aus durchgeführt. Dabei wurden insgesamt drei Strahlrohre eingesetzt. Um 8.37 Uhr beendete der Einsatzleiter die Löscharbeiten. Das Feuer war unter Kontrolle. Bis heute ist nicht geklärt, wer das Feuer gelegt hat. Leere Gebäude sind nicht selten Ziel ungebetener Gäste. Zwei

Feuerwehreinheiten kehrten noch am Vormittag an den Brandort zurück, um versteckte Brände zu löschen. Gleichzeitig trafen Brandursachenermittler ein und begannen mit ihrer Arbeit. Der Dachstuhl war allerdings völlig zerstört worden. Die vorläufige Höhe des Schadens am Dach wird von den Brandgutachtern auf Blick in das heute leerstehende ehemalige Ärztehaus. 500 000 Kronen geschätzt. Nur ein Haufen Asche tere Kräfte von Berufs- und Freiist von dem historischen Haus in williger Feuerwehr alarmiert. An der Nähe des Bahnhofs übrig ge- den Löscharbeiten waren die Einblieben. Der Wert des geretteten heiten der Feuerwehr aus RasVermögens beträgt angeblich penau, Reichenberg, Friedland, vier Millionen Kronen. Während Friedland-Ringenhain, Berzdorf der Löscharbeiten wurden wei- und Weigsdorf beteiligt.

Das Haus Nummer 769 in der Friedländer Bahnhofstraße vor …

Das vergessene und langsam zerfallende zweistöckige Wohnhaus, das in der Vergangenheit zu den schönsten Häusern der Stadt gehörte, war während der Ersten Republik der Tschechoslowakei bis zum Jahr 1938 im

… und nach dem Brand.

Besitz der jüdischen Ärztefamilie Altschul, die in diesem Haus gelebt hatte. Hauseigentümer war damals der Friedländer Bezirksoberarzt, Sanitäts-Oberkommissar und Zahnarzt Albert Altschul (* 29. November 1886), der das Gesundheitswesen in Friedland über viele Jahre maßgeblich mitgeprägt hat. 1938 leitete Albert Altschul die Evakuierung von Tschechen, Slowaken und deutsche Antifaschisten aus Friedland ins Landesinnere. Albert Altschul selbst verließ die Stadt erst in der Nacht vor der Ankunft der deutschen Truppen. Bevor er und seine

Frau sich dauerhaft in Prag niederließen, arbeitete er kurzzeitig noch in Münchengrätz. Am 24. April 1942 wurde das Ehepaar Altschul von Prag nach Theresienstadt und zwei Jahre später, am 19. Oktober 1944, von Theresienstadt in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und anschließend ermordet. Ihr Sohn Robert Altschul starb 1942 im Vernichtungslager Treblinka. Die einzige Überlebende war die Tochter Julie, die im Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland an einer Universität studierte. Nach dem Ausbruch des Krieges schloß sie sich als Ärztin dem ausländischen Widerstand an. Erst 1947 kehrte sie in die Tschechoslowakei zurück, emigrierte aber aufgrund der sich entwickelnden Situation erneut in das Vereinigte Königreich. Dort wurde sie eine bekannte Psychiaterin. Sie starb im November 2004. Stanislav Beran

Bilder: Stanislav Beran


REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

13

Dörfel/Kreis Reichenberg und Bubenreuth/Bezirk Oberfranken

Glocken-Läute-Ordnung von Pfarrer Wilhelm Pilz Die Pfarrkirche Mariä Heimsuchung mit Glockenturm, deren fünf Glocken im Salve-Regina-Akkord erklingen. Bild: Heinz Reiß

Auf Grund des Saiteninstrumentenbaues hat das mittelfränkische Bubenreuth den Beinamen das klingende Dorf. Daß nicht nur Saiten hell erklingen, sondern auch Glocken, hat ein Bubenreuther Bürger herausgehört und stellte uns die Frage: „Warum klingen die Glocken von Mariä Heimsuchung unterschiedlich?“ Wir sind der Frage nachgegangen.

S

eit mehr als 1000 Jahren rufen Glocken Christen zum Gottesdienst und zum Gebet. Feierliches Läuten vor Gottesdiensten, Läuten zu bestimmten Zeiten, um zu erinnern. Zu freudigen und traurigen Anlässen, zu Taufen, Trauungen und Beerdigun-

gen. Deshalb ist das Glockengeläut ein Zeichen zur Sammlung, zum Gebet und zum Beginn des Gottesdienstes. Oft haben die Glocken aber auch eine weltliche Funktion, etwa wenn sie einfach nur die Uhrzeit ansagen oder unseren Altvorderen den Beginn der Tagesarbeit und dem Bauern auf dem Feld um elf Uhr akustisch anzeigten, daß in einer Stunde Mittagszeit ist. Früher warnten Glocken auch vor Sturm oder Feuer. Im Kirchturm der Bubenreuther Pfarrkirche Mariä Heimsuchung befinden sich fünf Glokken. Diese wurden im November 1983 von Domkapitular Hans Wich geweiht und erhielten so auch ihre Namen.

In die größte 1650 Kilogramm die Glocken von Mariä Heimsu- und verkünden seine Größe und schwere Glocke goß die Pas- chung klängen je nach Auswahl Güte.“ sauer Firma Perner den Namen unterschiedlich. Der 1991 verstorbene Geistlider Dreifaltigkeit, die 961 KiloFür das richtige Geläut hatte che Rat Wilhelm Pilz schließt seigramm schwere Christusglocke Pfarrer Pilz eine Läute-Ordnung ne Läute-Ordnung mit dem Satz: verfügt über einen Durchmes- erstellt: „Die Christusglocke (f‘), „Vergessen wir nicht, die eherser von 115 Zentimeter, die Ma- die Marienglocke (a‘), die Nepo- nen Stimmen sind feierlich gerienglocke mit 430 Kilogramm mukglocke (c‘) und die Michae- weiht und vermögen so in uns läßt den Terzton A erklingen, lisglocke (d“) läuten eine Vier- die Bereitschaft für den göttlidie vierte mit 250 Kilogramm ist telstunde vor Beginn die Sonn- chen Segen zu wecken.“ dem heiligen Nepomuk gewid- und Feiertagsgottesdienste ein. Pfarrer Pilz lag es schon immet und die kleinste mit 180 Ki- An die übrigen Gottesdienste er- mer am Herzen, seine Gläubilogramm, die Michaelisglocke, innern die Marien-, Nepomuk- gen mit Glocken in die Kirche zu gibt die Quinte zum sogenann- und Michaelisglocke.“ „Wird im rufen. Als er die Bubenreuther ten Salve-Regina-Akkord. Pfarrhaus ein Sterbefall gemel- Pfarrei übernahm, wurde die JoDamals war der Geistliche det“, so fährt Pilz in seiner Läu- sefkirche für seine stark angeRat Wilhelm Pilz Pfarrer von Bu- te-Ordnung fort, „verkündet dies wachsene Pfarrei zu klein, sein benreuth. Pilz, der aus Dörfel im die Sterbeglocke (Michaelisglok- Bestreben war ein dem Ort anehemaligen Kreis Reichenberg ke) und lädt zu einer kurzen Be- gepaßtes und an zentraler Stelstammte, war 1953 erster Seel- sinnung über den Tod und zum le errichtetes neues Gotteshaus. sorger der neuen kaBereits im Dezemtholischen Pfarrgeber 1965 konnte er in meinde Bubenreuth der neuen Pfarrkirche geworden. Zuvor Mariä Heimsuchung war die Gemeinde zwischen dem alten nur evangelisch geOrtskern und der neu wesen. Doch der Zuerrichteten Geigenzug von 2000 vertriebauersiedlung seinen benen Geigenbauersten Gottesdienst ern aus Schönbach im halten. Jedoch hatüberwiegend katholite die Kirche aus fischen Egerland hatte nanziellen Gründen noch keinen Turm die Gründung der kaund somit auch keine tholischen Pfarrei nöGlocken. Wer Pfarrer tig gemacht. Pilz kannte – er war Den gewünschHauptgefreiter im ten Klang der BubenRußlandfeldzug gereuther Glocken hatwesen –, der wußte, ten Pfarrer Pilz und es muß eine Lösung sein Pfarrgemeinher. Es dauerte nicht derat bei der Glokkengießerei schon Domkapitular Hans Wich und Geistlicher Rat Pfarrer Wilhelm lange, da dachten die Bild: Archiv Heinz Reiß Bubenreuther eines in Auftrag gegeben. Pilz weihen die Glocken. Morgens, sie lebten Die Tonfolge der fünf Glocken sollte in d‘–f‘–a‘– Gebet für den Verstorbenen ein. im Einzugsgebiet des Würzburc‘–d“ ertönen. Läßt man nun die Die Sterbeglocke läutet auch ger Doms, denn vom Dach seiGlocken mit der Tonfolge d‘– nach dem abendlichen Angelus. ner neuen Kirche ertönten über f‘–a‘ ertönen, ergibt dies einen Ist eine Person des kirchlichen Lautsprecher wunderbare aufd-Moll-Dreiklang, den unser Ohr oder öffentlichen Lebens verstor- gezeichnete Glockentöne. 1983 eher als besinnlich empfindet. ben, so verkündigt dies nach der wurde sein Wunsch eines richLäuten die Glocken mit den Tö- Sterbeglocke zusätzlich die Drei- tigen Glockenturmes erfüllt. Einen f‘–a‘–c‘, nehmen wir einen faltigkeits- oder Christusglok- nen Vorteil hatten die Lautspreeher heiteren F-Dur-Dreiklang ke. Wird in der Kirche das fei- cher schon: Wenn Pfarrer Pilz gewahr. Somit hat der musikalisch erliche ,Großer Gott, wir loben wollt hätte, wäre das Geläut der vorbelastete Bubenreuther Bür- Dich‘ angestimmt, so läuten al- Glocken vom Petersdom kein Heinz Reiß ger schon Recht, wenn er sagt, le Glocken zum Lob des Herrn Problem gewesen.

Bis 11. Februar läuft im RiegerHaus oder Haus der deutschtschechischen Verständigung in Gablonz-Reinowitz die zweisprachige Ausstellung „Grenze ist nur ein Wort. Hrannice je jen slovo“ des tschechischen Nationalmuseums in Prag, über die diese Zeitung bereits öfter berichtete.

D

ie Ausstellung trägt den Untertitel „Wir sind sousedé. My jsme Nachbarn“. Sie stellt die Aktionen an den geschlossenen deutsch-tschechischen Grenzen im Frühling 2020 vor. Außerdem erinnert sie daran, daß wir in einem gemeinsamen Europa leben Ausstellung im Riegerhaus in Gablonz-Reinowitz und daß vor allem die Grenzgebiete so ineinander verflochtene Regionen sind, daß die Grenze für die dort lebenden und arbeitenden Menschen nicht mehr existiert. Die Ausstellung entstand im Rahmen der Grenz-Dokumen- gehend – den Innengrenz- de April hatte der Germanist tation des Tschechischen Natio- schutz des Landes verkündet. Jan Kvapil die Idee, Spaziergännalmuseums und wurde erstmals Ab 13. März null Uhr wurde al- ge entlang der Grenze zu unteran einem seiner Standorte – im len Fremden aus sogenannten nehmen. Die ersten „zufälligen“ Tschechischen Marionetten- und Risikogebieten verboten, die Treffen fanden am 2. Mai 2020 an Zirkusmuseum in Prachatitz – Tschechische Republik zu betre- fünf Orten der grünen Grenzlinie gezeigt. Im Februar wird sie von ten. Und nicht nur das: Zu einer zwischen Deutschland und der Gablonz-Reinowitz ins Centrum Straftat wurde auch das Verlas- Tschechischen Republik statt. Bavaria Bohesen der RepuJan Kvapil und sein deutmia im oberblik. scher Freund Stephan Messner pfälzischen Zu Deutsch- gründeten dann die tschechischSchönsee weiland und deutsch-polnische Facebookterziehen. Österreich Gruppe „Soboty pro sousedství. Mitte blieben nur Samstage für Nachbarschaft. SoMärz 2020 hatein paar we- boty dla sąsiedztwa“. Unter diete die tschenige Grenz- sem Label fanden im Mai und Juchische Regieübergänge of- ni andere vier Zusammentreffen rung wieder Aktion auf der tschechischen Seite fen, die ande- statt, am 30. Mai gab es sie par– allerdings der Grenze am 16. Mai 2020. ren wurden allel an 18 Orten. Das Treffen Bild: Wilhelm Simeon gesperrt. En- am 13. Juni wurde zu einer Feier nur vorüber-

Grenze ist nur ein Wort der Wiedereröffnung der Grenze. Lenka Šaldová, Autorin der Ausstellung, gewann für die Sammlung des tschechischen Nationalmuseums von den Teilnehmern an den Veranstaltungen des letzten Jahres fast 1500 Fotos. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl und darüber hinaus auch Geschichten von Menschen, die von der Grenzschließung vor einem Jahr auf eine traurige Weise betroffen waren. Auch einzigartige Exponate werden ausgestellt. Dazu gehören handgemalte Transparente mit Nachrichten für Nachbarn, Steinchen, symbolische Papierblumen der Nachbarschaft, Flag-

gen, Anstecker, Liederbücher oder eine riesige Handwippe, mit deren Hilfe sich die Menschen über eine größere Entfernung die Hand reichen konnten. Außer den Aktivitäten der Samstage für Nachbarschaft erinnert die Ausstellung auch an die Proteste der Pendler in der Region von Taus. Gleichzeitig stellt sich der Klub deutsch-tschechische Partnerschaft bei der Ausstellung vor, der auch einer der aktiven Organisatoren der Veranstaltungen an der Grenze war und der sich intensiv der Entwicklung grenzüberschreitender Kontakte widmet. Auch in Zeiten, in denen dies nicht so einfach ist. Das Haus der deutsch-tschechischen Verständigung ist in einem Gebäude aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts untergebracht, das von Franz Rieger gerettet wurde. Er kam 1908 im Gablonzer Stadtteil Luxdorf zur Welt, arbeitete bis 1945 als technischer Zeichner und Leiter einer Gablonzer Firma und strandete im Zuge der Vertreibung im württembergischen Esslingen. Dort veröffentlichte er Bücher über Künstler aus dem Sudetenland und organisierte Kunstausstellungen. In den 1990er Jahren sammelte er mehr als drei Millionen Kronen von privaten Sammlungen und öffentlichen Einrichtungen in Deutschland für die Rekonstruktion des Gebäudes. Heute finden hier Kultur-, Bildungs- und Gesellschaftsveranstaltungen mit dem Schwerpunkt tschechisch-deutsche Beziehungen statt.

Jan Šebelka: „Gustav Ginzel: Globetrotter aus dem Misthaus“. Haus der deutsch-tschechischen Verständigung (Hrsg.), Gablonz-Reinowitz 2021; 176 Seiten, 24,80 Euro.

Misthaus in Klein Iser

Neues über Ginzel Die erste deutsche Auflage über den verstorbenen Misthaus-Besitzer Gustav Ginzel hat sich so gut verkauft, daß nun die zweite auf den Markt gekommen ist. Die neuen Geschichten über Gustav Ginzel wurden im Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Gablonz-Reinowitz gesammelt und unter dem Titel „Gustav Ginzel: Globetrotter aus dem Misthaus“ herausgegeben.

D

er lange erwartete deutschsprachige Nachfolger „Sonderling, der die Welt verschönerte“ ist zum Renner geworden. Genau wie das tschechische Original „Podivin, který okrášlil svet“, das 2015 erstmalig und ein Jahr danach in zweiter Auflage erschien. Das wundert nicht, wenn man weiß, wer im Mittelpunkt steht: der zur Legende gewordene Weltenbummler und Besitzer des Misthauses in Klein Iser, Gustav Ginzel. Der heute 70jährige Journalist und Schriftsteller Jan Šebelka hatte Erinnerungen der unterschiedlichsten Menschen an diesen ungewöhnlichen, weit über die Grenzen seiner Heimat bekannten Sonderling gesammelt und vor dem Vergessen bewahrt. „Natürlich wollte ich das Buch so schnell wie möglich auch den deutschen Besuchern des Misthauses anbieten“, sagt Šebelka. „Aber da fehlten mir leider schriftliche Erinnerungen, obwohl diese bei Gustav immer in der Mehrzahl waren, bestimmt 90 Prozent.“ Als das Ganze spruchreif war, begann die Suche nach zuverlässigen Partnern. Dabei war Eigeninitiative gefragt, da sich kein deutscher Verlag fand. Das Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Gablonz-Reinowitz gab das Buch 2020 heraus. Dessen Partner bei diesem Vorhaben war und ist die „Sächsische Zeitung“. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds und der Bezirk Reichenberg förderten das Projekt. In dieser Hinsicht seien die fünf Jahre eine gar nicht so lange Zeit gewesen, räumt Jan Šebelka ein. Auch diese deutsche Variante entwickelte sich schnell zum Bestseller. So schnell, daß alle an der Herausgabe beteiligten Partner schon bald über eine zweite Auflage nachdachten. Dabei zeigte sich, daß inzwischen neue, teilweise interessante Zuschriften mit bisher unbekannten Details eingegangen waren. Besonders hatten sich nun auch weitere Oberlausitzer zu Wort gemeldet. Das mußte belohnt werden. Und so entschloß man sich, einige Beiträge durch andere zu ersetzen. Das betraf auch die neue Auswahl der Fotos sowie die Gestaltung des Buches. Was nun im Buchhandel vorliegt, ist eine völlig andere, aber äußerst gelungene Variante. Rolf Hill


14

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

Dux

Ladowitz

Klostergrab

Ossegg

für die Kreise Dux, Bilin und Teplitz-Schönau

Bilin

Heimatlandschaft Erz- und Mittelgebirge – Landschaftsbetreuer: Dietmar Heller, Hillenloher Straße 10, 87733 Markt Rettenbach, Telefon (0 83 92) 9 34 72 77, Telefax 9 34 72 78, eMail dietmar.heller@deheller.de. Heimatkreis Bilin – Patenstadt Gerolz­hofen; Heimatkreisbetreuer: Dietmar Heller. Internet www.heimatkreisbilin.de. ­Heimatkreis Dux – Patenstadt Miltenberg; Heimatkreisbetreuer: Klaus Püchler, In den See­gärten 35a, 63920 Großheubach, Tele­fon (0 93 71) 9 94 01, eMail ­klauspuechler@web.de. Heimatkreis Teplitz-Schön­au – Paten­stadt Frankfurt am Main; Heimatkreisbetreuer: Erhard Spacek, Franz-Schubert-Straße 13, 01796 Pirna, Telefon (01 60) 95 32 07 27, eMail spacek@ teplitz-­schoenau-freunde.org. Redak­tionsschluß: Freitag der Vorwoche. Redaktion: Lexa Wessel, eMail heimatruf@ sudeten.de

Teplitz-Schönau

Graupen

Niklasberg

�  Teplitz-Schönau

Die Stadt kümmert sich um verlassene Gräber In der Teplitzer Ortspresse „Teplický deník“ erschien Mitte Januar ein Hinweis, daß die Stadtvertretung entschieden habe, 19 weitere alte und verlassene sowie namenlose, Gräber auf dem Teplitzer Kommunalfriedhof in ihren Besitz zu überführen und sich um diese zu kümmern. Autor Robin Röhrich stellt einige Gräber vor. Jutta Benešová übersetzte seine Ausführungen.

Beispiel im Jahr 2020 etwa 20 verlassene Gräber. Und es wurden 19 weitere Objekte ausgewählt, die die Stadtvertretung im Dezember 2021 zur Übernahme genehmigte. In einigen Fällen handelt es sich um wertvolle Grabmale, die einen historischen, architektonischen oder ästhetischen Wert

besitzen und die man auf städtische Kosten instandsetzen wolle. Die Restaurierung eines Grabmals ist relativ kostspielig: Die Ausgaben bewegen sich zwischen 3000 und 5000 Euro pro Grab. Jedes Jahr stellt die Stadt in ihrem Etat 6000 bis 9000 Euro zu diesen Zwecken zur Verfügung.

A

uf dem Teplitzer Stadtfriedhof gibt es viele alte, verlassene und zum größten Teil deutsche Gräber. Die Stadt Teplitz plant, nach und nach einige dieser Objekte in den Besitz der Stadt zu überführen. Die Friedhofsverwaltung führt alljährlich Absicherungen solcher Objekte durch, die, wegen ihres Alters und Zustandes, eine Gefahr für die Besucher des Friedhofes oder für die benachbarten Gräber bedeuten. Einige Gräber wurden bereits in den vorhergehenden Jahren in das Eigentum der Stadt überführt. Die Stadt übernahm zum

Das Grabmal von Hans Siegmund: Die Siegmunds waren bekannte Architekten und Baumeister in Teplitz-Schönau.

Damit lassen sich aber nur ein bis zwei Grabmale pro Jahr erneuern. Zum Beispiel bekam 2020 der Grabstein des bedeutenden Teplitzer Architekten und Baumeisters Gustav Adolf Jirsch sein würdiges Aussehen zurück. Dennoch verbleiben auf dem Friedhof viele Grabstätten, um die sich niemand kümmert, die überwachsen sind oder sogar einzustürzen drohen. „Der Friedhof soll ein würdiger Ort sein und den Lebenden dienen, um sich ihrer Vorfahren zu erinnern. Solange es keine Nachkommen mehr gibt, die diese Gräber in Ordnung halten, erfüllt der Friedhof nicht mehr seine Funktion. Deshalb bemühen wir uns, solche Grabstätten zur weiteren Nutzung anzubieten und architektonisch interessante Gräber, oder die von bekannten Persönlichkeiten und Familien, als Erinnerung an die Teplitzer Vergangenheit instandzusetzen“, sagte dazu Hynek Hanza, der Oberbürgermeister von Teplitz-Schönau.

Ein in Rudolf Hemmerles „Sudetenland-Lexikon“ veröffentlichter Holzdruck von Teplitz-Schönau.

Neujahrsgruß aus Teplitz vor 1895. 1895 vereinigen sich Teplitz und Schönau zu einer Stadt.

�  Teplitz-Schönau

Eintrag in einem Lexikon 1990 erschien beim Adam-KraftVerlag in Würzburg die dritte und verbesserte Auflage von Rudolf Hemmerles Buch „Sudetenland-Lexikon für alle, die das Sudetenland lieben“. Dort finden wir natürlich auch einen Eintrag über Teplitz-Schönau, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

T

Das Grabmal von Gustav Adolf Jirsch setzte die Stadt Teplitz vor zwei Jahren instand.

Auf dem Teplitzer Kommunalfriedhof müssen gegenwärtig einige Gräber abgesichert werden.

Bilder: Teplický deník

eplitz-Schönau (TepliceŠanov, heute Teplice), Bezirksstadt und Badeort am Fuße des Erzgebirges in Nordböhmen. Die warmen Quellen von Teplitz waren schon vor der Jahrtausendwende bekannt. Am geschichtlichen Beginn steht die Gründung eines Benediktinerinnenklosters (1156) durch Königin Judith; in den Hussitenkriegen zerstört. Die Herrschaft besaß seit dem 13. Jahrhundert das Geschlecht der Grafen Kinsky, von denen Wilhelm Kinsky 1634 mit Wallenstein (eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein) in Eger ermordet wurde. Damals kam Teplitz an die Aldringen, seit 1666 Clary-Aldringen. Während in früheren Jahrhunderten teilweise unsichere nationale Verhältnisse zu berücksichtigen sind, wurden ab 1664 die Stadtbücher deutsch geführt. 1755 kommt es zum Erdbeben von Lissabon und damit auch für kurze Zeit zum Versiegen der heißen Quellen. Im Schloß wurde 1813 zwischen den drei verbündeten Monarchen von Rußland mit Alexander I., Österreich mit Kaiser Franz II. und Preußen mit Friedrich Wilhelm IV. gegen Napoleon die Heilige Allianz geschlossen. Die Grubenkatastrophe von 1879 in Ossegg bewirkte ein neu-

erliches Versiegen der Quellen. 1895 wird Teplitz mit dem Badeort Schönau vereinigt und führt nun einen Doppelnamen. Das Schloß mit Schloßkirche, ein Renaissancebau, wurde im Barock- und Biedermeierstil umgebaut. Heute dient es als Museum. Die Dekanatskirche, eine evangelische Kirche, entstand 1864, die Dreifaltigkeitsäule von Matthias Braun, das Theater – nach Prag das größte im Sudetenraum –, ein Mozart-Denkmal, Schulen, Bäder und andere Kuranstalten bestimmen das äußere Bild der Stadt. Die radioaktiven Thermalquellen, die bis zu bis 46 Grad heiß werden, werden angewandt bei Rheuma, Neuralgien, Arteriosklerose, Blasen- und Nierenleiden. Prächtige Badeanlagen wurden für die Kurgäste errichtet. Unter ihnen befanden sich Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt, Franz Liszt, Frédéric Chopin und Könige. Die Stadt war Sitz vieler sudetendeutscher Institutionen wie Bund der Deutschen in Böhmen, Sekretariat der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Sonderausschuß für das gesamte deutsche Volksbildungswesen, Deutscher Turnverband, Gesellschaft für deutsche Volksbildung und Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundheit. Außerdem beherbergte die Stadt mannigfache Industriebetriebe für die Ver- und Bearbeitung von Textilien, Metall, Porzellan, Glas, Nahrungsmitteln und Chemieprodukten. 1930 hatte Teplitz-Schönau 30  799 Einwohner: 23 127 Deutsche, 5332 Tschechen und 1736 Ausländer.


HEIMATBOTE

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

Bischofteinitz

Ronsperg

FÜR DEN KREIS BISCHOFTEINITZ

15 Hostau

Heimatkreis Bischofteinitz – Patenstadt Furth im Wald. Heimatkreisbetreuer: Peter Pawlik, Palnkamer Straße 73a, 83624 Otterfing, Telefon (0 80 24) 9 26 46, Telefax 9 26 48, eMail peter-pawlik@t-online.de, Internet www.bischofteinitz.de. Spendenkonto: Heimatkreis Bischofteinitz, Raiffeisenbank Chamer Land – IBAN: DE55 7426 1024 0007 1343 20, BIC: GENODEF1CHA. Heimatbote für den Kreis Bischofteinitz – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Verantwortlich von seiten des Heimatkreises: Peter Pawlik. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

Schüttwa: das Gefallenendenkmal …

… die Gräber …

… und die Nikolauskirche.

Egerer Gespräche – Teil II und Schluß

Johannes von Tepl, Saaz oder Schüttwa Anfang November fanden im oberfränkischen Marktredwitz die „Egerer Gespräche“ statt. Das war gerade noch rechtzeitig vor der vierten Corona-Welle mit der Omikron-Variante. Die Tagung stand unter dem Thema „Johannes von Tepl“. Die Egerländer verleihen alljährlich den Egerländer Kulturpreis „Johannes von Tepl“. Grund dafür, mehr über diesen berühmten Mann zu erfahren. Wolf-Dieter Hamperl, Betreuer des Nachbarkreises Tachau, hatte das Symposium organisiert und leitete es. Er berichtet.

D

er zweite Tag des Symposiums gehört traditionell der Exkursion. Mit einem großen Bus fuhren wir von Marktredwitz über Neustadt an der Waldnaab, Vohenstrauß und Eslarn in die Tschechische Republik, in das südliche Egerland. Der einst stattliche Ort Eisendorf gleicht heute einer Wüstung mit wenigen Häusern. Wir fuhren über die Radbusa, an Weißensulz vorbei und bogen dann nach Süden ab in Richtung Hostau. Nach Ronsperg waren es nur noch wenige Kilometer. An der Kirche dort erwarteten wir den Bischofteinitzer Korrespondenten Karl Reitmeier. Wir begrüßten ihn und Pfarrer Georg Hartl, der von Waidhaus gekommen war.

Der Park von Schloß Ronsperg mit seinen riesigen Bäumen grenzt an die Stadt. Der zur Stadt gerichtete Bau ist wenigstens getüncht, der Zustand des Schlosses deprimiert. Der Verfall schreitet weiter fort, die Fensterhöhlungen gleichen Löchern. Anstatt schützender Fenster sind Holztafeln mit von Kindern gemalten Personen angebracht. Kein Schutz gegen Regen und Frost. Man kann nicht verstehen, daß das Gebäude, das einst die Familie Coudenove-Kalergie bewohnte und wo 1922 die Idee von Paneuropa geboren wurde, in einem derart schlechten Zustand verbleibt. Wir umschritten das Schloß, überall der gleiche schlechte Zustand. Nirgendwo erkennt man Sicherungsmaßnahmen, zum Beispiel zugemauerte Fenster- oder Türöffnungen. Bernd Posselt, Vorsitzender der Paneuropa-Union Deutschland, langjähriger Europaabgeordneter und Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, habe, so Karl Reitmeier, zwar den Ronsperger Bürgermeister in Straßburg begrüßt, aber Streitigkeiten vor Ort hätten bisher eine Sanierung verhindert. Reitmeier zeigte uns das re-

Ronsperg: das ehemalige Schloß des Adelsgeschlechtes Coudenhove-Kalergi …

Der Ackermann und der Tod: eine Seite des neuen Denkmals für Johannes von Schüttwa.

novierte Denkmal, das an den Seitenflächen auf Platten die deutschen Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs von Ronsperg dokumentiert. Wir fuhren nach Schüttwa, mittlerweile ein Ronsperger Stadtteil, unser eigentliches Ziel. Dort erlebten wir ein kleines Wunder. Auf einer gepflegten Grünanlage links der Kirche steht ein Denkmal für Johannes von Schüttwa, der als Johannes Henslin hier geboren wurde. Das Denkmal ist modern von Jaroslav Šindelář gestaltet, zeigt auf Granittafeln das Bild des Schreibers Johannes von Schüttwa und des Akkermanns mit dem Tod. Die dritte Tafel ist tschechisch-deutsch beschriftet. Was weiter überraschte, war der unweit gelegene, große und gepflegte Friedhof, dessen Grabsteine und gußeiserne Kreuze alle erhalten sind. An die 50 Eisenkreuze sind schwarz, der Corpus Christi mit Silberbronze angestrichen. Das Gefallenendenkmal in der Mitte ist in bestem Zustand, das Friedhofskreuz frisch bemalt. Seitlich des Feldweges stehen den Hang hinauf Steinskulpturen eines Bildhauertreffens,

vorne die Darstellung des Todes. Ein weites Areal mit hohen Laubbäumen dient im Sommer für Veranstaltungen. Schrifttafeln informieren über Johannes von Schüttwa. Die ehemalige Pfarrkirche, dem heiligen Nikolaus geweiht, wird schrittweise erneuert, Kirchturm und Chorraum sind bereits renoviert. Das alles wurde in den vergangenen Jahren geschaffen, auf Initiative des in Schüttwa neu zugezogenen Jiří Stočes und seines Vereins Nikolaus (Mikuláš). Leider war das Wetter so, daß man nicht lange verweilen wollte. Im Hotel Hubertus nahmen wir ein gutes Mittagessen ein und traten dann die Heimreise an. Schüttwa ist ein Erlebnis und ein lohnendes Reiseziel. Im Sommer werde ich wiederkommen. Am Schluß geht ein herzlicher Dank an den Förderer der „Egerer Gespräche“, das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration. Im Jahr 2021 erschien das Buch „Jan ze Sitbore – Johannes von Schüttwa, Beamter, Dichter, Mythos“ von einem Autorenteam unter Leitung von Jiří Stočes, ISBN 978-80-87316-99-3. Dieses hervorragend ausgestattete Buch informiert über alles, was man heute über Johannes von Schüttwa, Tepl oder Saaz weiß.

… und das Gefallenendenkmal vor der Kirche Mariä Himmelfahrt.


16

Sudetendeutsche Zeitung Folge 3 | 21. 1. 2022

Heimatbote für den Kreis Ta<au

Heimatkreis Tachau – Patenstadt Weiden in der Oberpfalz. Heimatkreisbetreuer: Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Aubergstra­ße 21, 83352 Altenmarkt, Tele­fon (0 86 21) 6 36 27, Telefax 64 75 27, eMail wolf-dieter.hamperl­ @online.de. In­ter­net www.tachau.de. Tachauer Heimatmuseum: Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a, 92637 Weiden, Telefon (09 61) 81 41 02, Telefax 81 41 19, eMail museum@tachau.de. Spendenkonto: Heimatkreis Tachau, HypoVereinsbank Nürnberg – IBAN: DE38 7602 0070 0002 0824 54, BIC: HYVEDEMM460. Heimatbote für den Kreis Tachau – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

In diesem letzten Teil schildert Pater Jaroslav Baštář den religiösen und kulturellen Niedergang in seinem Seelsorgegebiet im ehemaligen Kreis Tachau.

A

uch die Arbeit in den Schulen bereitete mir Freude. Die Tschechoslowakischen Staatsgüter, deren Direktorat in Haid siedelte, würgten das religiöse Leben ab. Die Angestellten – und das waren nicht wenige – wurden von der Führung der Staatsgüter und der Kommunistischen Partei schikaniert, sie unterlagen dem Druck und hielten sich von der Kirche fern. Die Gläubigen begannen sich zu fürchten. Und die Angst wuchs, als eines Abends aus unbekannten Gründen die Staatssicherheit František Ličík, Jan Čáslavský und Josef Hoffmann zum Verhör nach Tachau brachte – also Menschen, die eine sehr enge Bindung zur Kirche hatten. Sie wurden nachts wieder entlassen – bis auf den Lehrer Hoffmann, der später vor Gericht stand. Aber die Ungewißheit und die Angst blieben. Čáslavský war verstummt, redete nicht mehr und erwähnte das Verhör kein einziges Mal. Er entschuldigte sich, daß er nicht mehr Kirchendiener sein könne. Aus Zwang? Die Offensive der Abteilung für Schulwesen des Kreisnationalausschusses, namentlich Inspektor Václav Býrut, richtete sich gegen den Schuldirektor František Pernický. Býrut beanstandete, daß Pernickýs Haltung gegenüber Kirche und Religion nicht mit der Stellung und den Pflichten eines Lehrers an einer sozialistischen Schule vereinbar sei. Man suchte einen Grund, um ihn von der Schule zu beseitigen. Das Ehepaar Pernický versprach aus Angst und Bange um seine Existenz, der Kirche eine Statue des heiligen Judas Thaddäus zu stiften. Wen sie noch über diese Pläne unterrichteten, weiß ich nicht. Sicher ist aber, daß Inspektor Býrut informiert wurde. Eines Tages rief er mich aus Tachau direkt in der Haider Schule an. Mit amtlicher Stimme informierte er mich. Er habe die Nachricht erhalten, daß ich in der Haider Kirche eine Statue unter Mitwirkung des Direktors Pernický und der Schüler der Haider Schule geweiht habe. Er nannte auch das Datum. Er fragte, wie ich diese Handlung erklären könne. Mich verblüffte seine Sicherheit – und die Unkenntnis seines Informanten. Das Datum stimmte. Es handelte sich aber nicht um die Weihe einer Statue – die war noch nicht einmal bestellt –, sondern um die Beerdigung der Mutter einer Schülerin aus Haid. Der Sitte nach nahmen an dieser Beerdigung auch die Mitschüler der verwaisten Schülerin sowie der Direktor teil, der zudem in seinem Stundenplan freie Stunden hatte. Mit diesen Informationen schlug ich dem Inspektor die Waffen aus der Hand. Seine Stimme zitterte vor Wut, als er nachfragte, wer die Statue für die Kirche in Auftrag gegeben habe. Ich sagte kurz: „Ein unbekannter Spender!“ „Ein unbekannter Spender“, lachte er giftig. „Sie müssen doch den Namen kennen.“ „Ja, ich kenne ihn, aber das geht Sie nichts an“, sagte ich und legte den Hörer auf. Eine Weile hielt sich Pernický noch über Wasser. Dann mußte

� Pater Jaroslav Baštář berichtet über zwölf Jahre im Grenzgebiet – Teil XXI und Schluß

Das Ende der Seelsorge in Neustadtl er aber die Schule verlassen. Er arbeitete schließlich als Lagerist beim Unternehmen Armastav in Weschekun. Eine Oase war die Siedlung Speierling mit der alten SanktPeter-und-Paul-Kirche. Ein gepflegter Friedhof umgab das Gotteshaus. Die Siedlung war größtenteils katholisch, und für die Kirche war vorbildlich gesorgt. In der Zeit, als es um das Sein oder Nichtsein der Kirche ging, fegte am 21. Oktober 1956 ein heftiger Sturm über den Bezirk. Ein Blitz traf die Kirche in Hollezrieb. Er schlug in das Kreuz und die Zwiebel des Turmes ein. Das herabfallende Kreuz beschädigte auch das Dach des Kirchenschiffs. Der Turm wurde enthauptet, und der Winter näherte sich. Wir befürchteten, daß Unwetter, Schnee und Regen den Holzstuhl des Turms beschädigen könnten. Sofort nahm ich Verhandlungen über die Restaurierung auf. Ich stieß allerdings auf völliges Unverständnis seitens des Kirchensekretärs Filip Wöllner beim Bezirksnationalausschuß. Meinen Antrag lehnte er mit der Begründung ab, daß die Reparatur nicht in die laufenden Pläne eingegliedert werden könne. Gleichzeitig bat ich aber die Kreisverwaltungskommission in Mies um eine Schätzung der Kosten. Sie überstiegen 20 000 Kronen. Ich war ratlos. Doch drei Mitarbeiter eines Unternehmens boten der Kreisverwaltungskommission an, die Arbeit als Brigade für lediglich 5000 Kronen auszuführen. Ich begann erneut zu verhandeln. Nach langem Zögern willigte Wöllner ein, angeblich ausnahmsweise und unter der Bedingung, daß keine Mittel aus dem Budget des Kreisnationalausschusses fließen würden. Die Restaurierung wur-

de mustergültig durchgeführt. Die Rechnung beglich die Staatliche Versicherung. Um das Moralprofil von Neustadtl zu vollenden, muß ich noch das Kulturleben dieser Pfarrgemeinde schildern. Die verschiedene Feiern gewähren einen Einblick in das Leben der Menschen. Die Maifeier und Prozessionen wurden vorwiegend in Haid veranstaltet, zwei- oder dreimal in all den Jahren direkt in Neustadtl. Nach 1948 war Neustadtl mit Girlanden verziert, und die Häuser und die Fassaden von Verkaufsbuden waren mit Por-

nige war es wohl der einzige Tag im Jahr, an dem sie festliche Kleidung trugen. 1954 wurde das erste Mal Väterchen Frost gefeiert. In jenem Jahr wurde das aus Rußland stammende und den Winter verkörpernde Väterchen öffentlich gefeiert. Früher wurde diese Feier an Schulen oder im Hotel am Bahnhof gehalten. Die Partie des Väterchen Frost übernahm Josef Beran. Er wirkte leicht penibel. Ich weiß nicht, wen er beeindrucken wollte. Besonders mit seinem „Russisch“, oder besser gesagt seinem verstümmel-

Faschingszug vor 100 Jahren in Tachau. traits der kommunistischen Führer beklebt. Die Portraits änderten sich je nach momentaner Linie der Partei. Visio Georgii voller Geschmacklosigkeit, die sich nur für Primitive eignet. Die ganzen Jahre lang gab es in der Pfarrei nur eine Staatsfahne. Nichts weiter. Auf symbolischen Wägen wie Traktoren mit Flatterbändern fuhren die Teilnehmer der Feier, meist die Schuljugend. Am Ziel angelangt, gab es eine politische Rede. Dann Würstchen und eine Maifeier, bei der viele ihre „Mailaune“ in Alkohol ertranken. Für ei-

ten Tschechisch mit einigen russischen Wörtern. Seine Kundgebung trug er dabei genau vor der Pfarrei und der Kirche vor. Welchen Applaus er dabei erhielt, weiß ich nicht. Die Zuwanderer aus Mühlhausen brachten den „Maskenumzug“ mit. Auf dem Land waren die Deutschen einst ebenfalls mit Masken umgezogen. Auch wenn diese Umzüge durch ganz Neustadtl unter Teilnahme vieler Schaulustiger führten und mit Übermut und Trank endeten, so haben sie niemals die Religion selbst beleidigt. Oft kam es aller-

dings zu Zügellosigkeiten. Erst 1957 tauchte der Faschingsnarr als Priester im Pluvial, im liturgischen Gewand auf. Darsteller war Vojtech Čech aus Neustadtl. Im Hotel wurde als Clou der ganzen Feier eine Parodie der kirchlichen Trauung vorgeführt. Am nächsten Tag entschuldigte sich Vojtech Čech bei mir. Angeblich war er unter Druck gesetzt worden. Er gab zu, daß er dem Druck erlegen sei, aber die Religion habe er nicht lächerlich machen wollen. Soll Gott ihn richten. Čech ist bereits unter den Toten. Wir haben die Vergangenheit hinter uns gelassen. Die Erinnerungen an diese Vergangenheit können nicht ohne die Erwähnung des letzten Ereignisses unseres Aufenthaltes in Neustadtl abgeschlossen werden. Es war der Bau der neuen Schule. 1957 begann man in Neustadtl mit der Erweiterung der alten Schule. Sicher wäre es sparsamer und aus jeglicher Sicht sinnvoller gewesen, eine ganz neue Schule zu bauen, eine moderne. Platz gab es genug. Es wurde aber entschieden, das alte Gebäude anzupassen und einen neuen Flügel anzubauen. Dafür mußten das fast neue Haus von Janoušek und eine benachbarte Ruine abgerissen werden. Die Schule steht im Schatten der Pfarrkirche. Die Lage für eine moderne Schule ist durchwegs unhygienisch. Bei der Umgestaltung der Schulumgebung, vor allem zwischen der Kirche und der Schule, wurde der alte ursprüngliche Friedhof freigelegt, auf dem im Jahr 1609 zu Zeiten der Pest die letzten Bestattungen stattgefunden hatten. Bei diesen Bauarbeiten legten Planierraupen alte Gräber und Grabsteine frei, und Skelette kamen zum Vorschein.

Bei der Sakristei wurde eine größere Menge Gebeine gefunden. Vielleicht war dort das Beinhaus. Die Planierraupen schippten alles – Skelette, Gräber, Grabsteine und Erde mit Bauschutt – hinter die Schule. So entstand die heutige Aufschüttung hinter der Turnhalle der modernen Schule. Auch dieser Umbau der Schule zeigte sich als unzureichend. Einem neuen Anbau fielen das alte Pfarrgebäude, das ehemalige Schwammberger Schlößchen und der Pfarrgarten zum Opfer. Zu dieser Zeit waren wir aber bereits in Mletschitz. Ich erinnere mich, den Neustädtler Gläubigen einmal ihre religiöse Laxheit vorgeworfen zu haben. Die Besucherzahlen der Kirche waren von Jahr zu Jahr gesunken. Der Priester wurde zunehmend überflüssig und wäre woanders vonnöten. Wie wir erfuhren, waren die Gründe dieser Abkühlung des religiösen Lebens vielfältig. Aber der gemeinsame Nenner war die menschliche Quackelei und Bequemlichkeit. Manche befürchteten, ihre Kadergutachten würde sich verschlechtern. Andere wollten beiden Seiten gefallen. Und weil es auf lange Sicht nicht möglich ist, zwei Herren zu dienen, wurde die Kirche immer leerer. Deshalb sagte ich in der Neustadtler Kirche öfters, daß eine Zeit kommen könne, in der Neustadtl keinen eigenen Priester mehr habe. Ich ahnte damals nicht, wie bald das geschehen sollte. Heute ist in Neustadtl kein Priester mehr. Es gibt ja auch keine Pfarrei mehr, nur die Kirche. Und die Heilige Messe wird nur zweimal im Monat um 11.00 Uhr gefeiert. Was wäre, wenn man der Bevölkerung von Neustadtl heute den Brief aus dem Jahr 1947 vorlesen würde, in welchem der Vorsitzende des Örtlichen Nationalausschusses Klečka dem Kirchenamt mitteilt: „Die Bevölkerung, durchwegs römisch-katholischer Konfession, vermißt in der Ortschaft und Umgebung geistliche Dienstleistungen … gerade im Grenzraum, wo die Seelsorge am meisten gebraucht wird … an den hiesigen Schulen ist das Bedürfnis eines Priesters sehr dringlich, denn Religion nun gar nicht unterrichtet wird, wodurch die Moral der Jugend verkommen könnte.“ Sogar die Pfarrei wurde 1965 abgerissen. Die königliche Stadt Neustadtl, die bereits im 12. Jahrhundert die Verwaltung der Seelsorge innehatte, hat im 20. Jahrhundert weder einen Priester, noch ein Pfarrgebäude. An die altertümlichen Wurzeln der Stadt erinnern nur noch verfallende Stadtmauern, und über die Religion und Hochkultur legen die alte Pfarrkirche und zwei zugrunde gehende Filialkirchen Zeugnis ab. Generationen, die die Stadt unter dem Wappen des böhmischen Löwen errichteten, vermachten ihr Werk an die Nachkommen. Und diese zerwühlten deren letzte Ruhestätten mit Planierraupen, schütteten ihre vermoderten Überreste zu Müllhalden auf, traten die Vergangenheit mit Füßen. – Und bauten eine neue Schule. Pater Jaroslav Baštářs Bericht endet mit dem Satz: „KladenMarkscheid am Freitag nach dem zweiten Fastensonntag am 12. März 1971.“


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Sudetendeutsche Zeitung 21. Januar 2022 Ausgabe 3 by Sudetendeutsche_Zeitung - Issuu