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Klimaschutz mit Stahl

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KLIMASCHUTZ MIT STAHL Politische Positionen und Beitrag der Stahlindustrie in Deutschland


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4 Prolog

5 Klimapolitik mit Augenmaß 6 Wie Stahl dem Klima hilft

7 Klimaschutz –

Zukunft durch Technologie

8 Effektiver Klimaschutz – global und verbindlich

9 Klimaschutz –

ökologisch und ökonomisch fair

10 CO2-Emissionen

in der Stahlindustrie

12 Emissionsrechtehandel – am Scheideweg

13 Anreize setzen, fairen

Wettbewerb ermöglichen

14 Auf einen Blick


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PrOLOg

... Wir schreiben das Jahr 2050 ... Es ist der Welt gelungen, die Erderwärmung auf 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Die Menschen leben in funktionalen und nachhaltigen Großstädten. Energieerzeugende Funktionsfassaden wachsen in die Höhe. Moderne Mobilitätsinfrastruktur – wie auch innovative, leichte Fahrzeuge – sorgen für reibungslose, umweltfreundliche Fortbewegung. Windräder, hoch effiziente Gasturbinen und leistungsfähige Energieübertragungssysteme gewährleisten flächendeckende Energieversorgung. Bei allen Infrastrukturprojekten werden so wenig wie möglich natürliche Ressourcen eingesetzt, immer mehr Güter werden wiederverwendet oder konsequent recycelt. Die Vereinbarkeit von Funktionalität und Nachhaltigkeit ist im Bewusstsein der Menschen fest verankert.


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KLIMAPOLITIK MIT AUgENMASS

... von dieser Vision sind wir noch weit entfernt. Und möglicherweise bewegen wir uns sogar davon weg. Noch ist es uns nicht gelungen, Klimaschutz und industrielle Wertschöpfung erfolgreich miteinander zu verknüpfen. Den Klimawandel beherrscht man nur mit industrieller Technologie – mit engagierten Technikern und vernetztem Wissen. Innovative und nachhaltige Werkstoffe sind der erste Schritt auf dem Weg zu einer modernen, emissionsarmen Welt. Stahl ist so ein Werkstoff. Jede Werkstofferzeugung erfordert den Einsatz von Energie und natürlichen Ressourcen. Auch die Stahlproduktion kann nie CO2- oder energieneutral sein. Deswegen hat die Klimapolitik – wie sie etwa von der Europäischen Union vorgegeben wird – für die Branche eine existenzielle Bedeutung. Die Stahlunternehmen in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Maßnahmen ergriffen, die dem Klimaschutz dienen und sie werden dies auch weiterhin tun. Dennoch schauen sie besorgt auf die aktuellen politischen Entwicklungen: Sind die Klimaziele in der Industrie technisch realisierbar? Wird es

eine Klimapolitik geben, die alle Stahlstandorte weltweit gleichermaßen in die Pflicht nehmen wird, damit ein fairer Wettbewerb besteht? Oder wird es bei einem EU-Emissionsrechtehandel bleiben, der die Branche in Europa ganz erheblich belastet und ihre Wettbewerbschancen auf internationalen Märkten beeinträchtigt? Eine weitsichtige und wirksame Klimaschutzpolitik muss einer Grundstoffindustrie, wie der Stahlindustrie, die Chance geben, ihren Beitrag zu leisten. Eine Bedingung dafür ist, dass die Branche von einem zukunftssicheren Investitionsstandort in Deutschland und Europa ausgehen kann. Dies ist zur Zeit nicht der Fall. Die Verlagerung der Stahlproduktion in andere Länder, wo weniger strengere Auflagen herrschen, hätte allerdings auch negative Folgen für das Klima. Darum fordert die Stahlindustrie eine Klimapolitik mit Augenmaß, die sinnvolle Anreize zur Emissionsminderung setzt und einen fairen Wettbewerb ermöglicht. Nur so kann leistungsfähiger und nachhaltiger Stahl aus Europa dazu beitragen, dass die Vision 2050 wahr wird.


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WIE STAHL DEM KLIMA HILFT Stahl spielt als universeller Basiswerkstoff eine wichtige rolle auf dem Weg zu einer emissionsärmeren Welt. Klimaschutz beginnt mit nachhaltigen Werkstoffen – und dazu zählt der Stahl. Er weist eine ausgezeichnete Ökobilanz auf, da er beispielsweise uneingeschränkt und zu 100 Prozent recycelbar ist. Zudem sorgen die kontinuierlich verbesserten Eigenschaften des Materials für mehr Leistung, weniger Gewicht und längere Lebensdauer von Produkten. Stahlinnovationen sind unverzichtbar für umweltfreundliche Mobilität, für die Umsetzung der Energiewende und für nachhaltige Infrastruktur. Die Anwendungen moderner Stähle helfen, Energie und Emissionen einzu-

sparen. Fahrzeuge werden dank Blechen mit höherer Festigkeit immer leichter, hochwarmfeste Stähle erhöhen Wirkungsgrade von Kraftwerken, neuartige Beschichtungen machen Produkte aus Stahl langlebig. Ohne Stahl dreht sich kein Windrad und fährt kein Elektroauto. Experten haben errechnet, dass sich durch Anwendung innovativer Stähle bis zu sechs mal mehr Emissionen einsparen lassen, als bei der Produktion dieser Stähle entstehen. Bis 2030 werden in der EU die CO2-Ersparnisse durch Stahlanwendungen insgesamt höher ausfallen, als die erwarteten Gesamtemissionen der Branche. Bei der Stahlproduktion entsteht zwar CO2, aber der Werkstoff entfaltet bei seinem Einsatz eine große Hebelwirkung und dient so dem Klimaschutz.

Innovative Stähle sparen sechsmal so viel CO2 ein, wie ihre Produktion verursacht.* Emissionen bei der Stahlproduktion Pkw

Netto CO2-Einsparpotenzial 165,9

42,1

Fossile Kraftwerke

0,7

Windkraft

3,0

Kraft-Wärme-Kopplung

5,3

Regenerative Energien

0,16

Effizientere Trafos

1,2

Effizientere E-Motoren

3,2

Lkw

14

103,0 69,7 49,6 22,2 19,6 6,9 6,3 ca. 443,0 Mio. t

Summe Emissionen ca. 70 Mio. t

Summe Ersparnisse ca. 443 Mio. t

Emissionen durch Produktion in Millionen Tonnen pro Jahr Quelle: Boston Consulting Group

CO2-Einsparung durch Stahl in Millionen Tonnen

* EU 27


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KliMaSCHuTz – zuKuNFT DurCH TECHNOlOgiE Bedeutsame CO2-Minderung in der Stahlindustrie wird nur durch den Einsatz neuartiger Technologien möglich sein. Daran forscht die Branche mit Hochdruck. Stahlunternehmen in Deutschland und Europa haben bereits viel für den Klimaschutz getan. Nun ist die Branche an den Grenzen des technisch Machbaren angekommen – die Anlagen arbeiten bereits heute nahe am naturwissenschaftlichen Minimum (s. Infobeitrag auf Seite 10). Nach dem heutigen Stand der Technik sind in der Stahlindustrie die Potenziale zur CO2-Senkung nur noch gering. Sie betragen in Europa bis 2050 nur noch um die 10 Prozent, wie eine Studie der Boston Consulting Group ermittelt hat. Damit können die politischen Ziele von Minus 40 Prozent

bis 2030 oder gar bis zu 95 Prozent bis 2050 nicht erreicht werden. Einen völlig CO2-neutralen Stahl kann es in der industriellen Anwendung nicht geben. Dennoch forscht die Stahlindustrie in Deutschland und Europa an neuen Verfahren, mit denen unter anderem das zwangsläufig anfallende CO2 gespeichert oder genutzt werden kann. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist noch offen. Um einen langfristigen Durchbruch zu ermöglichen, müssen finanzieller Forschungsspielraum und Technologieakzeptanz gewährleistet sein. Außerdem hängen die Erfolgsaussichten für neue Produktionsverfahren entscheidend davon ab, ob sich diese wirtschaftlich rechnen und im Vergleich zu den weltweit etablierten Prozessen wettbewerbsfähig sind.

CO2-Emissionen der Stahlindustrie in Deutschland und die Klimaziele. CO2-Emissionen der Stahlindustrie

70

Politische Zielsetzung

CO2Minderung der Stahlindustrie 1990 – 2014 -19 %

80 Mio. t/Jahr 70,0

60

CO2Minderung in % ab 1990

um 19 Prozent gemindert und

57,2

50

besitzt bei bestehenden Techno-

43,9

logien keine bedeutenden

40 42,9 30 Wirtschaftskrise 20 1990

2000

CO2-Emissionen (mit Fremdstrom) Quelle: Stahlinstitut VDEh

Die Stahlindustrie hat ihre CO2-

Emissionen seit 1990 bereits

2010

Klimaziel der Bundesregierung -40 %

EUKlimaziel -40 %

2020

2030

Rohstahlerzeugung

Senkungspotenziale mehr.

Eine Eins-zu-Eins Realisierung der politischen Ziele ist in der Stahlindustrie nicht möglich.


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EFFEKTIVEr KLIMASCHUTZ – gLOBAL UND VErBINDLICH Die Stahlindustrie ist international – die Klimapolitik muss es auch sein. Die Stahlindustrie begrüßt die Bemühungen um ein internationales Klimaabkommen. Wir haben nur eine Erde – darum kann effektiver Klimaschutz allein durch eine konzertierte, weltweite Anstrengung gelingen. Bisher haben sich aber die größten CO2-Emittenten USA und China nicht zu einer Regelung bereit gefunden. Ein verbindliches Abkommen zur Emissionsminderung sollte jedoch von allen relevanten Staaten mitgetragen werden. Diese müssen sich zu erheblichen Zusatzanstrengungen und gleichen Vorgaben für die betroffenen Industrien bereiterklären. In Deutschland und in der Europäischen Union ist bereits ein hoher Grad an

CO2- und Energieeffizienz erreicht, während in vielen anderen Regionen der Welt noch deutliche Verbesserungspotenziale bestehen. Die Schere zwischen den Klima-Pionieren und den Klima-Nachzüglern ist umweltpolitisch kontraproduktiv und wirtschaftlich schädlich. Sie darf nicht weiter auseinandergehen. Der erwartete Emissionsanstieg wird ausschließlich durch Schwellen- und Entwicklungsländer verursacht, so die Internationale Energieagentur. Die Europäische Union steht heute für lediglich 10 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen und kann mit ihrem Alleingang und der Ambition, den Treibhausgasausstoß bis 2030 um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, den Klimawandel nicht aufhalten.

Entwicklung der CO2-Emissionen in ausgewählten Ländern und Regionen. 10 Mrd. t CO2-Emissionen +285 % 8 6

+8 % -18 %

4

+240 %

2

-34 % +195 %

+11 %

-19 %

0 China +6,5 Mrd. t 1990

USA +0,4 Mrd. t

EU 28 -0,8 Mrd. t

Indien +1,4 Mrd. t

Russland -0,9 Mrd. t

Mittl. Osten +1,1 Mrd. t

Japan +0,1 Mrd. t

Deutschland -0,2 Mrd. t

2013

Quelle: UNFCCC, IEA, EEA, BP 2013. Berechnungen von H.-J. Ziesing (Energiewirtschaftliche Tagesfragen, 9/2014)


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KLIMASCHUTZ – ÖKOLOGISCH Und ÖKOnOMISCH FAIR Maßnahmen der Klimaschutzpolitik sind aus Sicht der Industrie nur dann erfolgreich umsetzbar, wenn sie den internationalen Wettbewerb nicht beeinträchtigen. Für eine hoch wettbewerbsintensitive Industrie wie die Stahlindustrie kann Klimapolitik nur zum Erfolg führen, wenn die Unternehmen aus allen am Klimavertrag teilnehmenden Staaten vergleichbaren CO2-Auflagen und Kosten unterliegen. Sonst besteht die Gefahr, dass klimapolitische Instrumente sich einseitig auf die Produktionskosten auswirken und den Wettbewerb verzerren. Das Zustandekommen eines internationalen Klimaschutzabkommens führt noch nicht automatisch zu gleichen Wettbewerbsbedingungen – die Umsetzung

in den einzelnen Ländern wird entscheidend sein. Im Moment gibt es nirgendwo auf der Welt eine mit dem EU-Emissionshandel vergleichbare CO2-Regelung. Es bleibt zweifelhaft, ob alle Vertragsparteien die gleiche Bereitschaft mitbringen, die Anstrengungen für den Klimaschutz auf sich zu nehmen. China, die USA und Japan bleiben deutlich hinter der Zielsetzung der Europäischen Union zurück. Die Stahlindustrie in der EU macht nur einen Anteil von 10,2 Prozent an der Weltstahlproduktion aus. Der überwiegende Teil der Weltstahlproduktion unterliegt damit keinen klimapolitischen Verpflichtungen. Solange Europa einen klimapolitischen Alleingang wählt, müssen die Regelungen der EU-Klimapolitik auch nach 2020 weiterhin so gestaltet werden, dass die Industrie hierzulande wettbewerbsfähig produzieren kann.

Kein anderer Stahlstandort weltweit unterliegt einem mit dem EU vergleichbaren Emissionshandelssystem. 49,4 4,3

10,2

Russland 6,6

5,3

Europa

4,3 Japan

USA

Südkorea

5,2 Indien 2,0

Brasilien China

Weltweite Stahlherstellung (in Prozent) Belastung durch Emissionshandelssysteme Anteil Weltstahlproduktion

Quelle: IW Consult, worldsteel

Kein CO2-Handel für die Stahlindustrie oder freiwillig Systeme Regionale Pilotprojekte CO2-Handel mit geringen Reduktionsanforderungen CO2-Handel mit hohen Reduktionsanforderungen


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CO 2 -EMISSIONEN IN DER STAHLINDUSTRIE Hintergründe, Bewertungsmaßstäbe und Kontext Auf die Frage, warum die Stahlindustrie Kohlenstoffdioxid (CO2) ausstößt, gibt es zwei Antworten: Werke, die Stahl aus Stahlschrott im Elektrolichtbogenofen erschmelzen, benötigen große Mengen Strom. In diesem Fall sind die CO2-Emissionen indirekt, weil sie mit der jeweiligen Stromerzeugung zusammenhängen. Die Elektroroute deckt etwa ein Drittel der Stahlherstellung in Deutschland ab. Zwei Drittel der Stahlproduktion erfolgt über die integrierten Hüttenwerke mit Hochofen und Stahlkonverter. Hier wird von den Eisenerzen – wie sie in der Natur vorkommen – der Sauerstoff abgetrennt. Bei diesem Ver-

fahren wird Kohlenstoff als Reduktionsmittel eingesetzt. In dieser chemischen Reaktion entsteht, neben dem Roheisen (der Vorstufe von Stahl), auch ein Gas, bei dessen energetischer Nutzung auch CO2 emittiert wird. Wie viel Kohlenstoff eingesetzt wird und wieviel CO2 daher bei der Erzeugung von Roheisen und Stahl emittiert wird, lässt sich rechnerisch ermitteln. Es gibt einen theoretischen „Idealfall“, der in der Realität allerdings nicht erreichbar ist. Ein reales Betriebsoptimum, das die physikalischen Gegebenheiten eines jeden industriellen Prozesses berücksichtigt, liegt etwa 10 Prozent darüber. Es ist naturwissenschaftlich begründet und eine fundierte Referenz für die Bewertung der CO2Emissionshöhe in integrierten Hüttenwerken.

Einsatz von Kohlenstoff in den Hochöfen in Deutschland.* Die Hochöfen in Deutschland

1.000 kg Kohlenstoff/t Roheisen

wurden in den vergangenen

Jahrzehnten erheblich verbessert

800 reales Betriebsoptimum

600

und arbeiten nun sehr nahe am

Betriebsoptimum. Auf Basis des Kohlenstoffeinsatzes liegen die

CO2-Emissionen nur 2,7 Prozent

400

über diesem Optimum. Damit

ist das CO2-Einsparpotenzial an

200

Hochöfen in Deutschland ver-

schwindend gering. Die naturwis-

0 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 Kohlenstoff aus Gas

Kohlenstoff aus Kohle

Quelle: Hochofenausschuss des VDEh

Kohlenstoff aus Öl

Kohlenstoff aus Koks

* Durchschnittswerte

senschaftliche Grenze ist erreicht.


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Jährliche CO2-Emissionen im Vergleich (2013) CO2-Emissionen weltweit: 32,7 Mrd. Tonnen CO2-Emissionen der EU: 3,6 Mrd. Tonnen CO2-Emissionen der Stahlindustrie in der EU27: 190,7 Mio. Tonnen (2010) CO2-Emissionen der Stahlindustrie in Deutschland: 50 Mio. Tonnen

Stahlerzeugung bleibt im Kern ein

energieintensiver Hochtemperatur-

prozess. Einen CO2-freien Stahl wird

es in der industriellen Anwendung nie geben, auch wenn an Möglichkeiten

geforscht wird, den Ausstoß von CO2

in die Atmosphäre zu reduzieren und alternative Energieträger zu nutzen. Anders als bei vielen Branchen gibt es beim Stahl keine alternativen,

rein „grünen“ Optionen für dessen Produktion.

Quelle: Boston Consulting Group, UNFCCC, IEA, EEA, BP 2013. Berechnungen von H.-J. Ziesing (Energiewirtschaftliche Tagesfragen, 9/2014)


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EMISSIONSrECHTEHANDEL – AM SCHEIDEWEg Durch die Fortschreibung der heutigen regelungen des Emissionsrechtehandels drohen der Stahlindustrie Belastungen in Milliardenhöhe. Die Europäische Union hat sich für ein Emissionsrechtehandelssystem mit Zertifikaten als marktwirtschaftliches Instrument zur Erreichung der Klimaziele entschieden. Die Stahlindustrie unterliegt diesem System, auch wenn sie als eine von „Carbon Leakage“ (Verlagerung eines Standortes ins Ausland) bedrohte Branche eingestuft ist. Seit 2013 muss sie allerdings für eine freie Zuteilung der Zertifikate CO2-Benchmarks erfüllen, die außerhalb des Realisierbaren liegen. Zudem wird bereits in der aktuellen Handelsperiode 2013 bis 2020 die Zuteilung durch einen Korrektur-

faktor zusätzlich verknappt. Zertifikate, die aufgrund der Produktionsrückgänge in der Wirtschaftskrise übrig geblieben sind, werden voraussichtlich bis 2017 verbraucht sein. Bei Fortschreibung der heute gültigen Regelungen in der vierten Handelsperiode (nach 2020), würde in der Stahlindustrie die freie Zuteilung bis 2030 um mehr als 40 Prozent gekürzt. Zugleich droht durch die Verknappung der Zertifikate ein deutlicher Anstieg des CO2-Preises und somit auch der Stromkosten. Dadurch würden der Stahlindustrie in Deutschland jährlich Zusatzkosten von mehr als 1 Milliarde Euro entstehen. Der Kostenanstieg kann im Markt nicht weitergegeben werden. Er entspricht den jährlichen Investitionen der Branche.

CO2-Emissionen der EU-Stahlindustrie und die Zuteilung freier CO2-Zertifikate. Aus den aktuellen Reformvor-

300 CO2-Ausstoß in Mio. t 3. Handelsperiode

250

schlägen zum Emissionsrechte-

4. Handelsperiode

handel ergibt sich ab 2020 eine

dramatische Kluft zwischen

200

den CO2-Emissionen der Stahlindustrie und Zuteilung freier

150

Zertifikate. Die Kluft wird immer größer, da die Zertifikate um

100

2,2 Prozent/Jahr verknappt

50

werden. Auch in dem von der

2014

2016

CO2-Emissionen der EU-Stahlindustrie, unter Berücksichtigung steigender Produktion Quelle: Eurofer

2018

2020

2022

Zuteilung freier Zertifikate, Korrekturfaktor 2,2 %/Jahr

2024

2026

2028

2030

Zuteilung freier Zertifikate nach realistischen Benchmarks und ohne Korrekturfaktor

Stahlindustrie selbst vorgeschlagenen Reformszenario (blaue

gestrichelte Linie) wird die freie Zuteilung unterhalb des prog-

nostizierten Ausstoßes liegen.


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ANrEIZE SETZEN, FAIrEN WETTBEWErB ErMÖgLICHEN Die reform des Emissionsrechtehandels darf die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver grundstoffindustrien nicht gefährden und muss zugleich wirksame Anreize zur Emissionsminderung setzen. Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz sind dann im Einklang, wenn den effizientesten Anlagen keine zusätzlichen Kosten aus dem Zertifikatshandel entstehen. Dazu ist eine freie Zuteilung auf Basis realistischer Benchmarks erforderlich, ohne zusätzliche Verknappung durch einen Korrekturfaktor. Dabei soll die kostenfreie Zuteilung an der aktuellen Produktionshöhe ausgerichtet werden, beispielsweise in Form einer Ex-Post-Anpassung. Dies ermöglicht industrielles Wachstum, richtet den Fokus auf tatsächliche

Effizienzsteigerungen und vermeidet zugleich Diskussionen über Anpassungen an unvorhergesehene Entwicklungen, wie sie derzeit zu Backloading und Marktstabilisierungsreserve stattfinden. Ein solches System wäre für die Internationalisierung des Emissionshandels besser geeignet, als das gegenwärtige Regelwerk. Mit den politisch gewünschten höheren Zertifikatspreisen werden auch die Strompreise stark ansteigen. Dieser Effekt fällt zusammen mit anderen energiepolitischen Maßnahmen, die den Strompreis zusätzlich verteuern, wie dem EEG oder der Energiebesteuerung. Die Strompreiskompensation muss daher auch über 2020 hinaus weiter fortgesetzt werden und sollte sogar – anders als bisher – vollständig erfolgen.

Der Einfluss der CO2-Preise auf den Strompreis in Deutschland (bis 2020). Steigende Zertifikatspreise wer-

40 Strompreisanstieg in Euro/MWh

den durch die Energieversorger

+38,00 Euro

weitergegeben und verteuern den Strom. Um internationale

+30,40 Euro

30

Wettbewerbsnachteile zu

vermeiden, benötigt die Stahl-

+22,80 Euro

20

industrie eine vollständige Kompensation dieser Effekte, bei-

+15,20 Euro

spielsweise durch Zuteilung von

10 +7,60 Euro

Zertifikaten auch für indirekte

CO2-Emissionsfaktor für Deutschland: 0,76 t CO2/MWh*

Emissionen.

0 0

10

20

30

40

50

60

CO2-Zertifikatspreis in Euro/Tonne CO2

Quelle: Anhang IV der Beihilfeleitlinien der EU-Kommission C(2012) 3230 final, eigene Berechnungen.

* Gemäß Anhang IV der Beihilfeleitlinien der EU-Kommission.


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AUF EINEN BLICK

n Innovative Stahlwerkstoffe leisten in zahlreichen Anwendungen Beiträge zur Emissionsminderung, z.B. bei Mobilität, urbaner Infrastruktur oder Energieerzeugung. Die hohe Innovationskraft der Stahlunternehmen ist eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Klimaschutz.

n Für alle Stahlstandorte weltweit müssen vergleichbare gesetzliche Anforderungen zur CO2-Minderung gelten. Eine einseitige, auf die EU beschränkte Klimaschutzpolitik wird den Wirtschaftsstandort Europa schwächen, da die Industrieunternehmen im internationalen Wettbewerb benachteiligt werden.

n Bei den heutigen Verfahren der EU-Stahlproduktion sind die CO2-Minderungspotenziale ausgeschöpft. Die Branche arbeitet mit Hochdruck daran, hierfür moderne Technologien zu erschließen. Dies setzt einen langfristigen Forschungszeitraum, Forschungsmittel und gesellschaftliche Akzeptanz für neue Lösungen voraus.

n Solange international keine harmonisierten Klimaschutzinstrumente gelten, ist der EU-Emissionsrechtehandel so zu gestalten, dass eine wettbewerbsfähige Stahlherstellung am Standort Europa möglich bleibt.

n Die Stahlindustrie begrüßt die Bemühungen um ein globales Umweltabkommen. Klimaschutz wird nur dann gelingen, wenn sich alle Länder – insbesondere die größten CO2-Emittenten – auf ein verbindliches Abkommen zur Emissionsreduzierung einigen.

n Die Reform des EU-Emissionsrechtehandels muss eine freie Zuteilung der Zertifikate auf Basis realistischer, erreichbarer Benchmarks sowie einen Ausgleich der Strompreiseffekte sichern. Bei reiner Fortschreibung der heutigen Carbon LeakageRegelungen drohen der Stahlindustrie Zusatzkosten in Milliardenhöhe.


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HERAUSGEBER: WIRTSCHAFTSVEREINIGUNG STAHL SOHNSTRASSE 65

40237 DÜSSELDORF

KONTAKT: BEATE BRÜNINGHAUS TELEFON: 0211 6707-0 www.stahl-online.de

LEITERIN ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

FAX: 0211 6707-310


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