Skip to main content

Sudetendeutsche Zeitung 6. August Ausgabe 31

Page 1

Zeitzeugen-Interview: Barbara Breindl erlebte als Kind den Brünner Todesmarsch (S. 3)

Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Reicenberger Zeitung 160. Jahrgang

HEIMATBOTE

Jahrgang 73 | Folge 31 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 6. August 2021 Streit um Informationen

Zeitung verklagt den Präsidenten-Sprecher S. 2

KURSE

1 CZK = 0,0392 EUR 1 EUR = 25,474 CZK

Glückwunsch zum 90.

Ruth Maria Kubitschek stammte aus Komotau S. 4

UNESCO-Weltkulturerbe

Buchenwälder des Isergebirges unter Schutz S. 5

Kolumne Mut tut gut

Gedanken von Dr. Martin Leitgöb S. 5

� Tschechische Republik

Proteste gegen Nord Stream 2 auch aus Prag

VOLKSBOTE

Postvertriebsstück · Deutsche Post AG · Entgelt bezahlt Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH · Hochstraße 8 · D-81669 München · eMail zeitung@sudeten.de

� Rekordbeteiligung der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bayern

Brünner Versöhnungsmarsch – starkes Signal für das Miteinander Rekordbeteiligung beim Brünner Versöhnungsmarsch: Über hundert Sudetendeutsche reisten nach Südmähren, um am Samstag am Massengrab in Pohrlitz der Opfer der wilden Vertreibung zu gedenken. Gemeinsam mit den tschechischen Landsleuten machten sich viele der sudetendeutschen Teilnehmer dann anschließend auf, um Richtung Brünn zu gehen.

S

teffen Hörtler, Landesobmann von Bayern: „Uns war es wichtig, ein starkes Zeichen der Versöhnung zu setzen – gerade jetzt, nach der Pandemie mit den tiefgreifenden Grenzschließungen. Wir müssen alle Versuche von Extremisten in bei-

den Ländern, die Corona als Vorwand nehmen, um alte Ressentiments wiederaufleben zu lassen, im Keim ersticken. “ Daß es deshalb gerade jetzt gelungen sei, mit zwei vollbesetzten Bussen und über hundert Teilnehmern nach Brünn zu fahren, „unterstreicht das bürgerschaftliche Engagement der Sudetendeutschen für Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung“, so Hörtler. In diesem Jahr fand der Versöhnungsmarsch bereits zum 15. Mal statt. Ins Leben gerufen hatte die Aktion Jaroslav Ostrčilík: „Die Vertreibung von 20 000 sudetendeutschen Bürgerinnen und Bürgern von Brünn und Umgebung war der tiefste Einschnitt

SL-Landesobmann Steffen Hörtler und Initiator Jaroslav Ostrčilík. in die jüngere Stadtgeschichte. Obwohl kein Ereignis das Stadtbild so nachhaltig verändert hat, wurde das Thema während der kommunistischen Herrschaft

jahrzehntelang totgeschwiegen“, erklärt Ostrčilík sein Engagement. Beim ersten Marsch wurde Ostrčilík nur von zwei Studentinnen begleitet – wohl aus Mitleid, damit er nicht alleine unterwegs sei, wie er jetzt erzählt. Damals folgte er der ursprünglichen Route von Brünn ins 30 Kilometer entfernte Pohrlitz. „Ich wollte zumindest ein Gefühl davon bekommen, welche Belastungen die Opfer des Vertreibungsmarsches erleiden mußten“, sagt Ostrčilík, wohlwissend, daß das wirkliche Leiden, die Erschießungen und Erschlagungen am Wegesrand, Hunger, Durst und Krankheiten außerhalb der normalen Vorstel-

Die Kritik am deutsch-russischen Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 hört nicht auf. Am Montag haben sich Parlamentarier aus der Tschechischen Republik einer internationalen Kampagne angeschlossen.

I

n einer Erklärung, die von Vertretern der USA, der Tschechischen Republik sowie sieben weiteren europäischen Ländern unterzeichnet wurde, wird der im Juli vereinbarte Kompromiß zwischen den USA und Deutschland über die Fertigstellung der Pipeline kritisiert. Als Vertreter Tschechiens haben der Senator Pavel Fischer und der Abgeordnete Ondřej Veselý die Protestnote unterschrieben. Dagegen hatte der tschechische Außenminister Jakub Kulhánek unlängst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sogar vorsichtiges Verständnis für die deutsche Seite geäußert. „Ich gebe zu, daß mich das Projekt Nord Stream 2 nicht besonders glücklich macht. Es hat geopolitische Implikationen und berührt auch die energiepolitischen Interessen der Staaten Mitteleuropas. Ich sehe allerdings auch die wirtschaftlichen Realitäten und wie weit das Vorhaben fortgeschritten ist. Sollte Nord Stream 2 fertiggestellt werden, darf es kein Machtinstrument der russischen Politik werden. Ich bin zuversichtlich, daß Deutschland diese Sorgen zerstreut.

B 6543

David Macek, Initiator und stellvertretender Direktor des Festivals Meeting Brno, mit seinem fünfjährigen Sohn Rafael beim Entzünden der Kerzen für die Opfer des Brünner Todesmarsches am Mahnmal im Mendel-Garten des Augustinerklosters. Fotos: Torsten Fricke

lungskraft liegen. Allein im Massengrab von Pohrlitz sind 890 Leichen begraben. Insgesamt hat der Todesmarsch mindestens 1700 Menschenleben gekostet. Seit 2015 findet der Gedenkmarsch in umgekehrter Richtung statt – als Versöhnungsmarsch von Pohrlitz nach Brünn. Dies sei ein bewußtes Signal an die ehemals Vertriebenen und deren Nachkommen, in Brünn willkommen zu sein, so Ostrčilík. Der Versöhnungsmarsch fand im Rahmen des Festivals Meeting Brno statt, das unter dem Motto „Die Wahrheit siegt?“ stand und insbesondere die Situation in Weißrußland thematisierte. Steffen Hörtler: „Es freut uns sehr, daß der Brünner Versöhnungsmarsch mittlerweile von der Politk offiziell unterstützt wird. So hat der Brünner Stadtrat vor vier Jahren mit der Deklaration zur Versöhnung und gemeinsamen Zukunft ein historisches Zeichen gesetzt.“ In diesem Jahr begrüßte der Bezirkshauptmann von Südmähren, Jan Grolich, die Teilnehmer in Pohrlitz. Und in Brünn schlossen sich der ehemalige tschechische Außenminister Tomáš Petříček, Brünns Zweiter Bürgermeister Jan Hladík, Milan Horáček, Gründungsmitglied der Grünen und ehemaliger Bundestags- und Europaabgeordneter, der ungarische Konsul István Buczko und der deutsche Kultur-Attaché Markus Klinger der Marschgruppe an, um dann im Mendel-Garten des Augustinerklosters am Mahnmal Kerzen für die Vertreibungsopfer zu entzünden. Von sudetendeutscher Seite waren unter anderem dabei: Schwester Edith Breindl, die als Kind den Brünner Todesmarsch überlebt hat (siehe Seite 3), Reinfried Vogler (Alt-Präsident der Bundesversammlung), Dr. Ortfried Kotzian (Vorstandsvorsitzender Sudetendeutsche Stiftung), Stefan Planker (Direktor Sudetendeutsches Museum), Heimatpflegerin Christina Meinusch, Peter Barton (Leiter der Prager Büros) sowie Vertreter der Seliger Gemeinde und der Ackermann-Gemeinde. Torsten Fricke

� Bundespräsidialamt bestätigt Reise / Offenbar Treffen von Steinmeier und Zeman geplant

Bundespräsident reist nach Prag Ende August wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Prag reisen, hat das Bundespräsidialamt am Montag offiziell bestätigt. Über den genauen Termin und das Programm wurden allerdings keine weiteren Angaben gemacht. Nur Monate nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten reiste Frank-Walter Steinmeier 2017 nach Prag und traf dort seinen Amtskollegen Miloš Zeman. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/ Sandra Steins

U

rsprünglich hatte Steinmeier bereits im Vorjahr Prag besuchen wollen, dann aber die Rei-

se wegen der Corona-Pandemie zwei Mal absagen müssen. Auf Grund des veröffentlichten Briefwechsels der beiden Staatsoberhäupter gehen die Prager Medien davon aus, daß sich Miloš Zeman bei einem persönlichen Treffen bei Steinmeier für die deutsche Solidarität in der Corona-Krise bedanken will. Weitere Gesprächsthemen könnten, so hatte Rudolf Jindrák,

Direktor der Auslandsabteilung der tschechischen Präsidialkanzlei, bereits im vergangenen Jahr erklärt, die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft sowie auf die nachbarschaftlichen Beziehungen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Europa sein. Steinmeier war bereits 2017 zu Gast in Prag, um im Rahmen seines Antrittsbesuchs „25 Jahre

Nachbarschaftsvertrag“ und „20 Jahre Deutsch-Tschechische Erklärung“ zu würdigen. „Wer sich an die intensiven und auf beiden Seiten auch emotional geführten Debatten um die gemeinsame Erklärung erinnert, der wird noch besser ermessen können, welchen Quantensprung wir seit damals gemacht haben“, sagte Steinmeier bei diesem Treffen mit Zeman. TF


2

TERMINE · AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6.8.2021

AUS UNSEREM PRAGER BÜRO

D

ie tschechische Staatsbahn (ČD) versucht das nicht mehr benutzte Gebäude des Bahnhofs im Prager Vorstadtviertel Modřany an die Hauptstadt Prag zu verkaufen. Das Interesse ist allerdings eher gering. Dieser Bahnhof diente von 1881 bis 1995 meist für den Gütertransport. Seitdem ist das Gebäude zu einer Ruine geworden. In den Jahren 1945 und 1946 wurde der Bahnhof auch für die Vertreibung der Sudetendeutschen genutzt. Viele Prager Deutsche mußten hier in Güter- und Viehwaggons einsteigen und wur-

PRAGER SPITZEN

den dann außer Landes gebracht. Der SL-Büroleiter Peter Barton besuchte diesen geschichtsträchtigen Ort auch, um in stillem Gebet der Opfer des nationalen Hasses zu gedenken. Insgesamt wurden mehr als drei Millionen Sudetendeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Vor Beginn dieser organisierten Vertreibung waren schon Hunderttausende Opfer von wilder Vertreibung und Gewalt geworden, so auch in Prag, wo es am 9. Mai 1945 zu Gewaltexzessen gegen Deutsche gekommen war. Die genaue Zahl der Todesopfer ist nicht bekannt.

80 Prozent weniger Flugpassagiere

D

Presseabteilung weigert sich, Anfragen kritischer Medien zu beantworten

Tschechische Zeitung verklagt den Sprecher des Präsidenten

Mit einer Klage gegen die Presseabteilung des tschechischen Staatspräsidenten Miloš Zeman will sich die Tageszeitung Deník N. gegen die mutmaßliche Benachteiligung kritscher Medien wehren.

I

n einer auf der Webseite der Zeitung veröffentlichten Erklärung (siehe unten) fordert Chefredakteur Pavel Tomášek Präsidentensprecher Jiří Ovčáček auf, diese politisch motivierte Informationsblockade zu beenden. Der Presseabteilung wird vorgeworfen, Deník N. und weitere kritische Medien, wie die renommierte Wochenzeitung Respekt, die Nachrichtenplattform SeznamZprávy sowie die TV-Redaktionen 168 hodin und Reportéři ČT, weder zu Pressekonferenzen zuzulassen noch deren Anfragen zu beantworten. Mit den Vorwürfen konfrontriert reagierte Präsidentensprecher Jiří Ovčáček harsch. Die Schritte der Zeitung verdienten nicht seine Reaktion, sag-

Deník N. hat in einer öffentlichen Erklärung begründet, warum die Zeitung Klage eingericht hat. Der Wortlaut:

U

nserer Meinung nach hat das Präsidialamt der Tschechischen Republik rechtswidrig gehandelt, als es beschloß, Fragen ausgewählter Medien, darunter Deník N., nicht zu beantworten. Es ist ein Amt wie jedes andere, es kann sich nicht aussuchen, ob es seine Pflichten erfüllt und die Gesetze einhält. Es ist die Pflicht jeder Be-

Umstritten: Jiří Ovčáček, Sprecher des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman. Foto: Wikipedia/ David Sedlecký, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de

Pavel Tomášek, Chefredakteur Deník N.

Erklärung im Wortlaut hörde, Fragen – auch unbequeme – ohne Diskriminierung gegenüber den Medien zu beantworten. Die Bürger haben das Recht, über die Handlungen des Staates informiert zu werden,

und die Medien sind dazu da, die Staatsmacht zu kontrollieren. Die Rolle der Medien und Journalisten besteht nicht darin, die staatlichen Behörden zu verklagen. Unsere Aufgabe ist es,

te Ovčáček. Und: Die Entscheidung, einigen Medien keine Informationen mehr zu liefern, diene angeblich dem Kampf gegen Desinformationen. Diese Argumentation halten die Journalisten für hanebüchen und werfen dem Pressesprecher vor, die von der Verfassung geschützte Presse- und Informationsfreiheit zu mißachten. Die Bürger, so Chefredakteur Pavel Tomášek, hätten ein Grundrecht, über die Aktivitäten des Staates informiert zu werden, und die Medien seien dazu da, um die Staatsmacht zu kontrollieren. Für Ovčáček ist es nicht das erste Mal, daß er massiv in Kritik gerät. Immer wieder fällt der Pressesprecher auf, daß er sich in sozialen Medien abfällig über ethnische oder sexuelle Minderheiten äußert. In einem Post hatte Ovčáček sogar die Europäische Union als „Drittes Reich“ und die Tschechische Republik als „Protektorat“ bezeichnet. Jaroslav Šonka

wichtige Informationen darüber zu liefern, wie sie arbeiten und ob sie richtig und zum Wohle des Landes handeln. Wir halten die Entscheidung des Präsidialamtes vom Mai jedoch für so schwerwiegend, daß wir beschlossen haben, eine Ausnahme zu machen. Wir verfolgen diese Klage nicht nur im Interesse der Deník N.. Wir sind der Meinung, daß die Grenzen dessen, was sich die Behörden in Bezug auf die Medien erlauben können und was nicht, von den Gerichten festgelegt werden müssen.

Ulf Broßmann folgt auf Wolf-Dieter Hamperl

Stabübergabe der Kulturreferenten Der bisherige Kulturreferent der Sudetendeutschen Landesmannschaft, Wolf-Dieter Hamperl, hat nach neun Jahren erfolgreichen ehrenamtlichen Wirkens die Aufgabe an den neuen Kulturreferenten Ulf Broßmann übergeben.

D

er durch zahlreiche kulturelle und grenzüberschreitende Aktivitäten bekannte Broßmann ist noch im Kuhländchen geboren und engagiert sich seit vielen Jahren für den Erhalt des kulturellen Erbes, insbesondere als Heimatkreis- und Heimatlandschaftsbetreuer Im Sudetendeutschen Heimatrat, der heimatpolitische sowie kulturelle Aufgaben bündelt, ist er stellvertretender Vorsitzender. Der Erhalt und die Fortent-

Alter und neuer Kulturreferent: Dr. Wolf-Dieter Hamperl (rechts) hat an Prof. Dr. Ulf Broßmann übergeben. Foto: Schuster wicklung der Kultur in den böhmischen Ländern liegen ihm be-

sonders am Herzen. Vielbeachtet sind seine denkmalpflegerischen

Arbeiten für das gesamte Kuhländchen. In seiner angestammten Heimat werden von tschechischen Bewohnern und Organisationen Kirchen, Kapellen, Schlösser, Friedhöfe und Denkmale renoviert, wobei Zuschüsse vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds benötigt werden. Bei vielen Projekten fungiert Broßmann als deutscher Partner. Einen großen Erfolg kann er mit der Eintragung der „Kuhländler Tänze – Vermittlung historischer Tanzkultur und transnationale Zusammenarbeit“ als Immaterielles Kulturerbe verbuchen. Mit seinen konstruktiven Vorträgen bei Tagungen in der Tschechischen Republik, dem Heiligenhof und bei Heimattreffen zählt er zu den gefragtesten Referenten. Hildegard Schuster

ramatische Zahlen: Im Zuge der Corona-Pandemie muß der Prager Flughafen einen Einbruch bei den Passagierzahlen um fast 80 Prozent verkraften. Der Betreiber, das Unternehmen Letiště Praha, berichtete, 2020 betrage der Betriebsverlust 687 Millionen Kronen (27 Millionen Euro). 2019 war noch ein Betriebsgewinn von 4,7 Milliarden Kronen (180 Millionen Euro) erreicht worden. Auf dem Prager Václav-Havel-Flughafen wurden im vergangenen Jahr insgesamt 3,66 Millionen Passagiere abgefertigt, was die niedrigste Zahl seit 25 Jahren ist. Im Jahr 2019 waren es noch fast 18 Millionen Reisende.

Autobahn D1 wird im Oktober fertig

V

erkehrsminister Karel Havlíček (parteilos) hat versprochen, daß die Zeit der Dauerbaustellen auf der Autobahn D1 zwischen Prag und Brünn bis Anfang Oktober abgeschlossen sein wird. Von den insgesamt 160 Kilometern, die dringend erneuert werden mußten, fehlen noch drei Abschnitte von insgesamt 33,5 Kilometern Länge. Die D1 ist die älteste und längste Autobahn in der Tschechischen Republik. Die Sanierungsarbeiten sollten ursprünglich schon 2018 abgeschlossen sein.

ÖPNV um bis zu 25 Prozent teurer

P

rag hat die Preise für den Öffentlichen Nahverkehr deutlich erhöht. Das 30-Minuten-Tikket kostet jetzt 30 statt bisher 24 Kronen (statt 0,94 nun 1,18 Euro) – was einer Preiserhöhung von 25 Prozent entspricht. Für ein 90-Minuten-Ticket werden statt 32 nun 40 Kronen (statt 1,26 nun 1,57 Euro) fällig. Der Preis für SMS-Tickets beträgt jetzt 31 Kronen (1,22 Euro) für 30 Minuten und 42 Kronen (1,65 Euro) für 90 Minuten. Neu eingeführt wurde ein Monatsticket für sozial bedürftige Menschen, das 165 Kronen (6,47 Euro) kostet.

In den Discos wird wieder getanzt

W

eiter gelockert worden sind die Corona-Pandemiebeschränkungen. Mittlerweile sind unter freiem Himmel Veranstaltungen mit bis zu 7000 Personen

erlaubt. In den Innenräumen ist die Gästezahl auf 3000 begrenzt. Weiterhin gültig ist die 3-G-Regelung. Alle Besucher müssen also entweder gegen das Coronavirus geimpft, getestet oder von Covid-19 genesen sein. Zudem darf in Clubs und Diskotheken nun auch wieder getanzt werden, nachdem die Zahl der Infektionen drastisch zurückgegangen ist. So wurden am Sonntag in der gesamten Tschechischen Republik nur 75 Neuinfektionen gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei elf Fällen je 100 000 Einwohner.

Fürs Impfen zwei Tage Sonderurlaub

P

ieksen für den Urlaub: Alle Staatsbedienstete, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen, bekommen zwei zusätzliche Urlaubstage, hat die Regierung jetzt beschlossen. Die beiden bezahlten Tage können bis zum Ende des Jahres genommen werden, so Premier Andrej Babiš (Partei Ano). Der Regierungschef rief die Kreis- und Gemeindeverwaltungen zu ähnlichen Maßnahmen auf, um die Menschen zum Impfen zu motivieren.

Glasfertigung soll in die UNESCO-Liste

S

echs europäische Länder einschließlich der Tschechischen Republik bemühen sich um die Eintragung der manuellem Glasfertigung in die UNESCO-Liste als immaterielles Kulturerbe. Initiiert wurde der Antrag von Frankreich. Außerdem unterstützen Deutschland, Finnland, Spanien und Ungarn die Initiative. Wie die Leiterin des Museums für Glas und Bijouterie in Gablonz, Milada Valečková, erklärte, beteiligt sich ihr Museum an der Ausarbeitung der Unterlagen für den Antrag.

N

Festival Prague Pride eröffnet

och bis Sonntag findet in der Hauptstadt das Festival Prague Pride statt, mit dem sexuelle Minderheiten auf ihre Lage aufmerksam machen. Auf dem Prager Rathaus weht während des Festivals als Zeichen der Solidarität eine Regenbogenfahne. Insgesamt stehen rund hundert Veranstaltungen auf dem Programm. Wegen der Corona-Pandemie mußte der traditionelle Umzug dagegen abgesagt werden.

Sudetendeutsche Zeitung

ISSN 0491-4546 Erscheint wöchentlich freitags. Redaktionsschluß Veranstaltungstermine: Freitag 18.00 Uhr. Redakationsschluß Montag 18.00 Uhr. Chefredaktion und verantwortlich für den Inhalt: Torsten Fricke, Nadira Hurnaus. Kulturredaktion: Susanne Habel. Korrespondent in Prag: Dr. Jaroslav Šonka; Korrespondentin in TeplitzSchönau: Jutta Benešová; Korrespondenten im Isergebirge: Stanislav Beran, Petra Laurin; Korrespondent in Berlin: Ulrich Miksch. Ständige Mitarbeit: Peter Barton, Markus Bauer, Josef Grimm, Professor Dr. Rudolf Grulich, Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Kathrin Hoffmann, Peter Pawlik, Herbert Ring, Karl Reitmeier, Hildegard Schuster, Lexa Wessel. Verlagsassistentin: Birte Rudzki. Anschrift für alle: Hochstraße 8, 81669 München. Redaktion: eMail zeitung@sudeten.de; Verlag: Telefon (0 89) 48 00 03 80, eMail svg@sudeten.de. Jahres-Abonnement 2021 Inland als Postvertriebsstück im Lastschriftverfahren 125,00 EUR einschließlich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Ausland 154,00 EUR, Luftpost auf Anfrage. Reichenberger Zeitung (24 Ausgaben jährlich) 62,50 EUR, Neudeker Heimatbrief (12 Ausgaben jährlich) 31,25 EUR. Je Rechnung 2,00 EUR Aufschlag. Bankverbindung: Postbank München – IBAN: DE13 7001 0080 0005 7278 08, BIC: PBNKDEFF; Abbestellungen mit einer Frist von vier Wochen zum Vierteljahresschluß schriftlich an den Verlag. Anzeigenpreisliste Nr. 13 vom 1. Januar 2021; Anzeigengestaltung erst nach Auftrag. © 2021 Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft. Diese Zeitung ist mit allen Texten und Bildern urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Vervielfältigung und Verwertung – insbesondere auch Weitergabe in Form von Kopien oder Einstellen ins Internet – sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrecht nichts anderes ergibt. Mit vollem Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Sudetendeutschen Landsmannschaft wieder. Gerichtsstand und Erfüllungsort München. Kein Entschädigungsanspruch bei Nichterscheinen oder Nichtlieferung infolge Streik oder höherer Gewalt. Keine Gewähr für nicht angeforderte Manuskripte, Bilder, Dokumente, Datenträger und Daten. Alle datenschutzrechtlichen Vorschriften werden beachtet; Einzelheiten unter www.sudeten.de Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH, HRB München 3796. Geschäftsführer und verantwortlich für Anzeigen: Herbert Fischer. Alleiniger Anteilseigner: Sudetendeutsche Landsmannschaft, Hochstraße 8, 81669 München. Druck und Versand: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, 86167 Augsburg.

Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.


AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6.8.2021

3

Gruppenfoto zum Auftakt des Brünner Versöhnungsmarsches in Pohrlitz: Die Sudetendeutsche Landesmannschaft war mit Bayerns Landesobmann Steffen Hörtler an der Spitze (zweiter von rechts) in diesem Jahr stark vertreten. 30. Mai 1945: Gegen 18.30 Uhr wurde die damals knapp sechsjährige Barbara Breindl mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern in Brünn aus dem Haus geholt und auf menschenunwürdige Art mit rund 27 000 Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben. Heute, mehr als 75 Jahre nach dem Brünner Todesmarsch, lebt Barbara Breindl wieder in Brünn und erinnert sich im Gespräch mit der Sudetendeutschen Zeitung an diesen Lebenseinschnitt.

� Barbara Breindl erlebte als knapp sechsjähriges Mädchen den Brünner Todesmarsch

„Die Toten wurden nicht begraben, sondern einfach liegen gelassen“

etwas Geld verdient. Das größte Glück in dieser Hungerszeit war ein amerikanischer Soldat namens Len. Er half meiner Oma einen Baum zu transportieren und wurde später ein Freund der Familie. Da er in der Proviantabteilung arbeitete, hatten wir immer zu essen. Ich empfinde große Dankbarkeit für diese Fügung. Sie haben Theologie in Passau studiert, lange als Schwester im Ursulinenorden in Duderstadt gelebt und sind dann vor ein paar Jahren nach Brünn zurückge-

F

rau Breindl, Sie waren damals noch ein Kind und haben erst später über die Erinnerungen der Erwachsenen das volle Ausmaß dieser wilden Vertreibung mitbekommen. Was ist damals passiert? Barbara Breindl: Die Menschen wurden in Fünferreihen durch die Stadt geführt. Alte Menschen und kranke Menschen, da wurde keine Rücksicht genommen. Wir hatten allerdings Glück. Meine Mutter, die damals schwanger war, berichtete mir, daß wir mit meiner Oma, einer Tante und einem Onkel nach Pohrlitz gefahren wurden. Eine Tante meiner Mutter mußte dagegen mit ihrem Mann die Strecke zu Fuß gehen. Er schaffte es leider nicht. Die Tante mußte ihren Mann sterbend im Straßengaben zurücklassen. Kein Einzelfall. Breindl: Der Brünner Todesmarsch forderte mindestens zweitausend Tote. Die Toten wurden nicht begraben, sondern einfach am Straßenrand liegengelassen. Der Verwesungsgeruch soll noch Tage in der Luft gewesen sein. Im Lager von Pohrlitz, das auf halber Strecke zwischen Brünn und der österreichischen Grenze lag, war die Lage schlimm. Eine Tante von mir erkrankte wie viele ande-

� Zur Person: Barbara Breindl �  Geboren

am 6. Juli 1939 in Falkenau in Mähren. �  Anfang 1945 flüchtete Barbara Breindls Mutter mit den drei kleinen Kindern vor den Russen nach Brünn. �  Mai 1945: Brünner Todesmarsch. �  1951: Nach der Rückkehr des Vaters aus der tschechoslowakischen Zwangsarbeit läßt sich die Familie in Hannover nieder. �  1995: Rückkehr in die Tschechische Republik nach Prag. �  1996: Umzug nach Brünn. Kleine Steinkreuze erinnern an das Grauen vor über 75 Jahren: Hier bei Pohrlitz sind 890 Opfer der wilden Vertreibung in einem Massengrab bestattet. re an Diphtherie und ist in dem Massengrab beerdigt. Ihr Vater war in Zwangsarbeit. Wie schaffte es Ihre Mutter, das Lager zu verlassen? Breindl: Für meine Mutter war

Gebürtige Brünner: Viktor Polansky , Dietmar Schmidt, Sigrid Platzeck, Ute Groß und Wolfgang Kallwitz am Massengrab des Brünner Todesmarsches in Pohrlitz.

sofort klar, daß wir fliehen, obwohl das verboten war. Zu Fuß, samt Kinderwagen, sind wir dann donauaufwärts Richtung Enns gegangen. Sie wollte mit uns unbedingt in den amerikanischen

„... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“: Pastorin Martina Viktorie Kopecká, Präsidentin des Festivals Meeting Brno, mit Dr. Uwe Scharfenecker.

Kultur-Attaché Markus Klinger, 2. Bürgermeister Petr Hladík, Ex-Außenminister Tomáš Petříček, Steffen Hörtler, Konsul István Buczko, Peter Barton.

Sektor. Einem sowjetischen Soldaten, der uns gestellt hatte, erzählte meine Mutter, ihr Mann würde auf der anderen Seite warten. Er hat uns dann nachts heimlich über die Grenze gelassen.

Wovon und wo hat Ihre Familie schließlich gelebt? Breindl: Zunächst lebten wir zu siebt in einem Zimmer, später dann in zwei. Meine Oma war eine gute Näherin und hat damit

Kurz nach dem Start am Massengrab passieren die Teilnehmer des Brünner Versöhnungsmarsches den Ort Pohrlitz, rund 30 Kilometer von Brünn entfernt.

Gemeinsam geht es an der Kirche St. Leopold vorbei über den Fluß Svratka in Richtung Augustinerkloster. Fotos: Torsten Fricke

kehrt. Mit welchem Gefühl? Breindl: Seit meiner Rückkehr nach Brünn denke ich manchmal, daß ich die Glücklichste von allen Vertriebenen bin, weil ich in der Heimat sein darf. Dafür ist mir kein Preis zu hoch. Nicola Fricke

Auf der von der Polizei gesperrten Landstraße geht es Schritt für Schritt Richtung Brünn. Zeit für Gespräche und Gedanken.

Gemeinsam entzünden Mario Hierhager und Peter Polierer zum Gedenken an die Opfer des Brünner Todesmarsches Kerzen am Fuß des Mahnmals.


4

TERMINE . AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6.8.2021

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert dem TV-Star mit sudetendeutschen Wurzeln

Ruth Maria Kubitschek: Das Spatzl aus Komotau wird 90 Selbst der Bundespräsident gehörte am Montag zu den Gratulanten: „Meine Gratulation gilt einer großartigen Schauspielerin. Ein ums andere Mal ist es Ihnen gelungen, eigenwilligen Charakteren und gebrochenen Seelen Gestalt zu geben“, schrieb Frank-Walter Steinmeier an Ruth Maria Kubitschek zum 90. Geburtstag.

D

ie Karriere war schon von Kindesbeinen vorgezeichnet. „Ich wußte schon als Vierjährige, daß ich Schauspielerin werden möchte“, erinnerte sich Kubitschek in einem TV-Interview, und dies, obwohl der erste Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose ging. Das Lampenfieber! Doch ganz Profi übrspielte das Mädchen das Mißgeschickt. Kubitschek wurde am 2. August 1931 im nordböhmischen Komotau geboren. Der Vater leitete dort ein Kohlebergwerk und hatte durchaus Verständ-

nis für die Karrierewünsche seiner Tochter – im Gegensatz zur Mutter. „Mein Vater hat damals gesagt, daß wir die Mutter überlisten müssen“, erinnert sich Kubitschek. In Reichenberg sollte sie offiziell Zahntechnik studieren und nebenbei Schauspielunterricht nehmen. Doch der Krieg machte diesen Plan zunichte. Noch vor Kriegsende wurde sie vor den Bomben nach Deutschland geschickt – allein und „mit wildfremden Menschen“. Die damals 13Jährige konnte dieser Zeit aber durch aus etwas Positives abgewinnen: „Ich mußte nicht mehr zur Schule gehen und meine Mutter hat mir nichts mehr zu sagen. Ich bin jetzt frei.“ Im Rückblick sieht Kubitschek die Lage differenzierter: „Das Eigenartige ist, daß man immer eingebunden ist in das Schicksal eines Volkes. Wir waren Deutsche in der Tschechoslowakei und mußten gehen.“ Noch vor der Zwangs-Vertrei-

bung habe ihre Mutter dann entschieden: „Wir lassen uns nicht rausschmeißen und gehen freiwillig.“ In Köthen in Anhalt fand die sechsköpfige Familie ein neues Zuhause. Und Ruth Maria Kubitschek blieb bei ihrem frühen Berufswunsch. Direkt nach der Mittelschule besuchte sie die Hochschule für Theater und Musik in Halle und das Deutsche TheaterInstitut in Weimar. Die „Marilyn Monroe der DDR“ stieg schnell zu einem gefeierten Bühnenstar auf und heiratete 1953 den DDR-Theaterregisseur Götz Friedrich. 1957 kam dann Sohn Alexander zur Welt. Doch Anfang der 1960er Jahre zerbrach die Ehe. Nach der Scheidung im Jahr 1962 wechselte Kubitschek endgültig in den Westen und spielte sich unter anderem als „Spatzl“ in der Kultserie „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ in die Herzen der Zuschauer. 1976 fand sie mit dem Fernsehprodu-

zenten Wolfgang Rademann ihre große Liebe, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 2016 eine Fernbeziehung zwischen Berlin und ihrer neuen Schweizer Wahlheim Salenstein am Bodensee führte. 2013 nahm sie die Schweizer Staatsangehörigkeit an und erklärte 2014 ihren endgültigen Rückzug aus dem TV-Geschäft. T.Fricke Foto: Wikipedia/Udo Grimberg, Lizenz: Creative Commons bysa-3.0 de

VERANSTALTUNGSKALENDER Samstag, 7. August, Ak-

Vortrag von Dr. Peter Becher

Die dunklen Jahre der sudetendeutschen Literatur 1938-1945 Donnerstag, 16. September, 19.00 Uhr: „Die dunklen Jahre der sudetendeutschen Literatur 19381945“, Vortrag von Dr. Peter Becher. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland polarisierte sich die deutschsprachige Literatur der Tschechoslowakei von Jahr zu Jahr mehr. Nach dem Anschluß der Sudetengebiete im Herbst 1938 und der Errichtung des Protektorats im Frühjahr 1939 vollzog sich die Gleichschaltung auf allen Ebenen der Kulturpolitik, durch Förderungen und Verbote, Buchausstellungen, Preise, Dichtertreffen und Kulturzeitschriften.

Der Vortrag behandelt die Etablierung des nationalsozialistischen Literaturbetriebs. Exemplarisch werden einzelne Werke sowie die Behandlung der NS-Zeit bei sudetendeutschen Autoren nach 1945 vorgestellt. Dr. Peter Becher (geboren 1952) ist Schriftsteller und Literaturhistoriker. Von 1986 bis 2019 war er Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins in München, seit 2019 ist er dessen Vorsitzender. Veranstaltungsort: Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München oder online. Anmeldung erforderlich unter Telefon (0 89) 4 49 99 30 oder per eMail an poststelle@hdo.bayern.de

kermann-Gemeinde: „Deutschtschechisches Picknick auf dem Vyšehrad. Dialog – Kultur – Begegnung“ in Prag. Anmeldung und weitere Informationen auf der Webseite https://www.ackermanngemeinde.de/picknick. Mittwoch, 19. August, SL Kreisgruppe Stuttgart: Tagesausflug zum Sudetendeutschen Museum nach München. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@sudeten-bw.de Mittwoch, 25. bis Freitag, 27. August, 44. Tagung Sudetendeutsche Mundarten: Heimat – Identität – Mundart am Heiligenhof in Bad Kissingen. Am 26. und 27. August kann man auch online an der Tagung teilnehmen. Anmeldung per eMail anschmitzer@sudeten.de Samstag, 11. September, 14.30 Uhr, SL-OG Weilimdorf Stuttgart: Jahreshauptversammlung. Haus der Begegnung, Giebelstrasse 14, 70499 Stuttgart. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Samstag, 18. September, 13 Uhr, Heimatkreis Budweis, Jahrestreffen. Hotel-Gasthof Soller, Bahnhofstraße 1, 85737 Ismaning. Anmeldung und Auskünfte: Heimatkreisbetreuer Josef Sailer, Telefon: (0 82 91) 6 88 Donnerstag, 16. Septem-

ber, 10.30 Uhr, SL Kreisgruppe Augsburg Land: Kreisdelegiertenversammlung im Sudetendeutschen Haus in München, Hochstraße 8. Ehrengäste: Schirmherrschaftsministerin Carolina Trautner, Schwabens Bezirkstagspräsident Martin Sailer und Schwabens BdV Bezirksvorsitzender MdL Andreas Jäkkel. Leitung der Tagung: Kurt Aue, stellvertretender Bezirksobmann Schwaben und Kreisobmann Augsburger Land. Es wird ein Bus eingesetzt, der über Meitingen, Gersthofen, Königsbrunn, Bobingen, Wehringen und Klosterlechfeld nach München fährt. Anmeldung bei Kreisobmann Kurt Aue sudetenaue@ koenigsau.de 0821/8853756. Samstag, 18. September bis Sonntag, 19. September, Adalbert Stifter Verein, Böhmerwaldseminar – Tagung zu den deutsch-tschechischen Beziehungen, Jesuitenkolleg in Klattau. Kollektive Gewalt während der NS-Herrschaft in Böhmen und in der Zeit der Vertreibung nach Ende des Zweiten Weltkriegs sowie die Wiederbesiedlung der Grenzgebiete sind Schwerpunktthemen des Seminars. Mit dem Künstler Lukáš Houdek ist ein Podiumsgespräch vorgesehen. Präsentiert wird am Abend der mehrfach preisgekrönte Film Krajina ve stínu (Landschaft im Schatten) von Bohdan Sláma, der sich mit dem Thema in-

tensiv beschäftigt hat. Anmeldung und weitere Informationen: www.stifterverein.de Sonntag, 19. September, 11.00 Uhr, SL Kreisgruppe Stuttgart: Gedenkveranstaltung „Vertreibungen und Deportation ächten – Völkerverständigung fördern“. Mahnmal im Kurpark Bad Cannstatt. 14.00 Uhr: Volkstumsnachmittag in der Liederhalle (Beethovensaal); Festrede: Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Mittwoch, 22. September, SL Kreisgruppe Stuttgart: Tagesausflug und Fahrt mit dem Apfelzügle. Abfahrt wird in Giebel (8.30 Uhr) und am Bahnhof in Stuttgart-Feuerbach (8.45 Uhr)sein. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Sonntag, 26. September, 14.00 Uhr, SL-Kreisgruppe Stuttgart und die Heimatgliederungen Altvater Runde Stuttgart, Alte Heimat – Kuhländchen, Böhmerwaldgruppe Stuttgart, Gemeinschaft der Wischauer: „Sudetendeutscher Kulturtag 2021“. Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg, Großer Saal, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart. Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de

Sonntag,

10. Oktober, 17.00 Uhr, SL-Kreisgruppe Stuttgart und SL-Ortsgruppe Stuttgart-Weilimdorf: Europäisches Volksmusikkonzert. Stadthalle Korntal, Martin-Luther-Straße 32, 70825 Korntal-Münchingen. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Samstag, 23. Oktober, 14.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Stuttgart-Weilimdorf: Monatsnachmittag. Haus der Begegnung, Giebelstraße 14, 70499 Stuttgart. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Samstag, 27. November, 14.30 Uhr, SL-Kreisgruppe Stuttgart und Böhmerwald Heimatgruppe Stuttgart: Jahresabschluß- und Weihnachtsfeier. Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart. Zu Gast: Märchenerzählerin Petra Quaiser. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de Samstag, 4. Dezember, 14.30 Uhr, SL-Ortsgruppe Stuttgart-Weilimdorf: Advent und Weihnachtsfeier. Haus der Begegnung, Giebelstraße 14, 70499 Stuttgart. Anmeldung: Kreisobfrau Waltraud Illner, Telefon (07 11) 86 32 58, eMail illner@ sudeten-bw.de

Studienreise des Adalbert Stifter Vereins

Auf den Spuren des Adels nach Böhmen

Das Gemeinsame finden – Deutschland und seine östlichen Nachbarn Montag, 9. bis Sonntag, 15. August: „Das Gemeinsame finden – Deutschland und seine östlichen Nachbarn“, Seminar mit mehreren Referenten. Seminar zur historisch-politischen Bildung für Interessierte, besonders für heimatverbliebene Angehörige der deutschen Minderheiten in Polen, insbesondere aus Oberschlesien, vertriebene Deutsche aus früheren deutschen Reichs- und Siedlungsgebieten, Zeitzeugen, Angehörige der Erlebnisgeneration, d.h. mit eigenen Erfahrungen von Krieg, Flucht, Vertreibung, Nachkrieg sowie Angehörige nachgeborener Generationen. Bis vor kurzem stellten die aus Polen stammenden, zugezogenen Menschen eine der größten Migrantengruppen in Deutschland dar. Dazu gehören die Aussiedler und Spätaussiedler aus Polen, die ethnischen Polen, die aus politischen Gründen bis 1989 migrierten, die Arbeitsmigranten vor und nach dem EU-Beitritt Polens 2004 – insgesamt eine heterogene Gruppe. Auch in das Ruhrgebiet gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine bedeutsame polnische Zuwanderung, worauf die vielen slawischen Familiennamen hindeuten. Ebenso ist Berlin stark geprägt von einer polnischen Migrantenszene. Seminarsprache ist Deutsch. Anmeldung über die Webseite www.heiligenhof.de Heiligenhof · Alte Euerdorfer Straße 1 · 97688 Bad Kissingen Telefax (09 71) 71 47 47 info@heiligenhof.de · www.heiligenhof.de

Unter dem Motto „Auf den Spuren des Adels“ veranstaltet der Adalbert Stifter Verein vom 27. September bis 2. Oktober eine Studienreise nach Nordböhmen. Auf dem Programm stehen unter anderem die Besichtigungen mehrerer Schlösser.

M

Einer der Höhepunkte der Studienreise: Der Schloßbesuch bei Fürst Franz von Thun-Hohenstein in Tetschen. Foto: Czech Tourismn

it der Ausstellung „Für die Heimat. Böhmischer und mährischer Adel im Exil“, die 2021 in München gezeigt wird, hat sich der Adalbert Stifter Verein zum Ziel gesetzt, auf das Engagement adeliger Familien aufmerksam zu machen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den böhmischen Län-

dern vertrieben wurden“, erklärt SV-Geschäftsführerin Dr. Zuzana Jürgens den Hintergrund der Studienreise. Viele Adlige hätten während dieser Zeit ihr Heimatland unterstützt und dazu beigetragen, politische, nationale und gesellschaftliche Barrieren zu beseitigen. Start der Studienreise ist Aussig. Die Reisekosten betragen 480 Euro (440 Euro für ASVMitglieder). Inbegriffen sind die Übernachtung im Doppelzimmer, Halbpension, Führungen, Eintritte und fachkundige Reiseleitung. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.stifterverein.de


AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6.8.2021

5

� Weiterer Schutz von sudetendeutschen Kultur- und Naturlandschaften

Buchenwälder des Isergebirges sind jetzt UNESCO-Weltkulturerbe Als erstes Naturdenkmal in der Tschechischen Republik hat die UNESCO die Buchenwälder des Isergebirges in Nordböhmen zum Weltkulturerbe erklärt. Die Auszeichnung erfolgte nur ein paar Tage nach der Entscheidung, die Egerländer Kurorte Karlsbad, Marienbad und Franzensbad in die Weltkulturerbe-Liste aufzunehmen (Sudetendeutsche Zeitung berichtete).

D

ie ältesten Buchen in den Wäldern des Isergebirges sind 350 Jahre alt, die Masse mindestens 100 Jahre. Der Wald wächst und stirbt auf natürliche Weise. „In der Tschechischen Republik gibt es nicht mehr viele solcher Überreste des ursprünglichen Waldes“, erklärt Jiří Hušek, der Direktor des Regionalbüros Reichenberg der Agentur für Naturund Landschaftsschutz (AOPK). Der Grund, warum dieser Wald im Laufe der Jahrhunderte von Abholzungen verschont geblieben ist, liegt in der Topographie. Die riesigen Felsbrocken und das schwierige Gelände hätten eine forstwirtschaftliche Nutzung unmöglich gemacht, so Hušek. Seit 1999 stehen die Buchenwälder unter Naturschutz. Sowohl die Umweltschutzvertreter als auch die Bürgermeister der angrenzenden Orte gehen nicht davon aus, daß mit der UNESCO-Entscheidung eine Flut von Touristen einsetzt und die Wanderbestimmungen verschärft werden müßten. Dazu sei das Gelände zu anspruchsvoll. und auch nicht für Radtouren geeignet. Torsten Fricke

Die von der UNESCO unter Schutz gestellten Buchenwälder erstrecken sich auf 27 Quadratkilometern zwischen Buschullersdorf und Bad Liebwerda an den Nordausläufern des Isergebirges. Foto: Czech Tourismn/Jan Strakoš

� 17 einzigartige Orte und Landschaften:

Weltkulturerbe in Böhmen und Mähren teste Werk von Mies van der Rohe und wurde 1929 bis 1930 erbaut. Der Bau gilt als Architekturikone der Moderne.

Mit Prag, Böhmisch Krumau und Teltsch hat die UNESCO 1992 die ersten historischen Orte in der Tschechischen Republik in das Verzeichnis des Weltkulturerbes aufgenommen. Erst vor wenigen Tagen kamen mit Karlsbad, Marienbad und Franzensbad die berühmten Egerländer Kurorte hinzu.

Trebitsch Das Jüdische Viertel in Trebitsch und die St.-Prokop-Basilika sind Bestandteil der Welterbeliste. Zum Jüdischen Viertel gehören das Rathaus, Schulen, Armenhäuser und eine Synagoge.

Altstadt von Prag Das Gebiet umfaßt grob die 1784 zu einer Stadt zusammengeschlossenen ehemals rechtlich selbstständigen Städte Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin einschließlich der beiden Burganlagen Wyschehrad im Süden und Prager Burg im Norden, eine der größten Burganlagen der Welt, sowie das von der Altstadt umschlossene jüdische Viertel Josefstadt. 2010 wurde auch der Schloßpark von Pruhonitz aufgenommen.

Montanregion Erzgebirge Die Montanregion ist eine seit dem 11. Jahrhundert entstandene Bergbaulandschaft im Erzgebirge, beiderseits der sächsisch-böhmischen Grenze. Sie ist von einer Vielzahl historisch weitgehend original erhaltener technischer Denkmale sowie zahlreicher mit dem Montanwesen in Verbindung stehender Einzeldenkmale und Sachgesamtheiten geprägt. Von den 22 Komponenten liegen fünf auf tschechischem Staatsgebiet, unter anderem der Rote Turm des Todes, in dem politische Gefangene in den 1950er Jahren ohne jeden Schutz Uran für die Anreicherung bearbeiten mußten.

Böhmisch Krumau Der in einer Moldauschleife gelegene mittelalterliche Stadtkern bildet mit der umfangreichen Burg- und Schloßanlage ein einzigartiges Beispiel für mittelalterliche Stadtentwicklung.

Teltsch

Gestüt Kladrub an der Elbe

Das dominierende Baudenkmal ist das Renaissance-Schloß, das sich direkt an die Innenstadt anschließt. Zum Welterbe gehört auch die Altstadt mit der Kirche der Gottesmutter.

Wallfahrtskirche Hl. Johannes Nepomuk

Die Wallfahrtskirche des Heiligen Johannes von Nepomuk in Grüneberg ist eines der wichtigsten Gebäude des Barock-Architekten Johann Blasius Santini-Aichel.

Kuttenberg mit Marienkirche von Sedletz

Zum Welterbe gehören die historische Altstadt sowie die Klosterkirche Mariä Himmelfahrt im Stadtteil Sedletz.

Kulturlandschaft Lednice-Valtice

Die Kulturlandschaft in Südmähren ist über große Teile deckungsgleich mit den drei Herrschaften Feldsberg, Eisgrub und Lundenburg, die über viele Jahrhunderte zum Haus Liechtenstein

Die Altstadt von Böhmisch Krumau wurde von der UNESCO bereits 1992 in das Weltkulturerbe aufgenommen. Foto: Czech Tourismn/Ladislav Renner gehörten. Zum Welterbe zählen hier mehrere Schlösser und die dazugehörigen Parkanlagen.

Schloß und Park Kremsier

Der frühbarocke erzbischöfliche Palast, der anschließende Schloßpark und der Blumengarten sind die wichtigsten Kulturdenkmale von Kromsier.

Hollschowitz Das dörfliche Denkmalreservat ist ein mittelalterliches System von Wohngebäuden im sogenannten Bauernbarock, versehen mit einem Stuckdekor. Es besteht aus 23 einzelnen Gehöften mit insgesamt 120 Gebäuden.

Schloß Leitomischl

In Leitomischl sind das RenaissanceSchloß und das Schloßareal aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Welterbe registriert.

Dreifaltigkeitssäule in Olmütz

Die Säule wurde aus Dankbarkeit für das Ende der Pest errichtet, die Mähren zwischen 1714 und 1716 heimgesucht hatte. Die etwa 35 Meter hohe Säule stellt das höchste bildhauerische Kulturdenkmal in Böhmen und Mähren dar.

Villa Tugendhat in Brünn Die Villa der deutschen Unternehmersfamilie Tugendhat ist das bekann-

Die Zucht- und Dressurlandschaft der Kladruber Wagenpferde am habsburgischen Hof liegt in den Elbniederungen. Die Anlage wurde 1579 gegründet und ist ein Zeugnis der bedeutenden Rolle, die Pferde einst spielten.

Karlsbad Die Heilwirkung der Karlsbader Thermalquellen war bereits im 14. Jahrhundert bekannt. 1370 erhob der römische Kaiser und böhmische König Karl IV. den später nach ihm benannten Ort zur Königsstadt.

Marienbad Auf Initiative des Abtes Reitenberger wurde 1818 Marienbad gegründet.

Franzensbad Bereits im Mittelalter wurde Wasser aus den Heilquellen von Franzensbad als „Egerwasser“ oder „Egerer Sauerbrunn“ exportiert. 1793 ließ dann der Habsburger Kaiser Franz II. den später nach ihm benannten Kurort anlegen.

� Mut tut gut

Jedermann entkommt

S

ommer für Sommer zieht die Aufführung des „Jedermann“ tausende Besucherinnen und Besucher vor die prächtige Barockfassade des Salzburger Domes oder bei Schlechtwetter in das Große Festspielhaus in der Stadt an der Salzach. Seit 1920 bildet das von Hugo von Hofmannsthal nach spätmittelalterlichen Vorlagen verfaßte „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ den Mittelpunkt der Salzburger Festspiele. Dieses Jahr erweckte die Neuinszenierung von Michael Sturminger besonderes Interesse mit Lars Eidinger in der Hauptrolle des Jedermann und Verena Altenberger als seiner Buhlschaft. Es ist eine zeitgeistige Inszenierung eines Schauspielstoffes von überzeitlicher Bedeutung voller Anspielungen auf Tatsachen und Verhältnisse, die das Menschsein betreffen. Das Stück beginnt damit, daß Gott beschließt, die Menschen an seine Macht zu erinnern. Jedermann steht für den wohlhabenden und lebensfröhlichen, aber ebenso für den selbstbezogenen und rücksichtslosen Menschen. Mitten in einem ausgelassenen Festgelage tritt der Tod an ihn heran. Jetzt ist Rechenschaft über das Leben verlangt. Kann Jedermann gerettet werden? Findet er vor dem Angesicht Gottes Gnade? So vieles hat er in seinem Leben falsch gemacht. Seine guten Werke, verkörpert als allegorische Figur, sind zu schwach, um ihn aus der miserablen Situation zu erlösen. Viel zu wenig hat er sich in seiner Erdenzeit um sie bemüht. Viel zu unsensibel ging er auf Erden beispielsweise mit dem armen Nachbarn oder dem Schuldknecht um. Da tritt an die Seite der guten Werke noch eine andere allegorische Figur, der Glaube. Er weist Jedermann auf die unendliche Liebe Gottes hin. Sein Rat: Gott um Gnade bitten und auf diese Weise Erlösung finden. Am Ende muß im Schauspiel der Teufel zu seinem Verdruß bemerken, daß ihm die Seele des Jedermann entrissen wird. Alles ist noch einmal gut ausgegangen. Auf einen guten Ausgang unseres Lebens hoffen wir alle. Die Moral aus der Geschichte des Jedermann ist denkbar einfach und dennoch schwierig nachzuvollziehen. Der Mensch kommt an der Konfrontation mit dem Tod nicht vorbei. Irgendwann muß er sich von dieser Welt und seinen oft allzu weltlichen Vorstellungen und Haltungen trennen. Irgendwann zählen andere Maßstäbe, Nächstenliebe und Glaube. Gut wäre, diese Maßstäbe schon im irdischen Leben berücksichtigt zu haben. Leider ist der Mensch häufig zu schwach dazu. Doch am Ende muß er sich nicht durch sein eigenes Bemühen erlösen. Wenn Gott zunächst beschlossen hat, die Menschen an seine Macht zu erinnern, so erweist sich diese Macht am Ende als Barmherzigkeit. Hugo von Hofmannsthals Schauspiel wurde nicht in Salzburg uraufgeführt, sondern bereits 1911 in Berlin. Der Autor bemerkte im Rückblick allerdings einen Unterschied zwischen den beiden Aufführungsorten. „In Berlin habe ich ein Publikum gehabt“, sagte er, „in Salzburg Menschen.“ Ich höre heraus: Der „Jedermann“ steht für das Leben, und dem Leben kann man nicht wie ein Zuschauer gegenüber stehen. Es erfordert wache Beteiligung und richtige Schlüsse. Dr. Martin Leitgöb CSsR Seelsorger der Pfarrei Ellwangen-Schönenberg


6

FORUM

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

PERSONALIEN � Umtriebiger und verdienstvoller Reichenberger

� Verdienstvolle Brückenbauerin aus dem Kuhländchen

Gerold Tandler 85

Marie-Anne Steffke 90 Am 20. Juli feierte Marie-Anne Steffke, eine vielseitig engagierte, christliche Brückenbauerin aus dem Kuhländchen, im Seniorenhaus Christiansreuth in Hof 90. Geburtstag.

M

arie-Anne Steffke kam in Stachenwald bei Fulnek in Mähren zur Welt. Sie war das älteste Kind der Bauersleute Franz Steffke und Marie, geborene Teichmann. Mit ihren vier jüngeren Brüdern verbrachte sie eine glückliche Kindheit und Jugend. Nach dem Krieg wurde ihr Vater interniert, der Hof von einer tschechischen Familie besetzt. Marie-Anne und ihre Mutter mußten dort schwer arbeiten – für einen Liter Milch und ein Mittagessen täglich. Am 30. April 1946 wurden sie, ihre Mutter, ihre Brüder und ihre Großmutter zum Bahnhof Fulnek getrieben und ins Aussiedlungslager Neutitschein gebracht, wo

sie den Vater wieder trafen. Von dort wurde die Familie über Bayreuth ins Lager nach Oberkotzau bei Hof vertrieben. Ihr Vater arbeitete sechs Jahre lang als Straßenarbeiter, die Mutter führte eine kleine Kantine, und die Tante unterstützte den Unterhalt durch Heimarbeit. In der Freizeit halfen sie bei Bauern, um ein paar Lebensmittel für die Familie zu erhalten. Das Einleben war schwer, doch die Großfamilie und der Glaube halfen über die schwere Zeit hinweg. Nach der Volksschule arbeitete Marie-Anne in der Landwirtschaft. So verbrachte sie unter großem Heimweh nach Familie und Heimat vier Jahre als Stall- und Feldmagd auf einem Bauernhof, bis ihre Eltern 1952 einen Pachthof und 1958 einen eigenen Hof kaufen konnten. Während sie auf dem elterlichen Bauernhof arbeitete, machte sie 1966 den Meister in

Hiermit abonniert man diese Zeitung Ich/wir bestelle/n zum Bezug per Postzustellung die m   Sudetendeutsche Zeitung mit Reichenberger Zeitung · Heimatbote · Heimatruf Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft wöchentlich (125,00 EUR im Jahr) m   Reichenberger Zeitung Nordböhmische Umschau 24 Ausgaben (62,50 EUR im Jahr) m   Neudeker Heimatbrief für die Heimatfreunde aus Stadt und Landkreis Neudek 12 Ausgaben (31,25 EUR im Jahr)

BESTELLSCHEIN

und wähle/n folgenden Zahlungszeitraum: m  jährlich durch Lastschrift m  halbjährlich durch Lastschrift m  vierteljährlich durch Lastschrift

Name, Vorname ________________________________________ Straße, Hausnummer ____________________________________ Postleitzahl, Ort ________________________________________ Telefon _______________________________________________ eMail ________________________________________________ Geburtsjahr, Heimatkreis ________________________________

Datum, Unterschrift ____________________________________ Ich/Wir ermächtige/n die Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH (SVG), Hochstraße 8, 81669 München, Gläubiger-Identifikationsnummer DE04SVG00000003583, Zahlungen von meinem/ unserem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein/weisen wir unser Kreditinstitut an, die von der SVG auf mein/unser Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstat­tung des belasteten Betrages verlangen. Dabei gelten die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Wenn sich meine Kontodaten ändern, teile ich dies der SVG unverzüglich mit. Kontobezeichnung (Kontoinhaber) _______________________ _____________________________________________________ Kontonr. oder IBAN ____________________________________ Bankleitzahl oder BIC ___________________________________

Datum, Unterschrift ____________________________________

Alle Preise inklusive 7 % Mehrwertsteuer und Versand. Abbestellungen mit ­ einer Frist von einem Monat zum Vierteljahresschluß schriftlich an die SVG. Sie sind berechtigt, die Bestellung des Abonnements ohne Angabe von Gründen innerhalb 14 Tagen nach Absendung dieses Auftrages schriftlich gegenüber der Sudetendeutschen Verlagsgesellschaft, Hoch­straße 8, 81669 München (auch per eMail an svg@sudeten.de), zu widerrufen. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs.

Bitte gescannt oder abfotografiert mailen oder in ausreichend frankiertem Umschlag (80 Cent) einsenden an die

Sudetendeutsche Zeitung Hochstraße 8, 81669 München 31/2021 eMail svg@sudeten.de

Ländlicher Hauswirtschaft. Dem folgte ein Studium an der Katholischen Landjugend­akademie im Münsterland. 1969 wurde sie Landfrauenreferentin im Bayerischen Bauernverband. Schon 1952 besuchte sie einen Landvolkshochschullehrgang für heimatvertriebene Mädchen der Ackermann-Gemeinde (AG), der sie beitrat. Auf Vorschlag von Pater Paulus Sladek gründete die Bauernjugend den Arbeitskreis Landjugend in der AG. Dort wirkte sie von 1952 als Vize-Vorsitzende und ab 1956 als Vorsitzende bei der Durchführung der Lehrgänge. Diese vermittelten das Wissen um die Heimat, da man an eine Rückkehr glaubte. Gerne erinnert sie sich nach Abschluß der Lehrgänge an die Aufnahme in die AG mit dem Versprechen: „Ich ergreife das Kreuz und den Pflug und bin bereit, treu zu wirken auf Gottes Ackerfeld.“ Ab 1970 arbeitete sie für den AG-Bundesverband in München und wurde schon 1982 in den Bundesvorstand gewählt, dem sie viele Jahre angehörte. Sie war von März 1988 bis März 1998 eine der beiden Stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Deshalb kam sie häufig in die Tschechische Republik, wo sie Begegnungen anregte und intensivierte. Hierbei nützte ihr auch das Tschechisch, das sie in der Bürgerschule in Fulnek gelernt hatte. Durch ihr persönliches Wirken wurde auf tschechischem Gebiet die Ackermann-Gemeinde erweitert und ausgebaut, mit dem Ziel der Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen. Zu Daniel Herman, dem späteren tschechischen Kulturminister und diesjährigen Karls-Preisträger, unterhielt sie freundschaftliche Kontakte. Für ihre erfolgreiche, nachhaltige Arbeit ehrte sie die AG mit der Goldenen Ehrennadel. Ihr Leben stand immer im Dienst am Menschen sowie für Verständigung und Versöhnung. So wurde ihr 1982 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Im Jahr 2000 erhielt sie als Vize-Vorsitzende des Vereins Alte Heimat Kuhländchen eine Verdienstund später eine Ehren- und Dank­ urkunde. Für ihr Engagement um die Heimatlandschaft und für ihr Wirken bei der Trachtenpflege und dem Volkstanz würdigte sie der Landschaftsrat des Kuhländchens 2008 mit einer Verdiensturkunde sowie darauffolgend mit der kleinen und großen Verdienstmedaille. Seit 1985 engagierte sie sich ebenso intensiv in der Heimatgruppe Kuhländchen in München, davon jahrzehntelang im Vorstand. Zudem war sie 17 Jahre lang Schriftführerin und trat traditionell auch beim Kuhländler Hirtenspiel bei der Adventsfeier der Heimatgruppe auf. Marie-Anne Steffke, die auch Ortsbetreuerin von Stachenwald ist, sieht sich als zutiefst bäuerlichen Menschen, der mit ganzem Herzen an seiner Heimat hängt und dort verwurzelt ist. Für ihre nachhaltigen und selbstlosen Verdienste um diese unvergessene Heimat und für ihre vielen, erfolgreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten bedanken sich alle Mitglieder der Heimatgruppe Kuhländchen in München sowie ich als Heimatlandschaftsbetreuer des Kuhländchens von Herzen und sagen ihr Vergelt’s Gott. Ihre Landsleute gratulieren ihr zu ihrem 90. Geburtstag nachträglich von Herzen und wünschen ihr für das neue Lebensjahrzehnt alles Liebe, beste Gesundheit und stetes Wohlergehen. Möge sie Gottes Segen immer begleiten. Ulf Broßmann

Am 12.  August feiert Gerold Tandler, in Reichenberg geborener ehemaliger CSU-Generalsekretär, bayerischer Innen-, Wirtschafts- und Finanzminister, 85.  Geburtstag im oberbayerischen Altötting.

G

erold Tandler fand nach der Vertreibung Zuflucht in Alt­ ötting, wo er sich früh der CSU zuwandte und über mehrere Stationen Minister in der Staatsregierung wurde. Sein Markenzeichen waren klare Vorgaben und im Zweifel eine harte Haltung. Seinen politischen Aufstieg begleitete ein aktives Familienleben: Er ist Vater von vier Töchtern und zwei Söhnen. Die Familie stand auch für die Entwicklung des Hotels zur Post und des Gasthofs Scharnagel in Altötting zu renommierten Betrieben. Seine Bindung zu seiner Heimatstadt Reichenberg und zur Sudetendeutschen Landsmannschaft gestaltete sich durch Unterstützung im Hintergrund, wo manche für die Landsmannschaft wichtige politische Entscheidung der Staatsregierung von ihm beeinflußt wurde. Sein konsequentes Verfolgen eigener Ideen und Vorgaben zum Wohle der Allgemeinheit führte auch dazu, daß er immer wieder aneckte. 1990 wechselte er in die Wirtschaft und war bis zu seiner Pensionierung 2001 Vorstandsmitglied der Linde AG. Für seine Verdienste erhielt er den Bayerischen Bierorden, den Bayerischen Verdienstorden, die

Bayerische Verfassungsmedaille in Gold, das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und die Ehrenbürgerwürde der Stadt Alt­ ötting. Georg Tandler ist nach wie vor geschätzter Nothelfer und Ratgeber in der Stadt Altötting. Wir wünschen ihm, daß seine Familie das von ihm begonnene Lebenswerk erfolgreich weiterführt und er dies noch lange begleiten kann. Hans Pieke

V

olksgruppensprecher Bernd Posselt gratuliert dem Jubilar aus vollem Herzen: „Schon als ich Gerold Tandler vor 45 Jahren kennenlernte – er war damals ein europaweit anerkannter CSU-Generalsekretär, der an der Seite von Franz Josef Strauß traumhafte Wahlergebnisse erkämpfte –, sah ich in ihm mehr als nur einen genialen Organisator und Strategen. Seine Liebe zur Isergebirgsheimat, zu unserem gemeinsamen nordböhmischen Wallfahrtsort Haindorf, und seine Verwurzelung in der habsburgischen Tradition der böhmischen Länder machte uns mit der Zeit zu wirklichen Freunden und Weggefährten. Bewundernswert an ihm war und ist seine Vielseitigkeit. Er machte nicht nur die CSU zur bis heute erfolgreichsten Partei Europas, sondern baute im größten bayerischen Wallfahrtsort Altötting zwei hervorragende Hotels

mit ausgezeichneter Gastronomie auf, war der vorbildliche Vater einer großen Familie, orgelte und sang schon bei der ersten sudetendeutschen Wallfahrt, die mehr als tausend Landsleute unmittelbar nach der Wende wieder nach Haindorf führte, übte mehrere Ministerämter aus, organisierte den ersten Bayern-Besuch von Papst Johannes Paul II., tauschte sich intensiv mit dessen Nachfolger Papst Benedikt aus, der als Kardinal Joseph Ratzinger am liebsten bei Tandler seine Weißwurst aß, und ist bis heute ein wacher, unermüdlich arbeitender Geist. In keiner Phase seines Lebens verlor er die Bodenhaftung und ist sich auch jetzt nicht zu schade, selbst Gäste mit oft von ihm selbst ausgesuchten Spezialitäten zu bedienen. In einem böhmischen Wallfahrtsort geboren und in einem bayerischen lebend, ist er gleichzeitig ein handfester Realist und ein zutiefst gläubiger Mensch, der der Gottesmutter eng verbunden ist. Regelmäßig sieht man ihn bei der stillen Andacht in der Altöttinger Gnadenkapelle und als zuverlässigen Sänger in der Stiftskirche oder in der Basilika. Zu seinem 85. Geburtstag wünsche ich diesem oftmals hart geprüften und unfair attackierten, aber herausragenden Landsmann weiterhin viel Glück, Gesundheit und Gottes reichen Segen.“

� Begnadete Malerin aus Tüppelsgrün

Hilde Raab † Am 28. Juli starb Hilde Raab/ Eigler, begnadete Malerin aus Tüppelsgrün im Egerländer Kreis Karlbad, mit 94 Jahren in Ulm.

M

ai 1945, Tüppelsgrün. Die Rote Armee stürmt die Häuser. In das von verblühenden Erlen umstandene und von einem sich teilenden Bach umflossene Haus Nummer 79 dringt ein junger Soldat. Dort sitzt eine noch jüngere Frau vor einer Staffelei und malt ein Portrait. Verblüfft betrachtet der Russe das Bild. „Prima“, sagt er und will auch portraitiert werden: „Für meine Matka zu Hause.“ „Die Malerei hat mich immer wieder gerettet, mir Leib und Leben bewahrt“, sagt Hilde Raab mit 80 Jahren. Bis 1944 besuchte sie die Staatliche Porzellanfachschule in Karlsbad. Nach dem Krieg erschlagen die Tschechen ihren Vater, wollten sie aber als Mustermalerin behalten. Aber sie will keine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Vertreibung. Irgendwann strandet sie als Glasmalerin im bayerischschwäbischen Sonthofen. 1948 zieht sie zu ihrer älteren Schwester Emma nach Kleinmachnow nach Brandenburg in die SBZ Drei Jahre lang fährt sie täglich nach West-Berlin, wo sie tagsüber eine Kunsthochschule besucht und abends in einer Porzellanmanufaktur Geld für das Studium verdient. Die Angst vor der Grenzschließung treibt sie 1951 zurück zur Mutter nach Bayern. Sie heuert bei der Firma Ulmer Keramik an. Das Wirtschaftswunder beschert ihr immer größere Aufträge. Sie bemalt riesige Kachelwände in Hotels, Schwimmbädern und Eingangshallen von Bremer Händlern.

Dann lernt sie den aus Mähren vertriebenen Maschinenschlosser Alois Raab kennen. Sie heiraten. Als 1962 der erste Sohn Andreas zur Welt kommt, verläßt sie die Ulmer Keramik. Nun bemalt sie Porzellan für Privatkunden. 1964 kommt Sohn Alois zur Welt. Nach der Samtenen Revolution zieht es sie immer wieder zurück in die Heimat. Als 1991 Kroatien mit Krieg überzogen wird und Hilde Raab Bilder von Flüchtlingen und Vertriebenen, von hilflosen und gedemütigten Familien, Frauen und Kindern sieht, weiß sie, was diese fühlen, spürt den Schmerz, die Angst, die Ungewißheit. 55 Jahre nach der Vertreibung seiner sudetendeutschen Eltern stellt sich nun Andreas Raab in den ehrenamtlichen Dienst für diese Flüchtlinge und Vertriebenen. Die Eltern unterstützen ihn die nächsten vier Jahre finanziell, ideell und logistisch. Acht Jahre lang arbeitet Andreas im mazedonischen Skopje bei der OSZE. Als freiberuflicher SüdosteuropaAnalyst für Öffentliche Auftraggeber kann er sich später seiner kranken Mutter widmen. Über Jahre pflegt er sie hingebungsvoll. Schließlich schläft sie für immer ein. Nun ruht sie in Gottes ewigem Frieden. Nadira Hurnaus

B

ernd Posselt würdigt die Verstorbene nicht nur als Sprecher der Volksgruppe, sondern auch aus enger persönlicher Verbundenheit mit ihr und ihren Angehörigen: „Hilde Raab war eine große Egerländer Künstlerin und Sudetendeutsche mit Leib und Seele. Vor allem aber gehörte sie zu jenen Frauen ihrer Generation, die auch im höchsten Alter und mit schwersten Lei-

den geschlagen Mittelpunkt einer Familie sowie eines typisch sudetendeutschen Netzwerkes waren. Zu ihrem engsten Freundeskreis zählten Persönlichkeiten, die sie schon in der Heimat kannte, wie die Mutter des Generalsekretärs der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Martin Kamp, sowie Gräfin Helene Spreti, deren später von lateinamerikanischen Terroristen ermordeter Mann sowohl als Diplomat als auch als Bundestagsabgeordneter zu den wichtigsten Unterstützern der Sudetendeutschen Volksgruppe gehörte. Hilde Raab zeichnete sich durch ein von großer Heimatliebe geprägtes kulturelles und historisches Wissen aus, das sie nicht nur mit ihrem sudetendeutschen Mann, sondern auch mit ihren Söhnen teilte. Ihr Sohn Andreas ist Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland und als erfahrener OSZE-Mitarbeiter eine einflußreiche Persönlichkeit auf europäischer und speziell südosteuropäischer Ebene. Sie stärkte ihm, auch als sie schon ans Bett gefesselt war, bei dieser Arbeit den Rücken. Deshalb stand der Vorsitzende der bosnischen Bischofskonferenz, der Oberhirte von Banja Luka, Franjo Komarica, ihrer Beisetzung in Ulm als befreundeter Geistlicher vor und sprach tröstende Worte. Als Träger des Franz-Werfel-Preises des Zentrums gegen Vertreibungen und Bischof einer Diözese, die im Jugoslawienkrieg vor 30 Jahren weitgehend zum Opfer ethnischer Säuberungen wurde, konnte er sich in das Schicksal dieser sudetendeutschen Persönlichkeit zutiefst hineinfühlen. Unsere Volksgruppe kann stolz und dankbar sein, daß Hilde Raab sich stets für uns einsetzte und sich leidenschaftlich zu unserer Gemeinschaft bekannte.“


7

AKTUELL

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Peter Barton berichtet über Prag.

Eine unter die Haut gehende Kostprobe des Musicals „Tisa“ bieten Stefan Daubner am Flügel, Lorenz Spieß am Schlagzeug und die Sänger Daniel Notnagel und Julia Appel.

Im zweiten Teil des Berichts über die ersten post-pandemischen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates geht es um moderne und klassische Musik, um Wissenschaft, um Gott, Politik und den Balkan.

� Teil 2 der Marienbader Gespräche 2021

ges Grenzland“ ein Konzert mit Schaffung eines Lehrstuhls zur en an der Seite der MittelmächISA – eine Liebe ohne Gren- Werken von Wolfgang Amadeus Erforschung von Flucht und Ver- te in den Krieg ein. Beide Mächzen“ ist ein Musical. Des- Mozart und Joseph Haydn. Statt treibung der Deutschen nach te strebten eine Revision der sen Komponist ist Stefan Daub- eines Eintrittspreises gab es ein dem Zweiten Weltkrieg und zum neuen Grenzen an. Im Gegenner. Daubner ist Musiklehrer am Körbchen, das auf Spenden für Zusammenleben der Völker in satz zu den politischen Kriegen Schyren-Gymnasium im ober- die zwei tschechischen Ehepaabayerischen Pfaffenhofen. Sei- re, die die Waldmühle renoviene Protagonisten sind die Su- ren, wartete. detendeutsche Sabine und der Den Sonntag leitete der evanTscheche Tomáš. Ihre Liebe be- gelische Oberfranke und ehemaginnt 1945 und endet heute. Tisá, lige Landtagsabgeordnete Aldeutsch Tyssa, ist der Ort der brecht Schläger mit einer MorHandlung. Von dort stammen genandacht ein. Schläger war auch Daubners Mutter und Groß- lange Jahre Generalsekretär des mutter. Premiere feierte das Mu- Sudetendeutschen Rates. Und sical 2019 mit 120 Schülern des er ist seit langem in seiner HeiPfaffenhofener Gymnasiums und matgemeinde Hohenberg an der des Gymnasiums in Tetschen- Eger Lektor und überzeugter AnBodenbach im Elbetal nahe Tys- hänger der Ökumene. sa. Ein Schulbeispiel, wie man Peter Barton, Leiter des Sudedas Wissen um Heimat und Ver- tendeutschen Büros in Prag, plautreibung sowie den Wunsch nach derte wieder einmal sehr vertrauVersöhnung an junge Menschen lich aus seinem reich bestückweitergeben kann. ten deutsch-sudetendeutschDaubner schilderte die Entste- bayerisch-tschechischen Näh- Milan Horáček liest die Sudetendeutsche Zeitung. hungsgeschichte des Musicals, kästchen. „Wenn nicht mehr erläuterte Inhalt und Form, Rea- über den Zustand der Beziehun- den Jahrhunderten davor ein. im damaligen Eu­ropa beherrschlisierung und Erfolg. Und dann gen gesprochen wird, dann sind „Das sollte ein Lehrstuhl an ei- te ethnisch begründete Gewalt begleiteten er am Flügel und Lo- sie wirklich gut“, war seine Pro- ner bayerischen Universität wer- die damaligen Balkankriege. Alrenz Spieß am gnose. den, der eng mit Hochschulen in le Seiten ermordeten und verSchlagzeug SaSylvia Stiers­ Mittel-, Ostmittel- und Südost- trieben Zivilisten der jeweils anbine alias Jutorfer, Bayerns europa zusammenarbeitet. Das deren Völker. Der Frieden von lia Appel und Landesbeaufist nämlich nicht nur ein deut- Konstantinopel von 1913 gilt als Tomáš alias Datragte für Hei- sches, sondern auch ein europä- der erste Friedensvertrag, der einiel Notnagel matvertriebene isches Thema.“ nen geplanten Bevölkerungsausbei ihren einund AussiedStierstorfer: „Die diesjährigen tausch zwischen den Vertragsdringlichen Soler, berichte- Marienbader Gespräche sind partnern mit dem Ziel einer ethli und anrühte über ihre Ar- ein Signal des Aufbruchs.“ Und: nischen Entmischung vorsah. Im renden Duetbeit. Zunächst „Nichts an Flucht ist flüchtig.“ Frühsommer 1914 folgte ein ähnten. sagte sie, daß Und: „Prag ist weniger östlich als liches Abkommen zwischen GriePaula Schusie im Herbst Wien.“ chenland und dem Osmanischen bert und Chiamit ihren LanZu guter Letzt sprach Volks- Reich, das wegen des beginnenra Stenger studesbeauftraggruppensprecher Bernd Posselt den Ersten Weltkrieges jedoch dieren an der ten-Kollegen über „Vertreibungen und Um- kaum umgesetzt wurde. Die BalUni Mainz Kul- Bernd Posselt spricht. aus Baden- siedlungen im 20.  Jahrhundert kankriege und der folgende ErturanthropoloWürttemberg, im Rahmen der Balkankriege ste Weltkrieg vergifteten für gie. Kulturanthropologie unter- Hessen, Niedersachsen, Nord­ und ihre Auswirkungen auf die Jahrzehnte die Beziehungen zwisucht den Menschen in seinem rhein-Westfalen und Sachsen heutige Zeit“. Die Balkankrie- schen den Balkanvölkern. Verhältnis zu seiner Kultur. Sie das Dokumentationszentrum ge 1912 und 1913 waren WegVor diesem Hintergrund gehörten zu einer Gruppe von „Flucht, Vertreibung, Versöh- bereiter für den Eintritt der süd- schlug Posselt eine Brücke zur 30 Tschechen, Polen und Deut- nung“ in Berlin besudetendeutschen, die eine Studienreise in suchen werde. Von schen Problemadas sudetendeutsche Begeg- 60 geplanten Zeittik, schilderte aber nungs- und Bildungswerk Heili- zeugengesprächen zunächst die ungenhof im unterfränkischen Bad habe sie bereits 30 terschiedlichen Kissingen und in das Kultur- und geführt. 2022 solStaatsideen. Hier Bildungszentrum Haus Schlesien le – nach dem Justünden sich Paim nordrheinischen Königswin- genforum 2020 triotismus und Nater unternahmen. Sie machten – ein zweites Jutionalismus gegensich mit der Geschichte dieser In- genforum stattfinüber. Der Krieg stitutionen vertraut, erfaßten em- den. zwischen Tschepirisch Besucherzahlen und -zuAls Landeschen und Sudesammensetzung, Bildungs- und beauftragte hatendeutschen sei Kulturangebote. Nun werden sie be sie mittlerweiein Familienkrieg ihre Daten auswerten. le 180 Veranstalgewesen. TscheAnschließend ging es vom tungen absolviert. chen und SudeMarienbader Tagungsort Casi- Ihr neuestes Protendeutsche seino in die 15 Minuten entfern- jekt befasse sich en nicht Nachbarn te Waldmühle, einst ein impo- mit Frauen und wie Tschechen und santes klassizistisches Hotel mit Kindern im Zu- Albrecht Schläger hält eine Andacht. Bayern gewesen. Café, heute ein ruinöser Gebäu- sammenhang mit Wegen ihrer Fadekomplex. Dort bot das West- Flucht und Vertreibung. Projekt- osteuropäischen Staaten in den milienbande hätten sie mehr Anböhmische Symphonieorchester partner sei das Haus des Deut- Ersten Weltkrieg. Das Osmani- knüpfungspunkte gehabt. Ihre unter Direktor Milan Muzikař im schen Ostens in München. Au- sche Reich trat ebenso wie das Wurzelheimat habe die SudetenRahmen des Projekts „Lebendi- ßerdem setze sie sich für die auf dem Balkan isolierte Bulgari- deutschen Brücken schlagen las-

derts sei die Türkei ein Vielvölkerreich gewesen. Dort seien Kirchen und Konfessionen nicht staatstragend gewesen, sondern die Volksgruppen. Doch die Volksgruppen seien auch religiöse Einheiten gewesen. Der Völkermord an den Armesen. Und deswegen sei der Versöhnungsprozeß zwischen Su- niern im Ersten Weltkrieg sei wedetendeutschen und Tschechen der typisch osmanisch noch tyheute weiter als der zwischen pisch moslemisch, sondern typisch westlich gewesen und von Deutschen und Polen. Das Mittelalter habe an einen den modernen Jungtürken proreligiös homogenen Staat ge- pagiert worden. Die Jungtürken glaubt. Mehrere Sprachen hät- hätten ihre Idee eines ethnisch ten nebeneinander existiert. So homogenen Staates aus Paris imhabe der heilige Stephan I., Kö- portiert. Der Glaube an die Nanig von Ungarn (973–1038), tion habe den Glauben an Gott seinem Sohn Imre geschrieben: ersetzt. Die jakobinische Idee „Ein Reich, das nur eine Sprache, eines homogenen Nationalstaates sei schon eine Sitte kennt, im Westen verist schwach und heerend gewekraftlos.“ sen, im Orient Das 17. und sei sie noch ver18. Jahrhundert heerender gebreche mit diewesen. ser Idee. Jean Der VerBodin und Thosuch der Ersten mas Hobbes Tschechoslowahätten den modernen Machtkischen Repustaat propablik, das frangiert, einen Terzösische Modell ritorialstaat, in des Nationaldem die zentrastaates auf den le Macht, der tschechoslowaHerrscher, über kischen VielGott stehe. Also František Černy, der 90jährige er- völkerstaat zu auch über dem ste Tschechische Botschafter nach übertragen, haRecht. Das sei der Wende in Berlin, richtet Grü- be die Unterdas Gegenteil ße vom gegenwärtigen Tschechi- drückung der der Vielfalt des schen Botschafter in Berlin, von großen ethniTomáš Kafka, aus. Föderalismus. schen MinderDie linken heiten zur Folge Jakobiner im Frankreich des aus- gehabt. Die Gegenidee Paneu­ gehenden 18. Jahrhunderts hät- ropa mit grenzüberschreitendem ten die Mehrheit an die Stel- Minderheitenschutz und Grenle des Monarchen gesetzt und zen, die nicht schmerzen, haihr die Vielfalt geopfert. Damals be auf deutschböhmischem Boseien die nicht französisch spre- den in Ronsperg an der Grenze chenden Elsässer brutal verfolgt zur Oberpfalz Richard Nikolaus worden mit der Begründung, sie Coudenhove-Kalergi, der Sohn sprächen nicht einer Japanedie Sprache der rin und eines Republik. IhDeutschen, erre Kinder hätdacht. ten in fremden Gegen die Familien FranBalkankriege zösisch lernen in den neunmüssen. ziger Jahren 1867 habe – bei denen Kaiser Franz es auch um eiJo­ seph I. das nen homogeStaatsgrundnen Nationalgesetz sanktiostaat und um niert, nach dem das Verschwinalle Volksstäm- Libor Rouček den – manche me gleichbemeinen Auslörechtigt gewesen seien und das schen – von Minderheiten geMehrheitsprinzip keine Rolle ge- gangen sei – und für deren Opspielt habe. 1899 habe die öster- fer habe er, so Posselt, sich mit Lireichische Sozialdemokratischen bor Rouček und Milan Horáček, Arbeiterpartei das Brünner Pro- seinen Kollegen im Europaparlagramm beschlossen, das die Bil- ment, eingesetzt. dung eines demokratischen NaEin Staat, in dem nur eine Volk tionalitätenbundesstaates ge- lebe, sei eine Fiktion. Und in Eufordert habe. Und 1905 sei der ropa gerechte Grenzen ziehen Mährische Ausgleich beschlos- zu können, sei eine gefährliche sen worden, der die Nationali- Utopie. Bernd Posselt: „Die Getätenprobleme zwischen Deut- schichte unserer Volksgruppe ist schen und Tschechen habe lösen voller Lehrern für den Balkan.“ sollen. Anfang des 20. Jahrhun Nadira Hurnaus

Milan Muzikař leitet das Westböhmische Symphonieorchester, das in der Marienbader Waldmühle spielt.

Gerhard Pachner MdL a. D., Gerhard Hopp MdL und Steffen Hörtler.

Grenzen ohne Schmerzen

T

Bilder: Nadira Hurnaus


8

KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

In der Zeitschrift: Beilage mit historischen Postkarten von unter anderem Trautenau in Böhmen, Tilsit in Ostpreußen und Schäßburg in Siebenbürgen. Die neunte Ausgabe des Journals „Blickwechsel“ vom Kulturforum Östliches Europa Potsdam (DKF) ist erschienen. Sie berichtet über die Rolle der visuellen Medien bei der Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa.

W

ährend der Corona-Pandemie mit ihren Versammlungs- und Ausgangsverboten machten viele Kultureinrichtungen erstmals die Erfahrung, mit YouTube-Premieren, OnlineKonferenzen und Festivals per Video Menschen unabhängig von Zeit und Raum zu erreichen. Doch der Wunsch, Bilder möglichst weit in die Welt hinaus zu schicken, ist nicht neu und auch nicht gebunden an digitale Technologien. Das zeigt sich in der hi-

„Blickwechsel“ Das Magazin des Deutschen Kulturforums Östliches Europa in Potsdam erscheint seit 2013 jährlich und informiert über die Vielfalt deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa.

storischen Spannweite der � Neu erschienen: „Blickwechsel“ 2021 Beiträge im neuen „Blickwechsel“. Viele der Beiträge führen in die Regionen des deutschen Ostens – und auch in die weite Welt. Denn hier zeigt Vera Schneider in „Kafka auf Java“, daß der Prager Dichter in Indonesien eine goldene Statue und viele Verehrer hat. In die weite Welt kamen auch die Helden der Comicserie „Digedags“ des böhmischen Zeichners Hannes Hegen(barth). Ulrich Miksch berichtete über ihn (Ý SdZ 1+2/2020). Auch die Geschichte der großen Tierfilme führt vom deutschen Osten in die weite Welt. Bernhard Grzimek aus Oberschlesien und Heinz Sielmann, der in Ostpreußen aufwuchs, gingen „Mit der Kamera auf die Pirsch“, wie Christoph Hinkelmann beschreibt. In „Von der Wirkungsmacht der Worte“ präsentiert Kurt F. Strasser den Philosophen und Mathematiker Bernard Bolzano, Glasdiorama „Der Sprudel in Karlsbad“ im Heft, auch online lesbar: www. der lange in Südböhmen lebte. kulturforum.info/de/verlag-medien/blickwechsel/8364-blickwechsel-2021 Andere große Persönlichkeiten sind in der Buchreihe „IntellekIn so ein Themenheft paßt ne den Verfolgungen der Natiotuelles Prag“ zu finden, die Mit- auch der aus Teplitz stammende nalsozialisten entging, schildert herausgeber Steffen Höhne vor- deutsche Walt Disney. Wie der seine Biographin Herma Kenstellt. Trickfilmer Wolfgang Kaskeli- nel. Bilder entstanden gern im

Das Stadtmuseum Waldkraiburg im Kreis Mühldorf am Inn zeigt derzeit eine Ausstellung über die Geschichte der Feuerwehr in Bayern und Böhmen. Unter dem Motto „Wer kommt, wenn‘s brennt?“ werden besonders die Feuerwehren von Waldkraiburg und seinen Ortsteilen sowie einigen Orten in Böhmen dargestellt. Bei der Eröffnung hielt Stephan Mayer MdB, Parlamentarischer Staatsekretär und Stellvertretender Landesvorsitzender der UdV, die Festrede.

Macht der Bilder

Bilder: DKF Zusammenhang mit Reisen, wie Jürgen Glanz in „Biedermeier in 3 D“ über Dioramen als Reiseandenken aus Schlesien und Böhmen zeigt. Ein populäres Medium und Andenken waren Hinterglasbilder aus Schlesien, wie Martin Kügler in „Heilige in Serie“ aufdeckt. Und als besonderes Schmankerl finden sich als „Bastelbogen“ in der Heftmitte acht historische Hochglanz-Postkarten aus dem deutschen Osten – zum Ausschneiden, Beschriften, Versenden. Solche touristischen und religiösen Bilder wurden sicher oft geschönt. So warnen die Autorinnen und Autoren des Heftes auch davor, Realität und (Ab-) Bild gleichzusetzen, denn selbst scheinbar unbestechliche Formate wie Fotografie und Dokumentarfilm seien stets Interpretationen. Propagandapostkarten mit „Treudeutschen Grüßen“ auf Ansichtskarten aus dem deutschen Osten, die Erwin E. Habisch schildert, sind eher kritisch zu betrachten. Manche Bildzeugnisse sind auch verlogen oder gefälscht, wie die tschechischen Kino-Wochenschauen über die vermeintlich „geordnete“ Vertreibung der Sudetendeutschen

� Jubiläumsausstellung der Freiwilligen Feuerwehr im oberbayerischen Waldkraiburg

In Bayern und Böhmen

G

leich zwei Jubiläen begleiten in diesem Jahr die Waldkraiburger Freiwilligen Feuerwehren. Neben dem 70jährigen Jubiläum der Stadtwehr feiert die Feuerwehr des Gemeindeteils Pürten in diesem Jahr ihr 140jähriges Bestehen. So bieten die beiden runden Geburtstage Anlaß und Gelegenheit, sich intensiver mit der Geschichte des Feuerwehrwesens am Beispiel der Waldkraiburger Feuerwehren zu beschäftigen. Gegenstände, Fotografien, Dokumente und Videos entwerfen ein lebendiges Bild der Feuerwehrgeschichte von den Anfängen bis in unsere Gegenwart. Die Ausstellung entstand als gemeinsames Projekt des Stadtmuseums mit dem Stadtarchiv und den Freiwilligen Feuerwehren in der Stadt Waldkraiburg und ihren Ortsteilen. Die Chroniken der Ortsfeuerwehren und Bestände aus dem Haidaer Archiv sowie der Adlergebirgs-

Stephan Mayer MdB in der Schau.

Die Feuerwehr von Böhmisch Leipa in Nordböhmen.

Bilder: Stadtmuseum Waldkraiburg, Stadt Waldkraiburg

stube, die teilweise bis ins 19. Jahrhun- und spannende Zeitzeugeninterviews. dert zurückgehen, aber auch alte Pläne Denn sind natürlich auch die jüngste und Fotografien aus Waldkraiburg ge- Vergangenheit und die lebendige Geben spannende Einblicke in die Anfänge des Feuerwehrwesens. Die böhmischen Feuerwehren präsentieren sich um die Jahrhundertwende in ihren schicken Uniformen. Und auch die Nachwuchsförderung wurde schon damals großgeschrieben, wie die Kinderfeuerwehr aus Grulich auf dem Foto von 1904 beweist. Darüberhinaus sind historische Uniformen und Gegenstände aus Böhmen und Bayern zu sehen, aber auch aktuelle Objekte sowie Fotos, Filme Löschfahrzeuge vor dem Feuerwehrhaus Waldkraiburg.

genwart zwischen Tradition und Innovation einbezogen. So kommen in der Ausstellung historische Objekte vom einfachen Ledereimer bis zu Exponaten der Feuerbekämpfung des 21. Jahrhunderts anschaulich zur Geltung. Auch für diese Ausstellung gibt es wieder ein vielseitiges Begleitprogramm. Ende Juli boten Stadtarchivar Konrad Kern und Museumsvolontärin Tabea Sethmann bei einer Führung durch die Ausstellung im Stadtmuseum viele spannende Hintergrundinformationen. Die Feuerwehr in der Waldkraiburger Prießnitzstraße war ebenfalls bei die-

in der Nachkriegszeit. Dies beweist Filmhistorikerin Tereza Frodlová in „Zwischen Zensur und Tabubruch“. Etliche andere Bild-Texte aus anderen Regionen des deutschen Ostens und einige Streiflichter über die Aktivitäten des DKF runden den neuen „Blickwechsel“ ab. Susanne Habel

Bezug für Privatpersonen 2,50 Euro plus Porto beim Stuttgarter Verlagskontor, eMail svk@svk.de, Telefon (03 31) 2 00 98 19, Bestellnummer DF121. Für Institutionen beim Ankauf größerer Stückzahlen Anfrage an hoerdt@kulturforum.info

ser besonderen Aktion dabei. Auch im Feuerwehrmuseum Bayern, das in der Duxerstraße in Waldkraiburg beheimatet ist, bot eine Spezialführung viele neue Einblicke mit einem Schwerpunkt auf historischen Feuerwehrfahrzeugen und -Geräten. Das Waldkraiburger Feuerwehrmuseum Bayern stellt die Geschichte der Feuerwehr auf 4500 Quadratmetern dar. Die dort präsentierten 5000 Exponate und 85 Fahrzeuge stammen aus zwei Jahrhunderten und reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Auch modernste Feuerlöschtechnik läßt sich dort hautnah erleben und anfassen. Eine große Blaulicht-Sammlung, unser Sondersignalfahrt-Simulator und eine Modellbauabteilung runden das Angebot des Museums ab. Vergangenen Samstag gab es eine große Vorführung der Waldkraiburger Feuerwehr mit Fahrzeugschau. Gegenwärtig ist sie aber vor allem mit Hilfsaktionen für Flutopfer beschäftigt. sh Bis Samstag, 14. August: „Wer kommt, wenn‘s brennt?“ in Waldkraiburg/Kreis Mühldorf am Inn, Stadtmuseum, Haus der Kultur, Braunauer Straße 10. Mittwoch, Donnerstag, Samstag, Sonntag 14.00–17.00 Uhr. Ausstellung im Feuerwehrmuseum Bayern, Duxerstraße  8, Waldkraiburg. Samstag, Sonntag 10.00– 17.00 Uhr. Internet www.waldkraiburg. de/haus-der-kultur/museen

Eine Vitrine in der Ausstellung.


9

KULTUR

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Samtenen Revolution 1989 erlebte die Goldene Straße eine Renaissance“, freute sich der Referent. Auch die nördliche Route sei wiederentdeckt worden, etwa für den Freizeitsport mit einem Radwanderweg. „Die Goldene Straße ist also wieder und weiterhin völkerverbindend und ein europäisches Projekt, das auch mit EU-Mitteln gefördert wird“, schloß Samerski seinen Vortrag in der Reihe „Böhmen und Bayern“. Eingangs hatte Heimatpflegerin Christina Meinusch Samerskis viele „Stammgäste“ herzlich begrüßt und dem Referenten gedankt. „Wir freuen uns auf den nächsten Vortrag von Professor Samerski“, lautete die einhellige Meinung aller Zuhörer. Susanne Habel

Der neueste Teil der diesjährigen Vortragsreihe von Stefan Samerski über „Böhmen und Bayern“ hat wieder live im Sudetendeutschen Haus in München stattgefunden. In der dritten Folge referierte der Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit über die Goldene Straße als traditionsreiche Verbindung zwischen Böhmen und Bayern.

D

er Begriff Goldene Straße erschien erstmals unter Karl IV. im Jahr 1513 in einer Urkunde“, begann Stefan Samerski seinen Bildervortrag. Der Name lehne sich an die Goldene Bulle von 1365 an, die quasi das Grundgesetz des Deutschen Reiches gewesen sei. „Darin war festgelegt, daß die sieben Kurfürsten den deutschen Kaiser in Frankfurt am Main wählten, der dann in Aachen mit der Krone gekrönt wurde, die einst dort auch Karl der Große getragen hat.“ Der erste Hoftag habe dann jeweils in Nürnberg stattgefunden, und genau von dort habe die Goldene Straße über Lauf, Sulzbach, Weiden, Bärnau, Tachau und Pilsen nach Prag geführt. Da Karl IV. ursprünglich ein Luxemburger und ständig in seinem Reich unterwegs gewesen sei, habe diese wichtige Handelsroute sogar von seinen Stammlanden in Luxemburg bis nach Breslau im Osten geführt. „Die ganze Länge war daher 1600, die Kernstrecke Nürnberg–Prag 300 Kilometer.“ Zur Kernstrecke schilderte er auch deren zwei Routen: „Die südliche, bequemere und kürzere Route über Waidhaus verlief über das Gebiet der Landgrafen von Leuchtenberg und wird heute von der Autobahn E 50 von Nürnberg nach Prag nachgezeichnet.“ Dies sei wohl eine sehr alte Route, die möglicherweise bereits im Neolithikum und von den Kelten genutzt worden sei. Durch seine Heirat mit Anne von der Pfalz habe Karl IV. je-

Goldene Straße: An der Frauenkirche in Nürnberg prangt Kaiser Karl IV., der sie stiftete. Die Burg Lauf stammt auch von Karl IV.

doch das Gebiet Neuböhmen � Vortragsreihe „Böhmen und Bayern“ gewonnen, das in etwa der heutigen Oberpfalz entspreche. „Daher ließ Karl seine Goldene Straße durch hoheitliche Anordnung weiter nördlich über Pfraum­berg mit einer Paßhöhe von 636 Metern umleiten.“ Sie sei nun durch Städte und Gebiete Karls IV. in cher auch zu dieAuf Bildern einem nördlichen Bogen über ei- sem Namen beizeigte Samernen höheren und steileren Paß trug. Die Nürnski kunsthistorimit 698 Metern zwischen Bärnau berger Händler sche Spuren, die und Tachau verlaufen und dann hätten über dieauf Karl IV. verwiederum nach Süden in Rich- sen Handelswiesen. So finde tung Pilsen abgebogen und von weg Kramwasich in Nürnberg Burgen abgesichert worden. Die ren, Orientwaeine Statue des südlichere, bequemere Route ha- ren wie Gewürze Heiligen Wenbe man als Verbotene Straße be- und Medikazels von Böhzeichnet, auch wenn die nördli- mente, Seidenmen in der Mache Goldene Straße sicher nicht stoffe und Barrienkirche, der die einzige Verbindung über die chent nach Prag ReichskapelMittelgebirgs- gebracht. Ferner le. Ebenso haschwelle des seien Schmuckbe es AbbildunOber­pfälzer waren, Waffen Professor Dr. Stefan Samerski. gen von Wenzel Waldes und und Rüstungen in der Burg Lauf des Böhmer- nach Böhmen exportiert und von oder an einem Haus in Weiden waldes gewe- dort Fette, Häute, Wachs, Fel- gegeben, ferner in Litzendorf/ sen sei. le, Kupfer, Silber, Gold und ab Kreis Bamberg und Dieten­hofen Samerski dem 16. Jahrhundert auch ver- im heutigen Kreis Ansbach. „Der schilderte den stärkt Vieh nach Nürnberg gelie- Heilige Wenzel von Böhmen war florierenden fert worden. „Dafür war ein guter ja Hauspatron der Přemysliden Handel, der und sicherer Verkehrsweg nötig, und Namensgeber für vier weiauf der Gol- wozu entlang der Goldenen Stra- tere böhmische Herrscher dieses „Männleinlaufen“ der Kurfürsten um den Kaiser an der denen Straße ße Burgen erbaut und Landpfle- Namens.“ Kaiser Karl IV., Sohn Frauenkirche in Nürnberg. ablief und si- geämter eingerichtet wurden.“ Johanns von Luxemburg, des Kö-

Goldene Straße

Karte der Goldenen Straße: Oben die nördliche Route durch Neuböhmen in der Oberpfalz, die Karl IV. einführte (rote Punkte), weiter südlich die ältere Route (blaue Punkte), die auch Verbotene Straße genannt wurde. Bild: Google Maps (Screenshot)

Martersäule mit Plakette „Böhmische Grenze“ in Nürnberg-Erlenstegen.

Bilder (7): Erich Hemmel

Nächster Vortrag von Stefan Samerski am Montag, 4. Oktober, 19.00 Uhr: „Preußen in Österreich“ in München, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8. Veranstalter: SL-Bundesverband, Sudetendeutsche Heimatpflege, Ackermann-Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising, Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste.

nigs von Böhmen, und dessen sowohl von den Přemysliden als auch den Habsburgern abstammende Gattin Elisabeth, der zweitältesten Tochter des l  Studium der KatholiKönigs Wenzel II. Přemysl. sei schen Theologie, Geschichebenfalls Wenzel getauft worte und Kunstgeschichte in den. Auch dessen Sohn sei Bonn und Rom. Wenzel getauft und 1363 zum l  Habilitation 2000 an König Wenzel IV. von Böhmen der Katholisch-Theologigekrönt worden, erinnerte Saschen Fakultät der LMU merski. München. Weihesakrament Die Goldene Straße sei auch in 2009 in Regensburg. der Frühen Neuzeit im Gebrauch l Professor für Kirchengeblieben. Mit dem Ausbau von geschichte am PriesterseFernverkehrsstraßen, beginnend minar Redemptoris Mater mit dem Chausseebau im 18. Berlin, Seelsorger an der Jahrhundert, habe sich das dichHerz-Jesu-Kirche in Berlinte Fernwegenetz auf wenige RouCharlottenburg und Vizeten konzentriert. Dabei sei die präsident der SudetendeutHauptverbindungsstraße zwischen Akademie. schen Nürnberg und Prag der historischen Trasse der mittelalterlichen, südlichen Route, der Verbotenen Straße gefolgt, bis der Eiserne Vorhang auch diese Verbindungen weitgehend gekappt habe. Im Wappensaal des Wenzelschlosses wurden die Wappen „Nach der Böhmens aus der Zeit Karls IV. wiederentdeckt.

Stefan Samerski

Claudia Kern, Geschäftsführerin der Ackermann-Gemeinde Diözesanstelle München, Andreas Schmalcz, Mitarbeiter der Sudetendeutschen Heimatpflege, Heimatpflegerin Christina Meinusch, Barbara Gießmann, Generalsekretärin der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Bilder (2): Susanne Habel

Das Schloß in Sulzbach-Rosenberg wurde ebenfalls von Karl IV. genutzt, der auch die Befestigungen von Hersbruck und den Wasserturm errichten ließ.


10

VERBANDSNACHRICHTEN

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Ackermann-Gemeinde

Flucht – ein Welt-Problem Jubelfeier im Musikhotel in Jeßnitz.

SL-Kreisgruppe Anhalt-Bitterfeld/Sachsen-Anhalt

Spontane Spende zum Geburtstag germeister Armin Schenk, Uwe Müller, Mitglied des Stadt- und Ortschaftsrates Bitterfeld, Karl-Heinz Zschinzsch vom Vertriebenenamt, den ehemaligen SL-Landesobmann Hans-Joachim Nerke und die Mitglieder der Kreisgruppe willkommen. Derer, die durch die Veru Beginn des Komotau- treibung umgekommen waer Treffens schlug Christel ren, gedachte Klaus Arendt in Rothkirch vor, gemeinsam ein einer Rede. Die Festrede hielt altes Volkslied aus der Hei- Frank Wyszkowski. Er kennt mat zu singen, und stimmte es die historische Entwicklung gleich an. Danach wurden Ge- nur aus Erzählungen der älschichten, Gedichte und hu- teren Landsleute und aus den moristische Beiträge vorgetra- Medien. Er möchte aber, daß gen. Traditionsgemäß wurde vor allem die Jugend erfährt, im heimatlichen Dialekt ge- was damals geschah. Deshalb sprochen. Anni Wischner, Bri- plant er, ein Buch darüber zu gitte Heistermann und Irene schreiben. Wischner rundeten mit ihren Oberbürgermeister Schenk Mundart-Beiträgen den unter- hob in seinem Grußwort noch haltsamen Nachmittag ab. einmal hervor, welche Rolle Mit kleinen Geschenken die Vertriebenen gerade hier gratulierte Anni Wischner Bri- in der Region beim Wiedergitte Heistermann zum 66. aufbau nach dem Krieg geleiund Christel Ulrich zum 81. stet hätten und wie wichtig es Geburtstag. An diesem ersten sei, die heimatliche TraditiNach-Corona-Treff der Kreis- on zu pflegen und für nachfolgruppe hatten sich die Lands- gende Generationen zu erhalleute viel zu ten. Gerne erzählen, da unterstütsie sich lanze er die SLge nicht geKreisgrupsehen hatpe bei ihrer ten. SchließTraditionslich dankte pflege, sagte Anni Wischer und spenner allen, dete spondie die ertan aus der forderliStadtkasse chen Maßund privat je nahmen auf 50 Euro. sich genom- Anni Wischner gratuliert Brigitte Gustel men hatten, Heistermann und Christl Ulrich zum Reinhart ist um an die- Geburtstag. Obmann sem Treffen der benachteilnehmen zu können, und barten SL-Keisgruppe Witdem Personal des Hauses der tenberg. Nach der Wende war Volkssolidarität für die gastro- dies die erste Kreisgruppe nomische Betreuung. in Sachsen-Anhalt und er ihr Am 13. April 1991 gründe- Vorsitzender. Bewegend schilte sich die SL-Kreisgruppe Bit- derte er als einer der letzten terfeld. Wegen Corona konnte noch lebenden Zeugen von das Jubiläum erst Anfang Ju- Vertreibung und Neubeginn, li im Musikhotel in Jeßnitz ge- wie alles war. Vor allem wie feiert werden. sich endlich nach der Wende Nach der Wende war es die Vertriebenen zusammenendlich möglich, sich öffent- schließen und ihre Traditiolich als Vertriebene zu beken- nen öffentlich pflegen konnnen. Darauf hatten sie lange ten. gewartet. Schließlich wollten Mit einer Ehrenurkunde sie ihre Tradition nicht mehr und einer Rose wurden langim Geheimen pflegen. Bis da- jährige Mitglieder für ihre hin hatte man sich in kleinen Treue zur SL geehrt. Nach eiGruppen heimlich getroffen, ner Kaffeepause begann die um sich gemeinsam an die Schau mit Angela Novotny Heimat zu erinnern. und Startenor Richard Wiedl. Bereits am Gründungs- Dieser begeisterte mit schötag erklärten spontan fast 100 nen Liedern, lustigen GeLandsleute ihren Eintritt. Die schichten und akrobatischen Anzahl der Mitglieder wuchs Darbietungen. Dazu gesellte ständig. Unter Hildegard Mar- sich Angela Novotny. Sie sanschall entstand eine Singgrup- gen auch im Duett bekannte pe. Unter Kreisobmann Pe- Wiener Lieder und forderten ter Barth wurde eine Klöppel- die Mitglieder zum Mitsingen Gruppe ins Leben gerufen. Die auf. Leitung übernahm Anna AdaDas war ein würdiger Abmek. Und Fahrten in die Hei- schluß der 30-Jahr-Feier der mat wurden organisiert. Diese SL-Kreisgruppe Anhalt-Bitter30 Jahre waren eine bewegen- feld. Ein großes Dankeschön de Zeit. gilt der Kreisobmännin Anni Anni Wischner umriß diese Wischner, die mit ihrem Vor30 Jahre in ihrer Begrüßungs- stand die Feier organisiert hatrede. Dann hieß sie Bundes- te. Dank ging ebenfalls an Antagskandidat Frank Wyszkow- gela Novotny, die mit ihrem ski, Lars-Jörn Zimmer MdL, Team eine festliche GestalBitterfeld-Wolfens Oberbür- tung ermöglicht hatte. st Für Ende Juni hatte Anni Wischner, Obfrau der sachsen-anhaltinischen SL-Kreisgruppe Anhalt-Bitterfeld, ehemals Bitterfeld, zum Komotauer Treffen eingeladen. Und Anfang Juli feierte die Kreisgruppe 30jähriges Bestehen.

Z

Beim Juli-Zoom der AckermannGemeinde sprach Oliver Müller, Leiter von Caritas International, dem Not- und Katastrophenhilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, über „Flucht – eine globale Herausforderung“.

D

er Theologe und Politikwissenschaftler sei, so Moderator Rainer Karlitschek, seit 2006 Leiter der Caritas International. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehörten humanitäre Hilfen, globale soziale Entwicklung und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in Osteuropa und auf der südlichen Halbkugel. Laut Müller waren Ende 2020 82,4 Millionen Menschen weltweit wegen Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht. 26,4 Millionen seien Flüchtlinge, 48 Millionen Binnenvertriebene, 4,1 Millionen Asylsuchende und 3,9 Millionen Venezolaner, die außerhalb ihres Landes auf der Flucht seien. Syrien, Afghanistan, Südsudan und Myanmar hätten die meisten Flüchtlinge, wobei vielfach die Flucht ein Dauerzustand sei. „Zwei Drittel kommen aus lediglich fünf Ländern. Syrien ist bis heute die größte Katastrophe, der Südsudan hat stark zugenommen.“ Dazu trage auch bei, daß Kriege oder Konflikte immer länger dauerten und eine Friedenskonsolidierung wegen ungeklärter innerstaatlicher Probleme nicht gelinge. „Der Großteil der Flüchtlinge findet Schutz in den Nachbarländern.“ Das seien oft

wenig entwickelte Staaten. Neben der Türkei und Kolumbien nehme Deutschland den dritten Rang bei den Hauptaufnahmeländern ein. Bei der Relation zur Bevölkerung stünden der Libanon und die Türkei an der Spitze. Aber viele dieser Nachbar-Aufnahmeländer seien kaum in der Lage, den Flüchtlingen einen Lebensstandard zu bieten. „Um die Gruppe der Inlandsvertriebenen müssen wir uns gro-

Dr. Oliver Müller. Bild: Telemach Wiesinger ße Sorgen machen.“ Denn dieser Personenkreis befinde sich unter Beobachtung von Regierungen, die Verfolgung und Vertreibung negierten. Unterstützung von außen werde schwieriger. Doch auch die Aufnahme von Vertriebenen belastete Staatshaushalte, zeitige mangelnde Schulbildung bei Jugendlichen unter den Vertriebenen. „Die Bewältigung der Probleme kann nicht nur durch humanitäre Hilfen geschehen.“ Dazu seien Entwicklungszusammenarbeit und

Perspektiven für die Rückansiedlung nötig. Ein Defizit sei zudem das Fehlen entsprechender internationaler Abkommen. Der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan und die aktuellen Entwicklungen würden zu permanenten Kämpfen und Unruhen in Teilen des Landes führen. Speziell in Afghanistan kämen noch Naturkatastrophen dazu, die Wegzüge nach sich zögen. Eine wachsende Ursache für Flucht sei der Klimawandel. Er wirke sich auf die Landwirtschaft aus, verursache Konflikte um die Nutzung fruchtbarer Ackerflächen. Mit 400 Naturkatastrophen pro Jahr hätten diese sich seit dem 1990er Jahren verdoppelt. Zugenommen hätten ferner die Probleme bei der Wasserversorgung, was Binnenvertriebene zur Folge habe. Um all dem etwas entgegenzuwirken, brachte Müller ein Zertifikat ins Spiel, womit eine legale Einwanderung eher möglich werde. Vorliegen würde auch der Globale Flüchtlingspakt der Vereinten Nationen, dem aber die völkerrechtliche Verbindlichkeit fehle. Nur eine stärkere Zusammenarbeit der Staaten und Völker sowie eine bessere Finanzierung der Hilfsmaßnahmen könnten Positives bewirken. „Es bedarf einer besseren Konfliktbearbeitung, um Flucht und Vertreibung zu verhindern. Oft ist eine wirkliche Perspektive – zum Beispiel in Syrien – nicht absehbar. Und Corona hat die Situation verschärft.“ Markus Bauer

BdV-Landesverband Bayern

Bekräftigter Dialog Anfang Juli war der BdV-Landesverband Gast eines Parlamentarischen Abends, zu dem die SPD-Landtagsfraktion ins Maximilianeum geladen hatte.

D

er neue bayerische SPDLandes- und Fraktionsvorsitzende Florian von Brunn, der frühere Fraktionsvorsitzende Horst Arnold, Landtagsvizepräsident Markus Rinderspacher, die parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion, Simone Strohmayr, und der Hofer Abgeordnete Klaus Adelt waren die Gesprächspartner der Mitglieder des BdV-Landesvorstandes und der Landesvorsitzenden der Landsmannschaften. Organisator der Zusammenkunft war Volkmar Halbleib, der Vertriebenenpolitische Sprecher der SPDFraktion. Seine Fraktion, so Halbleib, freue sich mit dem BdV über die Fertigstellung des Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin und des Sudetendeutschen Museums in München. Für seine Kolleginnen und Kollegen sei zudem die Überwindung der Sprachlosigkeit zwischen Prag und München ein Meilenstein. Durch fortwährende Besuche im Nachbarland wolle man den Dialog unterstützen und für einen Abbau des schädlichen Nationalismus werben. „Nur wer miteinander spricht, kann Vertrauen aufbauen und Vorurteile abbauen.“

Der BdV-Landesvorsitzende Christian Knauer würdigte den Dialog mit der SPD-Fraktion als wichtigen Baustein für eine neue gesellschaftliche Sichtweise auf die Arbeit des BdV und seiner Landsmannschaften. Durch das Aufeinanderzugehen fast aller im Landtag vertretenen Parteien und einer Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen sei es dem BdV in den letzten 20 Jahren gelungen, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Heute gebe es im Freistaat nur noch wenige Vorbehalte gegen den BdV und seine Verbände, da sich nicht zuletzt wegen der gegenwärtigen weltweiten Vertreibungen der Blick auf das Schicksal der Heimatvertriebenen und Aussiedler verändert habe. Zunehmend werde auch die Brückenfunktion der Landsleute für die Verständigung mit den östlichen Nachbarn erkannt und die ostdeutsche Kultur als integraler Bestandteil der gesamtdeutschen Kultur gesehen. Knauer dankte der SPD-Fraktion für die Unterstützung der BdV-Anliegen im Bayerischen Landtag und die vorbildliche Arbeit der Vertriebenenpolitischen Sprecher von CSU, SPD und Freien Wählern. Florian von Brunn überraschte mit der Offenlegung seiner Wurzeln, die nach Stettin und Schweidnitz führten. Mit Rinderspacher sicherte er den Landsmannschaften die Unterstützung

seiner Partei beim Aufbau der im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern vereinbarten Kulturzentren für die Deutschen aus Rußland, die Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen und die Donauschwaben zu. Es wäre eine Tragik, wenn das in liebevoller ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragene Kulturgut im Freistaat verloren gehe. Beide Politiker dankten dem BdV für dessen Aufgeschlossenheit bei der Bewältigung der Fluchtbewegungen der Gegenwart. Der SPD als „soziales Gewissen“ legte die Ehrenvorsitzende der Siebenbürger Sachsen, Herta Daniel, die Beseitigung der Ungerechtigkeiten bei der Rentenberechnung für die Spätaussiedler ans Herz. Zwar sei die Einführung der Grundrente ein wertvoller Schritt. Doch viele ihrer Landsleute erfüllten die Bedingungen nicht, um in den Genuß der Verbesserungen zu kommen. Hier müsse nachgebessert werden. Ans Herz gelegt wurden den SPD-Parlamentariern auch Besuche bei den verbliebenen Deutschen. Wichtig sei, den politisch Verantwortlichen zu zeigen, daß der deutschen Politik die Bedingungen, unter denen ihre Landsleute dort zu leben hätten, nicht gleichgültig seien. Die Zusammenkünfte seien zudem eine Anerkennung ihrer wertvollen Brückenfunktion in Europa und Motivation für ihre Arbeit.

BdV-Landesverband Bayern zu Gast bei der SPD-Landtagsfraktion im Maximilianeum.

Bild: Susanne Marb/BdV

Gert-Peter Schwank, Ernst Wollrab und Armin Schindler.

SL-Ortsgruppe Aichach

Die Zukunft ist sicher Ende Juli traf sich die bayerischschwäbische SL-Ortsgruppe Aichach zur Jahreshauptversammlung im Gasthaus Specht.

D

ie Ortsgruppe hatte den schleichenden Niedergang in früheren Jahren überwunden. Obmann Gert-Peter Schwank verkündete einen Nettogewinn von zehn Mitgliedern in den letzten zwei Jahren und eine solide Finanzbasis für die kommenden Jahre. Bei den von Altlandrat Christian Knauer geleiteten Wahlen wurde der Vorstand um zwei Mitglieder erweitert. In seiner Begrüßung sagte Schwank, daß die Zukunft der Ortsgruppe sichert sei. Mit der Verabschiedung einer Vereinssatzung habe man sich die Gemeinnützigkeit und mit der Teilvermietung der Heimatstube an den BdV für deren Migrationsberatungsstelle die finanzielle Unabhängigkeit gesichert. Schriftführerin Helga Schwank ließ in ihrem Rechenschaftsbericht die Aktivitäten der Kreisgruppe seit 2019 Revue passieren. Mit den Vortragsnachmittagen, deren Themen vom „Prager Frühling“ über die „Schlesischen Kriege“ bis zu „Vertriebene in Korea“ gereicht hätten, habe man neben den eigenen Mitgliedern auch viele Interessenten außerhalb der SL angesprochen. Herausragende Ereignisse seien die Generalsanierung der Heimatstube, der Tag der offenen Tür und die 70-Jahr-Feier gewesen. Mit der Fahrt ins Sudetendeutsche Museum nach München wolle die SL im September ihr regelmäßiges Veranstaltungsprogramm wieder aufnehmen. Über geordnete Finanzen berichtete Schatzmeister Jonny Michl. Besonders erfreulich sei die Spendenbereitschaft für die Sanierung der Heimatstube gewesen. Die Kassenprüfer Christian Knauer und Bürgermeister Klaus Habermann lobten Michls vorbildliche Kassenführung. Ohne Diskussion stimmte die Versammlung einer Satzungsänderung zu, mit der die Position eines Stellvertretenden Kassenwarts verankert wurde. Die Neuwahlen brachten folgende Ergebnisse: Vorsitzender Gert-Peter Schwank, Stellvertretender Vorsitzender Johann Hötschel, Schriftführerin Helga Schwank, Stellvertretende Schriftführerin Heidi Hötschel, Schatzmeister Johann Michl und Stellvertretende Schatzmeisterin Erika Glöckner. Zu Beisitzern wurden Johann Kneifl, Rudi Sattler, Heinz Pösselt und Bernd Haberer gewählt. Knauer und Habermann bleiben Kassenprüfer. Im Beisein von SL-Kreisobmann Ernst Wollrab zeichnete der wiedergewählte Ortsobmann zum Abschluß der Versammlung Jonny Michl und Altstadtrat Armin Schindler für deren 55jährige Treue zur Ortsgruppe mit einer Urkunde aus. In einem Grußwort kündigte Ernst Wollrab seinen Rückzug aus der aktiven Arbeit an. Nach 53 Jahren im Amt des Kreisobmanns sei ein Wechsel nunmehr überfällig. Noch im Herbst sollen Neuwahlen auf Kreisebene stattfinden.


11

VERBANDSNACHRICHTEN

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Ackermann-Gemeinde im Internet

Quo vadis: Wohin Gehst Du? Anfang Juli 2020 hatten der in Pilsen ansässige Kulturverein A BASTA! und die AckermannGemeinde im Bistum Regensburg in Pilsen die Tagung „Quo vadis, Grenzland“ veranstaltet. Nun fand sie eine Fortsetzung im Internet, wobei die Bayerisch-Tschechischen Freundschaftswochen Selb 2023 als weiterer Veranstalter agieren. Beim ersten der zwei OnlineTreffen erläuterte der Landtagsabgeordnete Gerhard Hopp aus Chamden von ihm und Christian Doleschal MdEP ausgearbeiteten 12-Punkte-Plan für das Herz Europas.

M

arcus Reinert, Hauptinitiator dieser Veranstaltungsreihe: „Eine Grenzen und Generationen überschreitende Tagung war vor eineinhalb Jahren die Idee, die zu dem Konzept ,Quo vadis, Grenzland‘ führte. Das Grenzland ist eine eigenständige, besondere Region, die erst seit 30 Jahren offen ist.“ Ziel der Präsenz- und Onlinetreffen sei, die Verbundenheit zu vertiefen, Netzwerke zu knüpfen und neue Formen der Begegnung zu schaffen. Karl-Ludwig Ritzke, Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Regensburg, stellte in seinem Grußwort fest, daß diese Reihe gut zum Motto „Dem Alten verbunden mit Blick in die Zukunft“ seines Verbandes passe. Dies belege zudem der Blick auf die Teilnehmer allen Alters und unterschiedlicher Vereine, Verbände und Einrichtungen. Für A BASTA! und die Bayerisch-

Tschechischen Freundschaftswochen Selb 2023 sprachen Eliška Hrušková und Pablo Schindelmann Grußworte. Moderatorin war Jean Ritzke-Rutherford. Gerne erinnerte sich Hopp an die Veranstaltung „Samstage für Nachbarschaft“ Ende Juni 2020 an der bayerisch-tschechischen Grenze bei Neukirchen beim Heiligen Blut. Außerdem freute er sich, daß ganz aktuell in der Sitzung des EuropaausschusBartholomäusses des BayeriKathedrale schen Landtags in Pilsen. ein 14 Impulse umfassender Antrag beschlossen und auf den Weg gebracht wurde, um die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Tschechen weiter zu intensivieren. „Der geht zum Teil sogar über den 12-Punkte-Plan hinaus.“ Rückblickend auf die über viele Monate geschlossenen Grenzen und die damit verbundenen Beschränkungen meinte er, daß diese Trennung belastend für die Beziehung gewesen sei. Besonders rückte er die 4500 Pendler in den Fokus, die nicht nur Arbeitskräfte seien, sondern Menschen, Freunde mit Kontakten, Bindungen und Beziehungen. Diese Beobachtungen und Erfahrungen hätten ihn und Christian Doleschal seit Januar

zum Nachdenken und schließlich zu dem 12-Punkte-Plan motiviert. „Ziel war, das Gewicht und die Bedeutung der Grenzregionen sichtbar zu machen.“ Konkret vorstellen kann sich Hopp eine gemeinsame Koordination oder Vertretung der Region, eine verstärkte Zusammenarbeit in Verbünden wie Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) auf den Feldern Digital, Verkehr, Kultur und übergreifend Öffentlichkeitsarbeit. Auch eine gemeinsame Informationsplattform, um Falschmeldungen entgegenzuwirken, sei denkbar. Grundlage aber sei die Förderung der jeweils anderen Sprache. Dazu gehöre Sprachanimation, Tschechisch als Wahlpflichtfach im ostbayerischen Raum und als Aspekt bei der Lehrerbildung. Bereits gut funktioniere der Rettungsdienst. Gestärkt oder ausgebaut werden könnten grenzüberschreitende Mittel- und Oberzentren sowie Städte- und Schulpartnerschaften. Mit Freude verwies Hopp auf die jüngst eingerichtete Stiftung Jugendaustausch Bayern, bei der die Tschechische Republik ei-

nen Schwerpunkt bilden werde. Er nannte außerdem das Grüne Band, bei dem unter dem Aspekt Erinnerungskultur vor allem die verschwundenen Dörfer thematisiert würden. „Es geht uns darum, in allen wichtigen Bereichen die Beziehungen anzustoßen, zu verbessern und Impulse zu geben, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Das Verhältnis zwischen Bayern und Tschechen muß auf der politischen Agenda bleiben“, faßte Hopp zusammen. In den an ihn gestellten Fragen ging es um die Wirtschaftsförderung und das Thema Fördergefälle, die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in der gemeinsamen Region, die Lobbyarbeit für die Grenzregionen mit dem Thema schwächere Ausprägung in der Tschechischen Republik und die Rolle der Euregionen in einem möglichen künftigen Verbund. In drei Kleingruppen vertieften die Teilnehmer diese Aspekte und ergänzten mit eigenen Erfahrungen und Eindrücken. Dabei wurden unter anderem auch der Öffentliche Personennahverkehr, die touristische Attraktivität beziehungsweise der Wirtschafts- und Lebensraum und eine nötige komplexe Image- und Marketingoffensive angesprochen. „Das eigene Erleben dieser Region muß Ziel sein“, lautete die zusammenfassende Bilanz. Mit einigen geistlichen und meditativen Liedern, gesungen in mehreren Sprachen von Jana Vlčková, endete der erste Teil des diesjährigen „Quo vadis, Grenzland“. Markus Bauer

Ackermann-Gemeinde im Internet

Preßnitzer Musik am Suez-Kanal Beim zweiten Online-Treffen „Quo vadis, Grenzland 2021“ standen praktische Beispiele der grenzüberschreitenden Arbeit im Mittelpunkt.

S

eit einigen Jahren ist Veronika Kupková in der Grenzregion Nordböhmen aktiv. Sie betreut vor allem Schülerprojekte, untersucht dabei ehemalige historische Orte und spricht mit Zeitzeugen. Für ihr Engagement erhielt sie heuer den Brückenbauerpreis des Centrums Bavaria Bohemia in Schönsee. Sie wies darauf hin, daß nicht nur Grenzen, sondern auch Generationen Verbindungselemente seien. Deshalb richte sie ihre Projekte vor allem an Schüler und Studenten, die dann mit Leuten älterer Generationen ins Gespräch kämen. Anhand ihres Projekts „Preßnitz lebt – Přísečnice žije“ verdeutliche sie das Schicksal der nach dem Bau eines Stausees ausgesiedelten Bevölkerung im Vergleich zur Vertreibung der dort lebenden Deutschen einige Jahrzehnte zuvor. „Die Studenten stießen auf die Spuren der ursprünglichen Einwohner“, erläuterte sie. Zunächst sei nur ein Lehrpfad über das frühere Leben in Preßnitz geplant gewesen. Wegen der zu Tage geförderten Sachverhalte habe man ergänzend ein zweisprachiges Buch über Geschichte, Volkskunde und Musik herausgegeben. Ein Beispiel sei, daß bei der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 Musiker aus Preßnitz gespielt hätten. Natürlich kämen in dem Buch auch Zeitzeugen zu Wort, die zwischen den 1920er und 1960er Jahren geboren worden seien und über das Leben im Dorf, über Krieg und Vertreibung sowie über den Untergang der Gemeinde mit dem Bau des Stausees erzählten. Kupková nannte auch das benachbarte Reischdorf, das ebenso aufge-

geben worden sei und von dem noch Überreste vorhanden seien. „Die Menschen haben sich mit dem Verlust auseinandergesetzt. Der Verlust ist für sie immer noch sehr schmerzhaft“, bilanzierte Kupková. Besonders die kulturellen Aspekte seien bei der Aufarbeitung und Beschäftigung wichtig gewesen. Dadurch sei das Projekt wohl auch auf ein großes Medienecho beiderseits der Grenze gestoßen. Und als weiteres Element sei eine Kulturausstellung entstanden, die inzwischen in vielen Orten gezeigt werde. Ein nachhaltiges Ergebnis sei ein grenz- und generatio-

Grenze dabei gewesen seien. Wichtig seien vor allem positive Nachrichten und Inhalte gewesen: die Festigung von Freundschaften und das Verbindende trotz Grenzen. Erfreut zeigte er sich über die Beteiligung an den Samstagen für Nachbarschaft im Mai und Juni 2020, ehe die Grenzen dann wieder geöffnet wurden. Deutlich machte Kvapil aber auch, daß bisweilen Leute, die in dieser Sache unterwegs und aktiv gewesen seien, beinahe stigmatisiert worden seien. Dennoch würde er jetzt, etwas mehr als ein Jahr nach diesen Aktionen, das zugrundeliegende Papier erneut

Eröffnung des Suez-Kanals 1869. nenübergreifender Dialog. „Sich gegenseitig mitteilen und akzeptieren sowie die Hoffnung, auch andere inspiriert zu haben“, ist für Kupková der zentrale Aspekt. Die 2020 ins Leben gerufene Aktion „Samstage für Nachbarschaft“ stellte Jan Kvapil, einer der Hauptinitiatoren dieser Veranstaltungen, vor. Er habe einen umgekehrten Weg eingeschlagen – von Facebook zu einer lebendigen Angelegenheit, bei der auch Politiker verschiedener Parteien und auf beiden Seiten der

unterschreiben, auch wenn einige Dinge sich nicht erfüllten. „Ich könnte mir eine größere Koordinierung innerhalb der EU vorstellen“, meinte er und nannte exemplarisch die unterschiedliche Praxis bei Coronatests. „Die Hauptsternstunde liegt schon hinter uns“, beurteilte er eine Wiederbelebung der „Samstage für Nachbarschaft“. „Die Grenze ist wieder offen, die Menschen können dort anknüpfen, wo sie aufgehört haben. Eine Reihe von Patenschaften haben aber gro-

ße Schäden erlitten. Die Plattform der ‚Samstage‘ spielt keine Rolle mehr“, bilanzierte Kvapil. Die Facebook-Gruppe bleibe jedoch bestehen – eventuell künftig als Informationspool über Aktivitäten an der Grenze. Bei Bedarf könnten die realen Aktivitäten wiederbelebt werden. „Die ‚Samstage für Nachbarschaft‘ waren immer eine formlose Bürgerinitiative – eine Vereinigung von Menschen mit gleichen Interessen“, so Kvapil. Freundschaftswochen der Bayern und Tschechen sind für 2023 im grenzüberschreitenden Raum Selb und Asch geplant. Über die bisherigen Vorbereitungen und den aktuellen Stand informierte Geschäftsführer Pablo Schindelmann. Zunächst blickte er auf die vor allem seit 2014 intensivierten bayerisch-tschechischen Beziehungen zurück, erinnerte an Pläne der Stadt Selb zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Grenzöffnung und kam dann – ausgehend von der ursprünglich anvisierten mehrwöchigen Kulturveranstaltung zu den jetzigen bayerisch-tschechischen Freundschaftswochen. Es gehe, so Schindelmann, um die Wahrnehmung dieser Region als Erlebnis-, Lebens- und Kulturraum, was auch nachhaltige Effekte für den Tourismus mit sich bringen könne. In der Praxis sei es daher eine Hauptaufgabe, die vielen Akteure unter einen Hut zu bringen, bereits bestehende Veranstaltungen zu nutzen und aufzuwerten – kurzum die deutsch- oder bayerisch-tschechische Grenzregion als Ort des Erkennens, Erlebens und Entdeckens wahrzunehmen. In Kleingruppen vertieften die Teilnehmer die in den Vorträgen vermittelten Inhalte. Zum Schluß sang Jana Vlčková drei meditativ-geistliche Lieder in verschiedenen Sprachen. Markus Bauer

Franz Kafka

Boris Blahak

Ackermann-Gemeinde

Multiple Exophonie hak die sprachsoziologischen Verhältnisse in Prag um 1900: tschechischer Zuzug während der Industrialisierung, Abwanderung von der deutschen zur tschechischen Sprachgemeinschaft, höhere natürliche Wachstumsrate der tschechischen Bexophonie ist das Schreiben völkerung. Dies habe eine eklavon Belletristik in einer Spra- tante Minderheiten-Situation che, die nicht die eigene Mut- der Deutsch-Prager – 7,7 Protersprache ist. Boris Blahak ha- zent der Stadtbevölkerung, dabe, so Moderatorin Sandra Uh- von 39 Prozent jüdischer Herlich, sudetendeutsche Wurzeln kunft – und eine Abgrenzung und 20 Jahre lang in der Tsche- von der tschechischen Mehrheit chischen Republik gelebt und durch soziale und wirtschaftliche gearbeitet. 2012 habe er an der Faktoren zur Folge gehabt. Universität Regensburg mit eiNachverfolgen lasse sich Kafner Arbeit über Franz Kafkas kas Prager Deutsch in der KritiDeutsch promoviert. In den ver- schen Kafka-Ausgabe. Im Apgangenen Jahren habe er deut- parat-Band seien Textvarianten sche Sprach-, Literatur- und Kul- nachzulesen und damit Wörter turwissenschaft an polnischen, und Phrasen, die auf tschechislowakischen, tschechischen und schen oder anderen Sprachmusdeutschen Hochschulen gelehrt. tern beruhten. Darin seien auch Aktuell sei er wissenschaftli- von Kafka selbst vorgenommecher Mitarbeiter am ne Korrekturen entLehrstuhl für Gerhalten wie Sprachmanistik und Slawikonstruktionen, die stik der Universität es im Tschechischen Pilsen. nicht gebe, SonderBlahak beschäfformen in der Phratigt sich seit mehreseologie oder Unren Jahren mit der terdifferenzierung Ausprägung von als Quelle semanFranz Kafkas Literatischer Verschietur- und Alltagssprabung in spezifischen che vor dem HinWortkontexten. Eintergrund des Prazuordnen sei Kafkas ger Stadtraums, in Sprache auch durch dem ein NebeneinKontrolltexte der ander von Deutsch, Die handschriftlich erste zeitgenössischen Tschechisch und Seite von Kafkas nicht Belletristik sowie Jiddisch sowie Stan- abgeschicktem Brief an der Tagespresse dardspracht, Dialek- den Vater (1919). und von Wörterbüten und Soziolekchern. ten vorherrschen. Als deutschIn Kafkas Werken seien Reassimilierter, zweisprachiger, in likte der jüdischen Sprache oder einer tschechisch dominierten des Jiddischen vorhanden. Aber Gesellschaft sozialisierter Jude auch die zur Hochsprache abweiglaubte Kafka, nach allen Seiten chende Verwendung des s oder ß sprachlich aufzufallen – eine werde vielfach in Kafkas Texten Exophonie, die er auf den Prager deutlich und betreffe auch andeMultilingualismus zurückführ- re Laute oder Buchstaben. te. Hieraus ergaben sich bei ihm Blahak sprach von der „Existändige Selbstzweifel, eine an- stenz eines jüdisch-deutschen sprechende, einer „reichsdeut- Milieus mit gleichartigem oder schen“ Leserschaft angemesse- ähnlichem sprachlich-sozialem ne Literatursprache vorlegen zu Hintergrund. Dazu kämen österkönnen. Anhand wiederkehren- reichische oder wienerische der Schreibfehler und Regiona- und bairische Spracheinflüsse. lismen in Kafkas Prosa-Manu- Da Kafka seine Werke auch im skripten läßt sich überprüfen, reichsdeutschen Bereich habe inwieweit dieses selbst diagno- publizieren wollen, habe er seine stizierte sprachliche Defizit nur Sprachfehler zu 95 Prozent selbst eingebildet war oder einen re- korrigiert. alen Hintergrund hatte, der sich Kafkas multiple Exophonicht nur auf die sprachliche nie liege darin, daß das Prager Form, sondern auch auf die Mo- Deutsch unterschiedlich gesetivik seiner literarischen Werke hen werde. Österreicher witterauswirkte. ten eine tschechische ArtikulatiEinleitend warf Blahak einen on, Reichsdeutsche österreichiBlick auf die Bedeutung des in sche Sprachmerkmale, Kafka Prag gesprochenen Deutschs zu selbst jiddische Anklänge und Kafkas Zeit und ergänzte dies mit Tschechen hinsichtlich der tscheAussagen weiterer, zum Teil spä- chischen Sprache einen deutter lebender Schriftsteller zum schen Akzent. Den Prager MultiPrager Deutsch wie Max Brod, lingualismus thematisiere Kafka Johannes Urzidil oder Egon Er- auch in einigen seiner Schriften, win Kisch. Kafka habe dieses er sei bisweilen aber auch dort zu Deutsch zwischen den Aspekten lesen und sichtbar. Mit der ReziTscheche, Deutschböhme und tation der Kurztexte „Kleine SeeKleinseite sowie Judentum plat- le“, „Die Bäume“ und „Kleine ziert. Fabel“ von Franz Kafka mit desZur genaueren Identifizierung sen phonetischen Eigenheiten des Prager Deutsch nannte Bla- schloß Blahak. Markus Bauer

Boris Blahak sprach beim Juli-Kultur-Zoom der AckermannGemeinde über „Selbstdiagnose: multiple Exophonie. Franz Kafkas sprachliche Auffälligkeiten im Kontext des Prager Multilingualismus“.

E


Reicenberger Zeitung

12

Stadt und Kreis Reichenberg

Kreis Deutsch Gabel

Nordböhmi[e Um[au

Redaktion: Nadira Hurnaus, Baiernweg 5, 83233 Bernau, Telefon (0 80 51) 80 60 96, eMail rz@sudeten.de

Mitte Juni veranstaltete das Haus Nr. 463 in Haindorf, die ehemalige Villa von Emil Simon, einen Tag der offenen Tür. An diesem Tag konnte jeder die historischen Räume der Villa besichtigen, mehr über die Geschichte und Architektur des vergessenen Juwels erfahren und über ihre mögliche Nutzung diskutieren.

S

eit 1921 schmückt die EmilSimon-Villa den Park an der Libwerdaer Straße in Hain­ dorf, an der 1927 zwei Straßenlaternen aufgestellt wurden. Die Villa ist ein seltenes historisches Art-déco-Gebäude vom Anfang des 20.  Jahrhunderts mit bemerkenswert gut erhaltenen Innenräumen. Sie gehört zu den bedeutendsten Gebäuden der Zwischenkriegsarchitektur in Haindorf. Die Fassade ist mit Blumenund Hirschmotiven verziert. Ungewöhnlich sind der Grundriß der großen Halle und die authentischen Elemente des Innenraums – die Holz- und Stein-Ver- � Haindorf/Kreis Friedland kleidung der Wände, die Fliesen, das schmiedeeiserne Geländer an der Haupttreppe und die ursprüngliche Schiebetür. In den Jahren 1925 bis 1929 wurden die Wohnbedingungen mit einer Reihe von Neubauten ein neuer Siedler kam. Das war en, das sich später im Besitz des verbessert, das Ortsbild verschö- der Klempnermeister Heinrich Arztes Hans Kaufmann befand. nert und die herrschende Woh- Knirsch, der frühere Besitzer des 1895 folgten die Villa der Wilnungsnot gelindert. Das Ler- Hauses Nr. 272 an der Kloster- helmine Effenberger, geborechenfeld zählte mit dem ersten mauer. 1888 baute er das Gast- ne Ullrich aus Haindorf Nr. 212, Siedler Franz Wondrusch 1929 haus Zum goldenen Stern. und des k. k. Professors und Rebereits 18 Wohngierungsrates häuser. Gustaf EffenberDer Wunsch ger, und die Vilder einheimila Nr.  398, die schen Bevölkedie Mühlenbesitrung und der unzerswitwe Emigezählten fremlie Beckert erden Gäste, die bauen ließ, nachLibwerdaer Stradem sie das Haus ße zu pflastern, Nr. 381 verkauft ging 1937 in Erhatte. Zwei Jahre füllung. 1873 erspäter folgte der richtete Josef Neubau Nr. 407 König aus Bad des LandwirLiebwerda an tes Josef Richter Bilder: Stanislav Beran aus Mildenau, dieser Straße das Authentischer Innenraum der Simon-Villa. erste Haus, das 1898 das Haus die Nummer 304 erhielt. Man schrieb das Jahr 1880, als des Fabrikdirektors Franz AltDamals führte die von einer al- die Haindorfer Freiwillige Feuer- mann, 1917 die Parkvilla Nr. 463, ten Pappelallee gesäumte Straße wehr ihr Spritzenhaus an der Lib- die erst der Besitzer Karl Witt aus noch durch Kornfelder und blü- werdaer Straße baute. 1888 ka- Gablonz 1935 ausbauen ließ. Das hende Wiesen. Erst zehn Jah- men die Hausnummer 373 und letzte Haus an der Libwerdaer re später, 1883, baute der Arzt der Gemeindearrest dazu. Ein Straße baute der AutobusbesitFranz Holtscheck, der aus Neu- Jahr später folgte das Garten- zer Josef Brettschneider 1930. Es stadt an der Tafelfichte gekom- haus Nr.  378 des Fabrikanten trug die Nr. 504. men war und bis dahin seine Eduard Fritsch, der 1887 mit dem 1921 verkaufte Eduard Fritsch Praxis im Riedelhaus hatte, das Bau der schönen Parkanlage be- seine Villa an den FabrikbesitHaus Nr. 349. Als dritter erbau- gann. 1890 bekam Swoboda ei- zer Emil Simon aus Voigtsbach, te 1879 der Krämer Franz Swo- nen Nachbarn. Die Müllerswit- dem auch die Spinnerei in Buboda das Haus Nr. 333. Es dauer- we Emilie Beckert aus Weißbach schullersdorf gehörte. Die Firma te nochmals fast zehn Jahre, bis Nr. 1 ließ das Haus Nr. 381 bau- Mechanische Weberei, Fritsch &

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Kreis Friedland

Kreis Gablonz

Rudolf Bitzan kam am 18. Mai 1872 als Sohn eines Lehrers in Wartenberg in Nordböhmen zur Welt und war ein prominenter Vertreter des Art déco, des Jugendstils und des Klassizismus, was man an der Simon-Villa sehen kann. Der Höhepunkt seiner Karriere ist vor allem mit Dresden verbunden, wo er von 1903 bis zu seinem Tod am 22. November 1938 lebte. Seine Frau Marie war die Tochter des Friedländer Bürgermeisters Anton J. Aigner. Sie starb am 10. Juni 1961 in Dresden. Bitzan war an einer Reihe bemerkenswerter Projekte beteiligt. Nur um einige zu nennen: Er entwarf den Plan für den Leipziger Bahnhof, für die denkmalgeschützte Glücksvilla in Friedland, heute Haus der Kinder, für das Theater in Teplitz-Schönau, 1912 für die Otto-Goltz-Villa und 1917 für das Krematorium in Reichenberg, dem ersten in ganz Österreich-Ungarn, das für die damalige Zeit äußerst modern war. Bei dem Architektenwettbewerb in Freital bei Dresden erhielt er für seinen Entwurf einer Festhalle, Gewerbe- und Handels- sowie einer Realschule den ersten Preis. Der Simon-Villa gelang, mehr als ein Jahrhundert in einer würbenachbarte Villa des Besitzers. digen Form zu überleben. Ihr zuEine Seltenheit war das Gemäl- künftiges Schicksal liegt jetzt in de, auf dem eine Kopie der älte- den Händen der Haindorfer Bürsten Darstellung der Kirche von ger. Das historische Gebäude im Haindorf in der Maltechnik der Ortsteil Lerchenfeld, in dem von alten Meister angefertigt wurde. 1945 bis 2020 der Kindergarten Dieses alte Gemälde von 1660 untergebracht war, steht seit der hatte der Haindorfer Pfarrer Ana- Räumung des Kindergartens Enstas Peer kurz vor dem Bau der de Dezember leer. Kapelle in einem mährischen Die Stadt Haindorf will die reFranziskaner-Kloster gefunden novierungsbedürftige Villa nicht und nach Haindorf gebracht. Für verkaufen. Der Stadtrat stimmHaindorf hatte das Bild einen ho- te Ende Juni dem Antrag zu, das hen Wert. Die Kopie des Gemäl- historische Gebäude und den andes befand sich in einem kunst- grenzenden Park unter Denkmalvoll gefertigten Rahmen aus schutz stellen und zum KulturStroh. Nach dem Krieg denkmal erklären zu laswurde die Kapelle noch sen. Bis das historische kurzzeitig als Lager für Gebäude zum KulturSpielsachen aus dem nadenkmal ernannt wird, hen Sandkasten des Kinvergeht mindestens ein dergartens genutzt. SpäJahr. ter wurde das baufällige Das Gebäude ist in Gebäude abgerissen. einem selten authentiDen Park hinter eischen Zustand und zählt nem reich verzierten, zu den interessantesten gußeisernen Zaun hatGebäuden in der Regite Eduard Fritsch nach on. Fraglich ist, als was den Plänen des Zittau- Art déco am und wem das Gebäuer Gartenarchitekten Treppengelän- de jetzt dienen soll? Die Eck 1887 bis 1889 an- der. Art der Nutzung steht legen lassen. 1917 hatnoch nicht fest. Vorgete Fritsch die Villa nach den schlagen wurden die Nutzung Plänen des Architekten Rudolf als Bibliothek, als repräsentatiBitzan von dem Friedländer Bau- ver Festsaal, als touristisches Inmeister Rudolf Hampel bauen formationszentrum oder als Kullassen. turzentrum. Stanislav Beran

Was wird aus der Simon-Villa?

Am Samstag, 17. Juli fuhr die letzte reguläre Schmalspur-Straßenbahn von Reichenberg nach Gablonz. Am Sonntag hieß es Abschied nehmen.

A

n diesem Sonntag fuhren auch historische Straßenbahnwagen diese 13  Kilometer lange Strecke. Mit ihrem Umbau endet der letzte Abschnitt der tschechischen Schmalspurbahn. Danach werden die Schienen eine Spurweite von 1435 Millimetern haben. Die Spurweite von 1000 Millimetern ist perdu.

Co. in Haindorf war 1874 gegründet worden und gehörte damals zu den größten Industriebetrieben im Kreis Friedland. Der große Simon-Park an der Libwerdaer Straße mit der einstöckigen Villa Nr. 463 und dem Gärtnerhäuschen Nr. 378 verkaufte der Fabrikant Simon 1935 an Karl Witt aus Gablonz. Im selben Jahr ließ Witt die Inneneinrichtung im Art-déco-Stil nach dem Entwurf von Josef Franz Lange aus Raspenau neu gestalten. Bis heute befinden sich an der fast voll verglasten zweiflügeligen Haupteingangstür mit einem Ziergitter die Initialen KW für Karl Witt und die Zahl 35. Ebenfalls 1935 ließ Witt im Park neben der Villa eine private Kapelle errichten. Zum Bau nutzte er die Reste des massiven Fundaments eines Wasserturms, der hier Ende des 19. Jahrhunderts gestanden und sogar den benachbarten Park mit Wasser versorgt hatte. Die Innendekoration der Kapelle, die dem heiligen Antonius geweiht wurde, fertigte der begabte junge sudetendeutsche Kunstmaler Franz Peter aus Gablonz an. Das Deckengemälde stellte nicht nur die Jungfrau Maria mit Kind dar, sondern auch die Kirche in Hain­dorf und die

� Straßenbahnlinie Reichenberg–Gablonz

Die letzten Schmalspurgleise sind perdu Der Boveraclub, der sich seit 30 Jahren für die Rettung historischer Straßenbahnen in Reichenberg einsetzt, setzte am Sonntag sieben historische und neue Straßenbahnwagen für Sonderfahrten ein. Sie fuhren alle 15 Minuten. Der erste fuhr um 11.15 Uhr vom Reichenberger Zentrum ab. Aus Gablonz startete der erste

Weder modernere Schmalspur-Straßenbahnen …

um 12.00 Uhr. Eine gemeinsame abendliche Fahrt aller Straßenbahnen in einer Kolonne von Gablonz nach Reichenberg beschloß die Straßenbahn-Reminiszenz. Dieses Kapitel der Verkehrsgeschichte reicht in die Mitte des 20.  Jahrhunderts zurück. 1955 nahm die elektrische Straßenbahn mit der Linie Reichenberg–Gablonz den Betrieb auf. Sie ist die längste Linie zwischen zwei Städten in der Tschechischen Republik. Die elektrische Straßenbahn transportiert jährlich fast eine Million Menschen. Sie wurde zuletzt in den 1970er Jahren komplett renoviert. Die Modernisierung 2008 brachte den Umbau des Terminals im

Während der Streckenerneuerung wird die Verkehrsgesellschaft die Verbindung zwischen Reichenberg und Gablonz mit Bussen aufrechterhalten. Die Arbeiten sollen Mitte November abgeschlossen sein. Danach wird der Straßenbahnverkehr nach Maffersdorf wiederhergestellt. Die Busse werden dennoch das ganze nächste Jahr nach Gablonz fahren. Der verbliebene Teil der Strecke wurde von der Verkehrsgesellschaft in vier Abschnitte aufgeteilt, die bis Ende 2022 fertiggestellt werden sollen. Stanislav Beran

Zentrum Reichenbergs. Mit EU- gen dem umliegenden Gelände Mitteln wurden bereits rund 700 anpassen. Die Kosten werden auf Millionen Kronen in die Erneue- 87 Millionen Kronen ohne Mehrrung der Strecke investiert. Dank wertsteuer geschätzt, aber am der Investition ist der größte Teil Ende wird es teurer, wohl 95,5 der renovierten Straßenbahnli- Millionen Kronen ohne Steuer. nie zweigleisig, was den Verkehr Der Hauptgrund für die Verteueschneller und sicherer macht. Für rung sind die steigenden Preise die Zukunft ist eine Verlänge- in der Bauindustrie und der Anrung der Strecke in Gablonz ge- stieg der Eisenpreise in den letzplant. Etwa 800 Meter Schienen ten Monaten. müssen noch verlegt werden. Das soll mit Hilfe von europäischen Fördermitteln gebaut werden. Ebenfalls Mitte Juli begannen die Arbeiten an dem fast sieben Kilometer langen Streckenabschnitt. Die Straßenbahnschienen wurde bereits vor Jahren modernisiert, aber jetzt wird die Spur verbreitert, und der Auftragneh- … noch Oldtimer verkehren heute zwischen Reichenberg und Gablonz. Bilder: Stanislav Beran mer muß die Oberleitun-


REICHENBERGER ZEITUNG

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

13

� Wallfahrt zur Gottesmutter nach Haindorf

� Neugablonz

Dechant und Pater „san mim Radl da“ enz in Rom er­ halten. Nach dem Abendessen im früheren Hain­ dorfer Franzis­ uch in diesem Jahr bin ich kanerkloster gerne von Eiterfeld aus auf­ mit Jan Heinzl, gebrochen, um den Festtag Ma­ dem Leiter die­ riä Heimsuchung in Hain­dorf zu ses heutigen feiern. Roswitha Watzlawik, die Internationa­ Witwe unseres aus Bad Liebwer­ len geistlichen da stammenden Diakons Ernst Zentrums, und Watzlawik, mein Subsidiar Pater Hain­dorfs Ge­ Binesh Mangalan aus Südindien meindepfarrer und ich fuhren am 30. Juni in Ei­ Pavel Andrš lie­ terfeld ab. Am späten Nachmit­ ßen wir den Tag tag erreichten wir den nordböh­ mit einem Spa­ mischen Wallfahrtsort am Fuße ziergang durch des Isergebirges. Wir fühlten uns Bad Liebwerda vom ersten Augenblick der Reise ausklingen. wohl behütet, hatten wir doch via Für den Regenbogen an Mariä Heimsuchung über der Wallfahrtskirche in Haindorf. Autoradio den Segen von Papst nächsten Tag Franziskus aus der Generalaudi­ hatten Pater Binesh und ich Fahr­ der Talsperre. Von dort ging es bergab zurück nach Haindorf. räder ausge­ über das Jagdschloß Neuwiese Pünktlich waren wir zur Abend­ liehen. Unsere nach Christiansthal. Steil bergab messe in der Haindorfer Kirche, Radtour führ­ erreichten wir den großen Was­ wo wir des zehnten Todestages te auf dem al­ serspeicher Josefsthal mit der von Diakon Ernst Watzlawik ge­ ten Haindorfer Talsperre, die erst in den siebzi­ dachten. Wallfahrtsweg ger Jahren des letzten Jahrhun­ Eine sich anschließende Ein­ in Richtung derts entstanden war. ladung von Peter Wöllner in sei­ Reichenberg. Zwischen Heukoppe und ne Villa Klinger in Neustadt an Über die Stol­ Steinberg radelten wir über die der Tafelfichte rundete den Tag pichstraße und Hütte des Schweigens hinauf mit einem köstlichen Abendes­ den Riegelweg zum Karl-Jäger-Stein. Über das sen und wertvollen Gesprächen erreichten wir Gacek-Denkmal und die Stol­ ab. Höhepunkt war natürlich Die Isergebirgsradler Markus Blümel und Binesh Man- schließlich die pich- und Koppenstraße mit herr­ das Fest Mariä Heimsuchung galan. Friedrichswal­ licher Aussicht ging es dann stets selber. Eine ganz besondere Wallfahrt zur Gottesmutter nach Haindorf unternahm heuer Dechant Markus Blümel aus dem hessischen Eiterfeld. Er berichtet.

Die Neugablonzer Grande ­Dame der Gablonzer Mundart, also des Paurischen, feierte am 6.  Juli im bayerisch-schwäbischen Kaufbeuren-Neugablonz 100. Geburtstag

A

I

Bild: Kersten Hergert Nacht dem gemeinsamen Got­ tesdienst und dem sich anschlie­ ßenden Pilgermahl, das zugleich unsere Stärkung für den Heim­ weg wurde, fuhren wir zutiefst dankbar nach wunderbaren Er­ lebnissen und warmherzigen Be­ gegnungen nach Eiterfeld zu­ rück. Ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen mit Wallfahrts­ freunden. Möge uns auf die Für­ sprache der Gottesmutter bis da­ hin Gesundheit und reicher Se­ gen Gottes geschenkt werden.

� Wortlaut der Wallfahrtspredigt zu Mariä Heimsuchung in Haindorf

Liebevolle Erinnerung und hoffnungsvolle Zukunft chen Pontifikalamt hier in der Haindorfer Wallfahrtskirche. Hauptzelebrant war damals Bi­ schof Joachim Reinelt von Dres­ den-Meißen. Ich stellte mir vor, wie meine Vorfahren 100 Jahre zuvor genau bei diesem Wall­ fahrtsamt waren, zu Fuß oder mit einem Pferdewagen ange­ reist. Auch heute kommen wir wie­ der hier zusammen und wagen mit unseren Geschichten den Brückenschlag in die Geschich­ te, um zu bewahren und in Er­ innerung zu behalten. Wir be­ wahren diesen Ort wie einen

Tatsache – ganz menschlich gesprochen – einer Schwan­ gerschaft. Doch es ist viel mehr. Es ist die Begegnung der gott­ suchenden und erwartenden Menschheit überhaupt. So sind wir hier als pilgernde, suchen­ de, erwartende Menschen. Großer Dank gilt daher un­ seren Gastgebern Pfarrer Pa­ vel Andrš und Jan Heinzl, Leiter des Internationalen Zentrums der geistlichen Erneuerung im ehemaligen Franziskanerklo­ ster, sowie den vielen Mitarbei­ terinnen und Mitarbeitern aus der Pfarrei und dem Kloster, die

ner Welt, die vielfach meint, oh­ ne Gott auskommen zu können. Wir halten die Not dieser Tage mit der Pandemie, mit Katastro­ phen und Kriegen und auch mit den anhaltenden Schrecken von Flucht und Vertreibung jetzt der lieben Gottesmutter hin, der Mater formosa. Wir sind doch jene, die an Wunder glauben, also beten wir auch darum. Wir brauchen die­ sen Ort als Ort der Verehrung unseres Gottes und der Gottes­ mutter. Ja, es ist ein Ort der gläubi­ gen Erinnerung an die Erschei­

derte bis heute und von den Gläubigen, darin läßt Gott wach bleiben, was damals geschah. Als die schlichte Figur der Gottesmutter in der Linde einen Platz fand, ist – mit einem Wort zu sagen – Heilung gesche­ hen. Und Heilung geschieht, wo Menschen sich auf Gott verlas­ sen. iebe Wallfahrerinnen und Meine Seele preist die Grö­ Wallfahrer! Zur „Mater for­ ße des Herrn. Er erhöht aus der mosa“, zur „Wunderbaren Mut­ Niedrigkeit. Er speist die Hun­ ter von Haindorf“ lautet der Re­ gernden. Er vollbringt macht­ frain des Heimatliedes, das der volle Taten. Schlagersänger Cornelius von In unserer modernen Welt, der Heyden eingedenk seiner verlassen sich die Menschen eigenen Familiengeschich­ auch nur noch auf die Welt. te, die hier wurzelt, kompo­ Besser wäre jedoch, sich nierte. „Schick dein Herz auf den zu verlassen, der auf die Reise zum Horizont, die Welt ins Dasein gerufen wo die Erinnerung wohnt“, hat. Vielfach fehlen die Be­ heißt es da. Und so sind wir gegnungen mit dem Heili­ auch in diesem Jahr wieder gen. Deshalb wird die Welt zusammengekommen unter auf sich begrenzt und damit den Umständen der fortdau­ oberflächlich. ernden Pandemie, aber gera­ Es braucht die Begegnung de deshalb voller Hoffnung in dem Fest von heute. Die und Zuversicht, weil sich das gleichermaßen erschüttern­ Blatt nun wendet. de und mit Freude erfüllte Wenn wir in Demut und Begegnung. „Wer bin ich, Frömmigkeit zu diesem Ort daß die Mutter meines Herrn der Gottesbegegnung kom­ zu mir kommt, daß sich Gott men, wo die Erinnerung mir zuwendet?“ Das bleibt wohnt, wird sich durch unser Pater Řehoř Pavel Urban OPraem aus Marienbad, Pfarrer Michael Bresan aus dem sächsischen Ostritz, Pfarrer Michael als Frage, die sich dann löst Gebet weiter wenden, wor­ Dittrich aus dem sächsischen Zittau, Dechant Markus Blümel aus dem hessischen Eiterfeld, sein südindischer Subsidi- in eine wahrhaft großen um wir bitten. Ja, ich erinne­ ar Pater Binesh Mangalan und Pfarrer Pavel Andrš aus Haindorf. Freude. Weil wir von Gott re mich gut daran, als ich das geliebt und angenommen, erste Mal auf Einladung mei­ kostbaren Schatz. Doch das Fest in der echten Freude auf die Be­ nung des Engels, dessen Bot­ seine auserwählten Kinder sind. nes geschätzten Diakons Ernst Mariä Heimsuchung ist nicht gegnung mit uns wieder einen schaft an den Siebmacher aus Von diesem Ort im Iserge­ Watzlawik und seiner Familie nur ein Ereignis des Erinnerns Boden bereitet haben. Vergelt‘s Mildeneichen erging. Er nahm birge muß ausgehen, was schon anläßlich seines 70. Geburtsta­ und Schwelgens in alten Zei­ Gott. den Auftrag ernst und brach­ Elisabeth und Maria erfüllte, ges im Jahr 2007 hierher kam. ten. Es ist ein Auftrag an uns al­ Großartig ist das Geschenk te ein Bild der Gottesmutter Demut und die tiefe Gewißheit, Die Familie Watzlawik er­ le aus dem eben gehörten Evan­ der Übertragung via Internet. hierher. Eine Statue, die beim daß Gott unser Leben begleiten möglichte mir, das Geburtshaus gelium. Vielen Dank dafür! Schnitzer keine besondere Be­ will. Nicht verurteilen, sondern meiner Großmutter Edith Götz/ Wir haben von der Begeg­ „Heimat ist da, wo die Berge achtung erfuhr, so die Überlie­ annehmen. Nicht sich ärgern, Petrik in Reichenberg in der nung zweier auserwählter Frau­ sind, wo die Erinnerung wohnt“, ferung, wurde zum Urbild die­ sondern lieben. Gott und den Badgasse zu sehen und im Jagd­ en gehört. Beide sind von Gott lesen wir bei Friedrich Hölder­ ses Wallfahrtsortes. Nächsten als die Erfüllung des schloß Neuwiese einen Kaf­ gefügt auf wunderbare Weise lin. Das Bergland von Judäa Mit dem gewendeten Leid für Gesetzes, wie Jesus im Evange­ fee zu trinken. Von meiner Ur­ in Erwartung eines Kindes. Eli­ wird zum Ursprungsort für den den Siebmacher und seine Fa­ lium sagt. Um dies zu erfüllen, großmutter Margarete Petrick/ sabeth trägt den Täufer Johan­ großen Lobgesang Mariens, das milie und so viele Tausende von sind wir hierher gekommen. Effenberger habe ich zahlrei­ nes in ihrem Schoß. Maria den Magnificat: „Meine Seele preist Pilgern, die in den vergangenen Mit der liebevollen Erinne­ che Geschichten über Neuwie­ Sohn Gottes selbst, den Heiland die Größe des Herrn, … denn auf Jahrhunderten hierher kamen, rung an die Vergangenheit, mit se im Ohr. Ihr Großvater Franz und Retter, der in diese armseli­ die Niedrigkeit seiner Magd hat ist das heilsame unseres Glau­ den Gedanken der Versöhnung Pietsch wohnte dort und war ge Welt kommen sollte. er geschaut.“ bens geschenkt worden. und dem hoffnungsvollen Blick Revierförster des Grafen Franz Die Begegnung der beiden Es braucht auch unseren Lob­ Was geschützt, gepflegt, ge­ in die Zukunft sind wir alle hier­ Clam Gallas gewesen. Frauen ist ein Bild für die Be­ preis Gott gegenüber. Vielleicht betet wurde vom Orden der her gekommen. Möge dieser Ich bekam bei meinem er­ gegnung zweier gottesfürchti­ in diesen Tagen ganz besonders. Franziskaner, von der Fami­ Ort unsere Herzen beflügeln auf sten Besuch 2007 wahrlich Gän­ ger Menschen. Sie treffen auf­ Wenn wir auf die Entchristli­ lie der Grafen Clam Gallas, von unserem Weg in die wahre Hei­ sehaut beim Einzug zum festli­ einander, und sie vereint die chung dieser Welt schauen, ei­ den Seelsorgern über Jahrhun­ mat des Himmels. Amen. Anfang Juli fand der Festgottesdienst im Rahmen der traditionellen Wallfahrt zu Mariä Heimsuchung in der Wallfahrtskirche zu Haindorf statt. Hier die Predigt des Hauptzelebranten Dechant Markus Blümel aus dem hessischen Eiterfeld.

L

Elisabeth Vietze 100

hr Geburtsort ist Labau im Kreis Gablonz. Ihr Vater war Landwirt und Schmuckwarener­ zeuger. Im Sommer 1945 wurde die Familie von ihrem Hof ver­ trieben. Nach Stationen im so­ wjetisch besetzten Teil Deutsch­ lands ging es nach Geislingen an der Steige in Württemberg. Dort lernte sie 1949 beim Tan­ zen Gerhard Vietze kennen. Ein Jahr später heirateten sie. Vier Jahre später kam Tochter Ani­ ta zur Welt. 1958 zog die Familie nach Neugablonz. Dort eröffne­ te das Paar eine Metzgerei. 1970 starb Gerhard. 2013 gab Elisabeth Vietze mit Gleichgesinnten ein PaurischWörterbuch heraus. 30  Jahre lang hatte sie sich in 114 Texten ihrer heimatlichen Mundart ge­ widmet. Nun genießt sie ihren Ruhestand.

� Friedland

Gertrud Pawlik 100 Am 26. Juni wurde Gertrud Pawlik, die älteste Einwohnerin Friedlands, 100 Jahre alt. Zwei Tage später feierte sie ihren Geburtstag mit Sekt und 38 Gratulanten im Friedländer Schloß.

D

ort dokumentierten Fotos ihr ereignisreiches Leben. Zu den Gratulanten gehörten ihr Sohn und dessen Frau, drei Enkel und vier Urenkel, viele Freun­ de, Bekann­ te und Ver­ wandte auch aus Deutsch­ land. Sogar die tschechische Sozialministerin Jana Maláčová hatte einen Geburtstagsgruß ge­ schickt. Nur die Gratulation von Friedlands Bürgermeister Dan Ramzer kam fünf Tage zu spät. Als Gertrud Walter war sie in Hain­ dorf zur Welt gekommen. Sie wuchs im elterlichen Haus in der Schützengasse 914 in Fried­ land auf. Ihr Mann Otto Pawlik starb bereits 1993 mit 72 Jahren. Seitdem lebt sie allein in ihrem Haus. Stanislav Beran

KREIS DEUTSCH GABEL Heimatkreis und Gemeindebetreuer gratulieren allen treuen Abonnenten aus dem Kreis Deutsch Gabel, die im August Geburtstag, Hochzeitstag, ein Jubiläum oder sonst ein Ereignis feiern, und wünschen von Herzen alles Gute, Gesundheit, und Gottes überreichen Segen. n  Hennersdorf – Geburtstage: Am 26. Hella Brabetz/Prokop (Haus-Nr. 2), Haus Heilig Geist, Dom-Pedro-Platz 6, 80637 Mün­ chen, 93 Jahre, und am 29. Anne­ marie Bachmann/Werner (HausNr.  214) bei Horst Sprenger, Jahnstraße  123, 71032 Böblin­ gen, 97 Jahre. Rosl Machtolf n  Kleingrün – Geburtstag: Am 12. Hedwig Mai/Otto, Wind­ mühlenstraße 25, 06231 Bad Dür­ renberg, 94 Jahre. Robert Hockauf


14

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Dux

Ladowitz

Klostergrab

Ossegg

für die Kreise Dux, Bilin und Teplitz-Schönau

Bilin

Teplitz-Schönau

Heimatlandschaft Erz- und Mittelgebirge – Landschaftsbetreuer: Dietmar Heller, Hillenloher Straße 10, 87733 Markt Rettenbach, Telefon (0 83 92) 9 34 72 77, Telefax 9 34 72 78, eMail dietmar.heller@deheller.de. Heimatkreis Bilin – Patenstadt Gerolzhofen; Heimatkreisbetreuer: Dietmar Heller. Internet www.heimatkreisbilin.de. Heimatkreis Dux – Patenstadt Miltenberg; Heimatkreisbetreuer: Klaus Püchler, In den Seegärten 35a, 63920 Großheubach, Telefon (0 93 71) 9 94 01, eMail klauspuechler@web.de. Heimatkreis Teplitz-Schönau – Patenstadt Frankfurt am Main; Heimatkreisbetreuer: Erhard Spacek, Franz-Schubert-Straße 13, 01796 Pirna, Telefon (01 60) 95 32 07 27, eMail spacek@ teplitz-schoenau-freunde.org. Redaktionsschluß: Freitag der Vorwoche. Redaktion: Lexa Wessel, eMail heimatruf@ sudeten.de

Der steile Weg nach Kamaik.

Graupen

Niklasberg

Die Burgruine Kamaik bei Leitmeritz um 1920.

Landeskunde/Böhmisches Mittelgebirge – Teil II und Ende

Eine Wanderung zu der Burgruine Kamaik A

n der Südfront des Burgwalls wurde ein größeres Wohngebäude (Palas) angebaut. Zu den bedeutendsten Besitzern der Burg gehörten die Kamaiks von Pokratitz, König Karl IV., Benno Hase von Hasenburg, Heinrich von Kolstein, Siegmund von Wartenberg und die Herren von Elstiborsch. Johann Georg von Elstiborsch mußte nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) aus Glaubensgründen das Land verlassen. Und er verkaufte die Herrschaft an Hermann Czernin von Chudenitz. Mit Hilfe sächsischer Truppen kehrte von Elstiborsch im Jahr 1631 nach Kamaik zu-

rück. Man raubte die Burg aus und brachte alles weg, was sich fortschaffen ließ. Um 1650 wird sie als „wüst“ bezeichnet. Nach dem Tod des Burgherren von Chudenitz gliederte man die Herrschaft Kamaik an die Lobositzer Herrschaft an. Die Burg verfiel unaufhaltsam und brannte 1809 und 1819 völlig aus. Im Jahr 1863 wurde sie an Otto Polk, den Pächter der Herrschaft, verkauft. Dieser erbaute an dem Ort unterhalb der Burg zwei Jahre später ein Schlößchen. Dessen Schwester Betty war die zweite Ehefrau des Komponisten Friedrich Smetana, des Begründers der tschechischen Nationalmu-

Alte Linden säumen das Elbufer nach Groß Tschernosek (2015).

sik. Dessen Operette „Die verkaufte Braut“ ist besonders bekannt. Smetana hielt sich, nach der Hochzeit mit Betty, oft in Kamaik auf und schien von der dortigen Landschaft begeistert zu sein. Im Gemeindeamt befindet sich ein historisch eingerichteter Smetana-Gedächtnis-Saal. An dessen Außenwand ist eine Erinnerungstafel an ihn angebracht.

Eisberg und Eisberg-Kapelle Von der Burg Kamaik führt derselbe Pfad weiter zu dem Eisberg. Dazu gehen wir auf der kleinen Straße etwa 50 Meter geradeaus, biegen dann mit der blauen Markierung links ab und erreichen hinter dem letzten Grundstück eine Kreuzung mit fünf Wegen. Dort halten wir uns mit dem blauen Zeichen halblinks auf einem breiten Weg, der mitten durch einen Laubwald bergauf führt. An einer Gabelung treffen wir auf den Wegweiser „Unter dem Eisberg“/„Pod Plenvcem“. Wir bleiben auf dem breiten Weg und erreichen nach etwa 100 Metern neben drei mächtigen, alten Eichen die frühbarokke Kapelle Johannes des Täufers, früher Eisberg-Kapelle genannt. Man errichtete sie im Jahr 1660 anstelle einer älteren, im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Kapelle. In dieser Kapelle waren im

WIR GRATULIEREN Wir wünschen unseren treuen Heimatruf-Abonnenten, die im August Geburtstag feiern, von Herzen alles Gute, Gesundheit und Gottes überreichen Segen. Bilin. Dr. Gerda Plattig/ Schlager, Steinforststraße 30, 91056 Erlangen, 17. August 1940; Emmi Funk/Sandner, Frankenallee 359, 60326 Frankfurt am Main, 25. August 1928. Luschitz/Kreis Bilin. Rotraud Köhler/Staska, Laurentiusstraße 10/4, 71638 Ludwigsburg, 24. August 1931. Rothaugest/Kreis Bilin. Dr. Alois Hartmann, Kettelerstra-

ße 36, 63303 Dreieich, 1. August 1932. Heimatkreis Dux. Landsmann Herbert Ring, jahrzehntelang Autor für unseren Heimatruf, Seniorenzentrum Lambertus-

Denkmal für Walter von der Vogelweide in Dux.

Böhmische Weingärten bei Groß Tschernosek. Jahr 1551 Wilhelm von Kamaik und Elstiborsch beigesetzt worden. Vier Reliefwappen mit den Jahreszahlen 1660 und 1777 schmücken die steinerne Kanzel im Inneren. Dort verlief der ehemalige Ludwig-Richter-Weg von Sebusein/Sebuzín nach Kamaik. Auch heute noch kann man die romantische Stimmung dieses Ortes spüren. Wir gelangen zu den Geröllhalden oder Blockmeeren des Eisberges, zwischen denen sich

mehrstämmige Eichbäume hindurchzwängen. Der Lobositzer Gebirgsverein legte diesen Weg um 1900 in mühevoller Arbeit an, so daß man den Aufstieg und die Querung des Blockfeldes relativ angenehm bewältigen kann. Die Fernsicht wird jetzt immer beeindruckender. Aber ebenso beeindruckend sind die vielstämmigen Linden und Eichen mitten auf dem steilen, unwirtlichen Hang. Bei den Wuchsformen der mehrstämmigen Linden handelt es sich um Sommerlin-

den, welche durch Verschiebungen in dem Geröllfeld immer neue Triebe bekamen. Deshalb läßt sich das exakte Alter der über 100 Jahre alten Bäume schwer abschätzen. Dann haben wir endlich den Gipfel des 509 Meter hohen Eisberges erreicht und können uns über den herrlichen Fernblick freuen. Tief unter uns liegt die Burgruine Kamaik, und in der Ferne erstrecken sich die Kegelberge des Böhmischen Mittelgebirges. Herbert Ring

TERMINE stift, Dorstener Straße 653, 45721 Haltern, zu seinem 97. Geburtstag am 17. August. Sobrusan/Kreis Dux. Landsmann Herbert Ring, Seniorenzentrum Lambertusstift, Dorstener Straße 653, 45721 Haltern, 17. August 1924; Harald Mündel, Rilkestraße 11, 94315 Straubing, 26. August 1929. Eichwald/Kreis TeplitzSchönau. Gisela Spieler, Bonhoefferstraße 16, 97078 Würzburg, 5. August 1933; Albert Spieler, Bonhoefferstraße 16, 97078 Würzburg, 20. August 1933.

Donnerstag, 12. bis Sonntag, 15. August: 7. Kreistreffen in der Heimat. Donnerstag eigene Anreise nach Teplitz-Schönau, Hotel Prince de Ligne (Zámecké náměstí 136); 19.00 Uhr dort Abendessen. Freitag 9.00 Uhr Abfahrt nach Melnik mit Besichtigung des Schlosses und Weinverkostung; Mittagessen im Schloßrestaurant; anschließend Besichtigung der Peter-und-Paul-Kirche und des Beinhauses; Weiterfahrt nach Leitmeritz; dort Abendessen im bischöflichen Brauereigasthof. Samstag 9.00 Uhr Abfahrt nach Ober-Georgenthal; dort Besuch des Schlosses Eisenberg; danach Fahrt über das Erzgebirge auf den Mückenberg; dort Mittagessen; anschließend Bus- oder Seilbahnfahrt nach Graupen mit Spaziergang über den Mariascheiner Kreuzweg; 17.00 Uhr Abendessen im Hotel; 19.00 Uhr dort Jubiläumskonzert der Nordböhmischen Philharmonie. Sonntag eigene

Fahrt zur Heiligen Messe in der Barockkirche Mariä Himmelfahrt in Zinnwald, Uhrzeit wird noch mitgeteilt. Änderungen vorbehalten. Kostenbeitrag inklusive drei Übernachtungen, Frühstück, bewachtem Parkplatz, Bus, allen Mahlzeiten, Besichtigungen, Führungen, Weinverkostung, Seilbahnfahrt und Konzert pro Person im Doppelzimmer 390 Euro, im Einzelzimmer 440 Euro. Getränke außerhalb des Frühstücks auf eigene Rechnung. Verbindliche Anmeldung bis Montag, 2. August, durch Überweisung des Reisepreises auf das Konto Erhard Spacek – IBAN: DE35 7008 0000 0670 5509 19, BIC: DRESDEFF700. Bitte Anschrift und Namen der Reiseteilnehmer angeben, sonst Mitteilung mit diesen Angaben an eMail spacek@ teplitz-schoenau-freunde.org. Wegen der CoronaPandemie benötigen alle Teilnehmer einen gültigen Impfpaß und FFP2-Nasen-/Mundschutz.


HEIMATBOTE

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Bischofteinitz

Ronsperg

FÜR DEN KREIS BISCHOFTEINITZ

15 Hostau

Heimatkreis Bischofteinitz – Patenstadt Furth im Wald. Heimatkreisbetreuer: Peter Pawlik, Palnkamer Straße 73a, 83624 Otterfing, Telefon (0 80 24) 9 26 46, Telefax 9 26 48, eMail peter-pawlik@t-online.de, Internet www.bischofteinitz.de. Spendenkonto: Heimatkreis Bischofteinitz, Raiffeisenbank Chamer Land – IBAN: DE55 7426 1024 0007 1343 20, BIC: GENODEF1CHA. Heimatbote für den Kreis Bischofteinitz – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Verantwortlich von seiten des Heimatkreises: Peter Pawlik. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

Patroziniumsgottesdienst vor der Kreuzkirche.

40jähriges Priesterjubiläum

Klaus Oehrlein Klaus Oehrlein, Geistlicher Beirat der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Würzburg und Pfarrer in der Pfarrgemeinde Sankt Josef der Bräutigam in Würzburg-Grombühl, feierte am 27. Juni sein 40jähriges Priesterjubiläum in der Sankt-Josefs-Kirche in Grombühl.

A

Heilig-Kreuz-Kirche in Furth im Wald

Jubiläums-Patrozinium unter freiem Himmel Ende Juli feierte die vor 330 Jahren geweihte Kreuzkirche in Furth im Wald Jubiläumspatrozinium. Furth im Wald ist die Patenstadt der Bischofteinitzer und die Kirche Gedächtnis- und Wallfahrtskirche.

V

Neumann stammte aus Prachatitz im Böhmerwald und war Bischof von Philadelphia. Weihbischof Karl Flügel aus Regensburg konsekrierte diesen Altar am 17. Juni 1987. 1989 wurde der Altarraum mit Wallfahrtskerzen ausgestattet, auf denen alle Pfarrkirchen des Heimatkreises Bischofteinitz abgebildet sind. Die Größe der Kerzen stellt die Größe

or 330 Jahren, am 24. Juli 1691, weihte der Regensburger Weihbischof Alfred Ernst Graf von Wartenberg Vertriebenenaltar die Kreuzkirche auf in der Kreuzkirche. dem Friedhof. Zuvor war an dieser Stelle die Wallfahrtskapelle Zum Herrgott auf der Rast gestanden. In dieser Kapelle hatten böhmische Pilger Gelegenheit zu stiller Einkehr und zum Gebet. In Anknüpfung an diese Tradition erwählten die vertriebenen Bischofteinitzer diese Kirche zu ihrer Wallfahrts- und Gedächtniskirche. Für die Kreuzkirche stifteten sie 1969 eine von dem Münchener Künstler Helmut Kästl geschaffene Altarwand, die die Vertreibung der Deutschen über den Böhmerwaldkamm hinweg in Verbindung mit dem Schick- der jeweiligen ehemaligen Pfarrei dar. sal der Vertreibung der Heiligen FamiAm Sonntagvormittag zelebrierte lie in eindrucksvoller Weise darstellt. Stadtpfarrer Karl-Heinz Seidl an einem 1971 stifteten sie für diese Kirche eine unter dem Missionskreuz aufgebauten neue Orgel. Anläßlich des Heimatkreis- Altar den jährlichen Patroziniumsgottreffens 1987 wurde durch hohes Spen- tesdienst der Kreuzkirche. Das Evandenaufkommen der Bischofteinitzer ein gelium handelte davon, daß eine grovon dem aus dem Böhmerwald vertrie- ße Menschenmenge – es waren etwa benen Künstler Leopold Hafner gestal- 5000 Männer – Jesus an das Ufer des teter neuer Altarstein gestiftet. Sees von Tiberias gefolgt war. Einer seiDer Altar wurde aus den Steinen des ner Jünger, Andreas, der Bruder, des Siehemaligen Flüchtlingslagers Furth im mon Petrus, sagte zu Jesus: „Hier ist ein Wald errichtet. In den Altar ist eine Re- kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote liquie des heiligen Johann Nepomuk und zwei Fische; doch was ist das für so Neumann (1811–1860) eingebracht. viele!“ Jesus nahm die Brote, sprach das Dankgebet und ließ an die Leute austeilen, soviel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen. Auch in der Predigt von Pfarrer Seidl ging es um Hunger und Abgespeckte Kreuzkirta bei der Kreuzkirche. Bilder: Johann Gruber Sattwerden.

Er zitierte Entwicklungshilfeminister Gerd Müller: „800 Millionen hungernde Menschen weltweit sind der größte vermeidbare Skandal. Der Planet hat die Ressourcen, um zehn Milliarden Menschen zu ernähren.“ Zwei neue internationale Studien seien zu dem Ergebnis gekommen, daß jährlich nur umgerechnet 11,9 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen und eine Agrarrevolution Altar unter dem notwendig wären, um Missionskreuz. weltweit den Hunger in den nächsten zehn Jahre zu besiegen. Aber ein Vielfaches dieser Summe werde für Kriegsmaterial ausgegeben, was wiederum Leid, Flüchtlingsströme und neuen Hunger produziere. „Das Rätsel bleibt: Warum fehlt der politische Wille? Eigentlich müßte uns Christen dieser Skandal des Welthungers schlaflose Nächte bereiten. Tut er aber nicht. Weil wir uns daran gewöhnt haben, daß Menschen hungern.“ „Was kann ich neben den staatlichen Programmen als Einzelner gegen den Hunger in der Welt tun?“ Der Geistliche verwies bei dieser Frage auf das Gleichnis im Evangelium, daß durch die kleine Gabe eines Jungen durch Jesus alle satt wurden. Er verwies auf die Möglichkeit, Hilfsprojekte wie Misereor oder Adveniat, zu fördern, die die Ärmsten der Armen nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. Auch wenn die Pfarrei zu den Kosten der bevorstehenden Sanierung der Kirche jeden Euro brauche, sollten wir doch versuchen, beidem Rechnung zu tragen, so Seidl. In der letzten Juliwoche feiert die Pfarrgemeinde Mariä Himmelfahrt traditionell Kreuzkirta. Weil die heuer erneut Coronaopfer wurde, initiierte der Pfarrgemeinderat am vergangenen Wochenende eine kleine Ersatzaktion: Vor und nach allen Gottesdiensten am Samstag und Sonntag wurden Kirtapäckchen mit selbstgebackenen Leckereien gegen eine Spende von fünf Euro angeboten, mit der die Sanierung unserer Kirche unterstützt werden soll. Johann Gruber/nh

m 27. Juni 1981 hatte Bischof PaulWerner Scheele den im Jahr 1955 im unterfränkischen Margretshöchheim geborenen Klaus Oehrlein im Würzburger Kiliansdom zum Priester geweiht. Oehrleins Mutter Maria Oehrlein/Roith stammt aus der Rosenmühle in Rosendorf im Kreis Bischofteinitz. Stationen seiner seelsorgerischen Laufbahn waren Kaplan und Pfarrer in Gemeinden des Bistums Würzburg, Regionaljugendseelsorger, Seelsorger für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende, Krankenhausseelsorger, 1995 bis 2005 Stellvertretender Dekan und 2005 bis 2010 Dekan des Deka-

2. Juni 2015: Pfarrer Klaus Oehrlein zelebriert die Heimatmesse in Heiligenkreuz.

Sommer 2011: Pfarrer Klaus Oehrlein renoviert Grabsteine auf dem Friedhof in Heiligenkreuz.

September 2020: Pfarrer Klaus Oehrlein beim Brünner Versöhnungsmarsch. Bild: Karoline Hurnaus

lebrant für die byzantinisch-katholische Liturgie im Bistum Würzburg. Seit 2016 ist er im Würzburger Stadtteil Grombühl als Priester tätig. Trotz der vielen Funktionen findet er immer die Zeit, sich um die Belange des ehemaligen Heiligenkreuzer Kirchensprengels zu kümmern. Seit 1991 zelebriert er alle zwei Jahre den Gottesdienst in Heiligenkreuz. Die im Anschluß an den Gottesdienst stattfindenden Treffen mit Kaffee und Kuchen vor der Kirche sind auch nur dank seiner logistischen Unterstützung möglich. Auch in Rail und in der Haider Loreto im benachbarten Heimatkreis Tachau feiert er regelmäßig Gottesdienste. Ohne seine tatkräftige Hilfe wäre es nicht möglich, den histoAnfang Juni 2021: Pfarrer Klaus Oehrlein und Peter rischen Teil des Heiligenkreuzer Gaag, Ortsbetreuer von Heiligenkreuz, in Rail. Friedhofs zu erhalten. Für all das möchte ich mich im Namen des nats Ochsenfurt. Ab 2009 leitete er die ehemaligen Kirchensprengels HeiligenPfarrgemeinschaft Tückelhausen. 2013 kreuz bedanken. Nachträglich gratuliebis 2016 war er nebenamtlicher Geistli- ren wir unserem Pfarrer Klaus Oehrlein cher Beirat und seit 2016 Geistlicher Bei- zu seinem Priesterjubiläum und wünrat der Ackermann-Gemeinde im Bis- schen ihm alles Gute, Gesundheit und tum Würzburg. Seit 2015 ist er auch Ze- Gottes reichen Segen. Peter Gaag

D

ie Rosenmühle in Rosendorf vor dem Zweiten Weltkrieg. Das etwa drei Kilometer südwestlich von Weißensulz gelegene Rosendorf wurde von der Heiligenkreuzer Herrschaft angelegt. 1735 verkaufte der damalige Herrschaftsbesitzer Johann Wenzel Zucker von Tamfeld im sogenannten Rosengarten Ackerteile zur freien Besiedlung, und zwar „umb Verschaffung zur Herrschafl Bessern Nutzens willen“. Die Siedlung erhielt den Namen Rosendorf. 1789 zählte Rosendorf mit Bärntanz zwölf Nummern. 1839 wies das auch Rosendörfel genannte Dörfchen elf Häuser mit 84 Einwohnern auf, war nach Schmolau eingeschult und nach Heiligenkreuz eingepfarrt und besaß auch die „Rosenmühle“, die an der Radbusa lag. 1913 zählte Rosendorf 14 Häuser und 108 Einwohner und gehörte zur Gemeinde Schmolau.


16

Sudetendeutsche Zeitung Folge 31 | 6. 8. 2021

Heimatbote für den Kreis Ta<au

Heimatkreis Tachau – Patenstadt Weiden in der Oberpfalz. Heimatkreisbetreuer: Dr. Wolf-Dieter Hamperl, Aubergstra­ße 21, 83352 Altenmarkt, Tele­fon (0 86 21) 6 36 27, Telefax 64 75 27, eMail wolf-dieter.hamperl­ @online.de. In­ter­net www.tachau.de. Tachauer Heimatmuseum: Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a, 92637 Weiden, Telefon (09 61) 81 41 02, Telefax 81 41 19, eMail museum@tachau.de. Spendenkonto: Heimatkreis Tachau, HypoVereinsbank Nürnberg – IBAN: DE38 7602 0070 0002 0824 54, BIC: HYVEDEMM460. Heimatbote für den Kreis Tachau – Redaktionsschluß: Donnerstag der Vorwoche. Redaktion: Nadira Hurnaus, eMail post@nadirahurnaus.de

� Paulusbrunn

TERMINE

Zwei historische Ereignisse und eine Feier germeisterin von Thiergarten, übersetzte es ins Tschechische. In seinem Grußwort dankte Bärnaus Bürgermeister Alfred Stier vor allem Rainer Christoph und dem Arbeitskreis Paulusbrunn für ihre großartige Arbeit, die sie schon seit Jahren leisteten. Er regte eine alljährliche Wallfahrt zur Hans-Nigl-Kapelle an. Weil es ein besonderer Tag war, hatte Bürgermeister Al­fred Stier das Goldene Buch der Stadt mitgebracht, in das sich jeder eintragen konnte. Bürgermeisterin Dana Lesak-Müller freute sich, daß es wieder offene Grenzen gebe, so wie es früher jahrhundertelang gewesen sei. „Ich hoffe, daß so etwas Schlimmes nie mehr passiert,“ sagte sie über den Krieg und seine Folgen. Alfred Wolf, Vorsitzender des Vereins Via Carolina–Goldene Straße, bezeichnete die Grenzöffnung und die beiden Motoren der Arbeitsgemeinschaft Paulusbrunn, Dana Lesak-Müller und Rainer Christoph, als Glücksfall. Konrad Rosner

Mitte Juli wurde der 16 Kilometer lange Rundwanderweg Historischer Böttgerweg im Rahmen einer ökumenischen Andacht mit Pfarrern der tschechisch-slowakischen orthodoxen Kirchengemeinde gesegnet.

A

m Nachmittag des dritten Julisonntags fand an der HansNigl-Kapelle eine ökumenische Andacht statt. Zelebranten waren Bärnaus Stadtpfarrer Konrad Amschl sowie die Priester Josef Hauzar aus Marienbad und Eugen Bakoš aus Tachau, die der tschechisch-slowakischen orthodoxen Kirchengemeinde angehören. Höhepunkt der Andacht war die Segnung des HistoriPfarrer Konrad Amschl, die orthodoxen Priester Josef Hauzar und Eugen Bakoš, Helmut Erndt und Rainer Christoph schen Böttgerweges. Ort der Feierlichkeiten war mit einer orthodoxen Fahne. vor der Hans-Nigl-Kapelle, die einst Pauluskapelle geheißen Fremdenfeindlichkeit und De- lav Monhard, Oskar Bergmann Helmut Erndt aus Flossenbürg, hatte, nahe des Paulusbrunnens mokratieverachtuung zu über- sowie die vier Jugendlichen Ru- der 20 Jahre lang an der Grenund des ehemaligen Ortes Pau- winden. Bayern und Böhmen hät- dolf Fenzl, Walter Friedl, Franz ze seinen Dienst geleistet hatlusbrunn. Dieser Ort ist Teil des ten, so Christoph, eine gemein- Knoll und Josef Träger, die nach te, den beiden orthodoxen Prierund 16  Kilometer langen hi- same 1000jährige Geschichte. Kriegsende eine Minenexplo- stern vier orthodoxe Fahnen, die storischen Böttgerrundweges Stadtpfarrer Konrad Amschl sion zerfetzte. Nach einem ge- er zufällig in Dresden gefunden von Hermannsreuth über den sprach die Hoffnung aus, daß meinsamen „Vater unser“ – ge- hatte und die rund 30 Jahre lang Friedhof Paudie Menschen betet in deutscher Sprache und auf seinem Dachbolusbrunn zur in der Regi- gesungen in Kirchenslawisch den gelagert hatten. Prinzfabrik und on nie mehr von einem tschechischen Chor „Mögen die Fahzurück. Rund durch Krieg – fand die Segnung statt. Eine nen dort hinkom25 Infotafeln oder Grenzen Abordnung der Bärnauer Stadt- men, wo sie hingein deutscher getrennt wür- und Jugendkapelle „Grenzland- hören“, sagte Erndt. und tschechiden: „Der hi- buam“ unter der Leitung von Die beiden Priester scher Sprache storische Bött- Günther Freundl umrahmte die waren begeistert von erzählen die gerweg ist ein Andacht und den Festakt musi- dem Geschenk und Geschichte der Christus-Weg. kalisch. versprachen, daß die Menschen und Er ist der Weg Für Familie Fichtner, die die Fahnen einen Ehdes Ortes vor zum Leben.“ In Hans-Nigl-Kapelle pflegt, hat- renplatz in der Kirund nach 1945. den Fürbitten te Christoph noch eine besonde- che in Milire erhalIn seiner Anwurde all der re Überraschung parat. Er über- ten würden. sprache äußer- Rainer Christoph dankt der Fami- Toten gedacht, reichte zum Dank für ihr EngageAbschließend te Rainer Chri- lie Fichtner mit einem Bild der Pau- die am Eiser- ment ein Bild der Madonna von trug Bettina Rößler stoph vom Ar- lusbrunner Madonna für ihren Ein- nen Vorhang Paulusbrunn. Auch die Außenan- ein nachdenkliches satz. beitskreis sinnlos ihr Le- lagen hatte die Familie mit Un- Gedicht vor, das ein Paulusbrunn ben verloren terstützung der Ikom Stiftland Mädchen über Pauden Wunsch, daß der Böttger- hatten. Stellvertretend für all die wieder hergerichtet. lusbrunn geschrieweg, der nun den Segen erhal- Toten nannte Ingrid Leser LadisNach dem Gottesdienst über- ben hatte. Dana Die Kapelle „Grenzlandbuam“ unterhält die unerte, dazu beitrage, Haß und Hetze, lav Mraz, František Haase, Jaros- gab der ehemalige Zollbeamte Lesak-Müller, Bür- wartet vielen Gäste.

� Jakobifest in Bruck am Hammer

Manna, woa dös heint wieda schöi Vergangenen Freitag feierten ehemalige und heutige Brucker in der heimatlichen Kirche in Bruck am Hammer das Jakobifest.

B

rucker oder deren Nachkommen waren aus Traunstein, München, Landshut, Donauwörth, Fürth, Erlangen, aus dem angrenzenden Landkreis Tirschenreuth und sogar aus Berlin gekommen. Ingrid Leser aus Bärnau, die das Treffen organisiert hatte, und der Brucker Bürgermeister Erik Mára begrüßten die Gäste. Sie freuten sich riesig über die unerwartet vielen Besucher. Junge Frauen gestalteten mit Orgel, Querflöte und Gesang den Gottesdienst mit neuen geistlichen Liedern. Ingrid Leser übernahm die Lesung in Deutsch, Renata Šicha in Tschechisch. In die Fürbitten schlossen Margret Buchner und Ingrid Leser die heutige Weltsituation und von den Naturkatastrophen betroffene Menschen ein. Bischöflich Geistlicher Rat Pfarrer Siegfried Wölfel, Ruhe-

standsgeistlicher in Friedenfels im Landkreis Tirschenreuth, war Hauptzelebrant und Prediger. Pfarrer Jaroslav Šašek aus Plan konzelerierte zum 16. und letzten Mal als Ortspriester den Gottesdienst. Am 1. August trat er seine neue Pfarrstelle in Eger an, wo er die Filialkirchen betreut und für seinen Dienst als Gefängsnisseelsorger in Königsberg an der Eger nicht mehr so weit fahren muß. Pfarrer Wölfel ging in seiner Predigt zunächst auf das Leben und den Märtyrertod des heiligen Jakobus ein, der sich ganz der Nachfolge Christi verschrieben habe. Er sei der Patron der Pilger und aller Menschen, die unterwegs seien. Auch die Vertriebenen seien unterwegs gewesen. Sie seien in eine unbekannte Zukunft und ein unbekanntes Land gegangen. Dort hätten die Menschen nach dem Krieg selber nichts gehabt, und die Hilfe der Mitmenschen sei der größte Beweis der Nächstenliebe gewesen. „Der tiefe Glaube gab den Menschen damals Mut für einen Neuanfang, auch wenn er sehr

schwer war. Diesen Glauben bestätigen auch die Menschen, die sich vor 30 Jahren wieder auf den Weg gemacht haben in ihre Heimatkirche zum heiligen Jakobus in Bruck am Hammer und nun zum 31. Mal zusammen mit den tschechischen Bürgern das Fest feierten.“ Nach dem Gottesdienst dankten Pfarrer Wölfel, BürgermeiSankt-JakobsKirche in Bruck am Hammer.

ster Mára und Ingrid Leser, die von Sabine Stier eine Kerze mit der Alltöttiger Madonna hatte fertigen lassen, Pfarrer Šašek im Namen der ehemaligen Brucker für die 15 Jahre lange Betreuung beim Jakobifest. Die Gesangsgruppe verabschiedete Pfarrer Šašek mit dem Lied der irischen Segenswünsche „Möge die Straße uns zusammenführen“. Mit dem gemeinsam gesungenen „Großer Gott“ endeten der Abschieds-Gottesdienst für Pfarrer Šašek und die kirchliche Feier des Jakbifestes 2021. Nach dem Gottesdienst gedachten die Gläubigen mit den Priestern auf dem Friedhof der Toten. Hans Stöckl aus dem nahen Truß nannte die Namen der im letzten Jahr Verstorbenen und sprach die Fürbitten für die auf dem Friedhof Ruhenden. In der Kirche gab es noch eine Erklärung über das Deckenfresko „Enthauptung des heiligen Apostel Jakobus“ des Tirschenreuther Malers Maurus Fuchs. Dort ist ein eigenartiger Schimmel dargestellt, eigentlich typisch für Fuchs. Wenn in Bruck

jemand etwas betrübt drein schaute, hieß es: „Heint schaust owa wöi da Schimmel aaf da Orgl.“ Das Fresko befindet sich über der Orgel. Dann ging es zum Schmaus ins Gasthaus. Dort gab es Schweinebraten mit Kraut und Knödeln, Schnitzel mit böhmischem Kartoffelsalat und Kolatschen. Da das Gasthaus keinen Pächter mehr hat, hatten die Brucker Frauen alles aufs Beste vorbereitet. Die Gespräche waren intensiv und angeregt. Immerhin hatte man sich ein ganzes Jahr nicht gesehen und war überaus glücklich, daß das Fest trotz Pandemie wieder stattfinden konnte. Zuvor hatte man gebangt, daß es wohl nicht zustande kommen könnte. Tatsächlich hatte alles erst ganz kurzfristig geplant werden können. Hier dankte man Ingrid Leser für ihren Einsatz mit einem Blumenstrauß. Man war der Meinung „Manna, woa dös heint wieda schöi. Dös hout ja wieda da Sööl sua gout tou, dös hülft ötza wieda für a Zeitlang.“

n  Sonntag, 15. August, 11.00 Uhr, Kladrau: Deutschsprachiger Mariä-Himmelfahrts-Gottesdienst mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer in der Klosterkirche. n  Sonntag, 15. August, 15.00 Uhr, Haid: Deutschsprachige Messe in der Loreto; anschließend Kirchkaffee in der Sakristei. n  Samstag, 28. bis Sonntag, 29. August: 32. Heimatkreistreffen in Weiden in der Ober­ pfalz. Samstag 8.15 Uhr Abfahrt nach München zum Besuch des Sudetendeutschen Museums; 18.00 Uhr gemütliches Beisammensein mit Egerländer Wirts-

Blick ins Tachauer Heimatmuseum in Weiden in der Oberpfalz. hausmusik im Gasthof Ratskeller in Weiden. Sonntag 9.00 Uhr Feier am Tachauer Gedenkstein in der Kurt-SchumacherAllee; 10.15  Uhr Versammlung der Mitglieder des Heimatkreisvereins mit Neuwahlen im Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse  3a; 12.00  Uhr dort Ausstellungseröffnung; 13.00 Uhr Mittagessen auf Einladung der Patenstadt im Ratskeller. Anmeldung: Wolf-Dieter Hamperl, Adresse siehe Impressum. n  Freitag, 10. bis Sonntag, 12. September, Haider Loretofest: Freitag 17.00 Uhr Heilige Messe und Primizsegen mit Neupriester Pater Tomáš Kadlec aus Taus. Samstag 10.00 Uhr Wallfahrtsgottesdienst mit Bischof Tomáš Holub aus Pilsen in der Loreto; anschließend Prozession mit der schwarzen Muttergottes durch den Park zur Schloßkapelle; 19.00 Uhr deutsche Pilgermesse mit Pfarrer Georg Hartl aus Waidhaus in der Loreto; anschließend Kirchkaffee in der Sakristei. Sonntag 8.00 Uhr Heilige Messe mit Pater Martin Duchoslav in der Kirche Sankt Nikolaus. n  Sonntag, 17. Oktober, 15.00 Uhr, Haid: Deutschsprachige Messe in der Loreto mit Bischof em. Friedhelm Hofmann aus Würzburg; anschließend Kirch­ kaffee in der Sakristei.

� Tachauer Eghalandrisch

Våschtäist me? Sieglinde Wolf, die Ortsbetreuerin von Altzedlisch und Stellvertretende Heimatkreisbetreuerin, erzählt von Schouchbandla, eine Geschichte von heimatlicher Armut und Sparsamkeit.

D

er kleine Emil rüstet sich zum Schulgang. Beim Schuhanziehen meckert er: „A poa(r näia Schouchbandla brauche, döi dåu sann scho gånz z‘fetzt!“ Die Mama wirft einen flüchtigen Kontrollblick auf die schon mehrfach zusammengeknüpften Schnürsenkel: „Woos da neat aa(n)föllt, näia Schouchbandla w(ü)llst hoo(b)m, u dabaa houast in deanan äiascht drei Gnian (Knoten) drinna!“


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Sudetendeutsche Zeitung 6. August Ausgabe 31 by Sudetendeutsche_Zeitung - Issuu