
Demokratie Seite 14

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Demokratie Seite 14

Vor meinem Geschichtsstudium habe ich in einer Genossenschaftsbeiz gearbeitet. Alle Entscheide wurden von den Mitarbeitenden im Kollektiv gefällt. Eine aufregende Zeit voller Ideale. Unvergesslich sind auch die Marathonsitzungen zu allen kleinen und grossen Belangen des Betriebs. Einmal ging es darum, wie man kalte Schoggi richtig anrührt. Es gab zwei Lager: Das eine wollte das Kakaopulver in wenig heissem Wasser auflösen, bis die Masse schön flüssig ist, und diese danach mit der kalten Milch vermengen. Das andere dagegen Pulver und kalte Milch direkt mischen. Es gab Argumente: erlesener Geschmack, perfekte Konsistenz. Oder Geschwindigkeit bei Stress. Solche Überlegungen verdienen eine gewisse Auseinandersetzung. Dass sich die Lager aber geschlagene zwei Stunden darüber stritten, war frustrierend.
Selbstverständlich ging es nicht um die Sache. Die beiden leidenschaftlichsten Debattierer rangen schon seit Monaten miteinander um die informelle Vormachtstellung im Kollektiv. Diese basisdemokratische Händelei ist ein Paradebeispiel dafür, was Demokratien einerseits ausmacht, sie andererseits aber zerstören kann. Dass alle sich beratschlagen können, ist ihr Herzstück, sagt Politikphilosoph Francis Cheneval auf Seite 16. Doch kann genau diese Möglichkeit missbraucht werden, um sich in die richtige Position zu bringen. Dabei wird oft die Gegenseite kleingemacht, die emotionalen Parolen können bis zu totaler Polarisierung führen. Die Gruppierung mit anderen Ansichten wird nur noch als Feind betrachtet, nicht mehr als Teil des mitbestimmenden Demos.
Das sind die traurigen Auswüchse. Demokratien können zum Glück auch anders funktionieren, etwa ähnlich wie typische Diskurse in den Geisteswissenschaften: Argument und Gegenargument werden beleuchtet. Am Schluss steht manchmal ein Konsens. Der so lange hält, bis jemand bessere Argumente einbringt und Konsens wieder neu ausgehandelt werden muss. So bleibt dieses Wissen dauerhaft in Bewegung. Genau so wie die Demokratie. Wer wissenschaftliche Auseinandersetzung hochhält, bleibt auch im demokratischen Prozess offen für stets neue inhaltliche Debatten. Und wehrt sich gegen Ambitionen Einzelner, durch diese Debatten die Macht an sich zu reissen.

4 Im Bild
Sensor schwebt in eisigen Höhen
6 Aus der Wissenschaftspolitik Rückzug einer aufsehenerregenden Studie, Umzug der Ig-Nobelpreisverleihung, Abzug bei der Freiheit
10 Aus der Forschung Holzreste können Gebäude tragen, Trainer etwas gegen Gewalt tun und Geburtstraumata erkannt werden
13 So funktioniert’s
Der Schiffscontainer ist jetzt smart
28 Reportage
Vom ekstatischen Tanz um tiefe Verbindung

32 Aussergewöhnliches Geschäft
Was Publizieren kostet und warum so viel: eine Bestandesaufnahme
36 Mit Mama Englisch, mit Papa Deutsch Wie Kinder kommunizieren, die mit mehreren Sprachen aufwachsen
38 Immer mehr Strom für Rechenzentren Das exponentielle Wachstum von KI wirkt sich auf die Umwelt aus
40 Wie die Leber, so das Zellhäufchen Organoide sind die grosse Hoffnung für neue Therapien
43 Zweidimensional genial Graphen verändert die Voraussetzungen für elektronische Bauteile
44 Keine Kohorte für PFAS
Die Schweizer Gesundheitsstudie ist abgesagt: Was das bedeutet
Fokus: Demokratie auf Probe
16 Interview über die Prinzipien «Wie wertvoll ist es, mitreden zu können, unabhängig vom Resultat?»
18 Beteiligung für das breite Volk Acht Ideen für fairere demokratische Entscheidungsfindung
22 Lücken beim Mitreden Frauen, Ausländer, Kinder: Wer nicht klar dazugehört
26 Wissen ist nicht Allheilmittel Warum technokratische Ambitionen die Demokratie bedrohen
Links: Wenn allein Technokraten die Zutaten bestimmen wollen, schwächelt das Rezept Demokratie. Titelseite: In WG wie Demokratie reden und entscheiden alle mit. Das ist kompliziert. Illustrationen: Simon Landrein
46 Porträt Laurence Toutous Trellu hat ein Gespür für Haut – und das Schöne

48 SNF und Akademien direkt
50 Rückmeldungen/ Impressum
51 Debatte Wissenschaft wird schneller und schneller: Wäre Einhalt geboten?
Mit seinen beiden zum Himmel ragenden Masten gleitet der Schoner ruhig zwischen den Eisschollen des Ikersuaq-Fjords an der Südwestspitze Grönlands dahin. Über der wilden arktischen Landschaft schwebt ein technisches Meisterwerk: Ein mit Helium gefüllter Ballon transportiert die MiniForschungsstation Avatar – durch einen Flügel stabilisiert und mit einem feinen Seil am Schiff befestigt. Der Konstrukteur Roman Pohorsky reichte beim SNF-Bilderwettbewerb 2026 ein Foto ein, das den Jungfernflug verewigt.
Im Sommer 2025 ging der Postdoktorand der EPFL an Bord des Segelschiffs Forel, das mit sechs Forschenden und sechs Besatzungsmitgliedern die Arktis durchquert. Akribisch bereitete er den ersten Test von Avatar vor: «Ich plante anderthalb Stunden für den Start ein, genügend Zeit, um allfällige Probleme zu lösen.» Eine verklemmte Seilwinde etwa oder ein abgerissener Platinenstecker. «Letztendlich hat es nur fünf Minuten gedauert», lacht der Atmosphärenwissenschaftler. Sein Prototyp funktioniert einwandfrei: Der Bordcomputer steuert über die Seilwinde die Flughöhe und die Messungen in der Probenkammer. «Wenn man auf Start drückt und den Versuch unterwegs nicht anpassen muss, läuft alles autonom, bis die Station wieder unten ist.» Der Forscher kann also getrost mit einer Drohne Fotos machen, während die Laser von Avatar Anzahl, Grösse und Zusammensetzung der Partikel in der Luft messen. Das Ziel der Mission: die Aerosole über Fjorden zu vergleichen. Denn diese begünstigen die Kondensation und damit die Bildung von Tröpfchen und schliesslich Wolken. «Es ist sehr wichtig, die Auswirkungen des schmelzenden Eises auf atmosphärische Phänomene bei den Polen zu antizipieren, da das Folgen für das globale Klima haben kann», erklärt Pohorsky. Sein System wird weiter dazu beitragen: Eine Einheit bricht im Juli 2026 an Bord der Tara Polar Station in die Arktis auf, während eine andere ab 2027 vom Forschungsschiff Polarstern aus die Antarktis überfliegen wird.


Aufgeschnappt

findet Laurel Raffington, Gruppenleiterin am Max-PlanckInstitut für Bildungsforschung, in der Zeitschrift Nature Human Behaviour im Januar 2026. Sie kritisiert darin die Erwartungen an die Einsatzbereitschaft in der Forschung: «Stress ist kein Spass. Er vermindert die kognitive Leistungsfähigkeit und die Kreativität.» Wer seinen Beruf liebe, müsse deswegen nicht zwölf Stunden am Tag arbeiten, ständig erreichbar und bereit sein, andauernd umzuziehen. ff

«Das ist Neuland», sagte Martyn Poliakoff, Chemieprofessor der Universität Nottingham, im Januar 2026 auf dem populären YoutubeKanal Periodic Videos. Der Grund seines Erstaunens war das Vorgehen des Fachmagazins Science, das im Juli 2025 einen Artikel zurückzog, der fünfzehn Jahre zuvor hohe Wellen geschlagen hatte. Der Artikel zeigt, dass gewisse Bakterien das lebenswichtige chemische Element Phosphor im Falle eines Mangels durch das giftige Arsen ersetzen können. Das war so unglaublich, dass der Artikel schliesslich erst zusammen mit acht Kommentaren und einer Replik der Originalautorinnen publiziert wurde. Er löste heftige Gegenreaktionen aus – darunter auch persönliche Angriffe auf die Forschenden.
Schlussfolgerungen aufgrund mangelhafter Daten gezogen wurden.» Die erwähnten Hinweise stammten aus Replikationsstudien. Die Verfassenden des Artikels protestierten: «Wir stehen zu den publizierten Daten. Sie wurden einem Peer-Review unterzogen, in der wissenschaftlichen Literatur debattiert und stimulierten produktive Forschung.»
«Wir stehen zu den publizierten Daten.»
Zum sehr späten Rückzug des Artikels kam es nicht, weil jemand einen Fehler gemacht oder gar betrogen hätte. Das Fachmagazin begründete den Schritt in einem Blog: «Wegen der Hinweise, dass die Resultate auf Kontaminierungen basieren, ist Science davon überzeugt, dass die zentralen

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Ariel Anbar, einer der Originalautoren und Chemiker der Arizona State University, räumte gegenüber Periodic Videos ein: «Der Artikel war etwas unscharf, was den PR-Abteilungen und den Medien – und auch gewissen Autoren – erlaubte, die Dinge weiter zu spinnen, als sie hätten gesponnen werden sollen.» Und er fügte an: «Die Debatte dreht sich eigentlich um die Interpretation – und die ist ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Prozesses.» Poliakoff, Aushängeschild von Periodic Videos, fragte sich, ob der Artikel stattdessen eher «eine Art Gesundheitswarnung» benötige. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Schlussfolgerungen richtig sind. ff
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Standpunkt
Das Komitee für den Ig-Nobelpreis erhält jedes Jahr 9000 bis 10 000 Nominationen. Einziges
Kriterium: Die Forschung soll zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken anregen. Kees Moeliker leitet das europäische Büro der «Annals of Improbable Research». Das satirische Magazin organisiert die jährliche Preisverleihung, die seit 1991 stets in den USA stattfand, dieses Mal aber am 3. September in Zürich.
Kees Moeliker, welcher Ig-Nobelpreis hat Sie besonders zum Lachen gebracht?
Forschende aus Italien und Afrika fanden 2024 heraus, dass die Lieblingsspeise bestimmter Eidechsen Pizza Quattro Formaggi ist. Vermutlich hatten sie eine gute Zeit in Togo am Strand und beobachteten die Tiere beim Verzehr der Essensreste. Ihre Erkenntnis ist lustig, regt aber auch dazu an, über die Anpassung von Tieren an die von Menschen geprägte Umgebung zu sinnieren.
Warum hat die Verleihung die USA verlassen?
Seit 35 Jahren reisen die Preisträger persönlich an. Letztes Jahr beschlossen vier Teams in letzter Minute, nicht zu kommen. Das war besorgniserregend. Und die Situation ist seither schlimmer geworden.
Hatten Sie selbst Bedenken, in die USA zu reisen?
Nein, aber ich möchte auch nicht. Die USA sind kein lustiges Land mehr. Menschen aus aller

Kees Moeliker hat für Forschung zur Nekrophilie bei männlichen Enten den Ig-Nobelpreis für Biologie erhalten.
Welt sollen bei der Ig-Nobelverleihung eine gute Zeit haben und sich keine Sorgen um Reisebeschränkungen und Grenzpolitik machen. Wir können sie nicht guten Gewissens in die USA einladen.
Ist der Umzug auch ein Statement?
Ja. Wir sind nicht damit einverstanden, wie die US-Regierung mit der Wissenschaft, den Forschenden und den Menschen generell umgeht.

Warum gerade in die Schweiz?
Wir haben ein grosses Netzwerk in Europa und um Hilfe gefragt. Unsere Schweizer Freunde vom ETH-Bereich boten sofort Hand.
War nur das entscheidend?
Die Welt steht in Flammen. Es fühlt sich sicher an, die Zeremonie in diesem schönen neutralen Land abzuhalten. Die Neutralität trägt zur guten Atmosphäre bei. Wir wollen sie übrigens ab jetzt jedes gerade Jahr in Zürich und jedes ungerade Jahr in einer anderen europäischen Stadt durchführen. Wir wissen nicht, wann wir in die USA zurückkehren.
Bei der Verleihung sind jeweils Nobelpreisträger anwesend. Wer ist besonders humorvoll?
Roy Glauber, der 2005 den Nobelpreis für Physik erhalten hat und vor ein paar Jahren verstorben ist. Seit den Anfängen wischte er die Papierflieger zusammen, die das Publikum traditionell auf die Preistragenden wirft. Selbst nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte, wischte er weiter. Darf ich Ihnen noch eine schöne Geschichte erzählen?
Natürlich.
Ihnen ist kaum bewusst, dass 2008 eine Eidgenössische Ethikkommission und die ganze Schweizer Bevölkerung den Friedens-Ig-Nobelpreis bekommen hat. Für den Entscheid, dass Pflanzen Würde besitzen. Sie sind also selbst eine Ig-Nobelpreisträgerin. jho
«Die Arktis ist ein zweischneidiges Schwert», fand Wissenschaftsdiplomat Paul Berkman im Auslandfunk Deutsche Welle, als Donald Trump Anfang Jahr seine territorialen Ansprüche auf Grönland immer lauter verkündete. «Sie ist potenziell eine Region globaler Konflikte und potenziell eine Quelle des Weltfriedens.» Rund um die nördlichen Polarregionen arbeiten Forschende aus aller Welt seit Jahrzehnten in Dutzenden Forschungsstationen zusammen, darunter auch die Grossmächte China, Russland und USA sowie Europa. «Wir fühlen uns ziemlich unwohl», sagte die kanadische Umweltarchäologin Maribeth Murray. Die Spannungen um Grönland hätten dazu geführt, dass Forschende zögern, weitere Projekte in der Region zu planen. Schliesslich mussten sie schon 2022 nach dem Angriff auf die Ukraine erleben, wie wichtige Kollaborationen mit Russland unterbrochen wurden. jho Nicht allein die Gletscher in der Polarregion sind bedroht. Foto: Ethan Welty
Tamás Deutsch, Europaabgeordneter und Angehöriger von Fidesz, der bis Mai 2026 regierenden rechtspopulistischen Partei Ungarns, forderte laut Online-Zeitung Science Business im Februar 2026 «die sofortige Einstellung von EU-Forschungsprogrammen, die weder zur technologischen Souveränität noch zur wissenschaftlichen Führungsrolle beitragen, Ressourcen vom technologischen Fortschritt abziehen und die Glaubwürdigkeit der Forschung in Europa untergraben». Er nannte auch konkrete Projekte wie etwa eines zum queer-feministischen Widerstand oder zu geschlechtsspezifischen Argumenten im Rechtsextremismus. Sein Antrag zum kommenden Mehrjahresbudget übt Druck aus. Förderer und Forschende könnten damit beginnen, thematische Stossrichtungen vorsorglich anzupassen, weil sie fürchten, sonst Attacken von rechts zu triggern. Das zumindest ist die Sorge von Jan Palmowski, dem General-
sekretär der Vereinigung forschungsintensiver europäischer Universitäten. «Wir sehen in den USA, wie schnell Einschüchterung und Änderungen in der Förderpolitik zu Verhaltensänderungen führen können», so Palmowski in Science Business. «Wir sollten uns vor den ersten Anzeichen davon in Europa hüten.» Gabi Lombardo, Direktorin der Europäischen Allianz für Sozial- und Geisteswissenschaften, pflichtet ihm bei.
Deutsch verkauft seine Forderung im Sinne der Bewahrung wissenschaftlicher Qualität. Diese Taktik ist kein Einzelfall. So warnte die Zeit zu Jahresbeginn, dass «Populisten die Schwächen des Wissenschaftsbetriebs gezielt ausschlachten». Es sei ein globales Muster, dass «Angreifer der Autonomie der Wissenschaft sich als Retter von Wissenschaftlichkeit und Wissenschaftsfreiheit tarnen». Das Risiko bleibt, dass sich die Forschenden mit Selbstzensur wappnen. jho
Beim Peer-Review kriselt es
«Wissenschaftliche Gemeinschaften müssen verstehen, dass sie Mitverantwortung für Peer-Review haben», schreiben drei Forschende der australischen Charles Sturt University im Februar 2026 im OnlineMagazin The Conversation. Das wichtige System müsse gerettet werden. In ihrer Umfrage bei Forschenden, die Herausgebende bei Fachzeitschriften sind und dort eingereichte Artikel betreuen, empfanden 55 Prozent die Organisation des Peer-Review als grosse bis sehr grosse Herausforderung. Manche mussten 30 Anfragen für zwei Reviews verschicken. Viele finden hingegen, es sei an den Verlagen, das System zu retten. So schreibt etwa Csaba Szabo, Pharmakologieprofessor an der Universität Freiburg, auf Linkedin, der Aufruf zur Beteiligung am Peer-Review sei «nicht hilfreich». Er meint sogar: «Ich bin nicht einmal sicher, ob es Peer-Review überhaupt braucht.» ff

Junge Meinung

«Regulierungen
Anne Gregor
Seltene Krankheiten sind für jede betroffene Familie sehr belastend. Obwohl sie selten sind, stellen sie als Gesamtes eine grosse Belastung für das Gesundheitssystem dar. Denn es gibt so viele verschiedene davon. Therapien sind in den meisten Fällen bisher rein symptomatisch oder höchstens unterstützend. In meiner Forschungsgruppe am Inselspital Bern testen wir nun Drug Repurposing. Dabei werden bereits für andere Krankheiten zugelassene Medikamente verwendet. Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass die Entwicklungskosten durch den Wegfall grosser Studien zur Unbedenklichkeit erheblich gesenkt werden. Damit ist es uns im Labor gelungen, eine neue therapeutische Option für eine Gruppe solcher seltener Krankheiten zu identifizieren. Es geht dabei um verschiedenartige kognitive Entwicklungsstörungen, die auf molekularer Ebene aber ähnliche Ursachen haben.
Doch auch für solche erfolgreich identifizierten potenziellen Medikamente bleibt der Weg bis zur klinischen Anwendung an Patienten und Patientinnen herausfordernd. Das Interesse der betroffenen Familien an einer möglichst raschen klinischen Erprobung ist gross, aber es gibt zahlreiche Hürden. Es ist gerade bei Krankheiten mit kognitiven Einschränkungen oft schwierig, einen Weg zu finden, die Wirkung eines Medikaments zu messen. Zudem gibt es bei Minderjährigen besonders hohe regulatorische Hürden. Wegen der sehr geringen Anzahl an Betroffenen braucht es alternative, dezentrale internationale Studiendesigns, für die teilweise Bewilligungen verschiedener Stellen in verschiedenen Ländern benötigt werden. Aufgrund häufig bereits abgelaufener Patente für die Medikamente ist zudem auch das Interesse der Pharmakonzerne an solchen Studien gering, und klassische Förderinstrumente im akademischen Setting decken diese Ansätze kaum ab. Somit bleibt häufig eine Finanzierungslücke für die anwendungsorientierte Forschung. Auf eine junge Forscherin können all diese Hindernisse zusammen erst mal einschüchternd wirken. Doch es ist auch besonders motivierend, tatsächlich neue Entwicklungen mitzubestimmen und so hoffentlich das Leben vieler betroffener Familien langfristig verbessern zu können.
Anne Gregor ist Postdoc an der Universitätsklinik für Humangenetik im Inselspital Bern.
Die Zahl
2,8 %
beträgt die Erfolgsrate für Geld aus dem neuesten Topf des European Innovation Council. Für die Ausschreibung Advanced Innovation Challenges wurden 708 Anträge eingereicht, Gesamtbetrag 130 Millionen Euro. Das Budget betrug nur 6 Millionen. Diese Zahlen entsprechen einem Trend. Bei Horizon Europe fiel 2025 mancherorts die Quote sogar unter 1 Prozent. Auch nationale Förderer erhalten immer mehr Gesuche. Folge: Ein Grossteil der für solche Anträge gebrauchten Kapazitäten sind verschwendet. jho
Der Begriff
Ein Energiespezialist warnt im Tages-Anzeiger vor einem «signifikant höheren Stromverbrauch» durch den KI-Boom. Gemeint ist: Die Rechenzentren werden erheblich mehr Energie benötigen. So verwenden die meisten Menschen im Alltag den Begriff signifikant. Ganz anders liest sich das in wissenschaftlichen Studien. Dort steht zum Beispiel: «Fluvoxamin führte zu einer signifikanten Reduktion der Fatigue.» Anders gesagt: Die Ergebnisse einer statistischen Erhebung zeigen: Das Medikament macht ziemlich sicher einen Unterschied.
Ob dieser Effekt im Alltag erkrankter Menschen hilfreich oder zumindest spürbar ist und damit im umgangssprachlichen Sinn signifikant, darüber sagt die statistische Signifikanz jedoch nichts aus. Zu Fluvoxamin steht im wissenschaftlichen Artikel später, der Effekt sei «von klinisch bedeutsamer Grösse». Diese Bedeutsamkeit müsse man im Auge behalten, schreibt ein leitender Arzt vom Hôpital du Jura anonym in Le Temps, denn: «Wenn Studienresultate mit Pfeifen und Trompeten angekündigt werden, ist in der Regel eine signifikante Dosis Vorsicht geboten.» ff
Holz ist trendy im Bauwesen. Als nachwachsender Rohstoff und als Kohlenstoffspeicher hat es ökologisch einen ungleich besseren Ruf als Beton oder Stahl. Doch paradoxerweise landet mit der zunehmenden industriellen Verarbeitung die Hälfte davon im Abfall. Die steigende Nachfrage erfordert ein besseres Management.
Ein Team der EPFL hat nun ein System entwickelt, mit dem sich mit Hilfe von Robotern tragende Konstruktionen aus Holzresten bauen lassen. Roboter brauchen aber Materialien mit konstanten Eigenschaften –das trifft auf Holzreste kaum zu. «Wir haben die Variabilität des Materials aber als Herausforderung betrachtet, nicht als Hindernis», erzählt Eleni Skevaki, Doktorandin der Forschungsgruppe für kreative Informatik. Ihr System ist darum eine Schnittstelle zwischen Mensch und Roboter.

Das Prinzip: Der Anwender legt die Holzabfälle auf einen Tisch. Eine Kamera analysiert jedes Stück in Echtzeit. Ein Projektor bildet den Plan der Konstruktion im Massstab 1:1 auf der Arbeitsfläche ab. Von Hand werden physische Marker platziert, um etwa das Einfügen oder Verschieben eines Elements einzuleiten. Der Mensch entscheidet, der Roboter führt aus. Ergebnis: Fast 80 Prozent der eingebrachten Reststücke wurden in die Struktur aufgenommen. Und das System entwickelt sich weiter. Visionen sind etwa die integrierte Berechnung der mechanischen Festigkeit und der Einsatz mehrerer Roboter für grössere Strukturen. «Im Bauwesen wird oft im Team gearbeitet. Das System kann von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden», so Skevaki. Nächster Schritt: der Bau eines kleinen Pavillons. Sophie Roulin
Construction Robotics (2026)


Schlaf birgt noch viele Geheimnisse. Nun hat ein internationales Team nachgewiesen, dass ein zentraler Schlafrhythmus deutlich älter ist als bisher angenommen. Die Forschenden zeichneten Gehirnaktivitäten von Menschen, Ratten, Tauben und Echsenarten wie Geckos, Leguane oder Pantherchamäleone auf. Bei allen fanden sie Phasen, in denen die Aktivität in extrem langsamen Zyklen oszillierte.
Die Intervalle dieser Infraslow-Rhythmen haben eine Länge von ungefähr fünfzig Sekunden bis zwei Minuten. Sie sind eng gekoppelt an Körperfunktionen wie Augenbewegungen, Muskeltonus, Herzschlag oder Atmung. Besonders eindrücklich zeigt sich dieser Zusammenhang bei Chamäleons: Synchron mit den Gehirnoszillationen verändert sich die Helligkeit der Haut dieser Tiere während des Schlafs. «Wir vermuten, dass die Schlafzyklen
den Sauerstoffgehalt in den Blutgefässen der Chamäleonhaut schwanken lassen», sagt der Schlafforscher Markus Schmidt vom Inselspital Bern, der an der Studie beteiligt war. «Je nach Sauerstoffgehalt reflektieren spezialisierte Hautzellen, die Chromatophoren, das Licht unterschiedlich.»
Die Infraslow-Rhythmen treten in der mit wenig Hirnaktivität verbundenen Non-REMSchlafphase auf. Ihre Funktion ist nicht geklärt. Eine Hypothese ist, dass die kurzen aktiven Phasen Tieren dabei helfen, nicht im Schlaf von Feinden überrascht zu werden. «In diesen ist der Schlaf weniger tief – so kann ein Tier seine Umwelt vielleicht besser wahrnehmen», so Schmidt. Simon Koechlin
A. Bergel et al.: Sleep-dependent infraslow rhythms are evolutionarily conserved across reptiles and mammals. Nature Neuroscience (2025)
In sechs Jahren gab es 103 Fälle mit multiresistenten Citrobacter freundii in den Genfer Unispitälern. Eine Erbgutanalyse deckte die Übertragungswege des Bakteriums auf. Es wird nicht immer neu ins Spital eingeschleppt, sondern ist dort eingenistet, vielleicht im Abwassersystem. Bedenklich, denn es transferiert Resistenzen oft direkt an andere Bakterien. Fazit des Infektiologen Stephan Harbarth: Es braucht beim Spitalaufenthalt häufigeres Screening auf resistente Keime. yv
P. Fonton et al.: Epidemiological and Molecular Surveillance of Multiresistant Citrobacter freundii Complex in a Tertiary Care Hospital: A Retrospective Cohort Study. The Journal of Infectious Diseases (2026)
In den letzten Jahren sind zahlreiche Fälle von Gewalt im Schweizer Sport bekannt geworden. Es wäre an den Coaches, das gewalttätige Verhalten zu bemerken und zu melden. Allerdings erkennen sie dieses oft nicht, wie eine Studie der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen herausfand. Die fast 150 befragten Coaches sollten dafür Beschreibungen von Szenarien als gewalttätig oder harmlos einordnen, die teilweise auf realen Vorfällen beruhten. In 30 Prozent der Fälle wurde dabei Gewalt nicht erkannt.
Besonders häufig übersehen: Vernachlässigung − eine Form von Gewalt, die sich zum Beispiel darin äussert, dass keine Rücksicht auf Verletzungen genommen wird. Erstautorin Laurie Schwab sieht das Problem im System: «Weil das Gewinnen oft im Vordergrund steht, gelten im Sport gewisse problematische Verhaltensweisen als normal.»
Wichtige erste Schritte seien zwar gemacht, doch bis zu einem echten kulturellen Wandel sei der Weg noch weit. yv
L. Schwab et al.: Exploring Coaches’ Responses to Interpersonal Violence in Sport: Recognition, Severity Perception, and Likelihood of Reporting. Journal of Interpersonal Violence (2026)
Blickfang

Der Erdmantel könnte Hinweise auf die Entstehung unseres Planeten geben – falls die ursprünglichen Strukturen erhalten sind. Allerdings wird der Mantel durch Recycling der Erd kruste dauernd durchmischt. Forschende der Universität Bern simulierten diese Prozesse, im Bild etwa die Temperaturverhältnisse heute, nach 4,5 Milliarden Jahren Bewegung. Resultat der Studie: Das alte Gestein bleibt trotz der Bewegungen durch Plattentektonik teilweise erhalten. yv

M. Desiderio et al.: Primordial-material preservation and Earth lower mantle structure: the influence of recycled oceanic crust. Solid Earth (2026)
Das Darmmikrobiom von äthiopischen Kindern, die in der Grossstadt aufwachsen, gleicht jenem von europäischen Kindern. Dies zeigte eine Studie der Universität Zürich. Vermutlich prägt der eher westliche Lebensstil der Stadtkinder die Darmbesiedlung. Zum Beispiel hatte es Bakterien, die einfache Zucker verwerten oder Resistenzgene gegenüber Antibiotika tragen. Anders bei äthiopischen Kinder vom Land: Ihr Darm war mehrheitlich von Keimen besiedelt, die pflanzliche und ballaststoffreiche Nahrung verwerten.
«Das Angebot an Süssigkeiten ist in äthiopischen Städten immens gewachsen.»
«Das Angebot an Süssigkeiten und zuckerhaltigen Getränken ist in äthiopischen Städten immens gewachsen», sagt Anne Müller. Die Mikrobiologin und ihr Team untersuchten für
die Studie über 200 Stuhlproben von Kindern aus Adama, der zweitgrössten Stadt Äthiopiens. Das Ergebnis verglichen sie mit Daten von Kindern aus Italien und dem ländlichen Äthiopien. Diese Proben stammten aus einem Dorf, das nur rund 60 Kilometer von Adama entfernt liegt. «Dass sich das Mikrobiom dennoch so stark unterscheidet, hat uns überrascht», sagt Müller. Das Darmmikrobiom ist wichtig für unsere Gesundheit. Es unterstützt die Verdauung, beeinflusst den Stoffwechsel, trainiert das Immunsystem und schützt vor Infektionen. Je diverser die Besiedlung, desto ausgeprägter scheinen die günstigen Effekte zu sein. Kinder aus dem ländlichen Äthiopien hatten ein vielfältigeres Mikrobiom als die Stadtkinder. Ob
sie tatsächlich auch weniger krank waren, wurde in der Studie nicht untersucht.
Zur vielfältigen Darmbesiedlung beizutragen schien das Getreide Teff, das fermentiert zum Backen des traditionellen Fladenbrots verwendet wird. Kinder aus dem ländlichen Äthiopien konsumierten mehr Teff als jene aus der Stadt. Aber auch bei Stadtkindern, die Teff assen, war der positive Effekt messbar. «Wir gehen davon aus, dass die fermentierenden Keime mit dem Brot in den Darm gelangen», sagt Müller. Das Mikrobiom von Teff-konsumierenden Kindern enthielt auch viele bisher unbeschriebene Bakterien. Ob genau diese zum gesunden Mikrobiom beitragen, will Müller noch erforschen. Moana Mika

Besonders nach schneearmen Wintern speist alpines Grundwasser die Flüsse, von denen die Wasserversorgung von Millionen abhängt. «Was unterirdisch passiert, ist aber ein grosses Fragezeichen», sagt Geophysiker Landon Halloran von der Universität Neuenburg. Direkte Grundwassermessungen durch Bohrungen seien in den Bergen aufwändig. Mit seiner Methode geht das nun einfacher und engmaschiger: Ein tragbares Gravimeter misst die Schwerkraft, die bei mehr Wasser im Boden leicht zunimmt. Damit kann er Pegeländerungen auf weniger als zehn Zentimeter messen –genug, um Schwankungen zu verfolgen. yv
L.J.S. Halloran et al.: Hydrogravimetry Enables Quantification of Alpine Groundwater Dynamics. Geophysical Research Letters (2026)
In der Haut sitzen Hunderttausende von Tastrezeptoren, deren Signale das Gehirn blitzschnell verarbeitet. Dieses System mit konventioneller Elektronik nachzubauen, würde aufwändige Verdrahtungen und riesige Rechenleistung benötigen – deswegen können Roboter bislang zwar hören und sehen, aber nicht tasten. Ein Forschungsteam mit Beteiligung von ETH und Universität Zürich hat nun einen neuen Ansatz entwickelt: Sensoren in einer weichen Silikonhaut registrieren Berührungen, kombiniert mit einem Chip, der Signale in Echtzeit verarbeitet. Da die Schaltkreise im Chip biologische Neuronen nachbilden, passiert das schnell und energieeffizient. Mit diesem Tastsinn könnten Roboter besser mit ihrer Umgebung interagieren oder zum Beispiel querschnittgelähmte Menschen via Neuroprothesen Druck fühlen. yv
A. Ortone et al.: Bioinspired spiking architecture enables energy constrained touch encoding. Nature Communications (2026)
«Intrusive Erinnerungen nach einer traumatischen Geburt sind vielfältig und betreffen oft mehrere Sinne», erklärt die Psychologin Déborah Fort, die demnächst ihre Dissertation darüber an der Universität Lausanne abschliessen wird. Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) durch die Entbindung sind unzureichend dokumentiert. Die Forscherin analysierte fast 300 wiederkehrende Erinnerungen wie quälende Bilder, Empfindungen oder Emotionen, die 44 Frauen nach einer traumatischen Geburt während 14 Tagen aufgezeichnet haben.
Dabei konnte sie sechs Kategorien identifizieren, die aufdringliche Erinnerungen und Flashbacks auslösten: der eigentliche physische Prozess der Geburt, insbesondere die Wehen oder andere Schmerzen, medizinische Eingriffe, Angst, Wut oder andere negative Emotionen, die Wahrnehmung von Komplikationen, belastende Interaktionen und die physische Umgebung wie der Operationssaal oder der Aufwachraum. «Diese Kategorien könnten in der psychologischen Beratung als Anhaltspunkte dienen, um Mütter in psychischer Not schneller erkennen und unterstützen zu können», hofft Fort. Für Antje Horsch,
Professorin für Forschung in der Pflege an der Universität Lausanne, geht es dabei um ein relevantes Thema der öffentlichen Gesundheit. Sie arbeitet zudem in der Abteilung für Frauen, Mütter und Kinder am Universitätsspital Lausanne und verweist auf internationale Schätzungen, wonach «ein Drittel der Frauen die Geburt als traumatisch erlebt – unabhängig von Land, Kultur und Gesundheitssystem». Es sei zudem wichtig, die «subjektive Erfahrung in den Mittelpunkt zu rücken», weil eine Geburt auch dann als traumatisch empfunden werden kann, wenn es keine medizinischen Komplikationen gab. Zwölf Prozent der Frauen entwickeln nach einer Geburt eine PTBS, deren Symptome ähnlich seien wie bei Menschen mit anderen Traumata, ausgelöst etwa durch Gewalt oder Krieg, so Horsch. «Das Leiden wird in all diesen Fällen durch den Eindruck verstärkt, dass sich die Erinnerungen hier und jetzt abspielen», schliesst Fort. Diane Zinsel
D. Fort et al.: A mixed-methods study of childbirthrelated intrusive memories and their relationship with posttraumatic stress symptoms. Journal of Reproductive and Infant Psychology (2026)

Schon Aristoteles vermutete: Der Mensch hat eine Abscheu vor leeren Flächen − was sich auch in der Kunst zeigt. Ein gutes Beispiel dafür sind diese venezianischen Keramikscher ben aus dem 15. und 16. Jahrhundert, so Ariane Milicev von der Universität Bern. Es gibt darauf kein freies Plätzchen, mögliche Lücken sind gefüllt mit Verzierungen wie Blättern, Schraffuren und Punkten. Die Kunsthistorikerin untersucht die dafür eingesetzten Techniken. Vermutlich sind die Scherben Überreste von Schalen, deren Verwendungszweck derzeit noch ein Rätsel darstellt. yv


So funktioniert’s
Rund 80 Prozent aller Güter weltweit werden in Containern transportiert. Ein Spin -off der EPFL verfrachtet jetzt smarte Varianten und will damit Umwelt und Portemonnaie schonen.
1 – 60 Jahre alter Standard Rund 40 Millionen Stück der klassischen Stahlcontainer sind weltweit im Einsatz (rot). Seit 60 Jahren sind sie kaum weiterentwickelt worden. Sperrige, empfindliche und wertvolle Güter haben höhere Anforderungen an Platz, Polsterung und vor allem Temperatur. Ausserdem erschwert die komplexe Lieferkette mit vielen verschiedenen Akteuren die Nachverfolgbarkeit. Diese Faktoren führen zu Verlusten, Ineffizienz und unnötigen Emissionen.
2 – Leichtere Materialien und integrierte Sensoren Das Spin-off Aeler ersetzt Stahl durch faserverstärkte und recycelte Kunststoffe in einer Sandwichplattenkonstruktion. Diese sind stabiler und isolieren besser – oft so gut, dass zusätzliche Kühlung oder zusätzliche Polsterung wegfallen. Gleichzeitig wird der neuartige Container (blau) so selbst zum Messinstrument: integrierte Sensoren erfassen jederzeit Temperatur, Feuchtigkeit, Erschütterung und Standort.
3 – Jederzeit den Überblick haben Alle Daten werden ins Kontrollzentrum geschickt: Transporteurinnen können so ihre Lieferungen in Echtzeit verfolgen und behalten jederzeit den Überblick über Standort und Zustand der Ware. Das Spin-off vermietet die Container für definierte Handelsrouten und kombiniert sie mit den digitalen Dienstleistungen. Künftig soll die Plattform auch KIgestützte Prognosen ermöglichen, etwa zu Ankunftszeit oder Zustand der Fracht.
4 – Gut für Konto und Umwelt Durch die Kombination aus Material und Daten verspricht sich das Spinoff konkrete Vorteile: bis zu vier Tonnen mehr Nutzlast pro Container, rund 15 Prozent tiefere Transportkosten und über 20 Prozent weniger CO₂-Emissionen.
Ideal, das aber vielfältig praktiziert wird. Was ihr eigentlicher
Wie die WG, so die Demokratie Ämtliplan oder Bürgerpflichten, Haushaltskasse oder Staatsbudget, Sitzungen am Küchentisch oder Sessionen in Räten: In Wohngemeinschaften wie in Demokratien müssen die Bedingungen fürs Zusammenleben immer wieder angepasst oder sogar neu ausgehandelt werden. Dabei gibt es leidenschaftliche Organisierende, stille Helfende, scheinbar Unbeteiligte, solche, die einfach anpacken, solche, die aussen vor bleiben, und solche, die überall ihr Wissen einbringen wollen. Illustrator Simon Landrein hat Szenen gemeinschaftlichen Wohnens mit demokratischen Gundsatzfragen untermalt. Illustrationen: Simon Landrein

«Arrogant
Wie wertvoll ist Mitbestimmung – auch wenn einem das Resultat danach nicht passt? Mit solchen fundamentalen Fragen geht Politikphilosoph
Francis Cheneval dem Wesen der Herrschaft des Volkes auf den Grund.
Text Judith Hochstrasser Foto Christian Grund
Francis Cheneval, während des WEF in Davos Anfang 2026 wurde die leuchtende Botschaft «No Kings» installiert. Ein Statement für Demokratie?
Nicht grundsätzlich. Ich würde Kings und Queens nicht als absoluten Gegensatz zu Demokratie sehen, solange es wie in den konstitutionellen Monarchien Europas ein Parlament gibt und Wahlen. Es ging um Donald Trump, der sich aufführt wie ein absolutistischer König. Allerdings ist sein Amt mit sehr viel mehr Macht ausgestattet als dasjenige einer konstitutionellen Monarchin.
Laut Historischem Lexikon der Schweiz wurzelt Demokratie auch in alpinen Gemeinden des ausgehenden Mittelalters. Da sehe ich einen Bogen.
In der Schweiz und den USA wurden Demokratiebestrebungen auch als Unabhängigkeitsbewegungen gegen Könige oder Landvögte gesehen. Demokratie ist bei uns im Kommunalismus verwurzelt. Auch in den USA wurde versucht, an Traditionen anzuknüpfen. Bei den Irokesen etwa gab es Mitbestimmung und Föderalismus.
Demokratie ist die Referenz, mit der wir in Westeuropa andere Regierungssysteme vergleichen. Ist das nicht arrogant? Arrogant ist, zu meinen, Mitreden und Mitbestimmen würden nur bei uns geschätzt. Nelson Mandela beschreibt in seiner Autobiografie etwa die Entscheidungsprozesse bei den Thembu. Er sagt: Wir hatten Demokratie. Die Männer konnten sich stundenlang beratschlagen, man hörte auf alle. Demokratie ist nicht in Athen erfunden worden. Nur ihr Name. Nun kann man sich fragen, wie weit sie gehen soll.
Wie meinen Sie das?
Alle eingefleischten Demokraten wären wohl nicht einverstanden, wenn es Abstimmungen darüber gäbe, wen sie persönlich heiraten sollen. Privatsphäre liegt nicht in der Kompetenz

demokratischer Entscheidungen. Aber für viele Bereiche ist das Gefühl stark, dass es besser ist, wenn alle mitbestimmen.
Warum eigentlich?
Ein Gedankenexperiment: Sie wandern jeden Samstag mit demselben Verein. Wohin es geht, entscheidet immer das Präsidium. Jedes Mal finden alle super, was da wieder über sie entschieden worden ist. Die Alternative wäre, dass die Gruppe jede Woche demokratische Entscheidungen darüber fällt, wohin sie wandert. Manchmal passt Ihnen der Entscheid gar nicht. Welches System würden Sie vorziehen? Wie wertvoll ist es, dass Sie mitreden konnten, unabhängig vom Resultat?
Können Sie das auf eine politische Situation anwenden?
Im jährlichen Entwicklungsbericht der Uno schwingen die demokratisch regierten Länder obenaus: beim Zugang zu Bildung, bei der niedrigen Kindersterblichkeit, beim Einkommen. Demokratie ist also instrumentell wertvoll, ihre Resultate sind über die Zeit hinweg am besten, jedenfalls in Bezug auf diese Kriterien. Aber was wäre, wenn mit anderen Regierungsformen diese Kriterien besser erfüllt würden? Das könnte eine aufgeklärte Diktatur sein oder eine künstliche Intelligenz. Wir müssten sie vorziehen, wenn es uns nur um Resultate ginge. Wir müssten sie aber ablehnen, wenn wir es an sich wertvoll finden, dass wir mitbestimmen können.
Gibt es faire politische Entscheidungsfindung ausserhalb von Demokratien?
Wenn man Fairness als Beteiligungsberechtigung aller definiert, eher nicht. Wenn man Fairness wiederum über Resultate definiert, wäre es möglich, dass aufgeklärte Despoten unter Umständen fairer sind als gewisse Volksentscheide. Der aufgeklärte Despotismus ist aber eine sehr theoretische Annahme. Eine unabhängig regierende Gruppe von Menschen mit Wissensvorsprung und Macht wird diese über
Seine Gedanken sind frei
Francis Cheneval (63) hält den Lehrstuhl für politische Philosophie an der Universität Zürich inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind etwa Demokratietheorien und die Geschichte des politischen Denkens. Dabei beschäftigt er sich auch mit alternativen Organisationsformen wie Anarchie oder Kreislaufwirtschaft.
kurz oder lang missbrauchen. Rechenschaftspflicht ist ein zentrales Element guter Regierung. Sie ist instrumentell nützlich und an und für sich wertvoll als Ausdruck von Respekt.
Welche Alternativen gibt es noch?
Ich glaube nicht, dass wir die perfekte Form von Demokratie schon gefunden haben. Innovative Formen finde ich daher sehr spannend. Der dezentrale Konsens in der digitalen Welt gehört dazu. Dort gibt es die Decentralized Autonomous Organisations, kurz DAO, innerhalb derer der Konsensmechanismus vom Algorithmus bestimmt wird. Sie treffen Entscheidungen über den Code, das Konsensverfahren und die Verwaltung der Finanzmittel wie etwa Investitionen oder Spenden. Kryptogemeinschaften wie Ethereum und Bitcoin funktionieren damit. Die Blockchaintechnologie basiert allgemein auf dieser Idee. Wenn man allerdings genau hinschaut, welche TokenBesitzer wie viel Stimmgewicht haben, ist es manchmal doch nicht so dezentralisiert.
Kann so ein System überhaupt auf einen Staat übertragen werden?
Vielleicht, wenn wirklich alle gleichermassen Zugang zu den Technologien haben. Sonst gibt es die digitale Spaltung. Das war schon beim EVoting das Problem. Aber Digitalisierung hat ein enormes Entwicklungspotenzial für Demokratie. In der Schweiz meinen wir ja, wir hätten mit den direkten Volksabstimmungen den Zenit erreicht, aber das glaube ich nicht. Kennen Sie die Theorie der Liquid Democracy?
Nein. Erzählen Sie.
Die Idee: Man hat für einen bestimmten Bereich kein Parlament und keine Volksabstimmungen mehr, sondern jeder von uns hat bei jedem Entscheid eine Stimme. Diese kann man selber verwenden oder delegieren. Die Delegation kann man wieder zurücknehmen. Die Person, an die man sie delegiert, kann sie auch wieder weitergeben. Das System kann aber zu Machtkonzentrationen führen, über die man die Kontrolle verliert. Trotzdem ist es spannend, darüber nachzudenken. Ich erwarte nicht, dass wir die Demokratie neu erfinden werden. Aber ergänzen werden wir sie über kurz oder lang.
Welche Definition von Demokratie ergibt für Sie heute Sinn?
Demokratie ist ein beteiligungszentriertes Entscheidungsverfahren, bei dem sich alle an Beratschlagung und Entscheidung in einer signifikanten Art beteiligen können. Das ist eine
sehr allgemeine Definition, mit der ein Kaninchenzüchterverein wie auch ein Staat demokratisch sein können. Wenn ich Demokratie von der Wortbedeutung her anschaue, dann braucht es einen Demos. Es ist aber nicht so klar, was das Volk eigentlich ist und wer dazugehört. Keine einzelne Institution repräsentiert es vollständig.
Zur Frage des Volkes: Üblicherweise wird die Schweiz seit 1848 als liberale Demokratie bezeichnet. Dabei waren Frauen bis 1971 nicht beteiligt. Das stimmt. Um sich an Beratung und Entscheidung beteiligen zu können, muss man Gründe verstehen und formulieren können. Der generelle Ausschluss der Frauen ist also haltlos. Die Schweiz hatte zwar die demokratischen Verfahren und die Gewaltenteilung, also die institutionellen Instrumente, die zu einer Demokratie gehören. Aber der Demos war viel zu exklusiv und klar diskriminierend definiert. Wir hatten seit 1848 eine Demokratiebaustelle.
Warum kam es doch noch zur Integration von Frauen?
In der Verfassung sind Ideale festgeschrieben oder unterstellt, die längerfristig dazu führen, dass man das System in ihre Richtung reformiert. Jürgen Habermas spricht vom normativen Überschuss. Man hat in der Schweiz erst 1971 anerkannt, was es eigentlich heisst, dass alle mitstimmen dürfen. Ähnliches gilt für die USamerikanische Verfassung. Sie wurde eingeführt, und gleichzeitig gab es noch Sklaverei. Wenn man die Grundideen der Verfassung konsequent ausbuchstabiert, müssen Sklaverei und Segregation abgeschafft werden.
Viele sprechen aktuell von der Krise der Demokratien. Kann die Situation auch eine Chance sein?
Demokratien haben immer fluktuiert. Ich bin optimistisch. Die Tatsache, dass neue Parteien entstehen, ist eher ein Zeichen dafür, dass die Demokratien funktionieren. Diese Parteien dürfen aber nicht die Institutionen abschaffen, die ermöglichen, dass sie wieder frei abgewählt werden können. So weit sind wir vielerorts noch nicht. Auch wenn es manche immer wieder versuchen. Ich sehe bei den technologischen Entwicklungen die grössten Chancen und Gefahren. Sie sind langfristig viel wichtiger als einzelne Personen oder Parteien.
Judith Hochstrasser ist Co-Redaktiosleiterin von Horizonte.
Wenn KI politisch denkt, Quartierbewohnerinnen das Budget nach ihren Vorstellungen verwenden oder die Parlamentssitze neu verteilt werden. Aus der Urne demokratischer Prozesse werden immer wieder neue Vorschläge gezogen. Eine Auswahl.
Text Ümit Yoker Illustrationen Claudio Näf
1 – Bürgerpanels erarbeiten Argumente für die Abstimmungsunterlagen
Forschungsschwerpunkt für Demokratische Innovationen (Pidem) der Universitäten Genf und Zürich und des Zentrums für Demokratie Aarau

Modelle, bei denen Bürgerinnen und Bürger sich beratschlagen und der Politik oder dem Volk Vorschläge unterbreiten, sind en vogue. In Demokratien werden diese deliberativen und partizipativen Formen, wie sie genannt werden, aktuell in ihren verschiedensten Formen ausprobiert. So hat etwa der Genfer Politologe Nenad Stojanović 2019 mit dem Projekt Demoscan in einem Pilotversuch in Sitten ein erstes Schweizer Bürgerpanel ins Leben gerufen. Zwanzig zufällig ausgewählte Personen kamen an zwei Wochenenden zusammen. Sie diskutierten dort ihre wichtigsten Argumente für und gegen die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» und hielten sie in einem Bürgerinnenbrief fest. Dieser wurde dann den offiziellen Abstimmungsunterlagen beigelegt. Die inzwischen in Pidem umgetaufte Initiative hat solche freiwilligen Mini-Publiken inzwischen schon in vielen weiteren Gemeinden wie etwa in Prilly, Thalwil, Bellinzona und Genf ausprobiert. Der mediale Nachhhall liest sich ambivalent: Die Teilnehmenden finden das Mitmachen zwar jeweils toll, ob und wie sich ihre Empfehlungen auf die Abstimmungen auswirken, ist jedoch fraglich.
«Triage against the Machine» von Francesco Veri, Universität Zürich
In der demokratischen Entscheidungsfindung nach sogenannt deliberativen Grundsätzen erarbeiten Menschen Lösungen, die für alle tragfähig sind. «Gerade in der Gruppe sind wir in der Regel gut darin, dies zielführend zu tun», erklärt Politikwissenschaftler Fancesco Veri. Beim vernünftigen Beratschlagen müssten die Argumente einer Person schlüssig mit den bevorzugten politischen Massnahmen zusammenhängen, so Veri. «Ich muss nachvollziehen können, warum andere anders denken – ohne dabei meine eigene Haltung aus dem Blick zu verlieren.» Er wollte deshalb untersuchen, ob maschinell generiertes Denken von Chatbots mit dem menschlichen, perspektivenbewussten
Abwägen in der Gruppe vergleichbar ist. Gemeinsam mit Simon Niemeyer aus Canberra hat er dafür den Deliberative Reasoning Index entwickelt. Dieser misst, ob sich in der kollektiven Beratung ein gemeinsames Verständnis für ein Thema entwickelt. Die Forschenden haben einen entsprechenden Fragebogen von menschlichen Teilnehmenden vor und nach Bürgerinnenversammlungen ausfüllen lassen. Danach wurden unterschiedlichen Sprachmodellen jeweils das Thema und dieselben Fragen vorgelegt. Es zeigte sich: Während Meinungen, Werte und präferierte Massnahmen beim Menschen klar verknüpft sind, sind die Entscheidungsprozesse der KI-Systeme nicht unbedingt kohärent. In einem zweiten Experiment liess Veri die Chatbots in die Rolle einer militanten Ökologin oder eines vom Klimawandel geschädigten Landwirts schlüpfen. Zwar seien Maschinen fähig, dazu passende Argumente zu generieren, so der Forscher. Doch scheiterten sie daran, über mehrere Befragungen hinweg eine Haltung zu wahren und politische Massnahmen entsprechend zu priorisieren. «Von einer stabilen und konsistenten Argumentationsstruktur kann keine Rede sein.» Der Politikwissenschaftler warnt darum davor, KI-Systeme etwa als Ersatz für nicht repräsentierte Bevölkerungsgruppen im Parlament einzusetzen. «Wir sollten sie nicht als politische Entscheidungsträger behandeln.»

Partizipatives Budget in Lausanne von Daniel Kübler und Marine Benli-Trichet, Zentrum für Demokratie Aarau
Als erste Schweizer Stadt hat Lausanne 2019 ein partizipatives Budget eingeführt. Zunächst als Pilotprojekt auf drei Jahre ausgelegt, stellte sie jährlich 100 000 bis 175 000 Franken für Projekte zur Quartierbelebung zur Verfügung. Beim sogenannten Bürgerhaushalt können alle Stadtbewohnenden unabhängig von Nationalität und Alter Vorschläge unterbreiten, wie das Geld eingesetzt wird. Die Stadtverwaltung prüft Zuständigkeit und Machbarkeit und bringt die Vorschläge zur Abstimmung. Die Projekte werden nach ihrer Stimmenzahl aufgelistet und der Reihe nach finanziert, bis die Summe aufgebraucht ist. Pro Vorschlag können maximal 20 000 Franken gesprochen werden. «Ein zentrales Anliegen der Stadt war, jene Menschen besser zu erreichen, die sich normalerweise nicht an politischen Prozessen beteili-

gen», erklärt Daniel Kübler vom Zentrum für Demokratie Aarau, das mit der Evaluation der Pilotphase betraut war. Lausanne war sich bewusst, dass es dazu begleitende Massnahmen brauchte. Sogenannte Ateliers helfen Interessierten ohne Erfahrung deshalb, Ideen erfolgversprechend zu formulieren und gut ausgearbeitete Projektvorschläge einzureichen. «Sonst sind einmal mehr in erster Linie jene angesprochen, die sowieso politisch aktiv und mit demokratischen Prozessen vertraut sind.» Das sei denn auch die Haupterkenntnis, so Kübler, der das Projekt zusammen mit Wissenschaftlerin Marine Benli-Trichet evaluiert hat: «Man muss die Menschen zur politischen Partizipation einladen und befähigen, statt darauf zu warten, dass sie von selbst kommen.»
Dem Bürgerinnenhaushalt sei man hierzulande lange ablehnend gegenübergestanden. Es gebe doch schon genug direktdemokratische Instrumente, so die Haltung. «Es reicht aber nicht, einfach neue Beteiligungskanäle zu schaffen.» Zudem brauche es Zeit, neue Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren und einzubinden. Lausanne scheint da auf gutem Weg: Das Projekt geht bald ins achte Jahr – für jedes Budget werden jeweils zwischen 20 und 30 Vorschläge eingereicht.
Ostbelgien-Modell mit Cecilia Baglietto, Université catholique de Louvain, Belgien
Als erstes Land der Welt hat Belgien 2019 einen permanenten Bürgerinnendialog eingerichtet, das sogenannte Ostbelgien-Modell. Es besteht aus einem Rat und einer Versammlung aus Bürgerinnen und Bürgern. Die Versammlung setzt sich aus zufällig ausgewählten, aber diversen 25 bis 50 Personen zusammen. Sie beratschlagt sich einmal im Jahr an mehreren Samstagen über ein Thema und arbeitet Empfehlungen an das Parlament aus, welches verpflichtet ist, diese zu prüfen. Teilnehmende der Versammlung werden nach Abschluss angefragt, ob sie Mitglied im Rat werden möchten. Dieser hat 24 Mitglieder, die sich für ein dreijähriges Mandat verpflichten. Der Rat beruft die Versammlung ein und bestimmt, über welche Fragen diskutiert wird. Themen dafür eingeben darf nicht nur der Rat selbst, sondern auch das Parlamentspräsidium und die gesamte ostbelgische Bevölkerung: Einmal im Jahr wird diese dazu aufgerufen, Vorschläge einzureichen. Der Rat überprüft zudem die Umsetzung der von der Versammlung ausgearbeiteten Empfehlungen. Das Parlament darf diese aber auch begründet ablehnen. Zurückweisungen seien aber sehr selten, sagt
Cecilia Baglietto von der Université catholique de Louvain. Die Hochschule begleitet das Modell seit seiner Einführung. Die Schwierigkeit liege eher darin, dass die Empfehlungen manchmal sehr offen formuliert seien, so die Forscherin. «Das lässt dem Parlament viel Spielraum bei Interpretation und Umsetzung.» Deswegen würde sich der Rat inzwischen regelmässiger und in kleineren Gruppen mit Politikerinnen und Politikern darüber austauschen, was der Kern der Anliegen ist.
Die grösste Herausforderung sei aber die längerfristige Verbindlichkeit. Besonders der Rat verlange grosses Engagement. Für Personen mit wenig freier Zeit oder sich häufig ändernden Lebensumständen sei es schwierig, immer präsent zu sein. Gleichzeitig sei die Kontinuität des Modells seine grosse Stärke, so Baglietto. Der dauerhafte Charakter trage dazu bei, dass tatsächlich eine Beziehung zwischen den Mitgliedern des Rats und jenen des Parlaments entstehe.
«Youth Online Participation» von Monika Waldis Weber, FHNW mit Supsi und HETS-FR

«Wir wissen noch wenig darüber, wie sich Jugendliche im Netz mit politischen Inhalten auseinandersetzen», sagt Monika Waldis Weber, die ein Projekt dazu leitet. Wie entscheiden sie, was glaubwürdig ist? Wo laufen sie Gefahr, sich zu verrennen? «An diese Überlegungen und Entscheidungen wollen wir näher herankommen.» Politische Partizipation habe viel mit Interesse zu tun – aber nicht nur, so die Forscherin. «Auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit spielt eine entscheidende Rolle.» Man müsse sich auch zutrauen, an Debatten das Wort zu ergreifen, und das Gefühl haben, zu verstehen, worum es geht. Politische Bildung von Jugendlichen geschieht heute zwar vermehrt in digitalen Kontexten, traditionelle Sozialisationskontexte bleiben aber massgebend: «Das Elternhaus ist für Heranwachsende die erste Anlaufstelle, wenn sie bei einem Thema unsicher sind und eine Einschätzung brauchen.»

Für die erste Projektphase haben Waldis und ihr Team rund 20 Jugendliche aus der ganzen Schweiz mehrere Wochen lang ein Medientagebuch führen lassen und danach persönliche Interviews geführt. Es zeichnet sich ab: Die meisten konsumierten Beiträge sind bild- und kurzvideobasiert, Inhalt und Reflexionstiefe aber sehr heterogen. Je nach Sprachregion zögen die Jugendlichen zudem sehr unterschiedliche Kanäle auf Social Media vor. In Workshops sollen diese Daten nun gemeinsam mit den Jugendlichen einer ersten Sichtung unterzogen werden. Denn gerade wenn es etwa um Slangbegriffe oder Bewertungen in den sozialen Medien geht, sei man auf deren Expertise angewiesen. Nach der zweiten Runde wird dann 2027/28 eine Gesamtanalyse folgen und schliesslich die Überführung der Erkenntnisse in Empfehlungen für Schule und offene Jugendarbeit.
6– Online-Abstimmen kommt nicht voran
E-Voting von Bund und Kantonen, Schweiz

Seit Bund und Kantone 2004 mit der Einführung der elektronischen Stimmabgabe begonnen haben, wurden 300 Versuche durchgeführt. Nach massiver Kritik an Sicherheitslücken beschloss der Bundesrat 2019, die Systeme weiterentwickeln zu lassen. Verlangt waren vor allem bessere Kontrolle und mehr Transparenz. 2023 bewilligte er in den Kantonen Basel-Stadt, St. Gallen, Thurgau und Graubünden eine Wiederaufnahme. Die elektronische Stimmabgabe ist aber weiterhin nur eingeschränkt möglich: Maximal 30 Prozent der kantonalen und 10 Prozent der nationalen Stimmberechtigten dürfen sie nutzen. Für Auslandschweizer und -schweizerinnen sowie Menschen mit einer Behinderung gibt es dagegen keine Obergrenze. Der Bund plant in Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeinden ausserdem erste Versuche zur elektronischen Unterschriftensammlung, zum E-Collecting. Eine Panne in Basel-Stadt bei den eidgenössischen Abstimmungen im März 2026 zeigt jedoch: Das System steht weiter auf wackligen Füssen.
Doppelter Pukelsheim mit Karin Manuela Frick, Liechtenstein-Institut in Bendern (FL) und Universität Bern
In einem kleinen Wahlkreis mit vier Sitzen im Kantonsparlament benötigt eine Partei mindestens einen Fünftel aller Stimmen, um einen Sitz zu sichern. In einem grossen Wahlkreis mit 16 Sitzen dagegen reicht schon ein Siebzehntel. In kleinen Wahlkreisen bleiben also anteilsmässig mehr Stimmen ohne Wirkung. Dieses Ungleichgewicht soll der sogenannte doppelte Pukelsheim beheben. «Er versucht, das Beste aus zwei Welten zu vereinen», erklärt Politikwissenschaftlerin Karin Manuela Frick. Mit dem Zuteilungsverfahren sollen Parteien über das ganze Wahlgebiet hinweg möglichst proportional vertreten sein. Gleichzeitig soll die territoriale Vertretung gewahrt werden. In der Oberzuteilung des zweistufigen Verfahrens wird deshalb erst ermittelt, wie viele Sitze jeder Partei zustünden, wenn es im Kanton nur einen einzigen Wahlkreis gäbe. In der Unterzuteilung werden die den Parteien so zugewiesenen Sitze dann wieder auf die einzelnen Wahlkreise verteilt; dabei wird schrittweise rechnerisch optimiert, bis die Gleichung wieder aufgeht.

«In Kantonen wie etwa Zürich, wo historisch gewachsen viele kleinere Wahlkreise existieren, ist der doppelte Pukelsheim sicher ein eleganter Kompromiss», sagt
Frick. Im letzten Herbst hat die Wissenschaftlerin im Auftrag eines Parteivorstands die Vor- und Nachteile des Systems für das Fürstentum Liechtenstein untersucht. Eine inzwischen zurückgezogene Volksinitiative forderte dort dessen Einführung. Frick gibt einiges zu bedenken: Das Verfahren verbessere zwar die Chancen für kleine Parteien, ohne dass die territoriale Gliederung über Bord geworfen werde. Doch die eigene Stimme helfe eher einer Person aus der gewünschten Partei, aber eben nicht unbedingt einer aus dem eigenen Wahlkreis. «Zudem wiegt die Komplexität des Modells recht schwer.» Sie fragt: Wie weit sind Bürgerinnen und Bürger einem System zu vertrauen bereit, das sie nicht so einfach nachvollziehen könnten? Fairerweise gelte es aber auch zu überlegen, wie gross das Interesse der Bevölkerung grundsätzlich sei, Wahlergebnisse selbst nachzurechnen.
«Designing preference voting», Philipp Harfst, Universität Göttingen (D)

Im Präferenzwahlrecht kann nicht nur eine Parteiliste gewählt, sondern innerhalb dieser auch eine bestimmte Kandidatin gezielt unterstützt werden. In der Schweiz existiert die sogenannte Proporzwahl mit Kumulieren, Panaschieren und Streichen schon seit 1918. Solche Personalisierung nationaler Wahlen nehme in Europa seit den 1940er-Jahren kontinuierlich zu, sagt Politikwissenschaftler Philipp Harfst. Je nach Land wird das Präferenzwahlrecht aber sehr unterschiedlich umgesetzt. Harfst wollte wissen, wie sich diese verschiedenen Methoden auf das Verhalten und die Ergebnisse bei Wahlen auswirken. Für sein Experiment reproduzierte er mit zwei Kollegen die Listen der Nationalratswahlen in Österreich – und wies den Teilnehmenden zufällig eine der Anwendungsarten zu. Er stellte fest: Wenn auf einer Wahlliste bis zu zwei Punkte an eine Person zu vergeben sind – so wie es etwa in der Schweiz oder in Luxemburg möglich ist –, kommt dies vor allem männlichen Kandidierenden zugute. Männer tendierten dazu, diesen die Höchstpunktzahl zu geben und Kandidatinnen leer ausgehen zu lassen. Haben die Teilnehmenden allerdings die Option, sowohl positive als auch negative Punkte zu vergeben – eine eher seltene Form des Präferenzwahlrechts, die heute etwa in Lettland existiert –, schwächt sich die Ungleichbehandlung ab: «Einer Person nur aufgrund ihres Geschlechts aktiv einen Punkt abzuziehen, dürfte auch vielen Männern zu weit gehen», vermutet Harfst.
Das Präferenzwahlrecht sei für die Parteien herausfordernd, da sie eingeschränkt würden. «In einem geschlossenen Listensystem können sie dafür sorgen, dass Geschlechterbalance oder regionaler Proporz eingehalten werden.» Dennoch überwiegen für ihn die positiven Aspekte klar. Das Präferenzwahlsystem werde als demokratischer empfunden. Es fördere sogar die Wahlbeteiligung, wie eine Studie aus Spanien aus dem Jahr 2017 belegt. «Das ist bemerkenswert», so Harfst. Sei doch gerade diese sonst nur schwer zu beeinflussen.
Ümit Yoker ist freie Journalistin in Lissabon.
Wenn der Tekkie die WG-Küche regiert, wird’s gesund und effizient. Oder?

Auch demokratische Entscheidungen schliessen manche Menschen aus und geben privilegierten Personen mehr Einfluss. Eine Bestandsaufnahme an den Grenzen des Systems.
Text Johannes Giesler
Noch vor 36 Jahren durften Frauen in Appenzell Innerrhoden nicht wählen. Die Landsgemeinde, in der nur Männer bestimmten, hatte das kantonale Frauenstimmrecht immer wieder abgelehnt. Hinter dem so lange erfolgreichen Widerstand dagegen stand eine patriarchale Logik: Politik, ja der ganze Staat, galt bis weit ins 20. Jahrhundert als männliche Domäne. «Schweizer Frauen erhielten erst 1971 das Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene und damit ihre vollen Bürgerrechte», sagt Katrin Meyer, Philosophin an der Universität Basel und Expertin für feministische politische Theorie. «Das fehlende Stimmrecht widersprach von Anfang an unserer Verfassung von 1848», erklärt Meyer. In Artikel vier hiess es: «Alle Schweizer sind vor dem Gesetz gleich. Es gibt keine Unterthanenverhältnisse.»
kennen das Stimm- und Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer. Im Kanton Neuenburg wurde es im Jahr 2000 eingeführt und gilt für Personen mit C-Ausweis, die seit mindestens fünf Jahren im Kanton leben. Im Kanton Jura seit der Kantonsgründung 1979 für Personen, die seit zehn Jahren in der Schweiz und seit mindestens einem Jahr im Kanton wohnhaft sind.
Doch genau so verstanden viele Frauen ihre eigene Lage: rechtlich den Männern untergeordnet und politisch ausgeschlossen. Dagegen klagten sie. 1886 forderte beispielsweise die Juristin Emilie KempinSpyri rechtliche und politische Gleichstellung. Ohne Erfolg. Das Gericht nannte ihre Lesart, «Schweizer» meine als generisches Maskulinum auch Frauen, «ebenso neu wie kühn».
Bis heute entscheidet hierzulande das Wahlvolk per Abstimmung, mit wem es seine Privilegien teilt. Darin sieht Meyer ein demokratisches Paradox: Über die Ausweitung von Rechten entscheiden jene, die sie besitzen – während Betroffene ausgeschlossen sind.
Die Exklusivität der Demokratie
Meyer spricht deswegen von einer «Un/Demokratie». Aus ihrer Sicht «negieren diese Verfahren im Namen der Demokratie die Demokratie»: Diese «Willkürmacht» habe sich 2009 in der angenommenen MinarettverbotsInitiative gezeigt. Der Skandal liegt für sie darin, dass solche Entscheide als demokratisch legitimiert gelten: «Dabei setzt sich im Namen der Demokratie die Mehrheit über
Grundrechte von Minderheiten hinweg, wie die Religionsfreiheit» Gehe es um politische Rechte für neue Gruppen, dominiere in der Schweiz bis heute meist die Frage: «Was bringt ihre Inklusion der Mehrheitsbevölkerung?» Und nicht: «Haben sie ein Recht auf Mitbestimmung?» Dahinter stehe ein Demokratieverständnis, das immer wieder Grund und Individualrechte ausblende.
Gleichzeitig muss eine Demokratie festlegen, wer mitentscheidet. Denn: Nähme man bei jeder politischen Frage alle Betroffenen ernst, müsste oft die ganze Menschheit abstimmen. Weil das unmöglich ist, grenzen demokratische Staaten ihr Stimmvolk ab. In der Schweiz verlief dieser Graben einst zwischen christlichen und jüdischen Männern, dann zwischen Männern und Frauen. Heute verläuft er vor allem entlang des Bürgerrechts. Das führt dazu, dass das Land auf Bundesebene bis heute eine der exklusivsten Demokratien der Welt ist. Rund ein Drittel der hier lebenden Menschen darf nicht mitbestimmen. Ausgeschlossen werden neben Personen ohne Schweizer Pass auch Minderjährige und bestimm te Menschen mit Beeinträchtigungen, wenn sie etwa unter umfassender Beistandschaft stehen.
72 % der Weltbevölkerung
leben laut V-Dem Democracy Report von 2025 in Autokratien. Sie wohnen in 91 von 179 erfassten Staaten. Zudem sind liberale Demokratien mit nur 29 Stück die seltenste Regierungsform der Welt. Sie beherbergen noch 12% der Weltbevölkerung.
Auf kantonaler Ebene ist das Bild differenzierter: Einige Kantone sind bei der politischen Inklusion breiter, in anderen zeigt sich die demokratische Lücke besonders deutlich – etwa in Basel Stadt: Dort leben mehr Menschen ohne Mitbestimmungsrechte als mit. Wie legitim bleibt ein System, wenn so viele seinen Gesetzen zwar unterworfen sind, an deren Entstehung aber nicht mitwirken können?
Wertvolles Gut Bürgerrecht
Für Marc Bühlmann setzt genau dort der Massstab für Demokratie an: «Sie ist ein Prozess zunehmender Inklusion», sagt der Politikwissenschaftler an der Universität Bern und Direktor von Année Politique Suisse. «Aus Perspektive der Theorie der partizipatorischen Demokratie profitiert eine Demokratie, wenn möglichst viele Menschen mitmachen, ihre Perspektiven und Argumente einbrin
müssen Menschen in Österreich sein, um das Stimmrecht auf nationaler und EU-Ebene (seit 2007) auszuüben.
Auch andere Länder gewähren 16-Jährigen politische Rechte: Malta (Wahlalter 16), Brasilien (Wahlrecht ab 16 freiwillig, ab 18 Pflicht) und Deutschland (in mehreren Bundesländern Wahlalter 16 bei Kommunaloder Landtagswahlen).
gen.» Aber die Schweizer Einbürgerungspraxis steht dieser Idee entgegen. Wer einge bürgert werden will, muss zehn Jahre im Land leben. Selbst dann ist es nicht für alle gleich gut möglich. Eine Studie zeigt, dass das Einbürgerungsgesetz von 2018 bildungsferne Menschen systematisch benachteiligt: durch strengere Sprachvorgaben, Pflicht zum C Ausweis und strengere Regeln beim Bezug von Sozialhilfe. Hinzu kommt ein Verfahren, das Willkür begünstigten kann: Die Tests sind alles andere als einheitlich geregelt, vielerorts entscheiden zudem nach wie vor Gemeindeversammlungen über Einbürgerungen. Sie können Gesuche ablehnen, ohne ihre Entscheide begründen zu müssen. Anders sieht es dort aus, wo Gemeindebehörden darüber bestimmen und dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Für Bühlmann zeigt sich in dieser Exklusivität das in der Schweiz vorherrschende konservative Demokratieverständnis. «Bei zahlreichen kantonalen Abstimmungen über einen Ausbau politischer Inklusion zeigt sich immer wieder ein massives Nein. Das lässt sich auf die Meinung zurückführen, dass Menschen Land, Kanton und Gemeinde kennen und mit den politischen Verhältnissen und hiesigen Lebenswelten vertraut sein müssen, bevor sie mitentscheiden dürfen», sagt Bühlmann. «Das Bürgerrecht, das in der Schweiz mit weitreichenden Mitbestimmungsrechten verbunden ist, wird von einer konservativen Mehrheit als besonders wertvolles Gut verstanden, das man nicht einfach teilen will und mit dem hohe Erwartungen verbunden sind.» Diese Haltung erkläre, weshalb bislang ausgeschlossene Gruppen nur langsam eingebunden würden. Diese Langsamkeit kann demokratische Ungleichheit verstetigen. Der Verein «Aktion Vierviertel» fordert deshalb ein Grundrecht auf Einbürgerung. Zwei von acht Millionen Menschen in der Schweiz hätten keinen Schweizer Pass, heisst es dort. «Weil das der Demokratie grossen Schaden zufügt, brauchen wir einen neuen, mutigen Gesellschaftsentwurf.»
Die Initiative dürfte gemäss Bühlmann scheitern. Dass über das Thema überhaupt abgestimmt wird, ist für ihn jedoch eine Stärke der direkten Demokratie. Sie erzeugt einen «institutionalisierten Zwang» zum Dialog: Politik, Medien und Öffentlichkeit müssen sich immer wieder mit diesen Fragen auseinandersetzen, was zwar nur langsam, dafür langfristig zu Veränderungen führt: «Ich bin naiver Optimist und denke, dass die Schweizer Demokratie im Sinne zunehmender Inklusion weiterwachsen wird.» Doch selbst eine inklusivere Einbürgerungspraxis würde nicht
alle Ungleichheiten beseitigen. Wer politische Rechte besitzt, nimmt sie noch nicht zwingend wahr. «Die Stimmbeteiligung in der Schweiz ist traditionell niedrig», sagt Rahel Freiburghaus, Politikwissenschaftlerin an der Universität Lausanne. Bei den Volksabstimmungen 2025 lag sie nur bei etwa 45 Prozent. Ganz aussen vor bleiben aber nicht so viele. Studien aus St. Gallen und Genf zeigen, dass rund 80 Prozent innerhalb von vier Jahren mindestens einmal abstimmen oder wählen.
Wessen Stimme mehr zählt
Diese sogenannte selektive Partizipation hat auch mit der Demografie zu tun: «Ältere stimmen häufiger ab als Jüngere, mit höherer Bildung, mit dem Einkommen steigt die politische Beteiligung», erklärt Freiburghaus. Darin liegt noch ein Paradox der Demokratie: Mitwirkung baut Ungleichheit nicht automatisch ab, sondern kann sie verschärfen. Wer sich beteiligen will, braucht Ressourcen, um sich in komplexe Vorlagen einzuarbeiten.
Wie stark sich das auswirkt, zeigt eine vergleichende Studie, die Freiburghaus zitiert: Wer mehr als das Medianeinkommen verdient, dessen politische Meinung zählt in der Schweiz 1,16mal so viel wie die einer Person mit mittlerem Einkommen. «Es gibt einen systematischen Reichenbonus», so Freiburghaus. Anders gesagt: Parlamentsentscheide fallen eher im Sinne derer aus, die mehr Geld haben. Die Gründe dafür greifen ineinander: Wirtschaftsnahe Interessen sind sehr gut organisiert, finanzstarke Akteure kaufen sich mehr Zugang – und werden gehört. Dazu kommt, dass Parlamentsmitglieder ihre eigene, privilegierte Lebensrealität auf die Allgemeinheit projizieren. Weil die Bundesversammlung sozial nicht repräsentativ zusammengesetzt ist und sogenannte einfache Berufe wie Handwerkerinnen und Verkäufer untervertreten sind, verzerrt sich ihr Blick. Weiter gibt es föderale Unterschiede: Als der Bundesstaat entstand, wertete er die Stimmen ländlicher Kantone bewusst auf. Die Urbanisierung hat dieses historische Ungleichgewicht stark vergrössert. «Beim Ständemehr zählt deshalb die Stimme einer Urnerin heute rund das 40Fache von jener einer Zürcherin», sagt Freiburghaus.
80 %
berechtigten
beteiligten sich am 12. April 2026 an den Parlamentswahlen und sorgten damit für einen politischen Umbruch. Bei den Wahlen 2022 betrug die Beteiligung noch 70 %.
In der Schweiz lag sie bei den nationalen Wahlen 2023 bei 47 %, in der EU liegt sie bei nationalen Wahlen jeweils zwischen 65 und 75 %.
Direkte Demokratie kann solche Schieflagen aber teilweise auch korrigieren. Volksabstimmungen wirken laut der Politologin wie ein Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen: «Sie beseitigen den Bonus für Wohlhabende zwar nicht gänzlich, machen aber sichtbarer, wo das Par
lament an der Bevölkerung vorbeipolitisiert.» Etwa dann, wenn in «Bundesbern» eine Reform als vernünftig gilt, an der Urne aber deutlich wird, dass viele Menschen sie als unsozial oder lebensfern wahrnehmen. Oder auch der umgekehrte Fall: wenn ein Begehren gegen die Empfehlungen von Parlament und Regierung angenommen wird. Wie weit Parlament und Bevölkerung tatsächlich auseinanderliegen, bleibt aber oft unklar: Abstimmungen kennen nur Ja oder Nein, nicht aber die Gründe oder Abstufungen dahinter. Ein Resultat von 51 zu 49 sagt wenig darüber aus, warum eine Vorlage scheitert. Nach dem Entscheid beginnt deshalb jeweils ein Deutungswettlauf der Parteien.
Trotzdem ist in der Schweiz die Zufriedenheit hoch. Ein Grund: Die direkte Demokratie verhindert soziale Polarisierung – «wer heute bei einer Abstimmung unterliegt, gehört bei der nächsten vielleicht zur Mehrheit», so Freiburghaus. Auch wirtschaftliche Stabilität und umfangreiche öffentliche Dienste – kurz, dass der Staat funktioniert –seien wichtige Faktoren. Das ist für Freiburghaus aber kein Grund zur Entwarnung, sondern eine Motivation für Reformen: «Stabile Demokratien müssen ihre Institutionen dann weiterentwickeln, wenn die Bevölkerung noch an sie glaubt.» In vielen anderen demokratischen Staaten sei dieses Vertrauen längst erodiert.
Wo ein Nationalstaat allein nicht reicht
12 000
stehen aktuell in der Schweiz unter umfassender Beistandschaft und sind damit vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen.
Das betont auch der Politologe Joachim Blatter von der Universität Luzern: «Viele glauben nicht mehr daran, dass Demokratien die Probleme der Gegenwart lösen können.» In demokratischen Staaten müssen Argumente gesammelt, Konflikte ausgetragen, muss Macht durch Gewaltenteilung kontrolliert werden. Das koste Zeit. Verschärft wird das Problem dadurch, dass viele Krisen nicht national lösbar sind. Staaten bündeln deshalb Macht, um handlungsfähig zu bleiben. Darin liegt die Logik der Europäischen Union: Gemeinsam lassen sich Regeln eher durchsetzen als allein – auch gegenüber mächtigen Konzernen wie Google, Meta oder X. Über nationale Regulierungsversuche, sagt Blatter, «würde sich TechBaron Elon Musk wahrscheinlich nur lustig machen.» Auf EUEbene sieht das anders aus: Im Dezember verhängte die EU wegen mangelhafter Transparenz eine Strafe von 120 Millionen Euro gegen X und treibt weitere Verfahren voran – etwa wegen der Risiken grassierender Desinformation für demokratische Wahlen. «Die EU versucht wenigstens, die private Macht der Plattformen einzuhegen», so Blatter. Doch es ist ambivalent: Internationale demokratische Zusammenarbeit kann nationale demokratische Prozesse noch zäher machen. Und die EU liefert oft weniger als
erhofft. Laut Blatter, weil die demokratische Legitimität der Union darauf beruht, dass die Regierungen der Mitgliedstaaten wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen, aber jede Regierung ein Vetorecht hat, wodurch die Union wieder handlungsunfähig wird. So wächst bei den Bürgerinnen und Bürgern in den Mitgliedstaaten das Gefühl politischer Ohnmacht. Je mehr Kompetenzen auf europäische Ebene verlagert werden, desto häufiger erleben die Menschen, dass ihre Stimme vor Ort nur wenig bewirkt. «Ständig erklären ihnen Politiker, dass man etwas nicht tun kann, weil es übergeordnetem Recht oder gemeinsamen Beschlüssen widerspricht. Das erzeugt Entfremdung», sagt Blatter.
dürfen sich nicht an nationalen Wahlen beteiligen, weil sie aus einem anderen EU-Land stammen.
Er verweist auf Befunde, wonach viele seit langem eine restriktivere Migrationspolitik befürworten. Liberale Eliten hätten diese Präferenzen aber nicht ausreichend berücksichtigt. Für Blatter ist das der Nährboden für «radikale, populistische und autoritäre Revolten innerhalb der Länder». Demokratien würden als langsam und ohnmächtig erlebt. Gleichzeitig wandert politische Macht auf europäische Ebene. Davon profitieren jene, die versprechen, politische Kontrolle zurück auf die nationale Ebene zu holen und im Namen des «Volkes» durchzugreifen.
Blatter will darauf mit mehr demokratischer Mitsprache antworten. «Meine Idee ist, dass Bürgerinnen und Bürger der EU in regelmässigen Abständen festlegen, in welchen besonders einflussreichen Mitgliedsländern sie mitbestimmen wollen. Dort können sie eine begrenzte Anzahl von Abgeordneten wählen.» So werde aus der heutigen «Top downLogik» Europas eine «demokratische Einflussnahme» von unten, weil das Volk kleinerer oder schwächerer Länder auf die Politik mächtiger oder destruktiver Länder einwirken könnte. Im Gegenzug könnten die Vetorechte der Regierungen fallen.
Kritisch liesse sich allerdings fragen, ob nicht auch ein solches Modell vor allem jene stärkt, die gebildet und politisch gut vernetzt sind. Offen ist auch, ob sich etwa Menschen in Italien von Deutschen – oder umgekehrt – politisch dreinreden lassen würden. Blatters Vorschlag zielt darauf ab, die EU gleichzeitig handlungsfähiger und demokratischer zu machen. Nur so, glaubt er, kann die demokratische Selbstbestimmung gegenüber Grossmächten und Konzernen aufrechterhalten werden – eine Herausforderung, vor der auch die Schweiz steht.
Johannes Giesler ist freier Journalist in Leipzig.
Die WG-Bewohnenden haben sehr diverse Interessen und Begabungen. Da wird’s manchmal chaotisch.

Politische Debatten können weder mit «Follow the science» noch mit «Stick to the facts» gelöst werden. Die Politikwissenschaftlerin Eri Bertsou schreibt in ihrem Essay, wie Wissenschaft sinnvoll zur Demokratie beitragen kann.
Text
Eri Bertsou
Kaum ein Slogan hat das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie in den letzten zehn Jahren so sehr belastet wie «Follow the science». Sein Reiz liegt auf der Hand: Wo die Evidenz eindeutig ist, sollten Politik und Bevölkerung sich danach richten. Doch zunehmend zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille. Von umstrittenen Covid-19Richtlinien über den Widerstand gegen eine Netto-NullKlimapolitik bis hin zum Spardruck bei der Forschungsförderung: Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Demokratie ist in Europa und weltweit belastet. Das Problem beruht auf zwei Missverständnissen: Erstens gibt es nicht «die» Wissenschaft, und zweitens kann man ihr nicht einfach «folgen». Am besten lässt sich Wissenschaft als Anwendung wissenschaftlicher Methoden verstehen: Hypothesen werden anhand von Belegen geprüft und, falls neue Erkenntnisse vorliegen, auch angepasst. Gerade durch das Widerlegen früherer Theorien entstehen Fortschritte. Wer Wissenschaft als Monolith versteht, hat nicht verstanden, wie sie funktioniert. Es droht eine Desillusionierung über den Fortschritt und die Entwicklung der Gesellschaft.
Politik schafft Gewinner und Verliererinnen
Der Slogan missachtet eine für moderne Demokratien wichtige Unterscheidung. So hilft uns die Wissenschaft zu verstehen, wie die Welt funktioniert: wie schnell sich die Erde erwärmt, wie sich ein Virus verbreitet, wie sich Geldpolitik auf die Wirtschaft auswirkt. Sie kann beschreiben, wie sich Gruppen verhalten und zu welchen Kompromissen sie bereit sind. Hingegen kann keine wissenschaftliche Untersuchung sagen, wie eine Gesellschaft leben sollte. Diese Entscheide sind Sache der Politik. Und politische Entscheide schaffen naturgemäss Gewinnerinnen und Verlierer. Wenn diese politischen Fragen als wissenschaftliche Fragen behandelt werden, erhält Wissenschaft nicht mehr Autorität. Im Gegenteil: Es untergräbt ernsthaft das Vertrauen der Öffentlichkeit in sie.
Wenn wissenschaftliche Autorität dazu dient, oppositionelle Stimmen in politischen Diskussionen zu entwerten, den Kreis legitimer Stimmen einzuengen oder politische Ziele als objektive Wahrheiten darzustellen, kann dies eine gesunde demokratische Debatte verunmöglichen und den Pluralismus aushöhlen. Die Bürger werden die vorgegebene Richtung zunehmend infrage stellen, mitsamt den Institutionen. Bürgerinnen schätzen unabhängige, qualifizierte Expertenmeinungen. Sie lehnen es jedoch ab, dass sich Forschende in die Politik einmischen, wenn dies mit ihren eigenen Interessen und Werten kollidiert. Das
zeigen Forschungsarbeiten, die ich mit anderen Forschenden in verschiedenen Demokratien Europas durchgeführt habe. Es ist kein Defizit bei den Bürgern, das durch bessere Kommunikation behoben werden sollte, sondern eine vorhersehbare Reaktion auf ein schwieriges Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik.
Dies heisst nicht, dass Wissenschaft keinen Platz in der Demokratie hat. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind Teil des demokratischen Versprechens. Sie verleihen, was man epistemische Legitimität nennen könnte, –Legitimität aus dem Streben nach einer fundierten Politik, die gute Ergebnisse für ihre Bürger erzielt. Demokratien, die nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen, verlieren eines ihrer Standbeine.
Deshalb löst auch der gegenteilige Slogan das Problem nicht: Forschende sollen «stick to the facts» und sich nicht in die Politik einmischen. Die Bevölkerung lehnt wissenschaftliche Empfehlungen in politischen Fragen nicht ab. Eine aktuelle Studie in 68 Ländern zeigt, dass weltweit die grosse Mehrheit der Menschen der Wissenschaft vertraut und sich wünscht, dass sie sich stärker in die Politik einbringt. Das Problem für die Bevölkerung sind nicht wissenschaftliche Stimmen in politischen Debatten. Entscheidend ist, wie die politischen Institutionen diese in den Entscheidungsprozess integrieren.
Angesichts der Signale aus den USA in den letzten Jahren wäre dies dringend notwendig. Bei den Angriffen auf die Unabhängigkeit von Zentralbanken, die Forschungsförderung und internationale Beratungsgremien geht es nicht nur um bestimmte Positionen. Auf dem Spiel steht nicht das Ansehen der Wissenschaft, sondern die Fähigkeit der Demokratien, sich gut zu regieren. Die institutionelle Infrastruktur ist gefährdet, die dafür sorgt, dass Expertenmeinungen in die demokratische Entscheidungsfindung unabhängig vom Wahlzyklus einfliessen. Diese Infrastruktur ist wichtig.
Die Demokratie verspricht zwei Dinge: «Regierung durch das Volk und für das Volk.» Wissenschaftliche Expertise gehört zum zweiten Teil. Die Frage war nie, ob Wissenschaft in die demokratische Politik gehört, sondern auf welche Art. Dazu gehört einerseits Unabhängigkeit vor politischer Vereinnahmung und im Gegenzug Inklusivität und Transparenz in Bezug auf die Werte, die hinter wissenschaftlichen Empfehlungen bei umstrittenen Debatten liegen. Das Eine funktioniert nicht ohne das Andere.
Eri Bertsou ist Professorin für politisches Verhalten an der Universität St. Gallen.
Eine Mitbewohnerin und Tochter des Hausbesitzers lässt radikal umbauen. Zusammenleben und Existenzen sind akut bedroht. Protest garantiert.

Sich zu Rhythmus und Melodie zu bewegen, kann mit sich selbst, den Ahnen oder etwas Grösserem verbinden. Das glauben Praktizierende von ekstatischem Tanz. Sozialanthropologin Manéli Farahmand schwebt und wirbelt mit durch Säle und Wälder und erforscht so diese neuen Formen der Spiritualität.







Die Reise beginnt. In einem Saal in der Nähe des Bahnhofs Vevey fangen rund zwanzig Tänzerinnen und Tänzer im Alter von 25 bis 80 Jahren an sich zu bewegen. Die Musik ist langsam, meditativ. In der Luft schwebt Saunaduft, Kerzen flackern rund um den Raum. Auf dem Holzparkett wiegen sich einige auf der Stelle, andere gehen umher oder rollen sich auf dem Boden. Auch Manéli Farahmand ist Teil der Gruppe. Mit Leggings und Bluse fällt sie nicht auf. Sie ist Forscherin mitten im Forschungsfeld. Die 30-jährige Sozialanthropologin befasst sich im Rahmen ihres Postdocs damit, wie Spiritualität in der Schweiz zunehmend den Platz von Religion einnimmt. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik lag der Anteil der Menschen, die sich als religiös bezeichneten, im Jahr 2024 bei 14 Prozent, während sich 16 Prozent als spirituell beschrieben. Farahmand untersucht, wie diese Spiritualität vermehrt über den Körper vermittelt wird –insbesondere durch Tanz.
Vom Tantratanz zum Schamanismus
In vier Jahren führte die Forscherin von der Universität Freiburg 30 qualitative Interviews zu sogenanntem ekstatischem Tanz durch und nahm an 45 entsprechenden Sessions teil. Bei der Tanzform stehen Wohlbefinden, Kreativität, innere Transformation und Spiritualität im Zentrum. «Für die Teilnehmenden ist der
1 Sich wiegen, hüpfen, einfach gehen oder am Boden sitzen: Nichts ist falsch oder richtig beim ekstatischen Tanzen. In Vevey treffen sich regelmässig rund 20 Menschen zum bewegten Ritual. Sozialanthropologin Manéli Farahmand forscht zu dieser Form neuer Spiritualität.
2 «Für die Teilnehmenden ist der Tanzraum heilig», erklärt die Forscherin. Sie suchten das Göttliche in sich, sich selbst oder die Verbindung zu etwas Grösserem.
3 Farahmand untersuchte im Rahmen ihres Postdocs im Team von Oliver Krüger an der Universität Freiburg, wie moderne Spiritualität vermehrt verkörpert wird und neue Formen sozialen Verhaltens hervorbringt.
4 Die Sessions verlaufen wellenartig. Dazu gehört gegen Ende auch ein Moment der Meditation.
5 Körperpsychotherapeutin Tabea Serena will einen sicheren Ritualraum schaffen, «in dem die Menschen sich selber sein können».
Tanzraum heilig. Sie kommen mit der Idee, das Göttliche in sich selbst zu suchen, einen Raum für sich zu finden und sich mit anderen, ihren Vorfahren oder etwas Grösserem zu verbinden», erklärt sie.
Sufi- und Tantratanz, intuitiver und schamanischer Tanz oder die schöne Wortkombination im französischsprachigen Raum Dansualité: Die Familie der ekstatischen Tänze, deren Wurzeln auf das New York der 1970erJahre zurückgehen, ist vielfältig. Die Forscherin hat eine Kartografie für die Schweiz erstellt und ist auf rund dreissig Bezeichnungen gestossen. «Ich war überrascht, dass es so viele sind. Die Kreativität ist gross, von spirituellen bis zu therapeutischen Formen, die auch verschmolzen oder kombiniert werden.»
Farahmand analysiert die symbolische Funktion der Tänze, sie will also verstehen, welcher Wert und welche Bedeutung ihnen kollektiv zugeschrieben werden. «Die Sessions verlaufen oft wellenförmig», resümiert sie. Zuerst gibt es einen Gesprächskreis, dann setzt zunächst langsam die Musik ein und beschleunigt sich allmählich bis zu einer Art Höhepunkt. Dann beruhigt sich der Rhythmus nach und nach, und das Ritual endet mit einem meditativen Moment. Der Aufbau ist immer ähnlich, unterschiedlich sind je nach anleitender Person Stil und Ästhetik.
An diesem Montagabend steht sogenannter freier, bewusster Tanz mit Tabea Serena auf dem Programm. «Wir bewegen uns ohne vorgegebene Regeln und lassen den Körper das tun, wozu er gerade Lust hat», erklärt sie. Für die «Reisen», die sie anbietet, lässt sie sich vom keltischen Rad inspirieren. Die heutige dreht sich um Imbolc, ein Fest, welches das Erwachen der Natur ehrt. «Es gibt eine Verbindung zur Jahreszeit. Diese lasse ich erahnen durch die Atmosphäre und die Musik, die verschiedene rhythmische Universen durchläuft», fährt die Körperpsychotherapeutin fort. «Als Ritualbegleiterin leite ich die Reise an und schaffe einen freien Raum, in dem sich die Menschen sicher fühlen und sich selber sein können.»
Tatsächlich scheinen die Teilnehmenden von der Sorge befreit, gesellschaftliche Normen beachten zu müssen oder kritischen Blicken anderer ausgesetzt zu sein. Einige schütteln sich, andere durchstreifen hektisch den Raum, während eine Tänzerin sitzen bleibt, den Schal über das Gesicht. Viele haben die Augen geschlossen oder halb geschlossen, als wollten sie «sich mit sich selbst verbinden». Parallel zum Tanz gibt es drei Stationen: Sie laden dazu ein, Wünsche auf Karten zu schreiben, ein persönliches Reinigungsritual
mit Wasser zu gestalten, das «im Vollmond und im Sonnenlicht aufgeladen» wurde, und Samen oder Holzperlen auf einem handgefertigten Altar niederzulegen.
Farahmand war anfangs darüber erstaunt, wie wichtig die physischen Elemente – auch der Körper – bei den ekstatischen Tänzen sind. «Das Materielle ist überall mit einer spirituellen Konnotation präsent. Man sieht deutlich, dass es sich nicht um einen säkularen Tanzraum handelt. Der Körper fungiert wie die Gegenstände als Mittler zu symbolischen Welten.»
Schweifender Blick
Farahmand informiert jeweils sowohl die Ritualbegleiterinnen als auch die Teilnehmenden über ihre Forschung. Oft erhalte sie «sehr begeisterte» Reaktionen. Tatsächlich kommen auch am Ende dieser Session mehrere Personen spontan auf uns zu. Ein Teilnehmer erzählt, dass er hier «nach der Arbeit auf andere Gedanken kommt», eine andere schätzt die «therapeutische Tiefe», eine dritte finde «Heilung» und «Verbindung zur Erde».
Für Serena ist die Anwesenheit der Forscherin kein Problem. «Ich kenne Manéli Farahmand in erster Linie als Tänzerin der Gruppe. Sie war bisher immer respektvoll, und das ist alles, was die Teilnehmenden brauchen.» Sie sei «sehr glücklich», Besuch zu empfangen. «Die Leute sollen sehen, dass es einfach sein kann, sich selbst zu sein», lächelt sie. Sie bittet jedoch immer darum, dass jeder und jede mittanzt – das gilt für die Journalistin ebenso wie für die Forscherin. Nur für den Fotografen gibt es heute eine Ausnahme.
Die Musik ist leicht und beschwingend. Manche Tänzer und Tänzerinnen hüpfen, manche bewegen sich zu zweit. Eine junge Frau dreht sich wie ein Derwisch. Farahmand folgt dem Rhythmus innerhalb des Rahmens, den sie sich selbst gesetzt hat. «Ich stelle mich selten in die Mitte des Raumes. Einzig wenn eine Übung das erfordert oder wenn eine andere Tänzerin mich dorthin führt. Aus forschungsethischer Perspektive fände ich es unangebracht, im Zentrum des Geschehens zu stehen», erklärt die Sozialanthropologin. Sie versuche, sich «so weit wie möglich in die Gruppe einzufügen, ohne sich dabei selbst zu verlieren». Farahmand ist in teilnehmender Beobachtung geschult und daran gewöhnt, während der Tanzsession keine Notizen zu machen. «Ich präge mir die Worte der Ritualleiterin, die Raumanordnung und die markanten Elemente ein und notiere dann alles am Ende oder nehme eine lange Audionachricht auf.» Um mit der «notwendigen Diskretion und dem
nötigen Respekt» zu arbeiten, hat sie «eine Beobachtungsmethode entwickelt, bei der mein Blick gleitet und das Geschehen erfasst, ohne zu starren».
Tanzen ist für Farahmand sehr natürlich, da sie schon lange Modern Jazz und Contact Improvisation praktiziert. Die Herausforderung bestünde vielmehr darin, «ein Umfeld zu untersuchen, in dem sich alle bewegen und man selbst in Bewegung ist». Sie muss sich zudem immer wieder an neue Umgebungen anpassen. Sessions dauern bis zu vier Stunden und finden an unterschiedlichsten Orten statt, etwa im Wald.
«Einmal gab es eine Übung, bei der wir unsere Stimme öffnen sollten. Einige Teilnehmende schrien so laut, dass ich mich selbst nicht mehr hören konnte – das war schwierig», erzählt Farahmand, die zugibt, bei gewissen Übungen zu zweit oder in bestimmten Gruppen «Unbehagen» verspürt zu haben. «Ein anderes Mal schienen sich die Leute sehr gut zu kennen, es herrschte eine Art Clangeist mit viel Körperkontakt und Menschen, die übereinander rollten», erinnert sie sich. «Ich fühlte mich ständig von mir selbst abgetrennt und war unfähig, mich auf die Stimmung einzulassen.»
Umgekehrt geschieht es auch bisweilen, dass sie «Wohlbefinden» verspürt oder in «leichten Trancezustand» gerät. Diese sowohl angenehmen als auch unangenehmen Empfindungen veranlassen sie, über den Platz ihres Körpers als Forscherin nachzudenken.
Die Sozialanthropologin bespricht ihr Fazit in einem Buch. Dabei fokussiert sie auf die Philosophie der ekstatischen Tänze, die das Modell des leistungsfähigen Körpers kritisiert. Sie würden einen «erlebten und empfindsamen Körper» wertschätzen und bildeten eine «Subkultur, die auf ganzheitliche Gesundheit und Vitalität ausgerichtet ist». Bewegung werde mit Befreiung, Reinigung und Wohlbefinden verbunden.
In Vevey wird die Musik wieder leiser. Alle legen sich für ein paar Minuten Meditation hin. Dann beendet Tabea Serena die zweieinhalbstündige Session. «Ich lade dich ein, langsam deine Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen», flüstert sie. Die Augen öffnen sich, etwas Subtiles geschieht, vielleicht die Rückkehr zum öffentlichen Ich nach einem langen Eintauchen in sich selbst. Farahmand wird ihre Beobachtungen in ihren Notizen festhalten.

Martine Brocard ist freie Journalistin in Lausanne.

«Einmal gab es eine Übung, bei der wir unsere Stimme öffnen sollten. Einige Teilnehmende schrien so laut, dass ich mich selbst nicht mehr hören konnte – das war schwierig.»
Manéli Farahmand




6 «Das Materielle ist mit einer spirituellen Konnotation überall präsent», erklärt Sozialanthropologin Manéli Farahmand.
7 Beim bewussten, freien Tanzen darf der Körper tun, «wozu er Lust hat». Teilnehmende werden häufig eingeladen, «ihren Verstand loszulassen» und sich mit ihren Füssen zu verbinden, denen ein Eigenleben zugeschrieben wird.
8 Farahmand hat sich für ihre Forschung einen schweifenden Blick angeeignet, mit dem sie eher vom Rand her beobachtet, ohne zu starren.
9 Es gibt auch Stationen, an denen die Teilnehmenden ihre Wünsche aufschreiben können.
10 Ritualbegleiterin Tabea Serena mischt die Musik während der Sessions live, um sich «besser dem kollektiven Fluss anzupassen». Dieses Mal wählte sie weiche Musik für ein «graduelles Erwachen».
11 In der Sozialanthropologie werden Forscher oft als teilnehmende Beobachter Teil der Gruppe. Eine anerkannte Methode.
Wissenschaftliche Verlage betreiben eines der lukrativsten Geschäfte überhaupt. Wie viel die Aufgaben, die sie übernehmen, tatsächlich kosten, ist nicht transparent. Eine Aufschlüsselung.
Text Florian Fisch Infografik Bodara
Ende Dezember 2025 kündigte Swissuniversities, die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, an, dass sie mit dem Verlag Springer Nature keinen Vertrag abschliessen konnte. Seit Anfang 2026 herrscht daher eine «No-DealSituation». Das bedeutet: Bis ein neuer Vertrag ausgehandelt ist, können die Forschenden in der Schweiz beim zweitgrössten Wissenschaftsverlag der Welt weder frisch publizierte Artikel lesen noch ihre eigenen Artikel automatisch im Sinne von Open Access für alle frei zugänglich publizieren. Für den Stillstand sorgen die aktuell üblichen Read-and-Publish-Verträge. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen durch sie eigentlich effizient zirkulieren können, was sie im Augenblick nicht mehr tun.
Forschungsinstitutionen befinden sich weltweit in einem harten Seilziehen um den richtigen Preis für solche Verträge. Durch gemeinsames Auftreten versuchen die Hochschulen, ihren Hebel zu verlängern. Nicht nur in der Schweiz. In Deutschland etwa hielten sie zwischen 2019 und 2023 einen vertragslosen Zustand mit Elsevier aus, dem grössten Wissenschaftsverlag der Welt – mit Erfolg: «Die Preise des deutschen Deal-Konsortiums gelten als Best in Class», sagt Thomas Leibundgut, der für Swissuniversities die Verhandlungen koordiniert. Doch was ist ein fairer Preis für die Arbeiten der Verlage? Und wofür bezahlen die Forschenden und Hochschulbibliotheken genau? Antworten dazu auf diesen vier Seiten.




1 Der Weg eines Fachartikels Verlage sorgen im Idealfall für eine möglichst effiziente Verbreitung der Erkenntnisse aus einer Forschungsarbeit. Sowohl Forschende als auch Bibliotheken sind an wichtigen Arbeitsschritten massgeblich beteiligt. So entscheiden bei den Verlagen zum Beispiel akademische Redaktorinnen, die meistens selbst aktive Forschende sind, ob ein Thema für ihr Publikum passend ist – die Kuration. Und sie organisieren auch die Beurteilung durch weitere Fachkollegen – das PeerReview.
Arbeit für klassische Verlagsmitarbeitende ist hingegen meistens die Qualitätsprüfung, bei der die eingereichten Beiträge etwa auf Fälschungen und Plagiate untersucht werden. Auch Lektorat und Layout der Artikel oder Bücher werden verlagsintern organisiert. Zu den Aufgaben des Verlags gehört auch, die Artikel dauerhaft auf einer Website zugänglich zu machen sowie sie bei ihrem Publikum zu bewerben –die Verbreitung.
Forschende
Bibliothek
Seit einiger Zeit werden PreprintPlattformen populärer. Dort können Forschende ihre Artikelentwürfe ohne Verlag zugänglich machen. In einigen Disziplinen – allen voran in Physik und Mathematik – werden diese sogar zunehmend als vollständige Publikation betrachtet. Viele Preprints werden später bei einer Fachzeitschrift mit formalisiertem PeerReview eingereicht.
«Die echten Kosten und Gewinne von Verlagen sind sehr schwer nachzuvollziehen», sagt Claudio Aspesi, früher Finanzanalyst, heute Berater von Hochschulen. «Manchmal frage ich mich, ob die Verlage es selbst verstehen.» Es sind oft Mischunternehmen. Die Relx Group, zu der Elsevier gehört, organisiert Messen, bietet Online-Datenbanken sowie Analyseinstrumente für Recht und Finanzen an. Um trotzdem eine Idee davon zu bekommen, welcher Arbeitsschritt der Verlage wie viel Aufwand bedeutet, ist die seit 2021 existierende Publikationsplattform Open Research Europe (ORE) hilfreich. Denn die Europäische Kommission zahlt ORE einen festen Betrag von 870 Euro pro Artikel. ORE publiziert die eingereichten Artikel zunächst als Preprint –die Peer-Reviews werden später angehängt. Alle Forschenden, die EU-Förderung erhalten, können dort kostenlos Open Access publizieren, ab Herbst 2026 gilt dies auch für vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Forschende. Einen weiteren Einblick gibt der Verlag Plos, der zwölf OpenAccess-Zeitschriften herausgibt und wie die meisten zuerst ein traditionelles Peer-Review durchführt. Wird der Artikel publiziert, zahlen die Forschenden eine Article Processing Charge (APC). Diese ist mit 1900 bis 6300 US-Dollar bei Plos One respektive Plos Medicine deutlich höher als der feste Betrag von ORE.
Die Kosten können jedoch nicht eins zu eins verglichen werden. Denn die APC von Plos müssen auch den Aufwand für die abgelehnten Artikel mittragen. Laut Plos Medicine sind dies immerhin 97 Prozent der eingereichten Artikel. ORE publiziert nach nur formaler Prüfung sämtliche Artikel. ORE und Plos zeigen im Gegensatz zu vielen anderen Verlagen ihre Kosten auf ihre Aufgaben aufgeschlüsselt öffentlich (siehe Grafik 2 rechts).
Inwiefern die Kosten von Plos gerechtfertigt sind, möchte Thomas Leibundgut von Swissuniversities nicht beurteilen: «Die Verlage machen ihre Kostenstruktur nicht transparent, was einen Vergleich verunmöglicht.» Es gebe aber legitime Preisunterschiede zu ORE, insbesondere falls zusätzliche Dienstleistungen angeboten würden wie das fachspezifische Lektorat, eine Statistikberatung oder Abklärungen für Bildrechte. Allgemein findet Leibundgut die Gebühren allerdings eher hoch: «Schliesslich wird die meiste Arbeit von Forschenden ehrenamtlich geleistet.»
Support von Kundinnen und Kunden
Vertrieb, Marketing und Unternehmensentwicklung
Entwicklung der Webplattform
Services nach Publikation
Aufbereitung der Artikel: Lektorat, Satz, Metadaten
PeerReviewManagement (bei Plos inkl. Honorare)
Einreichung und Erstprüfung von Manuskripten auf Vollständigkeit und Integrität
Entwicklung der Community (Anwerben von Autorinnen und Autoren)
Meilensteine in der Geschichte des Publizierens wissenschaftlicher Ergebnisse
1665: Das Journal Philosophical Transactions of the Royal Society wird lanciert. Es bietet eine Alternative zum Briefverkehr zwischen Forschenden.
1869: Der Astronom Norman Lockyer gründet die Fachzeitschrift Nature und setzt zunächst auf schnelles Publizieren kurzer Artikel ohne Peer-Review. Dieses wird dort erst 1973 eingeführt.
1951: Der Geschäftsmann Robert Maxwell kauft den Verlag ButterworthSpringer, macht daraus Pergamon Press und das Publizieren wissenschaftlicher Artikel zu einem Geschäft.
Kosten pro Arbeitsschritt in CHF
2 Ein Kostenvergleich
Der Verlag Plos und die Publikationsplattform Open Research Europe (ORE) weisen ihre Kosten transparent aus und kategorisieren die Arbeitsschritte ähnlich. Die Gesamtpreise unterscheiden sich stark. Allerdings werden bei ORE alle eingereichten Artikel publiziert, wenn sie die formalen Bedingungen erfüllen. Bei Plos werden die Artikel zuerst auf die wissenschaftliche Qualität geprüft und danach wird entschieden, ob sie publiziert werden. So müssen beim Journal Plos Medicine die nur drei Prozent akzeptierten Artikel für sämtliche Kosten aufkommen. Bei Plos One, das zu sämtlichen wissenschaftlichen Disziplinen publiziert, sind es immerhin 31 Prozent.
1991: Die Plattform Arxiv zur schnellen Archivierung von Preprints wird aufgeschaltet.
2022: Der Basler Verlag MDPI für Open Access überholt den weltweit drittgrössten wissenschaftlichen Verlag Wiley bei der Anzahl publizierter Artikel. Er liegt noch hinter Elsevier und Springer Nature.
«Der uneingeschränkte Zugang zu wissenschaftlichem Wissen muss selbstverständlich sein, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Forschende es rasch und kreativ nutzen können», sagt Tobias Philipp, Verantwortlicher für Publikationen beim SNF. «Ein Patient kann etwa medizinische Erkenntnisse aus erster Hand erfahren, oder eine Startup-Gründerin kann Eltern via KI einen einfachen Zugang zum neusten Stand der Pädagogik anbieten.»
Obwohl der Trend weltweit in Richtung mehr Offenheit geht, befinden sich die meisten Fachartikel immer noch hinter sogenannten Paywalls: Bei Science zum Beispiel muss man 30 Dollar zahlen, um ein entsprechendes PDF herunterzuladen. Bei Nature kostet das 29 Euro, wobei damit dann immerhin einen Monat lang alle Artikel aus deren über 50 Fachzeitschriften zugänglich sind. Es wird also schnell teuer, auf dem neusten Stand zu sein.
Viele Hochschulbibliotheken haben deshalb die Abonnemente von Journals übernommen. Doch nicht alle Forschenden weltweit haben zu allem Zugang, geschweige denn Interessierte ausserhalb der Forschung. Wissenschaftlerinnen schicken sich deshalb gegenseitig die PDF
zu. Ausserdem stellen Plattformen wie Scihub die Artikel zur Verfügung – oft illegal. Während der Covid-Pandemie haben die Verlage Fachartikel zur Krankheit freiwillig allen zur Verfügung gestellt und damit den Austausch überlebenswichtiger Informationen massiv beschleunigt. Um dies auch in normalen Zeiten möglich zu machen, verlangen immer mehr Förderer, dass die Forschenden ihre Artikel automatisch Open Access zur Verfügung stellen. Bei vom SNF geförderter Forschung waren 2023 fast 90 Prozent der Artikel auf diese Weise zugänglich. Doch das kostet weiterhin Geld. Nur dass jetzt nicht mehr die Lesenden oder die Bibliotheken für die Arbeit der Verlage bezahlen, sondern die Forschenden selbst oder ihre Förderer dafür aufkommen müssen.
Der Preis: mehrere tausend Franken pro publiziertem Artikel. Der SNF zahlte 2024 in Einzelfällen sogar über 7000 Franken. Ab 2027 gilt eine Oberlimite von 3500 Franken. «Wir müssen die Kostenentwicklung begrenzen und nachhaltig mit öffentlichen Mitteln umgehen», erklärt Philipp. «Mit 3500 ist es problemlos möglich, Forschenden sehr gute Dienstleistungen anzubieten.»
3 Was der SNF für Open Access bezahlt
Der SNF begleicht die Publikationskosten für Open Access, die sogenannten Article Processing Charges, der von ihm geförderten Forschenden. Diese fallen je nach Fachzeitschrift unterschiedlich hoch aus. Im Jahr 2024 hat er insgesamt 1400 Zuschüsse für fast 450 verschiedene Fachzeitschriften ausbezahlt. Ab 2027 wird der SNF nur noch Publikationskosten von maximal 3500 Franken übernehmen und keine Anzahlungen an höhere Kosten machen.
Kosten pro Artikel max. in
4 Marktanteile der Verlage Grafik links: Die Verlage Elsevier, Springer Nature und Wiley dominieren den Markt. Im Jahr 2025 wurde fast die Hälfte der insgesamt gegen 23 000 Publikationen mit Hauptautorin aus der Schweiz bei einem der grossen drei publiziert. Die 2007 und 2010 gegründeten Schweizer OpenAccessVerlage Frontiers und Multidisciplinary Digital Publishing Institute (MDPI) sind inzwischen auf die ersten zehn Plätze vorgestossen.

Anteil an Publikationen mit Hauptautoren aus der Schweiz 2025 in %
5 Wofür die Universitäten bezahlen
Grafik rechts: Das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken handelt mit den grossen Verlagen Globalverträge aus. Diejenigen mit American Society for Microbiology (ASM), Annual Reviews, De Gruyter, Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) und Trans Tech Publications sind nicht öffentlich und daher nicht in die Liste aufgenommen. Die Publikationskosten für Artikel bei den Verlagen Frontiers und MDPI sind ebenfalls nicht enthalten, da es für Open Access keine Lesekosten gibt. Zusammengezählt gab das Konsortium 2025 über 37 Millionen Franken dafür aus. Hinweis: Sowohl die Zeiträume als auch die Bedingungen der Verträge unterscheiden sich stark.
«Viele kritisieren Verlage für den Profit, den sie erzielen», sagt Stefan Gaillard, Doktorand für Wissenschaftsstudien an der niederländischen Radboud-Universität. «Ich sehe das anders. Schliesslich kann ich nicht dem Händler die Schuld dafür geben, wenn ich mehr für ein Auto bezahle, als ich eigentlich möchte.» Im freien Markt können die Kundinnen entscheiden, ob sie kaufen oder nicht.
Üblicherweise werden die Profitmargen von Verlagen allerdings nicht mit denen von Autohändlerinnen verglichen, sondern mit denen von Techunternehmen oder teilweise – weniger rühmlich – mit denjenigen im Drogenhandel. Im Jahr 2024 wiesen die drei grössten Verlage Elsevier, Springer Nature und Wiley Margen von 30 bis 40 Prozent aus. «Es ist eines der attraktivsten Geschäfte, die es gibt», sagt Claudio Aspesi, ehemaliger Finanzanalyst und heute Berater von Hochschulen.
Welche Dienste so viel Geld wert sind, ist eine andere Frage. Aspesi urteilt hart: «Wir brauchen Publikationstätigkeiten, aber wir brauchen dafür keine Verlage.» Gaillard, der selbst eine Fachzeitschrift mit dem klingenden Namen «Journal of Trial and Error» mitgegründet hat, nuanciert: Ja, ein Teil des Preises sei gerechtfertigt durch
Kosten für Read-and-PublishVerträge der Schweiz 2025 in Mio. CHF
Publikationstätigkeiten, durch Software, die Arbeiten am Manuskript, die Verbreitung der Artikel, wofür es bezahlte Mitarbeitende brauche. Und dabei koste mehr Qualität auch mehr Geld. Den anderen Teil des Preises zahle man aber für die Reputation. «Je grösser diese ist, desto mehr kann ein Verlag dafür verlangen», so Gaillard. Das habe wenig mit realen Kosten zu tun. Der einzige Aufwand, der mit der Reputation steige, sei der Fakt, dass mehr Manuskripte eingereicht würden, die verwaltet werden müssen. Besonders für junge Forschende ist es wichtig, bei Fachzeitschriften mit klingenden Namen wie Nature und Science publiziert zu haben, um eine Stelle an einer Hochschule zu erhalten. So bleibt das Verlagswesen ein gutes Geschäft. Sowohl beim Berufungsverfahren an den Hochschulen als auch in den Verlagen übers Publizieren entscheidet ein kleiner Kreis von arrivierten Forschenden darüber, ob ein Fachkollege dazugehören darf: Kooptation nennt sich das. «Häufig ist da nichts Falsches daran. Das machen Organisationen von der katholischen Kirche bis zur Unternehmensberatung Mckinsey so», sagt Aspesi. Findet jedoch: «Wissenschaft sollte aber eigentlich revolutionäre Ideen fördern.»
Es gibt viele Mythen über Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen: Sie sollen einerseits mühelos weitere davon lernen können, andererseits häufiger von Entwicklungsstörungen bei Wortschatz oder Artikulation betroffen sein. Wie diese Annahmen in der Forschung standhalten.
Text Nicolas Gattlen
Die Schweiz ist ein Land der Polyglotten: Fast 40 Prozent der Kinder wachsen in einem mehrsprachigen Haushalt auf, wie aus der jüngsten Erhebung des Bundesamts für Statistik zu Sprache, Religion und Kultur hervorgeht. Wer mit nur einer Muttersprache aufwächst und sich mühsam die Basis einer weiteren Sprache erarbeitet, blickt bisweilen mit Neid auf diese Kinder, in der Annahme, dass sie sich völlig unangestrengt zwei Sprachen aneignen, spielerisch von der einen zur anderen wechseln und in zwei Kulturen zu Hause sind. Zudem sollen sie auch noch über aussergewöhnliche kommunikative Fähigkeiten verfügen und einfacher Fremdsprachen lernen.
Doch kann die Forschung all dies bestätigen? «Das Kommunikationsverhalten von mehrsprachig aufwachsenden Kindern unterscheidet sich von jenem der Einsprachigen», sagt Entwicklungspsychologin Stephanie Wermelinger von der Universität Zürich. «Sie nutzen Gesten effizienter, reagieren sensibler auf nonverbale Signale ihres Gegenübers und klären kommunikative Missverständnisse häufiger auf.» Wermelinger erklärt die Unterschiede mit den alltäglichen Erfahrungen. «Um erfolgreich zu kommunizieren, müssen sich mehrsprachig aufwachsende Kinder in einer sehr variablen Kommunikationsumgebung zurechtfinden und ihr Verhalten entsprechend anpassen.»
Missverständnisse mit Elefant Otto klären
Die Psychologin, die zu Mehrsprachigkeit und Kommunikation forscht, beruft sich auf verschiedene Untersuchungen, die ihr Team durchgeführt hat. In einer Studie mit über 100 Kindern, die zwischen zwei und drei Jahre alt waren und entweder einsprachig, mit den zwei Dialekten Schweizer und Hochdeutsch oder zweisprachig aufwuchsen, kam der Plüschelefant Otto zum Einsatz. Weil Otto spazieren gehen wollte, zog ihm die Versuchsleiterin zunächst drei Schuhe an. Den vierten behielt sie in der Hand, gab aber vor, ihn zu suchen. Wenn ein Kind helfen wollte und auf den Schuh zeigte, tat die Forscherin so, als deute das Kind auf ein Bild, das hinter ihr platziert war. Sie kreierte ein Missverständnis. Es waren vor allem die zweisprachigen Kinder, die den Irrtum aufklärten. «Sie sind es wohl eher gewohnt, mit Missverständnissen umzugehen», vermutet Wermelinger. In einer weiteren Studie blickte sie auf sogenannte ikonische Gesten, also Hand und Armbewegungen, die Form oder Bewegung eines Objekts nachstellen. Die Forschenden wollten wissen, wie Kinder im Vorschulalter solche einsetzen. Im Versuch gab es ein Buch mit Bildern verschiedener Objekte. Aufgabe der Kinder war es, der gehörlosen Puppe Lola zu erklären, welches Objekt im Buch zu sehen ist. Wenn Lola das richtige Objekt in die Schatzkiste legte, leuchtete diese auf. «Mehrsprachige Kinder verwendeten in ihren Gesten häufiger sowohl die Form wie die Bewegung der Objekte», fasst Wermelinger die Resultate zusammen. «Sie gaben Lola also mehr Informationen.»
Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, scheinen also ihre kommunikativen Stärken zu haben. Nicht so klar ist die Forschungslage zu den kognitiven Vorteilen. «Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es einen regelrechten Hype», erklärt Wermelinger. «Es hiess, diese Kinder könnten besser planen und koordinieren. Heute geht man davon aus, dass es keinen universalen Unterschied gibt.» Auch die Annahme, dass mehrsprachig Aufgewachsene einfacher Fremdsprachen lernen, ist laut der Forscherin umstritten: «Die Studien dazu fallen unterschiedlich aus.»
Zu Mehrsprachigkeit gibt es auch sorgenvolle Vorannahmen. Eltern befürchten etwa, dass ihre Kinder dereinst keine Sprache richtig beherrschen und ihnen Wörter fehlen, ja schlimmer noch: dass sie mit dem Sprachengewirr überfordert sind und Störungen davontragen. Hier gibt die Forschung Entwarnung. So zeigt eine Studie der Universität Zürich, dass zweisprachig aufwachsende Kinder im Alter von drei bis vier Jahren pro Sprache zwar weniger Wörter kennen als einsprachige, ihr konzeptioneller Wortschatz aber gleich gross ist. Dieser umfasst das Vokabular, das entweder in der einen, in der anderen oder in beiden Sprachen verstanden wird. Geleitet hat diese Untersuchung Wermelingers Kollegin Anja Gampe. Sie entwickelte dafür extra einen computerbasierten Sprachtest, den fast 900 Kinder aus dem Grossraum Zürich absolvierten. Die Kinder sahen jeweils sechs Bilder und hörten ein Wort. Ihre Aufgabe war es, das dazu passende Bild auf dem Touchscreen anzuzeigen. Bilinguale Kinder führten den Test in zwei Sprachversionen durch.
Auch bei sogenannten Sprachentwicklungsstörungen, also markanten Abweichungen vom altersgemässen Spracherwerb, werden Sprachtests angewendet. Katrin Skoruppa, Logopädieprofessorin an der Universität Neuenburg, rät dabei aber zu Vorsicht. Ihre Mitarbeiterin Salomé Schwob untersuchte jüngst, wie sich Störungen bei fünfbis achtjährigen Kindern feststellen lassen.
Schwierige Diagnose bei Mehrsprachigen
Die Ergebnisse unterstreichen den internationalen Konsens, dass Sprachstandstests für die Diagnose von bleibenden Störungen bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern ungeeignet sind. «Weil diese Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung in ihren Einzelsprachen hinter den einsprachigen Altersgenossen bleiben können, kommt es häufig zu Fehlinterpretationen», erklärt Skoruppa. Früher sei deswegen oft überdiagnostiziert worden, heute werde eher unterdiagnostiziert. «Weist ein bilinguales Kind im Kindergartenalter sprachliche Schwächen auf, unternimmt man häufig erst mal gar nichts. In der Annahme, dass bloss eine Verzögerung vorliegt.» So aber könnten Störungen unentdeckt bleiben. Die Studie von Schwob und Skoruppa unterstreicht dagegen das Potenzial eines neuen Ansatzes: das dynamische Assessment. Dabei werden Verarbeitungs und Lernfähigkei

ten für neue, unbekannte sprachliche Strukturen untersucht. Eine solche Analyse des Sprachlernverlaufs könnte im Prinzip auch ohne langwierige Abklärungen in den Alltag integriert werden, erklärt Skoruppa. Sprachschwache Kinder würden direkt in logopädisch angeleitete Fördergruppen aufgenommen und ihre Fortschritte über einen längeren Zeitraum dokumentiert. «Eine anhaltende Stagnation ist dann als klares Zeichen für eine Störung und einen logopädischen Therapiebedarf zu werten.»
Unterstützend bei Dyslexie und Autismus
Bleibende Sprachstörungen treten bei mehrsprachigen Kindern nicht häufiger auf als bei Monolingualen: «Ich bekomme dieses Vorurteil zwar oft zu hören, doch es gibt keinen kausalen Zusammenhang», sagt Skoruppa. Auch bei Lese und Schreibschwächen schliesst die Forschung Kausalität aus. «Dyslexie betrifft etwa eine von zehn Personen und wird mit genetischer Veranlagung erklärt», sagt Irene Balboni. Die Neuropsychologin forscht an der Universität Genf und hat jüngst 40 internationale Studien zum Thema «Dyslexie und Bilinguismus» ausgewertet.
Mehrsprachigen Familien werde oft empfohlen, mit ihrem legasthenen Kind nur noch in einer Sprache zu kommunizieren, sagt Balboni. Die Folgen seien schwerwiegend: Die Kinder verlieren den Zugang zu einer Kultur, manchmal die Nähe zu einzelnen Familienmitgliedern. Ohne Not. «Zweisprachigkeit hat keine konsistenten negativen Auswirkungen auf legasthene Kinder.» Sie könne in einigen Bereichen sogar unterstützend wirken, etwa beim Erkennen der phonologischen Struktur einer Sprache.
Ähnlich verhält es sich bei Kindern im AutismusSpektrum. «Noch immer geistert der Mythos herum, dass Mehrsprachigkeit diese Kinder überfordert und ihre Entwicklung hemmt», sagt Stephanie Durrleman, Professorin für Linguistik an der Universität Freiburg. «Unsere Studie widerlegt dies klar.» Mehr als 400 ein und mehrsprachige Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren nahmen an ihrer Untersuchung teil, darunter neurotypische und autistische Kinder.
Die Bewertung ihrer kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten erfolgte mittels detaillierter Fragen an die Eltern und über Aufgaben, welche die Kinder am Tablet durchführten. «Von der Mehrsprachigkeit profitieren sowohl die neurotypischen als auch die autistischen Kinder», bilanziert Durrleman. «Wir sehen Verbesserungen in Bereichen, die bei Autismus oft Schwierigkeiten bereiten.» Dazu gehörten Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzubeziehen. Mehrsprachigkeit diene als eine Art «natürliche Therapie», vermutet daher die Linguistin. Die Forschung belegt also letztlich, dass mehrsprachige Kinder ziemlich ähnliche Voraussetzungen haben wie Kinder, die einsprachig aufwachsen. Zeit, die verschiedenen Vorurteile, Neid und Besorgnis abzulegen und zu Hause einfach entspannt die jeweiligen Muttersprachen fliessen zu lassen.
Die Leistungsfähigkeit von künstlicher Intelligenz wächst rasant – und damit auch ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Obwohl Unternehmen nur zurückhaltend Zahlen dazu veröffentlichen, versuchen Forschende ihren CO2-Fussabdruck einzuschätzen.
Text Daniel Saraga
Im Jahr 2009 verbrauchte eine Google-Suche laut Angaben des Konzerns etwa 0,3 Wattstunden Strom – so viel wie eine 18 Sekunden lang leuchtende 60-Watt-Glühbirne. Gemäss der NGO Epoch AI ist eine Standardeingabe bei Chat-GPT überraschenderweise mit demselben Stromverbrauch verbunden. Ein eindrückliches Zeugnis für die Fortschritte bei der Energieeffizienz von Rechenzentren. Das ist allerdings ein Durchschnittswert, da der Energieverbrauch einer Anfrage von ihrer Komplexität, der benötigten Rechenzeit und dem verwendeten Modell abhängt. Er steigt mit der Anzahl der Parameter des künstlichen neuronalen Netzes, die beispielsweise je nach Variante beim Open-Source-Modell Llama 3.1 zwischen 10 und 400 Milliarden liegt. Für ChatGPT liegen dazu keine Zahlen vor. Und die Energieeffizienz hält nicht Schritt mit dem exponentiellen Wachstum der Nutzung von KI-Anwendungen. In den USA stieg der Strombedarf von Rechenzentren, nachdem er zwischen 2014 und 2016 relativ stabil geblieben war, immer schneller und verdreifachte sich schliesslich laut einem Bericht des Lawrence Berkeley National Laboratory von Ende 2024 in weniger als zehn Jahren. Mit 180 Terawattstunden verschlingt er vier Prozent des landesweiten Bedarfs. Im Jahr 2023 ging ein Viertel dieses Verbrauchs der Dateninfrastruktur auf das Konto von KI. Bis 2028 dürfte dieser Anteil die Hälfte erreichen und die Kryptowährungen überholen. Der Energieaufwand für das Training von KI-Modellen wird dann auch den Verbrauch für die Nutzung übersteigen. Die Prognosen der Internationalen Energieagentur sind ähnlich: Der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren dürfte sich bis ins Jahr 2035 verdrei- oder sogar vervierfachen.
Schweiz bei Rechenzentren ganz vorne Dieser Trend zeigt sich auch in der Schweiz: Beanspruchten Rechenzentren 2019 noch 3,6 Prozent des landesweiten Strombedarfs, waren es 2025 bereits 6 bis 8 Prozent, und bis 2030 könnte der Anteil laut einer Erhebung von SRF auf 15 Prozent steigen. «Die Schweiz
ist zu einem wichtigen Standort für Datenzentren geworden», erklärt Louise Aubet, sie ist Forschungsleiterin bei Resilio, einem Westschweizer Beratungsbüro für Umweltauswirkungen der Digitalisierung. «Im Verhältnis zur Bevölkerung verfügt sie über die zweitgrösste Anzahl Zentren in Europa. Sie exportiert viele Cloudcomputing-Dienstleistungen.»
Während viele europäische Länder Nettoimporteure digitaler Dienstleistungen sind, insbesondere aus dem Silicon Valley, gleichen die Schweizer Exporte die Importe aus. Die Konsequenz ist: «Bei der Umweltbelastung durch den digitalen Sektor hierzulande kommt es aufs Gleiche raus, ob der Verbrauch von Dienstleistungen quantifiziert wird – inklusive der Importe – oder die Produktion – inklusieve der Exporte», so Aubet.
Dabei darf auch die graue Energie nicht vernachlässigt werden, die mit der Herstellung von Hardware verbunden ist. Denisa Constantinescu von der EPFL untersucht deshalb, ab wann ein Rechenzentrum die technische Infrastruktur durch weniger ressourcenintensive Komponenten ersetzen sollte. «Bei uns ist Strom relativ teuer. Das spricht dafür, dass Chips bereits nach weniger als vier Jahren ausgetauscht werden», erklärt die Forscherin. «Da er jedoch zu mehr als 95 Prozent ohne direkte CO2-Emissionen erzeugt wird, erzielt eine Reduktion des Energiebedarfs nur einen relativ geringen Nutzen für das Klima.» In China ist die Situation umgekehrt: Strom ist dort zwar günstig, aber durchschnittlich mit einem zehnmal höheren CO2-Ausstoss verbunden. Wirtschaftlich gesehen wäre es vorteilhaft, die Hardware erst alle sieben Jahre auszutauschen. Zwei Jahre früher könnte die Emissionen jedoch um 98 Prozent senken. «Das ist ein grundlegendes Problem: Ökologische und wirtschaftliche Anreize stimmen häufig nicht überein.»
Energie ist aber nur ein Aspekt der Umweltbelastung durch KI. Die Herstellung der Chips, die für das Training der Modelle und deren Einsatz benötigt werden, erfordert auch grosse Mengen an Rohstoffen. Wie viel genau? «Die Unternehmen geben dazu keine genauen In-
formationen preis», erklärt Sophia Falk, die an der Universität Bonn die Umweltauswirkungen der KI untersucht. Sie machte sich deshalb daran, dies selbst herauszufinden: Zusammen mit ihrem Team zerlegte sie die GPU-Karte A100 von Nvidia, zermahlte die Bauteile zu Pulver und behandelte die Proben chemisch, bevor sie mit Emissions spektroskopie die chemischen Elemente und deren Menge bestimmte.
Problem toxische Metalle Ergebnis: Der Chip enthält 32 verschiedene Elemente, darunter sind Schwermetalle und potenziell toxische Substanzen wie Arsen, Antimon und Kupfer. In ihrer Studie schätzt sie, dass für das Training von ChatGPT-4, der 2023 veröffentlicht wurde, etwa 5000 über ein Kilogramm schwere A100-Karten verwendet worden sein könnten, für deren Herstellung mehrere Tonnen toxische Metalle abgebaut werden mussten. «Problematisch beim Bergbau sind die Gesundheitsrisiken, gerade wenn die Gewinnung der Rohstoffe noch auf herkömmliche Weise erfolgt», stellt die Forscherin fest. Und es bestünden Umweltrisiken bei der Entsorgung.
Die EU hat zwar Vorschriften zur Entsorgung von Elektroschrott erlassen, doch fehlen auch hier genaue Zahlen. «Die Unternehmen geben an, gebrauchte Chips zu sammeln, sagen aber nicht, was sie damit machen. Ob sie rezykliert oder verbrannt werden oder in illegalen oder offiziellen Deponien landen, ist ungewiss.» Der Trend geht nach oben: Der 2024 vorgestellte B200-Chip von Nvidia enthält 200 Milliarden Transistoren, also viermal so viele wie das Modell A100 aus dem Jahr 2020. Er kostet zudem dreimal so viel, aktuell rund 30 000 US-Dollar pro Stück.
Die verschiedenen Arten von Umweltauswirkungen der KI werden unterschiedlich quantifiziert: in Kilowattstunden für den Stromverbrauch, in CO2-Äquivalenten für den Klimawandel, in Litern für den Wasserverbrauch und in Tonnen Material für den Ressourcenverbrauch und die Umweltverschmutzung. «Ein standardisierter Vergleich ist über

«Leider bestehen die Geschäftsmodelle darin, mehr zu verkaufen.»
Louise Aubet
das Konzept der sogenannten neun planetaren Grenzen möglich, deren Überschreitung das Gleichgewicht unserer Erde gefährdet», erklärt Aubet, die für Resilio eine Lebenszyklusanalyse des digitalen Sektors in der Schweiz verfasst hat.
Mit 220 Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Person beansprucht die Digitalbranche 22 Prozent des CO2-Budgets der Schweiz. Dies ist die Belastungsgrenze und darf für die Einhaltung einer Klimaerwärmung um höchstens ein Grad nicht überschritten werden. Einen geringeren Anteil nimmt die Branche an der maximalen Belastungsgrenze für Feinstaub in Anspruch (13 Prozent), einen noch höheren dagegen bei der Verschmutzung von Süsswasser (38 Prozent) und bei den Rohstoffressourcen (65 Prozent). Die Prognosen alarmieren: In etwa zehn Jahren könnte der Verbrauch an Rohstoffen für die digitale Wirtschaft auf
83 Prozent der für die Schweiz berechneten planetaren Grenze ansteigen, während sich die Wasserverschmutzung auf 72 Prozent verdoppeln dürfte.
Die Studie zeigt auch, dass die Produktion die Umwelt etwa viermal stärker belastet als die Nutzung. Bei der Herstellung tragen die Datenübertragungsinfrastrukturen zu 5 Prozent zur Belastung bei, die Rechenzentren zu 20 Prozent und die elektronischen Geräte der Nutzer zu 75 Prozent, wobei 50 Prozent im privaten Bereich und 25 Prozent am Arbeitsplatz anfallen.
Der Bericht von Resilio empfiehlt – wenig überraschend –, den Bedarf an neuen Geräten zu reduzieren, deren Effizienz zu verbessern und eine sparsamere Nutzung von digitalen Dienstleistungen zu fördern. «Leider bestehen die Geschäftsmodelle darin, mehr zu verkaufen», meint Aubet. «Die Absicht der EU, gegen die geplante Obsoleszenz vorzugehen, ist in den letzten Jahren wegen Erwägungen zur Wirtschaft, Sicherheit und technologischen Unabhängigkeit zusehends geschwunden. Die Akteure der Digitalbranche in der Schweiz verfügen zwar über einen günstigen Strommix, abgesehen davon sind sie aber insgesamt nicht grüner als anderswo.»
«Künstliche Intelligenz kann Nachhaltigkeit fördern, indem sie Klimamodelle verfeinert oder Stromnetze steuert, die erneuerbare Ener giequellen mit schwankender Verfügbarkeit integrieren», gibt Falk zu bedenken. «Generative KI wie ChatGPT oder Midjourney trägt dagegen kaum zur Lösung von Umweltproblemen bei.» Ihre Nutzung, die von Unternehmen wie Microsoft oder Google stark gefördert bis aufgezwungen wird, hat wachsende Auswirkungen auf die Umwelt. Dies bei fragwürdigen und umstrittenen Produktivitätsgewinnen. KI anstelle einer Suchmaschine zu nutzen, hat Vorteile – aber auch einen Preis.
Daniel Saraga ist Wissenschaftsjournalist in Basel.
Für diesen Artikel nutzte er Chat-GPT und Notebook-LM, um Informationen zu recherchieren, wissenschaftliche Artikel zusammenzufassen, Zitate zu übersetzen und den Text korrekturzulesen. Diese Aufgaben haben schätzungsweise zehn kWh Strom im Wert von einigen Franken verbraucht.

Kleine Zellhäufchen funktionieren erstaunlich ähnlich wie ganze Organe. Diese sogenannten Organoide eröffnen neue Perspektiven für die Biologie, die personalisierte Medizin und die Entwicklung von Medikamenten – und nicht zuletzt für die Reduktion von Tierversuchen.
Text Yvonne Vahlensieck Infografik Janine Wiget
Es begann mit einem missglückten Experiment − wie so viele bahnbrechende Entdeckungen in der Wissenschaft. Die damalige Postdoktorandin Madeline Lancaster versuchte, Stammzellen aus dem Gehirn einer Maus über Nacht am Boden einer Petrischale wachsen zu lassen. Doch am nächsten Morgen fand sie nur eine trübe Flüssigkeit vor – eigentlich ein Hinweis auf abgestorbene Zellen, wie sie später im Podcast Radiolab erzählt. Ein genauerer Blick durch das Mikroskop enthüllte jedoch Erstaunliches: In der Nährflüssigkeit hatten sich die Zellen von selbst zu
Toxizitätstests mit Mini-Leber statt Mäusen
Bei der Entwicklung von Wirkstoffen müssen Pharmafirmen früh auf Nebenwirkungen achten, um eventuell noch Modifikationen vorzunehmen. Die Firma Insphero setzt deswegen auf Leberorganoide, mit denen sich toxische Effekte von Substanzen nachweisen lassen. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA akzeptiert solche Tests teilweise schon für die Zulassung von Studien in Menschen. Bis heute müssen die Wirkungen vorgängig in Tieren getestet werden. Gut möglich, dass die Miniorgane von den Behörden bald breiter akzeptiert werden. «In einem Test mit gut 150 bereits zugelassenen Medikamenten hat unser System acht der zehn Substanzen identifiziert, die nachträglich wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden mussten», so Vizepräsident Olivier Frey.
kleinen Kügelchen zusammengetan, deren Strukturen von Tag zu Tag mehr an die eines Gehirns erinnerten. Solche Zellhäufchen erobern seit über 15 Jahren die Labore der Welt. Forschende stellen nicht nur Minigehirne her, sondern auch kleinste Versionen von vielen anderen Organen wie Leber, Lunge, Niere, Darm und Netzhaut. Das Potenzial dieser sogenannten Organoide für die Grundlagenforschung und die Biomedizin ist immens: Die dreidimensionalen Gebilde kommen viel näher an die echten Verhältnisse im Körper heran als bisher verwendete flache Zellkulturen. Sie bestehen – wie echte Organe auch –aus verschiedenen Typen von Zellen, die sich in geordneten Strukturen organisieren und miteinander kommunizieren. Die Ähnlichkeiten mit echten Organen sind oft verblüffend: So hat ein Herzorganoid im Inneren winzige Kammern und pulsiert im gleichen Rhythmus wie ein echtes Herz. Aus Organoiden des Darms wachsen rundum Zipfelchen heraus, die genauso aufgebaut sind wie die Zotten des Dünndarms, über die Nährstoffe aufgenommen werden. Und Nervenzellen in Hirnorganoiden senden einander elektrische Signale.
Für die Herstellung der Strukturen braucht es fein abgestimmte Rezepte, jeweils angepasst an das gewünschte Endprodukt: «Da steckt einerseits viel Aufwand und Erfahrung dahinter, andererseits ist es auch ein bisschen Kunst», sagt Olivier Frey, Vizepräsident des ETH-Spin-off Insphero, das unter anderem Leber- und Darmorganoide verkauft. «Ziel ist es, dass sie möglichst gut die Funktion des ursprünglichen Organs repräsentieren.» Die Miniorgane lassen sich aus verschiedenem Ausgangsmaterial herstellen: Am Anfang stehen oft Stammzellen, die das

Potenzial haben, sich zu unterschiedlichsten Zelltypen weiterzuentwickeln. Seit etwa 20 Jahren gibt es ein Verfahren, solche sogenannten pluripotenten Stammzellen beispielsweise aus Bindegewebe herzustellen. Alternativ lassen sich die Miniorgane aber auch aus Gewebeproben zum Beispiel von Biopsien produzieren.
Die Forschenden platzieren die Zellen dafür oft in einen Tropfen einer gelartigen Materie. Die darin enthaltenen Substanzen formen eine Art Gerüst, das die Bildung von Zellhäufchen anstösst. Ein ausgeklügelter Mix aus Nährund Signalstoffen entscheidet dann darüber, ob sich aus den Häufchen eine Minileber, eine Minibauchspeicheldrüse oder ein ganz anderes Organoid entwickelt. Der Prozess von einzelnen Zellen bis zum wenige Millimeter grossen strukturierten Gebilde kann sich über Wochen oder gar Monate erstrecken, in denen es sorgfältig aufgepäppelt und überwacht werden muss.
Ein weiteres Plus neben der Ähnlichkeit zu echten Organen: Die Organoide lassen sich problemlos aus menschlichen Zellen herstellen. Bisher war die Forschung immer dadurch limitiert, dass sie nicht direkt an menschlichen Organen durchgeführt werden kann. Und die herkömmlichen Zellkulturen, die in einer dünnen Schicht am Boden von Petrischalen kleben, sind weit von den realen Verhältnissen im Körper entfernt. Oft führen Forschende deswegen Versuche in Mäusen oder anderen Tieren durch, die aufgrund von genetischen Veränderungen menschenähnliche Krankheitsbilder aufweisen.
«Für mich war es schon immer ganz wichtig, an einem menschlichen System zu forschen», sagt Ralph Müller, Professor für Biomechanik an der ETH Zürich. Ihn interessiert, wie sich Knochen bilden und wieder abbauen, beispielsweise bei Osteoporose. Seinem Team ist es gelungen, einen Teil dieser Prozesse mit menschlichen Knochenorganoiden nachzubilden. Hierfür drucken sie feine Gitter aus einem Gel, in dem sich Vorläufer von Knochenzellen befinden. Die Knochenzellen werden neben anderen Nährstoffen auch mit Mineralien gefüttert. Zudem werden die Gitter dreimal die Woche für einige Minuten leicht zusammengedrückt. Dies simuliert die mechanische Belastung, die
Kranke und gesunde Gehirne vergleichen
Das Gehirn besteht etwa zur Hälfte aus Stützzellen, die unter anderem Energie für die Nervenzellen bereitstellen. Diesen Prozess bildet die Firma Gliapharm in Organoiden nach, die aus Nervenzellen, umhüllt von Stützzellen, bestehen. Damit hat das EPFL-Spin-off einen Wirkstoff zur Behandlung der seltenen Erbkrankheit namens Glut1Defizit-Syndrom getestet, bei der Energiemangel zu epileptischen Anfällen führt. Dafür wurde die elektrische Aktivität der Minigehirne aus Zellen von erkrankten und von gesunden Menschen verglichen. Laut Mitgründer und Forschungsleiter Charles Finsterwald lassen sich mit dem Wirkstoff vielleicht auch Erkrankungen wie Alzheimer oder Depressionen lindern, bei denen die Energieversorgung der Nervenzellen ebenfalls beeinträchtigt sein kann.
für den Aufbau von Knochen notwendig ist. «Nach etwa vier Wochen haben wir ein gut mineralisiertes Gerüst, das mit lebenden Zellen besiedelt ist, die untereinander kommunizieren. Im Menschen würde dies drei Jahre dauern», so Müller.
Diese belastbaren Konstrukte verwendet Müller in seinem Labor für biologische Grundlagenforschung. Aus seiner Arbeit ist auch ein Spin-off namens Compagos hervorgegangen, das Knochenorganoide in der Medizin einsetzen möchte: etwa für die Suche nach neuen Medikamenten gegen die seltene erbliche Glasknochenkrankheit. Oder für die Diagnose von Metastasen bei Knochenkrebs. Und vielleicht in der Zukunft sogar für den beschleunigten Wiederaufbau von beschädigten Knochen.
Mit diesen Ideen ist die Firma nicht allein. Zahlreiche Start-ups − aber auch die grossen Pharmafirmen − investieren mittlerweile in die neue Technologie. Zellkugeln werden bereits für die Vorselektion von neuen Wirkstoffen, toxikologische Tests und personalisierte Therapien eingesetzt. Die Hoffnung ist auch, dass die Kleinstorgane eines Tages die Transplantationsmedizin revolutionieren. Aus Zellen von Erkrankten könnte genetisch identisches Ersatzgewebe für Organe gezüchtet werden – so dass eine Abstossung kein Problem mehr darstellt. Erste Schritte in

diese Richtung gibt es beispielsweise für die LangerhansInseln der Bauchspeicheldrüse, die bei Menschen mit Diabetes geschädigt sind. Sie gleichen in ihrer natürlichen Form schon Organoiden.
«Bei einer neuen disruptiven Technologie gibt es immer zuerst eine explosive Entwicklung, vor allem in der Forschung. Dann kommt der Übergang zur industriellen Anwendung», sagt Gilles Weder, Leiter des Bereichs Forschung und Life Sciences am Technologie-Innovationszentrum CSEM in Neuenburg und Allschwil (BL). Sein Team arbeitet mit zahlreichen Start-ups und Pharmafirmen zusammen, um den Einsatz von Organoiden weiterzutreiben.
Dazu gehört die Entwicklung von automatisierten Systemen zur Aufzucht und Pflege einer grossen Anzahl der Miniorgane. Denn dies von Hand zu tun, ist enorm zeitaufwändig. Deswegen übernehmen mittlerweile Pumpen, Schläuche und Pipettierroboter diese Aufgabe. Sie können beispielsweise Hunderte davon in den Näpfchen von Laborplatten versorgen. Das aus dem CSEM hervorgegangene Start-up Visienco hat zudem einen Apparat entwickelt, der
Für personalisierte Krebstherapie
Jeder Tumor ist anders – die Herausforderung ist deshalb, für jede Patientin individuell die beste Therapie zu finden. Dabei können Organoide jetzt schon im kleinen Rahmen helfen, wie Brustkrebsforscher Mohamed Bentires-Alj von der Universität Basel erklärt. Sein Team kultiviert patientenspezifische Tumororganoide aus Gewebe einer Biopsie und testet den Effekt von Medikamenten auf deren Wachstum und Überleben – zum Beispiel, wenn es um die Entscheidung zwischen gleichwertigen Behandlungsoptionen geht. So kann Patientinnen eine schlecht wirkende Therapie und deren Nebenwirkungen erspart bleiben. Noch ist die Methode auf schwere Einzelfälle beschränkt. Es fehlen grosse Studien, die belegen, dass Tumororganoide genauso auf ein Medikament reagieren wie der echte Tumor.
nicht gut gediehene Organoide blitzschnell erkennt und aussortiert, damit alle gleich gross und im selben Entwicklungsstadium sind. Diese Standardisierung ist für Anwendungen in der Industrie enorm wichtig, etwa wenn es um toxikologische Studien oder die Wirkweise von Medikamenten geht.
Die Automatisierung betrifft auch die Durchführung und Auswertung der Tests mit den Zellkugeln – sei es die Messung von elektrischer Aktivität in Hirnorganoiden, das Zählen von abgestorbenen Zellen oder die Quantifizierung von Fluoreszenz. Um die dabei anfallenden riesigen Datenmengen auszuwerten, braucht es schon oft Unterstützung durch eine KI. Besonders damit die Zahl von Tierversuchen reduziert werden kann, ist unbedingt mehr Standardisierung und Validierung nötig.
Dazu müssen die Zellkugeln aber die Wirklichkeit noch besser abbilden. Und auch daran wird gearbeitet: Viele Forschungsteams versuchen Organoide zu züchten, die Blutgefässe bilden und mit Immunzellen angereichert sind. Dies imitiert die physiologische Mikroumgebung noch genauer. Eine weitere Annäherung an physiologische Verhältnisse versprechen auch sogenannte Organe-auf-demChip. Hierfür werden verschiedene Arten der Zellkugeln in Aussparungen auf einem Plastikchip platziert und durch Mikrokanäle miteinander verbunden. Damit lässt sich etwa der Austausch von Stoffen über das Blut zwischen mehreren Organen simulieren. Laut Frey sind Experimente mit solchen Chips aber im Moment noch sehr aufwändig, so dass sie derzeit noch eher in der Forschung als in der Industrie zum Einsatz kommen.
Eine sehr grosse Annäherung an echte physiologische Verhältnisse könnte aber auch neue Probleme bedeuten. Einige befürchten zum Beispiel, dass elektrisch aktive Minigehirne ein eigenes Bewusstsein entwickeln könnten, was neue ethische Fragen aufwerfen würde. Dafür besteht laut Weder aber noch lange keine Gefahr. Organoide verfügen zwar über verblüffende Fähigkeiten. «Sie haben aber nur eine begrenzte Zahl an Funktionen und kommen an die Komplexität von lebenden Organismen bei weitem nicht heran.»
Yvonne Vahlensieck ist Wissenschaftsjournalistin in Ettingen (BL).

Hauchdünn, selbst unter dem Mikroskop durchsichtig, und doch ist Graphen stabiler als Diamant. Weil es zudem Wärme und Strom leitet, ist es perfekt für elekronische Bauteile. Foto: Imec
Hochspezialisierte Bauelemente für Schaltkreise werden wohl bald auch aus Graphen hergestellt. Die nahe Zukunft der Elektronik liegt vermutlich in der Anwendung kombiniert mit Silizium.
Text Hubert Filser
Aus einem dunkel glänzenden Stück Grafit, wichtiger Bestandteil von Bleistiftminen, ziehen zwei Physiker mit einem Klebestreifen zunächst mehrere Lagen von Kohlenstoffatomen ab. Sie wiederholen das Prozedere, bis unter dem Mikroskop nur noch eine durchsichtige Schicht übrigbleibt, ein zweidimensionales wabenförmiges Muster. Graphen. Es ist hauchdünn, stabiler als Diamant und leitet Strom und Wärme – und ist damit ein ideales Material für die Elektronik.
In der besonderen Gitterstruktur sind die Elektronen extrem mobil, erklärt Oliver Gröning vom Forschungsinstitut Empa in Dübendorf. Ausserdem ist Graphen wandlungsfähig. Je nach Struktur auf Nanoebene lassen sich seine elektrischen, optischen und magnetischen Eigenschaften verändern und kontrollieren. «Man kann daraus alles erzeugen, was man in der Elektronik braucht: einen Leiter, einen Isolator, einen Halbleiter», sagt Gröning.
«Graphen wird so zur Stammzelle der Elektronik.» Die EmpaForschenden arbeiten mit mannigfaltig geformten GraphenNanobändern, die sie synthetisch herstellen und deren Geometrie sie auf der atomaren Ebene steuern können. Auf diese Weise entstand etwa ein Transistor, ein zentrales Bauelement moderner Elektronik. Mit einer Bandlücke, die Graphen eigentlich nicht hat, also eine Energieschwelle, die bestimmt, ob Strom durch den Transistor fliesst oder nicht. «Wir können diese beim GraphenTransistor nun sogar gezielt einstellen und ihn damit für bestimmte Spannungsbereiche oder spezielle optische Wellenlängen empfindlich machen.»
Noch hat Silizium die Nase vorn Aktuell ist in der Elektronik für Chips Silizium das Mass aller Dinge. Laut Gröning hat die Siliziumindustrie bei Prozesstechniken denn auch Jahrzehnte Vorsprung vor Graphen. Es
gehe dabei nicht nur um die Bauelemente selbst, sondern auch um Herstellungsverfahren, die die Laboreigenschaften auch im Chip hervorbringen. «Da gibt es ein Valley of Death», so Gröning. Das ist jene Phase, in der sich zeigt, ob eine Idee den Sprung aus dem Labor in die industrielle Fertigung schafft. Dafür braucht es enorme Entwicklungsarbeit und grosse infrastrukturelle und finanzielle Ressourcen.
Doch Miniaturisierung und Taktung klassischer Siliziumchips stossen bald an Grenzen. Gröning hält es daher für wahrscheinlich, dass zunächst einzelne, hochspezialisierte GraphenBauelemente in bestehende Schaltkreise integriert werden. Auch Alberto Morpurgo von der Universität Genf denkt: «Graphen könnte helfen, Probleme von Silizium zu lösen, etwa die Wärme von Hochleistungschips effizient abzuleiten, und so eine höhere Taktung erlauben.»
Morpurgos Gruppe untersucht beispielsweise Anwendungen der sogenannten Spintronik. Dabei wird der Spin eines Elektrons gezielt manipuliert und als logischer Speicher genutzt; dessen Zustände entsprechen dann 0 und 1. Bauelemente lassen sich damit schnell schalten und stark miniaturisieren. «Wir stehen hier aber noch am Anfang», so der Forscher, der auch am Graphene Flagship der EU beteiligt war.
Auf in die Welt der 2D-Materialien!
Weiter möglich sind Anwendungen wie Infrarotsensoren. Morpurgo verweist auf das Projekt eines spanischen Startups, das eine Infrarotkamera auf Graphenbasis entwickelt hat. «Diese könnte Autos helfen, durch Nebel zu sehen, da Wassertröpfchen sichtbares Licht stark absorbieren, tiefes Infrarot deutlich weniger.» Die Prototypen verwenden einen Siliziumchip mit einer Matrix aus Kontakten, darüber eine Graphenschicht und HalbleiterNanostrukturen, die Infrarotlicht absorbieren und Elektronen an das Graphen weitergeben. Jeder Kontakt arbeitet wie ein Pixel in einer Kamera.
Morpurgo erwartet, dass in der Elektronik generell zweidimensionale Materialien wichtig werden, neben Graphen etwa hexagonales Bornitrid oder Hybridsysteme aus beiden Materialien. «Graphen hat ein neues Forschungsfeld eröffnet», sagt Morpurgo. «Was einst einzigartig schien, ist heute Teil eines grösseren Territoriums. Graphen hat ein neues Paradigma geschaffen.»
Hubert Filser ist Wissenschaftsjournalist in München.
Die Schweiz verzichtet auf eine systematische Langzeitüberwachung der Belastung der Bevölkerung durch Umweltschadstoffe. Forschende sprechen von einer vertanen Chance – mit potenziell toxischen Folgen.
Text Samuel Schlaefli
Ein Meilenstein der Schweizer Gesundheitsforschung hätte sie werden können, die «Schweizer Gesundheitsstudie». Vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2014 lanciert, gemeinsam mit der Swiss Biobanking Platform sowie mehreren Kliniken und Universitäten. Bei 100 000 Freiwilligen zwischen 20 und 69 Jahren sollte während mindestens 20 Jahren regelmässig Urin und Blut untersucht werden. Die involvierten Forschenden wollten wertvolle Daten über den Gesundheitszustand und die chemische Belastung der Bevölkerung sammeln und besser verstehen, wie sich Ernährung und Lebensstil auf die Entstehung von Krankheiten auswirken. Für die langfristige Speicherung der Proben wäre eine Biobank aufgebaut worden.
2020 wurde dafür eine Pilotstudie mit fast 800 Erwachsenen aus den Kantonen Bern und Waadt durchgeführt. Ziel war es, Methoden für die umfangreiche Langzeitstudie zu testen und die nötige Infrastruktur aufzubauen. Im August 2023 publizierte das BAG die Ergebnisse: Die Teilnehmenden waren durch PFASChemikalien, Schwermetalle und das Pestizid Glyphosat belastet. Meist lag die Konzentration zwar unter dem gesundheitsrelevanten Schwellenwert, jedoch gab es wichtige Überschreitungen. Dann, im August 2025, kam die überraschende Absage für die Langzeiterhebung: Sie sei zu teuer, so der Bundesrat in einer Stellungnahme. Die Kosten waren auf 10 bis 12 Millionen Franken pro Jahr geschätzt worden. Das könne sich die Schweiz derzeit nicht leisten.
Martin Scheringer, Privatdozent an der ETH Zürich und spezialisiert auf organische Umweltchemie, versteht das nicht: «Etwas grob gesagt: Der Entscheid ist falsch, dumm und nicht evidenzbasiert.» Scheringer beschäftigt sich in seiner Forschung mit PFAS, einer Gruppe von mehreren tausend synthetischen Industriechemikalien, die seit den 1970er-
Jahren in grossem Umfang eingesetzt werden. Hohe Belastungen können das Risiko für Nieren-, Brust- und Hodenkrebs erhöhen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. «Eine nationale Kohortenstudie hätte uns ein genaueres Bild gegeben, wie stark die Schweizer Bevölkerung tatsächlich durch PFAS belastet ist.»
Scheringer gibt ein konkretes Beispiel für den Nutzen solcher Daten: Letztes Jahr sprach ihn ein Hobbyfischer an, der am Zugersee lebt und regelmässig Fisch aus dem See ass. Er machte sich Sorgen um seine Gesundheit. Scheringer riet ihm, sein Blut im Labor auf die vier häufigsten PFAS untersuchen zu lassen. Das Resultat: 537 Mikrogramm Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) pro Liter Blut, eine Chemikalie, die zur Gruppe der PFAS gehört. Das ist das 77-Fache des Grenzwerts, der als gesundheitlich unbedenklich gilt. «Mit einer nationalen Gesundheitskohorte liessen sich einzelne Menschen, grössere Gruppen und Hotspots, die stark durch bestimmte Chemikalien belastet sind, ausfindig machen», ist Scheringer überzeugt.
Dass insbesondere PFOS eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit ist, hatte auch die BAG-Pilotstudie gezeigt: Bei gegen vier Prozent der Teilnehmenden wurde der gesundheitsrelevante Schwellenwert überschritten. Anhand von Blut- und Urinwerten könnten Behörden auf zentrale Expositionsquellen schliessen: belastetes Gemüse, Fleisch oder Fisch. «Das ist keine akademische Übung», sagt Scheringer. «Mit solchen Daten können konkrete Schutzmassnahmen für die Bevölkerung getroffen werden.»
Auch Nicole Probst-Hensch kann den Entscheid des Bundes nicht nachvollziehen. Die Epidemiologin am Schweizerischen Tropenund Public-Health-Institut (Swiss TPH) in Allschwil bei Basel war massgeblich an der Entwicklung der nationalen Gesundheitsstudie beteiligt. «Kohorten, die über viele Jahre begleitet werden, sind für uns genauso wichtig wie ein gut ausgestattetes Labor für den
Grundlagen forscher», sagt Probst-Hensch. «Bei Letzterem fragt sich auch niemand, ob das wirklich nötig sei.» Es genüge nicht, nur die Chemikalienbelastung in der Umwelt zu messen, wie dies heute bereits getan wird.
Schaden für Forschungsstandort
Sie verweist auf Sapaldia, die älteste Schweizer Kohortenstudie zu Lungen- und Herzkrankheiten, die seit dem Jahr 1991 läuft. Je nach Phase begleitete sie bis zu 10 000 Personen. In einer Biobank wurden Zehntausende von biologischen Proben gesammelt, die auch Jahre später bei spezifischen Forschungsfragen analysiert werden können. Die Studie habe wesentlich zu einem besseren Verständnis von Risikofaktoren wie Luftverschmutzung und Lärm beigetragen, sagt Probst-Hensch. Zudem sei sie ein Musterbeispiel für den gesellschaftlichen Nutzen von Public-HealthForschung: «Wir haben eng mit dem Bundesamt für Umwelt zusammengearbeitet, und schliesslich wurde ein Grenzwert für Luftschadstoffe eingeführt.» Zehn Jahre später konnte die positive Auswirkung auf die Gesundheit in der Kohorte nachgewiesen werden.
Auch für den Forschungsstandort Schweiz sei das von unschätzbarem Wert. «Dank Sapaldia konnten wir Millionen von Drittmittelgeldern einwerben und uns an internationalen Studien beteiligen.» Wenn hingegen heute Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland genetische Daten und Analysen einer 2014 gestarteten Kohorte mit über 200 000 Personen präsentierten, frage sie sich: «Was kann die Schweiz beitragen?» Probst-Hensch befürchtet, dass Schweizer Forschende den Anschluss an internationale Umweltforschung und Projekte zu Präventions- und Therapieansätzen verlieren.
Dass es in der Schweiz an epidemiologischen Langzeitdaten zur Gesundheit fehlt, wurde bereits mehrfach festgestellt. Die Eidgenössische Finanzkommission kam in einem Bericht von 2024 zum Schluss: «Ein Monito-

Eine Kuh grast auf der Eggersrieter Höhe im Kanton St. Gallen. Manche der Böden dort sind mit PFAS belastet, und das Fleisch der weidenden Tiere kann die Grenzwerte überschreiten. Foto: Gian Ehrenzeller / Keystone-SDA
ringsystem, das problematische Stoffe in allen Umweltmedien und beim Menschen repräsentativ beobachtet, ist notwendig.» Das volkswirtschaftliche Risiko durch Exposition sei hoch.
Und selbst das BAG bestätigt auf Anfrage einen Mangel: «Es gibt heute keine national repräsentativen Daten zu PFAS und Pestiziden.» Zwar sei das BAG weiterhin an einem nationalen Programm für das Humanbiomonitoring interessiert, könne aber nicht zur Finanzierung beitragen. Das BAG habe jedoch einer entsprechenden Initiative der Forschungsgemeinschaft seine fachliche Unterstützung angeboten.
Parkinson als Berufskrankheit
Stephan Bohlhalter ist Leiter der Klinik für Neurologie und Neurorehabilitation am Luzerner Kantonsspital. In seiner Sprechstunde sieht er regelmässig Bäuerinnen und Bauern, die an Parkinson leiden. «Das ist auffällig», sagt er. Die Aussagekraft der von ihm gesammelten Daten sei jedoch begrenzt. «Mit einer nationalen Gesundheitsstudie könnten wir überregionale und repräsentative Aussagen
treffen.» Parkinson sei weltweit die am stärksten zunehmende neurologische Krankheit, so Bohlhalter. Dass Pestizidexposition das Risiko erhöht, daran zu erkranken, sei in zahlreichen internationalen Studien belegt worden. In Frankreich und Deutschland wird Parkinson bei Bauern mittlerweile als Berufskrankheit anerkannt.
Als Präsident des Fachlichen Beirats Parkinson Schweiz hat Bohlhalter auch Kontakt zur Politik. Seine Einschätzung: Fragen zu den gesundheitlichen Konsequenzen von Pestiziden für exponierte Berufe und die breite Bevölkerung interessierten im Parlament derzeit nur wenige. Bei einem Besuch im Bundeshaus habe ein Politiker kürzlich zu ihm gesagt: Es sei genügend darüber diskutiert worden. Das Thema habe keine Priorität mehr. Bohlhalter findet deshalb: «Es braucht jetzt Druck aus der Öffentlichkeit und der Forschung, sonst bewegt sich punkto Public Health nichts.»
Beim Schweizerischen Bauernverband (SBV) sieht man keinen Handlungsbedarf bezüglich Parkinson. Eine Sprecherin des SBV schreibt: «Die Bauern machen sich mehr Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation als um
ihre Gesundheit.» Schon heute könne Parkinson bei Personen, «die berufsbedingt Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind», als Berufskrankheit anerkannt werden. Sie verweist zudem auf eine kleine Kohorte, die vom Swiss TPH seit 2022 mit fast 900 Landwirtinnen und -wirten durchgeführt wird. Diese basiert jedoch einzig auf Fragebögen, ohne Probennahme und dazugehörige Biobank.
Umweltchemiker Martin Scheringer steht zwar mit Regulierungsbehörden von einzelnen Kantonen in Kontakt, aber auf Bundesebene fehle eine funktionierende Schnittstelle. «Politik ist nicht evidenzbasiert, sondern interessengeleitet», sagt er. Er beobachte, wie finanzkräftige Unternehmen regelmässig versuchten, den öffentlichen Diskurs zu PFAS und Pestiziden und deren Regulierung zu beeinflussen. «Die chemische Industrie hat einen deutlich besseren Zugang zur Politik als die Forschung», so Scheringer. Im März 2026 hat der Ständerat denn auch beschlossen, dass die Überprüfung von Pestizidzulassungen zugunsten der Landwirtschaft gelockert werden soll.
Samuel Schlaefli ist freier Journalist in Basel.

Einsatz gegen Aids
Laurence Toutous Trellu (58) ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Nach ihrem Medizinstudium in Brest spezialisierte sie sich in Paris und promovierte dort 1997 an den öffentlichen Universitätsspitälern. Anschliessend wechselte sie an die Universitätskliniken Genf in die Abteilung für HIV/Aids. Seitdem lebt sie in der Schweiz, wurde 2011 Privatdozentin an der Universität Genf und 2024 zur ausserordentlichen Professorin ernannt. Sie forscht hauptsächlich zu Hautinfektionen, vernachlässigten Tropenkrankheiten und sexuell übertragbaren Leiden. Dabei unterhält sie zahlreiche internationale Kooperationen und engagiert sich bei Ärzte ohne Grenzen.
Für die Dermatologin Laurence Toutous Trellu war die Zeit der Aidsepidemie ein Schock, die Ungleichheit der Gesundheitsversorgung im globalen Süden auch. Sie engagiert sich nun entschieden in Forschung und Behandlung und behält immer den Sinn für das Schöne. Text Marion de Vevey Foto Guillaume Megevand
Im Schneidersitz vor dem Genfer Springbrunnen betrachtet Laurence Toutous Trellu den See. «Diese Farbe, diese Reinheit hat etwas Magisches. Es macht mir Freude, das Schöne zu suchen.» Der Sinn für Ästhetik, das Gespür für Nuancen, Texturen und Lichtspiele hat die Ärztin schon immer begleitet. Ihr aufmerksamer Blick hat in einen besonderen Bereich der Medizin geführt: zur Haut, zu einer lebendigen Oberfläche, auf der sich die Spuren der Zeit und das fragile Gleichgewicht des Körpers abzeichnen. Mit ihrem auf der Landschaft ruhenden Blick wirkt Toutous Trellu gelassen. Eine willkommene Auszeit zwischen den immer dichter gesetzten Sprechstunden und Verantwortlichkeiten in Forschung und Lehre. Der See, in dem sie das ganze Jahr über badet, schenkt ihr einen seltenen Moment der Ruhe. Das belebende Blau erinnert die Fachärztin für Haut und Geschlechtskrankheiten auch an ihre Kindheit, die sie am Atlantik in der Bretagne verbracht hat. Als junge Frau packte sie zunächst die Idee, den Menschen «mit all seinen Schönheiten und Unvollkommenheiten» zu verstehen, und sie wendete sich der Anthropologie und der Ethnografie zu. Schliesslich entschied sie sich jedoch für die Medizin, weil diese die menschliche Komplexität mit der konkreten Behandlung verbindet. Nach dem Studium verliess Toutous Trellu die Bretagne und zog in das pulsierende Paris. Dort traf sie auf internationale Offenheit. «Eine globale Perspektive mit einem umfassenderen Blick auf den Menschen hat mich schon immer fasziniert. Paris war ein idealer Startpunkt, um die Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Farbe, Herkunft und Berufe kennenzulernen.»
Mit ihrem Pariser Mikroskop betrachtete die junge Forscherin Schnitte von menschlichem Gewebe, Mikroorganismen und andere «kleine Tierchen». Dabei entschied sie sich für die Spezialisierung in Dermatologie, einem sehr visuellen Fachgebiet. Doch Schönheit und Farben sind im oft rauen medizinischen Umfeld manchmal schwer zu erkennen. «Ich habe mein Praktikum in den 1990erJahren absolviert, mitten in den Aidsjahren. Das war ein Schock», erinnert sich Toutous Trellu. «Man musste sofort handeln, die erkrankten Menschen so gut wie möglich versorgen.» Sie erkannte, wie präzise es sich von den sichtbaren Zeichen auf der Haut auf die zugrunde liegende Infektion und ihre Komplikationen schliessen liess. Und so fand sie sich im Fachgebiet der infektiösen Dermatologie wieder. Nach Paris boten ihr die Universitätskliniken Genf eine Stelle in der HIV/AidsAbteilung an, später wechselte sie zu den Haut und Geschlechtskrankheiten.
Einsatz für Ärzte ohne Grenzen, Studie über Kolonialzeit
Laurence Toutous Trellu wendet ihren Blick vom See auf ihre Uhr, steht auf und greift nach ihrem Velo. Auf dem Rückweg ins Spital wird die Stille des Wassers schnell vom Rummel der Autos und Passanten abgelöst. Das Sprachengewirr zeugt von der Internationalität Genfs. «Ich liebe es, andere Menschen kennenzulernen. Ich reise auch gerne, bin ein bisschen ruhelos», lächelt die Forscherin, während sie ihr Velo schiebt. Sie erzählt von Reisen nach Kamerun, Mosambik und Eswatini, wo sie sich in Projekten von Ärzte ohne Grenzen engagierte, und zuletzt in die Elfenbeinküste in Zusammenarbeit mit der WHO. In diesen Ländern stellte sie Diagnosen, führte Tests durch und behandelte, oft nur mit einfachen Mitteln. Dabei kooperierte sie mit lokalen Ärzten und führte Präventionskampagnen gegen sexuell übertragbare Krankheiten durch. «Diese Arbeit ist für alle sehr motivierend. Man lernt von den Kolleginnen, und die Patienten sind sehr dankbar.»
Zum Schock der Aidsjahre kam nun der Schock der Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung dazu. Diese zu bekämpfen, war der Ärztin ein Anliegen. Auch wenn sie ihren entschlossenen Einsatz nie aufgab,
hat sie inzwischen dennoch gewisse Vorbehalte gegenüber der Idee entwickelt, dass eine Ärztin ohne jede weitere Überlegung als Retterin auftauchen sollte: «Jeder Ort hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Gewohnheiten.» Das sind Einsichten, die sie bei interdisziplinären Kooperationen gewann, darunter ein Forschungsprojekt, das sich mit den sogenannten ewigen Infektionskrankheiten befasste. Sie untersuchte dabei gemeinsam mit Historikern die Gesundheitsversorgung in der Kolonialzeit.
Keine Angst vor Hektik
Die gebürtige Bretonin erzählt, dass ihr die Freude an der intellektuellen Vielfalt der Zusammenarbeiten hilft, um mit der Brutalität ihres Berufs zurechtzukommen, der sie mit tiefen Wunden und viel Leid konfrontiert. Eine Härte, die sie manchmal erwägen lässt, «alles hinzuschmeissen und Floristin zu werden», um sich nur mit Farben und Schönheit zu umgeben. Doch die Leidenschaft für ihre Arbeit und das Bedürfnis, menschliche Geheimnisse zu ergründen, lässt sie diese Idee immer wieder verwerfen.
Um Ästhetik und Medizin zu verbinden, beteiligt sie sich an Archimed, einem Projekt zur Digitalisierung medizinischer Archive des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Fachpersonen aus den Bereichen Digital Humanities und Geschichte haucht sie den Sammlungen von verstaubten medizinischen Berichten und Dünnschnitten von Gehirnen sowie anderen menschlichen Geweben neues Leben ein. Damit lassen sich Fragen beantworten wie: Unterscheiden sich Gewebe aus der Zeit vor und nach der Einführung von Penicillin? Oder: Lässt sich KI so trainieren, dass sie diese Proben nach Pathologien klassifizieren kann? «Es ist wie ein Herbarium aus getrockneten Blüten, nur dass wir hier Biopsien und Patientendossiers scannen», schwärmt Toutous Trellu.
Vor dem Spital stellt die Dermatologin ihr Velo ab und betritt das JulliardGebäude der Genfer Spitäler, wo die hastigen Schritte des Pflegepersonals in weissen Kitteln wiederum im Kontrast zur Ruhe am See stehen. Hier sorgen das ständige Piepen der Maschinen und das Gewimmel von Personal und Patienten für einen unaufhörlichen Trubel. Die Weite des Genfersees weicht zudem einem kleinen Raum voller Akten und Computerbildschirme. Toutous Trellu jongliert mit drei Telefonen, und auf ihrem Schreibtisch wartet ein Stapel Dokumente. «Es gibt ständig etwas zu unterschreiben», erklärt sie. Bald muss sie die Patientinnen besuchen, die in der von ihr geleiteten Dermatologie hospitalisiert sind. Eine Hektik, die ihr keine Angst macht, sondern ihre Entschlossenheit und Leidenschaft nährt. Hinter ihr hängt das Foto einer Ballerina, deren Eleganz dem Raum Leichtigkeit verleiht – zweifellos eine Erinnerung daran, dass das Schöne nie weit entfernt ist.
Laurence Toutous Trellu scheint die Fähigkeit zu besitzen, dieses Schöne überall zu finden. «Es sind die Patienten, die uns das beibringen», lächelt sie. «Ich sehe Menschen, die leiden. Aber während sie auf ihre Behandlung warten, lesen sie wunderbare Bücher.» Ästhetik begleitet die Amateuroboistin durch ihr ganzes Leben: «Da sind einerseits die Noten, die auf dem Notenblatt stehen und denen man fast mechanisch folgt. Andererseits gibt es aber Nuancen; Piano, Pianissimo, Mezzoforte, die dem Alltag Harmonie und Emotionen verleihen.»
Marion de Vevey ist Wissenschaftsjournalistin in Lausanne.
wir ein
Kaufmann John Graunt las im 17. Jahrhundert aus Neugier die wöchentlichen Sterbeverzeichnisse Londons. Bald erkannte er wiederkehrende Muster bei Geburten und Todesfällen, etwa deutliche Unterschiede zwischen Stadtvierteln und Hinweise darauf, wo Krankheiten besonders heftig wüteten. Seine 1662 veröffentlichten Beobachtungen wurden zur Grundlage von Demografie und Epidemiologie. Sie zeigen: Wirksame Gesundheitspolitik beginnt mit dem Zugang zu zuverlässigen Daten – und ihrer kompetenten Interpretation.

Laura Bernardi, Vizepräsidentin des Forschungsrats des SNF
Heute sind verlässliche Daten mehr denn je die zentrale Ressource für Innovation. Sie lassen sich in immer grösseren Mengen verarbeiten. Fortschritt ist entscheidend von ihrer Erzeugung, Zusammenführung und Analyse abhängig. Sie sind etwa Grundlage für politische Entscheidungen zu Alterung, Nachhaltigkeit, gesundheitlicher Chancengleichheit, Mobilität oder digitaler Inklusion. Die Bewältigung so komplexer Herausforderungen erfordert umfassende wissenschaftliche Evidenz, die auf hochwertigen Daten beruht. Ohne öffentliche Investitionen und regulatorische Rahmen bleiben Daten jedoch über Institutionen und Sektoren hinweg fragmentiert, zwischen verschiedenen Bereichen inkompatibel oder für Forschung unzugänglich. Da Daten, die kollektiven und langfristigen gesellschaftlichen Zielen dienen, ein Gemeingut sind, muss der Staat ihre Offenheit, zeitliche Kontinuität, ethische Governance und den gleichberechtigten Zugang für Forschung und Öffentlichkeit gewährleisten.
Ein hervorstechendes Beispiel sind Kohortendaten, die über einen längeren Zeitraum Individuen und Gruppen folgen. Sie liefern wertvolle Einblicke in das Zusammenspiel sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Faktoren und lassen langfristige Trends in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden, Mechanismen hinter Ungleichheiten sowie Auswirkungen von politischen Massnahmen erkennen. Ohne Kohortendaten würde es der sozialen Innovation an der empirischen Grundlage mangeln, die für ihre Wirksamkeit erforderlich ist. Das Sammeln zuverlässiger Längsschnittdaten erfordert stabile, langfristige Investitionen. Heute werden sie hierzulande jedoch, wenn überhaupt, durch kurzfristige Instrumente finanziert, was zu anhaltender Unsicherheit führt.
Der SNF setzt sich für nachhaltige öffentliche Investitionen in die Forschung ein. Daher sollte er auch eine führende Rolle bei der Förderung einer koordinierten nationalen Strategie spielen, mit der Daten im Sinn der sogenannten FAIRPrinzipien auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar bereitgestellt werden.
Faire Chance auf Beiträge trotz steigender Nachfrage garantiert
Die sogenannte Projektförderung ist das wichtigste Instrument des SNF, um herausragende Grundlagenforschung in der Schweiz zu finanzieren. Doch in den letzten Jahren ist die Schere zwischen der steigenden Nachfrage und den zur Verfügung stehenden Mitteln immer weiter aufgegangen. Der SNF hat deshalb per 1. April 2026 Begrenzungen eingeführt. So dürfen die Forschenden innerhalb von zwölf Monaten nur noch ein Gesuch einreichen. Der maximale Förderbeitrag für ein Projekt beläuft sich nun auf drei statt auf vier Millionen Franken. Mit diesen und weiteren Massnahmen gewährleistet der SNF auch künftig für alle Forschenden faire Chancen.
Die vom SNF geförderte Forschung hat für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft grosse Bedeutung. Tausende von Projekten an Hochschulen und anderen Institutionen kreieren Wissen, das Fortschritt und Innovation ermöglicht. Im Jahr 2025 hat der SNF in anspruchsvollen Wettbewerbsverfahren 1900 neue Forschungsprojekte ausgewählt, die er mit gesamthaft rund 1,2 Milliarden Franken finanziert. Sowohl etablierte Forschende als auch Forschende in frühen Karrierephasen können dadurch ihre Ideen realisieren. Ende 2025 waren fast 6200 vom SNF finanzierte Projekte im Gang, mit über 23 000 Forschenden. Der Anteil der Frauen betrug 42 Prozent.
Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und die Stanley Thomas Johnson Stiftung haben das Förderprogramm Forschung zu Migration und Gesundheit lanciert. Ziel ist eine bessere Versorgung verletzlicher Migrantinnen und Migranten sowie die Stärkung der Forschungskapazitäten und kooperationen dazu in der Schweiz. Die Stiftung stellt 2,7 Millionen Franken über drei Jahre bereit. Finanziert werden Projekte, in denen Forschungsgruppen und Disziplinen zusammenarbeiten, prioritär Interventionsstudien. Mehr Informationen: samw.ch/migrationund-gesundheit

Bessere Behandlung krebskranker Kinder, neue chemische Trenntechnologien für die Industrie oder ein tieferes Verständnis dafür, wie Leben auf unserem Planeten und im Universum entstehen kann: Das sind drei von insgesamt sechs neuen Nationalen Forschungsschwerpunkten (NFS), die der Bund in der ersten Jahreshälfte 2026 lanciert hat. Mit den NFS fördert er interdisziplinäre Netzwerke, die Grundlagenforschung höchster Qualität zu gesellschaftlich und strategisch wichtigen Themen betreiben. Unter den bewilligten Programmen stammt keines aus den Geistesund Sozialwissenschaften. Der Bund hat deshalb entschieden, ein weiteres kompetitives Auswahlverfahren in diesem Bereich durchzuführen. sbfi.admin.ch/de/nationale-forschungsschwerpunkte
Neues Förderinstrument für Postdocs

In Abstimmung mit den Hochschulen und den Forschenden reformiert der SNF seine Karriereförderung. Der erste Schritt betrifft die Stufe Postdoktorat: Ab 2028 wird ein neues Förderinstrument eingeführt, das Ambizione und Postdoc.Mobility ablöst. Ziel ist es, die Förderung enger auf die einzelnen Stufen der wissenschaftlichen Laufbahn abzustimmen. Die Kriterien wurden neu definiert, um der Vielfalt der Laufbahnen Rechnung zu tragen. Das Instrument wird bessere Rahmenbedingungen für die Durchführung von Forschungsprojekten gewährleisten und den Schwerpunkt auf Zusammenarbeit legen – national und international.
Parlament halbiert Kürzungen, Abstriche dennoch nötig
Im Rahmen des Entlastungspakets wollte der Bundesrat das SNFBudget für 2027 bis 2029 um zehn Prozent oder 400 Millionen Franken kürzen. Diese Sparmassnahme hätte den Forschungsplatz Schweiz enorm geschwächt. In der Frühjahrssession 2026 hat das Parlament die Kürzungen auf fünf Prozent halbiert und damit grösseren Schaden für die Wissenschaft verhindert. Dennoch muss der SNF bei seiner Förderung Abstriche machen. So wird er weniger Gesuche der Forschenden bewilligen können. Und mehrere Instrumente für die internationale Zusammenarbeit müssen pausiert werden.
Lernfähiges Plugin, um thematisch verwandte Inhalte zu finden
Die Onlineplattform Metagrid verknüpft die Daten verschiedener Forschungsinfrastrukturen. Entwickelt wurde sie von der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) der Schweizerischen Akademie der Geistes und Sozialwissenschaften (SAGW). Wer die zugehörige Browsererweiterung installiert – das MetagridPlugin –, erhält bei Abfragen automatisch Hinweise auf thematisch verwandte Inhalte der derzeit 36 Partnerinstitutionen. Das Plugin basiert auf lernfähigen Algorithmen. Gleichzeitig bleibt der Datenschutz jederzeit gewährleistet. metagrid.ch
News aus Wissenschaftspolitik global
Die wissenschaftliche Arbeit und die Forschungsförderung wandeln sich rasant. Offene Wissenschaft, Vielfalt und Nachhaltigkeit, künstliche Intelligenz und Internationalisierung der Zusammenarbeit sind nur ein paar Beispiele dieser Entwicklung. Als Folge davon werden Forschungsprojekte anders konzipiert, evaluiert und kommuniziert. Für Forschende ist es deshalb entscheidend, sich über die neusten Trends auf dem Laufenden zu halten. Dafür gibt es die OnlinePlattform ScienceGeist des SNF: Sie bietet eine internationale Auswahl an Analysen, Artikeln und Ressourcen zu vielfältigen wissenschaftspolitischen Themen. sciencegeist.ch

Seit 2017 bietet der jährliche SNFBilderwettbewerb spektakuläre Einblicke in die Wissenschaft. 2026 hat die internationale Jury 20 Werke ausgezeichnet, darunter ungewohnte Motive wie eine unterirdische Flusslandschaft oder eine Vogelmaske. Sie wurden an den Bieler Fototagen im Mai ausgestellt. «Die Bilder zeugen vom Engagement und der Kreativität der Forschenden, die unser Wissen voranbringen und einen wertvollen Dialog mit der Gesellschaft anstossen», sagt Torsten Schwede, Präsident des SNFForschungsrats. Alle 3800 eingereichten Arbeiten der letzten zehn Jahre sind auf flickr.com unter «SNSF Scientific Image Competition» zu bestaunen.
Nationaler Gipfel für mehr Austausch

Der erste nationale Forschungs und Innovationsgipfel SRIS versammelte rund 350 Teilnehmende in Bern. Sie gingen der Frage nach, wie der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft intensiver werden kann. Eine Kernbotschaft: Zugängliche Forschung stärkt das Vertrauen und fördert evidenzbasierte Entscheidungen in der Politik. Forschende sollten komplexe Inhalte verständlich vermitteln, während die Forschungsförderung Politikberatung und Kommunikation finanziell stärker berücksichtigen muss. Den Gipfel organisierten die Akademien der Wissenschaften Schweiz und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.
Horizonte 148, S. 9
Der Begriff «Nachhaltigkeit»
Ein Mangel an politischem Willen, nicht an Klarheit Der Beitrag scheint mir sehr voreingenommen. Sie zitieren darin Stimmen aus den Jahren 2014 und 2020 sowie einen Autor aus dem 18. Jahrhundert, der Metalle aus seiner Definition von Nachhaltigkeit ausgeschlossen habe. Ein Wissenschaftsjournalist schliesst daraus, dass das Konzept «zu Etikettenschwindel verführt». Diese Einschätzung ist unzutreffend oder sogar irreführend: Was der Nachhaltigkeit fehlt, ist nicht Klarheit, sondern der politische Wille. Der Artikel der Bundesverfassung, der ein «ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Beanspruchung» fordert, wurde bisher in keinem einzigen Gesetz konkretisiert. Die Absicht von Trump und seinesgleichen, jeden Verweis auf Nachhaltigkeit zu streichen, sollte zeigen: Dieser Begriff macht jenen Angst, die keinerlei Lust haben, ihren Herrschaftsdrang zu zügeln, koste es, was es wolle.
René Longet, Experte für nachhaltige Entwicklung, Onex (GE)
Horizonte 2007 Sprache sollte eindeutig sein Unterwegs lese ich gerne Horizonte. Neulich hatte ich für eine Reise zwei Hefte eingepackt und dabei auch ein bislang ungelesenes aus dem Jahr 2007 erwischt. Das alte Exemplar entsprach in Aufmachung, Layout und Aufbau weitgehend der aktuellen Ausgabe – Qualität hat eben Bestand! Ein Unterschied jedoch fiel mir sofort auf: Die Texte erschienen mir im Vergleich zu 2026 viel flüssiger und leichter verständlich. Das lag ganz offensichtlich am Nichtgebrauch gendergerechter Sprache: Weder abwechselnde Verwendung beider generischer Formen, die wirklich missverständlich sein kann, noch gestelzt daherkommende und grammatikalisch fragwürdige Partizipien erschwerten die geistige Nahrungsaufnahme. Sprache sollte in einem Forschungsmagazin eindeutig, klar verständlich, prägnant und barrierefrei sein, das als kleiner Verbesserungsvorschlag.
Andreas Hemp, Biologe, Hummeltal bei Bayreuth (D)
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Die Akademien der Wissenschaften Schweiz setzen sich im Auftrag des Bundes für einen gleichberechtigten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein. Sie vertreten die Wissenschaften institutionenund fachübergreifend.
Druck und Litho
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Auflage
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Die Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgebenden SNF und Akademien wieder. Wir streben gendergerechte Sprache an und verwenden deswegen beide generischen Formen sowie neutrale Formulierungen wie «Forschende». Die Texte in Horizonte sind nach journalistischen Standards geschrieben. Künstliche Intelligenz kann bei bestimmten Arbeitsschritten verwendet werden (z.B. Recherchehilfe, Transkription), die Autorinnen und Autoren verfassen die Texte aber selbst und bürgen für den Inhalt.
JADie Wissenschaft eilt schneller voran denn je. Neue Werkzeuge ermöglichen es, Daten in einem Tempo zu generieren, das noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Geschwindigkeit ist zu einer Tugend an sich geworden. Das wirft eine wichtige Frage auf: schneller wofür?
Erkenntnisse aus der Forschung sind nicht einfach ein Produkt – sie stehen am Ende eines Prozesses, der sorgfältige Validierung, kritische Debatten und Zeit zum Nachdenken erfordert. Wenn das Tempo zu hoch ist, geraten diese Elemente unter Druck. Peer-Reviews werden überstürzt durchgeführt, die Reproduzierbarkeit wird vernachlässigt, Forschende publizieren rasch statt gründlich. Daraus erwächst nicht nur eine überwältigende Informationsflut, sondern auch Unsicherheit darüber, was vertrauenswürdig ist und was irreführend, unausgereift oder sogar falsch.

«Wenn die Wissensproduktion schneller voranschreitet als die öffentliche Diskussion, werden Entscheidungen ohne ausreichende Reflexion getroffen.»
Mirjam Heldner ist Neurologin am Inselspital Bern. Sie hat bei der «Better Science Initiative» mitgewirkt.
Die Wissenschaft verlangsamen zu wollen, bedeutet nicht, gegen Innovation oder technologischen Fortschritt zu sein. Es bedeutet, anzuerkennen, dass gute Forschung Zeit braucht: zum Erkunden von Ideen, zum Hinterfragen, zum Austausch und zur Korrektur von Fehlern. Dadurch erhalten ethische, soziale und ökologische Überlegungen mehr Raum – Elemente, die oft übersehen werden, wenn Geschwindigkeit dominiert.
Die Gesellschaft braucht ausserdem Zeit, um Erkenntnisse zu verstehen, zu diskutieren und darauf zu reagieren. Wenn die Wissensproduktion schneller voranschreitet als die öffentliche Diskussion, besteht Gefahr, dass Entscheidungen ohne ausreichende Reflexion getroffen, Ungleichgewichte verstärkt oder wichtige Perspektiven übersehen werden. Hinzu kommt die menschliche Dimension. Hohes Tempo kann Stress verstärken und Karrierewege unsicher machen. Ein langsamerer Ansatz fördert nachhaltige Forschung, gesündere Arbeitsbedingungen und letztlich bedeutsamere Beiträge. Bei der Entschleunigung von Wissenschaft geht es also nicht darum, weniger zu tun, sondern es besser zu tun.
Wer das will, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Was genau soll nicht entdeckt werden? Welche Therapie braucht es morgen noch nicht? Mit welchem Problem sollen sich unsere Enkel herumschlagen müssen? Die Forderung nach einer Bremse klingt so lange vernünftig, bis man sie konkretisiert. Dann wird sie rasch absurd.
In der Geschichte wollten vor allem drei Gruppen die Wissenschaft beschränken: religiöse Fundamentalisten, autoritäre Regimes und ökonomische Interessengruppen. Natürlich hat die aktuelle Debatte andere Motive als Basis. Aber der Grundimpuls bleibt: Jemand möchte entscheiden, für welche Erkenntnisse es noch zu früh ist. Wer das will, glaubt zu wissen, wofür die Menschheit noch nicht reif ist.
Oft wird von solchen Gruppen gesagt, man wolle nur Leitplanken setzen, um gewisse gefährliche Resultate zu verhindern. Dieses Anliegen ist legitim, aber es zielt fälschlicherweise auf die Wissenschaft statt auf deren Nutzung. Es vermischt Erkenntnis mit Anwendung, Forschung mit Produkt. Das ist heikel, denn wer die Forschung stoppt, bremst auch das Verständnis ihrer Risiken und macht damit die Welt unsicherer. Im heutigen Kontext zielt die Forderung nach einer Bremse oft auf die künstliche Intelligenz. Die Entwicklung gehe zu schnell, man verliere die Kontrolle über die Qualität wissenschaftlicher Artikel. Das Problem ist real. Aber es ist kein Problem der Wissenschaft, sondern des für eine andere Zeit gebauten Publikationssystems. Wer die Qualität sichern will, muss bei der Bewertung ansetzen, nicht beim Tempo.

«Wer die Qualität sichern will, muss bei der Bewertung ansetzen, nicht beim Tempo.»
Marcel Salathé leitet an der EPFL das Labor für digitale Epidemiologie und ist Co-Direktor des AI Centers.
Klar, nicht jede Erkenntnis ist automatisch ein Segen. Missbrauchspotenziale sind real. Aber die beste Antwort auf Risiken war noch nie Unwissen. Wir forschen aus Neugier, aus Faszination, aus dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Und weil dieses Verständnis letztlich das Leben der Menschen verbessert: sicherere Therapien, sauberere Energie, präzisere Diagnostik. Das braucht Begleitung, Regeln, Verantwortung, aber keine Bremse.
«Kaum
sehr belastet wie
‹Follow the science›.»
Eri Bertsou, Politikwissenschaftlerin an der Universität St. Gallen