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Paracontact d 1/2022

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Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Frühling 2022

Reden

auch über Schwieriges


Ganz ehrlich: Ich war besorgt, dass es mein Sozialleben beeinflussen würde. Eva, ISK-Anwenderin

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PM-16524 The Coloplast logo is a registered trademark of Coloplast A/S. © 2021-07. All rights reserved Coloplast A/S, 3050 Humlebaek, Denmark.


EDITORIAL

Geschätzte Leserinnen und Leser Man kann und sollte jedes Thema von verschiedenen Standpunkten betrachten. Dazu braucht es kontroverse Diskussion, und genau solche wollen wir im Paracontact zulassen. Der kritischkonstruktive Dialog ist Teil unserer Kultur. Es mag vielleicht doch über­ raschen, dass wir dem Verein Parawatch im Interview eine Plattform geben, denn bis vor kurzem war eine Diskussion aufgrund grosser Differenzen schwierig. Schön, dass wir nun andere Wege gehen. Für mich war das Gespräch mit Josef Jakober und Peter Landis interessant und gehaltvoll – ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser, Sie sehen das genauso. Einen offenen und konstruktiven Austausch haben wir auch in 18 Workshops mit rund 30 Mitgliedern, Clubver­ treter*innen und Vorstandsmitgliedern erlebt. Dabei habe ich die Lust an der Mitgestaltung der Zukunft unseres Verbandes gespürt. Einen Einblick in die diskutierten Themen erhalten Sie auf Seite 11. Ende des letzten Jahres konnten wir einen wichtigen juristischen Sieg feiern. Das Bundesgericht hat unsere Beschwerde gutgeheissen und entschieden, dass sich die Unfallversicherungen neben der Hilflosenentschädigung auch namhaft Paracontact I Frühling 2022

an den Kosten der ambulanten Grundpflege beteiligen müssen. Bei diesem Entscheid handelt es sich um einen zur Publikation vorgesehenen Leitentscheid, was die grosse Tragweite unterstreicht. Herzliche Gratulation nach Biel !

«Urteil mit grosser Tragweite» Wir wollen Sie 2022 wieder persönlich treffen. Eine Gelegenheit dazu gibt am 27. August 2022 das Zentralfest in Neuenburg. Zu Gast sind auch die ­Hobbysportlerinnen und -sportler des Giro Suisse, der integrativen Handbiketour, welche bereits zum dritten Mal stattfindet. Der Sport beschäftigt uns auch in den nächsten Wochen. Rollstuhlsport Schweiz begleitet die Athlet*innen an die Winter-Paralympics, die vom 4. bis 13. März 2022 in Peking stattfinden. Der Delegation wünsche ich viel Erfolg und Ihnen eine spannende Lektüre. Herzlichst

Laurent Prince, Direktor 3


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Switzerland / DE


IMPRESSUM

INHALT

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Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktorin Evelyn Schmid Redaktion Laurent Prince, Gabi Bucher, Nadja Venetz, Felix Schärer, Roger Getzmann, Daniela Vozza, Michael Bütikofer, Tina Achermann Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos SPV, SPS, Titelbild SPS, Adobe Stock, CFRVR, SRF/Valeriano Di Domenico, P. Kern, G. Pozzi, Ch. Betl, L. Bezençon, N. Hausammann, Stanserhorn, Gössi Carreisen AG, Geni Bissig, Swincar, Stiftung Denk an mich, Swiss Paralympic/ Goran Basic/Gaetan Bally/Gabriel Monnet/Nicolai Morawitz, Silke Pan, SEATRAC, «EnableMe», Stiftung MOVE Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Sommer 2022: abgeschlossen Ausgabe Herbst 2022: 18.5.2022 Auflage 8100 Exemplare deutsch 4 250 Exemplare französisch Wir bemühen uns um gendergerechtes

optionalSchreiben, verwenden zur besseren

Lesbarkeit manchmal die weibliche oder männliche Form stellvertretend für alle Geschlechter.

Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der SPV wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.

Paracontact I Frühling 2022

WIR BEWEGEN AKTUELL  6 NEU AUF DEM BUCHMARKT Vier Buchdeckel für die Querschnittlähmung 8 NACHGEFRAGT IV-Verordnung 9 STRATEGIEENT WICKLUNG Die Ziele sind gesetzt 11 EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT Die SPV ehrt Freiwillige 12 LEBENSBERATUNG SUIZIDGEDANKEN Wenn alles zu viel wird SCHULDENBERATUNG G Raus aus den Schulden

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RECHTSBERATUNG SUIZIDVERSUCH UND SOZIALVERSICHERUNGEN Versicherungstechnische Aspekte

18

MEDIZIN UND WISSENSCHAFT UROLOGIE Strom für die Blase

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HINDERNISFREIES BAUEN RÜCKMELDUNG Unsere Bauherren haben das Wort

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FREIZEIT AUSFLUGSTIPP Hoch über dem Alltag 24 IN KÜRZE  26 UNTERWEGS Kenia – Etappe einer Weltentdeckung 27 BARRIEREFREIE INSELN Auszeit auf der Insel 28 SWINCAR-TOUR Der Herr der Wanderberge 30 FREIZEIT FÜR ALLE Spielend integriert 31 ROLLSTUHLSPORT PARALYMPICS Beijing 2022 32 IN KÜRZE  34 RÜCKTRITTE Handbikegrössen verabschieden sich 36 SPITZENSPORT ARMEE Erster Rollstuhlsport-Rekrut 37 KIDSKURS Aarons Glück im Schnee 38 SPORTHALLE SPZ NOTT WIL Neues Zuhause 41 FOKUS VERMISCHTES  42 IM GESPRÄCH Verein Parawatch 44 UNSERE HELFER Unübertreffliche Rita 49 FÜR SIE DA Yvonne Rölli 50

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RUBRIK AKTUELL

AUS DEN CLUBS

CFR Valais Romand

Rollstuhlsport und Freizeit Die Bereiche «Kultur und Freizeit» und «Rollstuhlsport» wurden per 1. Januar zu «Rollstuhlsport und Freizeit (RSF)» vereint. Für Sie als Mitglied ändert sich dabei nichts. Unser Angebot steht Ihnen wie gewohnt bei den entsprechenden Ansprechpersonen zur Verfügung.

Der Rollstuhlclub Valais Romand blickt auf einen erlebnisreichen Herbst zurück. Im Oktober besuch­ten Clubmitglieder das Depot des Kunstmuseums Wallis, wel­ches normalerweise für die Öffent­lich­keit nicht zugänglich ist. Im November führte der Club in Kooperation mit der Fechtgesellschaft Sion einen Einführungstag im Rollstuhlfechten durch. Ab Anfang 2022 können Mitglieder des Clubs bei der Fechtgesellschaft regelmässig trainieren. Den Abschluss bildete am 11. Dezember das Galadinner zum 25-und-1-Jahr-Jubiläum des Clubs. Illusionist und Mentalist Julien Sonjon verzauberte die Gäste mit seiner Show.

SPV

Fotos und Videos www.cfrvr.ch

Der Zusammenschluss ermöglicht es jedoch, innerhalb der Geschäftsstelle Kräfte zu bündeln, Synergien zu nutzen und die Organisation effizienter zu gestalten. Bereichsleiter ist Roger Getzmann.

NEUE MITARBEITENDE

Monserrat Thalmann

Valery Vangen

Bernhard Hug

Seit Anfang 2022 bringt Monserrat Thalmann ihr Wissen und Organisationsgeschick im Reisebüro der SPV ein. Ihre KV-Ausbildung absolvierte sie bei VCS-Reisen und war an­schliessend bei verschiedenen Firmen im Verkaufs­ innendienst tätig. Die letzten Jahre wirkte sie als Familienmanagerin auf dem eigenen Landwirtschaftsbetrieb und als Präsidentin der Bildungskommission.

Seit November 2021 koordiniert Valery Vangen Projekte im Bereich Sport und Freizeit. Nach ihrer Ausbildung zur Kauf­frau arbeitete sie während fünf Jahren im Verkaufsinnendienst der SFS AG. Zurück von einer sechsmonatigen Reise durch die USA engagiert sie sich nun für die SPV.

Bernhard Hug ist per Anfang Februar im Fachbereich Leistungssport für die Sportarten Ski alpin, Fechten und Handbike verantwortlich. Der Diplomtrainer und Sportwissenschaftler war zuletzt beim SAC als Chef Leistungssport und Nationaltrainer Skitourenrennen tätig.

Fachfrau Reisen

Entdeckungslust Ob auf einer Wanderung mit der Familie oder im Wohnmobil auf Achse, Monserrat Thalmann entdeckt gerne Neues. Zum Ausgleich harkt sie durchs Gartenbeet. 6

Projektmanagerin

Singletrails Die Luzernerin liebt das Mountainbiken und brettert mit ihrem Velo furchtlos über Wurzel­stöcke, steile Abhänge und enge Waldwege. Lieber geht sie mit ihrem Van campen, als in luxuriösen Hotels abzusteigen.

Sportartenmanager

Sport Bewegung braucht der im Bernbiet Wohnhafte wie die Luft zum Atmen. Während 25 Jahren betrieb er Leistungssport in verschiedenen Ausdauersportarten, heute dient der Sport dem Genuss. Der Hobbywinzer bewirtschaftet einen kleinen Garten und schwingt gerne den Kochlöffel. Paracontact I Frühling 2022


LEBENSBERATUNG

RÜCKMELDUNG

SPV-Höck

Danke Paracontact

Die SPV bietet in der Uni­ klinik Balgrist regel­mässig Infover­anstaltungen an.

Ein Beitrag im Paracontact half, dass die Steuerbehörde einem SPV-Mitglied Kos­ten rückvergütete.

Offene Runde: Stammtisch Lebensberatung SPV Donnerstag, 31. März 2022, 16.00–18.00 Uhr Donnerstag, 9. Juni 2022, 16.00–18.00 Uhr Interessierte treffen sich im Restaurant der Uniklinik Balgrist zum Austausch. Reisen: Öffentlicher Verkehr, Sommer-Freizeitangebote Lebensberatung SPV Montag, 2. Mai 2022, 15.00–17.00 Uhr Ein Mitarbeiter der Lebensberatung informiert über Reisen im Rollstuhl und Freizeitangebote im Sommer. Allfällige Änderungen entnehmen Sie unserer Website www.spv.ch.

DIE ZAHL

10 000 Im Herbst wurde der 10 000. Rollstuhlparkplatz auf Paramap erfasst. Die digitale ­Plattform verzeichnet rollstuhl­ gängige Einrichtungen in der Schweiz und ist auch als App verfügbar. Aufgeführt werden Parkplätze, Eurokey WC, Hotels und Bankomaten. Im Sinne des Crowdsourcings können User Standorte selbstständig erfassen. Zur Plattform www.paramap.ch Paracontact I Frühling 2022 2022

MARCEL HUG

Erfolgswelle Zahlreiche Medaillen, zwei Weltrekorde und mehrere Auszeichnungen: 2021 war Marcel Hugs Jahr. Von den Paralympics in Tokio kehrte Marcel Hug mit vier Goldmedaillen und einem Weltrekord zurück. Die Marathonrennen in Berlin, London und Boston entschied er für sich und holte sich den Gesamtsieg der Abott World Marathon Majors Serie. Am 21. November gelang dem Athleten ein weiteres Meisterstück. Am Rollstuhlmarathon im japanischen Oita pulverisierte der Thurgauer den 22-jährigen Weltrekord von Heinz Frei und stellt mit 1:17:47 eine neue Marathonwelt­ bestmarke auf. Unverkennbar ist Marcel Hug in der Form seines Lebens. Für seine Leistungen erhielt er an den «Sports Awards» die Trophäe des paralympi­ schen Sportlers 2021 und nur wenige Tage später ernannte ihn das Internationale Paralympische Komitee zum besten Athleten des Jahres. Zu diesem Wahnsinnsjahr gratulieren wir herzlich.

Ende Jahr erreichte uns die Nachricht ei­nes Mitglieds, das uns seinen Dank aussprach. In der Herbstausgabe berichte­ten wir über den Entscheid des Tessiner Kantonsgerichts, dass Arbeitnehmende mit ei­ner Behinderung die tatsächlichen Fahrkosten von der Steuer abziehen können. Mit einer beigelegten Kopie des Berichts sprach das Mitglied bei seiner Steuerbehörde ein und erhielt recht. Der über den regulären Abzug für Fahrkosten gehende Betrag darf als behinderungsbedingte Kos­ten abgezogen werden. Das Paar bekam eine ansehnliche Summe zurückerstattet. Es freut uns sehr, wenn Artikel im Paracon­tact einen solch direkten Nutzen für unse­re Mitglieder haben.

ZENTRALFEST ROLLSTUHLBASKETBALL

Ligaerhalt An der EM in Madrid Mitte Dezember 2021 erreichte die Schweiz ihr Minimalziel. Die Rollstuhl-Basketballer zeigten gute Leis­tun­ gen, doch es mangelte an Konstanz. Letztlich muss­te sich das Team nach fünf Niederlagen und zwei Siegen mit dem 10. Rang zufriedengeben. Mit der Platzierung ist allerdings der Verbleib in der Division A, der höchsten Liga, gesichert.

27. August 2022 Wir hoffen sehr, dass wir am 27. August 2022 mit Ihnen un­ser Zentralfest feiern können. Der Anlass findet voraussichtlich in Neuchâtel statt und beinhaltet die Zieleinfahrt des Giro Suisse. Um die Orga­ni­sation kümmert sich der Rollstuhlclub Neuenburg. Merken Sie sich bereits jetzt das Datum vor. 7


WIR BEWEGEN

NEU AUF DEM BUCHMARKT

Vier Buchdeckel für die Querschnittlähmung Hans Georg Koch hat sich in seiner langen Karriere in der Schweizer Paraplegiker-Gruppe ein grosses Wissen über Querschnittlähmung angeeignet, welches er nun in zwei Büchern zusammen mit Veronika Geng verständlich erläutert. Von Gabi Bucher

Er ist vielen aus seiner Zeit als Oberarzt im SPZ und später als Leiter Angewandter Wissenstransfer bei der SPV bekannt. Brauchte man eine Information über eine Diagnose, Unterlagen für eine Abschlussarbeit oder die Evaluation eines Arztzeugnisses, hiess es «frage Hans Georg». Als Dr. Hans beantwortete er auf der Webseite «community.paraplegie.ch» alle erdenk­li­ chen Fragen. Dabei zeigte sich immer wieder, dass sich Betroffene verständliche Er­ klärun­gen für ihre Probleme wünschen. Ein anschauliches Handbuch soll allen zur Ver­ ­fügung stehen, die sich über Quer­schnitt­ lähmung schlau machen wollen: Betroffe­ne, Angehörige, Lehrpersonen, Studie­­rende und viele mehr. Software und Hardware Die Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach, Deutschland, übernahm Illustration, Layout und Herstellung. Manfred Sauer meinte

damals: «Herr Koch, Sie liefern die Software, ich liefere die Hardware.» Mit einem Handschlag war das Projekt besiegelt. So begann die Arbeit am Buch «Querschnittlähmung verständlich erklärt». Die pflegerischen Aspekte übernahm die Pflegewissenschaftlerin Veronika Geng, welche seit 2006 bei der Manfred-Sauer-Stiftung als Leiterin des Beratungszentrums für Ernäh­ rung tätig ist. Hans Georg Koch freute sich auf die Zusammenarbeit mit Veronika, haben sie doch gemeinsam viel in die anfängliche Entwicklung des Schweizer Paraplegiker-Zentrums investiert. Viel Enthusiasmus «In meinem Enthusiasmus hatte ich anfänglich etwas grösser angerichtet als geplant», meint Hans Georg Koch lachend. «Ich fing an mit der Beschreibung einer Nervenzelle, wie sich Nervengewebe bildet und wie sie mit anderen Zellen kommuniziert. Ich erklärte, wie Hirn und Rückenmark entstehen und wie es zu einer Querschnittlähmung kommt.» Nachdem er die ersten 100 Seiten verschiedenen Per­ sonen zum Lesen gegeben hatte, meldeten diese zurück: «Wenn du möchtest, dass dieses Buch gelesen wird, musst du nicht mit der Zellphysiologie anfangen, sondern mit der Querschnittlähmung.» Also krempelte Hans Georg Koch sein Konzept um.

Texte mussten geändert, gekürzt oder herausgeschnitten und Verweise neu eingefügt werden. Das alles kostete viel Zeit. Danach hielt Manfred Sauer einen ersten Entwurf in den Händen, oder versuchte es 8

zumindest, denn sein unerwartetes Urteil lautete: «Das Buch ist viel zu schwer für meine Tetra-Hände!» In einem erneuten Anlauf ging es darum, den Inhalt auf zwei Bände zu verteilen. Band 1 enthält nun die medizinischen Grundlagen, Band 2 behan­ delt das Leben mit Querschnittlähmung in all seinen Facetten. Als wäre nicht bereits genug Zeit vergangen, verzögerte sich der Druck der Bücher durch die coronabedingte Schliessung der Druckerei, danach durch das Fehlen von Papier und zu guter Letzt durch das Fehlen des nötigen Kartons für die Buchdeckel. Doch nun liegen die beiden Bände endlich vor. «Einen Anspruch auf Vollständigkeit haben wir nicht», erklärt der Autor, «es geht vor allem um jene Themen, die immer wieder angesprochen wurden.» Er hätte noch viele Ideen gehabt, sagt er schmunzelnd. Man glaubt ihm sofort, seine Leiden­ schaft, sein Engagement und sein Vergnügen, seinen Erfahrungsschatz weiterzu­geben, sind fast greifbar!

BESTELLEN Die beiden Bücher «Querschnitt­ lähmung verständlich erklärt» sind erhältlich bei der SPV per Telefon 041 939 54 00, per E-Mail spv@spv.ch oder vor Ort. Kosten: CHF 65.–/Doppelband (exkl. Versandkosten von CHF 10.–)

Paracontact I Frühling 2022


WIR BEWEGEN

NACHGEFRAGT

IV-Verordnung Im November 2021 verabschiedete der Bundesrat die revidierte IV-Verordnung. Nicht alle Forderungen der Behindertenorganisationen wurden umgesetzt. Petra Kern, Leiterin Abteilung Sozialversicherungen bei Inclusion Handicap, erläutert die kritischen Punkte. Von Nadja Venetz

Welche Aspekte kritisiert Inclusion Handicap? Wir sind vor allem mit zwei Punkten nicht einverstanden. Der erste ist das Verfahren bei der Vergabe von monodisziplinären IV-Gut­ achten, also bei Gutachten mit nur einer medizinischen Disziplin. Medizinische Gutachten sind entscheidend für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von Men­schen mit Behinderung und somit REVISION DER IV Das Parlament verabschiedete im Sommer 2020 die Revision des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG). Ende 2020 schickte der Bundesrat die darauf basierenden Verordnungsbestimmungen in die Vernehmlassung. Bis im Frühjahr 2021 waren alle Behindertenorganisationen eingeladen, ihre Positionen zu diesen Verordnungsbestimmungen einzureichen. Auch die SPV bezog hier Stellung (siehe Paracontact Sommer 2021). Der Bundesrat korrigierte in der Folge, wo er dies als nötig erachtete. Das revidierte Gesetz und die revidierten Verordnungen traten per 1. Januar 2022 in Kraft. Über eine der wichtigsten Neuerungen be­richteten wir im Paracontact Winter 2021 auf Seite 16.

Paracontact I Frühling 2022

auch für ihre Ansprüche auf IV-Renten. Ein faires Vergabeverfahren und faire und seriös arbeitende Gutachterinnen und Gutachter sind daher enorm wichtig. Die vom Bundesrat beschlossene Vergabepraxis wird als Einigungsverfahren angepriesen, ist aber kein wirkliches Einigungsverfahren. Der zweite Punkt betrifft die Ermittlung des Einkommens, das die Versicherten mit ihrer Beeinträchtigung noch erzielen können, und somit die Invaliditätsbemessung. Wir kritisieren, dass nach wie vor an den heute bestehenden statistischen Werten aus der Lohnstrukturerhebung (LSE), den sogenannten Tabellenlöhnen, festgehalten wird. Was bedeutet das für die Betroffenen? Wird ein monodisziplinäres IV-Gutachten angeordnet, muss sich die versicherte Person aktiv gegen die vorgeschlagene Gut­ achterin aussprechen. Es wird also jemand bestimmt und die versicherte Person muss sich wehren. Nur dann kommt es zu ei­ nem Einigungsverfahren. Ein Schritt, den wohl viele nicht wagen werden. Bei den Lohntabellen besteht die Problematik, dass sie das Lohnniveau von gesunden Menschen wiedergeben und die Einkommensmöglichkeiten von Menschen mit einer Beeinträchtigung systematisch überschätzen. Diese Tabellen sind aber in vielen Fällen bei der Invaliditätsbemessung und somit für die Beurteilung der Ansprüche auf eine Umschulung oder ei­­ne IV-Rente massgebend. Oft resultieren also zu tiefe Invaliditätsgrade, bei welchen

keine Umschulungen gewährt bzw. keine oder zu tiefe Renten ausbezahlt werden. Mit der Einführung des stufenlosen Rentensystems wird eine korrekte Berechnung des Invaliditätsgrades noch wichtiger, denn eine realitätsfremde Invaliditätsbemessung wirkt sich noch direkter als bisher auf die Rentenansprüche aus. Was fordert Inclusion Handicap? Zu den medizinischen Gutachten in der IV wurde im Auftrag des EDI ein Expertenbericht verfasst, der auch Empfehlungen zum Einigungsverfahren beinhaltet. Wir fordern, dass diese Empfehlungen umgesetzt werden. Die Versicher­ten sollen von Anfang an aus verschiedenen vorgeschlagenen Gutachterinnen und Gut­achtern auswählen können. Eine Anfang 2021 veröffentlichte Studie des Büros BASS hat aufgezeigt, dass die LSETabellenlöhne für die Ermittlung des Einkommens von Menschen mit einer Beeinträchtigung ungeeignet sind. Wir fordern, dass so rasch als möglich Tabellen erarbeitet werden, die realistische Lohnmöglichkeiten abbilden. Vorschläge von Expertinnen und Experten sind hierzu vor­handen. Diese müssen berücksichtigt werden. Wie ist das weitere Vorgehen? Beim Einigungsverfahren setzen wir auf eine Nachbesserung über den gesetzlichen Weg. Nationalrat Benjamin Roduit hat eine parlamentarische Initiative eingereicht, welche die vollständige Umsetzung der Emp­fehlungen des Expertenberichts bei der Vergabe von monodisziplinären IV-Gutachten fordert. 9


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Paracontact I Frühling 2022


WIR BEWEGEN

STRATEGIEENT WICKLUNG

Die Ziele sind gesetzt Drei Arbeitsgruppen beschäftigten sich ein halbes Jahr lang intensiv mit der Entwicklung der SPV. Die ersten Resultate sind spruchreif. Von Nadja Venetz

Im Herbst 2020 fanden vier Workshops mit Vertretern der Rollstuhlclubs statt. Besprochen wurde, wie die Strategie der SPV umgesetzt werden kann. Die zahlreich geäusserten Ideen und Vorschläge wurden in der Folge evaluiert und nach Prioritäten geordnet. Aus diesem Prozess entstanden drei Arbeitsgruppen, die sich je einem Schwer­punktthema widmeten. Der Auftrag: Die Arbeitsgruppen sollen bis Ende 2021 Umsetzungsmassnahmen erarbeiten. In insgesamt 18 Treffen steckten Vertreterin­ nen und Vertreter der Rollstuhlclubs, des Zentralvorstands und der SPV die Köpfe zu­sammen, um aus Wünschen und Visionen konkrete Ziele und Projekte zu schmie­ den.

nahmen zielen darauf ab, die Vorstände der Rollstuhlclubs zu befähigen, ihre Aufgaben kompetent auszuführen. Dies führt zu ei­ ner nachhaltigen Stärkung der Clubs. AG 2: Strukturentwicklung Welche Formen der Mitgliedschaft soll es innerhalb der SPV geben? Und welche Rol­ le spielen die Sektionen? Diese und ähnliche Fragen diskutierte die Arbeitsgruppe, als sie sich Gedanken um die künftigen Struk­turen des Verbands machte. Einigkeit herrschte in einem Punkt: Es bedarf externer Beratung, um eine zukunftsfähige Lösung zu erarbeiten.

Die Arbeitsgruppe machte sich auch über die Zusammensetzung des ZentralvorAG 1: Stärkung der Clubvorstände stands Gedanken und stellt den Antrag, den Die Arbeitsgruppe entwickelte Lösungsan­ aktuellen Profilfächer für ZV-Mitglieder sätze, welche die Clubvorstände in der Ver­ abzuschaffen. Es sollen neue Vorgehenswei­ einsführung unterstützen. Von Seiten der sen definiert werden, um ZV-Mitglieder Clubs sind Hilfestellungen bei den BSV-­ ver­stärkt nach Kompetenzen zu rekrutieAbrechnungen und in den administrativen ren und auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Grundlagen (Reglemente, Statuten usw.) ge­wünscht sowie bedarfsgerechte Aus- und AG 3: Zusammenarbeit SPV und Clubs Weiterbildungen für Vorstandsmitglieder. Die dritte Arbeitsgruppe erarbeitete VorDie Arbeitsgruppe hat 15 Massnahmen schläge, wie sich die Clubstruktur in den aus­gearbeitet und nach Dringlichkeit und Regionen stärken lässt. Vermehrt melden Wich­tigkeit geordnet. Die dringendsten Stimmen aus den Rollstuhlclubs, dass es und wichtigsten Ziele werden 2022 ange- schwieriger werde, Personen für Vorstands­ packt. So soll regelmässig eine Kassiersit- arbeiten zu motivieren. Eines der Hauptzung stattfinden, die zudem dynamischer ziele der Arbeitsgruppe ist, das Ehrenamt gestaltet ist. Eine Schulung hilft beim kor- attraktiver zu kommunizieren und die rekten Ausfüllen der Excel-Dokumente, Clubs bei der Rekrutierung für neue Vorwel­che für die BSV-Abrechnung nötig sind. standsmitglieder zu unterstützen. Die SPV Weitere Massnahmen wie etwa die Unter- und die Clubs sollen hierfür näher zusamstützung im Bereich Medien- und Öffent- menrücken, aber auch der Wissenstransfer lichkeitsarbeit oder die Übergabe an Nach­ zwischen den Clubs soll mittels überregio­ folger im Vorstand werden im Laufe des naler Veranstal­tungen oder virtueller TrefJah­res realisiert. Alle 15 definierten Mass- fen stattfinden. Paracontact I Frühling 2022

Die Arbeitsgruppe hat daraus elf Ziele definiert, von denen die wichtigsten im zweiten Quar­tal 2022 in die Umsetzung gehen. So bietet die SPV künftig bei Problemen in der Vereinsführung Hilfestellung an. Ein regelmässiger Austausch zwischen der SPV-­ Direktion und den einzelnen Clubvorstän­ den bietet Plattform, Herausforderungen zu benennen und Lösungen zu suchen. Be­ reits verfügbar sind die beides Handouts «Attraktives Ehrenamt» und «Tipps für das Freiwilligenmanagement». Die beiden Hand­outs sind bei der Geschäftsstelle erhältlich. Mit allen Vorstandsmitgliedern der Rollstuhlclubs ist zudem eine Aktion zum internationalen Tag des Ehrenamts vor­gesehen. Handouts bestellen Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Tel. 041 939 54 00 spv@spv.ch 11


WIR BEWEGEN

EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT

Die SPV ehrt Freiwillige Die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung vergab erstmals die Benevol Awards an Personen, die sich über Jahre hinweg in einem Rollstuhlclub engagieren.

Von Gabi Bucher und Nadja Venetz

Ohne Freiwilligenarbeit stünde das Leben in den Schweizer Rollstuhlclubs still. Oft­ mals sind es Helferinnen und Helfer abseits des Rampenlichts, die Ausflüge organi­sie­ ren, Trainings erteilen oder an Sport­an­ lässen mithelfen. Mit den Benevol Awards möchte die Schweizer Paraplegiker-Ver­ einigung (SPV) diese oftmals unsichtbare, aber sehr wertvolle Arbeit auszeichnen.

berichte verfasst, die Webseite gepflegt und Social-Media-Kanäle betreut werden. Das erfordert Fachwissen und bedeutet viel Aufwand. Da möchten wir Personen würdigen, die sich über Jahre hinweg mit viel Herzblut und Kompetenz einsetzen», begründet Laurent Prince, Direktor der SPV, die Lancierung der Awards. Der Preis soll künftig jährlich vergeben werden.

Nominationen aus den Rollstuhlclubs Alle Rollstuhlclubs durften je eine Person für den Award vorschlagen. Die Person muss aktives und langjähriges Mitglied des Rollstuhlclubs sein und sich seit mindestens zehn Jahren unentgeltlich engagieren. Sieben Personen duften einen Preis entgegennehmen, unter ihnen Adrien Corminboeuf, Präsident und Sportverantwortlicher des CFR Fribourg. «Es ist eine schöne Anerkennung, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich mache all diese Arbeit für den Club aus Freude, um den anderen etwas zu ermöglichen. Ich habe in jungen Jahren auch viel profitiert», erläutert er seine Beweggründe. «Die Zeit, die ich für den Verein aufwende, variiert zwischen 8 und 20 Stun­den pro Woche», schätzt er seinen Aufwand. Und er ist sich sicher: «Ohne Frei­willigenarbeit käme das Vereinsleben in der Schweiz zum Erliegen, besonders im Zusammenhang mit Menschen mit ei­ner Behinderung, wo es noch mehr helfen­de Hände braucht.»

Preisträgerinnen und Preisträger

Freiwilligenarbeit braucht mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung. «Freiwilligenarbeit wird zunehmend komplexer. Es reicht beispielsweise nicht mehr aus, die Buchhal­ tung in einem einfachen Excelsheet zu füh­ ren. Newsletter müssen verschickt, Jahres12

Jérôme Bagnoud CFR Valais Romand, Präsident

Jérôme Bagnoud ist seit der Gründung des Clubs 1995 als Mitglied dabei, seit 2009 im Vorstand und seit 2012 Club-Präsident. Er engagiert sich auf politischer Ebene für die Gleichberechtigung von Menschen mit einer Behinderung und führt den Club mit enormem Einsatz. Er kennt die Anliegen der Rollstuhlfahrer wie kein anderer. Eine Herzensangelegenheit sind ihm die Schulbesuche, wo er Jugendliche für das Thema Behinderung sensibilisiert, daneben ist es ihm wichtig, dass der Club at­ trak­tive, rollstuhlgerechte Aktivitäten anbieten kann. Er besucht Mitglieder im Spital und bringt ih­nen kleine Aufmerksamkeiten. Sein selbst­loses Engagement ist seit elf Jahren ungebrochen und der Walliser ist mit seiner Vision der Inklusion von Menschen mit einer Behinderung ein grosses Vorbild für viele.

Adrien Corminboeuf CFR Fribourg, Präsident und Sportverantwortlicher

Adrien Corminboeuf ist seit 1986 als Mitglied im Club, seit 2007 im Vorstand aktiv, von 2011 bis 2021 war er Vize-Präsident und seit 2021 Präsident. In den letzten Jahren musste er andere Posten im Vorstand ad interim kumulieren. Er organisiert und leitet die meisten sportlichen Aktivitäten des Clubs, ist immer zur Stelle, wenn es etwas zu tun gibt, wenn jemand Hilfe, Rat oder Tipps braucht. Er wartet die Sportrollstühle und die Ausrüstung der Sportler (Basketball, Polysport und Handbike). Sport ist ihm sehr wichtig. Er betreibt Polysport und fährt hauptsächlich Handbike. Daneben geniesst er es, abends mit Freunden zusammenzukommen und sich Eishockeyspiele anzusehen.

André Deville Mitglied des RC Zentralschweiz seit 1969

André Deville war 1966 Gründungsmitglied des «Invalidensportclub Luzern». Von 1966 bis 1974 war er Sportchef in Kriens, 1967 Mitorganisator des 1. Rollstuhlsporttreffens in Kriens. 1968 begleitete er fünf Paracontact I Frühling 2022


Rollstuhl-Sportler an die Paralympics nach Tel Aviv. 1969 war er bei der Gründung des RC Kriens (heute RC Zentralschweiz) mit dabei, 1973 als Initiator und technischer Berater bei der Durchführung der ersten Schweizer Meisterschaft von Rollstuhlsport Schweiz. Es war André Deville immer wich­ tig, dass Rollstuhlfahrer Sport treiben kön­ nen und Kriens wurde damals das Mekka des Rollstuhlsports genannt. 1968 wurde auf seine Initiative das Swiss Paralympic Comitee gegründet, welches er jahrelang leitete. André Deville war unzählige Male Delegationsleiter an den offiziellen Weltmeisterschaften für Rollstuhlfahrer in Stoke Mandeville, England. In der Skischule ­Sörenberg war er fünfzig Jahre lang Skilehrer und bis zum heutigen Tag leitet er das Turnen 50+. Er ist und bleibt ein unermüdlicher Kämpfer für Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung.

René Kägi RC St. Gallen

René Kägi war 1980 Gründungsmitglied des RC St. Gallen und hat die ersten fünf Jahre das Ressort «Kultur und Freizeit» geleitet. Daneben motivierte er viele Roll­ stuhlfahrer als Leiter des Trainings «Sport in der Halle» dazu, den Umgang mit dem Rollstuhl zu verbessern und das persönliche Wohlbefinden zu steigern. Unvergesslich ist der Clubausflug von der Kleinen Scheidegg nach Grindelwald, welcher von ihm und seiner Frau organisiert wurde. In den Jahren 1986–1993 hatte er als Präsident des RC St. Gallen gewaltet und diesen in der Region bekannt gemacht. Er hatte im­ mer ein offenes Ohr für die Mitglieder und stand jederzeit tatkräftig zur Verfügung. 1991 hat René Kägi als Präsident des OK der 18. Schweizer Rollstuhlmeisterschaften in Wil einen erfolgreichen Sportevent mitorganisiert. Mit seiner Frau Sonja bereist er immer noch die ganze Welt. Seine Reisen hat er in eindrücklichen Diavorträgen vorgestellt und in drei Büchern festgehalten. Paracontact I Frühling 2022

Benevol Award Verdiente Ehrung für langjährige Freiwilligenarbeit

Jeannette Schühle RSC Zürich, Präsidentin und Sportchefin a. i.

Jeannette Schühle ist seit 1980 Mitglied des RC Zürich. Sie war lange Co-Präsidentin, seit 2021 ist sie Präsidentin. Sie engagiert sich immer wieder mit viel Herzblut für den Club, ist stets erreichbar und hilft überall trotz ihrer eigenen grossen körperlichen Beeinträchtigung. Sie übernimmt mit ei­ ner grossen Selbstverständlichkeit ehrenamtliche Tätigkeiten wie Präsentationen des Clubs in Schulen, Kirchgemeinden und an Veranstaltungen. Vielen ist sie auch bekannt als regelmässige Teilnehmerin des Weihnachtsmarktes der SPV, wo sie Selbstgemach­tes anbietet und bereits eine treue Stammkundschaft aufgebaut hat. Jeannette Schühle ist gerne unter Menschen und geniesst die Kultur- und Freizeitanlässe des RC Zürich.

Myriam Vuillermet CFR Nord Vaudois, Verantwortliche Kultur und Freizeit

Myriam Vuillermet ist seit der Gründung 1987 im Club. Seit 2004 ist sie im Vorstand als Verantwortliche Kultur und Freizeit und engagiert sich sehr in allen Belangen, die den Club betreffen. Sie organisiert zahl­ ­reiche Clubaktivitäten und ist die grosse

Konstante im Vorstand, der in den letzten Jahren durch viele personelle Wechsel herausgefordert war. Sie nimmt regelmässig an den Ausflügen der Kultur und FreizeitVerantwortlichen der SPV teil, um sich dort neue Ideen zu holen für die Organisation ihrer eigenen Ausflüge für den Club. Myriam Vuillermet verbringt viel Zeit mit Suchen und Testen neuer rollstuhl­ gängiger Angebote im In- und nahen Aus­ land. Sie kennt in der Region Waadt viele schöne Wanderungen und auch etliche hin­ dernisfreie Restaurants.

Arthur Waldvogel RC Winterthur/ Schaffhausen, Kassier

Arthur Waldvogel ist seit 1965 im Rollstuhl und seit 30 Jahren Mitglied, mittlerweile Ehrenmitglied, des RC Winterthur/ Schaffhausen. Er hat seit der Gründung des Clubs das Amt des Kassiers inne. Die Clubmitglieder schätzen Arthur Waldvogel sehr für seine Zuverlässigkeit und seine grosse Kompetenz. Die Finanzen des Clubs sind ihm sehr wichtig und er hütet und betreut sie mit grosser Sorgfalt und Genauig­ keit. Er verfasst stilsichere Briefe für Jahres­ beiträge, Dankesschreiben zu Spenden so­wie Berichte über Anlässe und Ausflüge des RC. Alle mögen seine freundliche, aufgeschlossene, aufgestellte und bodenständige Art. Trotz seiner Pensionierung arbeitet Arthur Waldvogel immer noch als Uhrenmacher bei sich zu Hause und spielt in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne Schach. 13


LEBENSBERATUNG

SUIZIDGEDANKEN

Wenn alles zu viel wird

Maurizio Coldagelli, Paraplegiker und teilweise sehbehindert, erzählt von seinem beschwerlichen Weg zurück ins Leben.

Von Gabi Bucher

Es war an einem Montagabend, am 6. August 2012. Maurizio Coldagellis Arbeitstag war eigentlich zu Ende, aber sein Arbeitge­ ber bat ihn, auf einer Baustelle noch kurz etwas zu überprüfen. «Und dann wollte es das Schicksal, dass ich in einem Aufzugsschacht über zehn Meter in die Tiefe stürz­te. Ich habe mir den Rücken gebrochen, einen Teil meines Sehvermögens verloren, ich kann nicht mehr gehen und lebe im Rollstuhl.» So fasst Maurizio die Geschichte seines Unfalls zusammen, mit ein paar wenigen Worten, fast lakonisch mit einem Achselzucken, und doch spürt man seine Betroffenheit. In der Blüte des Lebens Der Verunfallte wurde sofort ins Spital Chur gebracht. An die ersten Tage dort erinnert er sich nicht mehr. Nach zwei Mo-

naten und mehreren grossen Operationen war er stabil genug für den Transfer ins Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Dort begann ich, zusammen mit den Ärztinnen, Pflegenden, den Therapeuten und den Mit­ arbeitenden der Sozialberatung, den riesigen Berg, der sich vor mir aufgebaut hatte, zu erklimmen.» Es werde viel Zeit brauchen und viel Geduld, hätten die Ärzte ihm erklärt, und sie seien nicht sicher, ob er das Bett je verlassen könne. «Ich war aufgrund der grossen Wunde über Monate hinweg nahezu ohne Bewegung im Bett. Als ich dann in den Rollstuhl transferieren konn­te, merkte ich erst, was mit mir passiert war.» Er habe realisiert, dass nun die Rä­ der seine Beine waren und dass er all das, was er vorher gemacht habe, nicht mehr machen konnte. «Das war ein ganz schwerer Moment», meint er rückblickend. «Ich

Die Familie trägt Maurizio Coldagelli durch herausfordernde Zeiten

war damals gerade 40 Jahre alt, in der Blüte meines Lebens. Ich habe so viel gemacht, ich lebte mein Leben in vollen Zügen, ging gerne fischen, jagen und war unglaublich gerne in den Bergen unterwegs! Der Unfall hat mich komplett ausgebremst.» Der Sinn des Lebens Er habe gemeint, wenn er mal oben auf dem Berg angekommen sei, werde alles einfacher. «Der Abstieg war zwar einfacher, aber es gab immer noch viele Probleme.» Es habe so viel Kraft gebraucht, so viel Geduld, und dazu immer diese Schmerzen. Maurizio ist direkt, er beschönigt nichts. Er war während seines Aufenthaltes im SPZ auch bekannt dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. «Manchmal waren die Kollegen im Rollstuhl peinlich berührt, wenn ich sie auf heikle Themen wie zum Beispiel das Darmmanagement ansprach. Aber wir sassen alle im selben Boot. Es bringt nichts, alles in sich hineinzufressen, man muss es aussprechen, das hilft.» Es habe viele schwarze Tage gegeben, wo er sich gefragt habe, wie es weitergehen soll. «Ich sah den Sinn des Lebens nicht mehr. Es brauchte alles so viel Kraft und ich fragte mich, warum ich das meiner wunderbaren Frau und meinen beiden Söhnen, damals erst zwei und neun Jahre alt, antun sollte. Ich empfand mich als Last.» Man wünsche sich doch nur, dass je­ne, die man liebe, glücklich und zufrieden seien. Einen Moment der Schwäche Trotz der permanenten Umsorgung, dem Rückhalt seiner Familie und der Freunde gab es eine Zeit, wo Maurizio die Hoffnung zusehends verlor. Er hatte keine Perspek-

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Paracontact I Frühling 2022


Suche nach dem neuen Lebenssinn Wenn ein Mensch mit heftigen Krisen wie bei einer Er­krankung oder einem Unfall mit schwerwiegenden Folgen konfrontiert wird, kommen Gefühle wie Angst, Wut, ­Verzweiflung, Trauer auf. Die Person durchlebt die unterschiedlichen Phasen der Ver­arbeitung mit Fragen wie: «Wa­­rum musste das ­pas­sieren? Wie komme ich am schnellsten wieder in mein altes Leben zurück? Werde ich es je schaffen, ­wieder unter meinen Freunden zu sein, arbeiten zu können, eine gute Mutter, guter Vater, guter Partner zu sein? Will ich so weiterleben?» Das Leben verändert seine bekannte Farbe und das neue Bild muss noch entstehen.

Da sich alte Erfahrungen, bisherige Visionen und Überzeugungen sowie Gefühle von Verlust vermischen, können die inneren Zustände auch mal sehr grau werden. Dies kann dazu führen, das Leben, so wie es jetzt ist, nicht mehr als lebenswert zu empfinden. Auch wenn diese Zeiten sehr schwer sind und im Moment kein Ausweg sichtbar ist, gehören sie bei einem einschneidenden Ereignis oft zum Teil des Verarbeitungs­ prozesses. Viele Aspekte sind unbekannt und dies stellt jede betroffene Person vor existenzielle Fragen. In diesen Zeiten ist es hilfreich, sich Unterstützung zu holen und darüber zu reden mit Freunden, Angehörigen oder mit Fachpersonen.

tiven mehr, keinen Lebensinhalt. Der Bo­ den war ihm sprichwörtlich unter den Füssen weggezogen worden, er war am Ende. «Wenn ich jeweils auf dem Balkon sass, um etwas frische Luft zu schnappen, sah ich die Züge in Nottwil vorbeifahren und langsam reifte der Entschluss, meinem Le­ben ein Ende zu setzen.» Eines Tages war er so weit – er fuhr Richtung Bahngleis. «Ich hatte einen Moment der Schwäche», erklärt er. Was ihn im letzten Moment da­ von abgehalten habe, die Tat wirklich umzusetzen, wisse er nicht genau. «Ich glaube, es war der Gedanke an meine Familie und an all jene Menschen, die mir nahe sind und mich lieben.» Maurizio tat, was er immer noch tut, wenn es ihm schlecht geht: Er hielt inne, dachte nach und beschloss, vorwärts zu schauen und weiterzumachen. Er ist überzeugt, dass dieser Moment sehr wichtig gewesen sei für ihn und sein weiteres VorwärtsParacontact I Frühling 2022

Als Sozialarbeiterin nehme ich Suizidäusserungen sehr ernst und eruiere als erstes, ob eine akute Gefahr zur Umsetzung besteht und ob weitere Fachpersonen zugezogen werden müssen. Auch anerkenne ich die ak­tuelle Empfindung von Ausweglosigkeit. Dabei stelle ich mich zur Verfügung, diese gemeinsam näher zu erkunden. Der Wunsch, dem Leben ein Ende setzen zu wollen, hat in der Zeit kurz nach dem Er­­ eignis häufig mit der Suche nach dem neuen Sinn zu tun. Ich erlebe es als hilfreich, die konkreten Handlungen im ­Alltag oder die Interessen durchzugehen und gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen: Was davon läuft gut? Was kann noch geweckt werden?

kommen. «Ich hatte den absoluten Tiefpunkt erreicht und es gab nur zwei Auswe­ge: Entweder mein Leben zu beenden oder vorwärtszugehen.» Als er kurz danach seiner Frau gestand, was er beabsichtigt hat­ te, habe sie erwidert: «Was würde ich denn tun, wenn du nicht mehr da wärst? Wer würde mit mir die Kinder grossziehen?» Es gebe immer noch viele Schwierigkeiten in seinem Alltag, meint er, auch wenn er jetzt zu vielem fähig sei, was er anfänglich nie für möglich gehalten habe. «Es gibt Tage, wo ich aufwache und nichts geht. Da frage ich mich wieder, was ich hier eigentlich mache.» Dann denke er an all das, was er bereits erreicht habe und wundere sich, warum dieser Tag so sei, wie er sei. «Will ich das oder kann ich etwas dran ändern, verbessern?» Wie er es schaffe, dies alles auszuhalten? «Ich weiss es nicht», sagt er lachend, «ich hätte mir nie so viel Geduld zugetraut und ich weiss auch nicht, woher

Manchmal ist es dabei möglich, Teilaspekte der neuen Lebenswelt zu klären. Wichtig ist, möglichst viel zu kon­kretisieren: Wie werden die finan­ ziellen Leistungen aus­sehen? Wie wer­de ich wohnen? Wie mobil und selbst­ständig kann ich sein? Kann ich mich meinen An­gehörigen so zumuten? Wie können sich Beziehungen zu Freunden gestalten? Mit Maurizio Coldagelli haben mehrere Treffen stattgefunden, um möglichst viele Mosaik­ steine des neuen Bildes zu be­leuchten. In solch inten­siven Phasen ist es wich­tig, Ansprechpersonen zu haben, um all seine Gedanken und Ge­füh­le auszudrücken und sich dadurch getragen zu fühlen.

Daniela Vozza, Lebensberatung

sie kommt. Vielleicht entwickelt sie sich einfach in dieser Situation?» Und wie gelingt es ihm trotz allem, stets zu lächeln? «Es bringt nichts, wütend zu sein. Ja, es gibt Schwierigkeiten, fast täglich, aber ich gebe nicht auf, man darf einfach nicht aufgeben», wiederholt er mit Nachdruck.

ORTE DER HOFFNUNG Maurizio erzählt seine Geschichte im Kurzfilm «Verankerung» aus der Serie «Orte der Hoffnung».

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Paracontact I Frühling 2022


LEBENSBERATUNG

SCHULDENBERATUNG

Raus aus den Schulden Überschuldung führt zu Armut und sozialer Ausgrenzung. Wer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, sollte schnell handeln und sich Hilfe holen. Von Gabi Bucher

Über Geld spricht man nicht, über Schulden noch weniger. Schulden sind ein heikles Thema, auch die Sozialberater*innen der SPV machen diese Erfahrung. Oft ist es eher Zufall, wenn sie darauf stossen, dass jemand Schulden hat. Eine Klientin bat zum Beispiel um Beratung, da sie sich wünschte, nicht mehr abhängig von Drittpersonen zu sein und selbstständig wohnen zu können. Bei der Überprüfung der diversen Unterlagen zur Abklärung, ob allenfalls eine Assistenz möglich wäre, kam eine ausstehende Rechnung über einen ho­ hen Betrag zu Tage. Auf die Frage, wie sie diese Summe mit ihrem knappen Einkom­ men zurückzahlen wolle, weinte sie und meinte, sie würde sich das Geld vom Mund absparen. Hier ging es um eine Rechnung mit vielen Raten, die es zu tilgen galt. Es kann durchaus vorkommen, dass der eine oder die andere sich gar nicht mehr im Klaren ist über die Höhe der Schulden, oft auch weil die Post gar nicht mehr geöffnet wird aus Angst vor weiteren Rechnungen. So häuft sich alles an und der Überblick geht verloren. Je früher, desto besser Daher ist es sehr wichtig, sich so früh wie möglich mit der Sozialberatung oder mit einer Fachstelle in Verbindung zu setzen, bevor die Situation aus den Fugen gerät. Bei kleineren Beträgen kann die Sozialberatung der SPV durchaus helfen, eine adäquate Lösung zu suchen. Handelt es sich um grössere Summen, werden die Betroffenen an Fachstellen weitergeleitet. Ziel die­ser Fachstellen ist es, die finanzielle Situation zu stabilisieren und neue Schulden zu verhindern. Die Fachleute helfen beim Umgang mit Gläubigern, Inkassobüros und Betreibungsämtern. Sie listen alle SchulParacontact I Frühling 2022

den auf und analysieren die finanzielle La­ ge. Ein Sanierungsbudget wird erstellt und es wird geprüft, ob überhaupt genug Geld da ist, um die Schulden abzubezahlen. Gläu­biger werden gebeten, für den Moment auf Inkassomassnahmen oder Betreibungen zu verzichten. Die wichtigsten Rechnun­gen werden zuerst bezahlt: Wohnungsmiete, Krankenkasse, Alimente, Steu­ ern. Wenn mit den Einnahmen die laufenden Auslagen bezahlt werden können, kann die Schuldenspirale unterbrochen werden. Bei einer drohenden Verarmung helfen die Fach­stellen dabei, Stiftungen anzuschreiben und andere Hilfsangebote zu finden. Gemeinsam werden Perspektiven erarbeitet. Entscheidend ist, dass die Lebens- und Einkommenssituation während der sogenannten Sanierungsphase stabil bleibt. Falls nicht alle Schulden abbezahlt werden können, müssen die Gläubiger einverstanden sein, einen Teil abzuschreiben. Da ist das Verhandlungsgeschick der Beratungsstellen gefragt.

BERATUNGSSTELLEN Nachstehend drei wichtige Adressen kompetenter Stellen, welche bei Problemen mit Schulden unterstützen: www.caritas-schuldenberatung.ch Die Caritas bietet Online­ beratungen und hat eine SOS Beratungs-Hotline. www.budgetberatung.ch Über diese Seite kann man selbstständig ein Budget erstellen oder aber Beratungsstellen in der Region suchen. www.plusminus.ch Unter der Rubrik >  Info & Beratung > Tipps & Hinweise finden sich Adressen gemein­nüt­ziger und/oder kantonal bzw. kommunal organisierter Schuldenberatungen in der Schweiz. Die aufgeführten Stellen sind Mitglieder von Schuldenberatung Schweiz (SBS), dem Dachverband der Schweizer Schuldenbe­ra­tungsstellen. Die Adressen sind alpha­betisch nach Kantonen geordnet.

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RECHTSBERATUNG

SUIZIDVERSUCH UND SOZIALVERSICHERUNGEN

Versicherungstechnische Aspekte bei Suizidversuch Die versicherungstechnischen Auswirkungen eines Suizidversuchs hängen von der jeweiligen Einstufung als Unfall oder Krankheit ab. Inwiefern können die Leistungen der Sozialversicherungen bei Suizidversuch gekürzt oder sogar verweigert werden? Sandra Rodriguez, Rechtsanwältin

Das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) gilt für alle Sozialversicherungen, sofern die spezifischen Gesetze der einzelnen Sozialversicherungen keine gegenteiligen Son­derbestimmungen enthalten.¹ Die allgemeine Norm, die den einzelnen So­zialversicherungen eine Kürzung ihrer Leistungen ermöglicht, findet sich in Art. 21 ATSG. Dieser lautet wie folgt: «Hat die versicherte Person den Versicherungsfall vor­­sätzlich oder bei vorsätzlicher Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt oder verschlimmert, so können ihr die Geldleistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder in schweren Fällen verweigert werden.» Im Folgenden werden die Auswirkungen eines Suizidversuchs auf die Leistungen der Sozialversicherungen näher beleuchtet. Unfallversicherung Der Versicherungsschutz unterscheidet sich, je nachdem, ob ein Suizidversuch als Unfall oder Krankheit eingestuft wird. Da­ bei liegt es im Interesse der Versicherten, dass der Suizidversuch als Unfall eingestuft wird, da das Spektrum der Versi­che­ rungs­leistungen der Unfallversicherung gross­zü­giger ist als das der Krankenversicherung.

Als Unfall gilt die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines 18

un­gewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträch­ tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.² Allerdings kann nur eine un­ be­absichtigte Gesundheitsschädigung als Un­fall bezeichnet werden. Wird die schädigen­de Einwirkung als absichtlich herbeigeführt angesehen, wird sie als Krankheit qualifiziert.³ Das Bundesgericht geht grund­sätzlich von der Vermutung aus, dass eine versicherte Person nicht den Wunsch hat, sich das Leben zu nehmen, sodass im Fall von Zweifeln an der Ursache der Gesundheitsschädigung diese als Unfall einzustufen ist.⁴ Diese Annahme ergibt sich aus der Tatsache, dass der Mensch im Allgemeinen von einem Überlebensinstinkt getrieben wird. Das Bundesgesetz über die Unfallversiche­ rung (UVG) schliesst Versicherungsleis­ tungen ausdrücklich aus, falls die Gesundheitsschädigung absichtlich erfolgte.⁵ Die zentrale Frage im Bereich der Unfallversicherung ist demnach, unter welchen Be­ din­gungen eine schädigende Handlung als un­absichtlich angesehen werden kann und muss, sodass ein Leistungsanspruch begründet ist. Die Antwort darauf gibt Art. 48 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV): Die Schädigung gilt nicht als vorsätzlich, wenn der Versicherte zum Zeit­punkt der Handlung ohne eigenes Ver­ schulden absolut unfähig war, vernunftgemäss zu handeln.

Mit anderen Worten: Entscheidend ist, ob der Suizidversuch eine vorsätzliche Handlung der versicherten Person war oder nicht. Um dies festzustellen, ist zu klären, ob die Person zum Zeitpunkt der Tat zumindest teilweise in der Lage war, die Tragweiten ihrer Handlungen abschätzen und danach handeln zu können. War die versicherte Person in der Lage, vernunftge­ mäss zu handeln, handelt es sich nicht um einen Unfall, sondern um eine vorsätzliche Gesundheitsschädigung, was zum vollstän­ digen Leistungsausschluss seitens der Unfallversicherung führt. Im gegenteiligen Fall hat der/die Versicherte hingegen Anspruch auf sämtliche Leistungen der Unfallversicherung. Die Urteilsfähigkeit muss immer im Hinblick auf eine bestimmte Handlung beurteilt werden. Sie darf nicht abstrakt angenommen oder verneint werden und wird als vorhanden vermutet. Infolgedessen nimmt das Bundesgericht nur unter strengen Voraussetzungen eine vollständi­ge Ur­teilsunfähigkeit an. Eine bloss plausibel anmutende Urteilsunfähigkeit oder das Vorliegen ei­ner Geisteskrankheit reichen somit nicht zwingend, um eine voll­stän­ dige Urteilsunfähigkeit zu bejahen. Viel­­ mehr ist die Anerkennung einer vollständigen Urteilsunfähigkeit beweispflichtig. In diesem Zusammenhang sind die ersten Aussagen des Versicherten gegenüber der Polizei und der Versicherung von grösster Paracontact I Frühling 2022


Bedeutung. Diese werden vom Bundesgericht als spontan und unvoreingenommen erachtet.⁶ Es ist somit sehr schwierig, später von diesen abzuweichen, weshalb es sich empfiehlt, sich umgehend an eine Versicherungsfachperson zu wenden, um Unter­ stützung bei entsprechenden Anhörungen zu erhalten. Entscheidend ist ferner, möglichst viele Indizien bzw. Beweise beizubringen, welche für eine Urteilsunfähigkeit sprechen. Ein Gutachten eines Psy­­chiaters  / einer Psychiaterin ist zweifellos das zuverlässigste Beweismittel, um die Frage nach der Urteilsunfähigkeit zum Zeitpunkt des Suizidversuchs infolge einer psychischen Störung (z. B. Wahn, Halluzinationen, starke Benommenheit, Raptus, Schlaf, Schlafwandel, Fieberdelirium, Hyp­ nose, plötzliche Geisteskrankheit, schwere Bewusstseinsstörung usw.) zu beurteilen. Wird die Urteilsunfähigkeit gutachterlich bestätigt, stehen die Chancen für den Be­ zug von UVG-Leistungen gut. Krankenversicherung Nach Gesetz gilt jede Gesundheitsbeeinträchtigung, die nicht auf einen Unfall zurückzuführen ist, als Krankheit.⁷ Das bedeutet, dass eine Gesundheitsschädigung infolge eines Suizidversuchs, die nicht die Kriterien erfüllt, die eine Übernahme durch die Unfallversicherung ermöglichen, automatisch als Krankheit eingestuft wird.

Die Krankenversicherungen sind nicht be­ rechtigt, ihre Leistungen aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu kürzen, unabhängig von den Umständen, unter denen die Gesundheitsschädigung eingetreten ist. Somit hat die versicherte Person Anspruch auf die vollen Leistungen der Krankenversicherung, auch wenn sie zum Zeitpunkt des Suizidversuchs urteilsfähig war. Invalidenversicherung Die Invalidenversicherung (IV) ist eine all­ gemeine Versicherung gegen invalidisierende Gesundheitsschäden. Daher sollte sie ihre Leistungen grundsätzlich unabhängig von der Ursache der Invalidität erbringen, und ein misslungener Suizidversuch sollte nicht zu einer Leistungskürzung führen. Paracontact I Frühling 2022

Dennoch ist sie gemäss Art. 7 Absatz 1 Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG) verpflichtet, die Leistungen zu kürzen oder sogar zu verweigern, wenn die versicherte Person ihre Invalidität absichtlich herbeigeführt oder verschlimmert hat. Gemäss Ziff. 7003 des Kreisschreibens über die Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH) handelt vorsätzlich, «wer trotz besserer Einsicht den Gesundheitsschaden herbeiführen, ver­schlimmern oder aufrechterhalten will und sich danach verhält. Dies ist [...] bei einem Selbstmordversuch praktisch ausgeschlossen.» Wie in der Unfallversicherung kann auch bezüglich der IV bei einem fehlgeschlagenen Suizid, der im Zustand der vollständi­ gen Urteilsunfähigkeit begangen wird, kein Vorsatz angenommen werden. In diesem Fall kann der versicherten Person kein Ver­ schulden vorgeworfen werden, und die Leistungen werden vollständig von der Invalidenversicherung erbracht. Bei Suizidversuchen, bei denen die vollständige Urteilsunfähigkeit nicht nachgewiesen werden kann, besteht indessen ei­ne Grauzone. Der Versicherte, der versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen, hat in der Regel nicht die Absicht, seine Invalidi­ tät herbeizuführen. Daher sollten die von der Invalidenversicherung gewährten Leis­ tungen idealerweise nicht gekürzt oder ver­ weigert werden können. Die Rechtswirk-

lichkeit sieht jedoch anders aus. Artikel 21 ATSG, den die Invalidenversicherung an­­wenden kann, und der Begriff «praktisch» in Ziff. 7003 KSIH ermöglichen eine Kürzung oder sogar Verweige­rung von Leis­tungen im Falle eines Sui­zidversuchs, der von einer urteilsfähigen Person begangen wurde. Da die Frage der Leistungspflicht der Invalidenversicherung unklar ist, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Betrof­ fenen bei den versicherungstechnischen Schritten nach einem Suizidversuch vorsichtig vorgehen und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Was Sie sich merken sollten Im Falle eines Suizidversuchs wird dringend empfohlen, so schnell wie möglich und bevor irgendwelche versicherungstech­ nischen Schritte eingeleitet werden, eine Versicherungsfachperson (z. B. Institut für Rechtsberatung der SPV, Anwalt, Organisation zur Interessenwahrung von Versicherten, Rechtsschutzversicherung) beizu­ ziehen. ¹ Art. 2 ATSG ² Art. 4 ATSG ³ Art. 3 ATSG ⁴ BGE 8C_663/2009 vom 27. April 2010, Erw. 2.3; BGE 8C_453/2016 vom 1. Mai 2017, Erw. 2 ⁵ Art. 37 Abs. 1 UVG ⁶ BGE 142 V 590, Erw. 5.2 ⁷ Art. 3 ATSG

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MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

UROLOGIE

Strom für die Blase

Neuromodulative Verfahren können Störungen der Blasen- und Darmfunktion mindern. Stromimpulse über Elektroden wirken auf das Nervensystem und verbessern die Steuerung des Organs. Von Dr. Jens Wöllner, Prof. Dr. med. Jürgen Pannek, SPZ

Eine Querschnittlähmung führt in vielen Fällen zu einer irreversiblen Störung der Blasen-, Darm- und Sexualfunktion. In Ab­ hängigkeit von Höhe und Ausprägung der Rückenmarksläsion können verschiedene Funktionsstörungen resultieren. Grund­ sätz­lich unterscheidet man Störungen der Blasenspeicherphase, mit ungehemmten Kon­traktionen des Blasenmuskels, die zu einer Harninkontinenz führen können, so­ wie Störungen der Entleerungsphase, mit fehlender Aktivität des Blasenmuskels und inkompletter oder fehlender Entleerung der Blase. Auch die Darmfunktion ist beeinträchtigt, was sich in massiver Verstopfung (Obstipation) oder auch in unfrei­ willigem Stuhlverlust (Stuhlinkontinenz) äus­sern kann. Die genaue Funktionsstörung wird im Rahmen der Erst-Rehabilita­ tion diagnostiziert und therapeutisch begleitet. Wenn immer möglich, kommen zu diesem Zeitpunkt konservative Verfahren zum Einsatz. Nach einem Jahr stellt sich meist ein chronischer Zustand ein; sollten sich zu dieser Zeit die Funktionsstörungen nicht konservativ (manuelle Therapie, Uro­ therapie, medikamentös) beheben lassen, kommen zum Teil minimal-invasive Verfahren zum Einsatz wie etwa die Botox-Be­ handlung der Blase oder die perkutane und invasive Neuromodulation.

Neuromodulation Es gibt zwei neuromodulative Verfahren. Beim perkutanen Verfahren, auch PTNS ge­nannt, erfolgt die Stromapplikation für ei­nen bestimmten Zeitraum über Kleb­ elektroden durch die Haut. Bei der sakralen Neuromodulation geben Elektroden an die Nervenfasern im Kreuzbeinbereich per­ ma­nent Strom ab. Die Verfahren können sowohl bei Spastik der Blase als auch bei chro­nischer Harnretention (Unfähigkeit, die Blase komplett zu entleeren) eingesetzt werden. Auch bei Darmfunktionsstörungen findet die sakra­le Neuromodulation Anwendung.

Beide Verfahren transportieren den applizierten Strom über periphere Nerven und das Rückenmark zum Gehirn, wo der Impuls verarbeitet, in absteigende Nervenim­ pulse umgeleitet und dem Endorgan (Bla­ se/­Darm) zugeführt wird. Aus diesem Grund ist für eine erfolgreiche Therapie ei­ne ausreichende Restfunktion des Rückenmarks notwendig, um die Impulse weiterzuleiten. Es bedarf zunächst einer ausführlichen Diagnostik, um die Art der Funktionsstörung genau zu erfassen und zu klassifizieren. In besonderen Situationen können

Sakrale Neuromodulation Einliegende Elektroden für die Neuromodulation der Sakralnerven S3 mit Impulsgebern

In der Regel wird diese Therapie als Kaskade bzw. als Eskalationstherapie durchge­ führt. Man beginnt mit einem konserva­ tiven Verfahren und wechselt, falls dieses nicht die gewünschte Wirkung zeigt, auf die nächsthöhere bzw. invasive Therapiemethode. 20

Paracontact I Frühling 2022


noch zusätzliche Untersuchungen der Ner­ venfunktion oder eine zusätzliche Bildgebung (z. B. MRI der Wirbelsäule) notwendig werden. Wenn alle Ergebnisse vorliegen, werden die Befunde und die Therapieoptionen miteinander besprochen. Hierbei spielen die Art und Schwere der Funktionsstörung, Eigen­ schaften der Betroffenen (z. B. Alter, Mobi­ lität), die Wünsche der Patientinnen und Patienten sowie die Erfolgsaussichten eine Rolle. Therapie mit PTNS Die PTNS-Therapie erfolgt meist aufgrund von Drangbeschwerden und Dranginkontinenz als Folge einer überaktiven Blase. Ist die Therapie durch Medikamente nicht ausreichend, oder werden die Medikamen­te nicht vertragen bzw. nicht gewünscht, kann diese Art der «Stromtherapie» durch­ geführt werden. Wichtig ist die genaue Kenntnis, wie ausgeprägt die Blasenfunktionsstörung ist. Daher wird die Entscheidung zur Therapie anhand von objekti­ vier­baren, medizinischen Messwerten in Verbindung mit den Beschwerden der Betroffenen getroffen. Ist diese Therapie medizinisch sinnvoll, erfolgt ein Kostengut­ sprache-Gesuch an die Kostenträger, da das Verfahren nicht automatisch von den Krankenkassen bezahlt wird.

Das PTNS-Verfahren erfolgt über Kleb­ elektroden an der Innenseite des Fusses im Knöchelbereich oder oberhalb des Kreuz­ beins. Nach einer ausführlichen Einweisung durch das Fachpersonal führen die Be­ troffenen über drei Monate diese Therapie zu Hause durch, in der Regel einmal täglich für 20 bis 30 Minuten. Durch die PTNS-Therapie erfolgt eine Art Langzeittraining des Nervensystems, d. h. ein direkter Effekt nach wenigen Tagen ist nicht zu erwarten. Während der dreimonatigen Therapiephase wird der Verlauf durch regelmässige Dokumentation im Blasentagebuch erfasst. Nach sechs Wochen erfolgt eine erste Kontrolluntersuchung. Nach Abschluss der dreimonatigen Stimulation erfolgt ei­ne weitere Kontrolluntersuchung, in der abgeklärt wird, ob sich auch eine objektive Besserung eingeParacontact I Frühling 2022

stellt hat. Der Vorteil dieses Verfahrens oh­ne Nebenwirkungen liegt in der einfachen Anwendung im häuslichen Umfeld. Sakrale Methode Die sakrale Neuromodulation kann sowohl bei überaktiver Blase als auch bei chro­ni­ scher Restharnbildung eingesetzt werden. Hierbei werden die Sakralnervenäste S2 bis S4 mittels implantierter Elektroden stimuliert. Das Einbringen der Elektroden er­ folgt im Rahmen einer kurzen Operation unter Narkose (40 – 60 Minuten). Un­ter ra­diologischer Kontrolle und Elektrostimulation werden die Elektroden plat­ziert. Diese Elektroden werden mit Verlängerungskabeln verbunden. Diese Kabel werden aus der Haut ausgeleitet. Die Elektro­de liegt folglich nichtsichtbar im Körper. An den Verlängerungselektroden befinden sich kleine, etwa fünf Franken grosse Teststimulatoren, die man an einem Gürtel trägt. Je nach zu Grunde liegendem Krank­ heitsbild kann das Einbringen von Elektro­ den ein- oder beidseitig erfolgen. In den folgenden drei bis sechs Wochen wird die optimale Programmierung der Elektroden getestet und die Blasen-/Darmfunktion in einem Tagebuch dokumentiert. Am Ende der Testphase wird über den Erfolg oder Misserfolg entschieden. Haben sich die Symptome und Blasenfunktion zufriedenstellend gebessert, erfolgt die Implantation der definitiven Impulsgeber. Hierbei werden diese im Bereich der Gesässregion unter der Haut eingebracht, ohne dass die­ se von aussen sichtbar sind. Die Betroffenen können über einen externen Kontroller, quasi eine Fernbedienung, die Geräte steuern und so z. B. bei Bedarf die Stromstärke reduzieren.

Es erfolgen regelmässige Kontrollen beim Implantations-Zentrum. Die Geräte werden über eine Bluetooth-Verbindung ausgelesen, kontrolliert und bei Bedarf auch umprogrammiert. Aktuell existieren zwei Anbieter. Alle Geräte inklusive der Elektroden sind MRI-gängig, so dass auch mit einem dauerhaft implantierten Gerät eine MRI-Untersuchung möglich ist. Es gibt Geräte, die mit Batterie betrieben werden, die je nach Stromverbrauch alle fünf bis acht Jahre in einer kleinen Operation ausgetauscht werden muss. Zum anderen gibt

es Systeme, die man durch die Haut einbis zweimal wöchentlich auflädt und die 10 bis 15 Jahre halten. Welches System am bes­ten geeignet ist, wird vor dem Eingriff gemeinsam mit den Patientinnen und Pa­tienten besprochen und festgelegt. An­ schlies­send ist in der Regel eine jährliche Kontrolle notwendig. Die sakrale Methode bewirkt eine dau­ erhafte Modulation des Nervensystems, im Gegensatz zur PTNS-Therapie ist kein Lern­effekt zu erwarten. Wenn kein Strom fliesst, lässt der Effekt schnell nach. Daher handelt es sich um eine Dauertherapie. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt in der guten Wirksamkeit und einfachen Anwendung, sobald das System eingestellt ist. Keine allgemeingültige Lösung Die neuromodulativen Verfahren sind mo­ derne Therapieoptionen der Blasen- und Darmfunktionsstörungen. Sie stimulieren das Nervensystem und setzen damit am Ur­ sprung der Störung an; sie führen zu keinen Veränderungen an Blase und Darm, sondern sie versuchen, die Steuerung der betroffenen Organsysteme zu verbessern. Aufgrund der unterschiedlichen Wirk­ wei­se der Systeme kann, falls eine Technik nicht erfolgreich sein sollte, das andere Verfahren dennoch hilfreich sein. Es ist jedoch vor Beginn einer solchen Behandlung zwingend eine ausführliche Diagnostik not­wendig, um die Funktionsstörung exakt zu erfassen und den Betroffenen eine Therapie anbieten zu können. Denn auch hier gilt: Keine Lösung passt für alle.

Kontakt Urologie Schweizer Paraplegiker-Zentrum urologie.spz@paraplegie.ch Tel. 041 939 59 22 21


HINDERNISFREIES BAUEN

RÜCKMELDUNG

Unsere Bauherren haben das Wort

Seit über 26 Jahren plant und baut unsere Fachstelle in Muhen für SPV-Mitglieder aus der ganzen Schweiz. Nun lassen wir ehemalige Bauherren zu Wort kommen und erhoffen uns dabei Erkenntnisse aus dem Wohnen und aus der gemeinsamen Zusammenarbeit: vom Mitglied für das Mitglied!

Von Felix Schärer, Dominik Widmer, Marcel Strasser

Gabriela Pozzi, Ennetbaden AG, Mitglied SPV seit 2009, Rollstuhlclub Aargau, 61-jährig Umbau/Anbau Terrassenhaus 2010

Unsere beiden Kinder gingen damals noch zur Schule, als ich mit meinem Fahrrad verunfallte. Der Verkehrsunfall hatte eine Tetraplegie zur Folge und stellte mein Le­ ben und das der ganzen Familie auf den Kopf. Unser zweigeschossiges Terrassenhaus, mit schöner Aussicht auf das Limmat­ knie, war nicht hindernisfrei. Ein ohnehin zu kleiner Aussen-Treppenlift erschloss nicht alle Geschosse. Vom Haus trennen wollten wir uns aber nicht. So entschlossen wir uns zu einem grossen Umbau mit ei­

nem neuen Vertikallift und einem Studio für eine Pflegeperson sowie einer Sauna zur Spastik-Prophylaxe. Das Bauvorhaben war sehr aufwändig, wir würden es heute aber wieder so machen. Für die Zusammenarbeit mit dem ZHB sprach die grosse Erfahrung mit rollstuhlgängigen Umbauten. Im Spezialtiefbau ist jedoch weniger Know-how vorhanden. Für den Liftschacht, der mehrere Geschosse in den Boden gebaut werden musste, waren umfangreiche Sicherungen und Unterfangungen notwendig. Dank einer sehr erfahrenen Bauunternehmung konnte auch dies gut gelöst werden. Weil es sich um einen komplexen Umbau handelte, waren Planung und Bauleitung sehr wichtig und anspruchsvoll. Auch der zeitliche Rahmen war sehr eng. Heute, elf Jahre nach dem Um­bau, sind wir immer noch sehr zufrieden mit dem Resultat, das sich in allen Belangen bewährt. Christian Betl, Steinach SG, Mitglied SPV seit 1992, Rollstuhlclub St. Gallen, 50-jährig, Neubau EFH 2006–2007

Terrassenhaus mit neuem Lift 22

Im 2006 haben wir entschieden, ein Haus zu bauen. Nachdem wir einen idealen Platz in Steinach gefunden hatten, war für mich klar, dass ich das Vorhaben als Bauherr sel­ ber betreuen und zusammen mit dem ZHB

Einfamilienhaus nach Wunsch

umsetzen will. Da ich die Bauleitung selber gemacht habe, war mir eine gute Planung äusserst wichtig. Lieber ein halbes Jahr länger planen und dafür richtig, war mein Motto. Und das hat sich bewährt. Der Vorteil in der Zusammenarbeit lag vor allem in der Erfahrung und dem Wissen des ZHB, was genau ich als Rollstuhlfahrer brauche. Trotz der geografischen Entfernung hat die Zusammenarbeit hervorragend funktioniert und harmoniert. 2007 sind wir eingezogen und freuen uns bis heute tagtäglich über unser gemütliches Zuhause. Besonders bewährt hat sich für mich als Rollstuhlfahrer der schwellenfreie Zugang zur Terrasse und zur Garage sowie die Erd­ Paracontact I Frühling 2022


sondenheizung. Heute würde ich besser auf die Beschattung des Hauses achten und die Ausrichtung des Daches ändern, damit eine Solaranlage möglichst effizient wäre. Lionel Bezençon, Eclagnens VD, Mitglied SPV seit 2005, Rollstuhlclub Valais Romand, 43-jährig, Umbau und Aufstockung EFH 2021

Nach der Geburt unserer Tochter war es in unserer Eigentumswohnung etwas eng geworden und wir schauten uns um nach einer Unterkunft (Wohnung oder Haus) für unsere vierköpfige Familie. Da bot mir mein Vater an, uns sein Haus zu übergeben, das sich im selben Dorf befindet und das er seit einigen Jahren allein bewohnt. Meine Frau und ich mussten nicht lange überlegen, wir kannten das Haus und konnten uns sehr gut vorstellen, wie wir es nach unseren Wünschen und Bedürfnissen umgestalten könnten. Die administrativen Schritte wurden schnell in die Wege geleitet, mein Vater machte mir eine Schenkung über das Haus und ich übertrug ihm das Nutzniesserrecht an unserer Wohnung, eine unverhoffte Lösung und eine Win-win-Situation. Da ich querschnittgelähmt bin und in der Villa mehrere Anpassungen nötig waren, kontaktierten wir einen Architekten des ZHB, damit er uns bei unserem Projekt be­ gleitet. In einer Vorentwurfsphase wurde festgelegt, was angepasst werden sollte. Einerseits brauchte es einen Aufzug, um den Zugang zu den drei Stockwerken zu ermöglichen, andererseits mussten wir uns überlegen, wie wir das neue Stockwerk unter dem Dach organisieren und gestalten wollten. Ein genaues Budget musste erstellt werden, damit wir für die Anpassungen bei der IV und der Schweizer Para­ plegiker-Stiftung finanzielle Unterstützung beantragen konnten. Die Zusammenarbeit mit dem ZHB hatte mehrere Vorteile. Einerseits haben sie Erfahrung mit dem Umbau von Gebäuden, andererseits erleichterte es die Schritte mit der SAHB (Schweizerische Hilfsmittelberatung für Behinderte und Betagte) der IV und der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Paracontact I Frühling 2022

Umzug hat sich gelohnt

Das ZHB ist mit diesen Abläufen bestens vertraut, ich musste mich um nichts kümmern. Das war eine grosse Erleichterung und verschaffte uns die nötige Zeit, uns neben unseren familiären und beruflichen Aufgaben stärker in die Umsetzung des Pro­jekts einzubringen. Ende September 2021 sind wir in unser neues Zuhause eingezogen. Alle Arbeiten konnten durchgeführt und das zu Beginn fest­gelegte Budget eingehalten werden, wo­ rüber wir sehr zufrieden sind. Wir sind glücklich über die Zusammenarbeit mit dem ZHB-Architekten und würden wieder so entscheiden, wenn wir noch einmal in dieser Situation wären. Nicolas Hausammann, Schönenwerd AG, Mitglied SPV seit 2004, 41-jährig, Rollstuhlclub Zentralschweiz, Umbau Wohnhaus 2018

Meine Frau schaute sich in meiner Abwesenheit ein 100-jähriges Ballyhaus in Schö­ nenwerd an. Die Bilder erreichten mich während der Basketball-EM 2017 auf Tene­ riffa, wo ich mit der Schweizer Nati spielte.

Wunderschön, aber ist das auch barrierefrei? Nach einer ersten Beratung durch das ZHB entschieden wir uns zum Kauf. Das ZHB unterstützte uns in der Folge von der Machbarkeitsstudie bis hin zur Ausführung und Abrechnung des Projekts. In en­ ger Zusammenarbeit wurden Eingaben an die IV und die Abklärung durch die SAHB vorbereitet, Baupläne und Bewilligungseingaben erstellt. Und bereits nach einer sportlichen Umbauzeit von drei Monaten konnten wir als Familie mit drei Kindern un­ser neues Daheim beziehen. Dabei profitierten wir vom grossen Erfahrungsschatz des Teams um Felix Schärer vom ZHB. Pläne und Fotos von bereits realisierten Projekten halfen, das Zusammenspiel der modernen Rampe mit dem historischen Haus zu visualisieren. Sehr wichtig war auch der frühe Beizug der Baubehörde und der Denkmalpflege sowie die Planungsphase, da nur wenig Bauzeit zur Verfügung stand. Die Bauleitung übernahm das ZHB und ich würde sofort wieder mit dem ZHB zusammenarbeiten. Speziell bewährt sich der neue Senkrechtlift (Plattformlift) im Inneren des Hau­ses. So konnte die schöne alte Treppe erhalten werden und wurde auch nicht verbaut. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Mei­ ne Frau trauert etwas den 2 cm hohen, al­ ten Türschwellen nach, die es zu jedem Zimmer hatte. Die Schwellen wurden flach abgetragen: top für den Rollstuhl, Gift für das Deko-Auge meiner Frau. Dennoch, wir wohnen in unserem Traumhaus und sind überglücklich.

Gebäude unter Denkmalschutz (K)eine Herausforderung 23


FREIZEIT

AUSFLUGSTIPP

Hoch über dem Alltag

Das Stanserhorn liegt im Herzen der Schweiz. Die Fahrt mit der nostalgischen Standseilbahn und der Weltneuheit CabriO macht bereits die Anreise zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Von Yvonne Rölli

Die erlebnisreiche Fahrt mit der CabriO-­ Bahn und der Standseilbahn aus dem Jahr 1893 auf das Stanserhorn ist wie eine Fahrt durch die Seilbahngeschichte. Von Stans aus führt zuerst die nostalgische Standseilbahn zur Mittelstation. In scharfem Kontrast dazu geht es anschliessend von dort aus mit einer modernen Luftseilbahn auf den Gipfel. Diese trägt zu Recht den Na­ men «CabriO», denn die Fahrgäste können 24

sich auch auf dem Dach der Kabine hochfahren lassen. Personen im Rollstuhl bleiben allerdings unten im geschützten und wettersicheren Inneren der Kabine. Panorama Vom Stanserhorn bietet sich eine herausragende Aussicht auf zehn Schweizer Seen und 100 Kilometer Alpenkette. Auf einem kurzen Rundweg erschliesst sich das Pano­

rama in voller Pracht. Der Rundgang ist auf der einen Seite auch für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer machbar. Personen im Rollstuhl benutzen hin und zurück denselben Weg zur Bergstation. Zwi­schen Stanserhorn und Bergstation ist täglich ein Ranger unterwegs, der Ihnen ger­ne die Gipfel erklärt, Sie auf die schönsten Blumen aufmerksam macht oder eine Anekdote erzählt. Paracontact I Frühling 2022


Drehrestaurant Rondorama Im 2001 wurde auf dem Stanserhorn das erste Drehrestaurant der Zentralschweiz er­ öffnet. Auf dem sogenannten Drehteller des Rondorama zieht innerhalb von 43 Minuten das gesamte 360-Grad-Panorama an den Gästen vorbei. Die Stahl- und Holzkonstruktion erlaubt einen freien Blick in die Bergwelt. Lust auf ein besonderes Erlebnis auf dem Stanserhorn? Hier ein paar Vorschläge: Candle-Light-Dinner Schwelgen Sie in romantischer Stimmung und geniessen Sie vom 1. Mai bis 12. Novem­ ber 2022 jeden Freitag und Samstag ein speziel­les Candle-Light-Dinner im Restaurant Rondorama. Zmorge Der perfekte Start in den Tag mit einem feinen Zmorge auf dem Stanserhorn. Das Frühstück wird täglich von Montag bis Sonntag bis 10.30 Uhr im Restaurant Ron­ dorama angeboten. Abendfahrt Vom 2. Juni bis 27. Oktober 2022 fahren die Bahnen jeden Donnerstag bis spätabends. Geniessen Sie die prächtige Abendstimmung auf dem Gipfel. Tag des Faulenzens am 1. Mai 2022 Der Club der führenden Faulenzer hat das Stanserhorn zum ultimativen Faulenzerberg erkoren. Am Tag des Faulenzens fahren Sie kostenlos auf den Berg. An diesem Tag wird Ihnen alles abgenommen, was nur im Entferntesten nach Arbeit aussieht. Besuchen Sie die spezielle Faulenzerzone. Dort wird alles für Sie erledigt, damit Sie nach Herzenslust faulenzen können. Das prächtige Stanserhorn Rundpanorama wird per Tonband erklärt. Ihre Erlebnisse können Sie dann auch Ihren Liebsten per Ansichtskarte nach Hause schicken. Die Karten wurden für Sie als bekennenden Fau­lenzer bereits vorgeschrieben.

Also nichts wie los, entfliehen Sie dem Alltag und entdecken Sie das Stanserhorn. Die Saison 2022 startet am 9. April und en­ det am 13. November. Paracontact I Frühling 2022

Geburtshaus des heiligen Bruder Klaus in Flüeli-Ranft

Flüeli-Ranft Ist man schon einmal in der Region, empfiehlt sich ein Besuch von Flüeli-Ranft. In der Gemeinde Sachseln mit Blick auf den Sarnersee finden seit Jahrhunderten Men­ schen an diesem Ort Ruhe und Einkehr. Flüeli war die Wohn- und Wirkungsstätte von Niklaus von Flüe, der zusammen mit seiner Frau Dorothee Wyss und seinen Kin­ dern in diesem Ort lebte. Der 1947 heiliggesprochene Bruder Klaus zog sich in der Ranftschlucht nur unweit von seinem Wohn­haus als Einsiedler zurück, wo er betete und zum vielbesuchten Ratgeber und Mittler wurde. Die besondere Ausstrahlung und Kraft des Wallfahrtsorts berührt und bewegt viele Menschen bis heute.

Ein privater Verein erleichtert den Besuch des Pilgerortes Flüeli-Ranft für Menschen mit einer Gehbehinderung. Mit dem Ranft-­ Mobil lassen sich die steilen Wege mit ei­ ner Neigung von bis zu 23% überwinden. Eine Begleitperson wird durch den Verein organisiert. Anmeldungen nimmt der Ver­ein über die Webseite entgegen. Eine komplett barrierefreie Unterkunft bietet das Jugendstil-Hotel Paxmontana in Flüeli-Ranft, das sich zentral gelegen zwi-

schen Wohn- und Geburtshaus des heiligen Bruder Klaus befindet. Im Gasthaus finden regelmässig Veranstaltungen statt. Informationen zur Anreise Stanserhorn Das Stanserhorn ist der Hausberg des Nidwaldner Kantonshauptortes Stans und 13 Zug­minuten oder 15 Autominuten von Luzern entfernt. Vom Bahnhof Stans erreicht man die Talstation in einem 5-minütigen Spaziergang. Die Reise von der Talstation via Mittelstation aufs Stanserhorn dauert 24 Minuten. Flüeli-Ranft Flüeli-Ranft liegt vier Kilometer oberhalb von Sachseln und ist mit dem Postauto in 15 Minuten erreichbar. Postautohaltestelle am Bahnhof und beim Museum Bruder Klaus in Sachseln.

Informationen www.stanserhorn.ch www.ranft-mobil.ch 25


RUBRIK FREIZEIT

KULTUR

HINWEIS

Rückblick Weihnachtsmarkt

Auf ins Abenteuer

Am zweiten Advents­ wochenende herrschte in Nottwil ­vorweihnächtliche Stimmung. Der erste Weihnachtsmarkt der SPG fand mit zahlreichen Ausstellenden aus der Region statt. Diese verkauften ihre Produkte in schön dekorierten Zelten. Die Feldmusik Nottwil sorgte zwei Mal mit einem ­Auftritt für Stimmung. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des Samichlaus und seinem Gefolge, an welchem sich viele Kinder erfreuten. Im ParaForum konnte eine Schnitzeljagd gemacht werden, welche zahlreich absolviert wurde. Die Gastronomie SPZ verwöhn­te die Besuchenden mit typischen Speisen ­wie Raclettebrot, Flamm­kuchen und dem obligaten Glühwein. Wir freuen uns, dass der Markt so grossen Anklang fand, und planen bereits die nächste Ausgabe.

KURS FÜR MITGLIEDER

Swiss-Trac Sie haben einen Swiss-Trac, es mangelt Ihnen aber an Fahrpraxis? Oder möchten Sie das Zug­ gerät kennenlernen und probefahren? Dann kommen Sie zum Kurs. Erfahren Sie, was es heisst, mit dem Swiss-Trac selbstständig mobil zu sein. Zusammen sind wir unterwegs, erlernen das An- und Abkuppeln, überwinden Hindernisse und fahren im Gelän­de. Sie erhalten wertvolle Informationen zum Transport, zur Pflege und zur Batterie des Zuggeräts. Zudem erfahren Sie direkt vom Profi, wel­ che individuellen Adaptionen möglich sind, um Ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Für die Flugreisen, welche im ersten Halbjahr stattfinden (Algarve, Madrid und Südtürkei) haben wir eine Alternativreise mit dem Bus organisiert. Sollte aufgrund der Pandemie eine Flugreise nicht möglich sein, tritt die ganze Gruppe die Alternativreise an. 26

REISEN

SPV-Busse in neuem Kleid

Datum 14.5.2022 10.00 –16.30 Uhr Küssnacht am Rigi

KULTUR

Offenes Singen

HINWEIS REISEN

Wir sind vorbereitet

Der Elektrorollstuhl «Mountain Drive» kann auf der MadrisaAlp bei Klosters für Bergwanderungen ausgeliehen werden. Dieser ist speziell für naturbelassene Wanderwege sowie Stufen bis 10 cm entwickelt worden. Dank seines intelligenten Fahrwerkes mit Elek­ troantrieb bietet er alle Eigenschaften für ein sicheres Vorankommen in unwegsamem Gelände. Das doppelte Hin­ terrad gibt zugleich Flexibilität und Stabilität während der Fahrmanöver.

Zwei Mal pro Monat trifft sich eine bunt gemischte Gruppe zum Singen. Rosa Zaugg, selbst Rollstuhlfahrerin, leitet das Singen und begleitet auf der Gitarre. Gesungen werden Lieder aus verschiedenen Kulturen, querbeet von Pop über Folk bis hin zu Weltmusik. Nicht selten stimmen Passanten spontan in den Chor ein. Denn die Gruppe ist wirklich «offen»: ohne Vorkenntnisse, ohne Anmeldung und für alle zugänglich. Daten 7./21.5., 4./11./18.6.2022 10.30 –12.00 Uhr Raum der Stille, SPZ

Seit 1. Januar 2022 ist die Gössi Carreisen AG unser Bus-Partner. Die beiden SPV-Busse in der deutschen Schweiz erstrahlen in einem neuen, modernen Design. Nico Eigenmann freut sich auf Ihre Buchungen und die Fahrer sind motiviert, Sie sicher durch Europa zu chauffieren. Gössi Carreisen AG Nico Eigenmann Buhölzli 2, 6048 Horw Telefon 041 340 30 55 nico@goessi-carreisen.ch www.goessi-carreisen.ch Paracontact I Frühling 2022


FREIZEIT

UNTERWEGS

Kenia – Etappe einer Weltentdeckung Nicht immer verläuft ein Gespräch gradlinig und wie geplant, so geschehen mit Weltenbummler Eugen Bissig, von allen Geni genannt. Von Gabi Bucher

Als ich Geni Bissig um ein Treffen anfrag­te, um mir von seiner Kenia-Reise zu erzählen, erklärte er, er sei am selben Tag im SPZ zum Anpassen seines Rollstuhls. «Fünf­zehn Uhr im Restaurant und ich bin der mit dem Rollstuhl», meinte er scherzend. Ganz so daneben war der Hinweis nicht, denn das Restaurant war an diesem Nachmittag zwischen den Festtagen ziemlich ver­waist. Nur konnte ich mir schlecht vorstellen, dass jener Mann, der in hohem Tempo und mit einem ziemlich auffälligen

Geni Bissig auf Besuch im SPZ …

Elektrorollstuhl durchs Restaurant kurvte, der Kenia-Reisende sein sollte. Aber er war es und ja, er sei in Kenia gewesen, «letzten Paracontact I Frühling 2022

September, ich hatte noch Ferien, welche ich einziehen musste, also buchte ich vier Wochen Safari.» Gerne und viel unterwegs Geni Bissig ist seit einem Gleitschirmunfall vor 28 Jahren im Rollstuhl, anfänglich im Hand-, jetzt mehrheitlich im Elektrorollstuhl. Er sei viel unterwegs, manchmal fünf bis sechs Tage, manchmal bis zu drei Monate. Kenia habe er gewählt, weil er auf der Globetrotter-Webseite den Beitrag von Roland Bigler gelesen habe, der selber Te­ traplegiker sei. Neuseeland habe er auch bereist, mit einem riesigen Bus, und in Kanada habe er die ganze Vancouver Island befahren. Meist sei er mit derselben Begleit­ person unterwegs und nein, nicht mit dem Elektro-Rolli. «Da reise ich jeweils mit meinem umgebauten Handrollstuhl mit Mo­ tor.» Der Motor befinde sich vorne rechts, es sei wohl kein Serienmodell, meint er, er habe mit dem Rollstuhltechniker etwas ge­ tüftelt. So sei er unabhängiger. Und dann erzählt er von Sri Lanka, vom Sprachaufenthalt in Italien, von Berlin. Auch in Marokko war er schon, in Istanbul, am Nordkap und in so mancher Hauptstadt Europas. Probleme beim Reisen? Nein, es sei alles so rollstuhlgängig, wie man es selber

gestalte und es komme auch auf die Begleit­ person an. Das ist glaubwürdig, in seinen Erzählungen ist der Rollstuhl nie ein The­ ma. Doch, wenn er es sich gut überle­ge, in Kenia habe er mal Probleme mit dem Joystick gehabt. «Ich habe am Abend meinen Rollstuhltechniker kontak­tiert, ihm per Whatsapp Fotos geschickt, er hat Fotos zurückgeschickt, so konnte ich den Joystick umprogrammieren.» Und mal am Flughafen in Berlin ha­be man ihm den Rollstuhl gebracht, und alle Kabel hinten seien ausgesteckt gewesen. «Glücklicherwei­­se bin ich Stromer», meint er lachend. Brunch in der Wildnis Aber wir wollten ja über Kenia reden! Sie hätten die Parks besucht und jede Menge Tiere gesehen, wunderschön! Der Guide sei derselbe gewesen wie bei Roland Bigler. «Er wusste, worum es geht, zudem macht er diesen Job seit 20 Jah­ren.» Am letzten Rei­setag habe er dann ausnahmsweise erlaubt, dass die Passa­gie­­re aussteigen, «so konnten wir draus­sen brunchen, ganz toll, aber er hat ständig kon­trolliert, ob kein Tier in der Nä­he ist, ich hätte ja schlecht da­von­rennen können.» Die Fahrten über die hol­prigen Pisten hätten seinem Rücken

… und unterwegs auf Kenias Pisten

zwar zugesetzt, und am Flughafen hätten sie gezittert, die Resultate des PCR-Tests seien so spät eingetroffen. Aber al­les in al­ lem ha­be er keine Probleme beim Reisen. Auch Dubai sei übrigens toll … Jetzt müsse er aber seinen Zug erwischen, erklärt er, setzt sein Béret auf, und kaum verabschiedet sehe ich ihn bereits auf dem Weg zum Bahnhof hinter dem SPZ runtersausen. Aus Kenia ist eine kleine Weltreise im Schnelldurchlauf geworden. 27


FREIZEIT

BARRIEREFREIE INSELN

Auszeit auf der Insel

Der Frühling ist da und lockt, neue Orte zu entdecken. Passend zur Eröffnung der Saison finden Sie hier Inseln, die einen Besuch wert sind.

Von Yvonne Rölli

Die Brissago-Inseln oder die Insel Mainau kennen Sie bestimmt. Wir empfehlen Ih­ nen aber auch weniger bekannte Orte wie die Insel Schwanau, die sich besonders für Abenteuerlustige eignet. Machen Sie einen Tag blau und geniessen Sie Inselzeit.

tropischen Pflanzenarten dient er Studienund Schulungszwecken sowohl für Fachper­sonen wie auch für grosse und kleine Naturliebhaber. Die kleinere Insel Isola di Sant’Apollinare ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich und dient Forschungszwecken.

Brissago-Inseln Die Brissago-Inseln liegen im Lago Maggiore im Tessin in der Nähe von Ascona und beherbergen einen Botanischen Garten. Als wahre Perlen des Lago Maggiore bieten die Brissago-Inseln einen idealen Ort für alle, die sich gerne ein wenig Erho­ lung in bezaubernder Natur gönnen. Da­ bei sind die beiden Inseln einerseits natürlich von einheimischer Vegetation bedeckt, anderseits wurden zusätzlich subtropische Gewächse aus der ganzen Welt gepflanzt.

Die Insel ist für Personen im Rollstuhl zu einem grossen Teil zugänglich. Es wird emp­fohlen, mit einer Begleitperson anzureisen, die bei Bedarf unterstützen kann. Täglich finden kostenlo­se öffentliche Führungen in allen Landessprachen statt.

Der Botanische Garten auf der Isola Gran­de, im Jahre 1885 von der Baronin Antoinette de Saint Léger gegründet, ist schweizweit einzigartig. Mit mehr als 2000 sub28

Das Hotel Villa Emden, welches auf der Isola Gran­de liegt, verfügt über ein roll­­stuhl­gängiges Zimmer. Auf der autofreien Insel geniessen Sie nicht nur Flora aus allen fünf Kontinenten, sondern auch einen herrlichen Blick in die Berge; wenn das nicht der ideale Ort für eine Auszeit ist!

Öffnungszeiten: April bis November Restaurant und Hotel: Hotel Villa Emden Region: Tessin Anreise: Mit dem Schiff von Locarno, Brissago oder Ascona St. Petersinsel Vom schmucken Hafen Erlach aus führt der Wanderweg 445 vom Festland auf die St. Petersinsel. Umrahmt vom Bielersee spa­­ziert man auf einem bequemen Pfad durch dieses üppige Naturschutzgebiet mit arten­rei­ chen Pflanzen. Die meist flache Route führt vorwie­ gend über Feldwege durch die vielfältige Landschaft. Die St. Petersinsel ist au­tofrei, umso mehr bietet sich ein gemütlicher Besuch zum Ausspannen und Kraft tanken an.

Die Strecke führt über eine ebene Landzunge in die willkommene AbgeschiedenParacontact I Frühling 2022


heit der intakten Pflanzenwelt, die man auf der Halbinsel erleben darf. Während man durch lichte Waldstücke, an weiten Feldern sowie am wild bewachsenen Seeufer vorbei flaniert, breitet sich ein behagliches Feriengefühl aus. Die Wälder sowie der besonders artenreiche Heideweg stehen un­ter Naturschutz. Es gibt zahlreiche Rastplätze zum Verweilen. Besonders beliebt sind die Feuerstellen direkt am Wasser. Auch das historisch interessante Klosterhotel und Restaurant bietet ein einzigartiges Ambiente an. Leider ist hier jedoch nur die grosszügige Terrasse bar­rierefrei. Öffnungszeiten: ganzjährig Restaurant: Klosterhotel St. Petersinsel Region: Berner Seeland Anreise: Anreise mit dem Schiff (BSG) oder ÖV (bis Haltestelle Erlach, Post), oder mit dem Auto (öffentliche Parkplätze in Erlach) Insel Schwanau: Ein Tipp für Abenteuerlustige Im Lauerzersee im Kanton Schwyz befindet sich die Insel Schwanau. Erreichbar ist sie nur mit dem Fährschiff. Die Insel beherbergt eine stattliche Burganlage, be­ stehend aus einer Schlossruine und einer Kapelle. Das Team im Inselrestaurant küm­ mert sich um das kulinarische Wohl der Gäste.

Seit Jahrhunderten besiedelt, ist die Insel Gegenstand so mancher Volkssage und Le­gende geworden. Heute ist die Insel vor al­lem ein Ort des Genusses. Nur einen Stein­wurf abseits des Festlandes, aber weit entfernt vom Alltag. Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer gelangen mit dem Boot «Seefax» auf die In­ sel. Denn nur dieses Spezialboot lässt sich am Steg auf Festland-Seite mit dem Bootslift aus dem Wasser heben, damit Per­ sonen im Rollstuhl auf das Boot gelangen können. Der untere Teil der Insel, wo sich die Kapelle und die Terrasse befinden, ist rollstuhlgängig. Der Burghof und der Turm können mit dem Rollstuhl leider nicht besucht werden. Öffnungszeiten: ab Mitte März 2022 Restaurant: Restaurant Insel Schwanau Region: Zentralschweiz Anreise: Boot «Seefax» (für Gäste im Rollstuhl) Insel Mainau Die Insel Mainau im Bodensee gehört wohl zu den bekannteren Inseln. Bunte Beete mit über einer Millionen Tulpen, mehr als Tausend blühende Rosen im italienischen Rosengarten sowie über 12 000 prächtige Dahlien verzaubern Besucherinnen und Besucher: Die Insel Mainau ist ein wahres Blumenparadies.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Wege im Mainaupark für Rollstuhlfahrerinnen geeignet. Viele Wege sind asphaltiert, eini­ge sind gekiest oder haben eine Chaus­ sie­rung. Das Schmetterlingshaus, das Palmen­haus, die Schlosskirche und auch die Ausstellungsräume im Erdgeschoss des Schlosses sind barrierefrei zugänglich. Die Restaurants sind barrierefrei. Im Schlosscafé gibt es einen kleinen Lift, der mit den üblichen Euroschlüsseln zu bedienen ist. Der Zugang ins Schmetterlingshaus ist für Rollstuhlfahrer über den Souvenir-Shop möglich und nicht über den Eingang durch die Raupe mit Drehkreuz. Personen im Rollstuhl werden geben, sich beim Personal des Shops zu melden. Bewundern Sie die Schönheit der Natur an 365 Tagen im Jahr und verbringen Sie einen herrlichen Tagesausflug mit der Familie und Freunden. Geniessen Sie die farbenprächtige Natur mit all Ihren Sinnen. Für das leibliche Wohl sorgen die InselRestaurants, Cafés und Imbissstände. Öffnungszeiten: ganzjährig Restaurant: div. Restaurants und Cafés Region: Bodensee Anreise: Zug, Bus, Bodensee-Schiffe (unbedingt den Fahrplan der Schiffe konsultieren, da nicht alle Schiffe Rollstuhlfahrer befördern können) oder mit dem eigenen Fahrzeug

Paracontact I Frühling 2022 29


FREIZEIT

SWINCAR-TOUR

Der Herr der Wanderberge Das Elektrofahrzeug Swincar kann alle Arten von Wanderwegen befahren und beschert dadurch Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein ganz neues Bergerlebnis. Ein Test im Unterwallis. Von Claude Siegenthaler

Sitzkissen zu verwenden. Da man auf dem Sitzkissen etwas höher sitzt, ist es wichtig, gut angeschnallt zu sein, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, da man weniger gut im Sitz fixiert ist. Aus diesem Grund ist ein dünneres Kissen allenfalls von Vorteil.

Das Swincar-Vehikel macht richtig viel Spass. Es handelt sich um ein Pendelfahrzeug, das weder der Schwerkraft noch der Zentrifugalkraft ausgesetzt ist. Dies führt zu einem natürlichen Gleichgewicht und einem ruhigen Fahrgefühl. Auf diese Wei­ se neigt sich das Spinnenfahrzeug in Kurven und bleibt dennoch aufrecht. Jedes Rad ist gefedert und mit einem Elektromotor ausgestattet, der beim Bergabfahren aufge­ laden wird. Das Gefährt meistert Stock und Stein sowie starke Steigungen und ist da­ bei kaum zu hören.

gibt es eine Halterung für den Roll­­stuhl, sodass man unterwegs gemütlich ins Berg­ restaurant einkehren kann.

Die Fahrzeuge sind mit verschiedenen Beschleunigungssystemen ausgestattet, um Menschen mit eingeschränkter Mobilität das Fahren zu ermöglichen. So können nicht nur Paraplegikerinnen, sondern auch Tetraplegiker mit dem Gefährt Berge erklimmen. Alle Bedienelemente befinden sich am Lenkrad. Für Tetraplegikerinnen gibt es ein Push-Pull-System. Durch Drücken des Lenkrads beschleunigt der SwinAusgetüftelte Technik car und wenn das Lenkrad losgelassen wird, Wenn man das Fahrzeug von aussen be- stoppt der Swincar sofort. Die Fahrzeuge trachtet, fragt man sich, wie eine Person verfügen über Blinker und haben gelbe im Rollstuhl auf dem Fahrersitz Platz neh- Kon­trollschilder, das heisst, sie sind für men soll. Doch können die Vorder- und den Strassenverkehr zugelassen. Hinterachse auf der linken Seite des Fahrzeugs geöffnet werden. Dadurch kann der Sitzkissen empfohlen Rollstuhl zum Fahrersitz des Swin­cars ge- Das Fahrzeug verfügt über einen harten langen. Ausserdem kann der Fahrersitz Schalensitz, in welchem man mit Brustgur­ nach links geschwenkt werden, um den ten festgeschnallt wird. Um KomplikatioTrans­fer zu erleichtern. Hinten am Swincar nen zu vermeiden, empfiehlt es sich, das 30

Ausserdem ist es wichtig, dass man nicht zu weit vom Lenkrad entfernt sitzt. Die gesamte Bedienung erfolgt am Lenkrad, deshalb sollten die Arme angewinkelt sein, da­ mit man grosse Kurven fahren kann. Auf ebenen Strassen fährt man mit Vollgas maximal 30 km/h, auf holprigen Wanderwegen weniger. Ein kurzer Test auf dem Parkplatz zeigt, wie sich das Fahrzeug verhält, aber ist man erst einmal abseits befes­ tigter Wege, muss man sich an die Positionen im Fahrzeug gewöhnen. Am besten ist es, das Abenteuer behutsam anzugehen. Schliesslich ist man nicht auf einer Rennstrecke und sollte die Gegend, das Panora­ma, die Landschaft und die frische Luft geniessen. Ein Vergnügen in jeder Hinsicht. Für diese Aktivität benötigt es einen Führerschein der Kategorie B mit Haftpflichtversicherung. Im Tandemfahrzeug müssen Begleitpersonen mindestens drei Jahre alt sein.

Interesse geweckt? Kommen Sie mit auf unsere Swincar-Tour im Val d’Illiez. Infos zur Veranstaltung auf spv.ch Paracontact I Frühling 2022


FREIZEIT

FREIZEIT FÜR ALLE

Spielend integriert

Mittlerweile gibt es 50 barrierefreie Spielplätze in der Schweiz. Die Standorte finden sich auf einer Karte auf der Internet­ seite von «Denk an mich». Hier stellen wir Ihnen ei­ne kleine Auswahl vor.

Kinder mit einer Behinderung wollen spielen wie alle Kinder, und Eltern im Rollstuhl möchten ihre Kinder auf den Spielplatz begleiten wie alle Eltern. Dem tragen die «Spielplätze für alle» Rechnung. Von Gabi Bucher

Lange war das Konzept hindernisfreier Spiel­plätze recht neu in der Schweiz, bis sich 2011 die Stiftung «Denk an mich», ei­­ne Zürcher Stiftung für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen, mit verschiedenen Organisationen zusammen­ setzte, um barrierefreie Spielplätze in der gesamten Schweiz zu bauen. Im Rahmen des Projektes «Spielplatz für alle» wurde am 18. Mai 2011 in Unterwasser ein erster solcher Spielplatz eröffnet. Ihm folgten über die Jahre zahlreiche andere. Je früher, desto besser «Es geht nicht um Therapie-Spielplätze», erklärt die Projektleiterin Sandra Remund, «es sind ganz normale Spielplätze, die von Kindern oder deren Eltern mit einer Behin­ derung benutzt werden können.» Inklusion und Sensibilisierung geschieht am einfachsten bei Kindern, ist Remund über­

Rodter Park, Luzern Den Spielplatz der Stiftung Rodtegg für Menschen mit körperlicher Behinderung gibt es seit September 2014. Der gesamte Spielplatz ist rollstuhlgerecht und mit in­ klu­siven Spielanlagen ausgestattet, wie zum Beispiel einer Rollstuhlrennstrecke und einem rollstuhlgängigen Karussell. Der Spielplatz ist mit dem Auto oder mit ÖV zeugt. «Je früher sie Kontakt haben mit an­ einfach zu erreichen. deren Menschen mit einer Einschränkung, desto natürlicher wird ihr Umgang später Spielplatz am See, Erlach und desto grösser ist ihr Verständnis.» Der 2016 eröffnete Spielplatz ist Teil der öffentlichen Parkanlage mit Campingplatz Viele Anforderungen der Gemeinde Erlach am Bielersee im Damit ein Spielplatz für alle zugänglich ist, Kanton Bern. Die Nähe der Spielanlagen müssen viele Anforderungen erfüllt wer- zur Natur und zum Wasser bietet für alle den: Platzierung auf einem Terrain mit ge- Kinder ein grossartiges sensorisches Erringem Gefälle, ausreichend Schattenplätze, lebnis. Parkplätze und Toiletten für Roll­ befahrbare Wegnetze und Fallschutzbelä- stuhlfahrer sind ebenfalls vorhanden. ­ge mit schwellenlosen Übergängen, Halte­ vorrichtungen sowie adaptierte Spielgeräte Spielplatz Dählhölzli, Bern für Kinder mit Mobilitäts-, Seh- und Hör- Der 30 Jahre alte Spielplatz im Berner beeinträchtigungen. Rutschbahnen müssen Tierpark Dählhölzli wurde komplett renoEin- und Ausstiegsplattformen und ab­fe­ viert und modernisiert. Neue Anlagen wie dernde Landematten aufweisen. Es soll­ten Schaukeln, Brunnen und Sandkasten wurunterfahrbare Sand- und Wassertische den speziell für Menschen mit einer körvor­handen sein. Und die Spielgeräte sollten perlichen Behinderung gebaut. Derzeit ist von allen Kindern, mit oder ohne Behinde­ der Spielplatz am besten mit dem Auto er­rung, gemeinsam genutzt werden können. reichbar; die Stadt Bern arbeitet jedoch an der Einrichtung von barrierefreien ÖVHaltestellen beim Zoo, die 2023 fertiggestellt sein sollen. Spielaue, Tierpark Lange Erlen, Basel Die im Mai 2018 eröffnete Spielaue ist der erste barrierefreie Spielplatz in Basel. Zusätzlich zu den Wasser- und Sandspielanlagen bietet der Spielplatz Rutschbahnen und andere sensorische Einrichtungen wie den «Ameisenhaufen», die alle rollstuhlgän­ gig sind. Der Spielplatz befindet sich direkt vor dem Tierpark und steht der Öffentlich­ keit ganztägig und kostenlos zur Verfügung.

Zugänglich auch mit einem Rollstuhl Paracontact I Frühling 2022

Stiftung Denk an mich denkanmich.ch/ spielplaetze-fuer-alle 31


ROLLSTUHLSPORT

PARALYMPICS

Beijing 2022

Nach den Sommerspielen 2008 empfängt Peking die Welt vom 4. bis 13. März 2022 zum zweiten Mal zu Paralympischen Spielen.

Von Nicolas Hausammann

Chinas Hauptstadt ist damit die erste Stadt, die sowohl Paralympische Sommerspiele als auch Paralympische Winterspiele organisiert. Nun ist die Metropole zwar welt­ be­kannt, allerdings nicht gerade als Wintersportort. Daher wird es an den Spielen ganze drei «Villages» geben. In Peking selber werden die Curling- und Para-Ice-Hockey-Wettbewerbe ausgetragen. Das Curling-Team um Coach Stephan Pfister hat sich mit seinen Leistungen für die Paralympics qualifiziert. Rund 90 Ki­lo­ meter ausserhalb von Pekings Stadtzentrum befindet sich das zweite Village. In Yanqing finden die alpinen Skiwettbewerbe statt, wo sich das Swiss Paralympic Ski Team die Hänge hinunterstürzen wird. Noch weiter – ganze 200 Kilometer – von Peking entfernt, schlagen die Snowboarderinnen und nordischen Skifahrer ihr La­ ger im Gebiet von Zhangjiakou auf. Organisatorische Herausforderung Auch wenn ein neuer Hochgeschwindigkeitszug die drei Wettkampfzonen miteinander verbinden soll, werden die Spiele eine organisatorische Herausforderung par excellence für Swiss Paralympic und den Chef de Mission Roger Getzmann von Roll­ stuhlsport Schweiz. Der Luzerner wird nach den Spielen in Tokio im September 2021 seine zweite Paralympische Mission innerhalb eines halben Jahres anführen. Er blickt den Spielen zuversichtlich entgegen: «Klar bieten die Spiele grosse Herausforderungen für das gesamte Team von Swiss Paralympic, aber auch für die beiden Sportfachverbände PluSport und Rollstuhl­sport Schweiz, welche bereits wieder er32

hebliche personelle Ressourcen bereitstellen müssen für einen Grossanlass. Dennoch sind wir zuversichtlich, diese Challenge zu bewältigen und für unser Team optimale Rahmenbedingungen schaffen zu können.» Diesem Mehraufwand wird vom lokalen Organisationskomitee Rechnung getragen, indem man den Nationen pro Standort ei­­ne zusätzliche Betreuungsperson zugesteht. Maximal werden 736 Para-Athletinnen und -Athleten in 78 Medaillenwettbewerben ge­ geneinander antreten. Die Wettkämpfe sind auf 39 Medaillen-Wettkämpfe für Männer, 35 Wettkämpfe für Frauen und vier MixedEvents, wie beispielsweise im Curling, verteilt. Mit Para-Ski Alpin, Langlauf, Biathlon, Snowboard, Rollstuhl-Curling und Para-Ice-Hockey werden sechs Sportarten auf dem paralympischen Programm stehen.

Politische Manöver Ende 2021 brachte der amerikanische Präsident Joe Biden mit seiner Ankündigung des politischen Olympiaboykotts der USA eine Lawine ins Rollen. Australien und Grossbritannien folgten und werden eben­ falls keine politischen Vertreter nach Peking entsenden. Der neue deutsche Kanzler Olaf Scholz hielt sich bis zum Redaktions-

Pascal Christen Akribische Besichtigung der WM-Strecke Paracontact I Frühling 2022


In Action Murat Pelit im WM-Riesenslalom

schluss dieser Ausgabe noch bedeckt. Jedoch werden die Stimmen auch in Europa lauter, die aufgrund der prekären Menschenrechtslage in China auf einen Boykott drängen. Bislang handelt es sich allerdings um politische Manöver. Ein sportlicher Boykott, der von Menschenrechtlern gefordert wird, würde die Propagandashow Chinas wohl deutlich härter treffen. Vor allem aber wür­ de eine solche Aktion diejenigen treffen, die sich über Jahre auf diesen sportlichen Höhepunkt vorbereitet und vielleicht nur diese eine Chance auf eine ParalympicsTeilnahme haben: die Athletinnen und Ath­ leten. Zero-Covid-Strategie China ist für sein rigoroses Handeln in der Covid-19-Pandemie bekannt. Schnell werden bereits bei vergleichsweise kleinen Fall­ zahlen ganze Städte oder gar Provinzen ab­geriegelt. Auch bei den Spielen ist das Schutzkonzept noch strenger als dasjenige in Tokio und bereits bei Testevents wie zum Beispiel der Curling WM 2021, sah man sich strikten Bubble-Vorschriften ausgeParacontact I Frühling 2022

setzt. Für ungeimpfte Akteurinnen und Ak­ teure sieht das veröffentlichte Playbook eine vorgelagerte Quarantäne von 21 Tagen vor. Diese ist für die Schweizer Athletinnen und Athleten faktisch nicht machbar, denn die Wintersportsaison hat erst Ende Dezember mit dem Weltcup in St. Moritz so richtig Fahrt aufgenommen. Der Selektionstermin von Swiss Paralympic liegt folgerichtig bereits in der Quarantänefrist, womit klar ist: zu diesen Spielen kann nur antreten, wer geimpft oder genesen ist. Schweizer Medaillenchancen Die Schweizer Delegation reist voraussicht­ lich mit ungefähr 14 Para-Athletinnen und -Athleten in vier Sportarten an die Spiele. Neben dem Curling-Team zählen die Skifahrer*innen klassischer Weise zu den heis­ sen Eisen im Feuer der Schweizer Delegation. Weiter könnten sich im Para-­Snow­­board und Ski Nordisch Athlet*innen für die Spiele qualifizieren. Die Medaillenchan­ cen zu quantifizieren, erachtet Delegations­ leiter Roger Getzmann hingegen als äusserst schwierig: «Im Ski Alpin haben wir sicher die grössten Chancen. Theo Gmür hat die letzten Spiele dominiert mit drei

Siegen bei drei Starts. Jedoch braucht es im Para-Skisport immer auch das nötige Wettkampfglück.» Die Weltcups von St. Moritz und Åre so­ wie die WM in Lillehammer konnten statt­ finden. Dennoch ist eine Prognose aufgrund der Fragilität von Sportanlässen in Zeiten der Pandemie beinahe unmöglich. Dafür bleibt es höchst interessant und eigentlich wollen wir als Sportfans doch ge­ nau das, faire und spannende Wettkämpfe, natürlich hoffent­lich mit Exploits unseres Schweizer Teams. ROAD TO BEIJING Schauen Sie dem Swiss Paralympic Ski Team bei der Vorbereitung auf die Para­ lympics über die Schultern.

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ROLLSTUHLSPORT

KIDS CAMP

…  is where we’re going Wie wird im Song das Kids Camp besungen: «Jedes Johr im Juni get’s vell Spass in Nottwil; Chaque année en juin on c’éclate à Nottwil; A giugno tanto divertimento a Nottwil» Auch dieses Jahr bietet das Kids Camp viel Sport, Spiel und Spass. Komm mit deiner Familie und erlebe ein cooles Wochenende mit deinen Geschwistern und anderen Kids im Rollstuhl. Wir freuen uns auf viele Anmeldungen fürs Kids Camp 2022 am 18./19. Juni, siehe spv.ch (Breitensport).

ROLLSTUHLCLUBS

Koordination in den Clubs In den Rollstuhlclubs wird grossartige Arbeit geleistet. Die Richtlinien vom Vorstand und den Präsidenten werden von den Leiter*innen mit Bravour umgesetzt. Wöchentlich werden in der Turnhalle, im Schwimmbad oder auf der Leichtathletikanlage sportliche Aktivitäten geleitet – alles auf freiwilliger Basis. Daraus ergeben sich stets neue Ideen. Unsere Sport­ko­ordinator*innen von der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung sind darauf fokussiert, neue sportliche Aktivitäten zu entwickeln und die bestmögliche Unterstützung für die Clubs zu bieten. 34

SWISS PARALYMPIC

Newcomer 2021 Zum ersten Mal geht der «Allianz Newcomer Award» gleich an zwei Athlet*innen: an Handbiker Fabian Recher und die Leichtathletin Elena Kratter. Der Award wurde wegen des Ausfalls der Ehrung 2020 dieses Jahr ausnahmsweise zweimal vergeben. Die jungen Talente ha­ ben an den Paralympics sowie an den Weltbzw. Europameisterschaften hervorragen­de Leistungen gezeigt, welche vielverspre­-

chend für ihre künftige Sportlerkarriere sind. Als erste Para-Sportler*innen rückten Elena Kratter wie auch Fabian Recher Anfang November in die Spitzensport-RS ein. Das ermöglicht den beiden, noch fokussierter und professioneller zu trainieren. Informationen Mehr zu den beiden Nachwuchstalenten finden Sie unter www.swissparalympic.ch/athleten

FOKUS

TK Ski Alpin Planen, Budgetieren, Koordinieren, Aus­ werten: dies gehört zu den Hauptaufgaben der Lenkungsgruppe Ski Alpin, dem Pendant zu den Technischen Kommis­ sionen bei Rollstuhlsport Schweiz. Die Lenkungsgruppe setzt sich aus je ei­ nem Verbandsvertreter von PluSport und Rollstuhlsport Schweiz sowie den beiden Headcoaches Greg Chambaz (Elite) und Kevin Caduff (Nachwuchs) des Swiss Paralympic Ski Teams (SPST) zusammen.

Nach den Paralympics 2010 wurde im Para-Skisport mit der Gründung der Lenkungsgruppe Ski Alpin und dem SPST eine neue Ära der Zusammenarbeit im Bereich Ski Alpin eingeläutet. Ein gemeinsames Ski-Team wurde vor allem aufgrund der Syner­gienutzung installiert. Zusammen konnten Headcoaches gewinnbringend für beide Verbände angestellt werden. Die eigentliche TK Ski Alpin besteht mit TKChef Björn Bruhin und dem Athletenvertreter Murat Pelit weiterhin. Paracontact I Frühling 2022


PARA TOP POTENTIAL

VORSCHAU TITELWETTKÄMPFE

Pascal Christen, Ski Alpin

Europa gibt Gas

30-jährig, wohnhaft in Kriens. Pascal gehört zum neuen Athletenfördergefäss «Para Top Potential» von Rollstuhlsport Schweiz.

Dein Lieblingsessen? Am liebsten mag ich ThaiCurry. Dein Soundtrack fürs Training? Oft Fahrtwind, manchmal auch Schweizer Rap oder EDM. Deine Hobbys neben dem Skifahren? Abseits der Piste bewege ich mich gerne beim Handbiken oder Mountainbiken. Als gelernter Grafiker interes­sieren mich aber auch Themen wie Digitalisierung oder Design.

Für Sportschiessen und Rugby beginnt das neue Jahr mit europäischen Highlights. Nach dem letztjährigen Aufstieg in die ADivision spielt die Rugby-Nationalmannschaft nun an der EM um die Qualifikation für die WM. Im Sportschies­sen geht es nach zweimaliger pandemiebe­dingter Absage der EM um die Wiederauf­nahme des internationalen Wettkampfkalenders.

Sportschiessen in Norwegen Nach zwei Absagen stehen die Vorzeichen Rugby-EM in Paris gut, dass die EM Sportschiessen über die Neben der Schweiz kämpfen vom 19. bis Kurzdistanz (10 m) in einem dritten An27. Februar Dänemark, Deutschland, Frank­ lauf durch­geführt werden kann. Vom 13. reich, Grossbritannien, die Niederlande, bis 19. März benötigen die Schütz*innen Polen sowie Russland um den europäischen eine ruhige Hand, kontrollierten Atem Titel. Während die vier erstplatzierten Län­ und eine riesige Portion Konzentrationsder automatisch für die Weltmeisterschaft fähigkeit, um sich in Hamar für die Finalim Oktober 2022 qualifiziert sind, steigen wettkämpfe zu qualifizieren. die zwei letztplatzierten Teams wieder in die B-Division ab. Die Schweiz stuft ihre Die Selektion der Schweizer Delegation Gruppe bestehend aus Frankreich, Däne- erfolgte am 9. Februar.

VORSCHAU

Giro Suisse

Das müssen unsere Leser unbedingt über dich wissen. Das verrate ich in meinem Blog: pascalchristen.ski/blog Netflix oder SRF? Ganz klar SRF-Podcasts. Insta oder Whatsapp? Ich bin aktiv auf Instagram (@pascalchristen.ski). Handyfoto oder Spiegelreflexkamera? Die beste Kamera ist jene, die man dabei hat. Paracontact I Frühling 2022

mark und Russland als herausfordernd ein, sieht jedoch Möglichkeiten, um sich in den Gruppenspielen durchzusetzen. Schweden mit seiner langjährigen Rug­­by­ tradition nimmt auf eigenen Wunsch nicht am Anlass teil. Ihren Startplatz konn­te Russ­land erben.

Der Giro Suisse 2022 findet in diesem Jahr in der Romandie statt. Der Startschuss fällt am Dienstag, 23. August 2022 in Biel, und der Girotross kommt am Sonntag, 28. August 2022 in Delémont an.

CLUB-EVENTS

Die Türen sind für alle geöffnet Die SPV kündet diverse ClubEvents für 2022 an. Um Menschen im Rollstuhl noch mehr Sport- und Freizeitmöglichkeiten zu bieten, werden Events von Rollstuhlclubs und anderen Organisationen hier ausgeschrieben. Die Informationen werden laufend auf unserer Webseite aufgeschaltet. Die Organisatoren freuen sich auf viele Anmeldungen.

Anmeldungen sind ab Frühjahr möglich: www.spv.ch (Breitensport, Giro Suisse) 35


ROLLSTUHLSPORT

RÜCKTRITTE

Handbikegrössen verabschieden sich vom Leistungssport Nach den Paralympics in Tokio beenden Tobias Fankhauser und Silke Pan ihre Karriere im Para-cycling. Wir wünschen beiden viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg. Von Nadja Venetz

Tobias Fankhauser aus Hölstein BL 9.11.1989

Tobias Fankhauser gehörte in den letz­ten Jahren zu den erfolgreichsten Schweizer Hand­bikern. Von den paralympischen Spie­len 2012 in London und 2016 in Rio kehrte er mit Silber beziehungsweise Bron­ze nach Hau­se zurück. Gerne hätte er an diese Triumphe in Tokio angeknüpft, was ihm nicht ganz glückte. Dennoch reichte es im Strassenrennen und in der Staffel für Diplomplätze. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass der Athlet noch kurz vor den Spielen mit einer Infektion im Krankenhaus lag. Es waren die letzten Paralympics für den Baselbieter. Er will sich fortan auf sein Studium sowie seine berufliche Zukunft konzentrieren. Der 32-Jähri­ge nahm im September ein Masterstudium in Business Administration auf. «Ich habe im Sport unglaublich viel erlebt und in diesen Jahren mit dem Handbiketeam vie­le schöne Momente geteilt», erklärt der zu­rücktretende Athlet. Fahrradliebe Schon als Kind war Tobias Fankhauser gerne mit dem Velo unterwegs, zum Vergnügen und ohne sportliche Ambitionen. Als 13-Jäh­riger verunglückte er mit dem Fahrrad und wurde dadurch zum Tetra­ plegiker. In der Reha entdeckte der Teena­ ger den Handbikesport für sich. Schon zwei Monate nachdem er das erste Mal in einem Handbike sass, nahm Tobias Fankhauser 36

an einem Juniorenrennen teil. Bis internationale Wett­ kämpfe folgten, sollte es allerdings noch ein paar Jahre dauern. 2010 startete er erstmals an einer Weltmeisterschaft, zwei Jah­ re darauf holte er an den Paralympics in London Silber im Strassenrennen. Tobias Fankhauser war damit endgültig an der Weltspitze angekommen und überzeugte daraufhin regelmässig mit Podestplätzen. Über all die Jahre zog er die Strassenrennen dem Zeitfahren vor. Aus dem direkten Kräftemessen mit seinen Konkurrenten schöpfte er jeweils viel Motivation, um bis ans Limit zu gehen. Handbike ist und bleibt Tobias Fankhau­ sers Leidenschaft. «Ich werde sicherlich wei­terhin regelmässig im Handbike sitzen, mit Kollegen Touren unternehmen und vielleicht am einen oder anderen kleinen Ren­nen starten; aber immer nur zum Vergnügen.»

Silke Pan aus Aigle VD 11.1.1973

Silke Pan nahm seit 2012 an zahlreichen Welt- und Europacups teil und fuhr mit ih­rem Handbike regelmässig aufs Podest. Im Jahr 2015 wurde sie Vizewelt­­meisterin im Pa­ra-­cycling, damals noch für das deutsche Team. Aufgewachsen in der Romandie, beantragte sie den Schweizer Pass, den sie 2018 erhielt.

Seit 2020 gehörte sie zum Schweizer Paracycling-Team. An der Welt­meisterschaft 2021 im portugiesischen Cascais ge­wann sie im Strassenrennen die Bronzemedaille. Ihr grosses Ziel, sich für die Paralympics Tokyo 2020 zu qualifizieren, erreichte sie trotz dem zweiten Platz in der Weltrangliste nicht. «Der Spitzensport gehört seit jeher zu meinem Leben, aber vor einem Jahr habe ich eine alte und zugleich neue Leidenschaft wiederentdeckt. Unerwartet habe ich herausgefunden, wie ich mich im Hand­stand balancieren kann. Seitdem hat sich die Tür der Artistik für mich wieder geöffnet. Ich möchte die Chance nicht verpassen, das auszuleben, was mich zur Zeit am meisten erfüllt», begründet die ausgebildete Zirkusartistin ihre Entscheidung, im Herbst 2021 vom Leistungssport zurückzutreten. Rückkehr auf die Bühne Die heute 49-Jährige stürzte 2007 vom Tra­ ­pez und war in der Folge querschnittgelähmt. Silke Pan ging neben dem Leistungssport im­­mer auch ihren eigenen Projekten nach. So überquerte sie mit dem Handbike insgesamt 80 Alpen­pässe. Auch Bühnenauftritte gehörten dazu. Der Sport wird ein wichtiger Teil in ihrem Lebens blei­ben, doch Wettkämpfe soll es nur noch «spasseshalber» geben. Als vermutlich erste Paraplegikerin weltweit widmet sie sich künftig der Handstand-Akrobatik. Paracontact I Frühling 2022


ROLLSTUHLSPORT

Hast du schlussendlich sportlich profitieren können? Das ist momentan noch schwierig einzuschätzen, da ich während der RS halbtags trainierte und daneben noch die militärischen Kurse und Schulungen absolvieren musste. Die Trainingsqualität hat vielleicht sogar etwas gelitten, da mir manchmal ein wenig die Energie fehlte, mich voll und ganz ins Training zu stürzen. Ich denke, der gros­se Mehrwert folgt nach der RS, wenn ich von den 130 WK-Tagen profitieren kann.

SPITZENSPORTFÖRDERUNG SCHWEIZER ARMEE

Erster RollstuhlsportRekrut

rücken. Im Interview schildert der 22-jäh­ rige Berner O ­ berländer seine Erfahrungen bei der RS-­Premiere.

Wie sah dein Wintertraining in Magglingen aus? Aufgrund des höhergelegenen Standorts und der hügeligen Lage war es schwierig, Aussentrainings zu absolvieren. Ich war meist auf der Rolle anzutreffen. Dafür ist das Swiss Cycling Velodrome in Grenchen etwas näher, wo ich zeitweise trainiere. Am Wochenende war ich auch oft in Kandersteg auf dem Schnee anzutreffen. Dann allerdings im Langlaufschlitten. Ein supertoller Ausgleich und eine will­kommene Ab­wechslung für mich.

Wie lief es so in der RS, hast du lange gebraucht, um anzukommen und dich zurechtzufinden? Ich hatte einen Moment zu kämpfen. Ich bin eher ein Gewohnheitstyp und glaube, dass es als Athlet auch wichtig ist, um konstant zu trainieren und gute Leistungen zu erbringen. Nach dem Höhepunkt Paralym­ pics und der darauffolgenden Saisonpause folgte gleich der Standortwechsel nach Magglingen sowie das militärische Regime. Für mich ein Ausbruch aus allen Routinen, der mich zwang, Abläufe neu zu überdenken. Dies machte den Start nicht nur einfach – ich hatte zu kämpfen.

Was für Erfahrungen nimmst du abseits des Sports aus Magglingen mit? Für mich war es äusserst wertvoll, über den Tellerrand des Rollstuhlsports und der paralympischen Szene hinauszublicken. So konnte ich in diverse andere Sportarten hineinschauen, lernte deren Abläufe und Trai­nings­formen kennen. Oft war ich beispielsweise mit den Ringern unterwegs. Ich denke, dass diese Beziehungen und der gegenseitige Respekt vor der Leistung bestehen bleiben werden. Zudem waren die Kurse zur Karriereplanung sehr wertvoll und haben meine langfristige Sicht geschärft.

Handbiker Fabian Recher ist der erste Absolvent der Spitzensport-Rekrutenschule in Magglingen im Rollstuhl. Sein Fazit zur RS-Zeit in Magglingen fällt durchzogen aus. Von Nicolas Hausammann

Erst noch waren Elena Kratter, stehende Sprinterin mit Oberschenkelprothese, und Fabian Recher, Handbiker und im Alltag Roll­stuhlfahrer, die beiden ersten Behin­ der­tensportler, die zur Spitzensport-RS ein­gerückt sind. Nun ist diese Zeit bereits wieder um und die beiden können bald von den WK-­Tagen der Spitzensportförderung der Ar­mee profitieren. Zeit für ein Fazit der Inklu­sion der Spitzensportler in die RS. Fabian Recher hatte kurz vor dem Einrücken in die RS seine ersten Paralympischen Spiele in Tokio bestritten, danach hiess es bereits wieder Koffer packen und ein-

Wie sieht es mit der Betreuung durch den Trainerstab aus? Da hat es natürlich auch Anpassungen gegeben. In Magglingen werde ich meist vom Nationaltrainer Michael Würmli betreut, zu dem sich die Beziehung sicher intensiviert hat. Die Trainingsplanung macht allerdings immer noch mein persönlicher Trainer, Pirmin Christen aus Zürich, zu dem sich die Beziehung nicht gross verändert hat.

Paracontact I Frühling 2022 37


ROLLSTUHLSPORT

KIDSKURS

Aarons Glück im Schnee Schlechtes Wetter, gute Laune: Oberstufenschüler Aaron Brönnimann geniesst einen Skitag in Sörenberg ausgiebig. Ein Augenschein.

Von Peter Birrer

Aaron freut sich auf die Stunden im Schnee und auf die Premiere in diesem Winter. Der erste Skitag in Sörenberg steht an, im Rahmen der Kidskurse, die die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) regelmäs­ sig organisiert. Offen stehen diese Kurse allen unter 20 Jahren. Der bald 14-jährige Junge aus Niederlenz AG liebt es, mit dem Monoskibob unterwegs zu sein. Ihn fas­ ziniert das Tempo, er mag auch den Austausch mit dem Skilehrer. Aaron weiss eigentlich, was ihn erwartet und wie es funktioniert mit dem Gerät. Trotzdem ist sein Respekt spürbar, weil im vergangenen Jahr kein einziger Skitag mit

ihm stattfand. Also fragt er sich in den Ta­ gen zuvor: Kann ich es überhaupt noch? Schaffe ich es, ohne fremde Hilfe den Hang hinunterzufahren? Am frühen Morgen verliert Aaron nicht vie­le Worte. Spürbar ist die Anspannung, aber die verfliegt dann sehr schnell. Franz Schöpfer kümmert sich um ihn, ein Routinier aus dem Team der Skilehrer, die im Auftrag der SPV die Teilnehmenden unter­ richten – und mit ihnen Spass haben. Passendes Material schnell gefunden Vor der ersten Abfahrt geht es in den Skiraum der SPV in der Bergstation Rossweid.

Aaron ist seit seinem letzten Skikurs merk­ lich gewachsen, also heisst das: Er benötigt einen grösseren Monoskibob. Das geschul­te Auge der Spezialisten findet nach wenigen Minuten das passende Material: eine Schale, die eine kompakte Sitzposition gewährleistet, dazu der richtige Ski. Dem Vergnügen steht nichts mehr im Weg. Hilfsbereit Aaron Brönnimann kommt am 15. März 2008 mit Spina bifida zur Welt. Der offene Rücken wird ein erstes Mal gleich nach der Geburt in Zürich operiert. Doch die Beeinträchtigung hält den Bub nicht davon ab, ein abwechslungsreiches Leben zu füh-

Gemeinsamer Spass Aaron Brönnimann mit Skilehrer Franz Schöpfer

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Paracontact I Frühling 2022


ren. Ein paar Schritte kann er zwar gehen, aber nur unter grosser Anstrengung. Er gewöhnt sich an den Rollstuhl und bewegt sich damit mit Leichtigkeit fort. Er spielt Klavier, liest oft und zeichnet gerne, vor allem Gesichter. Er besucht die Oberstufe, zieht Mathematik dem Französisch vor und gehört zu den vifen seiner Klasse. Ausgeprägt ist seine soziale Ader. Wenn auf dem Schulweg ein Kollege eine Velopanne hat, lässt er ihn nicht einfach stehen, sondern bemüht sich um Hilfe. Er hört aufmerksam zu, wenn jemand eine Sorge mit ihm teilen möchte. Und im Sport tut er sich schwer, im Wettkampf einen Konkurrenten zu überholen, der mit einem technischen Defekt zu kämpfen hat. Nur eines will Aaron nie: dass jemand Mitleid mit ihm hat. «Solche Gäste habe ich gern» So ist das auch an diesem Dezembertag in Sörenberg, der wettermässig kaum unfreundlicher sein könnte. Der Himmel ist wolkenverhangen, der Regen erfordert einiges an Durchhaltewillen. Nur: Wer lässt sich von den widrigen Bedingungen schon abhalten? Schon nach den ersten Minuten benötigt er keine Unterstützung mehr: Aaron findet rasch das Gefühl für den Monoskibob und meistert die Hänge so selbst­ständig wie elegant.

Skilehrer Franz Schöpfer begleitet ihn auf jeder Fahrt, gibt wertvolle Tipps, die dem Schüler helfen, seine Technik zu verfeinern. Die zwei klopfen auch Sprüche oder diskutieren ernsthafte Themen. Das ist es, was Aaron gefällt: «Wir reden oft über Gott und die Welt.» Franz Schöpfer wiederum sagt: «Solche Gäste habe ich richtig gern. Nicht nur Aaron profitiert, sondern auch ich. Weil mir meine Aufgabe dank ihm auch nach so vielen Jahren noch riesigen Spass macht.» Hauptberuflich ist Franz Schöpfer – wie die meis­ten im Team der Skilehrer – als Landwirt in der Region tätig. Und wie alle, die in einem SPV-Kurs Skilektionen erteilen, hat auch er eine spezielle Ausbildung absolviert. Dazu gehört zum einen ein praktischer Teil. Er muss selber in der Lage sein, in einem Mono- oder Dualskibob zu fahParacontact I Frühling 2022

Das Material wird angepasst

Aaron Gute Laune trotz Regenwetter

ren und sich mit einem Bügellift auch den Berg hochziehen zu lassen. Er hatte einen fünftägigen Praxiskurs absolviert, an dessen Ende er eine Prüfung ablegte. Zum anderen muss sich eine Lehrperson auch theoretische Kenntnisse aneignen und etwa Bescheid über die unterschiedlichen Lähmungsgrade wissen. Die SPV legt Wert auf Qualität Skifahren ist überaus beliebt, «die Sportart Nummer eins», sagt Thomas Hurni, Leiter Breitensport und Sportartmanager der SPV, «Menschen im Rollstuhl können so auch im Winter sportlich an der frischen Luft aktiv sein.» Die enorme Popularität lässt sich bereits mit der hohen Nachfrage belegen. Allein in Sörenberg finden pro Winter rund 50 Kurstage statt, dazu kommen zehn in Villars-sur-Ollon, und in Airolo wird jeweils ein Wochenende organisiert. «Wichtig ist uns, dass wir Qualität bieten können», sagt Thomas Hurni, «darum setzen wir bewusst auf eine 1:1-Betreuung: Pro teilnehmende Person ist ein Skilehrer verantwortlich.»

In Sörenberg funktioniert alles unkompliziert und in vorzüglicher Ambiance. Mit guter Laune wird der Dauerregen verdrängt, und am Mittag wird Energie getankt für den zweiten Teil des Tages. Aaron sitzt mit seinen Freunden Adrian und Dario im Bergrestaurant vor dem obligaten Teller mit Chicken-Nuggets und Pommes frites, serviert von den Skilehrern. «Es gibt Unangenehmeres als schlechtes Wetter», sagt Aaron. Die zwei, die mit ihm am Tisch sitzen, nicken. Auch ihnen käme es nicht in den Sinn, den Tag abzubrechen. Diese positive Ausstrahlung der jungen Ski­fahrer ermuntert auch Thomas Hurni, sich weiter unermüdlich zu engagieren. Der frühere Sportlehrer erzählt von einem Teilnehmer, der im Skiraum einmal mit feuchten Augen sagte: «Ich hätte nie ge-

Gesellige Runde am Mittagstisch

glaubt, dass ich je wieder Ski fahren kann.» Möglich gemacht wird vieles, die Skilehrer sind auch Tüftler und können auf rund 40 verschiedene Sitzschalen zurückgreifen – diese Schalen sind für Menschen mit einer Beeinträchtigung das, was für Fussgänger die Skischuhe sind. Ein komplet­ter Mono- oder Dualskibob kostet gegen 8000 Franken. «Es braucht manchmal ein ziemliches Improvisationsvermögen», sagt Thomas Hurni, «und wir wissen, dass wir uns in Sörenberg auf eine eingespielte Grup­pe von Skilehrern verlassen können.» Im Februar wieder nach Sörenberg Nach einer kurzen Aufhellung in Sörenberg kehrt der Regen zurück. Aber die jun­ gen Sportler können kaum genug bekommen. Um 14.30 Uhr aber ist Schluss. «Ich bin überrascht, wie gut es gelaufen ist», sagt Aaron Brönnimann strahlend, «ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn wir noch weitergefahren wären.» Franz Schöpfer klopft seinem Schüler zufrieden auf die Schulter. Es ist auch ihm ein Vergnügen gewesen.

Sabine Brönnimann spürt, wie glücklich ihr Sohn ist. Auf der Heimfahrt schwärmt er vom Skitag und bittet seine Mutter, ihn gleich wieder anzumelden. Den Wunsch erfüllt sie ihm umgehend: Anfang Februar wird Aaron in Sörenberg unterwegs sein. Diesmal gleich während vier Tagen. Und bei hoffentlich prächtigem Wetter. 39


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Paracontact I Frühling 2022


ROLLSTUHLSPORT

SPORTHALLE SPZ NOTT WIL

Neues Zuhause Die Sporthalle im Schweizer Paraplegiker-Zentrum erstrahlt in neuem Glanz. Somit hat endlich auch der Indoorsport ein neues Zuhause. Von Nicolas Hausammann

Sporthalle SPZ Eventtempel und Trainingsort

Es ist ein beliebiger Donnerstagabend im Herbst, es riecht noch herrlich idyllisch nach frischem Holz und Lack des neuen Parkettbodens. Von Idylle ist auf dem Feld jedoch nicht viel zu sehen: es knallt, denn in Halle zwei sind gerade zwei Rugby-Spie­ ler mit ihren Kampfboliden ineinander ge­donnert. Hinten im Geräteraum schälen sich die Nachwuchs-Basketballerinnen und -Basketballer gerade aus ihren Sportgeräten und legen eine Pause ein. Endlich bieten die neuen Gatter ausreichend Platz, um die Sportrollstühle zu verstauen und das Öffnen beziehungsweise Schliessen des Geräteraums ist auch als Rollstuhlfahrer*in per Knopfdruck automatisiert möglich. In Halle eins versucht sich bereits eine Gruppe von Patienten in der Endphase ih­ rer Rehabilitation im Basketball und draus­ Paracontact I Frühling 2022

sen in den Garderoben treffen schon die Pilatus Dragons und der BSV Sursee ihre Trainingsvorbereitungen. Der Parkettboden im SPZ muss so einiges aushalten. Knirschen, Knacken und Rauschen Die Schrauben, welche die Latten des alten Bodens zusammenhielten, sind verschwun­ den, die Spieloberfläche ist wieder glatt. Nach einem halben Jahr Umbauzeit wurden kurz vor Weihnachten nun noch die neu­en LED-Screens installiert. Denn die Sporthalle ist nicht nur ein stark frequentierter Trainingsort. Grossanlässe wie Basketball-Europameisterschaften, Rugby-Paralympic-Qualifier-Turniere oder Schweizer Meisterschaften und Cup-Finals finden regelmässig den Weg an den Sempachersee. Nun sind Rauschen, Knirschen und Knacken aus den Lautsprechern verschwun­

den. Man hört wieder Musik und auch der Hallensprecher ist auf den Tribünen wieder zu verstehen. Zuhause mitfiebern Unter dem Hallendach hat die Swisscom Kameras fürs automatisierte Livestreaming aus der Sporthalle sowie taktische Analysen der Nationalteams eingebaut. Die Platt­­form eröffnet den Sportarten neue Vermarktungsmöglichkeiten. Gerade bei pub­likumslosen Spielen, wegen der pan­ de­miebedingten Restriktionen, besteht die Mög­lichkeit, sportliche Leistungen dennoch mit Familien, Freunden und Fans zu teilen. Eine für alle Die Sporthalle des SPZ hat einen entscheidenden Fehler, sie hat sich in der Umbauphase nicht vermehrt. Denn neben den Team­sportarten wie Rugby und Basketball sowie den Handballerinnen von Spono Nott­wil, wird das Parkett regelmässig für Tischtennis, Badminton, Powerchair-Hockey sowie für den Physiobetrieb des SPZ gebraucht. Zudem finden jährlich zahlreiche Ausbildungskurse von Rollstuhlsport Schweiz in Nottwil statt. Hinzu kommen das Personalfest sowie einige Grossveranstaltungen, zum Beispiel in der Leichtathle­ tik, bei denen die Halle als Essensraum für 700 Athletinnen und Athleten gebraucht wird. Das Buhlen um die begehrten Trainings- und Wettkampfslots wird somit wei­ ­tergehen und an der Hallenbörse der Anlasskoordination geht es zu und her wie auf einem marokkanischen Basar: «Du kannst am ersten Sonntag im April die Halle ha­ ben, dafür können wir das Wochenende vorher noch das Playoff-Finale austragen, während ihr euch in der Mittagspause des Nationalmannschafts-Lehrgangs befindet», ruft es von einer Seite des Tischs. «Deal!», bestätigt die andere Seite.

Die Verwandlung Drei Monate im 45-Sekunden-Video 41


VERMISCHTES

FORSCHUNG

Neues Labor STRANDFERIEN

Mit SEATRAC ins Wasser SEATRAC ist ein kostenloser Dienst, der Menschen mit Behinderung oder Mobilitätseinschränkung ohne fremde Hilfe ein Bad im Meer ermöglicht. Die Einstiegshilfe ist leicht zu bedienen. Ein Verzeichnis aller mit SEATRAC ausgestatteten Strände findet sich auf der Webseite der griechischen Entwickler (in Englisch). Ebenfalls ersichtlich ist hier, welche weiteren Einrichtungen (barrierefreie Parkplätze, Toiletten usw.) am jeweiligen Badeort vorhanden sind. Die meisten Strände mit SEATRAC befinden sich in Griechenland. Zum Verzeichnis www.seatrac.gr

Die Berner Fachhochschule baut ein SCI-­ Mobility-Labor (SCI: spinal cord injury) auf, das Lösungen für Menschen mit ein­ geschränkter Mobilität erforscht und ent­ wickelt. Ziel ist es, die Fortbewegungsmöglichkeiten von Menschen mit eingeschränkter Mo­bilität im Alltag zu verbessern. Spezialist*innen des Labors testen für die Benutzerinnen und Benutzer sowie für die Indu­s­trie bereits erhältliche Produkte. Mit der Entwicklung neuer Fahrzeuge und der Herstellung von Prototypen leisten sie ei­ nen innovativen Beitrag zur Erhöhung der

Vom 26. bis 28. Mai 2022 findet sich die Weltelite in Nottwil ein, um am Leicht­ athletikmeeting ParAthletics 2022 um Podestplätze zu kämpfen. Im Rahmen des Meetings werden auch die Schweizer Meisterschaften ausgetragen. Am 29. Mai gleich im Anschluss findet das Daniela Jutzeler Memorial statt. 42

Im Moment arbeitet das Team an Projekten, die für Menschen, die Mobilitätshilfen verwenden, Verbesserungen in den Bereichen Rehabilitation, Sport und Bewegungs­ freiheit bringen. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine ist wesentlich für die Forschungsvorhaben des Labors. Weitere Informationen www.bfh.ch

ONLINEPORTAL

Community «EnableMe» Die Stiftung MyHandicap hat unter dem Namen «EnableMe» ihr neues, internatio­ nales Onlineportal für Wissen, Austausch und Fragen rund um das Thema Behin­de­

VERANSTALTUNG

ParAthletics 2022

Sicherheit, des Komforts und der Autonomie der Betroffenen. Dank seiner zahlreichen Partnerschaften ist das Labor ein nach aussen offenes Forschungszentrum.

«Welche Hilfsmittel können mich unterstützen?» Philippe A.

Finde Antworten – diskutiere Lösungen. Entdecke EnableMe.ch1

rung und chronische Krankheiten lanciert. EnableMe ist ein wachsendes Netzwerk an Selbstbetroffenen und ihren Angehörigen. Die Nutzerinnen und Nutzer beantworten Hunderte von Fragen pro Jahr und teilen ihre Erfahrungen rund um das Thema Behinderung. Jede Behinderung, jede Krank­heit, jeder Kontext einer Person ist einzigartig, und doch gibt es Fragen und The­men, die sich Betroffene und Angehörige über verschiedene Behinderungen und Krankheiten hin­ weg stellen. Wie finde ich mit meiner Behinderung einen Job? Welche Wohnform passt für mich? Wo gibt es passende Sportangebote? Die eigenen Erfahrungen zu tei­len, kann den Alltag von weiteren Menschen erleichtern, aber auch dazu befähigen, informierte Entscheide zu treffen oder neue Wege zu gehen. Zur Plattform www.enableme.ch Paracontact I Frühling 2022


PUBLIKATION

Biografie Heinz Frei Gemeinsam mit Sportjournalist Martin Born blickt Aus­ nahmeathlet Heinz Frei in einer neuen Publikation auf seine heraussragende Karriere im Rollstuhlsport zurück. Das Buch erschien im Weber Verlag und ist im Buchhandel oder online erhältlich.

BARRIEREFREIHEIT

Auszeichnung für Biel

SPORT

Unabhängige Anlaufstelle Aus der Stiftung Antidoping Schweiz wurde per 1. Januar 2022 die Stiftung Swiss Sport Integrity, welche neu auch Ethikverstösse behandelt. Mit Swiss Sport Integrity er­hält der Schweizer Sport eine unabhängige An­laufstelle, damit Dopingverstösse, Ethikverstösse und Missstände schnellstmöglich aufgedeckt und beseitigt werden. Damit werden die Meldestellen von Swiss Olympic so­wie von den nationalen Sportverbänden abgelöst. Die Unabhängigkeit der Stiftung garantiert eine vertrauliche Behandlung und Aufarbeitung der Meldungen. Die digitale Plattform entspricht den höchs­ten Sicherheitsstandards und erlaubt ei­ne Interaktion mit der melden­den Person auch in anonymer Form. Das Meldeportal von Swiss Sport In­te-­ gri­ty steht allen Personen offen, die eine Meldung über mögliche Verstösse oder Missstände machen wollen. Zur Plattform www.sportintegrity.ch Paracontact I Frühling 2022

Die Stiftung MOVE vergibt seit 2020 den MOVE-AWARD an Gemeinden und Städte, die die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen beispielhaft umsetzen und fördern. Für zugängliche Informationen und für die grossen Bemühungen, Menschen mit Behinderungen eine geeignete Infrastruktur zu bieten, wurde die Stadt Biel am 22. Oktober 2021 mit dem MOVE-AWARD 2021 ausgezeichnet. Die Stadt zeige ein ganzheit­

liches Denken und breites Engagement, so die Begründung der Stiftung. Biel überzeu­ge mit vielen hindernisfreien Gebäuden und einem städtischen Strassenraum, der für Menschen mit Behinderungen gut nutz­ bar ist. Ebenfalls setzt sich die Stadt seit langem für einen behindertengerechten ÖV ein. Ganz besonders beispielhaft seien aber all die Informationen, die auf der offiziellen Webseite der Stadt, www.biel-bienne.ch, zu finden sind, lobt die Stiftung.

INKLUSION

Neue Koordinationsstelle Der Kanton Luzern fördert gemeinsames Sporttreiben von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung und schuf die Koordinationsstelle «Inklusion im Sport». Durch ge­ meinsames Sporttreiben sollen gegenseiti­ge Akzeptanz und Verständnis sowie ein natürlicher und respektvoller Umgang ent­ stehen.

Die Dienststelle Gesundheit und Sport arbeitet für die Umsetzung von «Inklusion im Sport» mit «Special Olympics Switzerland» zusammen.

Weitere Informationen www.sport.lu.ch/inklusion 43


FOKUS

IM GESPRÄCH

Die SPV muss sich wandeln

Josef Jakober und Peter Landis, Präsident und Vizepräsident von Parawatch, fordern Reformen. SPV-Präsidentin Olga Manfredi und Direktor Laurent Prince setzen sich mit Parawatch an einen Tisch. Von Evelyn Schmid und Nadja Venetz

VEREIN PARAWATCH Der Verein Parawatch verfolgt seit 2009 kritisch die Verwendung des Stiftungsvermögens der Schweizer ParaplegikerStiftung und versteht sich als unabhängiger Beobachter der Schweizer Paraplegiker-Gruppe. Die als Interessensgemeinschaft mit rund 25 Mitgliedern gegründete Organisation deckt Fehlentwicklungen auf und führt Lösungen herbei.

Die Kritik an der DV zum Anlass nehmend, entstand ein Gespräch über Veränderungen in der SPV. Evelyn Schmid und Nadja Venetz leiteten die Diskussion. Peter Landis: Wir bedanken uns für das Interview. Drei Jahre lang haben wir interveniert, damit wir hier eine Plattform erhalten. Warum ist es so schwierig, dass Mitglieder ihre Meinung äussern dürfen? Was läuft falsch in der SPV? Laurent Prince: «Paracontact» ist ein Verbandsorgan, in dem wir berichten, was wir

machen. Schon immer haben wir darin Mit­glieder porträtiert oder interviewt. Wir wollen künftig aber ganz klar den Austausch mit kritischen Stimmen intensivieren. Das ist fester Bestandteil unserer Strategie. Ich bin nicht hier, um die Vergangenheit zu kommentieren, sondern um die Gegenwart zu gestalten und in die Zukunft zu gehen. Ich kann die Frage deshalb nur dahingehend beantworten, dass wir diese Meinungsvielfalt verstärkt abbilden wollen. Dieses Gespräch ist ein Schritt in diese Richtung.

Parawatch setzt sich insbesondere dafür ein, dass das Stiftungsvermögen entsprechend dem Spenderwillen verwendet wird, dass Anliegen von Rollstuhlfahrer*innen gegenüber der Schweizer ParaplegikerStiftung, der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung und der Gönner-Vereinigung anonym behandelt und die ethischmoralischen Werte eingehalten werden. In einem Schreiben äusserte sich Parawatch 2018 kritisch zur Delegiertenversammlung (DV) und forderte einen Systemwechsel.

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Sie bezeichnen die Delegiertenversamm­ lung als Auslaufmodell. Wie kommen Sie zu diesem Schluss? Josef Jakober: Die DV ist der einzige Anlass, an dem Mitglieder äussern können, was fehlt, was korrigiert oder ausgebaut werden muss. Aus den Protokollen geht aber klar hervor, dass dieser Aspekt zu kurz kommt. Oft wird nur ja oder nein gesagt. Peter Landis: Es gab in vergangenen Jahren Fehlentwicklungen, bei denen es die Aufgabe der Delegierten gewesen wäre, zu handeln. Das ist aber nicht passiert. Die Delegierten haben gegenüber den Geldgebern und Mitgliedern eine grosse Verantwortung. Statt kritisch zu hinterfragen, wird einfach abgenickt. Josef Jakober: Es fängt schon in den Clubs an. Gemäss Statuten sollen die Delegierten an der DV ihren Club vertreten. Die Dele­ gierten werden teilweise zu dieser Aufgabe verknurrt und sind nicht eingebunden in vorstandsnahe Aufgaben. Das ist nicht wei­ ter schlimm, aber es bedarf einer präzisen Instruktion. Wenn an der Generalversamm­ lung des Clubs nicht einmal informiert wird, wer an der DV teilnimmt und welche Themen anstehen, geht das Interesse der Mitglieder verloren. Auch im Nachgang an die DV erwarte ich als Mitglied eine Rückmeldung, was diskutiert wurde. Das hat viel mit Kommunikation zu tun. Dass die Unterlagen für die Delegierten als hundert­

seitiges Ringbuch verschickt werden, ist dem nicht gerade zuträglich. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Olga Manfredi: Am Präsident*innentreffen im Januar informieren wir bis auf die Jahresrechnung über alle Inhalte der DV. Die Präsidentinnen und Präsidenten wissen vor der DV Bescheid und können die­se Infos weitergeben. Das liegt in der Verantwortung der Clubs. Ich möchte das nicht so schwarzmalen. In gewissen Clubs läuft es nicht und in anderen läuft es gut. Ich bin überzeugt, wer sich informieren will, kann sich auch informieren. Welches Modell schlagen Sie denn vor? Peter Landis: Wir möchten, dass jedes Mit­glied der SPV stimmberechtigt ist. Die Clubs sollen aber nach wie vor ihre Delegierten schicken. Die Clubfragen sind nur ein Teil der Aufgaben der SPV. Die Dienstleistungen, die dem einzelnen Mitglied zugute kommen, werden aktuell an der DV unzureichend abgedeckt. Da braucht es ei­ne Öffnung. Es sollen Leute teilnehmen, die engagiert und gut vorbereitet sind. Dann haben wir eine qualitativ gute Versammlung. Josef Jakober: Gewisse Delegierte sind seit 20 Jahren dieselben. Nicht nur die Grauhaarigen sollen zu Wort kommen. Wir wol­ len die junge Generation einbinden. Dafür brauchts andere Wege.

Laurent Prince: Das Thema Mitsprache ist uns wichtig. Im Hinblick auf die Zukunft wollen wir uns fragen: Wie sieht die Organisation dieses Verbands idealerweise aus? Wie viel Gewicht hat der Club? Was ist das Gewicht des Einzelnen? Olga Manfredi: Und am Schluss müssen wir eine Lösung haben, mit der wir vor die DV treten können. Sie wird entscheiden, was wir umsetzen. Es wird nicht einfach, Mehrheiten für Veränderungen zu finden und den Verband vorwärtszubringen. Wir sprechen über die Stimme des Einzelnen. Aktuell ist jedes Mitglied der SPV Mitglied in einem Rollstuhlclub. Braucht es neue Formen der Mitglied­ schaft? Laurent Prince: Wir wollen ein moderner Verband sein und wir wollen, dass die Mit­ glieder aktiver Teil davon sind. Seit Juni be­ schäftigen wir uns in drei Arbeitsgruppen mit der Zukunft der SPV. Die Delegiertenversammlung war dabei genauso Thema wie unterschiedliche Formen der Mitglied­ ­schaft. Die Meinungen gingen da weit auseinander. Olga Manfredi: Die Mitgliedschaftsformen sind eine sehr emotionale Frage. Für gewisse Clubs ist die Einzelmitgliedschaft di­ rekt bei der SPV ein absolutes No-Go. Sie fühlen sich in ihrer jahrelangen Arbeit angegriffen. Und für andere wiederum ist das

Den Wandel als gemeinsames Ziel Olga Manfredi, Laurent Prince, Josef Jakober, Peter Landis (v. l. n. r.)

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die einzig wahre Lösung. Mit Hilfe externer Profis wollen wir neue Ideen und Struk­ turen erarbeiten. Peter Landis: Unsere Position ist in dieser Sache klar. Die Aufhebung der Einzelmitgliedschaft 2009 war ein Fehler. Die SPV ist eine Organisation, die bemüht sein soll­te, Barrieren abzubauen und nicht neue auf­zubauen. Wenn man das Dienst­leis­ tungs­angebot der SPV uneingeschränkt nutzen will, muss man Mitglied in einem Rollstuhlclub sein, obwohl man vielleicht gar kein Interesse daran hat. Das ist absurd und sicher nicht im Sinne des Gönners. Der will, dass uns Betroffenen umfassende Dienstleistungen unbürokratisch zur Verfügung stehen. Sind die Rollstuhlclubs denn nicht wich­ tig für den Austausch untereinander? Josef Jakober: Die Situation hat sich fundamental gewandelt. Informationen, die ich vor 30 Jahren nur im Club bekommen ha­ be, sind heute Allgemeingut. Das Problem ist, dass nicht alle das volle Programm mit­ machen wollen, sondern punktuell vom Verband Unterstützung benötigen. Weshalb verwehren wir ihnen das? Peter Landis: Die SPV sollte alle Quer­ schnittgelähmten in der Schweiz vereinen, unabhängig von einer Clubmitgliedschaft. Personen, die wir mit der Abschaffung der Einzelmitgliedschaft verloren haben, müssen wir nun zurückgewinnen. Laurent Prince: Wir haben den Austausch mit Mitgliedern, den Clubs, Partnern und Interessenvertretern stark intensiviert. Da entstehen zukunftsgerichtete Ideen und Lö­ sungen. Wir sollten das eine tun und das andere nicht lassen. Die regionale Commu­ nity ist auch 2022 wichtig. Das sagen uns sehr viele Mitglieder und davon sind auch wir bei der SPV überzeugt. Auf der anderen Seite müssen wir neue Wege finden um Betroffene zu unterstützen, die eigentlich nur an den Leistungen des Verbandes interessiert sind und sich nicht in eine lokale Organisation einbinden wollen. Welche Bedeutung haben künftig die Rollstuhlclubs? Peter Landis: Das Vereinsleben erfährt ei­ nen grossen Wandel. Dies ist nicht nur bei der SPV so. Mit dem Modell, das früher attraktiv war, haben heute viele Vereine zu

kämpfen. Es ist schwierig, Leute zu finden und ein interessantes Programm zu bieten. Ich finde den Verein immer noch ein zukunftsfähiges Modell. Aber die Jüngeren leben vermutlich andere Formen von Austausch. Da sind Fantasie und Engagement gefragt. Laurent Prince: Auf der einen Seite haben wir die Clublandschaft. Diese ist wichtig für die Angebote vor Ort in allen Regionen. Ich glaube, wir sind uns einig, dass dies die grösste Aufgabe der Rollstuhlclubs ist. Wir wollen die Clubs in ihren Herausforderun­ gen unterstützen und Leute befähigen, ein Ehrenamt auszuführen. Auf der anderen Seite erbringt die SPV Leistungen ans einzelne Mitglied im Sinne der Teilhabe und der lebenslangen Begleitung. Diese Leistun­ gen erbringen wir ausserhalb der Clubstruktur. Im Moment haben wir eine Organisation, die das nicht vollständig abbildet. Unsere Aufgabe ist es, ein System zu finden, das die Clubs in ihrem Tun stärkt und zugleich jeden Einzelnen einbindet und zum Mitmachen aktiviert. Die SPV ist im Wandel. Stimmt Sie das zuversichtlich? Peter Landis: Wir haben seit 2019 einen fast komplett erneuerten Zentralvorstand und eine neue Geschäftsleitung. Es braucht jedoch auch innerhalb des Zentralvorstands Reformen. Und auf diese Reformen warten wir immer noch. Olga Manfredi: Der Zentralvorstand war Thema der Arbeitsgruppen. Aktuell wird das Anforderungsprofil an die Mitglieder des ZV überarbeitet. Die Auswahl soll künf­ tig professioneller erfolgen und sich an definierten Kompetenzen orientieren. Josef Jakober: Das freut uns zu hören. Der ZV muss wie ein Verwaltungsrat funktionieren, bei dem jeder und jede Know-how mitbringt und so mithilft, die ganze Organisation zu stärken. Peter Landis: Zugleich ist es die Aufgabe des ZV, sich selber kritisch zu hinterfragen, ob die richtigen Leute dabei sind. Da kann es sein, dass jemand den Platz frei machen muss. Das geschah in der Vergangenheit leider nicht. Und die besten Leute müssen wir nicht nur in den Zentralvorstand bringen, sondern auch in andere Organisationen, damit die Stimme der Betroffenen in der Öffentlichkeit und der Politik gehört

wird. Eine Organisation kann nur mit den besten Leuten erfolgreich sein. Das haben wir noch nicht. Ein Amt in Ehren zu beset­ zen: diese Zeiten sind endgültig vorbei! Josef Jakober: Ein Beispiel dafür ist das ­Behindertengleichstellungsgesetz. Warum schre­cken nun alle auf und stellen fest, dass das bis Ende 2023 umgesetzt sein muss? Es ist für mich ganz klar das Versagen der Behindertenorganisationen, die offensichtlich nicht laut genug waren. Olga Manfredi: Wir sind uns der Problematik bewusst, können aber nicht auf dem Silbertablett Personen präsentieren, die die SPV in den wichtigsten Organisationen ver­treten. Ich merke etwa durch meine Ar­ beit bei Inclusion Handicap, dass sich die SPV in der Vergangenheit oft zu wenig engagiert hat. Solche Beziehungen müssen neu geknüpft werden. Josef Jakober: Es ist enorm wichtig, dass wir da mitreden. Die SPV kann das nicht allei­ne stemmen. Wir benötigen letztlich auch eine Vernetzung in die Politik. Hoffentlich gelingt es uns in Zukunft, mehr Leute zu motivieren, sich dort zu Wort zu melden. Es ist Dezember, kurz vor Weihnachten. Was ist Ihr Wunsch an Ihr Gegenüber? Josef Jakober: Ich wünsche mir eine Or­ ganisation, die in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen wird. Und dass die Verän­ derungen, von denen wir jetzt gesprochen haben, nicht nur gewollt, sondern auch erreicht werden. Peter Landis: Ich wünsche mir, dass die SPV für uns Querschnittgelähmte da ist und nicht umgekehrt. Olga Manfredi: Ich wünsche mir eine kons­ truktive, vertrauensvolle und transparente Zusammenarbeit. Laurent Prince: Ich bin nun seit 16 Monaten im Amt und wir pflegen einen gemeinsamen Austausch, den ich begrüsse. Wichtig ist mir aber auch ein breiter Austausch mit Clubvertretern und Mitgliedern, wie er in verschiedenen Arbeitsgruppen zu ope­ ra­tiven und strategischen Fragestellungen stattfand. Wir haben nun konkrete Umsetzungsvorschläge bereit und richten uns für die Zukunft neu aus. Mein Wunsch ist, dass wir geeint, zusammen und konstruktiv die­ se vielversprechende Zukunft angehen, da­ mit wir die hochgesteckten Ziele erreichen.

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FOKUS

UNSERE HELFER

Unübertreffliche Rita Rita Codeluppi ist als freiwillige Helferin im Rollstuhlclub InSuperAbili Ticino nicht mehr wegzudenken. Von Gabi Bucher

Wenn Davide Bogiani, Sportkoordinator der SPV, Rita Codeluppi anfragt, ob sie am nächsten «move on» im Tessin wieder da­bei sei, ist die Frage eher Formsache, denn Rita ist immer dabei, wenn sich etwas tut beim Rollstuhlclub InSuperAbili (dt. «die Un­über­ treff­lichen») und wenn es für sie irgendwie möglich ist. Rita Codeluppis soziales Engagement begann vor vielen Jahren. «Mit 15 Jahren ha­­be ich zum ersten Mal ein Lager für ältere Menschen mit körperlichen Einschränkun­ gen begleitet», erinnert sie sich. «Das hat mir eine völlig neue Welt eröffnet und ich habe es 20 Jahre lang gemacht.» Nach der Ge­­burt ihres Sohnes war sie nicht mehr mit dabei, träumt aber jetzt davon, fast 30 Jah­ re später, nochmal an so einem Lager teilzunehmen. Gut für den Kopf Zum Rollstuhlclub InSuperAbili kam sie durch Giampietro Bergomi, langjähriger Freund und früherer Aussendienstmitarbeiter der SPV. «Er hat mich gefragt, ob

ich mir vorstellen könnte, ab und zu auszuhelfen, so hat das angefangen.» Seither ist Rita immer wieder zur Stel­le, wenn eine helfende Hand gebraucht wird, umso mehr, seit sie seit September 2020 pensioniert ist. «Die Einsätze ge­ ben mir eine Struktur, eine sinnvolle Aufgabe, und zudem sind sie gut für den Kopf», sagt sie lachend.

da, danach sitzt man noch zusammen». «Rita arbeitet jetzt fast mehr als früher, als sie berufstätig war», meint Gian Paolo Donghi lachend. Aber um Stunden geht es ihr nicht. «Es sind einfach tolle Menschen, mit de­nen ich gerne zusammen bin, nicht nur die Athletinnen und Athleten, alle vom Club! Sie geben mir so viel zurück.» Darum ist sie auch in den Vorstand eingetreten, sozusagen als rechte Hand des Roll­ stuhlsport-Verantwortlichen. «Und sie begleitet uns auch an unsere Trainingcamps nach Ce­se­natico oder Mallorca», ergänzt Gian Paolo Donghi, selber Handbiker. Ob das für sie auch Ferien seien? Sie zuckt mit den Schultern und lacht verlegen. Doch, da könne sie manchmal eine bis zwei Stunden spazieren gehen. «So einfach ist das nicht», korrigiert Gian Paolo Donghi, «die einen kommen, die anderen gehen, viel Zeit bleibt dazwischen nicht.»

Geduld ist angesagt Wenn Rita von ihren Einsätzen spricht, spürt man, mit wie viel Herzblut und Freu­de sie sich engagiert. «Ohne Freiwillige wie Rita hat fixe Einsätze am Dienstag- und sie wäre unser Clubleben gar nicht mögDon­nerstagmorgen für das Tennis-Trai- lich», meint Gian Paolo. «Sie begleitet mich ning. Am Mittwochabend hilft sie aus bei auch, wenn ich in die Schulen gehe, um den «Sport per tutti», sie begleitet die Handbike-­ Schüler*innen zu erklären, was es heisst, Fahrer bei ihren Touren und bei Rennen. im Rollstuhl zu sitzen, und wenn ich ihnen «Ich helfe beim Ein- und Ausladen, folge das Handbike zeige. Es ist ziemlich anihnen mit dem Auto, bin einfach da, wenn strengend, so oft dasselbe zu erzählen, das sie etwas brauchen.» Sie hilft mit bei Ver- schafft nicht jeder.» anstaltungen, wie damals beim Heissluftballon-Anlass. Bei den Paragliding-Events Das sei alles völlig normal und eigentlich transportiert sie die Rollstühle der Teil­ wolle sie gar nicht so im Vordergrund steneh­menden. Beim «move on» stand sie hen, meint Rita noch, bevor wir uns veram Grill, und am Giro Suisse 2021 beglei- abschieden, schnappt sich die Rechnung tete sie die Tessiner. Wie viele Stunden sie für die Konsumationen und lässt sich in pro Woche investiere? «Das lässt sich so keiner Weise davon abbringen, sie zu benicht rechnen», erklärt sie, «oft bin ich bei zahlen. Auch das ist Rita, insuperabile eben! Events und Trainings vor den Sportlern

Rita als Grillmeisterin am «move on» – und mit Herzblut engagiert für das Clubleben des InSuperAbili

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FOKUS

FÜR SIE DA

Gut auf Kurs Yvonne Rölli kümmert sich seit zwei Jahren um das Kursund Veranstaltungswesen im Freizeitbereich der SPV. Von Gabi Bucher

Als Koordinatorin von Kursen und Veranstaltungen hatte man keine leichte Zeit in den letzten zwei Jahren. Das bestätigt auch Yvonne Rölli, die diese Funktion seit November 2019 bei der SPV innehat. Aber sie lässt sich nicht entmutigen, denn sie liebt und lebt ihre Aufgabe. Schon in früheren Anstellungen war sie zuständig für Kurse und Veranstaltungen, mal im CAMPUS SURSEE, mal bei der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen in Bern. «Die Materie Brandschutz blieb mir aber ziemlich fremd, da freute ich mich sehr, als ich die Stelle in Nottwil antreten konnte.» Detektive anstatt Füchse Yvonne Rölli schätzt vor allem, dass sie oft mit dabei sein kann bei der Durchführung der verschiedenen Angebote, welche sie or­ganisiert. «Wir kriegen direkte Rück­mel­ ­dungen und erfahren, ob wir richtig liegen.» Besonders spürt sie dies jeweils am zweitägigen Mobilitätskurs. «Die Teilneh50

menden sind sehr dankbar für all die Inputs und dafür, dass sie das Gelernte am zweiten Kurstag in der Stadt Luzern gleich trainieren und umsetzen können.» Im Gegensatz zu früheren Jahren, wo jeweils der Foxtrail als Teil des Trainings absolviert wurde, war es dieses Jahr der DetektivTrail. «Die Organisatoren der Trails hatten diese letztes Jahr mit uns auf ihre Rollstuhl­ gängigkeit geprüft. Da bot es sich an, je­ nen in Luzern unter die Räder zu nehmen.» Auch die Sensibilisierungskurse für Fussgänger lösen viele Emotionen aus. «Die Le­ ­bensgeschichten der Rollstuhlfahrinnen und Roll­stuhl­fahrer, wel­che die Kurse leiten, und die Selbst­erfahrung im Rollstuhl gehen etlichen Kursteilnehmenden ziemlich nahe.» Freie Hand Zusammen mit Claude Siegenthaler, ih­ rem Kollegen in der Westschweiz, trifft sie sich jeweils im Frühling zu einem Brain-

storming über neue Angebote. «Wir ha­ ben freie Hand in der Auswahl der Kurse und Veranstaltungen, das ist nicht selbstverständlich», meint sie. Dabei sind Anregungen von Mitarbeitenden und Kolleginnen sehr willkommen. So entstand der Erste-Hilfe-Kurs für Rollstuhlfahrer, welcher dieses Jahr zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der SIRMED angeboten wird. «Die Anfrage kam von einer Mitar­ bei­terin im Rollstuhl, welche sich in einer Erste-Hilfe-Situation unsicher gefühlt hatte. Solche Inputs sind sehr wertvoll für uns.» Neue Ideen sind gefragt Spezielle Situationen verlangen ab und zu nach speziellen Lösungen, meint Yvonne. So wurden einige kunsthandwerkliche Erzeugnisse des traditionellen Weihnachtsmarkes Ende 2020 online angeboten, weil ein Markt nicht möglich war. Das Echo war verhalten. «Es war einen Versuch wert», erklärt sie mit einem Achselzucken. Die neu vierteljährlich online durchgeführten Treffen mit den Kultur- und Freizeit-Verantwortlichen der Rollstuhlclubs jedoch haben sich sehr bewährt. «Eine gute Alternative, die wir beibehalten. So können wir Infos aus der SPV viel direkter und zeitnaher abgeben als früher an den jährlichen KF-Ausflügen.» Leider lässt sich aber nicht al­les online anbieten. «Am meisten schmerz­te mich die Absage des Zentralfests. Schade um dieses Highlight», stellt Yvonne Rölli bedauernd fest. Jetzt freut sich auf ein erfolgreiches Jahr mit vie­len schönen Eindrücken und Begegnungen. Paracontact I Frühling 2022


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