Skip to main content

Paracontact d 2/2022

Page 1

Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Sommer 2022

Move on

Sportarten ausprobieren


Ganz ehrlich: Die mentale Hürde ist auch gleichzeitig die grösste Herausforderung. Jason, ISK-Anwender

JETZT MUSTER* BESTELLEN

* unentgeltlich

Alle SpeediCath® Katheter wurden so entwickelt, dass sie individuelle Bedürfnisse erfüllen und sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Erfahren Sie mehr zu Einmalkathetern für Frauen und Männer von Coloplast unter de.coloplast.ch/speedicath-range oder schnell und einfach den QR-Code scannen.

PM-21812 The Coloplast logo is a registered trademark of Coloplast A/S. © 2022-04. All rights reserved Coloplast A/S, 3050 Humlebaek, Denmark.


EDITORIAL

Geschätzte Leserinnen und Leser Der Bericht der zuständigen UNO-­ Kommission über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention (BRK) in der Schweiz lässt keine Zweifel offen: Die Schweiz verletzt in vielerlei Hinsicht die Rechte der 1,8 Millionen Menschen mit Behinderung und lebt sowohl auf Staatsebene als auch in der Gesellschaft zu wenig den Gedanken der Inklusion. Die Zeit, im Stillen halbherzig zu wirken, ist vorbei – definitives Handeln ist ­angesagt. Wertvolle Informationen über die Situation von Betroffenen liefert die Langzeitstudie SwiSCI, die von der Schweizer Paraplegiker-Forschung durchgeführt wird. Diese Informationen dienen auch dazu, auf die Politik einzuwirken. Helfen Sie mit, diese Daten zu erheben und nehmen Sie an der Studie teil.

«Aufwachen» Wir sind SPV-intern mit viel Elan ins Frühjahr 2022 gestartet. Der weltweiten Verunsicherung trotzen wir mit Zuversicht. Der neue Bereich Rollstuhlsport und Freizeit bietet spannende Angebote für all unsere Mitglieder. Sowohl Reisen wie auch Sportanlässe finden wieder statt.

Paracontact I Sommer 2022

Persönliche Treffen ohne Masken und Distanzregeln ersetzen virtuelle Sitzungen. Nehmen auch Sie wieder am aktiven SPV-Leben teil. Wir freuen uns auf Sie. Im Nachgang an die Delegiertenversammlung veröffentlichten wir unseren Jahresbericht 2021. Sagenhafte 21 000 Beratungsstunden leistete die SPV letztes Jahr für ihre Mitglieder. Das sind etwa 10 % mehr als 2020. Das Team der Lebens­beratung unterstützte über 990 Personen, das Institut für Rechtberatung betreute mehr als 500 Dossiers und das Zentrum für hindernisfreies Bauen führte rund 300 Bauberatungen durch. Das macht deutlich: Unsere Dienstleistungen sind gefragter denn je. Dass wir mit unserem Angebot einen Mehrwert bieten und den Alltag unserer Mitglieder erleichtern, erfüllt uns mit Stolz. Bei der Lektüre dieser Paracontact-­ Ausgabe wünsche ich Ihnen viel Spass. Auf die gemeinsame Zukunft freue ich mich. Herzlichst

Laurent Prince, Direktor

3


#Bewegungsfreiheit ist für mich, das machen zu können, worauf ich Lust habe. Auch im Rollstuhl selbständig, ohne Barrieren und Hindernisse. // Tanja

orthotec.ch 22_201_ORTH_INS_ParaContact_182x128_2022_df.indd 2

16.02.22 13:26

EINFACH LOSLAUFEN Raus aus dem Rollstuhl. Das innovative Keeogo Exoskelett mit künstlicher Intelligenz ist jetzt erhältlich. Erleben Sie neue Bewegungsfreiheit in der Therapie und im mobilen Alltag.

Kostenlos testen

02_22_OT_inzercia_exoskelet_182x128mm.indd 1

4

1. 2. 2022 12:58:03

Paracontact I Sommer 2022


IMPRESSUM

INHALT

29

8

Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktorin Evelyn Schmid Redaktion Laurent Prince, Gabi Bucher, Nadja Venetz, Felix Schärer, Roger Getzmann, Daniela Vozza, Michael Bütikofer, Tina Achermann Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos SPV, SPS, Titelbild Tobias Lackner, Adobe Stock, Marcus Hartmann, Inclusion Handicap, EPFL/Alain Herzog, SwiSCI, sge-ssn.ch, bls.ch, Corinne Oehen, wingsforpeople.ch, Hightide Kayak School, B.A.A. Media Relations, Swiss Sport Integrity, SPC Goran Basic, SBB, ParaHelp Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Herbst 2022: abgeschlossen Ausgabe Winter 2022: 7.9.2022 Auflage 8100 Exemplare deutsch 4 250 Exemplare französisch Wir bemühen uns um gendergerechtes Schreiben, verwenden zur besseren Lesbarkeit manchmal die weibliche oder männliche Form stellvertretend für alle Geschlechter. Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der SPV wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.

Paracontact I Sommer 2022

WIR BEWEGEN AKTUELL  6 UN-BRK Schlechtes Zeugnis für die Schweiz 8 ZENTRALFEST Wiedersehen macht Freude 10 NACHGEFRAGT Laufen dank Elektrostimulation 11 LEBENSBERATUNG PFLEGEHEIM Auf Umwegen nach Hause 12 TEILHABE G Inklusion – wovon genau ist die Rede? 15 RECHTSBERATUNG RECHTSPRECHUNG Pflegefinanzierung durch die Unfallversicherung ZWEITE SÄULE Vorsorge

19

MEDIZIN UND WISSENSCHAFT GESUNDHEIT Mangelernährung

20

HINDERNISFREIES BAUEN UMBAU Willkommen in der Oase

22

16

FREIZEIT AUSFLUGSTIPPS Burgfräulein und Schlossgeist 24 IN KÜRZE  27

AUF REISEN Ein Paradies mit Hindernissen FLUGANGEBOTE Über den Wolken WORKSHOP Essen – gewusst wie KAJAK Auszeit auf dem See

28 29 31 31

ROLLSTUHLSPORT SCHWIMMKURS Aha-Erlebnisse im Wasser 32 IN KÜRZE  34 SWISS SPORT INTEGRIT Y Für sauberen Sport 36 «MOVE ON» Neue Liebe Basketball 37 PARALYMPICS BEIJING Die komplizierten Spiele 39 GIRO SUISSE 2022 Parlez-vous Handbike? 40 POWERCHAIR HOCKEY Hohe Ziele für Heim-WM 41 FOKUS VERMISCHTES  42 IM GESPRÄCH Agnès von Beust und Michael Bütikofer 44 UNSERE HELFER Renate Kurmann 47 PARAWG Neue Angebote 49 FÜR SIE DA Linda Wiprächtiger 50 5


RUBRIK AKTUELL

PILGERN

SWISCI

Jakobsweg

Fragebogenstudie

Personen im Rollstuhl sollen allein oder in Begleitung hindernisfrei von Konstanz nach Einsiedeln pil­gern können. Dafür setzt sich der Verein jakobsweg.ch ein.

Mit der SwiSCI-Studie hat die Schweizer Paraplegiker-Forschung in den letzten Jahren bereits viel über die Lebenssituation und Gesundheit von Betroffenen in der Schweiz herausgefunden. Die Erkenntnisse können für Politik und Gesetzgebung, aber auch für die Schweizer Paraplegiker-Gruppe eine wichtige Grundlage sein, um Leistungen näher an den Betroffenen auszurichten.

Das erste Teilstück Konstanz – Schaffhausen wird am 23. Juli 2022 eröffnet. Die Veranstalter wünschen sich, dass an diesem Tag möglichst viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer die Strecke oder einen Teil da­von unter die Räder nehmen. Verschiedene Startpunkte sind vorgesehen. Eine Anmeldung ist nötig. Nach Ankunft der Pilgernden findet im Mosergarten in Schaffhausen ein Fest statt.

Haben Sie eine Einladung zur Befragung erhalten? Dann unterstützen Sie SwiSCI und machen Sie mit. Alle Informationen finden Sie in Ihrem Schreiben, das Sie per Post erhalten haben. Kontakt und Information contact@swisci.ch, www.swisci.ch

Informationen und Anmeldung www.jakobsweg.ch

NEUE MITARBEITENDE

UKRAINE

Hilfe durch SPG Der Schweizer Paraplegiker-Gruppe (SPG) hilft im Ukraine-Krieg schnell, unbürokratisch und zielführend. Die SPV übernimmt dabei eine wichtige Rolle. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Querschnitt­ gelähmten-Verband wurden im Grenzgebiet sogenann­ ­te «safe houses» identifiziert, in denen querschnittge­ lähmte Kriegsopfer und Flüchtlinge aufgenommen und erstversorgt werden. Die SPG finanziert die «safe houses» vorerst für fünf Monate und bietet Hilfe vor Ort an. Als Massnahme in Nottwil wurde den verschiedenen koordinierenden Organisationen der Flüchtlingshilfe (Staatssekretariat für Migration, Schweizerische Flücht­ lingshilfe, Weltgesundheitsorganisation und Kanton Luzern) mitgeteilt, dass die SPG bereit ist, querschnitt­ gelähmte Flüchtlinge aufzunehmen. Die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung sowie auch die Orthotec leisten mit personellen und materiellen Ressourcen Hilfe vor Ort und in Nottwil. 6

Monika Reisinger Ngi

Sebastian von Graffenried

Monika Reisinger Ngi absolvierte ihre kaufmännische Lehre in der Reisebranche, in der sie über 25 Jahre lang ihr Faible fürs Reisen und für Sprachen auslebte. Ihr Inte­ resse an Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit bewog die Kauffrau zu einem Studium in Sozialer Arbeit. Die Teilzeitstelle in der Administration der Lebensberatung ist die ideale Ergänzung.

Nachdem er die Anwaltsprüfung bestanden hat, kehrt Sebastian von Graffenried zurück zum IRB nach Biel. Das Team, die Arbeit und die Stadt kennt er bestens aus dem einjährigen Praktikum und der anschliessenden halbjährigen Anstellung als Rechtskonsulent. Der juristische Einsatz für die SPV-Mitglieder gefällt ihm sehr.

Lebensberatung

Vierbeiner Die Zugerin schwimmt und joggt gern. Bei Wanderungen oder Ausflügen in die Natur ist Hündin Jessy immer mit dabei.

Rechtsanwalt

Badminton und Biryani Joggen, Squash oder PaddleTennis: Der Berner mag viele Sportarten. Er probiert sich gerne durch die asiatische und orientalische Küche und steht regelmässig selbst am Herd. Paracontact I Sommer 2022


LEBENSBERATUNG

ZUSAMMENARBEIT

SPV-Höck Die SPV bietet in der Uni­ klinik Balgrist regel­mässig Infover­anstaltungen an. Offene Runde: Stammtisch Lebensberatung SPV Donnerstag, 9. Juni 2022, 16.00–18.00 Uhr Donnerstag, 25. August 2022, 16.00–18.00 Uhr Interessierte treffen sich im Restaurant der Uniklinik Balgrist zum Austausch. Ein*e Mitarbeiter*in der SPVLebensberatung ist anwesend.

Spinal Cord injury Artificial Intelligence-Lab

RÜCKTRITT

Murat Pelit Der Monoskibobfahrer Murat Pelit beendet nach den paralympischen Spielen in Beijing seine Karriere im Leistungssport. Der Tessiner nahm an den Paralympics «PyeongChang 2018» und «Beijing 2022» sowie an den Weltmeisterschaften 2019 und 2022 teil. Sein wilder Fahrstil brachte ihm den Vergleich mit dem US-amerikanischen Skirennfahrer Bode Miller ein.

Die ETH Zürich und die Schwei­ zer Paraplegiker-Stiftung arbei­ ten neu im Bereich personali­sierte Medizin zusammen. Am Schweizer ParaplegikerZentrum wurde ein spezielles Labor eingerichtet. Hier werden mithilfe künstlicher Intel­ ligenz innovative Techniken der Datenerfassung und Datenverarbeitung eingesetzt, um die ambulante Versorgung von Menschen mit Rückenmarkverletzung zu verbessern.

Mirjam Schneider

Judith Nkoumou

Virginia Fernández

Doris Rickenbacher

Mirjam Schneider studierte Rechtswissenschaft an der Universität Bern. 2019 erwarb sie im Kanton Bern das Patent als Rechtsanwältin und war anschliessend für die Eidgenössische Steuer­ verwaltung tätig. Seit März steht sie als Rechtsanwältin den Mitgliedern der SPV in juristischen Anliegen zur Seite.

Seit April ergänzt Judith Nkoumou das Team der Le­bensberatung und engagiert sich für die SPV-Mitglieder der französischsprachigen Schweiz. In Kamerun besuchte sie die Universität, zog dann in die Schweiz, um ihr Studium zu vertiefen. Sie wollte Lehrerin werden, entdeckte dann aber die Soziale Arbeit. Nach abgeschlossener Ausbildung war sie als Sozialarbeiterin bei Pro Infirmis tätig.

Die gelernte Hochbauzeich­ nerin studierte Architektur an der FHNW in Muttenz. Seit über zehn Jahren ist Virginia Fer­nández als Architektin, Pro­ jekt- und Bauleiterin tätig; seit Februar beim Zentrum für hin­ dernisfreies Bauen.

Doris Rickenbacher unterstützt im Teilzeitpensum das Team Breitensport bei der Koordi­nation der Winterkurse. Davor war sie bei verschiedenen Phar­maunternehmen als Marketing­managerin tätig. Die flexible und saisonale Arbeitszeit bei der SPV passt perfekt zu ih­rem Zweitberuf als Motorboot-Fahrschullehrerin auf dem Hallwilersee.

Rechtsanwältin

Wandern Die Bernerin verbringt viel Zeit in den Bergen, mit Vorliebe auf der anderen Seite des Lötschbergs im Wallis. In ihren Ferien düst sie mit dem Camper durch Europa. Paracontact I Sommer 2022 2022

Sozialarbeiterin

Rhythmus Judith Nkoumou liebt die Musik und ist leidenschaft­ liche Tänzerin. Auf Reisen entdeckt sie gerne Neues.

Architektin

Frische Luft Surfen, steile Felswände hochklettern, im Meer schwimmen oder mit dem Rennrad durch die Gegend fahren: Virginia Fernández ist am liebsten draussen in der Natur. Ihre kreative Ader lebt sie beim Kochen, im Garten oder beim Entwerfen und Bauen von Möbeln aus.

Koordinatorin Breitensport

Wasserfrau Ihre Leidenschaft gilt dem Tauchen, sei es mit Fussgängerinnen oder Rollstuhlfahrern. Beim kreativen Malen, Kochen oder im Garten entspannt sie am besten. 7


WIR BEWEGEN

UN-BEHINDERTENRECHTSKONVENTION

Schlechtes Zeugnis für die Schweiz

Im März überprüfte ein Ausschuss der Vereinten Nationen, wie die Schweiz die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. Zu tun gibt es noch einiges. Von Nadja Venetz

Kundgebung in Bern Mitbestimmung, Wahlfreiheit und Teilhabe

Die selbstgebastelten Plakate fordern Wahl­ freiheit, gleiche Bildungs- und Berufschancen oder die offizielle Anerkennung der Gebärdensprache. Die Anliegen sind so vielfältig wie die Ballone, die in den Himmel ragen und so vielfältig wie die Menschen, die sich an diesem Mittwochnachmittag auf dem Waisenhausplatz in Bern zusammenfinden. Bei aller Vielfalt, sie alle wollen dasselbe: gleichberechtigte Mitglie­ der unserer Gesellschaft sein. Inclusion Handicap, der Dachverband der Behindertenorganisationen, lud am 9. März 2022 zur Kundgebung in die Bundeshauptstadt. Gefolgt sind viele, auch SPV-Mitglieder und Mitarbeitende. Anlass war die Überprüfung der Schweiz durch einen Ausschuss der UNO. Wenige Tage später 8

musste die Schweiz in Genf darlegen, wie sie die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) umgesetzt hat. Alle Rednerinnen und Red­ner rufen von der Bühne, was Kundgebungsteilnehmenden aus ihrem täglichen Leben bereits wissen: Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir in der Schweiz noch ein gutes Stück entfernt. Missstände Die Schweiz hat die UN-BRK 2014 ratifiziert und vertritt die Ansicht, die Konvention acht Jahre später weitgehend zu erfüllen. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht Inclusion Handicap im Schattenbericht, den der Dachverband zuhanden des UNO-­ Ausschusses verfasst hat. «Mit dem Bericht, an dem auch die SPV beteiligt war, wollen wir den Ausschuss sensibilisieren, genau

hinzuschauen. Ich vergleiche die UN-BRK gerne mit einem Puzzle. Die Schweiz hat angefangen, dieses Puzzle zusammenzusetzen, aber es hat noch beträchtliche Lücken. Es ist unsere Aufgabe, darauf auf­ merk­sam zu machen, welche Teile auf keinen Fall fehlen dürfen», erklärt SPVPräsidentin Olga Manfredi an der Kundgebung. Der Schattenbericht zeigt schonungslos, dass auch im Jahr 2022 in der modernen Schweiz Menschen mit Behinderung noch zahlreichen Benachteiligungen ausgesetzt sind. Sie sind teilweise vom Wahlrecht aus­ geschlossen, haben keinen Zugang zu öffentlichen Gebäuden und Infrastruktur, zum Arbeitsmarkt und zu Bildung. Deutlich wurde dies auch während den AnhöParacontact I Sommer 2022


rungen, die vom 14. bis 16. März 2022 in Genf stattfanden. Eine Delegation der Behindertenorganisationen berichtete über die Lage. Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Kantonen standen Rede und Antwort. Hörte man deren Antworten, musste man unweigerlich feststellen: Mit der UN-BRK und dem damit verbundenen Menschenrechtsansatz beschäftigt sich hier kaum jemand. Viel zu oft zielten Antworten an den Fragen des UNO-Ausschusses und den Verpflichtungen der Konvention vorbei. So führte eine Antwort einer Schwei­ zer Vertreterin zur Invalidenversicherung bei einem Ausschussmitglied, das selber mit einer Behinderung lebt, zur spitzen Be­ merkung: «Do not try to fix us, just accept us!» («Versuchen Sie nicht, uns zu reparieren, sondern akzeptieren Sie uns!»). Planlos In ihrer Argumentation bezog sich die offizielle Schweiz überwiegend auf bestehen­de Rechtsgrundlagen. Dass diese seit der BRK-Ratifizierung nicht angepasst wurden und mit der Konvention zum Teil keineswegs zu vereinbaren sind, schien Teilen der Schweizer Delegation nicht klar zu sein. Deutlich sichtbar war das Fehlen einer Gesamtsicht auf die Umsetzung der UNBRK, geschweige denn eines abgestimmten Umsetzungsplans und konkreter Mass­ nahmen. Statt auf klare Massnahmen wurde auf Prüfaufträge, Auslegeordnungen und Visionen verwiesen. Die Anhörung hat ge­zeigt, wie weit die Vorgaben der Vereinten Nationen und die Wahrnehmung der Schwei­zer Verwaltung auseinanderklaffen. Note ungenügend Das Resümee des UNO-Ausschusses ist folglich ernüchternd. Die darin gezogenen Schlussfolgerungen und Empfehlungen an die Schweiz decken sich mit den Kritikpunkten des Schattenberichts von Inclusion Handicap.

Ganz grundsätzlich fehlt es der Schweiz an einer Strategie. Die Umsetzung der Konvention wird nicht konsequent verfolgt, einen nationalen Aktionsplan gibt es eben­ sowenig wie eine systematische Überprüfung der Rechtsgrundlagen. Nach wie vor orientiert sich der Rechtsbegriff in der Schweiz an einem medizinischen, defizitParacontact I Sommer 2022

orientierten Verständnis von Behinderung. Bei Gesetzen und politischen Strategien sind Menschen mit Behinderung nicht am Entwicklungsprozess beteiligt, ihre Bedürf­ nisse und Anliegen werden nicht berücksichtigt. Das Konzept der Inklusion, wie es die UN-BRK vorsieht, ist weder auf Ebene des Bundes, der Kantone, der Gemeinden noch bei Behindertenorganisationen und -institutionen systematisch aufgenommen worden. Gerügt wird ebenfalls, dass die Schweiz Menschen mit Behinderung nur ungenügend vor Diskriminierungen schützt. Da­ für muss die Schweiz gemäss Ausschuss umgehend Massnahmen ergreifen. In der Pflicht sind hier sowohl die Gerichte als auch der Gesetzgeber auf Ebene Bund und Kantone. Zudem kritisiert der Ausschuss die gebräuchlichen Bezeichnungen. «In­ va­lidität» oder «Hilflosenentschädigung» wer­ten Menschen mit Behinderung ab. Ausschluss statt Inklusion Bis heute setzt die Schweiz vor allem auf institutionelle Wohnformen. Wer jedoch selbstständig wohnen will, stösst auf zahlreiche Hürden. Der Ausschuss fordert die Schweiz auf, ein kohärentes, flexibles und unkompliziertes Assistenzmodell als Ersatz für bisherige Unterstützungsbeiträge zu er­ arbeiten, das allen Menschen mit Behinderung den notwendigen Zugang zu Assis­ tenz gewährt.

Auch das Bildungssystem sowie der Arbeitsmarkt sind alles andere als inklusiv. Der UNO-Ausschuss rügt, dass Kinder viel zu oft an Sonderschulen unterrichtet werden, Erwachsene nur auf dem «geschützten Arbeitsmarkt» eine Anstellung finden. Solange die Arbeitgebenden kaum angepasste Arbeitsstellen schaffen und es an Un­terstützungsangeboten fehlt, kann kein inklusiver Arbeitsmarkt entstehen. Der Aus­­schuss ersucht die Schweiz, Massnahmen zu ergreifen, um die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem offenen Arbeitsmarkt zu erhöhen. Missstände wurden auch beim Thema Hin­ ­dernisfreiheit deutlich. Der UNO-Ausschuss verlangt eine Strategie, die über alle Verwaltungsebenen hinweg den barriere-

ZUSATZPROTOKOLL Neben der bisher mangel­ haften Umsetzung der UN-BRK hat die Schweiz auch das BRK-Fakultativprotokoll noch nicht ratifiziert. Trotz der Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Behin­ derung in der Schweiz also nicht die Möglichkeit, bei Verletzungen ihrer Rechte an den UNO-Ausschuss zu gelangen. Unterschreiben Sie deshalb jetzt die Petition und fordern Sie den Bundesrat zur Ratifizierung des Zusatzprotokolls auf! Jetzt unterschreiben www.zurecht.ch/petition

frei­en Zugang zu Gebäuden und Einrichtungen, öffentlichem Verkehr, Dienstleistungen und Informationen verfolgt. Nächste Schritte Per Ende 2022 haben Bund und Kantone einen Bericht zur Behindertenpolitik in Aussicht gestellt. Gemeinsam mit den Behindertenorganisationen soll daraus ein Aktionsplan entstehen, welcher die Prioritäten, die Zuständigkeiten, einen Zeitplan sowie das nötige Budget festhält. Die Empfehlungen des UN-Ausschusses sowie der Schattenbericht von Inclusion Handicap dienen dabei als Druckmittel, damit die UNO-BRK endlich umgesetzt wird. «Die Überprüfung durch die UNO hat einiges aufgedeckt, was gegenüber der Regierung Druck aufbaut. Ich hoffe, dass jetzt Dinge konsequent angepackt werden», sagt SPVDirektor Laurent Prince. Weitere Informationen www.zurecht.ch 9


WIR BEWEGEN

ZENTRALFEST

Wiedersehen macht Freude Am 27. August feiern wir in Neuchâtel unser beliebtes Zentralfest. Hoffentlich sind Sie mit von der Partie. Von Nadja Venetz

Wir freuen uns, Sie am 27. August wiederzusehen. Ganze zwei Jahre lang mussten wir auf ein Zentralfest verzichten. Die Gründe sind Ihnen bekannt. Umso grösser ist nun die Vorfreude. Die Kulisse ist beachtlich: eine tausendjährige Stadt, ein imposantes Schloss, ein glitzernder See mit Blick bis zu den Alpenkämmen. Wir treffen uns in Neuenburg. Unser Gastgeber ist der Rollstuhlclub Neu­ châtel, der mit dem Zentralfest zugleich auch sein 30-jähriges Bestehen feiert. Clubund OK-Präsident Fabien Bertschy lädt zum geselligen Beisammensein in die Eishalle «La petite patinoire du Littoral»: «Feiern Sie unseren Geburtstag mit uns und entdecken Sie unsere wunderbare Region.» Auf Sie wartet ein vielfältiges Programm mit Musik und Darbietungen und einer Handvoll Überraschungen. Dazwischen gibt es beim Apéro oder beim Essen ausreichend Zeit, um sich mit Bekannten von nah und fern auszutauschen. Gereicht werden Köstlichkeiten aus der Region. Auszeichnungen Bereits zum zweiten Mal vergibt die SPV die Benevol Awards. Auf der Bühne des Zentralfests werden Personen geehrt, die 10

sich über Jahre hinweg im Rollstuhlclub engagieren. Alle 27 Rollstuhlclubs durften hierzu eine Person aus ihren Reihen vorschlagen. Mit der Auszeichnung möchte die SPV die Freiwilligenarbeit stärken und den Scheinwerfer auf diejenigen richten, die ihre Energie, ihre Zeit und ihr Wissen in den Dienst des Rollstuhlclubs stellen.

des sportlichen Tages. Auf einer Leinwand verfolgen Sie live mit, wie der Tross vorwärtskommt. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung bereiten wir ihnen unter gros­ sem Applaus einen gebührenden Empfang und sind gespannt, was sie auf der Fahrt nach Neuenburg erlebt haben.

Doppelte Gewinnchancen Gleich zweimal gibt es am diesjährigen Zentralfest etwas zu gewinnen. Unser Spon­ sor Hollister führt erneut den beliebten Wett­bewerb durch. Attraktive Preise warten auf Sie. Sollten Sie leer ausgehen, versuchen Sie Ihr Glück an der Tombola, die der Rollstuhlclub Neuchâtel veranstaltet. Lose erhalten Sie vor Ort. Giro Suisse 2022 Etappenziel Zentralfest

Sportskanonen Im Verlaufe des Nachmittags trifft der Giro Suisse (Siehe S. 40) am Zentralfest ein. Die Handbikerinnen und Handbiker sind am Vormittag in Yverdon-les-Bains gestartet und freuen sich nach 43 Kilometern bestimmt über einen entspannten Ausklang

Anmeldung Die Einladung zum Zentralfest erhalten Sie Ende Juni. Bitte senden Sie uns Ihre Anmeldung bis spätestens 6. August 2022. Wir freuen uns sehr, wenn Sie dabei sind.

Informationen und Anmeldung www.spv.ch/zentralfest Paracontact I Sommer 2022


WIR BEWEGEN

NACHGEFRAGT

Laufen dank Elektrostimulation Querschnittgelähmte gehen wieder. Einem Forschungsteam der ETH Lausanne und der Lausanner Uniklinik ist das dank gezielter Elektroimpulse gelungen. Anke Scheel-Sailer, Leitende Ärztin Paraplegiologie des SPZ, ordnet diesen Erfolg ein. Von Nadja Venetz

Die Nachricht, dass Menschen mit Querschnittlähmung dank Elektrostimu­lation wieder laufen können, klingt nach einem Wun­der. Was hat es damit auf sich? Speziell entwickelte Elektroden werden ope­rativ an die Nervenwurzeln, eventuell über das Rückenmark positioniert, damit sie dort differenzierte Impulse abgeben. Durch die Weiterentwicklung die­ ser Technik ist es einem Team in Lausanne gelungen, dass drei Patienten nach mehrmonatigem Training und mit Hilfsmitteln wie ei­nem Rollator einige Schritte gehen kön­nen. Gelungen ist das aber auch dank den drei Probanden, die hochmotiviert und intensiv mitgearbeitet haben und zu­ dem über ei­ne aus­reichende Rumpfstabilität verfügen. Ohne deren Ausdauer und Anstrengung wäre das nicht geglückt. Wie lässt sich dieser Durchbruch einordnen? Ein Pilotprojekt ist da, um innerhalb einer definierten Gruppe die Machbarkeit zu zeigen; zu zeigen, das ist möglich. Und das ist den Forscherinnen und Forschern gelungen. Das ist genial. Es ist machbar, dass eine mittelhoch gelähmte Person durch Elektrostimulation wieder eine Gehfähigkeit erreicht. Für die breite Bevölkerung hat das aber in diesem Stadium noch kei­ ne direkten Auswirkungen.

­nierten Einsatz sind wir noch weit weg. Das Studienteam in Lausanne sucht natürlich im­mer wieder Proban­ ­den für die Entwicklung des nächsten Prototyps. Die­ Probanden dürfen keine wesentlichen Miterkrankungen ha­ ben, sie dürfen nicht zu alt sein, da­mit die Knochen nicht zu fragil sind, sie dürfen nicht zu viele Dekubitus und nicht zu viel Spastik haben, weil das sonst Proble­me gibt. Sprich, es müssen sehr gesun­de Menschen mit einer Querschnittlähmung sein. Und sie müssen Lust haben, sich stun­ denlang über Wochen und Monate in die­ se Rehabilitation zu begeben und das weiter auszuprobieren. Was könnten nächste Schritte sein in der Entwicklung? Mehrere Richtungen sind denkbar. Die Be­ mühungen können dahin gehen, die Steuerung der Bewegungsabläufe zu verbessern, damit das Gangbild besser wird. Ein nächster Schritt könnte auch sein, dass ver­

sucht wird, differenziert über die Haut zu stimulieren. Das würde die Technik etwa für die Rehabilitation einsetzbar machen. Aktuell ist ein operativer Eingriff notwendig, und das birgt immer Risiken. Und dann wird man sehen, wie weit man das nut­zen kann, etwa in Kombination mit ei­ nem angepassten Exoskelett und anderen Unterstützungen, die von aussen helfen. Welche Hoffnungen weckt ein solches Forschungsprojekt? Ich glaube, es stimmt zuversichtlich, dass Menschen mit dem Ziel forschen, irgendwann eine alltagstaugliche Unterstützung für Menschen mit einer kompletten Querschnittlähmung zu entwickeln, damit die­ se wieder gehen können. Da steckt viel Arbeit dahinter, die viel Respekt verdient. Aber es ist nicht so, dass nächstes Jahr alle Menschen mit einer Querschnittlähmung laufen können. Dennoch, ein solches Projekt nährt die Hoffnung und zeigt die Wahr­ scheinlichkeit, dass es eines Tages vielleicht mit anderen unterstützenden Massnahmen möglich ist. Und das ist toll!

Mit Rollator einige Schritte gehen

Welche Personen profitieren von einem solchen Projekt? Wie gesagt ist die Technik nach wie vor in der Entwicklungsphase. Von einem routi­ Paracontact I Sommer 2022

11


LEBENSBERATUNG

PFLEGEHEIM

Auf Umwegen nach Hause

Die Suche nach einer geeigneten Wohnung blieb erfolglos. Der Umbau der Mietwohnung konnte nicht fristgerecht beendet werden. Nicht selten bedarf es nach einem mehrmonatigen Klinikaufenthalt einer Übergangslösung.

Von Kathrin Huber Näf

Rupert Buschneg blickt auf ein langes Arbeitsleben im Hoch- und Tiefbau zurück. Er freute sich auf den wohlverdienten Ruhestand, der leider bereits nach drei Jahren getrübt wurde. Eines Morgens im November 2020 spürte er seine Beine nicht mehr, fühlte sich unwohl und stürzte im Badezim­ mer. Er wurde notfallmässig ins örtliche Spital eingewiesen. Nach intensiven Ab­­klä­

r­ ungen in verschiedenen Spitälern lautete die Diagnose Tetraplegie aufgrund einer Entzündung des Rückenmarks. Für ihn und seine Familie folgten Monate der Ungewiss­ heit. Zu Beginn konnte er weder die Beine noch die Arme und Hände bewegen. Nach dem Aufenthalt in der Akutklinik folg­te im Dezember 2020 die Verlegung ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ).

Der Aufenthalt in Nottwil fiel in die erste Welle der Coronapandemie, was eine zusätzliche Belastung bedeutete. Ihm kam in dieser Zeit seine Fähigkeit zugute, im Le­ben das Positive zu sehen und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Bis heute sind dank seines Optimismus, seiner Selbst­diszi­­plin und der Unterstützung durch die Phy­sio­ therapie kleine Fortschritte erkennbar.

Zwischenstopp Rupert Buschneg wohnte übergangsweise im Pflegeheim

12

Paracontact I Sommer 2022


Zukunft planen Das Thema Austrittsplanung wird in der Re­habilitation schon bald mit den Patientinnen und Patienten besprochen. Für die meisten kommt das Thema zu früh, es fällt in eine Zeit, in der vieles noch offen und un­klar scheint. Die Hoffnung auf eine voll­ ständige Genesung steht im Vordergrund. Da braucht es von allen Fachpersonen viel Fingerspitzengefühl, der Hoffnung Raum zu geben und dennoch die Zukunft realistisch zu planen.

Oft ist schwer einschätzbar, ob aufgrund der hohen Lähmung und des Pflegeaufwan­ des eine Rückkehr nach Hause planbar ist. Gerade wenn nachts unregelmässig Hilfe benötigt wird, kommt das Umfeld schnell an die Grenzen. Oft gestaltet es sich schwie­ rig, eine nächtliche Spitex mit unregelmäs­ sigen Einsätzen zu organisieren und zu finanzieren. Bei Rupert Buschneg zeichnete sich nach wenigen Monaten ein erfreulicher Verlauf ab. Die Rückkehr nach Hause mit geeigneter Unterstützung konnte geplant werden. Zeitnah führte das Zentrum für hinder­ nisfreies Bauen eine Begehung der Mietwohnung durch, in der Rita und Rupert Buschneg seit 34 Jahren wohnen. Die Abklärung ergab, dass ein Umbau möglich, aber mit hohem Aufwand und Kosten verbunden wäre. Aufgrund dieser Ergebnisse suchte Rita Buschneg eine neue Wohnung. Sie machte die schmerzliche Erfahrung, dass rollstuhlgängig ausgeschriebene Woh­ nungen meist auch angepasst werden müs­ sen oder die Mietzinsen ihr Budget spreng­ ten. Zur Enttäuschung, aus dem vertrauten Umfeld wegziehen zu müssen, mischten sich Zukunftsängste und Trauer. Im Gespräch mit dem Vermieter und den Nachbarn eröffnete sich die Möglichkeit, im selben Miethaus die Parterrewohnung zu beziehen. Die barrierefreie Anpassung der Parterrewohnung war einfacher, günstiger und nachhaltiger umzusetzen als bei der Wohnung in der dritten Etage. Die Mög­lichkeit, in der vertrauten Umgebung zu bleiben, ist für beide von grosser Bedeutung. Die Söhne wohnen in unmittelbarer Nähe und das Ehepaar profitiert vom sozialen Umfeld, das es sich während 40 Paracontact I Sommer 2022

Jahren aufgebaut hat. Dieses gute Umfeld wird ihnen ihr Leben zu Hause wesentlich erleichtern. Leider konnte die Wohnung bis zum Ende der Rehabilitation nicht fertiggestellt werden. Deshalb wurde als Übergangslösung ein Alters- und Pflegeheim mit geeignetem Pflegeangebot gesucht. Der Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich ist grundsätzlich für alle Betroffenen belastend; erst recht, wenn es nicht die gewohn­te Wohnumgebung ist. Rupert Buschneg beschreibt eindrücklich, dass der neunmo­ natige Aufenthalt im SPZ die Patientinnen und Patienten zusammenschweisst. Alle sind mit ähnlichen Problemen und Schick­ salen konfrontiert. Er fühlte sich in der Kli­ nik aufgehoben, getragen, geborgen, kann­te sein Betreuungsteam und konnte auf de­ren Kompetenz zählen. Mit dem Entscheid der Übergangslösung fühlte er sich, wie er mit eigenen Worten sagt, fremdgesteuert, ohnmächtig in einen Topf geworfen, in den er nicht hineinpasst, nicht wissend, was ihn erwartet. Im Alters- und Pflegeheim lebte er unter meist sehr betagten Menschen. Ein Austausch war schwierig bis unmöglich. Er fühlte sich einsam und empfand die Trennung von seiner Ehe­ frau noch schmerzlicher als in der Reha. Sich auf neues Pflegepersonal einzulassen, das in der Pflege von Tetraplegikern nicht geübt war, und das Wissen, dass zu Hause erneut ein neues Pflegeteam eingearbeitet werden muss, wie auch die Ungewissheit, wie lange die Übergangslösung dauert, war für ihn schwer zu ertragen. Sozialarbeiterische Intervention Die Wahrnehmung und Befindlichkeit, wie sie Rupert Buschneg beschreibt, ist sehr gut nachvollziehbar und deckt sich mit den Er­ fahrungen anderer Klien­ten. Wer sich vom vertrauten Leben verab­schieden, Träume loslassen und neue Vi­sio­nen entwickeln muss, ist auf professionelle Unterstützung angewiesen. Als So­zialarbeiterin weiss ich um die Wechselwir­kung von seelischen und körperlichen Be­las­tungen und gesellschaft­ ­lichen Rahmenbedingungen. Die Beratung und Begleitung soll Orientierungs-, Planungs-, Entscheidungs- und Bewältigungs­­hilfe geben unter Einbezug der vorhandenen Ressourcen.

Der Eintritt in ein Pflegeheim, wenn auch nur als Übergangslösung, ist für die Betrof­ fenen emotional herausfordernd und mit viel administrativem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Es muss geklärt werden, ob die Tagestaxe eigenständig getragen wer­ den kann oder ob es eine Anmeldung bei den Ergänzungsleistungen braucht. Sind alle sonstigen Sozialversicherungsansprüche angemeldet und eingefordert, alle Hilfs­ mittel vorhanden und finanziert? Wie kann der finanzielle Engpass überbrückt werden, bis die Leistungen tatsächlich fliessen? Die Berechnungen bei den Ämtern können bis zu fünf Monate dauern. Beim definitiven Austritt nach Hause stellen sich erneut Fra­gen zur Finanzierung der Spitex, der hauswirtschaftlichen Leistungen und der Existenzsicherung. Oftmals fühlen sich Be­ troffene alleine gelassen und kennen sich mit den ihnen zustehenden Leistungen nicht aus oder sie getrauen sich nicht, Leistungen zu beantragen, die ihnen von Gesetzes wegen zustehen. Neben der Sorge, nicht nach Hause gehen zu können, plagen sie Existenzängste und Unsicherheiten. Wie Rita und Rupert Buschneg betonen, war die Sozialarbeit der Klinik und nach Austritt die Soziale Arbeit der SPV bei der Bewältigung und Unterstützung dieser Fra­ gestellungen und Probleme äusserst hilfreich und entlastend. Das Angebot der lebenslangen professionellen Begleitung gibt ihnen Sicherheit, da sie wissen, wohin sie sich bei Bedarf wenden können.

Heimkehr in vertraute Umgebung

Anfang April 2022 kehrte Rupert Buschneg in die gemeinsame Wohnung zurück. Nun gewöhnen sie sich an den neuen Alltag. 13


Schutz durch 100% berührungsfreie Anwendung was Sie auch berühren, berührt nicht Ihren VaPro Einmalkatheter. •

Die Schutzhülse hilft, den Katheter vor Kontakt mit Bakterien in den ersten 15 mm der distalen Harnröhre zu bewahren und hilft, das Risiko eines Bakterientransfers in den Harntrakt zu reduzieren

•

Die Schutzfolie ermöglicht es, den Katheter überall anzufassen und stellt eine Barriere dar, die hilft, Keime vom Katheter fernzuhalten

Benötigen Sie weitere Informationen oder möchten Sie ein Testprodukt anfordern? Dann besuchen Sie uns auf www.hollister.ch/VaPro. Lesen Sie vor der Verwendung die Gebrauchsanleitung mit Informationen zu Verwendungszweck, Kontraindikationen, Warnhinweisen, Vorsichtsmassnahmen und Anleitungen. Das Hollister Logo und VaPro sind Warenzeichen von Hollister Incorporated. ©2022 Hollister Incorporated.

Switzerland / DE


LEBENSBERATUNG

TEILHABE

Inklusion – wovon genau ist die Rede? Die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung engagiert sich in der sozialen Integration und Inklusion von Querschnittgelähmten. Doch was bedeuten die Begriffe? Von Jacqueline Calame

Es geht nicht darum, die beiden Prinzipien soziale Integration und Inklusion gegenei­ nander auszuspielen, sondern darum, sich zu befragen, wie man für die und mit den Personen mit einer Rückenmarksverletzung den bestmöglichen Weg findet, um ih­ ren Bedürfnissen gerecht zu werden. Doch erst ­mal gilt es zu klären, was die Begriffe überhaupt bedeuten. Die verschiedenen Definitionen, die man in Wörterbüchern oder im Internet findet, sind zahlreich und differenziert. Wir von der Lebensberatung der SPV ziehen diejenigen Definitionen vor, die Inklusion mit partizipativen Mitteln als Bestreben zur Wei­terentwicklung der Gesellschaft verstehen. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Be­ hinderung, soll dadurch als der anerkannt werden, der er ist, und in diesem Sinne als gleichberechtigt betrachtet werden. Der Grundsatz der sozialen Gestaltung soll angewendet werden, unabhängig in welchem Bereich.

Das französische Nachschlagewerk «Le dic­ tionnaire Larousse» definiert Inklusion einerseits mit «Aktion, etwas in eine Grup­ ­­pe von Dingen, in das Ganze einzuschliessen», und andererseits mit «Zu­stand von etwas, welches in etwas anderem enthalten ist». Könnte man daraus ableiten, dass es einen Willen gibt, etwas zu bewegen? Dass etwas von aussen ins Innere gebracht wird? Könnte man Inklusion auch so verstehen, dass, wenn etwas einmal drin ist, es eingeschlossen oder darin enthalten ist? Zwei Ansätze, zwei Ziele Vom Konzept der Integration hin zur Inklusion ist ein Paradigmenwechsel. Soziale Integration verlangt von einer Person, sich der Gesellschaft anzupassen und sich in Bestehendes einzufügen. Bei der Inklusion werden jedoch Fähigkeiten und Bedürfnis­se des einzelnen berücksichtigt, da­mit die Gesellschaft die Umgebung so an­passt, dass alle ihren Platz finden. Die Ge­sellschaft hat sich anzupassen und nicht das Indivi-

Integration und Inklusion Illustration des Unterschiedes

optional

Integration

Paracontact I Sommer 2022

Inklusion

duum. Die Grundsätze und Zie­le der UNBehindertenrechtskonvention (sie­he Seiten 8–9) basieren auf diesem Kon­zept. Sie fordern ein Recht auf Bildung und den Zugang zu Informationen, zur Gesundheitsversor­ gung, zum Arbeitsmarkt sowie zu behindertengerechtem Woh­nen. Menschen mit einer Behinderung sollen aktiv und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben und diese mitgestalten können. Unser Engagement Die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung beteiligt sich an allen oben genannten Fragestellungen. Mit ihren verschiedenen An­ geboten stellt sie auf professionelle und integre Art und Weise den Betroffenen die bestmöglichen Instrumente zur Verfügung, um mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen. Stets denken wir jedoch über neue We­ge nach, um unsere Mitglieder noch bedarfsgerechter zu unterstützen. Denn nach wie vor stellt sich die Frage, wie unse­re Schweizer Sozialversicherungen die Fä­ ­higkeiten und Bedürfnisse von Menschen mit Rückenmarksverletzungen berücksich­ tigen, für welche die derzeitigen Arbeits­ plätze manchmal unüberwindbare Pro­b­ leme darstellen. So ist es beispielweise für gewisse Personen nicht möglich, die ge­ for­derten Arbeitszeiten einzuhalten, oder ihr Körper lässt es nicht zu, durchgehend in derselben statischen Haltung zu arbeiten.

Die Lebensberatung der SPV arbeitet aktuell ein Projekt zur sozialen Inklusion mit dem Fokus auf diesem Thema aus. Gerne informieren wir Sie zu einem späteren Zeit­ punkt mit konkreten Angaben. 15


RECHTSBERATUNG

RECHTSPRECHUNG

Pflegefinanzierung durch die Unfallversicherung Die Finanzierung der Hilfe und Pflege zu Hause durch die Unfallversicherungen, erklärt anhand der neusten bundesgerichtlichen Rechtsprechung.

Von Sandra Rodriguez, MLaw, Rechtsanwältin   /  Michael Bütikofer, MLaw, Rechtsanwalt und Notar

Die Frage der Finanzierung der bei unseren Mitgliedern zu Hause anfallenden Grundpflegekosten durch die Unfallversicherungen wird seit geraumer Zeit kontrovers diskutiert und beschäftigt das Institut für Rechtsberatung der SPV seit mittlerweile mehreren Jahren. Das Bundesgericht hat die Leistungspflicht der Unfallversicherer am 27. Oktober 2021 endlich näher geklärt. Ursprung und Entwicklung der Kontroverse Der Streit um die Finanzierung der Grund­ pflege durch die Unfallversicherungen hat seinen Ursprung in der Revision der Ver­ord­nung über die Unfallversicherung (UVV), welche am 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist. Diese Revision sieht im Wesentlichen vor, dass sich die Unfallversicherungen neu an den ambulanten Leistungen der Grundpflege, soweit nicht durch die Hilflosenentschädigung abgedeckt, beteiligen müssen.

Während zwischen dem IRB und den Unfallversicherungen nie strittig gewesen ist, dass Letztere vollständig für die Kosten der medizinischen Behandlungspflege aufkom­ men müssen, gingen die Meinungen bezüglich der Grundpflege weit auseinander. Seit der erwähnten Verordnungsrevision vertrat das IRB stets die Haltung, dass die Unfallversicherungen gestützt auf Art. 18 UVV verpflichtet sind, für die gesamten Kosten der Grundpflege aufzukommen und 16

sich die Versicherten nur dann an den Kosten für die Grundpflege beteiligen müs­ sen, wenn sie wegen der gleichzeitigen Zah­ lung einer Hilflosenentschädigung über­ ent­schädigt sind. Die Unfallversicherungen vertraten hingegen den Standpunkt, dass sie sich – mit wenigen Ausnahmen – nebst der Entrichtung einer Hilflosenentschädigung nicht zu­sätzlich an den Grundpflegekosten beteiligen müssen. Die Unfallversicherungen begründeten ihre Auffassung damit, wonach die Grundpflege mit den sog. alltäglichen Lebensverrichtungen, nach Mass­­ga­­be derselben sie eine Hilflosenentschä­di­­gung zahlen, deckungsgleich sei¹. Infolgedessen gehe ihre Leistungspflicht bezüglich der Grundpflege nicht über die Bezah­ lung einer Hilflosenentschädigung hinaus. Mit dieser Argumentationslinie blendeten die Unfallversicherungen insbesondere die Tatsache aus, dass die Hilflosenentschä­ digung nicht nur zur Finanzierung von Grundpflegeleistungen dient, sondern auch zur Deckung anderer behinderungsbedingter Ausgaben gedacht ist, wie bspw. Transportkosten. Die Rechtsauffassung der Versicherungen führte teils zu problematischen Ergebnissen: Belaufen sich die Grundpflegekosten eines Tetraplegikers pro Monat bspw. auf CHF 3500.– und beteiligt sich die Unfallversicherung an diesen Kosten lediglich

mit einer Hilflosenentschädigung schweren Grades von CHF 2436.–, verbleiben un­ gedeckte Grundpflegekosten von monatlich über CHF 1000.–. Es stellte sich also die drängende Frage, wer für diese ungedeckten Pflegekosten aufzukommen hat. Seit dem Inkrafttreten der revidierten Verordnung über die Unfallversicherung am 1. Januar 2017 äusserte sich das Bundesgericht bereits im September 2020 sowie im Februar und März 2021 zur Frage der ambulanten Pflegefinanzierung. Allerdings hat es sich in diesen drei Fällen nie zur Fra­­ge geäussert, in welchem konkreten Umfang sich die Unfallversicherungen an den Grund­pflegkosten zu beteiligen haben und inwiefern sich dabei die Versicherten ihre Hilflosenentschädigung an die Grundpflegekosten anrechnen lassen müssen. Erst im Oktober 2021, also mehr als vier Jahre nach der Verordnungsänderung, definier­te das Bundesgericht die Leistungspflicht der Unfallversicherungen genauer. Dabei folgte es im Wesentlichen der vom IRB ver­ tretenen Rechtsauffassung. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung In seinem Urteil vom 27. Oktober 2021 hielt das Bundesgericht zunächst fest, dass die Unfallversicherungen in einem ersten Schritt gehalten seien, den Grundpflege­ be­darf im Rahmen einer «sorgfältigen und um­ fassenden Abklärung» zu erheben. Denn, so das Bundesgericht weiter, die An­ Paracontact I Sommer 2022


nahme, dass die Grundpflegekosten «integral durch die Hilflosenentschädigung abgedeckt würden und bereits deshalb aus­ser Betracht zu fallen hätten, trifft nicht zu»². Damit erteilte das Bundesgericht der Auffassung der Unfallversicherungen, wonach sie sich über die Hilflosenentschädigung hinaus nicht an den Grundpflegekosten zu beteiligen haben, eine Abfuhr. Alsdann äusserte sich das Bundesgericht zur Frage, inwiefern sich die Versicherten ihre Hilflosenentschädigung an die Grund­ pflegekosten anrechnen lassen müssen. Diesbezüglich stellte es vorab fest, dass «nicht die gesamte Hilflosenentschädigung abgezogen werden soll»². Vielmehr sei von der Hilflosenentschädigung eine Quote «für die alltägliche Lebensverrichtung Fort­ bewegung» auszuscheiden². Damit stellte das Bundesgericht zutreffend fest, dass, so­ weit eine Hilflosenentschädigung an die Fortbewegung bezahlt wird, dieser Teil der Hilflosenentschädigung nichts mit der Grundpflege gemein habe. Das Bundesgericht setzte – bei einer Hilf­ losenentschädigung schweren Grades – die an die Grundpflegekosten anrechenbare Quote der Hilflosenentschädigung auf 85% fest. Mit anderen Worten muss die versicherte Person 85% ihrer Hilflosenentschädi­ gung schweren Grades, ausmachend rund CHF 2070.–, zur Deckung ihrer Grundpflegekosten verwenden. Das Bundesgericht spricht im Zusammenhang mit dieser Quo­te von einem gewissen «Schematismus»². Vorausgesetzt eine versicherte Person – was bei Rollstuhlfahrer*innen an sich immer der Fall ist – gilt in der Fortbewegung als hilflos, muss sie sich den auf die Fortbewegung entfallenden Anteil ihrer Hilf­losenentschädigung somit nicht an die Grundpflegekosten anrechnen lassen. Zusammenfassend kommt das Bundesgericht in seinem Entscheid vom 27. Oktober 2021 damit zum Ergebnis, dass sich der Beitrag der Unfallversicherungen an den Grundpflegekosten ausgehend vom gesamt­ haft anfallenden Grundpflegebedarf, abzüglich einer bestimmten Quote der Hilf­ losenentschädigung, bemisst. Damit steht nach der hier vertretenen Auffassung fest, dass die Grundpflegekosten, welche nach Paracontact I Sommer 2022

dem zulässigen Abzug der Hilflosenentschädigung verbleiben, vollständig zulasten der Unfallversicherungen gehen. Fazit Der Bundesgerichtsentscheid vom 27. Oktober 2021 ist in dreierlei Hinsicht positiv: Erstens stellt er klar, dass die Unfallversicherungen die Grundpflegekosten nicht mit der Bezahlung einer Hilflosenentschädigung als integral abgegolten erklären können. Zweitens steht mit dem Entscheid fest, dass sich die Versicherten die Hilflo-

senentschädigung nicht vollständig an die Grundpflegekosten anrechnen lassen müs­ sen. Und drittens verpflichtet der Entscheid die Unfallversicherungen, für die nach dem zulässigen Abzug der Hilflosen­ent­ schä­digung verbleibenden Grundpflegekosten voll­ständig aufzukommen. Bedauerlicherweise sehen die meisten Unfallversicherungen nach wie vor davon ab, den Bundesgerichtsentscheid anzuwenden. Die sog. Ad-hoc-Kommission Schaden UVG erlässt Empfehlungen zu Fragestellungen, die gesetzlich oder durch die Rechtsprechung nicht oder nicht abschlies­ send geklärt sind. In dieser Kommission sind die grössten Unfallversicherungen der Schweiz vertreten. Nach dem fraglichen Bundesgerichtsentscheid hat sich die Kom­ mission zwar zu Gesprächen hinsichtlich der Umsetzung des Entscheids getroffen, ist dabei aber offenbar noch zu keinen Er-

gebnissen gekommen. Dementsprechend hat die Kommission zuhanden der Unfallversicherungen noch keine Empfehlungen abgegeben. Dieser Umstand, verbunden mit der Tatsache, dass der hier in Frage stehen­de Bundesgerichtsentscheid vor über sie­ben Monaten ergangen ist, ist unverständ­lich. Im Interesse der Betroffenen bleibt deshalb zu wünschen, dass sich die Unfallversicherungen bald an die Vorgaben gemäss dem Bundesgerichtsentscheid vom 27. Oktober 2021 halten. Dies würde den Betroffenen

die nötige Planungs- und Rechtssicherheit bezüglich der Finanzierung der ambulanten Pflegekosten verschaffen. Dass es sich bei der Finanzierung von Pflegekosten um einen für die Betroffenen existenziellen As­­pekt handelt, braucht an dieser Stelle nicht näher betont zu werden. Umso mehr sehen wir die Unfallversicherungen in der Pflicht, sich endlich an die Vorgaben des Bundesgerichts zu halten und ihre Pflegeleistungen in Nachachtung dieser höchstrichterlichen Rechtsprechung festzusetzen.

¹ Zu den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen zählen die Körperpflege, das An- und Auskleiden, das Essen, das Aufstehen/ Absitzen/Abliegen, die Verrichtung der Notdurft sowie die Fortbewegung/Kontaktaufnahme; diese Verrichtungen sind mit der Grundpflege im Sinne von Art. 7 Abs. 2 weitgehend deckungsgleich. ² BGE 148 V 28

17


Schneller unterwegs mit dem neuen Modell SWT-1S. Jetzt Probefahren! Händler in Ihrer Nähe: www.swisstrac.ch

Selbstbestimmtes und behindertengerechtes Wohnen Unser Wohnangebot für Menschen mit Behinderung:

Ihr Ostschweizer Partner für Aktivrollstühle, Elektrorollstühle, Zuggeräte und Sportrollstühle.

– Moderne und helle Wohnplätze – Aussenwohnungen Naropa Reha AG Hauptstrasse 82a 9422 Staad T +41 (0)71 845 24 04 www.naropa-reha.ch

– Servicewohnungen Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte www.wbz.ch +41 61 755 77 77

www.rehatec.ch

Gesamtes Angebot mit individuellen Begleit- und Pflegeleistungen!

StimuLITE ® Kissen

Sitzstabiliät, Ventilation und Dekubitusschutz

Für

den

Auf W o p t i mal uns indiv StimuLI c®h änder e n S i tz: n T iduel len M E Kissen wir Ihr auf d asse ie Ihres Rolls tuhls ab.

Luftzirkulation lässt Feuchtigkeit verdunsten

Stimulite ® Contoured XS Kissen Weitere Kissen von Stimulite ® finden Sie auf unserer Webseite

Rehatec AG•4123 Allschwil•Tel. 061 487 99 11•office@rehatec.ch•www.rehatec.ch

18

Paracontact I Sommer 2022


RECHTSBERATUNG

ZWEITE SÄULE

Vorsorge Die berufliche Vorsorge ist für viele Versicherte ein Buch mit sieben Siegeln. Einige konkrete Beispiele. Von Agnès von Beust, Rechtsanwältin

Der Rechtsdienst der SPV stellt Ihnen exemplarisch drei rechtliche Situationen vor, die den Bereich der beruflichen Vorsorge betreffen. Der kurze Überblick reicht von den Voraussetzungen für den Anschluss an eine Pensionskasse über die Koordination von Versicherungs­leistungen bis hin zur oft gestellten Frage nach der Form der Leistungen im AHV-Alter. Mitgliedschaft und Invalidenrente Herr X arbeitet während der Wintersaison als Kassierer bei einem Skiliftunternehmen. Sein befristeter Arbeitsvertrag sieht einen Stundenlohn und eine Verpflegungs­ent­ schä­digung vor. Sein Lohn variiert je nach Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden; einige Lohnabrechnungen enthalten einen Abzug für die berufliche Vorsorge.

Acht Tage nach Ablauf seines Arbeitsvertrags wird Herr X invalid. Die Pensionskasse verweigert zunächst ihre Leistungen, da die Invalidität nach Ablauf des Arbeitsverhältnisses eintrat. Der erste Fehler. Denn tatsächlich sind die Versicherten bis 30 Ta­ge nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses versichert.

Nach dieser ersten Hürde richtet die Pensionskasse weiterhin keine Leistungen aus und stellt sich auf den Standpunkt, der Lohn von Herrn X habe nicht den Mindest­ lohn für Leistungen aus der zweiten Säule erreicht (im Jahr 2022 liegt diese Schwelle bei CHF 21 510.–). Hier ist zu beachten, dass der Lohn von Herrn X für die Winter­ saison auf ein Jahresgehalt hochgerechnet werden muss, um festzustellen, ob er diese Schwelle erreicht oder nicht. Im Fall von Herrn X liegt der in den Wintermonaten verdiente Lohn, der auf zwölf Monate annualisiert wurde, knapp unter dem erfor­ der­lichen Mindestlohn. Glücklicherweise übersteigt der annualisierte Lohn dank der von seinem Arbeitgeber erhaltenen Verpfle­ gungsentschädigung, die einen Bestandteil des (Natural-)Lohns darstellt, jedoch die Mindestschwelle. Nach Ansicht des Rechts­ dienstes hat Herr X somit sehr wohl Anspruch auf eine Invalidenrente von seiner Pensionskasse. Koordination von Versicherungs­ leistungen und Überentschädigung Bei Eintritt einer Invalidität ist es möglich, dass Herr X, der bei einem Unternehmen

angestellt und somit der beruflichen Vorsor­ge angeschlossen war, nicht nur Anspruch auf Leistungen der IV und der Un­ fallversi­cherung hat, sondern auch auf Leistungen der Pensionskasse. Es kann sein, dass in Fällen, in denen die Invaliden­ versicherung und die Unfallversicherung eine Invalidenrente ausrichten, die Auszah­ lung einer Rente durch die Pensionskasse zu einer sogenannten Über­entschädigung führt. Die Überentschädigung will verhindern, dass eine ver­sicherte Person nach Eintritt eines Invaliditätsfalles finanziell bessergestellt wird als davor. Wenn Invalidenrenten aus der IV, der Unfallversicherung und der Pensionskasse zusammengerechnet werden, übersteigt die Sum­me der an die versicherte Person ausbezahlten Renten oft die Höhe des Lohns, den sie vor Eintritt der Invalidität erzielte. Aus diesem Grund kann es sein, dass die Invalidenrente aus der beruflichen Vorsorge, die Herrn X zustehen könnte, nicht ausbezahlt wird. Pensionierung: Rente oder Kapital? Herr X., der eine volle Invalidenrente bezieht, erreicht das AHV-Alter. Wird er die Möglichkeit haben, das Alterskapital zu beziehen, oder muss er sich mit einer monatlichen Rente aus der Pensionskasse zufriedengeben?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Das Gesetz (BVG) sieht nämlich vor, dass das Altersguthaben in der Regel als Rente ausbezahlt wird, es sei denn, das Reglement der Pensionskasse erlaube einen Kapitalbezug. Was ist ein Reglement? Die Pensionskassen müssen die Bundesgesetzgebung über die berufliche Vorsorge einhalten, erlassen aber auch ein eigenes Regle­ment. Dieses ermöglicht es jeder Pen­sionskasse, den von der Gesetzgebung eingeräumten Spielraum zu konkretisieren und die Bedingungen für den Anspruch auf Versicherungsleistungen im Detail fest­ zulegen. Herr X muss daher das Reglement studieren, um festzustellen, ob der Kapitalbezug bei Vollinvalidität bei seiner Pensionskasse vorgesehen ist oder nicht.

Paracontact I Sommer 2022

19


MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

GESUNDHEIT

Mangelernährung – ein häufiges Problem

Ausgewogenes und genussvolles Essen und Trinken gehören zu einem gesunden Lebensstil. Worauf sollten Menschen mit Querschnittlähmung in ihrer Ernährung besonders achten? Von Teresa Brinkel, Kommunikationsverantwortliche SwiSCI

Daten der Langzeitstudie SwiSCI zeigen, dass Menschen mit Querschnittlähmung häufig mangelernährt sind: 40 % der Betrof­ fenen verlassen die Erstrehabilitation mit einem erhöhten Risiko für eine Mangel­ ernährung. Eine weitere SwiSCI-Teilstudie stellte zudem fest, dass fast alle Studienteil­ neh­men­den während der Erstrehabilitation ei­nen Mangel an Vitamin D aufweisen. Durch Man­gelzustände steigt nicht nur das Ri­si­ko für Erkrankungen, sondern auch für längere Intensivbehandlungen, mehr Beatmungstage und längere Spitalaufenthalte. Wer ist besonders betroffen? Die Studienautoren identifizierten folgen­de Personengruppen, die ein besonders hohes Risiko für Mangelernährung während der Erstrehabilitation entwickeln: Per­ sonen mit künstlicher Beatmung, Lungenentzündung, Dekubitus und Personen, die nicht selbstständig essen können. Generell haben Menschen mit einer Tetraplegie auf­ grund der höheren Rückenmarksläsion ein höheres Risiko für Mangelernährung als Personen mit einer Paraplegie.

Diese Situation ist problematisch, weil Men­schen mit Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen haben. Durchschnittlich leidet je­­de querschnittgelähmte Person an sechs bis sieben Begleit­erkrankungen. Dazu gehören Störungen der Darmfunktion, Harnwegsinfektionen und Druckstellen. Genau diese Erkrankun­­gen treten bei mangelernährten Personen noch häufiger auf.

auch bei übergewichtigen Personen vor. «Oftmals deutet eine Gewichtsabnahme auf eine Mangelernährung hin. Aber auch Übergewicht, das unter Betroffenen weit verbreitet ist, kann mit einem Mangel an essenziellen Nährstoffen einhergehen. Dies wird leider oft nicht erkannt», erklärt Irène Flury, Ernährungsberaterin am Schweizer Paraplegiker-Zentrum und Autorin der Studie.

Eine Mangelernährung kann aber auch als Folge einer Erkrankung – zum Beispiel ei­ nes Dekubitus – entstehen. Dies liegt zum einen am erhöhten Bedarf an Proteinen, zum anderen an der geringeren Zufuhr von Nährstoffen, weil Patienten in der Bettruhe oftmals keinen Appetit haben.

Wie erkennen Sie eine Mangelernährung? – Regelmässiges Wiegen hilft, einen plötz­ ­lichen Gewichtsverlust zu erkennen. – Kontaktieren Sie einen Arzt bei anhalten­der Appetitlosigkeit, ungewolltem Ge­wichtsverlust und/oder sehr einseitigen Essgewohnheiten. – Lassen Sie kritische Nährstoffe wie Vitamin D oder B12 regelmässig kontrol­lieren.

Die Mangelernährung kann also Ursache wie auch Folge eines medizinischen Problems sein, und sie kommt bei unter- wie Ernährung ausgewogen und gesund

Oft steht eine Mangelernährung im Zusam­ menhang mit der Rückenmarksverletzung selbst, denn durch sie hat der Körper ei­ nen erhöhten Bedarf an bestimmten Nähr­ stoffen. Betroffene nehmen häufig nicht genügend auf, zum Beispiel aufgrund von Appetitlosigkeit, Schluckstörungen oder weil sie auf Hilfe bei der Essenseinnahme angewiesen sind. 20

Paracontact I Sommer 2022


– Achten Sie auf die regelmässige Einnah­me von Supplementen, die Ihnen verord­net wurden. – Schärfen Sie Ihr Bewusstsein für den Zu­sammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit – insbesondere mit steigendem Alter. – Einseitige Diäten, Saftkuren oder längeres Fasten können sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken. Konsultieren Sie stattdessen lieber eine professionelle Ernährungsberatung. Tipps zur Ernährung Die Ernährung spielt nicht nur für unsere Gesundheit generell eine grosse Rolle, son­ dern beeinflusst das Darmmanagement, die Wundheilung und die Entstehung von Infektionen.

Der optimale Teller – Zusammenstellung der Mahlzeiten für Menschen mit Querschnittlähmung

© Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE Wissen, was essen. sge-ssn.ch

Ideales Verhältnis Der «optimale Teller» zeigt einerseits die Lebensmittel, aus denen sich eine vollstän­ dige Mahlzeit zusammensetzt. Anderer­­seits stellt er das Verhältnis dar, in dem jedes dieser Lebensmittel auf den Teller kommen sollte für eine ausgewogene Mahlzeit. Der Teller berücksichtigt den reduzierten Ener­ giebedarf, den die meisten Menschen im Rollstuhl aufgrund der geringeren kör­per­ lichen Aktivität haben (< 1800 kcal/Tag).

Es gibt weitere Gründe, die eine Anpassung der Ernährungsgewohnheiten bei Querschnittlähmung notwendig machen: – Die gewebespezifische Körperzusammen­setzung verschiebt sich: weniger Muskel-, dafür mehr Fettanteile. Dies hat einen ge­ringeren Grundumsatz zur Folge, führt schneller zu Übergewicht und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. – Darmfunktionsstörungen mit erhöhtem Risiko für Verstopfung und Inkon­ tinenz, aber auch Blähungen und Völlegefühl – Erhöhte Neigung zu Harnwegsinfek­ tionen – Erhöhtes Risiko für Dekubitus und Wund­heilungsstörungen

Die Proportionen basieren auf den Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) speziell für Personen mit reduziertem Energiebedarf. Der Unterschied zum «Standardteller» besteht in der Reduktion der stärkehaltigen Lebensmittel (Kohlenhydrate), weil diese vorrangig als Energielieferanten dienen. Mit der Erhöhung des Gemüseanteils wird der geringere Anteil an Kohlenhydraten kompensiert. Der Proteinanteil bleibt jedoch gleich.

Paracontact I Sommer 2022

Gemüse und Früchte: Reichlich, vielfältig und abwechslungsreich, z. B. roh, gekocht, Salat, zum Knabbern, als Suppe Stärkehaltige Lebensmittel: Reduziert, aber abwechslungsreich, z. B. Kartoffeln, Teigwaren, Reis, Polenta, Brot, Hülsenfrüchte, Quinoa, Amaranth

Die meisten Betroffenen sind körperlich weniger aktiv als vor der Querschnittlähmung. Sie verbrauchen deshalb weniger Energie – dies sollte mit einer entsprechend reduzierten Kalorienaufnahme einhergehen. Zugleich ist eine hohe Zufuhr an Mikronährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen wichtig. Ideal ist also eine Ernährung, die energiereduziert, aber nährstoffreich ist – und zugleich an den individuellen Bedarf der Person angepasst ist.

Wer häufig unter diesen Problemen leidet oder sich sehr einseitig ernährt, übergewichtig oder untergewichtig ist, sollte eine Ernährungsberatung in Erwägung ziehen.

Getränke: Am besten Wasser oder ungezuckerter Tee

Gerade jetzt im Juni und Juli haben viele Gemüse- und Obstsorten Saison. Sie können uns reichlich mit allen wichtigen Nähr­ stoffen versorgen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer leckeren Spargel-Poulet-Pfanne, Frittata mit Mangold und gerösteten Paprika oder einem feinen Erdbeer-Mousse auf Joghurt? Geniessen Sie die Vielfalt der Sommerküche! Damit tun Sie Ihrem Körper einen grossen Gefallen.

Eiweisshaltige Lebensmittel: Einmal pro Tag eine Portion, z. B. Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier, Käse, Tofu. Zu den anderen Hauptmahlzeiten ein Milchprodukt wie Joghurt, Käse, Quark, Hüttenkäse

ANGEBOT Suchen Sie eine Ernährungsberatung? Beim Schweizerischen Verband der Ernährungsberater*innen SVDE finden Sie eine wohnortnahe Beratung zu Ernährungsthemen, die nicht quer­schnittspezifisch sind. Dazu gehören zum Beispiel Übergewicht, Unverträglichkeiten oder Nahrungsmittelallergien. Eine ambulante Ernährungsberatung speziell für Menschen mit Querschnittlähmung bieten das Schweizer ParaplegikerZentrum SPZ, das REHAB Basel sowie die Rehabilita­tionsklinik Sion an. Neu kön­nen Sie sich im SPZ seit Februar 2022 auch für eine Darmsprechstunde anmelden. Sprechen Sie zunächst Ihre Hausärztin oder Ihren Paraplegiologen auf das Thema Ernährung an (für eine Verordnung) und klären Sie die Kostenübernahme mit der Krankenkasse ab.

Infos zur SwiSCI-Studie www.swisci.ch 21


HINDERNISFREIES BAUEN

UMBAU

Willkommen in der Oase

Der 61-jährige Zürcher Christian Roth lebt selbstständig in seiner Loftwohnung in Wald ZH. Das ist auch den baulichen Anpassungen durch das Zentrum für hindernisfreies Bauen zu verdanken. Von Peter Birrer

Die Tür steht offen, und mitten in seinem Reich wartet der Gastgeber. Er lebt nicht in irgendeiner Wohnung, die klassisch daherkommt mit drei oder vier Zimmern. Seine Heimat ist ein einziger Raum, fast vier Meter hoch, 160 Quadratmeter gross. Und einer, in dem sich ganz viele Geschichten verbergen. Christian Roth sagt sichtlich zufrieden: «Wer einmal hier gewohnt hat, möchte nicht mehr so schnell weg.» Christian Roth ist 61 und ein gebürtiger Zürcher, der vor zehn Jahren eine Seegemeinde in Richtung Oberland des Kantons verlassen hat. Als er erfährt, dass in der ehe­ 22

maligen Textilfabrik Bleiche in Wald Loft­ wohnungen ausgeschrieben sind, interessiert er sich dafür. Schliesslich hat er immer schon davon geträumt, einmal so leben zu können. Mit seiner Familie zieht er auf ein Gelän­de, das kontinuierlich an Attraktivität gewinnt und auch dank Hotel, Bar sowie Fitness zu einem populären Zentrum im Dorf wird. Der gelernte Innenarchitekt braucht keine Angewöhnungszeit in der ländlichen Gegend, und daheim kommt so schnell kei­ne Langeweile auf. Dafür sorgt die Einrichtung des neuen Daheims.

Baumhütte in der Wohnung Da sind Erinnerungen an Reisen in die Fer­ ne, ein Didgeridoo zum Beispiel, ein traditionelles Musikinstrument der australischen Ureinwohner. Da sind Trommeln und Federn, Figuren und Steine, viele Gegenstände, die Christian Roths Verbunden­ heit mit der indianischen Kultur belegen. Da ist auch eine kleine Baumhütte, erreich­ bar über eine Holztreppe, die heute noch den zwei erwachsenen Söhnen als Schlafgelegenheit dient. Oder da ist dieser mächtige Kakaobaum, der wunderbar zur Geltung kommt. «Zu all dem habe ich eine emotionale Bindung», sagt Christian Roth. Paracontact I Sommer 2022


Er hat vieles selber geplant und umgesetzt. Er liebt es vor allem, mit Holz und Leder zu arbeiten, er achtet auf Details, und der Gast bekommt das Gefühl, dass dadurch in jeder Ecke des Raumes Leben herrscht. Und dass das Einrichten nie wirklich ein Ende findet. Christian Roth will nicht einfach «in vier Wänden» wohnen, «mir ist die Umgebung sehr wichtig», sagt er, «für mich ist das meine Oase». Im Dezember 2020 erleidet Christian Roth aus dem Nichts einen Aortariss, wird im Uni­versitätsspital Zürich notfallmässig ope­ ­­riert und erhält danach die Diagnose: Tetraplegie. Es folgen lange Monate der Reha­bilitation im Schweizer ParaplegikerZentrum (SPZ) in Nottwil. «Man macht sich allerlei Gedanken darüber, wie es weitergehen soll», sagt er, «und ob es überhaupt weitergeht.» Er hat das Glück, dass er in ein starkes Umfeld eingebettet ist, sei­ne Familie und Freunde richten ihn immer wieder auf. Christian Roth macht Fortschritte Er ist auf den Rollstuhl angewiesen, aber die Nerven im Rückenmark sind nicht durch­trennt, was ihn sagen lässt: «Ich gebe die Hoffnung nicht auf, eines Tages wieder auf­recht und selbstständig gehen zu können.» Seit Dezember 2020 hat er Fortschrit­te gemacht, zwar meistens nur minime, aber es gibt welche, und das nimmt er als ermutigende Signale wahr.

Während seines Aufenthalts in Nottwil macht sich Christian Roth selbstverständlich auch Gedanken darüber, wie seine Wohn­situation in Zukunft aussehen wird. Er möchte natürlich zurück nach Wald, zu­ rück in seine Oase. Nur ist ihm auch bewusst, dass das ohne bauliche Anpassungen der Wohnung kaum möglich sein wird. Er lebt inzwischen allein und ist darauf angewiesen, dass er nicht ständig auf Hindernisse prallt, die er nicht oder nur unter grössten Anstrengungen überwinden kann. Er hat mit seinem beruflichen Hintergrund zwar sehr wohl eine Vorstellung, wie ein Umbau aussehen könnte und müsste. AlParacontact I Sommer 2022

Kreativ und unkonventionell Schlafzimmer und Küche

lerdings ist für ihn sofort klar, dass er da­ mit einen Architekten beauftragen will. Und da kommt das Zentrum für hinder­ nisfreies Bauen (ZHB) der Schweizer Para­ plegiker-Vereinigung ins Spiel. Bereichsleiter und Architekt Felix Schärer nimmt sich des Falls an. Schlafen hinter Schiebetüren Während Christian Roth in Nottwil weilt, macht sich Felix Schärer zusammen mit Er­ gotherapeutin Natalie Lammers am 11. Juni 2021 ein eingehendes Bild in Wald – auch vom Areal, um allenfalls den Zugang ins Haus zu erleichtern. «Ein spezielles Ambien­te», so der erste Gedan­ke des Architek­ten, «es ist sehr cool, was auf diesem Gelän­de alles entstan­ den ist.» Der grosse Vorteil der Loftwohnung: Sie befindet sich im Erdgeschoss. Und eben, das ist eine grosse Fläche, die frei von Schwel­len ist. Wenn Christian Roth zu Bett geht, kann er hinter sich zwei Schiebetüren schliessen.

Die grösste Veränderung in Christian Roths Loftwohnung, das ist rasch offensichtlich, betrifft das Bad – «den Raum im Raum», wie es Felix Schärer formuliert. Die Badewanne muss weichen, dafür wird eine bodenebene Dusche eingebaut, ebenso eine neue Toilette; eine breitere Tür wird angebracht, was auch eine Anpassung der GlasMetall-Konstruktion der Nasszelle erfordert; zudem erhält der Raum einen neuen Bo­den und neue Plättli. In technischer Hinsicht sieht sich Felix Schärer nicht mit einer komplizierten Auf­ gabe konfrontiert, diese Art von Umbau ist für ihn Routine. Aber es stellen sich weitere Fragen, zu deren Lösung die Verwaltung des Gebäudes beitragen muss. Sei­ ne Absicht: die Tür am Haupteingang automatisieren, Schwellen auf dem Weg zu Christian Roths Loftwohnung eliminieren, Rampen einsetzen. Die Parteien finden ei­-

ne Einigung und Felix Schärer beginnt mit der Planung des Umbaus. Hand­werker von acht Firmen aus der Region stehen ab Ende September 2021 während zwei Wochen im Einsatz. Das Wohnen ist noch wichtiger Was am Ende herauskommt, gefällt Felix Schärer – und es entspricht ganz dem Gusto von Christian Roth. «Eine super Lösung. Genau so habe ich mir das vorgestellt», sagt er. Im Herbst des vergangenen Jahres ist es so weit: Christian Roth kehrt vom Sempachersee nach Wald zurück und findet sich auf Anhieb mühelos zurecht. Er verbringt nun mehr Zeit daheim als vorher, darum ist ihm das Wohnen «noch etwas wichtiger geworden», wie er bemerkt.

Bis zum Aortariss hat er im Aussendienst gearbeitet, jetzt ist er oft in seinem Atelier auf dem Bleiche-Areal anzutreffen. Die Funktion seiner rechten Hand ist zwar ein­ geschränkt, aber das hindert ihn nicht daran, Lederprodukte anzufertigen: Hand­ taschen, Etuis oder Handyhüllen, die er auch zum Verkauf anbietet. Unübersehbar ist ein Boxsack, den er selber hergestellt und in der Wohnung montiert hat. Alles in allem ist Christian Roth mit seiner Situation höchst zufrieden. Optimieren liesse sich einzig die Küche mit unterfahrbarer Arbeitsfläche. Allerdings wurde aus Kostengründen vorerst davon abgesehen. Für Erleichterung sorgt immerhin ein neu­ ­er Vollauszug beim Backofen. «Für das Ko­chen benötige ich so oder so doppelt so lange wie vorher», sagt er, «es ist grundsätzlich alles aufwendiger mit dem Rollstuhl. Aber ich schätze mich glücklich, dass ich überhaupt wieder hier und weitgehend selbstständig leben kann.» Videoclip Felix Schärer und Christian Roth erzählen vom Umbau. 23


FREIZEIT

AUSFLUGSTIPPS

Burgfräulein und Schlossgeist Machen Sie eine Zeitreise und entdecken Sie die Schlösser der Schweiz. Wir verraten Ihnen, welche sich gut mit dem Rollstuhl erkunden lassen.

Von Yvonne Rölli

Schloss Burgdorf www.schloss-burgdorf.ch

Das 800-jährige Schloss Burgdorf ist ein Schloss zum Staunen, Speisen, Schlafen und Feiern und zugleich das Wahrzeichen von Stadt und Region. Die mächtige Zähringeranlage ist ein einmaliger Zeitzeuge und gehört zu den Baudenkmälern von na­ tionaler Bedeutung. Die Hauptetage beherbergt ein Museum, welches mit einem rollstuhlgängigen Lift sowie mit einem Treppenlift erschlossen ist. Dort ist die Mehrheit der Ausstellungsräumlichkeiten angesiedelt, die sich einer grossen Vielfalt an Themen aus der Geschichte der Region widmen. Ebenfalls

befinden sich dort auch mehrere Wunderkammern und der historische Schiltensaal. Sie wollten schon immer mal in einem Schloss nächtigen? Schloss Burgdorf ist nicht nur ein Museum, sondern auch eine Jugendherberge. Ein Zweibettzimmer verfügt über eine vollumfänglich hindernisfrei ausgestattete Nasszelle. Im Restaurant Schloss Burgdorf können Sie «tafeln wie die Herzöge». Die Gäste werden in gross­zügigen Räumlichkeiten und im Schloss­hof mit regionalen Köstlich­ keiten verwöhnt. Ein traumhafter Aus­blick über Burgdorf und das schöne Emmental ist Ihnen sicher.

Die Auffahrt zum Schloss ist mit Pflastersteinen belegt und die Steigung beträgt 16%. Aus diesen Gründen empfiehlt sich die Anreise mit dem Auto. Die Zufahrt ist nur mit Bewilligung erlaubt und muss vor­ gängig in der Jugendherberge angemeldet werden. Château de Prangins www.chateaudeprangins.ch

Das prächtige, den Genfersee überragende Schloss stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist heute der Westschweizer Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums. Das Gebäude hat fünf Dauerausstellungen und präsentiert jedes Jahr drei Wechselausstellungen. Die neue Dauerausstellung «Noblesse oblige! Leben auf dem Schloss im 18. Jahr­ hun­dert» entführt Sie in den Alltag einer Waadtländer Adelsfamilie. So erfahren Sie gleich, wie es im Schloss vor dreihundert Jahren zu- und hergegangen sein muss. Die Speisekarte des Schlosscafés im Westflügel ist vom historischen Nutzgarten inspiriert. Es ist der ideale Ort, um sich zwischen zwei Ausstellungsbesuchen zu stär­ken und einen kleinen Imbiss drinnen oder auf der gedeckten Terrasse zu sich zu nehmen.

Zum Château de Prangins gehört ebenfalls ein romantischer Park sowie der grösste historische Gemüsegarten der Schweiz mit über hundert alten Obst- und Gemüsesorten. Ein eigener Audioguide und eine detaillierte Karte helfen, die Besonderheiten dieses Gartens zu entdecken. 24

Paracontact I Sommer 2022


20 lebensgrosse Silhouetten berühm­ter Per­ sönlichkeiten wie Voltaire, Madame de Staël oder Joseph Bonaparte laden die Besucherinnen und Besucher zu einem Spaziergang im Park ein. Dieser Entdeckungspfad macht aus der Landschaft eine Aus­stellung und vermittelt nicht nur das kulturel­le, sondern auch das natürliche Vermächtnis von Château de Prangins. Schloss Oberhofen www.schlossoberhofen.ch

Die romantische Schlossanlage mit dem um 1200 erbauten Bergfried in Oberhofen am Thunersee blickt auf eine wechselvolle Besitzergeschichte zurück. Die neuenbur­ gisch-preussische Grafenfamilie de Pourtalès hat das Schloss 1844 gekauft und zur

Sommerresidenz umgebaut. Dadurch erhielt das Schloss sein heutiges Aussehen. Im Rollstuhl kann das Erdgeschoss besich­ tigt werden, wo sich der Garten- und der Speisesaal befinden und man auf die Schloss­terrasse gelangen kann. Auch das Restaurant Schloss Oberhofen ist barriere­ frei zugänglich. Das Schloss Oberhofen ist ein familienfreundliches Schloss und ein Erlebnis für Gross und Klein. Speziell für Kinder gibt es diverse Angebote wie das Verkleidungs­ atelier, den Mäusepfad, die Märchen-Hörstation und den Rittertrail. Der Schlosspark von Oberhofen gehört zu den prächtigsten Gärten der Alpenregion. Mit seinen markanten Baumgruppen, exo­ ­tischen Gehölzen, einem schattigen Lau­ ben­gang und farbenprächtigen BlumenParacontact I Sommer 2022

parterres ist der historische Landschaftsgarten eine ideale Oase zum Verweilen und Geniessen. Der Schlosspark ist bar­ rierefrei. Die Wege zum Park sind allerdings entweder mit Pflastersteinen oder mit Kies gedeckt. Um in den Park zu gelangen, kann man den Haupteingang nutzen. Die­ se Möglichkeit ist jedoch mit einem Anstieg verbunden. Ebenerdig in den Park kommt man durch den Eingang auf der gegenüberliegenden Seite via Wichterheer.

Verbinden Sie Ihren Besuch im Schloss Schadau mit dem Foxtrail «Castello kurz» der Region Thun. Dieser flache, seenahe und rollstuhlgerechte Trail beginnt stadtauswärts Richtung Gwatt. Stockalperschloss www.brig-simplon.ch www.stockalperstiftung.ch

Schloss Schadau www.schloss-schadau.ch www.foxtrail.ch

Ein weiteres Schloss am Thunersee ist das märchenhafte Schloss Schadau. Das Schloss und dessen Umgebung haben eine Geschichte, die bis in das Jahr 1348 reichen. In diesem Jahr wurde das Haus Schadau zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Im Juni 2019 eröffnete das Schloss nach einem Umbau als Hotel und Restaurant seine Tore. Vergangenes Jahr wurde das Schloss zum «Historischen Hotel des Jahres 2021» gekürt. Der 3,6 Hektaren grosse SchadauPark ist seit 1860 für die Öffentlichkeit zugänglich und einer englischen Gartenanlage nachempfunden. Der Schadau-Park und das Restaurant sowie das gesamte Erdgeschoss des Schlosses sind barrierefrei und eines der Hotelzimmer im ersten Obergeschoss ist rollstuhlgerecht eingerichtet. Das kulinarische Angebot im Schloss ist gross und reicht vom Schloss-Frühstück über ein Picknick im Park bis hin zum stilechten Afternoon-Tea.

Das Stockalperschloss mit den drei markanten Türmen befindet sich in Brig und wurde ab Mitte des 17. Jahrhunderts von Kaspar Stockalper vom Thurm (1609–1691) als Kaufmannsresidenz errichtet. Das barocke Schloss mit seinen drei Türmen ist heute Wahrzeichen der Region Brig. In sei­ nen Gemäuern befindet sich das Rathaus, ein Museum und verschiedene Veranstaltungsräumlichkeiten. Das Schloss kann nur mit einer geführten Tour besichtigt werden. Teilen Sie Ihre Bedürfnisse vorgängig mit und die Route kann entsprechend angepasst werden. Auf dem Rundgang lernen Sie den Hausherrn und Namensgeber Kaspar Stockalper kennen. Die Walliser vertrieben den reichen Kaufmann 1679 ins Exil nach Domodossola ins benachbarte Italien. Das Schloss selber verfügt über einen Lift, über diesen können der Rittersaal, der Bur­gersaal und der Gerichtsaal erreicht werden.

Interessiert? Informationen zu allen Schlössern finden Sie auf der Website www.dieschweizerschloesser.ch 25


,,Es war so eine Erleichterung, als ich meine Blasen- und Darmtherapie gefunden habe. Jetzt kann ich das Haus verlassen und beginnen, mein Leben wieder zu leben.“

...genau wie unsere Lösungen. Wellspect bietet mit LoFric® Einmalblasenkathetern und Navina™ Systems zur transanalen Irrigation innovative und wissenschaftlich erprobte Produkte an, die darauf zielen, Blasen- und Darmprobleme zu lindern und Ihnen so Ihre Freiheit zurückzugeben. Kontaktieren Sie uns und senden Sie uns eine E-Mail: info-ch@wellspect.com oder rufen Sie uns an unter +41 (0) 800 620 240

wellspect.ch

73689-DE-2021 © 2019 WELLSPECT. All rights reserved.

LoFric und Navina Anwender

BLASEN- UND DARMFUNKTIONS– STÖRUNGEN TRETEN HÄUFIG ZUSAMMEN AUF...

WELLSPECT verzichtet nicht auf jegliche Rechte an seinen Marken, indem es die Symbole ® oder ™ nicht verwendet.

Erfahren Sie mehr im Erklär-Video!

Sind Sie interessiert an einer Umschulung? Oder möchten Sie ohne Barrieren beruflich durchstarten? In der Stiftung Rossfeld bilden wir Sie zur/zum Kauffrau/Kaufmann EFZ und EBA aus. Stellen Sie aus dem modularen Angebot ein Ausbildungspaket nach Ihren Bedürfnissen zusammen:

rossfeld.ch/berufsbildung

– Gezielte Vorbereitung auf eine Ausbildung – Verschiedene Wohnangebote – Physio- und Ergotherapie – Abwechslungsreiches Freizeit- und Sportangebot

GBY.SWIS S

26

Paracontact I Sommer 2022


FREIZEIT

KULTUR

Jodel-Gottesdienst Im SPZ Nottwil treffen sich nach zwei Jahren Pause alle Interessierten zum ökume­nischen Gottesdienst. Gemeinsam führen die Seelsorge des SPZ, die Pfarrei Nottwil und der Jodlerclub Nottwil durch einen besinnlichen Sonntagmorgen. Datum 26. Juni 2022 Zeit 10.00–11.00 Uhr Ort Aula SPZ

AK TIVITÄT

Tanznacht Verbringen Sie einen schönen Abend bei guter Musik, feinem Essen und anschliessendem Tanz. Dank der Umstellung auf Winterzeit können Sie sogar eine Stunde länger tanzen. Datum 29. Oktober 2022 Zeit ab 18.00 Uhr Ort VEBO Genusswerkstatt Oensingen

AK TIVITÄT

Swiss-Trac-Ausflug Nehmen Sie am 3. September 2022 an unserem Swiss-TracAusflug teil. Wir starten in Rothenturm SZ und nehmen unter erfahrener Leitung eine schöne Rundwanderung unter die Räder. Ein gemeinsames Mittagessen ist inklusive. Datum 3. September 2022 (Anmelden bis 29. Juli 2022 www.spv.ch/veranstaltungen) Paracontact I Sommer 2022

HINWEIS

Bettmeralp-Weekend Alljährlich laden wir auf die Bettmeralp. Alois Schmid, Mitglied des RC Oberwallis, Das Programm ist aber immer ein ande- montierte während des Baus Elektroinstallationen im Tunnel. Seinen Verbindunres. gen verdanken wir die Besichtigung. Die Dieses Jahr besichtigen wir den Lötschberg-­ Führung dauert etwa drei Stunden. Wir Basistunnel in Goppenstein. Der 34,6 Ki- stei­gen bis zur Talsohle hinab, wo der lometer lange Eisenbahntunnel durchquert Gü­ter- und Personenverkehr fahren. Eine die nördliche Alpenkette und verbindet span­nende Entdeckung. Frutigen im Berner Oberland und Raron im Oberwallis. Interessiert? Das Bettmeralp-Weekend findet Dieser Basistunnel ist Teil der Lötschbergam 10. und 11. September 2022 Simplon-Achse, der Neuen Eisenbahn-­ statt. Anmeldeschluss ist der Alpentransversale (NEAT), die von Basel 20. August 2022. über Bern durch den Lötschberg nach Mai­ Informationen finden Sie unter land und Genua führt. www.spv.ch/veranstaltungen

REISEN/FREIE PL ÄTZE

Thailand Fliegen Sie mit uns ins Land des Lächelns Ein feuriges Curry oder doch lieber das und erleben Sie Thailand mit allen Sinnen. Nudelgericht Pad Thai? Thailands Küche ist einzigartig. Und erstaunlich einfach, Unsere Reise beginnt in Bangkok. Pracht- wie Sie von einem Spitzenkoch lernen. volle Tempel stehen hier neben modernen Dank dem Kochkurs lassen Sie Ihre Reise­ Wolkenkratzern. Tag und Nacht pulsiert eindrücke auch zu Hause aufleben. das Leben in der Millionenmetropole. Informationen zur Reise finden Sie in unIn Chiang Mai im Norden des Landes ist serem Ferienkatalog «ParaReisen» und auf das Tempo nicht ganz so hoch, die Tem- unserer Webseite spv.ch. Für Kurzentschlos­ peraturen nicht ganz so drückend. Viel los sene haben wir noch Plätze frei. ist allerdings am berühmten Nachtbazar. Bestimmt erliegen Sie den verführerischen Reisedaten 13. bis 26. November 2022 Gerüchen der zahlreichen Garküchen. 27


FREIZEIT

AUF REISEN

Ein Paradies mit Hindernissen Die griechische Insel Santorini – eine Feriendestination für Rollstuhlfahrer? Corinne Oehen hats ausprobiert. Von Gabi Bucher

Corinne Oehen reist viel und gerne. In ihrer Wohnung hängt eine Weltkarte, über­ ­sät mit unzähligen farbigen Fähnchen für all jene Orte, welche sie schon bereist hat. Im letzten Sommer konnte sie endlich ihre Kollegin überreden, dass sie sie nach San­tori­­ni begleitet. «Ich habe von dieser Insel wunderschöne Bilder gesehen, ich wollte da einfach mal hin.» Und ihre Kollegin habe auf Santorini gearbeitet, ken­ ne die Insel gut und habe dort Freunde, also ein Grund mehr, mit ihr dorthin zu fliegen. Ein weiter Weg Dass die Insel nicht wirklich sehr rollstuhl­ gängig sein würde, habe sie erwartet, meint sie. Ihr Hotel in Kamari versprach zwar ein Rollstuhlzimmer, «aber der Weg von der Re­zeption ins Bungalow zog sich ziemlich», erinnert sie sich. Glücklicherweise hatte sie ihren Swiss-Trac dabei. Auch sonst war nicht alles problemlos: Corinne, die nicht sehr viel Kraft in den Armen hat, hatte Mühe mit der Rampe, die ins Haus führte. Im Zimmer gabs wenig Platz, sie kam kaum am fix montierten Tisch vorbei und musste als Erstes schon mal umbauen. «Das Badezimmer war recht gross, aber mir fehlte ein Haltegriff bei der Toilette.» Am zweiten Tag hatte das Hotel aber einen Handwerker beauftragt, einen Handgriff zu montieren. «Sie waren sehr zuvorkommend, haben immer wieder gefragt, ob alles okay sei, ob ich etwas brauche.» Und sie seien auch dankbar gewesen für Co­ rinnes Tipps und Inputs. Aber Santorini müsse noch einen weiten Weg gehen in Sachen Rollstuhlgängigkeit. 28

Beim Hotel-Pool, an dem sie viel Zeit verbrachte, gab es weder Lift noch Rampe. «Mei­ne Kollegin und andere Feriengäste ha­ben mir jeweils ins Wasser geholfen.» Zum Strand hätte es zwar den Seatrac gegeben, diesen Sitz auf Schienen, welcher es Men­schen mit einer Mobilitätsbehin­de­ rung ermöglicht, ins Meer zu kommen. «Aber je­ner in Kamari war vorüberge­hend kaputt.» Um trotzdem herauszufinden, wie dieses Gerät funktioniert, organisierte Corinne den Schlüs­sel zu je­nem in Perissa. «Eine coole Sache», meint sie, trotzdem konnte sie sich mit den Stränden mit Lavasand nicht so richtig anfreunden. «Ich mag weis­sen Sand besser, da bin ich wohl etwas verwöhnt von anderen Destinationen», gibt sie zu. Getränk gefällig? Auf der Uferpromenade beim Hotel liess sich gut flanieren. «Es hat viele SouvenirShops und Tavernen.» Per Zufall sei sie dort auf ein Restaurant mit Rollstuhl-Toi­ lette gestossen. «Nur musste ich mir diese mit einer ganzen Armee Getränkekisten teilen», lacht sie. Corinne buchte eine «Ro­ ­man­tic Sunset Cruise», eine Bootsfahrt mit spektakulärem Sonnenuntergang, und nahm an einer Weindegustation teil. Und natürlich besuchte sie die Städte Fira und Oia. «Wir haben einen Ford Escort reserviert, aber als wir ihn abholen wollten, war nur ein Fiat Panda da.» Eine ziemliche Herausforderung mit Rollstuhl und SwissTrac. «Fira war wirklich wunderschön, aber nichts als Treppen und gepflasterte Strässchen. Ich bin dann mit dem Swiss-Trac irgendwie runtergehüpft, aber die Schläge,

die ich dabei einsteckte, waren nicht ideal.» Wirklich interessant sei das Museum «Lost Atlantis Experience» in Megalochori gewesen, das Interaktive Museum über die mythische versunkene Stadt Atlantis mit 9D-Film, Diorama und Hologrammen. «Es gab zwar Platz für einen Rollstuhl, aber ich wollte in einen dieser speziellen Sitze transferieren. Im Rollstuhl erlebt man nicht, wie es rüttelt und schwankt.» Beim Museum hatte es zwar einen Rollstuhl-Parkplatz, aber eine Stufe am Eingang. «Und in der Rollstuhl-Toilette hing die Schüssel irgendwie schief.»

Improvisationstalent ist gefragt

Corinne hat die Postkarten-Idylle gefunden, aber auch Probleme angetroffen, mit denen sie ein Stück weit gerechnet hatte. «Ich wollte Santorini sehen, ich habs gesehen. Es war eine tolle Erfahrung, eine wun­ derbare Insel, aber so wirklich empfehlen würde ich sie für Rollstuhlfahrer nicht.» Corinnes Reisetipps auf Instagram Coriii.aroundtheworld Paracontact I Sommer 2022


FREIZEIT

Sitz im Helikopter umgesetzt werden kann. Dabei helfen Pilotinnen und Flughelfer vor Ort gerne. Es gibt keine Liftvorrichtun­ gen für den Transfer. Das Angurten im Helikopter ist je nach He­likoptertyp verschieden. Informieren Sie sich dazu beim jeweiligen Anbieter. In der Schweiz gibt es viele verschiedene Helikop­ terunternehmen. Windwerk Winterthur www.windwerk.ch

FLUGANGEBOTE

Über den Wolken … ist die Freiheit grenzenlos. Daher haben wir Ihnen einige Angebote rund ums Fliegen zusammengestellt. Ab in die Lüfte! Von Yvonne Rölli

Gleitschirmfliegen www.wingsforpeople.ch

Auch im Rollstuhl lässt es sich lautlos durch die Lüfte gleiten. Gleitschirmfliegen ist mit viel Disziplin auch im Rollstuhl zu erlernen und in der Luft ohne jede Einschränkung möglich. Lediglich für den Start und die Landung ist ein gut zugängliches Gelände sowie mindestens ein Starthelfer nötig. Der Verein Wings for People pflegt ein Netz­werk an speziell geschulten Tandempiloten und vermittelt Tandemflüge in den Regionen Jura, Berner Oberland, Zug und der Westschweiz. Trotz Mehraufwand kos­ ­ten die Flüge gleichviel wie für Fussgänger.

Ihrem Tandempiloten bis zu 50 Sekunden lang den freien Fall, bevor er den grossen Fallschirm öffnet, um sicher zum Flugplatz zurückzufliegen. Während einer kur­ zen In­struk­tion durch den Tandempiloten werden der Sprung­ablauf, die Ausrüstung und das Verhalten am Schirm erklärt und geübt. Zwei Tandemmaster haben Erfahrung mit Sprüngen mit Paraplegikern. Sprünge sind möglich, wenn die Person genug Kraft in den Armen hat, um ihre Beine für die Lan­ dung anzuheben. Der Tandemmaster entscheidet vor Ort, ob mit dem Passagier gesprungen werden kann.

Fallschirmspringen www.psctriengen.ch

Helikopter www.helikopterflug.ch www.swisshelicopter.ch

In Triengen im Kanton Luzern werden Tan­ demsprünge aus einer Höhe von 4000 Me­ tern gesprungen. Dabei erleben Sie mit

Ein Helikopterflug ist ein aussergewöhnliches Erlebnis. Dieses ist möglich, wenn der Rollstuhlfahrer vom Rollstuhl auf den

Der Traum vom Fliegen, die Spannung vor dem Absprung. Und dann das unbeschreib­ liche Gefühl des freien Falls: All das erleben Sie beim Indoor Skydiving in Winterthur. Der Wind im Innern des Windkanals ist so stark, dass Sie in der Luft schweben. Ein Flug dauert jeweils eine Minute und kann in verschiedenen Paketen von zwei bis sechs Flügen gebucht werden. Es wird empfohlen, den Flug telefonisch zu reservieren. So kann das Team vom Windwerk auf die Bedürfnisse des Fluggastes eingehen. Voraussetzung für den Flug ist ein ­relativ stabiler Körper. Die Zeit wird erst gestartet, wenn der Flug auch wirklich los­ geht. Bringen Sie eine Begleitperson mit, welche Sie beispielsweise beim Umziehen unterstützen kann. Ultraleichtflüge www.merlin-adventures.ch

Ein Ultraleichtflugzeug ist ein kleines, sehr leichtes motorgetriebenes Luftfahrzeug für maximal zwei Personen. Manchmal scheinen die Wolken darin zum Greifen nah. Wohin und wie lange Sie fliegen wollen, wählen Sie vorab. Von einem 30-minütigen Flug bis hin zu einer Tagesreise ist alles möglich. Bei längeren Flügen gibt es Kaffeepausen und Mittagessen. Heissluftballon www.gruppoaerostatico.ch

Auf Initiative des Rollstuhlclubs InSuperAbili gibt es seit Mai letzten Jahres einen rollstuhlgängigen Heissluftballon. Interessierte melden sich bei GAT Gruppo Aerostatico Ticino.

Paracontact I Sommer 2022 29


30

Paracontact I Sommer 2022


FREIZEIT

WORKSHOP

Essen – gewusst wie Ernährung spielt in unserem täglichen Leben eine grosse Rolle. Im März leitete Bettina Senft den Kurs «Clever essen und trinken im Rollstuhl». Von Yvonne Rölli

Kursleiterin Bettina Senft ist seit einem Motorradunfall vor über 20 Jahren selbst Paraplegikerin und weiss genau, wovon sie spricht. Sie ist ausgebildete Ernährungsberaterin und arbeitet als Peer-Beraterin mit Schwerpunkt Ernährung und Darmmanagement am REHAB in Basel. Die Erwartungen der Teilnehmenden an den Nachmittag waren vielfältig. So wollten einige ihr Gewicht halten und trotzdem gesund und ausgewogen essen. Andere wie­ derum beschäftigten Verdauungsprobleme und Bauchschmerzen. Auch wie das Hungergefühl reduziert werden kann, interessier­te die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

rung und welche Rolle Entspannung spielt. Wie Bettina Senft erklärte, gilt es weniger Kalorien zu essen, aber gleich viele Vitami­ ­ne und Mineralstoffe zu sich zu nehmen. Alle Teilnehmenden hatten sich bereits vor­ her schon intensiv mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt. Der Kurs hat ihr Wissen einerseits bestätigt und andererseits Aspekte wieder in Erinnerung gerufen. Aha-­Momente gab es dennoch. Bettina Senft erläuterte, dass Speisen und Geträn­ke nicht zu kalt konsumiert werden sollten. Einem Teilnehmer fiel ein, dass sein Ma­ gen bei kalten Nahrungsmitteln jeweils regelrecht dagegen rebelliert. Er wird darauf achten, vermehrt warme Speisen und Getränke zu sich zu nehmen.

Ein Menü für Rollstuhlfahrer Neben allgemeinen Ernährungsempfehlun­ gen ging der Kurs spezifisch auf die Unter­ Zuckerfalle schiede für Personen im Rollstuhl ein und Die Kursleiterin zeigte anhand eines Bildes thematisierte eine darmfreundliche Ernäh­ mit aufgetürmten Würfelzuckern, wie v­ iel Zucker sich in gewissen Lebensmitteln ver­ steckt. Eine Teilnehmerin zeig­te sich erschreckt darüber. Sie vermutet, sie nimmt zu viel Zucker zu sich, das möchte sie jetzt ändern. Zudem gab Bettina Senft den Tipp, bei Hunger vermehrt Eiweiss in den Ernäh­ rungsplan einzubauen. Eiweiss macht länger satt. Die Teil­nehmenden pro­fitierten nicht nur von Bettina Senfts Fach­wissen, sondern schätz­­ten auch den Austausch un­ tereinander sehr. Die Idee entstand, den Kurs mit einem prak­tischen Teil in der Küche zu ergänzen. Dies wäre eine gute Möglichkeit, um das Gelernte gleich anzu­ wenden, auszuprobie­ren und gemeinsam ein feines Gericht zu kochen.

Der nächste Kurs «Clever essen und trinken im Rollstuhl» findet am 30.9.2022 statt. Paracontact I Sommer 2022

KAJAK

Auszeit auf dem See Eine geführte Kajaktour entlang steiler Felsküsten, ein Kurs auf dem Brienzersee oder ein entspannter Tag am Wasser, mit Abkühlung im Pool, saftigem Kuchen im Beach Café oder einem Drink auf der RooftopLounge. Das alles bietet die Hightide Kayak School GmbH in Böningen bei Interlaken. Die Kajakschule setzt sich stark dafür ein, Paddelsport für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen. Eine grosse Palette an Adaptionsmaterial macht ein Kajakerlebnis für alle möglich. So sorgen zum Beispiel hohe Rücken- und Seitenstützen für mehr Stabilität. Eine Paddel­halterung ermöglicht Personen mit wenig oder einseitiger Armkraft selbstständig zu paddeln und ein Ausleger verhindert, dass das Kajak kippen kann. Das Kajakfahren ist alleine oder in der Gruppe möglich. Beim ersten Mal empfiehlt sich eine Privatlektion, damit der Fokus auf der Person im Rollstuhl liegt und das Material opti­mal angepasst werden kann. Danach steht dem Abenteuer auf dem Wasser nichts mehr im Weg. Der Paddelsport ist ein grosser Spass für alle, ob mit oder ohne Behinderung und ganz unabhängig vom sportlichen Niveau.

Weitere Informationen www.hightide.ch oli@hightide.ch

31


ROLLSTUHLSPORT

SCHWIMMKURS

Aha-Erlebnisse im Wasser

Wie Kinder und Jugendliche das Schwimmen lernen – und warum sich für Teilnehmende auch eine weite Anreise lohnt: ein Augenschein im Hallenbad des Schweizer ParaplegikerZentrums. Von Peter Birrer

Lena lässt nicht locker. Die Achtjährige mit der blauen Badekappe hat eben ein ers­ tes Mal geübt, wie sie allein vom Beckenrand ins Wasser gelangt, beim zweiten Anlauf soll es noch besser funktionieren. Und wieso das Ganze nicht gleich ein drittes Mal wiederholen? Zwischen den Versuchen hört die Zweitklässlerin aus Malters aufmerksam zu, was Esther Zünd ihr erklärt, sie schaut genau hin, welche Bewegungen die Chefin des Schwimmkurses vormacht. Ein Kopfnicken von Lena. Weiter gehts. Ein Samstagmittag im März im Schwimmbad des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) in Nottwil. Drei Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung sind daran, ihre schwimmerischen Fähigkeiten voranzu-

treiben. Esther Zünd organisiert den Unterricht, der von der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) angeboten wird. Zur Seite stehen ihr ein halbes Dutzend Leiterinnen, die unentbehrlich sind.

ti­ne bewältigt, aber unverändert bleibt ih­re Hingabe. Für die Schwimm­instruk­ torin mit eidgenössischem Fachausweis vereinen Kurse in ihrem Lieblingssport viele Vorteile für alle, die ihn absolvieren.

Franziska Döhler, Selina Weisshaupt und Sina Lang vermitteln diesmal ihr Wissen und können eine 1:1-Betreuung anbieten. «Nur dank ihnen sind wir überhaupt in der Lage, solche Lektionen durchzuführen», sagt Esther Zünd und hebt sowohl die Flexibilität ihres Teams als auch den konstruktiven Austausch untereinander her­vor.

Da ist zum einen der Sicherheitsaspekt: Die Teilnehmenden werden mit Techniken ver­ traut, die ihnen helfen, sich im Wasser richtig und – idealerweise – selbstständig zu bewegen. Da ist zum zweiten der Thera­ pieansatz, Schwerelosigkeit zu erleben und auch das Selbstwertgefühl zu steigern. Und da ist zum dritten der Faktor Sport, das Kennenlernen und auch Verschieben der eigenen Leistungsgrenze. «Manchmal sind die Mädchen und Buben nach einem Training nudelfertig», sagt Esther Zünd. «Die intensive Stunde kostet verständlicherwei­se viel Energie.»

Mit Routine – und Hingabe Seit Jahren schon trägt die 53-Jährige aus Ebmatingen ZH die Verantwortung für die­ se Kurse, die sie zwar mit reichlich Rou­

Übung macht die Meisterin Esther Zünd und Lena

32

Paracontact I Sommer 2022


Sie und ihr Team kümmern sich liebevoll um den Nachwuchs unterschiedlichen Alters; Kindergärtler sind ebenso willkommen wie Jugendliche bis 18 Jahre. Zwischen Februar und November treffen sie sich jeweils am letzten Samstag des Monats zur Mittagsstunde in Nottwil, normalerweise acht Teilnehmende in zwei Gruppen. Die Leiterinnen gehen auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ein. Sie probieren viel aus und suchen nach immer neuen Lösungen. In den Kursen können auch Abzeichen erlangt werden, wobei Esther Zünd eines betont: «Es werden keine Geschenke verteilt. Jede und jeder muss sich ein solches Abzeichen erarbeiten.» Die Feedbacks der Leiterinnen Nach jedem Unterrichtstag wird schriftlich festgehalten, wer was gelernt hat, was gut und was weniger gut gelungen ist. Die Feedbacks werden allen Leiterinnen zugestellt und die gewonnenen Erkenntnisse fliessen in die nächsten Lektionen ein. In der Vorbereitung auf die Schwimmstunde wird definiert, wer in welchem Bereich geschult werden soll.

Fortgeschrittenen wird beispielsweise beigebracht, wie sie richtig atmen oder die Augen offen halten können. Aber es gibt auch Anfänger, für die alles mit der Wasser­ gewöhnung im kleinen Becken beginnt, das heisst, sie sollen die Scheu ablegen und auf spielerische Weise lernen, wie sich Bewegung im Wasser anfühlt. Nichts ist schöner und emotionaler als ein Aha-Erlebnis im Wasser: zwei Meter mehr als im letzten Training zurücklegen, ohne fremde Hilfe ins Wasser gelangen, erstmals tauchen – jeder noch so kleine Lernfortschritt ist ein Erfolg, den nicht nur die Teilnehmerin oder den Teilnehmer freut, sondern auch die Kursleitung, und der al­ len Beteiligten als Ansporn dient, nie nach­ zulassen. Schwimmen «wie die anderen» An Eifer mangelt es kaum. Noemi Studer ist eine Jungschwimmerin, die sich keine Stunde in Nottwil entgehen lassen will. 14 ist die Schülerin aus Kriens, sie liebt es, im Sommer mit Kolleginnen und Kollegen viel Zeit in der Badi zu verbringen. Paracontact I Sommer 2022

Noemi, die mit einer Cerebralparese zur Welt gekommen ist, möchte sich im Wasser bewegen können «wie die anderen», so sagt sie das. Die anderen – es sind die Kinder ohne körperliche Behinderung. Brustschwimmen ist Noemis bevorzugte Disziplin, darauf konzentriert sich die Siebt­klässlerin an diesem Samstag. Spass hat sie ausserdem am Tauchen. «Ich mag Sport», erzählt sie und berichtet davon, dass sie auch am Monoskibob interessiert ist. Wie das auf hohem Niveau klappt, hat sie mitbekommen, als sie die Paralympics in China verfolgte. Auch für Lena ist der Sport ein Vergnügen. Je stilsicherer sie im Wasser unterwegs ist, desto stärker wird ihr Selbstvertrau­en. «Sie ist eine Kämpferin», sagt ihr Vater Christian Iten, «sie schwimmt sehr gerne. Es gibt ihr ein Gefühl von Freiheit.» Beharrlichkeit zeichnet Lena aus, sie zeigt ei­nen starken Willen und grosse Lust, mit Fleiss stetig besser zu werden. Müde ist auch sie nach einem Kurstag, «aber zufrieden müde», wie Christian Iten anmerkt. «Sie fühlt sich in den Schwimmkursen sehr wohl.» Nathanael sammelt Abzeichen Dasselbe gilt für Nathanael Stutz, der in der Berner Gemeinde Boll daheim ist. Die Anreise nach Nottwil dauert zwar über ei­­­ne Stunde mit dem Auto, aber seine Mutter Barbara betont: «Ein vergleichbares Angebot wie dieses von der SPV gibt es in unserer Nähe nicht. Hier haben wir die Gewissheit, dass er richtig schwimmen lernt, weil man sich gezielt um ihn kümmert.»

Dass sich Nathanael immer wohler und sicherer im Wasser fühlt, ist für die Bernerin nicht zuletzt deshalb von grosser Bedeutung, weil es für sie im Sommer dazu gehört, Ausflüge auf der Aare zu unternehmen: «Es ist wichtig, dass Nathanael sich mög­ lichst selbstständig zurechtfindet.» Noch ist die Familie oft gemeinsam mit dem Gummiböötli unterwegs, aber eines Tages soll Nathanael selber mit Freunden den Spass in der Aare geniessen können. Furchtlos ist er, das zeigt er im Hallenbad, als er dynamisch ins Wasser springt. Dann zeigt er, wie gut er schwimmen kann. Vier

Ambitioniert Noemi (oben links) und Nathanael (unten) haben klare Ziele

Abzeichen hat er sich bereits verdient, für jedes einzelne hat er eine Prüfung ablegen müssen. Aber die Sammlung ist noch nicht komplett, drei fehlen noch. Ob er vor einem Test jeweils nervös ist? Kopfschütteln. Esther Zünd ist zufrieden, wie der Kurstag verläuft. Seit über 30 Jahren engagiert sie sich in der Ausbildung, der Schwimmsport wird sie noch lange begleiten. Die aus­ gewiesene Fachfrau, die früher als Athletin der Schweizerischen LebensrettungsGe­sellschaft SLRG an Weltmeisterschaften teilnahm, packt da an, wo es nötig ist. Eine ihrer Aufgaben besteht auch darin, Ängste zu nehmen, wie an jenem Samstag. Eine Mutter begleitet ihren Sohn zum Kurs. Der Bub hat Tränen in den Augen, er weiss nicht, was auf ihn zukommt. «Keine Sorge», sagt Esther Zünd zu ihm. «Du musst nichts tun, was du nicht willst. Du darfst ganz allein entscheiden.» Sie schaut ihn an, klatscht mit ihm ab. Kurz darauf ist der Bub im Wasser. Und strahlt.

Schwimmkurs 2023 Anmeldungen sind ab Dezember 2022 über unsere Webseite www.spv.ch möglich. 33


RUBRIK ROLLSTUHLSPORT

PARA TOP POTENTIAL

Luca Olgiati, Badminton 33-jährig, wohnhaft in Hausen im Aargau. Luca gehört zum neuen Athletenfördergefäss «Para Top Potential» von Rollstuhlsport Schweiz.

Dein Lieblingsessen? Lasagne. Am liebsten die Standard-Lasagne mit Fleisch und Tomaten. Dein Soundtrack fürs Training? In der Halle ist Musikhören etwas schwierig. Es läuft eigentlich nie Musik während dem Training. Deine Hobbys neben dem Badminton? Für andere Sachen bleibt kaum Zeit. Aber wenn, dann beschäftige ich mich am liebsten mit 3D-Druck oder Lego Technic. Das müssen unsere Leser unbedingt über dich wissen. Falls ich mal schlecht gelaunt bin, hab ich meist zu wenig gegessen. Ohne Essen läuft bei mir nichts. Netflix oder SRF? Weder noch. Ich schaue sehr selten TV und Netflix habe ich nicht. Insta oder Whatsapp? Klar Whatsapp. 34

CURLING UND RUGBY

Zweimal Premiere Rugby-Team an den World Games Seit mehreren Jahren steht das internationale Lowpoint-Turnier in Nottwil fest im Turnierkalender von europäischen RugbyTeams. Lowpoint findet zum ersten Mal auch im Programm der World Games ei­ Curling Mixed Doubles WM nen Platz. Vom 13.–17. Juli 2022 reisen acht Analog zum Fussgänger-Curling soll auch Teams in die USA, darunter auch die im Rollstuhl-Curling das Mixed-Doubles Schweiz. Die Schweizer sind in Nottwil jeab 2026 einen festen Platz im Paralympi- weils vorne mit dabei und peilen auch an schen Programm finden, weshalb nun die den World Games eine Medaille an. Denerste Weltmeisterschaft in dieser Disziplin noch ist eine Einschätzung zum jetzigen stattfand. Insgesamt 18 Teams waren vom Zeitpunkt schwierig, hat die Schweiz doch 30.4.– 5.5.2022 an diesem geschichtsträch­ noch nie gegen Japan oder die USA gespielt. tigen Event mit dabei, darunter auch die Wir drücken jedenfalls die Daumen! Schweiz mit Beatrix Blauel und Marcel Bodenmann. «Mit dem elften Platz von Mehr Infos 18 Teams haben wir leicht unter unseren www.worldcurling.org/events Erwartungen abgeschlossen», meint Na­ Rugby: www.theworldgames.org tio­naltrainer Stephan Pfister. Bereits im nächsten Jahr findet eine weitere Weltmeis­ Verfolgen Sie unsere Teams hier: facebook.com/RollstuhlsportEvents terschaft in dieser Disziplin statt.

Gleich in zwei Sportarten gibt es eine Premiere zu feiern. Die Curling-Mixed Doubles-WM in Lohja, Finnland und die Teilnahme des Rugby-Teams an den World Games in Birmingham, USA.

FOKUS

AUSBILDUNG

TK Powerchair Hockey

Programm

Über zehn Jahre Powerchair Hockey bei Rollstuhlsport Schweiz! Seit der Gründung der TK im Jahre 2011 leitet Frank Habersatter das Gremium mit viel Geschick und Weitsicht. Als erster Nationaltrainer hat Raphaël Mathis das Schweizer Team aufgebaut, sein Nachfolger Daniel Pulver strebt nun den Weltmeistertitel an. Der Spielbetrieb wird ebenfalls von ihm geleitet. Das Schiedsrichterwesen und die Klas­ sifikation laufen bei Michael Rosche zusam­ men. In beiden Bereichen ist die Schweiz dank den internationalen Vernetzungen bestens aufgestellt. Raphael Bachmann bringt die Sicht der Spieler in die TK ein.

Nutzen Sie die Gelegenheit und melden Sie sich noch im 2022 für eine Weiterbildung an! Wählen Sie aus zahlreichen spannenden Modulen aller Stufen. Ob in Französisch oder Deutsch, die Kurse können durch Teilnahme an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nottwil abgeschlossen werden. Übernachtungen im barrierefreien Hotel Sempachersee sind möglich.

Anmeldung www.spv.ch/ausbildung Paracontact I Sommer 2022


RUBRIK

HANDBIKE

Paracycling-EM Vom 25. bis 29. Mai fahren die besten Paracycling-Athleten in Oberösterreich um den Europameistertitel. Eingebunden in die Austria Tour finden an verschiedenen Austragungsorten die Wettkämpfe für Stehende und Handbiker statt (Staffel, Zeitfahren und Strassenrennen). Über 200 Teilnehmende aus rund 20 Na­­tionen kämpfen um die begehr­ten Medaillen und sind bestrebt, bereits erste Punkte für die Paralympics in Paris zu sammeln. Die EM ist zudem eine wichtige Standortbestimmung für die WM, die Mitte August in Kanada stattfinden wird.

TENNIS

World Team Cup Final Mit dem zweiten Rang an der World Team Cup (WTC) Quali­ fication hat sich das Damenteam im März für den WTC Final qualifiziert. Vom 2. bis 8. Mai 2022 kämpften die drei Schweizerinnen Gabriela Bühler, Angela Grosswiler und Annabelle Ribeaud in Vilamoura POR um den Ligaerhalt. Das Damen Team belegte den 11. Platz und muss sich aus der obersten Liga verabschieden. Nationaltrainerin Eva Stutzki ist überzeugt, dass das Team die Chance gehabt hätte, den Ligaerhalt zu schaffen, wäre das Team vollzählig gewesen. Leistungsträgerin Nalani Buob musste leider aus persönlichen Gründen auf eine Teilnahme verzichten. Paracontact I Sommer 2022

LEICHTATHLETIK

Überlegen zum Sieg Manuela Schär gewinnt zum zweiten Mal in Folge den Boston Marathon. Marcel Hug muss aus medizinischen Gründen zurückziehen. Mit einer Zeit von 1:41:08 brauste Manuela Schär überlegen zum Solo-Sieg. Gleich zu Beginn des Rennens konnte sie sich vom Feld absetzen und liess ihren Konkurrentinnen nicht den Hauch einer Chance. Susannah Scaroni büsste bereits über fünf

Minuten auf Siegerin Schär ein. Für die Krienserin ist es bereits der vierte Sieg auf dieser Strecke von Boston. Mit dem aktuel­ len Erfolg bringt sie sich auch wieder in Stellung für die Elite Series der Abbott World Marathon Majors. Für die 14. Ausgabe der Serie holte sie ihre ersten 25 Punk­te und zog mit Tsubasa Kina gleich. Vorerst folgt für die Leichtathletinnen und -athleten nun aber der Wechsel auf die Bahn.

BADMINTON

Neues Nationaltrainer-Duo Die ehemalige Top-Spielerin Karin Suter-­ Erath und Marc Lutz sorgen sich als Nationaltrainer darum, dass die Schweiz im Rollstuhl-Badminton vorne dabei ist. Dank «Tokyo 2020», wo die Sportart erstmals paralympisch war, erlebt RollstuhlBadminton einen Aufschwung. Damit die Schweizer Athletinnen und Athleten im in­ ternationalen Umfeld mithalten können, benötigt es professionelle Strukturen. Seit 1. Januar 2021 ist Marc Lutz Nationaltrai-

ner. Der 33-Jährige spielt seit über 20 Jahren aktiv Badminton und gibt seit zehn Jahren sein Know-how als Trainer weiter. Seit Anfang des Jahres unterstützt ihn Karin Suter-Erath als Co-Nationaltrainerin. Die bis dato erfolgreichste Rollstuhl-Badmintonspielerin trat nach den paralympischen Spielen vom Spitzensport zurück.

Mehr Infos zu Rollstuhl-Badminton www.badminton.spv.ch 35


ROLLSTUHLSPORT

SWISS SPORT INTEGRIT Y

Für sauberen Sport Seit Anfang Jahr ist Swiss Sport Integrity die Anlaufstelle für Ethikverstösse und Missstände im Sport. Doch wird das Angebot genutzt? Wir haben beim Verantwortlichen «Ethikverstösse» Markus Pfisterer nachgefragt. Von Linda Wiprächtiger

Die Stiftung Antidoping Schweiz erhielt per 1. Januar 2022 einen neuen Namen: Swiss Sport Integrity ist fortan nicht mehr nur für die Behandlung von Doping­ver­ stössen verantwortlich, sondern erweitert ihr Aufgaben­ gebiet und ist neu die ganz­­­­heitliche Meldestelle für Miss­ ­stän­de im Schweizer Sport. Damit erhielt der Schweizer Sport eine unabhängi­ge und si­che­­re An­ laufstel­le, um Ethik­ver­stös­se und Missstände schnellstmöglich auf­zudecken und zu beseitigen. Geleitet wird der Bereich «Ethikverstösse» bei Swiss Sport Integrity von Markus Pfiste­rer, dem ehemaligen Ge­ schäfts­­führer von Swiss Cycling und früher selbst Rollstuhlsportler des Swiss-Paralym­ ­pic-Ski-Teams.

Mission Sauberer Sport in der Schweiz Gefragter als gedacht Im letzten Jahr wurde zusammen mit dem Bund und Swiss Olympic eine Ressourcenplanung erstellt. Ein bis zwei Meldungen pro Woche waren die Annahme. «Wir sind am 1. Januar dieses Jahres gestartet 36

und zählen bereits 105 Meldungen für das Jahr 2022 (Stand Ende April). Das sind ein bis zwei Meldungen pro Tag», sagt Markus Pfisterer. Natürlich sei es manchmal nur ei­ne einfache Anfrage. «Dennoch, wir hätten niemals gedacht, so viele Mel­dun­­gen zu erhalten», sagt Markus Pfiste­ rer überrascht. Das Kernteam im Ethikbereich besteht aus vier Personen, eine weitere Stelle kommt bald dazu. Zusätzlich wurden die Rechtsund Vermittlungsabteilungen um je eine Stelle ausgebaut. «Es gibt sehr viele prozes­ suale Schnittstellen zu Antidoping. Die Ab­ läufe sind grössten Teils ähnlich», erzählt der 50-Jährige. Was ist okay, was nicht? Welche Fälle können eigentlich gemeldet werden? Swiss Sport Integrity küm­mert sich um Vergehen wie die Verletzung von psy­chischer, physischer oder sexueller In­ te­grität. Aber auch Ungleichbehandlung oder Diskriminierung gehören dazu. «Grund­sätzlich darf sich jede und jeder melden, welcher etwas im Kontext Sport erlebt hat. Auch bei Fragen oder Unsicherheiten stehen wir zur Verfügung», verspricht Markus Pfisterer. Besteht Handlungsbedarf? «Ja! Wir müssen das Bewusstsein der Leu­ te schärfen», ist sich Markus Pfisterer sicher. Nicht nur Sportlerinnen und Sportler, sondern auch Trainerinnen und Trainer, Club- und Verbandsverantwortliche müssen wissen, was okay ist und was nicht. Sie müssen wissen, wie sie sich verhalten können und dürfen und an wen sie sich

wenden können. «In unserer Kultur werden Situationen oft heruntergespielt. Deshalb braucht es das Bewusstsein von allen, wie weit man gehen darf und wo Grenzen überschritten werden», beharrt Markus Pfisterer. Wird ein mutmasslicher Verstoss gegen die Ethikbestimmungen gemeldet, macht Swiss Sport Integrity eine Vorabklärung, ob tatsächlich ein Ethikverstoss vorliegt. Gegebenenfalls wird ein Untersuchungsverfahren eröffnet. «Es braucht eine seriöse Abklärung. Wie viel ist überhaupt dran? Wer ist betroffen? Äussern sich die Betroffenen? Man muss immer sehr vorsichtig sein und auch das Wohl des Beschuldigten im Kopf behalten», erzählt der Aargauer. Swiss Sport Integrity erstellt einen Schlussbericht und legt diesen zusammen mit den Anträgen für eine Sanktion oder eine Ein­ stellung des Verfahrens der Disziplinarkammer zur Beurteilung vor. Professionalität als Prävention Auch im Rollstuhlsport nimmt die Professionalität zu. Markus Pfisterer begrüsst diese Entwicklung. Und er ist sich sicher: «Das ist ein wichtiger und notwendiger Schritt in die richtige Richtung. Es ist gut, professionelle Trainerinnen und Trainer zu haben. Diese haben auch entsprechen­de Ausbildungen und sollten daher feststel­ len können, wo allenfalls Grenzen überschritten werden.»

Mehr Infos Swiss Sport Integrity www.sportintegrity.ch Paracontact I Sommer 2022


ROLLSTUHLSPORT

«MOVE ON»

Neue Liebe Basketball Bea Stadler-Birrer lässt sich von ihrer Tetraplegie und der starken Sehbehinderung nicht bremsen. Dank «move on» hat sie eine sportliche Leidenschaft entdeckt. Von Peter Birrer

Es ist nur eine Trockenübung, aber sie sitzt. Bea Stadler-Birrer schnappt sich den Basketball, der im Wohnzimmer liegt, legt ihn sich in die linke Hand und imitiert einen Wurf. Sie ist ein Mensch, der eigentlich nicht ruhig sitzen kann, aber im Rollstuhl sitzen muss. Ein Mensch, für den der Sport seit je bedeutend gewesen ist. Dass sie zum Basketball gefunden hat, ist für sie eine glückliche Fügung in einer Zeit, in der sich ihr Leben drastisch verändert hat. Bea Stadler-Birrer ist ausgebildete Primarlehrerin und Schulleiterin, die drei bis vier­ mal pro Woche Sport treibt. Im Februar 2016 erkrankt die zweifache Mutter schwer. Lähmungserschei­nungen machen sich auf einmal be­merk­bar, auf dem rechten Auge schwindet die Sehkraft. Der Pro­zess lässt sich nicht aufhalten und macht aus der Frau eine Tetraplegikerin, die zu­dem die Sehfähigkeit des rechten Auges verliert. Das macht ihr besonders zu schaffen.

Die 48-Jährige lehnt sich gegen alle Wider­ stände auf und macht früh während ihrer Rehabilitation im Schweizer ParaplegikerZentrum (SPZ) klar: «Ich schaffe es mit dem Rollstuhl selbstständig wieder an den Bahnhof.» Nach enorm viel Mobilitätstrai­ ning legt sie den Weg tatsächlich mit dem Elektrorollstuhl und einem Blindenstock zurück. Heute findet sie sich immer besser zurecht. Erinnerung an Schulsportlager Optimismus und Zielstrebigkeit zeichnen Bea Stadler-Birrer aus. Als sie wieder über ausreichend Kopfstabilität verfügt, steht für sie fest: Sie will sich endlich wieder sportlich betätigen. Der Rollstuhl soll sie daran so wenig hindern wie das stark eingeschränk­te Sehvermögen.

Sie will herausfinden, was ihr Spass macht und für sie möglich ist. Also schreibt sie sich im Herbst 2021 für «move on» ein, das

«Move on» 2021 Bea Stadler-Birrer (r.) probiert Basketball und bleibt dabei

Sport- und Freizeitcamp der Schweizer Pa­ raplegiker-Vereinigung (SPV). In dieser Woche können Interessierte verschiedene Sportarten ausprobieren. Bea Stadler-Birrer denkt, dass drei Tage fürs Erste reichen, und entscheidet sich als Hauptsport für die Leichtathletik – eine alte Leidenschaft. Sie möchte je­doch anderes auch kennenlernen: Rudern, Tennis, Kajak, Powerchair Hockey und – Basketball. Die drei Schnuppertage vergehen schnell, aber Bea Stadler-Birrer kann drei weitere Tage anhängen. «Das Camp erinnerte mich an die coolen Schulsportlager», sagt sie. «Bei ‹move on› passte alles, von ausgewiesenen Trainern, lässigen Teilnehmerinnen bis zum top organisierten Programm.» Inzwischen fährt sie regelmässig Rennrollstuhl, dazu spielt sie Basketball bei den Hur­ ricanes in Nottwil und den Swiss Ladies. Das Erfolgserlebnis mit links Anfänglich fühlt sie sich ein bisschen über­ fordert, sie weiss nicht, wie es ihr gelingen soll, den Korb auf 3,05 Metern Höhe zu tref­ fen. Zumal sie, die Rechtshänderin, mit dem rechten Auge nicht mehr sehen kann. Sie zweifelt. Bis ein versierter Coach sie ermutigt, die Wurfhand zu wechseln. Sie übt. Und übt. Und trifft! «Solche Erfolgserlebnisse freuen und motivieren mich sehr», sagt sie. Drei Monate nach dem ersten Bas­ ketballtraining bestreitet sie ihre erste Partie mit den Swiss Ladies.

«Move on» war für sie ein Glücksfall. Ihr Rat für jene, die – wie sie damals – wieder Sport machen möchten: «Do it! Ausprobie­ ren! An seine Träume glauben! Und nicht das Gefühl haben, das klappe sicher nicht. Die vielen tollen Leute ermöglichen in die­ ser Woche so vieles.» Heute kann Bea Stadler-Birrer sagen: «Ich bin sehr glücklich und dankbar für meine neuen Möglichkeiten. Sport ist für mich nicht nur Bewegung. Er ist eine Lebens­art, verbindet Menschen und Passion. Schon eine kleine Prise bereichert mein Leben.» Vorschau Sport- und Freizeitcamp «move on» 2022 10. bis 15. Oktober in Nottwil

Paracontact I Sommer 2022 37


ERLEBEN SIE... ...GRENZENLOSIGKEIT MIT DEN NEUEN VORSPANN POWERGERÄTEN VON STRICKER! BEREIT FÜR EINE PROBEFAHRT? Weiherstrasse 20 4800 Zofingen Tel. 062 751 43 33 www.reha-hilfen.ch

Täfernstrasse 11 5405 Baden-Dättwil Tel. 056 493 04 70 info@reha-hilfen.ch

041 360 25 44 info@orthomedica.ch

Wir erleichtern Ihnen das Leben. Mit Sicherheit. Kontinenzversorgung ist Vertrauenssache. Wir bieten Ihnen dazu seit über 19 Jahren Kompetenz, erstklassige Produkte und persönlichen Service. Damit Sie sicher und mit Leichtigkeit das Leben geniessen können. Wir sind für Sie da.

InseratOrthomedicaParacontact182.128D.indd 1

38

Ortho Medica AG Grabenhofstrasse 1 Postfach 2242 6010 Kriens 2 Tel Fax

041 360 25 44 041 360 25 54

www.orthomedica.ch

23.06.2015 08:24:58

Paracontact I Sommer 2022


ROLLSTUHLSPORT

PARALYMPICS BEIJING

Die komplizierten Spiele In der Schweiz werden diese Spiele vom 4. bis 13. März 2022 als schwierige Spiele mit zufriedenstellenden Resultaten in Erinnerung bleiben – und als die Spiele, bei denen China dominant im paralympischen Wintersport ankam. Von Roger Getzmann

genannten «Zweifrontenkrieg» das Best­ mög­liche für unsere Delegation herauszuholen. Dieses Dream-Team war sehr wertvoll und hat einigen Schaden vom Team ferngehalten.

Paralympic Swiss Team zurück aus China

Dass Covid und der Umgang damit in China uns vor spezielle Herausforderungen stellen würde, war klar. Aber wie unberechenbar das Virus befällt, wie stark schwankend die Resultate bei ein- bis zwei­ maligem Testen pro Tag ausfallen können und wie unterschiedlich die verschiedenen chinesischen Stellen diese Resultate interpretieren, hat die Schweizer Mission verkompliziert. Unterkunft-Tetris Die Öffnungen in der Schweiz eine Woche vor Abreise haben die Situation erschwert. Gewisse Staffmitglieder konnten wegen po­sitiver Tests im letzten Moment nicht anreisen, andere wurden bei der Ankunft positiv getestet. Wer zweimal nacheinander einen positiven Test produzierte, wurde in ein Isolationshotel gebracht. Diese waren übrigens deutlich besser als die Befürch­ tun­gen im Voraus. Wer wechselnd positive und negative Resultate lieferte, musste im Einzelzimmer untergebracht werden, was auch für die Rückkehrer aus der Isolation nach zwei negativen Tests galt. Somit entParacontact I Sommer 2022

standen fast täglich neue Einzelzimmerbe­ dürfnisse und trotz intensiven Bemühungen mit dem Organisator konnten kaum zu­sätzliche Zimmer generiert werden. Beinahe täglich wurde die Zimmerliste über­ ar­beitet. Gewisse Staffmitglieder nächtigten während der Zeit in China in sechs ver­schie­denen Zimmern an bis zu vier verschie­de­nen Standorten. Top Betreuung Das Erfreuliche dabei, alle Tests bei den Athletinnen und Athleten fielen stets nega­ tiv aus. Und sie lebten auch sehr gut und optimistisch mit dieser Situation.

Auch das Leitungsteam und die Betreuer hatten sich der schwierigen Situation ange­ nommen. Engpässe durch Ausfälle wurden mit viel Eigeninitiative und Engagement kompensiert. Gute Lösungen wurden im­ mer schnell gefunden. Der Covid Liaison Officer Jochi Röthlisberger, unterstützt von der Chinesisch sprechenden Botschaftsvertreterin Karin Hess, schritt immer wieder motiviert zur Tat, um in einem von ihm

Schlussendlich beeinflusste weder die Covid-Situation noch die Osteuropakrise, die Russland kurz vor den Spielen anzettelte, die Leistungen der Schweizer Sportlerinnen und Sportler. Die fehlenden russischen Medaillenkandidaten wurden durch ein do­minantes China ersetzt. China gewann vorher erst eine paralympische Winter­ medaille (2018 im Curling), nun waren es 61 mehr, was Rang 1 im Nationenranking bedeutete. Sportlich selten begeisternd Sportlich kann die Mission als zufriedenstellend bezeichnet werden. Dank Bronze in der Abfahrt von Théo Gmür und einigen schönen Diplomen wurde die Medaillenprognose 1+ erreicht. Auch die Berichterstattung der Schweizer Medien und die damit erreichte Aufmerksamkeit für das Thema Behinderung waren sehr erfreulich.

Leider konnten die Leistungen der Roll­ stuhl­sportlerinnen und -sportler nicht ganz mithalten. Das Curlingteam war nach dem Ausfall des Skip und Unruhen im Vorfeld der Spiele in keiner einfachen Situation und der Knopf ging vor Ort leider nicht wie erhofft auf. Bei den Monoskibobfahrern konnte Murat Pelit nicht überzeugen. Aber die mutigen und ansprechenden Leis­ tungen des erstmaligen Paralympians Pascal Christen eröffnen spannende Zukunfts­ aussichten.

39


ROLLSTUHLSPORT

GIRO SUISSE 2022

Parlez-vous Handbike? Die dritte Ausgabe des Giro Suisse führt vom 23. bis 28. August in sechs abwechslungsreichen Etappen von Magglingen aus durch die Romandie. Von Nicolas Hausammann

«Ich habe mir wegen des Giro Suisse ein Handbike gekauft und meine Freude an der Bewegung im Freien entdeckt», meinte Daniela Moor lachend in die Kamera bei der letztjährigen Ausgabe der HandbikeTour. Was für ein Kompliment für einen Event, der sich genau das zum Ziel gesetzt hat, die Mitglieder der SPV für die sportliche Bewegung zu motivieren – regelmässig und lebenslang.

Magglingen als Ausgangspunkt für den Giro Suisse 2022 wurde deswegen nicht zufällig gewählt. Die inklusive Radtour star­tet oberhalb von Biel am Puls des Schwei­zer Sports, wo sich Romandie und Deutsch­schweiz treffen und wo diesen Früh­ling die erste Spitzensport-Rekrutenschule mit ei­nem teilnehmenden Rollstuhl­ sportler, dem Handbiker Fabian Recher, zu Ende ging. Ein Meilenstein sportlicher Inklusion in der Schweiz. Neben den sportlichen Höhepunkten auf den handverlesenen Etappen wartet der Giro Suisse auch mit diversen Highlights im Rahmenprogramm auf. In Fribourg wird der Giro-Tross beispielsweise die Eishalle von Fribourg-Gottéron erkunden und in Lausanne die Athletissima besuchen. In Neuenburg kommt es zur Vereinigung von Tour und Zentralfest, um die bewegende Seite der SPV ins Zentrum zu rücken. 40

Zahlenspiele Zwar ist der Giro Suisse eine «Genussfahrt», dennoch ziehen Sportlerinnen und Sportler ihre Befriedigung ja vor allem aus der Überwindung von Herausforderungen. Diesmal gilt es rund 3500 Höhenmeter zu überwinden auf dem Weg vom Bundesamt für Sport (BASPO) bis nach Lausanne und über Neuchâtel wieder nach Delémont. Pro Teilstück hat es Platz für rund 24 Teilnehmende. Insgesamt legen die Sportlerinnen und Sportler fast 300 Kilometer zurück. Egal ob mit oder oh­ne elek­trische Unterstützung, ob auf ei­ner Einzeletappe, auf mehreren oder gar auf allen Etappen, Giro-Teilnehmende erleben einzigartige Stimmung auf vielseitigen Strecken. Verlässliche Partner Damit die Teilnehmenden der Tour auch dieses Jahr wieder bestens ausgestattet und betreut sind, kann der Giro auf bewähr­te

Partnerschaften zählen. Die Bikes können vor dem Giro Suisse zum kostenlosen Bike Check zu Orthotec oder die Go-Tryke zu GBY gebracht wer­den. Sollte es unterwegs doch einmal zu einer Panne kommen, sind Orthotec und GBY mit ihrem rennerfahrenen Tour-Service zur Stelle. Die Tri­kots werden von Hollister zur Verfügung gestellt, und um die logistischen Heraus­ forderungen kümmert sich un­ser Partner Europcar. Wasser für die schweisstreibenden Etappen liefert Fizzy. Doch nicht nur die grossen Partner leisten einen Beitrag, denn auch für unsere Supplier ist der Giro Suisse längst zur Her­ zens­angelegenheit geworden, und so un­ ter­stützen uns weiter seit Stunde eins die Sport­­medizin Nottwil, Errea über den Teamsportstore, Bell Helme, Scatta, GBY und Caffè Chicco d’Oro. Ein grosses Dankeschön für dieses langfristige Engagement, das schon so manches Handbike-Herz bewegt hat. Durch diese Un­terstützung und dank eines hervor­­ra­gen­den Staff sowie den mitwirkenden Roll­stuhlclubs ist der Giro Suisse innert kürzester Zeit zum festen Bestandteil im Brei­­tensportprogramm von «Rollstuhlsport und Freizeit» geworden. MEHR DAZU Weitere Infos zu Etappen und Anmeldung sowie den GiroSuisse-Trailer finden Sie unter www.GiroSuisse.ch

Spannende Touren für entdeckungsfreudige Handbiker*innen Paracontact I Sommer 2022


ROLLSTUHLSPORT

POWERCHAIR HOCKEY

Hohe Ziele für Heim-WM Das Team von Headcoach Daniel Pulver hat sich für die WM in der Stadthalle Sursee vom 9. bis 14. August 2022 viel vorgenommen, um das Heimpublikum zu begeistern. Von Nicolas Hausammann

Die pandemiebedingten Absagen der letzten Jahre haben Auswirkungen auf den Mo­ dus des «IWAS Powerchair Hockey World Cup», wie die Weltmeisterschaft in Sursee offiziell heisst. Diesmal treten zehn – nicht wie üblich acht – Teams gegeneinander an. So wird dem Umstand Rechnung getragen, dass keine kontinentalen Qualifikationen stattfinden konnten. Die Stadthalle Sursee wird während sechs Tagen zum Eventtempel für Elektrorollstühle mit Sprintqualitä­ ten. Um die fahrerischen wie auch spielerischen Fähigkeiten der Athletinnen und Athleten noch besser in Szene zu setzen, wurde eigens für das Turnier ein Event­ boden angeschafft. Ein Crowdfunding-Pro­ jekt sorgte für die nötige Finanzierung. Selbstbewusste Schweizer Die Spieler und ihr grosser Staff gastieren allesamt im Hotel Sempachersee, und die Doppelsporthalle des Schweizer Paraplegi­ ker-Zentrums bietet hervorragende Bedin­ gungen, um sich jeweils auf die nächsten Partien vorzubereiten. Von diesen Trai­ nings­möglichkeiten hat die Schweizer Nationalmannschaft bereits in der Vorbereitung der Kampagne profitiert. «Alle unse­re Athletinnen und Athleten absolvierten rund 55 Trainingstage pro Jahr zusätzlich zu ihren Clubtrainings und den wöchentlichen Skillstrainings in Zürich. Auch wenn bereits das Aufgebot für die Nati eine gros­se Motivation darstellt, hat der Faktor ‹Heim-WM› noch einmal zusätzlich Schub gegeben», beschreibt Headcoach Daniel Pulver den Motivationsstand seines Teams.

An vergangenen Titelkämpfen fehlte jeweils wenig, um den Sprung in die ganz grossen Finalspiele schaffen zu können. EntspreParacontact I Sommer 2022

Schweizer Nati will an Heim-WM begeistern

chend brennt das Team dafür, diesen letzten Schritt in Richtung Weltspitze zu reali­ sieren. «Unser Ziel ist es, in die Finalspiele um die Medaillenplätze vorzustossen», erklärt Pulver selbstbewusst. Der Schwung des Heimpublikums soll nun in Zählbares umgemünzt werden. Doch die Konkurrenz ist gross und im ersten Titelwettkampf seit Anfang der Pandemie weiss keine Nation so genau, was sie von der anderen erwarten kann. Gemietete Sportgeräte Dominierend in der Sportart sind klar die Europäer. Kanada und Australien nehmen als Aussenseiter einen immensen logis­ tischen Aufwand auf sich, um am Turnier teilzunehmen. Man stelle sich vor, man fliegt zu einer WM, spielt aber in einem ge­ mieteten Elektrorollstuhl. Zwar stellt die Schweizer Marke «Degonda» spitzenmässige Elektrorollstühle zur Verfügung, den-

noch wird es eine Herausforderung für die Spieler sein, sich in dieser kurzen Zeit auf die Geräte mit ihrer unbändigen Power beim Beschleunigen wie Bremsen einzustellen. Schweizer spielen zur «prime time» Paralympisch ist Powerchair Hockey noch nicht, und es ist kaum abzusehen, welche der beiden Sportarten Football oder eben Hockey das Tauziehen für sich entscheiden wird. Die WM zuhause wird also vorerst genügen müssen, um die nächste Generation Schweizer Powerchair-­Hockeya­­ner zu inspirieren. Die Schweiz wird das Turnier am Abend des ersten Spieltags, am Dienstag, 9. August um 20.00 Uhr, so richtig lancieren. Mehr dazu Spielplan, Fotogalerien, offizieller WM-Trailer: pchworldcup.com 41


VERMISCHTES

TOURISMUS

Barrierefreie Bergbahnen Sörenberg ist für Monoskibobfahrerinnen und -fahrer ein beliebtes Ziel. Die Bergbahnen Sörenberg fördern nun auch den barrierefreien Sommertourismus. Bei der Erneuerung der Luftseilbahn auf das Brienzer Rothorn investiert das Unternehmen in weiträumige Zugänge, die auch für Elektrorollstühle und Vorspann-Zuggeräte geeignet sind. Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung unterstützt das Projekt.

FORSCHUNG

Studienteilnehmer gesucht Bekommen Sie genug Sonne? Viele Per­ so­nen mit einer Querschnittlähmung ha­ ­ben einen Vitamin-D-Mangel. Nehmen Sie jetzt an einer Studie teil.

Die Messungen beinhalten eine Blutentnahme, ei­ne Knochendichtebestimmung sowie Fragebögen. Pro Studienvisite erhalten Sie eine Aufwandsentschädigung von CHF 50–. So­fern gewünscht, werden Wir möchten den Einfluss einer zwölfmona­ die individuellen Ergebnisse nach Studien­ tigen Vitamin-D-Supplementierungen auf abschluss besprochen. Personen mit einer chronischen (>3 Jahre) sub-C4-Querschnittlähmung untersuchen. Während der Studie erhalten Sie zweimal monatlich ein Vitamin-D-Supplement oder ein Placebo. Drei bis fünf Mal werden Sie für 30–90 Minuten ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum nach Nottwil eingeladen.

Interesse geweckt? Anneke Hertig-Godeschalk Studienkoordinatorin Telefon 041 939 66 03 anneke.hertig@sportmedizinnottwil.ch

NEU IM CLUBPRÄSIDIUM

CFR Gruyère

CSFR Carouge Florent Nendaz

Annabelle Ribeaud

CFR Fribourg

RC Thurgau

Geburtsdatum: 13.3.1952 Beruf: CEO Consultant HR Hobbys: Sport und Trekking in den Bergen, Musik, Motorrad fahren Im Club seit: 2021 Aktuelle Projekte: Den Club mit neuen Ansätzen und ei­nem neuen Vorstand beleben, die Wünsche der Mitglieder anhören und aufnehmen, den Austausch mit anderen Clubs fördern, um neue Begegnungen und Sportmöglichkeiten zu schaffen Angebote des Clubs: Tennis, Badminton, Tischtennis, Museumsbesuche und Ausflüge

Geburtsdatum: 13.7.1996 Beruf: Sportlehrer und -coach Hobbys: Sport und Berge Im Club seit: 2020 als Trainer Aktuelle Projekte: Aufbau einer Sportcommunity, Wei­ terentwicklung des Clubs und Mitgliedergewinnung mit neuen sportlichen und kulturellen Aktivitäten Angebote des Clubs: Zwei Stunden Training pro Woche, vor allem Badminton ergänzt mit Konditionstraining, Mobilität und spielerischen Aktivitäten

Geburtsdatum: 10.9.1975 Beruf: Mediatorin und Vertrauensperson HR Hobbys: Tennis, Ski fahren, Kultur und Kulinarik Im Club seit: 2008 Aktuelle Projekte: Die Ak­ti­ vitäten des Clubs dynamisieren, mit Hilfe des neuen Vorstands neue Impulse geben und dabei auf die Erfahrungen des alten Vorstands setzen Angebote des Clubs: Basketball, Tennis, Polysport, Handbike, Ski, Aktivitäten im Freien, Tagesausflüge auf dem Wasser, kulturelle Ausflüge, gesellige Abende

Geburtsdatum: 4.11.1966 Beruf: Personalfachmann HF Hobbys: Handbiken, Reisen, Goalie im Unihockey, Lesen Im Club seit: 2004, 10 Jahre Leiter Kultur und Freizeit Aktuelle Projekte: Öffentlichkeitsprojekt TKB, Swiss Wheely Open, Chlausturnier, Kinoabend, Racletteplausch, Clubausflüge u. v. m. Angebote des Clubs: Zusätzlich zu den oben erwähnten sind dies unsere sportlichen Aktivitäten wie das polysportive Training und unser Uni­ hockeytraining im Club als auch im Team Suisse

Philippe Martinet

42

Urs Kläger

Paracontact I Sommer 2022


INTERVIEW PARAWATCH

Clubs in der Verantwortung Parawatch hat einen wertvollen Beitrag geleistet, damit in der SPV Exzesse gestoppt und ein Umdenken eingeleitet wurde. Parawatch spricht jedoch nicht für die schweigende Mehrheit der Mitglieder, wenn behauptet wird, dass die Schweizer ParaplegikerStiftung Spendengelder nicht dem Spenderwillen entsprechend einsetzt. Was diese Gelder über all die Jahre ermöglichten, ist schlicht phänomenal. Tatsache ist, dass viele Clubmitglieder sich nicht mit der Community identifizieren und sich nicht beteiligen. Dieses Problem ist mit der verlangten Wiedereinführung der Einzelmitgliedschaft nicht gelöst. Einzelmitglieder sind noch schwieriger erreichbar. Es ist Aufgabe der Clubs, ihre Mitglieder abzuholen. Die SPV kann hier nur unterstützen. Genauso ist es Aufgabe der Clubs, ihre Delegierten für die DV vorzubereiten. Ein DV-Stimmrecht für jedes Mitglied ist ein basisdemokra­ tischer Vorschlag, der letztlich nur dazu führt, dass sich Einzelne profilieren. Die Stimme der Clubs und ihrer Mitglieder wird damit nicht gestärkt. Ich gehe mit Parawatch einig, den Zentralvorstand als Verwaltungsrat zu sehen. Eine Professionalisierung ist nötig. Dies haben viele Clubverantwortliche und Mitglieder und nicht zuletzt der ZV längst erkannt. Leserbrief von Daniel Stirnimann, Clubmitglied

Paracontact I Sommer 2022

ÖFFENTLICHER VERKEHR

Doppelstockzüge SBB

Inclusion Handicap zog gegen die SBB und Hersteller Bombardier vor Gericht. Stein des Anstosses: die neuen Fernverkehr-Doppelstockzüge der SBB. Inclusion Handicap hatte vor dem Bundes­ gericht insgesamt neun Beschwerdepunkte geltend gemacht und teilweise recht erhalten. Im Raum stand die Frage, ob Menschen mit Behinderung den öffentlichen Verkehr selbstbestimmt nutzen können. In Bezug

auf den Ein- und Ausstiegsbereich der sog. Dosto-Züge kommt das Bundesgericht zum Schluss, dass bei heutiger Betrachtung ei­ne Rampe von max. 15 % an sich zulässig ist. Diese maximale Neigung hat die SBB nun aber bei sämtlichen Eingängen zu garantieren und nicht nur bei einem pro Zug. Dem Bundesgericht erscheint es nicht genügend sichergestellt, dass Menschen mit Gehbehinderungen tat­sächlich autonom ein- und aussteigen können. Dies müssen nun das Bundesamt für Verkehr und die SBB neu überprüfen.

SELBSTHILFE

Vereinsgründung HSP Seit Herbst 2021 ist HSP-Schweiz ein eingetragener Verein zur Selbsthilfe. Rund 60 Betroffene und Interessierte trafen sich im Schweizer Paraplegiker-Zentrum zur Gründung. HSP (Hereditäre Spastische Paraparese oder Spinalparalyse) ist eine erbliche dege­ nerative Erkrankung des Rückenmarks, die

zu einer schleichend progredienten Gangstörung aufgrund von Spastik und Schwäche der Beinmuskulatur führt. Bereits seit 2007 organisieren sich Betroffene in der Schweiz als Selbsthilfegruppe.

Weitere Informationen www.hsp-schweiz.ch 43


FOKUS

IM GESPRÄCH

Mit Hartnäckigkeit und Know-how ans Ziel

Die Juristinnen und Juristen der SPV kämpfen oft jahrelang für die Rechte unserer Mitglieder. Agnès von Beust und Michael Bütikofer sprechen über ihren Berufsalltag und über ihren Erfolg vor Bundesgericht. Von Gabi Bucher und Nadja Venetz

Am 27. Oktober 2021 erging ein wesentlicher Bundesgerichtsentscheid für unsere Mitglieder. Worum ging es? Michael Bütikofer: Seit dem Jahr 2017, das heisst seit Inkrafttreten des revidierten Un­ fallversicherungsgesetzes bzw. -verordnung liegen wir regelmässig im Streit mit den Un­fallversicherungen. Dies deshalb, weil sie sich auf den Standpunkt gestellt ha­ben, dass sie sich an den ambulanten Grundpfle­ gekosten von querschnittgelähm­ten Men­ schen lediglich mit einer Hilflosenentschä­ digung beteiligen müssen. Wir sahen dies jedoch von Anfang an anders und haben uns entsprechend und bis vor Bundes­ gericht gegen die Auffassung der Unfallversicherungen gewehrt. Mit Urteil vom 27. Oktober 2021 hat das Bundesgericht, mithin das höchste Gericht in der Schweiz, unsere Beschwerde gegen die Suva gutgeheissen und entschieden, dass sich die Unfallversicherungen in Zukunft zuzüglich zur Hilflosenentschädigung je nach Konstellation des Einzelfalles auch namhaft an den Kosten der ambulanten Grundpflege beteiligen müssen. Ein grosser Erfolg, seid ihr zufrieden? Agnès von Beust: Wir sind zwar dankbar für diesen Entscheid, aber er ist bittersüss. Unser Ansatz war, dass die Unfallversiche­ rungen dieselben Leistungen schulden wie die Krankenversicherungen. Das wäre für unsere Versicherten noch besser als die Lö­sung, die das Bundesgericht jetzt beschlossen hat. 44

Michael Bütikofer: Von den 100 %, die wir uns gewünscht haben, haben wir 75 % bekommen. So, wie wir argumentiert haben, hätten wir mehr bekommen können. Aber wir haben nun mindestens einen klaren Entscheid und können damit arbeiten. Wie ist es denn überhaupt zu den grossen Meinungsdifferenzen zwischen den Unfallversicherungen und euch gekommen? Michael Bütikofer: Ich sehe den Ursprung in einer ungenauen Formulierung von Art. 18 der Unfallverordnung. Der Verordnungsgeber hat es versäumt, diese in der Praxis wichtige Bestimmung präzis genug zu formulieren. Der Verordnungsgeber hätte genauer festhalten müssen, wie und in wel­ chem konkreten Umfang sich die Unfallversicherungen an den ambulanten Pfle­ge­ kosten zu beteiligen haben. So wie Art. 18 der Unfallverordnung heute formuliert ist, lässt er offenbar Raum für verschiedene Interpretationen. Dies führt natürlich zu Meinungsdifferenzen. Agnès von Beust: In diesem konkreten Fall war diese Meinungsverschiedenheit für mich schwer zu akzeptieren. Ich habe gesehen, wie die Betroffenen zum Teil wegen diesem Streitfall in ihrer finanziellen Existenz zu Hause bedroht waren: Wer zahlt die restlichen Pflegekosten? Wie kann ich mir diese Pflegekosten ohne genügende Hilfe der Versicherung leisten? Zudem war ich überzeugt, dass unsere juristische Auffassung die absolut richtige ist. Wenn ich so

überzeugt bin, vertrete ich diese Meinung bis ins Letzte. Meine Motivation ist in solchen Fällen sehr gross. Werdet ihr dieses Urteil noch weiterziehen? Michael Bütikofer: Nein, das können wir nicht. Wir müssten es nach Strassburg an den Europäischen Gerichtshof für Men­ schen­­rechte bringen. Das würde aber vo­ raus­setzen, dass wir beweisen können, dass mit diesem Urteil die Normen und Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt worden sind. Dieser Fall beschäftigt euch schon sehr lange. Ist das immer so in eurer Arbeit? Agnès von Beust: Ja, das passiert sehr häufig. Unser grösster Feind ist die Zeit. Die Be­ troffenen möchten sofort einen Entscheid, aber das können wir nicht bieten. Die Müh­ len der Justiz mahlen unglaublich langsam! Wir selber müssen innerhalb von 30 Tagen reagieren, aber die Verwaltung kennt kei­ ne solchen Fristen. Die kann sich mit ihren Entscheiden bedeutend mehr Zeit lassen. Das fällt auf uns zurück. Der Klient möchte wissen, was Sache ist, aber uns sind die Hände gebunden. Michael Bütikofer: Es gibt ein weiteres Problem mit diesen Verzögerungen: Wir machen eine Beschwerde, gelangen ans Gericht, dieses verlangt einen Kostenvorschuss, der wird bezahlt. Die Beschwerde geht an die Gegenpartei, damit sie darauf Antwort geben kann. Das dauert an die 30 Tage, Paracontact I Sommer 2022


Haben einen langen Atem Agnès von Beust und Michael Bütikofer

kann sich dabei aber mit Fristerstreckungs­ gesuchen auch verdreifachen, womit wir schon bei drei Monaten sind. Dann kommt die Antwort, die verbleibt vielleicht auch noch etwas beim Gericht, dann trifft sie end­lich bei uns ein, nach drei bis vier Monaten. Ich nehme also nach bis zu vier Monaten den Fall erstmals wieder hervor und muss mich neu damit befassen. Bis ein Fall durch alle Instanzen ist, muss man sich immer wieder neu einlesen. Das kann sehr aufwendig und manchmal mühsam sein. Wie bleibt ihr da motiviert? Michael Bütikofer: Da kommt der Ehrgeiz ins Spiel. Wenn ich weiss, dass meine Argumente überzeugend sind, gibt mir das genügend Motivation, dranzubleiben. Zu­ dem sehe ich immer auch den Betroffenen dahinter. Ich will seine Situation verbessern. Wir kämpfen nicht um Bagatellen, es

sind fast immer gerechtfertigte Rechtsstrei­ tigkeiten. Es ist motivierend, zu wissen, dass man etwas Gutes tun kann. Agnès von Beust: Wir akzeptieren die Spiel­ regeln und wissen, dass wir als Juristinnen nichts gegen diese Verzögerungen machen können. Das müsste man auf politischem Weg ändern. Jeder hat seine Mission auf Erden und unsere ist es, die Interessen unserer Mitglieder auf dem juristischen Weg bestmöglich zu vertreten. Wir müssen es unseren Klientinnen und Klienten einfach gut erklären. Wir tun, was wir können innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen. Das generiert bestimmt Frust bei den Klientinnen. Wie federt ihr das ab? Michael Bütikofer: Unsere Klienten sind anfänglich oft ungläubig, wenn wir sagen, wir müssten den Versicherungen die ihnen

zustehende Zeit lassen, aber meist verstehen sie es, wenn wir es klar aufzeigen. Entlastend wirkt sich jedenfalls der Umstand aus, dass wir uns für die Verzögerungen der Verwaltung nicht verantwortlich fühlen müssen. Agnès von Beust: Die Klientinnen sind häu­ fig wegen ihres juristischen Problems gestresst, haben Angst vor dieser unsiche­ren Situation (z. B. unklare Invalidenrente usw.), das verstehen wir. Wir hören ihnen zu, weil wir ihr Problem verstehen. Wir bedauern es jeweils, wenn die Verfahren so lange dauern und die Unsicherheit der Klienten anhält. Michael Bütikofer: Ich bin jedes Mal froh, wenn ich sagen kann, der Ball liege nicht bei mir. Agnès von Beust: Ich auch. Im Grossen und Ganzen sind unsere Mitglieder aber sehr geduldig und vertrauen uns.

Paracontact I Sommer 2022 45


Braucht es bestimmte Eigenschaften, um beim IRB zu arbeiten? Agnès von Beust: Als Anwältin muss man stressresistent sein, wir haben all diese Fristen. Man muss gut jonglieren können mit den verschiedenen Rechtsgebieten und verschiedene Themen im Griff haben. Oft ist man auch Psychologin – wir haben letzt­ lich mit menschlichen Schicksalen zu tun, obwohl dies natürlich nicht unsere Hauptrolle ist. Die Verantwortung ist gross, es geht um viel, das kann schwer auf den Schultern lasten. Das muss man aushalten. Michael Bütikofer: Was die Ausbildung betrifft, braucht es ein abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaft. Das Anwalts­ patent ist nicht unbedingt notwendig, aber eine willkommene und hilfreiche Zusatz­ qua­lifikation. Ein explizites Interesse am So­­zialversicherungsrecht ist eine Voraussetzung. Und im Unterschied zu Versicherungen oder den Gerichten sind wir Dienstleister. Wir schulden den Klientinnen Rechenschaft, sie dürfen etwas von uns erwarten. Das ist nicht nur einfach, unsere Klienten befinden sich in schwierigen Si­ tua­tionen, da braucht es Empathie. Und man muss die Bereitschaft haben, in der ganzen Schweiz unterwegs zu sein, physisch und prozessual. Auch wenn alle Kantone eigentlich dasselbe Prozessrecht ha­ ben, sind die Gepflogenheiten der Gerichte über­all etwas anders. Wie gestaltet sich die Suche nach neuen Mitarbeitenden? Agnès von Beust: Als wir jemanden suchten, der mich während meines Mutterschaftsurlaubs vertritt, hat sich niemand beworben. Nur durch Mund-zu-MundPropaganda hats dann ge­klappt. Die meisten sagen sich wohl, warum soll ich hier arbeiten, wenn ich es anders­wo einfacher haben kann. Es ist ein strenger Job, aber wie Michael sehe ich einen tiefen Sinn hinter meiner Arbeit. Michael Bütikofer: Es ist eine sehr vielfälti­ge Aufgabe. Einerseits vertreten wir die Mitglieder, andererseits bieten wir allen So­zialdiensten der vier Reha-Zentren in der Schweiz Schulungen an und unterstützen die Lebensberatung der SPV. Man muss al­­so auch vorne hinstehen können und Know-­­how weitergeben, das macht nicht je­der gerne. 46

Agnès von Beust: Wir sind nicht nur Anwälte, sondern eben auch für die Sozialberatungen und die Lebensberatung der SPV beratend tätig. Wie viel medizinisches Wissen braucht es? Michael Bütikofer: Ein medizinisches Studium ist nicht nötig, aber ein gewisser Sachverstand für Paraplegie ist sehr hilfreich. Natürlich gilt auch Learning by Doing, aber es ist wichtig, dass man die Tragweite einer Querschnittlähmung versteht. Wir ha­ben das Glück, mit einem Ver­trauensarzt zusammenzuarbeiten. Er hilft uns bei medizinischen Fällen, da wir auch Ärztehaftpflichtfragen bearbeiten. Ver­si­che­­rungs­vertreter verstehen meist we­­nig von Paraplegie. Oft kopiere ich anschauliche Arti­kel aus Zeitschriften und le­­ge sie der Eingabe bei, um auf diese Weise sensibilisieren zu können.

«Unser grösster Feind ist die Zeit» Welches war euer grösster Erfolg? Michael Bütikofer: Ich freue mich über jeden positiven Entscheid, aber jener vom Bundesgericht im Oktober 2021 schwingt schon obenaus. Es handelt sich dabei um einen zur Publikation vorgeseher Leitentscheid, was die grosse Tragweite unterstreicht. Das war wirklich ein schöner Erfolg, auf den wir in unserem Pausenraum angestossen haben. Agnès von Beust: Ich freue mich auch über jeden Erfolg. Ein Erfolg beim Bundesgericht ist jedoch besonders erfreulich, weil besonders herausfordernd zu erreichen. Ich hatte einen Klienten vertreten, bei welchem die IV die baulichen Anpassungskos­ ten seines Wohnhauses nicht übernehmen wollte. Die IV stellte sich auf den Standpunkt, dass die behinderungsbedingten Kosten bei der Erstellung des Wohnhauses von Anfang an hätten eingeplant werden sollen. Ich konnte dann jedoch glaubhaft darlegen, dass sich trotz guter Planung nicht alle behinderungs­bedingten Kosten vermeiden liessen. Das Bundesgericht ist meiner Auffassung gefolgt, was mich sehr gefreut hat.

Die Anzahl Dossiers steigt von Jahr zu Jahr. Worauf ist das zurückzuführen? Michael Bütikofer: Die lange Bearbeitung spielt sicher eine Rolle. Jede Person, die von Querschnittlähmung betroffen ist, wird ihr Leben lang mit Versicherungen zu tun ha­ ben. Dauerleistungen werden periodisch revidiert, der Gesundheitszustand verschlechtert sich, es entsteht im Verlaufe der Zeit ein Bedürfnis nach anderen Hilfsmitteln. So werden aus einem Fall durch die Jahre mehrere Fälle. Dann ist die Lebenserwartung von Querschnittgelähmten gestiegen, die Paraplegikerzentren haben mehr Betten und wir haben die Zusammenarbeit mit ihnen intensiviert. Das bedeutet mehr Klientinnen und Klienten. Wir haben auch die Zusammenarbeit mit der Lebensberatung der SPV stark intensiviert. Das Team ist sehr engagiert und professionell, geht auf die Menschen zu und führt jene mit Bedarf zu uns. Das alles generiert letztendlich mehr Arbeit. Was macht den Reiz eurer Arbeit aus? Michael Bütikofer: Ich bin jetzt elf Jahre hier und es gefällt mir immer noch. Mich reizt der Horizont, den wir hier haben, die Weiträumigkeit. Wir treffen Menschen in der ganzen Schweiz, führen Gespräche mit Frischverletzten und können mit ihnen etwas aufgleisen, das dann jahrelang weitergeht. Das ist vielfältig, intensiv, abwechs­ lungsreich und spannend. Agnès von Beust: Und wir sind hier im zweisprachigen Biel bestens aufgehoben, haben ein mehrsprachiges, gut funktionie­ rendes Team. Da ist keine Spur von Rösti­ graben zu spüren!

Institut für Rechtsberatung Zentralstrasse 47 2502 Biel Tel. 032 322 12 33 Paracontact I Sommer 2022


FOKUS

UNSERE HELFER

Die Erste, die morgens aufsteht Renate Kurmann ist seit sechs Jahren Physiotherapeutin und Betreuerin des Rugby-Nationalteams und Ansprechperson für viele sportliche Aspekte. Von Gabi Bucher

Renate Kurmann ist seit knapp 14 Jahren als Physiotherapeutin im SPZ tätig. Als ak­ tive Pferdesportlerin mit zwei eigenen Pfer­ den ist ihre Freizeit gut ausgefüllt. Darum war es auch nie ihr Ziel, sich im Rollstuhl­ sport zu engagieren, obwohl sie die Sportphysio-Ausbildung abgeschlossen hat. Ihre Arbeitskollegin Sybille Bühlmann, welche das SPZ verliess, um nach Haiti zu gehen, sah aber in Renate ihre perfekte Nachfolge­ rin, um die «Jungs» der Rugby-Mannschaft zu fördern und fordern. Und sie hatte den

Renate, von der Physio im SPZ …

richtigen Riecher, denn, wie Renate fast et­ was verlegen zugibt, es habe ihr «usinnig» den Ärmel reingenommen. «Ich mag Wett­kämpfe und gestalte gerne mit. Rugby ist Action pur und die Spieler sind inzwischen viel mehr als nur ‹Sportgspändli›.» Einsatz total Seit sechs Jahren hat Renate sich nun dem Rugby verschrieben und engagiert sich mit sehr viel Herzblut. Man spürt ihre Begeis-

terung für die Sportart und das Team. Zusammen mit einer Kollegin plant und betreut sie das Kraft- und Ausdauertraining der Athleten, engagiert sich in der TK, unterstützt bei Klassierungen, hilft bei Anpas­ sungen von Hilfsmitteln zum Training oder bei Vorrichtungen am Rugbystuhl. Als Phy­ ­siotherapeutinnen seien sie zudem Schnitt­ ­stelle zur Sportmedizin. «Wenn ein Athlet ein Problem hat, können wir uns gegensei­ tig austauschen.» Bei Veranstaltungen arbeitet sie in den OKs mit, kann aber während eines Wettkampfes auch me­dizinisch unterstützen, wenns um kleinere Verletzungen geht. Sie helfe überall dort, wo es Hilfe brauche. «Ich bin Mädchen für alles», meint sie, und fügt lachend an: «und an Turnieren bin ich auch ein bisschen Mami.» Eine Win-win-Situation Ob sie als Physiotherapeutin nicht manchmal in Frage stelle, was sich die Athleten auf dem Spielfeld antun? Natürlich leide sie manchmal mit, meint sie. «Wenn sie mit ihren stabilisierten Wirbelsäulen aufeinan­ derprallen, ist das nicht ganz einfach zum Zuschauen.» Andererseits findet sie es bewundernswert, dass sie so mutig sind und keine Angst haben, sich voll einzugeben. «Das hilft ihnen, sie sind fitter und werden selbstständiger.» Durch die Auswärts-Turniere habe sie auch sehr viel gelernt für ih­ ren Beruf. «Ich erlebe den Alltag der Roll­ stuhlfahrer ganz anders. Schade eigentlich, dass nicht mehr junge Mitarbeitende des SPZ solche Erfahrungen machen, das wür­ de ihnen guttun, man nimmt so viel Positi­ ves mit!» Es helfe ihr auch in der Reha von Frischverletzten. «Ich habe einen anderen Hintergrund, kann weitergeben, was alles möglich ist, und aufzeigen, dass man Ziele haben kann.»

Ein ausgefülltes Jahr Wenn Renate mit der Mannschaft verreist, sieht sie nicht viel von den Orten, wo sie spielen. «Als Physio ist man die Erste, die am Morgen aufsteht, und die Letzte, die zu Bett geht», meint sie. «Aber es fühlt sich

… direkt aufs Rugbyspielfeld

trotzdem anders an, man kommt aus dem Alltag heraus.» Als Kaderangestellte darf sie fünf Arbeitstage einsetzen für ihr Engagement, alles andere geht von ihrer Freizeit ab. «Dieses Jahr wird es durch den Mutter­ schaftsurlaub meiner Kollegin noch zeitin­ tensiver.» Und sie reise auch in die USA an die Rugby World Games. «Manchmal wirft man mir vor, dass ich auch meine Freizeit mit den Rollstuhlfahrern verbringe.» Für sie stimme es aber so, und solange es noch stimme, bleibe sie dabei! «Es gibt mir so viel, es ist eine totale Bereicherung, in je­ der Hinsicht.» Eine totale Bereicherung ist Renate umgekehrt für die Mannschaft, möge sie ihr noch lange erhalten bleiben.

Paracontact I Sommer 2022 47


Klaxon Zuggerät. Klaxon Zuggerät

Ankoppeln Ankoppeln mit Klick-Konnektor

Cockpit App Klaxon mit Avantgarde

Mit einem Klick zu mehr Unabhängigkeit Klaxon Klick Zuggeräte • Einfache Handhabung beim An- und Entkoppeln durch innovatives Verbindungssystem • Tempomat und einstellbare Fahrdynamik sorgen für mehr Fahreffizienz • Elektronisches Bremssystem erhöht die Sicherheit • Übersichtliches Farb LC-Display • Langlebige Lithium-Ionen-Akkus mit 48 V / 5,8 Ah (flugtauglich gemäss IATA) oder 11 Ah • Praktischer Ständer mit Gelenk • Tetra-Lenker optional wählbar • Kombinierbar mit vielen Rollstühlen

Lassen Sie sich von Ihrem Fachhändler beraten.

Otto Bock Suisse AG · Luzerner Kantonsspital 10 · 6000 Luzern 16 · T 041 455 61 71 · F 041 455 61 70 · suisse@ottobock.com · www.ottobock.com/de-ch

48

Paracontact I Sommer 2022


FOKUS

PARA WG

Neue Angebote ParaHelp erweitert die Angebote der ParaWG. Querschnittgelähmte können damit noch individueller und gezielter unterstützt werden. Von Antoine Barizzi, ParaHelp

Die ParaWG öffnete ihre Türen im Septem­ ber 2020. Seither haben nicht weniger als 21 junge Menschen mit Querschnittlähmung im Alter von 15 bis 28 Jahren in einer Wohnung in Schenkon (LU) gelebt; einige für wenige Monate, andere über ein Jahr. Von Anfang an war es ein grosses Anliegen, den persönlichen Bedürfnissen und den in­ dividuellen Zielen der Bewohnerinnen und Bewohner gerecht zu werden. Aus diesem Grund hat ParaHelp das Wohnangebot ab Juli 2021 um weitere Wohnstufen mit unterschiedlich intensiver Betreuung ergänzt. Unterstützung nach Bedarf ParaHelp koordiniert und organisiert das Wohnen in den ParaWGs. Das Angebot be­inhaltet drei unterschiedliche Betreuungsstufen: ParaWG Intense, Medium und Basic. Das Ziel aller drei Stufen ist es, die Selbstkompetenz und das Selbstmanagement von Menschen mit Querschnittlähmung zu steigern. «Intense» richtet sich an ein jüngeres Publikum und umfasst 70 Stun­­­den Betreuung pro Woche, aufgeteilt in Einzel- und Gruppentrainings. Dies be­ in­haltet Unterstützung im Bereich Pflege und der Organisation alltäglicher Tätigkei­ ten so­wie psychologische Beratung. Diese Stu­fe entspricht dabei dem ursprünglichen Angebot der ParaWG. Ergänzt wurde die ParaWG neu durch eine «Medium»- und eine «Basic I & II»-Stufe. Hier ist die Begleitung auf zehn beziehungsweise drei Stunden reduziert. Angesprochen werden Menschen mit Querschnittlähmung im Er­werbsalter, die vor ihrem Unfall einen eige­nen Haushalt geführt haben. Zur Verfügung stehen Studios und Wohnungen in Nottwil. Viele Klientinnen und Klienten ab­solvieren zum Zweck der beruflichen Paracontact I Sommer 2022

hinsichtlich psychischer Verarbeitung seines Schicksalsschlags habe ihm die Wohngemeinschaft sehr geholfen. Derzeit profitiert er vom schweizweiten Angebot «Ba­sic II» und lebt mit seiner Mutter in seiner ei­genen Wohnung. Das Team der ParaWG ist einmal pro Woche vor Ort, um Mirco Kempf zu unterstützen und seine Autonomie weiterhin zu trainieren. Das Wohntrai­ ning der ParaWG kann er nur empfehlen. Pascal Moser Teamleiter

(Re-)Integration ei­ne Massnahme bei ParaWork im SPZ und haben somit die Möglichkeit, in der Nähe von Nottwil zu wohnen. Auf «Basic II»-­Stufe ist es sogar mög­lich, in den eigenen vier Wänden zu leben. Ein Team der ParaHelp betreut und unterstützt. Das Angebot gilt schweizweit in enger Zusammenarbeit mit den Paraplegikerzentren der Schweiz. Stufenweise zur Selbstständigkeit Mirco Kempf (24) hat als Erster in allen drei Stufen gewohnt. Nach der Erstrehabilitation im SPZ zog er in die ParaWG nach Schenkon. Gemeinsam mit seiner Bezugsperson der ParaWG plante er nach einem Jahr die Rückkehr in seinen Heimatkanton. Dazu wechselte er auf die Stufe «Medium». Er wollte herausfinden, wie er mit weniger Betreuung zurechtkommt und welche Kompetenzen er für den bevorstehenden Umzug noch erwerben muss. Der junge Mann hat sich somit bewusst mit den Herausforderungen auseinandergesetzt, die das selbständige Wohnen in Zukunft mit sich bringen wird. Er habe in der Zeit in der ParaWG vor allem seine Mobilität im Alltag verbessern können, erklärt er. Auch

Neuer Teamleiter Seit Oktober 2021 führt Pascal Moser das Team der ParaWG. Als langjähriger Mitar­ beiter von ParaHelp hat er viel Erfahrung in der persönlichen Beratung von Menschen mit Querschnittlähmung. Davon profitieren die Bewohnerinnen und Bewohner der ParaWG tagtäglich.

Auch die Lebensberatung der SPV findet sich in regem Austausch mit den Bewohne­ r­innen und Bewohnern und unterstützt beispielsweise bei Fragen zu Sozialversiche­ rungen oder Mobilität.

Informationen parahelp.ch/parawg

Mirco Kempf bei der Hausarbeit

49


FOKUS

FÜR SIE DA

Sport und Mord Seit sieben Jahren ergänzt Linda Wiprächtiger das Team Rollstuhlsport und Freizeit als Koordinatorin Leistungssport. Von Gabi Bucher

Die ganze Geschichte von Lindas Anstellung bei der SPV würde den Rahmen dieser Rubrik sprengen, darum nur kurz: Nach Abschluss ihres Wirtschaftsstudiums vor sieben Jahren suchte sie Arbeit und rutschte eher zufällig über einen angedachten Aushilfsjob in die Abteilung Rollstuhlsport und Freizeit. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort bot man ihr zirka zwei Monate spä­ ter eine freigewordene Stelle an. Dauerthema Sport Ein Wirtschaftsstudium hat nicht sehr viel mit Sport zu tun, aber Linda war seit jeher sportlich unterwegs, machte Kampfsport, spielte Korbball, ist noch im STV Willisau und leitet eine Jugendriege. «Sport ist ein Dauerthema in unserer Abteilung, beim Znüni, beim Zmittag, da interessierst du dich mit der Zeit ganz automatisch dafür.» An die Thematik Querschnittlähmung ha­­­be sie sich jedoch erst gewöhnen müssen. «Ich war am Anfang ziemlich befangen 50

und hatte Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen.» Das habe sich aber rasch gelegt. Emotion pur Eigentlich sei sie die Assistentin des Leiters Leistungssport, Andreas Heiniger, erklärt Linda. Sie kümmere sich um die Administration Leistungssport, um alles, was die Kaderathletinnen betreffe, und um das Lizenzwesen für die Schweiz. Bei Andy und ihr liegt die Verantwortung für die Organisation der grossen Sportevents in der Schweiz wie die ParAthletics, die CurlingWM oder die Junioren-Leichtathletik-WM. Diese Events seien «mega cool», meint sie, ein typischer Linda-Ausdruck. «Meist hat man im Vorfeld lange und intensiv gearbeitet, wenig geschlafen, die Nerven liegen blank. Aber wenn alles vorbei und erfolgreich über die Bühne gegangen ist, kommt ein unbeschreibliches Gefühl auf!» Und wenn sich die Athletinnen und Athleten

nach dem Anlass mit «Ihr organisiert in Nottwil einfach die weltbesten Wettkämpfe» bedanken, sei das eine unglaubliche Belohnung und Bestätigung. Linda liebt den Kontakt mit den Athletinnen und auch die Möglichkeit, ihre Sprach­ kenntnisse einzusetzen. «Französisch, Eng­ lisch, etwas Spanisch und Russisch und Chinesisch mit Google», lacht sie. Und dann sind da noch die Geschenke! Immer mehr Athleten brächten etwas mit, das sei berührend. So steht ein selbstgemalter Keramikteller aus Marokko auf ihrem Pult, eine Glasperlengiraffe aus Südafrika, «oft sind es auch einfach Touristenartikel, Glä­ serun­tersetzer, Ahornsirup, Tassen oder die­se unsäglichen Süssigkeiten aus Ja­pan, die alle irgendwie nach Fisch schmecken.» Totschlag für den Teamgeist Dass Lindas Arbeit auch von ihren Vorgesetzten geschätzt wird, bezeugen diverse Diplome in ihrem Büro. Man dankt für ihre ausserordentlichen Leistungen, ihre rasche Auffassungsgabe, ihre Freundlichkeit, ihren Teamspirit. Aber Linda hat auch eine düstere Seite, wie Arbeitskollege Nico Hausammann verrät. Gemeinsam gehen sie ab und zu ins Kino und schauen sich Action­filme an, «mit möglichst wenig Tief­ ­gang, dafür umso mehr Blut und Toten», erklärt Nico, und doch, das bringe durchaus etwas für den Teamspirit! «Es hilft uns, auch in stressigen Situationen zusammenzuhalten», behauptet er augenzwinkernd. Dann ist ja nichts dagegen einzuwenden! Paracontact I Sommer 2022


BLASENMANAGEMENT

Liquick X-treme und Liquick X-treme Plus Voraktivierte, sofort einsatzbereite intermittierende Kathetersysteme

Geniessen Sie Ihre Unabhängigkeit – schnell und einfach Wir von Teleflex wissen, wie wichtig es ist, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben so einfach und komfortabel wie möglich zu gestalten und gleichzeitig ihre Unabhängigkeit und Ansprüche zu berücksichtigen. Aus diesem Grund haben wir ein innovatives intermittierendes Kathetersystem entwickelt: Das Liquick X-tremeKathetersystem ist ein gebrauchsfertiger Katheter für die intermittierende Katheterisierung, intuitiv und einfach in der Anwendung und praktisch überall einsetzbar - für X-treme Unabhängigkeit und Komfort. Das neue Liquick X-treme Plus Kathetersystem verfügt über einen bereits angeschlossenen Urinauffangbeutel, damit Sie es jederzeit bequem verwenden können, wenn Sie sich selbst katheterisieren müssen. Kostenlose Muster und weitere Produktinformationen erhalten Sie bei: Grabenhofstrasse 1 · 6010 Kriens · Telefon 041 3602764 Fax 041 3602718 · info@expirion.ch · www.expirion.ch

Scannen Sie den QR Code, um zur Expirion Website zu gelangen


SUNRISE

NITRUM – DER LEICHTESTE ROLLSTUHL SEINER KLASSE Wählen Sie selbst, welcher Nitrum am besten zu Ihnen und Ihrem Leben passt: Nitrum – mit einem minimalistischen, offenen Rahmendesign und voller Einstellbarkeit. Leicht anzutreiben und einfach zu verladen. Für ein maximales Nutzergewicht von 125 kg. Nitrum Hybrid – verstärktes Rahmendesign, für ein maximales Nutzergewicht von 140 kg. Ideal für schwere Nutzer oder für alle, die sehr häufig Handbike fahren oder Sport treiben.

Nutzen Sie unseren 3D Visualiser, um den SOPUR Nitrum Ihrer Träume zu erstellen!

Sunrise Medical AG

Nitrum

Nitrum Hybrid

info@sunrisemedical.ch www.SunriseMedical.ch


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Paracontact d 2/2022 by Schweizer Paraplegiker-Vereinigung - Issuu