Heft 11 | Winter 2019/20
Das Magazin vom Sterntalerhof
Zum Neuanfang Aminas weiter Weg in eine bessere Welt Zum Licht Die Geheimnisse der kleinen Kapelle Zu sich selbst Peter Okeke zwischen Seelsorge und Psychotherapie
Miteinander
Grenzen ausloten, finden, Ăźberwinden.
Vorwort
„Miteinander Grenzen ausloten, finden, überwinden” – so lautet der Schwerpunkt dieser 11. Ausgabe unseres Magazins Der Sterntaler. Sie begegnen uns tagtäglich, diese Grenzen, sie prägen unsere Arbeit am Sterntalerhof, in einem Kinderhospiz. Ich möchte den Raum dieses Vorworts daher nutzen, genau diesen Begriff, das Wort „Kinderhospiz” – seiner Grenzen zu berauben. Denn es begegnet mir immer wieder, dass der Ausdruck „Hospiz“ mit einem „Sterbehaus” gleichgesetzt wird. Diese gängige Vorstellung möchte ich revidieren – und dafür die Worte verwenden, die unser Seelsorger Franz Horvath findet, um den Sterntalerhof und sein fachliches Konzept so treffend zu beschreiben: Franz ergründet die etymologische Bedeutung des Begriffs „Hospiz“, um den ursprünglich-historischen Sinn und die eigentliche Intention einer Einrichtung wie dem Sterntalerhof zu erklären. Demnach lässt sich das Wort „Hospiz“ auf zwei miteinander verwandte lateinische Stammbegriffe zurückführen. Der eine ist „hospitium“, der andere ist „hospes“. Die Grundbedeutung von „hospitium“ meint einerseits eine „Herberge” oder „Raststätte,“ bezeichnet andererseits aber auch „Gastlichkeit“ oder „Gastfreundschaft“. Es geht ursprünglich also nicht nur um ein Haus (aus Stein), eine Schutz und Unterkunft bietende Einrichtung – sondern vor allem um eine besondere menschliche Grundhaltung, mit der die Helfer den Zuflucht-Suchenden begegnen. Auch in „hospes“ steckt eine programmatische Bedeutung: Das Wort meint einerseits den „Gast“, der in einem solchen Haus Aufnahme findet, und bezeichnet gleichzeitig den „Gast-Geber“, der sich seinerseits dem Gast gegenüber als offen und großzügig erweist. So gesehen verdichtet sich im Begriff „Hospiz“ eine ganze Lebensphilosophie: Sie geht davon aus, dass wir Menschen als Wanderer oder Pilger auf den Wegen des Lebens unterwegs sind und irgendwann auch selbst auf Schutz und Hilfe – und damit auf Mitmenschlichkeit und Solidarität angewiesen sein werden. Früher oder später machen wir alle eine Erfahrung „existenzieller Obdachlosigkeit“ und sind dankbar, wenn dann jemand da ist, der „Raum geben“ und die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit stillen kann. Am Sterntalerhof als “Kinderhospiz & Familienherberge” löst sich die asymmetrische Hierarchie zwischen Gastgeber und Gast auf, die Rollen sind nicht starr festgelegt. Die Familien, die MitarbeiterInnen – alle sind in einer „Doppelrolle“: Jede und jeder ist Gast und Gastgeber in einer Person, jede und jeder „tischt“ etwas anders auf. Was da ist – Schönes und Schweres – wird miteinander geteilt. Und immer wieder bewahrheitet sich der alte Sinnspruch: Geteilte Freude ist doppelte Freude und geteiltes Leid – ist halbes Leid.
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Der Sterntaler | Winter 2019/20
Mag. Harald Jankovits Geschäftsführender Vorstand
In einem Hospiz wie diesem findet Begegnung auf Augenhöhe statt. Momente, in denen wir allesamt Beschenkte sind – wenn wir Kindern ein Heute schenken, deren Morgen in den Sternen steht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche Momente mit dem neuen Sterntaler und eine ruhige und erholsame (Vor-)Weihnachtszeit! Herzlichst,
Mag. Harald Jankovits Geschäftsführender Vorstand am Sterntalerhof
UNSER CREDO Vom ersten Tag an lautet es: Eine Familie, die Hilfe sucht, wird nie aus finanziellen Gründen abgewiesen. In all den Jahren ist es uns jedes Mal aufs Neue gelungen, dieses Versprechen einzuhalten. Wie das? Weil es Menschen gibt, die uns mit ihrer Spende unsere Arbeit ermöglichen. Dafür sage ich HERZLICHEN DANK!
Spendenkonto Österreichische Ärzte- und Apothekerbank AG IBAN: AT81 1813 0802 5454 0002 oder ganz bequem online unter www.sterntalerhof.at
Inhalt Seele
Aktuell 4
Von Pferden und Geschenken, Sternderln und jungen Sternen
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Kinder 6
Sieben Grenzen bis zur Grenze: Der Weg von Amina Rahmani
Rückzugs-Ort der Einkehr: Die Kapelle am Sterntalerhof
Dr. Peter Okeke im Gespräch
Gesundheit 16
Ergotherapie am Sterntalerhof: Ein Herantasten mit Maria Mies
Menschen
Streifzüge 10
Seelsorger und Psychotherapeut
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Fünf Fragen an Harald Bauer, Geschäftsführer bei dm Drogerie Markt
Experiență 13
Grenzüberschreitendes Know-How vom Sterntalerhof für Rumänien
IMPRESSUM
SPENDENKONTO
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Österreichische Ärzte- und
Sterntalerhof – Verein für ganzheitliche Lebensbegleitung
Apothekerbank AG
Dorfstraße 35, 7410 Loipersdorf-Kitzladen, Österreich
IBAN: AT81 1813 0802 5454 0002
E-Mail: begegnung@dersterntaler.at Telefon: +43 664 214 03 98
BIC: BWFBATW1
Konzept & Realisation: Tonality Communications GmbH, 2070 Retz, www.tonality.at Redaktion: Harald Jankovits (Chefredaktion), Nicolas Thal, Stephan Zwiauer Design: Nicolas Thal, Stephan Zwiauer, Matthias Karasek Fotos: Sterntalerhof, Werner Zangl, HBLA Oberwart, DI Johann Konvicka, dm/Kolarik iStockphoto LP Druck: Niederösterreichisches Pressehaus, auf Papier von Norske Skog Bruck GmbH Zur besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Entsprechende Bezeichnungen gelten ausdrücklich für beide Geschlechter.
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www.sterntalerhof.at
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Aktuell
Schenken hilft! Sinnvolle Geschenke vom Sterntalerhof Von den herrlichen Schoko-Sterntalern (links) über regionale Köstlichkeiten bis hin zur festlichen Weihnachtsbox haben alle unsere SCHENKEN HILFT- Boxen eines gemeinsam: Sie bereiten Freude! Den beschenkten Freunden, der Familie, dem Geschäftspartner; aber vor allem auch den Kindern und Familien am Sterntalerhof. Weil der Reinerlös jeder Geschenkbox Kindern zu Gute kommt, deren Morgen in den Sternen steht! Das gesamte Sortiment gibt‘s jetzt unter sterntalerhof.at/schenken vw
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EIN GESCHENK DAS ANKOMMT. GARANTIERT! So verschenken Sie eine Spende – oder Ihre wertvolle Zeit. 1) Im Internet zu sterntalerhof.at/schenken surfen.
sterntalerhof.at
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MEINE ZEIT HILFT.
KE ICH SCHEN ENDE! (M)EINE SP
ICH SCHENKE MEINE ZEIT! ert
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2) Spendenlayout auswählen, Betrag eingeben, persönliche Nachricht einfügen.
Spende für TERFRAU ERIKA MUS Spende von MANN MAX MUSTER .2018
Datum: 1.12
, Liebe Erika Gruß bedanke (sinnvollen) mmenarbeit mit diesem die gute Zusa ! ich mich für Dir alles Gute und wünsche
3) Zertifikat sofort per E-Mail versenden oder ausdrucken und unter den Baum legen.
Dein Max
€
50,-
Spende für MAX MUSTERMA NN Spende von ERIKA MUSTERFR AU
Datum: 1.12.2018
Spendenwert
€
50,-
Lieber Max, mit diesem (sinnvo llen) Gruß möchte ich Dir einen Nachm ittag meiner Zeit für einen Ausflug schenken. Alles liebe, Deine Erika
Willkommen Vanina! Vierbeiniger Zuwachs in unserem Team sanftmütiger Co-Therapeuten
Vanina ist da! 4
Seit Frühjahr dieses Jahres freuen wir uns, dass die stattliche Noriker Stute „Vanina” unser vierbeiniges Co-Therapeuten Team ergänzt. Das fast zehnjährige Pferd ist ausgesprochen menschenfreundlich, unerschrocken und lernwillig – liebt Bananen und Karotten und erfreut uns jetzt schon mir ihrem offenherzigen Wesen! Nach ihrer Ausbildung wird sie als Trägerpferd eingesetzt – und natürlich als Co-Therapeutin in den tiergestützten Therapieformen am Sterntalerhof.
Der Sterntaler | Winter 2019/20
Greif nach den Sternderln: Das erfrischend-hilfreiche KräuterSternderl gibt‘s ab sofort in allen 391 dm-Filialen Österreichs
miteinander auf zu den Sternderln! dm unterstützt den Sterntalerhof bei der Standortsuche und macht das Kräuter-Sternderl österreichweit erhältlich „Hier bin ich Mensch” – so lautet der Slogan von dm Drogerie Markt. Dazu passt die Initiative dm {miteinander} unter deren Dach das Unternehmen soziale, kulturelle, pädagogische und ökologische Kinder- und Jugendprojekte unterstützt. Gemeinsam mit den dm Kunden wählte eine Jury im Vorjahr den Sterntalerhof als eines von 20 Siegerprojekten! Damit wird dm drogerie markt zu einem unserer „Sterntaler” – in mehrerlei Hinsicht: Neben ausführlicher Berichterstattung auf dem Blog der Plattform dmmiteinander.at unterstützt uns dm auch aktiv bei der Suche nach einem zweiten Standort in Tirol, veröffentlichte eine entsprechende Pressaussendung und informierte alle Mitarbeiter. Damit aber nicht genug: Auch das KräuterSternderl, Österreichs neuer Social Drink, wurde landesweit ins dm Sortiment aufgenommen – ohne Listungsgebühr.
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Das Kräuter-Sternderl entspringt der Kooperation zwischen dem Biosirup-Hersteller GreenSheep (vgl. Portrait in Der Sterntaler Heft 10) und dem Sterntalerhof. Das Getränk erfrischt auf Basis von Bio-Kräutersirup, der Reinerlös kommt dem Sterntalerhof und seinem PartnerNetzwerk zugute. „Miteinander wirken und füreinander da sein – das sind für uns zentrale Werte”, sagt dm Geschäftsführer Harald Bauer. „Der Sterntalerhof steht für diese Werte – was dort für betroffene Familien geleistet wird, ist ebenso bewegend wie wichtig für unsere Gesellschaft. Und wenn ein Erfrischungsgetränk diese Arbeit unterstützen kann, dann ist das einfach eine gute Idee!” Damit ist das Kräuter-Sternderl nun auch in allen 391 (!) dm Filialen österreichweit erhältlich. Wir bedanken uns herzlich – im Namen aller „unserer” Kinder und Familien!
Geht schnell, schmeckt herrlich winterlich: Der Cocktail „Young Star” basiert auf dem Kräuter-Sternderl und wurde von SchülerInnen der HBLA Oberwart kreiert. Exklusiv für den STERNTALER verraten die jungen Cocktailmixer hier die Ingredienzien – Cheers!
1 cl 2 cl 2 cl 2 cl 4 cl
Gin Weißwein Orangensaft Apfelsaft Kräuter Sternderl
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Kinder
Ein weiter Weg Sieben Grenzen hat Amina Rahmani Ăźberwunden. Jetzt steht sie vor ihrer eigenen.
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Der Sterntaler | Winter 2019/20
Den Ring. Ich habe meinen Ring vergessen. Weißt du, Frau Claudia, ich stand im Badezimmer bei der Morgentoilette, als Farid plötzlich wieder nach Hause kam. Ich kam frisch aus der Dusche, mein Haar war noch nass. Der Ring lag wie immer auf dem Waschbecken. Es musste alles so schnell gehen, an den Ring habe ich nicht mehr gedacht. Ich habe mir schnell irgendetwas angezogen, wir sind ins Kinderzimmer gelaufen, haben Sanja aus dem Bett geholt und dann sind wir aus dem Haus, ganz schnell, zum Auto. Ohne Kleider einzupacken. Ohne Sanjas Medikamente. Ohne Windeln. Ohne den Ring. Wir sind einfach weggefahren, schnell raus aus der Stadt. Und dann durchs Land, vielleicht dreihundert, vierhundert Kilometer weiter, in eine größere Stadt, zu Farids Freund. Nur diesem Freund konnten Farid und Mina damals vertrauen. Er war es, der Farid vor Jahren eine Bibel mitgebracht hatte, aus Pakistan. Farid und Mina hatten darin zu lesen begonnen. Weißt du, Frau Claudia, wir haben Jesus bewundert, sein Leben, sein Leiden. In Ländern wie Afghanistan jedoch begibt sich in Lebensgefahr, wer mit anderen Religionen liebäugelt, geschweige denn konvertieren will. Das kleine Kreuz über Sanjas Bettchen, Mina musste es immer abhängen, bevor sie der Arzt besuchte, um Sanja zu untersuchen. Einmal, nur ein einziges Mal, hatte sie darauf vergessen. Und bald darauf kam er, der Tipp von Farids Chef, an jenem schicksalhaften Morgen: Fahr sofort nach Hause. Pack deine Frau und dein Kind und verschwinde. Die kommen euch holen, heute noch. Ich weiß es von meinem Cousin. Und wen sie holen, der kehrt nicht zurück. ERSCHIESS MICH! Weißt du, Frau Claudia, wenn man auf der Flucht ist, begegnen einem gute und keine guten Menschen. Farids Freund ist ein guter Mensch. Drei Tage konnten wir uns bei ihm verstecken. Dann wurde auch das zu gefährlich. In einem Lieferwagen sind wir losgefahren, wir sind hinten gesessen, auf Kisten, mit zwei anderen Männern. Ich erinnere mich nur, es war kalt in dem Lieferwagen. Wir konnten nicht sehen, wo wir sind. Ob es Tag ist oder Nacht. Und du weißt, dass Sanja nicht sitzen kann, Farid
und ich haben sie am Schoß gehalten, so gut es ging. Wir sind viele Tage gefahren und viele Nächte – bis in die Türkei. Auch dort: Gute Menschen. Eine Familie, wir konnten bei ihnen wohnen. Wir hatten zu essen. Wir hatten Medikamente gegen Sanjas Fieber. Aber auch da konnten wir nicht bleiben. Nach drei Monaten mussten wir weiter, nach Athen. Hier hat uns ein Mann auf ein Schiff gebracht, in der Nacht. Wir haben uns in einem Frachtraum versteckt, mit vielen anderen Menschen. Der Mann hat auf uns aufgepasst. Kein guter Mensch. Wir mussten immer leise sein. Durften nur flüstern. Aber Sanja, sie konnte nicht leise sein. Nach zwei Tagen hat sie hohes Fieber bekommen und Krämpfe und sie hat nur noch geweint. Der Mann ist gekommen, hat mich geschlagen, hat mich angeschrien, ich solle sie beruhigen. Aber wenn Sanja einen Anfall hat, kann man sie nicht beruhigen. Dann hat er eine Pistole aus der Tasche gezogen. Weißt du, Frau Claudia, ich habe mein Herz klopfen gespürt, bis in den Hals. Und trotzdem war ich wütend auf den Mann. Da habe ich zu ihm gesagt, gut dann erschieße sie. Aber da musst du zuerst mich erschießen. Und Farid. Und alle anderen Menschen sehen das. Also los, erschieß mich. Weißt du, Frau Claudia, da hat er sich umgedreht und ist gegangen. Im Herbst 2015 erreichen Mina, Farid und Sanja Österreich. Von dem Arzt, der Sanja in einer Notunterkunft für Flüchtlinge erstversorgt, weiß Mina nur noch, dass er blond war. Er erkennt, dass das Leben des 8 jährigen Mädchens an einem seidenen Faden hängt: Sanja ist von Geburt an körperlich und geistig beeinträchtigt und leidet unter starken epileptischen Anfällen. Die langen Wochen der Flucht haben das Kind gezeichnet, es ist schwer unterversorgt. Der blonde Arzt überweist Sanja ins Wiener Donauspital, Mina und Farid beziehen ein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft. Weißt du, Frau Claudia, ich war so glücklich. Im Spital gibt es eine Ärztin, sie ist ein guter Mensch, sie war so gut zu Sanja. Wir konnten sie jeden Tag besuchen. Wir hatten zu essen. Wir hatten ein sauberes Bett. Wir waren sicher. Wir hatten eine Zukunft, ich konnte sie spüren. Mina und Farid stürzen sich auf die deutsche Sprache. Und zögern nicht lange das nachzuholen, was
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Kinder
ihnen in ihrer Heimat verwehrt blieb: Sie lassen sich taufen. Sie heiraten. Weißt du, Frau Claudia, wir haben uns Ringe gekauft. Ringe aus Blech – aber Ringe. Endlich habe ich meinen Ring zurück. Nur wenige Monate später bekommt Farid Kopfschmerzen. Zuerst nur leicht, dann immer stärker. Die Diagnose zieht dem jungen Paar den frisch gewonnen Boden unter den Füßen wieder weg: Darmkrebs, fortgeschritten, Farid bleiben nur noch Monate. Der junge Mann ringt um Halt, Mina taumelt vor Angst. Die Ärztin im Donauspital sieht die Verzweiflung und kontaktiert den Sterntalerhof. Im Frühling 2018 kommt die Familie erstmals im Südburgenland an – Mina und Farid mit dem Bus, Sanja mit einem Wagen der EuroAmbulance. „Es war ihnen so wichtig, die 150 Euro Selbstbehalt für den Krankentransport aus eigener Kraft zu begleichen“. erinnert sich Claudia Ritter, Trauertherapeutin am Sterntalerhof, „sie haben wochenlang darauf gespart.“ Eine eigene kleine Wohnung, eine ganze Woche lang, mit eigenem Bad und Terrasse – schon das ist für Mina und Farid unerreichbarer Luxus. Ein Erstgespräch, geprägt von tiefer Bescheidenheit, ein kurzer Kontakt mit den Pferden – für Claudia steht schnell fest, dass es vor allem Ruhe ist, die das Paar jetzt braucht – und gemeinsame Zeit, als Familie, zu dritt. Ganz bewusst reduziert sie das umfangreiche Angebot am Sterntalerhof auf ein Minimum und fokussiert darauf, Mina bei der Pflege ihrer Familie zu entlasten. Für Sanja steht ein kuscheliges Rollbett bereit – das ermöglicht der Familie Spaziergänge in den Feldern und Wäldern rund um den Sterntalerhof. Dankbar nehmen Mina und Farid jede Stunde an, saugen
den Frühling tief in sich auf. Weißt du, Frau Claudia, es ist wunderbar, dass wir hier sein dürfen. Es ist der beste Ort der Welt. Zum Abschied schenkt das Team der Familie das Rollbett, in dem sich Sanja so wohl fühlt. Und Claudia schenkt Farid ein kleines Kreuz aus Holz. Sie weiß, dass sie ihn nicht wiedersehen wird. EIN SACKERL FÜR SANJA Es wird schon fast Winter, als Mina mit Sanja an den Sterntalerhof zurückkehrt. Jetzt – ringt sie um Fassung. Der Schmerz, er ist stark. Sie hat die Liebe ihres Lebens verloren. Sie steht vor einer ungewissen Zukunft. In einem fremden Land. Mit einem schwer kranken Kind. Und sie spürt, dass ein weiterer Abschied bevorsteht. Denn irgendwann wird Gott auch Sanja viel zu früh zu sich berufen. In den kommenden zwei Wochen will Claudia die junge Frau begleiten, sie bestmöglich stärken. Nach Minas
„Frau Claudia” ist Claudia Ritter, Trauertherapeutin am Sterntalerhof
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Der Nikolo kommt: Jedes Jahr schlüpft Seelsorger Franz Horvath ins rote Kostüm. Und wenn er dann hoch zu Ross am Sterntalerhof einreitet – halten nicht nur unsere Kinder den Atem an...
starker innerer Ressource muss sie dabei nicht lange suchen. „Ihr Glaube ist ursächlich für die Flucht aus ihrer Heimat. Ihr Glaube hat sie begleitet, in all den Momenten der Angst und der Unsicherheit – und ihr Glaube ist es auch jetzt, der ihr neue Kraft geben kann.“ Hier knüpft Claudia an. Die Weihnachtszeit steht bevor, eine Zeit der Stille, eine Zeit der Einkehr – auch am Sterntalerhof. Weißt du, Frau Claudia, der Nikolo, ich habe ihn noch nie gesehen. Mina bindet den ersten Adventkranz ihres Lebens – und gleich danach noch einen zweiten, als Geschenk für die Ärztin in Wien, der sie so viel zu verdanken hat. Und dann soll er tatsächlich kommen, der Nikolo. Am Sterntalerhof ist erster Schnee gefallen, Kerzen brennen, die Kinder warten vor dem Stall, bei heißer Schokolade und Kuchen mit leuchtenden Augen. Mina lässt sich anstecken, spürt kindliche Vorfreude. Plötzlich klappernde Hufe. Der Nikolo, auf einem Pferd, Seelsorger Franz Horvath ist in das rote Gewand geschlüpft und reitet ein, mit majestätischer Würde. Und als er dann vom
Ein überkonfessioneller Ort des Friedens, der Ruhe und der Spiritualität: Die Kapelle am Sterntalerhof
Pferd steigt und auch für Sanja ein Sackerl mit Nüssen bringt – überkommen Mina die Tränen. Am vorletzten Tag schreibt Mina einen Brief an Farid. Sie schreibt ihrem Mann, mit dem sie so viel erlebt und durchgemacht hat. Sie schreibt ihm, wie sehr sie ihn liebt. Dass sie immer an seiner Seite sein und ihren Ring für immer tragen wird. Gemeinsam mit Claudia und Sanja stapft sie dann durch den Schnee bis zur kleinen Kapelle. Claudia hat Luftballone vorbereitet. Vorsichtig bindet Mina ihren Brief an die Schnur. Die Luftballone drängen nach oben, zu Farid, aber Mina hält sie noch fest. Sie presst ihre Lippen zusammen. Eine dicke Träne läuft über ihre Wange. Dann hebt Sanja plötzlich ihre Arme, streckt ihre Hände so weit sie kann in den Himmel und lächelt ihre Mutter an. Mina stößt ein verweintes Lachen aus – und lässt die Luftballone los. Still sieht sie ihnen nach, bis sie zu kleinen roten Punkten werden und schließlich im Dezembergrau verschwunden sind. Weißt du, Frau Claudia, Gott wollte, dass wir unsere Heimat verlassen. Aber Gott wollte auch, dass wir es bis hierher schaffen. Nach Österreich – und an den Sterntalerhof, den besten Ort der Welt. Ich habe um mein Leben gerungen. Ich habe meinen Mann verloren. Aber jetzt bin ich da. Ich will, dass das nächste Jahr ein besseres wird. Ich will noch besser deutsch sprechen. Ich will arbeiten gehen. Ich will einen Führerschein machen. Und ich will solange Geld sparen, bis ich mir ein Auto kaufen kann – einen Van. In einem Van könnte man schlafen, wenn man unterwegs ist. Denn weißt du, Frau Claudia, ich will das Land sehen, seine Wälder, seine Berge, seine Seen, die Schönheit, die da überall ist. Ich will es sehen – und ich will es Sanja zeigen. Und dafür bleibt mir wenig Zeit.
Streifzüge
Zur Sonne, zum Licht
Die Kapelle am Sterntalerhof ist ein überkonfessioneller Ort der Einkehr. Wir haben sie uns angesehen – gemeinsam mit ihrem Architekten.
Der Weg zur kleinen Kapelle am Sterntalerhof führt vom Hauptgebäude weg, gabelt sich zwischen Gästehäusern und Reithalle und führt dann entlang kleiner Bäume in die Stille, weg vom Geschehen. Nicht selten ist es ein beschwerlicher Weg, körperlich wie seelisch – wer ihn geht, sucht Einkehr, will mit sich selbst und seinen Gedanken oder mit Angehörigen allein sein. „Schon dieser Weg ist ein Teil des Ziels“, erzählt mir Johann Konvicka, „es ist ein Weg, den man bewusst geht, der in die Abgeschiedenheit führt, an einen Kraftplatz, an einen Ort der Stille“. Konvicka ist Architekt, hat den Sterntalerhof geplant und vor fast 10 Jahren die Kapelle von Grund auf entworfen. Mit ihm will ich das Bauwerk
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ergründen, das zu einem so wichtigen Bestandteil der Arbeit hier geworden ist. Ein kontemplativer Ort sollte sie sein, eine grenzenlose Kapelle für alle, fernab religiöser Bekenntnisse. Konvicka bittet mich, die Hände zusammenzuführen, wie zu einem Gebet. „Aber lassen Sie sie locker, sodass sich nur die Fingerspitzen leicht berühren.“ Die Form, die sich ergibt, bestimmte für ihn die Form der Kapelle – ein runder, kuppelförmiger Bau, umgesetzt in schlichtem Lärchenholz. „Ein natürlicher Baustoff, den wir ganz bewusst unbehandelt ließen, damit das Holz in Würde altern kann“ – und der sich wunderbar ergänzt mit dem in der Sonne funkelnden Dach aus
Wer die Hände wie zum Gebet faltet, dabei aber locker lässt – erhält die kuppelförmige Form unserer kleinen Kapelle.
Die Dachdraufsicht auf dem alten Plan: Das hier in Gold eingefärbte spätere Kupferdach ergibt einen Pfeil, der nach Osten zeigt – zur aufgehenden Morgensonne.
Kupfer. Ich nähere mich dem Portal und stehe an der von der Wiener Tischlerei Stedronsky gebauten Türe. In rot, gold und weiß gehalten passt sie sich beinahe nahtlos in den Rahmen ein – irgendetwas fehlt. Konvicka lächelt: „Es gibt weder einen Drücker noch ein Schloss: Diese Kapelle ist immer offen, für jedermann, man kann sie nicht abschließen.“ Ein sanfter Druck und die Tür schwingt auf, mit ungewohnter Leichtigkeit. Rollstuhlgerecht führt die Rampe leicht abschüssig in den Raum, der innere Kreis ist etwa 15 Zentimeter abgesenkt, ein Gefühl unerwarteter Erdung stellt sich ein. „Die Grundfläche der Kapelle ist nicht groß, der Raum durch seine Kuppel aber gute fünf Meter hoch“, macht mich Konvicka aufmerksam,
Streifzüge
„in so einem Raum könnte man sich schnell verloren fühlen.“ Hier jedoch – herrscht tiefe Geborgenheit. Alles scheint zur Mitte zu streben, die tief angeordneten Fenster führen das Licht zum Boden. „Wenn ich in mich gehe, wenn ich tief in Gedanken versinke, neige ich meinen Kopf nach unten, nähere ich mich dem Boden.“ Dass das Glas der Fenster durchscheinend, aber nicht durchsichtig ist, verstärkt den kontemplativen Charakter des Raums. Hier ist man wirklich für sich. Erst jetzt fällt mir auf, dass die Wände in schmalen, schlicht weißen Segmenten zur Kuppelspitze führen. Da hängt nichts, da kann gar nichts hängen, was mich in meinen Gedanken irgendwie beeinflussen könnte. Nur ein schmaler Erker trennt die Wände in der Hälfte. An seinem Ende findet sich ein Fenster mit einer Seidenmalerei, die ein befreundeter Salzburger Künstler nach den Farbvorstellungen des Architekten angefertigt hat. „Dieser Erker ist exakt ostseitig ausgerichtet“, sagt Konvicka, „so fangen wir die Morgensonne ein und lassen sie durch das Gemälde ins Rauminnere fließen.“ Fantastisch. Osten, Westen, Morgensonne. Alterndes Holz und strahlendes Kupfer. Konvickas Worte hallen noch nach, als ich Tage später diesen Artikel schreibe. Beseelt von der schlichten Genialität des kleinen Bauwerks stöbere ich durch Fotos – und durch die Pläne von damals, die mir der Architekt freundlicherweise überlassen hat. Dabei fällt mein Blick auf die „Dachdraufsicht“. Sie zeigt das Gebäude von oben – alles, was heute in Kupfer erstrahlt, ist hier noch in einem Goldton eingefärbt: Das Portal, das kreisrunde Kuppeldach, der Erker – zusammen ergeben die drei Elemente einen Pfeil, der nach Osten zeigt. Dorthin, wo für all jene, die den beschwerlichen Weg zur Kapelle auf sich genommen haben – irgendwann wieder die Sonne aufgeht.
Die tief liegenden Fenster führen das Licht zum Boden, sie sind durchscheinend, aber nicht durchsichtig. Der Erker mit der Seidenmalerei ist ostseitig positioniert, fängt die aufgehende Sonne ein.
DI JOHANN KONVICKA ist Architekt und Mitglied im Vorstand am Sterntalerhof. Er hat nicht nur den Sterntalerhof im Südburgenland geplant, sondern wird auch den zweiten Sterntalerhof in Tirol entwerfen – sobald dafür ein Standort gefunden wurde. Darüber hinaus ist er der Initiator der alljährlichen Benefizveranstaltung im Wiener ORFRadiokulturhaus, die auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg war. Seinem langjährigen Engagement für den Sterntalerhof gebührt unser aufrichtiger Dank!
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Experiență* Grenzüberschreitende Kooperation: Wie Know-How vom Sterntalerhof seinen Weg nach Rumänien findet. „Unser Kinderhospiz soll auch ein Ort des Lachens sein – denn Lachen ist immer noch die beste Medizin.” Diesen Satz sprach Heimleiterin Ortrun Rhein anlässlich der Eröffnung des Kinderhospizes Sibiu vor knapp zwei Jahren aus. Es steht im siebenbürgischen Hermannstadt (rumänisch Sibiu), im Herzen des Landes und es ist das Erste seiner Art in Rumänien. Über zwei Jahre hatte Ortrun Rhein unermüdlich gekämpft, um ihre Vision eines Kinderhospizes Realität werden zu lassen – gegen widrige Rahmenbedingungen, gegen die Mühlen der Bürokratie und gegen Herausforderungen beim Umbau der alten Schule, in der das Hospiz heute liegt. Zehn bis zwölf Kinder verbringen hier heute ihre letzten Tage und Wochen, medizinisch versorgt und betreut von einem Team aus Kinderärzten, Pflegern, Therapeuten und Seelsorgern und vor allem: gemeinsam mit ihren Angehörigen. Denn Rheins Konzept galt von Anfang an dem Blick auf die ganze betroffene Familie – auch die Angehörigen, will sie in ihrem Schmerz nicht alleine lassen, auffangen und bestmöglich begleiten. „Damit war klar, dass sich unsere Wege unweigerlich kreuzen würden”, erzählt Sterntalerhof-Geschäftsführer Harald Jankovits, der im vergangenen Jahr feierlich auf 20 Jahre Sterntalerhof zurückblicken durfte. „In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir hier im Burgenland eine Menge wertvoller Erfahrungen gemacht.” Das beginnt bei einem ganzheitlichen Betreuungskonzept und geht über die stationäre Begleitung am Hof bis hin zum Aufbau eines landesweiten Netzwerks. „Diese Erfahrungen brachten und bringen wir gern auch in Rumänien ein.” Es entstand ein österreichisch-rumänischer KnowHow-Transfer, der bis heute anhält. „Wir sind nach
Bukarest Sibiu
*rumänisch für Erfahrung
Sibiu gereist, um unsere Erkenntnisse mit dem Team zu teilen.” Im Gegenzug besuchte eine Delegation aus Rumänien den Sterntalerhof. „Der Austausch erfolgte sowohl auf therapeutischer wie auf medizinischer Ebene”, freut sich Jankovits, selbst gestalterische Elemente vom Sterntalerhof wurden in Sibiu übernommen.
Ein ehemaliges Straßenkinder-Dorf wird zu einem Ort der Erholung für betroffene Familien nach Vorbild des Sterntalerhofs
CONCORDIA-”STERNTALERHOF” IN BUKAREST Know-How vom Sterntalerhof fließt aber auch in die Vororte von Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Hier wirkt die Privatstiftung Concordia, die als internationale Hilfsorganisation über 1.000 Kinder und Jugendliche in Rumänien, der Republik Moldau und Bulgarien betreut. Auf dem Areal eines ehemaligen Straßenkinderdorfs soll eine Einrichtung entstehen, die in ihrer Ausgestaltung und ihrem Betreuungskonzept wesentliche Elemente des Sterntalerhofs übernimmt. „Dass unser Konzept über die Landesgrenzen hinweg immer mehr Anerkennung und Nachahmung findet, ist Bestätigung und Auftrag zugleich!”, freut sich Jankovits. Das Projekt steht aktuell am Beginn einer Planungsphase – doch für einen weiteren grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch sind die Weichen gestellt. „Wir freuen uns sehr, uns auch hier mit voller Kraft einzubringen!”, sagt Jankovits.
Das Dr. Carl Wolff Kinderhospiz in Sibiu ist in einer alten, umgebauten Schule untergebracht
Seele
„wie geht es ihnen „ wirklich? Dr. Peter Okeke ist Seelsorger und Psychotherapeut, Afrikaner und Österreicher – und er ist alles gleichermaßen. Der perfekte Mann für ein Gespräch über Grenzen.
Grenzen überwinden – inwiefern begleitet das Ihren Alltag? Immer dann, wenn ein Mensch sich auftut. Es braucht soviel Mut. Man muss Vertrauen gewinnen, dass da jemand ist, der einem zuhört. Man muss das Gefühl bekommen, jetzt passt’s, jetzt kann ich mich offenlegen. Man muss loslassen, um etwas Neues möglich zu machen. Einen Weg zu bereiten, auf dem Menschen diese Grenze überwinden können – das ist mein Job. Als Seelsorger genauso wie als Psychotherapeut? Nun, ein Seelsorger sorgt sich um die Seele eines Menschen. Ein Psychotherapeut genauso. Insofern passt das für mich gut zusammen. Aber ich stelle fest: Die Menschen begegnen mir anders, je nachdem, ob ich als Priester oder Therapeut wirke – im psychotherapeutischen Gespräch sind sie tendenziell offener. Die Psychotherapie verfolgt den Ansatz: Du kannst das sein, was du bist. Das motiviert. Wieviel von beidem steckt in Ihrer Arbeit für den Sterntalerhof? Es geht immer darum, einem Menschen zu begegnen, der Hilfe braucht. Ich muss unabhängig beginnen, auch unabhängig vom Glauben. Worum geht’s, welche Themen, welche Probleme stehen im Raum?
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Im weiteren Verlauf muss ich dann spüren: Was passt besser zu dem Menschen, was braucht er von mir, wo begegne ich ihm, welches Instrument wähle ich? Schließlich kann ich von beiden Seiten operieren, als Priester und/oder als Therapeut. Das gibt mir eine gewisse Leichtigkeit in den Begegnungen mit den Menschen. Gibt’s da nicht auch Widersprüche? Vielleicht, wenn eine Scheidung im Raum steht (lacht). Dennoch empfinde ich es als spannend und ergänzend – und allfällige Grenzen lasse ich ganz offen verschwimmen. Manchmal steige ich aus dem Beichtstuhl und wirke psychotherapeutisch weiter, frage nach: Wie geht es Ihnen wirklich? In meinem Fokus muss stehen, dem Menschen zu helfen. Und dazu muss ich ihn erreichen – so oder so. Stoßen Sie dabei auch manchmal selbst an Grenzen? Doch. Auch als Priester und als Therapeut bin ich Mensch – der seine Grenzen hat. Und es gab und gibt durchaus Menschen, die diese Grenzen überschreiten. Es ist wichtig, selbstachtsam zu sein und sich abzu-grenzen. Und ja, das ist immer wieder eine kleine Grenzüberwindung. Zu dieser Selbstachtsamkeit gehört aber auch, dass man zwischendurch auch abschalten kann.
Dr. Peter Onyekwelu Okeke wurde 1956 im Dorf Umudege, Igboukwu (Town), Aguata (Government Area), in Nigeria geboren. Obwohl seine Eltern Anhänger der traditionellen afrikanischen Religion waren, entschied er sich für die Erstkommunion, wurde Ministrant und Pfadfinder. Nach einem Studium der Philosophie in Nigeria, kam er 1983 nach Österreich, studierte Theologie und wurde Priester. Heute arbeitet er als Pfarrer und Psychotherapeut im Burgenland und in Wien – und begleitet als Seelsorger Familien am Sterntalerhof.
Zum Beispiel mit Musik? Man nennt Sie ja auch den „Trommler Gottes“… Genau! (lacht) Bei mir läuft fast immer Musik – von Bob Marley bis Klassik. Musik ist eine Sprache, die den Menschen zum Aufleben bringt. Und wenn ich nach Hause komme, den Kopf voll mit den Eindrücken des Tages, dann packe ich meine Trommel aus. Sie entfesselt neue Gefühle, sie hat auf mich eine therapeutische Wirkung. Und sie ist Ausdruck meines Afrika-Seins.
Und umgekehrt? Was aus Nigeria wäre gut für Österreich? Die Lebensfreude. Dieses afrikanische Gefühl der Lebendigkeit. Die Offenheit. Die berühmte Philosophie Viktor Frankls „trotzdem JA zum Leben zu sagen“ – in Afrika wird sie gelebt. Die Menschen freuen sich über Kleinigkeiten. Das versuche ich zu importieren – und freue mich immer, wenn es gelingt, die Unzufriedenheit, den Grant ein bisschen zu besiegen.
Sie leben seit 1983 hier – ist Österreich für Sie zur Heimat geworden? Ich glaube, dass wir dort zuhause sind, wo wir Herzen haben, die für uns schlagen. Die habe ich hier in Österreich und ich habe sie in Nigeria. Insofern sehe ich mich als Kosmopolit – ich bin da und dort zuhause. Ich lebe sehr gerne hier im Burgenland. Aber nächste Woche fliege ich wieder für ein paar Wochen nach Nigeria, darauf freue ich mich sehr!
Gelingt Ihnen das oft? Ich arbeite daran (lacht). Aber ich stoße manchmal auch wieder an Grenzen – etwa, wenn man mir vorwirft, meine Gottesdienste seien „Show“, zu fröhlich oder zu lustig. Das ist der Afrikaner in mir – aber das passt auch nicht für alle.
Wieviel Österreich nehmen Sie mit nach Nigeria? Mein Haus in Nigeria erinnert mich immer an eine Ordination – ab sechs Uhr früh stehen die Menschen an, mit ihren Problemen, Krankheiten oder Behinderungen, niemand ist für sie da. Hier in Österreich kennen wir ein wunderbares System der Inklusion hilfsbedürftiger Menschen in die Gesellschaft, der Sterntalerhof ist nur ein Beispiel. Dafür werbe ich in Afrika. Und natürlich für die Demokratie, für einen Kampf gegen die Korruption, für soziale Gerechtigkeit – dass niemand mehr unter die Räder kommen muss. Das versuche ich in Nigeria zu vermitteln, wenn ich dort bin – in Diskussionen mit Priesterkollegen oder auch in einer Predigt.
Gibt es sie, die eine große Aussage, zu der Sie immer wieder zurückkehren – als Priester, als Therapeut, als Afrikaner, als Österreicher? Oja, die gibt es! Es ist die Ruhe. Unsere Zeit ist geprägt von zunehmender Geschwindigkeit – sie betrifft alle Lebensbereiche. Aber Stress und Hektik sind Energieräuber. Viele Menschen marschieren neben sich selbst. Wir brauchen mehr Empathie mit uns selbst. Wir brauchen Ruhe wie das tägliche Brot. Es gibt eine Stelle im Evangelium, in der Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Ich verstehe das als Einladung zur Erholung, zur Auszeit. Erst wer zur Ruhe kommt, der kann sich selbst finden. Der kann wieder einen echten Kontakt mit sich selbst aufnehmen – und Grenzen überwinden. Das ist es, was meine Arbeit ausmacht. Und das ist es auch, was den Sterntalerhof ausmacht.
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Gesundheit
Seit leztem Frühling ergänzt Maria Mies das therapeutische Angebot am Sterntalerhof um die Ergotherapie. Doch – was ist das eigentlich, Ergotherapie?
Die kleinen
Erfolge
Achtsam in Bewegung: Ergotherapeutin Maria Mies
Heute nimmt Maria einen weichen, trockenen Maria muss Tinas Reaktionen richtig lesen, bevor sie Schwamm. Schließlich kennt sie Tina noch nicht so gut, entscheidet, weiterzumachen. Jetzt begrüßen wir deine das 11 jährige Mädchen ist erst den zweiten Tag am Zehen, sagt sie dann lächelnd. Jede einzelne drückt sie Sterntalerhof. Tina sitzt in ihrem Rollstuhl und blickt kurz, bewegt sie nach oben und nach unten. Maria will, Maria mit großen Augen an. Sie kann zu Maria, zu dem dass Tina ihre Beine spürt, ihre Schenkel, ihre Füße und Schwamm nichts sagen – und auch ihre Arme geben Zehen. Sie will in Bewegung kommen und wenn keine ihr wenig Spielraum, sich zu äußern. Umso achtsamer aktive Bewegung möglich ist, dann soll Tina eben jene muss Maria sein. Mit bedächtiger passive Bewegung erleben, die jedem Ruhe kauert sich Maria zu Tina, Menschen durch seine Gelenke legt den Schwamm an die Hüfte gegeben ist. Gelingt das Erlebnis des Mädchens. Hier fängt dein – ist das ein kleiner Erfolg. „Aus der Bewegung Bein an. Langsam streicht sie Bewegung, Tätigkeit, entsteht Teilhabe“ nun dem Oberschenkel entlang Betätigung. Das ist, worauf nach unten, über das Knie bis Maria ihren Fokus legt. Seit hinab zu ihrem Fuß, hält inne, hält vergangenem Frühling ergänzt Blickkontakt zu Tina. Dann führt sie sie das Team am Sterntalerhof als den Schwamm auf die linke Seite von Tinas Fuß und übt Ergotherapeutin. „Aus der Bewegung entsteht Teilhabe“, sanften Druck aus, wiederholt dasselbe auf der rechten lächelt Maria und mehr Teilhabe am Alltag sei eines der Seite. Wieder eine kleine Pause, bevor der Schwamm Ziele der Ergotherapie. Teilhabe und Selbstbestimmung. zum Fußrücken und schließlich zur Fußsohle streicht, um „Mir ist wichtig, dass die Kinder möglichst viel selbständig auch hier kurz sanften Druck auszuüben. Jetzt wartet machen können – in der wenigen Eigenaktivität die Maria eine ganze Minute lang. Wie reagiert das Mädchen. sie haben.“ Dazu ist es notwendig, Bewegungsabläufe Kommt Blickkontakt? Verändert sich die Atmung? zu stärken oder gegebenenfalls auch das Umfeld
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Der Sterntaler | Winter 2019/20
Bewegungsabläufe stärken, Sinneswahrnehmung fördern– auf dem schmalen Grat zwischen körperlicher Empfindung, Distanz und Achtsamkeit.
anzupassen – bei Aktivitäten, die für das Kind von Bedeutung sind. „Wenn ein Kind gerne Uno spielt, will ich ergründen, wie kann das Kind weiterhin Uno spielen? Welche Bewegungsabläufe sind dafür notwendig, wie muss man das Umfeld verändern? Das beginnt bei der Sitzposition und geht über umgestellte Tische bis hin zur Frage, wie man es einrichten kann, dass das Kind die Uno-Karten selbst hält“, erzählt Maria und formuliert ein klares Ziel: „Das Kind muss wirklich dabei sein. Und nicht nur nebenbei halt auch dabei“. Die Bewegung ist es aber auch, die dem gesunden Menschen zur Erfahrung und Entwicklung seiner Körpergrenzen verhilft. Daher konzentriert sich Maria als Ergotherapeutin am Sterntalerhof auch stark auf die Sinneswahrnehmung. Etwa dann, wenn Tina ihre Beine spüren soll. Mit einem weichen Schwamm als Medium zwischen Marias Hand und Tinas Bein, auf dem schmalen Grat zwischen körperlicher Empfindung, Distanz und Achtsamkeit. Mit einem Augenmerk auf das kleinste Detail in Bewegung und Reaktion. Und mit dem Ziel, einen weiteren, kleinen Erfolg zu erreichen. EIN BUSSI, DAS KITZELT Am nächsten Tag empfängt Maria das Mädchen im Bewegungsraum. Heute will sie mit Tina die Bewegung
des Greifens stärken. Dafür hat sie ein Hör-Memory vorbereitet, verschiedene kleine Behälter, gefüllt mit Nudeln, kleinen Glocken oder Reis, die sich leicht greifen und gut schütteln lassen und die dabei die unterschiedlichsten Geräusche von sich geben. Es dauert nur wenige Minuten, bis Maria sich sicher ist, dass Tina sich langweilt. Kurzerhand disponiert sie um, schiebt den Rollstuhl ins Freie und spaziert mit Tina zum Eselgehege. Tinas Augen werden wacher. Der Rollstuhl parkt mitten im Gehege, Esel Kasimir stapft herbei, um seinen Gast zu begrüßen. In ganzer Größe stellt sich das Tier neben den Rollstuhl, senkt den Kopf und beginnt Tinas Füße zu beschnuppern. Tinas Atem wird schneller, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Maria spürt, der Esel wirkt. Ein kurzes Schnauben, dann legt Kasimir seinen Kopf über Tinas Schoß. Perfekt. Tina hebt den Arm, will den Esel streicheln, Maria greift ein, hilft ihr die Hand zum Fell zu führen. Dabei beobachtet die Therapeutin das Kind, achtet auf jede noch so kleine Bewegung. Wie hoch führt Tina ihren Arm? Wie weit öffnet sie ihre Hand? Bewegt sie vor Freude vielleicht gar ihre Beine? Kasimir genießt die Streicheleinheit, ganze zehn Minuten lang. Und Tina konzentriert sich ganz auf das Tier, ganze zehn Minuten lang. Dann beschließt der Esel, die Therapieeinheit zu beenden – nicht jedoch, ohne sich gebührend von seinem Gast zu verabschieden. Vorsichtig führt Kasimir seine Nüstern zu Tinas Wangen, streift mit seinen Tasthaaren immer wieder über ihre Nase. Ein Abschiedsbussi, das kitzelt. Tina kann es spüren. Und Tina ist überglücklich. Wieder ein kleiner Erfolg.
Ein Bussi von Esel Kasimir – Wie hoch führt Tina ihren Arm? Wie weit öffnet sie ihre Hand? Und bewegt sie vor Freude gar die Beine?
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Fragen an Harald Bauer, Geschäftsführer Marketing und Einkauf bei dm Drogerie Markt WAS BEWEGT SIE ALS UNTERSTÜTZER DES STERNTALERHOFS? Als Vater von zwei Kindern kann ich erahnen, wie unendlich groß der Schmerz sein muss, wenn man das eigene Kind verliert. Am Sterntalerhof betreute Familien befinden sich in einer solchen Situation – und werden
professionell und einfühlsam durch diese unglaublich schwere Zeit begleitet. Es freut mich sehr, dass wir seitens dm dabei einen kleinen Beitrag zu dieser wichtigen Arbeit leisten können. AUS IHRER SICHT ALS GESCHÄFTSFÜHRER EINER GROSSEN HANDELSKETTE – WAS MACHT EINEN MENSCHEN „ERFOLGREICH“? Ein Mensch muss in dem was er tut einen Sinn erkennen. Erfolgreich ist für mich ein Mensch dann, wenn er seine Bestimmung im Leben findet und darin seine Ziele erreicht. WIE GEHEN SIE MIT RÜCKSCHLÄGEN UM? Das kommt ein bisschen darauf an, um welches Thema es sich dabei handelt. Grundsätzlich gibt es für mich aber immer zunächst eine Phase des zu-sich-zurückFindens. Und dann muss man das Bewusstsein dafür schaffen, dass es um den Blick in die Zukunft geht – und nicht um den Blick in die Vergangenheit! WIE DEFINIEREN SIE GLÜCK? Glück ist für mich ein Augenblick, den man gerne festhalten möchte. WENN SIE SICH EINES AUSSUCHEN KÖNNTEN – FÜR WELCHES THEMA WÜRDEN SIE UNSERE GESELLSCHAFT STÄRKER SENSIBILISIEREN? Für einen differenzierten Blick auf die Dinge. Es gibt so viel mehr als nur Schwarz oder Weiß, gut oder böse, richtig und falsch. Es ist wichtig, die Welt aus der Warte des Anderen zu betrachten. Das sollten wir als Gesellschaft wieder mehr in unseren Fokus rücken.
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Der Sterntaler | Winter 2019/20
Ja, ich möchte die Arbeit am Sterntalerhof unterstützen Unsere Gläubiger-Identifikationsnummer: AT76 ZZZ 00 00 00 29 511
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bedeuten z.B. für ein schwerkrankes Kind einen Tag Lebensfreude am Sterntalerhof
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€ 30,- pro Monat bedeuten z.B. für ein Kind mit besonderen Bedürfnissen eine Geschwisterwoche am Sterntalerhof
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