

Preis der jungen Dramatik 2026
16.05. 17:00 Uhr neues theater Halle nt-Saal
17.05. 18:00 Uhr Staatstheater Braunschweig Kleines Haus
Kooperation zwischen dem neuen theater Halle und dem Staatstheater Braunschweig
Programm
Kieselschwarm und Mondkanister
Leena Schnack
OHNWUT
Anna Horak
A Night in Stalingrad in 4k
Laura Bernhardt
Pause
GEGENFEUER
Julie Guigonis
Drei Fortschritte
Sven Beck
Am 17. Mai 2026 im Anschluss an die szenischen Lesungen in Braunschweig:
Verleihung des Jurypreises (Jury auf Seite 24-25)
Verleihung des Publikumspreises
Eine Fachjury wählt aus den fünf Nominierungen ein Siegerstück, dessen Autor:in mit der Weiterentwicklung zu einer Uraufführung im Jahr 2027 am Staatstheater Braunschweig beauftragt wird, dotiert mit einer Preissumme von 6.500€. Auch das Publikum darf sowohl in Halle als auch in Braunschweig abstimmen und vergibt damit einen gemeinsamen Publikumspreis in Höhe von 1.500€.
4. Preis der jungen Dramatik
Theater braucht eine gute und verlässliche Nachwuchsförderung. 2026 geht der Autor:innen-Wettbewerb »Preis der jungen Dramatik«, ausgerichtet vom Staatstheater Braunschweig in Kooperation mit dem neuen theater Halle, in die vierte Runde.
Studierende des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, der Universität der Künste Berlin, des Fachbereichs Kulturwissenschaften & Ästhetische Praxis der Universität Hildesheim sowie erstmalig auch des Schweizerischen Literaturinstituts (Hochschule der Künste Bern) und des Instituts für Sprachkunst (Universität für Angewandte Kunst Wien) waren eingeladen, sich mit einem Stückentwurf für den Preis der jungen Dramatik zu bewerben. Aus den Einreichungen haben die Dramaturgie-Teams der Theater in Halle und Braunschweig fünf herausragende Entwürfe ausgewählt. Eingerichtet durch Regisseur:innen der beiden Theaterhäuser, vermitteln diese ersten theatralen Skizzen einen lebendigen Eindruck davon, welches Potential die Stücke mit ihren unterschiedlichen Ästhetiken in der weiteren Entwicklung haben können.
An diesem Wochenende (16. & 17. Mai) werden die Einreichungen nun jeweils am Staatstheater Braunschweig und am neuen theater Halle in szenischen Werkstattlesungen vorgestellt. Wir freuen uns darauf, mit Ihnen, dem Publikum, neue Positionen des Theaters zu entdecken, sich miteinander auszutauschen und zu feiern.
kari, kieselkari, kari herzblatt, kari flügellos das kari-kind, das keine flügel hat, kari, das kind, das noch nie geflogen ist außer von der schule vielleicht fliegt
eines
tages
kari
von
schule weiß keiner weiß der geier
der
Kieselschwarm und Mondkanister
Schauspiel von Leena Schnack
Das Leben des achtjährigen Kindes Kari gerät ins Wanken, als Karis alleinerziehende Mutter ihren Job verliert und sie aus ihrer Wohnung ausziehen müssen. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Kari nach den Sommerferien in die zweite Klasse kommt und dort lernt, dass richtiger Urlaub nicht zu Hause, sondern immer woanders verbracht wird und dass manche Kinder fliegen können und andere nicht. Nach und nach verändert sich Karis Blick auf das eigene Leben. Plötzlich ist Kari überall allein. In der Schule, wo es niemanden gibt, der Kari zu verstehen scheint, und zu Hause, wo die Mutter das gemeinsame Leben in Kisten packt, nur schimpfen und dafür kaum noch schlafen kann. Ohne Karis besten Freund Kiesel, eine sprechende Krähe, wäre Kari wirklich einsam. Doch dann ist Kiesel eines Tages verschwunden und überhaupt sieht Kari in der ganzen Stadt so gut wie keine Krähen mehr.
»Kieselschwarm und Mondkanister« sucht nach Wegen der Auseinandersetzung mit den Themen Armut und Existenzverlust und der damit einhergehenden sozialen Ausgrenzung, Scham, Ohnmacht und Einsamkeit.
SZENISCHE EINRICHTUNG Daniel Maier
MIT Annemarie Hörold, Juri Starke, Moritz Kahl

Welche neuen Geschichten und Stimmen braucht das Theater? Kollektivsingulare sind schon eine sehr lustige Sache. Das Theater, das Publikum, die Gesellschaft, die Kultur, der Mensch… sie produzieren Verallgemeinerungen, die alle und alles mitmeinen und mitdenken sollen und funktionieren ironischerweise am besten über Ausschlüsse. Eigentlich müsste ich erst erläutern, was ich eigentlich meine, wenn ich von »dem Theater« schreibe. Um diesen Ausholprozess ein wenig abzukürzen: In meiner kleinen persönlichen Utopie bietet das Theater als Kunstform den Raum für die Suche nach einer gemeinsamen Sprache und Möglichkeiten der Kollektivierung, ohne dabei die Ko-Präsenz multipler Welten, Wahrheiten und Geschichten aus den Augen zu verlieren. Leider sieht die Realität oft anders aus. Sich dieser Utopie anzunähern, bedeutet für mich u.a. auch, verdrängte und vergessene Erzählungen von Menschen und Kollektiven, die von struktureller Gewalt, Stigmatisierung und Unterdrückung betroffen sind, sichtbar und erfahrbar zu machen. Diese Stimmen und Perspektiven sind aber eben nicht neu und sollten auch nicht so gelabelt werden. Sie waren schon immer konstitutiver Bestandteil der Realität, in der wir leben, und der Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen.
Welche Themen und welche Formen interessieren dich beim Schreiben? Mich interessieren Stoffe, die es mir ermöglichen, Zusammenhänge zwischen individuellen Erfahrungsräumen und gesellschaftlichen Verhältnissen herzustellen und aufzuzeigen. Das können biografische oder dokumentarische Materialien sein, aber auch Theorietexte oder popkulturelle Phänomene, die ich dann weiterverarbeite. Was für eine Form am Ende dabei rauskommt, ergibt sich für mich meistens aus dem Ausgangsmaterial heraus im Laufe des Schreib- bzw. Rechercheprozesses.
Was war der Ausgangspunkt für den Stückentwurf, den du für den Preis der jungen Dramatik eingereicht hast?
Das Thema Armut und Ungleichheit, beziehungsweise die Art und Weise, wie Armut und Ungleichheit von Politik und Gesellschaft herbeigeführt und aufrechterhalten werden, beschäftigt mich schon lange. Die Scham als ein gesellschaftlich anerzogenes Gefühl, dem wir uns nicht entziehen können, ein Gefühl, das wir häufig alleine bewältigen, das uns im Handeln hemmt und uns so zunehmend machtlos macht, spielt dabei eine große Rolle. So lernen von Armut betroffene Kinder nicht nur bereits in einem sehr frühen Alter, sich für etwas zu schämen, für das weder sie selbst noch ihre Eltern etwas können, sie werden mit diesen Gefühlen auch meist allein gelassen, was ihre Ausgrenzung nur noch verstärkt. Dem möchte ich etwas entgegensetzen. Deshalb war es mir auch so wichtig, einen Text für ein junges Publikum zu schreiben, das gerade erst zu lernen beginnt, für was es sich schämen soll und für was nicht.
Leena Schnack:
Warum Krähen?
Im Stück gibt es die Figur Kiesel, eine oder eigentlich mehrere sprechende Krähen, mit denen sich die Hauptfigur Kari im Laufe der Handlung anfreundet. Die Krähen im Stück sind aber nicht nur Figuren, sondern auch Erzähler:innen. Für mich sind sie Grenzgänger oder Zwischenwesen, die auch mit Konventionen des Erzählens brechen dürfen. Sie sind (vor-) laut, unterbrechen, raufen (sich zusammen), stiften Chaos und ordnen neu. Ich habe nach einer kollektiven Erzählstimme gesucht, die einen spielerischen, humorvollen Umgang mit vermeintlichen Grenzen bietet, auf die wir im Alltag immer wieder stoßen: der eigene Handlungsspielraum, die Grenzen von Verstehen und Vermitteln, zwischen Publikum und Bühne, zwischen Kultur und Natur… Mir als Autorin geben sie auch die Möglichkeit zu experimentieren, auszuprobieren, wohin die eigene Lust am Unsinn und Sprachspiel führen kann.
Leena Schnack, geb. 1999, schreibt Texte für und über Theater, aber nicht nur. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaft und Dramaturgie in Gießen und Hamburg und derzeit Literarisches Schreiben in Leipzig. Texte von ihr erschienen in Magazinen und Anthologien u.a. bei Theater der Zeit und im Ziegel – Hamburger Jahrbuch für Literatur. Als Autorin und/oder Dramaturgin war sie an diversen Theaterproduktionen beteiligt, mit Gastspielen in Prag, Hamburg und Meiningen. Sie interessiert sich für essayistische Schreibweisen, unkontrolliert auswuchernde Rechercheprozesse, kritische Kunst und künstlerische Kritik.

Leena Schnack © Carla Lorenz
Ich habe geübt, mich aufzulösen. Ich bin immer noch da.
OHNWUT
Schauspiel von Anna Horak
Trotz. Aggression. Zorn. Rage. Empörung. Seit der Kindheit begleitet es uns. Dieses Gefühl zu schreien oder zu platzen, seinen Bedürfnissen Raum zu geben oder sich aufzulösen. In unserer Welt, oft negativ bewertet, gedeckelt und eingedampft, findet diese Emotion eigenwillige Wege an die Oberfläche.
»OHNWUT« beleuchtet ein Gefühl, das wir alle kennen, das aber für weiblich sozialisierte Menschen inhärent anders bewertet wird. Frauen* wird Wut oft verboten, sie werden als hysterisch bezeichnet, trotz vieler guter Gründe, wütend zu sein. Anna Horak hat einen suchenden, multiperspektivischen und lyrischen Text über dieses Gefühl geschrieben, der der Frage nachgeht: Wohin mit der Wut?
SZENISCHE EINRICHTUNG Marina Antonova
AUSSTATTUNG Jessica Krepinsky
MIT Lina Witte & Saskia Taeger
DRAMATURGIE Judith Sünderhauf
ASSISTENZ Nele Wilhelm
Anna Horak:
Welche neuen Geschichten und Stimmen braucht das Theater?
Das Besondere an Theater ist für mich, dass wir in einem zutiefst menschlichen Raum dieselbe Geschichte gemeinsam erleben und fühlen können, auch wenn sie nicht unsere ist. In einer Welt, die immer zynischer scheint, glaube ich, ist es wichtig, diesen Raum mit ehrlichen und verletzlichen Geschichten zu füllen. Uns fallen dabei hundert Geschichten ein, wie die Welt zu Grunde gehen könnte, aber kaum eine, wie sie zu einem besseren Ort wird. Kunst kann sich an dieser Imaginierung versuchen, nicht unbedingt in der Form von Utopien, sondern in ihrer Haltung, wie sie erzählt. Ursula K. Le Guin hat gesagt: »Our job is to go out and feel things for people, then come back and tell them how it feels to be alive.« Theater ist der Raum, in dem das für einen Moment zur geteilten Erfahrung werden kann.
Welche Themen und welche Formen interessieren dich beim Schreiben? Am Anfang jedes Textes steht ein Satz, ein Bild, ein Klang, und erst daraus entscheidet sich, welche Form der Text annimmt, ob Gedicht, Prosa, Drama, Essay. Dabei entstehen immer wieder Zwischenformen, sowohl im Text als auch im Prozess. Inspiriert vom kollektiven Arbeiten im Theater habe ich zum Beispiel mit Freundinnen das Kollektiv lyrika gegründet: Wir schreiben gemeinsam Lyrik und lassen dabei eine Zwischenform unserer Stimmen entstehen. Inhaltlich interessieren mich gerade vor allem transgenerationale Fragen, persönlich sowie kollektiv. Was tragen wir weiter, und wie wandeln wir es in etwas Neues?
Was war der Ausgangspunkt für deinen Stückentwurf?
Am Anfang war eine Frage: Wie sieht gesunde Wut aus? Durch eigene Prozesse und Gespräche mit Freundinnen habe ich viel über Wut nachgedacht und angefangen, Textfragmente zu sammeln. Da Wut ein so körperliches Gefühl ist, war mir schnell klar, dass der Text nicht nur Worte braucht, sondern einen Ausdruck in einem konkreten Körper und Raum, weshalb ich ihn als Stück zu denken begann. Im Schreiben hat sich dann die Frage verschoben: Der Text muss sich erst an den Verformungen von Wut abarbeiten, bevor er vielleicht irgendwann zu einer Antwort auf die Frage nach gesunder Wut kommen kann. Das Stück ist diese Suchbewegung.
Wie äußert sich weibliche Wut? In welcher Form ist sie in deinem Text gelandet?
Ich glaube nicht, dass »weibliche« Wut inhärent anders ist als »männliche«, aber die Sozialisierungsprozesse unterscheiden sich und führen zu unterschiedlichen Verformungen ihres Ausdrucks. Weiblich sozialisierte Personen lernen meist, ihre Wut zu unterdrücken, mit ihren Widerständen still umzugehen oder sie gegen sich selbst zu richten. Darum geht es in dem Stück: Eine Frau, die mit diesen Verformungen hadert und gleichzeitig nicht weiß, wie ihnen zu entkommen ist, weil jeder Versuch des Ausbruchs wieder zu einer destruktiven Kontraktion führt. Doch damit will sie sich nicht mehr zufriedengeben und sucht weiter, genau wie der Text.

Anna Horak studierte zunächst Psychologie in Köln und anschließend Literarisches Schreiben in Hildesheim, Berlin und aktuell in Wien. In ihrer eigenen Arbeit als auch als Teil des Kollektivs lyrika bewegt sie sich in literarischen Zwischenformen und interessiert sich für die Schnittstellen zu anderen Künsten. Gemeinsam mit Sára Köhnlein übersetzt sie zudem Gedichte aus dem Tschechischen. Ihre Texte wurden in mehreren Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht; 2024 erhielt sie den Retzhofer Dramapreis.
Anna Horak © Anna Horak
Der Pick-up-Artist mit Rauschebart winkt dir durch ein immer kleiner werdendes Window zu.
Du versuchst ihm zu folgen, knallst gegen eine Paywall und fällst zurück auf den Spielzimmerboden. Du spuckst Blut in ein Meer aus verbeultem Eisen. Komm zurück, Idiot.
A Night in Stalingrad in 4k
Schauspiel von Laura Bernhardt
Zwei Brüder, noch nicht erwachsen, leben zu Hause aneinander vorbei. Im Gefrierfach die Tiefkühlpizzen, die ihre Eltern ihnen vor der Abreise in den Urlaub hinterlassen, nebst Appellen an friedliches Verhalten. In dieser Familie wird doch geliebt und gelacht! Jakob, der jüngere, ist vollständig seiner Fantasiewelt verhaftet. Sein Kinderzimmer wird zum Kriegsschauplatz Stalingrad 1942, seine Legofiguren zu seiner Armee. Feinde werden blutig mit dem Maschinengewehr zerfetzt: Hitlerfaschisten, Soldaten, seine Mutter, die zum Abschied winkt – alles nur in seinem Kopf, natürlich. Währenddessen wird sein älterer Bruder, »der Trumm«, von einer anderen Realität eingesogen: Männer in Onlineforen, die ihm den Weg zu absoluter Dominanz versprechen, zu einer Machtposition, in der Frauen Dinge für einen tun. Mind Control. Die Mechanismen sind erlernbar, anwendbar schon im kleinen Rahmen: Wenn du eine Tiefkühlpizza willst, musst du dein Taschengeld an mich abdrücken. Jakob hasst ihn, rammt ihm imaginär den Gewehrkolben ins Gesicht. Aber dann verschwindet der Trumm durch einen offenen Tab in die Mannosphäre. Jakob folgt ihm, trifft auf Bugs, Bots, Viren und aggressive Software. Und war das da gerade ein Drache?
Laura Bernhardt kehrt die hermetisch abgeschlossenen Systeme zweier Männlichkeitsbilder sprachgewaltig nach außen, zeigt ihre Verbindungen, Verzerrungen und wie die Kombination aus verführerischen Identifikationsangeboten und Einsamkeit Gewalt und Frauenhass zutage fördert. Der zu großen Teilen aus inneren Monologen bestehende Text feuert Satzfragmente wie Kommandos in einem Egoshooter, unterbrochen von verknappten Chatdialogen, bis sich die Sprache selbst jeder Kontrolle entzieht.
SZENISCHE EINRICHTUNG Christoph Diem
AUSSTATTUNG Jessica Krepinsky
MIT Luca Füchtenkordt, Roman Konieczny, Georg Mitterstieler, Ines Schiller
DRAMATURGIE Eva Bode
ASSISTENZ Sena Zahirovic
Laura Bernhardt:
Welche neuen Geschichten und Stimmen braucht das Theater? Es gilt, sich schamlos an der Realität zu bedienen, an anderen und an sich selbst. Rein Ausgedachtes ist uninteressant. Die Themenfindung sollte einem Gang durch einen Discounter im Schlussverkauf ähneln. Nichts ist vor dem Zugriff sicher. Horst Werner Nilges (geboren 1953 oder ’54 im Harz). Knöllchen Horst. Andreas Kieling. Bernd Zehner. Je billiger, desto besser. Ein guter Satz zum Sonderpreis? Ein schlechtes Wort? Geschenkt, her damit. Mich interessieren die leeren Regale, Waren in der Bückzone, darüber zu schreiben, worüber niemand spricht.
Welche Themen und welche Formen interessieren dich beim Schreiben? Absurdes. Abgründiges. Perverses. Marodes. Morbides. Braunes. Ich lasse Worte in eine missliche Lage geraten, aus der es kein Entrinnen gibt. Sie werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Auf diese Weise kann ich der Welt, über die ich schreibe, eine lange Nase drehen, während ich mich ins Papier schnäuze, weil die Welt, über die ich schreibe, auch zum Weinen ist. Ich lasse die Wörter auflaufen. Das, was vorher angsteinflößend war, ist totgelacht und im Auslachen abgespielt worden.
Was war der Ausgangspunkt für den Stückentwurf, den du für den Preis der jungen Dramatik eingereicht hast? Mich interessiert, wie sich historische Gewalt- und Männlichkeitsnarrative in heutige Ideologien hinein fortschreiben. Obwohl sie ihre TK-Pizza aus demselben Gefrierfach nehmen, sind die beiden Brüder in meinem Stück auf Kriegsfuß: Der Jüngere ist wie besessen vom Nachstellen und Drehen von Stop-Motion-Filmen historischer Kriegsszenen mit Legofiguren, der Ältere von Mannosphäre und Selbstoptimierungsideologie. Unterschiedliche Formen toxischer Männlichkeitssozialisation – von kindlichen Heldenfantasien bis zur digitalen Mannosphäre – speisen sich aus denselben Sehnsüchten nach Zugehörigkeit, Orientierung und Anerkennung und verstärken sich gegenseitig.
Die wechselnden Sprachformen sind auffällig – von Militärkommandos über Kommtn-Pferd-inne-Bar-Witzstrukturen bis Online-Chats – wie hast du diese Stile gefunden, wie dich für sie entschieden?
Ich nutze jede Gelegenheit, mir das, was bereits medial verfasst worden ist (Fernsehen / Zeitungen / Internet) und scheinbar schon totgeschrieben worden ist, unbemerkt in die Taschen zu stopfen. Das Material braucht mich nicht, aber ich brauche das Material: Durch die sich überlagernden Erzählebenen entsteht im Stück eine surreale Atmosphäre, in der die innere Kriegswelt und die äußere Realität zunehmend verschwimmen. Die Verrichtung des Schreibens besteht in der Montage, der Verdichtung des Materials bis hin zur Vernichtung. Übrig dürfen nur Siegersätze bleiben.

Laura Bernhardt, geboren 2000 in Frankfurt am Main, studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und im Erasmusprogramm Regie am Thomas-Bernhard-Institut in Salzburg. Mit »Deutschland erwacht, bleibt aber liegen« wurde sie 2024 zum Dramatiker:innenfestival nach Graz eingeladen. Im Anschluss an ihre Zeit als Regieassistentin am Düsseldorfer Schauspielhaus studiert sie seit 2024 im Master Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und im Gastsemester Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Sie beschäftigt sich mit Stoffen aus der NS-Zeit, die bis in die Gegenwart strahlen, den Abgründen des Internets und patriarchalen Strukturen. Mit »alle:s marode« war sie für den Retzhofer Dramapreis 2025 und für den Kleist-Förderpreis 2026 nominiert. Sie wird von henschel SCHAUSPIEL als Autorin vertreten, nimmt am Förderprogramm FORUM Text des Drama Forum Graz teil und hat den Nachwuchswettbewerb MAGMA am Dschungel Wien gewonnen.
Laura Bernhardt © Lev Gonopolskiy
Geboren aus Gewalt, so wie die meisten von uns.
Geborgen im Rauschen, was lauter ist als mein Kopf. Sirenen die sirren und klirren, in der Stadt sich verirren
Stadt ist voller Wind, jagt Mülltüten durch die Straßen, drückt sich hängt sich fest in den Haaren und Ohren der Menschen.
Fahnen wehen, so dass sich manche freuen und anderen davon schlecht
Ich verabschiede mich von meiner Kindheit von meiner Jugend.
Ich ersticke in Nostalgie anstatt von einer neuen Welt zu träumen.
Ich lebe, ich atme, Blut wird durch meine Adern gepumpt.
Ich wurde geboren in Gewalt
Gewalt hat mich zu dem gemacht was ich bin.
Ich habe Angst im Dunkeln, nur langsam ist sie weg.
Und langsam gehe ich durch einen Garten
Etwas hat sich geändert, nicht da draußen, sondern hier drin.
Ich komme aus dem Nichts.
Ich komme aus dem Dazwischen.
Ich komme von einer starken Mutter.
ausgelernt
Ich wurde geboren in Gewalt.
Ich komme vom zweiten Hinterhof über dem Tattoostudio
Ich komme von dort wo die Brausetabletten blühen
Ich komme von einem Vater und einem Bruder
Ich komme von der Strenge die Liebe heißt
Abneigung gegen Autoritäten
Ich komme aus der Liebe
Ich komme aus den Bergen und dem Meer der Sonne und dem Schnee der Stadt
Schwarzschrauben am Ende der Straße mit ein paar seiner Kumpels kennen weil er eines abends in unserem Garten auftaucht.
Gewalt hat mich zu dem gemacht was ich bin.
Bierflaschen mit, von einer Marke die wir noch nie in unserem Leben
zwischen uns auf den Boden
Schüchtern etwas q
GEGENFEUER
Schauspiel von Julie Guigonis
»GEGENFEUER« ist ein szenisches Projekt in kurzen Episoden, das versucht, der Starre der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu entkommen und überall, wo es kann, Feuer zu entfachen, die Hoffnung spenden und die Menschen zusammenkommen lassen. Bremse ist tot, er ist aus dem Fenster gesprungen, nachdem seine Mutter gestorben ist und er sich die Miete für die gemeinsame Wohnung nicht mehr leisten konnte. Das oder die Ichs, eine Freund:innengruppe oder Freund:innen von Bremse, die gemeinsam gelebt, geliebt und gestritten haben, die gemeinsam erwachsen geworden sind, wandern auf den Spuren ihrer eigenen Geschichte. Sie suchen nach dem Feuer, das einmal in ihnen gelodert hat, als sie noch alle zusammen in dem Haus mit dem Garten und den vielen Brombeerbüschen gewohnt haben. Dabei geht es aber nicht um das individuelle Verstehen des Suizids ihres Freundes, sondern um die Unterschiede untereinander, um die Voraussetzungen an dieser Welt teilzuhaben. Vor allem aber geht es darum, zusammenzurücken, sich die Hand zu geben und sich nicht die Schuld zuzuschieben.
»GEGENFEUER« untersucht die Begriffe der Liebe und der Zugehörigkeit, des Schmerzes, der Schuld, der Verantwortung und des Verlusts, der Starre im Angesicht der sich so schnell verändernden Welt und besonders untersucht der Text den Akt des Sich-Herauskämpfens.
SZENISCHE EINRICHTUNG Zafer Tursun
MIT Jennifer Krannich, Kinga Schmidt, Alina Konieczny, Elea-Darja Fellmann, Leon Höhne

Julie Guigonis:
Welche neuen Geschichten und Stimmen braucht das Theater?
Bei aller Liebe, das Traurige ist, dass das Theater nichts braucht. Und wenn es doch etwas braucht, dann vermutlich die Stimmen, denen es nie möglich sein wird, sich einen Weg zu bahnen durch dieses zugebaute Monster an Welt.
Welche Themen und welche Formen interessieren dich beim Schreiben?
Mich interessieren meistens Geschichten, die den Antagonismus zwischen der Gewalt des Systems und der Liebe unter den Menschen erzählen. Geschichten, in denen die Menschen zusammenhalten, obwohl die Welt versucht, sie auseinanderzudrängen. Und in denen dadurch Brüche entstehen. Brüche sind oft Möglichkeiten für Neues, Umbrüche; das gefällt mir gut. Und mich interessiert auch alles, was Menschen zum Lachen und zum Weinen bringt.
Was war der Ausgangspunkt für den Stückentwurf, den du für den Preis der Jungen Dramatik eingereicht hast?
Es gibt viele Ausgangspunkte für »GEGENFEUER«. Kleine und große Brandherde, denen man im Leben begegnet. Einer der Brandherde ist ein Fall, der mir vor vielen Jahren in Berlin passiert ist. Ich wohnte in einem Haus, in dem man sich ganz gut kannte. Der Hausmeister wohnte mit seiner kranken Frau im Vorderhaus in einer 3-Zimmer-Wohnung. Irgendwann ist seine Frau dann gestorben, und da er sich ohne ihre Rente die Miete nicht mehr leisten konnte, wurde ihm nach einigen Monaten gekündigt. Er sprang daraufhin vom Dach und starb. Seine Wohnung war noch voll mit den Sachen seiner Frau, er hatte es nicht geschafft, sie wegzuräumen. Obwohl ich nicht rauche, habe ich einen Aschenbecher aus seiner Wohnung mitgenommen, den hab ich immer noch. Er hat ein eingebautes kleines Feuerzeug. Er erinnert mich daran, dass mein Hausmeister nie auf irgendeiner Opferliste auftauchen wird.
Warum (Gegen-)Feuer?
Ge·gen·feu·er /ˈɡeːɡn fɔ yɐ,Gégenfeuer/ Substantiv, Neutrum [das] Feuer, mit dem man bei der Bekämpfung eines Waldbrandes ein bestimmtes Gebiet kontrolliert niederbrennt, um eine Grenze zu schaffen, damit das erste Feuer sich nicht weiterverbreiten kann.
Julie Guigonis arbeitet als Autorin, Übersetzerin und im Radio. Sie studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin und wurde mit ihrem Stück »Ghostbike« für den Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert. Sie beschäftigt sich in ihren Arbeiten meist mit Brüchen in Machtstrukturen und schreibt gerne ausgehend von realen Ereignissen. Außerdem ist sie Teil von Les Copines und Radio Corax.

Julie Guigonis © Mike Balzer
Am Anfang steht immer eine Rechnung
Drei Fortschritte
Schauspiel von Sven Beck
Eine Erzählerin führt uns in die Welt der Antike, es ist die Zeit 500 v. Chr. Das Theater erlebt seinen ersten gesellschaftlichen Höhepunkt, zumindest nach abendländischem Verständnis. Erzählt werden soll vom Mythos um Prometheus, der versuchte, Zeus zu überlisten und der den Menschen gegen dessen Verbot heimlich das Feuer brachte. Doch plötzlich gibt es nicht nur einen Streit darüber, wie man einen »Urstoff der abendländischen Dramatik« bewertet, sondern auch Einblicke in den Generationenkonflikt der Gegenwart. Sven Beck benutzt dabei das Prinzip des antiken Dramas mit Rede und Gegenrede sowie chorischen Kommentaren. Das ist alles andere als belehrend, sondern immer wieder pointiert und humorvoll. Doch wie der Titel nahelegt, soll es nicht nur bei diesem bisher vorliegenden Beispiel aus der Antike bleiben. Das Stück ist dreigeteilt. Eine zweite Episode wird uns in das frühneuzeitliche England und die dritte in die Vereinigten Staaten von heute führen. Beck: »Dabei werden Prozesse der Rationalisierung verfolgt, die die westliche Geschichtsschreibung als Fortschritte deklariert.« Sich Zahlen und Rechnungen auszuliefern, weil man dadurch die Welt scheinbar optimiert, dieses ganze KostenNutzen-Denken und dieses Sich-Ausliefern an den Kapitalismus: Der Autor wirft einen kritischen Blick auf unsere Zivilisation, die sich über Jahrhunderte hinweg eine Vormachtstellung auf Kosten unterdrückter und kolonisierter Völker erstritt und die bis heute wenig Einsicht zeigt, grundlegende Veränderungen herbeiführen zu wollen.
SZENISCHE EINRICHTUNG Leon Bornemann
AUSSTATTUNG Jessica Krepinsky
MIT Mariam Avaliani, Tobias Beyer, Klaus Meininger, Götz van Ooyen, Mattias Schamberger, Ines Schiller, Heiner Take
DRAMATURGIE Holger Schröder
ASSISTENZ Nele Wilhelm
Sven Beck:
Welche neuen Geschichten und Stimmen braucht das Theater?
In der Neuen Dramatik gibt es mehr postmigrantische und queere Stimmen, was gut ist, da es unsere Gesellschaft mehr widerspiegelt. Ich wünsche mir aber, dass diese Gegenwartsdramatik mehr Platz auf den Großen Bühnen findet. Außerdem vermisse ich persönlich an vielen Häusern inklusive und öffentliche Ensembles.
Welche Themen und welche Formen interessieren dich beim Schreiben?
Ich arbeite viel mit Recherche, gehe in Archive und collagiere (historische) Dokumente. Aber auch Gesprächsprotokolle mit Bekannten sind tolles Material. Mich interessieren größere Strukturen, die oft trocken und steif wirken. Zum Beispiel User-Daten-Speicherung oder Zentralbanksysteme.
Was war der Ausgangspunkt für den Stückentwurf, den du für den Preis der jungen Dramatik eingereicht hast?
Letztes Jahr war ich für ein Gastsemester an einer brasilianischen Universität und beeindruckt von deren Geschichtsauffassung. In Deutschland gibt es einen unausgesprochenen Konsens, dass die griechische Antike, die Aufklärung und die liberale Demokratie im Großen und Ganzen Erfolgsgeschichten sind. Dort sehen viele es anders.
Der Stoff, den du aufgreifst ist gewaltig; bisher kennen wir ja nur Texte aus dem Teil des klassischen Athens. Da du selbst in deinem Exposé von einem nicht linearen Plot schreibst: Werden sich am Ende die Teile miteinander vermischen, oder wirst du doch einer etwas konventionelleren Dramaturgie folgen und chronologisch durch die Historie gehen?
Das ist eine gute Frage. Gerade gehe ich beim Schreiben chronologisch vor, da mir sonst das Material über den Kopf wächst. Später im Prozess wird es sich dann aber wahrscheinlich vermischen. Ich glaube, ich kann so ein Stück nur fragmentarisch, einem Essay ähnelnd, aufbauen, denn sobald ich eine lineare Erzählung stricke, erhebe ich einen Anspruch auf Vollständigkeit, der sich nicht einlöst.

Sven Beck [*31.03.2002, Frankfurt am Main] schrieb journalistisch u. a. für die »Frankfurter Rundschau« und den »Kurier«, ist Preisträger des Treffens Junger Autor:innen 2021 und studiert Literarisches Schreiben und Geschichte in Leipzig. 2023 veröffentlichte er sein erstes Theaterstück »Snowflakes« im Thomas Sessler Verlag.
Sven Beck
© Merret Langhoff
Der Jurypreis wird vergeben durch:


Nurkan Erpulat
Regisseur, Autor
Nurkan Erpulat wurde in Ankara geboren, studierte in Izmir Schauspiel und an der Berliner Hochschule Ernst Busch Regie. Er war Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus und Maxim Gorki Theater Berlin. Seine Arbeiten haben zahlreiche Preise gewonnen und wurden zu Festivals und Gastspielen im In- und Ausland eingeladen, u. a. zum Berliner Theatertreffen, Radikal Jung oder den Mülheimer Theatertagen.
Sergej Gößner
Autor, Regisseur, Schauspieler
Sergej Gößner wurde in Ludwigshafen geboren. Er arbeitet als Autor, Regisseur und Schauspieler. Seine Stücke wurden u. a. für den Heidelberger Stückemarkt, den Deutschen Jugendtheaterpreis und die Mülheimer Theatertage nominiert sowie mit mehreren Preisen für Kinder- und Jugenddramatik und dem Berganus-Preis ausgezeichnet.


Mirjam Khalaf Programmleitung Theaterverlag schaefersphilippen
Mirjam Khalaf studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Trier. Nach Stationen an unterschiedlichen Theaterhäusern und Filmproduktionen ist sie seit 2019 Lektorin und Dramaturgin bei schaefersphilippen. Der Theaterverlag rückt deutschsprachige Gegenwartsdramatik in ihren zahlreichen Facetten in den Mittelpunkt der Arbeit und vertritt unterschiedliche Autor:innen.
© Magdalena Höfner
© Sven Kirschenbauer
© Juliane Zitzlsperger
lynn t musiol Performance, Regie, Dramaturgie, Text
lynn ts Arbeiten beschäftigen sich mit der Verflechtung von Klasse und Begehren, lesbian histories und queerer Ökologie, die in interdisziplinären Überlappungen und der Praxis des queeren Formens zusammenfließen. lynn t musiol mag pathetische Gesten, theatrale awkwardness und pop-sportive Kopfarbeit. Dey ist Mitgründer:in des performativen Zusammenschlusses les dramaturx.

Christian Rakow Kulturjournalist (u.a. nachtkritik.de, Theater heute)
Christian Rakow ist nachtkritik.de-Redakteur und Mitkurator der Konferenz Theater & Netz. Er studierte Germanistik und Philosophie in Rostock, Sheffield und Berlin und promovierte in Literaturwissenschaft (Deutsche Philologie) in Münster. Er schreibt u. a. für die Berliner Zeitung und Theater heute. Seit 2016 ist er Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens.

IMPRESSUM
Herausgeber: Staatstheater Braunschweig, Am Theater, 38100 Braunschweig, Interimsleitung: Ellen Brüwer, Verwaltungsdirektor: Stefan Mehrens neues theater Halle, Große Ulrichstraße 51, 06108 Halle, Geschäftsführer: Klaus Dörr, Künstlerische Leitung nt und Thalia Theater: Mille Maria Dalsgaard, Stellvertretende Künstlerische Leitung: Mareike Mikat
Redaktion: Schauspieldramaturgien vom neuen theater Halle & Staatstheater Braunschweig, Gestaltung: Lisa Blädtke, Staatstheater Braunschweig
Spielzeit 25/26
© Ekin Kayhan
© Thomas Aurin