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Programmheft - Alles Walzer

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Donnerstag, 29. Juni, 20 Uhr Helmut List Halle

Alles Walzer

KONZERT IM SAAL Franz Schubert (1797–1828) Valses nobles, D 969, op. 77, Nr. 1–8 Valses sentimentales, D 779, op. 50, Nr. 13–15 Valses nobles, D 969, op. 77, Nr. 9–12 Frédéric Chopin (1810–1849) Walzer Nr. 1 in Es, op. 18 (Grande Valse brillante) Walzer Nr. 3 in a, op. 34/2 Walzer Nr. 5 in As, op. 42 Walzer Nr. 7 in cis, op. 64/2 Walzer Nr. 14 in e, op. posth. Franz Schubert/Franz Liszt (1811–1886) Valse-Caprice Nr. 6 in A aus „Soirées de Vienne“


Sergei Rachmaninow (1873–1943) Liebesleid (nach Fritz Kreisler) Leopold Godowsky (1870–1938) aus „Triakontameron“: Im Salon Spieldose Alt-Wien Moriz Rosenthal (1862–1946) Fantasie um Johann Strauß

Bernd Glemser, Klavier

TANZ-ZUGABE IM BALLROOM zum Mittanzen nach Belieben Joseph Lanner (1801–1843) 2 Mazurkas, WoO Anleitung zur Polka Joseph Lanner Hansjörgel Polka, op. 194


Johann Schrammel (1850–1893) Weana Gmüath, Walzer op. 112 Anleitung zum Galopp Franz Schubert Grätzer Galopp, D 925 Joseph Lanner Steyrische Tänze, op. 165 Anleitung zur Quadrille Johann Strauß Sohn (1825–1899) Fledermaus-Quadrille, op. 363 Finale Josef Strauß (1827–1870) Marien-Klänge, Walzer op. 214 Johann Strauß Vater (1804–1849) Eisele und Beisele Sprünge, Polka française, op. 202 Johann Strauß Sohn Wo die Citronen blüh’n, Walzer op. 364 Joseph Lanner Malapou-Galoppe, op. 148a


Salonensemble Alt Wien: Willy Büchler & Stefan Pöchhacker, Violine Roman Bernhart, Viola Ernst Weissensteiner, Kontrabass Erwin Klambauer, Flöte Gerald Pachinger, Klarinette Josef Eder & Markus Obmann, Horn TanzART – Social Dance in Kooperation mit den ­styriarte Tanzschulen Tanzschule Schweighofer: Patrizia Schweighofer Tanzschule Nicoletti: Wolfgang Nicoletti

Patronanz:

Programmdauer: Konzert im Saal: ca. 70 Minuten Tanzprogramm im BALLROOM: ca. 60 Minuten

Hörfunk: Freitag, 14. Juli, 19.30 Uhr, Ö1


Alles Walzer

Ein neues Format feiert Premiere: der­ styriarte „Ballroom“. Erst zuhören, dann tanzen oder beim Tanzen zuschauen.­ ­ Ersteres findet in der Helmut List Halle in

Konzertbestuhlung

statt,

Letzteres­

hinter der Bühne im neuen Ballsaal des Festivals. Vorne spielt Bernd Glemser ­ einige der schönsten Walzer von Schubert und Chopin, gefolgt von einem Feuerwerk „altwienerischer“ Klaviervirtuosität. Hinten spielt das „Salonensemble Alt Wien“ zum Tanz auf, mit Musik der „Walzerkönige“ Lanner und Strauß (Vater und Sohn). Schubert, Schrammel und schöne „Steirische“ dürfen dabei nicht fehlen.


Zum Programm „So recht Tanzlust erregend“. Mit diesem Ausdruck machte die „Wiener Allgemeine Theaterzeitung“ ihren Lesern Lust auf Franz Schuberts „Grätzer Walzer“ und den „Grätzer Galopp“. Rechtzeitig zum Wiener Fasching 1828 erschienen diese Nachklänge von Schuberts Grazreise im Druck und konnten sich sofort neben den Werken der späteren „Walzerkönige“ behaupten: „Rücksichtlich der Composition zeichnen sich besonders die Arbeiten der Herren Schubert, Lanner und Strauß aus.“ Bernd Glemser nimmt in dieses Dreigestirn des frühen Wiener Walzers spätere Wiener Meister und einen Fremden auf: Frédéric Chopin.

Schuberts „tanzalische“ Walzer „Wir, von Gottes Gnaden Beherrscherin aller Hatschiere und Janitscharen, legen hiermit mittels eines Edikts für den 15. dieses Monats Beschlag auf die beiden wohlgenährten Gestalten eines Schober und Schubert. Diese Benannten haben nach Geistes- und Leibeskräften zur Verherrlichung einer musikalisch-deklamatorisch-tanzalischen Abendunterhaltung mitzuwirken. Die verschneiten Nachtigallen aus der Alleegasse werden auch gehörig flöten. Wir erwarten von unseren Vasallen unbedingten Gehorsam. Gegeben aus unserer windigen Residenz am Tage der Heiligen Dorothea.“ Leider weiß man nicht genau, wer die geistreiche Wienerin mit dem Vornamen Nina war, die dieses Faschingsbillett am 6. Februar 1827 an Franz Schubert und seinen Freund Franz von Schober sandte. Zumindest aber weiß man, welche Walzer Schubert höchst wahrscheinlich zu der „tanzalischen Abendunterhaltung“ mit sich nahm: die „Valses nobles“, die gerade zwei Wochen zuvor im Verlag Haslinger als sein Opus 77 erschienen waren. Obwohl ihr Titel vom Verleger stammt, wie es bei solchen Tanzkollektionen zum Karneval üblich war,


trifft er den besonderen Anspruch dieser Walzer recht gut, denn sie sind als geschlossene Tanzreihe im „noblen“ Gestus angelegt, in C-Dur beginnend und endend (siehe unten die Beschreibung). Sollte Schubert diese Walzer tatsächlich bei Fräulein Ninas Faschingsball gespielt haben, hatten die Anwesenden die Qual der Wahl zwischen Zuhören und Mittanzen. Meistens entschieden sie sich für Ersteres, wenn Schubert selbst am Klavier saß. Spielte aber der Ungar Josef von Gahy, konnten die jungen Leute nicht anders als tanzen. Josef von Spaun vermerkte über seinen Freund: „Gahy opferte sich der tanzenden Jugend oft durch ganze Nächte auf“ und „elektrisierte“ die Tänzer durch sein Spiel. Freilich konnte man ihm auch schweigend und ruhig zuhören, wie etwa am 14. Januar 1827 in Spauns Wohnung, als Gahy „reizende Walzer von Schubert spielte (‚valses nobles‘ genannt)“. Franz von Hartmanns ­Notiz in seinem Tagebuch hat die Uraufführung der neuen Walzer im Freundeskreis festgehalten. Schon Ende 1825 waren im Verlag Diabelli Schuberts 34 „Valses sentimentales“ erschienen, was seltsam anmutet, weil sich der Komponist damals bereits mit Diabelli überworfen hatte. Der Verleger muss sich die Vorlagen also unter der Hand besorgt haben oder raubte sie einfach aus bereits vorhandenen Carnevals-Tänzen der Konkurrenz. Offenbar wollte Diabelli am guten Geschäft mit Schuberts Walzern trotz des Zerwürfnisses partizipieren. Die leicht sentimentalen Walzermelodien dieses Opus 50 haben das Bild des Tanzkomponisten Schubert nachhaltiger geprägt als jedes andere seiner Opera mit Tanzmusik.

Zur Musik Die „Valses nobles“ beginnen mit einer Art „Aufforderung zum Tanz“ in wuchtigen Fanfaren, worauf Nr. 2 mit Wiener „Schmäh“ antwortet, in der terzverwandten Tonart A-Dur.


Nr. 3 kehrt nach C-Dur zurück, allerdings leise und gedehnt auf ganze 58 Takte – der verträumte Hauptwalzer der Serie, der sich zum Schluss wuchtig steigert. Ein sehnsüchtiger Vorhalt in hoher Lage eröffnet den zarten vierten Walzer in G-Dur. Das ruppige a-Moll von Nr. 5 macht immer wieder einem eleganten Wiener Schlenker Platz. Ganz und gar wienerisch klingt die munter plaudernde Melodie von Nr. 6, während Nr. 7 nach E-Dur ausweicht und durch seine orchestrale Klangpracht wie ein Ballsaal-Walzer wirkt. Zu diesem Glanzstück wirkt Nr. 8 in A-Dur wie ein ironischer Nachsatz. Vor den letzten vier Nummern der „Valses nobles“ spielt Bernd Glemser drei der schönsten „Valses sentimentales“: Nr. 13 in A-Dur bezaubert durch seine weiche, hemiolische Melodie über typischer Walzerbegleitung. Nr. 14 beginnt mit Triolen-Geklingel, um im zweiten Teil weich chromatisch abzusteigen. Danach überrascht Nr. 15 in F-Dur durch seine Drehleier-Melodie. Die letzten vier „Valses nobles“ führen nach a-Moll und C-Dur zurück. Nr. 9 schlägt traurig-trotzige Molltöne an, gefolgt von einem wehmütigen Ländler in F-Dur. Nahtlos schließen sich daran die zwischen Dur und Moll changierenden Harmonien von Nr. 11 an. Selbst der joviale letzte Walzer in C-Dur wirkt durch bizarre Mollklänge seltsam überschattet. Unverständlich erscheint es deshalb, was im Frankfurter „Allgemeinen Musikalischen Anzeiger“ im Mai 1827 über diese Walzer zu lesen stand: „Referent weiß die Bedeutung des Wortes ‚noble‘ aus den Tänzen selbst nicht herauszulesen. Schlecht sind sie nicht, aber auch nicht mehr als gewöhnlich. Nur hier und da sind einzelne Züge gelungen und der rühmlich bekannten Manier des Herrn Franz Schubert entsprechend.“

Chopin in Wien: a-Moll-Walzer Leicht hätten sich Franz Schubert und Frédéric Chopin in Wien noch begegnen können, wäre der Erstere nicht so plötz-


lich am 19. November 1828 verstorben. Kaum zehn Monate später, am 11. August 1829, gab Chopin sein Wiener Debütkonzert. Es war von jenem Verleger Tobias Haslinger eingefädelt worden, der in Schubert ein Zugpferd verloren hatte und nun hoffte, in dem jungen Pianisten aus Polen ein neues zu finden. Chopin debütierte mit dem Orchester des Kärtnertortheaters als Solist und Komponist in einer Person. „Ich wurde nicht ausgepfiffen“, lautete sein eigenes lakonisches Resümee. Die „Wiener Theaterzeitung“ dagegen zeigte sich überrascht von dem bislang völlig Unbekannten aus Polen, „da man nicht bloß ein schönes, sondern ein ganz ausgezeichnetes Talent in ihm entdeckte, dem man wegen der Eigenthümlichkeit seines Spielens, als seiner Composition, fast schon ein wenig Genialität beylegen dürfte.“ Mit einem zweiten Konzert konnte Chopin die Rezensenten schon deutlicher von seinem Genie überzeugen, freilich mit Einschränkungen: „Dies Tonstück ist durchaus im chromatischen Style gehalten, und erhebt sich wenig zur Freundlichkeit, hat aber Momente, die sich durch Tiefe und gedankenvolle Verwebung auszeichnen.“ „Wenig Freundlichkeit“ zeigte Chopin auch in jenem a-Moll-Walzer, den er 1831 bei seiner Rückkehr nach Wien komponierte, aber erst sieben Jahre später in Paris als Opus 34 Nr. 2 herausbrachte. „Er hat nichts gemein mit dem Wiener Walzer und überhaupt kaum tänzerischen Charakter. Vielmehr kommt darin eine wahre und grenzenlose Trauer zum Ausdruck.“ So charakterisierte Tadeusz Zieli ´nski in seiner Chopin-Biographie den zweifellos bedeutendsten Walzer aus Chopins Wiener Zeit. Mit dem Wiener Franz Schubert, den er nie kennenlernte, teilte der junge Pole die Vorliebe für den Walzer als poetische Form.

Posthumer Walzer in e-Moll Zu den Klavierstücken, die Chopin auf seine zweite Wiener Reise mitnahm, gehörte ein Walzer in e-Moll, den er 1830 in


Polen komponierte, aber selbst nie veröffentlichte. Er wurde erst nach seinem Tod posthum gedruckt. „Wohl in keinem anderen seiner frühen Werke zeigt sich mit einer solchen Kraft und Konzentration Chopins reifer Stil, wie er in den folgenden Jahren charakteristisch werden sollte. Es ist nicht nur der erste Walzer im Konzertstil, voll von pianistischem Schwung und Glanz. Wichtiger noch ist, dass sich hinter der virtuosen Fassade ein neuer faszinierender Ausdruck eindeutig romantischer Prägung verbirgt. Eigentlich ist das Stück eine Walzer-Ballade, eine eigenartige tänzerische Dichtung“ (Zielinski). ´ Mit diesem erzählenden Ton seiner „Tanz-Ballade“ ist der junge Chopin über die jovialen Wiener Walzerfolgen Schuberts deutlich hinausgegangen.

Chopin in Paris: Walzer in Es und As In den Pariser Salons musste der junge Chopin noch virtuosere und glanzvollere Töne anschlagen als in seinem frühen e-Moll-Walzer. Er tat es 1833 in seiner „Grande Valse brillante“ Es-Dur, op. 18, die Bernd Glemser an den Anfang seiner Auswahl stellt. „Dieses Werk ist der erste Walzer aus Chopins Feder mit einem derart kernigen und tänzerischen Puls in Verbindung mit einer einfachen Faktur. Insofern ist das Stück mit der ‚Aufforderung zum Tanz‘ von Weber zu vergleichen. Ähnlich wie in diesem Werk entsteht der Eindruck, als wirbelten Paare von Tänzern durch einen Ballsaal. Dabei orientiert sich der Komponist in einem noch nie dagewesenen Ausmaß am französischen Geist und Geschmack“ (Zielinski). ´ Sieben Jahre später war Chopin in Paris so mit Unterrichten überhäuft, dass er kaum noch zum Komponieren kam. Immerhin vollendete er 1840 einen weiteren brillanten Walzer für den Salon: Opus 42 in As-Dur. Sein aus Riga stammender Schüler Wilhelm von Lenz berichtete später, wie sein Lehrer diesen Walzer spielte, „der aus dem achttaktigen Triller her-


vorsprudelt“ und „an eine Spieluhr erinnern soll. Bei seinen eigenen Aufführungen pflegte er dabei das Rubato ganz intensiv; er spielte das Stück als ein ständiges Stretto-Pianissimo, bei dem der Bass seinen Rhythmus eisern beibehielt. Eine Blumengirlande, die sich mitten durch die tanzenden Paare windet!“

Letztes Konzert und cis-Moll-Walzer Sein letztes Konzert in Paris gab Chopin am 16. Februar 1848 in der Salle Pleyel. Sechs Tage später brach die Revolution aus, die zur Flucht des Bürgerkönigs Louis-Philippe und zur Ausrufung der Zweiten Republik führte. Chopin verabscheute die Brutalitäten jeder Revolution und wich nach London aus, was für sein weiteres Leben fatale Konsequenzen haben sollte. Er ließ sich nämlich von seiner schottischen Schülerin Jane Stirling überreden, nach Schottland weiterzureisen. Dort wurde er im Sommer 1848 von Landhaus zu Landhaus und von Konzert zu Konzert herumgereicht, während sich seine Tuberkulose in dem rauen Klima ständig verschlechterte. Seine „Vermarkterinnen“ kannten aber keine Gnade, bis ihn seine Krankheit zwang, im November 1848 endlich nach Frankreich zurückzukehren. Chopin hatte nur noch elf Monate zu leben. Während der fatalen Schottland-Reise begleitete ihn der melancholische Klang seines cis-Moll-Walzers, den er während des Sommers 1847 in Paris komponiert hatte. Es war ein Trauerwalzer über die Trennung von George Sand nach neun Jahren eheähnlicher Gemeinschaft. Chopin hatte es gewagt, die Tochter der Sand, Solange, gegen ihre herrische Mutter in Schutz zu nehmen. So war es zum Bruch gekommen, den die Sand mit hämischen Worten kommentierte: „Obwohl ich in der Blüte meiner Jahre stehe, bin ich seit neun Jahren an einen Kadaver gefesselt.“ Der „Kadaver“ namens Chopin sand-


te seiner Geliebten und ihren gemeinsamen Sommern im Landhaus Nohant jenen cis-Moll-Walzer nach, der zu seinen schmerzlichsten späten Stücken gehört. Natürlich stand er auch auf dem Programm des letzten Pariser Konzerts.

Soirées de Vienne und Liebesleid Im späten 19. Jahrhundert nahm der Nimbus der Musikstadt Wien dermaßen zu, die „Walzerseligkeit“ in den Konzertsälen dermaßen überhand, dass der „Wiener Walzer“ zur Marke wurde, weltweit. Dies beeinflusste auch das Schaffen der Klaviervirtuosen: Franz Liszt widmete seinem Idol Franz Schubert die „Soirées de Vienne“. Sergej Rachmaninow bearbeitete das „Liebesleid“ des Fritz Kreisler, jene süßliche Geigenmelodie, die noch heute so gerne in Silvesterkonzerten Wiener „Gemütlichkeit“ verbreiten soll. Der geborene Wiener Fritz Kreisler, der später in den USA zu Weltruhm gelangte und als seriöser Konzertgeiger ebenso populär wurde wie durch seine Salonstücke, erscheint gleichsam als Inbegriff des „Wiener Schmäh“ auf der Violine, als Fortsetzung jener Vermählung höchster Virtuosität mit „Wiener Blut“, wie sie zuvor Johann Strauß Vater und Sohn verkörpert hatten. Alle diese Begriffe übrigens spiegeln den Nimbus Wiens wider – und den Kitsch, der sich unweigerlich an die Fersen der Kaiserstadt heftete.

Rosenthal und Godowsky 1880 kam ein junger Pianist aus Lemberg nach Wien: Moriz Rosenthal. Der Enkelschüler von Chopin und zeitweilige Schüler von Liszt hatte eine so phänomenale Technik, dass selbst der Kritikerpapst Eduard Hanslick ausnahmsweise zufrieden war. Rosenthal verband seine Brillanz mit einem untrüglichen Sinn für das „Chopin-Rubato“ und die „alt-wienerische“ Herzigkeit. Noch heute kann man in Aufnahmen aus seinen späten Jahren seine üppig blühenden Paraphrasen


der großen Strauß-Walzer nachhören. Rosenthal starb in New York, da sein brillanter jüdischer Intellekt ab 1938 in seiner Heimat ebenso wenig gelitten war wie sein spätromantisches Musizieren. Der Bruch, den der „Anschluss Österreichs“ auch für die Hochkultur des Wiener Walzers mit sich brachte, ist noch kaum untersucht worden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vertrieb einen anderen genialen Klaviervirtuosen aus der Donaumetropole: Leopold Godowsky. Der aus Wilna stammende Musiker, ein Klavier-Wunderkind und späterer Schüler von Rudorff und Saint-Saëns, wurde 1909 zum Direktor der Klavierabteilung an der Wiener Musikakademie berufen. Bis 1900 hatte er in den USA gelebt und dort die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. 1914 kehrte er nach New York zurück. Dort komponierte er nach dem Ende des Krieges 1919/20 „30 Moods and Scenes in Triple Measure“ unter dem Titel „Triakontameron“ – Gegenstück zum „Decamerone“ des Boccaccio. jene „30 Stimmungen und Szenen im Dreiertakt“ wurden alle an je einem Tag vollendet. Die Serie endet mit einem Requiem auf die Gefallenen des Weltkriegs und einer Paraphrase der amerikanischen Nationalhymne. Godowsky war ein überzeugter Amerikaner geworden, hatte aber seine Wiener Wahlheimat noch nicht vergessen. „Alt-Wien“ heißt das berühmteste Stück des „Triakontameron“. Bernd Glemser lässt ihm die Stücke „Im Salon“ und „Spieldose“ vorangehen. Der Geist der Vorkriegszeit weht durch diese Musik. Ganz offenbar hatte auch Godowsky den Eindruck, dass der Erste Weltkrieg „der Selbstmord des alten Europa“ war, wie es einmal ein Wiener Aristokrat ausdrückte.

Im Ballroom: Steyrische Tänze und Grätzer Galopp Nach dem Klavierabend geht es hinter die Bühne ins Tanzlokal. Dort werden die wahren Schätze des getanzten Wiener Walzers aufgetischt: die noblen Kreationen des blonden


Wieners Josef Lanner und die schmissigen Schlager seines dunkelhaarigen und –äugigen Kompagnons und späteren Konkurrenten Johann Strauß Vater. Dass beide Väter des Wiener Walzers brillante Geiger waren, zeigt Willy Büchler mit seinem „Ensemble Alt-Wien“. Wer sich also nicht fit fühlt für den Schwung des Dreivierteltaktes, der hat sicher genügend Freude beim puren Zuhören, wobei auch das Lokalkolorit gehörig zur Geltung kommt: im „Grätzer Galopp“ von Franz Schubert und den „Steyrischen Tänzen“ von Josef Lanner. Josef Beheimb


Die Interpreten Bernd Glemser, Klavier „Glemser ist der deutsche Klaviermagier seiner Generation, ein Wunder an Virtuosität bei gleichzeitiger künstlerischer Reife“, urteilt die Badische Zeitung. Auch vom „Klavierdichter“ liest man in der Fachpresse immer wieder, die sich mit Lobeshymnen übertrifft, wenn es um den deutschen Pianisten Bernd Glemser geht, der seinen Platz an der Weltspitze nun schon über Jahrzehnte behauptet. Seine fulminante Karriere begann schon in jungen Jahren, denn noch während des Studiums gewann er alle Preise, die es in der Klavierszene zu gewinnen gab, 17 davon in Folge (u. a. Cortot, ARD, Rubinstein, Busoni, Sydney). Trotzdem ist er kein Medienstar und kein Glamourpianist geworden, denn Glemser konzentriert sich voll und ganz auf die Musik. Er ist der Sache verpflichtet, Äußerlichkeiten sind nebensächlich, aber musikalisch geht er keine Kompromisse ein. Seine atemberaubende Virtuosität ist gepaart mit höchster poetischer Sensibilität, und seine tiefgründigen Interpretationen – individuell und fernab jeglicher Routine – prägen sich ein. Bernd Glemser hat natürlich mit vielen bekannten Orchestern konzertiert, u. a. mit dem Philadelphia Orchestra, dem Gewandhausorchester, dem London Philharmonic Orchestra, dem Tonhalle-Orchester Zürich oder dem Orchester von Santa Cecilia Rom unter Dirigenten wie Herbert Blomstedt,


Riccardo Chailly, Myung-Whun Chung, Dmitrij Kitajenko, Andrés Orozco-Estrada, Wolfgang Sawallisch, Muhai Tang oder Franz Welser-Möst. Er hat in der Philharmonie Berlin und der Alten Oper Frankfurt gespielt, dem Leipziger Gewandhaus und dem Herkulessaal in München sowie der Royal Festival Hall in London und dem Musikverein in Wien. Während seiner langen Karriere sind rund 35 CDs entstanden, zuletzt eine mit Einspielungen von Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ und den „Variations sérieuses“ bei OehmsClassics, die seine – wie er selbst sagt – vielleicht persönlichste Aufnahme ist. Darüber hinaus wirkte Bernd Glemser bei unzähligen Radio- und Fernsehproduktionen mit und, wie könnte es anders sein, spielt mit vielen befreundeten Kollegen Kammermusik. Noch während seiner eigenen Studienzeit hatte er in Saarbrücken seine erste Professur übernommen und ist seit 1996 Professor für Klavier an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seit 2006 ist Bernd Glemser „Artist in Residence“ bei den Klosterkonzerten Maulbronn, wo er neben einer Kammermusikreihe auch jährlich einen Meisterkurs gibt. Zusätzlich zu seinen vielen Auszeichnungen erhielt Bernd Glemser den „Andor-Foldes-Preis“ und den „Europäischen Pianisten-Preis“. 2003 erfolgte die Verleihung des „Bundesverdienstkreuzes“ durch den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Im Sommer 2012 wurde Glemser mit dem Kulturpreis Bayern geehrt.

Salonensemble Alt Wien Willy Büchler versammelt für sein Salonensemble Alt Wien lauter liebe und selbstverständlich hochrenommierte Kollegen der Wiener Symphoniker um sich.


Willy Büchler, Violine Mit tänzerischer Leichtigkeit versteht es Willy Büchler – seit zwei Jahrzehnten erster Gastdirigent des Strauß Festival Orchesters – die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Schwung, Hingabe, Gefühl und Witz prägen seinen unvergleichlichen Musizier-Stil, dem jugendliche Frische und ehrliche Begeisterung neben langjähriger Erfahrung aus vielseitiger Tätigkeit zugrunde liegen. Der gebürtige Wiener studierte das Geigenspiel an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst bei den Professoren Josef Sivo und Michael Frischenschlager, um dann schon mit zwanzig selbst als Professor am Landeskonservatorium für Vorarlberg zu arbeiten. Ein Engagement an das RSO Wien als Stimmführer der ersten Violinen führte ihn zurück nach Wien, wo er auch an der Musikhochschule unterrichtete. 1992 gründete Willy Büchler zusammen mit drei Mitgliedern der Wiener Symphoniker das mittlerweile wohlbekannte EOS-Quartett, welches seit einigen Jahren einen gefeierten Zyklus im Wiener Konzerthaus bestreitet. Seit 1995 ist er Konzertmeister der Wiener Symphoniker. Bei seinen Konzerten mit dem Strauß Festival Orchester Wien, die er wie einst Johann Strauß mit der Geige in der Hand dirigiert, verschmelzen Musizierfreude und Stilgefühl zu einem echt wienerischen Musikerlebnis. Ob im Konzerthaus Dortmund, in Tokyos berühmter Suntory-Hall oder daheim in Wien bei den Neujahrs-Konzerten im Wiener Konzerthaus, stets sorgt Willy Büchler mit seinem charismatischen Charme für Hochstimmung und Beifallsstürme.


musikprotokoll.ORF.at IM STEIRISCHEN HERBST, GRAZ


Aviso Montag, 17. Juli – Stefaniensaal, 20 Uhr

Dur und Moll Erste Suite von Tänzen von Bach, Schubert (Ländler), Schumann, Chopin (Walzer) und Bartók, sehnsuchtsvoll und traurig Zweite Suite von Tänzen von Bach, Schubert (Ländler), Schumann, Chopin (Walzer) und Bartók, freudig und lebensfroh Pierre-Laurent Aimard, Klavier

Erst Moll, dann Dur. Tänze der Sehnsucht und Trauer im ersten Teil, Tänze der Lebensfreude im zweiten. Pierre-Laurent Aimard hat sich seine beiden großen Tanzsuiten des Lebens selbst zu­ sammengestellt. Beide beginnen bei Bach, mit Auszügen aus den anmutigen „Französischen Suiten“, gefolgt von Schubert-Ländlern und Chopin-Walzern. Auch bei Bartók wird der Tanz auf den 88 Tasten zum Mikrokosmos des Lebens.


HAUS

DER

KUNST

Galerie · Andreas Lendl A-8010 GRAZ · JOANNEUMRING 12

Tel +43 /(0)316 / 82 56 96 Fax 82 56 96 - 26 www.kunst-alendl.at office@kunst-alendl.at

Ölgemälde · Aquarelle · Zeichnungen Druckgraphik · Skulpturen Reproduktionen · Kunstpostkarten · Künstlerkataloge Exklusive Rahmungen


Flotte Bienen, tolle Hechte

Feldhase (Lepus europaeus), Paarung, Foto: Eliane Huber, Naturmuseum Thurgau

SEXperten

Universalmuseum Joanneum

Naturkundemuseum 05. 05. 2017— 07. 01. 2018 Joanneumsviertel, 8010 Graz Di – So 10 – 17 Uhr www.naturkunde.at

Eine Ausstellung des Amtes für Umwelt Liechtensteins und des Liechtensteinischen Landesmuseums


WERNER BERG Mensch und Landschaft

17. Juni bis 27. August 2017 Steirisches Feuerwehrmuseum Kunst & Kultur Marktstraße 1, 8522 Groß St. Florian www.feuerwehrmuseum.at


Klassik, Jazz, Rock, Pop oder Alternative. Leidenschaftliche Musikberichterstattung erÜffnet Perspektiven. Täglich im STANDARD und auf derStandard.at.


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