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Sudetendeutsche Zeitung 12. November 2021 Ausgabe 4

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Interview mit Christoph de Vries, Vorsitzender der Vertriebenen-Gruppe (Seite 3/4)

Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Reicenberger Zeitung 160. Jahrgang

HEIMATBOTE

Jahrgang 73 | Folge 45 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 12. November 2021

Wenzel Jaksch (25. September 1896 bis 27. November 1966): Sein politisches Wirken in der Bundesrepublik Deutschland war geprägt von seinem Engagement für die Heimatvertriebenen.

VOLKSBOTE

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Von 1929 bis 1938 war der „tapfere Böhme“ (so Golo Mann) Abgeordneter im tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus, von 1953 bis zu seinem Unfalltod SPDAbgeordneter im Bundestag. Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises 2020 und der Brückenbauer-Auszeichnung (von links): Jury-Vorsitzende Christa Naaß, die Bundesvorsitzenden der Seliger-Gemeinde Helena Päßler und Dr. Helmut Eikam, Vertriebenenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Volkmar Halbleib, Preisträger Libor Rouček, Laudator Martin Schulz und die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Ruth Müller.

Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises 2021 und der Brückenbauer-Auszeichnung (von links): Dr. Helmut Eikam, Mit-Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, verliest die Verleihungsurkunde für Albrecht Schläger. Zuvor hatte Kristina Larischová, Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München, die Laudatio auf den ehemaligen BdV-Vizepräsidenten und SPD-Landtagsabgeordneten gehalten. Fotos: Torsten Fricke

Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis der Seliger-Gemeinde und Brückenbauer-Auszeichnung der SPD-Landtagsfraktion

Martin Schulz: „Demokratie kommt nicht aus der Steckdose“

Liste der Brückenbauer

WenzelJakschPreisträger Der Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis wurde erstmals 1968 verliehen: 1968: Georg Hans Trapp; 1969: Marie Günzl und Roman Wirkner; 1970: Doreen Warriner; 1971 : Adolf Hasenöhrl; 1972: Karl Gerberich; 1973: Albert Exler und Artur Schober; 1974: Axel Granath; 1974: Henry Weisbach; 1976: Dr. Josef Mühlberg; 1977: Volkmar Gabert; 1978: Dr. Bruno Kreisky; 1979: Herbert Wehner; 1980: Alfred Hauptmann; 1981: Willy Brandt; 1982: Dr. Fred Sinowatz; 1983: Prof. Dr. Friedrich Willy Brandt Prinz; 1984: Willi Jäger; 1985 : Olga Sippl; 1986: Holger Börner; 1987: Fritz Heine; 1988: Torsten Nilsson; 1989: Josef Köcher; 1990: Dr. Heinz Kreutzmann; 1991: Emil Werner; 1992: Hubert Pfoch; 1993: Otto Seidl; 1994: Dr. Martin Bachstein; 1995: Rudi Walther; 1996: Dr. Hans-Jochen Vogel; 1997: Erich Sandner; 1998: Annemarie Renger; 1999: Dr. Karel Hrubý und Jiří Loewy; 2000: Dr. Klaus Hänsch; 2001: Heinrich Giegold; 2002: Dr. Peter Becher; 2003: Prof. Dr. Peter Glotz; 2004: Petr Příhoda; 2005: Dr. Klaus Zeßner; 2006: Renate Schmidt; 2007: Jiří Paroubek; 2008: Max Mannheimer; 2009: Prof. Dr. Otto Pick; 2010: Franz Maget; 2011: Jan Hon; 2012: Martin Schulz; 2013: Prof. Dr. Detlef Brandes; 2014: Prof. Dr. Jan Křen; 2015: Hana Zakhari; 2016: Petr Vokřál; 2017: Dr. Wolfgang Thierse; 2018: Michaela Marksová; 2019: Reinhold Gall; 2020: Libor Rouček; 2021: Albrecht Schläger.

Beim Jahresempfang für Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler der SPD-Landtagsfraktion sind am Samstag im Münchner Maximilianeum die Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreise 2020 und 2021 der Seliger-Gemeinde an Libor Rouček und Albrecht Schläger sowie die Brükkenbauer-Auszeichnungen der SPD-Landtagsfraktion verliehen worden, womit zusätzlich der BdV Bayern und dessen Vorsitzender Christian Knauer geehrt wurden (siehe Seite 5).

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artin Schulz, ehemaliger Präsident des Europaparlaments, jetziger Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung und selbst Wenzel-Jaksch-Preisträger, nutzte seine Laudatio auf Libor Rouček, um für Demokratie, Menschenrechte und den gemeinsamen Kampf gegen Extremisten aufzurufen. Bei allen politischen Differenzen zwischen Sozial- und Christdemokraten habe es im Europaparlament immer in einem Punkt Einigkeit gegeben, sagte Schulz und begrüßte dabei den Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. „Bernd Posselt und ich waren uns im Europaparlament immer einig, daß das Bekenntnis und das Engagement zur Überwindung von Grenzen das beste Friedensprojekt für Europa ist.“ Die Idee von Europa sei ganz einfach, so Schulz: „Daß wir uns über Grenzen hinweg mit Respekt, Toleranz und Würde begegnen, völlig unabhängig von unserer Hautfarbe, unserer Herkunft, unserer Religion oder unserer politischen Überzeugung, daß wir mit guten Argumenten dafür kämpfen, das Beste für die Menschen herauszuholen.“ Libor Rouček sei, so Schulz, eine „wandelnde Grenzüberschreitung“, die genau für diese Idee von Europa stünde. Die Demokratie müsse jeden Tag neu erkämpft werden. „Die Demokratie kommt nicht wie der Strom aus der Steckdose“, sagte Schulz und warnte: „Die Feinde der Demokratie sind jeden Tag unterwegs.“ Libor Rouček habe, so Schulz, den EU-Abgeordneten der westlichen Staaten beigebracht, was es bedeutet, eine Diktatur zu überwinden und De-

Der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hielt am Samstag im Bayerischen Landtag die Laudatio auf Libor Rouček. Im Hintergrund: Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. mokratie aufzubauen. „In gewisser Weise war Libor ein Lehrer für mich“, denn, so Schulz, „die Dämonen des 20. Jahrhunderts, wie Haß, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Gewaltbereitschaft“, die überwunden schienen, seien wieder sichtbar. „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts

tun“, zitierte Schulz den englischen Philosophen Edmund Burke. Libor Rouček sei jemand, der nicht nur zu den Guten gehöre, sondern auch nach seinem Ausscheiden aus dem Europaparlament etwas tue. Schulz: „Lieber Libor, dein Einsatz wird weiterhin gebraucht.“ Der 1954 in der mittelböh-

mischen Stadt Kladen geboren Rouček arbeitete nach seinem Studium und seiner Promotion in Wien zunächst als Journalist für den US-amerikanischen Auslandssender Voice of America. 1998 kehrte er in seiner Heimat zurück und wurde Sprecher der tschechischen sozialdemokratischen Partei ČSSD sowie

„Die EU ist trotz aller Probleme und Schwierigkeiten eine Erfolgsgeschichte.“ Wenzel-Jaksch-Preisträger Libor Rouček warb in seiner Dankesrede dafür, im Engagement für Europa, Frieden und Freiheit nicht nachzulassen.

Sprecher der im selben Jahr ins Amt gewählten ČSSD-Regierung unter Miloš Zeman. 2002 wurde Rouček in das tschechische Abgeordnetenhaus gewählt und engagierte sich dort unter anderem im Europaausschuß. Nach dem EU-Beitritt der Tschechischen Republik war er von 2004 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments, und dort von 2009 bis 2012 Vizepräsident. Seit 2014 ist Rouček Vorsitzender der Union der Europäischen Föderalisten in der Tschechischen Republik und seit 2015 Co-Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. „Diese Auszeichnung ist eine große Ehre für mich, da ich Wenzel Jaksch als sudetendeutschen Sozialdemokraten, der sich selbst nach oben gearbeitet hat und immer an der Seite des kleinen Mannes stand, sehr schätze“, bedankte sich Libor Rouček. Dieser Preis sei aber auch eine Verpflichtung aus der Zeit, zu der Wenzel Jaksch gelebt hatte, zu lernen. „Wir dürfen die Fehler der früheren Generationen nicht wiederholen“, mahnte Rouček und erklärte: „Das jahrhundertelange Zusammenleben der Völker in Mitteleuropa wurde durch den Nationalimus in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zerstört. Diese Fehler, dieses menschliche Versagen dürfen wir nie wieder wiederholen.“ Die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg habe gelehrt, „daß die besten und wirkungsvollsten Mittel gegen Nationalismus und gegen das Wiederaufflammen der nationalen Konflikte europäische Zusammenarbeit und europäische Integration“ seien. Rouček: „Die europäische Integration hat uns die längste Periode des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands in Europa gebracht. Noch nie in der europäischen Geschichte haben so viele Menschen in Frieden, in demokratischer Freiheit und in sozialer Absicherung gelebt wie heute. Die EU ist trotz aller Probleme und Schwierigkeiten eine Erfolgsgeschichte, ein Vorbild für die ganze Welt.“ Torsten Fricke


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AKTUELL · MEINUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

AUS UNSEREM PRAGER BÜRO

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rantišek Jílek oder auch Franz Gilles ist ein Prager mit sudetendeutschen Wurzeln und begeisterter Bewohner des historischen Stadtteils Kleinseite in der Nähe der Prager Sudetendeutschen Botschaft des Guten Willens. Gleichzeitig hat er sich auf das Medium „Hörbuch“ spezialisiert, wo er sehr erfolgreich ist. Bei seinem letzten Besuch im Prager Sudetendeutschen Büro präsentierte er Büroleiter Peter Barton sein aktuelles Werk „Der Ring des Schneekönigs“. Die deutsche und ganz besonders die sudetendeutsche The-

matik sind für Jílek zur Herzenssache geworden, und die will er in Zukunft noch weiter entwickeln. Fasziniert hat ihn nach dem allgemein gut bekannten Schriftsteller Hans Watzlik auch das phantastische Buch des Prager und Kleinseitner Autors Rudolf Slawitschek (1880–1945) „Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer. Ein fröhliches Mährchen“, das im Prager Deutschen Kulturverband im Jahr 1928 erschienen ist. Die dramatisierte Form dieses Werks in tschechischer Sprache mit dem Titel „Anastasius Kočkorád – Velký kouzelník“ des heute fast vergessenen Autors wird inzwischen in

PRAGER SPITZEN

Internetforen angeboten und sehr gut verkauft. Rudolf Slawitscheks Ende bleibt bis heute ungeklärt, sicher ist nur,

so belegen Quelle, daß er im Mai 1945 von tschechischen „Gardisten“ ermordet wurde, unklar ist, an welcher Stelle es war. Auch dieses Schicksal spricht klar über das bis heute schmerzhafte Kapitel der Geschichte vor und nach der Vertreibung der Sudetendeutschen in diesem Land.

Sprecher Bernd Posselt auf Dialogfahrt durch Europas Mitte Nur zweieinhalb Wochen nach seiner politischen Tour durch alle Regionen der Slowakei ist Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Präsident der PaneuropaUnion Deutschland, zu einer Dialogfahrt durch vier weitere Nachfolgestaaten der Donaumonarchie aufgebrochen.

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Bernd Posselt mit Ungarns Familienministerin Katalin Novák, die auch für den Bereich Internationale Beziehungen zuständig ist. Foto: Dóra Kecskés

Bernd Posselt im Gespräch mit Ungarns neuem Oppositionsführer Péter Márki-Zay, der in seinem Heimatort seit sechs Jahren Bürgermeister ist.

Die Delegation von Bernd Posselt im Otto-von-Habsburg-Archiv mit Gergely Pröhle (re.) vor dem Bild von Otto und Regina von Habsburg. Fotos: Kijas Dieser Begegnung schlossen sich Treffen mit führenden Vertretern der Regierungspartei Fidesz wie der in deren Vorstand

für internationale Beziehungen zuständigen Familienministerin Katalin Novák, dem Vorsitzenden des Außenpolitischen Aus-

schusses im ungarischen Parlament, Zsolt Németh, und der kleinen christdemokratischen Partei KDNP um den Europaabgeordneten György Hölvényi an. Über die Lage der drei großen christlichen Kirchen informierten der katholische Altbischof Michael Mayer von Pécs/ Fünfkirchen, ein Ungarndeutscher, dessen Familie die Deportation in sowjetische Bergwerke erleiden mußte, der oberste Repräsentant aller reformierten Kirchen im Karpatenbecken, der kalvinische Bischof Zoltán Balog, der Posselt bei der Vorbereitung der Grenzöffnung beim Paneuropa-Picknick maßgeblich unterstützt hatte, sowie der Präsident der Lutheraner, Gergely Pröhle. Letzterer ist zudem der Leiter des neuen Budapester Otto-von-Habsburg-Archivs, das eindrucksvolle Forschungs- und Dokumentationsarbeit zum Lebenswerk des 2011 verstorbenen Kaisersohnes und letzten böhmischen Kronprinzen leistet. Als interessanter Partner für die Sudetendeutsche Volksgruppe erwies sich der südungarische Vorsitzende der Selbstverwaltung der Ungarndeutschen, János Flódung. Er ist Nachfolger von Lorenz Kerner, der bereits 1984 zwei Busse sudetendeutscher Lehrer in Fünfkirchen empfing und in der Folge in enger Zusammenarbeit mit Bernd Posselt das Lenau-Haus als erstes Zentrum einer deutschen Volksgruppe im damals noch existierenden Ostblock aufbaute. In Budapest lud der deutsche Botschafter Johannes Haindl, der zuvor in Prag und dann in Wien stationiert war, die Delegation, zu der auch PEU-Pressereferentin Stephanie Waldburg und PEU-Bundesgeschäftsführer Johannes Kijas gehörten, zum Abendessen in die Residenz. Abschließend hielt Bernd Posselt einen Vortrag vor Schülern und Studenten in Wien.

Nächster Erfolg für Petr Fiala (ODS) auf dem Weg zum Premierminister

Koalitionsvertrag ist unterschrieben

Zwei Minuten vor Zwölf hat Petr Fiala Vollzug gemeldet. „Wir haben einen Koalitionsvertrag unterschrieben“, twitterte der wahrscheinlich nächste tschechische Premierminister am Montag um 11.58 Uhr.

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benfalls am Montag trafen sich die neu gewählten Abgeordneten zur konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses. Am Mittwoch folgte dann die Wahl des Präsidiums. Am Dienstag hat Präsident Miloš Zeman den Regierungswechsel offiziell eingeläutet und den Parteichef der Bürgerdemokraten, Petr Fiala, beauftragt, ei-

Die Fünfer-Koaliton steht (von links): Marian Jurečka (KDU-ČSL), Markéta Pekarová Adamová (TOP 09), Petr Fiala (ODS), Vít Rakušan (Stan) und Ivan Bartoš (Piraten) unterschreiben den Koalitionsvertrag. Foto: Twitter ne Regierung zu bilden. Der designierte Premierminister Fiala erklärte daraufhin in einem Interview, daß auf die

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it dem Ergebnis der Abgeordnetenhauswahlen sind 56 Prozent der Tschechen „eher unzufrieden“, hat eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Stem ergeben. Knapp 66 Prozent der Bürger glauben außerdem nicht, daß der Ausgang der Wahlen zur politischen Stabilität oder zur Lösung langfristiger Probleme im Land beiträgt.

Handke-Stück kommt ins Theater

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Stationen in Slowenien, Kroatien, Ungarn und Österreich

rste Station war die Hauptstadt der zu Slowenien gehörenden Untersteiermark, Marburg an der Drau/Maribor. Bei der Begegnung mit einem Mitbegründer der slowenischen Demokratie, dem Präsidenten der Alma Mater Europea, Prof. Ludvik Toplak, sowie dem Diplomaten und Historiker Prof. Andrej Rahten, ging es um eine Weiterentwicklung der Europäischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Salzburg und um eine breite Kooperation mit der von Prof. Nikolaus Lobkowicz gegründeten Rektorenkonferenz des Donauraumes, die auch für die Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste ein interessanter Ansprechpartner ist. In Zagreb folgte beim Jahreskongreß der Paneuropa-Union Kroatien unter anderem ein Treffen mit Außenminister Gordan Grlić Radman, lange Jahre kroatischer Botschafter in Berlin, den Posselt für den nächsten München-Besuch zu einem Rundgang durch das neue Sudetendeutsche Museum einlud. In Ungarn gehörte Posselt zu den ersten Gesprächspartnern des neu gekürten oppositionellen Spitzenkandidaten für die Parlamentswahlen im Frühling, Péter Márki-Zay, der in seinem Heimatort Hódmezővásárhely seit sechs Jahren als Bürgermeister amtiert. Bisher war die südostungarische Stadt jenseits der Puszta in Deutschland vor allem durch den Film „Ich denke oft an Piroschka” bekannt.

Bürger unzufrieden mit Wahlergebnis

neue Regierung enorme Herausforderungen warten: „Ich glaube nicht, daß wir eine Gnadenfrist haben werden. Wir befinden uns

mitten in der schlimmsten Krise in der modernen Geschichte des Landes – Covid, steigende Energiepreise, eine Inflation von sechs Prozent. Das sind Probleme, die enorme Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben und die sofort angegangen werden müssen.“ Das neue Kabinett soll aus 18 Ministern bestehen. Elf davon aus dem konservativen Wahlbündnis Spolu, die übrigen sieben aus Piraten und Bürgermeister-Partei. Im tschechischen Parlament verfügt das Bündnis mit 108 von 200 Stimmen über eine klare Mehrheit. TF

m 6. März 2003 hatte der 18jährige Zdeněk Adamec sich am Wenzelsplatz mit Benzin übergossen und angezündet, um am Tag der Amtseinführung von Präsident Václav Klaus gegen den Zustand der Welt zu protestieren. Der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke hatte diesen Selbstmord in dem Drama „Zdeněk Adamec: Eine Szene“ verarbeitet. Im Rahmen des Theaterfestivals deutscher Sprache zeigt das Prager Theater Am Geländer am 2. und 3. Dezember eine Neu-Inszenierung. Mit dabei ist unter anderem der preisgekrönte deutsche Schauspieler Samuel Finzi. Mit ihm kehrt auch Regisseur Dušan D. Pařízek nach mehreren Jahren an eine tschechische Bühne zurück.

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Inflation nimmt weiter Fahrt auf

m Sommer waren es noch 3,5 Prozent, jetzt rechnet das tschechische Finanzministerium für das kommende Jahr sogar mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von sechs Prozent, hat Finanzministerin Alena Schillerová (Partei Ano) in einer TV-Talkshow bekannt gegeben.

Veto gegen EU-Stromsteuer

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er Senat hat, wie von der tschechischen Regierung empfohlen, den Vorschlag der Europäischen Kommission abgelehnt, einen Rahmen für die Besteuerung von Energieprodukten und Strom zu schaffen. Die Senatoren bezeichneten diesen EU-Vorstoß als einen Eingriff in die Steuerhoheit der Mitgliedstaaten. Darüber hinaus verstoße die EU-Initiative nach Ansicht der Parlamentarier gegen das Subsidiaritätsprinzip, also gegen

den Grundsatz, daß Probleme zunächst auf der Ebene der Mitgliedstaaten gelöst werden sollen. Die Senatoren hielten fest, daß die Europäische Kommission den Vorschlag für eine EU-Richtlinie, die Teil des europäischen Klimapakets ist, überarbeiten soll. Andernfalls, so der Senat, sollte die Regierung ein Veto gegen den Vorschlag einlegen.

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Bischöfe reisen nach Rom

schechiens Bischöfe reisen an diesem Sonntag zum Ad-limina-Besuch nach Rom und werden dabei an einer Privataudienz bei Papst Franziskus teilnehmen. Außerdem besprechen sie mit Vertretern der vatikanischen Kurienbehörden die Situation der Kirche in Tschechien. Die „visitatio ad limina apostolorum“, also der Besuch an den Schwellen der Apostelgräber, ist für Bischöfe alle fünf Jahre vorgesehen, um in Rom über den Stand der jeweiligen Diözese zu berichten.

Finanzministerium entschuldigt sich

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ür Staatspräsident Miloš Zeman hat sich das Finanzministerium jetzt bei der Enkelin des Journalisten Ferdinand Peroutka entschuldigen müssen. Zeman hatte im Januar 2015 behauptet, Peroutka hätte vor dem Zweiten Weltkrieg einen Zeitungsartikel geschrieben, in dem dieser Hitler gelobt habe. Die Enkelin des Schriftstellers, Terezie Kaslová, verklagte daraufhin den Staatspräsidenten, der im Prozeß seine Behauptung nicht belegen konnte und jetzt letztinstanzlich vom Obersten Gerichtshof verurteilt wurde. Da für alle Schäden, die öffentliche Institutionen verursachen, zu denen auch der Staatspräsident gehört, das Finanzministerium haftet, erfolgte jetzt die öffentliche Entschuldigung über die Oberbehörde.

Corona-Pandemie: Nur noch 3Gplus

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ei den Großveranstaltungen werden keine Antigen-Tests auf das Coronavirus mehr anerkannt. Ab 22. November sollen bei einer Publikumskapazität von 1000 Menschen und mehr nur noch PCR-Tests gelten sowie weiterhin der Nachweis einer Impfung oder einer überstandenen Infektion im vergangenen halben Jahr, hat die Regierung beschlossen.

Sudetendeutsche Zeitung

ISSN 0491-4546 Erscheint wöchentlich freitags. Redaktionsschluß Veranstaltungstermine: Freitag 18.00 Uhr. Redakationsschluß Montag 18.00 Uhr. Chefredaktion und verantwortlich für den Inhalt: Torsten Fricke, Nadira Hurnaus. Kulturredaktion: Susanne Habel. Korrespondent in Prag: Dr. Jaroslav Šonka; Korrespondentin in TeplitzSchönau: Jutta Benešová; Korrespondenten im Isergebirge: Stanislav Beran, Petra Laurin; Korrespondent in Berlin: Ulrich Miksch. Ständige Mitarbeit: Peter Barton, Markus Bauer, Josef Grimm, Professor Dr. Rudolf Grulich, Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Kathrin Hoffmann, Peter Pawlik, Herbert Ring, Karl Reitmeier, Hildegard Schuster, Lexa Wessel. Verlagsassistentin: Birte Rudzki. Anschrift für alle: Hochstraße 8, 81669 München. Redaktion: eMail zeitung@sudeten.de; Verlag: Telefon (0 89) 48 00 03 80, eMail svg@sudeten.de. Jahres-Abonnement 2021 Inland als Postvertriebsstück im Lastschriftverfahren 125,00 EUR einschließlich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Ausland 154,00 EUR, Luftpost auf Anfrage. Reichenberger Zeitung (24 Ausgaben jährlich) 62,50 EUR, Neudeker Heimatbrief (12 Ausgaben jährlich) 31,25 EUR. Je Rechnung 2,00 EUR Aufschlag. Bankverbindung: Postbank München – IBAN: DE13 7001 0080 0005 7278 08, BIC: PBNKDEFF; Abbestellungen mit einer Frist von vier Wochen zum Vierteljahresschluß schriftlich an den Verlag. Anzeigenpreisliste Nr. 13 vom 1. Januar 2021; Anzeigengestaltung erst nach Auftrag. © 2021 Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft. Diese Zeitung ist mit allen Texten und Bildern urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Vervielfältigung und Verwertung – insbesondere auch Weitergabe in Form von Kopien oder Einstellen ins Internet – sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrecht nichts anderes ergibt. Mit vollem Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft wieder. Gerichtsstand und Erfüllungsort München. Kein Entschädigungsanspruch bei Nichterscheinen oder Nichtlieferung infolge Streik oder höherer Gewalt. Keine Gewähr für nicht angeforderte Manuskripte, Bilder, Dokumente, Datenträger und Daten. Alle datenschutzrechtlichen Vorschriften werden beachtet; Einzelheiten unter www.sudeten.de Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH, HRB München 3796. Geschäftsführer und verantwortlich für Anzeigen: N. N. Alleiniger Anteilseigner: Sudetendeutsche Landsmannschaft, Hochstraße 8, 81669 München. Druck und Versand: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, 86167 Augsburg.

Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.


Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12.11.2021

Einstimmig ist Christoph de Vries mit Beginn der neuen Legislatur zum neuen Vorsitzenden der Gruppe der Vertriebenen, Spätaussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt worden. Was der Hamburger Bundestagsabgeordnete mit sudetendeutschen Wurzeln umsetzen will und wie er die Lage seiner Partei und die der Vertriebenen nach der Wahlniederlage sieht, erklärt der 46-jährige im großen Interview mit der Sudetendeutschen Zeitung.

SUDETENDEUTSCHE GESPRÄCHE � Christoph de Vries, Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

„Bei der Ampel-Koalition mache ich mir große Sorgen“

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err de Vries, Glückwunsch zur Wahl. Warum haben Sie für den Vorsitz der Gruppe der Vertriebenen, Spätaussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Fraktion kandidiert? Christoph de Vries: Vertriebene, Aussiedler und die deutschen Minderheiten im Ausland sind überwiegend Menschen, denen Heimat, Tradition, Familie, Glaube und Verbundenheit zum Vaterland viel bedeuten. Und das geht mir ganz genauso. Deshalb verspüre ich eine große Verbundenheit. Zudem besitzt meine Mutter selbst einen Vertriebenenhintergrund und hat uns Kindern viel über das Schicksal ihrer Familie sowie die ökonomischen und psychologischen Folgen durch den Heimatverlust erzählt. Außerdem engagiere ich mich seit einigen Jahren für die Spätaussiedler, unsere Landsleute aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Sie sind in Hinblick auf Bildungsaffinität und Erwerbsintegration absolut vorbildlich, Christoph de Vries ist der neue Vorsitzende der Gruppe der Vertriebenen, und ich habe inzwischen auch Spätaussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Fraktion. Der viele freundschaftliche Kontak- Hamburger Bundestagsabgeordnete hat sudetendeutsche Wurzeln. te geknüpft. Da meinem Vorgänger Eckhard Pols der WiederDe Vries: Wir erleben gerade Millionen Euro einen historieinzug in den Bundestag leider den demographischen Wechsel schen Höchststand erreicht und nicht geglückt ist, habe ich den von der Erlebnis- zur Bekennt- sind in der Regierungszeit der Hut in den Ring geworfen und nisgeneration. Aber der Heimat- Union seit 2005 fast verdreifacht bin sehr dankbar für das einstim- verlust existiert ja fort und ist in worden. Nun erinnern wir uns mige Votum meiner Kolleginnen den Köpfen und Herzen der Hei- an den Regierungswechsel 1998: und Kollegen. matvertriebenen und ihrer Nach- Schon ein Jahr später haben SPD Sie haben über Ihre Mutter su- kommen weiterhin präsent. Die und Grüne einen massiven Kahldetendeutsche Wurzeln. Wie ist Tradition der Landsmannschaf- schlag bei der Kulturförderung die Familie Ihrer Mutter vertrie- ten, wenn auch in unterschiedli- vollzogen, der das Ende etlicher ben worden? chen Ausprägungen, und die Pa- Paragraph-96er-Einrichtungen De Vries: Die Familie meiner tenschaften mit Bundesländern bedeutete. Es ist kein Geheimnis, Mutter stammt aus Kunewald na- haben sich bis heute erhalten. daß die politische Linke nach wie he Neutitschein und wurde am Die Ächtung jedweder Vertrei- vor wenig für die Vertriebenen 16. Juni 1946 in Viehwaggons bung bleibt leider aktuelles An- übrig hat. Außerdem dürfte der nach Deutschland verbracht, wo liegen deutscher Politik. Allein finanzielle Rahmen, um die zahlsie seitdem in Heidelberg lebte. in der Ostukraine sind durch den reichen hochfliegenden AmpelKopien von den Listen der Trans- Konflikt mehr als 1,5 Millionen Pläne zu bezahlen, ohnehin sehr porte hat mein Onkel uns kürz- Menschen innerhalb des Landes eng sein. Insofern ist diese Gelich zukommen lassen, auf denen vertrieben worden. fahr nach meiner Einschätzung die Familie meiner Mutter bei In den Wahlprogrammen der sehr real. Waggon 33 steht. Aufgeführt ist Parteien hat nur die CDU/CSU Mit Bernd Fabritius, dem Präübrigens auch Elvira Pisch, spä- den Bereich Flucht und Vertrei- sidenten des Bundes der Vertrieter Becker, die Mutter von Ten- bung thematisiert. Da Ihre Partei benen, hatte die scheidende Bunnisspieler Bonicht mehr in der desregierung einen kompetenten Im selben Wagon ris Becker Regierung ver- Beauftragten für Aussiedlerfraund Cousine wie die Mutter von treten sein wird: gen und nationale Minderheiten. meiner MutWie wird sich Wie geht es jetzt weiter? Boris Becker ter. die Stellung der De Vries: Ich würde mir sehr Aus welVertriebenen in wünschen, daß Bernd Fabritius cher Region stammte Ihr Vater? der Politik ändern? seine hervorragende Arbeit als De Vries: Mein Vater stammt De Vries: Auf die Union war Bundesbeauftragter fortsetzt. In aus einer Seemannsfamilie aus und ist immer Verlaß in der Ver- dieser Position sehe ich niemanOstfriesland. Er ist in Brunsbüt- triebenenpolitik. Deshalb haben den, der annähernd fachkuntel am Nord-Ostsee-Kanal gebo- wir dafür gesorgt, daß dieser Be- dig und angesehen bei Vertrieren und aufgewachsen, zog dann reich in einem eigenen Absatz ben, Aussiedlern und deutschen später als junger Export-Kauf- unseres Regierungsprogram- Minderheiten ist wie er. Die Ammann nach Hamburg. mes gewürdigt wird. Bei der Am- pel-Koalitionäre wären klug beWie sind Sie mit dem Thema pel-Koalition mache ich mir ehr- raten, das Amt fortzuführen. SetVertreibung sozialisiert worden? lich gesagt große Sorgen. Wenn zen sich hingegen die Ideologen War das Thema in der Familie? man die Anträge beispielswei- durch, wird die gesellschaftspoliDe Vries: Ja, das war es. Mit se der Grünen aus der zurück- tisch wichtige Tätigkeit zur Diszunehmendem Alter hat sich liegenden Wahlperiode liest, die position gestellt und damit auch meine Mutter immer intensiver aus dem Berliner Dokumentati- die gesamte Aussiedler- und Vermit ihren Wurzeln befaßt. Sie hat onszentrum Flucht, Vertreibung, triebenenpolitik fachlich abgeoft von der bewegten Lebensge- Versöhnung im Grunde ein Mi- wertet. schichte meiner Großeltern be- grationsmuseum machen wollen, Welche politischen Schwerrichtet, die fleißige, angesehe- schwant mir Böses. Und es steht punkte wollen Sie als Vorsitzenne und wohlhabende Bürger wa- zu befürchten, daß es die im Bun- der der Gruppe setzen? ren. Von einem auf den anderen desinnenministerium neu geDe Vries: Im bevorstehenden Tag ging alles Hab und Gut ver- schaffene Abteilung Heimat in Modernisierungsjahrzehnt wolloren. Die Folgen waren nicht nur dieser Form so nicht weiter ge- len wir als Gruppe der Vertriebeder ökonomische Verlust, son- ben wird. nen, Aussiedler und deutschen dern auch der Verlust des gesellDer Paragraph 96 des Bundes- Minderheiten den Bogen zwischaftlichen Status. Man darf zu- vertriebenengesetzes aus dem schen Heimat, Tradition und Indem nicht außer Acht lassen, daß Jahr 1953 verpflichtet Bund und novation spannen. Das bedeudie Vertriebenen in den Nach- Länder, das Kulturgut der Vertrei- tet erstens mit Blick auf den Stakriegswehen vielfach nicht gern bungsgebiete zu erhalten. Sehen tus des Bundesbeauftragten, die gesehene Ankömmlinge waren, Sie diese Regelung, die wesent- Kulturförderung oder das Dokuweil die ansässige Wohnbevöl- lich für die Arbeit der Vertriebe- mentationszentrum Flucht, Verkerung selbst unter Mangel und nenverbände ist, in Gefahr? treibung, Versöhnung diese poArmut litt. De Vries: Die Ausgangslage ist litischen Errungenschaften mit Seit Flucht und Vertreibung wie folgt: Die Mittel für die Kul- aller Kraft zu verteidigen und sind über 75 Jahre vergangen. turarbeit nach Paragraph 96 Bun- erbitterten Widerstand zu leiWarum hat das Thema für Sie desvertriebenengesetz haben im sten, wenn die neue Bundesreheute noch Relevanz? Bundeshaushalt 2021 mit 31,16 gierung Einschnitte plant. Zwei-

� Zur Person: Christoph de Vries

�  Geboren am 4. Dezember 1974 in Hamburg. �  Verheiratet, drei Kinder, praktizierender Katholik. �  2002: Abschluß als Diplom-Soziologe an der Universität

Hamburg. �  Von 2004 bis 2015: Angestellter in der Finanzbehörde Hamburg und dort zuletzt stellvertretender Referatsleiter im Amt für Haushalt. �  Von 2011 bis 2015: Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. �  Seit 2016: stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Hamburg. �  Seit 2017: Mitglied des Deutschen Bundestages. �  Seit Oktober 2021: Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Spätaussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Fraktion. tens möchte ich die Kontakte und Verbindungen zu den Spätaussiedlern weiter ausbauen und intensivieren. Ich bin froh, daß mit meiner Kollegin Ottilie Klein eine Spätaussiedlerin aus BerlinMitte eine aktive Rolle in der Gruppe spielen wird. Mein Ziel ist insbesondere, Ungerechtigkeiten im Fremdrentengesetz zu korrigieren und damit einen Beitrag gegen Altersarmut in der ersten Generation der Aussiedler und Spätaussiedler zu leisten. Drittens möchte ich hörbarer die Stimme erheben, wenn Minderheitenrechte unter Druck geraten, wie derzeit die der deutschen Minderheit in Polen durch eine nationalistische Regierungspolitik. Und schließlich möchte ich, daß unsere Gruppe Impulse in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen rund um Geschichtspolitik, Identitätspolitik und einen modernen Patriotismus gibt.

Die Mutter von Christoph de Vries wurde am 16. Juni 1946 vertrieben. Sie sind selbst Vater von drei Kindern. Wie bringen Sie Ihren Kindern das Thema Vertreibung nahe? De Vries: Mit meiner 13jährigen Tochter spreche ich schon über das Vertriebenenschicksal ihrer Urgroßeltern und die alte Heimat unserer Familie. Meine beiden anderen Kinder sind noch

zu klein dafür. Waren Sie schon einmal in der alten Heimat? Wenn ja, mit welchem Gefühl? De Vries: Ich war schon häufig in den früheren deutschen Ostgebieten, etwa in Polen, aber leider noch nicht im Sudetenland, der Heimat meiner Mutter. Das habe ich mir fest für diese Wahlperiode im neuen Amt vorgenommen und hoffe, daß die Corona-Pandemie mir keinen Strich durch die Rechnung macht. Auch die sogenannte geordnete Vertreibung 1946 in der damaligen Tschechoslowakei war ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Sie fußte auf den BenešDekreten, die in der Tschechischen Republik heute noch Bestand haben. Wie ist Ihre Haltung dazu? Muß eine deutsche Regierung das Thema in Prag offensiv ansprechen? De Vries: Seit Gründung der Tschechischen Republik 1993 litten insbesondere die bayerischtschechischen Beziehungen unter dem Streit um die rechtliche und moralische Bewertung der Vertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen. Bayern hat daher stets die Rücknahme der Beneš-Dekrete als Bedingung für die Normalisierung des Verhältnisses gefordert. Es war der jetzige Bundesinnenminister Horst Seehofer, der das Eis gebrochen und 2010 als erster bayerischer Ministerpräsident dem Nachbarland einen offiziellen Besuch abgestattet hat. Seehofer, der damals vom Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Bernd Posselt begleitet wurde, war sich mit Ministerpräsident Petr Nečas einig, daß es zwar offene Fragen gibt, in denen man nach wie vor unterschiedliche Rechtsauffassungen habe, man aber nun zusammen den Blick in die Zukunft richten wolle. Ob es einem nun gefällt oder nicht, damit waren die Beneš-Dekrete in der Tagespolitik vom Tisch. Das Thema der Vertreibung ist es nicht. Vor allem junge Tschechen set-

3 zen sich zunehmend mit den Massenmorden an Deutschböhmen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem die tschechische Politik um die längst überfällige Geste der Versöhnung nicht mehr umhinkommt. Und dies wäre ein wichtiger Schritt zur vollständigen Aussöhnung. In welcher Verfassung sehen Sie akutell das deutsch-tschechische Verhältnis? De Vries: Die Corona-Pandemie hat auch den Grenzübertritt zwischen Deutschland und Tschechien beeinträchtigt, aber die bilateralen Beziehungen sind weiter sehr eng. Das Handelsvolumen hat zuletzt mit über 92 Milliarden Euro einen neuen Rekord erreicht. Bei der Vergangenheitsbewältigung hingegen gibt es Verbesserungsbedarf. So steht noch immer der Abschluß eines bilateralen Kriegsgräberabkommens aus, welches die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Tschechien auf eine gesetzliche und damit verbindliche Grundlage stellen würde. Zum Stand der Verhandlungen wird unsere Gruppe das Gespräch mit dem neuen Tschechischen Botschafter Tomáš Kafka suchen. Obwohl die Tschechische Republik ein direkter Nachbar ist, spielt das Land in der deutschen Medienberichterstattung kaum eine Rolle. Haben Sie eine Erklärung dafür? De Vries: Die Osteuropa-Berichterstattung in den deutschen Medien ist insgesamt ein viel zu vernachlässigtes Thema. Die aus Kostengründen reduzierte Zahl der Auslandsjournalisten bildet dabei nur eine Ursache. Allein das Beispiel der Krim-Annexion – die 2014 übrigens von einem früheren Bundesminister mit dem Anschluß des Sudetenlandes verglichen worden war – zeigt, daß wir es uns nicht leisten können, politische Entwicklungen im Osten Europas erst dann mitzubekommen, wenn es schon zu spät ist. Nicht ohne Grund hat sich hier in Berlin das Korrespondenten-Netzwerk „NOst“ gegründet, mit dem unsere Gruppe in Kontakt steht. Sie sind Innenpolitiker. Ein großes Thema ist seit 2015 der Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland. Stimmen Sie dem Satz von Kanzlerin Angela Merkel zu, daß wir das schaffen? De Vries: Die Geste, damals 20 000 in Ungarn frierenden und hungernden Menschen zu helfen, war richtig und ein Gebot christlichen Handelns. Aber die Folgewirkung, also der Zustrom von mehr als einer Million Migranten und Flüchtlingen, ist völlig unterschätzt worden. Unmittelbar nach dieser Geste hätte das klare Signal kommen müssen, daß die Grenzen dicht sind und es sich nicht lohnt, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Dieser Fehler hat unser Land gespalten und zur Etablierung einer rechtsradikalen Partei in Deutschland geführt, was ich sehr bedaure. Der Unterschied zwischen Vertriebenen damals und Flüchtlingen heute ist offenkundig. Bei den Vertriebenen handelt es sich um deutsche Volksangehörige, um Landsleute, die rechtlich und moralisch einen Anspruch auf Aufnahme hatten und als Deutsche nach Deutschland gekommen sind. Sie sind meistens nicht geflohen, sondern gegen ihren Willen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Die Heimatvertriebenen haben einen großartigen Beitrag zum Wiederaufbau unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet. Dies ist klar zu unterscheiden von Flüchtlingen heutzutage, die überwiegend aus anderen Kulturkreisen kommen und deren Schutzstatus im Übrigen auch zeitlich befristet ist für die Dauer des Konflikts oder der politischen Verfolgung in der Heimat. Fortsetzung Seite 4


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TERMINE . AKTUELL

Sudetendeutsche Gespräche – Fortsetzung von Seite 3

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12.11.2021

VERANSTALTUNGSKALENDER

Christoph de Vries: Was ich meiner Kirche rate Fortsetzung von Seite 3 ligiösen Rabatt auf unsere Wer- Schutz der EU-Außengrenzen Herr de Vries, wie könnte ei- te geben. Die Grundrechte un- funktioniert. Wenn dies nicht anne moderne Zuwanderungspolitik seres Grundgesetzes sind nicht ders gewährleistet werden kann, aussehen? verhandelbar, egal woher man weil Machthaber wie Herr LukaDe Vries: Wir brauchen den kommt oder woran man glaubt. schenko ihr böses Spiel auf dem festen politischen Willen, MigraWir erleben zunehmend anti- Rücken von Flüchtlingen austration zu steuern und zu begrenz- semitische Übergriffe von Islami- gen oder Schlepperbanden ihr en und dafür bei Bedarf auch un- sten, die nach Deutschland einge- Unwesen treiben, dann muß illepopuläre Maßnahmen zu ergrei- reist sind. Welche Gegenmaßnah- gale Migration zur Not auch mit fen. Das bedeutet Humanität und men schlagen Sie vor? robusten GrenzschutzmaßnahOrdnung zugleich. Also Hilfe De Vries: Wir müssen sehr men gestoppt werden. Dies darf für Schutzberechtigte einerseits, früh eingreifen und klar ma- und sollte aber kein Modell für aber auch rechtstaatliche Konse- chen, wo die Grenzen sind. Isla- die gesamte EU werden. quenz bei illegaler Migration und mistische Terroranschläge sind Sie sind bekennender Katholik. Rückführungen andererseits. furchtbar, aber nur die Spitze des Wann beten Sie? Zugleich haben wir ein moder- Eisbergs. Gesellschaftlich minDe Vries: Meine Eltern sind nes Fachkräfteeinwanderungs- destens genauso bedrohlich ist, beide sehr gläubig, schöpfen gesetz in der letzten Wahlperi- wenn in Teilen der Gesellschaft Kraft und Zuversicht aus ihrem ode beschlossen, das den Zuzug Grundwerte wie Gleichberechti- Glauben. Ich habe vom Kinderdringend benötigter Fachkräfte gung, Minderheitenschutz, Vor- garten über die Grundschule bis relativ leicht und unbürokratisch rang unserer Gesetze vor religi- zum Gymnasium katholische Inermöglicht. Wichtig ist, daß Asyl ösen Regeln abgelehnt und An- stitutionen besucht, war Meßdieund Arbeitsmigration klar von- dersgläubige oder Menschen ner und Pfadfinder. Deshalb füheinander getrennt werden. Wenn ohne Glaubensbekenntnis als le ich mich meiner Kirche verSPD, Grüne und FDP den soge- Ungläubige diffamiert werden. bunden, auch wenn ich aufgrund nannten Spurwechsel tatsäch- Ich habe zur Bekämpfung des Po- der wenigen Zeit nicht jeden lich schaffen, wird dies unser litischen Islam ein umfassendes Sonntag in der Heiligen MesAsylrecht aushöhlen. Das ist ein Positionspapier geschrieben, das se sein kann. Mit meinem kleiKonjunkturprogramm für illega- die Bundenstagsfraktion im April nen Sohn bete ich immer zusamle Einwanderung, weil jeder Mi- dieses Jahres einstimmig verab- men, wenn ich ihn ins Bett bringrant sich dann ein Aufenthalts- schiedet hat. Zwei Dinge sind be- ge. Oder wenn es anderen oder recht in Deutschland ersitzen sonders wichtig. Wir dürfen er- mir selbst schlecht geht und göttkann, wenn er nur lang genug stens nicht zulassen, daß auslän- licher Beistand besonders wichdie Rechtswege im Asylverfahren dische Regierungschefs wie Herr tig ist. ausschöpft oder sich der Ausrei- Erdogan unter dem Deckmantel Die katholische Kirche befinsepflicht lange genug entzieht. der Religionsfreiheit direkt Ein- det sich in der Krise. Ein AuslöUnser Grundgesetz beginnt fluß auf deutsche Staatsbürger ser sind insbesondere die Mißmit den Worten „Die Würde des muslimischen Glaubens nehmen brauchsfälle und die unzureiMenschen ist unantastbar“. Gilt können und diese gegen unsere chende Aufarbeitung. Was raten dies auch für Flüchtlinge, die teil- Gesellschaft aufstacheln. Zwei- Sie der Kirche? weise unter menschenunwürdi- tens, religiösen FundamentaliDe Vries: Ich rate meiner Kirgen Bedingungen versuchen, in sten muß politisch mit derselben che zu ehrlicher, schonungsloser die EU und nach Deutschland zu Distanz und Ächtung begegnet Aufklärung und Konsequenzen kommen? werden wie den Extremisten von für alle, die sich schuldig gemacht De Vries: Es geht nicht um links und rechts. haben. Vor allem der frühere Umdie Frage, helfen wir oder schauDie Integration der Vertrie- gang mit Mißbrauchsvorwürfen en wir weg. Man kann auf vielen benen und Geflüchteten nach hat mich als Vater, aber auch als Wegen Hilfe leisten. Etwa durch dem Zweiten Weltkrieg hat trotz Mensch, der sich ehrenamtlich finanzielle Unterstützung der schwieriger Rahmenbedingungen für den Kinderschutz engagiert, Nachbarstaaten der Herkunfts- funktioniert. Wie wichtig war es, wirklich bestürzt. In der öffentliländer, so wie chen Diskussion wir es im Rahkommt jedoch men des EUzu kurz, daß die Türkei-Flüchtallermeisten lingsabkomMißbrauchsfälmens machen le einige Jahr,oder durch huzehnte zurückmanitäre Hilfsliegen und sich lieferungen in der Zwischenmit Lebensmitzeit bereits viel teln, Medikagetan hat. menten, ZelManchmal ten und Feldhabe ich den betten, wie wir Eindruck, daß es in Griechendie katholische land mehrfach Kirche in Zuangeboten hasammenhang ben. Aber polimit dem Kindestisch muß klar mißbrauch von sein, daß wir Der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries am Rednerpult im Deutschen denjenigen beFoto: Bundestag sonders heftig nicht das gan- Bundestag. ze Elend der angegangen Welt auf deutschem Boden lö- daß es damals keine Sprachbar- wird, die schon zuvor kein gusen können. Bei aller Nächsten- rieren gab und man sich den glei- tes Haar an ihr ließen. Mir steht liebe kann nicht jeder Flüchtling chen Werten verbunden fühlte? es nicht zu, der Kirche als Politioder Wirtschaftsmigrant nach Und muß dies im Umkehrschluß ker öffentlich Ratschläge zu geDeutschland kommen. Wir müs- heißen, daß Flüchtlingen, die ak- ben. Die Situation der Kirchen sen die Fluchtursachen vielmehr tuell nach Deutschland kommen, ist in einer säkularisierten Wohlvor Ort bekämpfen. Und da hat auch einen Sprachkurs machen standsgesellschaft wie der deutdie Bundesregierung unter Kanz- müssen? schen nicht einfach, und viele lerin Angela Merkel zum BeiDe Vries: Das halte ich für vergessen, daß die katholische spiel durch eine deutliche Erhö- unabdingbar. Das Beherrschen Kirche eine Weltkirche ist, in der hung der Entwicklungshilfe be- der deutschen Sprache ist der der deutsche Blick auf die Dinreits viel geleistet. Wir brauchen Schlüssel für Bildung, ökonomi- ge nicht immer repräsentativ für ferner einen effektiven Schutz schen Erfolg und gesellschaftli- die gesamte katholische Kirche unserer EU-Außengrenzen vor il- che Teilhabe. ist. Ich wünsche meiner Kirche, legaler Migration und einen faiSind Sie für einen robusten daß ihr der Spagat gelingt zwiren Verteilungsmodus innerhalb Schutz der EU-Außengrenze vor schen der Bewahrung der theoder EU für Schutzberechtigte. illegaler Einreise? logischen Grundsätze einerseits Unser Grundgesetz ist AusDe Vries: Ich bin wegen Hel- und dem Anschluß an gesellfluß eines christlich-jüdischen mut Kohl in die CDU eingetre- schaftliche Entwicklungen unseWeltbildes. Leiten Sie daraus ei- ten. Er war der Architekt der rer Zeit andererseits. Die christline Leitkultur ab? Müssen also deutschen Einheit und Treiber chen Kirchen mit ihren GemeinFlüchtlinge, die in die Bundesre- des europäischen Integrations- den vor Ort geben Millionen publik Deutschland kommen, we- prozesses, der Garant für Frie- Menschen Halt und Orientiesentliche Kernelemente unserer den und Freiheit in Deutsch- rung, sind eine wichtige moraliVerfassung akzeptieren und re- land wie Europa ist. Die offenen sche Instanz in unserer Gesellspektieren? Grenzen sind wie die Arbeitneh- schaft und leisten wichtige seelDe Vries: Ja, selbstverständ- merfreizügigkeit und der freie sorgerische und soziale Arbeit lich. Wenn unsere Grundwer- Waren- und Kapitalverkehr ei- dort, wo sie gebraucht werden. te nicht geteilt werden, sind der ne große Errungenschaft in Eu- Als Christ und Christdemokrat gesellschaftliche Zusammen- ropa, die einen hohen Wert ha- finde ich, daß dies Anerkennung, halt und unsere freiheitliche Ge- ben. Aber Voraussetzung für Wertschätzung und Unterstütsellschaft insgesamt bedroht. Es Grenzen ohne Kontrollen inner- zung verdient. darf keinen kulturellen oder re- halb der EU war und ist, daß der Torsten Fricke

Noch bis Sonntag, 21. November, Sudetendeutsches Museum

„Von Böhmen in die Ardèche“ Noch bis Sonntag, 21. November, Sudetendeutsches Museum: „Von Böhmen in die Ardèche – Ausstellung von Werner Reinisch“. Der Künstler wurde am 16. De Freitag, 12. bis Samstag, 13. November, SL-Bundesverband: Jahrestagung des Sudetendeutschen Heimatrates mit Neuwahl des Vorstandes. Bad Kissingen, Heiligenhof, Alte Euerdorfer Straße 1. Anmeldung: Telefon (0 89) 48 00 03 54, eMail schuster@sudeten.de Samstag, 13. November, 15.00 Uhr, SL-Kreisgruppe Erlangen und AckermannGemeinde Erlangen: Autorenlesung. Dr. phil. Kateřina Kovačková (Pilsen): „Mai 1945 in der Tschechoslowakei“, Café Rathsstift, Rathsberger Straße 63, Erlangen. Dienstag, 16. November, 19.00 Uhr: Adalbert Stifter Verein: Böhmische Spuren in München: Petr Brod. Mit dem Journalisten Petr Brod sprechen Kristina Larischová, Generalkonsulin der Tschechischen Republik, und Zuzana Jürgens vom Adalbert Stifter Verein über seine Zeit in Prag und in München. Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Eintritt frei. Donnerstag, 18. November, 18.00 Uhr: Online-Lesung der Heimatpflege der Sudetendeutschen. Peter Mainka liest aus seinem Roman „Das Barackenmädchen“. Anmeldung: eMail schmitzer@sudeten.de Samstag, 27. November, 14.30 Uhr, SL-Kreisgruppe Stuttgart und Böhmerwald Heimatgruppe Stuttgart: Jahresabschluß- und Weihnachtsfeier. Haus der Heimat, Schloßstraße 92, Stuttgart. Zu Gast ist Märchenerzählerin Petra Quaiser. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@sudeten-bw.de Samstag, 27. November, 14.00 Uhr, SL-Ortsgruppe Bayreuth: Jahreshauptversammlung. Gaststätte Moosing, Oberobsang 11, Bayreuth. Samstag, 27. November, 15.00 Uhr, SL-Kreisgruppe Düsseldorf: Weihnachtsfeier. Gerhart-Hauptmann-Haus, Konferenzraum (EG), Bismarckstraße 90, Düsseldorf. Anmeldung: Telefon (0 21 59) 73 75. Samstag, 4. Dezember, 14.30 Uhr, SL-Kreisgruppe Erlangen und Ackermann-Gemeinde Erlangen: Vorweihnachtliche Feier. Café Rathsstift, Rathsberger Straße 63, Erlangen. Sonntag, 5. Dezember, 14.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Stuttgart-Weilimdorf: Advent und Weihnachtsfeier. Haus der Begegnung, Giebelstraße 14, Stuttgart. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@sudeten-bw.de

zember 1930 bei Karlsbad geboren und mit seiner Familie 1946 vertrieben. Seit den 1960er Jahren lebt und arbeitet der bekannte sudetendeutsche Künstler in Frankreich. Eine Auswahl seiner

neuen Werke ist zu sehen in der Alfred-Kubin-Galerie, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8, München. Eintritt frei. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 10.00 bis 18.00 Uhr.

Wenzel Jaksch zum 125. Geburtstag Dienstag, 23. November, 18.00 bis 20.00 Uhr: „Schicksal zwischen Böhmen und Bonn: Wenzel Jaksch zum 125. Geburtstag“. Gespräch mit dem Historiker Dr. Thomas Oellermann und dem Journalisten Ulrich Miksch. Online-Seminar. In diesem Jahr ist es 125 Jahre her, daß im südböhmischen Langstrobnitz Wenzel Jaksch geboren wurde. Aus den Tiefen des Böhmerwalds sollte ihn der weitere Lebensweg über Wien, Prag, London bis in den Bonner Bundestag führen. Wenzel Jaksch gehört sicherlich zu den bedeutendsten sudetendeutschen Politikern des 20. Jahrhunderts. Als junger Mann hatte er sich in Wien der Arbeiterbewegung angeschlossen. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er für die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei. Seine Sozialreportagen der 1920er Jahren verrieten ein großes schriftstellerisches Talent. Als Abgeordneter versuchte er seit 1929, dem Nationalsozialismus in Deutschland und der Sudetendeutschen Partei in der Tschechoslowakei eine reformierte sozialdemokratische Politik entgegenzustellen. Noch 1938 wurde er zum Parteivorsitzenden gewählt und bemühte sich, die Flucht seiner Parteigenossen vor den Nazis zu organisieren. Er selbst gelang auf abenteuerlichem Wege nach Großbritannien, wo er eine Exilorganisation aufbaute. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zum Widersacher des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš, insbesondere hinsichtlich der diskutierten Vertreibung und Aussiedlung der Sudetendeutschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Jaksch nach Deutschland, trat der SPD bei und wurde zu einem der wichtigsten Vertriebenenpolitiker. Für die hessische Landesregierung erstellte er den sogenannten Hessenplan zur Integration der Heimatvertriebenen, und er gilt zudem als einer der Vordenker der Neuen Ostpolitik Willy Brandts. Im Rahmen der Veranstaltung soll auch diskutiert werden, warum Wenzel Jaksch bis heute in der Tschechischen Republik umstritten ist. Anmeldung unter eMail info@heiligenhof.de Heiligenhof · Alte Euerdorfer Straße 1 · 97688 Bad Kissingen Telefax (09 71) 71 47 47 info@heiligenhof.de · www.heiligenhof.de

Podiumsgespräch

Der verhängnisvolle Erlaß und seine Folgen Dienstag, 23. November, 19.00 Uhr: „Der verhängnisvolle Erlaß und seine Folgen. Zum 80. Jahrestag der Deportation der Deutschen in der UdSSR“. Referent: Dr. Viktor Krieger. Am 28. August 1941 begann das schwärzeste Kapitel in der Geschichte der Rußlanddeutschen: An diesem Tag wurde der Erlaß von Stalin (Foto: Wikipedia) verkündet, aufgrund dessen alle Sowjetbürger deutscher Herkunft aus ihren historischen Siedlungsgebieten nach Sibirien und Zentralasien verbannt wurden. Er bildete den Auftakt einer Unter-

drückungswelle, die die gesamte deutsche Minderheit betraf. Referent Dr. Viktor Krieger (geboren 1959 in Kasachstan) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Rußland e. V. (BKDR, Nürnberg). Er gilt als einer der besten Kenner der Geschichte der Deutschen in Rußland. Anmeldung unter Telefon (0 89) 4 49 99 30 oder per eMail poststelle@hdo.bayern.de.


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AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

� Mut tut gut

Alles gut?

Träger des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises 2021: Albrecht Schläger.

Hielt die Laudatio auf Albrecht Schläger: Generalkonsulin Kristina Larischová.

� Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis 2021 für den ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Albrecht Schläger

Albrecht Schläger – „ein Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen“ Mit dem Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis 2021 der Seliger-Gemeinde und der Brückenbauer-Auszeichnung der SPD-Landtagsfraktion ist auf dem Jahresempfang für Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler in München der langjährige SPD-Landtagsabgeordnete und Vizepräsident des BdV, Albrecht Schläger, ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt Kristina Larischová, Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München.

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um Auftakt ihrer Laudatio dankte Larischová der Seliger-Gemeinde. „Auch wir Tschechen müssen der Seliger-Gemeinde dankbar sein, daß sie die Erinnerung an diejenigen Sudetendeutschen pflegt, die im Nationalsozialismus für Freiheit und Demokratie gekämpft haben. Zu wenige Menschen in meiner Heimat wissen, daß die Sozialdemokraten bis zuletzt gegen den Nationalsozialismus und für den Erhalt der Tschechoslowakischen Republik gekämpft hatten.“ Es brauche deshalb Menschen wie Albrecht Schläger, um immer wieder aufzuklären und Brücken zu bauen. Dank seines großen persönlichen Engagements sei Albrecht Schläger zu einem „Anwalt der sudetendeutschen Vertriebenen“ geworden. Und zwar auf vielfältige Weise: Als SPD-Abgeordneter im Bayerischen Landtag von 1990 bis 2003, als vertriebenenpolitischer Sprecher der SPDFraktion, als Vorsitzender des SPD-Arbeitskreises für Heimatvertriebene und Aussiedler, als Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen in Deutschland, als Vorsitzender der Seliger-Gemeinde und als Mitglied im Verwaltungsrat

Auszug aus der Gästeliste Die Preisträger Dr. Libor Rouček, Albrecht Schläger und Christian Knauer mit Dr. Dorith Müller und Herta Daniel sowie die Laudatoren Martin Schulz, ehemaliger Präsident des Europaparlaments, Kristina Larischová, Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München, und Volkmar Halbleib, Vetriebenenpolitischer Sprecher der SPDLandtagsfraktion. Ruth Müller, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag.

Milan Horaček, MdEP a.D. und MdB a.D, Träger des Europäischen KarlsPreises der Sudetendeutschen. Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe; Steffen Hörtler, SL-Landesobmann Bayern; Christa Naaß, Präsidentin der SL-Bundesversammlung; Christina Meinusch, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen. Rita Hagl-Kehl, MdB und Mitglied des BdVPräsidiums; Jörg Nürnberger, MdB; Franz Maget, ehemaliger MdL; Reinhold Strobl, ehemali-

ger MdB und MdL. Holger Grießhammer, SPD-Fraktionsvorsitzender im Bezirkstag Oberfranken. Von der Seliger-Gemeide die Bundesvorsitzenden Helena Päßler und Dr. Helmut Eikam sowie Schatzmeisterin Renate Slawik. Martin Panten, stellvertretender Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde. Brunhilde Reitmeier-Zwick, Bundesvorsitzende der Karpatendeutschen Landsmannschaft.

des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds. „In all diesen Funktionen war und ist Albrecht Schläger ein Verfechter der Versöhnung und ein Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen. Albrecht Schläger ist zudem ein Mann der offenen und ehrlichen Worte, der sich nie scheut, auch hart zu diskutieren“, würdigte Generalkonsulin Kristina Larischová mit Verweis auf die „Brannenburger Thesen“, die die Seliger-Gemeinde unter Albrecht Schläger als Bundesvorsitzendem am 31. Oktober 1998 beschlossen hatte. In dem FünfPunkte-Papier trat die Seliger-Gemeinde unter anderem „für den baldigen Eintritt der Tschechischen Republik in die Europäische Union und für die Verabschiedung eines europäischen Volksgruppenrechts“ sowie für eine „kritische Selbstreflexion“ ein. „Im Einklang mit diesen Thesen war es Albrecht Schläger immer ein Anliegen, daß sich beide Seiten aufrichtig mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Albrecht Schläger verkörpert somit persönlich die Ideale des WenzelJaksch-Gedächtnispreises“, so die Generalkonsulin. Albrecht Schläger sagte, er sei „ganz von den Socken“, diese hohe Auszeichnung zu erhalten, insbesondere nachdem er die Liste der vorherigen Preisträger noch einmal studiert habe. „Ob Max Mannheimer, Renate Schmidt, Martin Schulz, Willy Brandt, Bruno Kreisky, oder Franz Maget, ich weiß, was diese Persönlichkeiten alles geleistet haben.“ Deutschland und die Tschechische Republik würden im Herzen Europas liegen und auch deshalb, so Schläger, „tragen wir diese beiden Länder in unserem Herzen“. Torsten Fricke

� Brückenbauer-Auszeichnung für den ehemaligen CSU-Landtagsabgeordneten und jetzigen BdV-Landesvorsitzenden Christian Knauer

SPD ehrt einen CSUler – und es paßt doppelt Daß die SPD-Landtagsfraktion einen langjährigen CSU-Landtagsabgeordneten und CSU-Landrat ehrt, ist ein Novum in Bayern. Und dann auch noch doppelt. Christian Knauer und der Bund der Vertriebenen in Bayern, den der ehemalige CSU-Abgeordnete als Vorsitzender führt, wurden auf dem Vertriebenen-Empfang der SPD als „Brückenbauer“ ausgezeichnet.

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anche haben sich sicher verwundert die Augen gerieben, den Kopf geschüttelt oder zumindest die Stirn gerunzelt“, räumte der vertriebenenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, Volkmar Halbleib, gleich zu Beginn seiner Laudatio ein. Und auch Christian Knauer unterstrich in seiner Dankesrede, daß diese Ehrung, die er „mit Demut und Dankbarkeit“ entgegennehme, doch ungewöhnlich sei. Gemeinsam mit dem früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Maget habe er vor der Veranstaltung festgestellt, daß vor 20 Jahren eine solche Auszeichnung nicht vorstellbar gewesen wäre, verriet Knauer: „Damals hätten Sprachlosigkeit, Vorurteile und Mißtrauen das gegenseitige Verhältnis

Ehrung als Brückenbauer (von links): Ruth Müller, stellvertretende Vorsitzende der SPDFraktion im Bayerischen Landtag, der BdV-Landesvorstand mit Dr. Dorith Müller, dem Landesvorsitzenden Christian Knauer sowie Herta Daniel, und Volkmar Halbleib, vertriebenenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Fotos: Torsten Fricke geprägt.“ Warum die Doppel-Auszeichnung dennoch gerechtfertig sei, erklärte Halbleib in seiner Rede. Demnach verbinde die SPD und den Bund der Vertriebenen „viel, viel mehr

als uns trennt“. Und dieses Verbindende habe damit zu tun, „daß wir gemeinsam überzeugt sind, daß die Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg einen wichtigen

Beitrag für Gegenwart und Zukunft leisten kann“. Halbleib: „Es sind die deutschen Vertriebenen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs über Jahrzehnte Brücken in den Osten, in die alte Heimat gebaut haben.“ Gleichzeitig hätten der BdV und dessen Landsmannschaften „das Bewußtsein für das vielfältige deutsche kulturelle Erbe in Mittel- und Osteuropa in unserem Land lebendig“ gehalten und nicht zu letzt habe der BdV „maßgebliche Akzente bei der Integration der Deutschen aus Rußland gesetzt“. Als Vorsitzender des BdV Bayern habe Christian Knauer großen Anteil an diesen Erfolgen. „Ohne dessen großen Einsatz und dessen leidenschaftliches Engagement“ wäre das nicht möglich gewesen, erklärte Halbleib. Bei allem Festhalten an den Positionen des BdV habe Knauer „immer auf Gespräch und Dialog gesetzt, um Gemeinsamkeiten zu erreichen“. Der BdV-Funktionär sie in Anlehnung an die klassischen Symboltieren der Politik „eine ganz besondere Mischung aus inhaltlichem vertriebenenpolitischen Falken und kommunikativer vertriebenenpolitischer Taube“. Torsten Fricke

Seit einigen Jahren hat die Wendung „Alles gut“ in unserer Alltagssprache Hochkonjunktur. Beispiele gefällig? Man kommt zu einem Treffen zu spät und bittet um Entschuldigung. „Alles gut“, antwortet der wartende Freund. Man hat an der Supermarktkasse nur einen größeren Geldschein im Portemonnaie, obwohl man nur eine Kleinigkeit bezahlen möchte. „Alles gut“, sagt die Kassiererin. Der Vater zu seinem Halbwüchsigen: „Wie war die Klassenarbeit?“ Dieser: „Alles gut.“ Ich zu meinem Gegenüber: „Jetzt bin ich Ihnen aber ins Wort gefallen.“ „Alles gut.“ Und zu einer Mitarbeiterin: „Wie war Ihr Wochenende?“ Na klar: „Alles gut.“ Drei-, vier, fünfmal täglich hört man bei normaler Berufs- und Freizeittätigkeit „Alles gut“. „Alles gut“ hören wir auch in den Medien, besonders beliebt in Diskussionsrunden im Radio und im Fernsehen. Da hat sich etwas in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen, das man einmal näher bedenken und hinterfragen sollte. Wir wissen, daß „alles“ eigentlich nie gut ist. Nur manches ist im Leben gut. Bei manch anderem besteht durchaus viel Luft nach oben, und manches liegt möglicherweise auch ganz im Argen. Das gilt für Individuen, für Familien, für die Gesellschaft und einzelne ihrer Gruppierungen, für die ganze Welt. Auch hier könnte jeder von uns Beispiele aufführen. Die Corona-Pandemie ist definitiv nicht gut. Wie wir sie im Griff haben leider auch nicht. Das Klima ist nicht gut. Die Bewältigung der Klimakrise? Nein, nicht gut. Der Kirche geht es nicht gut. Manchen Menschen mit ihr auch nicht. Den Parteien geht es nicht gut. Geht es der Demokratie gut? Europa? Der internationalen Gemeinschaft? Aber ich möchte jetzt nicht in ein allgemeines Lamento ausarten. Genauso falsch wäre nämlich auch zu sagen, daß alles bloß schlecht sei. Vielmehr möchte ich eine kleine theologische Ausflucht wählen und auf eine Geschichte aus dem Neuen Testament hinweisen. Da kommt ein Mann zu Jesus und fragt: „Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Bevor Jesus auf die Frage antwortet, hält er dem Fragesteller entgegen: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer Gott, dem Einen.“ Jesus wendet in menschlich-bescheidener Weise den Blick von sich ab und weist auf Gott als die Quelle alles Guten hin. Philosophen wie Aristoteles und Theologen wie Thomas von Aquin sahen das ebenso. Wenn wir Gott begegnen, dann ist wirklich alles gut. Er ist das höchste Sein. Wenn es an diesem Sein mangelt, dann verbirgt sich auch das Gute in den Menschen und in der Welt. Und umgekehrt: Wo wir das Gute erfahren, dürfen wir in religiöser Sicht auch die Gewißheit haben, es mit Gott zu tun zu haben. Ich denke mir vor diesem Hintergrund, daß wir mit der Formulierung „Alles gut“ sparsamer umgehen sollten. Und meine Hoffnung ist, daß sich damit unser Blick für das, was wirklich gut ist, schärft. Ein gläubiger Mensch weiß dann auch, wem er zu danken hat. Dr. Martin Leitgöb CSsR Seelsorger der katholischen Pfarrei Ellwangen-Schönenberg


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FORUM Gast war ich hier im Erdengrund, bis mir schlug die Todesstund. Herr, hole mich zum Himmel g‘schwind, dass ich dort e‘wge Heimat find.

Renate Maschke geborene Rusy

Tochter des letzten deutschen Oberbürgermeisters der Stadt Karlsbad * 6. Mai 1927 in Karlsbad † 26. Oktober in Langdorf In Liebe und Dankbarkeit Brigitte Ruderer, Tochter, mit Ehemann Georg im Namen aller Enkel, Urenkel und Verwandten Die Trauerfeier fand am 29. Oktober 2021 im engsten Familienkreis in Langdorf statt.

KURZ NOTIERT Sudetenland. Laut tschechischer Wochenzeitschrift „Forum“ wählt das frühere Sudetenland anders als der Rest des Landes und verhält sich auch anders. Journalist Jiří X. Doležal untersuchte Landkarten nach dem Kriterium „Wahlen der letzten Jahre“. Seine Erkenntnis: „Der Schatten der ethnischen Säuberung liegt bis heute auf dem Sudetenland.“ Bei der Staatspräsidentenwahl 2018 habe Miloš

Zeman im Egerland, im Böhmerwald, in Nordböhmen und im Mährischen Gesenke gepunktet. Bei der kürzlichen Parlamentswahl hätten Andrej Babišs ANO und Tomio Okamuras extreme SPD dort gesiegt, von wo die Sudetendeutschen vertrieben worden seien. Und hier ließen sich die Menschen viel seltener gegen Corona impfen, am wenigsten im Isergebirge, um Friedland und um Schluckenau.

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45/2021

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Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Ackermann-Gemeinden der Diözesen Mainz und Rottenburg-Stuttgart in Mähren

PERSONALIEN

Kommt bald wieder Freundschaften vertiefen sollte die Mährenreise der Ackermann-Gemeinden (AG) Mainz und Rottenburg-Stuttgart. Die Mainzer pflegen enge Beziehungen zur Diözese Mährisch Ostrau, die Stuttgarter zu Brünn. Gerold Schmiedbach konzipierte die Reise, Petr Křižek organisierte und leitete sie.

O

lmütz hat eine überbordende barocke Architektur mit 100 Kirchen und 100 Brunnen. Es war Königssitz, militärische Festung und Hochburg des Katholizismus. Dem Metropolitensitz Olmütz unterstehen heute das 1777 gegründete Bistum Brünn und das 1996 gegründete Bistum Ostrau-Troppau. In Troppau wurde die Gruppe im Begegnungszentrum (BGZ) von Hans Korbel, Vorstandsmitglied der Sdruženi AckermannGemeinde und bis vor kurzem Vorsitzender der Deutschen in Mähren, von seiner Großfamilie und weiteren verbliebenen Deutschen willkommen geheißen. Mit einiger Verspätung feierten sie nun Korbels 80. Geburtstag nach. Er berichtete aus seinem Leben, wie er, je nach politischer Lage, habe Deutsch oder Tschechisch sprechen müssen und welche Konsequenzen bei Nichteinhaltung dieser Regeln gedroht hätten. Das BGZ habe 100 Mitglieder und biete Kunstausstellungen und einen Deutschkurs. Groß war die Freude, als aus Mährisch Ostrau Marie Indrová mit ihrem Mann Frantiček und Pfarrer Jan Larisch dazu kam. Sie sind seit 25 Jahren die Säulen der Partner- und Freundschaft mit den Mainzern. In Mährisch Ostrau berichtete Jan Larisch, Seelsorger einer Pfarrei und Präsident der Caritas der Diözese, von seinen derzeitigen Tätigkeiten und führte die Gruppe in das „Dorf des Zusammenlebens“ mit 30 Familien. Die Caritas habe es vor 19 Jahren errichtet. Heute wohnten dort 60 Roma und 60 obdachlose Tschechen. Probleme habe es in den ersten sieben Jahren gegeben. Wichtig sei die Berufsausbildung der Jugendlichen in Schulen der Umgebung. Die Caritas betreibe eine Schuldenberatung und helfe bei der Arbeitssuche. In der Tschechischen Republik seien drei Prozent der Bevölkerung Roma, in Mährisch Ostrau acht Prozent. Im Bistumshaus begrüßte Pater Jan Czudek die Gäste. Im Bistum mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern gebe es elf Dekanate, 260 Pfarreien und 277 Priester. Schmiedbach skizzierte die Leitgedanken der Beziehungen der AG Mainz zum Bistum und fragte nach der Laienarbeit. Czudek: „Hier wurden neue, stabile Strukturen aufgebaut, dazu gehört ein ökumenischer Rat. Die Hälfte der Gemeinden hat einen Pfarrgemeinderat.“ Im Olga-Havel-Gymnasium sprach die Gruppe mit Direktorin Jana Huvarová. Das Gymnasium habe 600 Schüler und 50 Lehrer. Englisch sei verbindlich, zwischen Deutsch und Französisch könne man wählen. Eine besonders starke Stellung habe Geschichte. Wegen der Verbindung zur UNESCO seien Menschenrechte die geistige Ausrichtung des Gymnasiums. Dies sei auch ein Grund für die Beteiligung an den Heppenheim-Tagungen der Mainzer AG. Schließlich dankte Huvarová für die Einladung zur Heppenheim-Tagung 2022. Jan Larisch ist auch Kirchenhistoriker und konzentriert sich auf Mähren und Schlesien vom 19. Jahrhundert bis zur Zeit des Kommunismus. Er schreibt vor allem über deutsche Persön-

lichkeiten der Kirche, die Außergewöhnliches leisteten. Larisch, Rainer Bendel und Gerold Schmiedbach besprachen laufende und zukünftige Projekte und die Übersetzung der Biographien ins Deutsche. Die Stuttgarter und die Mainzer AG unterstützen diese Arbeit finanziell und sorgen dafür, daß die Bücher in deutscher Sprache auch in einem deutschen Verlag erscheinen. In Fröllersdorf nahe der Grenze zu Österreich wartete Lenka Kopřivová. Die Mainzer kennen sie als Referentin und Dolmetscherin bei den Heppenheim-Tagungen. Sie nimmt sich der Minderheit der Mährischen Kroaten an. Nach 1989 führte sie die Gruppe wieder zusammen, die 1948 von der kommunistischen Regierung gewaltsam auf mehr als 120 Gemeinden in Mähren verteilt worden war, um die Volksgruppe aufzulösen. Sie erforschte deren Geschichte, organisiert jedes Jahr ein Fest, gab das Buch „Die Farben des kroatischen Mährens“ heraus und richtete ein Museum in Fröllersdorf über Geschichte, Sprache und Volkskunde ein, ein Vorbild für andere Minderheiten. Im Museum erzählte sie: „Im 16. Jahrhundert kamen Hunderte kroatische Familien nach Mähren, da in ihrer Heimat auf dem Balkan nach dem Überfall der Türken große Not herrschte. In Mähren fanden sie ein ver-

neues Dach, ein Zimmer in den ursprünglichen Farben mit neuem Fußboden und neuer Decke ist fast fertig. Alles machen sie selber. Viel Arbeit wartet noch, wohl für viele Jahre. Überrascht wurden die Gäste der Ackermann-Gemeinde mit einer Suppe aus eigenen Hühnern, mit wunderbarem eigenen Ziegenkäse, mit frischen Salaten, mit Butter- und Fettbroten, mit Obstsalat und köstlichen Weinen. „Kommt bald wieder“, hieß es beim Abschied. Mancher war von der Gastfreundschaft überwältigt. Die Mährer und die Mainzer hingen geradezu aneinander. Schmiedbach: „Ja, wir haben uns gern.“ Seit 25 Jahren lerne man sich bei Besuchen und beim Zusammenarbeiten immer besser kennen. Wichtig sei das Interesse am anderen, an den Lebensläufen der anderen, an den Familien, an den Berufen. Freundschaft stifte, was für die heutigen und früheren Mährer unerläßlich sei: erlebte und gelebte Verbundenheit. Die Führung durch Brünn begann auf dem Spielberg. Der gewährte einen Blick über Alt Brünn und Mährens Hauptstadt mit all den Zuwächsen der vergangenen Jahrzehnte. Ausgewählte Punkte im Stadtkern konkretisierten das Bild. Das Bischöfliche Gymnasium ist der Brünner Kooperationspartner der AG RottenburgStuttgart für das Cyril-MethodGymnasium. Deshalb traf man beim Abendessen die Deutschlehrer Dagmar Penazová, Petr Penaz und Pavel Michele. Sie betreuen auch den Praktikantenaustausch. Außerdem waren Gymnasialdirektor Karel Mikula, Vera Helceletová und Hana Hrochová gekommen. Hrochová betreut den jährlichen Wettbewerb, der in Kooperation mit der AG durchgeführt wird. Das Ordinariat vertrat Monsignore Jaroslav Cupr, der Sekretär des Bischofs. Jiří Mikulášek, 1992 bis 2019 Generalvikar von Brünn, hatte bereits öfter bei Veranstaltungen der AG in der Diözese Rottenburg-Stuttgart zelebriert und gepredigt. In Vertretung von Weihbischof Pavel Konzbul in formierte er über die Geschichte der Brünner Kathedrale Sankt Peter und Paul und die pastorale Lage der Diözese. Die beiden Priester der verfolgten Kirche in der Brünner Diözese, Jan Bula und Václav Drbola, sollten seliggesprochen werden. Mikulášek lud zum Gebet dafür ein. Radio Proglas wurde 1995 gegründet und arbeitete in den Räumen des Bischöflichen Gymnasiums. Vergangenes Jahr zog der Sender in eine frühere Industriehalle. Unter der Führung des Chefredakteurs konnte die Gruppe Redaktionsräume und Sendestudios besichtigen und am Angelusgebet in der Kapelle teilnehmen, das auch ausgestrahlt wurde. Proglas ist privat, nicht kirchlich, kommt ohne Werbung aus und finanziert sich aus Hörerspenden. Der Sender hat täglich 100 000 Zuhörer. Seine Zielgruppen sind Senioren und Familien. 70 Mitarbeiter gestalten das Programm. Und hier endete das Programm der AG.

Vorbildliches Minderheiten-Museum lassenes Land, in dem Krieg und Krankheiten die ursprüngliche Bevölkerung weggerafft hatten. Die Neuankömmlinge bauten ihre neue Heimat liebevoll auf. Ihre Dörfer waren ein Fest der Farben. Ihr altertümlicher Dialekt aus dem 16. Jahrhundert, ergänzt von mährischen Wörtern, ist der wertvollste Schatz, den sie über die Jahrhunderte bewahrten. Heute, nach der Zerstreuung, beherrschen nur noch einige Dutzend diese außergewöhnliche Sprache. Die im Museum ausgestellten Trachten leuchten in den Originalfarben der Mährischen Kroaten. Die längste Zeit lebte diese Gruppe mit Deutschen und Tschechen in gegenseitiger Achtung zusammen. Nationalismus und Kommunismus zerstörten jedoch auch das Leben vieler Mährischer Kroaten.“ Wenige Kilometer weiter liegt das kleine Dorf Probitz mit dem Gutshof Ochsen. Nach der Vertreibung der Deutschen verwilderte der alte Bauernhof. Die Studenten Robert Zahrl aus Wien und Tomáš Fenix aus Prag übernahmen den Hof. In Schwerstarbeit lassen sie ihn auferstehen – originalgetreu und in Respekt vor den jahrhundertelang dort arbeitenden deutschen Bauern. Sie arbeiten vorbildlich ökologisch und unterscheiden sich fundamental von der heutigen industriellen Landwirtschaft. Wie früher bauen sie Wein und Obst an, halten Hühner und Ziegen. Fenix und Zahrl führten über das Anwesen und durch das ehemalige Herrenhaus, das sie vor dem völligen Zerfall retten. Ein

Die „Ackermänner“ im Olga-Havel-Gymnasium in Mährisch Ostrau. Bild: Helene Jundt

Adolf Markus mit Lodgman-Plakette und Volksgruppensprecher Bernd Posselt.

Rühriger Landsmann

Adolf Markus 80 Am 15. November feiert Adolf Markus, ehemaliger Obmann der SL-Bezirksgruppe Oberfranken und langjähriges Mitglied der Sudetendeutschen Bundesversammlung, 80. Geburtstag.

A

dolf Markus kam im Kreis Mährisch Trübau zur Welt und strandete nach der Vertreibung mit seiner Familie im oberfränkischen Naila. Sein Vater, ein selbständiger Handwerksmeister, starb früh. Deshalb mußte er nach Schul- und Berufsausbildung sein Ingenieursstudium sowie die Studien für das höhere Lehramt an beruflichen Schulen an der Universität München und zum Staatlichen Schulberater für Oberfranken selbst finanzieren. Nach Lehrtätigkeiten im Landkreis und der Stadt Hof ging er als Stellvertretender Schulleiter 2006 in den Ruhestand. Mitglied der SL-Ortsgruppe Naila ist er seit 1971, zehn Jahre lang war er Stellvertretender Ortsobmann, 35 Jahre lang Ortsobmann, 19 Jahre lang Stellvertretender Obmann der Kreisgruppe Hof und Stellvertretender Obmann der Bezirksgruppe Oberfranken, vier Jahre lang Bezirksobmann und gleichzeitig im Landesvorstand sowie zwölf Jahre lang in der Bundesversammlung. Mittlerweile ist er wieder Vizebezirksobmann, engagiert sich intensiv für seine Ortsgruppe und betreut die Kreisgruppe Kulmbach kommissarisch. Neben den Jubiläums-, Gedenk-, Kultur- und Brauchtumsveranstaltungen und Fahrten in die Heimat organisierte er die Sudetendeutschen Volkstumsnachmittage des Bezirks Oberfranken in Naila an vorderster Stelle mit prominenten Persönlichkeiten wie Bernd Posselt, Günther Beckstein, Barbara Stamm, Christa Stevens, Christine Lieberknecht, Johann Böhm oder Rudolf Urbanek. Die Erstellung des SL-Ehrenmals 1988 und das Aufrichten des Sudetendeutschen Maibaumes seit 1972 mit der SL-Jugendtanzgruppe Naila seien nur am Rande erwähnt. Für seinen Einsatz erhielt er das kleine und große SL-Ehrenzeichen und die Dankurkunde der Bundes-SL. Im März 2016 verlieh ihm Volksgruppensprecher Bernd Posselt die Rudolf-Lodgman-Plakette ( SdZ 11/2016). Damals lobte Posselt die enge Verknüpfung heimatund kulturpolitischer Arbeit von Markus mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Stadtrat, Zweiter Bürgermeister, Erwachsenenbildungsreferent und kirchlicher Mitarbeit. Dafür zeichneten ihn Naila mit seiner Goldenen Bürgermedaille und seiner Goldenen Stadtmünze sowie die Bundesrepublik mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens aus. Für mehr als 30 Jahre Mitarbeit in Prüfungs- und Berufsbildungs-Ausschüssen der Handwerkskammer und der IHK Oberfranken erhielt er das Goldene Ehrenzeichen. Wir wünschen Adolf Markus von ganzem Herzen Gesundheit, Kraft und Erfolg für sein weiteres Schaffen. Nadira Hurnaus


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KULTUR

den Vordergrund zu stellen, kann der Leser die Leben der berühmten Persönlichkeiten gut verfolgen. Ihre zitierten Werke, Briefe und Äußerungen lassen auch eine Welt auferstehen, in der noch keiner ahnt, was passieren wird.

Wolfgang Schwarz, der Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert-Stifter-Verein, veranstaltete in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum München (TZM) eine Buchpräsentation im Sudetendeutschen Haus. Der Rundfunkredakteur und Prag-Korrespondent Peter Lange stellte seine Neuerscheinung „Prag empfing uns als Verwandte. Die Familie Mann und die Tschechen“ vor und sprach mit Schwarz über seine Recherche-Ergebnisse.

Bilder und Briefe von damals

I

m Sommer 1936 haben Thomas und Heinrich Mann ein Problem“, erinnert Wolfgang Schwarz. Thomas Mann, im Exil in der Schweiz, habe keinen gültigen deutschen Paß mehr gehabt. Und da er sich offen als Nazi-Gegner zu erkennen gegeben habe, habe er mit der Ausbürgerung rechnen müssen. Sein älterer Bruder Heinrich sei schon ausgebürgert gewesen, und demnächst habe auch dessen Paß ablaufen sollen. Über diese Situation der Familie Mann hatte Peter Lange erst das preisgekrönte Rundfunkfeature „Prag empfing uns wie Verwandte‘ – wie Thomas und Heinrich Mann zu Tschechen wurden“ produziert. Lange wurde damit 2017 Träger des DeutschTschechischen Journalistenpreises in der Kategorie Audio. Wie daraus ein ganzes Buch geworden sei? Lange antwortet bescheiden: „Ich hatte über diese Zeit und Geschehnisse schon soviel Material gesammelt, daß ich nicht ungenutzt liegenlassen wollte.“

Zwei tschechische Schwägerinnen Der Autor faßt dann selbst sein materialreiches und spannendes Buch zusammen. Die Familie Mann habe überraschend viele Beziehungen zur Tschechoslowakei gehabt, und zwar alle Mitglieder: „Thomas Mann hatte sogar zwei tschechische Schwägerinnen.“ Eine davon, Maria („Mimi“) Kanová war bis 1930 in erster Ehe mit Heinrich Mann verheiratet gewesen. Klara („Lala“) Koszler hatte Katia Manns Zwillingsbruder Klaus Pringsheim geehelicht. Das geschieht schon zu Zeiten vor Hitlers Machtergreifung. Mit den Schwägerinnen hat Peter Lange einen unbekannten Teilaspekt zum Einstieg des Buches genommen. Im Hauptteil geht es dann um die Brüder. Heinrich muß als bekennender Kommunist schon 1933 nach Südfrankreich fliehen. Er war schon früher öfters in Prag gewesen und hatte die Tschechen als „freies“ Volk gesehen. Schon in der vierten Auflage erschien das neue Buch „Februar 33“ von Uwe Wittstock. Der langjährige Literaturredakteur schildert darin die Ereignisse im Februar 1933, dem Monat, in dem sich auch für die Schriftsteller in Deutschland alles entschied.

D

er Winter der Literatur“, der Untertitel des Buches von Uwe Wittstock über den Februar 1933, ist mehrdeutig. Gemeint sind die vollen Spielpläne der Theater, Opern- und Konzertsäle sowie die anregenden Vorträge in der Reichshauptstadt, vor allem aber der Exodus der künstlerischen Elite vor den Rollkommandos der Sturmabteilung (SA) nach Prag, Wien, Zürich, Paris oder New York. Der neue Nazi-Kulturminister Bernhard Rust mischt sich überall ein und sorgt sehr bald für den Rücktritt Heinrich Manns als Vorsitzender der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste und dessen Austritt aus der Akademie überhaupt. Zugleich mit Mann geht Käthe Kollwitz. Besonders Alfred Döblin, Rene Schickele und

Der Autor Peter Lange zeigte bei seinem Vortrag auch Bilder aus dem Buch, wie links Thomas Mann mit Bruder Heinrich nach dessen Ankunft in New York 1940 oder rechts Thomas Mann in Prag bei einem Rundfunkvortrag 1936.

� Buchvorstellung im Sudetendeutschen Haus in München

Die Manns und die Tschechen die Kinder Thomas Sein Bruder Thomas Manns haben Bezieist ebenfalls in den hungen und erhalten Dreißiger Jahren zu auch die tschechosloVorträgen in Prag und wakische Staatsangeauch Preßburg gereist hörigkeit. Lange hat und erwartete im Exil in seinem Buch alin der Schweiz angstles packend dargevoll seine Ausbürgestellt. Der Weg von rung durch das Dritte Erika Mann, die als Reich. Kabarettistin in der In dieser SituatiČSR auftritt, und das on kommt beiden der Schicksal ihres BruTextilfabrikant Ruders Klaus mit seiner dolf Fleischmann Drogensucht. Auch aus Prosetsch zu Hildem jüngsten Sohn fe. Der LiteraturGolo, der eine Weile freund Fleischmann, in Prag studiert und der als Buchhalter später in Böhmen für in der Fabrik seines seine „Wallenstein“Schwiegervaters KoBiographie rechersiner in der ostböhmichiert, ist mehr als ein schen Kleinstadt auf Kapitel gewidmet. der böhmisch-mähriInzwischen entschen Höhe bei Pardeckte das ostböhdubitz arbeitet, sorgt mische Prosetsch sei dafür, daß der dortiBild: Susanne Habel „Erbe“ wieder. Dank ge Stadtrat den Brü- Dr. Wolfgang Schwarz und der Verfasser Dr. Peter Lange. seines engagierdern Mann das Heimatrecht zuerkennt, wodurch sie wakische Staatsbürgerschaft am Fleischmann und seine Familie ten jungen Bürgermeisters Jan überhaupt erst tschechische Päs- 14. März 1936 von den Prager Be- können gerade noch rechtzeitig Machaček besinnt sich die Kleinnach Großbritannien emigrieren. stadt an der Grenze zu Mähhörden erteilt. se bekommen können. Die Brüder landen später ren seit ein paar Jahren auf dieDas klappt bei Thomas Mann im amerikanischen Exil, blei- sen Teil ihrer Geschichte, den sie erst später, der die tschechosloHelfer in der Not wakische Staatsbürgerschaft auf ben aber sehr dankbar gegen- nun wahrlich nicht zu verstecMit dem Angebot, ihm das dem tschechoslowakischen Kon- über dem tschechoslowakischen ken braucht. So gab es dort auch Heimatrecht zu erteilen, hatte sulat im schweizerischen Zürich Staat. Dies belegen die im Buch schon eine Ausstellung, und die sich die Stadt Prosetsch an Hein- am 19. November 1936 erhält, dokumentierten Briefe und Te- emigrierten Töchter Fleischrich Mann (1871–1950) gewandt nachdem ihn Fleischmann sogar legramme an und über Thomaš manns waren aus England dort und ihn aufgefordert, einen dies- in der Schweiz besuchte. G. Masaryk und Edvard Beneš. zu Besuch. Nach der Okkupation der so- Die Begeisterung, die die Brüder bezüglichen Antrag an die Stadt Viele Details sind jedoch sizu richten. Heinrich Mann ant- genannten Rest-Tschechei durch Mann für diese Politiker empfin- cher nur in Langes Buch dokuwortet aus dem Exil in Nizza po- die Nazis geraten die Helfer der den, läßt sich nur aus der dama- mentiert. Durch den Kunstgriff, sitiv. Ihm wird die tschechoslo- Manns selbst in Gefahr. Rudolf ligen Situation verstehen. Auch immer ein Familienmitglied in Leonhard Frank bekla- � Neuerscheinung in vierter Auflage gen die Entwicklung. Vom 28. Januar bis 15. März 1933 schildert Uwe Wittstock Tag für Tag die politischen und literarischen Ereignisse in Berlin zwischen dem Regierungsantritt Adolf Hitlers wird mit seiner jüdischen Frau und der „Notverordnung zum Katia zur Zielscheibe eines agSchutz von Volk und Staat“, die gressiv ausgrenzenden NationaDeutschland in einen Unrecht- lismus. Das trifft auch Else Lasstaat verwandelt. Es beginnt – ker-Schüler, Bertold Brecht, Alwie Thomas Mann bemerkt – fred Döblin, Ricarda Huch, ein großes Staatstheater, „ein Gottfried Benn und Carl ZuckVolksbetrug, der sich umzulü- mayer. Umgebracht wird Carl gen versucht in eine Revoluti- von Ossietzky. Wie schützt man sich vor den on“. Joseph Roth verläßt schon am 30. Januar Berlin. „Ich gebe Mordbanden der Nazis, fragen keinen Heller mehr für unser Le- sich Autoren, die nun liberal-reaktionär genannt werden. Bei ben“, schreibt er Stefan Zweig. ihnen werden Wohnungstüren eingetreten, es gibt DrohbrieRiß in der Bevölkerung fe, kurzfristige Verhaftungen wie Hitlers öffentliche Erklärung, bei Helene Weigel, aber auch – daß Köpfe rollen würden, neh- allerdings nur selten – gutgemen viele nicht ernst. Hermann meinte Warnungen von einzelGöring aber erläßt für Polizisten nen Polizisten. einen Schießbefehl. Der Riß, der Aufregend ist das Tempo, mit die Bevölkerung spaltet, polari- dem sich die Nationalsozialisiert auch die Schriftsteller. Mit sten Verwaltung und Polizei geder Harmonie in den Verlagen fügig machen und das Führungsund literarischen Salons ist es personal auch im Kulturbereich vorbei. Vor allem Thomas Mann austauschen. Eingestreut in die

Fluchtziel Prag einzelnen Tagesberichte hat Wittstock Notizen über das Zeitgeschehen, etwa über Morde an Kommunisten, die ihrerseits Nazis umbringen.

Entkommen ins Exil Für den 27.  Februar merkt Wittstock an: „Auch viele Schriftsteller sind inzwischen nach Prag oder Wien geflohen, wo sie abwarten wollen, bis Hitlers Regierung abgewirtschaftet hat.“ Den Anfang machte Deutschlands bekanntester Theaterkritiker Alfred Kerr: „14. Februar: Am Nachmittag klingelt das Telefon. Die Grippe hat Kerr noch immer fest im Griff. Er wird gewarnt. Schon am nächsten Tag soll ihm der Paß entzogen werden. Kerr zögert nicht. Trotz 39 Grad Fieber packt er in wenigen Minuten seinen Rucksack. Nimmt seinen noch gültigen Paß. Er besteigt

den nächsten Zug nach Prag, und ist schon in dreieinhalb Stunden in der Tschechoslowakei. Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne seine Frau und die beiden Kinder.“ Wieland Herzfelde beginnt in Prag, seinen Verlag Malik neu aufzubauen. Erich Mühsam hat am 28. Februar genug Geld für eine Fahrkarte nach Prag zusammengesammelt. Der Koffer ist gepackt, da wird er verhaftet. Am selben Tag besteigen Bertold Brecht und Helene Weigel frühmorgens den Zug nach Prag. Egon Erwin Kisch wird als tschechischer Staatsangehöriger nach Prag ausgewiesen und schreibt dort über seine Berliner Tage in grausamer Haft. Thomas Mann bleibt ungern auf Anraten seiner Kinder in der Schweiz. Hermann Kesten flieht nach Paris. Vergeblich versucht Erich Kästner, andere zurückzuhalten. „Wir können doch nicht alle auf und davon.“ Die Schriftstellerin Gabriele Tergit (eigentlich Elise Reifenberg, geborene Hirschmann) verläßt nach einer Hausdurch-

Auch Wolfgang Schwarz lobte das Buch als sehr vielschichtige, packende Dokumentation der Fakten, die die Familie Mann mit Böhmen und Prag verbinden. Der Kulturreferent im AdalbertStifter-Verein stellte den Autor auch vor. Nach dem Studium an der Freien Universität Berlin, wo Peter Lange Publizistik, Politologie und Geschichte belegt hatte, wurde er 1983 Redakteur im Nachrichtenressort des RIAS Berlin und dann beim Deutschlandradio Berlin. 1995 ging er zum Deutschlandfunk und arbeitete dort zunächst als Dienstleiter in der Nachrichtenabteilung, ab 2005 als Leiter der Abteilung Aktuelles und ab 2007 als Chefredakteur und Leiter der Hauptabteilung Politik beim Sender Deutschlandradio Kultur. Nach seiner Promotion 2015 mit einer Arbeit über den unter den Nationalsozialisten vertriebenen Dirigenten Hans Schwieger wurde er Korrespondent in Prag und 2017 für seine Sendung „Prag empfing uns wie Verwandte“ mit dem Deutsch-Tschechischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Mit seinem Buch schlägt Lange eine Familiengeschichte auf, die Hintergründe liefert über Leben und Dichtung der Manns. Auf dem Hintergrund dieser biographischen Details liest sich das Werk der Manns teilweise anders. Susanne Habel

Peter Lange: „Prag empfing uns als Verwandte. Die Familie Mann und die Tschechen“. Vitalis Verlag, Prag 2021; 384 Seiten, 29,90 Euro. (ISBN 978-3-89919-703-7) suchung Berlin und reist in den tschechischen Teil des Riesengebirges. Inzwischen werden in ganz Deutschland Theaterstücke, Konzerte, Lesungen und Vorträge von den Nazis mißliebigen Künstlern abgesetzt. Am 8. März werden in Dresden die ersten Bücher verbrannt. Norbert Matern

Uwe Wittstock „Februar 1933. Der Winter der Literatur“. Verlag C. H. Beck, München 2021; 287 Seiten, 24 Euro. (ISBN 978-3-406-77639-9)


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KULTUR

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Dr. Peter Becher illustriert seinen Vortrag auch mit zeitgenössischen Bildern und Collagen von den Autoren und den Büchern, über die er spricht. Im Begleitprogramm zur Aus­ stellung „Wer bin Ich? Wer sind Wir? – Zu Identitäten der Deut­ schen aus dem östlichen Eu­ ropa“ im Haus des Deutschen Ostens in München (HDO) gibt es auch Vorträge und Führun­ gen. Dazu zählte „Die dunklen Jahre der sudetendeutschen Li­ teratur 1938 bis 1945“ von Pe­ ter Becher. Der Germanist und Vorsitzende des Adalbert-Stif­ ter-Vereins schildert hier zu­ sammenfassend die kulturpoli­ tischen Maßnahmen in den Böh­ mischen Ländern während der Zeit des Dritten Reiches.

B

ei der Behandlung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder wurde früher wie selbstverständlich zwischen der Prager deutschen Literatur und der sudetendeutschen Literatur unterschieden“, erinnerte Peter Becher. Man habe einerseits die demokratische, zumeist von Juden geschriebene Prager Literatur auf der einen Seite gesehen, die nationalistische der Sudetenländer auf der anderen Seite. Die Zuordnung sei jedoch nicht ganz so einfach wie dieser Gegensatz nahelege. Schon die Bezeichnung „sudetendeutsch“ sei vergleichsweise neu und konstruiert gewesen: „Ein Komplementärbegriff zu dem ebenfalls konstruierten Begriff tschechoslowakisch, der seit 1918 das nationale Selbstverständnis vieler Tschechen prägte.“ Wie wenig sich die Bezeichnung „sudetendeutsch“ auf einen nationalistischen Kern reduzieren lasse, bezeuge ihre in vielen Fällen deskriptive und übergreifende Anwendung. So habe etwa der Schriftsteller Josef Mühlberger in seiner „Dichtung der Sudetendeutschen“ (1929) auch Prager Autoren behandelt oder Egon Erwin Kisch 1937 den Prager Autor F. C. Weiskopf als größte Begabung des „sudetendeutschen Schrifttums“ bezeichnet.

Viele Gemeinsamkeiten „Jahrzehntelang waren die deutsch schreibenden böhmischen Autoren durch viele Gemeinsamkeiten verbunden.“ Sie hätten in den selben Tageszeitungen publiziert, seien in den selben Anthologien und Sammelbänden vertreten gewesen oder hätten den selben Verbände angehört. Als Beispiele nannte Becher die „Sudetendeutsche Anthologie Lyrik“ (Prag 1930) oder die berühmte Anthologie „Wein“ (Prag 1933). In den dreißiger Jahren seien die Autoren dann allerdings tatsächlich immer stärker auseinandergedriftet. „Die Ankunft deutscher Emigranten, die anfangs noch auf eine baldige Rückkehr hofften, verschärfte die Gegensätze in der Tschechoslowakei.“ Als 1936 in Mährisch Schönberg der Bund sudetendeutscher Schriftsteller gegründet worden sei, in dem kein Emigrant und kein jüdischer Autor Mitglied werden konnte, sei die Trennung so gut wie vollzogen gewesen. „Das Münchener Abkommen er-

lebten die einen als ersehnte Befreiung von der tschechischen Unterdrückung und als Vereinigung mit ihren Landsleuten im Reich, für die anderen war es eine existenzielle und politische Katastrophe.“ Viele sudetendeutsche Autoren hätten allerdings in den Jubel über den Anschluß eingestimmt, so zunächst Bruno Brehm, Wilhelm Pleyer und Hans Watzlik, der ergriffen gedichtet habe: „Soll es zu Tod, zu Leben sein: / Oh nimm uns Führer! Wir sind dein.“

� Vortrag im Haus des Deutschen Ostens

Dunkle Jahre

Nach Einmarsch und Okkupation Der erste Autor der nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag gelesen habe, sei Bruno Brehm gewesen. Nach Lesungen in Reichenberg, Komotau und Saaz sei er am 17. März zu Gast in der Prager Urania gewesen. „Die Zeit“, die offizielle Tageszeitung des nach dem Münchener Abkommen gebildeten Sudetengaus in Reichenberg, habe über Brehms Lesung berichtet: „Die feierliche Stimmung dieser Tage lag ebenso über seinen Worten wie über der jugendlichen Zuhörerschaft. In allen Erlebnissen, von denen Brehm erzählte, habe der Kampf wiedergeklungen, den die Deutschen seit Jahrzehnten in diesem Lande und in dieser Stadt um ihr Volkstum kämpfen mußten.“ Das literarische Leben im Sudetengau und im Protektorat sei mit der Etablierung der NS-Herrschaft allerdings nicht zum Erliegen gekommen. „Vielmehr fand eine intensive Förderung statt, die manchen Leser vergessen machen konnte, wer und was alles fehlte.“ Es habe Dichterlesungen, Buchausstellungen, Gaukulturwochen, Dichtertreffen, Preisverleihungen und bereits im Sommer 1939 eine Erste Großdeutsche Dichterfahrt gegeben. „Nun erfolgte die endgültige Ausklammerung mißliebiger Autoren“, und es habe eine scharfe Trennung zwischen arischen und jüdischen, zwischen demokratischen und nationalsozialistischen Autoren gegeben. „Das wirksamste Mittel dafür waren die Förder- und Verbotslisten der nationalsozialistischen Kulturpolitik.“

Dr. Peter Becher und HDO-Direktor Professor Dr. Andreas Otto Weber. Bilder: HDO Die Werke aller jüdischen und antinationalsozialistisch eingestellten Prager Autoren wie Max Brod, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Gustav Meyrink, F.  C. Weiskopf, Franz Werfel und Lud-

der Trennung war so stark, daß sie selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirksam blieb, wenn auch auf den Kopf gestellt, wodurch der Gegensatz von Prager und sudetendeutscher Literatur

Die Erste großdeutsche Dichterfahrt ist eine politische Maßnahme. wig Winder seien von da an auf Verbotslisten gestanden. Sudetendeutsche Autoren wie Bruno Brehm, Robert Hohlbaum, Wilhelm Pleyer und Hans Watzlik oder Friedrich Bodenreuth, Gertrud Fussenegger, Karl Franz Leppa, Emil Merker und Karl Hans Strobl seien auf den Förderlisten gewesen. „Die Schärfe

Literatur, die ganze Epochen in den Böhmischen Ländern spiegelt.

jahrzehntelang zur ahistorischen Grundüberzeugung von Germanisten, Journalisten und Lesern zählte, die ungeprüft übernommen wurde“, faßte Becher eine falsche Schlußfolgerung zusammen. Um den Anschluß Österreichs und der Sudetengebiete literarisch zu würdigen, habe das

Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die bereits genannte Erste Großdeutsche Dichterfahrt durchgeführt, zu der die Teilnehmer als „die besten, schöpferischen Kräfte des deutschen Schrifttums“ im Auftrag von „Reichsministers Dr. Goebbels zu einer dreitätigen Fahrt durch Teile des Sudetengaues und Böhmens“ eingeladen worden seien. Nach einer ersten Station in Aussig seien die beteiligten Autoren nach Prag gekommen: „Am Abend des 3. Juni wurden sie im Deutschen Haus am Graben empfangen, wo sie ein Vertreter der Protektoratsbehörde mit den Worten begrüßte: Prag sei durch seine Geschichte stets aufs engste mit dem deutschen Volke verbunden gewesen … Der Führer in Prag und die Hakenkreuzfahne auf der Prager Burg seien die Sehnsucht einer ganzen deutschen Generation gewesen.“

Erste Dichterfahrt endet in der Wiener Oper Teilnehmer dieser Dichterfahrt, die in Wien geendet habe, wo sie im Kaisersaal der Wiener Staatsoper auch Reichsminister Jo­seph Goebbels vorgestellt worden seien, seien neben reichsdeutschen Autoren auch die aus Böhmen und Mähren stammenden oder dort aufgewachsenen Autoren Gertrud Fussenegger, Erwin Guido Kolbenheyer, Wilhelm Pleyer und Hans Watzlik gewesen. „Eine besondere Rolle der Literaturpolitik waren Preise und andere Ehrungen“, von denen Becher einige aufzählte, die auch sudetendeutsche Autoren erhielten. Zu ihnen gehörten der Volksdeutsche Schrifttumspreis der Stadt der Auslandsdeutschen und der Literaturpreis der Reichshauptstadt. Weitere Auszeichnungen folgten. „Im Juni 1939 wurde Hans Watzlik im Deutschen Haus in Prag mit dem Eichendorff-Preis ausgezeichnet. 1943 ging der erstmals verliehene Peter-ParlerPreis der Hauptstadt Prag an Karl Hans Strobl.“ Der größte Preis des Protektorats sei der Adalbert-Stifter-Preis gewesen, der im Oktober 1940 erstmals ausgeschrieben und insgesamt dreimal verliehen worden sei. Tragende Einrichtung sei die Monatszeitschrift „Böhmen und Mähren“ gewesen, die im Prager Verlag Volk und Reich als Blatt des Reichsprotektors erschien. Mit 5000 Reichsmark dotiert, sei der Preis in mehrere Erzähler- und Gedichtpreise unterteilt worden. Ziel des Preises sei gewesen, die Verbindung Böhmens und Mährens mit dem Reich zu festigen. In der Begründung heiße es: „Die alten Reichsländer Böhmen und Mähren sind durch die geschichtlichen Taten des Führers in den Jahren 1938 und 1939 für immer in den Verband des Reiches zurückgekehrt. Alles Leben in diesem Raum ist wieder Teil des deutschen Lebens.“ Unter den mehr als 600 Einsendungen seien 1941 fünf Erzählungen

und drei Gedichte ausgezeichnet worden. Den ersten Erzählerpreis habe Watzlik für „Das hölzerne Haus“ erhalten. Auch die Ausschreibung für 1942 sei eng mit dem Zeitgeschehen verknüpft gewesen. Damals seien nur 276 Arbeiten eingegangen, wovon den ersten Gedichtpreis Leo Hans Mally für seine „Sonette um Prag“ erhalten habe. Zum dritten und letzten Mal hätte die Jury im Mai 1944 getagt. Unter den 240 Einsendungen seien vier Gedichtpreise und vier Erzählerpreise vergeben worden. Den ersten Gedichtpreis habe Wilhelm Pleyer für die Gedichte „Kohlenrevier“ und „Soldatengräber an der Rollbahn erhalten“. Im Sommer 1944 hätten die Leser der Zeitschrift „Böhmen und Mähren“ jedoch erfahren: „ Jeder deutsche Schriftsteller … wird verstehen, daß wir das AdalbertStifter-Preisausschreiben bis zu jenem Termin verschieben, da es wieder angebracht erscheint, die allgemeinen kulturpolitischen Aufgaben in breitestem Maß wieder anzugehen. Es schweige jetzt alles, was nicht unmittelbar dem Kriege dient.“ 1944 habe auch extreme Einschnitte des Kulturlebens gebracht. Alle Theater, Varietés, Kabaretts hätten schließen müssen. Das Kriegsende im Mai 1945 habe das ganze Elend der NSDiktatur offenbart: Gefangenentransporte, Erschießungen, letzte Kämpfe, schließlich den Aufstand und die gnadenlose Rache jahrelang gedemütigter Tschechen. „Nun endete tatsächlich die deutschsprachige Prager Literatur.“ Erst Ende der fünfziger Jahre sei mit dem von Karl Havránek zusammengestellten

Ende des Kulturlebens in Prag. Band „Mit siebenundzwanzig Federn“ ein zaghafter Versuch der Fortsetzung erschienen. Unter den Autoren dieses Bandes finde man auch eine Lenka Reiner, die heute für viele als letzte deutschsprachige Schriftstellerin von Prag gelte. „Lenka Reinerová starb 2008“, erinnerte Becher, der selbst immens viel zur Verbreitung der Literatur der Böhmischen Länder leistet. Und so stellte er am Ende seines Vortrags noch eine ganze Reihe von namhaften Schriftstellern und deren Werke vor, die sich seit Jahrzehnten literarisch mit Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien und Prag beschäftigte. Susanne Habel Der Vortrag ist auf HDOn­ line: https://www.youtube.com/ watch?v=1rrg0RimCK8


SMG NRW

Mitte September fand der Tag der Heimat des BdV-Landesverbandes Baden-Württemberg in Stuttgart unter dem Leitsatz „Vertreibungen und Deportationen ächten – Völkerverständigung fördern“ statt.

30 Jahre Mittlere Generation Z Am 6. Dezember 1991 waren auf Einladung des damaligen SLLandesobmanns in NordrheinWestfalen, Ernst Knechtel, etwa 25 Landsleute in der Ostdeutschen Heimatstube in Bochum zusammengekommen, um die Nachwuchsgemeinschaft Sudetendeutsche Junge und Mittlere Generation Nordrhein-Westfalen (SMG NRW) zu gründen.

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eteiligt waren unter anderen der damalige Vize-Landesobmann Günter Reichert, Anton Schmied, Landesvorstandsmitglied und Obmann der SL-Kreisgruppe Bochum, und die SdJLandesführerin Christiana Plotz. Einstimmig wurde Walter Zinekker zum Vorsitzenden gewählt, der diese Gruppierung bis heute als Freundeskreis zusammenhält. Die meisten hatten in ihrer Zeit als Mitglieder der SdJ-Kreisgruppen in Nordrhein-Westfalen, deren prägende Landesjugendführer in den Jahrzehnten davor Ernst Hampel und Ingrid Pimpl waren, erlebt, wie schön und prägend Gemeinschaft, gemeinsames Handeln und gemeinsames Singen sind. Sie wollten dies altersgemäß in einer neuen Gemeinschaft weiterpflegen. Kern der Aktivitäten waren in den Jahren danach 24 einwöchige Herbstfahrten, davon 15 in die Heimat. Alle waren ausgebucht. Dazu gehörten Vortreffen mit Seminarcharakter zur geschichtlichen und regionalen Einstimmung sowie Nachtreffen zur Auswertung, zum Austausch von Erinnerungen und zur Planung des nächsten Projekts. Im Laufe der Jahre kamen aber auch andere Projekte hinzu wie Böhmische Küche im Frühjahr, Mundartsingen und Wander- und Radtouren im Sommer, die später zu Aktionstagen wurden, sowie die Kulturtagung im Herbst. Zu den Hochzeiten – etwa im Jahr 1996 – gehörten 220 Mitglieder der sich später nur noch Sudetendeutsche Mittlere Generation nennenden Gruppierung innerhalb der SL-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen an. In einem vertrauensvollen Miteinander trugen viele Freunde zum Gelingen dieser Aktionsgemeinschaft bei. Erwähnt seien neben Walter Zinecker seine Frau Gertrud und sein Bruder Franz Zinecker, Winfried Heisler, Charlotte Tietz, Ingrid Pimpl sowie Karl Heinz und Gerlinde Pryka. Gefragt, was ihnen die SMG NRW gebracht hat, sagen fast alle: die Gemeinschaft, mit der sie so viel von der Heimat sehen und erleben konnten, und das Gefühl, auf diese Weise so intensiv miteinander verbunden zu sein und zu bleiben. rr/rt

In der Ostdeutschen Heimatstube in der Bochumer Neustraße 5 wird die Sudetendeutsche Junge und Mittlere Generation Nordrhein-Westfalen am 6. Dezember 1991 gegründet.

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VERBANDSNACHRICHTEN

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

unächst legten die Landsleute am Mahnmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Stuttgart-Bad Cannstatt einen Kranz nieder. Grußworte sprachen der Bad Cannstatter Bezirksvorsteher Marc-Oliver Löffler und der Landesvorsitzende der Landsmannschaft Westpreußen, Hans Werner Schwalke, der die Feier ausgerichtet hatte. Er sagte, daß der jährliche Tag der Heimat auf den 5. August 1950 zurückgehe. Damals sei vor dem Neuen Schloß in Stuttgart die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verkündet worden. Die ehemaligen deutschen Sied BdV-Landesverband Baden-Württemberg lungsgebiete im Osten und Südosten Europas gehörten zu Geschichte, Kultur und Identität Deutschlands. In der Stuttgarter Liederhalle machten das Egerländer Alphornquartett unter Armin Rosin sowie der Sing- und Tanzkreis der Egerländer Gmoi z‘ Stuttgart unter Volker Jobst Musik. Dann le, Bezirksvorsteherin Sabine ger, der als Schwabe ein bedeubegrüßte BdV-Landeskulturre- Mezger, Rainer Bobon als Vize- tender Helfer der Vertriebenen ferent Albert Reich Oberbürger- Leiter des Hauses der Heimat war, überbrachte Reich Grüße. meister Frank Nopper, den Vi- sowie die Vertreter der Lands- Abschließend dankte er allen zepräsidenten des Europäischen mannschaften wie Hans-Werner Amtswaltern für ihre Arbeit im Parlaments Rainer WieCarloff von der Lands- zurückliegenden Jahr. Dem BdVland, die Landtagsabmannschaft Weichsel- Landesgeschäftsführer Hartmut geordneten Konrad Warthe, Hans Supritz Liebscher, der Geschäftsstelle Epple, Reinhard Löffvon den Donauschwa- und allen Helfern in den Landsler und Klaus Ranger, ben, Michael Konnerth mannschaften und Heimatgrupvom baden-württemvon den Siebenbürger pen dankte Reich für die gelunbergischen InnenmiSachsen, Richard Jäger gene Organisation dieses Tages nisterium Christiane mit seinem Landeskul- der Heimat und eröffnete ihn. Meis, Andreas Schütturreferenten Hans VaIhm sei es ein Bedürfnis, so ze, Petra Pechbrenner stag von den Banater Festredner Frank Nopper, beim und Herbert Hellstern, Frank Nopper Schwaben, Uta Lüttich Tag der Heimat zu sprechen, weil Mathias Beer, Leiter von den Ostpreußen, ihn Geschichte, Schicksal und des Instituts für donauschwäbi- Helga Löffler von der SL sowie Tragik der deutschen Heimatversche Geschichte und Landeskun- Waltraud Illner und Franz Lon- triebenen schon seit jeher aufgede Tübingen, den Landesvorsit- gin von den Südmährern. wühlt hätten. Stuttgart sei für die zenden der Seliger-Gemeinde Von Christine Czaja als Vor- deutschen Heimatvertriebenen Helmut Letfuß, den Präsiden- standsmitglied der Kulturstif- ein historischer Schauplatz. Von ten des Vereins für das Deutsch- tung der deutschen Vertriebenen den hier am 6. August 1950 vertum im Ausland Hartmut Frösch- und ihrem Mann Heinz Grünin- sammelten 150 000 Vertriebenen

gen beginne, obwohl zwei Drittel der Vertriebenen im Westen Deutschlands Arbeit und Wohnraum gesucht hätten. Mittlerweile werde die lange totgeschwiegene Vertreibung wieder erwähnt, nicht zuletzt dank Günter Grass und Peter Glotz. Die aktuellen Flüchtlinge mit den deutschen Heimatvertriebenen oder Spätaussiedlern zu vergleichen, sei ahistorisch und unzulässig. Nopper würdigte, daß immer mehr Vertreiberstaaten das bei Kriegsende oder nach dem Krieg ihren deutschen Staatsbürgern zugefügte Leid anerkennten und sich dafür entschuldigten. Er beschrieb und empfahl das gerade eröffnete Berliner Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, das von Szenografen des Bad Cannstatter Ateliers Brückner mitgestaltet worden sei. Vertreibung sei grundsätzlich zu ächten. Dazu zitierte Nopper Patrick Buchanan: „Die Welt weiß alles, was die Deutschen getan haben; die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen angetan wurde.“ Nopper dankte schließlich allen Mitgliedern der Landsmannschaften. Mit der Pflege der heimatlichen Kultur sei mit der Proklamation ihrer hätten sie einen wichtigen BeiCharta ein Signal der Hoffnung, trag für die ganze Gesellschaft des Friedens und der Versöh- geleistet. Nopper appellierte, genung ausgegangen. Das sei kein meinsam an einem europäischen zufälliges Datum gewesen, denn Haus des Friedens und der Völfünf Jahre zuvor, am 6. kerverständigung zu August 1945, hätten die bauen, und versicherAlliierten auf der Potste, daß die Heimat nicht damer Konferenz festverloren gehe, solange gelegt, daß Deutschsie nicht vergessen werland ein Drittel seines de. Staatsgebiets abtreten Lieder und Tänze in müsse. schmucken Trachten Mit einem visionäboten der Reutlinger ren Blick hätten die Knabenchor „CapelHeimatvertriebenen ih- Iris Ripsam la Vocalis“, die Siebenre friedlichen Absichbürger Tanzgruppe BW ten zum Wiederaufbau Deutsch- sowie der Chor „Freundschaft“ lands und zur Schaffung eines der Stuttgarter Ortsgruppe der geeinten Europas formuliert und Landsmannschaft der Deutschen als Aufbaufaktoren Wort gehal- aus Rußland. Für all das dankte ten. Bemerkenswert sei, daß die BdV-Landesvorsitzende Iris RipCharta nicht mit Forderungen, sam in ihrem Schlußwort. sondern mit SelbstverpflichtunStefan P. Teppert

Visionärer Blick

Ende September veranstalteten die SL-Landesgruppe und der BdV-Landesvorstand BadenWürttemberg im Stuttgarter Haus der Heimat eine gemeinsame Landeskulturtagung.

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rganisator und Leiter war SL-Landeskulturreferent Albert Reich, dem BdV-Landesgeschäftsführer Hartmut Liebscher zum 89. Geburtstag am 22. September einen Geschenkkorb überreichte. Reich übergab sein Amt nun an Hans Vastag. Die erkrankte BdV-Landesvorsitzende Iris Ripsam hatte ein Grußwort geschickt. SL-Landesobmann Klaus Hoffmann: „Wir sind da und tun was. Wir decken ein breites Spektrum an kultureller Arbeit ab. Ohne uns sind die Wege zu den Nachbarvölkern steinig, denn wir kennen die Menschen im Osten mit ihren Irritationen.“ Er bat die Vertriebenen, ihren politischen Einfluß als unersetzliche Gemeinschaften stärker auszuspielen und die Möglichkeiten des Austausches und der öffentlichen Präsenz zu nutzen. Ernst Strohmaier, Landesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland, sprach über „Widerstandsfähig. Deutsche in Rußland mit Tragik in Rot“. Die deutschen Katholiken, Protestanten und Mennoniten, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Rußland ausgewandert seien, seien wegen ihres Glaubens ausgewandert. Katharina II. und Alexander I. hätten ihnen Religionsfreiheit gewährt. Die Deutschen in Rußland seien bald zu Wohlstand gekommen. In Krisen und Kriegen habe das Neid und Haß hervorgerufen. Besonders ging Strohmaier auf den Aufstand der Schwarzmeer-Deutschen gegen die Bolschewiken 1918 bis 1920, die Auswanderung der Menno-

BdV-Landesverband Baden-Württemberg

Wir sind da und tun was niten nach Nord-, Mittel- und Damit sei die deutsche Öffent- on gestorben sei. Auch wenn die Südamerika sowie die Deportati- lichkeit nicht einverstanden ge- Aufgabe nicht mehr im Bereich on der Wolgadeutschen nach Ka- wesen. Mehrere polnische Auf- der Integration liege, seien doch sachstan ein. Eine ganze Volks- stände in Oberschlesien hätten bei Kindern von Vertriebenen gruppe sei kollektiv als „Hitleri- sich gegen alle gewandt, die sich Perspektive und Haltung anders sten“ bestraft worden. zu Deutschland bekannt hätten. als bei Einheimischen und unentRainer Bobon, der Schließlich habe das behrlich, um nicht nur Teile der neue Vize-Leiter des Deutsche Reich 71 Pro- Geschichte im Auge zu behalten. Hauses der Heimat in zent des Abstimmungs- Dabei gehe es um die Wahrung Stuttgart mit niedergebiets erhalten, Polen der individuellen Freiheits-, der schlesisch-hugenottiden Rest. Auf diesem Wahl-, der unteilbaren und unschen Wurzeln, stellRest hätten sich zwei veräußerlichen Menschenrechte te sich und seine PläDrittel aller Gruben und sowie des Völkerrechts, die auch ne vor. Dann schilderte Industrieanlagen sowie in der eigenen Geschichte relativ er die eigens für die Tadrei Viertel der Roh- neu und keineswegs selbstvergung noch im Haustoffvorkommen befun- ständlich seien. Haser schlug eise befindliche Wan- Albert Reich den. 120 000 Deutsche nen Bogen von der Magna CharBilder: hätten fliehen müssen. derausstellung „Wolfsta 1215 bis zum Recht auf HeiStefan P. Teppert kinder“. Nachdem die Professor Erich Zettl mat, Minderheitenschutz und Rote Armee Ostpreuaus Bernau bei Neu- der Ächtung von Vertreibungen ßen erobert habe, seien 5000 Kin- dek im böhmischen Erzgebir- im Internationalen Völkerrecht. der Waisen geworden und hätten ge referierte mit Bildern und eiRichard S. Jäger, LandesvorUnvorstellbares erlebt. Sie seien nem Film über Leben und Werk sitzender der Landsmannschaft vor allem nach Litauen geflohen von Ignaz Sichelbarth (1708– der Banater Schwaben, erläuterund hätten ihre deutsche Iden- 1780). Der aus Neudek stammen- te die Deportation der Banater tität verschleiern müssen. Diese de Jesuitenmissionar sei 35 Jah- Schwaben in die Baraganstepund auch ihre deutsche Staats- re lang am chinesischen Kaiser- pe 1951 bis 1956. Nach der Verangehörigkeit hätten die meisten hof in hartem, entsagungsvollem schleppung von 80 000 Rumänierst nach Ende des Ost-West- Dienst Maler gewesen, zu einem endeutschen zur Zwangsarbeit in Konfliktes in den frühen 1990er Kultur-Botschafter und Brücken- die Sowjetunion im Herbst 1944 Jahren zurückbekommen. bauer und, vom Kaiser hoch ge- seien im Sommer 1951 weitere Gregor Thomen aus Neu- schätzt, in den Rang eines Man- mißliebige Bevölkerungsteile in stadt in Oberschlesien, BdV- darins erhoben, reich beschenkt die Baragansteppe zwischen BuVorsitzender des Bodenseekrei- und hoch geehrt worden. Das sei karest und der Donau, auch Sises, sprach über die Volksab- lange in Vergessenheit geraten. birien Rumäniens genannt, destimmung in Oberschlesien vor Erst 2012 seien überraschend Bil- portiert worden. Aus 297 Orten 100 Jahren. Am 20. März 1921 der von ihm aufgetaucht und Si- im Banat und in Oltenien seien hätten 59,6 Prozent für den Ver- chelbarths Werk bemehr als 40 000 Persobleib Oberschlesiens bei Preu- kannt geworden. nen unterschiedlicher ßen beziehungsweise DeutschRaimund Haser MdL, Ethnien dort ausgesetzt land und 40,4 Prozent für eine Vertriebenenpolitischer worden. Abtretung an Polen votiert. Dar- Sprecher der CDUWolfgang Freyberg, aufhin habe die Pariser Botschaf- Landtagsfraktion sowie seit 1985 Leiter des Kulterkonferenz beschlossen, das Mitglied im BdV-Präturzentrums OstpreuLand zu teilen und seinen Osten sidium, überlegte, was ßen in Ellingen, nahm dem wieder gegründeten Po- die Aufgabe des BdV das Auditorium mit auf len anzugliedern, ein Erfolg für sei, wenn der Letzte aus eine Reise durch Ostdie französische Teilungspolitik. der Erlebnisgenerati- Klaus Hoffmann preußen. Im 13. Jahr-

hundert habe die Besiedlung durch den Deutschen Orden als Hilfe gegen die heidnischen Prussen begonnen. Um das Land zu sichern, habe der Orden Burgen wie die Marienburg oder die Kapitelburg Allenstein gebaut. Dazu seien Schlösser und Herrenhäuser wie Schmolainen oder Kirchen wie der Königsberger Dom gekommen. Weitere Sehenswürdigkeiten seien der Simon-Dach-Brunnen in Memel oder das Thomas-Mann-Haus in Nidden. Typisch ostpreußische Tiere seien der Elch und der Trakehner, typische Landschaften die Kurische Nehrung und die Masurische Seenplatte, berühmte Ostpreußen seien Nikolaus Kopernikus, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Käthe Kollwitz, E. T. A. Hoffmann, Agnes Miegel, Marion Thomas Konhäuser Gräfin Dönhoff und Siegfried Lenz. Thomas Konhäuser, Geschäftsführer und wissenschaftliche Leiter der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, skizzierte die Geschichte der Kulturstiftung seit ihrer Gründung 1974. 1998 habe sie 15 Mitarbeiter gehabt. Die rot-grüne Kahlschlagpolitik habe die Stiftung fast zerstört. 2019 habe der Bund der Stiftung Fachpersonal und Mittel gewährt. Heute berate und helfe sie auch Heimatsammlungen und bei grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Konhäuser empfahl, Kontakt mit der Stiftung aufzunehmen, Infos abzurufen und sich zu vernetzen. Für die Zukunft wünscht er sich vom Bund eine institutionelle Förderung. Stefan P. Teppert


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VERBANDSNACHRICHTEN

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

� VLÖ-Bundesverband

Sprache, Sinn und Sauerteig Gedenken am Gedenkstein.

� BdV-Ortsverband Kleinlinden/Leigestern in Hessen

Freundschaft ist wichtig kräfte vonnöten. Viele einheimische Männer waren noch in Gefangenschaft oder bereits gefallen. Die Landwirtschaft war damals arbeitsintensiv. Handarbeit war erforderlich beim Heu machen, Getreideernte, Kartoffelanbau, Dickwurzanbau und vielem mehr. Arbeitsmöglichkeiten dV-Ortsvorsitzender Ro- gab es auch beim Holzmaland Jankofsky begrüß- chen und beim Aufforsten, was te am Gedenkstein in Gie- überwiegend Frauen taten. ßen-Kleinlinden den BdV- Die meisten Einheimischen Kreisvorsitzenden Kuno Kutz, im Ort waren ebenfalls SelbstRegierungspräsident a. D. versorger. Nicht für alle war es Wilfried Schmied, die Gieße- selbstverständlich, immer satt ner Stadträtin Gerda Weigel- zu sein. Eine große Hilfe war Greilich, Ortsvorsteher Klaus die Schulspeisung der USA. Dieter Greilich und den VorDer Bürgermeister mußsitzenden der Vereinsgemein- te die Vertriebenen unterschaft von Kleinlinden, Gerd bringen. Damit machte er sich Zörb. nicht nur Freunde. Mit der Kutz und Jankofsky leg- Einweisung der Vertriebenen ten einen Kranz nieder. Dann stieg die Einwohnerzahl. Nun blickte Jankofsky zurück. „Am war der Ort mit 27 Prozent 11. März 1946 kam der erste stark überbelegt.“ Transport in Wetzlar an. Die Der Ort sei lutherisch, die Vertriebenen wurden über das Vertriebenen seien kathoLager Finsterloh in die umlie- lisch gewesen. Deshalb hagenden Gemeinden verteilt. be die Katholische Kirche eiSo kamen zu den 1200 Lützel- ne Kirche bauen wollen und lindenern 481 Vertriebene in ein Grundstück gekauft. Das die alten Bauernhäuser.“ Da- hätten sie später jedoch wiemals habe der Gießener Stadt- der zurückgegeben. Bis in die teil Lützellinden noch zum siebziger Jahre hätten die KaKreis Wetzlar gehört. 1949 tholiken ihre Messen in der hätten Vertriebene hier eine evangelischen Kirche gefeiert. Gemeinnützige Wohnungs„Bei mir im Heimatmuseum baugesellschaft gegründet. Ab findet sich ein Trachtenpup1951 sei im benachbarten Gie- penpaar, das Reste der noch ßen der Markwald von und für vorhandenen Trachten aus Vertriebene entstanden. Hier dem Kuhländchen trägt. Die befinde sich der 1980 gesetzte Bau- und SiedlungsgenossenGedenkstein. schaft wurde gegründet, weil Festredner Edwin Engel lei- weder in Gießen noch im Ort tet das Heimatmuseum Gie- Bauland zur Verfügung geßen-Lützellinden. Im März stellt wurde. Die Probleme mit 1946 seien in Neutitschein der Eingliederung sind heute Viehwagfast vergesgons losgesen. Die Folfahren, die gegenera1149 Kuhtionen sind ländler nach nach 75 JahFinsterloh ren hier fest gebracht verwurzelt. hätten. Von Engel dort seien fügte seiner sie in die OrRede einen te der GeSchulaufsatz markung von 1946 an, Laurentiuskirche in Kunzendorf. Hüttenberg in dem eiverteilt worne Schülerin den, auch nach Lützellinden. schildert, wie Ostflüchtlinge Landwirtschaft habe den Ort eine neue Heimat in unserem geprägt. Dorf finden. In diesem findet „Für die Aufnahme mußten sich der Satz: „Einerseits wurumfangreiche Vorbereitungen den sie gut und freundlich aufgetroffen werden. Organisato- genommen, aber manchmal rische Höchstleistungen wa- mußte die Polizei eingreifen“. ren von den Dienststellen in Zum Schluß las Jankofsky Wetzlar gefordert. Bereits im den Brief einer jungen TscheFebruar 1946 hatte der Land- chin aus seinem Heimatdorf rat die Bürgermeister ange- Kunzendorf am Steinbach vor. wiesen, die, die sich weiger- Mit ihrem Mann habe sie ein ten Flüchtlinge aufzuneh- altes Haus in Kunzendorf gemen, von der Polizei aus der kauft, das sie jetzt reparierWohnung zu werfen. Bei feh- ten. Nun wollten sie die Ortslender Ausstattung konnte ei- geschichte kennenlernen und ne Beschlagnahmeanordnung damit die Bindung zum neuvon Mobiliar durch den Land- en Haus stärken. Sie wollten rat erfolgen. Nachdem die erfahren wer in diesem Haus Heimatvertriebenen unterge- gewohnt, wie es früher ausgebracht worden waren, bestand sehen habe. Vergeblich hätten die nächste Herausforderung sie in Stadtarchiven nach Indarin, nach Arbeitsmöglich- formationen gesucht. Deshalb keiten Ausschau zu halten.“ hätten sie sich an die Ortsbe„Die Industriebetriebe wa- treuerin gewandt. Jankofsky: ren zerstört, Verwaltungen „Wir nahmen Kontakt zu der und Handel mußten aufgebaut Frau auf und besuchten sie in werden. Meist beteiligten sich Kunzendorf.“ Und: „Freunddie Vertriebenen in der Land- schaftliche Kontakte sind wirtschaft. Hier waren Arbeits- wichtig.“

75 Jahre Vertreibung, 70 Jah­ re BdV und 41 Jahre Gedenk­ stein nahm der im hessischen BdV-Kreisverband Wetzlar eingegliederte und zum be­ nachbarten Landkreis Gie­ ßen gehörende Ortsverband Kleinlinden/Leihgestern zum Anlaß für ein Gedenken.

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Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen. Getreu dem Titel des Symposiums „Muttersprachlicher Unterricht als Garant für den Erhalt der deutschen altösterreichischen Volksgruppen“ berichteten die Genannten über den jeweiligen Status Quo in den einzelnen Ländern. „Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß sich Lösungsansätze mit Blick auf einen muttersprachlichen Unterricht um so schwieriger gestalten, je kleiner die jeweilige Volksgruppe zahlenmäßig ist. Darüber hinaus fehlt oft die nötige Infrastruktur“, sagte Kapeller. Ergänzend berichtete Dieter Lütze über das von ihm höchst erfolgreich initiierte „Comic-Projekt“. Dieses Projekt solle Kinder nachhaltig begeistern, die deutsche Sprache spielerisch-kreativ zu erlernen.

sowie Udo Puschnig vom Amt der Kärntner Landesregierung im Zuge des Veranstaltungsprogramms zu begrüßen. Das Impulsreferat „Sprache, Sinn und Sauerteig – Zur Zukunft der Altösterreicher“ hielt Florian Kührer-Wielach, Direkräsident Norbert K. Kapeller tor des Instituts für deutsche Kulfreute sich mit seinen VLÖtur und Geschichte SüdosteuroVorstandskollegen über die 40 pas an der Ludwig-MaximiliansTeilnehmer. Zu ihnen zählten Universität München. Funktionäre der in Österreich Darüber hinaus begrüßte beheimateten LandsmannschafVLÖ-Präsident Kapeller Gudrun ten und Vereine sowie VerantKugler, Vertriebenenpolitische wortliche der heimatverbliebeSprecherin der ÖVP-Fraktion im nen Deutschen in der TschechiAbgeordnetenhaus, sowie Sekschen Republik wie Martin tionschefin Doris Wagner vom Herbert Dzingel, in der Slowakei Unterrichtsministerium im Kreiwie Ondrej Pöss, in Ungarn wie se der Vortragenden. Kugler unNelu Bradean-Ebinger und Serterstrich ihre Unterstützung für bien wie Rudolf Weiss. Per Vidie wichtigen Vorhaben des VLÖ deokonferenz zugeschaltet waund betonte, die Zusammenarren für Kroatien Renata Trischbeit mit den altösterreichischen ler von der AGDM-FUEN Berlin, Volksgruppen über den parlamentarischen Austausch sowie über zivilgesellschaftliche Initiativen stärken zu wollen. Sektionschefin Doris Wagner diskutierte mit den Anwesenden unter anderem neue Ideen im Bereich des „On­ lineLearnings“ speziell für die kleinen Volksgruppen in Schulkooperationen sowie über die EntVLÖ-Präsident Norbert K. Kapeller, Martin H. Dzingel, Präsident der Landesver- sendungsprogramme von sammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, Erster VLÖ-Vize- muttersprachlichen Lehpräsident Gerhard Zeihsel, Zweiter VLÖ-Vizepräsident Dieter Lütze, Dr. Nelu Bra- rerinnen und Lehrern. dean-Ebinger von der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft in Budapest, Rudolf Weiss, VorKapeller und die Vorsitzender des Deutschen Volksverbandes in der Vojvodina in Serbien, und Dritter standsmitglieder dankten VLÖ-Vizepräsident Manfred Schuller. einigen Repräsentanten der heimatverbliebenen für Slowenien Christian LautiBesonders freute die VLÖ- altösterreichischen Volksgrupscher und für Rumänien Martin Verantwortlichen, die Dritte Na- pen. Sie freuten sich, Nelu BraBottesch, Vorsitzender des De- tionalratspräsidentin a. D. Anne- dean-Ebinger, Rudolf Weiss und mokratischen Forums der Deut- liese Kitzmüller, die Gesandten Martin Herbert Dzingel jeweils schen in Siebenbürgen, sowie Er- Susanne Bachfischer und Werner mit der Silbernen Ehrennadel win Josef Tigla, Vorsitzender des Senfter vom Außenministerium des VLÖ auszuzeichnen. Der Verband der deutschen alt­ österreichischen Landsmann­ schaften in Österreich (VLÖ) veranstaltete Mitte Oktober sein traditionelles Volksgruppen­ symposium im Kulturzentrum Haus der Heimat in Wien.

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� SL-Ortsgruppe Roth/Mittelfranken

Kurzer Rechenschaftsbericht Mit Corona-Verspätung fand Mitte Oktober die Jahreshaupt­ versammlung der mittelfränki­ schen SL-Ortsgruppe Roth mit Neuwahlen statt.

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berichteten von einer guten und übersichtlichen Kassenführung und stellten den Antrag auf Entlastung des Vorstands. Diesen erteilte die Versammlung einstimmig. Bürgermeister Buckreus erwähnte in seinem Grußwort, daß dieser Besuch seine erste Amtshandlung als Amtierender Bürgermeister sei. Die Bindung der Stadt Roth zu den Vereinen sei ihm ein wichtiges Anliegen, er würdigte die Arbeit der Landsmannschaft und das Andenken durch die nachfolgenden Generationen und begrüßte das Interesse und den Erhalt der Vertriebenendenkmale. Bemerkenswert sei, daß der SL-Bundesverband mit der Sudetendeutschen Zeitung ein wöchentliches Informationsmedium publiziere. Heller übertrug Buckreus die Leitung der Wahl, die dieser gerne übernahm. Seine Wahlhelfer waren Gerhard Tschapka und Erika Heller. Die Wahlen waren gut vorbereitet, ein schriftlicher Wahlvorschlag lag vor. Dieser wurde angenommen. Obmann Dieter Heller wurde einstimmig wiedergewählt,

ebenso sein Vertreter Norbert Schindler. Hannelore Heller bleibt Vermögensverwalterin. Neuer Schriftführer ist Georg Streb, seine Stellvertreterin Brigitte Streb. Auch die beiden Rechnungsprüfer Roland Schindler und Annemarie ThielWalter bleiben im Amt. Anschließend berief der neue Vorstand folgende Beisitzer in den erweiterten Vorstandschaft: Alfred Blasig, Christa Gropper, Erika Heller, Eva Pflughaupt, Anneliese Schmidt, Elke Schmidt, Marion Schwarz und Erika Staub. Heller kündigte an, daß sich die Ortsgruppe am Volkstrauertag beteiligen und Ende Nobember Advent feiern werde. Die mehrfach verschobene 70-JahrFeier soll im Mai 2022 stattfinden. Dabei werde der Vogelbeerbaum im Stadtpark, der zur 60-Jahr-Feier gepflanzt worden sei, im Mittelpunkt stehen. Der Kochkreis hatte sich heuer nicht treffen können. Nun will er im November das Sudetendeutsche Museum in München besuchen. Hannelore Heller stellte das Museum in einem virtuellen Rundgang vor.

unächst begrüßte Ortsobmann Dieter Heller den Amtierenden Bürgermeister Andreas Buckreus. Alfred Blasig gedachte der Toten, und Georg Streb las die Niederschrift der letztjährigen Versammlung der Schriftführerin Anneliese Schmidt vor. Dem folgten die Berichte des Obmanns, der Vermögensverwalterin und der Kassenprüfer. Hellers Rechenschaftsbericht war kurz, denn außer der Jahresversammlung 2020 im Januar und dem Filmnachmittag im März waren alle Veranstaltungen abgesagt worden. Besonders schmerzlich war die Absage des geplanten 70jährigen Gründungsjubiläums. Anstelle der traditionellen Adventfeier hatte Heller die Mitglieder zu einem „Home-Advent“ eingeladen. Ein Glas Glühwein, ein Stück Weihnachtsstollen und eine Kerze hatte er vorgegeben, dazu eine Weihnachtsgeschichte als Beilage der Einladung. Der Kassenbericht der Vermögensverwalterin Hannelore Heller ergab einen leichten Verlust, aber das Finanzpolster kann dies verkraften. Die Kassenprüfer Roland Schindler und Annemarie Thiel-Walter Der neue Vorstand mit Bürgermeister Andreas Buckreus, zweiter von links.

Bayerns Europaministerin Melanie Huml. Bild: Peter Thürl

� AG Erzdiözese Bamberg

Für Frieden in Europa Ende Oktober sprach Bayerns Europaministerin Melanie Huml vor der Ackermann-Gemeinde (AG) in der Erzdiözese Bamberg. Gemeinsam ist beiden Seiten die enge Beziehung zum tsche­ chischen Nachbarn. Das wurde bei Humls Vortrag deutlich, den Peter Thürl als Bamberger AGRepräsentant initiiert hatte.

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ereits Melanie Humls erste Auslandsreise als Europaministerin hatte sie nach Prag geführt. Sie berichtete auch von Gesprächen mit Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Grenznähe. „Mir ist wichtig, die Anliegen und Anregungen der Menschen aufzugreifen, die im unmittelbaren Kontakt mit unseren tschechischen Nachbarn stehen.“ Daraus ergäben sich Initiativen für grenzüberschreitende Aktivitäten. Besonders am Herzen liege ihr die Pflege der jeweiligen Nachbarsprache in grenznahen Schulen und Kindergärten. Einen großen Beitrag zu den grenzüberschreitenden Kontakten von jungen Menschen leistet Christian Käser, der von seinen Aktivitäten berichtete. Der Direktor eines Berufsschulzentrums in Bamberg forciert mit ortsansässigen Firmen seit Jahren den Austausch von Auszubildenden über die Grenze hinweg und macht gute Erfahrungen damit. Auch Franz Kubin, über Jahrzehnte Leiter der Bamberger Ortsgruppe der AG, berichtete über seine guten Erfahrungen als Gymnasiallehrer bei Schüleraustausch und Klassenfahrten über die Grenze hinweg. Dieter Aust von der in der Patenstadt Bamberg ansässigen Heimatkreisgemeinschaft Troppau wies auf die zahlreichen Aktivitäten der heimatvertriebenen Troppauer in ihrer sudetenschlesischen Heimatregion hin. Er bat die Ministerin um Unterstützung bei einem Anliegen deutscher und tschechischer Troppauer, bei der Erhaltung des historischen Kaufhauses Breda-Weinstein. Dieses 1927/28 von jüdischen Unternehmern erbaute Kaufhaus-Gebäude in Troppau sei ein Kulturdenkmal ersten Ranges, stehe leer und drohe zu verfallen oder abgerissen zu werden. Christoph Lippert, der als Diözesangeschäftsführer der AG die Veranstaltung leitete, betonte die besondere Bedeutung der bayerischen und tschechischen Universitäten für die Vertiefung der Beziehungen. Während die Universitäten Regensburg und Passau bereits eine intensive Zusammenarbeit mit tschechischen Partnern pflegten, sei die tschechische Komponente in Bamberg als dritter grenznaher bayerischer Universität ausbaufähig. Hier wolle die AG Bamberg Impulse geben. Melanie Huml und die AG Bamberg vereinbarten die weitere Zusammenarbeit im Interesse ihres gemeinsamen Ziels, die bayerisch-böhmische Region zu einer Kernzone eines friedlichen Mitteleuropas zu entwickeln.


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AUS DER HEIMAT

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Irene Šulko und Schneider Jan Prýmek bei der Anprobe.

Das Brautpaar darf sich küssen. Und Sohn Voitech Šulko singt als Kantor Psalmen dazu. Nach den süßen Küssen bläst das Jubelpaar die Kerzen einer fast ebenso süßen Hochtzeitstorte aus. Bilder: Richard Šulko, Richard Šulko junior Wie vor 40 Jahren steht das Paar vor dem Priester.

Richard streift Irene den Rubinring auf den Finger.

Pfarrer Günther Ecklbauer segnet Irene und Richard Šulko.

Nun gleitet Irenes Ring auf Richards Finger.

� Heimatlandschaft Egerland

Rubinhochzeit in Netschetin Am 30. Oktober feierten der heimatverbliebene Måla Richard Šulko und seine Frau Irene im eghalandrischen Netschetin im Kreis Luditz nach 40 Jahren Ehe Rubinhochzeit.

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an solle dem Herrgott danken, daß man ein Ehejubiläum in der Tradition der Vorfahren feiern könne, ist der praktizierende Katholik Måla Richard Šulko überzeugt. Er ist auch der Vorsitzende des Bundes der Deutschen in Böhmen. Mit ihm als Vorsitzendem und seiner Frau Irene hat der Bund Landsleute,

die seit 30 Jahren in der Tradition der Egerländer Vorfahren leben. Für die Rubinhochzeit plante der Måla Richard eine wunderbare Feier. Dank einer Spende aus ­Wien konnte die Egerländer Volkstanzgruppe „Die Målas“ fehlende oder abgenützte Trachtenteile erneuern. Vor allem bei Irene Šulko mußte ein neues Leiwl (Mieder), da Kiedl (Rock) und eine Fürta (Schürze) genäht werden. Auch das Leiwal (Weste) vom Måla Richard war schon abgewetzt. Da hatte der „alte“ Bräutigam eine Idee: „Woißt woos?

Das Jubelpaar vor dem Hauptaltar in der Netschetiner Sankt-Jakobus-Kirche.

Miar weardn niat sua bål wieda(r Göld füar d‘ Tråcht(a)n find(a)n u derastwegn tou i(ch selwa a weng meiha(r Göld einsteck(a) u touma a schäina Festtråcht füar dian Hochzeitstågh nahn låua.“ Dank Gottes Lenkung fand Richard Šulko auf Facebook einen Hinweis vom Vít Komárek von der Firma Hedva in Römerstadt – das war einst die Seidenweberei Schiel – über einen neuen Brokatstoff namens Goldkopf. Der entsprach den historischen Mustern der Trachten um 1870 aus der Gegend Manetin, Rabenstein, Theusing. Eine Rei-

se des Ehepaares Šulko nach Römerstadt im nordmährischen Altvaterland diente zur farblichen Abstimmung zwischen den einzelnen Trachtenteilen. Und dann begann das Nähen. Für das Schneidern wurde der bewährte Spitzenschneider Jan Prýmek aus Anischau gewonnen. Er leitet die Kostüm-Abteilung des Großen Tyl-Theaters in Pilsen und hat Erfahrungen nicht nur mit den verschiedenen Stoffen, sondern auch mit der Einhaltung von Terminen, wenn er zum Beispiel eine Uraufführung im Theater mit neuen Kostümen bestücken muß. Die ersten Schwierigkeiten kamen mit der Verarbeitung des Brokats. Der ist mit 325 Gramm pro Quadratmeter ziemlich schwer und dreilagig. Ein weiteres Problem tauchte am Vorabend der Festes auf. „Du, Richard, die von dir gekauften Knöpfe können nicht für deine Weste benutzt werden. Ich muß heute Abend nach anderen suchen und kann also heute nicht alles fertig übergeben. Ich komme morgen Vormittag“, gab der Schneider am Vorabend des Festes per Telefon durch. Dann gab es Terminsorgen wegen der neuen Eheringe. Richard hatte eigens für seine Frau Irene den Ring mit einem Rubin bestücken lassen. Doch dann: Ende gut, alles gut. Drei Stunden vor dem Beginn der Heiligen Messe kam das Auto des Schneiders am Plachtin an, und alles war fertig. Irenes Einkleidung in die Frauentracht war eine Herausforderung, aber das Ergebnis wunderbar. Die Tracht sieht wirklich wie eine Sommertracht aus der Gegend um Theusing, Manetin und Rabenstein um 1870 aus. Herrlich. Nun ging es in die Kirche Sankt Jakobus in Netschetin und nicht, wie 1981, zuerst in die Kapelle im Schloß Preitenstein. In der damaligen kommunistischen Zeit hatte man zuerst in Preitenstein standesamtlich heiraten müssen. Die Messe zelebrierte Günther Ecklbauer OMI. Der Österreicher muß in unserem Land mit zwei Mitbrüdern mehrere Pfarreien betreuen. Bei dem schönen Gottesdienst wirkten die Kinder und Enkelkinder des Jubelpaarespaares mit. Die Orgel spielte Elfriede Šulko, die Mutter des Bräutigams. Die erneuerten Gelöbnisse, der Austausch der neuen Eheringe und der eheliche Kuß waren der Höhepunkt einer 40jährigen Ehe, die Irene und Richard christlich und in Verantwortung gegenüber den Vorfahren gelebt hatten.

Hochzeits-Festessen bei den Målas.

Enkelin Kristýna Šulková, Enkelin Anna Jindřichová mit dem Hochzeitsstrauß, Irene Šulková und Tochter Terezie Jindřichová vor dem Grab von Irenes Vater Rudolf Waldstein. Unten das Jubelpaar vor der Jakobuskirche.

Der Vorfahren gedachten sie auch nach dem Gottesdienst, als der Pfarrer auf dem Friedhof eine Andacht hielt. Irene Šulko hatte die Idee, auf 15 vergessenen deutschen Gräbern Kerzen anzuzünden. Anschließend ging es auch zu einigen Gräbern, wo noch eigens gebetet wurde. So auch zum Grab von Richard

Šulkos Wawa (Uroma). Damit schloß sich der Kreis, und die Festgäste machten sich auf den Weg ins Schloß Preitenstein zum Feiern. Dem Netschetiner Paar Irene und Måla Richard wünschen die Landsleute von Herzen noch viele schöne gesegnete Jahre in Christen- und Heimatliebe.


Reicenberger Zeitung

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Stadt und Kreis Reichenberg

Kreis Deutsch Gabel

Nordböhmi[e Um[au

Redaktion: Nadira Hurnaus, Baiernweg 5, 83233 Bernau, Telefon (0 80 51) 80 60 96, eMail rz@sudeten.de

Gablonz: Grabstätte der Familien Zimmer und Matuschek.

Bad Schlag: Ruhestätte der Familien Roman Lang und Johann Feix.

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Kreis Friedland

Kreis Gablonz

Gablonz: Urnengrab von Dr. Karl R. Fischer.

Bilder: Stadt Gablonz

� Gablonz

Gräber aller sieben Friedhöfe digital erfaßt Meist erinnert kaum mehr etwas an die ursprünglichen Bewohner, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland vertrieben wurden. Die alten deutschen Friedhöfe im Sudetenland sind Orte der Erinnerung. Die deutschen Gräber sind oft das letzte Zeichen, das uns an die deutsche Kultur und Vergangenheit erinnert. Viele Gräber sind verfallen, eine große Anzahl hatten aufgebrachte Tschechen gleich nach dem Krieg zerstört.

A

uf dem offiziellen Portal der Stadt Gablonz findet man seit Neustem neben aktuellen Nachrichten über Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur auch Informationen, die die sieben Friedhöfe der Stadt Gablonz betreffen. Die neue Web-Applikation ermöglicht private Grabsuche von Familienangehörigen oder Bekannten. Die Informationen über die Grabdenkmale sind im Internet abrufbar. Insgesamt sind in der Applikation „Gablonzer Friedhofspläne“ mehr als 8300 Grabstellen auf den sieben Friedhöfen der Stadt registriert. Davon sind 3950 deutsche und tschechische Gräber und Gruften unterschiedlicher Größe und Stilart verpachtet. Auf einem interaktiven Friedhofsplan wurden alle Grabstellen, Gruften und Aschenstreuwiesen, auf denen die Asche der Verstorbenen verstreut worden war, von den Friedhöfen in Gablonz, Bad Schlag, Reinowitz, Proschwitz, Seidenschwanz und Kukan detailliert dokumen-

tiert. Bad Schlag, Reinowitz, Oder man gibt die Grabnummer Proschwitz, Seidenschwanz und direkt ein. Wenn man auf die Kukan sind Stadtteile von Ga- grafische Darstellung des Grablonz. Digital bearbeitet ist au- bes klickt, werden alle Informaßerdem der Gablonzer Friedhof tionen angezeigt, zum Beispiel mit den Urnengräbern. Auch die die Namen der Verstorbenen, freien Grabstellen sind mit dieser Applikation zu finden. Registriert sind 1278 leere Gruften, 1070 Familiengräber, 1460 Reihengräber und 550 Urnengräber. Die Internetseite hilft nicht nur den Vertriebenen und ihren Nachkommen bei der Suche nach verstorbenen Familienmitgliedern. Auch den Genealogen, die die Geschichte ihrer Familie erforschen wollen und die einen Stammbaum ihrer Familie erstellen möchten oder den Ort suchen, an dem ein Familienmitglied oder ein Kukan: Grabinschrift der Familie Günter. Bekannter begraben ist, wird hier geholfen. Wenn die Abmessungen des Grabes der gesuchte Name, ein Geburts- oder der Gruft und in den meioder Todesjahr in das Suchfeld sten Fällen auch das Foto. Wer eingegeben wird, werden – falls auf die Aschenstreuwiese klickt, das Grab noch existiert – Na- dem wird eine Liste aller Verstormen und der Bestattungsort al- benen angezeigt, deren Asche ler Personen angezeigt, die mit dort verstreut wurde. Ich bin gerden eingegebenen Informatio- ne bereit, jedem bei seiner Suche nen übereinstimmen. nach den Verstorbenen zu helMöglich ist auch, durch Ein- fen, eMail stabera@web.de gabe des Namens des GrabpächDer historische Stadtfriedters oder Mitpächters zu suchen. hof in Gablonz, der nach Plä-

nen des Baumeisters und Architekten Johann Schwalm errichtet wurde, ist der Hauptfriedhof der Stadt. Der Friedhof wurde 1899 auf einem großen Grundstück am nördlichen Rand des Stadtzentrums als neuer städtischer Friedhof angelegt, um die zerstörten Gräber auf dem Friedhof in der Nähe des Stadtzentrums zu ersetzen. Der Eingang besteht aus einem neoklassizistischen Eingangstor. In den angrenzenden Gebäuden sind die Friedhofskapelle und die Friedhofsverwaltung untergebracht. Der Friedhof wurde am Vormittag des 1. Juli 1899 in Anwesenheit des Bürgermeisters Adolf Posselt und des Architekten Johann Schwalm feierlich eröffnet und eingeweiht. Die erste Person, die auf dem neuen Friedhof am nächsten Tag beerdigt wurde, war die 17jährige Marie Bauer. Die heutige Trauerhalle wurde damals als Leichenhalle genutzt. Vermutlich wurde sie in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch einen Anbau vergrößert und erhielt so ihren heutigen Grundriß. Die Buntglasfenster, die de-

nen im Rathaus ähneln, stammen wahrscheinlich auch aus dieser Zeit. Eine gute Nachricht kam 2013. Damals hatte die Stadt Gablonz eine Studie über die architektonische Restaurierung des Friedhofs in Auftrag gegeben. Der Blick auf die Ruinen der verfallenen Gräber war nicht schön. Niemand kümmerte sich um sie. Bei alten Gräbern ist das doppelt so schlimm. Die Gruften waren überwuchert von Unkraut und verwahrlost, aber sie waren Teil der Friedhofsmauer, und ihre Entfernung war unmöglich. Ihre Instandsetzung ist jedoch angesichts der dekorativen Elemente und ihres historischen Wertes finanziell anspruchsvoll. Heute werden nur noch selten solche Gruften errichtet. Nach und nach wurde mit der Instandsetzung der bedeutenden Grabstellen begonnen. Die ersten renovierten Gruften gehören den ersten Bürgermeistern von Gablonz. Die Gruft von Bürgermeister, Bezirksobmann und Ehrenbürger Adolf H. Posselt mußte nur gereinigt und entmoost werden, die Gruft von Bürgermeister Josef Pfeiffer erforderte einen gründlicheren Eingriff. Der steinerne Engel, der die Gruft schmückt, war wie viele andere Gruften und Gräber von Vandalen beschädigt worden. Vandalen und Metalldiebe sind das häufigste Problem auf dem städtischen Friedhof. Am meisten beschädigt scheinen die großen Gruften zu sein, die sich an den Friedhofsmauern befinden. Sie gehörten einst den

bedeutenden und wohlhabenden Bürgern von Gablonz und waren eine Zierde des Friedhofs. Der erste Friedhof in Gablonz befand sich seit 1669 unter dem Kirchenhügel, südlich der SanktAnna-Kirche und war von einer Steinmauer umgeben. Auf dem Friedhof befand sich auch eine kleine Friedhofskapelle. Die letzte Beerdigung fand hier am 13. Oktober 1809 statt. Das war drei Tage nach der Einweihung des zweiten Friedhofs, der an der Stelle der heutigen Herz-JesuKirche angelegt wurde. Auf dem Alten Friedhof ruhten die Verstorbenen bis 1860. Danach wurden sie wegen des Baus der Straße nach Liebenau auf den Neuen Friedhof umgebettet. Da auch dieser Friedhof für die ständig wachsende Stadt nicht ausreichte, legte sie zwischen 1898 und 1899 einen dritten Friedhof an, auf dem am 2. Juli 1899 – siehe oben – die erste Beerdigung stattfand und der noch heute genutzt wird. Der großzügige Plan war bereits um 1880 entworfen worden, aber die Umsetzung verzögerte sich wegen der Kosten um Jahre. Allein für das Grundstück zahlte das Rathaus fast 12 000 Gulden, für den Bau des Friedhofs wurden weitere 42 000 Gulden bezahlt. Mit der Vertreibung der Sudetendeutschen in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre verließ fast die gesamte deutsche Bevölkerung die Stadt Gablonz. Seit dieser Zeit sind die meisten der Gräber in einem schlechten Zustand, weil sie niemand mehr pflegte. Stanislav Beran

� Kunnersdorf und Lämberg/Kreis Deutsch Gabel und Rom

Gläserner Reliquienschrein für Papst Franziskus Die tschechischen Bischöfe hatten Glasmacher in Kunnersdorf im ehemaligen Kreis Deutsch Gabel beauftragt, ein Geschenk für Papst Franziskus zu kreieren. Gestern überreichten sie dem Papst in Rom ihren gläsernen Schrein mit einer Reliquie der heiligen Zdislava von Lämberg. Martina Schneibergová und Tomáš Mařas von Radio Prag berichten.

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is zur Übergabe war das Aussehen des Glaskunstwerks aus Kunnersdorf ein Geheimnis. Während eines Gottesdienstes in der Kunnersdorfer KristallglasKirche, den der Apostolische Nuntius Charles Daniel Balvo Anfang Oktober zelebrierte, verhüllte ein Schleier den vor dem Altar stehenden Schrein. Der Bi-

schof Balvo hatte sich das Geschenk jedoch schon zuvor ansehen dürfen. Sein Urteil: „Der Reliquienschrein ist sehr schön und interessant gestaltet. Ich war beeindruckt und auch überrascht.“ Das Geschenk für den Papst stammt von dem Unternehmen Pačinek Glass in Kunratice. Firmenmanager David Sobotka erklärt, warum das Kunstwerk noch nicht der Öffentlichkeit präsentiert wurde: „Es geht darum, daß der Heilige Vater der Erste sein soll, der das Geschenk sieht. Wir wollen nicht, daß es fotografiert wird und die Bilder in die Medien gelangen. Das wäre genauso, als wenn jemand Ihnen verraten würde, was Sie unter dem Weihnachtsbaum finden werden.“ Der Schrein hat die Form einer Monstranz. In der Mitte ent-

hält er eine kleine Reliquie der heiligen Zdislava. Der Zwickauer Pfarrer Rudolf Repka erklärt die Bedeutung der Verzierungen: „Drei Kameen symbolisieren die Heilige Familie, die Heilige Dreifaltigkeit und auch drei göttliche Tugenden. Zwölf Strahlen stehen für die zwölf Stämme Israels oder auch für die zwölf Apostel. Auf der anderen Seite des Schreins gibt es sieben Strahlen. Diese symbolisieren die sieben Gaben des Heiligen Geistes sowie den siebten Tag, an dem Gott geruht hat.“ Jiří Pačinek und sein Team hatten fast zwei Wochen lang an der Glasschöpfung gearbeitet, sagt Manager Sobotka. Er betont: „Der beste tschechische Glasgraveur, Arno Čančík, stellt Zdislava auf dem Werk als die Patronin

der Armen, Kranken und Famili- en stammende Hofdame der Köen dar.“ nigin Kunigunde, der staufischen Graveur Čančík berichtet, Gemahlin des Königs Wenzel. ebenfalls fast zwei Wochen lang an den einzelnen Teilen des Kunstwerks in seiner Werkstatt gearbeitet zu haben. „Ohne Lupe kann man dabei nicht vorgehen. Die Figur ist etwa vier Millimeter groß, und ich sollte ihr zudem eine Mimik verleihen.“ Zdislava wurde um das Jahr 1220 geboren. Ihr Vater Pribislaw von Krzizanau war Oberstburggraf, das heißt Verwalter des königlichen Schlosses in Brünn, ihre Mutter Die heilige Zdislava mit der Gabler Kirche. war eine aus Sizili-

Als 20jährige heiratete Zdislava Ritter Gallus – tschechisch Havel – von Lämberg. Der böhmische Chronist Dalimil lobte im 14. Jahrhundert Zdislavas Barmherzigkeit, Wohltätigkeit sowie ihre Heilungsmethoden. Sie wurde als Beschützerin der Armen und Kranken verehrt. Zdislava starb 1252 und wurde in der Basilika in Gabel bestattet. 1995 sprach Papst Johannes Paul II. sie heilig. Sie gilt als Patronin des Kreises Reichenberg und als Hauptschirmherrin der Diözese Leitmeritz. Der Kirchenhistoriker Professor Rudolf Grulich nennt sie „Patronin der Nächstenliebe“.


REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

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� Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Gablonz-Reinowitz

Schlaraffia lockt Besucher Unter den Gästen waren Sonja Hefele, sie erhielt die Medallie der Stadt Reichenberg (Þ RZ 43/2021), Erwin Scholz sowie eine Abordnung des Verbands der Deutschen und der Heimatkreis Reichenberg. Weber schenkt Zámečník einen Wandteppich mit Augsburger Motiven.

Reichenbergs Primator Jaroslav Zámečník schenkt Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber die Nachbildung eines Reichenberger Rathausfensters.

� Reichenberg und Augsburg

20 Jahre Partnerschaft Vor 20 Jahren wurden das bayerisch-schwäbische Augsburg und das nordböhmische Reichenberg Partnerstädte.

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amit war ein Wunsch des Heimatkreises Reichenberg und des Verbands der Deutschen in Reichenberg in Erfüllung gegangen. In diesen 20 Jahren haben die Städte viele gemeinsame Projekte miteinander gestaltet, dazu gehören die Deutsch-Tsche-

chischen Kulturtage „Dialog“, die immer im Wechsel von zwei Jahren in Augsburg oder Reichenberg stattfinden. In diesem Jahr sollten die Kulturtage in Reichenberg wieder stattfinden und die Partnerschaftsfeier eingebunden werden. Auf Grund der Pandemie wurden die Kulturtage in den Mai 2022 verlegt. Aber die Partnerschaft wurde im September ausgiebig gefeiert.

deutschland wiedergegründet wurden, gelang die Rückkehr in die Tschechische Republik bisher nicht. In den großen Städten weltweit unterhält Schlaraffia nach wie vor meist eigene Häuser, während die kleineren Orts-

Bernd Sonsalla schuf für Gablonz auch den Nachbau des Aussichtsturms mit der einst berühmten Gaststätte Nickelkoppe. Das Restaurant, seit 1945 als Petřín bekannt, wurde einige Jahre als Unterkunft für ausländische Arbeiter genutzt, danach verfiel es und mußte geschlossen werden. Nun ist für das beliebte Ausflugsziel eine bessere Zukunft in Sicht. Das Restaurant soll Ende des Jahres wieder eröffnet werden. Die beide Sonsalla-Modelle der ursprünglichen Gablonzer Bauwerke erstrahlen dank ihrer Innenbeleuchtung in ursprünglicher Schönheit. Im Haus der deutsch-tschechischen Verständigung zeigt der Zittauer Modellbauer seit den Europäischen Tagen des Kulturerbes im September auch andere Bauwerke aus dem Dreiländereck, zum

Beispiel die Bertsdorfer Mühle, die Reichenberger Wallenstein-Häuser oder den Bahnhof in Hermsdorf. „Dort sind von den sechs Bahnhofsgebäuden auch nur noch die zwei kleinsten geblieben“, bedauert er. Mit seinen Modellen will Sonsalla diese vergangene Kultur für die Nachwelt bewahren. Die Nachbauten im Maßstab 1:50 werden anhand von Bauaufnahmen und exakter Fotodokumentation geschaffen und zeichnen sich durch einzigartige Deas Schlößtailtreue aus. In jedem dieser chen NeysseModelle stecken unzählige Arburg war ein wichbeitsstunden. „Die Herstellung tiges Zeugnis der eines Modells nimmt mehr als deutsch-böhmisechs Monate in Anspruch“, erschen Geschichläutert er. te. Dessen MoZu weiteren Werken Sonsallas dell fertigte Bernd zählt das unlängst fertiggestellSonsalla nach alte Modell des legendären Hotels ten Fotos, die ihm Kaiserhof in Haindorf, das vor die hiesigen Kendem Zweiten Weltkrieg als einer der Gablon- Die Neysseburg zu deutscher Zeit. nes der luxuriösesten Hotels im zer Geschichte zur Isergebirge galt. Die mißglückVerfügung gestellt hatten. Trotz vereine in gemieteten Räumlichte Rekonstruktion 1989, bei der massiven Widerstands der Ga- keiten residieren. die Baustatik schwer beschädigt blonzer hatte die Firma Malina Das Gablonzer Schlößchen wurde, leitete sein Ende ein. 2010 Safety das Original vor zwei Jah- Neysseburg war seit 1909 der wurde die Ruine abgerissen. ren abgerissen. „Da war für mich Sitz des humoristischen Vereines Sonsallas Interesse gilt hauptein Impuls“, sagt Sonsalla. Preciosa Iserina, dem Gablonsächlich der Architektur im DreiDie Schlaraffia ist ein weltwei- zer Zweig von Schlaländereck, vor allem ter humoristischer Herrenbund. raffia. An dessen Grünaber den inzwischen Seine Mitglieder sind angese- dung hatte sich der untergegangenen Bauhene fortschrittliche Bürger, un- umtriebige Bankdirekwerken. „Es schmerzt terstützen gemeinnützige Pro- tor Richard Näbe maßmich zu sehen, wie die jekte, die sie auch mitfinanzie- geblich beteiligt. Doch einst prächtigen Bauren. Das Hauptaugenmerk der seit den 1990er Jahten nach und nach verSchlaraffen gilt Kunst, Humor ren verfiel das Gebäuschwinden“, sagt er und Freundschaft. Die 1859 in de. Entgegen der Zutraurig. „Jede GenePrag gegründete Schlaraffia wur- sicherung des neuen ration will Neues erde jedoch von den Nationalso- Besitzers Malina Safeschaffen, dem muß zialisten verboten. Seit der Ver- ty wurde das Schlößaber nicht selten das treibung der deutschen Bevölke- chen nicht in die neu Alte weichen. Und so rung ist sie in ihrem Stammland geplante Fabrikanlageht immer wieder nicht mehr vertreten. ge integriert, sondern Die Neysseburg lockt auch kleine Besucher in die Franz- ein Stück unserer GeObwohl nach der Wende vor zwei Jahren abge- Rieger-Galerie im Haus der deutsch-tschechischen Ver- schichte verloren.“ ständigung. Bild: Denisa Albianová 1990 viele Zweigestellen in Ost- rissen. Petra Laurin Das Schlößchen Neysseburg der Gablonzer Schlaraffia ist wieder zurück. Allerdings nur als Modell von Bernd Sonsalla. Der Modellbauer aus dem sächsischen Zittau möchte die Erinnerungen an das Vergangene aufleben lassen. Zu sehen ist das Werk im Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in GablonzReinowitz.

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� Talsperre in Gablonz-Grünwald

Grasinseln versus Blaualgen Eine Abordnung der Stadt Augsburg besucht mit den Abgeordneten aus Reichenberg die Ausstellung „Geschichte der Stadt Reichenberg“ im Nordböhmischen Museum.

Auf der Wasseroberfläche der Talsperre in Gablonz-Grünwald schwimmen neuerdings kleine Grasinseln. Sie sollen das Wasser von Blaualgen befreien.

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Anschließend geht es auf den 1012 Meter hohen Jeschken

Die Partnerschaftsfeier endete mit einem abendlichen Bankett im Löwen. Jeweils links die Bürgermeister, jeweils rechts Heimatkreisbetreuerin Urd Rothe-Seeliger.

TERMINE n  Donnerstag, 23. bis Sonntag, 26.  Juni 2022, Kriesdorf: 65.  Heimattreffen in Jonsdorf, Hotel Gondelfahrt, Großschönauer Straße  38. Zimmerreservierung: Telefon (03 58 44) 73 60,

eMail info@hotel-gondelfahrt. de. Auskunft: Christian Schwarz, Mobil (01 76) 99 93 30 39 oder (0 04 36 99) 11 12 59 56, Dr.Krajnc-Straße 12a, A-6060 Hall in Tirol, eMail chris@clcs.at

as ist ein einzigartiges Wasserreinigungssystem“, erklärt die Gablonzer Rathaussprecherin Jana Fričová. Die Talsperre ist im Sommer täglich Ziel von mehr als 5000 Menschen, darunter viele Deutsche. Seit Jahren kämpft der Stausee gegen Blaualgen. „Das erste Mal 2008. Ende 2018 mußten wir zeitweilig das Baden verbieten“, ergänzt Fričová. Blaualgen sind Bakterien, die bei der Photosynthese Gifte produzieren. Der Kontakt kann Haut- und Schleimhautreizung, Bindehautentzündung, Ohrenschmerzen, Durchfall, Fieber, Atemwegsprobleme und allergische Reaktionen hervorrufen. Ernste Gefahr droht beim Verschlucken größerer Mengen kontaminierten Wassers, was besonders bei Kleinkindern oder Hunden vorkommen kann. Seit 2019 kämpft die Stadtleitung mit der Firma Photon Water Technology (PWT) gegen die Bakterien. Schließlich wurden auf der Talsperre Grasinseln installiert, die man vorerst als Plattformen für eine Ultraschalltechnologie nutzte. „Die Wurzeln der schwimmenden Grüninseln sind Kläranlagen mit mehrfacher Funktion“, erklärt der Firmendirektor Petr Kvapil. Die Graswurzeln entziehen den Blaualgen die Nährstoffe und vermindern das nötige Licht. Das bremst das Wachstum der Blaualgen. Gleichzeitig bieten sie dem Bioplankton und weiteren Organis-

men, die die Ausbreitung von städtische Gewässer Mitteleuro- fessor für Wasserbau, BaukonBlaualgen und Algen hemmen, pas. Das Bauwerk vom Anfang struktion und Baustofflehre an gute Bedingungen. Dies begün- des 20. Jahrhunderts ist eine ty- der Technischen Hochschule Aastigt die biologische Vielfalt des pische Intze-Staumauer, eine der chen. In Deutschland gilt er als Gewässers, verstärkt die Selbst- sechs Talsperren, die im Flußge- Gründer des modernen Wasreinigung und verbessert die biet der Görlitzer oder Lausitzer serbauwesens. Er erkannte, daß Neiße Hochwasserschutz, Auf- sich aufgrund der Topographie Wasserqualität. „Das Verfahren der Reichen- höhen von Niedrigwasser und der Hochwasserschutz günstig ge- mit Wasserkraftnutzung kombiberger Firma PWT ist einmalig Brauchwasserversorgung in der Tschechischen Republik“, währleisten sollten. Sie ist gleich- nieren läßt, und begründete sobetont Fričová. „Es ist eine wei- zeitig auch ein bleibendes Zeug- mit die moderne Wasserwirttere Maßnahme zur Blaualgen- nis der gleichermaßen deutschen schaft. Veranlaßt durch die schwebekämpfung. Nach dem Ableiten wie böhmischen Ingenieursvon Abwässern versuchten wir es kunst, ein Denkmal der Technik. ren Überschwemmungen an den Die weiteren, von Intze ent- Nebenflüssen der Oder aus dem mit Ultraschalltechnologie auf Schwimmpontonen“, ergänzt der worfenen Talsperren Harzdorf, Riesengebirge in den Jahren Vizebürgermeister für die Stadt- Friedrichswald an der Schwar- 1888, 1890 und 1897, pochte Kaientwicklung, Petr Roubíček. Al- zen Neiße, Voigtsbach, Mühl- ser Wilhelm II. auf Maßnahmen lein heuer zahlte die Stadt für die scheibe am Scheidebach wurden gegen das Hochwasser. Intze beMaßnahmen gegen Blaualgen 1906 bis 1909 errichtet. Zum Bau reiste diese Gebiete und erarbeider Talsperre Görsbach/Giersch- tete rasch relativ detaillierte Proumgerechnet 33 000 Euro. „Derzeit schwimmen im zwei- bach kam es auf Grund der gro- jekte für Talsperren. Sechs Stauten Reservoir beim Damm zwi- ßen Weltkrise und des nachfol- anlagen von 40 entwarf er für schen dem ersten und zwei- genden Ersten Weltkrieges nicht Böhmen, das 1897 an der oberen ten Becken 40  Grasinseln. Im mehr. Otto Adolf Ludwig Int- Görlitzer Neiße ebenfalls vom Schachbrettmuster angeordnet ze (1843–1904) war ein deut- Hochwasser heimgesucht wurde. Petra Laurin bedecken sie eine Fläche von 600 scher Bauingenieur und ProQuadratmetern“, erklärt Kvapil. Nach langwierigen Verhandlungen mit Povodí Labe, der staatlichen Wasserverwaltung der Elbe, kam der Vertrag für die Installation der grünen Kläranlage für die Talsperre Grünwald zustande. „Die Vertragslaufzeit beträgt fünf Jahre, die Kosten betragen 14 000 Kronen im Jahr“, so Petr Roubíček. Die Talsperre unweit des Gablonzer Stadtzentrums Grüne Grasinseln reinigen die Grünwald-Talsperre. Bild: Jana Fričová ist das größte inner-


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Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Dux

Ladowitz

Ossegg

für die Kreise Dux, Bilin und Teplitz-Schönau

Bilin

Teplitz-Schönau

Heimatlandschaft Erz- und Mittelgebirge – Landschaftsbetreuer: Dietmar Heller, Hillenloher Straße 10, 87733 Markt Rettenbach, Telefon (0 83 92) 9 34 72 77, Telefax 9 34 72 78, eMail dietmar.heller@deheller.de. Heimatkreis Bilin – Patenstadt Gerolz­hofen; Heimatkreisbetreuer: Dietmar Heller. Internet www.heimatkreisbilin.de. H ­ eimatkreis Dux – Patenstadt Miltenberg; Heimatkreisbetreuer: Klaus Püchler, In den See­gärten 35a, 63920 Großheubach, Tele­fon (0 93 71) 9 94 01, eMail ­klauspuechler@web.de. Heimatkreis Teplitz-Schön­au – Paten­stadt Frankfurt am Main; Heimatkreisbetreuer: Erhard Spacek, Franz-Schubert-Straße 13, 01796 Pirna, Telefon (01 60) 95 32 07 27, eMail spacek@ teplitz-­schoenau-freunde.org. Redak­tionsschluß: Freitag der Vorwoche. Redaktion: Lexa Wessel, eMail heimatruf@ sudeten.de

Klostergrab

Das Haus der Familie Hermann steht Am Graben 448.

Bilder: Jutta Benešová

Graupen

Niklasberg

Gebet des jüdischen Geistlichen Tomáš Pulc vor dem Haus der Feldmanns auf dem Marktplatz.

�  Teplitz-Schönau – Teil II und Ende

Vier Stolpersteine in Kaaden E

ine größere Gruppe aus Kaaden und Umgebung sowie Vertreter der Teplitzer Jüdischen Gemeinde suchten die ersten vier Kaadener Stolpersteine auf. Deren Initiator Petr Hlaváček berichtete über die betroffenen jüdischen Familien. Weitere Gedenksteine sind geplant. Zunächst galt der Besuch dem Haus Nr. 121 auf dem Platz des Friedens, dem ehemaligen Marktplatz. In diesem Haus lebte seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Familie Feldstein. Von der großen Familie Feldstein, deren Kaadener Zweig ein angese-

henes Textil- und Modegeschäft führte, wohnten in dem Haus zuletzt nur noch Rosa Feldstein/ Fischl (*1893) und ihr Sohn Otto Feldstein (*1922), der das Gymnasium in Kaaden besuchte. Ihr Mann Siegfried Feldstein war schon 1926 verstorben. Nach dem Anschluß des Sudetenlandes übersiedelten Mutter und Sohn nach Prag. 1942 wurden sie in das Ghetto nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Weitere vier Familienmitglieder erlitten das gleiche Schicksal. Überlebende der Familie Feld-

stein versuchten nach 1945 eine Restitution des Hauses in Kaaden. Diese scheiterte 1948 am kommunistischen Regime. Auch ihr Name wurde aus dem Gedächtnis der Stadt verdrängt. Nach einem Gebet im Gedenken an die Familie Feldstein begab sich die Gruppe zu einem weiteren Haus, das die Familie Hermann bewohnt hatte. Deren Schicksal war abenteuerlich und zugleich tragisch. Oswald (1885–1942) und Hermine Hermann/Zentner (1892–1942) ließen sich zunächst in der Kaadener Neustadt nieder, in der sie

Das Museum in Aussig.

�  Aussig

Ausstellung „Unsere Deutschen“ Im Museum der Stadt Aussig entsteht eine dauerhafte Ausstellung über die Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung der böhmischen Länder unter dem Titel „Unsere Deutschen“. Die Ausstellung eröffnet feierlich am 17. November. Ab dem 18. November ist sie für die Öffentlichkeit freigegeben. Jutta Benešová berichtet.

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iese bereits seit Jahren geplante Ausstellung nähert sich nun ihrer Vollendung. Die Ausstellung enthält 500 Exponate in 22 Ausstellungsräumen, ergänzt durch eine Reihe moderner und multimedialer Elemente wie Filmprojektionen und interaktive, digitale Landkarten. Dieses Projekt steht unter der Schirmherrschaft der gemeinnützigen

Gesellschaft Collegium Bohemicum, dessen Direktor Petr Koura ist. Die Ausstellung zeigt die Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung und die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert. Die Sammlung der Exponate hat etwa zehn Jahre gedauert und ent-

ein Lebensmittelgeschäft führten. Nach 1918 fanden sie ein neues Zuhause Am Graben 448. Dort wuchsen ihre Kinder Johann, Friedrich und Margit auf. Oswald Hermann war eine führende Persönlichkeit der Jüdischen Gemeinde in Kaaden. 1924 war er Verwalter der Neuen Synagoge, die seinem Wohnhaus gegenüberstand. Anfang September 1938 besetzten Nationalsozialisten Kaaden. Hermann wurde wegen angeblichem verbotenem Getreidehandel eingesperrt. Sein Haus wurde konfis-

ziert und diente der Wehrmacht als Kaserne. Die restliche Familie floh nach Prag. Auch Oswald Hermann ging nach seiner Entlassung 1939 nach Prag. Den Kindern gelang die illegale Auswanderung nach England und Palästina, wo sie in der britischen und israelischen Armee dienten. Sohn Johann starb in deutscher Kriegsgefangenschaft. Den Eltern gelang die Flucht nicht mehr. Im Oktober 1941 deportierte man sie nach Litzmannstadt in Polen. Dort fanden sie 1942 den Tod. Das geräumige Haus ist nun Sitz

hält auch Leihgaben aus über 20 Institutionen. Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war bei seinem Staatsbesuch Ende August der erste offizielle Besucher der Ausstellung. Er lobte die Bemühungen des Collegium Bohemicum. Ihn interessierte unter anderem das Original eines Briefes von Franz Kafka, aber auch die gotische Madonna aus dem 13.  Jahrhundert, die aus dem Rheinland stammt und dank Karl IV. an den böhmischen Hof gelangte. Diese beiden Exponate sind nur kurze Zeit in der Ausstellung zu sehen. Dann müssen sie wieder in das Prager Nationalmuseum zurückkehren. Aus Deutschland kommen häufig Anfragen, wann die Ausstellung eröffne und zugänglich sei. Die feierliche Eröffnung der Dauerausstellung findet am 17.  November unter Teilnahme bedeutender politischer und kultureller Persönlichkeiten, auch aus dem Ausland, statt. Am 18. November um 10.00 Uhr wird die Ausstellung für die Öffentlichkeit freigegeben. Dabei werden zwei kommentierte Führungen, jeweils um 11.00 und 17.00 Uhr, angeboten. Der Kurator der Ausstellung, Petr Koura, begleitet diese Führungen. Der Eintritt ist an diesem Tag frei. Für die kommentierten Führungen ist eine Reservierung über www. vstupenkyusti.cz nötig.

�  Teplitz-Schönau – Teil II und Ende

Städtisches Museum Aussig, Masarykova 1000/3, Dienstag bis Sonntag 9.00–17.00 Uhr, Eintritt 80 Kronen, umgerechnet 3,50 Euro.

der Feuerwehr von Kaaden. Auch dort sprach der Geistliche Tomáš Pulc ein Gebet in Hebräisch. Anschließend fand der Vizebürgermeister von Kaaden, Jan Losenický, dankende Worte. Auch Schüler des hiesigen Gymnasiums nahmen an der Ehrung der Stolpersteine teil. Vizebürgermeister Losenický legte ihnen ans Herz, daß es nie wieder zu solchen Ereignissen kommen dürfe – gerade in dieser Zeit des wiedererwachenden Antisemitismus eine eindringliche Bitte an die junge Generation. Jutta Benešová

Positive Veränderungen E

ine etwas eigenwillige Erinnerung an Ludwig van Beethovens 350. Geburtsjubiläum erschien in der Umgebung des Teplitzer Kurhauses Beethoven gleich in mehreren Ausführungen im Sommer  2020. Bereits nach der politischen Wende 1989 traten einige Graffiti-Künstler und später Streetart-Künstler in Teplitz auf, deren Kunstwerke sich an verschiedenen öffentlichen Plätzen zeigten. Diese Art der künstlerischen Darstellung wurde und wird von der Stadt unterstützt. Eines der Werke sehen wir nun im Andenken an Ludwig van Beethoven. Man kann dazu geteilter Meinung sein. Eine Büste des berühmten Komponisten schuf der tschechische Bildhauer Václav Kyselka (1921–2017). Sie schmückt

Steinerne Büste des Komponisten Ludwig van Beethoven.

Streetart-Erinnerung an Ludwig van Beethoven.

seit 1971 den Schloßgarten. Die ursprüngliche Bronzebüste verschwand allerdings 2002 und endete höchstwahrscheinlich in einer Altmetallsammelstelle. Stattdessen ist nun eine Büste aus Stein zu sehen. Jutta Benešová


HEIMATBOTE

Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Bischofteinitz

Ronsperg

FÜR DEN KREIS BISCHOFTEINITZ

15 Hostau

Heimatkreis Bischofteinitz – Patenstadt Furth im Wald. Heimatkreisbetreuer: Peter Pawlik, Palnkamer Straße 73a, 83624 Otterfing, Telefon (0 80 24) 9 26 46, Telefax 9 26 48, eMail peter-pawlik@t-online.de, Internet www.bischofteinitz.de. Spendenkonto: Heimatkreis Bischofteinitz, Raiffeisenbank Chamer Land – IBAN: DE55 7426 1024 0007 1343 20, BIC: GENODEF1CHA. Heimatbote für den Kreis Bischofteinitz – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Verantwortlich von seiten des Heimatkreises: Peter Pawlik. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

Die Hostauer Töpfer

Der Donner rollt, das Bächlein rauscht „Dunkel lag der frühe Morgen über der Stadt, und dichte Schneeflocken fielen auf das weite Land. Friedlich lagen die Häuser eingebettet im Tal, und die alten Petroleumlampen der Stadt leuchteten schemenhaft in die langsam beginnende Betriebsamkeit des werdenden Tages. Irgendwo krähte ein Hahn, als wollte er die letzten Schläfer aus den Betten holen. Die Bauern huschten mit ihren Stalllaternen über die Hinterhöfe. Sie konnten es kaum erwarten, bis sie von den wärmenden Ställen aufgenommen wurden, um dort die klirrende Kälte, die sie aus der Dunkelheit mitbrachten, abzuschütteln“, beginnt das Kapitel „Die Töpfer aus Hostau“ im Buch „Der Bezirk Hostau. Heimat zwischen Böhmerwald und Egerland“.

Julia, der Schwarzkopf und die Pilsener Polizei

Kripo zieht positive Bilanz Bürgermeister Zdeněk Novák und sein Stellvertreter Stanislav Antoš ehren Mitarbeiter der Städtischen Wälder Taus mit einem Empfang im Rathaus. Die Bevölkerung hatte den Atem angehalten, als die achtjährige Julia aus Berlin am Abend des 10. Oktobers in den weitläufigen Wäldern des Schwarzkopf, mit 1042 Metern die höchste Erhebung des Böhmischen Waldes, nach einem Familienausflug verschwunden war. Zwei Tage später kam nach der Zeit des Hoffens und Bangens am frühen Nachmittag des 12. Oktobers dann die erlö-

D

sende Nachricht: Martin Semecký, ein Förster der Städtischen Wälder Taus, hatte das Mädchen im hohen Gras bei einer Waldlichtung lebend entdeckt. Das war die wichtigste Nachricht. Stark unterkühlt wurde das Mädchen in das Krankenhaus nach Cham gebracht. Nun sind rund drei Wochen ins Land gezogen und auch die tschechische Seite, auf deren Gebiet die Suchaktion mit

rund 1400 deutschen und tschechischen Einsatzkräften überwiegend abgelaufen war, zieht eine Bilanz, die von der deutschen Seite als aufwendigste Aktion bezeichnet wurde, die jemals grenzüberschreitend in der Region durchgeführt worden sei. Kürzlich wurden sechs Forstarbeiter der Städtischen Wälder im Tauser Rathaus im Rahmen eines Empfangs geehrt.

ie Kriminalpolizei Pilsen, hatte, sagte, daß er den Böhmi- gearbeitet habe, habe das Mäddie von Anfang an offen mit schen Wald wie seine Westenta- chen schließlich gefunden. Desder Fahndung umgegangen war, sche kenne, denn er lebe hier seit sen außerordentliche Geländehatte noch am Abend des Ver- mehr als 40 Jahren. Als er von kenntnisse seien unbezahlbar schwindens über ihre Internet- dem vermißten Mädchen gehört gewesen, lobt die Kriminalpoliseite auf die Fahndung aufmerk- habe, sei er sofort zum Schwarz- zei. Doch Semecký meint, er sei sam gemacht und mit einem Fo- kopf gegangen. Er habe ange- kein Held. Helden seien die, die to nach dem vermißten Mädchen nommen, daß das Mädchen in in den drei Tagen im Wald Blut gesucht. Nun blickte sie zurück der ersten Nacht nicht weit habe geschwitzt hätten. Und die größund sagte, daß die Geschichte laufen können, weil es bewölkt te Heldin sei Julia, die trotz der mit einem Wunder geendet ha- und völlig dunkel im Wald gewe- Kälte zweieinhalb Tage im Wald be. Und auf ihrer Facebooküberlebt habe. Seite steht: „Viel Glück, JuDann läßt die Kriminalpolilia.“ zei noch einmal jenen DiensDie Pilsner Kripo sagte tag Revue passieren. Gegen auch, daß die Berichte über 13.00 Uhr habe sich ein dreidie Suche nach Julia am meiköpfiges Team unter Fühsten gelesen worden seien. rung des Försters Martin SeDeshalb habe man beschlosmecký von Bistritz an der sen, eine abschließende ZuAngel bergauf Richtung Böhsammenfassung zu veröffentmischer Brunnen auf den Weg lichen. Als die Medien berichgemacht, wo sie das Mädchen tet hätten, daß Julia lebend Auch Martin Semecký, der Julia gefun- gefunden hätten. Dabei habe gefunden worden sei, sei- den hatte, bekam eine Urkunde und einen die Polizei ihnen den genauen die meisten der an der Su- Bildband über Taus. en Ort zugewiesen, an dem Bilder: Elisabeth Bokotejová sie hätten vorbeigehen sollen. che beteiligten Personen absolut euphorisch gewesen. Doch Und tatsächlich habe man dort danach habe die meisten von ih- sen sei. Nicht einmal die eigene das Mädchen gefunden, nachnen eine gewaltige Erschöpfung ausgestreckte Hand sei sichtbar dem man schon am Vormittag überkommen. Aus diesem Grund gewesen. fünf Stunden in diesem Gebiet habe man mit der Auswertung Die Kripo informiert auch, wer gesucht habe. Laut Semecký sei der Ereignisse etwas gewartet, an der Suche teilnahm. Die Such- Julia aus der unteren Vegetatidamit sich alle zunächst erholen aktion vor Ort hätten der Stell- on vor ihnen aufgestiegen. Dakonnten. vertretende Regionaldirektor der bei habe sie sich, verängstigt von Dann werden Aussagen von Polizei der Tschechischen Repu- den Umgebungsgeräuschen, verSuchenden zitiert, die einen Ein- blik für den Außendienst, Oberst steckt und vor den Rettern dablick in deren Gefühle geben. Ei- František Vítek, und der Kom- vonlaufen wollen. Aber dann haner sagte: „Als Polizist habe ich mandant der regionalen Straf- be sie zu sprechen begonnen, schon Dutzende Suchaktionen verfolgungseinheit, Major Petr und Martin Semecký und seine miterlebt. Wenn wir ein Kind su- Masek geleitet. An der Suche Kollegen hätten das unterkühlte, chen, kannst du sogar 30 Kilo- hätten sich Polizisten der ver- aber unverletzte Mädchen zum meter laufen und fragst dich im- schiedensten Einheiten, aber Auto gebracht und die Crew inmer noch, was ist, wenn es hin- auch Hundeführer und sechs rei- formiert. Von dort hätten sie die ter diesem Felsen steckt. Dann tende Polizisten beteiligt. Zum Feuerwehrleute auf dem kürzegehst du auch dort noch hin. Du Such-Kommando hätten außer- sten Weg nach Böhmisch Kubitkannst einfach nicht mit der Su- dem Berufsfeuerwehrleute und zen gebracht. che enden. Du mußt weiterge- ihre freiwilligen Kollegen sowie Im Chamer Krankenhaus habe hen.“ Und ein anderer bemerk- Drohnen der Informationstech- Julia die Nacht in einem beheizte: „Am ersten Tag glaubt man, nologieverwaltung der Stadt Pil- ten Bett verbracht. Das Krankenes wird gut. Aber am zweiten sen gezählt. haus habe erklärt, daß sie vollTag weißt du, wenn es kalt ist Die Polizeibeamten seien auch kommen in Ordnung sei und mit wie in diesem Fall, daß das Wet- für die Führung von Hunderten ein paar Kratzern bei guter Geter entscheidend ist. Es ist näm- von Freiwilligen sowie der ört- sundheit am nächsten Tag nach lich schwer für ein Kind oder ei- lichen Jäger und Forstarbeiter Hause entlassen werde. nen alten Menschen, bei diesem verantwortlich gewesen. ModerJulia soll sehr schüchtern geWetter zu überleben. Man be- ne Technik habe bei der Orien- wesen sein. Ihre Angst sei dafürchtet, nur eine Leiche zu fin- tierung im Gelände geholfen. Da durch verstärkt worden, daß sie den. Aber bis zuletzt hofft man, die Suche international gewesen in einem fremden Land gewesen kein totes Kind finden zu müs- sei, habe sie mit der Zentrale des sei. Anscheinend habe sie nicht sen. Dies ist das Schlimmste, deutschen Teils am Grenzüber- verstanden, was um sie herum was du erleben kannst. So etwas gang Vollmau koordiniert wer- vorgegangen sei. Hubschrauber macht jeden Kerl kaputt.“ den müssen. seien über sie hinweggeflogen, Ein Mann, der jeden Tag an Förster Martin Semecký, der Quads seien durch den Wald geder Suchaktion teilgenommen eng mit der Polizei zusammen- fahren, und von den Straßen sei-

en Hupen ertönt. Julia habe wohl nicht erkannt, daß man sie gesucht habe. Deshalb habe sie sich versteckt. Das zeige auch die Tatsache, daß in der Nähe Baumfällarbeiten stattgefunden hätten. Das Kreischen der Kettensägen habe das Kind verängstigt. Deshalb habe es sich versteckt. Die tschechischen Rettungsdienste hätten sich über das Lob ihrer bayerischen Kollegen gefreut. Josef Weindl, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, habe die perfekte Zusammenarbeit mit den tschechischen Rettungsdiensten gelobt. Auch Bezirkstagspräsident und Landrat Franz Löffler habe der Polizei und allen anderen beteiligten Organisationen gedankt. Lööffler habe die Suche eine logistische Riesenleistung genannt. Lob sei auch vom Präsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes, Theo Zellner, gekommen. Mit 1400 Personen sei die Suche nach Julia die größte grenzüberschreitende Aktion in der Region gewesen. Ein Dank für die hervorragende Zusammenarbeit sei auch vom Deutschen Botschafter in Prag, Andreas Künne, gekommen. Die Kripo Pilsen dankte auch den Menschen aus der Umgebung, die die lokalen Wälder gekannt hätten und wertvolle Mitsucher gewesen seien. Kürzlich dankte die Stadt sechs Forstarbeitern der Städtischen Wälder Taus im Festsaal des Rathauses im Rahmen eines Empfangs für die Hilfe bei der Suche nach Julia. Martin Semecký, Václav Fišr, Prokop Hroník, Jan Skala, Ivan Zavadil und Jiří Dufek erhielten von Bürgermeister Zdeněk Novák eine Dank-Urkunde sowie den neuen Bildband über die Stadt Taus. Unter den Gästen war auch der Leiter der Städtischen Wälder Taus, Forstdirektor Jan Benda. Stellvertretender Bürgermeister Stanislav Antoš hob die gute internationale Zusammenarbeit hervor. Nicht erwähnt wurde bei dem Empfang, daß die Suche mit dem glücklichen Ende eines der am häufigsten gelesenen, gesehenen und gehörten Themen in den tschechischen und deutschen Medien gewesen war.

H

art waren die Lebensbedin- müde in ihre Betten, um am frügungen jener Zeit, doch man hen Morgen wieder mit dem neuklagte nicht und neidete dem en Tagwerk zu beginnen. Von Nachbarn nichts, denn es war ei- Neuem drehten sich die Töpferne hilfsbereite, friedliche Welt in scheiben, die Brennöfen wurden einer heilen Zeit. Hier und dort angeheizt, das Bleierz gestampft tauchten aus den Fenstern erste und mit etwas Wasser in die GlaLichter hinein in den grauenden surmühle gegeben. Morgen, und auf dem BengelMan stellte hauptsächlich dorf bei den Töpfern machte sich Schüsseln verschiedener Größe, schon reges Treiben bemerkbar. Töpfe, beispielsweise MilchtöpFünf Betriebe arbeiteten einst, fe, Krüge, besondere Bierkrüge, und nicht immer war es leicht, Blumentöpfe und Schalen her. sich sein Brot zu verdienen. Der Ton für die Töpfermasse wurAus der Dunkelheit lösten de bis zum Ende des Ersten Weltsich die ersten Wagen. Fest ein- krieges wegen seiner hervorragemummt, stampften die Töp- genden Qualität aus Altsattel befer neben den Fuhrwerken, wo zogen. Die Flurnamen „Talweia“ das Geschirr in Stroh gelagert und „Tallöcher“ für Ton zeugen weit über das Land transportiert davon. Die frischgedrehten Stükwerden mußte. Vorne weg Vater ke stellte man, wenn es die WitGubick, die Hand an der Brem- terung zuließ, zum Trocknen ins se, und hinter ihm Karl Gubick, Freie. So konnte man noch am gefolgt von Josef Karl. Die Rä- selben Tag die Henkel oder Grifder knarrten. Vorbei ging es an fe ansetzen. Die trockene Ware der Mühle durch die Vorstadt, wurde im Buchenholzfeuer vorbis sie in dem dichten Schnee- gebrannt, „verschrüht“, danach treiben langsam den Blicken der in die Bleiglasur getaucht und Daheimgebliebenen entschwan- nochmals bei 1000 Grad Celsius den. Sicher ging es wieder auf ir- gebrannt. gendeinen Weihnachtsmarkt, wo Die Töpfer von Hostau kanndie Frauen das Geschirr, die Töp- ten keinen Acht-Stunden-Tag. fe und Reindl und daneben auch Wenn die Brennöfen angezündie Potschamperln begutachte- det wurden, bedeutete das eiten und für einige Kreuzer erste- nen Tag und eine Nacht höchste hen konnten. Aufmerksamkeit, um das FeuDie Töpfer waren ein munteres er gleichmäßig in Gang zu halVölkchen. Sie hatten nicht nur ei- ten. Schließlich konnte ein mißnen Zunftstab in der Kirche, der lungener Ofen die Arbeit viezu feierlichen Anlässen mit dem ler Wochen zunichte machen. Es gebührenden Ernst mitgeführt war dann immer ein spannender wurde, sie hatten auch viel Hu- Augenblick, wenn der Ofen gemor, der in ihren Arbeiten sei- öffnet wurde und der Töpfer die nen witzigen Niederschlag fand. ersten noch heißen Stücke herDenn, wen reizte es nicht zum ausnahm und begutachtete. War Lachen, wenn er seinen Nacht- dann alles wohl gelungen, hatte topf benutzte und auf der Glasur die Plage sich also wieder einmal zu lesen bekam: „Zwischen zwei gelohnt. Dann wurde sicher nicht Bergen brummt ein Bär und vor- selten erleichtert und zufrieden ne spritzt die Feuerwehr.“ Oder: ein Dankgebet zum Himmel ge„Der Donner rollt, das Bächlein schickt. Theresia Rothmaier rauscht.“ Es gab keinen Markt, wo die Töpfer nicht zur Stelle waren. Doch niemand dachte daran, daß sie oft die weiten Anfahrtswege drei bis vier Stunden lang neben den Fuhrwerken hatten laufen müssen, um sich im strengsten Winter nicht die Füße zu erfrieren. Und waren sie dann spät nachts heimgekommen und hatten das Vieh ausgeschirrt, fielen sie tod- Norbert Neidhardt: „Töpfer an der Freidrehscheibe“.


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Sudetendeutsche Zeitung Folge 45 | 12. 11. 2021

Heimatbote für den Kreis Ta<au

Heimatkreis Tachau – Patenstadt Weiden in der Oberpfalz. Heimatkreisbetreuer: Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Aubergstra­ße 21, 83352 Altenmarkt, Tele­fon (0 86 21) 6 36 27, Telefax 64 75 27, eMail wolf-dieter.hamperl­ @online.de. In­ter­net www.tachau.de. Tachauer Heimatmuseum: Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a, 92637 Weiden, Telefon (09 61) 81 41 02, Telefax 81 41 19, eMail museum@tachau.de. Spendenkonto: Heimatkreis Tachau, HypoVereinsbank Nürnberg – IBAN: DE38 7602 0070 0002 0824 54, BIC: HYVEDEMM460. Heimatbote für den Kreis Tachau – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

� Paulusbrunn

Grenzüberschreitendes Totengedenken Auch heuer fand zu Allerheiligen wieder ein grenzüberschreitender Friedhofsbesuch im ehemaligen Paulusbrunn statt.

W

ohl einmalig im bayerischböhmischen Grenzgebiet ist, daß ein Priester aus der deutschen Nachbarpfarrei, hier Bärnau, über die Grenze geht und dort mit den ehemaligen Bewohnern des verschwundenen Dorfes im wieder errichteten Friedhof eine Totenandacht mit Gräbersegnung hält. Gleich nach der Wende befaßten sich die ehemaligen Bewohner von Paulusbrunn, viele von ihnen hatten sich in Bärnau und Umgebung angesiedelt, mit der Neugestaltung des verwüsteten Friedhofs. So wagte der damalige Stadtpfarrer Siegfried Wölfel, hinüberzugehen und die Gräber zu segnen. Alle folgenden Priester übernahmen diese Tradition und ziehen jedes Jahr, mit Ausnahme des Coronajahres 2020, am Allerheiligennachmittag nach Paulusbrunn. Trotz Dauerregens waren 30 Besucher gekommen, darunter viele Nachkommen der Paulusbrunner einschließlich der Urenkelgeneration. Pfarrer Konrad Amschl freute sich, daß die Erinnerung an die Vorfahren so hoch gehalten werde. Er betonte, wie wichtig das Gedenken und das Wissen, woher man komme, seien. Während er die Gräber mit Weihwasser besprengte, trug Ingrid Leser die Fürbitten für die im Friedhof ruhenden und im

vergangenen Jahr verstorbenen Paulusbrunner vor. Mit dem Lied „Segne Du, Maria“ endete dieses feierliche Totengedenken. Im Namen der Paulusbrunner und an Stelle des am 15. Dezember verstorbenen Ortsbetreuers Hans Wettinger übernahm Leser die Bekanntgabe der Namen der in den letzten beiden Jahren verstorbenen Paulusbrunner. Sie erwähnte noch einmal Wettingers Verdienste um das Wach-

halten der Erinnerungen an das Dorf Paulusbrunn. Wettinger sei Mitinitiator und Mitautor des ersten Paulusbrunner Heimatbuches gewesen. Außerdem habe er sich für die Wiedererrichtung des Friedhofs eingesetzt, der zu einer wesentlichen Gedenk- und Meditationsstätte entlang der Grenze geworden sei. Sie dankte Pfarrer Amschl für die würdige Gestaltung der Feier. Ihr Dank galt auch all jenen, die sich das runde Jahr über um den Friedhof kümmerten. Dazu

Familie Rehmann.

Das Zentralkreuz auf dem Paulusbrunner Friedhof, links das Gästebuch mit vielen deutschen und tschechischen Namen.

gehörten eine Gruppe aus Her- deckte er im Moor einen glatten mannsreuth, die die Mäharbei- Stein. Bei näherer Betrachtung ten und das Sauberhalten des konnte er sogar eine Inschrift Friedhofs übernähmen, Frau- entziffern: „Ruhestätte der Famien, die sich um die Anpflan- lie Rehmann. Anna Rehmann.“ zung und Pflege um die AnlaSofort machte er sich auf die ge am Zentralkreuz und diverse Suche nach den Nachfahren der Gräber kümmerten, sowie Ferdi­ in Bärnau lebenden Familie. Und nand Zwerenz, der so was wie der siehe da, es war der Grabstein der Friedhofskümmerer sei und im- Großeltern von Emmi Rössler, mer gerne als heimatkundlicher geborene Rehmann aus WitFührer zur Verfütichsthal Nr. 26 mit gung stehe. Hausnamen RounLeser verwies Ferdl oder Daumauch auf weitere schousta. Die FamiGeschehnisse. Die lie konnte den Fund Hermannsreuther gar nicht fassen hätten einen neu75 Jahren nach der en, zweisprachiVertreibung, nach gen Wegweiser zum der Verwüstung Friedhof geschaffen. des Friedhofs, nach Auf dem Friedhof dem Niederreißen gebe es seit Septemvon Paulusbrunn. ber ein Kästchen, in Die Urenkelin Betdem ein Büchlein tina Rössler ist beliege, in das sich jegeistert, ihre Wurder Besucher eintrazeln gefunden zu gen könne. Schön Anna und Johann Reh- haben. Nach einem sei, daß dort bereits mann. Jahr nun, Mitte Okviele deutsche und tober und noch vor tschechische Namen stünden. Allerheiligen, konnte der GrabDiese Namen bestätigten das In- stein aus dem Moorgebiet geborteresse an der Gedenkstätte. gen werden. Ein ganz großes Ereignis, vielDie Familie stellte fest, daß es leicht sogar Wunder, war der allerdings nur ein Teil des OrigiFund eines Grabsteins in rund ei- nalsteines ist, aber der wichtignem Kilometer Entfernung in der ste mit den Namen. Sie läßt den sogenannten Zimmerlouh. Vor Stein nun beim Steinmetz heretwa einem Jahr war der Bärnau- richten. Wenn das Wetter noch er Josef Zant wieder einmal auf eine Weile hält, kann er wieder einem Erkundungsgang durch auf seinen ursprünglichen Platz das verschwundene Paulus- im Paulusbrunner Friedhof zubrunn. In der Zimmerlouh ent- rück. dr

Inschrift auf dem Rehmann-Grabstein.

Bergung des Grabsteins.

WIR BETRAUERN n  Schönnbrunn. Am 29. September starb Angela Vorderwinkler/Güntner mit 84  Jahren im oberösterreichischen Wilhering. Geboren am 26. Juli 1934, wuchs sie in Tachau in der Schönbrunner Straße  1203 auf. In dem neuen Haus betrieben die Eltern Katharina, geborene Burdack aus Schönbrunn, und Anton Güntner aus Frauenreith einen Butter-, Eier-, Geflügelund Gemüsehandel. Ein Lieferwagen fuhr die Waren ins Tachauer Krankenhaus und in viele Bäckereien. Den Lieferwagen nutzten auch andere Betriebe. Angela besuchte die Volksschule und die Bürgerschule in Tachau. Mit ihren Eltern und Bruder Hans übersiedelte sie Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich. Sie wurde Arbeitsoberlehrerin für Hauswirtschaft und

Handarbeit. Pünktlichkeit, Sorgfalt und Freude am Weitergeben von Bildung zeichneten ihr Berufsleben aus. Hochzeit feierte sie 1961 mit Oberstudienrat und Schuldirektor Franz Vorderwinkler. Die Geburt von Sohn Markus 1966 machte aus einem glücklichen Ehepaar eine glückliche Familie. Die in der Bürgerschule in Tachau begonnene Freundschaft mit Anna Rumpler, verheiratete Haubner aus Tachau, Annemarie Schneider, verheiratete Leitner aus Schönbrunn 145, und Marianne Rösch, verheiratete Scharf aus Schönbrunn 134, überstand Krieg, Aussiedlung und Vertreibung. Schon bald wurden die Kontakte wieder geknüpft, die Treffen an den Sudetendeutschen Tagen wurden herbeigesehnt, und die Schulfreundinnen besuchten sich gegenseitig. An-

gela Vorderwinklers Heimatliebe trugen Mann Franz, Sohn Markus und Schwiegertochter Eva mit. Oft reiste sie mit der Familie in den geliebten Kreis Tachau. Ihr war vergönnt, noch einmal ihr Elternhaus zu betreten. Ihrer Vorfahren von der Maschamühle in Purschau gedachte sie dankbar und stolz. Die Reste der Sankt-Anna-Kirche bei Purschau waren ihr immer einen Ausflug wert. Viele Reisen fanden Mitte August statt, um die Gottesdienste zu Ehren Mariä Himmelfahrt in der Erzdekanalkirche mitzufeiern, zuletzt 2019. Diese kleinen Treffen entfalteten eine große Wirkung. An diesem Tag wurden die Erinnerungen am Ort der glücklichen Kindheit wieder lebendig. Franz Vorderwinkler verstarb am 5. März 2019. Von Sohn Markus und Schwiegertochter

Eva liebevoll und fürsorglich unterstützt, versuchte Angela Vorderwinkler tapfer, ihren Schmerz zu ertragen. Doch die Kräfte ließen nach. Am 29. September 2021 hörte ihr gutes Herz auf zu schlagen. Die Frauen der Goldhaubengruppe Wilhering standen Spalier, als Sohn Markus die Urne mit ihrer Asche von der Aufbewahrungshalle Dörnbach in die Pfarrkirche trug. Das Requiem zelebrierte Altabt Gottfried Engelbert Hemmelmayr OCist von Stift Wilhering, langjähriger Freund der Familie. Nach der Urnenbeisetzung gedachten die Trauernden Angela Vorderwinklers in vielfältiger Weise. Alfred Baumgartner von der Egerländer Gmoi z‘ Leonding bedauerte, daß in seiner Gmoi nun die letzte Stimme verstummt sei, die Gedichte in Egerländer Mundart

so authentisch vorgetragen habe. In diesem Moment hörte wohl jeder in seinem Inneren die unnachahmliche Stimme von Angela mit ihrem immer fröhlichen Abschiedsgruß „Baba“. Ludmilla Himmel n  Haid. Am 6. Oktober starb Margaretha Schladitz/Sedlmayer mit 90 Jahren in einem Pflegeheim im sachsen-anhaltinischen Dieskau. Am 25.  November 1930 war sie in der Haider Töpferstraße 154 zur Welt gekommen. Ihr Vater Franz Xaver Sedlmayer war Zimmermann, ihre Mutter Margarethe Sedlmayer/Dobner Hausfrau. Margaretha hatte die älteren Schwestern Maria und Katharina. Aufgewachsen in

einer katholischen Familie, besuchte sie in den ersten Jahren die Klosterschule in Haid. Bis zur Vertreibung 1946 mußte sie in eine staatliche Schule wechseln. Nach der Vertreibung lernte sie in Kockwitz im Saalekreis Walter Schladitz kennen. Sie heirateten und bekamen die Töchter Marianne, Roswitha, Hannelore und Ingrid. Bevor sie in den Dienst der LPG Queis eintrat – anfangs Viehzucht, später Bürokraft –, hatte sie Schneiderin gelernt. Als sich im Alter Gebrechlichkeiten einstellten, mußte sie nach Bitterfeld in ein Pflegeheim. Später wechselte sie nach Dieskau, wo sie starb. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof in Osmünde bei Halle. Katharina Jugelt


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Sudetendeutsche Zeitung 12. November 2021 Ausgabe 4 by Sudetendeutsche_Zeitung - Issuu