Newsletter 1/2017 Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG)
NEWS & VIEWS
FOKUS
EDITORIAL
Lean Healthcare
MEINE 50 JAHRE MEDIZIN
«It’s an unbelievably complex
Academy
Nach Studium und Spitalzeit, 37 Jahren Praxis als
subject. Nobody knew that health-
Der Grundlagenkurs «Lean
Hausarzt – davon die letzten 20 Jahre mit Herzblut
care could be so complicated.»
Healthcare Academy» wur-
für Managed Care – sei mir ein Rückblick und ein
Dies sagte Donald Trump im Zusam-
de im März 2017 zum ers-
kurzer Ausblick erlaubt.
menhang mit der amerikanischen
ten Mal erfolgreich durchgeführt. Das Seminar vermittelt Praktikerinnen und Praktikern die Grundlagen der effizienten Prozessgestaltung im Gesundheitswesen. Ent-
Neben der enormen Entwicklung der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten in allen Spezialdisziplinen bleibt der Hausarzt Vertrauensperson und Lebensbegleiter. Er kennt seine Patientinnen und Patienten, hört zu, erklärt und kann 80 bis 90 Prozent ihrer Probleme
Gesundheitsreform. Man kann vom 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten halten, was man will – mit dieser Aussage trifft er ins Schwarze. Das Gesundheitswesen ist ein hochkomplexes Gebilde. Das macht es
standen ist das Seminar un-
lösen. Diese koordinierende und integrierende Funktion hat mit der
ter der Leitung von Prof. Dr.
Einführung von Managed Care in den 90er-Jahren noch mehr Gewicht
auch so spannend. Auch nach bald 14
Alfred Angerer von der
erhalten. Winterthurer Grundversorger spielten dabei eine Pionierrolle.
Jahren als Leiter des WIG bleibt das
Fachstelle Management im
So entwickelte ich mich vom Einzelkämpfer zum Teamplayer, teilte und
Schweizer Gesundheitswesen für mich
Gesundheitswesen.
vermehrte in den Qualitätszirkeln des hawa-Ärztenetzes praktisches
ein permanentes Rätsel, das es immer
Wissen und Erfahrungen mit Kolleginnen und Kollegen. Mit der Be-
wieder neu zu entschlüsseln gilt.
einerseits so herausfordernd, aber
triebsgesellschaft hawadoc durfte ich am Puls der Entwicklungen des Doppelte Credit-Vergabe Beim Besuch einiger Weiterbildungsangebote des WIG erhalten die Teilnehmenden nach erfolgreichem Abschluss sowohl FMHCredits als auch an weitere
Gesundheitswesens bleiben und mitgestalten. Wohin geht nun die Reise? Neue Akteure, neue Techniken, Telemedizin, IT-gestützte Diagnoseund Medikationssysteme, Genomik und Big Data müssen sinnvoll integriert werden. Das nicht so banale Projekt des elektronischen Pati-
Es ist ein Hybrid aus Wettbewerb und staatlicher Steuerung. Der Fachbegriff dafür ist «Managed Competition». Hier die richtigen Rezepte und Ansätze zu finden, ist eine grosse Herausforderung. Das WIG hat sich in letzter Zeit mit drei Schlüsselthemen befasst: Mit
Programme auf Hochschul-
entendossiers – kurz: die gesamte digitale Transformation in Gesund-
niveau anrechenbare Euro-
heitswesen und Alltag werden Hausärzte noch mehr als Schnittstellen-
tungssystemen und mit der Steuerung
pean Transfer Credits
manager fordern.
der Anzahl Ärzte. Das sind aus meiner
(ECTS). Die SIWF hat fol-
Fragen der Finanzierung, mit Vergü-
Sicht drei absolute Schlüsselelemente,
gende Fortbildungsveran-
Integrierte Versorgung bei der immer älter und polymorbider werden-
damit das System erfolgreich sein
staltungen mit jeweils je
den Bevölkerung ist die Zukunft. Die individuellen Wirklichkeiten, Ziele
kann. Dabei gibt es zwei grosse
24 FMH-Credits anerkannt:
und Wünsche unserer Patientinnen und Patienten wird die Ärzteschaft
Herausforderungen: Erstens ist die
auch in Zukunft nur im persönlichen, ohne Zeitdruck zu führenden
Steuerung eines komplexen Systems
AS Koordinierte VersorC gung im Gesundheitswesen AS Evidenzgrundlagen für C Gesundheitsökonomie CAS Gesundheitsökonomische Evaluationen und HTA
Gespräch mit Berücksichtigung des biopsychosozialen Aspektes erfassen. Leider scheinen diese Generalisten vom Aussterben bedroht. Mehr als je zuvor sind wir gefordert, die Ausbildung dieser Ärztinnen und Ärzte zu fördern und zu priorisieren.
ein äusserst schwieriges Unterfangen. Und zweitens geht es bei diesen Themen immer um starke politische und wirtschaftliche Interessen. This makes it even more complicated.
Dr. med. Alfred Rösli
Prof. Dr. Urs Brügger
hawadoc AG
Institutsleiter WIG
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FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG ERFOLGE SICHTBAR MACHEN – LEAN-MESSUNG IM INSELSPITAL BERN Schweizer Spitäler stehen nach Einführung des DRG-Vergütungs-
Die Finanz- und Leistungskennzahlen entsprechen in weiten Teilen
systems zunehmend unter Effizienzdruck. Nachdem sich die Kon-
den üblichen Kennzahlen der Klinik. Im Bereich Kunde/Patient wird
zepte des Lean Managements in der Automobilindustrie und an-
unter anderem die Patientenzufriedenheit erfasst. Die Prozesse
deren Branchen bewährt haben, nutzen vermehrt auch Schweizer
werden während der Begleitung verschiedener Berufsgruppen er-
Spitäler die etablierten Denkweisen zur Prozessoptimierung und
fasst und geben so einen detaillierten Einblick in die Arbeitsabläufe
übertragen die Konzepte nach und nach auf das Schweizer Ge-
der Ärzte und der Pflege sowie Hinweise auf Optimierungspoten
sundheitswesen. So wurden bisher einzelne Stationen und ganze
ziale. Diese Messungen werden bereits im Rahmen der Analyse
Kliniken in Richtung Lean Management transformiert. Bisherige
phase der Lean-Transformation durchgeführt und in den späteren
Ergebnisse zeigen dabei einen hohen Nutzen dieser Initiativen,
Erhebungsphasen wiederholt. Der Bereich Potenziale und Mitar-
welcher jedoch hauptsächlich von den beteiligten Mitarbeitenden
beitende beinhaltet unter anderem eine Mitarbeitendenbefragung.
wahrgenommen und kommuniziert wird. Eine objektive Messung
Diese dient in erster Linie der Erhebung der Arbeitsbelastung und
des Erfolgs von Lean-Transformationen findet meist nicht statt.
-organisation, die im Rahmen des Projektes verbessert werden soll. Für entsprechende statistische Auswertungen wurden Kon
Auch das Inselspital Bern nutzt Lean-Management-Ansätze zur
trollvariablen definiert, die beispielsweise eine Veränderung der
Optimierung interner Prozesse. Das interne Prozessmanagement-
Patientenpopulation berücksichtigen.
Team verfügt bereits über mehrjährige Erfahrung. An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage, ob der hohe Aufwand der Lean-Transformationen, mit Blick auf die Ergebnisse, gerechtfertigt werden kann. Deshalb hat sich das Inselspital Bern nun dazu entschlossen, eine aktuelle Lean-Transformation wissenschaftlich durch das WIG begleiten zu lassen, um so Evidenz zum Nutzen des Projektes zu schaffen und Hinweise auf mögliche Verbesserungen bei künftigen Lean-Projekten zu erhalten. Die Lean-Transformation an der Universitätsklinik für Rheumatologie wird durch den Bereich Prozessmanagement des Inselspitals geleitet und seit Beginn durch das WIG wissenschaftlich unterstützt. Es finden vor, während und nach der Einführung der Lean-
Zusammenfassend ermöglichen die geplanten Erhebungen die
Optimierungen zusätzliche Messungen statt, um die Wirkung der
Bewertung des Projekterfolgs auf verschiedenen Ebenen und ge-
Massnahmen im Verlauf darzustellen. Im Vorfeld des Projektes
ben damit valide und quantifizierbare Hinweise auf den Erfolg einer
wurde dafür in Abstimmung mit dem Inselspital ein Kennzahlen-
Lean-Transformation. Damit trägt das Projekt zur Rechtfertigung
Cockpit definiert. Ziel war es, eine aussagekräftige Zusammen
der Lean-Initiativen im Inselspital Bern bei und stellt gleichzeitig die
stellung von Kennzahlen zu generieren, die eine Bewertung des
Qualität zukünftiger Lean-Initiativen sicher.
Projekterfolgs ermöglicht und auch in kommenden Projekten genutzt werden kann. Das Cockpit umfasst vier Bereiche:
Tim Brand Management im Gesundheitswesen
1. Finanzen und Leistungen 2. Kunde/Patient 3. Prozesse
VERANTWORTLICHE INSELSPITAL BERN
4. Potenziale und Mitarbeitende
Bereich Prozessmanagement Sandra Puliafito, Bereichsleiterin Isabell Helms, Projektleiterin Inselspital, Universitätsspital Bern Direktion Pflege/MTT
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HABEN WIR ZU VIELE ODER ZU WENIGE PFLEGEHEIM-
AKUTE MYELOISCHE LEUKÄMIE – PATIENTEN ZUGANG
BETTEN?
ZU NEUEN BEHANDLUNGSOPTIONEN ERMÖGLICHEN
Die Schweizer Bevölkerung wird älter. Trotzdem hatten diverse Al-
Akute myeloische Leukämie (AML) ist eine seltene Form von Blut-
ters- und Pflegeheime (APH) 2015 /16 Mühe, ihre Betten auszulas-
krebs, die hauptsächlich bei Personen ab dem 65. Lebensjahr
ten. Diese beiden Tatsachen beinhalten jedoch nur auf den ersten
auftritt. Novartis wird ein neues Medikament zur Behandlung von
Blick einen Widerspruch. Mehrere Gründe führten zu dieser Ent-
AML auf dem Schweizer Markt einführen und wollte deshalb wis-
wicklung. Die Strategie «ambulant vor stationär» ist eine Erfolgs
sen, ob die aktuelle Vergütung die entstehenden Kosten bei der
geschichte. In den letzten Jahren wurden in vielen Regionen der
stationären Behandlung von AML zu decken vermag oder nicht.
Schweiz sowohl die Spitex-Dienste als auch die intermediären Strukturen ausgebaut. Darunter versteht man einerseits Entlas-
Um dieser Frage nachzugehen, analysierte das WIG in Kooperati-
tungsangebote für pflegende Angehörige wie Tages- und Nacht-
on mit dem Kantonsspital St. Gallen, dem Inselspital Bern und
strukturen, andererseits Alterswohnungen und betreutes Wohnen,
den Universitätsspitälern Genf und Zürich die Gruppierung von
welche in den letzten Jahren einen richtiggehenden Boom erfahren
AML-Patienten im SwissDRG-System und verglich die daraus fol-
haben (Obsan: Dossier 52). Einige APH-Betreiber und Gemeinden
gende Vergütung mit den effektiv angefallenen Kosten. Die Grup-
scheinen diese Tendenz unterschätzt zu haben.
pierung im SwissDRG-System wurde anhand der Informationen aus der medizinischen Statistik der Krankenhäuser vorgenom-
Das Eintrittsalter für APH liegt bei rund 84,6 Jahren (2013; Obsan:
men. Dabei fielen 84 Prozent der AML-Patienten in sieben DRG.
Dossier 67). Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer sind
Zur Bestimmung der effektiven Fallkosten wurde die Kostenträ-
hingegen noch verhältnismässig jung. Es wird noch einige Jahre
gerrechnung der Spitäler verwendet.
dauern, bis die Babyboomer dieses Alter erreicht haben und von einer Erhöhung der Nachfrage nach APH-Betten ausgegangen
Die Studie zeigt, dass die vier Spitäler mit AML-Patienten allge-
werden kann (Abb.1). Szenarien gehen davon aus, dass bis 2040
mein einen Verlust machen, denn über alle AML-DRG gesehen,
57 bis 122 Prozent mehr Menschen in APH versorgt werden müs-
vermag die Vergütung nur 85 Prozent der Kosten zu decken. Es
sen als heute (Credit Suisse: Die Zukunft des Pflegeheimmarkts).
muss jedoch angemerkt werden, dass das Verhältnis von Ver gütung und effektiven Kosten zwischen den Spitälern und DRG stark variiert. So machen einzelne Spitäler mit gewissen Kategori-
Alterspyramide 2013 und drei Szenarien für 2045. Quelle: Bundesamt für Statistik
en von AML-Patienten auch einen Gewinn. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die stationäre Behandlung von AML-Patienten hohe durchschnittliche Kosten pro Patient verursacht, wobei diese Kosten im Durchschnitt in den vier Spitälern nicht vollständig durch die Krankenversicherung und die Kantone gedeckt werden. Diese Ergebnisse sind von grosser Relevanz für die Spitäler und insbesondere auch für die AML-Patienten. Denn es geht letztlich auch um die Frage des Zugangs zu neuen Behandlungsoptionen für AML-Patienten in der
Somit erklärt sich der Widerspruch: Kurzfristig haben wir zu viele,
Schweiz.
langfristig eher zu wenige APH-Betten. Die Herausforderungen für den Sektor liegen auf der Hand: Innovative Lösungen, insbesonde-
Marion Schmidt und Renato Mattli
re bezüglich des mangelnden Pflegepersonals, der Förderung von
Gesundheitsökonomische Forschung
informeller Pflege sowie der Finanzierung sind gefragt. In diversen Projekten ist das WIG zusammen mit den Auftraggebern daran, solche Lösungen für die Zukunft auszuloten. Flurina Meier Versorgungsforschung
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DIES UND DAS
KONTAKT ADRESSE
NEUE MITARBEITENDE
ZHAW Zürcher Hochschule für Seit November 2016 unterstützt Maria-Eleni
Angewandte Wissenschaften
Syleouni das Team Gesundheitsökonomische
School of Management and Law
Forschung als Praktikantin. Sie absolvierte ihr
Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie
Masterstudium Health Sciences mit Schwer-
Gertrudstrasse 15
punkt Health Economics and Health Policy an
Postfach
der Universität Luzern.
8401 Winterthur info.wig@zhaw.ch
Dr. Marc Höglinger ist seit dem 1. Februar Teil
www.zhaw.ch/wig
des Teams Versorgungsforschung. Er hat 2016 an der ETH Zürich promoviert, war danach Post-
LEITUNG
doc am Institut für Soziologie der Universität
Urs Brügger, Prof. Dr. oec.
Bern und bringt nun sein Know-how als Sozial-
Telefon +41 58 934 77 39
wissenschaftler und Methodenexperte in die Ge-
urs.bruegger@zhaw.ch
sundheitsforschung ein. SEKRETARIAT Fabio Knöfler ergänzt seit April 2017 das Team
Sandra Wüthrich
Versorgungsforschung
Telefon +41 58 934 78 97
als
wissenschaftlicher
Mitarbeiter. Nach mehrjähriger Tätigkeit als dipl.
sandra.wuethrich@zhaw.ch
Pflegefachmann FH und dem Studium der Gesundheitswissenschaften an der Universität Luzern arbeitete er bis vor Kurzem im Bundesamt für Gesundheit im Bereich Gesundheitspolitik. Seit April unterstützt Lynn Strunk das Team Management im Gesundheitswesen als Praktikantin. Sie schloss ihren Bachelor in Gesundheitsökonomie an der Universität zu Köln ab. Mit dem sechsmonatigen Praktikum möchte sie ihre gesundheitsökonomischen Kenntnisse vertiefen. Clemens Moll ist seit April als Praktikant im Team Management im Gesundheitswesen tätig. Er studiert an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Neu-Ulm BWL im Gesundheitswesen und wird neben der Mitarbeit am WIG auch seine Bachelorarbeit dort schreiben. Seit Mai arbeitet Michael Stucki als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team gesundheitsökonomische Forschung. Er hat im Sommer 2016 sein Masterstudium in Applied Economic Analysis
Certificate of Advanced Studies (CAS)
Koordinierte Versorgung im Gesundheitswesen (CAS KVGW) NUTZEN Anrechenbar an den Sie erarbeiten sich das MAS Managed Health Care Grundwissen der Integrierten Versorgung. Dabei behandeln Sie die verschiedenen koordinierten Versorgungsmodelle und lernen diese zu unterscheiden. Neben einer Einführung und Vertiefung der Teilbereiche Managed Care, Disease Management und Case Management definieren die Studierenden die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Projekt der Integrierten Versorgung. Weiter werden konkrete Instrumente und Konzepte für das Umsetzen von Aspekten der Koordinierten Versorgung, vom Netzwerkmanagement über das Management komplexer Systeme bis hin zu EHealth, vermittelt.
an der Universität Bern abgeschlossen. Im Rahmen des Projekts Swiss Learning Health System wird er an der Universität Luzern eine Dissertation verfassen.
Weitere Informationen: www.zhaw.ch/wig/cas-kvgw