Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Sommer 2020
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EDITORIAL
Geschätzte Leserinnen und Leser Einmal kurz durchatmen. Das habe ich in den letzten Wochen ein paar Mal gedacht. Ging es Ihnen auch so? Vermutlich schon. Nichts ging mehr seinen gewohnten Lauf. Wir waren und sind alle gefordert, uns an ein Leben mit dem Coronavirus anzupassen. Schon Ende Februar berief ich eine SPV-interne Arbeitsgruppe Coronavirus ein, um die Situation zu analysieren und Entscheide zu fällen. Zuerst mussten wir unsere Arbeitsplätze an das Social Distancing anpassen, per sönliche Beratungen in den Kliniken
«Leiser, aber nicht weniger wichtig»
klopfen. Unsere Mitarbeitenden sind bemüht, den Kontakt zu Ihnen aufrecht zu halten, Ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sei dies mit Bewegungstipps auf Social Media, mit Telefon beratungen z. B. durch unsere Juristen, Architekten oder Lebensberater. Wir versuchen aber auch, uns für die Zeit nach dem Virus vorzubereiten. Dazu gehört, dass wir unsere Delegiertenversammlung virtuell abhalten und Entscheide, wie etwa die Wahl des Präsidiums oder des Direktors, nicht einfach auf das nächste Jahr verschieben. Vieles ist leiser geworden. Nicht unwichtiger, aber weniger laut. So zum Beispiel der Abschied von Daniel Joggi als Präsident der SPS oder der 40-jährige Geburtstag der SPV, den wir am Zen tralfest mit Ihnen hätten feiern wollen. Manchmal kommt es anders als gewünscht. Daher: Atmen Sie kurz durch und nehmen Sie sich Zeit für unser Paracontact.
absagen. Dann kamen neue Anordnungen des Bundes. Wir stellten auf Homeoffice um, sagten Grossevents und unsere Reisen ab oder verschoben sie. Die Herzen unserer Mitarbeitenden, die so viel Zeit, Energie und Begeisterung in deren Vorbereitung gesteckt hatten, bluteten. Fehlen tun aber auch die kleinen alltäglichen Gesten: ein Händeschütteln oder jemandem anerkennend auf die Schulter
Paracontact I Sommer 2020
Herzlichen Dank
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Paracontact I Sommer 2020
IMPRESSUM
INHALT
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Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktorin Evelyn Schmid Redaktion Felix Schärer, Roger Getzmann, Tanja Müller, Harald Suter, Michael Bütikofer, Evelyn Schmid, Gabi Bucher, Urs Styger, Nadja Venetz, Tina Achermann Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos SPV, Titelbild Walter Eggenberger, CFR Valais Romand, pixabay.com, Tanja Müller, Fabienne Ruf, Tokyo 2020, Werner Morelli, Christoph Kunz, Daniel Joggi, Melanie Willimann, SPS Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Herbst 2020: abgeschlossen Ausgabe Winter 2020: 31.8.2020 Auflage 8100 Exemplare deutsch 4 250 Exemplare französisch In dieser Publikation wird zur Ver einfachung die männliche Form stellvertretend für die weibliche und männliche Formulierung verwendet. Die in der Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.
Paracontact I Sommer 2020
WIR BEWEGEN AKTUELL 6 CFR VALAIS ROMAND Ein Vierteljahrhundert und im Aufwind 9 NEUE PRÄSIDENTIN Delegiertenversammlung 2.0 10 FÜHRUNGSWECHSEL Laurent Prince wird neuer Direktor 11 NACHGEFRAGT Das Coronavirus und wir 13
KULTUR UND FREIZEIT SOMMERSPECIAL Wunderbar vielfältig – Region Sempachersee 26 IN KÜRZE 28 ÖFFENTLICHKEITSARBEIT Sensibilisierung im grossen Stil 29 RÜCKBLICK Den Kopf voller Ideen 31 WINTERTREFF EGERKINGEN Klassiker oder Auslaufmodell? 33
LEBENSBERATUNG MOBILITÄT Freie Fahrt dank optimaler Zusammenarbeit 14 SEELSORGE Zuspruch und Zeit 16
ROLLSTUHLSPORT POLYSPORT Wirbelwind auf Rädern 34 IN KÜRZE 36 PARALYMPICS VERSCHOBEN Tokyo 2020 im 2021 37 GIRO SUISSE Neu entdeckte Schweiz 39 RÜCKTRITT Christoph Kunz hört auf 40 VERBANDSLANDSCHAFT 2 Olympisch-paralympische Swissness 42 AUSDAUERTRAINING INDOOR Die Bahn im Fokus 43
RECHTSBERATUNG HILFSMITTEL Hilfsmittelversorgung der Sozialversicherungen 18 MEDIZIN UND WISSENSCHAFT AKUTMEDIZIN Doppelte Expertise AUF VISITE Der Hausarzt, dein Freund und Helfer HINDERNISFREIES BAUEN BAUPLANUNG DURCH DAS ZHB Wohnen und arbeiten unter einem Dach
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FOKUS VERMISCHTES 44 IM GESPRÄCH Daniel Joggi 46 UNSERE HELFER Lustig ist das Lagerleben 49 FÜR SIE DA Natalie Nyffeler 50
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RUBRIK AKTUELL
ZENTRALFEST
Neues Datum Das Zentralfest der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung musste verschoben werden. Ursprünglich hätte das Fest am 25. April stattfinden sollen.
LEBENSBERATUNG
Dienstleistungen und Vergünstigungen Begleiterausweis ÖV Rollstuhlfahrer, die bei der Benutzung des öffentlichen Verkehrs auf eine Begleitperson angewiesen sind, können einen Beglei terausweis beantragen. Mit diesem Ausweis nutzt die Begleitperson den öffentlichen Verkehr kostenlos. Informationen zum An trag finden Sie auf www.sbb.ch (Reisen mit eingeschränkter Mobilität).
plätzen zu parkieren. Diese Parkkarte kann beim kantonalen Strassenverkehrsamt zusammen mit einem ärztlichen Zeugnis beantragt werden.
CFR de la Côte
CFR de la Gruyère
Gruppo Paraplegico Ticino
Geburtsdatum: 14. Dezember 1972 Beruf: Direktor bei Romande Énergie Services Im Club seit: 2020 Hobbys: Kochen, Sport (Triathlon, vom Sprint bis Ironman) Aktuelle Projekte: Weiterentwicklung des Powerchair Hockey. Organisation einer Etappe des Giro Suisse von Lausanne nach Yverdon-les-Bains. Angebote des Clubs: Flying Dahus, unsere Rugbymannschaft, und Whirl drivers Lausanne, unser PowerchairHockey-Team. Wir organisieren Ausflüge und regelmässige Treffen, um den Austausch der Mitglieder zu fördern. Zudem bieten wir eine Rechtsberatung an.
Geburtsdatum: 9. August 1983 Beruf: Technischer Verkäufer bei Gétaz-Miauton Im Club seit: 2003 als Aktivmitglied, 2010 im Vorstand als Sekretär und ab 2018 als Kassier Hobbys: Informatik, Kino, Musik Aktuelle Projekte: Organisation der 21. Schweizer Meisterschaft im Badminton und des 24. Indoor Tennis Turniers in Bulle. Es ist uns ein grosses Anliegen, vielfältige Aktivitäten anzubieten und den Rollstuhlsport zu fördern. Angebote des Clubs: Tennis- und Badmintontrainings, Ausflüge in der ganzen Schweiz und lokale Veranstaltungen, um den Club bekannter zu machen.
Geburtsdatum: 19. Juni 1976 Beruf: Ingenieur in Elektrotechnik bei der Azienda Elettrica Ticinese Im Club seit: 2015 Hobbys: Engagement in verschiedenen Gesellschaften, Musik hören, Lesen Aktuelle Projekte: Das derzeit wichtigste Projekt ist die Wiederbelebung des Clubs nach der Wahl eines neuen Vorstands im November 2019. Angebote des Clubs: Ticino Bulls, unser Rollstuhlbasketball-Team, Tischtennis, Tennis, Schwimmen, Kultur und Freizeit, Museumsbesuche, Ausflüge usw.
Neu findet der Anlass am Samstag, 26. September 2020 statt. Bereits getätigte Anmeldungen behalten ihre Gültigkeit. Wer sich ab- oder noch anmelden möchte, kann dies bis zum 21. August 2020 tun. Anmeldung www.spv.ch/zentralfest
Eurokey Aktivmitglieder können bei der SPV einen Eurokey (ehemals Euroschlüssel) beziehen. Eurokey ist ein in Europa weitverbreitetes Schliesssystem. Der Schlüssel macht An lagen im öffentlichen Raum wie Toiletten, Parkkarte Die Parkkarte für gehbehinderte Personen Treppenlifte usw. für Menschen mit Behin ermächtigt den Inhaber, auf Rollstuhlpark- derung zugänglich.
NEUE CLUBPRÄSIDENTEN
Oliviero Iubatti (ab 1.9.2020)
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Jérôme Bertholet
Nicola Canepa
Paracontact I Sommer 2020
RUBRIK
LEBENSBERATUNG
SPV-Höck Die SPV bietet in der Uni klinik Balgrist regelmässig Infoveranstaltungen an. Beratung von Querschnittgelähmten im Pflegebereich ParaHelp Donnerstag, 24. Sept. 2020 18.00 – 20.00 Uhr
40 JAHRE
Gruppo Paraplegici Ticino Der Tessiner Rollstuhlclub GPT startete in das Jahr seines 40. Bestehens mit einem neu gewählten Ausschuss.
beratung Ilaria Perren. Alle sind bereits seit Jahren im Bereich Querschnittlähmung ak tiv und bringen viel Erfahrung mit. Somit startete GPT 2020 mit viel neuem Schwung Am 22. November 2019 stimmten die Mitglie in das 40. Jubiläumsjahr. Die neue solide der an einer ausserordentlichen Generalver Verwaltung soll die zahlreichen Aktivitäten sammlung über den neuen Vorstand des der GPT koordinieren und das Vertrauen Rollstuhlclubs ab. Diese fünf Personen wur- der Mitglieder in den Club festigen. Weitere den gewählt: Vorsitzender Nicola Canepa; Informationen: www.gpticino.ch. Sekretärin und Kassiererin (und stellvertretende Vorsitzende) Cinzia Schweizer; Sport Der neue Vorstand v. l. n. r.: Ilaria Perren, chef Damiano Zemp; Kultur und Freizeit Cinzia Schweizer, Nicola Canepa, Alessia Beretta-Allegri; Sozial- und Rechts- Damiano Zemp, Alessia Beretta-Allegri
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GESCHÄFTSLEITUNG ROLLSTUHLCLUBS
Runder Geburtstag Folgende fünf Rollstuhlclubs feiern 2020 ein Jubiläum. Wir gratulieren herzlich und wünschen schöne Feierlichkeiten. 50 Jahre CFR Fribourg 40 Jahre RC St. Gallen, RC Zürich 30 Jahre RC Chur, CFR Genève Paracontact I Sommer 2020
BREITENSPORT
Kids Day statt Kids Camp Das beliebte Kids-Camp-Wochenende für die ganze Familie fällt aufgrund des Coronavirus dieses Jahr leider aus. Alternativ organisiert Roll stuhlsport Schweiz 2020 am Samstag, 7. No vember einen Kids Day in Nottwil. Am Samstag, 3. Oktober findet der Kids Day in Tenero und am Sonntag, 8. November in Bulle statt. Weitere Infos www.spv.ch/breitensport
Direktion Der Zentralvorstand hat am 27. März Roger Getzmann, Bereichsleiter Rollstuhlsport Schweiz, zum stellvertretenden Direktor der SPV gewählt.
NEU
SPV auf LinkedIn Die Schweizer ParaplegikerVereinigung ist seit März 2020 auch auf der beliebten Networking-Plattform LinkedIn präsent (www.linkedin.com). 7
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Paracontact I Sommer 2020
WIR BEWEGEN
CFR VALAIS ROMAND
Ein Vierteljahrhundert und im Aufwind Dieses Jahr feiert der Rollstuhlclub Unterwallis seinen 25. Geburtstag. Die ideale Gelegenheit für Präsident Jérôme Bagnoud, die Besonderheiten des Clubs und seine Aktivitäten vorzustellen. Von Jérôme Bagnoud Mit 20 Mitgliedern bei der Gründung im Jahr 1995 zählt der Club en fauteuil roulant du Valais romand (CFRVR) heute 164 Aktivmitglieder, Tendenz steigend. «Der Club ist eine wichtige Anlaufstelle für all jene, die mit körperlicher Behinderung, sei es politisch oder sozial, in Berührung kom men», betont Präsident Jérôme Bagnoud. Grund genug, das 25-jährige Jubiläum des Clubs gebührend zu feiern. «Wir haben für unsere Mitglieder eine Reihe von ausserge wöhnlichen Aktivitäten vorgesehen», ver rät er. Das neue Clublogo und der Flyer zum Jubiläum wird den Mitgliedern an der nächsten GV präsentiert. Ein schöner Geburtstag Höhepunkt der geplanten Feierlichkeiten ist ein zweitägiger Ausflug an den Vierwald stättersee mit einer Übernachtung auf dem Pilatus. «Wir versuchen Freizeitaktivitäten zu realisieren, die für unsere Mitglieder kaum machbar wären, sei es aus organisatorischen oder finanziellen Gründen», erklärt der Präsident.
Zwei weitere Veranstaltungen bei Realfly ermöglichen es den Mitgliedern zu fliegen. Realfly ist ein Freifallsimulator. Das Prinzip basiert auf einem Windkanalsystem, das den freien Fall nachahmt. Die Teilnehmenden erleben so einen Moment der Frei heit und Leichtigkeit. Ein Ausflug auf die Kartbahn bietet den Mitgliedern weiteren Nervenkitzel. Aber das ist nicht alles. «Unser traditioneller Jah resausflug führt uns der Suone von Vex entlang, gefolgt von einem Raclette im Lär Paracontact I Sommer 2020
Auf der Belap an der frischen Bergluft
chenwald. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres organisieren wir ein Abendessen mit einem ganz besonderen Programmpunkt, den wir aber noch nicht verraten.» Innovative Mitglieder Gemeinsam mit den Walliser Querschnitt gelähmten Jérôme Puippe, Patou Hanskens und Olivier Gygax gründete Régis Dessimoz aus Conthey 1995 den Club, weil er nach seiner Entlassung aus Nottwil weiterhin Rollstuhlsport betreiben wollte. Der CFRVR bietet heute ein vielfältiges Sportangebot, zum Beispiel Kyusho, eine adaptierte Kampfkunsttechnik. «Unser Mitglied Michel Barras, der 2019 leider verstorben ist, hat zusammen mit Richard Emery die se Sportart kreiert, die heute von der SPV anerkannt ist», erklärt Jérôme Bagnoud.
Der Walliser Club ist in sportlicher Hinsicht breit aufgestellt. Er zählt zwei Curling-Mannschaften, wovon eine an Wettkämpfen teilnimmt und bereits zwei Mal den Titel des Schweizer Meisters holte, u. a. 2020, während bei der anderen Mann-
Besuch eines Künstlerateliers
schaft der Spass im Zentrum steht. Einige Mitglieder spielen Basketball, «aber es ist schwierig, genügend Spieler und Hallen zu finden.» Sportbegeisterte trainieren mit dem Handbike, spielen Tennis oder üben sich mit Partnerorganisationen im Bogenschiessen. Nicht zu vergessen sind die zahl reichen Familienausflüge und kostenlosen Aktivitäten für die Mitglieder. «Möglich ist das nur, weil wir finanziell solide aufgestellt sind. Diese Ausflüge sind beliebt», freut sich Bagnoud. Ein engagierter Club Die Stärke des CFRVR besteht unter ande rem darin, grosse Kräfte zu mobilisieren, um die Rechte von Personen mit eingeschränkter Mobilität zu verteidigen. «Wir sind in der Pflicht, auch politischer Akteur zu sein und an die Behörden zu appellieren, wenn die Inklusion nicht vorangetrieben wird. Wir sind direkt betroffen, kennen Problemfelder und können Lösungen vorschlagen», erläutert Bagnoud. «Zusam men sind wir am stärksten, um die Einglie derung jedes einzelnen zu erreichen.» 9
WIR BEWEGEN
NEUE PRÄSIDENTIN
Delegiertenversammlung 2.0 Aufgrund der ausserordentlichen Lage war eine DV im gewohnten Rahmen undenkbar. Die Delegierten trafen sich virtuell und wählten schriftlich. Erstmals wird mit Olga Manfredi eine Frau Präsidentin der SPV. Von Evelyn Schmid und Nadja Venetz
Besondere Zeiten erfordern besondere Lösungen. Die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus untersagten jegliche Vereinsaktivitäten. Dass die DV vermutlich auch in den kommenden Monaten nicht physisch stattfinden kann, war rasch klar. Der Bundesrat schuf im Art. 6a der COVID-19-Verordnung 2 jedoch eine recht mässige Alternative. Er ermöglichte es den Vereinen, Beschlüsse auf schriftlichem Weg oder in elektronischer Form zu fassen, ohne dass dies in den Statuten explizit vermerkt sein muss. Rechtskräftige Alternative Der Zentralvorstand machte für die DV vom 2. Mai 2020 von dieser Option Gebrauch. Schliesslich standen mit der Wahl des Präsidiums, der Ersatzwahl für den Zentralvorstand und der Ernennung des Direktors wichtige Traktanden an. Nun wa ren die Stabstellen gefordert. Es galt, die technischen Voraussetzungen zu schaffen für eine Liveübertragung in zwei Sprachen.
Dies mit Augenmerk darauf, dass alle Delegierten ihr Stimm-, Wahl- und Mitspra cherecht ausüben konnten. Wahl- und Stimmzettel wurden kreiert. Räumlichkei ten wurden gesucht und gefunden. Das Auditorium von CH Media in Luzern bot ideale Voraussetzungen und der Partner Auviso das technische Know-how. Zwei Simultanübersetzerinnen sorgten dafür, dass jeder in seiner Sprache sprechen durfte.
Live am Bildschirm Alle Delegierten erhielten vorab einen Link, um sich in den Livestream einzuwählen. Pünktlich um 13 Uhr erschienen die beiden Vize-Präsidenten Olga Manfredi und Thomas Schneider sowie Direktor ad inte rim Urs Styger und begrüssten die Delegierten vor den heimischen Bildschirmen. Eine Telefonzentrale mit vier Mitarbeitenden der SPV half vorab allen Teilnehmenden bei technischen Problemen. Alle 54 De legierten waren online; die Versammlung war damit vollzählig. Das gab es schon lange nicht mehr. Ob es an den wichtigen Geschäften oder am kurzen Anreiseweg lag, lässt sich nur vermuten. Wahlprozedere Fünf Techniker sorgten für eine reibungslose Übertragung. Wer sich zu Wort melden oder eine Frage stellen wollte, rief die Telefonzentrale an und wurde anschliessend live in die Übertragung geschaltet. Von dieser Option wurde rege Gebrauch gemacht. Die Wahlen erfolgten auf schriftlichem Weg. Die SPV ist froh, dass die Delegiertenversammlung auf diese Weise stattfinden konnte.
WAHLERGEBNISSE Neue Präsidentin: Olga Manfredi Neu im Zentralvorstand: Fabien Bertschy, Cornel Villiger Die Empfehlungen des Zentralvorstandes wurden befolgt. Mit Olga Manfredi wurde diejenige Kandidatin gewählt, die als Vize-Präsidentin seit einem Jahr die Geschicke der SPV mitprägt. Die Paraplegikerin ist Juristin, teilamtliche Richterin am Bezirksgericht Hinwil, Präsidentin des Rollstuhlclubs Züri Oberland und verfügt über langjährige Verbandsführungserfahrung. Zudem spricht sie mehrere Sprachen und bezeichnet sich als ausgeglichene und konstruktive Persönlichkeit. Mit Fabien Bertschy erhält die Westschweiz einen neuen Vertreter. Er arbeitet als Leiter der Fondsforschung/Verantwortlicher digitale Zugangsdaten bei Pro Infirmis Jura-Neuenburg. Der Tetraplegiker ist zudem Präsident des Rollstuhlclubs Neuenburg und hoch motiviert, sich zu engagieren. Neu hat auch die Zentralschweiz mit Cornel Villiger eine Person im Zentralvorstand der SPV. Der Paraplegiker arbeitet als Betriebswirtschafter HF für die Kommandobereiche bei der Kapo Aargau. Wie er selber mitteilt, wird er den ZV gerne mit einem kritischen Blick und einem loyalen, pflichtbewussten sowie lösungsorientierten Verhalten unterstützen. Die SPV gratuliert allen herzlich zur Wahl!
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Paracontact I Sommer 2020
WIR BEWEGEN
FÜHRUNGSWECHSEL
Laurent Prince wird neuer Direktor Führungsstark, sozialkompetent, vernetzt und das Herz am rechten Fleck. So beschreibt Zentralvorstandsmitglied Stephan Bachmann den Mann, der ab August die SPV führen wird. Die DV ernannte ihn zum Direktor. Von Evelyn Schmid
Vorher arbeitete er als Chef Ressort Spitzenfussball beim SFV und als technischer Leiter des Teams Innerschweiz sowie als Leiter Nachwuchs beim FC Luzern. Ursprünglich war er Sekundarlehrer in Kriens und Leiter der Sportschule Kriens. In dieser Funktion hat er die SPV kennengelernt, indem er einen jungen Rollstuhlfahrer betreute.
Der 50-jährige Laurent Prince bringt alles mit, was es für die Führung eines komplexen Verbandes wie der SPV braucht: Wissen, Erfahrung, Persönlichkeit und eine gute nationale wie internationale Vernetzung. Dazu die langjährige Führungserfah rung in einem Verband ähnlicher Grössen ordnung. Brückenbauer Als Zentralschweizer mit Wurzeln im Jura ist er perfekt zweisprachig und versteht es, Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen zu bauen. Seit fünf Jahren leitet er als Technischer Direktor den Schweizer Fussballverband (SFV). Er ist in dieser Funktion Mitglied der Geschäftsleitung mit beratender Stimme im Zentralvorstand. Die Personalführung von 55 Mitarbeitenden, die Verantwortung für die strategische Aus richtung und das Budget der technischen Abteilung gehören zu seinen Aufgaben. Paracontact I Sommer 2020
Als Grundlage für die Stelle als Direktor bringt Laurent Prince erfolgreiche Ausund Weiterbildungen in Unternehmensführung (Betriebswirtschaft), als Sekundarund Primarlehrer, als Berufs- und Fussballtrainer, J+S Instruktor/Experte und als Coach Developer mit. Anlässlich seiner Präsentation an der Delegiertenversammlung stellt er dennoch klar, dass er kein Superman sein kann und will. Sein Rucksack sei gut gefüllt, aber noch nicht voll. Die Bereitschaft, Neues zu lernen sowie sich und andere weiterzuentwickeln gehöre zu seinen wichtigsten Eigenschaften. Er sehe die zukünftige Ausrichtung der SPV in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbei tenden, aber auch mit den Rollstuhlclubs und den Mitgliedern. Gleichzeitig müsse auch auf politischer Ebene vehement für die Rechte von Menschen mit einer Behinderung eingestanden werden. Auf allen Ebenen überzeugt Laurent Prince hat nicht nur die Mitglieder des Zentralvorstands und der Geschäftsleitung überzeugt, sondern auch der Prüfung durch einen externen Assessor sowie der Beurteilung durch die auf Personalrekrutierung spezialisierte Jörg Lienert AG standgehalten. Man orientierte sich an einem klaren, aber anspruchsvol-
len Anforderungsprofil. Es sind 65 Bewerbungen evaluiert worden, darunter drei von Menschen mit einer Querschnittlähmung. Aufgrund der benötigten Qualifika tionen hat man sich einstimmig für die Be werbung von Laurent Prince entschieden. Stephan Bachmann, langjähriges Mitglied des Zentralvorstandes, formulierte es an der DV folgendermassen: «Laurent Prince zeigt nicht nur Herzblut für unsere Organisation, er hat auch das Herz am rechten Fleck. Dies, in Kombination mit seiner breiten Erfahrung, den richtigen Kompetenzen sowie der passenden Werthaltung, hat ihn zu unserem Wunschkandidaten gemacht.» Als letzte Instanz stellten ihm die Delegierten der Rollstuhlclubs ihre Fra gen. Auch sie hat er überzeugt. Herzlich willkommen, Laurent Prince! STABSÜBERGABE Im Januar 2020 hatte Charly Freitag nach nur neun Monaten bei der SPV die Kündigung eingereicht. Dies weil es zu unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Führung zwischen ihm und der Geschäftsleitung sowie dem Direktionsstab gekommen ist. Seit Februar leitete Urs Styger die SPV ad interim und schob seine geplante Frühpensionierung auf. Dies ermöglichte es dem Zentralvorstand, den professionellen Rekrutierungsprozess anzupacken. Die Stabsübergabe an Laurent Prince findet per 1. August 2020 statt.
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Paracontact I Sommer 2020
WIR BEWEGEN
NACHGEFRAGT
Das Coronavirus und wir Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, legte der Bund ab Anfang März weitreichende Massnahmen fest. Welche Auswirkungen das auf den Betrieb der SPV hatte, erklärt Roger Getzmann, Mitglied des Krisenstabs. Von Nadja Venetz
Wie haben sich die Schweizer Para plegiker-Gruppe (SPG) und die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) in der Krise organisiert? Es gibt einen Krisenstab der SPG, der Vertreter aller Institutionen enthält. Dann gibt es weitere Krisenstäbe der einzel nen Organisationen, die spezi fische Themen besprechen, was ja vor allem im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) als Spital wichtig ist. Wir bei der SPV haben einen eigenen Krisenstab, bestehend aus Urs Styger, Evelyn Schmid und mir. Wir reagieren auf die Beschlüsse von Bund und Kanton sowie des übergeordneten Krisenstabs und definieren die Umsetzung für die SPV. Wieso braucht es die beiden Krisenstäbe? Beide Krisenstäbe wurden gegründet, um schnelle Entscheidungen zu treffen. Sie besitzen die Autorität, Anweisungen durch zusetzen, die normalerweise von der Geschäftsleitung bestimmt werden. Im Kri senstab wägen wir ab, ob wir die Massnahmen einfach anordnen oder ob wir uns bei den üblichen Gremien absichern, damit diese die Massnahmen mittragen. Was ist deine Funktion? Im Krisenstab der SPG ging es primär da rum, unsere Interessen zu vertreten. Wir wollen Hinweise geben auf Aspekte, die bis her nicht bedacht wurden, und vermeiden, dass Entscheide gefällt werden, die für un ser Personal oder unsere Mitglieder nicht Paracontact I Sommer 2020
durchsetzbar sind. Bei der SPV geht es klar darum, die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Mitglieder zu gewährleisten. Wie hast du die letzten Wochen erlebt? Es war eigenartig. Wenn wir in Betracht ziehen, was der Bund für einschneidende Massnahmen erlassen hat, ging ich davon aus, dass wir wirklich eine Krisensituation haben. Mein Eindruck ist aber, dass die Leute relativ gelassen da mit umgehen. Bei uns in der SPV, aber auch im SPZ und der Schweiz ganz allgemein haben wir meines Erachtens früh und gut reagiert. Der Bund hatte ja Mitte März innerhalb kurzer Zeit die Massnahmen verschärft. Das hat uns kurz unter Druck gesetzt und wir haben an einem Samstag einen Plan erstellt, der es uns erlaubte, am folgenden Montag gemäss den Vorgaben des Bundes weiter zu arbeiten. Aber ansonsten empfinde ich es eher als ruhige Zeit. Ich dachte zwar, wir hätten weniger Arbeit auf dem Schreibtisch, aber das hat sich für mich noch nicht bewahrheitet. Wie hat der Krisenstab sichergestellt, dass der Betrieb in der SPV weiterläuft? Wir haben rasch reagiert, und unser ITFachmann Sandro Farina hat die ganzen technischen Aspekte abgeklärt, damit wir innert Kürze auf Homeoffice umsteigen konnten. Ich glaube, wir haben innerhalb von zehn Tagen einen technischen Fortschritt erreicht, der sonst viel länger gedauert hätte. Wir halten Sitzungen über Videokonferenz ab, beraten unsere Mit-
glieder über Telefon und Video. In diesen Tagen ist das normal und alle zeigen Verständnis. Ich bin überzeugt, dass wir so unsere Dienste aufrechterhalten können. Du bist ja primär Bereichsleiter von Rollstuhlsport Schweiz. Wie unterstützt ihr Clubs und Athleten? Dem Sport in der Öffentlichkeit wurde der Stecker gezogen. Jetzt muss jeder für sich selber schauen, wie er sich zu Hause oder draussen alleine sportlich betätigt. Nachdem alle grossen Veranstaltungen, insbesondere die Paralympics, abgesagt wurden, ist diese Situation auch ok. Die Athleten wissen zwar, dass sie sich fit halten müssen, aber sie haben keinen Grossevent im Nacken, an dem sie zum Zeitpunkt X ihre Höchstleistung abrufen wollen. Bis zur Absage der Paralympics im 2020 war die Situation für unsere Topathleten sehr unangenehm, weil wir nicht wussten, wo sie trainieren durften. Jetzt hingegen ist die Situation in Ordnung und die Sportler haben dieselben Probleme wie alle anderen auch. Redaktion Paracontact im Homeoffice
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LEBENSBERATUNG
MOBILITÄT
Freie Fahrt dank optimaler Zusammenarbeit Die Anschaffung eines Autos für Querschnittgelähmte ist komplex, benötigt eine gute Zusammenarbeit und erfordert viel Zeit. Das zeigt das Beispiel des Tetraplegikers Pietro.
Von Gabi Bucher
Pietro ist Tetraplegiker seit einem Unfall im Jahr 1994. Der Wunsch, bei seinem Austritt aus der Klinik wieder mobil zu sein, sei sehr früh aufgekommen, erinnert er sich. Während seiner Rehabilitation im SPZ habe er Herrn Dr. Zäch im Restaurant getroffen und ihm gesagt, er wünsche sich ein Auto. Herr Dr. Zäch habe gesagt, kein Problem, das sei machbar. «Damals war das noch nicht so kompliziert wie heute», erzählt er. Die Stif tung habe einen finanziellen Beitrag ge sprochen, die IV habe den Umbau übernommen, das sei unbürokratisch abgelaufen. Lediglich das mit der Fahrtaug-
lichkeit sei etwas aufwändiger ge wesen. Zuerst habe er in Luzern eine Kontrollfahrt absolvieren müssen mit seinem damaligen Auto, dann auch noch in Bern. Heute sei das nun nicht mehr nötig. Nach all den Jahren traue man ihm zu, dass er fahren könne, meint er lachend. Nun ist sein bereits zweites Auto in die Jah re gekommen und muss ersetzt werden. «Ich hatte ein paar teure Reparaturen hinter mir und es stand wieder eine an. Es lohnte sich aber einfach nicht mehr, in die
Kurt Stirnimann zeigt, wie Pietro im Rollstuhl direkt hinter das Lenkrad gelangt 14
ses Fahrzeug weiter zu investieren.» Deshalb kontaktierte er Mitte 2018 die Lebens beratung. «Ich konnte die Anschaffung nicht selber finanzieren, darum suchte ich die Unterstützung von Lebensberater Beat Bösch. Er hat das super gemacht, sehr kom petent.» Umfangreiche Abklärungen Beim Kauf eines Fahrzeuges müssen zuerst die finanziellen Mittel geklärt werden. Erstes Gebot dabei: Der Eigentümer muss nach dem Erwerb die Betriebskosten inkl. Versicherung selber tragen können. Beat Bösch hat sich mit Pietro zusammengesetzt. Nach einem Erstgespräch zeigte sich, dass nicht nur die Eigenmittel nicht ausreichend waren, sondern dass es auch zusammen mit dem Beitrag der Schweizer Paraplegiker-Stiftung nicht reichen würde, die Kosten für das Auto und die ungedeck ten Kosten für den Umbau zu berappen. In solchen Härtefällen bietet Pro Infirmis Unterstützung an. Die regionale Stelle hat Pietros finanzielle Verhältnisse überprüft und danach den Lead übernommen für die Beschaffung des fehlenden Betrages. Für alle weiteren Aufgaben war Lebensberater Beat Bösch zuständig. Freiheit trotz mobiler Einschränkungen «Bei schwierigen finanziellen Verhältnissen und teuren Umbaukosten muss genügend Zeit einberechnet werden», erklärt Beat. «Richtwert ist zirka ein Jahr ab dem ersten Gespräch, bis der Betroffene sein Paracontact I Sommer 2020
Fahrzeug entgegennehmen kann.» Nun galt es als Erstes, ein geeignetes Fahrzeug zu finden. Durch Pietros hohe Tetraplegie war klar, dass es wieder ein Bus sein müsste, da mit sein manueller Rollstuhl direkt hinter dem Steuerrad fixiert werden kann. Dies ist nötig, da er für einen Transfer nicht genügend Kraft hat in den Armen. Zudem ist es auch zeitsparend, wenn das Auto mehrmals täglich benutzt wird. «Das war be reits bei meinem ersten Wagen so», erzählt Pietro. «Soweit ich weiss, war ich einer der ersten, der mit dem Rollstuhl hinter das Steuerrad fahren konnte.» Pietro lebt seit 2000 selbstständig in einer Wohngemeinschaft, dies dank Spitex am Morgen und Abend und privater Betreuung. «Ich bin sehr viel unterwegs mit dem Auto», sagt er. «Meine Eltern wohnen in der Nähe, so gehe ich am Mittag meist bei ih nen essen, da ich nicht selber kochen kann.» Im Gegenzug begleitet er seine Mutter beim Einkaufen. Er trifft sich auch gerne und oft mit Freunden. «Das Auto gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Selbstständigkeit. Es gibt zwar den Betax Dienst (gemeinnüt ziger Nonprofit-Taxi-Service in Bern für Menschen mit einer Einschränkung), aber da muss ich mich vorgängig anmelden, das ist je nachdem umständlich. Mit meinem eigenen Auto kann ich kommen und gehen, wie ich will.» Er sei gerne unterwegs, im Sommer meist mit seinem Swiss-Trac. «Aber im Winter bin ich auf mein Auto angewiesen.» Komplexe Anforderungen Für die Suche nach seinem Fahrzeug holten sich Beat und Pietro Hilfe bei Kurt Stirnimann der Firma Orthotec. Nach ei nem ersten Beratungsgespräch ergab sich, dass es ein VW-Bus sein musste. Der Bus sollte einfach und zweckmässig sein. Der VW T6 Caravelle Trendline, inklusive behinderungsbedingte Mehrausstattung wie elektrische Schiebetür, elektrische Heckklappe und die nötige zweite Batterie, erfüllte diese Anforderungen. Die für einen Tetraplegiker wichtige Klimaanlage gab es in der Grundausstattung. Das Modell bietet sehr viel Platz in der Höhe auf Fahrerund Beifahrerseite. Trotzdem musste die Bodenplatte auf der Fahrerseite noch abgesenkt werden, um eine gute RollstuhlParacontact I Sommer 2020
Position zu erlangen, und auch sonst war der Umbau komplex und aufwändig. Viele zusätzliche Anforderungen mussten um gesetzt werden, wie zum Beispiel Lenkrad-Gabel für Tetraplegiker, hydraulische Servolenkung-Verstärkung, Versetzung der Lenkradposition, elektro-hydraulischer Lift mit elektronisch klappbarem Faltteil, Rollstuhlarretierung auf Fahrer- und Beifahrer seite, Rückenstütze/-lehne, Funkfernbedienung für Lift, elektrischer schwenkbarer Kofferraum-Rollstuhllifter zum Verladen des Swiss-Tracs usw. Nach Abzug des Flot tenrabatts offerierte die Garage einen fairen Nettoverkaufspreis. Zufriedenheit rundum Trotz der aufwändigen Abklärungen bei der Fahrzeugbeschaffung sei die Zusammenarbeit mit Pro Infirmis, Orthotec, Garage und IV-Stelle sehr gut gelaufen, erinnert
sich Beat. «Ich wusste, wer was macht, so verlief die Koordination reibungslos. Pietro hat mich nach seinen Möglichkeiten sehr gut unterstützt und die Unterlagen, die ich für Anträge benötigte, sofort zur Verfügung gestellt. Ohne diese Zusammen arbeit ist eine Autoanschaffung unmöglich.» Beat Bösch freut sich, dass Pietro nun für die nächsten 10 Jahre wieder mobil und ein Stück weit unabhängig ist. Aber auch Pietro freut sich und ist sehr zufrieden mit seinem neuen Fahrzeug. So sind seine Frei heit und Unabhängigkeit wieder gewährleistet. Er sei sehr zufrieden: Mit seinem Berater, «er war sehr freundlich und kompetent», mit Kurt Stirnimann, «er hat das super gemacht», mit der Stiftung, «sie hat unkompliziert und grosszügig reagiert», und überhaupt, an alle und für alles ein grosses «merci, merci schön», meint er abschliessend in seinem breiten Berndeutsch.
INFORMATIONEN ZUM AUTOKAUF Bedingungen für eine Anschaffung Der Eigentümer muss nach dem Erwerb die Betriebskosten inkl. Versicherung selber tragen können. Finanzierung Bei tiefen finanziellen Eigenmitteln kann bei Querschnittgelähmten grundsätzlich die SPS für einen Finanzierungsbeitrag angefragt werden. Bei sehr komplexen Anschaffungen (jedoch immer noch einfach und zweckmässig) wie oben beschrieben, kann zusätzlich die Pro Infirmis angefragt werden, damit das Fahrzeug gemeinsam finanziert werden kann. Umbau Die Kosten für den Umbau sind oft weit höher als CHF 25 000.– und werden dadurch einer genauen Prüfung durch die SHAB unterzogen. Die von der IV nicht gedeckten Umbaukosten müssen vom Betroffenen selber getragen werden. Ist dies nicht möglich, besteht die Möglichkeit, bei der SPS ein Gesuch um finanzielle Unterstützung zu stellen. Vergünstigungen für Fahrzeughalter Amortisationsbeitrag der IV: Berufstätige, die auf ein Fahrzeug angewiesen sind, den öV nicht nutzen können und ein Erwerbseinkommen von brutto CHF 1778.– im Monat erzielen, können einen Amortisationsbeitrag der IV beantragen. Dieser beträgt für einen PW CHF 3000.– pro Jahr. Flottenrabatt, Zollrückerstattung, Erlass der Motorfahrzeugsteuer, Prämienvergünstigung für Vollkaskoversicherung.
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LEBENSBERATUNG
SEELSORGE
Zuspruch und Zeit
Ursula Walti und Stephan Lauper kümmern sich im SPZ um das seelische Wohl der Patienten.
Von Gabi Bucher
Ein kleiner, schlauchartiger Raum auf Station H, zwei Tische dicht nebeneinander mit je einem Bildschirm, einem Stuhl, da vor ein grosses Fenster mit Blick auf die Baustelle vor dem SPZ. Das ist das Büro der beiden Seelsorger Ursula Walti und Stephan Lauper. Es erinnert an eine Kommandobrücke auf einem Schiff, was durch aus etwas Symbolhaftes an sich hat. Ursula und Stephan sind Seelsorger mit Leib und Seele. Ursula hat Theologie studiert und als reformierte Pfarrerin gearbei tet, wusste aber schon sehr früh, dass sie näher am Menschen sein möchte. «Aber bevor ich als Seelsorgerin in den Spitalzim mern ‹verschwinden› würde, wollte ich noch etwas von der Welt sehen», erzählt sie. Sie lebte eine Weile in Afrika. «Das hat mir 16
viel gebracht. Das Leben dort ist existenziell, ich habe viel Leid gesehen und bin mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert wor den.» Dabei habe sie gelernt, dass man zwar seinen Beitrag leisten könne, nicht aber die Welt retten. Genau das gilt auch in ihrem jetzigen Beruf im SPZ. «Meine Leidenschaft sind die Menschen, das Leben, und das, was es an uns heranträgt, was es uns antut und wie wir das bewältigen.» Stephan war mit 43 Jahren gezwungen, sei nen Beruf zu wechseln und begann, Theologie zu studieren. Bei seiner Arbeit als römisch-katholischer Pastoralassistent hat er zuerst in der Gemeindeseelsorge Erfahrungen gesammelt. Im Lauf seiner achtjäh rigen Tätigkeit hat auch er gemerkt, dass er näher am Menschen sein möchte. Und so
sind Stephan und Ursula jetzt ein Team und kümmern sich um die Seelen und Sor gen der Patienten im SPZ. Ein « Querschnitt» durchs Leben «Speziell hier im SPZ ist die Thematik der Brüche im Leben, aber vor allem auch die Chance, Patienten über einen längeren Zeitraum zu begleiten», meint Stephan. «Hier gehen wir mit ihnen durch all ihre Hochs und Tiefs, sehen ihre Freuden und ihre Fortschritte.» «Und wir begegnen hier Menschen in allen Lebensphasen, aus allen Kulturen und Religionen», fügt Ursula an. «Dieser Mix ist sehr spannend, es ist unglaublich interessant zu sehen, wie ver schieden die Menschen sind.» «Wir haben hier sozusagen einen ‹Querschnitt› unseres Landes», meint Stephan lachend. Paracontact I Sommer 2020
Auf die Frage, ob die Patienten der jeweiligen Konfession der Seelsorger zugeteilt würden, verneinen beide. «Wir wissen zunächst nichts über den Glauben und die spirituelle Ausrichtung unserer Patienten», meint Ursula. «Wir sind da für alle, unabhängig davon, ob sie gläubig sind und wenn ja, welcher Religion sie angehören.» Vielmehr teilen sie sich die Stationen auf. «Wenn ich in ein Zimmer komme und die Person, die mich sehen wollte, nicht da ist, kann es passieren, dass sich ein gutes Gespräch mit der Zimmernachbarin ergibt. Diese Möglichkeiten von spontanen Begegnungen sind sehr wertvoll.» Zeit als wichtiges Gut Die ersten Begegnungen zwischen Seelsorge und Patient verlaufen unterschiedlich. «Es gibt Patienten, die erleichtert scheinen, wenn ich komme», erzählt Stephan. «So im Sinn, jetzt ist ‹der Herr Pfarrer› da, das ist gut, so muss es sein.» Dann gebe es je ne, die ganz klar abgeschlossen hätten mit Gott und dem «Bodenpersonal», wie er es scherzhaft nennt. «Aber dann fangen sie trotzdem an zu erzählen. Dann kann ich mich mit meinem Interesse am Gegenüber einbringen und schauen, was passiert.» Es sei auch schon vorgekommen, dass er hoch kant aus einem Zimmer rausgeflogen sei, um dann zwei Wochen später vom selben Patienten um einen Besuch gebeten zu werden. Als Ablehnung verstehen die beiden diese Reaktionen nicht. «Wenn mir jemand sagt, mit der Kirche wolle er gar nichts zu tun haben, interessiert mich, was passiert ist, woher diese Reaktion kommt», erklärt Ursula. Oft hätten die Menschen schlechte Erfahrungen gemacht mit Religion und Kirche und erzählten dann von ihren Enttäuschungen und dem Frust. «Wir wollen Hoffnung geben, eine Spiritualität vermitteln, die gut tut und befreit. Es geht auch nicht nur um Kirche und Glauben. Wir wollen dem Raum geben, was die Men schen beschäftigt. Die Seelsorge ist ein neu trales Angebot von jemandem, der Zeit hat zuzuhören.» Und Zeit haben, das sei viel wert im Gesundheitswesen, wo immer we niger davon vorhanden sei, meint Stephan. «Zudem gibt es manchmal auch Dinge, mit denen die Patienten ihre Angehörigen nicht belasten möchten, auch dafür sind wir da.»
Suche nach dem Sinn des Lebens Die Seelsorge ist kein «Muss». «Am Ende des Gesprächs fragen wir jeweils, ob wir wiederkommen sollen. Wir versuchen, ei nen Raum zu öffnen und dieser kann gefüllt werden mit Alltäglichem, mit Kirche und Spiritualität, aber auch mit Frustra tionen und Ärger. Wir machen uns auf die Suche nach dem, was der Seele gut tut. Und manchmal beginnt ein Patient durch die längere Begleitung plötzlich zu begreifen, was wesentlich ist im Leben, in seiner jetzigen Situation.» In ihrer Arbeit gehe es nicht nur um religiöse oder konfessionelle Themen, bestätigen beide. Es gehe ums Leben, darum, wie man den Strudel überleben könne, in den man geraten sei. «Da kann es sein, dass ich das irgendwann reli giös anbinden kann» erklärt Stephan. «Dass ich ein Gleichnis erzähle, oder etwas aufnehme, was Jesus gesagt hat. Aber es kann sich auch um spirituelle Texte aus einer an deren Kultur handeln. Alles soll dem Le ben und dem Wohl der Patienten dienen.» Ganzheitliche Begleitung Einerseits haben die beiden ihre Zeitpläne, in denen sie Patienten einplanen. Anderer seits geniessen sie es und empfinden es als Privileg, mit unverplanter Zeit durchs Haus zu gehen und zu schauen, was das Leben an sie heranträgt. «Manchmal ergibt sich eine spontane Begegnung, manchmal reicht ein Augenkontakt, damit etwas entsteht.» Die beiden arbeiten eng mit den Stationsleitungen zusammen. Diese geben ihnen Hinweise, wo sie vielleicht mal reinschauen könnten.
Ursula und Stephan können aber auch nicht immer helfen. «Manchmal gilt es ganz einfach, zusammen mit dem Patienten eine Situation auszuhalten, zu versuchen, das Unerträgliche mit ihm zu ertragen. Auch wenn wir die Probleme nicht lösen können, wir sind da, heute, die nächste und übernächste Woche.» Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sich durch Vertrauen Dinge verändern können. Dieses «Aussitzen» ist auch für die beiden eine Herausforderung. «Oft fassen wir unsere Gespräche am Ende noch zusammen, mit einem Gebet, wenn der Patient es wünscht. Da können wir al les reinpacken, das hilft uns bei der Verarbeitung.» «Und mir hilft das Wissen, dass
wir hier im SPZ nur ein Teil der Begleitung sind», meint Ursula. «Es gibt so viele gute Leute mit dem Herz am rechten Fleck. Gemeinsam begleiten und tragen wir die Patienten und es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich diese freuen, wenn sie zum Beispiel eine Pflegerin treffen, die sie speziell gut mögen, oder jemanden aus der Hotellerie oder vom Transportdienst.» Ursula und Stephan finden es sehr wertvoll, dass die Seelsorge im SPZ als wichtiger Teil der ganzheitlichen Rehabilitation verstanden wird. Immer wieder erleben die zwei auch tiefe, bewegende Momente. Stephan erinnert sich an jenen Tetraplegiker, welcher ihm kürzlich überglücklich und freudestrahlend zeigte, dass er seinen Finger wieder ganz wenig bewegen konnte. Und Ursula hat in den letzten Monaten zwei Paaren den Hochzeitssegen geben dürfen. «Bei bei den lag der Mann im Sterben und in ihrer grossen Verzweiflung wollten die Paare noch heiraten. Ich habe alles ganz schnell Zuversicht schaffen im Gespräch
in die Wege geleitet.» Es sei unglaublich berührend gewesen, ein Freudentag für alle. Den Tod konnten sie zwar nicht verhindern, beide Patienten sind kurz danach verstorben. «Aber der Tod hatte nicht das letzte Wort. Sie haben ihm ein Stück Leben und Liebe abgerungen.» Die Seelsorger des SPZ, sie bauen Brücken zu den Patienten und helfen ihnen im Rah men ihrer Möglichkeiten, ihr Schiff wieder auf Kurs zu bringen.
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RECHTSBERATUNG
HILFSMITTEL
Hilfsmittelversorgung der Sozialversicherungen
Die Hilfsmittelversorgung im Spannungsfeld zwischen Bedürfnissen der Versicherten, Kostenträgern und Gerichten.
Von Géraldine Hert, Rechtsanwältin
Mit der Abgabe von Hilfsmitteln, wie beispielsweise einem Rollstuhl, soll Querschnittgelähmten die Inklusion in die Gesellschaft vereinfacht und deren Eigenständigkeit im Alltag unterstützt werden. Kostenbeiträge an Hilfsmittel gewähren die Unfall-, Invaliden- und Altersversicherung, wobei die Anspruchsvoraussetzungen jeweils unterschiedlich ausgestaltet sind. Die wichtigsten Anspruchsvoraussetzungen sowie die möglichen Leistungen werden nachfolgend erläutert und anschliessend wird ein Einblick in die Praxis des Instituts für Rechtsberatung der SPV gewährt. Unfallversicherung (UV) Erleidet eine Person einen invalidisierenden Unfall, gegen deren Folgen sie obligatorisch unfallversichert ist, gehen Leistungen für Hilfsmittel zunächst zu Lasten der zuständigen UV. Die Bestimmungen über die Abgabe der Hilfsmittel durch die UV sind in einer Verordnung (HVUV) geregelt. Der Versicherte hat dabei Anspruch auf Hilfsmittel der UV, soweit die aufgelisteten Hilfsmittel körperliche Schädigungen oder Funktionsausfälle ausgleichen, die durch einen Unfall oder eine Berufskrank- heit entstanden sind. Der Anspruch erstreckt sich auf die notwendigen und dem Gesundheitsschaden angepassten Hilfsmit tel in einfacher und zweckmässiger Ausführung sowie das erforderliche Zubehör und die Anpassungen, die wegen des Gesundheitsschadens nötig sind. Die Abgabe erfolgt zu Eigentum oder leihweise. 18
Invalidenversicherung (IV) Durch die IV können diejenigen Hilfsmittel abgegeben werden, die in der Liste im Anhang der Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) aufgelistet sind. Die Voraussetzungen zur Abgabe der Hilfsmittel sind in einem Kreisschreiben (KHMI) defi niert. Der Anspruch auf Hilfsmittel von der IV entsteht, wenn die Invalidität einge treten ist, mithin der Gesundheitsschaden objektiv erstmals die Versorgung notwendig macht und ein Eingliederungsziel ge-
mäss Art. 21 IVG erfüllt ist. Sämtliche Hilfs mittel werden ausschliesslich in einfacher, zweckmässiger und wirtschaftlicher Ausführung abgegeben. Stets betont wird, dass der Versicherte keinen Anspruch auf die im Einzelfall bestmögliche Versorgung hat. Entsprechend der Liste der HVI besteht grundsätzlich Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fortbewegung, die Herstellung des Kontakts mit der Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind. Auf Hilfsmittel, die in der Liste der HVI mit einem (*) gekennzeichnet sind, besteht Paracontact I Sommer 2020
nur Anspruch, soweit diese für die Ausübung der Erwerbstätigkeit, der Tätigkeit im Aufgabenbereich oder für die Schulung/ Ausbildung notwendig sind. Altersversicherung (AHV) Anspruch auf Leistungen für Hilfsmittel zu Lasten der AHV haben in der Schweiz wohnhafte Personen, die das ordentliche AHV-Alter erreicht haben, eine AHV-Rente oder Ergänzungsleistungen beziehen (vgl. Art. 43quater AHVG). Die Vorausset zungen für die Abgabe von Hilfsmitteln, die Art der abzugebenden Hilfsmittel so wie das Abgabeverfahren sind in einer Ver ordnung (HVA) und im dazugehörigen Kreisschreiben (KSHA) geregelt. Der Anspruch auf die aufgelisteten Hilfsmittel, unter anderem Rollstühle und orthopädische Massschuhe, besteht, wenn die Versi cherten für die Tätigkeit in ihrem Aufgabenbereich, für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontakts mit der Umwelt oder für die Selbstsorge auf diese Hilfsmittel angewiesen sind.
AHV-Rentnern, denen bis zum Entstehen dieses Anspruchs bereits von der IV Hilfsmittel zugesprochen wurden, bleibt der Anspruch auf diese Hilfsmittel der IV in Art und Umfang erhalten, sofern sie die massgebenden Voraussetzungen der IV weiterhin erfüllen und das Kreisschreiben nichts anderes vorsieht (sog. Besitzstandsgarantie). Jedoch verleiht diese normierte Besitzstandsgarantie keinen Anspruch auf eine sich der Entwicklung des Gesundheitsschadens anpassende adäquate Hilfsmittelversorgung. Die Besitzstandsgarantie umfasst mithin keine Hilfsmittel, welche die Versicherten vor Erreichen des AHVAlters aufgrund ihrer Invalidität noch nicht hatten beanspruchen müssen und die nun mehr im Alter wegen zunehmender Verschlechterung des Gesundheitszustandes nötig werden. Die Versicherten können jedoch einen neuen Antrag für ein Hilfsmittel stellen, sofern dieses in der Liste der HVA aufgeführt ist. Spannungsfeld zwischen Sozialversicherungen und Gerichten in der Praxis Die Sozialversicherungen prüfen und entscheiden über die Leistungsbegehren für Hilfsmittel. Sie sind bei der Prüfung eines Paracontact I Sommer 2020
Hilfsmittelanspruchs an ihre Praxis und die Kreisschreiben des Bundesamts für Sozialversicherungen gebunden und erlas sen basierend darauf ihren Entscheid. Ist ein Versicherter mit einer Leistungsablehnung nicht einverstanden, kann er diese Ablehnung nach Ausschöpfung des versi cherungsinternen Rechtsweges mittels Beschwerde beim zuständigen Kantonsgericht anfechten. Die Kreisschreiben des Bundesamts für Sozialversicherungen bezwecken eine einheitliche Gesetzesanwendung durch die kantonalen IV- und/oder AHV-Stellen. Für diese sind die Kreisschreiben verbindlich, nicht jedoch für die Gerichtsinstanzen. Zwar sollen die Gerichte die Kreisschreiben bei ihren Entscheidungen im Einzelfall mitberücksichtigen. Sie weichen aber von diesen Weisungen ab, wenn sie mit den gesetzlichen Bestimmungen nicht ver einbar sind, beispielsweise wenn dem Ver sicherten aufgrund eines Kreisschreibens eine weitergehende Einschränkung bei der Hilfsmittelversorgung widerfahren würde, als dies das Gesetz oder die Verordnung er lauben. So kommt es nicht selten vor, dass die Gerichte die Versicherungen verpflich ten, höhere Kostenbeiträge zu sprechen als etwa in den Kreisschreiben vorgesehen ist. Die nachfolgenden zwei Fälle aus der Praxis des Instituts für Rechtsberatung veranschaulichen dieses Spannungsfeld. Das KHMI gibt für die invaliditätsbedingten Abänderungen von Motorfahrzeugen eine Preislimite von CHF 25 000.– vor. Auf Beschwerde des IRB hin wich das Versiche rungsgericht des Kantons Solothurn von dieser Preislimite ab und verpflichtete die kantonale IV-Stelle, sich im Umfang von CHF 74 000.– an den Autoumbaukosten zu beteiligen. Der Versicherte benötigte den umgebauten PW invaliditätsbedingt zur Kontaktaufnahme, zur individuellen Fortbewegung sowie für die Überwindung des Arbeitsweges. Anzumerken sei, dass sich das junge Alter des betroffenen SPV-Mitglieds begünstigend auf den Entscheid des Gerichts ausgewirkt hat. Überzeugend war für das Gericht zudem, dass die hohen Kos ten für die Transporte mit dem Behindertenbus dank des (teuren) Autoumbaus auf Dauer eingespart werden können, welche
ebenfalls zu Lasten der IV gegangen wären (vgl. Urteil VSBES.2015.272 v. 7. März 2017 des Versicherungsgerichts des Kantons Solothurn). Das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich hiess die Beschwerde einer Ver sicherten gut, die in der frühen Kindheit an Poliomyelitis erkrankt war und der die IV seit jeher Orthesen für beide Beine in zweifacher Ausstattung abgegeben hatte. Nach Erreichen des AHV-Alters und Be zug einer AHV-Rente ersuchte sie um Erteilung einer Kostengutsprache für Anpas sungen und Reparaturen von zwei Oberschenkel-Orthesen. Die AHV verweigerte jedoch die Kostenübernahme der Reparatur für die Zweitorthese und stützte sich dabei auf die zwischenzeitlich neu ein geführte Randziffer 2001 KHMI, welche grundsätzlich nur Anspruch auf eine Prothese vorsieht. Das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich hielt fest, dass der Versicherten vor Erreichen des AHV-Alters invaliditätsbedingt Orthesen in zweifacher Garnitur zugesprochen wurden, da sie auf diese angewiesen war. Der medizinische Zustand sei seit Eintritt des AHVRentenalters unverändert. Ob die neu eingeführte Randziffer 2001 KHMI überhaupt ohne Weiteres auf die streitigen Orthesen übertragen werden könne, liess das Gericht off en und hielt fest, dass das KHMI für das Gericht nicht verbindlich sei. Das kantonale Gericht erwog, dass durch die Anwen dung der neuen Randziffer 2001 des KHMI (Beschränkung des Anspruchs auf eine Pro these) die Besitzstandsgarantie im AHV- Alter unzulässigerweise eingeschränkt wür de (vgl. Urteil AB.2018.00020 v. 18. Oktober 2019 des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich). Diese Beispiele zeigen, dass eine Leistungs ablehnung im Bereich der Hilfsmittelversorgung nicht leichtfertig hingenommen werden darf und eine Prüfung der Rechtslage im Einzelfall sinnvoll ist. Informationen Bei rechtlichen Fragen zur Hilfsmittelversorgung steht Ihnen das Institut für Rechtsberatung (IRB) gerne zur Verfügung. www.spv.ch 19
MEDIZIN UND WISSENSCHAFT
AKUTMEDIZIN
Doppelte Expertise
Mit einem Beinbruch oder einer Lungenentzündung ins SPZ? Seit Januar 2020 stehen zusätzliche Betten für die akutmedizinische Behandlung von Querschnittgelähmten bereit.
Artikel adaptiert aus Paraplegie Dezember 2019
Akutmedizinische Probleme von Men schen mit Querschnittlähmung behan delte das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) schon lange. Dieser Aspekt der täglichen Arbeit in Nottwil stand lange nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit – und selbst Patienten und zuweisende Ärzte wussten oft wenig darüber. AKTUELL Akutmedizin in Zeiten von Corona Im Rahmen der Corona-Krise hat sich vorübergehend vieles geändert. Das SPZ stellte seinen neuen akutmedizinischen Nordtrakt inklusive Intensivstation und rund 30 Beatmungsplätzen für die Behandlung von Covid-19- Patienten zur Verfügung. Im Auftrag des Kantons Luzern entstand auf seinem Gelände zusätzlich ein Medical Center, für das in der Turnhalle 200 Betten aufgestellt wurden. Für das SPZ ist dies in der schwierigen Situation ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Die Versorgung der querschnittgelähmten Patienten kann in dieser Zeit uneingeschränkt in den anderen Gebäudeteilen sichergestellt werden.
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Wir möchten im Folgenden über die Klinikerweiterung und die Schaffung des eigenständigen Bereichs für die Akutmedizin informieren, der nach der Corona-Krise (siehe Infobox) wieder für Querschnittgelähmte zur Verfügung steht. Para- und Tetraplegiker sollen nämlich in einem Notfall, bei einem Unfall oder plötzlich auftretenden Beschwerden von der doppelten Expertise in Nottwil profitieren: vom Know-how der Spezialklinik rund um die Querschnittlähmung sowie vom spezifischen Wissen im Bereich der Akutmedizin. Dazu wurde der Betrieb analysiert und die unterschiedlichen Prozesse der Akutmedi zin, der Rehabilitation und der lebenslangen ambulanten Medizin wurden klarer voneinander getrennt. 82 zusätzliche Betten «Mit der Klinikerweiterung stehen uns im Akutbereich im Normalbetrieb total 82 Bet ten zur Verfügung», erklärt SPZ-Direktor Hans Peter Gmünder die Strategie. «Zudem haben wir das Personal mit erfahrenen Spezialisten der Akutmedizin aufgestockt.» Viele Patientinnen und Patienten, die bisher im Notfall auf andere Spitäler ausgewichen sind und anschliessend zur Rehabilitation ans SPZ überwiesen wurden, erhalten jetzt noch mehr akutmedizinische Behandlungen direkt aus einer Hand in Nottwil. Drei Pflegestationen mit 66 Betten und die Intensivstation mit 16 Betten stehen zur Verfügung. Auch die Operations säle, die Anästhesiologie, die Intensivstation, die Schmerzmedizin und Sportmedi zin sind mit der Eröffnung der Neubauten infrastrukturell und organisatorisch auf den modernsten Stand gebracht worden.
Vorbereitung für die Operation
Das neue Angebot beseitigt aber nicht nur frühere Kapazitätsgrenzen. Ein weiterer Auslöser für die Umstrukturierung war die Sicherung der Behandlungsqualität für Querschnittgelähmte. Denn akutmedizini sche Fragen lassen sich bei Menschen mit Querschnittlähmung nicht isoliert betrach ten: «Beide Bereiche sind eng miteinander verknüpft», sagt der SPZ-Direktor. «Dieser Aspekt wird übersehen, wenn ein Spital in der Behandlung nur auf das akute Problem fokussiert und das Wissen in der Querschnittmedizin fehlt.» So haben Tetraplegiker oft Schwierigkeiten mit dem Atmen, weshalb viel schneller und viel häufiger Lungenentzündungen entstehen. Bei Patienten ohne Rückenmarks verletzung würde in diesem Fall oft eine einfachere ambulante Behandlung mit Me dikamenten ausreichen. Menschen mit ei ner Querschnittlähmung dagegen benötigen ein aufwändiges Sekretmanagement mit speziellen Techniken und besondere Apparaturen, die das Abhusten unterstützen. Hinzu kommen Atemtherapien, die die Behandlungszeit wesentlich verlängern können. Paracontact I Sommer 2020
Ärzte, welche wenig querschnittgelähmte Patienten haben, wissen zum Beispiel oft nicht, dass der Beinbruch eines Quer schnittgelähmten nicht gegipst werden darf: Es könnte eine Druckstelle entstehen, die zum Dekubitus führt und eine mo natelange Behandlung nach sich zieht. Das gleiche droht bei einer falschen Lagerung im Spitalbett. «Manchmal genügen bereits zwanzig Minuten für einen Dekubitus», sagt Beat Flückiger, «diese Gefahr wird häufig unterschätzt.» Der Leitende Arzt der Notfallmedizin am SPZ behandelt Notfälle nicht als isoliertes Problem, sondern hat auch die unerwünschten Nebeneffekte im Blick: «Wir sind so tief im Thema Querschnittlähmung drin, dass wir sekundäre Komplikationen von Anfang an mitberücksichtigen.» Für Patienten, die längere Zeit im Bett liegen müssen, sind in Nottwil immer genügend Spezialmatratzen vorhanden. «Einen solchen Aufwand können nicht viele Kliniken betreiben», sagt Flückiger.
mehr Spezialisten, eine flexiblere Planung. Die Geschwindigkeit bei den Behandlungen ist höher, die Aufenthaltsdauer kürzer. Ärzte, Pflegende und Therapeuten müssen sehr eng zusammenarbeiten, damit komplexe Fälle innert kurzer Zeit behandelt werden können. Deshalb hat das SPZ im Akutbereich eigene Prozesse definiert und das Personal entsprechend entwickelt.
Ein Anruf genügt Auch wenn aus medizinischer Sicht die Bereiche Akutmedizin und Rehabilitation eng verknüpft sind – auf der organisatorischen Ebene müssen sie ganz unterschiedlich angegangen werden. Auf einer Akut station wird anders reagiert, es braucht schnelle Abklärungen für die Diagnose,
Grosse Bandbreite Die neuen Kapazitäten stellen sicher, dass das Schweizer Paraplegiker-Zentrum jederzeit Akutpatienten aufnehmen kann. Bedeutet diese Entwicklung, dass das SPZ ein Spital wie jedes andere wird? Nein, antwortet Direktor Hans Peter Gmünder: «Wir bieten ein grosses akutmedizinisches
Beat Flückiger hat die Abteilung so aufgebaut, dass im Notfall ein Telefon ausreicht, um das Wissen des SPZ sofort nutzen zu können: «Wir nennen es ‹one point of entry›: Patienten mit Querschnittlähmung können jederzeit bei uns anrufen und ha ben einen Ansprechpartner, der sie berät.» Innerhalb der Gesamtorganisation des SPZ verhindern neue Abläufe im Akutbereich Umwege und Zeitverluste – denn in Notfällen ist Zeit ein entscheidender Faktor. So werden die Patienten bereits mit allen wichtigen Untersuchungen abgeklärt, be vor sie auf eine Station kommen.
Spektrum an, das für unsere Patienten Sinn macht. Aber wir machen jetzt nicht einfach alles. Wir bauen zum Beispiel keine Kapazitäten in der Herzbehandlung auf, die in unmittelbarer Nähe zu Nottwil bereits von unserem Vertragspartner Luzerner Kantonsspital abgedeckt wird.» In solchen Fällen unterstützt das SPZ die Partner direkt mit seiner Querschnittexpertise und stellt sicher, dass für die Patienten keine zeitraubenden Umwege entstehen. Der ganzheitliche Blick auf die unterschied lichen Bedürfnisse in allen Lebenssituatio nen ist extrem wichtig. Mit der im Herbst 2020 abgeschlossenen Klinikerweiterung im SZP erreicht das Zusammenspiel der Bereiche Akutmedizin, Rehabilitation und lebenslange ambulante Medizin eine weitere Stufe – ganz im Sinne der Menschen mit einer Querschnittlähmung. Aber nicht nur für diese. Künftig sollen vermehrt auch Menschen ohne Querschnittlähmung bei speziellen Krankheitsbildern wie Rückenleiden oder schwierigen Beatmungssituationen vom Spezialwissen profitieren und in Nottwil behandelt werden.
Kontakt im Notfall Telefon 041 939 54 54
Patienteninformation zur Durchführung des CT
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Discretion by Design Ein Katheter, dessen Design wirklich begeistert.
Prämiert vom Chicago Athenaeum: Museum of Architecture and Design
Der Infyna Chic Einmalkatheter wurde mit Hilfe von Fachexperten entwickelt, um ein hohes Mass an Diskretion für Frauen, die Einmalkatheter verwenden, zu gewährleisten. Der Einmalkatheter hat nicht nur ein ansprechendes Design, sondern ist auch einfach in der Handhabung. Infyna Chic kann einer Frau helfen, sich besser damit zu fühlen, einen Katheter zu verwenden. Benötigen Sie weitere Informationen oder möchten Sie ein Testprodukt anfordern? Dann besuchen Sie uns auf www.hollister.ch/InfynaChic. Lesen Sie vor der Verwendung die Gebrauchsanleitung mit Informationen zu Verwendungszweck, Kontraindikationen, Warnhinweisen, Vorsichtsmassnahmen und Anleitungen.
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© 2020: Hollister Incorporated. Hollister und Logo sowie Infyna Chic und Kontinenzversorgung sind Warenzeichenvon Hollister Incorporated. GOOD DESIGN ist ein eingetragenes und geschütztes Warenzeichen des Chicago Athenaeum. Metropolitan Arts Press Copyright 2020.
Kontinenzversorgung
MEDIZIN UND WISSENSCHAFT
AUF VISITE
Der Hausarzt, dein Freund und Helfer Wann soll ein Querschnittgelähmter seinen Hausarzt aufsuchen, wann direkt die Spezialklinik? Gibt es dafür Empfehlungen? Von Gabi Bucher
Eine schlüssige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, meinen die beiden Hausärzte Brigitte Schubiger Leen und Urs Sonntag, welche in Luzern seit 2002 eine Gemeinschaftspraxis betreiben. Es komme sehr da rauf an, wie weit sich der entsprechende Hausarzt in der Paraplegiologie auskenne und ob er die paraplegiespezifischen Fallstricke kenne. Bei ihnen ist dies der Fall: Urs Sonntag war Oberarzt im SPZ, Brigitte Schubiger hat als Assistenzärztin dort gearbeitet. Hausarzt als Vertrauensperson «Wichtig sind und bleiben die regelmäs sigen Check-ups in einem spezialisierten Zentrum, wo die paraplegiespezifischen Themen behandelt werden», meint Brigitte.
«Und die meisten Querschnittgelähmten kennen sich relativ gut und wissen, ob zum Beispiel eine Magen-Darm-Verstimmung paraplegiespezifisch ist oder ob es sich um ein anderes Problem handelt», ergänzt Urs. Aber beide finden es wichtig, dass alle einen eigenen Hausarzt haben. «Ein Hausarzt wird in der Regel zur Vertrauensperson. Er kennt im Laufe der Zeit die Geschichte seines Patienten, weiss, welche Operationen durchgeführt worden sind, welche Medikamente der Patient nicht ver trägt. Er kennt dessen Umfeld, die Ressour cen, die familiären Umstände. Wenn er sei nen Patienten regelmässig sieht, erkennt er dessen generellen Zustand schneller als ein Spezialist, welcher ihn nur ein Mal pro Jahr sieht.»
Informationen vom kompetenten Hausarzt-Team
Schnellere Reaktionszeiten Vieles kann durch den Hausarzt behandelt werden «und bei Unsicherheiten kann man jederzeit im SPZ oder einer der anderen spezialisierten Kliniken rückfragen», meint Urs. Einen entscheidenden Vorteil habe der Hausarzt aber. «Patienten bekommen bei uns schneller einen Termin und wir können meist auch schneller Termine bei Spezialisten vereinbaren.» Auch bei vielen administrativen Angelegenheiten sei der Hausarzt speditiver. «Bei der Bestätigung für eine Parkerleichterung, einem Attest für eine Flugreise oder für die Beschaffung von Stützstrümpfen macht es durchaus Sinn, sich an uns zu wenden.»
Ob spezialisiertes Zentrum oder Hausarzt sei auch eine Frage des Wohnorts. «Wenn jemand abgelegen wohnt, ist der Gang zum Hausarzt sicher einfacher als der Transport in eine Spezialklinik», meint Urs. Und auch für altersspezifische Probleme, welche nicht mit der Querschnittlähmung zu tun haben, sei der Hausarzt wichtig. Checkliste als mögliche Lösung Nun sind aber nicht alle Hausärzte so gut informiert wie Brigitte und Urs. «Es liegt auch ein Stück weit in der Verantwortung der Patienten, ihre Hausärzte wenn möglich über paraplegiespezifische Probleme zu in formieren.» Wo beide hingegen den direkten Weg ins SPZ empfehlen, ist bei Druckstellen, «die werden oft unterschätzt, wenn man sich nicht sehr gut auskennt», bei uro logischen Problemen und bei Problemen mit der Schmerzpumpe. Hilfreich könnte eine Art Checkliste für Hausärzte sein mit Angaben über diese spezifischen Fragen. «Das könnte weniger informierten Ärzten helfen, Entscheidungen zu treffen oder gewisse Probleme besser zu lokalisieren.» Brigitte und Urs könnten sich vorstellen, gemeinsam mit einem Paraplegiologen des SPZ eine solche Liste zu erstellen. Diese könnte dann den Patienten bei ihrem Austritt mitgegeben werden.
«Was den Hausarzt betrifft», meint Brigitte mit einem Augenzwinkern, «jeder sollte sich noch schnell einen schnappen, solange es noch welche gibt, mit der aktuellen Entwicklung wird das ja immer schwieriger.» Paracontact I Sommer 2020
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HINDERNISFREIES BAUEN
BAUPLANUNG DURCH DAS ZHB
Wohnen und arbeiten unter einem Dach
José Di Felice ist Unternehmer und führt eine eigene Firma im Lebensmittelbereich. Dafür hat er vor einigen Jahren ein neues Betriebsgebäude mit Lager- und Warenumschlagshalle sowie Büros und Showküche realisiert.
Von Gerald Pappe, Zentrum für hindernisfreies Bauen
Dem leidenschaftlichen Rennmotorradfahrer wurde sein Hobby zum Verhängnis. Bei einem Sturz verletzte er sich am fünf ten Halswirbel und wurde zum Tetraplegi ker. Im Rahmen der Rehabilitation wurde das ZHB Muhen beigezogen. Nebst rollstuhlgängigen Anpassungen am Betriebsgebäude konnte mit Unterstützung des ZHB eine Loft-Wohnung eingebaut werden. Wohnen und Arbeiten unter einem Dach bringt viele Vorteile. Unternehmer mit Leib und Seele José Di Felice führt als Inhaber eine Firma im Lebensmittelbereich. Dabei ist er nebst der Firmenleitung für den Einkauf und den Vertrieb von Lebensmitteln an ungefähr 500 Verkaufsstellen, die Akquisition und Kundenpflege sowie für sein achtköpfiges Team verantwortlich. Als Betriebsleiter muss er Zugang zu diversen Räumlichkeiten in der unbeheizten Speditionshalle und des Verkaufsladens im Erdgeschoss sowie zum beheizten Grossraumbüro mit Showküche und seinem Chefbüro im Obergeschoss haben. 24
Er pflegt viele Kundenkontakte zu Anbietern guter und spezieller Produkte im Lebensmittelbereich. Dafür fährt er jährlich 60 000 bis 80 000 km mit dem Auto zu Kunden in der Schweiz und im Ausland. Arbeitsplatzabklärung Im November 2017 fand im zweigeschossigen Betriebsgebäude «La Peppina» in Laupen mit dem Patienten und dem Architekten des ZHB Muhen sowie der Ergotherapeutin des SPZ Nottwil und der Hilfsmittelberaterin der SAHB Ittigen eine Arbeitsplatzabklärung statt. Ziel war es, die notwendigen baulichen Anpassungen zu bestimmen, damit Herr Di Felice nach Aus tritt aus der Reha Mitte 2018 seine Arbeit wieder selbstständig aufnehmen konnte. Massnahmen am Arbeitsplatz Damit die selbständige Betriebsleitung als Rollstuhlfahrer möglich wird, wurden mit Unterstützung des ZHB Muhen die Büroräumlichkeiten im Obergeschoss mit einem Vertikallift rollstuhlgängig erschlossen, mehrere Türen im Erdgeschoss automati-
siert, ein grosszügiger Sanitärbereich mit Dusche im Obergeschoss geschaffen und ein grosser Autounterstand im Bereich des Hauseingangs erstellt. Wohnen und arbeiten unter einem Dach Herr Di Felice bewohnte bis vor Kurzem ein Reiheneinfamilienhaus unweit von Laupen. Da er dieses Gebäude aus familiä ren Gründen nicht mehr bewohnen will und zudem rollstuhlgängige Anpassungen bei diesem Gebäude aufgrund der engen Platzverhältnisse sehr aufwändig geworden wären, kam die Idee auf, in einem Teilbereich seiner grosszügigen Büroräumlichkei ten eine Loft-Wohnung einzubauen. Dabei konnten drei Büroräume neu als Zimmer und die davor angeordnete grosse Halle mit Showküche als Wohn-, Ess- und Kochbe reich genutzt werden.
Das Konzept ist verblüffend einfach, da be reits ein Grossteil der baulichen Infrastruk tur vorhanden war und nur noch ein neuer Sanitärbereich eingebaut werden musste. Paracontact I Sommer 2020
Baurechtliche Rahmenbedingungen Das Betriebsgebäude in Laupen befindet sich in der Arbeitszone 2. In diesen Zonen ist das Wohnen grundsätzlich nicht erlaubt. Aber: «Wohnraum für das betriebsnotwendig an den Standort gebundene Per sonal ist zugelassen, sofern durch geeignete Vorkehrungen für wohnhygienisch tragbare Verhältnisse gesorgt wird.» Dieser Umstand war in diesem Fall klar gegeben und das ZHB Muhen konnte ein reguläres Baugesuch für den Autounterstand, den Lifteinbau und die Wohnnutzungsänderung einreichen (siehe Grundriss). Vorfinanzierung durch die SPS Damit ein solches Projekt überhaupt umgesetzt und vor allem termingerecht bereitgestellt werden kann, ist eine zeitnahe Finanzierung unumgänglich. Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung unterstützte dieses Projekt und konnte die Vorfinanzierung der durch das ZHB prognostizierten Baukosten von CHF 200 000.– rasch si cherstellen. So konnte bald weitergeplant und das Bauvorhaben zur Ausführungsreife gebracht werden. Wie verhält sich die IV bei solchen Projekten? Anlässlich der Arbeitsplatzabklärung bestand die Meinung, dass die Kosten, die bei der Anpassung des Reihenhauses angefallen wären, im Sinne einer Austauschbefugnis von der IV für den Einbau der Wohnung im Betriebsgebäude hätten ver
Lift
Büro
Büro
Entrée
Empfang
Zimmer Wohnen
Chefbüro
Zimmer
Showküche/Aufenthalt
Bad Zimmer
Dachterrasse
wendet werden können. Es stellte sich bald heraus, dass das so nicht machbar ist. Eine Austauschbefugnis ist nur möglich, wenn sich die IV-Lösung und der Bauherrenwunsch innerhalb des gleichen Objektes ergibt. Beim vorliegenden Projekt konnte sich die IV nach verschieden Einwänden und Stellungnahmen seitens ZHB und Rechtsdienst der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung wie folgt beteiligen: Vertikallift Die IV beteiligte sich in Höhe der Kosten, die angefallen wären, wenn ein regulärer Plattform-Treppenlift samt baulichen Nebenarbeiten eingebaut worden wäre.
Sanitärraum Die IV beteiligte sich in Höhe der Kosten, die angefallen wären, wenn die bestehende Personaltoilette umgebaut und mit Dusche erweitert worden wäre. Türautomationen Die IV übernahm die Kosten für die Auto mation der zu bedienenden Türen. Autounterstand Die IV beteiligte sich in Höhe der Kosten, die angefallen wären, wenn lediglich ein entsprechend kleineres Vordach für witterungsgeschützte Transfers gebaut worden wäre. Dass das Auto nur teilweise witte rungsgeschützt hätte parkiert werden können, wurde seitens IV nicht berücksichtigt.
ERFAHRUNGSBERICHT JOSÉ DI FELICE Was sind die wesentlichen Vorteile dieser Wohnform? Als erfolgreicher Unternehmer muss ich flexibel agieren können. Meine Arbeitszeiten richten sich danach, wie viel Arbeit anfällt. Oft arbeite ich bis spät in die Nacht und an Wochenenden. Da ist ein kurzer Arbeitsweg von Vorteil, vor allem auch im Winter. Ich stehe am Morgen auf und kann unmittelbar mit meiner Arbeit beginnen. Wenn ich mich als Tetraplegiker spontan hinlegen muss, kann ich das sofort und ohne grossen Aufwand tun. Wohnen im eigenen Betrieb bringt mir also grosse Vorteile. Da ich für verschiedene Tätigkeiten im Alltag auf Unterstützung angewiesen bin, wohnt meine Assistentin vor Ort, was mich flexibel und unabhängig macht.
Paracontact I Sommer 2020
Ich bin sehr dankbar, dass die Schweizer ParaplegikerStiftung mein Projekt finanziell unterstützt hat und mich das Architekturbüro der SPV kompetent in allen Baufragen und als Schnittstelle zur IV begleitet hat. So konnten die Anpassungen termingerecht ausgeführt werden. Ebenfalls hat nun auch die IV Kostengutsprachen im Rahmen ihrer Möglichkeiten erteilt. Ich bin überzeugt, dass hier nicht zuletzt auch in finanzieller Hinsicht für alle Beteiligten eine gute Lösung gefunden wurde, da die Arbeitsplatzanpassungen wie der Autounterstand, der Lift und die sanitären Anlagen gleichermassen der Wohnung zugute kommen.
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KULTUR UND FREIZEIT
SOMMERSPECIAL
Wunderbar vielfältig – Region Sempachersee
Wir präsentieren Ihnen barrierefreie Ferien- und Ausflugstipps zu dieser tollen Region – immer unter der Voraussetzung, dass wir den Sommer in der Schweiz uneingeschränkt geniessen dürfen. Von Antonia Tanner Den Sonnenuntergang am See bestaunen, durch die mittelalterlichen «Städtlis» Sursee und Sempach schlendern, einen spannenden Tag in der Vogelwarte verbringen oder einen Drink im karibischen Flair der Beach Bar in Nottwil geniessen. Die Region rund um den Sempachersee hat für alle etwas und für Rollstuhlfahrer vieles zu bieten. Camping- oder Hotel-Typ Lust auf Camping? Der beliebte TCS Camping in Sempach beherbergt seit 2019 den
barrierefreien Wohnwagen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung (spezielle Buchungs konditionen siehe rechte Seite). Auf dem Areal gibt es zudem einen barrierefreien Bungalow für bis zu fünf Personen. Der Campingplatz hat eine barrierefreie In frastruktur und liegt direkt am See. Das Angebot auf dem Areal ist attraktiv und vielfältig. So gibt es für die Kleinen einen Wasserspielplatz, für die Grossen eine Liegewiese, Grillplätze, ein Restaurant, einen Shop und ganz wichtig: Seeuferromantik.
Marcel Hug hat den Wohnwagen bereits getestet
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Sind Sie doch eher der «Hoteltyp»? Das Hotel Sempachersee oder das B & B Friedau in Nottwil, das Birdland Hotel in Sempach- Station oder der Campus Sursee erwarten ihre Gäste mit barrierefreien Zimmern und Infrastruktur. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auch in der Stadt Luzern. Kulturweg erfahren oder Vögel beobachten Naturverbundene, kulturinteressierte und bewegungsfreudige Feriengäste kommen
Seesicht und herrliches Bergpanorama
Paracontact I Sommer 2020
in der Region Sempachersee auf ihre Kosten. So beispielsweise auf dem Radioweg Beromünster, einem der 300 Kulturwege der Schweiz. Dort erfahren und erhören Sie die Geschichte zur Wiege des Radios. Möchten Sie lieber Seeluft schnuppern, dann empfiehlt sich der Moosweg, der barrierefreie Wanderweg entlang dem Wasser von Nottwil nach Sursee. Bevor Sie sich auf die Wanderung begeben, machen Sie einen Abstecher ins Besucherzentrum ParaForum der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Weit über die Kantonsgrenze hinaus bekannt ist die Vogelwarte in Sempach. Die interaktive Ausstellung des Besucherzentrums entführt Sie in die Welt unserer ge fiederten Freunde. Im Aussenbereich gibt es Volieren sowie Vögel in freier Natur zu beobachten. Schnitzeljagd oder Rudern auf dem See In Sursee und Sempach gibt es die Möglichkeit, Führungen durch die mittelalterlichen Städtchen zu buchen oder Sie ge niessen einfach einen Bummel durch die hübschen Ortschaften. Auch eine Führung durch die Brauerei Soorser Bier ist für Roll stuhlfahrer möglich. Haben Sie doch eher Lust auf einen kriminellen Nachmittag? Bu chen Sie eine Smartphone-Schnitzeljagd und gehen einem Bankraub auf die Spur!
Sport machen, und dies sogar auf dem See, ermöglicht das nationale Para-RowingZentrum in Sempach. Dreimal wöchentlich haben Rollstuhlfahrer die Gelegenheit, mit speziell adaptiertem Bootsmaterial und Instruktoren «in See zu stechen». Wenn Sie sowieso schon am See sind, bietet sich eine Seebadi an: es gibt diese in Sempach, Sursee und Nottwil. Aus der Region oder aus Fernost Was wären Ferien ohne einen nachmittäglichen Besuch im Café, den einen oder anderen Apéro und einen leckeren Znacht? Erleben Sie die Kulinarik rund um den Sempachersee in unterschiedlichen Settings: Einen Macchiato oder ein Frappé schlürfen und das Treiben in der Altstadt Sursee beobachten? Tun Sie dies im kultigen Stadtcafé. Kunst- und Kulturliebhaber kommen hier auch abends auf ihre KosParacontact I Sommer 2020
ten. Karibisches Ambiente erleben Sie in der Beachbar Nottwil. Dort sind die Drinks so farbenfroh wie die Häuser des Caribbean Villages. Möchten Sie danach Spezia litäten aus der Region geniessen? Im Restaurant Vogelsang oder Sempia in Nottwil stehen saisonale und regionale Produkte, wie Fisch aus dem Sempachersee, auf der Karte. Für Fleischliebhaber empfiehlt sich das Baulüüt im Campus Sursee. Gediegene
Küche mit Gault - Millau-Auszeichnung gibt es im Restaurant Amrein’s in Sursee, im Hirschen Oberkirch oder in der Sonne Eich. Südliche Ferienstimmung kommt zusätzlich im Türmli in Sempach auf, wo es herrliche Steinofenpizzas gibt. Feuriges mexikanisches Essen geniessen Sie im El Mosquito im Städtli Sursee und fernöstliche Köstlichkeiten im Restaurant Baan Thai in Sursee. In dem Sinne – en Guete!
LINKS «RUND UM DEN SEMPACHERSEE»
Unterkünfte Camping Alles Wissenswerte und Link zur Buchung des Wohnwagens auf dem TCS Campingplatz Sempach unter: www.spv.ch/wohnwagen oder www.tcs-camping.ch/sempach Hotels in der Region Hotel Sempachersee, Nottwil: www.hotelsempachersee.ch Birdland Hotel Sempach-Station: www.birdland-hotel.ch Campus Sursee, Oberkirch: www.campus-sursee.ch Bed & Breakfast B & B Friedau, Nottwil: www.friedau.net Hotels in Luzern Siehe unter www.paramap.ch (unter Luzern). Paramap.ch ist auch als iOS- und Android-App erhältlich.
Freizeit Vogelwarte Sempach: www.vogelwarte.ch Para-Rowing-Zentrum Sempach: www.seeclub-sempach.ch Kulturweg Beromünster: www.beromuenster-radioweg.ch Führung Soorser Bier: www.soobier.ch Smartphone-Schnitzeljagd Sursee: www.smartphone-schnitzeljagd.ch
Sempachersee Moosweg (Nr. 559): www.wanderland.ch Pfahlbausiedlung Wauwilermoos: www.pfahlbausiedlung.ch Rathausmuseum Sempach: www.museum-sempach.ch Museum Sankturbanhof Sursee: www.sankturbanhof.ch Stiftskirche Beromünster: www.stiftberomuenster.ch
Kulinarik Stadtcafé: www.stadtcafe.ch Beachbar Nottwil: www.caribbean-village.ch Sempia, Nottwil: www.hotelsempachersee.ch Vogelsang, Eich: www.vogelsang.ch Baulüüt, Oberkirch: www.campus-sursee.ch Amrein’s, Sursee: www.amreins.ch Hirschen, Oberkirch: www.hirschen-oberkirch.ch Sonne, Eich: www.sonneseehotel.ch Türmli, Sempach: www.tuermli-sempach.ch El Mosquito, Sursee: www.el-mosquito.ch Baan Thai, Sursee: www.baanthai-sursee.ch Weitere Ideen und Auskünfte: www.sempachersee-tourismus.ch 27
KULTUR UND FREIZEIT
REISEN MIT FRÜHER ANMELDEFRIST
BETTMERALP
Tel Aviv und Skiwochen 2021
Natur pur
Eine Reise ins gelobte Land oder doch lieber eine Ak tivwoche in den Bergen? Beides haben wir im Reisejahr 2021 für Sie im Gepäck. Das Beste: Anmelden können Sie sich bereits jetzt. Unsere Städtereise ins quirlige Tel Aviv sowie die Aktivwochen in die Skiparadiese Arosa und Zinal finden bereits im März 2021 statt. Hier gelten frühe Anmeldefristen. Möchten Sie auf einer der drei Reisen dabei sein? Dann benötigen wir Ihre Anmeldung bis spätestens am 30. November 2020. First come, first serve!
Weitere Informationen und Anmeldung www.spv.ch/veranstaltungen
111 DIE ZAHL
… ist eine stolze Teilnehmerzahl und belegt, wie beliebt und erfolgreich unser Fototreff nach wie vor ist. Wir freuen uns jedes Jahr von Neuem, Ihnen unser attrak tives Angebot vorzustellen. Merken Sie sich schon heute das diesjährige Datum, den 8. November 2020 in Nottwil.
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Das legendäre Wochenende auf der komplett autofreien Bettmeralp vom 29. bis 30. August 2020 bietet Ihnen Entschleunigung in einzig artiger Natur und gesunder Alpenluft. Dies alles in roll stuhlfreundlicher Umgebung und bester Gesellschaft. Gemeinsam mit der SPV organisiert Alois Schmid das Wochenende auf der Bettmeralp bereits zum dritten Mal. Selber Rollstuhlfahrer und Walliser, kennt Alois Schmid sich in der Region bestens aus. Er wird ein Programm für seine Gäste zusammenstellen und für rollstuhlgängige Übernachtungszimmer sorgen. Welterbe Aletschgletscher Ein Ausflug zum Aletschgletscher oberhalb der Bettmeralp ist ein Muss! Die Aletsch Arena ist durchgängig barrierefrei und ermöglicht Rollstuhlfahrern, das UNESCOWelterbe in seiner vollen Pracht zu bestaunen.
UNTERWEGS MIT ANDREAS GAUTSCHI
Handbike-Trail Steile Hügel, wunderbare Aussichten und ras sige Abfahrten: Freuen Sie sich auf einen Hand bike-Trail, der für jeden was zu bieten hat. Geleitet von Andreas Gautschi, findet der Handbike-Trail am 29. August 2020 statt (weitere Details folgen). Bringen Sie Ihr eigenes Handbike mit und erleben Sie eine schweisstreibende Ausfahrt, auf welcher auch der Spass nicht zu kurz kommt. Sollten Sie kein Handbike besitzen, ha ben Sie die Möglichkeit, eines auszuleihen.
ALEX’ KULTURTIPP
Oscar-Premiere Bei der diesjährigen Oscarverleihung am 9. Februar vergaben Shia LaBeouf und Zack Gottsagen den Preis für den besten Kurzfilm. Die beiden Hauptdarsteller des Films «The Peanut Butter Falcon» (2019) hatten also ihren grossen Auftritt vor Millionen Zuschauern. Das ist darum erwähnenswert, weil Zack Gottsagen der erste Schauspieler mit Trisomie 21 ist, der in der 92-jährigen Geschichte der Oscars einen Preis überreichen durfte. Im Film «The Peanut Butter Falcon» spielt er Zak, einen jungen Mann mit Down-Syndrom. Irgendwie gelingt es ihm, aus seinem Heim auszubrechen. Nur mit Unterhose bekleidet, macht er sich auf, seinen Traum zu verwirklichen: Zak will professioneller Wrestler werden. Unterwegs trifft er den raubeinigen Fischer Tyler, dem nach einer Brandstiftung rachsüchtige Kollegen im Nacken sitzen. Notgedrungen tun sich die beiden Looser zusammen – und werden gemeinsam zum Winning Team. Das märchenhafte Roadmovie, welches schon erfolgreich im Kino lief, gibt’s jetzt auf DVD und Blu-Ray. www.thepeanutbutterfalconmovie.com Paracontact I Sommer 2020
KULTUR UND FREIZEIT
ÖFFENTLICHKEITSARBEIT
Sensibilisierung im grossen Stil Eine absolute Premiere: Während nur einer Woche haben 1000 Lernende des Berufsbildungszentrums (BBZ) Bau und Gewerbe Luzern an Sensibilisierungskursen der SPV teilgenommen. Von Yvonne Rölli
Mit welchen Herausforderungen sehen sich Rollstuhlfahrer konfrontiert? Wie fühlt es sich an, im Rollstuhl zu sitzen und auf Hil fe angewiesen zu sein? Wie gehe ich per sönlich mit einem Rollstuhlfahrer um? Mit diesen und vielen weiteren Fragen im Gepäck reisten rund 1000 Lernende unter schiedlicher Berufsgruppen des BBZ Bau und Gewerbe Luzern im Februar nach Nottwil. Bereicherung des Schulalltages Die Sensibilisierungskurse der SPV wurden den Lernenden des 1. bis 3. Lehrjahres im Rahmen der Impulsveranstaltungen an geboten. Diese Veranstaltungsreihe ermög licht den Jugendlichen den Einblick in andere Fachthemen beziehungsweise andere Lebensweisen. Kurz: Themen des Lebens, die über den Schulstoff hinausreichen.
Ziel der Sensibilisierungskurse ist es, einen Einblick in das Leben von Rollstuhlfahrern zu vermitteln sowie Hemmungen abzubauen, die oftmals gegenüber Menschen mit ei ner Behinderung bestehen.
Drei Module, drei Schwerpunkte Jeden Morgen und Nachmittag starteten die Kurse im Plenum. Mit dem Film «Tag für Tag» erhielten die Lernenden einen ersten Einblick in das Leben von drei Rollstuhlfahrern.
Im Modul Sensibilisierung erzählten die Referenten – ausschliesslich Rollstuhlfahrer – von ihrer Lebensgeschichte, über die Herausforderungen im Alltag, aber auch über die positiven Aspekte, die ein Rollstuhl mit sich bringt. Interessant war für die jun gen Leute die anschliessende Besichtigung des umgebauten Autos. Dies trug zum Ver ständnis bei, weshalb die Rollstuhlparkplätze so gross und möglichst nahe beim Eingang sind. Die Rollstuhlfahrer führten zudem den Transfer vom Rollstuhl auf den Fahrersitz vor und zeigten, wie sie den Roll stuhl anschliessend im Auto verstauen. Im Modul Rollstuhlhandhabung konnten sich die Lernenden selber in einen Rollstuhl setzen und versuchen, verschiedene Hindernisse zu überwinden. Den Jugend-
Rollstuhlhandhabung: Basketballspiel und Hindernisse überwinden
lichen wurde gezeigt, wie sie einen Rollstuhlfahrer beim Überwinden von Hinder nissen unterstützen können. Ebenso lernten sie den Rollstuhl spielerisch bei einem Basketballspiel kennen. Beim dritten Modul stand der Besuch des ParaForum auf dem Programm. In der interaktiven Ausstellung konnten die Lernen den vier fiktive WG-Bewohner besuchen und die Herausforderungen des Alltags eins zu eins «miterleben». Organisatorische Herausforderung Rund 1000 Personen in einer Woche zu be grüssen war für die SPV ein Novum. Es be durfte einer intensiven und detailgenauen Vorbereitung und Absprache mit Lehrper sonen und motivierten Referenten. Es galt, alle Referenten möglichst genau zu informieren, damit sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Begleitpersonen der SPV sorgten dafür, dass sich die Gruppen nicht auf dem weitläufigen Campus verirr ten. Auch die laufenden Umbauten sorgten für Spannung und schnitten uns das eine oder andere Mal den Weg ab.
Trotz aller Herausforderungen gelang es, eine tolle und für die Lernenden hoffentlich nachhaltige Woche durchzuführen. GUT ZU WISSEN Die Sensibilisierungskurse sind ein wichtiges Instrument der Öffentlichkeitsarbeit der Schweizer Paraplegiker-Verei nigung. Das Angebot wird von der Abteilung Kultur und Freizeit organisiert und richtet sich an Klassen ab der Berufsfachschule, Firmen, Vereine und Privatpersonen. Hier finden Sie weitere Informationen zu unseren Sensibilisierungskursen: www.spv.ch/sensibilisierung Auskunft Yvonne Rölli yvonne.roelli@spv.ch Tel. 041 936 54 24
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KULTUR UND FREIZEIT
RÜCKBLICK
Den Kopf voller Ideen Seit knapp einem Dreivierteljahr bin ich Bereichsleiterin der Abteilung Kultur und Freizeit. Heute nehme ich mir die Zeit, zurückzublicken. Von Tanja Müller
Gut, lange und eingehend habe ich es mir im letzten Sommer überlegt, bevor ich meine Bewerbung als Bereichsleiterin Kul tur und Freizeit einhändigte. Ich war mir bewusst, dass die Fussstapfen von Urs Styger tief und gut eingeprägt waren. Würden meine Füsse da reinpassen? Nein, kam ich zum Schluss. Es gilt nicht, in jemandes Fussstapfen zu treten, sondern den Weg aufzunehmen und ihn im Sinne der SPV weiter zu begehen. Und darauf hatte (und habe) ich Lust! Viel Veränderung Dass ich bereits seit drei Jahren Teil der Abteilung Kultur und Freizeit bin, hilft mir einerseits, Abläufe und Prozesse gut zu ver stehen, bedeutet aber auch, einen Rollenwechsel zu vollziehen. Da wir zudem mit Yvonne Rölli und Carole Buchmann zwei neue Kolleginnen im Boot haben, sieht sich das ganze Team KF vor der Herausforderung, neu zusammenzuwachsen. Ich würde sagen, wir sind auf gutem Weg! Dass das Team den Laden im Griff hat, erleichtert es mir, den Überblick zu halten
UNSER TEAM Für Sie in Teamarbeit engagiert: Reisebüro Angela Addo, Rita Häfliger, Manuela Schär Kurse und Veranstaltungen Yvonne Rölli, Carole Buchmann Projekte Antonia Tanner
Paracontact I Sommer 2020
und mich in die Aufgaben der Bereichsleitung einzuarbeiten. So durfte ich bereits im Januar nach Belgien reisen, um den neuen SPV-Reisebus zu besichtigen und mich mit dieser mir noch neuen Branche bekannt zu machen. Potenzial, doch in welche Richtung? Wenn ich mir heute Notizen vom August 2019 zur Weiterentwicklung der Abteilung anschaue, wird mir bewusst, dass gut Ding Weile haben will. Die Abteilung Kultur und Freizeit betreibt ein feines, kleines Reisebüro mit einer attraktiven und breiten Palette an Destinationen. Mir war klar, daran wird vorerst nicht gerüttelt. Auch die Gefässe zur Ausbildung unserer freiwilligen Helfenden sowie die Kurse zur Sensibilisierung der interessierten Öffentlichkeit sind solide. Durch die Professionalisierung der gegebenen Strukturen können wir der Nachfrage gerecht werden und unsere Auf gabe noch besser erfüllen.
Doch es bleiben Fragezeichen: Wohin geht die Reise der Veranstaltungen, Kurse und Mobilitätsangebote für unsere Mitglieder? Was ist gefragt, wie gelangen wir an die Kundinnen und wie nutzen wir Synergien der Vereinigung und der Rollstuhlclubs für ein optimales Ergebnis? Potenzial ist vorhanden, das steht ausser Frage. Die Lösung liegt noch nicht parat, aber sie formt sich. Durch Zuhören, Abfragen und Austauschen werden wir eine Richtung einschlagen und den Weg als Ziel definieren. In Teilzeit unterwegs Ein klein wenig will ich auch preisgeben, wer ich bin: Dass ich es mir gut überlegt habe, bevor ich meine Bewerbung als Be-
Bereichsleiterin seit Oktober 2019
reichsleiterin einreichte, hat zwei Gründe. Beide sind mit mehr oder weniger einem Meter Körpergrösse unterwegs. Ich bin Mutter zweier Kinder und habe mit der Rolle als Bereichsleiterin noch ein drittes erhalten. Auf die Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, will ich nicht weiter eingehen. Mir erscheint es am wichtigsten, sich selbst treu zu bleiben. Als Mutter wie auch als Vorgesetzte will ich fair, loyal, mit Humor und Herzblut unterwegs sein können. Dass dies mei nen Sprösslingen und der Abteilung Kultur und Freizeit bekommt, hoffe ich von ganzem Herzen.
Wir sind für Sie da Unser Angebot finden Sie unter www.spv.ch/kultur_freizeit 31
KULTUR UND FREIZEIT
WINTERTREFF EGERKINGEN
Klassiker oder Auslaufmodell? Egerkingen war und ist ein beliebter Anlass. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilnehmenden klaffen jedoch immer stärker auseinander. Wir fragen Sie: Wie weiter? Von Antonia Tanner
Der Wintertreff ist ein absoluter Klassiker unter unseren Events. 2019 fand er bereits zum 24. Mal unter dem Motto «Reise durch die Schweiz» statt. Für viele Lottofans und Tanzbegeisterte ist er seit Jahren ein Fixpunkt in der Agenda. Trotzdem steht der Anlass auf der Kippe: Schon 2018 waren die Anmeldungen stark rückläufig. Eine weitere Durchführung des Wintertreffs wurde intensiv diskutiert und Kultur und Freizeit kam zum Schluss, den Anlass erneut zu organisieren. Verzichtet wurde in Absprache mit dem Hotel Mövenpick aber auf den Sonntagsbrunch mit Unterhal tungsmusik. Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, die Übernachtung in Egerkin gen selbstständig zu buchen. Feedbacks der Teilnehmenden Zu unserem Bedauern konnten wir auch für die Durchführung 2019 nicht viele Anmeldungen verzeichnen. Die Lottospieler hatten Glück, denn die Preise gingen an ins gesamt nur 39 Personen. Das Nachtessen mit anschliessender Tanzmusik war mit 24 Personen ebenfalls nicht stark besucht. Nach dem Anlass wurden einige Stimmen laut: Das Lotto sei zwar gut, das Abendpro gramm aber schlecht besucht gewesen, oder
der Standort Egerkingen sei zu überdenken. Auf der anderen Seite wurde ausdrücklich der Wunsch geäussert, den Anlass weiterzuführen, denn die Freude darauf sei noch immer da. Für die Tänzerinnen und Tänzer ist Egerkingen die Gelegenheit, das Trainierte auszuleben. Zudem wurde Nottwil als alternativer Standort vorgeschlagen, womit auch die Patienten des SPZ die Möglichkeit hätten, an einem gesellschaftlichen Anlass teilzunehmen. Einig waren sich die Teilnehmenden darüber, dass ein gemeinsamer Anlass im Winterhalbjahr gewünscht ist. Fragen über Fragen Ganz klar: Der Kunde ist König! Es ist uns sehr wichtig, den Bedürfnissen unserer Mitglieder gerecht zu werden. Das schleichende Desinteresse am Wintertreff wirft aber einige Fragen auf: Wollen die Lotto spieler einfach nur Lotto spielen und möch ten kein Abendprogramm? Wünschen sich die Tanzfreudigen kein Lotto, sondern wol len einfach gut essen und danach Party? Gibt es Teilnehmende, die nur dann kommen, wenn auch der Sonntagsbrunch angeboten wird? Fest steht: Die Bedürfnisse sind divers. Nicht klar ist: Wie weiter?
Lottoplausch am Nachmittag – Buffet und Tanz am Abend
WIR SAGEN DANKE! Ohne unseren Hauptsponsor Hollister und die attraktiven Lottopreise weiterer Sponsoren wäre der Wintertreff nicht möglich. Dieses Jahr durften wir unter allen anwesenden Rollstuhlfahrern eine Woche Ferien in der Villa Sevasti auf dem griechischen Festland verlosen. Weitere Hauptpreise der insgesamt zehn Gänge waren eine Woche auf der Bettmeralp, weitere Hotelübernachtungen, eine Herrenuhr, ein Dinner mit Casinoeintritt oder Bahnfahrten auf Pilatus und Stanserhorn. Ein herzliches Dankeschön an alle Sponsoren. www.hollister.ch
Was wünschen Sie sich? Selten werden in einem Paracontact-Artikel so viele Fragen gestellt. Sie sehen, wir brauchen Antworten – Ihre Antworten, falls Sie uns diese nicht schon gegeben haben. Dafür haben wir eine kurze Umfrage erstellt. Machen Sie mit und teilen Sie uns Ihre Meinung bzw. Vorschläge mit. Scannen Sie einfach den QR-Code, der Sie direkt zur Umfrage weiterleitet, oder gehen Sie auf www.spv.ch/egerkingen und gelan gen so zur Umfrage.
Per QR-Code direkt zur Umfrage Paracontact I Sommer 2020
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ROLLSTUHLSPORT
POLYSPORT
Wirbelwind auf Rädern
Für Adrian Ruf, acht Jahre alt und seit Geburt im Rollstuhl, ist Sport die beste Möglichkeit, seinen Bewegungsdrang auszuleben und sich mit Gleichgesinnten zu messen.
Von Gabi Bucher
Der Empfang bei Familie Ruf fällt relativ «bewegt» aus: Malu, der junge Hund, ist als erster an der Tür, Mutter Fabienne versucht, seine Neugierde etwas zu bändigen, und Adrian rollt heran und balanciert danach gekonnt auf den Rädern seines Rollstuhls. Dem prüfenden und sehr direkten Blick aus seinen gelb-braunen Augen gilt es standzuhalten. Sein Händedruck ist relativ kräftig für einen Jungen seines Alters. Für ein paar Sekunden berühren dann doch alle vier Räder den Boden. Das tun sie aber danach nur noch, wenn er durch die Wohnung kurvt, sonst ist er stetig am Balancieren. Waghalsiges auf dem Skateboard Er sei von klein auf stets in Bewegung gewesen, erzählt Mutter Fabienne. «Wir such ten schon sehr früh nach etwas, das wir ihm bieten konnten, damit er seinen unbändi gen Bewegungsdrang ausleben konnte.» 34
Gefunden hat Vater Reto dann sein altes Skateboard. «Das läuft immer noch mega gut», wirft Adrian ein und rollt los, um es zu holen. «Darf ich mit diesen Hosen?» fragt er seine Mutter, gleitet aus dem Rollstuhl, zieht sich kniend aufs Brett, kurvt gekonnt durchs grosszügige Wohnzimmer und macht rasante Spitzkehren. «So fuhr er früher Hänge runter, zwar mit Helm und Handschuhen, aber ich konnte oft nicht hinsehen», erinnert sich Fabienne. «Das gab ihm aber die Möglichkeit, mit anderen Kindern etwas zu machen. Wir haben auch eine Schanze gekauft …». «Da bin ich drübergerast», ruft Adrian im Vorbeirollen. Sie wünschte sich, es gäbe einen angepassten Skatepark in der Nähe, wo sich junge Rollstuhlfahrer und Skater treffen könnten. «Etwas Ähnliches ist der Pump Trail in Kriens». «Pump Track», korrigiert Adrian. Das ist eine Anlage für Fahrräder aller Art mit Rampen, Schanzen und Bu-
ckeln. «Da kann man drüber jumpen», erklärt Adrian, «das macht Spass.» Ein kurzes Video zeigt Adrian in Aktion. Auf den Hinweis, da müsse er ja nachher ziemlich durchgerüttelt sein, grinst er und meint: «Na ja, geht so, macht halt riesig Spass.» Umzug als Chance für alle Adrian rollt noch immer auf seinem Board durchs Wohnzimmer. «Bewegung ist alles für ihn», meint Fabienne fast entschuldigend. Dem Skateboard folgte dann ein Vor spann-Velo. «Das hat uns die IV zur Verfü gung gestellt, aber es war ziemlich schwer. Sobald das Gelände etwas steiler wurde, hatte Adrian keine Chance mehr». Dann hat er die Leichtathletik entdeckt. Durch seine Behinderung (Spina bifida) braucht er ein Korsett, Streckschienen und eine Un terschenkel-Orthese. Diese müssen, zusammen mit dem Rollstuhl, laufend angepasst werden, was immer wieder Reisen Paracontact I Sommer 2020
aus dem Baselbiet zur Orthotec in Nottwil bedingte. Anlässlich eines solchen Besuchs fanden die ParAthletics statt. Adrian war fasziniert von den Rollstuhlrennen. «Wir trafen Martina Meyer vom Rollstuhlsport. Sie hat Adrian gefragt, ob er mal Rollstuhlsport machen möchte». So habe alles angefangen, Adrian war gerade mal sechs Jahre alt. Inzwischen ist die Familie nach Nottwil gezogen. «Nicht nur wegen des Sports, nein. Ich verbrachte Stunden hinter dem Lenkrad für die Besuche bei der Orthotec, mit Adrians Sport wäre das nicht weniger geworden. Zudem vermisste mein Mann den See, er ist in Thun aufgewachsen.» Eigentlich wollten sie erst in zirka zwei Jahren umziehen, aber dann sei diese Wohnung hier ausgeschrieben gewesen, gleich neben der Schule, mit Sicht auf den See und in der Nähe des SPZ. «Die war so ideal, dass wir bereits letzten August hierhergezogen sind. Die neue Wohnlage ist für uns alle eine riesige Bereicherung.» Sport ist gut und tut gut Adrian trainiert jetzt regelmässig jeden Mittwoch. Mit dem Kinderrennrollstuhl, den ihm die Orthotec zur Verfügung stellt. «Den darf ich brauchen, solange ich reinpasse», erklärt er. Kaufen könne man so etwas nicht, meint Fabienne, den gebe es nicht auf dem Markt. Adrian lacht schallend. «Also ganz bestimmt nicht auf dem Markt, das ist ein teures Teil», ruft er. Das Training macht ihm unheimlich Spass. «Da kann er sich mit anderen messen, die mehr oder weniger dieselben Voraussetzungen haben», meint Fabienne. Auf dem Schulhof sei das manchmal schwierig. Da werde es schnell mal ungerecht, habe Adrian mal gesagt. Da habe er keine Chance gegenüber den anderen Kindern. «Ich weiss nicht, was wir ohne den Sport machen würden», meint sie. «Er ist gut für die Gesundheit, fürs Herz, fürs Gemüt. Zudem ist es neben der Schule eine wunderbare Integrationsmöglichkeit.»
Kürzlich hat Adrian auch noch den Basketball entdeckt. «Da bin ich aber noch ganz frisch», meint er. Er sei zwar noch etwas klein, an der Limite mit seinen acht Jahren. «Aber Nico Hausamman hat gesagt, ich dürfe mitmachen beim Basket for all und jetzt trainiere ich mit ihnen.» EinParacontact I Sommer 2020
fach immer dann, wenn Gesundheit und Müdigkeit es zulassen, fügt Fabienne an. Adrian straft sie mit einem vernichtenden Seitenblick. Er und müde! «Ich habe ihm mal gesagt, all diese Aktivitäten würden ihn Kraft kosten, aber er meinte, im Gegen teil, sie würden ihm Kraft geben.» In seinem Zimmer stehe übrigens ein Basketball korb, dort übe er jeweils. «Ich zeigs dir», sagt er. Blitzschnell kurvt er in seinem Zim mer herum, dribbelt, bückt sich, hebt den Ball auf, zielt auf den Korb, schiesst, im mer und immer wieder. Ja, klar möchte er vielleicht mal gross raus kommen, wie Marcel Hug zum Beispiel, das sei schon auch sein Ziel. Aber es mache halt einfach alles wirklich Spass, bekräft igt Adrian. Und was er später weiterverfolgen werde im Sport, wisse er noch nicht, wa rum nicht beides, Leichtathletik und Basket? Tennis hat er auch ausprobiert. «War nicht so meins», meint er. «Ich hab einem Schulgspändli gesagt, ich spiele Tennis. Der
Grosseltern, Onkel und Tanten zum gemeinsamen Spiel und Austausch im Rollstuhl, eine super Sache.» Beruhigender Ausgleich Adrian schöpft mehr oder weniger alle Möglichkeiten aus. Beim Monoskibob war er auch bereits drei Mal und schwimmen tut er gerne. «Purzelbaum im Wasser ohne Brille, das ist schwierig, aber ich schaffe es», erklärt er. Im Veloraum zu Hause spielt er Tischtennis mit seiner besten Kollegin aus der Parallelklasse, und mit Hund Malu ist er gerne draussen. Auf die Frage, ob er denn überhaupt mal entspanne und sich ruhig halte, legt er den Kopf leicht schräg, grinst und sagt «jein». Trotzdem, gewisse Ausglei che gebe es schon, meint Fabienne. Vögel beobachten und fotografieren, das mache er gerne. Und basteln ebenfalls, kürzlich habe er Bastelartikel verkauft und den Erlös der Vogelwarte Sempach gespendet. Und lesen am Abend, doch, das mache er auch gerne.
Neugierig, experiementierfreudig und immer in Bewegung
hat komisch dreingeschaut.» Wie er das denn mache, habe dieser gefragt, er habe ja keine Beine zum Rumrennen. «Aber ich habe Arme!», habe er geantwortet. «Es ist uns sehr wichtig, aufzuzeigen, was alles möglich ist, nicht, was alles nicht geht», meint Fabienne. Ganz toll sei übrigens auch das neu geschaffene Mini-Training der SPV immer am letzten Samstag im Mo nat. «Da treffen sich Eltern, Geschwister,
Adrian, ein Wirbelwind auf Rädern, quirlig, aufgestellt, interessiert, lebendig, immer in Bewegung, sicher ab und zu eine He rausforderung für seine Eltern. Aber sie tun alles, damit er seinen unglaublichen Bewe gungsdrang ausleben und geniessen kann. Übrigens, sein Traum und sein nächstes Ziel: WCMX (Rollstuhl-Skaten) wie Aaron Fotheringham – wen wunderts? 35
ROLLSTUHLSPORT
WIR ELTERN
Eltern leisten Pionierarbeit Der Klang von kreuzenden Degenklingen hallt durch den Fechtclub Bern. Hier lebt Fred De Oliveira seit zehn Jahren seine Leidenschaft, das Rollstuhlfechten, aus. Mangels Sparringpartnern hat seine Mutter Kathrin Siegrist für Fred Fechten gelernt. Mit grossem Engagement unterstützt sie ihn darin, seine Passion ausleben zu können. Ob Management, Kommunikation, Fundraiserin oder Coach, Kathrin ist alles in Personalunion.
FOKUS
Augenmerk TK Badminton Seit der Bekanntgabe, dass Para-Badminton in Tokio 2020 erstmals paralympisch sein wird, ist das Interesse an dieser Sportart kontinuierlich gewachsen. Heute zählt Rollstuhlsport Schweiz 35 lizenzierte Rollstuhl-Badmintonspieler. Dazu kommen etliche nicht lizenzierte Spieler, welche regelmässig dem Shuttle nachjagen. 2017 wurde eine neue TK Badminton ge gründet. Das nicht zum ersten Mal, denn bereits von 1997 bis 2006 gab es eine TK. Federführend war Paul Kurzo, welcher sel ber Rollstuhl-Badmintonspieler war und bis heute im Executive Board als Vize-Präsident für Para-Badminton beim Internationalen Verband «Badminton World Federation» (BWF) eine wichtige Rolle spielt. Dass 2006 die damalige TK sistiert werden musste, lag vor allem am geringen In
Als grösste Herausforderung empfindet sie es, sich für den Einsatz rechtfertigen zu müssen. Oft wird sie als überambitionierte Mutter abgestempelt. Doch für Kathrin Siegrist zählen nicht Freds Erfolge. Sie will ihrem Sohn schlicht und einfach die ihm zustehenden Chancen eröffnen. Zu sehen, wie ihr Sohn seinen Fokus behält und sich für sein Ziel einsetzt, ist ihr die Mühe wert. Informationen www.freddeoliveira.ch www.rollstuhlfechten.ch 36
teresse. Rollstuhlsport Schweiz konzentrierte sich auf Einzelsportler. Die neue TK, unter der Führung von Tommy Moesch, will die Sportart noch bekannter und beliebter machen. Als Mitglied im Zentral vorstand von Swiss Badminton vertritt Moesch dort die Interessen von RollstuhlBadminton. Mit dem ehemaligen National liga-B-Badmintonspieler Michael Adamer wurde 2017 ein engagierter und motivierter Nationaltrainer gefunden. Komplettiert wird die TK durch den Athletenvertreter Christian Hamböck. Als aktiver Kaderspie ler bringt Hamböck die Stimmen der Athle ten in die TK mit ein. Zudem unterstützt er die TK auch in administrativen Belangen. TK-Webseite www.badminton.spv.ch
SERIE – FAIL-STORIES
Wasser ist ein kostbares Gut Die Japaner gelten als regelgetreues und ge wissenhaftes Volk. Beim Badminton-Testevent für die Paralympics in Tokio erlebte Karin Suter dieses Vorurteil hautnah.
teer, der auf das Schild vorne am Pult verwies. Mit nur einer Flasche ist einer durstigen Sportlerkehle nicht geholfen. Daher liess sich Karin auf eine Diskussion ein, worauf der Volunteer freundlich meinte: Unser Schweizer Badminton-Ass staunte «Aber du kannst ja gleich wiederkommen.» nicht schlecht, als sie an der Wasserausga- Fortan holte sich Karin die erste Flasche ab, be in der Spielstätte gleich zwei der kleinen drehte eine elegante Pirouette und bekam Halbliter-Flaschen beziehen wollte. «Nur dann sofort auch noch eine zweite – so eine Flasche aufs Mal», hiess es vom Volun geht das! Paracontact I Sommer 2020
ROLLSTUHLSPORT
PARALYMPICS UM EIN JAHR VERSCHOBEN
Tokyo 2020 im 2021 Auch wenn der Entscheid mehrheitlich begrüsst wird, die Verschiebung birgt einige Herausforderungen. Von Roger Getzmann
Es war eine Erleichterung, als Ende März Shinzo Abe, der Präsident von Japan, die Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele bekanntgab. Europa war am Beginn einer Pandemie: Das Leben war eingeschränkt, das Training sehr erschwert und an Wettkämpfe war gar nicht erst zu denken. Eine faire Qualifikation unter gleichen Voraussetzungen war nicht gegeben, und die allermeisten Athletinnen und Athleten wären am wichtigsten Wettkampf von ihrer Bestform weit entfernt ge wesen. Bei den erwarteten Menschenmassen aus aller Welt wäre die Gefahr einer Ansteckungswelle vor Ort enorm gewesen und wer weiss, ob der internationale Reiseverkehr überhaupt möglich gewesen wäre. Somit wurden mit diesem Entscheid viele erlöst – und viele Probleme gelöst. Es sind aber einige neue entstanden.
tate von 2020 zählen sollten und wie lange die Qualifikationsperiode verlängert wird, waren einfachere Fragen. Neue Qualifikationswettkämpfe mussten definiert und ge funden werden, damit die Athleten genügend Möglichkeiten bekommen, wichtige Punkte zu sammeln. Zentral für die Athleten war, dass sehr früh bestätigt wurde, dass alle erreichten Qualifikationsleistungen und bereits zugeteilte Quotenplätze ihre Gültigkeit behalten.
Überarbeitete Qualifikationsrichtlinien Die internationalen Verbände aller Sportarten wurden sofort gefordert: Sobald als möglich mussten in Absprache mit dem IPC die neuen Qualifikationsanforderungen definiert werden. Inwiefern die Resul-
TOGOC ist enorm gefordert Japan hatte in den letzten Jahren einige Krisen zu meistern, Tokyo 2020 sollte ein Aufbruch in bessere Zeiten sein. Japan und vor allem Tokio muss nun aber erneut seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten zur
Paracontact I Sommer 2020
Swiss Paralympic musste neu planen Diese neuen Fakten haben logischerweise unser Leitungsteam zur Anpassung der Se lektionskonzepte gezwungen, und es muss ten neue Termine definiert werden. Gewisse Zusatzkosten werden entstehen, die Nationen trifft die Neuansetzung der Spiele aber deutlich weniger als Japan.
Bewältigung von Krisen beweisen. Von Juli bis September 2020 hatte das Tokyo Olympic Games Organising Committee (TOGOC) dutzende von Wohnblocks für Athletenunterkünfte blockiert, hunderte von Wettkampf- und Trainingstätten ge mietet und tausende von Hotelzimmern ge bucht. Alle diese Verträge und Buchungen galten für 2020 und müssen neu ausgehan delt werden. Wer wird für die Annullations kosten aufkommen? Oder alle die Personen entschädigen, die bereits eine Wohnung im Village gekauft haben? Man kann sich in etwa vorstellen, wie gross die Herausforde rungen sind, vor denen das TOGOC stand und noch immer steht. Bewunderung für Tokio Wir werden in etwas mehr als einem Jahr mit grösstem Respekt nach Tokio reisen. Die Organisation von Olympischen und Paralympischen Spielen ist eine Mammutaufgabe, aber was Tokio und Japan stemmen müssen, ist immens.
Die Spiele Tokyo 2020 werden historisch. Es sind die ersten, die nicht im Jahr des Markennamens stattfinden werden. We nigstens hier konnten auf clevere Weise Mehrkosten gespart werden, denn alle Mar ketingartikel sind bereits produziert. Ich wünsche mir noch mehr als sonst, dass Tokyo 2020 für alle Athletinnen und Athle ten, für das TOGOC und für alle Japanerinnen und Japaner zu einem einmaligen Fest der Begegnung und des Aufbruchs nach der Krise werden. Die Chancen da für stehen gut und das wäre für Japan zumindest eine verdiente Entschädigung für den grossen Aufwand.
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ROLLSTUHL- AUFKLEBER Das Logo von Rolland Bregy drückt anders als viele Rollstuhlpiktogramme Dynamik und Modernität aus. Es zeigt den Rollstuhlfahrer als aktiven Menschen in Bewegung.
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Paracontact I Sommer 2020
ROLLSTUHLSPORT
GIRO SUISSE
Neu entdeckte Schweiz Unser Land bietet wunderschöne Ecken, der Giro Suisse die Gelegenheit, es neu zu entdecken. Von Nicolas Hausammann
Solidarität als Grundpfeiler unserer Gesellschaft, der Gönner-Vereinigung der SPS und unserer Rollstuhlclubs ist eine der positivsten Eigenschaften der Schweiz. Gerade in Zeiten der Corona-Krise wurde uns dies wieder einmal bewusst. Unseren Bewegungsdrang zuhause oder alleine in der
25. August bis 6. September 2020, ist zum Zeitpunkt der Abgabe dieses Artikels noch nicht entschieden. Doch wir werden durch die Schweiz touren, gemeinsam unser Jubiläum feiern wie auch die Möglichkeit geniessen, uns wieder in freier Natur bewe gen zu können. Der Anlass ist somit nicht
Giro-Suisse-Kollektion Scatta liefert die passende Ausrüstung
shirts, je nach Anzahl der gefahrenen Etap pen. Das Shirt kann gleich im Anmeldeformular mitbestellt werden. Sie können sogar wählen zwischen enganliegendem Radtrikot oder sportlichem Funktionsshirt. Natürlich soll auch Schwielen an den Händen vorgebeugt werden mit den passenden Handschuhen, ebenfalls im GiroSuisse-Design. Die Ausschreibung findet sich online unter www.girosuisse.ch. Für unsere Mitglieder bieten wir zusätzlich die gesamte Giro-Suisse-Kollektion zum Bestellen im Webshop an. Scatta bietet hochwertige Custom-Bekleidung für den Rad- und Jogging-Sektor. Seien Sie also bereit, wenn die Strasse wieder zum Training ruft. Denn beim Giro Suisse zählt zwar nicht die Zeit, dafür aber die regelmässige Bewegung unserer Mitglieder. Mit dem Webshop-Button auf der Giro-SuisseSeite gelangt man in den Showroom und es braucht nur noch wenige Klicks bis zum neuen Trainingsoutfit.
Natur zu stillen, statt mit Freunden oder im Club fiel schwer. Keine gemütlichen Abende mit Freunden feiern, nicht den ankommenden Frühsommer mit Grillfesten vergolden. Da kommt der Giro Suisse gerade recht, um die Gemeinschaft wieder aufleben zu lassen. Ohne Flugmeilen, ohne Reisepass, ohne Leistungsziel, nur mit Muskelkraft – maximal von aufladbaren Akkus unterstützt – dafür gemeinsam, mehr denn je verbindend zwischen den Rollstuhlclubs der Schweizer Paraplegiker- Vereinigung. Denn eine Entscheidung ist bei der SPV gefallen: Der Giro Suisse wird stattfinden! Ob am geplanten Datum vom Paracontact I Sommer 2020
nur ein Hoch auf die Bewegung, sondern gerade durch die Abendveranstaltungen, die in Eigenregie der Rollstuhlclubs organisiert werden, auch ein Zeichen der gelebten Gemeinschaft und Solidarität. Seien Sie bereit, wenn die Strasse wieder ruft! Der Giro Suisse ist eine einzige gelebte Part nerschaft. So ist auch die Ausrüstung, die wir unseren Teilnehmenden zur Verfügung stellen, vom Feinsten. Scatta unterstützt den Anlass als Ausrüster und gemeinsam mit unserem Verbandspartner Hollister erhält jeder Teilnehmende ein bis zwei Starter-
Die letzten freien Plätze sichern Die Ausschreibung für den Jubiläums anlass von Rollstuhlsport Schweiz zum 40-Jahr-Jubiläum der SPV läuft noch bis zum 8. Juni und wird bei einer Verschiebung des Giro Suisse eventuell verlängert. Letzte freie Plätze sind noch vorhanden. Also sofort anmelden und Material in Ordnung bringen. Unser Materialpartner Orthotec hilft Ihnen gerne dabei, Ihr Hand bike girotauglich zu machen.
Rollstuhlsport Schweiz freut sich darauf, zusammen mit den Mitgliedern der teilnehmenden Clubs, den Giro Suisse zum unvergesslichen Erlebnis zu machen. 39
ROLLSTUHLSPORT
RÜCKTRITT
Christoph Kunz hört auf
Einer der erfolgreichsten Monoskibobfahrer der Schweiz tritt vom Spitzensport zurück – vorerst. Von Nadja Venetz
Am 18. März 2020 gab Christoph Kunz sei nen Rücktritt vom Spitzensport bekannt – genau zehn Jahre nachdem er an den Para lympischen Spielen in Vancouver (CAN) in der Abfahrt die Goldmedaille holte. «Vancouver war mein grösster und emotionalster Sieg», beschreibt der Athlet seinen damaligen Erfolg, auch wenn er sich vier Jahre später weiteres paralympisches Edelmetall sicherte.
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Der Berner Oberländer ist einer der siegreichsten Monoskibobfahrer der Schweiz. 2017 wurde er Weltmeister im Super-G, ge wann den Riesenslalom an den Paralympi schen Spielen in Sotschi (RUS) 2014 und holte sich 2010 in Vancouver paralympisches Gold in der Abfahrt und Silber im Riesenslalom. Dank dieser beiden Medaillen wurde Christoph Kunz 2010 als Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet. Zusätzlich erreichte der Monoskibobfah-
rer in seiner Karriere 15 Weltcupsiege und gewann im Riesenslalom dreimal den Gesamtweltcup. Seit einem Motorradunfall im Juni 2000 ist Christoph Kunz querschnittgelähmt. Da vor war Kunz ambitionierter Läufer vor al lem auf der Mittel- und Langstrecke. Sport sollte auch nach dem Unfall eine bedeutende Rolle im Leben des heute 38-Jährigen spielen. Über Umwege entdeckte er den
Paracontact I Sommer 2020
Die Familie spielt eine zentrale Rolle in Christoph Kunz’ Leben
Monoskibobsport. In der Saison 2002/2003 fuhr er seine ersten Rennen. Bereits drei Jahre später erreichte er mit dem achten Rang im Riesenslalom ein Diplom an den Paralympics in Turin (ITA).
schwieriger wird, um die Podestplätze mitzufahren. Darüber hinaus hat mir ein schwerer Sturz im Januar bewusst gemacht, dass ich das Risiko des Skirennsports nicht mehr länger tragen will.»
Die Erfolgskurve zeigte stetig nach oben. 2016 entschied sich Christoph Kunz, professionell Skirennen zu bestreiten. «Ich habe diesen Entscheid sehr bewundert; immerhin war er bereits zu diesem Zeitpunkt Familienvater», erinnert sich Thomas Hurni, Sportartenmanager Ski Alpin von Rollstuhlsport Schweiz (RSS). «RSS hat diesen Weg unterstützt. Christoph hat bewiesen, dass es auch im Rollstuhlsport möglich ist, durch seriöse Arbeit, gute Ver bandsunterstützung und Sponsoren eine solche Herausforderung zu meistern.»
Thomas Hurni spricht nur in den höchsten Tönen von Christoph Kunz: «Er ist für mich ein Vorzeigeathlet, der minutiös trai niert und fokussiert an sich arbeitet. Hin zu kommt seine freundliche, loyale und umgängliche Art. Ich habe viele schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. Eines meiner Highlights war sicher der Sieg im Riesenslalom 2014 an den Spielen in Sotschi, als es Christoph im letzten Ren nen im letzten Lauf gelang, auf den ersten Platz zu fahren.» Er erlöste mit seinem Sieg zudem die Schweizer Delegation und bescherte ihr die erste Medaille. Christoph Kunz habe aber nicht nur akribisch trainiert, sondern sei auch ein Tüftler gewesen, erklärt Thomas Hurni. «Wir haben für die Paralympics 2018 sogar im Windkanal der ETH Zürich einen aerodynamischen Überzug für die Monoskibobschale getestet. Gemäss den Auswertungen gab uns dies einige Zehntel Zeitgewinn. Im entscheidenden Rennen hatte Christoph die beste Zwischenzeit, ist aber leider auf dem Weg aufs Podest gestürzt.»
Der Familie zuliebe Am 18. März, kurz vor seinem 38. Geburts tag, verkündete der vierfache Vater seinen Rücktritt vom Spitzensport: «Ich verbinde wunderbare Erinnerungen mit dieser Zeit. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, mit diesem schönen Kapitel abzuschliessen.» Die Familie ist einer der Hauptgründe für das Karriereende: «Das intensive Training, wel ches bereits im Herbst beginnt, kann ich mit meinem Familienleben nicht mehr ver einbaren. Ich bin im Winterhalbjahr kaum zu Hause.» Zurückzutreten war kein spon taner Bauchentscheid, sondern reiflich überlegt, wie Christoph Kunz erläutert: «Ich hatte die Saison 2019/2020 für mich als Zwischensaison definiert, in der ich evaluieren wollte, ob ich diesen hohen Auf wand bis zur nächsten Weltmeisterschaft und den Paralympics 2022 noch betreiben will und kann. Mit mittlerweile 38 Jahren bin ich in einem Alter, in dem es immer Paracontact I Sommer 2020
Und wie geht es nun weiter? Er sei auf Stellensuche. «Ich bin gelernter Bankkaufmann und würde gerne in dieser Branche tätig sein, bin aber auch offen für Neues.» Sport wird fester Bestandteil seines Alltags bleiben. Christoph Kunz ist begeisterter Handbiker und nimmt auch an Wettkämpfen teil. «Mit dem Handbike bin ich viel flexibler und kann direkt vor meiner Haustür trainieren. Auch lässt sich die
ser Sport viel besser mit einer beruflichen Tätigkeit kombinieren. Allenfalls kann ich immer noch mein Arbeitspensum reduzie ren.» Plant da jemand bereits seine zweite Karriere im Spitzensport? «Klar, ich bin durch und durch Sportler und messe mich gerne mit anderen. Aber wohin meine Rei se als Handbiker geht, möchte ich im Moment noch offen lassen.»
PALMARÈS 2017 Weltmeistermeisterschaft, Tarvisio Goldmedaille Super-G 2014 Paralympics, Sotschi Goldmedaille Riesenslalom 2013 Weltmeisterschaft, La Molina Bronzemedaille Riesenslalom 2011 Weltmeisterschaft, Sestriere Bronzemedaille Riesenslalom 2010 Paralympics, Vancouver Goldmedaille Abfahrt Silbermedaille Riesenslalom 2006 Paralympics, Turin 8. Rang und paralympisches Diplom Riesenslalom – 3-facher Gesamtweltcupsieger Riesenslalom – 15-facher Weltcupsieger in den Disziplinen Abfahrt, Super-G, Kombination und Riesenslalom – 2-facher Gesamtsieger Europacup – 13-facher Schweizer Meister
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ROLLSTUHLSPORT
SERIE 2/4: VERBANDSLANDSCHAFT NATIONAL
Olympisch-paralympische Swissness Swiss Paralympic ist das Pendant zu Swiss Olympic im Behindertensport – stimmt, doch die Beziehung ist vielschichtiger. Von Nicolas Hausammann
Swiss Olympic umschreibt seinen Auftrag als Dachverband des Schweizer Sports und Nationales Olympisches Komitee wie folgt: «Swiss Olympic schafft die bestmöglichen Voraussetzungen für sportliche Erfolge auf internationaler Ebene und vertritt die Interessen des privatrechtlichen, organisierten Bereichs im Schweizer Sport.» Die verschiedenen Sportfachverbände sind also Mitglied von Swiss Olympic, so auch die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung. Hier fängt es an, das Beziehungsnetz, das in vielerlei Köpfen für Verwirrung sorgt. Wie der Turnverband, Swiss Cycling oder der Fussballverband sind auch die Behin dertensportverbände direkt dem Dachver band des Schweizer Sports angeschlossen. Sie können sich mit ihren Mitgliedsrech ten einbringen und erhalten Fördergelder, beispielsweise für die Nachwuchsförde rung, angestellte Trainer oder Sportevents von internationaler Bedeutung. Die Stiftung Swiss Paralympic Wie viele Strukturen im Schweizer Sport ist auch diejenige des Behinderten- und Roll stuhlsports historisch gewachsen. Denn Swiss Paralympic ist nicht etwa die Dachorganisation für den Schweizer Behindertensport, sondern wird von den beiden Verbänden SPV und PluSport als Stiftung getragen. Zudem bringen sich die Verbände mit ihrem grossen sportspezifischen Know-how ein. Rollstuhlsport Schweiz ist dabei für alle sitzend betriebenen Sportarten zuständig, in welchen der Campus der Schweizer Paraplegiker-Gruppe in Nottwil als Mekka des Rollstuhlsports mit 30 Jahren Erfahrung als Treiber der Professiona42
PARALYMPISCHER SPORT IN DER SCHWEIZ
Mitglied von Swiss Olympic Stifter
Mitglied/Ansprechpartnerin
lisierung wirkt. Die stehend betriebenen Sportarten sind bei PluSport angegliedert. Insbesondere gehören Athleten mit Sehbe hinderungen, Amputationen, Hemiplegie, cerebraler Bewegungsstörung, Kleinwuchs oder einer starken kognitiven Einschränkung dazu. In Sportarten wie zum Beispiel Ski Alpin oder Cycling bilden PluSport und Rollstuhlsport Schweiz auch Teams mit einem gemeinsamen Nationaltrainer. Swiss Paralympic ist neben der Selektion und Organisation der Teilnahmen an paralympischen Spielen auch Ansprechpartnerin und Mitglied des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) in Bonn. Hier kann man sie also wieder ziehen, die Parallelen zu Swiss Olympic. Strategische Routenplanung Als Lenkungsorgan wird der Stiftungsrat von Swiss Paralympic jeweils aus Mitgliedern der beiden Trägerverbände SPV und
PluSport besetzt. Das Präsidium wechselt im Zweijahresrhythmus zwischen dem Ge schäftsführer von PluSport im Vorbereitungs- sowie Austragungsjahr der Winterspiele und dem Direktor der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung für die Sommer spiele. Da die SPV im Moment von Urs Styger ad interim geführt wird, präsidiert René Will von PluSport den Swiss Paralympic Stiftungsrat momentan. Urs Styger hat das Vizepräsidium inne. Als Mitglieder unterstützen Annick Meystre aus dem Zen tralvorstand der SPV und Roger Getzmann als Leiter von Rollstuhlsport Schweiz die strategische Routenplanung von Swiss Paralympic. Aus dem Vorstand von PluSport komplettieren Ernst Strähl und Markus Pfisterer den Rat. Ausgehend von dieser strategischen Führung bestücken die Verbände auch diverse Kommissionen, um die operative Umsetzung der Vorgaben mit dem nötigen sportspezifischen Wissen zu sportlichen Erfolgen zu führen. Paracontact I Sommer 2020
ROLLSTUHLSPORT
AUSDAUERTRAINING INDOOR
Die Bahn im Fokus Rollentraining ist nicht länger eine triste Angelegenheit – den Athleten öffnen sich völlig neue Horizonte. Von Nicolas Hausammann
Raus aus dem Keller, dorthin, wo Erfolge letztendlich umgesetzt werden müssen. Oberhalb des Garderobentrakts trainieren seit dem vergangenen Dezember Leicht athleten und Handbiker mit Blick auf die 400-m-Bahn der Sport Arena. Die Trai ningsbedingungen verbesserten sich somit markant, wie Paul Odermatt, Nationaltrai ner Nachwuchs von Rollstuhlsport Schweiz, konstatiert: «Die Atmosphäre ist sehr motivierend und die Trainingshalle wird intensiv genutzt. Das angenehme Raum klima wie auch die fixen Trainingsplätze helfen den Athleten, noch effizienter trainieren zu können.» Manuela Schär, die weltbeste Marathonfah rerin und «Paralympische Sportlerin des Jahres», fühlt sich in der Rollentrainingshalle ebenfalls pudelwohl und bestätigt Paul Odermatts Aussagen: «Die Platzverhältnisse sind ein Traum. Die Halle besticht durch ihre Funktionalität und die Tatsache, dass ich mein Sportgerät und mein Kleinmaterial fix vor Ort habe, dies macht das Training um so vieles leichter. Es erspart all das Hin und Her von der Werkstatt zum Trai-
ningsort sowie die Installationszeit.» Die praktischen Vorteile liegen also auf der Hand. Allerdings löst die neue Trainingsstätte auch auf Schärs Gefühlsebene Freudensprünge aus. Sie verteilt zwei Daumen nach oben für den tollen Ausblick, an dem sie unweigerlich an die Rennserie denken muss. Denn von nun an kann sie beim Einfahren auf der Rolle die Männerrennen auf der Bahn verfolgen. «Hier bei den Par Athletics sind die Rennen der Herren im mer vor unseren, weshalb ich nie zuschauen konnte. Das fand ich immer schade.» Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser positive «groove» in einer nochmaligen Leistungssteigerung der Schweizer Topathletin niederschlägt und sie ihre Dominanz aus der Marathon Majors-Serie auch auf die pa ralympischen Rennen der Bahn sowie der Strasse auswirkt. Zwischen Kunst und Funktionalität Hinter den Trainingsplätzen wachen Fuchs augen über die Athletinnen und Athleten. Unter dem fokussierten Blick des als Wand malerei aufgesprühten Tiers ist unkonzentriertes Training kaum möglich. Dieser Fo
kus ist ansteckend. Vom jüngsten Talent der Kindergruppe des RC Zentralschweiz bis hin zur Top-Athletin. Letztere haben in der Trainingshalle ihren eigenen Spind mit Trainingsmaterial für ihre täglichen Einhei ten. Handbiker Tobias Fankhauser spricht von «sensationellen Trainingsbedingun gen», die das «Wintertraining in Nottwil auf ein ganz neues Professionalitätslevel anheben» würden. Für Reparaturen gibt es einen eigens für Rollstuhlfahrer entwickelten elektronischen Hubsäulenlift. Ersatzmaterial und Kompressorluft für die Reifen sind genauso griffbereit wie jedes erdenkliche Werkzeug oder die Schleifmaschine mit Staubsauger. Dies ermöglicht schnelle, individuelle Reparaturen an den Hightech-Sportgeräten. In der Lounge treffen sich dann Spitzenathleten mit ambitionierten Nachwuchsfahrern oder Hobbysportlern. Gerade von diesem Austausch lebt der Sport. Neue Erfolgsgeschichten sollen hier ihren Anfang nehmen. Doch nicht nur das passive Rela xen auf der Couch ist möglich. Stretching oder Stabilisationsübungen an der Sprossenwand oder koordinative Übungen sind im neuen professionellen Umfeld genauso möglich wie auch physiotherapeutische Be handlungen. Die Begeisterung über die infrastrukturelle Verbesserung dank des Gemeinschaftsprojekts der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung und der Orthotec AG kennt keine Grenzen und soll sich bereits an den Pa ralympics in Tokio in Resultaten niederschlagen.
Rollentraining: Neue Halle sorgt für professionelle, motivierende Trainingsbedingungen über die Wintermonate
Paracontact I Sommer 2020
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VERMISCHTES
3 FRAGEN, 3 ANT WORTEN
SPS
ParAthletics 2020 abgesagt
Neue Präsidentin Heidi Hanselmann übernimmt per 1. Juni 2020 das Präsidium der Schweizer ParaplegikerStiftung (SPS). Sie übernimmt das Amt von Daniel Joggi, der 30 Jahre für die Schweizer Paraplegiker-Gruppe (SPG) tätig war, davon zehn als Stiftungsratspräsident. Mit ihm zusammen treten Vize präsident Luca Stäger und Christian Betl zurück.
Bereits im März entschied sich das Organisationsko mitee, die diesjährige Aus tragung der ParAthletics abzusagen. OK-Präsident Erwin Grossenbacher be antwortet unsere Fragen zu diesem Entscheid. Was führte zum Entschluss, den Anlass abzusagen? Die allgemeine Situation um die Corona-Krise hat uns dazu bewogen, anlässlich der Skype-OK-Sitzung Mitte März die Vor- und Nachteile einer eventuellen Absage gründlich zu durchleuchten. Die Gesundheit der Athleten, des ganzen Staff und natürlich auch aller Helfer stand bei diesem Entscheid an oberster Stelle. Inzwischen wissen wir, dass die Paralympics verschoben wurden, was uns hilft, unseren Entscheid zu akzeptieren.
Die 58-jährige Heidi Hanselmann ist noch bis Mai Regierungspräsidentin des Kantons St. Gallen und betätigt sich zudem im Vorstand der kantonalen Gesundheitsdirektoren der Schweiz (GDK). Nebst ihr wurden Manuela Leemann und Isabelle Lamontagne-Müller in den Stiftungsrat gewählt.
Was bedeutet diese Absage für das OK, nicht zuletzt auch finanziell? Finanziell kommen wir mit einem blauen Auge davon. Es fallen nur wenige Fixkosten an. Ein grosses Dankeschön möchte
ich an unsere Sponsoren richten. Die meisten unterstützen uns ungeachtet der Absage und lassen den Betrag für die nächste Ausführung der ParAthletics im 2021 stehen. Das ist eine grosse Entlastung und sehr schöne Geste unserer Sponsoren. Welche Vorbereitungen können Sie für das nächste Jahr verwenden? Welche Arbeiten waren nun leider vergebens? Das OK hat sich für die Ausgabe 2020 neu formiert. Es sind nicht weniger als sechs Personen vom Kiwanis Club Sempachersee neu dabei. Die Arbeiten waren weit fortgeschritten und die Zusammenarbeit mit den Personen der SPV war sehr vertrauensvoll. Wir nehmen einerseits diese Erfahrung mit ins nächste Jahr, andererseits die wertvollen Kontakte wie z. B. zu den Sponsoren. Das Schöne: Alle OK-Mitglieder sind spontan und mit Begeisterung 2021 wieder dabei!
STAY ACTIVE
SPZ
Zu Hause fit bleiben Damit körperliche Aktivitäten in Zeiten des Corona-Lockdowns nicht zu kurz kommen, hat Rollstuhlsport Schweiz eine Serie von Übungsvideos zusammengestellt, die es jedem erlauben, zu Hause zu trainieren. Die präsentierten Übungen gliedern sich in die Bereiche «Beweglichkeit/Kraft», «Ausdauer/Schnelligkeit» und «Koordination» 44
und lassen sich beliebig kombinieren. Bestimmt ist für jeden etwas dabei. Alle Videos und weitere Anregungen, um ihr Fitnessprogramm in den eigenen vier Wänden zu gestalten, finden Sie auf unserer Website.
Videos und Anregungen spv.ch/stayactive
Notfallspital Das Schweizer ParaplegikerZentrum (SPZ) errichtete im Auftrag des Kantons Luzern in der Turnhalle ein Notfallspital für Corona-Patienten. Die Versorgung der querschnittgelähmten Patienten wird uneingeschränkt in den anderen Gebäudeteilen sichergestellt. Paracontact I Sommer 2020
SPZ
SPZ30 verschoben Vom 4. bis 6. September 2020 wären die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen des Schweizer Paraplegiker-Zentrums vorgesehen gewesen. Wegen der raschen Ausbreitung des Coronavirus wurde entschieden, den Anlass zu verschieben. Die Jubiläumsfeier wird 2021 stattfinden. Detailliertere Informationen folgen im Herbst 2020.
AUSZEICHNUNG
Montreux 2006 unterstützt Sportler
HINWEIS
Die Stiftung, die nach den Weltmeister schaften 2006 in Montreux gegründet wurde, unterstützt Athleten im ParaTischtennis mit finanziellen Beiträgen.
des CCB Europe Top 16 Cup in Montreux, einen Scheck von CHF 5000.– an den Para-Tischtennisspieler Ali Hassani aus Altdorf UR.
Es handelt sich um Sportler, die das Niveau haben, an internationalen Turnieren teilzunehmen oder sich sogar für Europa-, Weltmeisterschaften oder die Paralympics zu qualifizieren. Stiftungsratspräsident Bernard Gallarotti (rechts) und Stiftungsmitglied Eugène Schulthess (links) überreichten am 8. Februar 2020, anlässlich
Die Qualifikation für die Paralympischen Spiele 2024 in Paris ist das grosse Ziel des 46-jährigen Athleten. Er trainiert intensiv, damit er in der Kategorie Para Klasse 3 teilnehmen kann. Unterstützt wird er da bei vom TTC Rapid Luzern, dem TTC Sarnen, dem Rollstuhlclub Zentralschweiz, seinen Betreuern und seiner Familie.
COMMUNIT Y
Facebook-Gruppe Die community.paraplegie.ch moderiert die eigene Facebook-Gruppe: «RollstuhlfahrerGruppe Schweiz». Die Gruppe soll den Austausch unter Rollstuhlfahrern, Angehörigen und Freunden fördern. Treten Sie bei
Paracontact I Sommer 2020
Veranstaltungen Wie sich die allgemeine Lage bezüglich Coronavirus ent wickelt, lässt sich schwer voraussagen. Veranstaltungen können kurzfristig abgesagt werden. Bitte informieren Sie sich auf unserer Website, welche Events stattfinden. Veranstaltungskalender spv.ch/veranstaltungen
EVENT
Cybathlon mit neuem Datum Der Cybathlon der ETH Zürich geht in die zweite Runde. Der Anlass findet am 19. und 20. September 2020 in der SWISS Arena in Kloten statt. Im Wettstreit gegeneinander und mit moderns ter Assistenztechnik ausgerüstet messen sich sogenannte Piloten in insgesamt sechs Disziplinen. Sie bewältigen dabei Parcours, die bewusst so angelegt sind, dass sie Alltagsaktivitä ten abbilden. Auf diese Weise wird gezeigt, wie gut sich die jeweilige Technologie dazu eignet,
den Nutzer beispielsweise beim Treppensteigen zu unterstützen. Besucher und Piloten können sich auf packende Wettkämpfe in folgenden Kategorien freuen: virtuelle Rennen mit Gedankensteuerung, Fahrradrennen mit Muskelstimulation, Geschicklichkeitsparcours mit Armprothesen, Hindernisparcours mit Beinprothesen, Parcours mit Exoskeletten und Parcours mit motorisierten Rollstühlen. Weitere Informationen und Tickets cybathlon.ethz.ch 45
FOKUS
IM GESPRÄCH
«Loslassen fällt mir schwer»
Seit zehn Jahren präsidiert Daniel Joggi die Schweizer ParaplegikerStiftung. Am 1. Juni übergibt er sein Amt an Heidi Hanselmann. Ein Rückblick auf Vergangenes und ein Ausblick, auf das, was kommt. Gespräch mit Evelyn Schmid und Urs Styger, Text von Nadja Venetz
Unser Gespräch findet Ende März statt. Der Bundesrat rät der Bevölkerung dringend, daheim zu bleiben. Als Tetraplegiker gehört Daniel Joggi zur Risikogruppe und verlässt sein Haus kaum. Wir unterhalten uns per Videokonferenz. Wir erleben aktuell eine besondere Zeit. Wie geht es dir? Es geht mir gut. Ich kann von zu Hause arbeiten, als wäre ich in Nottwil. Aber ich bin eben nicht in Nottwil und das ist kein gutes Gefühl. Ich bin lieber bei meinen Leuten, wobei ja auch dort viele nicht mehr vor Ort sind. Ich habe das grosse Glück, dass mein Sohn mit seiner Frau und den Kindern im Nachbarhaus wohnt. Wenn ich auf die Terrasse gehe und sie im Garten sind, können wir uns unterhalten. Reinkommen dürfen sie aber nicht. Siehst du Parallelen zu deiner Erstrehabilitation? Vergleichbar ist die Umstellung des Alltags. Eine weitere Parallele besteht vermutlich darin, dass man die neue Situation nicht wahrhaben will. Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages querschnittgelähmt sein werde. Und bei Corona hielten wir es auch nicht für möglich, dass dieses Virus unsere Breitengrade erreicht und unseren Alltag so stark beeinflusst. Auch die Solidarität und die Unterstützung durch meine Frau, meine Familie, meine Freunde und Kollegen ist vergleichbar. 46
Du hast viel erreicht und bewegt. Was sind die Eckpfeiler deiner Biografie? Als Kind war die Backstube meiner Eltern Dreh- und Angelpunkt meines Lebens, mit der ich sehr viele Erinnerungen verbinde. Als ich älter wurde, ging ich zu den Pfadfindern. Ich wuchs in einem strengen Elternhaus auf und bei der Pfadi hatte ich mehr Freiheiten. Wir haben verrückte Sachen gemacht, sind mit dem Fahrrad bis in die Camargue geradelt und mit zwei Bussen zum Nordkap gefahren. Nach der Schulzeit zogen wir nach Zürich. Ich studierte an der ETH Ingenieurwesen/ Agronomie und absolvierte mein Doktorat. Während dieser Zeit haben Françoise und ich geheiratet und unser erstes Kind kam auf die Welt. Danach fand ich eine Stelle bei der Forschungsanstalt in Nyon VD, die heute Agroscope heisst. Wie hast du dich beruflich etabliert? Mein Unfall hat meinen beruflichen Werdegang stark geprägt. Nach meiner Disser tation an der ETH wollte ich in Nyon an ähnlichen Themen weiterforschen. Dort musste ich aber auch viele Routinever suche übernehmen, wie etwa neue Sorten finden oder neue Gräser- und Kleesorten mischen. Im ersten Jahr bei Agroscope bin ich verunfallt. Danach waren gewisse For schungsarbeiten, die primär im Gewächshaus und speziellen Klimakammern stattfinden, nicht mehr machbar. Andere Ver-
suche konnte ich aber dank Unterstützung meiner Kollegen weiterhin ausführen. Ich habe zudem mitgeholfen, eine zeitgemässe IT-Infrastruktur aufzubauen und habe schliesslich den Bereich IT übernommen. Die Entwicklung von den ersten PCs im Labor bis hin zu grossen Servern und Netz werken mitzugestalten, war spannend. 2001 wurdest du zum Präsidenten der SPV gewählt. Wie hast du dieses Engagement mit deiner beruflichen Tätigkeit unter einen Hut gekriegt? Das hat gut funktioniert. Ich hatte mit dem damaligen Geschäftsführer Thomas Troger einen regelmässigen Austausch, musste aber nicht allzu oft vor Ort sein. Als ich dann 2009 zum Präsidenten der Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) gewählt wur de, habe ich rasch gemerkt, dass diese Aufgabe sich nicht in einem Nebenpensum erfüllen lässt. Daraufhin habe ich meine Anstellung bei Agroscope aufgegeben. Wie wurdest du Präsident der SPS? Ich war bereits seit 2000 Mitglied der Stiftung, kannte die Direktoren und die Abläufe der Paraplegiker-Gruppe. Als die Kri Paracontact I Sommer 2020
menarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital wichtig. Auch dass alle Aussendienstmitar beiter aller Tochtergesellschaften im Sinne unseres Projekts «Guided Care» besser ko ordiniert zusammenarbeiten, ist ein essen zieller Punkt in der Qualität der Betreuung von Querschnittgelähmten in der ganzen Schweiz. Diese werden immer älter und dementsprechend weniger mobil. Sie werden weniger zu uns kommen, als wir zu ihnen. Wo kann sich die SPV hier positionieren? Die SPV muss in der ganzen Gruppe integriert bleiben und wird wahrscheinlich zu sätzliche Aufgaben erhalten; gerade auch im Zusammenhang mit «Guided Care». Die Struktur mit den Rollstuhlclubs sollte weiterhin bestehen. Gleichzeitig sehen wir, dass sich junge Leute nicht mehr gerne in festen Strukturen bewegen. Ich glaube, die se Zielgruppe erreichen wir über Projekte, die zeitnah umgesetzt werden. So wie der Giro Suisse. Das funktioniert ja nicht nur im Sport, sondern in vielen Bereichen. tik an Präsident Bruno Frick immer lauter wurde, kam dieser auf mich zu und meinte, dass ich das Amt übernehmen müsse. Im Oktober 2009 planten wir die Übergabe auf April 2010. Bruno Frick rief mich je doch eines Dezemberabends an: «Du musst das Präsidium morgen übernehmen.» Ich vertröstete ihn, ich müsse zuerst schauen, ob das möglich sei. Eine halbe Stunde später rief ich zurück und willigte ein. Am nächsten Tag fuhr ich für die Pressekonferenz nach Zürich. Während der Autofahrt hielt der Stiftungsrat eine Telekonferenz ab, und als ich in Zürich ankam, war ich gewählt. Ich konnte das Amt nur übernehmen, weil ich spürte, dass in der SPG sehr viel Vertrauen in mich da war. Was waren deine ersten Massnahmen als Präsident? Ich musste dafür sorgen, dass alle Tochtergesellschaften der SPG wieder an einem Strick ziehen. Wir definierten als Erstes eine gemeinsame Strategie. Zudem stellten wir fest, dass unsere Infrastruktur veraltet ist. Wir mussten renovieren und als wir damit anfingen, sahen wir, dass wir nicht nur hier und dort flicken konnten. Wir ha
ben für den ganzen Campus einen Master plan erstellt. Wo können wir bauen und umbauen, ohne dass wir uns verbauen? Zeitgleich organisierten wir Prozesse neu. Die Gebäude bauten wir um diese neue Or ganisation herum. Diese neue Infrastruktur erlaubt uns jetzt, mit den zusätzlichen Betten in der Turnhalle für Covid-19-Patienten Massnahmen umzusetzen, die weit über unser Kompetenzfeld hinausgehen. Ist das auch die Idee der SPS, Solidarität über das Themenfeld Querschnittlähmung hinaus zu leben? Unser Fokus liegt klar auf der Querschnitt lähmung. Aber vieles, was wir für Querschnittgelähmte tun, ist auch für andere nützlich. Wenn wir Chirurgen wollen oder eine Schmerzklinik, die gut ist, braucht es Kompetenzen über den Bereich Querschnittlähmung hinaus. Vermutlich gibt es künftig eine Konzentration der Spitzenmedizin und in kleinen Spitälern wird man Medizin anbieten, die nahe an der Bevölke rung ist. Wir als spezialisiertes aber kleines Spital können womöglich nur in Koope ration mit einem oder mehreren Grossspitälern überleben. Deshalb ist die Zusam
Du bist selbst im Rollstuhlclub aktiv und deine Frau war bis vor Kurzem Präsidentin. Wie siehst du die Rolle der Clubs? Ich bin davon überzeugt, dass es die Clubs braucht, damit die Leute in der Region den Kontakt zueinander pflegen können. Dieser direkte Austausch lässt sich nicht zentral von Nottwil aus steuern. Ich glaube, viele denken, dass sie sich nach der Reha einfach wieder zurück in die «normale» Gesellschaft eingliedern können und mer-
Im Kreis der Familie
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Bewegungsmensch Daniel Joggi ist seit jeher in vielen Sportarten zuhause
ken dann nach ein paar Jahren, dass sie den Kontakt zu anderen Querschnittgelähmten brauchen, um sich über Dinge aus zutauschen, die nur Querschnittgelähmte betreffen. Es braucht beides: Die Inklusion in die Gesellschaft, aber auch die Inklusion unter Querschnittgelähmten. Sport ist ein grosser Treiber der Inklusion. Welche Bedeutung hat Sport in deinem Leben? Sport ist für mich wichtig und war er auch schon vor dem Unfall. Nach dem Unfall musste ich etwas finden, um mich auszutoben. Damals gab es nur zwei Sportarten für Tetraplegiker: Tischtennis und Bogenschiessen. Beides wenig geeignet, um sich auszutoben. Später kam die Leichtathletik auf. Es gab die ersten Spezialrollstühle, mit denen man einfacher fahren konnte. Die Sportart wurde dadurch auch für Tetra plegiker interessant. Hier konnte ich mich endlich austoben. Ich war auch Bogenschütze. Meine Leistung war okay, aber es fehlte ihr die Konstanz, weil ich zu wenig fit war. Ich fing an, vermehrt Rennroll48
stuhl zu fahren, um meine Fitness zu steigern, aber das Training brachte nicht die erhoffte Verbesserung im Bogenschiessen. Ich wurde dadurch aber schneller im Renn rollstuhl und durfte als Leichtathlet an die Paralympics nach Seoul. Das war natürlich ein Wahnsinnserlebnis. So viele Zuschauer in einem Stadion habe ich nie mehr gesehen. Danach bin ich auf Rugby umgestiegen. Dort nahmen wir an Weltmeis terschaften teil. Als Rugby paralympisch wurde, gelang der Schweiz die Qualifikation. Mit der Mannschaft sind wir nach Sydney an die Spiele gereist.
Wie ist das Loslassen für dich? Es ist nicht ganz so einfach. Solange ich im Kopf fit bleibe und mobil bin, habe ich noch viel vor. Ich möchte wieder fotografieren, mehr reisen und mehr Zeit mit meiner Familie und mit meinen Enkeln verbringen. Aber ich merke, wenn ich zum
Du hast auch ausserhalb des Sports die Welt bereist. Wie war das für dich als Tetraplegiker? Reisen war und ist immer herausfordernd. Je nachdem, wo man hin will, weiss man ja bereits im Vorfeld, dass es nicht rollstuhlgängig ist. Es bedarf einer guten Organisation, damit sich die Überraschungen in Grenzen halten. Die gibt es natürlich trotz dem und da ist es wichtig, sich zu kennen und zu wissen, womit kann ich mich abfinden. Improvisation ist dann gefragt. Myanmar war sicher eine Challenge. Wir haben diese Reise mit unserem Reiseführer, der das Land sehr gut kannte, minutiös geplant. Aber als wir dann auf ein Boot oder wieder runter mussten, wurde es manchmal schon abenteuerlich. Die Reise nach Indien vor rund zehn Jahren war auch eine spezielle Reise. Dort hatten wir ein eigenes Auto mit eigenem Chauffeur. Zu schaffen machte mir dort vor al lem die Hitze. Aber Hilfe, um die Treppe rauf- oder runterzukommen, findet man überall.
letzten Mal in einer Sitzung bin, zum letzten Mal bei diesem oder jenem Projekt mit reden darf, fällt mir das schwer. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich älter werde und nicht mehr so viel Energie habe. Es ist richtig, einen Gang tiefer zu schalten. Nottwil wird mir fehlen.
Ende Mai gibst du dein Amt als Präsident der SPS ab: Worauf bist du besonders stolz? Es ist schwierig, etwas herauszugreifen. Alle unsere Projekte waren grosse Herausforderungen. Realisieren konnten wir sie ohnehin nur im Team. Wir haben es nur soweit gebracht, weil ich immer gute Leute um mich herum hatte, die mich einerseits mitgerissen haben und die ich andererseits für Projekte begeistern konnte, wenn ich wusste, das schaffe ich nicht alleine. Ich glaube, die Zeiten der Alleingänge sind überall vorbei.
«Solange ich fit bleibe, habe ich noch viel vor, aber Nottwil wird mir fehlen.»
Die neue Präsidentin ist eine Fussgängerin. Wie kam es zu diesem Entscheid? Wir hätten eine Persönlichkeit im Rollstuhl bevorzugt. Als wir aber die Profile und Kompetenzen der Kandidierenden an geschaut haben, fand sich niemand, der mithalten konnte. Es gibt sicher in einer jüngeren Generation Querschnittgelähmte, die ich in ein paar Jahren in dieser Funktion sehe. Diese gilt es jetzt abzuholen und aufzubauen. Deshalb ist es uns wichtig, dass Vize-Präsidium mit einem Rollstuhlfahrer zu besetzen, damit diese Glaubwürdigkeit erhalten bleibt. Was möchtest du uns als Botschaft mitgeben? Es ist wichtig, dass die SPG zusammenarbeitet. Wir sind nur stark, wenn wir zusam menhalten. Jede Tochtergesellschaft hat genügend Aufgaben, um sich selbst zu beschäftigen. Trotzdem müssen alle am selben Strang ziehen. Das wird eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Präsidentin sein. Und ganz allgemein möchte ich allen Mut machen. Wir haben alle sehr viele Res sourcen, ob wir im Rollstuhl sind oder nicht, und wir können mehr erreichen, als wir uns zutrauen. Gerade in Zeiten von Corona ist der Glaube an uns selbst sehr wichtig. Paracontact I Sommer 2020
FOKUS
UNSERE HELFER
Lustig ist das Lagerleben Seit vielen Jahren begleitet Melanie Willimann die Trainingslager der Leichtathleten mit viel Enthusiasmus, Freude und Engagement. Von Gabi Bucher
Das Treffen mit Melanie Willimann war für einen ziemlich stürmischen Tag geplant, nicht ganz selbstverständlich, dass sie nach Nottwil kommen würde. Für Melanie jedoch wars selbstverständlich, auf sie kann man zählen, das ist es auch, was Trainer Paul Odermatt so schätzt an ihr als B etreuerin in den Trainingslagern der Rollstuhl-Leichtathle ten. Sie sei eine der zuverlässigsten Personen, die er kenne, meint er. Trainingslager als Feriendestination Melanie Willimann, von Beruf Geografin, ist sozusagen mit dem Rollstuhl aufgewach sen. Als Schwester des Rollstuhlathleten Lukas Willimann nahm sie schon ab der ersten Klasse an den Kids Camps teil. «Und die Mittwochtrainings gehörten damals zu unserem Wochenprogramm, die waren ja auch offen für Geschwister», erinnert sie sich. «Als ich etwa 15 Jahre alt war, fragte mich Paul Odermatt, ob ich bei den Trainingslagern der Sportler mithelfen möchte.» Sie möge das Lagerleben und kenne es gut von ihrer Blauringzeit her. Und so wur den Oster-, Sommer- und damals noch Herbstlager zum festen Bestandteil ihrer Schulferien und Melanie zum festen Bestandteil dieser Camps.
richtigen Zeit an den richtigen Ort und sorgt dafür, dass vor allem die jüngeren Teilnehmenden nicht verloren gehen. Sie hilft wo nötig beim Einsteigen in den Rollstuhl, beim Anziehen der Handschuhe, setzt mit den Athleten ihre Trainingspläne um, erklärt Übungen, nimmt Zeiten per Stoppuhr, zählt Runden. Sie verarztet aber auch kleine Verletzungen, bringt Pflästerli, hilft trösten. Durch ihren Bruder kennt sie die teilweise spe ziellen Bedürfnisse und Probleme der Roll stuhlfahrer. So hilft sie wenn nötig auch beim Toilettengang. Das machen nicht alle, da stimmt sie zu. Daneben ist sie zuständig für die Unterkünfte und sorgt dafür,
dass diese am Abend jeweils nicht allzu spät bezogen werden und die nötige Nacht ruhe eingehalten wird. «Das ist manchmal etwas schwierig, vor allem die jüngeren Teilnehmer geniessen es, von zu Hause weg zu sein», meint sie lachend. Ab und an gibts dann auch lustige Situationen, wie jene, als ein junger Athlet seine sauberen Kleider vor «Dieben» im Tresor versteckt hatte, sich dann aber nicht mehr an den Code erinnerte. «Da war eine Spezialaktion des technischen Dienstes des SPZ nötig», erzählt sie. «Brändi Dog» wird international Nebst dem Training ist da auch der gesellschaftliche Teil dieser Lager, den Melanie schätzt. Man sei eine ganze Woche zusammen, auch in der Freizeit. «Am Abend spie len wir jeweils ‹Brändi Dog› (Brettspiel).» Sie hätten dieses Spiel in ganz Europa verbreitet, meint sie lachend. «Und die Ausflüge sind eine tolle Abwechslung. Vor al lem die jüngeren Athleten sind jeweils gefordert durch das tägliche Training, da braucht es einen Ruhetag zum Regenerieren.» Letztes Jahr begleitete sie die Athleten auch nach Dubai, eine ganz tolle Erfahrung. Klar seien die Lager anstrengend, gibt sie zu, aber auch sehr bereichernd. Sie mache das unglaublich gerne und noch so lange, wie es ihr irgendwie möglich sei.
Ein grosses Dankeschön an Melanie für ihr jahrelanges Engagement!
Kurze Verschnaufpause für Athleten und Betreuerin
Heute gibt es nur noch das Oster- und Sommertrainingslager in Nottwil, dort kümmert sie sich weiterhin als «Mädchen für alles» um, wie der Ausdruck es sagt, alles was anfällt: Sie bringt die Athleten zur Paracontact I Sommer 2020
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FOKUS
FÜR SIE DA
Souverän im Umgang mit Zahlen Seit 13 Jahren kümmert sich Natalie Nyffeler um die Zahlen der SPV und um jene Mitarbeitende, welchen diese Zahlen ab und zu etwas Kummer bereiten. Von Gabi Bucher Zur SPV kam Natalie ganz klassisch durch ein Stelleninserat. «Der Stellenbeschrieb tönte spannend, ich kannte die Schweizer Paraplegiker-Gruppe jedoch nur als Gönnerin», erzählt sie. Erst beim Vorstellungsgespräch habe sie begriffen, wer die SPV überhaupt sei. Die Anstellung im Mai 2007 sei unkompli ziert und schnell erfolgt, erinnert sie sich. Seitdem arbeitet Natalie bei der SPV, eben falls unkompliziert, schnell und sehr kompetent. Ihr kleines Büro ist etwas versteckt, aber ein stilles Kämmerlein sei es nicht. «Ich mag zwar Zahlen, aber Menschen sind mir wichtiger.» Darum bleibt ihre Tür im mer offen für alle, die etwas von ihr brauchen, und das passiert immer wieder. Mal sucht jemand eine Rechnung oder braucht eine Kopie, mal hat einer eine Frage zur Mehrwertsteuer, ein für Laien nicht ganz 50
einfaches Thema. Man erkundigt sich nach einer Kostenstelle, einer Kontierung oder danach, ob eine Rechnung bezahlt worden ist. «Ich finde es wichtig, dass die Mitarbei tenden jederzeit zu mir kommen können. So vermeiden wir Fehler», meint Natalie. Einblick verschafft Überblick Die Buchhaltung, das Controlling, die Balance Scorecard, der Budgetprozess und die Jahresrechnung sind Natalies Hauptaufgaben. Sie kümmert sich um die ESCIF- Buchhaltung (European Spinal Cord Injury Federation), unterstützt Fatis Cantürk bei den BSV-Abrechnungen, arbeitet mit in den OKs bei grossen Sportanlässen, hilft bei der Auswertung der Leistungserfassung und ist gleichzeitig Anlaufstelle dafür. Zudem protokollierte sie zehn Jahre lang die ZV-Sitzungen und war vier Jahre als Vertreterin der Vorsorgenehmer im Stif-
tungsrat der Pensionskasse. «Diese Vielfalt gefällt mir», meint sie. «Da ich alles selber mache, habe ich Einblick in alle Bereiche und weiss in groben Zügen, was in den verschiedenen Abteilungen läuft.» Aufbruch in die Moderne Langweilig werde das nie, im Gegenteil! Ab und zu werde der Zeitdruck ziemlich gross. «Es gibt Deadlines, etwa bei der Abrechnung der Mehrwertsteuer oder bei der Jahresrechnung. Ich frage mich jedes Jahr wieder, wie ich das schaffen soll, aber ich habs ja bis jetzt immer geschafft», meint sie lachend. Sie freut sich, dass sie, nach der Pensenreduzierung von Nicole Roth, welche sie in den letzten Jahren im Rechnungswesen unterstützt hatte, nun wieder eine neue Mitarbeitende zur Seite gestellt bekommt. Da stehe dann auch eine Moder nisierung an. «Ich würde unser Buchhaltungssystem nicht gerade veraltet nennen, aber auf dem aktuellsten Stand sind wir nicht.» Geplant ist vor allem, dass Rechnungen eingescannt und elektronisch freigegeben werden können.
Natalie ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie nimmt sich Zeit für alle und alles, auch wenn sie diese oft gar nicht hat, verliert nie die Übersicht und hat eine unglaubliche Geduld. Hebt sie ganz selten mal ganz leicht die Stimme, muss etwas sehr Ernstes vorgefallen sein. Natalies Stärke ist ihre Ruhe und Souveränität in allen Lagen. Zahlen und Mitarbeitende der SPV sind bei ihr sehr gut aufgehoben. Paracontact I Sommer 2020
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