Interview mit dem tschechischen Botschafter Tomáš Kafka (Seite 3)
Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Reicenberger Zeitung 160. Jahrgang
HEIMATBOTE
Jahrgang 73 | Folge 49 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 10. Dezember 2021
VOLKSBOTE
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Neue Sonderausstellung des Sudetendeutschen Museums
Weihnachtskrippen in Böhmen und Mähren „Alles andere ist zu ersetzen. Weihnachtskrippen in Böhmen und Mähren“ lautet der Titel der zweiten Sonderausstellung des Sudetendeutschen Museums in München, die am Donnerstag eröffnet worden ist.
Karls-Preisträger
Trauer um Petr Uhl
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Nur wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag ist Petr Uhl, einer der Erstunterzeichner der Charta 77 und Wegbegleiter von Václav Havel, am 1. Dezember in Prag verstorben.
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n der tschechischen Tageszeitung Lidové noviny hat Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, den Bürgerrechtler in einem persönlichen Nachruf als großen Europäer und Brückenbauer gewürdigt. Seite 5
Regierungsbildung
Ministerschaulaufen bei Zeman Die Regierungsbildung in der Tschechischen Republik geht in die Schlußphase. Doch trotz seines schlechten Gesundheitszustandes und einer Infektion mit dem Coronavirus läßt Staatspräsident Miloš Zeman weiter die Muskeln spielen.
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lle vom neuen Premierminister Petr Fiala auserkorenen Minister müssen in diesen Tagen bei Zeman zum Einzelgespräch antreten und ihre politischen Ziele und Projekte vorstellen. Fraglich ist, ob es sich hierbei um eine reine Formalie handelt oder der Staatspräsident auch einzelne Kandidaten ablehnen kann. Als möglicher Konfliktkandidat gilt Jan Lipavský von den Piraten, der das Außenministerium übernehmen soll. Während Lipavský einen pro-europäischen Kurs verfolgt, wird Zeman eine deutliche Nähe zu Moskau und Peking nachgesagt. Marian Jurečka, Parteichef der christdemokratischen KDUČSL und designierter Minister für Arbeit und Soziales, kündigte deshalb bereits im Vorfeld an, daß man ein Nein des Staatspräsidenten zu einem Kandidaten nicht akzeptieren werde. Dies würde, so Jurečka im tschechischen Fernsehen, gegen die tschechische Verfassung verstoßen und daher eine entsprechende Klage beim Verfassungsgericht nach sich ziehen. Läuft dagegen alles nach Plan, kann die neue Regierung nach der Vereidigung aller Minister Mitte Dezember die Arbeit aufnehmen.
Foto: Klaus Mohr/Sudetendeutsches Museum
is zum 2. Februar werden rund 50 Exponate aus der Sammlung des Museums gezeigt, die normalerweise im Depot der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Das Zitat im Titel der Ausstellung geht auf ein Vertreibungsschicksal zurück und drückt die hohe Wertschätzung für Weihnachtskrippen in Böhmen und Mähren aus – zumal deren Mitnahme bei Strafe verboten war. Die Ausstellung ist jeweils Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei – was bis Ende des Jahres auch für den Besuch der Dauerausstellung im Sudetendeutschen Museum gilt. Einen Bericht über die Ausstellung lesen Sie in der nächsten Ausgabe.
Ungewöhnlicher öffentlicher Aufruf des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege
Heimatpfleger bitten um Mithilfe: Standen diese Häuser im Egerland?
Fast wie bei „Aktenzeichen XY … ungelöst“: Mit einem öffentlichen Aufruf fahndet der Landesverein für Heimatpflege nach den Standorten mehrerer Bauernhäuser. Die Spuren führen dabei auch ins Egerland.
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er Bayerische Landesverein für Heimatpflege ist bei einem Digitalisierungsprojekt an seine Grenzen gestoßen und bittet die Menschen in Bayern um Mithilfe“, begründet Dr. Daniela Sandner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Landesverein, den ungewöhnlichen Appell des 1902 gegründeten Vereins. Für das Kulturportal www.bavarikon.de werden derzeit rund 3000 Fotografien von Bauernhäusern und anderen markanten Gebäuden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts digitalisiert. Bei einigen Dutzend dieser historischen Dokumente fehlen jedoch die Angaben zum Standort und weitere Details. Sandner: „Ab Januar sollen diese Digitalisate, die eine für Bayern und teils darüber hinaus typische und zum Teil spektakuläre Architektur zeigen, auf www.bavarikon.de veröffentlicht werden. Sie stehen Heimatforschern und Interessierten dann auf Anfrage selbstverständlich auch für Publikationen, beispielsweise von Ortschroniken, zur Verfügung.“ Die Heimatforscher vermuten, daß einige der fotografierten Bauernhäuser im Egerland gestanden haben könnten. Der Grund: Mit dem Münchner Abkommen von 1938 waren die
Die Heimatpfleger suchen Informationen zu diesen Bauernhäusern, die in den 1930er Jahren fotografiert wurden. Egerländer Landkreise Bergreichenstein, Markt Eisenstein und Prachatitz dem damaligen bayerischen Regierungsbezirk Niederbayern-Oberpfalz zugeschla-
gen worden. Damit gehörten Bergreichenstein, Unterreichenstein, Harmanitz, Markt Eisenstein, Neuern, Neumark, Prachatitz, Wallern, Winterberg, Ku-
schwarda, Sablat sowie weitere rund hundert Dörfer zum Bereich, dessen Bauernhäuser die bayerischen Heimatpfleger damals mit der Kamera festhielten.
Erschwert wird die Identifizierung, weil es kaum architektonische Unterschiede zwischen den Bauernhäusern im Egerland sowie denen in Niederbayern, der Oberpfalz und Oberfranken gibt. „Der Egerländer Bauernhof gehört nach der Typologie zu den Fränkischen Gehöften. In seiner entwickeltsten Stufe ist er als Vierseit- (Vierkant-) Hof ausgebildet, dessen Hauptwirtschaftsart der Getreibeanbau ist“, heißt es dazu im Egerland-Museum in Marktredwitz. Der Hof war dabei selten von Anfang an als Vierkant gegründet worden. Vielmehr war an der vierten Seite oft nur eine Mauer, die im Zuge der Hoferweiterung durch einen Schuppen ersetzt wurde. „Die Hauptblütezeit des Egerländer Vierkanthofes – auch hinsichtlich seines Fachwerkes– war ungegfähr von Ende des 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts“, so das EgerlandMuseum. Bestandteile des Egerländer Vierkanthofes waren dabei das Wohnhaus mit einem an der Giebelseite reich gestalteten Fachwerk, der Stall für Pferde und Ochsen („Pfa- und Ochsastool“), die Scheune („Stodl“) mit einem Dreschplatz, ein Heu- und Getreidespeicher, der Schuppen („Schupfm“) für Wagen und Geräte sowie der Hof („Huaf“) mit der Miststätte. Weitere historische Bilder, zu denen Informationen gesucht werden, sind über die Webseite www. heimat-bayern.de/altefotos.html abrufbar.
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AKTUELL · MEINUNG
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
AUS UNSEREM PRAGER BÜRO
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L-Büroleiter Peter Barton hat sich über den Besuch von Manfred Kees, Obmann der SLOrtsgruppe Bayreuth, gefreut. Barton unterhält seit längerem eine enge Beziehung zu der oberfränkischen Stadt und den dortigen Landsleuten. Bei seiner Prag-Reise wurde Kees von Ehefrau Elisabeth und Enkelin Anna Kiefl begleitet. Und auf dem Programm stand auch ein Besuch der sudetendeutschen Botschaft an der Moldau. Unvergeßlich bleibt für Barton
PRAGER SPITZEN
die Erinnerung an die inzwischen verstorbene Landsfrau und überzeugte Egerländerin Anni Scholz, die sich ganz besonders um die Arbeit des Prager SL-Büros gekümmert hatte. Barton erklärte seinen Besuchern, wie die weiteren Pläne für die nächsten Jahre sind. Und der SL-Büroleiter konnte als ausgesprochener Wagner-Liebhaber einfach nicht anders und versprach seinen erneuten Besuch in Bayreuth. Natürlich wird es dabei nicht nur um den Grünen Hügel gehen.
Bruttolohn steigt um 5,7 Prozent
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n der Tschechischen Republik ist der durchschnittliche monatliche Bruttolohn im dritten Quartal 2021 im Jahresvergleich um 5,7 Prozent auf 37 499 Kronen (1480 Euro) gestiegen, hat das Statistikamt bekannt gegeben. Im zweiten Quartal hatten die Löhne noch um 11,3 Prozent zugelegt. Zwei Drittel der Beschäftigten haben jedoch Einkünfte unterhalb des Durchschnittslohns. Nach Abzug der Inflationsrate beträgt das Lohnplus 1,5 Prozent.
Seminarwoche am Heiligenhof „Wurzeln in Böhmen – Wege nach Europa“, Teil 4
Macht der Worte: Wie Sprache unsere Emotionen beeinflußt Worte sind beim Menschen mit Assoziationen und Gefühlen verknüpft. Deshalb vermitteln sie nicht nur Informationen, sondern auch Emotionen. Das verstand Isabelle Hardt, Multitalent in Sachen Sprache, mit ihrem lebhaften und kurzweiligen Vortrag über die „Die Macht der Worte – Die Wirkung von Sprache auf Denken und Einstellungen“ zu vermitteln. Hardt ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Collegium Carolinum für das Sudetendeutsche Wörterbuch an der Universität Gießen beheimatet.
ls künftiger Verkehrsminister will Martin Kupka den Ausbau des Autobahnnetzes vorantreiben, erklärte der ODS-Politiker nach seiner Vorstellung bei Staatspräsident Miloš Zeman Schwerpunkte seien der Prager Stadtring und die Autobahn D35. Ziel, so Kupka, sei die Fertigstellung von bis zu 40 Autobahn-Kilometern pro Jahr.
Babiš berichtet von Anschlagsversuch
W Die Karte dokumentiert die Dialekte der Sudetendeutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien. Vertreibung der Sudetendeutschen initiierte Projekt leistet eine wichtige Grundlagenarbeit im Hinblick auf die in historischer Einmaligkeit erhobenen Dialekte. Bereits 1957 haben unter der Leitung von Franz Josef Beranek die Vorarbeiten für die bis heute andauernden Forschungen angefangen. Schon 1930 hatten Ernst Schwarz und Erich Gierach mit einer bis heute verschollenen Sammlung zu einem Wörterbuch der sudetendeutschen Mundarten an der Karls-Universität begonnen, so Hardt. Die zeitnahe Erhebung nach der Vertreibung gewährleiste noch relativ unverfälschte Daten, eine historische Einmaligkeit des Material-
bestands aus Laienbefragungen. Mit der systematischen und dauerhaften Archivierung der mundartlichen Substanz leiste das Wörterbuch einen elementaren Beitrag zur Erhaltung eines wesentlichen Teilbereichs böhmischer und mährisch-schlesischer Kultur, der ohne dieses Werk in Vergessenheit geraten würde. Gleichzeitig gewährleiste es einen Ort des kollektiven Gedächtnisses und der persönlichen Definition über die kollektive Identität einer abrupt zerschlagenen Sprachengesellschaft. Die Grundlage der umfangreichen Arbeit bildet ein Zettel-Archiv mit rund 2,7 Millionen alphabetisch geordneten
Belegzetteln und 182 000 Synonymverweisen. Durch die Unterteilung des Sprachraums in kleinere Einheiten konnten die facettenreiche Sprachlandschaft präzise erfaßt und die umgangsprachliche Verwendung und übertragene Bedeutung der Worte detailliert beschrieben werden. Sudetendeutsche Mundarten haben noch viele sogenannte Stammwörter bewahrt, die die Hochsprache zum Teil verdrängt habe, wie zum Beispiel den „Bleu“, der unter anderem „gesunde, robuste Person“ bedeutet und vom Wäschebleuel (Schlagholz für die Wäsche) abgeleitet ist, so Hardt. Hildegard Schuster
Wie Geschichte weitergegeben wird
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abei berichtete Nosková über ein Projekt, an dem sie zusammen mit Sandra Kreisslová (Prag) und Michal Pavlásek (Brünn) arbeitete. Dr. Jana Nosková ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik tätig und lehrt an der Masaryk-Universität Brünn. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Kultur und Geschichte der Deutschen. Das Projekt „Mechanismen und Strategien der transgenerationellen Weitergabe von Fami-
m 5,6 Prozent hat der Einzelhandel im Oktober im Vergleich zum Oktober 2020 seine Umsätze steigern können. Mit einem Plus von fast 40 Prozent waren vor allem Schuhe und Kleidung gefragt.
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Dr. Jana Nosková vom Institut für Ethnologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik
Dr. Jana Nosková hat die Seminarteilnehmer mit ihrem exzellenten Referat „Das Gedächtnis einer Familie – Wie die Geschichte innerhalb Familien über Generationen weitergegeben wird“ beeindruckt.
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Autobahnausbau auf der Agenda
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eim Sudetendeutschen Wörterbuch handelt es sich um ein wissenschaftliches Dialektwörterbuch, das die verschiedenen deutschen Mundarten der geographischen Regionen Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien darstellt. Erfaßt werden die Dialekte dieser Regionen nicht nur in ihrem Wortschatz, ihren Lautungen, Isabelle Hardt Bedeutungen und Redensarten, sondern nach Möglichkeit auch im Spiegel ihrer Brauchtümer, womit zusätzlich volkskundlich wie kulturgeschichtlich wertvolle Aspekte Eingang in das Werk finden. Der Vortrag der Referentin Hardt machte deutlich, daß im Sudetendeutschen Wörterbuch nicht nur sprachwissenschaftliches, sondern auch sehr viel kulturund mentalitätsgeschichtliches Potential steckt. Das vor dem Hintergrund der
Schuhe und Kleidung gefragt
liengedächtnis bei ausgewählten sozialen Gruppen“, das von der Tschechischen Forschungsgesellschaft finanziell unterstützt wurde, wurde in den Jahren 2016–2019 durchgeführt. Für den empirischen Teil des Projektes wählte das Forschungsteam dreigenerationelle Familien in vier Bevölkerungsgruppen aus. Der ältesten Generation, der Erlebnisgeneration,
war dabei gemeinsam, daß ihre Teilnehmer in ihrem Leben nach dem Zweiten Weltkrieg von Dr. Jana Nosková Migration bzw. „Zu-HauseBleiben“ betroffen waren. Zwei dieser Gruppen stellen nationale Minderheiten dar – es handelt
„Wurzeln in Böhmen – Wege nach Europa“
Seminarwoche am Heiligenhof
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issen zu vermitteln war das Ziel des mehrtägigen Informationsseminars über „Wurzeln in Böhmen – Wege nach Europa“ in der sudetendeutschen Bildungsstätte Der Heiligenhof in Bad Kissingen. Frauen und Männer mit familiären Wurzeln in Böhmen aus allen Teilen Deutschlands und der Tschechischen Republik zählten zu den Teilnehmern. Im Rahmen einer Serie stellt die Sudetendeutsche Zeitung die Ergebnisse vor.
sich um in der Tschechischen Republik lebende Deutsche einerseits und um Tschechen, die in Kroatien ansässig sind, andererseits. Die dritte und vierte Gruppe bilden Personen, die in der Gegenwart in einem Staat leben, der als „Mutterstaat“ angesehen werden kann, wohin sie jedoch erst in Folge der (erzwungenen oder freiwilligen) Migration nach dem Jahr 1945 gelangten. Nosková brachte den Zuhörern nahe, wie die Forschung unter den Heimatvertriebenen in Deutschland und unter den heimatverbliebenen Deutschen in der Tschechischen Republik durchgeführt wurde. Schließlich beschrieb Nosková auch den Forschungskontext, als sie Forschungen zum Thema „Heimatvertriebene“ vorstellte und die Geschichte der Deutschen in den Böhmischen Ländern thematisierte.
ie der geschäftsführende Premierminister Andrej Babiš (Ano) in einem FacebookVideo mitgeteilt hat, soll ein bewaffneter Mann in der vergangenen Woche versucht haben, ihn zu attackieren. Der Angreifer sei im Foyer des Regierungsgebäudes festgenommen worden, dabei sei er mit einer Pistole und einem Messer bewaffnet gewesen, sagte Babiš und nannte als Motiv Wut über die Anti-Corona-Maßnahmen. Die Polizei erklärte, daß man von einem Vorfall wisse und ihn untersuche.
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Wissenschaftler ausgezeichnet
rof. Dr. Vladimír Kučera, ein international anerkannter Experte für Systemtheorie und Regelungstechnik, ist mit dem Hauptpreis der renommier-
ten Wissenschaftsauszeichnung „Česká hlava“ geehrt worden. Kučera wurde 1996 zum Professor für Kybernetik berufen und arbeitet heute als emeritierter Forscher am Tschechischen Institut für Informatik, Robotik und Kybernetik und für die Akademie der Wissenschaften.
Mehr Budget für Ratspräsidentschaft
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ür die EU-Ratspräsidentschaft, die die Tschechische Republik in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 inne hat, will der designierte Premierminister Petr Fiala (ODS) das Budget erhöhen. Man wolle während der Präsidentschaft nicht kleckern und einzelne Posten gegebenenfalls finanziell aufstocken, sagte Fiala dem Tschechischen Rundfunk. Die Tschechische Republik wird während der Ratspräsidentschaft 50 Tagungen des EU-Rats in Brüssel und Luxemburg leiten. Weitere 14 informelle Treffen wird es in Prag geben. Dazu ist ein Gipfel der EURegierungschefs geplant.
Analyse zur Euro-Einführung
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rone oder Euro? Eine Währungsumstellung auf den Euro würde die Handelsbeziehungen zu den Staaten der Eurozone verbessern und der Wirtschaft neue Möglichkeiten geben, hat eine Analyse der Tschechischen Nationalbank ergeben, die am Montag veröffentlicht wurde. Auf der anderen Seite wäre ein Beitritt zur Eurozone auch mit Nachteilen verbunden, wie dem Verlust der eigenständigen Geldpolitik der Tschechischen Nationalbank. Auch die unvollständige Konvergenz, insbesondere in Bezug auf Preise und Löhne, sehen die Nationalbanker als problematisch an.
Okamura bleibt Chef der Rechtsextremen
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omio Okamura bleibt Führer der rechtsextremen Partei „Freiheit und direkte Demokratie“, kurz SPD. Auf dem Parteitag wurde der Unternehmer mit japanischen Wurzeln einstimmig für drei weitere Jahre im Amt bestätigt. Der 49Jährige hatte keinen Gegenkandidaten. Okamura führt die SPD seit ihrer Gründung im Jahr 2015. Bei den Wahlen hatte die SPD 9,6 Prozent erzielt und ist mit 20 Abgeordneten im Parlament vertreten.
Sudetendeutsche Zeitung
ISSN 0491-4546 Erscheint wöchentlich freitags. Redaktionsschluß Veranstaltungstermine: Freitag 18.00 Uhr. Redakationsschluß Montag 18.00 Uhr. Chefredaktion und verantwortlich für den Inhalt: Torsten Fricke, Nadira Hurnaus. Kulturredaktion: Susanne Habel. Korrespondent in Prag: Dr. Jaroslav Šonka; Korrespondentin in TeplitzSchönau: Jutta Benešová; Korrespondenten im Isergebirge: Stanislav Beran, Petra Laurin; Korrespondent in Berlin: Ulrich Miksch. Ständige Mitarbeit: Peter Barton, Markus Bauer, Josef Grimm, Professor Dr. Rudolf Grulich, Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Kathrin Hoffmann, Peter Pawlik, Herbert Ring, Karl Reitmeier, Hildegard Schuster, Lexa Wessel. Verlagsassistentin: Birte Rudzki. Anschrift für alle: Hochstraße 8, 81669 München. Redaktion: eMail zeitung@sudeten.de; Verlag: Telefon (0 89) 48 00 03 80, eMail svg@sudeten.de. Jahres-Abonnement 2021 Inland als Postvertriebsstück im Lastschriftverfahren 125,00 EUR einschließlich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Ausland 154,00 EUR, Luftpost auf Anfrage. Reichenberger Zeitung (24 Ausgaben jährlich) 62,50 EUR, Neudeker Heimatbrief (12 Ausgaben jährlich) 31,25 EUR. Je Rechnung 2,00 EUR Aufschlag. Bankverbindung: Postbank München – IBAN: DE13 7001 0080 0005 7278 08, BIC: PBNKDEFF; Abbestellungen mit einer Frist von vier Wochen zum Vierteljahresschluß schriftlich an den Verlag. Anzeigenpreisliste Nr. 13 vom 1. Januar 2021; Anzeigengestaltung erst nach Auftrag. © 2021 Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft. Diese Zeitung ist mit allen Texten und Bildern urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Vervielfältigung und Verwertung – insbesondere auch Weitergabe in Form von Kopien oder Einstellen ins Internet – sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrecht nichts anderes ergibt. Mit vollem Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft wieder. Gerichtsstand und Erfüllungsort München. Kein Entschädigungsanspruch bei Nichterscheinen oder Nichtlieferung infolge Streik oder höherer Gewalt. Keine Gewähr für nicht angeforderte Manuskripte, Bilder, Dokumente, Datenträger und Daten. Alle datenschutzrechtlichen Vorschriften werden beachtet; Einzelheiten unter www.sudeten.de Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH, HRB München 3796. Geschäftsführer und verantwortlich für Anzeigen: N. N. Alleiniger Anteilseigner: Sudetendeutsche Landsmannschaft, Hochstraße 8, 81669 München. Druck und Versand: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, 86167 Augsburg.
Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.
SUDETENDEUTSCHE GESPRÄCHE
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10.12.2021
Seit über einem Jahr ist Tomáš Kafka Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin. Die deutsche Hauptstadt kennt Kafka bereits bestens aus seiner Tätigkeit als Kultur-Attaché, was ihm bei seinem erneuten Umzug nach Berlin, dieses Mal mitten in einer Pandemie, geholfen hat. Im Interview mit der Sudetendeutschen Zeitung spricht Kafka über die deutschtschechischen Beziehungen, die kommende EU-Ratspräsidentschaft und seinen berühmten Vater Vladimír Kafka, der in den 1960er Jahren Franz Kafka ins Tschechische übersetzt hat.
Tomáš Kafka, Botschafter der Tschechischen Republik in Deutschland
„Covids kommen und gehen – unsere Freundschaft bleibt.“
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xzellenz, Sie sind seit 20. August 2020 tschechischer Botschafter in Berlin. Es war eine Berufung mitten hinein in die Pandemie. Wie ist Ihr Start in das neue Amt gelaufen, und was konnten Sie tun? Tomáš Kafka: Für mich war es zwar schwer, aber nicht so, daß ich mich beklagen könnte. Ich war aus zweierlei Gründen schon auf die Lage vorbereitet: Seit April 2020 war ich damit beauftragt, die Kommunikation nach Bayern, Sachsen und Berlin aufrecht zu erhalten. Und ob nun die Restriktionen von tschechischer Seite kamen oder sie zur deutschen Seite wechselten, die ihrerseits Grenzen schlossen – für mich war immer der wichtigste Vorsatz, daß zwar das Covid-Virus sehr unappetitlich und unangenehm ist, aber die Atmosphäre, in der wir diese Dinge zu besprechen haben, nach Möglichkeit aufrichtig, offen und freundschaftlich bleiben sollte. Man kann auch mit einer gewissen Übertreibung sagen, daß die Covids kommen und gehen, aber unsere deutsch-tschechische Partnerschaft bleibt. Die andere Sache, die mir den Start hier etwas erleichterte, war die Rückkehr zu meiner alten Wirkungsstätte Berlin, wo ich bereits in den 1990er Jahren war. Über drei Jahrzehnte hinweg, betreute ich darüber hinaus die deutschtschechischen Beziehungen. Das machte es mir möglich, daß ich viele alte Freunde und Mitstreiter hier in Deutschland habe. Im Unterschied zu anderen Diplomaten, die gerade frisch in Berlin gelandet waren und sich manchmal fühlten wie Mönche, die vergeblich nach Kontakten suchten und auf Einschränkungen verwiesen wurden. Für mich war es teilweise möglich, privat Kontakte, die sonst offiziell laufen sollten, wahrzunehmen. Und teilweise war es auch möglich, an die alte Tradition der Offenheit und Freundschaftlichkeit anzuknüpfen. Es war also schwierig, aber nicht unmöglich, in Berlin als Botschafter anzukommen und zu funktionieren. Sie waren aber zwangsläufig nicht in der Öffentlichkeit wahrzunehmen? Kafka: Ja, die Öffentlichkeit verschob sich in den Online-Modus. Ich war relativ viel mit Dingen zu Covid-19 beschäftigt, war auch tätig im gemeinsamen Abstimmungskreis mit unseren deutschen Partnern, sei es auf Landes- oder Bundesebene. Ich war damit beschäftigt, Nachfragen der tschechischen Regierung an deutsche Stellen zu übermitteln, in Bezug auf das gesundheitliche Feld. Zum Beispiel betreute ich eine Spende von Be-
Zur Person: Tomáš Kafka Geboren am 20. Mai 1965 in Prag. 1983–1988: Geschichts- und Russisch-Studium an der Karls-Universität in Prag. Ende der 1980er Jahre: Mitbegründer der Zeitschriften Dolmen und Kvašňák. Autor mehrerer Gedichtbände und Theaterstücke sowie Übersetzer unter anderem von Hans Magnus Enzensberger ins Tschechische. 1991–1995: Attaché für Kultur, Presse, Forschung und Bildung an der Außenstelle der Botschaft der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik in Berlin. 1995–1997: Referent für deutschsprachige Länder. 1998: Co-Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag. 2005–2008: Direktor der Mitteleuropäischen Abteilung. 2008–2013: Außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Tschechischen Republik in Irland. 2017–2020: Stellvertretender Vizeminister für Europäische Angelegenheiten. Seit 20. August 2020: Botschafter der Tschechischen Republik in Deutschland. 2001: Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. 2006: Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung.
Botschafter Tomáš Kafka vor einem Werk des Berliner Naturalisten und Impressionisten Carl Kenzler (1872–1947), das in der Tschechischen Botschaft hängt. Foto: Ulrich Miksch atmungsventilatoren für das Klinikum Sedlčany bis zur Lieferung. Ich konnte mich nicht beklagen, daß ich zur Tatenlosigkeit verurteilt worden wäre. Aber Sie haben recht, ich war nicht physisch präsent, sondern vor allem online. In der zweiten Hälfte des kommenden Jahres übernimmt die Tschechische Republik zum zweiten Mal die EU-Ratspräsidentschaft, Sie werden von Frankreich übernehmen und an Schweden übergeben. Was planen Sie für Initiativen? Eine Initiative für Atomkraft als grüne Energie? Kafka: Ein gemeinsamer Nenner könnte sein, daß wir in Anbetracht der Covid-Krise ein gesundes Europa in mancher Hinsicht nötig haben. Wir sind uns auch darüber bewußt: Die EU muß widerstandsfähiger werden, denn wir sind zunehmend von Konkurrenten umgeben, die uns nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Wir möchten all die Arbeit, die wir von den französischen Kollegen übernehmen werden, ganz gezielt weiterfahren. Das heißt: Da wird eine Debatte über die Ziele und die Zukunft Europas höchstwahrscheinlich noch nicht fertig und abgeschlossen sein. Da werden auch die Debatten über das Klima und über den ganzen Wiederaufbau nach der Pandemie in Europa noch laufen. Und auch die Migrationsfrage wird uns beschäftigen. Das ist die Agenda, die auf uns zukommen wird und die wir ganz be-
herzt mittragen werden. Wenn wir etwas Spezifisches hinzufügen werden, dann ist es unser Interesse an der östlichen Nachbarschaft. Mit Belarus (Anm. d. Red.: Weißrußland) kann man sicher nicht weiter rechnen, aber auch die Lage auf dem Westbalkan wird uns zunehmend beschäftigen. An Belarus kann man aber auch erkennen, daß sich verschiedene Agenden miteinander verknoten können. Und von den EU-Mitgliedsstaaten wird zunehmend abverlangt werden, daß wir uns mehr auf diese Komplexität einstellen müssen. Manche Staaten sind besorgt, was aus manchen Regionen wird, wie der Westbalkan oder Osteuropa. Und auch die Klarstellung unserer Beziehungen mit China, mit Rußland oder mit der Türkei steht im Raum. Wenn sich die tschechische Ratspräsidentschaft um etwas bemühen wird, dann, daß wir die EU nach Möglichkeit einheitlich und funktionsfähig halten wollen. Das wird schwierig werden, denn bei den notwendigen Kompromissen werden wir schwer die Bundeskanzlerin vermissen, die vielleicht die Weltmeisterin der Kompromißpolitik war, weil sie nie mit einer vorgefertigten Position proaktiv ein Ergebnis erzielen wollte, sondern wartete, bis sich alle ausgesprochen hatten, um dann reaktiv etwas zusammenzufassen, in dem sich jeder irgendwie ein bißchen wiederfinden konnte. Diese Hilfe werden wir vermissen müs-
sen. Aber vielleicht schaffen wir ein Klima des konstruktiven Mitstreitens, wo wir zu einem Kompromiß von unten und nicht von oben gelangen werden. Wenn die tschechische Präsidentschaft beim Ausbalancieren der Interessen helfen könnte, dann wird es aus meiner Sicht eine sehr erfolgreiche Präsidentschaft werden. Denn die Vorstellung, daß wir mit einem großen Wurf kommen werden, in einer Welt, wo alles aus den Fugen geraten mag, das wird sich nicht erfüllen. Dynamik wird nicht geschätzt, mehr Bedächtigkeit und ein fairer Ausgleich jedoch schon. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte kürzlich dazu, die Rolle der Politik sei jetzt vor allem auszubalancieren, denn avantgardistisch zu wirken. Ein großer Streitpunkt im Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien ist der Kohletagebau von Turow. Wie ist Ihre Haltung?
Kafka: Ich war neulich in Görlitz zu einer Podiumsdiskussion auch mit dem polnischen Botschafter. Ich wurde gefragt, ob ich als Tscheche ein komplettes Versagen bemängeln würde, ob ein Mangel an Vertrauen in den tschechisch-polnischen Beziehungen eingezogen ist. Meine Interpretation ist, daß die Vorgänge um Turow ein Opfer der allzuguten tschechischpolnischen Beziehungen geworden sind, weil vor allem auf der polnischen Seite unsere Partner von der Qualität unserer Beziehungen so überzeugt waren, daß sie sich nicht vorstellen konnten, daß zwischen uns Probleme entstehen könnten. Und unsere Warnungen, die in den letzten Jahren immer wieder kamen, hat man nolens volens unterschätzt. Man glaubte, daß man sich mit der tschechischen Seite schon einigen werden würde. Und plötzlich ist das Problem so
3 fortgeschritten, daß die tschechische Seite den Weg zum Europäischen Gerichtshof gehen mußte. Ich bin aber nach wie vor zuversichtlich, daß wir uns außergerichtlich einigen können. Aber es ist ein Lehrgang für die tschechisch-polnischen Beziehungen. Mit Deutschland mußten wir von unten vieles behutsam aufbauen und sind dadurch viel sensibler im Umgang, was wir im Umgang mit Polen jetzt auch wohl lernen müssen. Sie sind der Sohn von Vladimír Kafka, der in den 1960er Jahren Franz Kafka ins Tschechische übersetzt hat, sind selber als literarischer Übersetzer unter anderem von Bernhard Schlink und Thomas Brussig tätig. Max Brod traf Ihren Vater im ehemaligen Gebäude des Prager Tagblatts. Erzählen Sie uns von dieser Beziehung. Kafka: Ich muß hier eine Sünde beklagen. Nach dem Tod meines Vaters 1970 und dem Tod meiner Mutter sieben Jahre später, hatten wir den Nachlaß in unserer Wohnung in Schachteln verstaut. Kaum aus der Pubertät raus, waren wir auch neugierig. Einige Dinge, auch Korrespondenzen, haben wir unseren Freunden gezeigt und auch verliehen. Und wir waren etwas vergeßlich. So ist zum Beispiel die Korrespondenz zwischen meinem Vater und Max Brod verloren gegangen. Ich wurde mehrmals vom Archiv für nationales Schrifttum angeschrieben, ob wir nicht etwas hergeben könnten. Da mußte ich antworten, ich würde es gerne hergeben, aber ich habe es irgendwie verloren. Was ist Ihr liebster Ort in Tschechien und in Deutschland? Kafka: Das ist schwierig. Seit ich in Irland war als Botschafter, habe ich besser verstanden, was ich vermisse oder besonders schön finde. Es war erstaunlicherweise nicht Prag, was mir fehlte. Es war der Weg über das Tal von Kokořín hin zu unserem Wochenendhaus in Holany in der Nähe von Böhmisch Leipa, bei der die Landschaft zu mir sprach. Und der Weg war dabei wichtiger als die Ankunft. Und in Deutschland geht es mir ebenso. Ich mag den Weg von Aussig nach Berlin, die Autobahnfahrt, die leider gegenwärtig etwas getrübt ist durch viele Baustellen. Aber auch die Reise nach München, die zu guten Freunden führt. Welche Persönlichkeit, die Sie treffen konnten, hat Sie am meisten beeindruckt? Kafka: Auf der höchsten politischen Ebene war es die Begegnung mit Richard von Weizsäkker. Auch die Art und Weise wie er und Václav Havel einen bestimmten Stil eingeführt haben. Schon die erste Geste der beiden Persönlichkeiten, der erste Besuch eines Bundespräsidenten am 15. März 1990 in Prag, hat den deutsch-tschechischen Beziehungen unheimlich gut getan. Das war damals nicht ohne Risiko, da sich knapp nach der Wende noch viele Menschen mit dieser Annäherung schwertaten. Die gemeinsame Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit von Weizsäcker und Havel machte diesen Besuch zu einem Erfolg. Für mich ist diese Begegnung der beiden Staatsmänner seitdem vorbildhaft und beispielgebend. Ulrich Miksch
Nach einer aktuellen Meinungsumfrage ist eine Herdenimmunität nicht erreichbar
14 Prozent gegen Corona-Schutzimpfung Ernüchternde Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Stem: 14 Prozent der Tschechen lehnen eine Corona-Schutzimpfung ab. Weitere fünf Prozent sind ebenfalls negativ eingestellt, schwanken aber noch.
Auch der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman ist coronapositiv.
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ür eine Herdenimmunität wäre eine Impfquote von mindestens 90 Prozent notwendig,
warnen Experten, seitdem die hochansteckende Delta-Mutante auch in der Tschechischen Republik die Inzidenz in die Höhe treibt. Bei der Frage einer Impfpflicht ist die Bevölkerung gespalten. 43 Prozent sind dafür, 43 Prozent sind dagegen. Bisher wurden in der Tschechischen Republik rund 13,8 Millionen Dosen Impfstoff verabreicht.
Mit 6,4 Millionen Menschen sind allerdings nur 59,8 Prozent der Bürger vollständig geimpft. Davon haben etwas mehr als eine Million Bürger bereits die Booster-Impfung erhalten. Die Sieben-Tage-Inzidenz schwankt seit Ende November deutlich über der 1000er Marke. Die Zahl der Corona-Toten liegt mittlerweile bei über 33 000 und
die Letalitätsrate bei 1,51 Prozent. Sprich: Pro einhundert Corona-Patienten versterben 1,5. Das Auswärtige Amt warnt deshalb vor nicht notwendigen touristischen Reisen in die Tschechische Republik. Außerdem hat das Robert-Koch-Institut das Land bereits am 14. November als Hochrisikogebiet eingestuft.
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TERMINE . AKTUELL
München und Aussig
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10.12.2021
Ausschreibung
Neue Podcastfolge der Vertriebenenbeauftragten Sylvia Stierstorfer erinnert Stadln
Auf die Vertreibung folgte die Zerstörung des ganzes Dorfes
Diskussion über die Museen
OtokarFischerPreis
Die Podiumsveranstaltung über das Sudetendeutsche Museum in München und die Dauerausstellung „Unsere Deutschen“ in Aussig wurde jetzt auch auf YouTube veröffentlicht.
Mit ihrem Podcast-Projekt „Lebenswege“ dokumentiert Sylvia Stierstorfer, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Berichte von Zeitzeugen.
Auch 2022 vergeben das Institut für Literaturforschung in Prag und der Münchner Adalbert Stifter Verein den Otokar-Fischer-Preis. Bewerbungen sind bis zum 15. Februar möglich.
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uf Einladung des tschechischen Botschafters Tomáš Kafka diskutierten Petr Koura vom Collegium Bohemicum und Prof. Dr. Matěj Spurný von der Karls-Universität mit Dr. Stefan Planker und Dr. Raimund Paleczeck vom Sudetendeutschen Museum (Sudetendeutsche Zeitung berichtete). Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Monika Heinemann vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur. Die Veranstaltung ist über den YouTube-Kanal der Ackermann-Gemeinde abrufbar. Der Link: https://www.youtube. com/watch?v=z58K4qlOEK0
ür die aktuelle Ausgabe des Podcasts hat die CSU-Landtagsabgeordnete die Sudetendeutsche Elfriede Endl interviewt, die 1939 in Stadln im Böhmerwald geboren wurde. Nach der Vertreibung der Sudetendeutschen wurde der Ort, der bereits kurz nach 1600 erwähnt wurde und lange Zeit Sitz des Gerichtshofs der Künischen Freibauern war, 1952 für den Bau eines Truppenübungsplatzes dem Erdboden gleich gemacht. „Es hat mich wütend gemacht, als ich auf einer Landkarte gesehen habe, daß mein Geburtsort einfach ausgelöscht war“, erzählt
Elfriede Endl
MdL Sylvia Stierstorfer
Ein Foto aus der Ausstellung „Stadln – das verschwundene Dorf im Böhmerwald“ zeigt das idyllische Leben vor der Vertreibung. Fotos: Archiv Hans Zettel/Martina Klinke Fotografie/privat
Endl der Vertriebenenbeauftragten. Das gesamte Gespräch ist
über die Webseite der Vertriebenenbeauftragten abrufbar:
www.aussiedler-undvertriebenenbeauftragte.bayern.de
it dem Preis werden herausragende wissenschaftliche Arbeiten der deutsch- und tschechischsprachigen Bohemistik und Germanobohemistik ausgezeichnet, die in den letzten zwei Jahren in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Tschechien veröffentlicht wurden. Zu den Förderern gehören der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, das Kulturministerium der Tschechischen Republik, der Magistrat der Hauptstadt Prag sowie die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Mehr Informationen unter www.stifterverein.de
VERANSTALTUNGSKALENDER Noch bis Freitag, 14. Januar: Ausstellung „Keine Nacht so dunkel“. 150 Jahre Familiengeschichte über das bewegende Schicksal des böhmisch-jüdischen Architekten Rudolf Wels sowie seiner Vor- und Nachfahren. Tschechisches Zentrum, Prinzregentenstraße, München. Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch, 13.00–17.00 Uhr, Donnerstag, 13.00–19.00 Uhr, Freitag, 12.00–15.00 Uhr. Corona-Regel: 2G plus. Noch bis Samstag, 15. Januar: „Verblichen, aber nicht verschwunden. Eine Spurensuche im Böhmerwald“. Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Bismarckstraße 90, Düsseldorf. Öffnungszeiten: montags und mittwochs von 10.00 bis 17.00 Uhr, dienstags und donnerstags von 10.00 bis 19.00 Uhr sowie freitags von 10.00 bis 14.00 Uhr. Samstags auf Anfrage. Noch bis Sonntag, 30. Ja-
Hinweis Corona-Pandemie
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ie sich verschärfende Corona-Pandemielage führt erneut zu Veranstaltungsabsagen oder zu strengeren Hygienerichtlinien. Diese Änderungen können auch kurzfristig erfolgen. Die Sudetendeutsche Zeitung rät deshalb, sich vor dem Besuch direkt beim Veranstalter über die aktuelle Lage zu informieren. nuar: Ausstellung „Marktredwitzer Krippenkultur“. Egerland Kulturhaus, Fikentscherstraße, Marktredwitz. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 14.00– 17.00 Uhr. Noch bis Montag, 31. Januar: „Zerbrechliche Heilige – Rumänische Hinterglasikonen aus der Sammlung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim“. Glasmuseum, Himmeroder Wall 6, Rheinbach. Samstag, 11. Dezember, 15.30 Uhr, Deutsches Kulturforums östliches Europa: „Spiel des Schicksals“. Vorführung
Ausstellung vom 19. Januar bis 8. April
„Fremd‒Vertraut“ Von Mittwoch, 19. Januar bis Freitag, 8. April: „Fremd –Vertraut. Hermannstadt und Kronstadt“, Ausstellung im Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Die beiden siebenbürgischen Städte entwickelten sich im Verlaufe ihrer Geschichte zu einem je eigenen Kosmos, auch wenn gegenseitige Berührungen, wenn das Aufeinander-Angewiesen-Sein unübersehbar sind. Selbst für diejenigen, die den jeweiligen Kosmos, in dem sie groß geworden sind, zu kennen glauben, birgt dieser immer beides zugleich – Fremdes und Vertrautes. Die Frage, wann das Fremde zum Vertrauten wird, kann kaum generell beantwortet werden. Dieser Prozeß wird von zu vielen sehr individuellen, vor allem auch biografischen Faktoren beeinflußt. Allerdings gilt auch dies: Ängste vor dem Fremden ungehemmt auszuleben, ist ein gesellschaftliches No-Go. So ist die aktuelle Frage mehr denn je: Wie wird das mir Fremde zum Vertrautem, ohne dass ich das Fremde seiner
Identität beraube? Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Jürgen van Buer sind eine Aufforderung an die Betrachter, ihre je individuelle Antwort auf die Frage dieser Ausstellung zu finden. Kurator der Ausstellung ist Josef Balazs. Öffnungszeiten: 19. Januar bis 8. April 2022, Montag bis Freitag (werktags) 10 bis 20 Uhr. Informationen unter Telefon (0 89) 4 49 99 30 oder per eMail poststelle@hdo.bayern.de.
des Dokumentarfilms von Éva Hübsch über die Geschichte der Donauschwaben aus der Wojwodina. Anschließend Gespräch über Neusatz/Novi Sad, Europäische Kulturhauptstadt 2022. Bundesplatz-Kino, Bundesplatz, Berlin. Dienstag, 14. Dezember, 10.00 bis 12.00 Uhr, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: Fördermöglichkeiten im Rahmen des Paragraphen 96 Bundesvertriebenengesetz. Online-Workshop. Anmeldung unter www.kulturstiftung.org Dienstag, 14. Dezember, 15.00–16.30 Uhr, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen: Böhmisch-bairisches Adventssingen mit Dr. Erich Sepp. Online-Veranstaltung. Anmeldung bis 13. Dezember unter eMail erich.sepp@icloud.com Dienstag, 14. Dezember, 15.00–17.30 Uhr, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: Podcasts, Videos und Streams in der Öffentlichkeitsarbeit. Online-Workshop. Anmeldung unter www. kulturstiftung.org Dienstag, 14. Dezember, 18.00 Uhr, Tschechisches Kulturzentrum: „Ptydepe und chorukor: Inszenierung einer absurden Kommunikationswelt“. Zum zehnten Todestag von Václav Havel (10. Dezember) wirft der Regensburger Bohemist Prof. Dr. Marek Nekula einen sprachwissenschaftlich geschärften Blick auf eines seiner berühmtesten Theaterstücke. Zoom-Veranstaltung. Anmeldung unter eMail ccmunich@czech.cz Samstag, 18. Dezember, 15.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/Wehringen/Klosterlechfeld: Weihnachtsfeier. Fischerheim, In der Aue 5, Wehringen. Obmann Kurt Aue präsentiert einen Film über das Sudetenland. Ab Montag, 20. Dezember, Heimatpflegerin: duo connessione. Die Konzert-Aufzeichnung auf dem YouTube-Kanal der Sudetendeutschen Landsmannschaft unter www.youtube.com/ DieSudetendeutschen. Mittwoch, 26. Januar, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde: Diskussion der Situation SG-Bund; Auswirkungen auf
die Regionalgruppe? Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Mittwoch, 23. Februar, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde: Nostalgischer Film von Horst Herz über das Seminar in der Burg Hohenberg 2008 mit Besuch der Stadt Aussig. Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Sonntag, 6. März, 14.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/Wehringen/Klosterlechfeld: Märzgedenken. Bürgersaal Wehringen. Referent: Christian Knauer, Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV) Bayern. Sonntag, 13. März, Landesdelegiertenversammlung der SL Bayern. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Mittwoch, 30. März, 16.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Mittwochsrunde: Dia-Vortrag Gisela Hüttisch – Bauernkriegspanorama des Malers Werner Tübke (frühbürgerliche Revolution um 1525). Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, München. Montag, 2., 9.00 Uhr bis Freitag, 6. Mai, 18.00 Uhr, Seliger-Gemeinde München-Dachau: Informationsfahrt nach Prag und Reichenberg. Auf den Spuren von DSAP und SOPADE. Samstag, 7. Mai, 14 Uhr Muttertagsfeier. Fischerheim, In der Aue 5, Wehringen. Donnerstag, 26. Mai, 19.00 Uhr, BdV Augsburg Stadt und Augsburg Land: Maiandacht. Mit dem Chor der Banater Schwaben und dem Blasorchester Königsbrunn. Freitag, 3. bis Sonntag, 5. Juni, 72. Sudetendeutscher Tag in Hof. Motto: „Dialog überwindet Grenzen“. Freitag, 17. Juni, 10.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Königsbrunn/ Wehringen/Klosterlechfeld. Totengedenken. Mahnmal der Sudetendeutschen am Friedhof Wehringen mit Pfarrer Hubert Ratzinger. Samstag, 23. Juli: Brünner Versöhnungsmarsch. Landesgruppe Bayern organisiert eine Reise mit zwei Bussen (Nordund Südbayern) von Freitag, 22. Juli bis Montag, 25. Juli. Die Ausschreibung erfolgt im Frühjahr. Samstag, 12. November und Sonntag, 13. November: Gedenken an Flucht und Vertreibung am Volkstrauertag in Wehringen und Königsbrunn. Sonntag, 4. Dezember, SLOrtsgruppe Königsbrunn/Wehringen/Klosterlechfeld: Weihnachtsfeier. Ort und Zeit werden im Herbst bekanntgegeben.
Online-Premiere am 16. Dezember
Weihnachtskrippe – eine böhmische Tradition Donnerstag, 16. Dezember, 18.00 Uhr: Premiere der Filmdokumentation „Weihnachtskrippen – eine böhmische Tradition“. Online-Veranstaltung der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen und des Kulturreferats für die böhmischen Länder mit dem Filmemacher Jörg-Peter Schilling und dem Krippenbauer Patrick Ernst. Ein Zentrum des Krippenbaus war die nordböhmische Gegend um Schirgiswalde und Schluckenau. Mit der Vertreibung der Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkriegs ging allerdings ein Teil des Wissens verloren. Doch dasBrauchtum starb nicht ganz aus, denn die
deutschstämmigen Bewohner, die ihre Heimat verlassen mußten, nahmen ihr Wissen mit in die neue Heimat. So auch Rudolf Brämer, dessen Urenkel bis heute die Tradition des Krippenbaus fortsetzt. In Naumburg an der Saale hat Patrick Ernst, der von vielen nur „KrippenErnst“ genannt wird, seine Werkstatt. Hier hat ihn Filmemacher Jörg-Peter Schilling besucht und mit der Kamera porträtiert. Anmeldung unter schmitzer@sudeten.de Nach Anmeldung per eMail erhalten Sie den Einwahllink am Vorabend der Veranstaltung. Trailer: https:// youtu.be/nMTgOAAqolM
Erinnerungskultur in Südosteuropa Dienstag, 14. Dezember, 18.00 bis 20.00 Uhr: „Nationale Erinnerungskulturen in Südosteuropa und der europäische Erinnerungsgedanke“. Gespräch mit Gerald Volkmer, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Oldenburg. Online-Seminar für politisch Interessierte. Der Umgang mit der Vergangenheit war stets ein Politikum. Gerade die aktuelle Lage bietet umfangreiches Anschauungsmaterial dafür, wie Geschichte zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden kann. Darüber hinaus besitzt die Erinnerung an Vergangenes ein großes Potential, durch die Politik instrumentalisiert zu werden. Dies zeigt sich insbesondere in Südosteuropa, dessen nationale Erinnerungskulturen in der Gesellschaft tief verwurzelt sind und zahlreiche Reibungspunkte mit dem Konzept eines vereinten Europas aufweisen. Die Auseinandersetzung mit dem Europäischen Integrationsgedanken ist dabei sowohl in jenen Staaten aktuell, die bereits seit mehreren Jahren Mitglieder der Europäischen Union sind, wie zum Beispiel Ungarn, Rumänien oder Kroatien, als auch in jenen, die eine Aufnahme in die EU anstreben, zum Beispiel Bosnien-Herzegowina, Serbien oder Albanien. In diesem Gespräch soll die Herausforderung der in den südosteuropäischen Staaten verbreiteten Geschichtsbilder und der dort betriebenen Geschichtspolitik durch den Europäischen Integrationsgedanken untersucht werden. Anmeldung unter eMail info@heiligenhof.de Heiligenhof · Alte Euerdorfer Straße 1 · 97688 Bad Kissingen Telefax (09 71) 71 47 47 info@heiligenhof.de · www.heiligenhof.de
AKTUELL
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10.12. 2021
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� Erstunterzeichner der Charta 77 und Weggefährte von Václav Havel starb kurz nach seinem 80. Geburtstag in Prag
Karls-Preisträger und Europäer: Trauer um den großen Petr Uhl „Ich habe das getan, was ich für richtig gehalten habe“, hat Petr Uhl später seine Memoiren überschrieben. Am 1. Dezember ist der Erstunterzeichner der Charta 77 und Träger des Europäischen Karls-Preises der Sudetendeutschen Landsmannschaft kurz nach seinem 80. Geburtstag in Prag verstorben. Die Beerdigung fand am heutigen Freitag statt, dem Tag der Menschenrechte und dem zehnten Todestag seines Weggefährten Václav Havel.
I
n der tschechischen Tageszeitung Lidové noviny würdigte Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, den Bürgerrechtler in einem persönlichen Nachruf (siehe unten) als großen Europäer und Brückenbauer. Beeinflußt vom Trotzkismus und von der radikalen französischen Linken hatte der im Oktober 1941 geborene Uhl 1968 die „Bewegung der revolutionären Jugend“ gegründet. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 wurde die gesamte Gruppe verhaftet. Erst nach vier Jahren kam Uhl wieder frei. 1974 heiratete der Maschinenbau-Ingenieur die Historikerin und Philosophin Anna Šabatová. 1977 gehörte Uhl zu den ersten Unterzeichnern der oppositionellen Bürgerbewegung Charta 77 und gründete im April 1978 zusammen mit Václav Havel und anderen das Komitee zur Verteidigung von zu Unrecht Verfolgten. Im Oktober 1979 wurde er wieder verurteilt, diesmal zu fünf Jahren Haft. In den 1980er Jahren war Uhls Prager Wohnung ein wichtiges Informationszentrum für die Charta 77, osteuropäische Bürgerrechtler und Journalisten aus aller Welt. Nach der samtenen Revolution war Uhl von 1990 bis 1992 Direktor der tschechischen Nachrichtenagentur ČTK, zeitweise Parlamentsabgeordneter sowie von 1998 bis 2001 Bevollmächtigter der tschechischen Regierung für Menschenrechte. Von 2002 bis 2007 war Uhl Mitglied der tschechischen Grünen. Außerdem hatte er verschiedene Ämter im Bereich Minderheiten, Menschenrechte und Probleme der Roma inne, für die er sich als Mitglied einer Kommission für Roma-Angelegenheiten der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei einsetzte. Für sein Engagement wurde Uhl mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1998 erhielt er die tschechische Verdienstmedaille, 2002 den österreichischen Journalistenpreis der Organisation „Reporter ohne Grenzen“, und 2006 wurde er zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. 2008 würdigte ihn die Sudetendeutsche Landsmannschaft mit dem Europäischen Karls-Preis. In seiner Dankesrede thematisierte Uhl auch die Vertreibung (siehe rechts). Torsten Fricke Von Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Petr Uhl bin ich zum ersten Mal in Prag während der Samtenen Revolution im Herbst 1989 begegnet. Selbstverständlich war er mir schon vorher als einer der mutigsten und geistig bedeutendsten Bürgerrechtler der Charta 77 bekannt gewesen, die ich, als Sohn einer aus Nordböhmen stammenden sudetendeutschen Familie, mit großer Sympathie beobachtete und, wo es möglich war, unterstützte. Was uns beide – den linken Trotzkisten und den christlichsozialen Paneuropäer – von Anfang an verband, war das Thema Menschenrechte. Wenn es um dieses Thema ging, war der freundliche und friedliche Uhl auf kämpferische Weise kompromißlos. Dies habe ich an ihm stets ganz besonders bewundert.
S
eine Lebensachse war diejenige von Kaiser Karl IV., die Via Carolina: Prag–Nürnberg–Straßburg–Paris. An der Seine, wo Karl IV. seine Jugend verbrachte und erzogen wurde, hatte der junge Petr Uhl, der ein literarisches Französisch sprach, revolutionäre Impulse aufgenommen, die nicht zum starren diktatorischen System der kommunistischen Tschechoslowakei paßten.
Verleihung des Karls-Preises an Petr Uhl durch Volksgruppensprecher Bernd Posselt und Reinfried Vogler (im Hintergrund). Foto: Laputka
� Dankesrede von Petr Uhl auf dem Sudetendeutschen Tag 2008
Klare Worte des Karls-Preisträgers Auszüge der Dankesrede von Petr Uhl anläßlich der Verleihung des Europäischen Karls-Preises der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Jahr 2008:
F
reunde fragen mich oft, was zu meiner Haltung beigetragen hat, die kurz als entschiedene – juristische, politische und gesellschaftliche – Kritik der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945–1946 bezeichnet werden kann. ... Ich wurde während des deutschen Protektorats, im Oktober 1941, in einer tschechischen Familie in Prag geboren. Im Februar 1946 schaute ich – ich war ein Einzelkind – zusammen mit meinen Eltern aus dem Fenster des Wohnhauses an der Ecke der Straßen Anglická und Bělehradská im Prager Viertel Königliche Weinberge auf den endlosen Zug der Deutschen aus dem Viertel Nusle, die damals für die „geregelte Abschiebung“ bestimmt waren, und jene drei bis vier Kilometer aus Nusle zum Prager Hauptbahnhof gehen mußten. Es waren vor allem Frauen und Alte und kleine Kinder, die Mehrzahl der Männer war für Hitler an den Fronten ge-
fallen. Die Menschen trugen ihr Hab und Gut in Leintüchern verpackt auf dem Rücken, einen Teil transportierten sie in Kinderwägen. Ich glaube, es waren dreißig Kilogramm pro Person. „Das ist schrecklich“, sagte einer meiner Eltern, ich weiß nicht mehr, ob Vater oder Mutter. „Generationenlang lebten sie hier mit uns, es ist ihre Heimat, und nun müssen sie fortgehen. Das ist ungerecht.“ „Ja, du hast recht“, antwortete der andere, „diese Menschen können doch nichts dafür. Aber Recht geschieht ihnen, sie haben es verdient.“ Und dieser Widerspruch zwischen den beiden Behauptungen „das ist ungerecht“ und „sie haben es verdient“ begleitet mich eigentlich mein ganzes Leben lang. Das kam mir mehr als dreißig Jahre später voll zu Bewußtsein, als man in der Charta 77 darüber diskutierte, ob die Charta den Text über die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg als Dokument herausgeben soll. Aus den verschiedensten Gründen kam es dann nicht dazu, aber statt dessen entbrannte eine Polemik, an der auf beiden Polen der sehr gegensätzlichen Meinungen Dutzende von Charta-Aktivisten teilnahmen. ... Hier will ich nur daran er-
� Nachruf in der tscheschischen Zeitung Lidové noviny
Ein Linker auf der Via Carolina
Vom Typus war er ohnehin einem für die Freiheit auf fast anarchistische Weise kämpfenden französischen Intellektuellen sehr ähnlich. Einer der wichtigsten Wirkungsorte von Petr und seiner großartigen Frau Anna Sabatová war Straßburg. Ich arbeitete dort als Europaabgeordneter, mit besonderer Zuständigkeit für Menschenrechtsfragen – Anna und er behandelten dasselbe Thema im Rahmen des Europarates und des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes. Das letzte Mal, daß ich beide zusammen sah, war auf dem Straßburger Bahnhof, und wir sprachen über das Faszinierende an dieser einstmals heftig zwischen Deutschland und Frankreich umkämpften Europastadt. Sie war für uns das Symbol von Völkerverständigung und Versöhnung – in der wir alle drei den Wesenskern der Europäischen Einigung sahen. Aus diesem Geist heraus verurteilte Petr auch stets die kollektive Entrechtung
und Vertreibung der Sudetendeutschen. In Nürnberg, das Karl IV. neben Prag besonders liebte und das heute den Titel „Stadt der Menschenrechte“ führt, durfte ich Petr Uhl 2008 als drittem Tschechen den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen überreichen. Karl IV. war wie Petr Uhl besonders der Idee des Rechts, des Schutzes von Minderheiten und der kulturellen Vielfalt verbunden. Dies äußerte sich in der Goldenen Bulle, dem dann jahrhundertelang gültigen Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches – das damals in Prag seinen Mittelpunkt hatte. Diese Zeit hatte aber auch sehr dunkle Seiten, wenn man an die Pogrome gegen die Juden denkt. Solche brutalen Menschenrechtsverletzungen überschatteten auch Petr Uhls Leben, der während des Protektorats und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Böhmen geboren wurde und später unter der totalitären Tyrannei der von ihm bekämpften
innern, daß ich bei allen diesen Themen ein Kritiker und Gegner der Vertreibung war, ebenso wie etwa Václav Havel. ... Seit Jahren stehe ich vor allem mit den Mitgliedern der christlichen Ackermann-Gemeinde in Kontakt. Ich habe mich überzeugt, daß die Sudetendeutschen nicht nur konsequent antinazistisch eingestellt, sondern auch wirkliche Demokraten sind. Den Europaabgeordneten und Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, betrachte ich als meinen Freund, er ist ein wahrer Europäer. Der Preis ehrt mich auch deshalb, weil ich in der tschechischen, aber auch in der deutschen Gesellschaft immer noch eine Bewertung der Gewalt und des Unrechts vermisse, deren Opfer die deutsche Bevölkerung der Tschechoslowakei in den Jahren 1945–1946 geworden ist. Die Vertreibung kann unter den Bedingungen des tschechoslowakischen Staates, der demokratisch sein wollte, nicht durch die Naziverbrechen gerechtfertigt werden, die zu Recht von der ganzen Welt, einschließlich der Deutschen und der Sudetendeutschen, verurteilt worden sind.
Leninisten insgesamt elf Jahre im Gefängnis saß. Prag ist die Stadt, in der Petr zur Welt kam, und in Prag hat er sie acht Jahrzehnte später wieder verlassen, betrauert von einem riesigen Freundeskreis in ganz Europa und der übrigen Welt – vor allem aber von seiner Familie, die er sehr liebte. Ich fühle mich auch seiner lieben Frau, seinen Kindern, deren Ehepartnern und Petrs Enkeln sehr verbunden. Als wir im Oktober zum letzten Mal telefonierten, entwickelte sich zwischen uns ein herrlicher Dialog, den Anna moderierte, weil Petr zu diesem Zeitpunkt sehr schwach war. Die Lebensfreude hatte ihn aber nicht verlassen, und er sprach begeistert davon, daß am nächsten Tag die nächsten beiden Generationen der Familie zu ihnen kommen und feiern würden. Der weltweit wirkende Europäer, der neben Tschechisch unter anderem Deutsch, Französisch, Italienisch und Polnisch sprach – auch in seiner Multilingualität findet sich eine Parallele zu Karl IV. –, genoß zugleich das kleine Glück der engeren Heimat. Obwohl er durch seine Frau oft und gerne in Mähren war, blieb er doch immer ein echter Prager – ein kritischer Freigeist mit sehr viel Toleranz und Interesse gegenüber Menschen, die anders dachten.
� Mut tut gut
Heiland, hilf endlich! W
er singt, betet doppelt“, sagte der heilige Augustinus von Hippo. Diese Weisheit gilt in der Adventszeit besonders. Die meisten adventlichen Lieder, die sowohl katholische wie auch evangelische Christen in den Gottesdiensten singen, sind von einer dichten Atmosphäre des Gebetes geprägt, und sie regen zum persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet an. Mitten im zweiten Corona-Winter mit all seinen medizinischen Herausforderungen und gesellschaftlichen Verwerfungen spricht mich besonders ein Adventslied an: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Immer schon wurde dieses Lied in den Gottesdiensten der vorweihnachtlichen Zeit oft und gerne gesungen, aber wohl selten traf es in den vergangenen Jahren so sehr die Situation wie in diesem Advent. Nicht nur mich, auch viele Mitchristen ergreift dieses Lied heuer außergewöhnlich. Schon die erste Strophe gleicht einem Gebetssturm, der sich erhebt, um Rettung aus Not und Elend zu erbitten: „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab, vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für.“ Und in diesem Ton geht es in den restlichen fünf Strophen weiter. Das Lied durchwallen starke Gefühle. Bedrückung wechselt mit heftiger Sehnsucht, menschliche Hilflosigkeit mit der unzerstörbaren Hoffnung auf Hilfe von oben. Dabei spricht der Mensch mit dem Heiland in der Befehlsform, das ist keine freundliche Bitte, sondern eine nachdrückliche Aufforderung. So richtet sich nur jemand an Gott, dem das Elend tatsächlich den Hals zuschnürt, der sich bereits aller menschlichen Möglichkeiten bediente, aber erfolglos blieb. Immer wieder klingt an, daß Gott nicht noch lange zuwarten, sondern gefälligst schnell helfen möge. Blicken wir auf den Urheber und auf die Entstehungszeit des Liedtextes. Er stammt von Friedrich Spee von Langenfeld (1591– 1635), dem berühmten deutschen Jesuiten, der vor allem als bedeutender Kritiker der neuzeitlichen Hexenverfolgung in die Geschichte eingegangen ist. 1622, als der Ordensmann diese Zeilen dichtete, hatte er sein Theologiestudium noch nicht vollendet, die Priesterweihe erhielt er erst im Jahr darauf. Zeitgeschichtlich bewegte sich Spees Erwachsenenleben inmitten des Dreißigjährigen Krieges, der mit religiösem Fanatismus begonnen hatte und rasch zu einer Auseinandersetzung zwischen den politischen Mächten in Europa geworden war. Zu den garstigen Begleiterscheinungen des Krieges gehörte nicht zuletzt eine Verarmung der einfachen Bevölkerung, aber auch die Ausbreitung von Seuchen. Das Elend schrie zum Himmel, und Spee verlieh diesem Elend eine Stimme. Seit fast 400 Jahren wird sein Lied gesungen. Mir hilft es, den Advent nicht bloß als eine beschaulich-bequeme Zeit zu gestalten, sondern die Nöte unserer Zeit in den Blick und vor allem ins Gebet zu nehmen. Lassen wir Gott weder in der Corona-Krise noch in den anderen Krisen unserer Gegenwart aus dem Spiel. Trauen wir ihm zu, uns helfen zu können. Dr. Martin Leitgöb CSsR Seelsorger der katholischen Pfarrei Ellwangen-Schönenberg
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FORUM
Brünn war durch Jahrhunderte wie eine Festung des Deutschtums. Das war die Stadt, solange sie Mauern schützten und das Herein und Heraus kontrollierbar war. Dann aber wurden sie geschleift, und die Stadt erstickte unter dem Zulauf Fremder. Das war der Anfang vom Ende des Deutschtums in Brünn.
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ls man im Januar 1919, also nach Errichtung der Tschechoslowakei, eine erste Volkszählung durchführte, lebten in Brünn 131 663 Personen. 61 Prozent erklärten sich als Tschechen, nur 34,4 Prozent als Deutsche. Zuvor waren sie alle Österreicher gewesen. Als was sich der einzelne fühlte, unterlag Stimmungen, der politischen Situation und Äußerlichkeiten. Fragte man seinen Nachbarn nach dem ersten Luftangriff der Alliierten im August 1943, ob die Flieger nun ihre Freunde oder ihre Feinde waren, erklärten die meisten: „Unsere Feinde!“. Dieser erste Angriff galt dem Brünner Flugplatz, doch wurden viele Bomben vom Wind nach Schimitz getrieben, einem östlichen Vorort, wo sie die einfach gebauten Einfamilienhäuser pulverisierten. Gezielter war der erste Großangriff am 20. November 1944. Er traf besonders die Innenstadt und bisher verschonte Voror-
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
� Brünn
Eine offene Stadt te empfindlich. Dabei bedienten erregte die Landung eines Fiesich die Alliierten einer Finte. seler Storchs in der GiskrastraDie Bomberstaffeln waren zuerst ße. Bald darauf war am Gebäunordwärts über die Stadt geflo- de der Militärkommandantur die gen und drehten über Wischau Aufschrift „Festungskommando“ plötzlich um. In Brünn aber war inzwischen Entwarnung gegeben worden, und der innerstädtische Verkehr rollte wieder. Das Chaos war entsprechend. Fahrgäste verbrannten in den Straßenbahnen, Hauptverkehrsstraßen standen in Flammen. Von diesem Tag an waren die alliierten Flieger täglich unterwegs, flogen Angriffe auf die Indu- Fieseler Fi 156 Storch. strie, aber auch gezielt auf die Zivilbevölkerung. Gleich- zu sehen. Die Stadt Brünn, offen zeitig rückte die Front von Süden nach allen Seiten, eine Festung! näher, die sowjetischen Truppen Wohl hatte man da und dort Panwaren über Ungarn zum Angriff zersperren gebaut und Schütauf Wien angetreten. Schon da zengräben errichtet, aber schon verließen viele deutsche Brünner um diese Zeit, also im Frühjahr die Stadt Richtung Westen und 1945, hatten Partisanennester Norden und versuchten, sich in in der Stadt Verbindung zu der Sicherheit zu bringen. Aufsehen provisorischen tschechoslowa-
oder ein reguläres Abo (Bezug per Postzustellung)
Inneren Böhmens landeten, wurden sie nach dem Umsturz in Lager gesteckt oder nach Prag getrieben und mißhandelt. Die Landeshauptstadt Mährens konnte sich nicht verteidigen, der Volkssturm sollte Geschütze bedienen, zu denen es keine passenden Granaten gab, er löste sich meist von selbst auf. Die ersten Angriffe russischer Panzerspitzen wurden von deutschen Panzereinheiten noch zurückgeschlagen, doch fehlte den Verteidigern Treibstoff und Munition. Während in der Stadt Straßenkämpfe tobten, versuchten die deutschen Panzer im Westen den Rückzug der Wehrmacht zu decken. Der größte Teil des Volkssturms fiel nördlich der Stadt bei Deutsch Brod in russische Gefangenschaft, viele der alten Männer endeten in Sibirien. Sie sahen ihre Heimat nicht wieder. Die Kämpfe um die nun „offene Stadt“ waren heftig und dauerten mehrere Tage. Die Zivilbevölkerung verkroch sich in den Kellern und wartete ab. 14 Tage lang traute man sich nicht, den
PERSONALIEN
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kischen Regierung, die sich im Osten der Slowakei in Kaschau gebildet hatte. Von dort kamen auch die dringenden Befehle, alles zu unternehmen, um die „Festungsstadt“ Brünn zu verhindern. Vermittler zwischen Kaschau und Landesvizepräsident Karl Schwabe war der Brünner tschechische Jurist Karel Krajiček. Mit Oberbürgermeister Oskar Judex erreichte Schwabe bei Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, daß Brünn zur offenen Stadt erklärt wurde. Krajiček versicherte, daß mit der deutschen Bevölkerung loyal umgegangen werde. Im Januar und Februar hatte die Partei mit der Evakuierung der Deutschen begonnen. Wenig später wurden die Deutschen aus fahrenden Autos zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Ob sie flüchteten oder blieben, es war so oder so ihr Unglück. Wenn sie im
� Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen
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Volker Bouffier geehrt Der Bund der Vertriebenen (BdV) ehrte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier Ende November in der Hessischen Landesvertretung in Berlin mit seiner höchsten Auszeichnung, der Ehrenplakette.
D
Reichenberger Zeitung Nordböhmische Umschau 24 Ausgaben (62,50 EUR im Jahr) Neudeker Heimatbrief für die Heimatfreunde aus Stadt und Landkreis Neudek 12 Ausgaben (31,25 EUR im Jahr) mit folgendem Zahlungszeitraum: jährlich durch Lastschrift halbjährlich durch Lastschrift vierteljährlich durch Lastschrift Name, Vorname Straße, Hausnummer Postleitzahl, Ort Telefon E-Mail Geburtsjahr, Heimatkreis Datum, Unterschrift Ich/Wir ermächtige/n die Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH (SVG), Hochstraße 8, 81669 München, Gläubiger-Identifikationsnummer DE04SVG00000003583, Zahlungen von meinem/unserem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein/weisen wir unser Kreditinstitut an, die von der SVG auf mein/unser Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Dabei gelten die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Wenn sich meine Kontodaten ändern, teile ich dies der SVG unverzüglich mit.
ie BdV-Ehrenplakette wird traditionell an Persönlichkeiten verliehen, die sich um den deutschen Osten und das Selbstbestimmungsrecht in hervorragendem Maße verdient gemacht haben. In seiner Ankündigung zur Verleihung der Ehrenplakette bezeichnete BdV-Präsident Bernd Fabritius Bouffier als einen würdigen Preisträger. In seinem Handeln sei die Handschrift eines Ministerpräsidenten und eines Menschen erkennbar, der ganz selbstverständlich davon überzeugt sei, daß Flucht und Vertreibung zur gesamtdeutschen Geschichte gehörten und daß es bis heute gelte, die Menschen in Hessen mit den Vertriebenen und ihren Verbänden, mit den Landsmannschaften, mit dem historischen deutschen Osten und den von dort stammenden Menschen vertraut zu machen. Zu der Ehrung war auch Margarete Ziegler-Raschdorf, Hessens Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, gekommen. Sie sagte: „Ich möchte unserem Ministerpräsidenten sehr herzlich und in großer Dankbarkeit zu dieser besonderen Auszeichnung gratulieren. Vertriebenenverbände und Landsmannschaften genießen in Hessen eine besondere Wertschätzung, und das Land unterstützt ihre Arbeit, wo immer es möglich ist. Dafür bin ich der Hessischen Landesregierung und unserem Ministerpräsidenten Volker Bouffier sehr dankbar."
2020 seien die Fördermittel für die Erinnerungs- und Kulturarbeit und die Mittel für die Spätaussiedlerintegration beachtlich erhöht worden. So könne Hessens Vertriebenen- und Spätaussiedlerpolitik in Zeiten des Schwindens der Erlebnisgeneration, in Zeiten von Digitalisierung und neuen Kommunikationsmöglichkeiten zukunftsfähig gestaltet werden. Regelmäßig komme Bouffier mit den Vertriebenenorganisationen beim Neujahrstreffen ins Gespräch. Das habe zu einem großen Vertrauensverhältnis geführt. Der intensive Dialog und enge Austausch mit den Vertriebenenverbänden sei Bouffier auch deshalb wichtig, weil seine Mutter als Donauschwäbin ebenfalls Heimatvertriebene aus dem Banat sei. Die Unterstützung der Vertriebenenverbände und Landsmannschaften sei ihm daher eine Herzensangelegenheit. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft hatte Bouffier bereits 2017 mit ihrem Europäischen Karls-Preis ausgezeichnet. Volksgruppensprecher Bernd Posselt nannte damals drei Gründe für die Auszeichnung. Erstens sei der Preis ein Zeichen der Verbundenheit der Sudetendeutschen mit Hessen. Diese hätten dort eine starke Verwurzelung gefunden. Zweitens sei er ein Zeichen des Dankes für Hessens Bekenntnis zu den Heimatvertriebenen. Doch Hessen bekenne sich nicht nur zu den Heimatvertriebenen, sondern unterstütze sie auch materiell und politisch. Drittens sei es ein Zeichen der Wertschätzung für Volker Bouffiers wertbezogene Politik. Diese Wertgebundenheit verbinde die Sudetendeutsche Volksgruppe mit Bouffier. LBHS/Nadira Hurnaus
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Kopf aus dem Fenster zu stecken, geschossen wurde fast immer, regelrechte Gefechte mit den Angreifern lieferte sich die Wehrmacht schließlich nur mehr dort, wo es galt, den eigenen Rückzug zu sichern. Die schon Ende 1944 in fast allen Stadtteilen errichteten Panzersperren hinderten die beweglichen und kampfstarken russischen Panzer nicht daran, in die Stadt einzudringen, wo immer sie es wollten. Ebenso blieben die da und dort um die Stadt errichteten Schützengräben ohne Wirkung. Nach Kriegsende im Mai 1945 mußten die selben deutschen Jugendlichen, die sie hatten ausheben müssen, unter grausamen Mißhandlungen wieder zschütten. Wer einmal vollbeladene Fuhrwerke durch die Stadt schob oder zog oder gezogen hat und von tschechischen Zivilisten bespuckt, geohrfeigt und mit Steinen beworfen wurde, vergißt das nie. Krajiček, eigentlich als Anwalt zur Neutralität verpflichtet, brachte Schwabe an den Galgen. Seine Hinrichtung vor den Zellenfenstern der Zeile ist noch heute ein Schreckenserlebnis vieler Brünner, die in den Zellen einsaßen. Die Henkershelfer wie Doktor Krajiček emigrierten 1948 nach Amerika. Der Henker selbst wurde wahnsinnig. Hans-Roland Zitka
49/2021
Margarete Ziegler-Raschdorf, Hessens Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier mit der BdV-Ehrenplakette, BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius und Reinfried Vogler, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Bild: LBHS
Ulrich Miksch, Berlin-Korrespondent dieser Zeitung, zu Gast bei seinem Onkel Rudolf Miksch, der am 22. Juli 95. Geburtstag feierte.
� Treuer Heimatfreund
Rudolf Miksch † In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember, in der Nikolausnacht, starb der aus Wisterschan im ehemaligen Kreis Teplitz-Schönau stammende Rudolf Miksch mit 95 Jahren in Frémainville nahe Paris.
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udolf Miksch, der heimatverbundene Wisterschaner und treue Abonnent der Sudetendeutschen Zeitung kam zwar am 22. Juli 1926 im Krankenhaus der nahen Kreisstadt Teplitz-Schönau zur Welt. In Teplitz-Schönau machte er auch eine Ausbildung zum Kaufmann. Aber seine Kindheit verbrachte er im Haus Nr. 83 in Wisterschan. Als Soldat mußte er später in den Zweiten Weltkrieg ziehen, wo er jenseits des Polarkreises kämpfte. Anschließend geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. Damals gab es die Option „Freiwilliges Jahr“, in dem die Kriegsgefangenen beim Aufbau des zerstörten Frankreichs helfen konnten. Diese Option wählte Miksch – und lernte – mittlerweile war er Techniker in der Landwirtschaft – die reizende Yvette kennen und lieben. Sie heirateten und bekamen drei Töchter und einen Sohn. Zuvor hatte Rudolf Miksch verzweifelt seine vertriebene Familie gesucht und in der Sowjetischen Besatzungszone gefunden. Sie war im thüringischen Rieth nur fünf Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt gestrandet. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zog es die Landsleute wieder zueinander und in die Heimat. So etablierte sich auch ein alljährliches Treffen der Wisterschaner. Anläßlich seines 80. Geburtstages 2006 nahm Miksch seine gesamte Großfamilie mit zu dem Treffen. Das machte dieses Treffen zu dem größten aller Wisterschaner Treffen. Miksch kommt von Mikuláš, dem tschechischen Wort für Nikolaus. In der Nikolausnacht rief Gott Rudolf Miksch zu sich in die ewige Heimat und den ewigen Frieden. Nadira Hurnaus
KULTUR
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
In der Vorweihnachtszeit kann man wegen der Coronagefahr auch dieses Jahr kaum etwas unternehmen. Doch Lesen geht immer. Hier wird eine Neuauflage des Romans „Die Früchte der Tränen“ von Ilse Tielsch vorgestellt. Auch als Weihnachtsgeschenk sind Tielschs Bücher immer sehr gut geeignet, denn es geht immer um Familien-Geschichte.
I
lse Tielschs Roman „Die Früchte der Tränen“ wurde 1988 erstmals publiziert. Das Buch ist der letzte Teil einer Trilogie – nach „Ahnenpyramide“ (1980) und „Heimatsuchen“ (1982) – über das Thema Heimat, Heimatverlust und die Suche nach Lebensmöglichkeiten in einem fremden Land. Es geht um die komplexe Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg und über deren Schicksal in den fünfziger Jahren in Österreich, aber auch in Deutschland und anderen Ländern. Trotz vieler Probleme ist es auch die Aufstiegsgeschichte der Heimatvertriebenen und zugleich der Einheimischen in der Nachkriegszeit bis zum Österreichischen Staatsvertrag 1955 und zum Ungarnaufstand 1956.
Geschichte einer Familie aus Südmähren
� Buchvorstellung von Wiederauflage
Vielfarbiges Panorama se Gebäude kriegsbedie geschickteste dingt zerstört, ist die Ballspielerin auf dem Wohnungsnot groß. Schulhof … Judith im So müssen Anna und knappen Badeanzug ihr Mann lange Zeit auf dem Sprungbett in Untermiete leben, des neuen Schwimmbevor sie die wenigen bades ... ein braun gegeretteten Erinnebrannter Mädchenrungsstücke zusamkörper, der viele Blicmen mit den neu erke auf sich zog, die worbenen Möbeln in beste Schwimmerin einer eigenen Mietunseres Alters, Klaswohnung aufstellen senbeste in Mathekönnen. matik und Latein ... Noch 1949 und In Judiths Gesicht 1950 heißt es: „Immer floß mit einem Mal noch grub man Tote vieles von dem zuaus den verschütteten sammen, was wir daKellern, immer noch mals dachten und walebten sehr viele in ren, es stand symbolFlüchtlingsbaracken, haft für unsere jungen in Bunkern und KelJahre.“ Anni bewunlerlöchern.“ dert Judith, hält sie Ein anderes dränfür geschickter, klügendes Problem ist ger, schöner als sich die Arbeitslosigkeit. selbst, willensstärker Vor und neben dem und erfolgreicher. JuStudium müssen An- Beim Festabend der Sudetendeutschen Akademie 2019 im Zentrum Sankt Bonifaz in München: Aka- diths blendende Erna und Bernhard ver- demiepräsident Professor Dr. Günter J. Krejs, Laudator Dr. Peter Becker, Stifterin Luitgard Klima, Ilse scheinung, ihre EiBild: Susanne Habel genwilligkeit schiedene Gelegen- Tielsch und ihre Enkelin Samantha Wehr, Klima-Preisträgerin 2019. fasziheitsjobs annehmen, nieren und irritieren um sich finanziell über Wasser zu ben und arbeiteten mit Zähig- worfen wurden, dort in einem gleichermaßen. halten. keit und Fleiß, halfen einander großen Haufen im Regen lagen, Während Anni mit Bernhard Für die Mühsal des Anfangs, weiter ..., überzeugten schließ- zertrampelt, zertreten wurden, zusammen alles versucht, um hier aber auch für den stetigen Auf- lich die Behörden und die Besat- die zerknüllt und verschmutzt glücklich zu sein, ist Judith unzustieg stehen nicht nur die zahl- zungsmacht.“ in der Speisekammer lagen, auf frieden, will die Vergangenheit reichen Daten über die politiSchwer zu ertragen sind das deren Fußboden sich der Men- vergessen, träumt von einer grosche, soziale und ökonomische Heimweh, die Anpassungsforde- schenkot türmte, der schreck- ßen Zukunft. Sie bekommt in der Entwicklung, sondern auch kon- rungen. Von der Jugendfreundin liche Tod dieser Bücher ... der Regel, was sie haben will. Doch krete Beispiele. „Über die Trüm- Marianne heißt es, daß sie „als Mord an diesen Büchern, ausge- wird ihr Leben mit dem anderer merfelder deutscher Großstädte Hausdame in Kolumbien Enttäu- übt von Angehörigen der siegrei- Personen auf furchtbare, schuldzogen Kinder und suchten nach schungen erlebte. Die Anfänge chen Roten Armee, all das würde behaftete Weise verstrickt. AnEisen, Kupfer und Blei. Für ein waren hart, man hatte die Spra- Anni ein Leben lang im Gedächt- na stellt fest: Man konnte „schulKilogramm Kupfer zahlten Händ- che zu erlernen, sich anzupas- nis bleiben“. dig werden in ihrem Namen, sie ler eine Mark und zehn Pfennig, sen, bienenfleißig zu sein“. Als Widerpart zu Annis und gab den Anlaß zur Schuld, an der für ein Kilo Blei fünfzig Pfennig. Wie stark die Beziehung zur al- Bernhards Leben erscheint inmit- andere ein Leben lang zu tra… Zwölfjährige schleppten Eisen- ten Heimat in der Erinnerung ten des Freundeskreises die am- gen hatten, und einmal gab sie
7 Verhalten auseinandergeschnitten. „Wie vom Blitz getroffen, sei Georg dagestanden, als Judith auf ihn zugekommen sei.“ Als später Anna, Bernhard und andere Freunde zur Verlobung von Lilli und Georg eingeladen sind, endet das scheinbar harmonische Fest wegen der fatalen Interaktion Judiths mit Georg und durch Lillis überstürzte Flucht in einer Katastrophe. Die Schicksale der Heimatvertriebenen, ihr Leben in dem fremden Land werden realistisch und empathisch dargestellt. Der Roman bietet ein vielfarbiges und vielstimmiges Panorama, das dem von Anna gesetzten Anspruch gerecht wird: der „Suche nach Anfängen, die sich rund um den eigenen Anfang begeben haben“, nach dem Eingebunden-Sein „in ein Geflecht verschiedenster sozialer und menschlicher Abläufe..., die jene Menschengruppe betreffen, der ich nach Herkunft und Schicksal zuzurechnen bin“. Es geht um das Erinnern an das Schicksal der Vertreibung, um dem Vergessen vorzubeugen, auch um zukunftweisend Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen zu ermöglichen. „Wir haben eine Aufgabe miteinander“, schreibt Annas Schulkollege Walter Fischer, „unsere gemeinsame Grenze zu einer Grenze des Friedens zu machen in einer kriegsbedrohten Welt.“
Erzählt wird vorwiegend aus Eine Ahnenpyramide der Perspektive einer jungen Zuletzt führt Annas SpurensuFrau, Anna oder Anni F. Aus eiche in die mährische Heimat zuner südmährischen Kleinstadt rück, an die Orte ihrer Vorfahstammend, ist sie mit ihren Eltern ren, in das Dorf Tschenkowitz und Großeltern in die zerbombte am Rande des Adlergebirges, Vierzonen-Stadt Wien gelangt. wo „Adam, der erste der VorfahAnnas Geschichte, die ihrer Elren ihres Vaters gelebt hatte“, tern Heinrich und Valerie, ihres und an die Orte ihrer Kindheit. Ehemannes Bernhard und des „In B. verfielen die Bürgerhäugemeinsamen Sohnes sind verser ... über Heinrichs Weingarten netzt mit den Geschichten andeführte die Trasse der neuen Aurer Vertriebener, die versuchen, tobahn … Die Kinder wollten das in einer anfangs oft feindseliHaus sehen, in dem Angen Umwelt unter Aufni gewohnt hatte.“ bietung aller Kräfte ein Dabei entsteht in Anneues Leben zu beginnas Erinnerung wienen. der die AhnenpyramiDieser Geschichte de, in die ihr Vater die geht der Roman in zahl„Namen und Daten der reichen Episoden nach, Vorfahren in pyramiauf verschiedenen Zeit denförmig angeordneebenen, progammatisch te Kästchen geschrieund anschaulich mit eiben hatte“. Sie sieht ner Fülle von Fakten, sich selbst an der Spitze Ereignissen und Schickder umgedrehten Pyrasalen. Die Familiengemide als das Kind , das schichte ist immer auch „auf einem Berg entbeeinflußt von der Lotäuschter Hoffnungen, kal- und Weltgeschichausgestandener Ängte. ste, Todesnot, Schicksal So faßt die Erzähleund Schuld“ saß. Aber rin zusammen: „Ich, Ansie fürchtete jetzt nicht na F., bin auf der Sumehr für sich selbst, che nach Anfängen, die sondern für „die Kinder, sich rund um den eidie sie geboren hatte“. genen Anfang begeTrotz aller Bedrängben haben, in die meinisse steht am Ende ne Anfänge eingebetdie Zuversicht, die Antet sind. Ich fühle mich na mit dem „Schatten“ als Einzelperson eingeihrer Mutter Valerie hinbunden in ein Geflecht ter dem Fenster des Elverschiedenster soziternhauses im heimataler und menschlicher lichen B. verbindet: Abläufe, die sich inner„Du mußt an das Glück halb eines bestimmten glauben, es gibt das Zeitraums abgespult haben wie Fäden und die llse Tielschs Trilogie: „Die Ahnenpyramide“. Edition Atelier, Wien 2019; 432 Seiten, 20,99 Euro. (ISBN 978-3-99065-012-7). „Heimatsuchen“. Edition Atelier, Wien 2019; 440 Sei- Gute!“ Der Roman „Die jene Menschengruppe ten, 20,99 Euro. (ISBN 978-3-99065-013-4). „Die Früchte der Tränen“. Edition Atelier, Wien 2020; 454 Seiten, 25 Euro. (ISBN 978-3-99065-014-1) Früchte der Tränen“ betreffen, der ich nach Herkunft und Schicksal zuzu- träger, zogen Handwagen über sein konnte, zeigt die drastische bivalente Geschichte von Judith, den Anstoß zu einem Unglück, schlägt den weiten Bogen einer rechnen bin. Ich gehe herum und den Schutt, kleine Schwerarbei- Schilderung von Annis Mut- Annis Schulfreundin. „Judith ist das sich nicht mehr rückgängig mährisch-österreichischen Famisammle die Fäden, wo ich sie fin- ter, die zum Unterhalt der Fami- ter Valerie über den Untergang tot“, erfährt Anna telefo-nisch am machen, nicht mehr gutmachen liengeschichte der Nachkriegsden kann, ich verfolge sie zu den lien beitrugen und ihre Schulauf- von Heinrichs Bibliothek in den Romananfang. Da entstehen vor ließ“. Bei der Vorbereitung auf zeit mit Rückbezug auf die VorAnfängen zurück. Ich lasse mir gaben aus Müdigkeit nicht erle- letzten Kriegstagen. Sie beklagt ihrem inneren Auge detailreiche die Fahrt zu Judiths Beerdigung fahren zum ersten Teil der TriGeschichten erzählen, fahre mit digen konnten ... Waisen suchten „dieses furchtbare Sterben der Erinnerungsbilder aus höchst werden bei Anna, hervorgerufen logie, „Die Ahnenpyramide“. dem Wagen durch Gegenden, ihre Eltern, Väter und Mütter Bücher, die aus dem Fenster ge- subtiler Wahrnehmung: „Judith, von alten Fotografien, die dra- Zuletzt scheint Zukunft auf, matischen Ereig- wenn Anna auf die Frage ihres in denen ich nie vorher gewesen suchten ihre vernisse meisterlich Enkels nach einer Landkarte von bin ... ich lasse mir Bilder zeigen, schollenen KinvergegenwärMähren sagt: „Damals habe ich alte Schwarzweißfotografien, und der.“ Vorbildtigt. dort gelebt, damals bin ich dort aus denen die Veränderungen er- lich ist jedoch Zu Bernhards zu Hause gewesen … Wenn du älkennbar werden, die vorgegan- der ZusammenGeburtstagsfeiter sein wirst, werde ich dir davon gen sind. Ich will ... eine Verbin- halt der vertrieie große mährisch-öster- de 1954 zum Dr. phil. promo- übersetzt und in 22 Ländern er ist ein junges erzählen.“ dung herstellen zwischen früher benen Familien. reichische Schriftstelle- viert. Liebespaar erpubliziert wurden. Wer sich auf dieses breite Panund jetzt, vielleicht eine Art Band „Da war einer rin wurde am 20. März 1929 in schienen, das orama anschaulich erzählter LeIlse Tielschs literarisches Ab 1964 wurde ihr Werk flechten aus den gesammelten auf den anderen Auspitz im Kreis Nikolsburg Werk umfaßte bis 2020 ins- mit zahlreichen Preisen aus„auf eine merk- bensgeschichten im SpannungsFäden, das Halt gibt und zusam- angewiesen ... geboren. Nach der Vertrei- gesamt würdige Art un- feld von Heimatverlust und Hei24 Buchpublikatio- gezeichnet. Den Großen Sumenhält.“ Sie bauten, mit bung ist sie seit Jahrzehnten nen – Lyrik, Prosa, Romane, detendeutschen Kulturpreis zertrennlich“ ge- matsuche einläßt – angesichts Groß sind die Herausforde- dem Risiko, wiein Wien ansässig. Dort studier- Erzählungen, Hörspiele, Rei- erhielt sie 1983. Für ihr Lewesen sei. Die- der heutigen weltweiten Flüchtrungen, vor denen die Vertriebe- der vertrieben te sie Zeitungswissenschaf- seberichte und andere Bei- benswerk erhielt sie 2017 den se beiden, Georg lingsbewegungen schmerzlich nen und Flüchtlinge in vielerlei zu werden, erten und Germanistik und wur- träge – die in 20 Sprachen Franz-Theodor-Csokor-Preis. und Lilli, wurden aktuell – wird reich beschenkt. Notlagen stehen. In der besetz- ste kleine Bedurch Judiths Helga Unger ten Großstadt Wien sind zahllo- triebe auf, blie-
Zur Person Ilse Tielsch
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VERBANDSNACHRICHTEN . AUS DER HEIMAT
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
� SL-Landesgruppe Hessen
Heimatarbeit in der Schule
Nach anderthalb Jahren Pause trifft sich der BdV-Kreisverband Limburg-Weilburg wieder. In der Mitte der BdV-Kreisvorsitzende Josef Plahl und der SL-Kreisobmann Otto Riedl.
� BdV-Kreisverband Limburg-Weilburg/Hessen
Von Mendel bis Teltschik Nach anderthalbjähriger Unterbrechung traf sich der hessische BdV-Kreisverband Limburg-Weilburg Ende November in Löhnberg endlich wieder.
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reisvorsitzender Josef Plahl sagte, Corona habe die Arbeit des Kreisverbandes stark erschwert. So habe man Veranstaltungen zur Erinnerung an die Verabschiedung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen vor 70 Jahren und das Gedenken an die Ankunft des ersten Vertriebenentransportes aus dem Sudetenland in Hessen vor 75 Jahren am 6. August 2020 und am 5. Februar 2021 nur unter freiem Himmel durchführen können, ebenso den Tag der Heimat am 27. September 2020. Plahl erinnerte auch an den Deportationserlaß des Obersten Sowjets vom 28. August 1941 nach der Kriegserklärung Adolf Hitlers gegen die Sowjetunion, mit dem Josef Stalin Rache an den Deutschen in Rußland genommen habe und diese unter menschenunwürdigen Bedingungen in Güterwaggons aus dem europäischen Teil der Sowjet union nach Sibirien und Kasachstan deportiert habe. Vor allem Kinder und ältere Menschen hätten die enormen Strapazen nicht überlebt. Er könne aber auch Gutes berichten. Die Trachtenpuppensammlung aus den östlichen Vertreibungsgebieten habe eine Arbeitsgruppe der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen als erste hessische Heimatstube virtualisiert. Für die Bereitstellung der Finanzmittel habe Margarete Ziegler-Raschdorf, die Landesbeauftragte für Heimatvertriebenen und Spätaussiedler, gesorgt. Otto Riedl, Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, wies auf den Kleinen Sudetendeutschen Tag im Juli in München hin und lobte den Hessischen Rundfunk für die Berichterstattung über die Ankunft des ersten Vertriebenentransportes vor 75 Jahren am 4. Februar 1946. Der Landesvorsitzende der schlesischen Landsmannschaft, Albrecht Kauschat, gab einen Kurzbericht über die Volksabstimmung 1921 in Oberschlesien. Trotz des Mehrheitsvotums für den Verbleib bei Deutschland sei das Abstimmungsgebiet zu Polen gekommen. Nach dem Anschluß sei schon damals eine Million Deutsche vertrieben worden. Darüber werde nicht gesprochen. Ein weiterer Tagesordnungspunkt war das Referat „Bedeutende Sudetendeutsche“ von Herbert Papacek, der selbst aus wichtigem Grund nicht teilnehmen konnte. Anneliese Ludwig trug da-
her den vorbereiteten Text mündlich vor. Als ersten bedeutenden Sudetendeutschen habe Papacek den berühmten Barockbaumeister Balthasar Neumann aus Eger genannt. Neumann habe etwa 100 BauProjekte maßgeblich im Laufe seines Lebens bearbeitet. Ein Beispiel sei die Würzburger Residenz, die in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden sei. Eine weitere Persönlichkeit sei der Augustiner-Mönch Gregor Mendel in Brünn gewesen. Der habe die Vererbungsgesetze systematisch erforscht. Auf dem Gebiet der Politik werde Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi genannt. Coudenhove-Kalergi habe auf Schloß Ronsperg die visionäre Idee von Pan-Europa entwickelt und 1924 die Paneuropa-Union, die älteste europäische Einigungsbewegung, gegründet. Eine Persönlichkeit der neueren Zeit sei Karl Heinrich zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg aus Haid. Der Fürst habe 1902 die Abtei Sankt Hildegard bei Rüdesheim gestiftet, in die 1904 Schwestern aus Prag gekommen seien. Für den Bau der Künstler-Kolonie auf der Mathilden-Höhe in Darmstadt sei der aus Troppau stammende Joseph Maria Olbrich verantwortlich, der in den Diensten des Großherzogs von Hessen-Darmstadt gestanden habe. Ein bedeutender Sudetendeutscher der Gegenwart sei Horst Teltschik aus Wagstadt im Kuhländchen. Er sei an den Verhandlungen der Wiedervereinigung beteiligt gewesen. Auch Wahlen standen auf dem Programm. Als Kreisvorsitzender und Schriftführer wurde Josef Plahl wiedergewählt. Stellvertreter bleibt Otto Riedl. Günther Demel übernimmt wieder das Amt des Schatzmeisters, und Beisitzer sind Julian Klötzl und Hans Patzel. Kassenprüfer sind Walter Kutsche-Klötzl und Hans Pross. Kraft Amtes gehört Albrecht Kauschat, auch Vüarstäiha der Egerländer Gmoi z‘ Limburg, dem Kreisvorstand an. Ebenso wurde der SL-Vorstand neu gewählt: Otto Riedl bleibt Kreisobmann, Josef Plahl sein Stellvertreter. Kulturwart bleibt Herbert Papacek, Beisitzer sind Anneliese Ludwig und die Brüder Hermann und Robert Bandt. Wegen gesundheitlicher Gründe und der Pandemie konnten nur zwei anwesende Mitglieder geehrt werden: Marianne Resche für 30 Jahre in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Franz Heger für 70 Jahre im Bund der Vertriebenen. Ihnen wurden eine Ehrenurkunde und die Ehrennadeln ausgehändigt. fl
Bei der diesjährigen Landesversammlung der SL-Landesgruppe Hessen Anfang September im Haus der Heimat in Wiesbaden fehlte coronabedingt jede Besonderheit. In einer rein technischen Sitzung, bei der zunächst das Präsidium neu gewählt werden mußte, berichteten die Referenten über ihre Tätigkeiten. Allerdings mußten doch einige Weichen gestellt werden.
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elmut Seidel übernahm die Sitzungsleitung. Wiedergewählt wurde Reinfried Vogler als Vorsitzender der Landesversammlung. Zu seinem Team gehören Anneliese Ludwig, Hildegard Ellenbrand und Helmut Seidel. Landesobmann Markus Harzer konnte trotz der zurückliegenden pandemischen Situation einen großen Tätigkeitsbericht abliefern. Eine große Aufgabe war demnach der Besuch zahlreicher Heimatstuben und -sammlungen. Im Rahmen der Landeskulturtagung wurden die Ergebnisse ausführlich präsentiert. Großen Wert legte der Landesobmann auf Projekte, bei denen Schülerinnen und Schüler einbezogen wurden und noch werden. Hier verwies er auf eine
Filmemacher Rainer Brumme und der Regisseur und Dramatiker Wolfgang Spielvogel gehen der Frage nach, wie sich das Bild der Deutschen im Laufe der Nachkriegszeit verändert. Wissenschaftler und Zeitzeugen kommen zu Wort und natürlich die Schüler, die sich anhand dreier Romane historisch und psychologisch dem Thema nähern. Die Romane, über die man auch im Fach Geschichte besonders lehrplankonform arbeiten kann, sind typische literarische Erzeugnisse der jeweiligen Zeit: Václav Řezáčs Kolonialroman „Nástup“ von 1951, Jan Procházkas „Kočár do Vídně“ von 1966 und Kateřina Tučkovás „Gerta. Das deutsche Mädchen“ von 2018. Harzer betonte die wachsende Bedeutung der Heimatkreise. Darauf habe sein Vorgänger Alfred Herold bereits bei der Stabübergabe hingewiesen. Im Raum Hessen seien zentral die Heimatkreise Bärn, Leitmeritz und Mährisch Schönberg. Daneben gebe es die Adlergebirgstreffen, die Wagstadter Stammtische und das kleine Neudeker Treffen. Hier müsse man ansetzen, und ganz besonders dort, wo Paten- und Partnerschaften existierten. Harzer erinnerte wie
Vizepräsident Helmut Seidel, Präsident Reinfried Vogler und Landesobmann Markus Harzer.
Veranstaltung des BdV-Kreisverbandes Hanau mit Kreisobmann Lothar Streck, die als Vorveranstaltung zum Tag der Heimat stattgefunden habe. Hintergrund sei, daß eine Schülergruppe mit der Deutschen Jugend aus Rußland Ende 2019 in die ehemalige Wolgarepublik gereist sei. Zu den Teilnehmern hätten auch Schüler mit sudetendeutschem Hintergrund gehört. Ein Leuchtturmprojekt sei ein Dokumentarfilm, der zwei Schülergruppen aus Hanau und Brünn zusammenbringe. Über die Aufgabe, dem mit der Zeit veränderten Deutschenbild in der tschechischen Prosaliteratur nachzuspüren, kämen die Schüler schließlich beim Versöhnungsmarsch in Brünn im Frühjahr zusammen – so der Plan.
so oft daran, daß das Wissen um die sudetendeutsche Thematik nicht zuletzt in der Schule beginne. Kontakte dorthin seien sehr wichtig. Auch bezüglich der Heimatkreise führe kein Weg daran vorbei. Im Rahmen erweiterter öffentlichkeitswirksamer Arbeit solle zusätzlich zur Klöppelwoche ein Klöppelwochenende angeboten werden. Das sei das Ergebnis einer Nachbesprechung der diesjährigen Klöppelwoche. Frauenreferentin Anneliese Ludwig und Kulturreferentin Margarethe Mau würden sich dieser Sache annehmen. Das sei auch ein neuer Ansatz zur Mitgliederwerbung. In der Aussprache erläuterte Markus Decker die von ihm gestarteten Facebook-Gruppen.
Siegbert Ortmann erklärte das nach wie vor deutschfeindliche politische und gesellschaftliche Klima in der Tschechischen Republik und forderte, daß die SL Hessen die politische Ebene betrete. Präsident Vogler warb daraufhin um Fortschritte auf unterer Ebene, damit die Grundsteine für Veränderungen ernsthaft gelegt werden würden. Gesine Weber widersprach Ortmann dahingehend, daß die politischen Diskussionen mit Entscheidungen auf Bundesebene beim BdV anzusiedeln seien. Auch bei der SL gebe es dafür die Bundesebene in München. Den Berichten und der Entlastung des Vorstands folgte die turnusgemäße Neuwahl des gesamten Vorstands. Präsident Vogler leitete die Wahlen wieder routiniert. Der neue Vorstand besteht aus Landesobmann Markus Harzer und seinen Stellvertretern Manfred Hüber, Hagen Novotny, Lothar Streck und Reinhard Weinert. Schriftführer bleibt Lothar Streck, Kulturreferentin bleibt Margarethe Mau, neu ist ihr Stellvertreter Dirk Peschel (Mährisch Schönberg), Vermögensverwalter bleibt Frank Ditt rich. Endlich wurde mit Markus Decker (Riesengebirge) ein Stellvertretender Vermögensverwalter gefunden. Die Liste der Beisitzer ist lang: Manfred Kreuzer, Manfred Paukert, Stefan Podlaha und Günther Wytopil (Adlergebirge) sowie Helena Päßler für die SeligerGemeinde. Wesentlicher Tagungsordnungspunkt war die Beitragserhöhung. Vertreter aus dem geschäftsführenden Landesvorstand hatten ein Konzept erarbeitet, um die aus München eingeforderte zweite Stufe der Beitragserhöhung umzusetzen. Nach einer lebhaften Diskussion schritt man zur Abstimmung, die dann für den eingebrachten Vorschlag eine Mehrheit brachte. Ab dem 1. Januar kostet der SL-Jahresbeitrag 32 Euro. Damit ziehen die hessischen Sudetendeutschen endlich mit den bayerischen gleich. In den letzten Jahren gab es wegen der Beitragsordnung mehrfach Konflikte, die damit ausgeräumt sein dürften. Der BdV-Landesverband Hessen als Dachverband bestätigte diesen Beschluß zwar bisher nicht, der Beschluß der SL-Landesgruppe Hessen ist allerdings auch für die Sudetendeutschen bindend, die in einem BdV-Kreisverband organisiert sind.
Ulrich Caspar, Vorsitzender des UdVLandesverbandes Hessen und Präsident der IHK Frankfurt am Main. Bild: Martin Rulsch
� UdV Hessen
Ulrich Caspar bestätigt Ende November fand der diesjährige Landesverbandstag des UdV-Landesverbands Hessen in Wiesbaden statt.
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lrich Caspar, Präsident der IHK Frankfurt am Main, wurde einstimmig als UdV-Landesvorsitzender wiedergewählt. Seine Stellvertreter sind die beiden ehemaligen Stadträte Markus Gaßner (Wiesbaden) und Albina Nazarenus-Vetter (Frankfurt) sowie Justus Schieback (Frankfurt) und Johann Thießen (Kassel). Beisitzer sind Andreas Hofmeister MdL (Limburg-Weilburg), Hans Jürgen Irmer (Lahn-Dill), Dr. Viktor Krebs (Offenbach-Land), Christine Merbach (Frankfurt), Monika Mucha (Wiesbaden), Hagen Novotny (Darmstadt-Dieburg), Natalie Paschenko (Kassel), Svetlana Paschenko (Kassel), Josef Plahl (Limburg-Weilburg), Reinhard Schwarz (Wetterau) und die Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf. In seinem Rechenschaftsbericht verwies Caspar zum einen auf zahlreiche Initiativen auf Landes- und Bundesebene zur Stärkung der Erinnerung an das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen. Zum anderen hob Caspar die vielfältigen sozialen Herausforderungen hervor, mit denen auch aktuell noch immer viele deutsche Spätaussiedler konfrontiert seien. Insbesondere bei der sogenannten Fremdrente älterer Spätaussiedler sei auf Drängen der UdV Hessen die vorhandene Gerechtigkeitslücke verkleinert worden. „Aber wir müssen auch hier für eine vollständige Gleichstellung weiter werben. Darüber hinaus treten wir unermüdlich für das Recht auf eine eigene Heimat und die Bekämpfung von Fluchtursachen ein“, sagte Caspar.
� BdV-Kreisverband Wetzlar/Hessen
Melodien wecken Erinnerungen Ende November fand die weihnachtliche Jahresabschlußfeier des hessischen BdV-Kreisverbandes Wetzlar in der Stadthalle von Aßlar statt.
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er BdV hat noch viele Aufgaben vor sich, und das auf längere Sicht“, sagte BdV-Kreisvorsitzender Manfred Hüber. Auftrag bleibe, das bei Flucht und Vertreibung und in deren Folge Erlebte in Erinnerung zu halten. Man solle es nicht nur an Kinder und Enkel weitergeben, sondern auch an die für eine nachhaltige Erinnerungskultur zuständigen Institute. Dazu zählten die vielen kleinen Museen bis hinauf zum Bundesarchiv. Hüber dankte, daß das Land Hessen seine Unterstützung in Sachen Erhalt der Museen in Städten und Gemeinden zugesagt habe. Zugleich seien die Kommunen in der Verantwor-
tung, in die gleiche Richtung zu ren Grußworten den BdV so- der Advents- und Weihnachtsdenken und zu handeln. wie die angeschlossenen Lands- zeit mit ihren besonderen MeloMan müsse auch den Blick mannschaften, auf ihrem Weg dien Erinnerungen an die Kindüber die Grenzen nach Polen fortzuschreiten und ihre wichti- heit in der Heimat im Osten wach und in die Tschechische Repu- gen Ziele nicht aus den Augen werden, die auch eine lange und blik werfen, wo sich hinsichtlich zu verlieren. Kreisvorstandsmit- nicht selten beschwerliche Leder Erinnerungskultur in der Ge- glied Kuno Kutz sieht gerade in bensreise nicht habe verschütten genwart etwas zum Gukönnen. ten verändere. Hüber verIn diesem Sinne truwies auf ein neues Buch, gen die BdV-Kreisvoreine Zeitzeugen-Dokustandsmitglieder Herma mentation, das jüngst auf Kindermann und Roland tschechisch, aber noch Jankofsky Erlebtes in Genicht auf deutsch erschiedichtform vor. Das „Bus nen sei. „Es erfordert unecker Quartett“ mit Ilona ser festes Zusammenund Hartmut Zacharski, stehen, um Versöhnung Klaus-Jürgen Grün und und Verständigung geNorbert Münch steuernerationenübergreifend te mit Liedern in deutsch, und dauerhaft zu erreienglisch und französisch chen.“ die verbindenden musiDer CDU-Landtagsabkalischen Elemente sogeordnete Frank Steinwie Pfarrer Petr Kovalcin raths und Wetzlars Manfred Hüber dankt Pfarrer Peter Kovalcin mit die Andacht zum GelinStadträtin Bärbel Kei- dem österreichisch-tschechischen Geschichtsbuch gen der BdV-VeranstalBilder: Franz Ewert tung bei. ner ermunterten in ih- „Nachbarn“. Franz Ewert
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AUS DER HEIMAT
Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
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ertrude kam mitten im Zweiten Weltkrieg in Iglau in einer lieblosen Umgebung zur Welt. In frühester Kindheit mußte sie bereits Schlimmes erdulden. Sie wurde von ihrer jungen deutschen Mutter ausgesetzt und von einer tschechischen Pflegemutter großgezogen. Nach dem Krieg sollte sie als deutsches Kind vertrieben werden, obwohl sie kein Wort Deutsch sprach und keine deutschen Verwandten kannte. Ihrer tschechischen Pflegemutter gelang jedoch, das dreijährige Mädchen mit deutscher Staatsbürgerschaft vor dem Transport in eine fremde Umgebung zu retten. Die kleine Gertrude durfte in der Tschechoslowakei bleiben, wo sie später ihren jetzigen Namen Heda von ihrer tschechischen Pflegemutter erhielt. Jahrzehntelang lebt sie jetzt in Iglau, wo sie ihre eigenen Kinder großzog. Sie kennt mehrere Deutschstämmige in ihrer Umgebung, die, obwohl ihre Schicksale nur selten erwähnt werden, auch als Kinder zu unschuldigen Kriegsopfern wurden. Auch ihr fiel lange schwer, darüber zu sprechen. Mit tiefer Dankbarkeit erinnert sich Heda an ihre tschechische Ziehmutter Hedvika Vařbuchtová, von der sie liebevoll spricht. Diese nahm sich des Kindes an, bot ihm ein stabiles Zuhause und betreute es auch in den unruhigen Nachkriegsmonaten, in der ihre Pflege eines deutschen Kindes nur auf Schwierigkeiten und Unverständnis stieß. Der Wunsch, ihrer opferbereiten Pflegemutter öffentlich zu danken, war der Grund, warum Heda schließlich der Veröffentlichung ihrer Lebensgeschichte zustimmte. Man schrieb das Jahr 1942, als Gertrude Schöberl am 30. Januar im Landeskrankenhaus Iglau geboren wurde. Sie war das uneheliche Kind der 21jährigen Landarbeiterin Frieda. Der Vater wurde im Taufschein nicht genannt, obwohl er bekannt war. Er war Angehöriger eines Kraftwagenregiments der deutschen Wehrmacht, der jedoch nicht mit Frieda zusammen lebte und sich nicht zum neugeborenen Kind bekannte. Der acht Tage alten Gertrude nahm sich Friedas Freundin, die Tschechin Hedvika Vařbuchtová an. Beide Frauen kannten sich von früheren Diensteinsätzen bei den Bauern im Igelland. Hedvika, die aus einer großen Familie mit elf Geschwistern stammte, verstand die schwierige Lage der jungen Frieda mit ihrer Tochter. Sie selbst war nämlich ledige Mutter eines neunjährigen Sohnes, den sie während der Dienstzeit bei einem Bauern zur Welt gebracht hatte. Die Haushaltshelferin Hedvika war 34 Jahre alt, als sie sich
Zeitzeugin Heda Samuelová (rechts oben) im November im Museum in Iglau.
� Sprachinsel Iglau
Ein Mädchen mit drei Müttern Obwohl mehr als 75 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen sind, leiden noch heute viele Menschen an dessen Folgen. Wir begegnen diesen Menschen, ohne zu ahnen, welche dramatischen Erfahrungen sie mit sich tragen. Zu ihnen zählt te und dessen Vater ein Knecht aus der sechs Kilometer von Iglau entfernten Gemeinde Fußdorf/Rantířov war. Der kleine Anton kam, ähnlich wie seine ältere Schwester, gleich nach seiner Geburt zu einer Bekannten Friedas, die seine Pflegemutter wurde. Im Frühjahr 1945 näherte sich das Kriegsende, und die deutschsprachigen Bewohner Iglaus hatten Angst vor dem Einmarsch der Roten Armee. Diese Befürchtungen teilte auch Frieda, die lieber mit einem Wehrmachttransport die Stadt westwärts verließ. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Nach einigen Angaben soll sie bei einem alliierten Tieffliegerangriff in den letzten Kriegswochen umgekommen sein. Davon erfuhr Hedvika jedoch erst spät. Nach der Vertreibung der Deutschen aus Iglau konnte sie zwar eine eigene Wohnung in der Stadt erwerben, zugleich trat jedoch ein anderes Problem auf: Auch ihre kleine Gertrude sollte vertrieben werden. Im Juni 1945 zog Hedvika mit ihren beiden Kindern in eine Wohnung in der damaligen Straße Úřednická – heute Seifertova. Die Kellerwohnung der deutschen Weberin Müller, die sie vor der Vertreibung hatte verlassen müssen, bot keine große Bequemlichkeit. Für Hedvika war sie jedoch ein Zuhause. Bis heute erinnert sich Heda an die offenen Türen der verlassenen Wohnungen, in denen sich große Kleider-
die Iglauerin Heda Samuelová, die bei ihrer Geburt Gertrude Schöberl hieß. Ihre Lebensgeschichte gehört zu den Schicksalen, die nur selten thematisiert werden. Trotzdem ist Samuelovás Geschichte Teil der Geschichte von Iglau, dessen Bevölkerung ge-
mischtsprachig war. Schmerzlich erfuhr Samuelová die historischen Wendepunkte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib. Erst kürzlich ging sie mit ihrer Familiengeschichte an die Öffentlichkeit. Zdeněk Geist berichtet.
gen und Erfahrungen waren zu schmerzhaft. Erst nach 1989 begann sie mit Hilfe des Roten Kreuzes und der Landsmannschaftspresse nach ihren leiblichen Verwandten im In- und Ausland zu suchen. Sie suchte insbesondere ihren Bruder Anton, dessen Schicksal vollkommen unbekannt war und der nach 1945 höchstwahrscheinlich mit seiner Adoptivmutter Ludmila Rasima Iglau hatte verlassen müssen. Mit Hilfe des staatlichen Bezirksarchivs Iglau bemüht sich Heda nun, die Wurzeln ihrer Familie und ihrer Verwandten beider Nationalitäten zu entdecken. Sie selbst sagt dazu: „Ich hoffe, meinen Bruder Anton noch finden zu können. Ich habe jedoch Bedenken, wie er mich empfängt – wir wissen eigentlich nichts voneinander.“ Bis heute weiß sie die Liebe und Opferbereitschaft zu schätzen, mit der sich die Tschechin Hedvika Vařbuchtová damals eines deutschen Kindes annahm, obwohl sie selbst in schwierigen Verhältnissen lebte. Ohne von dieser Kinderbetreuung irgendeinen materiellen Nutzen zu haben, schuf sie für das deutsche Mädchen wenigstens für ein paar Jahre ein Zuhause. Das schönste Wort – egal in welcher Sprache es gesagt wird – ist für Heda das Wort „Mutter“. Für sie ist Hedvika Vařbuchtová, eine bescheidene Frau, die in einer angespannten Zeit, in der die Suche nach Gerechtigkeit und Vergeltung sowie völkisch-rassistische Vorurteile vorherrschten, ihre Mutter. Erst im Frühling 2020 beschloß Heda, ihre Familiengeschichte in der Regionalzeitung „Jihlavské listy“ zu veröffentlichen. Sie faßte diese Entscheidung nach langem Zögern, weil sie nicht sicher war, welche Resonanz der Bericht in der Öffentlichkeit finden würde. Ihr Schicksal weckte jedoch Interesse nicht nur bei denjenigen Lesern, die persönliche Erfahrungen mit den Ereignissen des Jahres 1945 hatten und die immer noch leben, sondern auch bei der jüngeren Generation. Wohl im Zusammenhang damit wurden seit diesem Zeitpunkt, trotz der Corona-Einschränkungen, einige öffentliche Debatten über die deutsch-tschechische Vergangenheit veranstaltet. Auch Heda nimmt daran als Zeitzeugin teil. Das Interesse an ihrem persönlichen Zeugnis, die positive Reaktion und vielleicht auch die Verständnisbereitschaft des Publikums bieten Hoffnung, daß die Aufarbeitung der Vergangenheit lebendig bleibt und zum Kennenlernen der Geschichte, dem gegenseitigen Verständnis und Nachdenken beiträgt. Der Schriftsteller Stefano Jacomuzzi sagt dazu treffend: „Den vollkommen unbekannten Geschichten eines Lebens zuzuhören, das an uns vorbeizog, ist die erfreulichste Art und Weise, wie man das Leben begrüßen kann.“
trachtete dabei Hedvika als ihre das Kind adoptieren, sobald es ren kam, beschimpften sie in der Mutter und deren Sohn Stanis- möglich ist. Sie ist schwach und damaligen stark antideutsch gelav als ihren Bruder. Gertru- ich befürchte, daß sie den Trans- prägten Atmosphäre einige Kinde konnte nicht Deutsch, der als „germanisches und außer ihrer PflegefaSchwein“ oder „deutscher milie hatte sie keine weiSturschädel“. Für ein Mädteren Verwandten. Hedchen, das sich von klein vika Vařbuchtová, „Hausauf als Tschechin verstand meisterin in der Straße und gar keine Kontakte zu Úřednická Nr. 16“, schrieb Deutschen hatte, war das deshalb Gesuche an alunerklärlich. le möglichen Behörden, Die kleine Gertrude um ihre Pflegetochter vor wurde auch danach von dem Transport zu retten. Schicksalsschlägen heimDie Fußmärsche, in denen gesucht. 1950 starb Hedvidie deutschen Bewohner ka Vařbuchtová plötzlich. „Die Mutter ist krank gedamals aus dem Igelland worden, und ich bekam sovertrieben wurden, gehögar schulfrei, um sie pfleren zu den tragischen Ergen zu können. Ich half mit eignissen der sogenanndem Kochen und putzte ten wilden Vertreibung. im Haus ... Ich kann es gar Für das kleine Waisenkind nicht mit Worten ausdrüchätte der Fußmarsch fatale ken, wie ich mich nach Folgen gehabt. dem Tod meiner Mutter Im Juni 1945 wandte fühlte“, erinnert sich Hesich Hedvika Vařbuchtová da. deshalb an die ÜberweiSie verlor nicht nur ihre sungskommission des Nationalausschusses in Die tschechische Pflege-Mutter Hedvika Vařbuch geliebte Mutter, sondern Iglau. Sie bat ihn um die tová mit ihrem deutschen Pflegekind Gertrude auch Beschützerin vor der alias Heda. unfreundlichen UmgeAufenthaltsgenehmibung. Des damals achtgung für „das ausschließlich im tschechischen Geist erzo- port nicht überlebt. Ich will auch jährigen Mädchens und weiterer gene Kind, das nur tschechisch nicht, daß sie von ihrer deutschen zwei Jungen nahm sich Hedvikas spricht“ und das sie „weiterhin Herkunft erfährt, denn sie spricht Schwester Amálie an. Diese erzog betreuen, tschechisch erziehen nur tschechisch, und ich will, daß ihre Pflegetochter jedoch mit Geund in eine tschechische Schule sie als rein tschechisches Kind schrei und Rute in der Hand. Wegen der Kriegsgreuel der deutschicken möchte“. Die Überwei- heranwächst.“ sungskommission gab dem GeAuf die Aufforderung der schen Nationalsozialisten haßte such „bis auf Widerruf“ statt. Die Iglauer Abteilung des Nationa- sie alle Deutschen, und Gertruquälende Unsicherheit hinsicht- len Sicherheitskorps, der tsche- de war für sie als Angehörige der lich einer gemeinsamen Zukunft choslowakischen Polizei, mußte verhaßten Nation ein willkomdauerte an. sie mit Gertrude bei der Landes- mener Sündenbock. Zu den Bekommandatur der Internierungs- schimpfungen der Mitschüler zentren für Mähren und Schle- gesellten sich das Schelten und sien in Brünn erscheinen. Da- Prügeln, das ihr von der „Tante“ mals hatte sie die größte Angst. zuteil wurde. Wenn Amálie jeSie packte nur die nötigsten Klei- doch verhindern wollte, daß Gerdungsstücke und ein paar Klei- trude sie beim Genigkeiten für ihre Pflegetochter, spräch mit anderen verdenn sie wußte nicht, ob sie mit Erwachsenen ihr nach Iglau zurückkehren wür- stand, sprach sie mit ihnen deutsch. de. Kein Wunder, daß Letztlich wurden ihre wiederholten Bitten erhört. Im Septem- Gertrude alias Heda ber 1946 stellte der Bezirksna- ihr Zuhause so bald tionalausschuß Iglau eine Be- wie möglich verließ. stätigung aus, daß die kleine Nach einem kurzen Deutsch-tschechische polizeiliche Anmeldung von Frieda Schöberl und von ihrem Sohn Anton Schöberl mit der An- Gertrude nicht vertrieben werde Aufenthalt in Brünn gabe „Unterschrift des Wohnungsinhabers Rasima Ludmilla“, die die Ziehmutter Antons war. und mit Hedvika in Iglau bleiben kam sie Anfang der 1960er Jahre nach dürfe. des deutschen Kindes annahm. haufen auf den Fußböden türmDie Behörden verfuhren konObwohl die Trennung der Fa- Iglau zurück. Dort Die kleine Gertrude, die den ten. Und sie erinnert sich an die sequent. Ein Jahr später, im milie abgewendet worden war, heiratete sie Jiří Sadeutschen Zunamen ihrer Mut- sowjetischen Soldaten, die in der September 1946, sollte die nun nahmen die Schwierigkeiten mit muel und machte an ter und die deutsche Staatsan- Nachbarschaft untergebracht vierjährige Gertrude ins Inter- der Eingliederung von Hedvi- einer Abendschule gehörigkeit behielt, wurde als waren und deren Wäsche Hed- nierungslager für Deutsche in ka und ihrer Pflegetochter in die den Mittelschul-AbTschechin erzogen. Die Pflege- vika und andere Frauen aus den Mladkov/Mlatkau bei Bosko- aufgewühlte Nachkriegsgesell- schluß. Erst dann, Jahren, bemutter sprach mit ihr nur tsche- umliegenden Häusern wuschen. vice/Boskowitz überwiesen wer- schaft vorläufig kein Ende. 1948 mit 27 chisch, nannte sie nur bei ihrem Die Angst um die Pflegetoch- den, wo ein Zentrum für deut- wurde beispielsweise der Antrag gann sie Deutsch zu tschechischen Vornamen und ter trübte jedoch die Freude über sche Waisenkinder eingerichtet auf „Aufnahme des Kindes (Ger- lernen. Jahrzehntelang unterband die Kontakte zu Frie- das neue Zuhause. Die zwangs- wurde. Hedvika Vařbuchtová bat trude) in den Heimatverband da. Ihre leibliche Mutter lern- weise Vertreibung aus der Tsche- deshalb erneut um die Aufent- unter Ihrem Namen“ vom Ört- sprach sie nicht über te Gertrude nie kennen. Ebenso choslowakei drohte auch der haltsgenehmigung für ihr Pfle- lichen Nationalausschuß in der ihre deutsche Abwenig traf sie jemals ihren Halb- kleinen Gertrude, weil sie die gekind, diesmal beim Landesna- Gemeinde Prisnek/Příseka ab- stammung und verbruder Anton, den Frieda Schö- deutsche Staatsbürgerschaft hat- tionalausschuß in Brünn. In ih- gelehnt. In der Iglauer Grund- drängte dieses The- Aufenthalts-Bewilligungs-Antrag für die kleine berl 1944 zur Welt gebracht hat- te. Das dreijährige Mädchen be- rem Gesuch schrieb sie: „Ich will schule, in die sie mit sechs Jah- ma. Die Erinnerun- Gertrude Schöblerová im Juni 1945.
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Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
Dux
Ladowitz
Klostergrab
Ossegg
für die Kreise Dux, Bilin und Teplitz-Schönau
Bilin
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Teplitz-Schönau
Graupen
Niklasberg
� Vertreibungsbericht eines Biliners
Dunkle Erinnerungen D
Egerländer Umgebindehof.
� Neue Dauerausstellung im Aussiger Stadtmuseum – Teil II und Ende
„Unsere Deutschen“ W
ie ausdrücklich betont wird, solle im Zusammenleben von Deutschen und Tschechen nichts verschwiegen werden: weder der bereits Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Nationalismus, der Zerfall der Habsburger Monarchie, die Gründung des tschechoslowakischen Staates durch Präsident Tomáš G. Masaryk, noch die blutigen Auseinandersetzungen wie in Kaaden 1919. Dies belegen zahlreiche Dokumente beiderseits. Ebenso belegen sie die Weltwirtschaftskrise, das Münchener Abkommen und die Besetzung von Böhmen und Mähren durch Adolf Hitler mit ihren Auswirkungen, zum Beispiel eine Tafel mit den Namen von mehr als 500 Studenten und Absolventen der Brünner MasarykUniversität, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Gerade an diese sensiblen Themen geht die Ausstellung sehr sachlich heran. Das besonders emotionale Thema der Vertreibung belegen Filmmaterial und Gegenstände wie Gepäck, aber auch später gefundene, verborgene Gegenstände wie Hausrat oder Geräte einer Uhrmacherwerkstatt. Denn viele Vertriebene glaubten an eine Rückkehr in ihre Heimat. Doch nicht nur politische Themen prägen die Ausstellung, sondern auch bewahrte Trachten der verschiedenen Volksgruppen. Ebenso prägend sind die Wohnräume mit ihrer Ausstattung, die unterschiedliche Volksarchitektur mit Umgebin-
de- und Blockhäusern der Bewohner in Bild und Modell, zum Beispiel des Erz- und Riesengebirges oder Böhmerwaldes, und vor allem die Produkte der deutschen Industrie. Beispiele der Erzeugnisse der Aussiger Firma Schicht, der Böhmerland-Betrieb mit seinen berühmten Motorrädern, Hopfenund Brauerei-Erzeugnisse sowie Porzellan und Glas haben wie viele andere deutsche Firmen zum Ansehen Böhmens, Mährens und Schlesiens in der Welt beigetragen. Auch Literatur und Kunst der Deutschböhmen kommen nicht zu kurz. Die Ausstellung ist stolz auf eine Originalhandschrift Kafkas, die man demnächst wieder dem Nationalmuseum in Prag zurückgeben und durch eine Kopie ersetzen wird. Überhaupt soll diese Dauerausstellung vital sein: Neue Exponate werden hinzukommen und die Expositionen ergänzen. Die Ausstellung in der ersten Etage wird von historischen Artefakten beherrscht: eine gotische Madonna mit Kind aus der Zeit Karls IV., ein Raum mit dem von ganz Böhmen verehrten Heiligen Johannes von Nepomuk in verschiedenen Ausführungen sowie Maria Theresia und bekannte Persönlichkeiten des Kaiserreiches vor allem in Gemälden. Auf einem großen Gemälde nimmt Kaiser Joseph einem Bauern auf dem Feld den Pflug aus der Hand, um selbst zu erfahren, wie schwer die Arbeit seiner Untertanen auf dem Land ist.
Man findet eine Bronzestatue des Feldherrn Josef Graf Radetzky, religiöse Traktate, deutsche Bibeln in uralten Handschriften, aber auch die Landschaft des Sudetenlandes mit seinen dichten Wäldern in Aufnahmen, die einen Blick aus Panoramafenstern vortäuschen. Das Hologramm einer Adligen am Spinett zeigt sie lächelnd, während Musik zu hören ist. Jeder Raum birgt eine andere Überraschung. In der großen Hauptvitrine ist der Militärmantel der in Aussig geborenen Lilli Hornig zu sehen, die sich in den USA 1944 an der Entwicklung der Atombombe beteiligte. Die Hülle der BeatlesSchallplatte „Yel low Submarin“ des in Aussig geborenen, deutschen Illustrators Heinz Edelmann (1934–2009) ist ebenfalls in der Vitrine. Darüber hinaus findet sich dort eine Sammlung von Porzellanteilen, ein Trikot mit dem Portrait Franz Kafkas, alte Skier, wie man sie aus der Kindheit kennt, sowie das Buch eines Kapuzinermönchs über die Erziehung. Diese Vitrine wirkt eher wie ein Kuriositätenkabinett, und sie beherbergt wohl Stücke, die nicht direkt den Expositionsthemen zugeordnet werden konnten. Allein schon die Tatsache, daß diese Ausstellung mit dem ermutigenden Titel „Unsere Deutschen“ überhaupt entstanden ist, zeigt uns, daß die gemeinsame Geschichte beide Völker verbindet. Sie ist eine hoffnungsvolle Geste der Versöhnung. Jutta Benešová
Symbolische Bücher-Barrikade: Im Zuge der 1848er Revolution fiel in Böhmen die Zensur, aber nicht lange.
einzige Katastrophe: notdürftige Toiletten und Waschgelegenheiten, das Essen wurde uns knapp zugeteilt, für alle Kinder gab es täglich Magermilch. In den sieben Tagen im Lager wurden meine Eltern, meine Oma und wir Kinder auf eine harte Probe gestellt. Jeden Tag kam der Vater meiner Mutter in das Lager, um ihre Ausreise zu verhindern. Meine Mutter sollte sich scheiden las-
Leben nehmen, was die Wachtposten aber verhindern konnten. Am späten Nachmittag erreichten wir müde und ausgehungert Rechenberg-Bienenmühle in Sachsen. er 4. Juli 1945 war ein schöMit einem Zug ging es am selner Sommertag. Da wir am ben Tag weiter nach Freiberg in nächsten Tag nicht in die Schule ein ehemaliges KZ-Außenlager. mußten, durften meine zwei GeNach zwei Tagen sollten wir mit schwister und ich etwas später einem Sonderzug in ein andeins Bett gehen. Wenn wir geahnt res Lager gebracht werden. Mein hätten, was uns am nächsten Tag Vater traute der ganzen Sache erwartet, wären wir nicht, und wir flohen früher schlafen geaus dem Lager. gangen. Mit dem HandwaDer 5. Juli 1945 gen und den paar Sasollte für uns auch chen, die wir noch ein schöner Tag hatten, zogen wir werden. Wir Kinvon Ort zu Ort. Wir der hatten einen durchwanderten vieAusflug auf den le Orte um Freiberg, Berg MilleschauFlöha und Chemer geplant. Dies ist nitz. Geschlafen wurder höchste Berg de in Scheunen oder im Böhmischen im Freien. Viele MenMittelgebirge. schen gaben uns etDoch es kam leider was zu essen, auch anders, als wir gedie Bürgermeister plant hatten. in den Orten. Beim An diesem Tag Schuster Schulze in wurden wir in Großvoigtsberg beder Früh um fünf kam mein Vater dann Uhr aus unserem Arbeit. Schlaf gerissen. Im Oktober 1945 Ein Dolmetscher landeten wir in Deuund einige sowjeben bei Zeitz. Die tische Soldaten gaWohnung bestand ben unseren Eltern aus zwei Bodenkamlautstark zu verstemern – viel zu klein hen, daß wir ausfür neun Personen. gesiedelt würden Mäuse und Wanzen und in 30 Minuwaren unsere Mitbeten die Wohnung wohner. Im Jahr 1952 verlassen müßten. zogen wir nach OberDiese Hektik kann lungwitz, wo mein sich niemand vorVater bis zu seiner stellen. Meine ElRente im Steinkohtern haben die drei lenbergbau arbeitete. kleinen GeschwiMeine Mutter ster angezogen. Franz Faber mit seinen Eltern und zwei Geschwistern. schlich des Öfteren Wir drei größeren über die Grenze, um Kinder haben das angezogen, sen, so daß man nur meinen Va- ihre kranke Mutter zu besuchen. was wir am Tag zuvor getragen ter, dessen Mutter und uns sechs Ein paar süße Überraschunhatten. Die Soldaten nahmen Ra- Kinder vertreiben würde. Meine gen waren immer dabei. Zu dem dios, Uhren und andere Wertsa- Mutter blieb standhaft und ließ letzten Besuch bei ihrer Mutter chen in ihren Besitz. sich nicht scheiden. Damals wa- nahm sie ihren Sohn mit, welAuf dem Hof des Zuber Bau- ren meine Eltern schon 15 Jahre cher 15 Jahre alt war. Beim Einern wurden alle, die aus dem Ort lang verheiratet. Am siebten Tag kaufen in dem kleinen Ort wurvertrieben werden sollten, bis et- begann die Reise nach Deutsch- den beide gesehen und ihrem wa 15 Uhr gefangen gehalten. land. Vater gemeldet, denn er war daDa meine Mutter eine Tschechin Für kleine Kinder und alte mals der Bürgermeister des Orwar, schaffte sie es, noch zweimal Leute wurden zwei Fuhrwerke tes. Nun konnte er Rache an seiin die Wohnung zu gehen, um et- bereitgestellt. Wer keinen Platz ner Tochter nehmen. was zu essen und zu trinken für mehr auf den vollen Fuhrwerken Noch am selben Tag wurdie kleinen Geschwister zu ho- fand, mußte die Reise zu Fuß an- den beide verhaftet und in das len. Bis dahin war die Wohnung treten. Die Soldaten erschossen Gefängnis nach Bilin gebracht. fast leergeräumt. Um 15 Uhr be- einige Frauen und Männer, die Nach sechs Wochen wurden beigann dann der Transport in das nicht mehr laufen konnten und de nach Dresden gebracht, wo Lager Osseg. zurückgeblieben waren. Als wir sie noch einmal nach deutschem Gegen 18 Uhr erreichten wir an einem großen Teich vorbeika- Gesetz zu acht Wochen verurteilt das Lager. Das Lager war eine men, wollten sich viele Leute das wurden. Franz Faber aus dem sächsischen Burgstädt erzählt von der Zeit der Vertreibung Anfang Juli 1945, welche er mit zehn Jahren miterlebte.
Die Kreisstadt Bilin vor 1945 mit dem 538 Meter hohen Berg Borschen.
HEIMATBOTE
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Bischofteinitz
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FÜR DEN KREIS BISCHOFTEINITZ
11 Hostau
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Böhmischer und österreichischer Uradel
Czernin von und zu Chudenitz 1620 erwarb Hermann Czernin von Chudenitz Schloß und Herrschaft Petersburg (Petrohrad) im Rakonitzer Bergland, das seine Nachfahren ebenfalls bis 1945 behielten. Giovanni Battista Alliprandi baute das Schloß 1697 bis 1703 um. 1621 kaufte Hermann außerdem einige im Zuge des Prager Umsturzes konfiszierte Güter anderer Adelsfamilien, darunter die Herrie erste schriftliche Erwähnung von schaft Gießhübel mit Buchau, SchöChudenitz erfolgte 1291 als Besitz nau, der Engelsburg und der Burg des Drslav Czernin von Chudenitz. Die Hartenstein. 1731 sollte Franz Joseph Das alte Schloß in Chudenitz. Familie erwarb in West- und Mittelböh- Czernin Gießhübel wieder verkaufen. men zahlreiche weitere Güter und teilGraf Hermann kaufte mehr als 99 Be- reichte der Grundbesitz der Grafen te sich im 15. und 16. Jahrhundert in die sitze, 1639 gründete er den Familien- Czernin seine größte Ausdehnung. Als Chudenitzer, Radnitzer, Taschlowitzer Fideikommiß, zu dem neben der Herr- Sommersitz diente das in dieser Zeit erund Nedrahowitzer Linien, die sich im schaft Petersburg mit Pladen, Neudek richtete Jagdschloß Kotzomischl. Nach Laufe der Zeit weiter verzweigten und und Scheles auch Schloß Melnik, das al- dem Brand des Jagdschlosses ließ Euihren Stammsitz Chudenitz ohne Unter- te Schloß in Chudenitz, Schloß Schönhof gen Karl Czernin von und zu Chudenitz brechung bis 1945 hielten. Nach 1678 und Schloß Kosmanos sowie die Burg anstelle eines Badehauses 1821 bis 1824 fiel das Gut Chudenitz dem Neuhauser Kost und Schmiedeberg im Riesengebir- das Schloß Sankt Wolfgang als neuen Zweig zu, der 1693 noch das erlosche- ge gehörten. Sommersitz der Familie erbauen. 1845 ne Geschlecht der Slawata von Chlum Hermanns Neffe Graf Humprecht Jo- erwarb er das Gut Libotitz. und Koschumberg beerbte. Die Grafen hann Czernin von Chudenitz (1628– 1649 hatte Graf Hermann neben vieCzernin von und zu Chudenitz erweiter- 1682) machte sich einen Namen als len anderen Besitzen auch das Schloß ten das Gut im 17. und 18. Jahrhundert Kunst- und Architekturkenner. Er wirkte Schönhof gekauft. Dieses wurde ab 1683 durch Zukäufe zu einer ausgedehnten als Bauherr auf seinen Besitzen in Kos- nach Entwürfen von Francesco CeresolHerrschaft. manos und Melnik, erbaute das Schloß la erneuert und 1720 bis 1724 von dem 1607 erhob Kaiser Rudolf II. die Fa- Humprecht bei Saboth als Jagd- und Architekten Franz Maximilian Kaňka im milie in den Reichsfreiherrenstand mit Lustschlößchen und begann 1669 mit Barockstil umgeändert und um zwei Seidem Bau des Pa- tenflügel erweitert. Auftraggeber war lais Czernin auf dem Graf Fanz Josef, der das Schloß als JagdPrager Burgberg. sitz nutzte. 1727 schufen die GartenarDer Palast ist eines chitekten Matěj Ivan Ledsebe und Jader größten Barock- kub Halířek einen Barockgarten. 1735 gebäude der Stadt. kamen ein Feigenhaus und eine ReitJedoch wurde er zu halle hinzu. 1736 wurden drei Alleen Lebzeiten des Gra- gepflanzt, die vom Schloß in die Landfen nicht fertigge- schaft führen. 1783 bis 1793 ließ Johann stellt und hätte ihn Rudolf Czernin einen 96 Hektar grofast in den Ruin ge- ßen Landschaftspark anlegen, den ertrieben. Das Palais sten englischen Garten in Böhmen. 1945 sollte ursprünglich wurde der Besitz enteignet. Palais Czernin in Prag. auch die GemäldeJohann Adalbert Czernin von und zu sammlung des Gra- Chudenitz ließ Ende des 18. Jahrhundem Titel Freiherr von und zu Chude- fen beherbergen, die er in Venedig an- derts von bedeutenden Baumeistern das nitz. 1623 erhob Kaiser Ferdinand II. gelegt und seitdem kontinuierlich aus- Waldschloß bei Pilsen errichten. Durch sie in den erblichen Reichs- und alten gebaut hatte. Die Sammlung umfaßte Erbschaft aus der Familie Morzin war Grafenstand mit dem Titel Reichsgraf bei Humprechts Tod etwa 750 Gemäl- 1646 das Schloß Hohenelbe an einen Czernin von und zu Chudenitz. 1716 er- de und war bis 1733 auf mehr als 1100 Zweig der Familie Czernin gelangt, der laubte Kaiser Karl VI. Franz Josef Graf Werke angewachsen. Humprechts Er- den Namen Czernin-Morzin führte und Czernin von und zu Chudenitz, sich und ben verkauften sie nach und nach und bis 1881 in Hohenelbe blieb. seine erstgeborenen Nachkommen Re- lösten sie um 1778 ganz auf. Heute be1845 erwarb Graf Eugen Karl die gierer des Hauses Neuhaus und Chude- findet sich im Palais Czernin das tsche- Herrschaft Maschau, die bis 1945 im Fanitz zu nennen. Die Angehörigen der Fa- chische Außenministerium. milienbesitz blieb. 1928 kaufte Graf Carl milie Czernin von Chudenitz leben heu1693 erbte Hermann Jakob Czernin das Schloßgut Rain in Grafenstein in te in Deutschland, Österreich und der von Chudenitz von der Familie seiner Kärnten, das sich bis heute im Besitz seiTschechischen Republik. Frau Maria Josefa Slawata die Herr- ner Familie befindet. Schloß Rosenhof Stammvater der Czernin soll Hein- schaft Neuhaus in Südböhmen. Das im oberösterreichischen Mühlviertel rich III. von Znaim sein. Er war der er- Schloß Neuhaus ist neben der Prager kam 1973 über Therese Kinsky an Josef ste Träger des Namens Czernin oder Burg und dem Schloß Krummau eines Czernin-Kinsky. Cyrnin. Černý ist das tschechische Wort der größten Schlösser Böhmens. Da die 1994 restituierte der tschechische für schwarz. Vermutlich kam er Staat die Güter in Dimokur im wegen seiner dunklen HaarfarBezirk Nimburg in Nordböhbe zu diesem Namen. Jedenmen an Depolt Czernin. 2006 falls war Czernin ursprünglich gelang es Karl-Eugen Czernin, ein Vorname und setzte sich einen Teil eines Besitzes in Steerst im Laufe der Zeit als Fapanowitz im Bezirk Budweis in milienname des Geschlechtes Südböhmen zurückzubekomdurch. Die erste urkundliche men. Erwähnung des Namens war Das Palais Czernin in Wien 1193. 1212 wurde er verbannt wurde 1839 im Auftrag von Graf und konnte erst 1231 nach dem Eugen als Fideikommißpalais Tod des Königs wieder nach der Familie fertiggestellt. Von Böhmen zurückkehren. Er baudessen Todesjahr 1845 bis 1954 te in Chudenitz eine Burg, die befand sich hier die von seinem später zu einem Schloß umgeVater Johann Rudolf um 1800 baut wurde und bis zur Vertrei- Schloß Neuhaus in Südböhmen. begründete, zuletzt von Eugen bung der Czernin 1945 ununCzernin-Chudenitz (1892– terbrochen im Besitz der Familie war. Familie jedoch überwiegend in ihren Pa- 1955) verwaltete Czerninsche GemäldeLaut Legende lag vor 1000 Jahren der lästen in Prag und Wien lebte, wurde es galerie, zu der 300 Malereien holländiKönig mit einem böhmischen Standes- als Residenz selten genutzt. Dort wurde scher, italienischer, spanischer und franherren im Streit. Der König war so er- jedoch das Czerninsche Familienarchiv zösischer Künstler des 17. Jahrhunderts bost, daß er Truppen in dessen Schloß untergebracht, das – mit den Archiven gehörten. 1980 bis 1991 kaufte die Resischickte, um alle Familienmitglieder zu der Familien von Neuhaus und Slawa- denzgalerie Salzburg die Sammlung. töten. Die Amme versteckte den Jüng- ta vereint – zum zweitgrößten AdelsarEine weitere Restitution erhoffte sich sten in einem Kessel in der Küche. Als chiv Böhmens wurde. ein Teil der Familie indes bezüglich des die Soldaten abgezogen waren, hörten Graf Franz Josef besaß 1710 bis 1730 Gemäldes „Die Malkunst“ von Johandie Chudenitzer das Kind im Kessel wei- neben der Herrschaft Chudenitz auch nes Vermeer. Adolf Hitler hatte das von nen. Sie fanden es und priesen Gott für die Herrschaften und Güter Schönhof, ihm bewunderte Werk 1940 für 1,65 Milseine Güte. Sie nannten den Jüngling Kost, Welchau, Kosmanos, Schwihau, lionen Reichsmark von Jaromir Czernin Czernin, den Schwarzen, da der Kes- Unterholz, Austraschin, Petersburg, gekauft. „Die Malkunst“ sollte ein sel auf ihn abgefärbt hatte. Sie erzogen Neudek, Kamaik, Mallichau, Winor, Ko- Hauptwerk im für Linz geplanten „Fühihn zu einem guten Aristokraten. Als der stenblatt, Sedschitz, Miltschowes, Ste- rermuseum“ werden. Der österreichiKönig davon erfuhr, war er so gerührt panow, Engelsburg, Gießhübl, Raben- sche Kunstrückgabebeirat entschied jeüber die Loyalität der Bürger zu ihrem stein an der Schnella und Schmiede- doch 2011, daß Czernin das Bild freiwilHerren, daß er dem jungen Czernin ver- berg im Riesengebirge sowie als Pfand lig verkauft habe und daher kein Fall für gab und ihm seinen Namen bestätigte. die Kronherrschaft Melnik. Damals er- die Rückgabe vorliege.
Czernin von und zu Chudenitz, tschechisch Černín z Chudenic, ist der Name eines alten böhmischen und österreichischen Hochadelsgeschlechts. Die uradelige Familie stammt aus dem Dorf Chudenitz bei Klattau und saß dort nachweislich von 1193 bis zur Enteignung und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg.
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Furth im Wald und Pilsen
Krippenfreunde stellen aus Die weihnachtlichen Kristallfiguren der Manufaktur Nachtmann in Neustadt an der Waldnaab entzücken das Fachpublikum. che Eröffnung der Ausstellung fand am Vorabend des Ersten Adventsonntags im Josef-Dobrowsky-Saal im alten Czerninschloß unter strenger Beachtung der G2-Vorschriften durch den Chudenitzer Bürgermeister Martin Dolejš statt. Dabei betonten der Vorsitzende der Pilsener Krippenfreunde, Vratislav Altmann, sowie Johann Dendorfer von den Krippenfreunden des Oberen Bayerischen Waldes die lange gute nachbarschaftliche euer findet wieder eine gemeinsame Beziehung der Krippenfreunde beiderAusstellung statt, diesmal im Schloß seits der Grenze. Dendorfer nannte in Chudenitz/Zámek Chudenice. Sie er- seiner kurzen Ansprache seinen bereits öffnete Ende November und läuft bis verstorbenen Kollegen Franz Prifling 6. Januar. Chudenitz gehört zu den älte- aus Waldmünchen sowie Irina Hanová sten Siedlungen auf tschechischem Bo- aus Rokitzan als Begründer dieser sich den. Das Schloß ist einer der ältesten er- nun sehr aktiven grenzüberschreitenden Freundschaft. Von der Präsentation der bayerischen Nachbarn waren die Gäste der Vernissage begeistert. Besuchern von deutscher Seite wird gerade bei winterlichen Straßenverhältnissen empfohlen, die Abfahrt von StraUmringt von Krippen aller Art begleiten drei Flötistinnen die Eröffnung ße 22 bei Noder Ausstellung. vý Dvůr/Neuhof Richtung haltenen Adelssitze in Böhmen und seit Němčice/Nemtschitz zu nehmen. Dann dem 13. Jahrhundert ausschließlich mit geht es über Úboč/Aubotsch, Všepadly/ der Adelsfamilie Czernin von Chudenitz Schepad, Únějovice/Auniowitz und verbunden ( rechts). Lučice/Lutschitz nach Chudenice/ChuJohann Dendorfer hatte mit seinen denitz. Kollegen Max Lerach und Robert AuGegenwärtig hoffen die Veranstalter, zinger eine repräsentative Auswahl von daß die tschechischen Pandemie-VorKrippendarstellungen aus dem heimi- schriften nicht zur vorzeitigen Schlieschen bayerischen Raum im Schloß Chu- ßung der Ausstellung führen. Bei Redenitz aufgebaut. Zur Verdeutlichung daktionsschluß war nach diesbezüglider nachbarschaftlichen Beziehung hat- cher Nachfrage keine Einschränkung ten die Gastgeber zuvor um das Gewand bekannt. nw eines Further Trachtenpaares gebeten. Silvia Hastreiter vom Heimatund Trachtenverein Stamm stellte die Trachten zur Verfügung. Die Euregio Bayerischer Wald, Böhmerwald, Unterer Inn unterstützte die bayerischen Krippenfreunde mit eiMax Lerach, Johann Dendorfer, Vratislav Altmann und Robert Auzinnem Zuschuß. Die feierli- ger. Seit mehr als 25 Jahren beteiligt sich der Verein Krippenfreunde des Oberen Bayerischen Waldes mit Sitz in Furth im Wald alle zwei Jahre an der Krippenausstellung der Pilsner Gruppe des tschechischen Krippenvereins (Spolek českých betlemářů, Betlemáři Plzenska). Diese gemeinsamen Ausstellungen sind immer eine gegenseitige Bereicherung.
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Sudetendeutsche Zeitung Folge 49 | 10. 12. 2021
Heimatbote für den Kreis Ta<au
Heimatkreis Tachau – Patenstadt Weiden in der Oberpfalz. Heimatkreisbetreuer: Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Aubergstraße 21, 83352 Altenmarkt, Telefon (0 86 21) 6 36 27, Telefax 64 75 27, eMail wolf-dieter.hamperl @online.de. Internet www.tachau.de. Tachauer Heimatmuseum: Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a, 92637 Weiden, Telefon (09 61) 81 41 02, Telefax 81 41 19, eMail museum@tachau.de. Spendenkonto: Heimatkreis Tachau, HypoVereinsbank Nürnberg – IBAN: DE38 7602 0070 0002 0824 54, BIC: HYVEDEMM460. Heimatbote für den Kreis Tachau – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de
� Pater Jaroslav Baštář berichtet über zwölf Jahre im Grenzgebiet – Teil XIX
Kommunist läßt sich in Lehrergruft beerdigen In diesem Teil schildert Pater Jaroslav Baštář, die Vernachlässigung und den Mißbrauch von Friedhöfen und Grabstätten sowie den nachlassenden Glauben.
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er ermordete Vaško wurde in das Grab der Kreuzschwestern gelegt. Gräber wurden wie
Häuser eingenommen – oder besser gesagt als Teil der Häuser. Es gab auch Fälle, daß Grabsteine für Schnäppchenpreise verkauft und ins Landesinnere gefahren oder bei anderen Gräbern aufgestellt wurden. Alte Gräber verkamen, Unkraut überwucherte sie, oder sie zerfielen. Leider wurde auch das Grab der Eltern von Josef Lang nicht verschont, obwohl er vor seinem Fortgang um Schonung gebeten hatte. Es wechselte den Eigentümer. Ebenfalls in einem desolaten Zustand war das Leichenhaus, in dem der Totengräber einst auch gewohnt hatte. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen, die Türen herausgerissen, und innen war Gerümpel abgestellt. Vor der Bestattung des ermordeten Vaško mußte das Gericht seine Leiche obduzieren. Die Obduktion mußte aber unter freiem Himmel auf dem verschlossenen Friedhof auf Brettern, die über zwei Gräber gelegt worden waren, stattfinden. Im Leichenhaus war nämlich kein Platz und der Obduktionstisch längst verschwunden. Der Schneider Fiala nutzte ihn in seiner Werkstatt als Bügelbrett. Bei der Hauptstraße liegt das Grab der 18jährigen Tochter des deutschen Arztes Dr. Borst, die kurz vor der Vertreibung gestorben war. Jemand hatte mit Gewalt die Grabplatte zur Seite geschoben. Man sagte, das Grab sei geplündert worden. Es blieb offen, und man konnte den weißen Sarg sehen. Lange roch man auf dem Friedhof den verwesenden Leichnam. 1957 sollten französische Opfer des Nationalsozialismus in ihre Heimat überführt werden. Die Exhumierung ihrer Überreste wurde angeordnet. In Neustadtl waren zwei französische Gräber. Diese wurden aufgegraben und die Särge aufgemacht. In den ge-
dicht an der Kirche befand. Das Kirche rettete Erzdekan Adam beitsstellen, sie hetzten materielGras wurde regelmäßig gemäht, Černý eine seltene aus Metall len Vorteilen hinterher. In ihren neue Gräber gepflegt. Ganz an- geschmiedete Kanzel und depo- Träumen bekamen Fahrzeuge, ders in Roßhaupt. Der Fried- nierte sie in einer Kirche im Lan- Fernseher und moderne Möbel feste Umrisse. Sie verloren den hof war ein undurchdringlicher desinneren. Dschungel, umgeben von einer Zweifellos hatte dieses wider- Sinn und das Verständnis für alverfallenden Mauer. Niemand natürliche Umfeld einen direk- le anderen Werte. Der dritte Faktor war die allhatte sich um diesen Ort geküm- ten Einfluß auf das religiöse Lemert. Bei einer Bestattung im ben der Menschen. Wenn wir das tägliche marxistische Bildung an Sommer mußte kurz vor dem Be- religiöse Leben dieses Landstri- den Schulen und Arbeitsplätzen. gräbnis mit der Sense ein Weg ches beobachten, so entgeht der Die Menschen wurden zu einer durch das Gras gemäht wer- Aufmerksamkeit nicht, daß es Herde, zu einem AbstimmungsDer Neustadtler Friedhof heute. den, um den Sarg zum Grab stetig abnimmt. Es gibt mehrere automaten, zu einer Masse ohne tragen zu können. Gründe. In das Grenzgebiet ka- eigenen Willen. Sie verloren das Auf dem Friedhof in Neu- men Menschen aus sehr unter- Interesse an allem. Sie arbeitehäusl fand während meiner schiedlichen Regionen wie Mit- ten, um zu leben, und lebten, um Zeit nur ein einziges Begräb- tel- und Südböhmen, Slowakei, zu arbeiten. Auch wenn die Seelsorge in nis statt. Die Zeremonie war Rückkehrer aus Rumänien und spät nachmittags. Alles war Wolhynien. Dazu kamen andere Neustadtl 1948 aussichtsreich unheimlich traurig, düster, nur Volksgruppen wie Bulgaren oder begonnen hatte, so gab die spätere Entwicklung allem eine aneine Handvoll Menschen ging Zigeuner. hinter dem Sarg, der auf dem Die Zuwanderer aus Mittel- dere Richtung. Wenn wir das rezugewachsenen und verwahr- böhmen hatten ihre Religiosi- ligiöse Leben an den Einträgen in den Geburtsbüchern meslosten Friedhof beigesetzt Die Menschen hetzen nur noch sen würden, kämen wir zu wurde. Das Grab wurde sodem Materiellen hinterher einer falschen Schlußfolgefort zugeschüttet – und rung. Denn auch in den Jahalle gingen weg. Die Hinterbliebenen zogen kurz dar- tät bereits früher, zu Hause ver- ren nach 1950, nachdem die Ziauf aus Neuhäusl weg. Über loren. Menschen aus dem Bezirk vilehe beim Örtlichen Nationaldas Grab wuchs bald Unkraut. Mühlhausen oder aus der Slowa- ausschuß gesetzlich festgelegt Er war einst ein gepfleg- kei waren durchwegs katholisch. worden war, waren kirchliche ter Friedhof gewesen. Von der Zu Hause gingen sie regelmäßig Eheschließungen eine SelbstverKirche hatte eine wunderschö- in die Kirche, das war selbstver- ständlichkeit. In den späteren ne Allee mit großen Linden zu ständlich. Aber im Grenzgebiet Jahren gaben sich nur vereinihm geführt. Nun ist der Fried- unterlagen besonders die Slowa- zelt Brautpaare mit einer Zivilhof verlassen. Im Sommer 1953 ken dem Umfeld, den veränder- ehe zufrieden, und das noch eher kam der Verwalter der Tsche- ten politischen und sozialen Um- in Haid. In Neustadtl war die erchoslowakischen Staatsgüter ständen. Diejenigen, bei denen ste Braut, die nur standesamtzertrümmerten den alten Sarg führt. Der Friedhof war kommu- (ČSSS) und bat mich, in der Form die Religion eher Gewohnheit lich beim Örtlichen Nationalausund schaufelten die Überreste nal, aber der Örtliche National- eher apodiktisch, die Kirche den war und ihre Überzeugung nicht schuß heiratete, die Lehrerin Haauf ein Leintuch. Das Bündel mit ausschuß widmete diesem Ort Staatsgütern als Trockenanla- tief gründete, entfremdeten sich na Sýkorová-Ježková. 1948 hatte Knochen und zerfallenden Re- keine Aufmerksamkeit. Die Ver- ge zur Verfügung zu stellen. Ich der Kirche leicht und schnell. Ei- sie mich noch als Kranzljungfer vor der Kirche in Neustadtl besten der Kleidung – falls sie die- waltung des Friedhofs – also der lehnte energisch ab. Mich über- ne Hülse ohne Kern. se überhaupt einsammelten – Örtliche Nationalausschuß – raschte, daß auch der KreisnatioEinen nicht zu geringen Ein- grüßt. Selbstverständlich war auch legten sie in den neuen Sarg und besorgte nicht einmal das nötig- nalausschußvorsitzende Jan Hut- fluß auf die Halbherzigkeit hatverzinnten ihn. Wenn in Frank- ste Werkzeug. Der Totengräber ta sich auf meine Seite stellte und ten die Einheitliche landwirt- die Taufe. In allen Pfarrgemeinreich jemand die Särge öffnen – dem man eine Anzahlung und den Vertreter der Staatsgüter schaftliche Genossenschaft den wurde regelmäßig getauft. und den Inhalt sehen sollte, wird eine Flasche Rum geben mußte brüsk zum Schweigen brachte. und die Tschechoslowakischen Selbst Parteimitglieder, Beamte er sich wohl sehr über diese „Pie- – war beim Begräbnis meistens Später erfuhr ich, daß in der Staatsgüter. Zweck des Ganzen, der Staatssicherheit (STB) oder tät“ wundern. betrunken. Die Gräber grub er Kirche die Staatsgüter „wirt- Alpha und Omega, war die Ar- der Armee ließen ihre Kinder In Haid konnte man zwei Hälf- wie eine Erdmiete. Eine Gru- schafteten“, da war aber diese beit sieben Tage in der Woche, taufen. Die Buben aus diesen Faten des Friedhofs unterscheiden. be lang und breit, aber seicht. Pfarrgemeinde nicht mehr un- also auch am Sonntag. Die Men- milien ministrierten sogar regelDen alten, unbenutzten Teil, und Er kannte wohl nicht einmal die ter meiner Verwaltung. Aus der schen verfielen der Jagd auf Ar- mäßig in Haid. Einäscherungen waren eher den neuen, auf dem noch wenige vorgeschriebene Tiefe. Als ich vereinzelt. In den ersten JahGräber waren. Hier fanden Be- einmal ablehnte, den Sarg in ren gab es ausschließlich Bestattungen statt. Der alte Fried- einem zu seichten Grab zu beerdigungen. Auch unreligiöse hof war ein Dschungel. statten, fertigte er mich damit Menschen hatten eine VorlieÄhnliche Zustände herrschten ab, daß er den Sarg auch ohne be für pompöse Kirchenbeauch auf dem Friedhof in Hollez- mich einbuddeln könne. stattungen. Ohne den Pfarrieb. Die Tschechen nahmen die Manchmal gab es nicht einrer war eine Beerdigung nicht besten Gräber ein. Andere zerfie- mal Seile für das Herablassen denkbar. Noch im Jahr 1958 len und wuchsen zu. des Sarges wie bei einer Beer– das war am 26. Februar – Am 7. August 1956 wurde der digung in Ujest. Es blieb nichts war für Neustadtl die EinFunktionär der Kommunisti- anderes übrig, als die Riemen äscherung von Franka Fronschen Partei, Růžka aus Hollez- des Geschirrs der Pferde abzuková, die regelmäßig die Kirnehmen, die den LeichenKatastrophale Zustände che besucht hatte, eine große wagen zogen, und auf dieherrschen auf den Friedhöfen Überraschung. sen den Sarg in das Grab Aber diese Eintragungen hinabzulassen. Ein andein die Matrikenbücher verfälrieb, bestattet. Er war Opfer eines res Mal – es war Winter – Nach der Vertreibung verkommt der Pfraumberger Friedhof zur Müllhalde. schen die Wirklichkeit. Sie beMotorradunfalls geworden. Die wurden dafür Drähte der abstätigen lediglich die aus der Beerdigung fand in einer pracht- gerissenen Stromleitung beKindheit beibehaltenen Gevollen Gruft statt, in der laut Epi- nutzt. Nicht selten mußten die wohnheiten. Der Blick in die taph eine Lehrerin lag – den Verwandten selbst das Grab Kirche zeigt die Kehrseite Namen habe ich mir nicht auf- für ihre Verstorbenen ausheder Medaille. An Wochentageschrieben. Bei der Bestattung ben. gen war die Kirche regelmäwar das Grab leer, obwohl dort Über den Friedhof in Neußig leer. Oft kamen nicht einein Sarg hätte sein sollen. Nach dorf hatte ich bereits ein wenig mal die Ministranten. Ähnlich der Beerdigung erfuhr ich, daß berichtet. Die Deutschen hatwar es auch ein einigen Feidie Überreste der Lehrerin zuvor ten diesen geweihten Ort in ertagen, die unter der Woche weggeschafft und später irgend- bester Ordnung hinterlassen, stattfanden. So war an Heiwo auf dem Friedhof verscharrt geschmückt wie an Allerseeligdreikönig 1957 zu der Heiworden seien. len. Auf diesem Friedhof habe ligen Messe in Neustadtl nieGeradezu katastrophale Zu- ich später einige Bestattungen mand gekommen, abends bei stände herrschten auf den Fried- aus Dianaberg begleitet. Der der Wasserweihe waren nur eihöfen in Pfraumberg und Umge- Friedhof war nicht wiederzuernige Kinder und vier Erwachbung. Der alte Teil des Friedhofs kennen. Er war ein Bildnis aus sene. Zu Lichtmeß im selben in Pfraumberg war schrecklich. Vandalismus und Zerstörung. Jahr war eine Frau gekommen. Ein Urwald aus Unkraut, KönigsIn Sankt Katharina kümAschermittwoch 1958 feierten kerzen, Gebüsch und Dornen be- merte sich Fräulein Alfonsa deckte die Gräber. Man sah sie um die Pflege der Gräber und Ein Urwald aus Unkraut, Königskerzen, Gebüsch und Dornen bedeckt die Gräber. drei Menschen mit. Fortsetzung folgt nicht mehr. Aus diesem Gehölz des ganzen Friedhofs, der sich Torsi von Grabsteinen ragen gen Himmel. öffneten Särgen lagen erhaltene Gebeine in sich auflösenden Mänteln. Vor Mittag brachte ein Sonderfahrzeug prachtvolle Särge aus poliertem Holz mit massivem gehämmerten Beschlag. Sehr einfach ist, auf dem alten Sargboden das ganze Skelett in den neuen Sarg zu legen. Doch die tschechischen Bediensteten
ragten zerbrochene Kreuze oder Torsi von Grabsteinen gen Himmel. Dabei waren dies einst monumentale Grabsteine und aufwendige Gruften. Der zweite Teil des Friedhofs entstand durch Erweiterung um das Jahr 1936. Er war noch vergleichsweise leer. Hier wurden neue Bestattungen durchge-