Skip to main content

Smart Infrastruktur 2030

Page 1

EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A R T M ED I A

Infrastruktur 2030

November ’26

Peter Körte Peter Körte erklärt, wie industrielle KI und intelligente Energieinfrastruktur Europas Chance für technologische Souveränität und eine führende Rolle im globalen Wettbewerb werden können.

Lesen Sie mehr auf fokus.swiss


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

2

Editorial

fokus.swiss

Lesen Sie mehr.

Prof. Dr.-Ing. habil. Sanaz Mostaghim

L

Infrastruktur 2030: Zukunft entsteht im Zusammenspiel

iebe Leserinnen und Leser, die Infrastruktur des Jahres 2030 wird weit mehr sein als die Summe neuer Straßen, Schienen, Leitungen und Gebäude. Sie entscheidet darüber, wie wettbewerbsfähig, klimaverträglich und widerstandsfähig unser Gemeinwesen ist. Zukunftssicher wird sie dort, wo Planung, Bau, Energie, Mobilität und digitale Systeme von Beginn an zusammengedacht werden – zuverlässig im Alltag und belastbar in Ausnahmesituationen. Das betrifft die Bauwirtschaft ebenso wie die Umsetzung großer Vorhaben. Ob Verkehrswege, Energieanlagen oder öffentliche Gebäude: Die anstehenden Projekte verlangen nach schnelleren Planungs- und Genehmigungsprozessen, verlässlichen Kapazitäten und einer stärkeren Industrialisierung des Bauens. Standardisierte, serielle Verfahren können Qualität und Tempo verbinden. Entscheidend bleibt, Investitionen so auszurichten, dass sie langfristig Nutzen stiften und dauerhaft tragfähig sind. In den Städten zeigt sich der Wandel besonders deutlich. Smart Cities verknüpfen Stadtentwicklung, Verkehr, Versorgung und Verwaltung. Sensorik, 5G und intelligente Steuerungssysteme helfen dabei, Verkehrsflüsse vorausschauend zu lenken, Energie bedarfsgerecht bereitzustellen und Wartungsbedarfe frühzeitig zu erkennen. Digitale Infrastruktur ist damit kein Zusatz, sondern eine wesentliche Voraussetzung für lebenswerte, effiziente und handlungsfähige Kommunen. Ein besonders anschauliches Beispiel für die Verbindung von Mobilität, Energie und sicherer Steuerung ist die Elektrifizierung öffentlicher und gewerblicher Flotten. Große Energiemengen müssen dann bereitstehen, wenn Fahrzeuge sie benötigen. Zugleich gilt es, Lastspitzen zu vermeiden, knappe Flächen sinnvoll zu nutzen und den Betrieb wirtschaftlich zu organisieren. Das Unterbodenladesystem UBCS und das Energieversorgungskonzept GUW+ zeigen, wie sich diese komplexen Anforderungen funktional lösen lassen.

Denn die Infrastruktur von morgen entsteht nicht erst im Jahr 2030 – sie entsteht in den Planungen, Projekten und Partnerschaften unserer Gegenwart. Das am Fraunhofer IVI entwickelte UBCS macht automatisiertes Laden für Flotten möglich. Das kompakte Unterbodenladesystem verbindet Fahrzeug und Ladeinfrastruktur per Knopfdruck; manuelles Anstecken schwerer Kabel und Stecker entfällt. Da keine offen liegenden Kabel benötigt werden, spart das System Fläche und verringert Schadensrisiken durch Unachtsamkeit, Vandalismus oder Kabeldiebstahl. UBCS unterstützt sehr hohe Ladeleistungen – bis zu 1,2 Megawatt bei Pkw und 4,5 Megawatt bei Lkw – und ist auf künftige Schnellladeanforderungen ausgelegt. Das schafft sichere, einfache und skalierbare Prozesse. Ebenso wichtig ist die intelligente Bereitstellung der Energie. Hier setzt das Konzept von

GUW+ an, das im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projekts entstand. Das rückspeisefähige und regelbare Gleichstromunterwerk GUW+ verbindet die bestehende Energieinfrastruktur von Stadt- und Straßenbahnen mit Ladestationen für Elektrobusse oder anderen batterieelektrischen Verkehrsträgern, wobei die Bahnenergieversorgung und E-Bus-Ladung galvanisch voneinander getrennt bleiben. Ein stationärer Speicher – zum Beispiel aus vorgealterten E-Bus-Traktionsbatterien – nimmt Lastspitzen beim Laden auf und speichert überschüssige Bremsenergie aus dem Stadtbahnbetrieb. Mithilfe von Lastprognosen und flexiblem Energiemanagement kann diese Energie bedarfsgerecht genutzt und Lastspitzen punktgenau begegnet werden. Das erhöht die Effizienz, stärkt die Netzstabilität, ermöglicht Netzdienstleistungen und unterstützt die Bewältigung von Blackout-Szenarien. UBCS und GUW+ stehen stellvertretend für eine Infrastruktur, die nicht in getrennten Gewerken denkt. Sie verbinden Innovation mit vorhandenen Ressourcen, Effizienz mit Sicherheit und technische Leistungsfähigkeit mit konkreten betrieblichen Anforderungen. Die entscheidende Frage für 2030 lautet deshalb nicht, ob wir Infrastruktur neu gestalten müssen. Sie lautet, wie konsequent wir Bau, Digitalisierung, Energie, Mobilität und Sicherheit miteinander verzahnen. Diese Sonderbeilage möchte Einblicke in Lösungen geben, die diesen Weg bereits heute eröffnen. Sie soll zum Austausch anregen, Perspektiven verbinden und Mut machen, die notwendigen Entscheidungen jetzt zu treffen. Denn die Infrastruktur von morgen entsteht nicht erst im Jahr 2030 – sie entsteht in den Planungen, Projekten und Partnerschaften unserer Gegenwart.

04 Sicherung kritischer Infrastruktur 06 Smart Cities 12 KI-Rechenzentren 14 Interview: Peter Körte 16 Energieinfrastruktur 18 Ladeinfrastruktur

Smart Infrastruktur 2030. Verlag und Herausgeber

Smart Media Agency AG, Gerbergasse 5, 8001 Zürich, Schweiz CEO

Carl-Henrik Hagelberg Creative Director DACH Franziska Bredehorn Anzeigen Falko Riedel Text

Thomas Sommer, Armin Fuhrer, Rüdiger Schmidt-Sodingen, Christian Kolb, Miriam Rauh, SMA Druckerei Handelsblatt Media Group GmbH

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre. Text Prof. Dr.-Ing. habil. Sanaz Mostaghim, Institutsleiterin des Fraunhofer-Instituts für Verkehrsund Infrastruktursysteme IVI

Viel Spaß beim Lesen! Falko Riedel Project Manager

#smartinfrastruktur2030

Mehr erfahren auf

fokus.swiss


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

EY Parthenon • Brandreport

3

Infrastruktur 2030 – Warum 500 Milliarden EUR Sondervermögen allein nicht reichen 500 Milliarden Euro sollen Deutschlands Infrastruktur modernisieren. Doch selbst diese gewaltige Summe wird ihre Wirkung nicht entfalten können, wenn Planung, Finanzierung und Betrieb weiterhin nach den bisherigen Regeln organisiert bleiben. »Geld allein baut keine zukunftsfähige Infrastruktur. Entscheidend ist, ob der Staat aus den bereitgestellten Mitteln und den notwendigen Strukturänderungen tatsächlich funktionierende Projekte macht«, sagt Monica A. Schulte Strathaus, Leiterin für Infrastruktur und den öffentlichen Sektor bei EY Parthenon.

Monica A. Schulte Strathaus Leiterin Infrastruktur und öffentlicher Sektor bei EY-Parthenon

Dr. Michael C. Blum Leiter Mobilität und Infrastruktur bei EY-Parthenon

Anna Schümann Partnerin für Infrastruktur und Real Estate

Daniel Eisenhuth Partner für den Mobilitäts- und Verkehrssektor Das Sondervermögen kauft Zeit, löst aber nicht das Systemproblem Deutschland fehlen nicht nur Hunderte Milliarden Euro für Verkehrswege, Schulen, öffentliche Gebäude und Netze. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ein Mehr an Geld kaum hilft oder beschleunigend wirkt. Nur mit strukturellen Änderungen wird eine Wirkung des Sondervermögens zu erzielen sein. Reformbedarf besteht bei den Entscheidungswegen, der Finanzierung und der Bewirtschaftung von Infrastruktur. Das Sondervermögen kann den Verfall bremsen und Anschubhilfe leisten. Seinen eigentlichen Zweck erfüllt es aber nur, wenn die gewonnene Zeit genutzt wird, um strukturelle Änderungen herbeizuführen, um Personal, Kapital und Digitalisierung wirksamer einzusetzen. Denn Geld allein baut keine zukunftsfähige Infrastruktur. Mindestens ebenso wichtig ist politische Verlässlichkeit. Investitionen in Infrastruktur sind langfristig angelegt und benötigen über mehrere Wahlperioden hinweg stabile Rahmenbedingungen. Ohne eine langfristige Investitionsperspektive, eine belastbare Projektpipeline, klare Verantwortlichkeiten und verlässliche

Geld allein baut keine zukunftsfähige Infrastruktur.

Finanzierungszusagen investieren öffentliche wie private Akteure nicht in die erforderlichen Kapazitäten, Ressourcen und Innovationen. Kommunen und Verkehr: Die Umsetzung ist der Engpass Besonders deutlich zeigt sich das Grundproblem in den Kommunen, die rund 60 Prozent der öffentlichen Infrastruktur verantworten. Zusätzliches Geld schafft dort noch keine zusätzlichen Projekte. Vielen Städten fehlen trotz Sondervermögen finanzielle Spielräume, Planungskapazitäten und Personal, um Schulen, Kitas, Feuerwachen oder Verwaltungsgebäude überhaupt bis zur Vergabereife zu bringen. Das Sondervermögen finanziert deshalb vielfach bereits vorgesehene Maßnahmen, während ein großer Teil des tatsächlichen Sanierungs- und Neubaubedarfs weiterhin unbearbeitet bleibt. Um schneller zu werden, müssen Kommunen Projekte bündeln, Anforderungen standardisieren und serielle oder modulare Lösungen stärker nutzen. Auch der Gebäudetyp E kann helfen, auf kostensteigernde Standards zu verzichten, ohne Sicherheit und Qualität infrage zu stellen. Entscheidend ist zugleich, Verantwortlichkeiten zu klären und Genehmigungs- und Vergabeverfahren konsequent zu vereinfachen und zu digitalisieren. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit. Nicht jede Kommune muss eigene technische, vergaberechtliche und wirtschaftliche Kompetenzen für komplexe Projekte dauerhaft vorhalten. Regionale Projektgesellschaften, gemeinsame Kompetenzzentren oder Beschaffungsplattformen zur standardisierten Vergabe könnten Vorhaben bündeln und kleinere Kommunen bis zur Vergabereife unterstützen. Zugleich müssen Förderprogramme einfacher und über mehrere Jahre verlässlich ausgestaltet werden. Wer für jedes Projekt unterschiedliche Anträge, Fristen und Nachweise erfüllen muss, bindet genau jene personellen Ressourcen, die für Planung und Umsetzung fehlen. Ähnlich ist die Lage im Verkehrssektor. Marode Brücken und ein überlastetes Schienennetz gefährden längst die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. 84 Prozent der Unternehmen bewerten die Verkehrsinfrastruktur als wirtschaftliche Belastung. Das lässt

sich jedoch nicht mit jährlich wechselnden Haushaltsansätzen verbessern. Benötigt werden langfristige Finanzierungskreisläufe – etwa durch zweckgebundene Nutzerentgelte und langfristiges Kapital institutioneller Anleger. »Privates Kapital ist kein Ersatz für staatliche Verantwortung. Es kann aber dort einen Beitrag leisten, wo Risiken klar zugeordnet sind und private Partner über den Lebenszyklus nachweisbare Zeit-, Kosten- oder Qualitätsvorteile erzielen«, sagt Dr. Michael C. Blum, Leiter für Mobilität und Infrastruktur bei EY-Parthenon. Der Staat bleibt verantwortlich für Ziele, Standards, Eigentum und Kontrolle. Infrastruktur- und Rentenfonds oder Pensionskassen könnten zudem langfristige Anleihen öffentlicher Infrastrukturgesellschaften zeichnen. Voraussetzung sind verlässliche Rahmenbedingungen, tragfähige Projekte und eine sinnvolle Risikoallokation. Resilienz und Sicherheit verändern die Anforderungen Die Zeitenwende erweitert zugleich den Maßstab für leistungsfähige Infrastruktur. Als logistische NATO-Drehscheibe benötigt Deutschland Brücken, Schienenwege und Häfen, die auch unter außergewöhnlichen Belastungen funktionieren. Zivile und militärische Anforderungen müssen deshalb gemeinsam geplant werden. Investitionen in Verkehrswege, Energieversorgung, Kommunikation und Zivilschutz stärken nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern die Standortqualität des Landes insgesamt. Auch militärische Bauvorhaben müssen schneller umgesetzt werden. Standardisierte Anforderungen, serielles und modulares Bauen sowie partnerschaftliche Vergabemodelle können etwa bei Unterkünften, Depots und logistischen Einrichtungen Zeit und Kosten reduzieren. Der öffentliche Auftraggeber definiert Bedarf, Sicherheitsniveau und Leistungsziele; die Bauwirtschaft erhält innerhalb dieses Rahmens ausreichend Spielraum, um Innovation und industrielles Know-how einzubringen. Lange Zeit noch werden die Kapazitäten für Planung und Bau unter dem Bedarf liegen. Deutschland braucht deshalb eine an der Gesamtwirkung orientierte und

nachvollziehbare Priorisierung. Vorrang sollten Projekte erhalten, die im Zeitpunkt der Entscheidung den größten Beitrag für die Stabilisierung kritischer Netze, Enpassbeseitigungen und damit einen hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen entfalten. Ein solches Wirkungsprinzip kann Investitionsentscheidungen nachvollziehbar machen und verhindern, dass verfügbare Mittel nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Investitionen müssen gezielt dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen erzielen und die Leistungsfähigkeit jeder kritischen Infrastruktur langfristig sichern. Vier Entscheidungen für die Infrastruktur 2030 Aus den Perspektiven von öffentlichem Sektor, kommunaler Infrastruktur, Mobilität und Finanzierung leiten Frau Schulte Strathaus, Herr Blum, Frau Schümann und Herr Eisenhuth vier Sofortmaßnahmen für die Infrastruktur 2030 ab: 1.

Finanzierung verstetigen: Haushaltsmittel, Nutzerentgelte und privates Kapital in langfristigen Finanzierungskreisläufen verbinden.

2.

Projekte investierbar machen: Eine belastbare Pipeline, klare Verantwortlichkeiten und transparente Risikoallokationen schaffen.

3.

Nach Wirkung priorisieren: Kapazitäten auf kritische Netze, Knotenpunkte und gesellschaftlich relevante Infrastruktur konzentrieren

4.

Umsetzung industrialisieren: Standards, Digitalisierung, serielle Verfahren und partnerschaftliche Vergabemodelle konsequent nutzen.

2030 darf Deutschlands Infrastruktur nicht mehr von kurzfristigen Haushaltsentscheidungen, wechselnden Förderprogrammen und jahrelangen Einzelplanungen abhängig sein. Benötigt wird ein verlässliches System, das Projekte besser priorisiert, standardisiert, bündelt, finanziert und zügig umsetzt. Werden diese Weichen jetzt gestellt, kann aus dem Sondervermögen mehr werden als ein kurzfristiger Investitionsimpuls: der Grundstein für eine leistungsfähige Infrastruktur und einen langfristig wettbewerbsfähigen Standort Deutschland im Zentrum Europas. Weitere Informationen unter: ey.com


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

Sicherung kritischer Infrastruktur

fokus.swiss

Angriffe auf KRITIS

Bild Unsplash / Tasha Kostyuk

4

Drohnen, Blackouts, Datenklau: Die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik dokumentieren, dass die Angriffe auf kritische Infrastrukturen (KRITIS) zunehmen – und Unsicherheiten nur mit aktiver Abwehr und mehr Überwachung bekämpft werden können.

M

it Sprengstoff versehene Drohnen am Leipziger Flughafen, Blackouts in Berlin und Schleswig-Holstein, auf 50 Grad eingestellte Supermarktkühlschränke in Frankreich… Die letzten Wochen und Monate haben gezeigt, dass nicht nur Stromnetze gekappt, sondern auch gekapert und genutzt werden, um Schäden anzurichten und die zentrale Steuerung dezentraler Strukturen außer Gefecht zu setzen oder zu missbrauchen.

Wie sehr kritische Infrastrukturen ins Visier von Angreifenden geraten, um diffuse Ohnmachtsgefühle oder sehr konkrete Schäden zu verursachen, spiegelt die Website »KRITIS in Zahlen« des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) wider. Mit Stand vom 30. Juni erfasste das Portal 1231 Betreiber mit 2180 Anlagen, wobei die meisten Anlagen für die Energieversorgung, Gesundheit, Siedlungsabfallentsorgung, Transport und Verkehr sowie Finanzen verantwortlich sind. Die KRITIS-Sektoren, so das BSI, seien »sehr heterogen. Während zum Beispiel im Sektor Gesundheit viele Betreiber:innen lokal verortet sind (beispielsweise ein Krankenhaus), sind die Anlagen im Sektor Informationstechnik und Telekommunikation oder im Sektor Transport und Verkehr (beispielsweise im Schienennetz) über Landesgrenzen hinweg vernetzt«.

Die Energieversorgung hat eine herausragende Bedeutung für das Funktionieren des Gemeinwesens. Transport, Energie und Finanzen im Visier Das eigentliche Problem der KRITIS-Angriffe ist zugleich ein Problem der Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung. »Da alle anderen KRITIS-Sektoren vom Sektor Energie abhängig sind, nimmt der Sektor Energie eine Sonderrolle ein. Die Energieversorgung hat eine herausragende Bedeutung für das Funktionieren des Gemeinwesens.« Wer die Energieversorgung angreift, greift alle Energienutzer:innen und -kund:innen an. Gemäß der Meldeverpflichtung für Betriebsstörungen für KRITIS-Betreiber:innen, die »die

Verfügbarkeit, Integrität oder Vertraulichkeit gespeicherter, übermittelter oder verarbeiteter Daten oder der Dienste, die über informationstechnische Systeme, Komponenten und Prozesse angeboten werden oder zugänglich sind, beeinträchtigen«, konnte das BSI-Portal im ersten Quartal des Jahres 37 Störungen im Transport- und Verkehrsbereich, 24 im Energiebereich und 23 in der Gesundheitsversorgung registrieren. Im Bereich Finanzen meldeten durch DORA regulierte KRITISUnternehmen 53 Störungen. Im Vergleich zu den Vorquartalen zeigt sich, dass Angriffe auf IT- und Telekommunikationsanlagen in Deutschland abgenommen haben, während die Anzahl der Störungen bei der Energieversorgung und im Transportwesen konstant blieb.

physische Angriffe auf Pipelines oder Strommasten, personelle Engpässe oder Unterbrechungen in den Lieferketten die Hauptaspekte darstellen. KRITIS-Betreiber:innen müssen Vorfälle binnen 24 Stunden an das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe melden. Binnen vier Wochen muss ein ausführlicher Bericht nachgeschoben werden. OpenKRITIS, die gemeinnützige Informationsplattform für NIS2-Einrichtungen und KRITIS, listet seit 2021 die aktuellen Entwicklungen – und gibt Unternehmen und Prüfenden eine Übersicht, wie sie vorgehen können, um alle Vorgaben der Politik zu erfüllen.

Neues KRITIS-Dachgesetz Das im März in Kraft getretene KRITISDachgesetz soll die Resilienz und physische Sicherheit Kritischer Infrastrukturen stärken. Als Umsetzung der EU-CER-Richtlinie fordert es KRITIS-Betreiber:innen zu mehr Wachsamkeit, physischer Abwehrbereitschaft und einem betrieblichen Kontinuitätsmanagement auf, während das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zur Aufsichtsbehörde wird.

Unlängst postete die Plattform auf ihrer LinkedIn-Seite mehrere Cover alter Fachbücher wie »Die dunkle Seite des Chips«, die bereits 1993 Bedrohungen der beginnenden Digitalisierung thematisierten. In naher Zukunft dürfte Abwehr dann kein Nachgucken mehr in Ratgebern und Richtlinien bedeuten, sondern eine »Fight Fire with Fire«-Abwehr erfordern. So könnten vermehrt Hacker:innen gegen Hacker:innen zurückschlagen – und KI-Systeme gegen KI-Attacken. Denn mit jedem Angriff lernen auch die Systeme und es gilt der alte Satz: »Schaden macht klug«.

Ein »All-Gefahren-Ansatz« sieht ein Wappnen gegen jede Form von physischer Beeinträchtigung vor, wobei Extremwetterereignisse, gezielte

Text Rüdiger Schmidt-Sodingen

Brandreport • Perimeter Protection

KRITIS schützen: Resilienz beginnt am Perimeter

M

Ob Energie, Wasser, Verkehr oder Gesundheit: Kritische Infrastrukturen halten unseren Alltag am Laufen. Fallen sie aus, kann das weitreichende Folgen haben.

it dem KRITIS-Dachgesetz, das am 17. März 2026 in Kraft getreten ist, gelten erstmals bundesweit einheitliche, sektorübergreifende Anforderungen an ihre physische Resilienz. Betreiber:innen müssen Risiken systematisch bewerten, geeignete Schutzmaßnahmen ableiten und ihre Widerstandsfähigkeit stärken. Ziel ist es, kritische Dienstleistungen auch bei Störungen aufrechtzuerhalten und den Betrieb im Ernstfall schnell wiederherzustellen. Die Aufgabe für KRITIS-Betreiber:innen: regulatorische Anforderungen in ein Sicherheitskonzept übersetzen, das zum Standort passt und im Ernstfall funktioniert. Dafür reicht es nicht, einzelne Schwachstellen abzusichern. Der Perimeterschutz der Zukunft verbindet bauliche und mechanische Sicherung mit elektronischer Detektion, Videoüberwachung, Zufahrtskontrolle und klar geregelten Abläufen. Denn auch das Bedrohungsbild verändert sich rasant. Neben

Der Perimeterschutz der Zukunft verbindet bauliche und mechanische Sicherung mit elektronischer Detektion, Videoüberwachung, Zufahrtskontrolle und klar geregelten Abläufen. Gefahren am Boden gewinnen Risiken aus der Luft, insbesondere durch Drohnen, an Bedeutung. Moderne Sensorik, Drohnendetektion und intelligente Systeme erweitern die Möglichkeiten, Anlagen zu schützen. Die Systeme müssen zusammenspielen und eine durchgängige Prozesskette ermöglichen: von der Gefährdungsanalyse über Detektion und Verifikation bis zur Intervention.

Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Betreiber:innen, Planer:innen, Installationsbetriebe, Sicherheitsdienstleister, Hersteller:innen, Behörden und Technologieanbieter:innen müssen Wissen und Kompetenzen bündeln, um auf neue Anforderungen zu reagieren. Die Perimeter Protection bringt diese Akteure vom 19. bis zum 21. Januar 2027 in Nürnberg

zusammen. Als europäische Leitmesse für integrierten Perimeterschutz zeigt sie das Zusammenspiel mechanischer, elektronischer und digitaler Lösungen – von Zaun- und Torsystemen bis hin zu Kamera- und Drohnentechnologie. Das Fachforum ergänzt die Ausstellung um Perspektiven auf aktuelle Sicherheitsfragen. Im Mittelpunkt steht der Austausch darüber, wie aus Regulatorik, Innovation und Praxiserfahrung belastbare Schutzkonzepte entstehen. Entscheidend dabei ist, dass Technik, Prozesse und die Menschen vor Ort im Ernstfall zuverlässig zusammenwirken. Weitere Informationen unter: perimeter-protection.de


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Controlware GmbH • Brandreport

5

»Der Schutz der OT-Umgebungen entscheidet über die Versorgungssicherheit« Die Vernetzung von IT und Operational Technology (OT) stellt Betreiber kritischer Infrastrukturen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig erhöhen NIS2 und die KRITIS-Regulierung den Handlungsdruck. Christopher Gasteier, Teamleiter Business Development Operational Technology bei Controlware, erläutert, wie sich industrielle Anlagen schützen lassen, ohne den Betrieb zu gefährden.

Christopher Gasteier Teamleiter Business Development Operational Technology Herr Gasteier, warum rückt die Sicherheit industrieller Anlagen gerade jetzt in den Fokus? Energieversorger, Stadtwerke und Industrieunternehmen vernetzen ihre Anlagen zunehmend mit klassischen IT-Systemen, um Prozesse effizienter zu steuern und zu überwachen. So entstehen aber neue Angriffsflächen – zumal viele OT-Umgebungen über Jahrzehnte gewachsen sind und Systeme umfassen, die gar nicht für eine Vernetzung konzipiert wurden. Während die klassische IT Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von Informationen und Diensten schützt, stehen in OT-Umgebungen der sichere und zuverlässige Anlagenbetrieb sowie die Integrität der industriellen Prozesse im Fokus. Wie können Betreiber ihre OT-Umgebungen schützen, ohne

den Betrieb zu gefährden? Der erste Schritt ist Transparenz. Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen wissen, welche Systeme vorhanden sind, wie diese kommunizieren und wo ihre Schwachstellen liegen. Ein bewährter Ansatz ist ein etabliertes Risikomanagement. Sicherheitsmaßnahmen müssen auf die betrieblichen Anforderungen abgestimmt, vorab geprüft und stets so umgesetzt werden, dass Betriebsrisiken minimiert werden. Controlware setzt hier auf ganzheitliche Sicherheitsarchitekturen, kontinuierliches Monitoring und klare Prozesse. Unser modularer OT-Leitstand führt Betriebs- und Sicherheitsinformationen aus vielen Systemen in einem zentralen Lagebild zusammen. Dabei verbinden wir technische Betriebsunterstützung, strukturierte ServiceProzesse und OT-spezifisches Know-how. Betriebs- und Sicherheitsinformationen werden zusammengeführt, um Auffälligkeiten zu bewerten und fundierte Entscheidungen vorzubereiten. Die Betriebsverantwortung verbleibt jedoch bei den Betreibern. Eingriffe erfolgen auf Grundlage vereinbarter Zuständigkeiten und Freigabeprozesse. Welche Anforderungen ergeben sich aus NIS2 und den KRITIS-Vorgaben? Die Pflichten hängen davon ab, wie ein

Unternehmen eingeordnet ist und welche branchenspezifischen Vorgaben gelten. Gerade NIS2 betrifft nicht nur klassische KRITIS-Betreiber: Es geht darum, Cyberrisiken systematisch zu bewerten, angemessene Schutzmaßnahmen umzusetzen und auf Sicherheitsvorfälle vorbereitet zu sein. Hinzu kommen abgestufte Registrierungs-, Melde- und Nachweispflichten für die Geschäftsleitung. Diese Vorgaben sind jedoch nicht nur auf dem Papier zu erfüllen: Die Maßnahmen müssen regelmäßig überprüft und angepasst werden – unter Berücksichtigung der besonderen Anforderungen des laufenden OT-Betriebs. Neben Technologie geht es dabei um klare Verantwortlichkeiten, belastbare Prozesse und qualifizierte Fachkräfte. Gerade diese sind oft knapp. Umso wichtiger sind Betriebsmodelle, die internes Wissen sichern und bei Bedarf externe Spezialist:innen einbinden. Die Verantwortung für die Compliance verbleibt jedoch beim Unternehmen.

Bestandsaufnahme, Konzeption und Implementierung geeigneter Sicherheitsarchitekturen. Dabei verzahnen wir unsere OT-Expertise mit Managed Cyber Defense Services: Unsere Spezialist:innen überwachen IT-Infrastrukturen rund um die Uhr, erkennen und bewerten Aktivitäten und unterstützen bei der Reaktion auf Sicherheitsvorfälle. Im Zusammenspiel mit dem OT-Leitstand entsteht ein ganzheitliches Sicherheits- und Betriebsmodell. So können Betreiber kritischer Infrastrukturen ihre Cyberresilienz stärken und die Einhaltung regulatorischer Vorgaben unterstützen, ohne alle Spezialkompetenzen und Kapazitäten vorhalten zu müssen. Weitere Informationen unter: controlware.de

Wie unterstützt Controlware konkret bei der Absicherung der Infrastrukturen? Wir begleiten Kunden bei der

Axis Communications GmbH • Brandreport

Wie vernetzte Sicherheitstechnik die Resilienz von KRITIS stärkt Die Bedrohungslage für kritische Infrastrukturen hat eine neue Dimension erreicht. Physische Sabotage, Drohnenaktivitäten und Cyberangriffe greifen zunehmend ineinander und gefährden Versorgungssicherheit, Wirtschaft und Gesellschaft.

Tobias Metsch Regional Director Middle Europe bei Axis Communications

W

ie vernetzte Sensorik, eigene Chiptechnologie und ein konsequenter Cybersicherheitsansatz nach dem Prinzip »Secure by Design« helfen, hybride Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, erläutert Tobias Metsch, Regional Director Middle Europe bei Axis Communications.

Herr Metsch, kritische Infrastrukturen wie Energieversorger oder Wasserwerke sind heute gleichzeitig durch physische Angriffe, Drohnenaktivitäten und Cyberattacken bedroht. Wie begegnet Axis dieser hybriden Bedrohungslage? Der technologische Ansatz liegt im Übergang von isolierten Einzelgeräten hin zu einer offenen, integrierten Sicherheitsarchitektur. Als Erfinder der Netzwerkkamera haben wir unser Portfolio konsequent um Radar, Wärmebild, Audio sowie Zutrittskontrollsysteme erweitert. Unsere Geräte sind längst intelligente, vernetzte Sensoren mit eigener Rechenleistung und Edge-Analytik. Der Schlüssel zur Bewältigung hybrider Gefahren ist die intelligente Vernetzung

dieser Sensoren. Radar erkennt Bewegungen und liefert Informationen zu Position und Richtung eines Objekts, unabhängig vom sichtbaren Licht. Kameras ermöglichen die visuelle Verifikation, Wärmebildtechnik detektiert relevante Objekte auch bei Dunkelheit. Zutrittskontrolle ergänzt den Berechtigungskontext, Netzwerk-Audio ermöglicht eine unmittelbare Warnung. So erhält die Leitstelle ein belastbares Lagebild für schnelle und fundierte Entscheidungen. Viele Sicherheitssysteme dokumentieren Vorfälle erst im Nachhinein. Wie kommen Betreiber mit moderner Sensorik aktiv »vor die Lage«? Indem Ereignisse so früh wie möglich erkannt und bewertet werden. Ein Radarsensor oder eine Wärmebildkamera erfasst Bewegungen bereits im Vorfeld einer Anlage, noch bevor eine Sicherheitszone verletzt wird. Erkennt das System ein relevantes Ereignis, schaltet sich ein Scheinwerfer ein oder es ertönt eine Audioansage. Reagiert die Person oder das Fahrzeug nicht, wird die Leitstelle alarmiert. Betreiber reduzieren so Falschalarme und gewinnen wertvolle Reaktionszeit, bevor ein kritischer Bereich erreicht wird. Die Datenverarbeitung direkt auf dem Edge-Gerät reduziert die Verarbeitungszeiten deutlich, da Daten nicht erst an einen zentralen Server übertragen werden müssen. Mit unserem selbst entwickelten Systemon-Chip ARTPEC führen wir KI-Analysen und Objekterkennung direkt auf der

Kamera aus. Dadurch benötigt der Betreiber für die Videoanalyse keine aufwendige zentrale Serverlandschaft, da Menschen, Fahrzeuge und andere relevante Objekte bereits dezentral erkannt, klassifiziert und in strukturierte Metadaten überführt werden. Netzwerkkameras sind ja selbst zunehmend Teil der IT-Infrastruktur. Wie schützt Axis seine Geräte vor Cyberangriffen? Cybersicherheit ist bei Axis seit jeher tief in der Entwicklung verankert. Wir nennen diesen Ansatz »Secure by Design«. Das reicht vom selbst entwickelten Betriebssystem AXIS OS über Hardening Guides bis hin zu Axis Edge Vault, unserem hardwarebasierten kryptografischen Schlüsselspeicher direkt im Chip. Signed OS und Secure Boot stellen sicher, dass nur authentische, von Axis signierte Software ausgeführt wird. Zudem betreiben wir ein transparentes Schwachstellenmanagement im Austausch mit dem BSI, von dem wir als erster Sicherheitstechnologiehersteller das BSI IT-Sicherheitskennzeichen für unser gesamtes Portfolio erhalten haben. Mit NIS-2 und dem KRITISDachgesetz steigen die gesetzlichen Anforderungen. Musste Axis seine Entwicklung dafür neu ausrichten? Nein, denn viele der heute regulatorisch geforderten Prinzipien waren bereits Bestandteil unserer Entwicklungs- und Cybersicherheitsstrategie. Dazu zählen Secure by Design,

Schwachstellenmanagement, langfristiger Lifecycle-Support und sichere Geräteidentitäten. Als Technologiepartner unterstützen wir Betreiber mit Funktionen, Informationen und Nachweisen bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen. Physische Sicherheit und Cybersicherheit müssen dabei stets gemeinsam gedacht werden, denn die beste Firewall nützt nichts, wenn der Serverraum physisch unzureichend geschützt ist. Sicherheitsinvestitionen stoßen in Führungsetagen noch immer manchmal auf Skepsis. Was sagen Sie Managern, die vor den Kosten zurückschrecken? Sicherheitsbudgets sind eine notwendige Investition in Resilienz und Betriebskontinuität. Im Ernstfall können Betriebsunterbrechungen sowie Sach- oder Personenschäden die Präventionskosten deutlich übersteigen. Unsere Technik bietet mit fünf bis zehn Jahren eine lange Nutzungsdauer und wird über den gesamten Lebenszyklus hinweg mit LongTerm-Support versorgt. Hochwertige Sicherheitstechnik schützt daher nicht nur Menschen und die Infrastruktur, sondern kann auch zu einer höheren betrieblichen Effizienz beitragen.


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

Smart Cities und digitale Infrastruktur

Bild Unsplash / Getty Images

6

fokus.swiss

Wo geht’s zur Smart European City? Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sucht in seiner »Smart-City-Forschung« nach möglichst umfassenden Lösungen für eine wirtschaftlich erfolgreiche, lebenswerte Stadt, die Probleme frühzeitig erkennt und behebt.

S

traßen, die derzeit für den Glasfasernetzausbau aufgestemmt werden, sind ein sichtbares Zeichen, wie sich Städte oder Gemeinden auf die digitale Zukunft vorbereiten. Immer mehr Menschen arbeiten und konsumieren von zuhause, gleichzeitig benötigen auch Gewerbebetriebe, die sich auf dem Land ansiedeln, schnelle Internetverbindungen. So wie sich die Techniknutzung demokratisiert und diversifiziert, müssen auch die physischen Strukturen, die die Technik bereitstellen oder ein besseres Leben rund um sie ermöglichen, neue Wege finden. Dieses Leben sieht heute anders aus als früher in den klassischen Einkaufsstraßen, aber nicht völlig anders, nur weil man seinen Computer inzwischen in der Hosentasche trägt. Das Forschungscluster Smart Cities im Bonner BBSR fragt deshalb: »Wie können Kommunen die Digitalisierung nutzen, um eine nachhaltige, integrierte und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung voranzutreiben? Welche Chancen eröffnet die Digitalisierung? Und welche Herausforderungen und Risiken bestehen?« Eine geglückte Digitalisierung bedeute eben nicht nur »effizientere Prozesse in der Stadt- und Regionalplanung«, sondern

»ein transparentes Verwaltungshandeln, die Mobilitätswende und den Klimaschutz«. Zudem schaffe »sie die Grundlage für innovative Geschäftsmodelle und für neue Instrumente zur gesellschaftlichen Teilhabe«. Im Fokus steht die »nachhaltige, europäische Stadt« Interessanterweise sieht das BBSR die Digitalisierung einmal von der anderen Seite und fragt, was diese denn tun müsse, damit sich die »Anforderungen an eine nachhaltige europäische Stadt bewältigen lassen«. Die im letzten Jahr erschienene BBSR-Studie »Künstliche Intelligenz in smarten Städten und Regionen« untersucht »innovative KI-Entwicklungen für die Stadtentwicklung« und »lotet Nutzungspotenziale aus«, wobei sowohl »technische und nichttechnische Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration von KI« angesprochen werden. Im Zentrum des Interesses steht die Pflege der Infrastrukturen, deren Zustand dank KI besser eingeschätzt und instandgesetzt werden kann. Anhand von Beispielen wie Verkehrslenkung, Flächennutzungsplanung oder Hochwasserschutzsystemen zeigt die Studie auf, dass Daten nicht nur gemessen und ausgewertet werden,

sondern vielmehr zu einer aktiven Steuerung von Maßnahmen und besseren Prognosen führen sollen. Im Bereich der Infrastruktur »konzentrieren sich die KI-Lösungen auf die präventive Instandhaltung kommunaler Infrastrukturen sowie die Verbesserung und Erhöhung der Systemresilienz«. Mithilfe von Bild- und Geodaten und datenbasierten Modellen lassen sich Straßen- oder Kanalschäden feststellen oder vorhersagen, die Folgen von Unwettern durchspielen und entsprechende Maßnahmen erproben. Bessere Prognosen, mehr Durchblick Abseits von Schadensprognosen geht es darum, Energienetzwerke aufzubauen und zu verstehen, um Energieerzeugung und Netzkapazitäten aufeinander abzustimmen. Die Studie blickt aber noch weiter und stellt als Inspiration Waldpflegeprogramme in Bamberg, komplett digitalisierte Baugenehmigungsprozesse in Wien, bedarfsorientierte Ampelsteuerungen in Ingolstadt und digitale Fernwärmezwillinge in Iserlohn vor. Die Herausforderungen sind überall ähnlich: Statt singuläre Aktionen zu starten, wenn Ereignisse eintreten, wird mit Letzteren aktiv und rund um die Uhr gerechnet. Dies führt dazu, dass Infrastrukturen nicht sich selbst überlassen werden,

bis sie eines Tages nicht mehr funktionieren. Ihr »Puls«, ihr Funktionieren, wird durch Datenübertragungen regelmäßig gemessen. Die Auseinandersetzung mit den Potenzialen von KI, so die Analyse, werde »bislang vor allem von zwei Push-Faktoren angetrieben: dem Fachkräftemangel und dem stellenweisen Arbeitsrückstand bei der Aufgabenerledigung«. Da sich »beide Faktoren durch den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren weiter zuspitzen werden«, könne nur eine »umfassende Automatisierung von kommunalen Prozessen« die Leistungsund damit auch Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Gemeinden aufrechterhalten. Nur eine dauerhaft funktionierende Infrastruktur beheimatet zufriedene Bürgerinnen und Bürger. »If you can make it there, you can make it anywhere«, sang Frank Sinatra über New York. Die Frage beim Blick aus dem Fenster im Rathaus oder im Einzimmer-Studentenapartment ist letztlich die gleiche: Ist das hier Klein-New York, wo alles geht und ich deswegen alles erreichen kann? Text Rüdiger Schmidt-Sodingen

Brandreport • MVV Smart Cities

Das Zusammenspiel der Systeme entscheidet

Deutschland steht vor großen Infrastrukturaufgaben. Die Modernisierung gewachsener Netze, die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung, die Transformation des Verkehrssektors und nachhaltiges Wassermanagement treffen auf knappe Budgets, Fachkräftemangel und komplexe technische Strukturen.

Vinzent Grimmel MVV Smart Cities

E

in schneller, wirtschaftlicher Ausbau der Netze ist allein mit mehr Leitungen und Anlagen nicht zu machen. Eine intelligente Steuerung, die Kapazitäten optimal nutzt und den Ausbaubedarf präzise erkennt, muss die Maßnahmen begleiten. Sie ermöglicht es, Lasten zu verschieben, Spitzen zu reduzieren und Infrastruktur effizient auszulasten. Quartiere sind für so eine integrierte Entwicklung prädestiniert. Hier liegen Erzeugung und Verbrauch nah beieinander.

Lokal erzeugter Strom ist für Gebäude, Wärmeerzeugung oder Ladeinfrastruktur nutzbar. Das Mannheimer Konversionsquartier FRANKLIN zeigt, was möglich ist. Wärme, Strom, Breitbandversorgung und Mobilitätsangebote werden hier mit Blick auf das gesamte Areal entwickelt und miteinander verknüpft. Die Voraussetzung dafür ist ein gemeinsames Zielbild. Kommunen, Versorger, Projektentwickler:innen und Netzbetreiber:innen müssen frühzeitig klären, welche Systeme zusammenwirken, wie sie gesteuert werden, wer den Betrieb verantwortet und wie Investitionen und Nutzen langfristig verteilt werden. Um dieses Zusammenspiel zu organisieren und stetig zu optimieren, bedarf es einer leistungsfähigen digitalen Ebene. Sie schafft Transparenz, ermöglicht fundierte Entscheidungen und eine intelligente Steuerung vernetzter Infrastrukturen.

Digitalisierung muss den Betrieb verbessern Der Wert der Digitalisierung bemisst sich an besseren Entscheidungen, nicht nur an der Menge erhobener Daten. Betriebsdaten machen ineffiziente Rücklauftemperaturen oder ungenutzte Kapazitäten in Wärmenetzen sichtbar. In Wassernetzen helfen sie, Verluste früher zu erkennen und zu reduzieren. Ladeinfrastruktur lässt sich mit verfügbaren Netzkapazitäten und lokaler Erzeugung abstimmen. Dafür braucht es eine belastbare digitale Ebene zwischen physischer Infrastruktur und operativen Entscheidungen. Mit Smacondi führt MVV Smart Cities Daten aus Sensoren, Anlagen und IT-Systemen zusammen. Maßgeblich ist das Prinzip dahinter, nicht allein die Plattform: Die Lösung muss technologieoffen, erweiterbar und sicher sein. Besonders anspruchsvoll ist die Transformation im Bestand. Dort müssen

Anlagen unterschiedlicher Generationen integriert werden, ohne die Versorgung zu gefährden. Koordinationsfähigkeit als Standortfaktor Viele der erforderlichen Technologien sind verfügbar. Ihre Wirkung bleibt aber begrenzt, wenn Investitionsplanung, Datenmanagement, Regulierung und Betrieb getrennt voneinander erfolgen. Die zentrale Aufgabe von Kommunen und Versorgern ist es, aus Daten Handlungsfähigkeit zu gewinnen und so ihre Infrastruktur auch unter veränderten Bedingungen sicher, effizient und bezahlbar zu betreiben. Weitere Informationen unter: mvv.de/smart-cities


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Deutsche GigaNetz • Brandreport

7

Ohne Glasfaser keine KI

Glasfasernetze sollen Deutschland in der Fläche zukunftsfähiger machen, indem sie Menschen eine extrem stabile, sichere und schnelle Internetverbindung bieten. Reinhard Sauer, CEO der Deutschen GigaNetz, erläutert, wie der eigenwirtschaftliche Glasfaserausbau in Deutschland funktioniert.

Reinhard Sauer CEO der Deutschen GigaNetz Herr Sauer, die Menschen brauchen für ChatGPT also Glasfaser? KI gilt als einer der wichtigsten Innovationstreiber unserer Zeit. Doch bei aller Diskussion über Modelle und Algorithmen wird ein entscheidender Faktor häufig übersehen: die digitale Infrastruktur. Ohne stabile und ausreichend dimensionierte Netze können moderne KI-Anwendungen ihr Potenzial in der Praxis kaum entfalten. Bereits Cloud-Dienste, Videokonferenzen und kollaborative Anwendungen sind auf zuverlässige Verbindungen angewiesen. Moderne KI-Anwendungen verschärfen diese Anforderungen. Ohne leistungsfähige Glasfaserinfrastruktur stößt die Entwicklung und Nutzung von KI schnell an ihre Grenzen. Glasfaser bildet das Fundament digitaler Innovation. Gegenüber klassischen kupferbasierten Anschlüssen bietet Glasfaser deutlich höhere Übertragungskapazitäten, niedrigere Reaktionszeiten sowie symmetrische Up-/ Download-Raten und ist weniger störanfällig. Eine intelligente Stadt oder Region ist vor allem eines: ein leistungsfähiges Datennetzwerk – und diesbezüglich wird man auf flächendeckende Glasfaserinfrastruktur angewiesen sein. Der Glasfaserausbau ist also keine Option, sondern eine entscheidende Investition und Voraussetzung für die digitale Zukunft. Wo stehen Sie beim eigenwirtschaftlichen Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland? Der eigenwirtschaftliche Glasfaserausbau ist und bleibt ein wesentlicher Baustein für die digitale Zukunft Deutschlands. Gleichzeitig hat sich der Markt in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Die anfängliche Dynamik ist einer realistischeren Betrachtung gewichen. Heute beeinflussen die Finanzierungskosten, die Baukosten, der Wettbewerb und die lokale Nachfrage stärker, wo und wie schnell sich ein eigenwirtschaftlicher Glasfaserausbau wirtschaftlich realisieren lässt. Wir müssen deshalb sehr genau abwägen, wie wir unsere Investitionen und Baukapazitäten einsetzen. Für uns steht daher nicht mehr allein die Frage im Vordergrund, wie viele Kilometer Glasfaser wir verlegen. Entscheidend ist, dass wir nachhaltig investieren, die Netze effizient bauen und möglichst viele Haushalte tatsächlich an das Netz anschließen. Denn eine Leitung, die an einem Gebäude vorbeiführt, ist kein vollwertiger Glasfaseranschluss. Entscheidend ist, dass die Anschlüsse tatsächlich genutzt werden und die Investitionen langfristig tragfähig sind. Die Deutsche GigaNetz hat in den vergangenen Jahren eine leistungsfähige Plattform für den eigenwirtschaftlichen Glasfaserausbau aufgebaut. Wir sind mit aktiv in Betrieb genommenen Glasfasernetzen sowie Ausbauprojekten in rund 200 Städten und Kommunen über viele Bundesländer hinweg vertreten. Unser Anspruch, mehr als eine Million Haushalte mit einem echten Glasfaseranschluss zu versorgen, bleibt ein wichtiger Maßstab für unsere Entwicklung.

Ohne leistungsfähige Glasfaserinfrastruktur stößt die Entwicklung und Nutzung von KI schnell an ihre Grenzen.

Was haben Sie aus den vergangenen Ausbaujahren gelernt? Was machen Sie heute anders als noch vor zwei oder drei Jahren? Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Glasfaserausbau weit mehr ist als ein reines Infrastrukturprojekt. Es geht nicht nur um Tiefbau, Technik und Investitionen, sondern auch um Vertrauen, Kommunikation und vor allem um die Akzeptanz der Menschen vor Ort. Die Bürgerinnen und Bürger müssen verstehen, welchen konkreten Nutzen ein Glasfaseranschluss bietet, dass Glasfaser nicht mehr kostet, wie der Ausbau abläuft und wie wichtig sicheres Internet für die Zukunftsfähigkeit ist. Dass unsere Infrastruktur leistungsfähig ist, zeigen auch unabhängige Tests. Im CHIP-Glasfaseranbietertest 2026 wurde die Deutsche GigaNetz als Testsieger für Geschwindigkeit, Vertragserfüllung, stabile Internetverbindung sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgezeichnet. Vor zwei oder drei Jahren standen vielerorts Geschwindigkeit und Flächenwachstum im Vordergrund. Heute betrachten wir ein Ausbaugebiet ganzheitlicher. Wir prüfen genauer, wie die örtlichen Gegebenheiten aussehen, wie hoch die tatsächliche Nachfrage ist, wann Baukapazitäten zu welchem Preis zur Verfügung stehen und vor allem, wie schnell Kund:innen angeschlossen werden können. Zudem setzen wir aktiv auf Kooperationen mit anderen Anbietern. In unseren Open-Access-Partnerschaften, z. B. mit Vodafone, OXG, Bahnhof, Glasfaser Nordwest, GlasfaserPlus und Westconnect, werden Netze zur gemeinsamen Nutzung geöffnet, fairer Wettbewerb gefördert und Ressourcen geschont. Endkund:innen profitieren dabei ebenfalls durch Wahlfreiheit und breite Anbieterauswahl. Wie funktioniert das Zusammenspiel mit Kommunen, Tiefbauunternehmen und Hauseigentümer:innen? Glasfaserausbau ist Teamarbeit. Kein Netzbetreiber kann ein Projekt dieser Größenordnung allein erfolgreich umsetzen. Wir brauchen die Unterstützung der Kommunen, engagierte Immobilienbesitzer:innen, Baupartner:innen sowie die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich mit der Glasfasertechnologie auseinanderzusetzen und diese nutzen zu wollen. Die Kommunen sind für uns wichtige strategische Partner. Sie kennen ihre Infrastruktur, ihre Ortsteile und die Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Wenn Verwaltung und Netzbetreiber frühzeitig

zusammenarbeiten, können Genehmigungen, Bauabschnitte und die Koordination mit anderen Infrastrukturmaßnahmen besser geplant werden. Gleichzeitig ist die Kommune ein wichtiger Multiplikator, wenn es darum geht, den Nutzen der Glasfaser verständlich zu vermitteln. Und schließlich sind die Hauseigentümer:innen unverzichtbar, denn der Ausbau endet ja nicht an der Grundstücksgrenze. Wir benötigen die Unterstützung für die Grundstücksquerung und den Gebäudeanschluss sowie eine gute Abstimmung über die Verlegung im Gebäude. Sie haben von Anfang an auf »100 Prozent Glasfaser« gesetzt. Was bedeutet das? Für uns bedeutet »100 Prozent Glasfaser«, dass die Glasfaserleitung ohne kupferbasierte Anschlussstrecke bis zu den Endkund:innen geführt wird. Technisch sprechen wir in diesem Fall von FTTH – »Fiber to the Home«. Das ist ein entscheidender Unterschied zu Lösungen, bei denen die Glasfaser zwar bis zu einem Verteiler oder in die Straße reicht, die letzten Meter bis zum Gebäude aber weiterhin über Kupferleitungen überbrückt werden und damit technisch stark eingeschränkt sind. Mit FTTH schaffen wir eine auf langfristige Leistungsfähigkeit ausgelegte Infrastruktur. Unser Ziel ist es nicht, eine Übergangstechnologie für die nächsten Jahre zu schaffen, sondern eine Grundlage, die den permanent steigenden Anforderungen langfristig gerecht wird. Eine einmal gebaute Glasfaserinfrastruktur kann 100 Jahre und länger genutzt werden. Was bedeutet der Glasfaserausbau für die Zukunftsfähigkeit einer Region oder Gemeinde? Glasfaserinfrastruktur ist heute ein entscheidender Standortfaktor – vergleichbar mit einer leistungsfähigen Verkehrs- oder Energieinfrastruktur. Glasfaser beeinflusst die Attraktivität einer Region für Unternehmen, Familien, Fachkräfte und junge Menschen. Für Unternehmen schafft sie die Voraussetzung, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, Cloud-Dienste zu nutzen, große Datenmengen auszutauschen und über Standorte hinweg effizient zusammenzuarbeiten. Gerade kleinere und mittelständische Betriebe profitieren davon, wenn sie digital auf Augenhöhe mit größeren Wettbewerbern agieren können. Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur eröffnet den Bürgerinnen und Bürgern zudem mehr Flexibilität. Neben allen KI-Anwendungen sind Homeoffice, Telemedizin,

Gaming und moderne Verwaltungsleistungen sicher und schnell nutzbar – auch außerhalb großer Ballungsräume. Mit einem zukunftsfähigen Netz können sich Kommunen als attraktive Wohn- und Wirtschaftsstandorte positionieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern. Was wünschen Sie sich, um den Glasfaserausbau bis 2035 zügig und möglichst breit umsetzen zu können? Vor allem wünsche ich mir verlässliche Rahmenbedingungen, effizientere Prozesse und ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Glasfaser eine zwingende langfristige Infrastrukturinvestition ist. Dafür brauchen wir in Deutschland jetzt einen verbindlichen Fahrplan für die sukzessive Migration von der veralteten Kupfertechnologie auf Glasfaser. Dieser muss allen Marktteilnehmenden Planungssicherheit bieten. Zudem ist ein wettbewerbsfördernder Regulierungsrahmen notwendig. Konkret sehe ich vier weitere zentrale Handlungsfelder. Erstens müssen Genehmigungsverfahren schneller und stärker standardisiert werden. Zweitens brauchen wir mehr Kooperationen zwischen Netzbetreibern. Drittens müssen wir die Nachfrage stärken. Glasfaseranschlüsse müssen nicht nur gebaut, sondern auch genutzt werden. Dafür sind verständliche Angebote, transparente Kosten und eine überzeugende Kommunikation des tatsächlichen Mehrwerts auch in den Medien erforderlich. Und viertens ist ein pragmatischer Ansatz für Gebiete erforderlich, die sich nicht eigenwirtschaftlich erschließen lassen. Dort sollten Fördermittel gezielt eingesetzt werden, ohne private Investitionen unnötig zu verdrängen. Mein Zielbild für das Jahr 2035 ist eine flächendeckende und wirtschaftlich tragfähige digitale Infrastruktur. Politik, Kommunen, Netzbetreiber, Bauwirtschaft und Immobilienbesitzer:innen müssen an einem Strang ziehen. Und es kommt nicht nur darauf an, wie viel Glasfaser wir verlegen, sondern wie viele Menschen und Unternehmen wir tatsächlich an eine zukunftsfähige und nachhaltige Infrastruktur anschließen. Der Aufbau einer digitalen Infrastruktur und die damit verbundene digitale Souveränität sind eine gesellschaftliche Aufgabe. Nur so sichern wir eine nachhaltige und unabhängige digitale Zukunft in Deutschland. Weitere Informationen unter: deutsche-giganetz.de


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

8

Brandreport • Axians Deutschland

fokus.swiss

Digitale Schiene: Jetzt entscheidet die Umsetzung Ob ICE, Containerzug oder Kombiverkehr: Europas Schienennetz soll mehr leisten. Dafür braucht es nicht nur neue Gleise, sondern eine Infrastruktur, die im Hintergrund sicher und zuverlässig funktioniert. Im Zentrum steht der Bahnfunk: Mit dem neuen Funkstandard FRMCS (Future Railway Mobile Communication System) steht ein Technologiewechsel an, der weit über den Funk hinausreicht.

Zukunft der Schienenkommunikation«, bei dem echte Use Cases zum praktischen Einsatz der Technologie vorgestellt werden. Im Mittelpunkt stehen die Grundlagen von FRMCS, die Zusammenhänge mit GSM-R sowie die betrieblichen und strategischen Auswirkungen der Migration. Live-Demonstrationen und Einblicke in moderne Planungstools machen zudem 5G- und FRMCS-Anwendungen für die Schieneninfrastruktur erlebbar. Exklusiv vor Ort vermittelt Andrew White von der Wray Castle Rail Academy praxisnah, was der Technologiewechsel für Planung, Betrieb und Infrastruktur bedeutet.

Maik Pichotta, Divisionsleiter Verkehrswege-Infrastruktur

S

eit den 1990er-Jahren kommuniziert der europäische Schienenverkehr intern über GSM-R. Der Standard nähert sich seinem technologischen und operativen Lebensende; Hersteller garantieren Support nur noch bis etwa 2035. FRMCS basiert auf 5G und ist für höhere Datenraten, geringe Latenzen, hohe Verfügbarkeit und Sicherheit ausgelegt. Künftig sollen darüber neben Sprachverbindungen auch Signaldaten, Fahrzeugdiagnosen und Echtzeitinformationen übertragen werden. Damit wird FRMCS zum Fundament der digitalen Bahnkommunikation. Zugleich ist die leistungsfähige Infrastruktur Voraussetzung dafür, dass das European Train Control System (ETCS), das einheitliche Zugsicherungssystem für Europa, seine Vorteile voll nutzen und digitale Stellwerke ihr Potenzial für die dynamische Zugfolgesteuerung entfalten können. Entscheidend ist deshalb das Zusammenspiel der Gewerke: Glasfaser, Funk, Leit- und Sicherungstechnik,

Elektrotechnik und Cyber Security müssen als Gesamtsystem funktionieren. Kein Produkttausch, sondern ein Architekturwechsel Allein für den Streckenausbau sind deutschlandweit rund 20 000 Funkmasten geplant. Die Migration erfolgt bei laufendem Bahnbetrieb. Bis voraussichtlich Mitte der 2030er-Jahre müssen GSM-R und FRMCS parallel betrieben werden. Gleichzeitig braucht es neues Know-how für 5G-Systeme, Cloud-Architekturen und datengetriebene Anwendungen – bei einem ohnehin ausgeprägten Fachkräftemangel in Bahn und IT. Ein erstes Großprojekt war die Strecke Hamburg-Berlin. Dort wurde erstmals in Deutschland eine passive Funkinfrastruktur aufgebaut,

die die Anforderungen von FRMCS erfüllt. Die Strecke ist in sieben Lose aufgeteilt. Parallel zur Korridorsanierung erfolgt der Aufbau mehrerer hundert Funkmasten und der zugehörigen Glasfaser- und Stromversorgungsinfrastruktur. Die digitale Schiene entsteht nicht aus Einzelprodukten. Entscheidend ist, dass die verschiedenen Anforderungen in Planung und Umsetzung ineinandergreifen. Axians bringt dafür Erfahrung aus Bahn, Telekommunikation und Infrastruktur zusammen und begleitet Projekte ganzheitlich.

Die Veranstaltung findet am 18.03.2027 von 10:00 bis 17:30 Uhr in der Alten Lokhalle Mainz statt. Im Anschluss ist ein gemeinsamer Wissensaustausch im Laufe des Abends vorgesehen. Mehr Informationen und Anmeldung via QR-Code.

Next Stop: FRMCS – Bahn, Mobilfunk und Technik an einem Tisch Wie gelingt der Übergang von GSM-R zu FRMCS konkret? Darum geht es beim Axians-Event »Next Stop: FRMCS – Die

Brandreport • GPG Glasfaser Projekt GmbH

»Bis 2030 trennt sich der Markt: Wer nicht dokumentiert, hat nicht gebaut« Im Glasfaserausbau zählen nicht mehr nur erschlossene Häuser, sondern aktive Anschlüsse. Florence Fischer und Frank Bonnemeier, Geschäftsführer der GPG Glasfaser Projekt GmbH, über Nachverdichtung, Dokumentation und den Ausbaustand 2030.

Florence Fischer Geschäftsführerin der GPG Glasfaser Projekt GmbH

Frank Bonnemeier Geschäftsführer der GPG Glasfaser Projekt GmbH Frau Fischer, welche Kennzahl entscheidet heute? Fischer: Homes Activated, also die aktiven Kundenanschlüsse. Jahrelang zählten Homes Passed, dann Homes Connected. Doch Rendite bringt erst der genutzte Anschluss. Investor:innen wollen deshalb gebaute Netze auslasten statt neue Gebiete erschließen. Für wen baut die GPG? Fischer: Vor allem für Netzbetreibende

und Energieversorgungsunternehmen, darunter NetCom BW, Westnetz, EnergisNetzgesellschaft, UGG, Vodafone und Infrafibre Networks, zudem institutionelle Investor:innen. Seit 2019 sind wir als Generalunternehmer am Markt, mit Sitz in Duisburg und Projekten in sechs Bundesländern. Wir steuern Planung, Tiefbau und Montage bis zur Hauseinführung. Was bedeutet der Fokus auf Aktivierung für Sie? Fischer: Nachverdichtung und Netzebene 4, also die Inhouse-Vernetzung bis zum Endkunden, rücken ins Zentrum. Gerade Nachverdichtung im Fremdnetz ist knifflig: Fehlersuche, fehlende Faserzuordnungen, Dokumentationsmängel, unauffindbare Hausübergabepunkte. Die Inhouse-Verkabelung galt wegen Komplexität und hoher Investitionen lange als unattraktiv. Das ändert sich gerade. Woran scheitert die Aktivierung? Fischer: Fast immer an der Dokumentation. Nach der Pandemie zählte Tempo: Gebaut hat oft der Billigste, kontrolliert wurde zu wenig. Heute fehlen oft belastbare Bestandsund Spleißpläne. Ein nicht dokumentiertes Netz ist ein nicht gebautes Netz. Wir haben früh eigene Standards entwickelt, oft strenger als die unserer Auftraggeber:innen – davon profitieren heute alle.

Herr Bonnemeier, wie bewältigt man diese Datenmenge? Bonnemeier: Mit konsequent digitalen Prozessen, die auch Partner:innen und Subunternehmer:innen einbinden. Jede Trasse, jeder Spleiß, jede Muffe, jede Hauseinführung wird einheitlich erfasst und vor der Abnahme geprüft. Wer erst bei der Abnahme fehlende oder falsche Einmessdaten, Fotos oder Dämpfungswerte bemerkt, baut zweimal. KI kam genau zur richtigen Zeit: Sie prüft Nachweise schneller und einheitlicher als manuelle Verfahren, auch bei großen Datenmengen. Lassen sich so auch steigende Kosten auffangen? Fischer: Teilweise. Zinswende, Kriege, Bürokratie, Energie- und Rohstoffpreise treiben die Baukosten. Zugleich nimmt der geförderte Ausbau Fahrt auf. Dort sind Dokumentation und Kontrolle das A und O, sonst droht bei der Verwendungsnachweisprüfung das dicke Ende. Was braucht ein Team, das so arbeitet? Bonnemeier: Spezialist:innen, die für ihr Thema brennen und eigenverantwortlich denken. Wir bauen kritische Infrastruktur; Genehmigungen und Bauvorschriften setzen hohe Hürden. Fischer: Glasfaserausbau ist kein Selbstläufer, er muss ständig nachgesteuert werden. Amateur:innen haben im Markt keinen Platz mehr.

Wo steht Deutschland 2030? Fischer: Deutlich weiter als heute, aber noch nicht am Ziel. Bis dahin konsolidiert sich der Markt. Glasfaser wird selbstverständlich, aber nur dort, wo heute sauber gebaut und dokumentiert wird. Und die GPG? Fischer: Über unsere Tochter bauen wir eine eigene Bausparte auf. Schon heute steigt die Nachfrage nach dem Ausbau kommunaler Stromverteilnetze deutlich, getrieben von E-Autos, Ladesäulen und Photovoltaik. Ihre Ertüchtigung wird 2030 ein wichtiges Geschäftsfeld sein, das wir gezielt ausbauen. Weitere Informationen unter: glasfaser-projekt.gmbh


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Pinsent Masons • Brandreport

9

Batteriespeicher und Rechenzentren: Warum die Infrastruktur von morgen mehr Flexibilität braucht Dr. Sönke Gödeke Partner bei Pinsent Masons Herr Dr. Gödeke, bei Infrastruktur denken viele zunächst an Schienen und Straßen, vielleicht noch Strom- und Gasnetze. Warum gehören Batteriespeicher (BESS) zur Infrastruktur Deutschlands im Jahr 2030? In einem sich immer weiter elektrifizierenden Land wie Deutschland wird nicht nur mehr Strom benötigt, sondern auch mehr Flexibilität. Denn eine der Herausforderungen der Energiewende ist ja, dass Wind- und Solarstrom nicht zwangsläufig an dem Ort produziert werden, an dem sie benötigt werden; geschweige denn zu dem Zeitpunkt. BESS können Strom innerhalb kürzester Zeit aufnehmen oder abgeben und damit Erzeugung und Verbrauch im Netz besser zusammenführen. Zwar ersetzen sie weder den Netzausbau noch eine gesicherte Erzeugung, übernehmen aber eine wichtige Funktion, wenn es um die Steuerung eines stark beanspruchten Stromnetzes geht. Meines Erachtens greift es daher zu kurz, BESS als bloße Energietechnologie zu betrachten. Speicher werden zu einer eigenen Infrastrukturkomponente: Als Bindeglied zwischen Erzeugung und Verbrauch stabilisieren sie das System insgesamt, machen volatile Stromerzeugung handhabbarer und können knappen Netzkapazitäten effizient begegnen. Für Deutschland ist das auch eine Standortfrage. Industrie, Ladeparks, Wärmepumpen, Elektrolyseure und Rechenzentren konkurrieren zunehmend um Anschlussleistung. Infrastrukturpolitik muss daher die speziellen Anforderungen von Erzeugung, Netz, Speicher und großen Verbrauchern berücksichtigen. Stand heute dürfte der entscheidende Engpass der Infrastruktur 2030 nicht die Erzeugung von Strom sein, sondern seine Verfügbarkeit am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Die Projektpipelines wachsen rasant. Bedeutet viel angekündigte Speicherleistung automatisch, dass hier eine neue belastbare Infrastruktur-Assetklasse entsteht? Nein. Genau darin liegt ein großes Missverständnis. Eine große Projektpipeline allein ist noch keine Infrastruktur. Entscheidend ist, ob ein Projekt finanziert, gebaut und über viele Jahre verlässlich betrieben werden kann. Für die meisten Investoren beginnt ihre Prüfung deshalb beim Netzanschluss: Welche Kapazität ist tatsächlich gesichert, unter welchen technischen Bedingungen und mit welchem Zeitplan, gibt es Ausbaumöglichkeiten? Es folgen Grundstücksrechte und Genehmigungen, Liefer- und Bauverträge, Garantien für Leistung und Verfügbarkeit, Brandschutz, Cybersecurity, Wartung, Degradation und ein

Stand heute dürfte der entscheidende Engpass der Infrastruktur 2030 nicht die Erzeugung von Strom sein, sondern seine Verfügbarkeit am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. belastbarer Weg zur Vermarktung: Bei BESS greifen technische, regulatorische und kommerzielle Risiken besonders eng ineinander. Hinzu kommt, dass BESS heute häufig Erlöse aus mehreren Märkten kombinieren. Diese Diversifizierung kann den Business Case stärken, macht ihn aber vertrags- und datenintensiver. Wer das Asset finanziert oder erwirbt, muss verstehen, wie Optimierung, Dispatch, Garantien, Netzrestriktionen und Haftung zusammenspielen. Nicht die größte Pipeline wird gewinnen, sondern das Portfolio mit den belastbarsten Netzrechten, Verträgen und Vermarktungsstrukturen. Rechenzentren werden zu einem zentralen Bestandteil der Infrastruktur 2030, zugleich benötigen sie enorme und verlässliche Anschlussleistung. Welche Rolle können BESS dabei spielen? Rechenzentren und BESS treffen an einem der knappsten Punkte der Infrastruktur aufeinander: beim leistungsfähigen Netzanschluss. Rechenzentren benötigen eine hochverfügbare Stromversorgung und weisen zugleich Lastprofile auf, die insbesondere beim Training von Large-Language-Modellen sehr dynamisch werden können. BESS können kurzfristige Lastspitzen glätten, Leistungsschwankungen puffern und zusammen mit Erzeugungsanlagen im Netz ein intelligentes und dezentrales Energiesystem bilden. Der strategische Nutzen beschränkt sich nicht lediglich auf die Erhöhung der Versorgungssicherheit. Batteriespeicher können es Rechenzentren ermöglichen, ihre vertraglich reservierte Netzanschlusskapazität effizienter zu nutzen und den Strombezug an Preissignale und Netzbedingungen anzupassen. Langfristig könnten mit BESS kombinierte

Rechenzentren damit von reinen Stromverbrauchern zu flexiblen Systemakteuren werden, die in die Stabilisierung und Optimierung des Energiesystems aktiv eingebunden sind. Rechtlich und kommerziell ist das anspruchsvoll. Zu klären sind insbesondere die Priorität der Versorgung des Rechenzentrums gegenüber einer marktlichen Nutzung des Speichers. Dabei müssen auch Business Cases abgestimmt werden: Verfügbarkeits- und Leistungszusagen, Steuerungsrechte, Messkonzepte, Haftungsthemen sowie die Frage, wer Strompreis- und Optimierungsvorteile erhält. Die Infrastruktur der Zukunft ist nicht das isolierte Rechenzentrum und auch nicht der isolierte Speicher. Entscheidend wird vielmehr das intelligente Zusammenspiel mit Netz und Erzeugung sein; ähnlich wie wir es bereits bei anderen co-located Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien beobachten können.

Dr. Marc Salevic Partner bei Pinsent Masons

Herr Dr. Salevic, sehen Sie Reformbedarf an den einschlägigen Regularien für Rechenzentren, damit diese bis 2030 mit BESS kombiniert zu flexiblen Systemakteuren werden, die in die Stabilisierung und Optimierung des Energiesystems aktiv eingebunden sind? Rechenzentren sind schon heute ohne BESS einer Vielzahl von spezifischen deutschen Regulierungsvorgaben unterworfen, die auch

Rechenzentren sind schon heute ohne BESS einer Vielzahl von spezifischen deutschen Regulierungsvorgaben unterworfen, die auch im EU-Vergleich besonders streng sind – allen voran das Energieeffizienzgesetz (EnEfG).

im EU-Vergleich besonders streng sind – allen voran das Energieeffizienzgesetz (EnEfG). Dort werden nicht nur Vorgaben zur Vermeidung und Wiederverwendung von Abwärme getroffen, sondern auch konkrete Werte für die Energieverbrauchseffektivität vorgeschrieben. Die Unternehmen stehen damit vor der zusätzlichen Herausforderung, das Rechenzentrum nicht nur (1.) nach den Anforderungen der Kunden im Rechenzentrum und (2.) als flexibler Systemakteur zur Stabilisierung und Optimierung des Energiesystems zu betreiben, sondern auch (3.) dabei sehr strikte Energieeffizienzvorgaben einzuhalten. Hier bahnt sich ein Zielkonflikt an, der schwer aufzulösen sein könnte. Regulierungspolitisch sollte daher bedacht werden, ob ein Rechenzentrum, das nachweislich im Sinne von (2.) als flexibler Systemakteur, z. B. mit BESS, betrieben wird, hierfür eine Privilegierung bei (3.) den Energieeffizienzvorgaben erhalten sollte. Gibt es auch schon deutsche Regulierungsansätze, die förderlich sind für die weitere Entwicklung von Rechenzentren als flexible Systemakteure mit BESS? Generell förderlich für die Entwicklung von Onsite-Energiesystemkomponenten bei Rechenzentren war die deutsche Privilegierung von sogenannten Kundenanlagen. Für solche Anlagen auf ihrem Rechenzentrums-Campus konnten sich Betreiber auf eine weitgehende Befreiung von den regulatorischen Pflichten eines Stromverteilnetzbetreibers verlassen. Nach einer Vorabentscheidung des EuGH und einem darauf ergangenen BGH-Urteil sieht sich der deutsche Gesetzgeber nun gehalten, insbesondere für Neuanlagen, die nach dem 23.12.2025 angeschlossen wurden bzw. noch werden, eine Nachfolgeregelung zu treffen. Diese Neuregelung dürfte auch maßgeblich dafür sein, wie weit BESS zukünftig auf Rechenzentrums-Sites gebaut und für mehr als nur Notstrom integriert werden. Allerdings ist hier nach der EuGH-Rechtsprechung eine Umsetzungsgasse vom deutschen Gesetzgeber einzuhalten, die von der Elektrizitäts-Binnenmarkt-Richtlinie bestimmt wird. Insoweit laufen bereits langwierige Diskussionen über mehr Flexibilisierung und Investitionsfreundlichkeit auch auf Ebene des zukünftigen EU-Rechtsrahmens. Weitere Informationen unter: pinsentmasons.com


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

Brandreport • Drees & Sommer

fokus.swiss

Deutschland kann schneller bauen

Milliarden stehen für Deutschlands Infrastruktur bereit. Doch warum kommt so wenig davon auf den Baustellen an? Frank Bornmann ist Head of Infrastructure bei Drees & Sommer.

Frank Bornmann Head of Infrastructure bei Drees & Sommer

D

as international tätige Beratungsunternehmen begleitet Bau- und Infrastrukturprojekte von der Strategie über die Planung bis zur Umsetzung. Bornmann über falsche Prioritäten und Wege aus dem Investitionsstau. Herr Bornmann, Deutschland investiert Milliarden in seine Infrastruktur. Ist Geld noch das größte Problem? Geld bleibt notwendig. Aber der eigentliche Engpass ist inzwischen die Umsetzung. Wir haben motivierte Leute in den Verwaltungen und Unternehmen, die etwas bewegen wollen. Nur arbeiten viele noch zu sehr nebeneinander. Dazu kommen fehlende Planer und knappe Baukapazitäten. Wenn auch der Wohnungsbau wieder anzieht, wird der Wettbewerb um diese Ressourcen größer. Wir müssen die vorhandenen Kräfte besser einsetzen. Ein neues Gesetz allein baut noch keine Brücke. Wie sorgt Drees & Sommer dafür, dass aus Investitionszusagen tatsächlich Bauprojekte werden? Wir beginnen häufig lange vor der Ausschreibung. Was ist überhaupt notwendig, was hat Vorrang und welche Mittel braucht es dauerhaft? In Baden-Württemberg haben wir beispielsweise rund 7300 Brücken begutachtet. 73 davon wurden einer besonderen Gefährdungsklasse zugeordnet. Daraus lässt sich ableiten, welche Bauwerke zuerst behandelt werden müssen. Ähnlich gehen wir bei kommunalen Gebäuden vor. Wir liefern den Verantwortlichen eine Grundlage, um nicht nach Bauchgefühl entscheiden zu müssen. Und wir helfen dabei, diesen Fahrplan anschließend auch durchzuhalten. Nach welchen Kriterien sollten Infrastrukturprojekte Vorrang bekommen? Ich würde zwei Fragen stellen: Wo entsteht der größte volkswirtschaftliche Schaden, wenn wir nichts tun? Und welche Maßnahme bringt

dem Gesamtnetz den größten Nutzen? Eine unscheinbare Brücke kann wichtiger sein als ein spektakulärer Neubau. Wir haben zu lange gewartet, bis einzelne Bauwerke praktisch nicht mehr zu retten waren. Dann wird eine Sperrung zum Problem für eine ganze Region. Unser Ziel muss sein, solche Engpässe früh zu erkennen und Sanierungen entsprechend zu planen. Die Gießkanne wird uns nicht helfen. Woran scheitert die Umsetzung in der Praxis besonders häufig? Oft sind entscheidende Fragen zu spät geklärt. Wem gehört die Fläche? Wer genehmigt was? Welche Bedingungen stellt der Fördermittelgeber, und wann fließt das Geld? Wenn das erst während der Planung auffällt, verliert man Monate. Drees & Sommer bringt die Beteiligten deshalb möglichst früh zusammen und prüft, welche Voraussetzungen wirklich erfüllt sein müssen. Hinzu kommt: In manchen Behörden fehlt den Menschen die Sicherheit, Entscheidungen zu treffen. Wir sind in Teilen überreguliert. Aber selbst gute Regeln helfen wenig, wenn niemand weiß, ob er sie ohne persönliches Risiko anwenden darf. Sind klassische Vergabemodelle noch zeitgemäß? Nicht für jedes Vorhaben. Die strikte Trennung von Planung, Ausschreibung und Bau kann viele Schnittstellen schaffen. Wir schauen deshalb mit dem Auftraggeber, ob etwa ein Generalunternehmer, ein partnerschaftliches Modell oder eine öffentlich-private Partnerschaft sinnvoller ist. Risiken müssen vernünftig verteilt sein, Zuständigkeiten klar. Und die Ausschreibung muss beschreiben, was am Ende herauskommen soll. Manchmal steht dort nur, die Planung sei mit BIM, also einem digitalen Gebäudemodell, zu erstellen. Was der Bauherr damit erreichen will, bleibt offen. Solche Unklarheiten führen später zu Streit und Mehrkosten.

können. Umso wichtiger sind belastbare Projekte und verlässliche Zusagen. Ein Wirtschaftsstandort besteht aus vielen miteinander verbundenen Systemen. Was passiert, wenn sie getrennt geplant werden? Das kann erhebliche Folgen haben. Ein Wirtschaftsstandort braucht funktionierende Energie- und Verkehrsnetze, digitale Verbindungen und eine Versorgung, die auch bei Störungen trägt. Drees & Sommer betrachtet deshalb das Zusammenspiel der Systeme, nicht nur das einzelne Bauwerk. Und zwar mit Blick auf die nächsten zehn oder zwanzig Jahre. Gerade bei der Energiewende sieht man, wie entscheidend das ist: Erzeugungsanlagen, Leitungen und Abnehmer müssen gleichzeitig bereitstehen. Wir steuern für EWE beim Projekt Clean Hydrogen Coastline ein Elektrolyseurvorhaben mit 320 Megawatt. Ob sich die Investition trägt, hängt auch davon ab, wann das Wasserstoffnetz verfügbar ist. Ich habe Projekte gesehen, die technisch fertig und betriebsbereit waren und dann hat der Netzanschluss gefehlt. Ist unsere Infrastruktur ausreichend gegen Ausfälle geschützt? Wir müssen früher fragen, welche Funktionen selbst bei einem Ausfall erhalten bleiben müssen. Bei einem Krankenhaus ist das besonders offensichtlich. Aber auch andere Anlagen sind auf Strom, Kommunikation und funktionierende Steuerung angewiesen. Wer seine Daten nicht beherrscht, beherrscht am Ende auch seine Anlage nicht. Deshalb gehören die digitale Steuerung und die physische Infrastruktur in ein gemeinsames Konzept. Wer pflegt die Daten? Wo liegen sie? Was passiert, wenn die Verbindung ausfällt? Das lässt sich

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit privates Kapital fließt? Projekte müssen soweit vorbereitet sein, dass Investor:innen wissen, worauf sie sich einlassen. Sie brauchen Sicherheit darüber, wann eine Genehmigung vorliegt und wann eine Anlage tatsächlich in Betrieb geht. Dazu gehört auch, offen über Renditen zu reden. Geld muss Geld verdienen, sonst kommt es nicht. Die öffentliche Hand wird die Infrastrukturaufgaben der kommenden Jahrzehnte kaum allein stemmen

Wir müssen nicht alles vereinheitlichen, sondern das, was wirklich hilft.

– Frank Bornmann

Bild Unsplash / Makomakt

10

bei der Planung besser lösen als später unter Zeitdruck nachzurüsten. Das Bewusstsein für diese Risiken ist inzwischen da. Bei der Umsetzung sehe ich noch viel Nachholbedarf. Deutschland kann auch schnell bauen. Weshalb bleibt das die Ausnahme? Weil wir die Erfahrungen nicht konsequent genug weitergeben. Beim LNG-Terminal in Wilhelmshaven oder der Generalsanierung der Riedbahn wurde anders gearbeitet als üblich. Drees & Sommer hat die Riedbahn begleitet. Aus solchen Projekten müssen wir lernen: Was hat funktioniert, was nicht, und was lässt sich wiederholen? Eine Autobahngesellschaft könnte sich mit einem Flughafenbetreiber austauschen, die Bahn mit Energieversorgern. Dafür brauchen wir nicht unbedingt eine neue Behörde. Wir brauchen mehr Neugier und den Willen, funktionierende Verfahren auch über Ländergrenzen hinweg zu übernehmen. Wenn wir jedes Mal von vorne anfangen, verschenken wir Zeit. Was muss bis 2030 geschehen, damit die Menschen Fortschritte spüren? Zugesagtes Geld muss auch verfügbar bleiben. Beschleunigte Verfahren müssen bis zu den Stellen durchdringen, die Projekte tatsächlich genehmigen. Und wir brauchen Standards, die sich wiederholen lassen. Sechzehn unterschiedliche Landesbauordnungen machen das nicht einfacher. Natürlich hat der Föderalismus Vorteile. Aber warum sollte ein Verfahren, das sich in Bremen bewährt, nicht auch in München funktionieren? Wir müssen nicht alles vereinheitlichen, sondern das, was wirklich hilft. Vor allem brauchen wir klare Prioritäten und sichtbare Erfolge. Die Menschen müssen merken, dass etwas passiert.


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Drees & Sommer • Brandreport

Wasser: Der unterschätzte Produktionsfaktor

»Bauen ist nur Mittel zum Zweck«

Die Infrastruktur der Deutschen Bahn wird derzeit grundlegend erneuert. Saskia Meynhardt, Head of Public Transport beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer, erklärt, warum die größte Herausforderung nicht auf der Baustelle liegt.

1776 beschrieb der Ökonom Adam Smith das berühmte Paradox von Wasser und Diamanten: Was für das Leben unverzichtbar ist, kostet oft wenig, während Seltenes teuer gehandelt wird. Für Wasser gilt diese Logik in Deutschland größtenteils bis heute. Da es vermeintlich jederzeit verfügbar ist, wird es kaum als wirtschaftlicher Risikofaktor wahrgenommen.

Dr. Stephan Wasielewski Head of Water bei Drees & Sommer

A

nders als Öl, Gas oder Metalle besitzt Wasser keinen globalen Marktpreis. Sein wirtschaftlicher Wert zeigt sich immer dann, wenn es knapp wird. Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Produktionen stocken, Transporte verzögern sich, Kosten steigen. Wie gravierend die Abhängigkeit bereits heute ist, zeigte das diesjährige Niedrigwasser am Rhein. Ausgerechnet in einer Phase steigender Nachfrage geriet die deutsche Chemieindustrie unter Druck, weil sich Rohstoffe und Vorprodukte nur eingeschränkt transportieren ließen. Der durch die niedrigen Pegel verursachte Wertschöpfungsausfall könnte sich nach Schätzungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft allein im dritten Quartal auf bis zu zwei Milliarden Euro belaufen. Das sind keine Einzelfälle. Eine im März veröffentlichte Analyse von BDO und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) unter 160 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX zeigt: Rund 60 Prozent sind mittel bis stark von Wasser abhängig. Dennoch betrachtet etwa ein Drittel der stark abhängigen Unternehmen Wasser in der Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht als wesentlich. Das verweist auf ein grundlegendes Problem: Viele Unternehmen wissen sehr genau, wie viel Wasser sie verbrauchen. Deutlich seltener analysieren sie, wie abhängig ihr Geschäftsmodell von einem funktionierenden Wassersystem ist. Der Fokus liegt zu sehr auf dem eigenen Standort. Dabei entscheidet nicht das Werksgelände über die Zukunft

der Wasserversorgung, sondern die Stabilität des gesamten Wasserhaushalts einer Region: Grundwasser, Flüsse, Speicher, Böden, Wälder und technische Infrastruktur bilden ein zusammenhängendes System. Gerät es unter Druck, wirkt sich das auch auf Lieferketten, Produktion und Wachstum aus. Deshalb müssen Wasserrisiken deutlich stärker in die strategische Unternehmenssteuerung einfließen. Dazu gehört, potenzielle Produktionsausfälle entlang der gesamten Lieferkette zu bewerten und deren finanzielle Folgen zu quantifizieren. Gleichzeitig können Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen: durch Wasserkreisläufe, die Wiederverwendung von Prozesswasser, effizientere Kühlung oder Regenwasserspeicherung auf dem Betriebsgelände. Doch Vorsorge endet nicht am Werkstor. Unternehmen, Kommunen und Versorger müssen Wasser künftig gemeinsam planen. Der Masterplan Wasserversorgung Baden-Württemberg geht beispielsweise davon aus, dass bis 2050 rund die Hälfte der Kommunen in Trockenperioden mit Versorgungsengpässen rechnen muss. Neue Fabriken, Rechenzentren und Wohngebiete können nur dort nachhaltig entstehen, wo die langfristige Wasserverfügbarkeit mitgedacht wird. Gleichzeitig braucht es Investitionen in Speicher, Leitungen, Wasserwerke und Kläranlagen. Mindestens ebenso wichtig ist die natürliche Infrastruktur: wiedervernässte Moore, intakte Auen und Flüsse mit mehr Raum. Sie speichern Wasser, fördern die Grundwasserneubildung und mindern Hochwasserspitzen. Wasser ist kein Nebenkostenposten mehr. Es ist eine zentrale Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung und wirtschaftliche Resilienz. Viele Technologien, Planungsinstrumente und naturbasierte Maßnahmen stehen längst zur Verfügung. Jetzt kommt es darauf an, sie konsequent umzusetzen, bevor aus einem schleichenden Risiko ein echter Standortnachteil wird.

Wasser ist kein Nebenkostenposten mehr. Es ist eine zentrale Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung und wirtschaftliche Resilienz.

– Dr. Stephan Wasielewski

11

Saskia Meynhardt Head of Public Transport bei Drees & Sommer Frau Meynhardt, ist die Bahn zu einem Bauunternehmen geworden, das nebenbei Züge fahren lässt? Nein, auch wenn bei manchen dieser Eindruck entsteht. Bauen ist nur Mittel zum Zweck. Der Job der Bahn ist es, Menschen und Güter verlässlich ans Ziel zu bringen. Sie baut aus und saniert, damit genau das wieder besser funktioniert. Das klingt banal, ist aber hochkomplex. Mehr als 500 Eisenbahnverkehrsunternehmen nutzen das längste Schienennetz Europas. Sie planen kurz- und langfristig, vor allem aber müssen sich darauf verlassen können, dass Baustellen bzw. die Fahrpläne wie angekündigt laufen. Deshalb ist Planungssicherheit durch den Infrastrukturbetreiber das Wichtigste. Warum treffen Baustellen den Güterverkehr besonders hart? Sperrt die Bahn auf großen Güterverkehrskorridoren wie den Nordsee–Rhein–MittelmeerKorridor einen zentralen Abschnitt, trifft das die Versorgungsketten für Menschen und Industrie in ganz Europa. Ändern sich kurzfristig beispielsweise Sperrpausen oder Umleitungsstrecken, stehen Güterverkehrsunternehmen oftmals vor enormen Herausforderungen. Insbesondere langlaufende und grenzüberschreitende Verkehre lassen sich, anders als im Personenverkehr mit Schienenersatzverkehren, nicht kurzfristig umplanen. Zuverlässigkeit bei der Anlieferung etwa von Kohle für Produktionsstätten, der umweltsichere Transport von Gefahrgütern und grenzüberschreitende Abhängigkeiten sind nur einige Gründe, warum Baustellen für den Güterverkehr besonders kritisch sind. Das Risiko, dass Transporte auf die Straße verlagert werden, steigt, wenn Änderungen von Sperrzeiten zur Regel werden oder die Baufreiheit nach Abschluss der Arbeiten nicht gewährleistet ist. Wie viel kann die Deutsche Bahn dabei allein lösen? Nur sie kann ihr Netz und den Betrieb modernisieren und Baustellen besser planen. Vor allem sollte sie das in engerer, baumaßnahmenspezifischen Kooperation mit der Baubranche, den Nachbarinfrastrukturbetreibern und den Verkehrsunternehmen tun. Die Erfahrungen aus den Korridorsanierungen liefern eine ideale Grundlage, um grundlegende Themen der Zusammenarbeit neu aufzusetzen und wo nötig, Standards zu etablieren. Hier können Digitalisierung und kluge Zuschnitte der Bauabschnitte in Kooperation mit der Baubranche Schnittstellen und Kosten reduzieren. Das trägt wiederum zur Planungssicherheit bei. Die Bahn investiert Milliarden. Was muss sich außer Gleisen und Stellwerken ändern? Infrastruktur heißt nicht nur bauen, sondern vor allem betreiben und erhalten. Infrastrukturerhalt ist und bleibt auch nach dem Abbau des

Infrastruktur heißt nicht nur bauen, sondern vor allem betreiben und erhalten.

– Saskia Meynhardt

Sanierungsstaus bis Mitte der 2030er Jahre eine Daueraufgabe. Um die Herausforderungen der Zukunft aus Industrie, Personenverkehr und Klimaschutz auch in den nächsten Jahrzehnten verkehrstechnisch bewältigen zu können, muss sich die Organisation funktionaler ausrichten, Fachwissen erhalten und fördern. Gut ist, dass sich die Bahn bereits auf den Weg gemacht hat, wieder stärker die Dinge zu tun, die zu ihren originären Aufgaben gehören. Sperrige, veraltete Einkaufsprozesse, schwankende Bundesfinanzierung und -prioritäten und aufwendige Genehmigungen dürfen nicht mehr Sand im Getriebe sein. Andere Netzwerkindustrien sind hier weiter. Welche Rolle übernimmt Drees & Sommer? Vor allem die des Dolmetschers zur Sicherung der baulichen Interessen der Bauherr:innen in den Bauphasen. Um nur eines von vielen Projekten zu nennen: In Ulm-Dornstadt steuern wir Planung, Genehmigung, Bau, Kosten und Termine eines Umschlagbahnhofs, dessen Kapazität um 50 Prozent auf bis zu 300 000 Ladeeinheiten steigt. Wir sorgen dafür, dass die Bauherrin die Abläufe, die beteiligten Gewerke, Termine und Kosten im Blick behält. Viele halten die Eisenbahnbranche für trockenes Ingenieurgeschäft. Tatsächlich ist sie ein riesiges, faszinierendes und hochkomplexes Echtzeitsystem. Woran erkennen wir, dass die Bahn auf dem richtigen Weg ist? Daran, dass Kund:innen wieder verlässlich planen können. Güterbahnen brauchen früh Klarheit über Trassen, Baustellen und Kosten. Fahrgäste müssen erleben, dass sanierte Strecken dauerhaft zuverlässiger sind. Wirklich erfolgreich ist die Bahn dann, wenn sie nicht mehr über problembehaftete Baustellen definiert wird, sondern über ihren eigentlichen Job: Züge fahren. Weitere Informationen unter: dreso.com


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

KI und Rechenzentren

Bild Unsplash / Getty Images

12

fokus.swiss

Wassermangel und Stromnetzausbau bremsen die Künstliche Intelligenz Weltweit gibt es schätzungsweise 12 000 operative Rechenzentren, die unter anderem die Grundlage für Cloud-Dienste und KI-Anwendungen bilden. Besonders der rasante Ausbau von KI-Technologien und Cloud-Diensten durch große Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Google treibt den Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazitäten immer weiter voran. Diese Entwicklung eröffnet zwar viele Chancen, gerät jedoch zunehmend an ihre Grenzen – denn der steigende Energie- und Wasserverbrauch kann damit kaum noch Schritt halten.

N

ichts verändert unsere Gesellschaft derzeit so grundlegend wie die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Auf den ersten Blick ist dieser Wandel jedoch weniger sichtbar und greifbar als beispielsweise die industrielle Revolution. Damals entstanden überall auf der Welt riesige Fabrikhallen mit mächtigen Schornsteinen, die man sehen, hören und meist auch riechen konnte. Die KI-Revolution dagegen vollzieht sich weitgehend unsichtbar, geräuschlos und geruchlos. Gerade deshalb fällt es vielen Menschen schwer, ihre Dimension und ihre Auswirkungen vollständig zu erfassen. Doch auch hinter der scheinbar unsichtbaren digitalen Welt steht eine gewaltige Infrastruktur. Rechenzentren bilden das technische Fundament vieler KI-Anwendungen. Um Daten zu speichern, Informationen zu verarbeiten und leistungsfähige KI-Modelle zu trainieren, benötigen sie enorme Mengen an elektrischer Energie. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) lag der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2024 bei rund 415 Terawattstunden (TWh). Bis 2030 könnte er auf etwa 945 TWh jährlich steigen – mehr als doppelt so viel wie sechs Jahre zuvor. Wenn Strom und Infrastruktur zum Engpass werden Mit dem Wachstum der KI stößt der technologische Fortschritt jedoch zunehmend an physische Grenzen. Rechenzentren benötigen eine zuverlässige Stromversorgung rund um die Uhr, gleichzeitig müssen Stromnetze, Umspannwerke und Kraftwerkskapazitäten erst ausgebaut werden, um den zusätzlichen Bedarf zu decken – und dieser Ausbau dauert häufig deutlich länger als die Errichtung eines Rechenzentrums selbst. Auch die Klimabilanz der Rechenzentren hängt nicht allein von ihrem Stromverbrauch ab. Es spielt eine große Rolle, woher die Energie stammt, wann sie benötigt wird und ob ausreichend

Die große Herausforderung besteht darin, den technologischen Fortschritt mit ökologischen und infrastrukturellen Grenzen in Einklang zu bringen. erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Wird der zusätzliche Strombedarf durch Wind- und Solarenergie gedeckt, die tatsächlich zusätzlich bereitgestellt wird, kann dies die CO₂-Emissionen senken. Muss dagegen auf fossile Kraftwerke zurückgegriffen werden, fällt die Klimabilanz schlechter aus. Die Kühlung als zusätzliche Herausforderung Neben der Stromversorgung wird die Kühlung zu einem immer größeren Problem. Leistungsstarke Prozessoren und Grafikprozessoren (GPUs) erzeugen bei der Verarbeitung großer Datenmengen erhebliche Wärme. Besonders hochverdichtete Server-Racks, in denen viele dieser Komponenten auf engem Raum arbeiten, stoßen deshalb zunehmend an die Grenzen herkömmlicher Luftkühlung. Zusätzlich zum Energieverbrauch der Computerchips benötigen Lüfter, Pumpen und Kälteanlagen Strom, um die Wärme abzuführen und einen zuverlässigen Betrieb sicherzustellen. Je nach Kühltechnik kann außerdem ein erheblicher Wasserbedarf entstehen – ziemlich ungünstig in Zeiten zunehmender Hitze und regionaler Wasserknappheit. Der vergangene Sommer hat erneut gezeigt, wie stark Hitze und Trockenheit Gewässer, Wälder und landwirtschaftliche Flächen belasten, zudem steigt an heißen

Sommertagen auch der Wasserbedarf vieler Haushalte und landwirtschaftlicher Betriebe. Neue Kühltechnologien als Lösungsansatz Um diese Herausforderungen zu bewältigen, werden effizientere Kühlverfahren entwickelt. Ein Ansatz ist die wasserfreie Kühlung, bei der im laufenden Kühlprozess kein Wasser verbraucht wird. Dabei muss jedoch zwischen einem tatsächlich wasserfreien Betrieb und einem geschlossenen Kühlkreislauf unterschieden werden: Geschlossene Systeme können den Wasserverbrauch erheblich reduzieren, sind aber nicht automatisch vollständig wasserfrei. Besonders vielversprechend ist die sogenannte Direct-to-Chip-Kühlung. Dabei wird eine Kühlplatte direkt an besonders wärmeintensiven Bauteilen wie Prozessoren und GPUs angebracht. Eine Flüssigkeit nimmt die Wärme auf und transportiert sie zu einem Wärmetauscher. Dadurch muss weniger Wärme über die Raumluft abgeführt werden, was den Energiebedarf für Lüfter und Klimatisierung reduzieren kann. Noch einen Schritt weiter geht das Liquid Immersion Cooling. Bei diesem Verfahren werden Server oder einzelne Komponenten in eine elektrisch nichtleitende Kühlflüssigkeit eingetaucht. Die Flüssigkeit nimmt die Wärme unmittelbar an den Oberflächen der

Hardware auf. Das ermöglicht eine effiziente Kühlung besonders leistungsstarker Systeme und kann den Bedarf an herkömmlicher Luftkühlung verringern. Wie viel Energie und Wasser sich tatsächlich einsparen lassen, hängt unter anderem von der Anlagenkonzeption und der anschließenden Wärmeabfuhr ab. In Zukunft dürften diese Technologien weiter an Bedeutung gewinnen, denn intelligente Steuerungen können die Kühlleistung an die tatsächliche Auslastung anpassen. Wie viel Wachstum verträgt die Infrastruktur? Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz hängt somit längst nicht mehr allein von besseren Chips und leistungsfähigeren Softwaremodellen ab. Es geht immer mehr darum, ob ausreichend Strom, geeignete Kühlmöglichkeiten, Wasser und die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stehen. Bereits heute zeigen Diskussionen um neue Rechenzentren, dass Fragen der Energieversorgung und des Wasserverbrauchs zu wichtigen Faktoren bei der Standortwahl und bei Genehmigungsverfahren werden. Die große Herausforderung besteht darin, den technologischen Fortschritt mit ökologischen und infrastrukturellen Grenzen in Einklang zu bringen. KI bietet enorme Chancen für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, doch damit diese langfristig genutzt werden können, müssen Rechenzentren effizienter werden, ihre Energieversorgung möglichst klimafreundlich gestaltet und Ressourcen verantwortungsvoll eingesetzt werden. Die grundsätzliche Frage lautet deshalb nicht nur, wie leistungsfähig die KI der Zukunft sein wird, sondern auch, wie nachhaltig wir die Voraussetzungen für ihren Betrieb schaffen können. Text Katja Deutsch


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Goodman Germany GmbH • Brandreport

13

Die Infrastruktur der digitalen Welt Was einst Autobahnen und Lagerhäuser waren, sind im digitalen Zeitalter Datenleitungen und Rechenzentren. Diese essenzielle Infrastruktur für die Digitalwirtschaft ist genau wie die Energieversorgung zwingend erforderlich, um im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu sein.

Komplexität und Laufzeit. Während Logistikimmobilien ein bis zwei Jahre Vorlauf haben, brauchen Rechenzentren auf ehemaligen Brownfields eine umfassende Due Diligence, viel Kapital und Durchhaltevermögen. Es erfordert einen transparenten, intensiven Dialog mit Politik und Verwaltung. Wer hier mit einem partnerschaftlichen Mindset und starken Nachhaltigkeitskonzepten auftritt, kann auch herausfordernde Projekte erfolgreich umsetzen.

Christof Prange Geschäftsführer der Goodman Germany GmbH

C

hristof Prange, Geschäftsführer der Goodman Germany GmbH, erklärt im Interview, worauf es dabei ankommt.

Goodman hat in der Vergangenheit vorwiegend Logistikimmobilien entwickelt – weshalb die Neuausrichtung auf Rechenzentren? Im Dialog mit unseren E-Commerce-Kund:innen haben wir festgestellt, dass die Ware des 21. Jahrhunderts nicht die Produkte im Logistiklager sind, sondern die dahinterliegenden Daten. Es war daher ein logischer Schritt, Rechenzentren als Warenhäuser der Zukunft zu bauen. Da die digitale Industrie das Rückgrat der Wirtschaft der Zukunft ist, ist es nur konsequent, ungenutzte Industrieflächen zu zukunftssicheren Rechenzentren zu transformieren.

neue Wirtschaftstruktur: Wir brauchen sie für Videocalls, digitales Einkaufen und Bezahlen, aber auch für autonomes Fahren. Sie schaffen Unabhängigkeit von Drittstaaten und Resilienz. Für Kommunen im Strukturwandel bieten sie enorme Vorteile wie neue Arbeitsplätze und damit verbundene Gewerbesteuereinnahmen zur Konsolidierung der Haushalte. Zudem ist ihre Abwärme eine historische Chance für die Dekarbonisierung. Da Rechenzentren zu 100 Prozent erneuerbare Energie nutzen müssen, sind sie eine grüne Nahwärmequelle für Stadtquartiere und Schwimmbäder.

Welchen Beitrag zur Infrastrukturlandschaft leisten Rechenzentren und wie können Städte hiervon profitieren? Rechenzentren sind unverzichtbar für die

Können Rechenzentren nachhaltig sein? Ja, absolut. Unser Projekt FRA02 auf dem Areal einer ehemaligen Druckerei in Neu-Isenburg zeigt das mustergültig. Wir aktivieren ein Brownfield statt kostbare Grünflächen zu

Goodman’s FRA02 Rechenzentrum in Neu-Isenburg. Visualisierung.

beanspruchen und entsiegeln damit 20 Prozent des früher bebauten 5-Hektar-Areals. Wir setzen auf Grünfassaden, Gründächer und Photovoltaik. Zudem begrenzen wir den Verbrauch von Trinkwasser durch den Verzicht auf permanente adiabatische Kühlung und speisen die Abwärme in das kommunale Wärmenetz ein. Das Ganze war zwar Pionierarbeit mit langem Atem, aber das innovative PPP-Konzept ist so erfolgreich, dass die Stadt Neu-Isenburg nun sogar eine Erweiterung des Rechenzentrums ermöglicht – ein erfolgreiches Pilotprojekt für die gesamte Branche.

Welchen Mehrwert bieten Sie Ihren Partnern? Für Kommunen sind wir langfristige Partner, die neben zukunftssicherer Industrie auch hochwertige Architektur und einen resilienten Portfoliomix mitbringen. Für globale Digitalunternehmen schließen wir Lücken bei kurzfristigen Bedarfen. Anders als reine Trade Developer halten und verwalten wir Immobilien langfristig. Wir verbinden den internationalen Background mit lokalen Teams vor Ort, sodass eine echte, langfristige Partnerschaft auf Augenhöhe entsteht. Weitere Informationen unter: de.goodman.com

Welche Herausforderungen ergeben sich aus der Entwicklung von essenzieller Infrastruktur? Die Herausforderungen liegen in der enormen

#smartinfrastruktur2030

Mehr erfahren auf

fokus.swiss


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

14

Interview • Peter Körte

fokus.swiss

Peter Körte

Industrielle KI: Europas Chance, die Zukunft zu gestalten Interview Peter Körte

Bild zVg

Herr Körte, Sie führen seit Juli 2026 die derzeit so erfolgreiche Sparte Smart Infrastructure und verantworten gleichzeitig die Strategie sowie die Einheit »Daten und KI« bei Siemens. Das ist eine ungewöhnliche Kombination. Ich glaube, die ist genau richtig. Denn die Infrastruktur der Zukunft, die Infrastruktur 2030, also Gebäude, Netze, Verkehr, die digitale Steuerung, das sind ja nicht isolierte Themen. Sie hängen zusammen. Und wer diese Schnittstellen versteht, hat einen strategischen Vorteil. Wir müssen das Denken in Silos hinter uns lassen.

entwickeln sich schneller als Regulierung. Wir brauchen Rahmen, die Fortschritt zulassen. Europäische Hersteller:innen investieren Milliarden in intelligente Maschinen, nutzen Tausende Sensoren, aber der Data Act beschränkt ihren Zugang zu den generierten Daten. Das ist reichlich paradox. Da müssen wir noch ran. Und zum anderen müssen wir den Blick auf Souveränität weiten. Was meinen Sie konkret damit? Digitale Souveränität ist nicht von energetischer Souveränität zu trennen. Wenn wir nicht die Energie haben, um KI zuverlässig und bezahlbar zu betreiben, werden wir nicht führend in KI. Und ohne Führungsrolle in KI keine digitale Unabhängigkeit. Mit intelligenten Netzen können wir heute 30 Prozent mehr Strom durch bestehende Infrastruktur transportieren, ohne ein einziges neues Kabel zu legen. Das kauft uns aber nur Zeit. Die müssen wir nutzen, um die Infrastruktur zu bauen, die das Fundament jeder KI ist, allem voran die Energieinfrastruktur. Elektrifizierung ist das Fundament für die Skalierung von KI. Wir müssen bereit sein, die KI als Infrastrukturtechnologie zu begreifen und zu nutzen. So wichtig wie Netze, Schienen und Straßen. Die nächste Generation von KI-Rechenzentren steht ja schon vor der Tür.

Können Sie das näher erläutern? Nehmen Sie die Energiewende. Viele sehen nur die Erneuerbaren. Solaranlagen, Windkraft. Wasserkraft. Das ist wichtig. Aber ohne die Stromnetze, ohne intelligente Verteilung, ohne KI-gestützte Optimierung funktioniert es nicht. Das ist das »Energy Stack«-Denken: Erzeugung, Übertragung, Verteilung, Verbrauch: das alles muss als integriertes System funktionieren, nicht isoliert. Das Gleiche gilt für Gebäude und Verkehr. Ein intelligentes Gebäude braucht nicht nur smarte Technologie. Es braucht Zugang zu erneuerbarer Energie und muss mit den Netzen kommunizieren können. Intelligente Züge und E-Busse brauchen nicht nur bessere Batterien, sondern ein Ladenetz, das mit den Stromnetzen intelligent verbunden ist. Das klingt nach enormer Komplexität. Ja, aber das ist auch unsere Chance. Während Amerika und China in generativer KI konkurrieren, können wir in Europa auf einem anderen Gebiet gewinnen: industrielle KI. Und industrielle KI ist nicht einfach Software. Sie braucht etwas, das viele der neueren Tech-Unternehmen nicht haben: ein tiefes Verständnis der Physik. Erklären Sie mir das. Typische KI-Unternehmen leben in einer Dimension: der digitalen. Sie analysieren Daten. Sie kennen Bits und Bytes. Aber sie haben sich noch nie mit Atomen und Elektronen befasst. Sie verstehen nicht die Physik von Stromnetzen, von Materialien, von Bewegungsabläufen. Wir bei Siemens folgen den »Ersten Prinzipien der Physik«: Physikalische Gesetze, Materialien und Software. Wir müssen die Elektronen und Atome verstehen, also die Gesetze der Natur. Wir müssen verstehen, was wir steuern, ob fragiles Glas oder hartes Metall. Und wir müssen intelligente Algorithmen schreiben, die beides orchestrieren. Das machen wir mit Bits und Bytes. Ein Roboter, der ein Glas greifen soll, kann das nur, wenn er die Physik versteht, die Materialeigenschaften und die Steuerung zusammenbringt. Das ist industrielle KI. Das können nur Unternehmen, die alle drei Dimensionen beherrschen.

Wir verbinden Chip und Grid. Die Rechner und die Stromversorgung.

Die Stromversorgung ist der Engpass.

– Peter Körte Mitglied des Vorstands der Siemens AG und President Smart Infrastructure

Wie unterscheidet sich diese industrielle KI von dem, was wir aus dem Alltag kennen? Consumer-KI wie ChatGPT ist trainiert auf Sprache. Mit allen Vorurteilen, Ungenauigkeiten und menschlichen Annahmen, die im Internet stecken. Das funktioniert, um E-Mails zu schreiben. Industrielle KI basiert auf völlig anderen Daten. Technische Zeichnungen. Sensormessungen. Produktionsdaten. Objektive Fakten. Ein Thermometer hat keine Vorurteile. Eine technische Spezifikation trägt keine kulturellen Vorurteile mit sich. In der Ingenieurskunst muss man präzise sein. Das ist bei den typischen Sprachmodellen anders. Wenn die KI halluziniert oder eine Berechnung erfindet, haben Sie ein großes Problem. Was wir brauchen, ist die KI auf ein Niveau zu bringen, dass Ingenieure damit arbeiten können. Und Ingenieurskunst? Das ist etwas, was wir in Deutschland und Europa können. Also ein echter Wettbewerbsvorteil für Europa? Ja, das können wir daraus machen. Zunächst die Realität: Privatanleger:innen in den USA investierten im Jahr 2025 rund 290 Milliarden

Dollar in KI, in Europa 21 Milliarden. Das ist ein enormer Abstand. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Europa hat die Industrie, die Forschung, die Ingenieurskompetenz. Und vor allem haben wir riesige Datenmengen. Das ist unser Vorteil. Wir haben die größte installierte Basis. Die wollen wir nutzen. Wir arbeiten daran, industrielle Daten mit der generativen KI zu kombinieren. Wir wollen herausragende industrielle KI-Systeme entwickeln, die unseren Kund:innen helfen, bessere Produkte zu erstellen und sie effizienter zu produzieren. Und was ist letztlich das Ziel dieser Systeme? Mir schwebt ein europäisches Ökosystem für die Schlüsselindustrien vor. Maschinenbau, Luftfahrt und Verteidigung, Pharma, Auto. Wir haben die echte Chance, die industrielle KI »Made in Europe« zum internationalen Maßstab zu machen. Und damit auch mehr digitale Souveränität in Europa zu erreichen? Im Prinzip schon. Aber da brauchen wir zum einen die Rückendeckung der Politik. Also Standards und Regulierungen, die Innovation ermöglichen, nicht ersticken. Keine Frage: gute Regeln sind wichtig. Aber KI-Modelle

Sie meinen die »AI Factories«? Genau. Das sind die neuen Rechenzentren, die nur eines produzieren: Intelligenz. Die Leistung einer KI-Fabrik wird in »Tokens« gemessen, eine Einheit neuer Daten, die von einem KI-Modell während des Trainings und der Inferenz generiert wird. Je schneller die Tokens verarbeitet werden, desto schneller wandelt die KI sie in Intelligenz für reale KI-Anwendungen um. Das sind Anlagen, die mit bestehenden Rechenzentren nur schwer vergleichbar sind. Der Stromverbrauch einer einzigen, großen KI-Fabrik kann der einer Kleinstadt entsprechen. Und die thermische Last ist so hoch, als würde man eine Million Toaster gleichzeitig laufen lassen. Die größte Herausforderung in Europa ist übrigens nicht die Rechenleistung. Die Rechner sind bereit. Die Chips sind da. Die Stromversorgung ist der Engpass. Was heißt das für Siemens? Diese KI-Fabriken sind eine der spannendsten Chancen für Siemens überhaupt. Wir haben hier einen echten Vorteil. Wir verbinden Chip und Grid. Die Rechner und die Stromversorgung. Wir liefern die elektrische Infrastruktur, die Automatisierung, digitale Zwillinge und Lifecycle-Services. Mit unseren digitalen Zwillingen können Betreiber:innen die komplette Anlage simulieren, bevor der erste Bagger für die Baustelle kommt. Und das ist nicht Zukunft. Das bauen wir jetzt. Mit den größten Hyperscalern. Das ist die nächste industrielle Revolution. Und Europa kann hier führen. Das klingt nach einer europäischen Strategie für 2030. Es ist kein Versprechen. Es ist eine Notwendigkeit. Amerika und China warten nicht. Wenn Europa nicht jetzt handelt, werden wir folgen, nicht führen. Aber wir haben alles, was wir brauchen: die Industrie, die Talente, die Forschung. Wir brauchen nur den Mut, anders zu denken. Integriert, nicht fragmentiert.


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Bird & Bird • Brandreport

15

Hier entsteht Zukunft: Der Energy Hub 2030 als Kraftwerk 2050 Wind und Sonne liefern die Energie. Speicher, Elektrolyseure und Industrie machen daraus ein System. Warum die Energieinfrastruktur von morgen mehr braucht als neue Leitungen und wie der Rechtsrahmen Investitionen ermöglichen kann.

Alexandra Mützelburg Partnerin im Münchner Büro

Anna Neumann Senior Associate im Münchner Büro Wenn Sie die Energieinfrastruktur der Zukunft in einem Bild zeigen müssten: Was wäre darauf zu sehen? Kein einzelnes Kraftwerk und auch keine Landschaft voller Stromleitungen. Ich sehe einen Energy Hub angrenzend an eine Stadt: Windenergieanlagen, Photovoltaik auf Dächern und Freiflächen, dazwischen Batteriespeicher und Elektrolyseure. In der Nähe Unternehmen, die diese Energie nutzen: Rechenzentren, Produktionsbetriebe, vielleicht Anlagen zur Nutzung der Abwärme aus Elektrolyse und Rechenzentren, Anlagen zur Herstellung von Wasserstoffderivaten wie Ammoniak oder E-Methanol. Leitungen verbinden die Anlagen, Speicher gleichen volatile Erzeugungsmuster von erneuerbaren Energien aus. Überschüssige Energie verlässt den Standort nicht nur als Strom, sondern auch als Wasserstoff oder in Form transportfähiger Derivate, die verschieden eingesetzt werden können. Erdgas bildet nur noch das Fangnetz der Energieversorgung, ggf. in einem Kapazitätsmarkt organisiert. Das Entscheidende sieht man auf einem solchen Bild allerdings nicht sofort: Diese Anlagen arbeiten nicht nebeneinander, sondern miteinander in einer echten Sektorenkopplung, die über eine digitale Vernetzung aller Akteure erreicht wird. Was der eine erzeugt, nutzt der andere. Was gerade nicht gebraucht wird, wird gespeichert oder umgewandelt. Das ist für mich das Leitbild für 2030, mit einer Perspektive weit darüber hinaus bis 2050: ein erneuerbares, vernetztes und stärker dezentral organisiertes Energiesystem. Was gehört zur Energieinfrastruktur der Zukunft und was soll ihr Zusammenspiel erreichen? Die ambitionierte Dekarbonisierung, die dringend erforderlich ist, muss in der Stromund Wärmeversorgung ebenso gelingen wie in der Mobilität und der Industrie. Dafür brauchen wir eine Energieinfrastruktur, in der Erzeugung, Netze, Speicher und Verbrauch als Gesamtsystem zusammenwirken und digital aufeinander abgestimmt sind. Der Schlüssel ist also eine echte Sektorenkopplung: Erneuerbarer Strom versorgt Rechenzentren, Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und industrielle Prozesse. Bei einem Überangebot und niedrigen Strompreisen kann er in Batterien gespeichert oder zur Wasserstofferzeugung genutzt werden, um später wieder

Egal, ob für kleinere sektorengekoppelte Einheiten oder die skizzierten Energy Hubs, wir brauchen genehmigungsfähige Standorte, digitalisierte Infrastruktur, eine wirtschaftlich tragfähige Nachfrage und dabei vor allem verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. zur Versorgung beizutragen und die Erzeugungskurven auszugleichen. Abwärme aus Rechenzentren versorgt geeignete Abnehmer. Wasserstoff und seine Derivate kommen dort zum Einsatz, wo eine direkte Elektrifizierung technisch oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Netze verbinden die Beteiligten, Speicher gleichen Erzeugung und Bedarf zeitlich aus, und flexible Verbraucher richten ihren Verbrauch an der Energie- und Netzsituation aus. Ein Energy Hub führt diese Möglichkeiten vor Ort zusammen. Er folgt keinem starren Anlagenkatalog, sondern verbindet die örtlichen Ressourcen, Abnehmer und Infrastrukturen zu einer passenden Gesamtlösung. Nicht jede Technologie muss alles leisten; entscheidend ist ihr Zusammenspiel. Bis 2030 liegt ein wesentlicher Hebel in unseren Augen also in der Digitalisierung bestehender Anlagen und Netze. Wir brauchen nicht nur neue Infrastruktur, sondern müssen auch die vorhandene intelligenter vernetzen und effizienter nutzen. Ich sehe dezentrale Hubs ausdrücklich als Ergänzung und Entlastung zum überregionalen System, nicht als dessen Gegenmodell. Reicht unser Stromnetz heute aus? Wo Kapazitäten fehlen, brauchen wir Netzausbau. Aber wir dürfen die Energiewende nicht auf die Frage reduzieren, wo die nächste Leitung gebaut oder verstärkt wird, zumal wir faktisch nur einen Teil des vorhandenen Netzes nutzen. Ich würde also immer zuerst fragen: Wo liegt der konkrete Engpass? Zu welchen Zeiten tritt er auf ? Und können Speicher, flexible Verbraucher oder eine abgestimmte Betriebsweise helfen, ihn zu entschärfen? Eine pauschale Betrachtung des gesamten deutschen Stromnetzes bringt uns dabei nicht weiter. Freie Kapazität hilft nur, wenn sie am richtigen Ort und zur richtigen Zeit verfügbar ist. Wie bringen wir Verbraucher dazu, vorhandene Spielräume des Netzes zu nutzen? Mit verständlichen Preissignalen und Technik, die im Hintergrund arbeitet. Dabei müssen Strompreis und örtliche Netzsituation zusammenwirken. Ein niedriger Börsenpreis sagt noch nicht, ob die Stromleitung freie Kapazität hat. Deshalb brauchen wir neben dynamischen Stromtarifen auch dynamische Netzentgelte, die eine Verlagerung

des Verbrauchs aus den Spitzenlastzeiten der Netze wirtschaftlich attraktiv machen. Wir beginnen hier nicht bei null: Die Festlegung BK8-22/010-A der Bundesnetzagentur mit der Einführung eines zeitvariablen Netzentgelts für die erfassten steuerbaren Verbrauchseinrichtungen geht in die richtige Richtung, ist allerdings noch nicht das umfassend dynamische System, das ich mir für die Zukunft wünsche. Die Grundlage für das umfassend dynamische System ist die vollständige Digitalisierung: Alle Verbraucher, Speicher, Erzeuger und Netze müssen digital erfasst und vernetzt werden. Wo technisch nutzbare Flexibilität besteht, muss sie auch automatisiert steuerbar sein. Dafür müssen wir den Smart-Meter-Rollout massiv beschleunigen und Messung, Kommunikation, Steuerung und Abrechnung durchgängig miteinander verbinden. Lokale Preissignale müssen die Anlagen in Echtzeit erreichen und unmittelbar in deren Betriebsweise einfließen können. Dann lädt ein Speicher, verschiebt ein Verbraucher seinen Bedarf oder passt ein Erzeuger seine Einspeisung innerhalb vereinbarter Grenzen automatisch an die örtliche Energieund Netzsituation an. Er gibt seinen Bedarf vor und profitiert wirtschaftlich davon, dass seine Flexibilität intelligent eingesetzt wird. Warum werden solche Hubs bisher nicht in größerem Umfang realisiert? Weil wir neben Technik vor allem Kapital und damit einen verlässlichen Rechtsrahmen für die Anlagenprojektierung sowie für wirtschaftliche Parameter brauchen. Energy Hubs sollten also als ganzheitliche Standortkonzepte genehmigungsfähig sein, auch an geeigneten Standorten im Außenbereich. Dafür brauchen wir schnellere, koordinierte Verfahren, ohne Umwelt- und Sicherheitsstandards abzusenken. Der Gesetzgeber sollte darüber hinaus nicht jeden lokalen Energieaustausch kommerziell so behandeln, als müsse er über die Stromnetze abgewickelt werden. Nur soweit Netze tatsächlich genutzt oder Anschluss- und Reserveleistungen in Anspruch genommen werden, ist das über Netzentgelte transparent zu regeln und zu vergüten. Und was Großprojekte hemmt, ist ein ständig wechselnder Rechtsrahmen, der die Projekte für Kapitalgeber unattraktiv macht. Dass wir endlos bis zur EU-Ebene diskutieren, wann dezentrale Versorgungsmodelle ein Netz sind

oder wann Wasserstoff als grün gilt, hilft uns leider gar nicht. Es bringt einen schlicht um die Finanzierbarkeit eines Projekts. Das trifft bereits kleinere Anlagenkombinationen und erst recht einen komplexen Energy Hub. Was braucht es, damit Energy Hubs bis 2030 Realität werden und langfristig zur Klimaneutralität beitragen? Wir müssen Erzeugung, Netze, Speicher und Industrie als gemeinsames Investitions- und Betriebsmodell denken. Nicht alle Anlagen müssen einem Eigentümer gehören. Entscheidend ist, dass ihr Zusammenspiel technisch, vertraglich und wirtschaftlich funktioniert. Die Verträge sind dabei das Betriebssystem des Hubs: Langfristige Stromlieferverträge und abgestimmte Kooperationsvereinbarungen regeln Energielieferungen, den Zugriff auf Speicher und Flexibilität sowie die Verteilung von Erlösen, Kosten und Risiken. Sie müssen auch tragen, wenn der Wind ausbleibt oder eine Anlage ausfällt. Das schafft die Verlässlichkeit, die solche Projekte finanzierbar macht. Ein besseres Energieangebot allein genügt aber nicht. Der Hub braucht industrielle Abnehmer, für die sich die Umstellung auf emissionsärmere Energieträger und Produktionsverfahren rechnet. Dafür brauchen wir einen verlässlichen Emissionshandel und verbindliche Minderungsanforderungen, flankiert durch gezielte Unterstützung für Investitionen und vorübergehende Mehrkosten klimafreundlicher Produktion in Deutschland als Wirtschaftsstandort. Förderung muss deshalb nachvollziehbare Transformationsschritte unterstützen und eine Perspektive auf eigenständige Wettbewerbsfähigkeit eröffnen, statt dauerhaft unwirtschaftliche Strukturen zu erhalten. Was ist Ihr Fazit? Egal, ob für kleinere sektorengekoppelte Einheiten oder die skizzierten Energy Hubs: Wir brauchen genehmigungsfähige Standorte, digitalisierte Infrastruktur, eine wirtschaftlich tragfähige Nachfrage und dabei vor allem verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bis 2030 sollte dieses Zukunftsbild zumindest in seinen Grundzügen gelebte Infrastruktur sein. Die Projektentwickler der Energie- und Infrastrukturbranche haben bereits viel erreicht und zeigen, wie Energie und Infrastruktur in Zukunft funktionieren können. Jetzt muss die Politik den passenden Rechtsrahmen schaffen. Die Perspektive ist klar: ein energiesouveränes Deutschland, das als Wirtschaftsstandort international wettbewerbsfähig bleibt und zugleich klimaneutral wird. Weitere Informationen unter: twobirds.com


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

Energieinfrastruktur und Netze

fokus.swiss

Bild Unsplash / Planet Volumes

16

Endlich unabhängig?

Wie souverän und teuer wird die Energiewende? Die »Systemstudie Deutschland 2026« wagt eine »modellgestützte Analyse der Energieinfrastruktur bis zur Dekarbonisierung im Jahr 2045«.

D

ie gemeinsam von Fichtner IT Consulting, Fraunhofer ISE und EY im Auftrag von Hitachi erarbeitete »Systemstudie 2026« arbeitet mit zwei unterschiedlichen Nachfrageentwicklungen: »Prosperität mit steigender Nachfrage« und »Stagnation mit moderater Nachfrage«. »Vor dem Hintergrund, dass die Stromnachfrage, bedingt durch eine schwächelnde Wirtschaft in Zeiten multipler Krisen weniger stark gestiegen ist als zunächst angenommen, steht die Frage nach einem fortschreitenden Ausbau erneuerbarer Erzeuger, Netze und Speicher im Raum.« Folglich gehe es darum, »die Bandbreite möglicher Entwicklungen aufzuzeigen, die die Klimaschutzziele unter kostenoptimalen Bedingungen erreichen«. Fraglos werde die Zunahme des Stromverbrauchs, etwa durch den Gebäudebetrieb, durch E-Autos und Rechenzentren, zu einer »Flexibilisierung der Nachfrage« und einem »Zubau an Netzen« führen müssen, die Angebot und Nachfrage räumlich ausgleichen könnten, so die Studie. »Zur Beherrschung von möglichen Dunkelflauten sind Flexibilitätstechnologien wie Energiespeicher wichtig«, zusätzlich gewinne »die Produktion synthetischer Energieträger (Power-to-X), wie Wasserstoff oder flüssige E-Fuels, an Bedeutung«. Der Endenergiebedarf für Strom werde sich im Prosperitätsszenario praktisch mehr als verdoppeln, auf 1015 TWh, während er im Stagnationsszenario bei knapp 900 TWh liegen werde. »Zusätzlich werden 30 TWh für Power-to-Heat sowie für Powerto-X-Anwendungen (Elektrolyse, Power-toGas, Power-to-Liquids) etwa 147 bis 158 TWh benötigt und 50 TWh exportiert.«

Die Energiewende und die mit ihr verbundene Infrastruktur werden also dann gelingen, wenn verschiedene Lösungen dezentral und intelligent zusammenwirken. Infrastrukturausbau und Kostenumverteilung Als Maßnahmen empfiehlt die Studie sowohl den »Ausbau von erneuerbaren Energietechnologien, mit abgestimmtem Ausbau von Flexibilitäten wie Batteriespeicher und bidirektionales Laden und flexible Kraftwerke sowie der Netzinfrastruktur« als auch die »massive Beschleunigung des flächendeckenden Ausbaus von Digitalisierung, Steuerung und smarter Messinfrastruktur auf allen Spannungsebenen« plus einer »Stärkung der intersektoralen Vernetzung«. Volkswirtschaftlich sei die »Transformation des deutschen Stromsystems trotz erheblicher Investitionen tragfähig und langfristig effizient«: »Zwar steigen die absoluten Kosten des elektrischen Energieversorgungssystems durch den notwendigen Ausbau erneuerbarer Erzeugung, Netze und Speicher, zugleich gehen jedoch

fossile Brennstoffkosten deutlich zurück.« Die Kostenstruktur verschiebe sich »damit von importabhängigen Betriebskosten hin zu inländischen Investitionen«. »Entscheidend ist, dass die spezifischen Stromsystemkosten pro erzeugter MWh langfristig sinken, was auf Effizienzgewinne aus hoher Auslastung der Netzinfrastruktur, Skaleneffekte bei Wind- und Photovoltaik sowie den hohen Anteil erneuerbarer Energien zurückzuführen ist.« Die Energiewende und die mit ihr verbundene Infrastruktur werden also dann gelingen, wenn verschiedene Lösungen dezentral und intelligent zusammenwirken. Für ein Land, das immer noch in Großversorgern und riesigen zentralen Kraftwerksbauten denkt, auch ein Paradigmenwechsel. Ruf nach mehr Agilität Tatsächlich warten etliche lokale

Energieanbietende, die europaweit Lösungen aufbauen, auf mehr Bewegung. Im September ging in Wertheim ein datenbasiert betriebener 40-Megawatt-Batteriespeicher in Betrieb – nach nur siebenmonatiger Bauzeit. Solche Speicher mit hoher Kapazität, die intelligent und datenbasiert gesteuert werden können, seien ein wichtiger Bestandteil der Energiewende, sagt Arne Weinig, Managing Partner der für den Batteriespeicher verantwortlichen Tauber-Solar Holding GmbH / Tauber Energy. »Leider fehlt es an Agilität. Große Energieversorger und Netzbetreiber blockieren den schnellen Fortschritt zur Energiesouveränität.« Obwohl die Zusammenarbeit auf regionaler Stadtwerke-Ebene gut funktioniere, scheitere der Austausch oft an den vorgelagerten, starren Strukturen der großen Akteure. »Das Argument der Überlastung und die Angst vor Blackouts greifen dabei zu kurz, da sich die Versorger seit 20 Jahren auf den Ausbau der erneuerbaren Energien hätten vorbereiten können.« Weinig wirbt für einen besseren Dialog und eine Planung, die nicht nur unflexible Großprojekte wie den Bau neuer Gaskraftwerke berücksichtige. Zu diesem Schluss kommt auch die Systemstudie: »Der Erfolg der Energiewende hängt entscheidend davon ab, dass alle Sektoren und Akteure – von Industrie und Energiewirtschaft über Kommunen bis hin zu Bürgerinnen und Bürgern – aktiv partizipieren und ihre Investitions-, Innovations- und Flexibilitätspotenziale koordiniert in die Transformation einbringen.« Text Rüdiger Schmidt-Sodingen


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

Ramboll • Brandreport

17

Resiliente Infrastruktur: Energieversorgung unter Druck Deutschlands Energiesysteme stehen unter Druck. Als Industriestandort mit steigendem Energiebedarf und angesichts wachsender Bedrohungen konzentrieren sich die Herausforderungen und politischen Debatten zunehmend darauf, wie Versorgungssicherheit, Klimaziele, Kosten und Schutz kritischer Anlagen zusammengebracht werden können. zu schützen, sondern die Widerstandsfähigkeit unserer Wirtschaft und ihrer Wertschöpfungsketten zu stärken und langfristig zu sichern.

Mark Meier Managing Director, Ramboll

D

ie Ingenieur-, Architektur- und Managementberatung Ramboll bringt konkrete Erfahrungen aus multidisziplinären Beratungs- und Planungsprojekten im öffentlichen Sektor und der Industrie ein. 1300 Mitarbeiter:innen arbeiten in Deutschland an zukunftsweisenden Lösungen und können auf das Know-how von 18 000 Expert:innen weltweit zurückgreifen. Mark Meier, Managing Director von Ramboll Deutschland, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema resiliente Energiesysteme. Warum ist Resilienz für Deutschland mehr als ein technisches Infrastrukturthema? In Deutschland entscheidet Resilienz direkt über Standortqualität und industrielle Handlungsfähigkeit. Energie, Verkehr, digitale Netze, Wasser und kommunale Versorgung sind so eng miteinander verflochten, dass Störungen schnell ganze Wertschöpfungsketten treffen können. Für Industrieunternehmen, Versorger, Netzbetreiber und öffentliche Auftraggeber geht es deshalb nicht nur darum, einzelne Anlagen

Wo liegen heute die entscheidenden Risiken für die Resilienz unserer kritischen Infrastrukturen? Durch die gesetzlichen Anforderungen wie die CER-Directive und NIS2 prüfen Betreibende kritischer Infrastruktur bereits ihre eigenen Assets und Organisationen. Die größere Gefahr liegt aber in den Schnittstellen, dort, wo Zuständigkeiten enden und Informationen und Verfügbarkeiten nicht mehr geteilt werden. Informationssilos zwischen Versorgern und Behörden müssen aufgebrochen werden, damit ein gemeinsames, sektorübergreifendes Lagebild entsteht. Um daraus wirksame Maßnahmen abzuleiten, braucht es interdisziplinäre Expertise, die Energieinfrastruktur, Organisation und Regulatorik gemeinsam betrachtet. Die skandinavischen Länder sind hier schon einen Schritt weiter: Umfassende Lagebilder und Aktionspläne liegen bereits vor, vor allem auch zur organisationsübergreifenden Zusammenarbeit in Krisenzeiten. Welche Rolle spielt Resilienz, wenn immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft und Wirtschaft elektrifiziert werden? Die Elektrifizierung ist essenziell, um die Dekarbonisierungsziele im Transport-, im Wärmesektor und in der Industrie zu erreichen. Gleichzeitig werden dadurch immer größere

Bild Getty Images

Teile unserer Gesellschaft und Wertschöpfung durch den gleichen Energieträger versorgt. Unsere Stromversorgung wird damit zum Single Point of Failure. Um das Risiko für unsere Gesellschaft und Wirtschaft zu reduzieren, ist es wichtiger denn je, unsere Stromversorgung resilient zu planen, aufzubauen und zu betreiben. Dazu gehört, bei Planung und Betrieb nicht nur die Leistungsfähigkeit des Stromsystems in den Blick zu nehmen, sondern auch seine Wiederherstellungsfähigkeit. Der Verfügbarkeit von Transformatoren und strategischen Ersatzteilen, einer belastbaren Notfalllogistik, geschultem Personal sowie ausreichenden Kapazitäten für Reparatur und Wiederanlauf muss deshalb

von Anfang an hohe Priorität eingeräumt werden. Ramboll ist dazu in engem Austausch und berät Kund:innen auf verschiedenen Ebenen. Weitere Informationen unter: ramboll.com

GASCADE Gastransport GmbH • Brandreport

Europas Energiezukunft braucht Moleküle, Pipelines und einen verlässlichen Kurs Europa muss sein Energiesystem wettbewerbsfähig, resilient und klimaneutral aufstellen. Die öffentliche Debatte konzentriert sich derzeit jedoch zu einseitig auf die Elektrifizierung, obwohl Strom allein die Transformation und die damit verbundenen Herausforderungen nicht stemmen wird. Europas Energiezukunft braucht deshalb auch Moleküle – und Netze, die sie zuverlässig zu Industrie und Verbraucher:innen bringen.

Dr. Christoph von dem Bussche Geschäftsführer, GASCADE Gastransport GmbH & Präsident des europäischen WasserstoffNetzbetreiber-Verbands ENNOH

E

rneuerbarer Strom bildet das Rückgrat eines klimaneutralen Energiesystems, doch Wasserstoff wird für energieintensive Industrien als Speicher erneuerbarer Energie und für die Versorgungssicherheit unverzichtbar. Trotz allen Fortschritts beim Ausbau grüner Stromproduktion bezieht Deutschland immer noch rund drei Viertel seiner Primärenergie über Moleküle. Sie sind aus unserer Ökonomie nicht wegzudenken. Entscheidend ist das intelligente Zusammenspiel von Elektronen und Molekülen – technologisch, infrastrukturell und im Markt. Eine »all-electric«-Transformation, die Moleküle vergisst und Sektorkopplung vernachlässigt, wäre die teuerste Form der Transformation – womöglich so teuer, dass

Entscheidend ist das intelligente Zusammenspiel von Elektronen und Molekülen – technologisch, infrastrukturell und im Markt. sie scheitern würde. Nutzt man hingegen die Potenziale, ergeben sich aus der Kombination von Strom und Wasserstoff Synergieeffekte, welche die Systemkosten senken, Resilienz steigern und Wertschöpfung ermöglichen. Die Grundlage dafür liegt bereits unter unseren Füßen: Die bestehende Gasinfrastruktur ist kein Relikt der fossilen Vergangenheit, sondern der Ausgangspunkt für eine vielseitige Molekülinfrastruktur im Energiesystem der Zukunft. Das ist keine graue Theorie: Mit „Flow – making hydrogen happen“ hat GASCADE bereits mehr als 400 Kilometer Pipeline auf Wasserstoff umgestellt und in Betrieb genommen. Künftig werden bestehende Gas-Pipelines auch das CO₂-Management unterstützen.

Deutschland hat in kurzer Zeit wichtige Weichen für den Wasserstoffmarkt gestellt: Das Wasserstoff-Kernnetz wird aufgebaut und die Bundesnetzagentur hat die regulatorischen Grundlagen für das deutsche Marktdesign geschaffen. Zudem haben wir als Wasserstofftransportnetzbetreiber Trading Hub Europe als Marktgebietsverantwortlichen für den deutschen Wasserstoffmarkt benannt. Damit entstehen ein verlässliches Transportnetz und klare Marktstrukturen, die Produzenten und Abnehmern Planungssicherheit geben. Ein deutscher Markt allein genügt jedoch nicht, denn der Hochlauf braucht europäische Importkorridore, die große Wasserstoffmengen zu wettbewerbsfähigen Bedingungen verfügbar

machen. Mit AquaDuctus entwickeln wir deshalb eine Offshore-Pipeline für die Wasserstoffpotenziale der Nordsee, während der Baltic Sea Hydrogen Collector die Wasserstoffpotenziale des Ostseeraums anbinden wird. Der Wasserstoffhochlauf ist mehr Marathon als Sprint. Deshalb braucht es jetzt politische Verlässlichkeit und einen klaren Kurs in Brüssel und Berlin. Der Motor läuft bereits und darf durch die Neuauflage alter Grundsatzdebatten nicht ins Stottern geraten. Als Präsident von ENNOH bin ich überzeugt, dass Europa über das technische Wissen, die Infrastruktur und die industrielle Kompetenz für ein starkes, unabhängigeres Energiesystem verfügt. Jetzt gilt es, Elektronen und Moleküle intelligent zu verbinden und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Weitere Informationen unter: gascade.de


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

Ladeinfrastruktur

Bild Unsplash / Arvydas Venckus

18

fokus.swiss

Wenn Verkehrsachsen zum Standortfaktor werden

Eine verspätete Lieferung kann eine ganze Produktionskette aus dem Takt bringen. Was auf der Straße oder Schiene wie eine einzelne Störung aussieht, wird für Industrie und Logistik schnell zur Kostenfrage. Deutschlands Verkehrsnetz steht deshalb vor einem Umbau im laufenden Betrieb.

D

eutschlands Güterverkehr braucht leistungsfähige Straßen, Schienenwege und Umschlagterminals – und gerade für Industrieunternehmen zählt dabei nicht allein die Geschwindigkeit eines Transports, sondern seine Planbarkeit. Im Kombinierten Verkehr wechseln Container und Sattelauflieger zwischen Bahn und Lkw: Die Schiene übernimmt lange Strecken, die Straße Vor- und Nachlauf. Das funktioniert nur, wenn Korridore, Terminals und Zufahrten ausreichend Kapazität bieten. Engpässe entlang der Lieferkette Die Verkehrsinfrastruktur ist über Jahrzehnte stark beansprucht worden. Sanierungsbedürftige Brücken, überlastete Bahnknoten und störanfällige Stellwerke begrenzen die Leistungsfähigkeit. Für Unternehmen entstehen daraus längere Transportzeiten, höhere Pufferbestände und zusätzlicher Dispositionsaufwand. Auch ein leistungsfähiger Hafen nützt wenig, wenn die anschließenden Schienen- und Straßenverbindungen nicht oder nur mit Einschränkungen passierbar sind. Der Bundesverkehrswegeplan 2030 bildet einen langfristigen Rahmen für Erhalt und Ausbau der Bundesverkehrswege. Die Jahreszahl bezeichnet dabei den Planungshorizont, keinen Termin, zu dem sämtliche Vorhaben fertiggestellt sein müssen. Entscheidend ist, wie schnell aus priorisierten Projekten tatsächlich nutzbare Kapazität entsteht.

Sanieren statt ständig reparieren Die DB InfraGO bündelt deshalb auf stark belasteten Strecken Gleis-, Weichen-, Oberleitungs- und Stellwerksarbeiten zu Korridorsanierungen. Anstatt immer wieder einzelne Baustellen einzurichten, werden Abschnitte über längere Zeit gesperrt und grundlegend erneuert. Das soll die Zahl späterer Störungen und Baustellen reduzieren – verlangt aber zunächst erhebliche Einschränkungen. Den Auftakt machte 2024 die Riedbahn zwischen Frankfurt am Main und Mannheim. Während einer rund fünfmonatigen Vollsperrung wurde die zentrale Nord-Süd-Verbindung umfassend modernisiert. Sie ist ein wichtiger Prüfstein für das Konzept: Die gebündelte Erneuerung schafft bessere Voraussetzungen für einen stabileren Betrieb, ersetzt aber weder den Ausbau überlasteter Knoten noch zusätzliche Kapazitäten auf benachbarten Strecken. Ein zweites Großvorhaben war die Sanierung des 278 Kilometer langen Korridors Hamburg–Berlin. Zwischen August 2025 und Juni 2026 wurden dort Gleise, Weichen, Oberleitungen und Bahnhöfe modernisiert. Winterliche Witterung verzögerte die ursprünglich für Ende April vorgesehene Wiederinbetriebnahme, doch seit dem 14. Juni 2026 ist die Strecke nun wieder durchgehend befahrbar. Der Fall verdeutlicht, wie empfindlich eng getaktete Bauprogramme auf äußere Einflüsse reagieren können.

Baustellen mit Nebenwirkungen Für den Schienengüterverkehr sind Vollsperrungen besonders schwierig. Güterzüge benötigen geeignete Umleitungsstrecken, freie Trassen und ausreichend lange Überholgleise. Fehlen diese, verlängern sich Fahrzeiten und Umläufe; Lokomotiven und Personal sind länger gebunden. Logistikunternehmen warnen deshalb vor einer zeitweisen Verlagerung von Transporten auf die Straße. Zusätzliche Lkw-Fahrten können wiederum Autobahnen und Zufahrten zu Industriegebieten belasten. Hinzu kommen knappe Baukapazitäten. Spezialmaschinen und Oberleitungsteams lassen sich nicht beliebig vervielfachen. Werden mehrere Hauptstrecken parallel erneuert, konkurrieren Projekte um dieselben Ressourcen – und der Güterverkehr verliert gleichzeitig Ausweichmöglichkeiten. Die Sanierungsplanung muss deshalb nicht nur Bauzeiten, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Umleiter berücksichtigen. Ein neuer Takt bis 2030 Wie schwierig diese Balance ist, zeigt die jüngste Kurskorrektur. Im Oktober 2026 verständigten sich Bundesverkehrsministerium und DB InfraGO darauf, zwischen 2027 und 2031 nur noch 13 statt ursprünglich 21 Korridorsanierungen durchzuführen. Die übrigen Vorhaben werden verschoben, nicht gestrichen.

Damit sollen Baukapazitäten und Umleitungsstrecken besser aufeinander abgestimmt werden. Parallel laufen weitere Vorhaben: Auf der Verbindung Hannover–Berlin begannen im Oktober 2026 umfangreiche Bauarbeiten, die bis ins Jahr 2027 reichen. Dazu gehören Maßnahmen an der Schnellfahrstrecke und an der parallel verlaufenden Lehrter Stammbahn. Für den Güterverkehr ist dabei besonders wichtig, wie die Bauphasen und verfügbaren Umleitungsstrecken aufeinander abgestimmt werden. Bei der Digitalisierung gilt ein neuer Standard: Korridorsanierungen sollen die Infrastruktur zunächst grundsätzlich auf das europäische Zugbeeinflussungssystem ETCS vorbereiten. Ab Anfang der 2030er-Jahre soll bei diesen Sanierungen grundsätzlich ETCS Level 2 ohne Signale eingebaut werden. Für die Wirtschaft ist weniger die Zahl der angekündigten Baustellen entscheidend als deren Ergebnis. Erst wenn Schiene, Straße und Umschlagterminals verlässlich zusammenspielen, können Unternehmen Transporte langfristig auf die Bahn verlagern und Lieferketten robuster planen. Infrastrukturpolitik bis 2030 bedeutet damit vor allem, Erneuerung und laufenden Güterverkehr gleichzeitig zu ermöglichen. Text Miriam Rauh

Brandreport • K2 Mobility

Der E-Lkw braucht mehr als einen gebuchten Ladeplatz

F

ür einen Pkw ist Laden meist eine Unterbrechung der Fahrt. Für einen Lkw ist es Teil eines eng getakteten Transportprozesses. Standzeiten kosten Zeit und Geld. Gleichzeitig muss ausreichend Energie für die nächste Etappe zuverlässig verfügbar sein. Ein E-Lkw muss deshalb nicht irgendwo laden können, sondern zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und mit der richtigen Leistung. Idealerweise passgenau mit der Fahrerpause synchronisiert. Damit wird die Reservierung öffentlicher Ladepunkte zu einem wichtigen Baustein für wirtschaftlichen E-LkwBetrieb. Eine klassische Buchung kann dieses Problem nicht wirklich lösen. Denn Logistik ist dynamisch. Staus verändern Ankunftszeiten, Be- und Entladung werden auch mal schneller abgewickelt als geplant, Energieverbrauch und Ladebedarf können von der Prognose abweichen. Aus einem für 14 Uhr

Wer öffentliches Laden für E-Lkw wie das Laden von Pkw organisiert, greift zu kurz.

und verfügbare Leistung besser auslasten.

Verändert sich der Ablauf der Tour, muss sich auch die Ladeplanung und -steuerung anpassen können. gebuchten Ladefenster kann schnell 14:45 Uhr oder auch 13:20 Uhr werden. Im ungünstigsten Fall bleibt ein Ladepunkt gebucht und ungenutzt, während ein anderer Lkw auf Ladekapazität wartet oder aber der Lkw muss auf das Ende eines aktiven Ladevorgangs warten.

Erwartete Ankunftszeit, Ladestand, Energiebedarf, mögliche Ladeleistung und verfügbare Ladezeit können fortlaufend in die Planung einfließen. Verändert sich der Ablauf der Tour, muss sich auch die Ladeplanung und -steuerung anpassen können.

Die Reservierung muss deshalb so dynamisch werden wie der Transport selbst.

Davon profitieren beide Seiten: Der Logistiker gewinnt Betriebssicherheit, ohne seinen Transport einem starren Ladefenster unterwerfen zu müssen, und kann die Auslastung der E-Lkw optimieren. Der Ladeparkbetreiber kann knappe Ladepunkte

Dafür müssen Transportplanung, Fahrzeug und Ladeparksteuerung miteinander kommunizieren. Digital und in Realzeit.

So wird aus der einfachen Kalenderbuchung ein integriertes Lade- und Reservierungsmanagement, das Transport und Ladeinfrastruktur dynamisch miteinander verbindet. Für den Hochlauf des elektrischen Straßengüterverkehrs reicht es nicht, immer mehr Ladepunkte zu bauen. Entscheidend wird sein, die vorhandene Infrastruktur intelligent mit den realen Abläufen der Logistik zu verzahnen. Genau daran arbeiten wir bei K2 Mobility mit PANION. Weitere Informationen unter: k2mobility.com


EI N E P U B LI K AT I O N VO N S M A RT M ED I A

#smartinfrastruktur2030

ENGIE Vianeo • Brandreport

19

E-Schwerlastverkehr: Vom Pilotprojekt zum flächendeckenden Schnellladenetz Wer seine Lkw-Flotte elektrifizieren möchte, braucht Planungssicherheit. Noch vor wenigen Jahren fehlte vielerorts die passende Ladeinfrastruktur. Inzwischen ist der flächendeckende Ausbau eines europäischen Schnellladenetzes bereits gestartet, das die Voraussetzung für den Markthochlauf des elektrischen Schwerlastverkehrs schafft. ENGIE Vianeo beteiligt sich aktiv an diesem Ausbau und entwickelt Ladeinfrastruktur für E-Lkw entlang von Autobahnen, an Logistikstandorten und Häfen.

Alina Haller Head of Business Development & Sales Heavy Duty Charging bei ENGIE Vianeo Deutschland Der Markthochlauf hat begonnen Mehrere Entwicklungen treiben den Markthochlauf des elektrischen Schwerlastverkehrs derzeit voran: Mit der EU-Verordnung »Alternative Fuels Infrastructure Regulation« (AFIR) gibt es verbindliche Vorgaben für den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig wächst das Angebot an E-Lkw, und immer mehr Logistikunternehmen forcieren die Dekarbonisierung ihrer Flotten, auch um unabhängig von den schwankenden Ölpreisen zu sein. »Wir befinden uns aktuell in einer Phase, in der wir zu einem flächendeckenden Rollout übergehen«, sagt Alina Haller, Head of Business Development & Sales bei ENGIE Vianeo Deutschland. »In den vergangenen Jahren standen vor allem Pilotprojekte im Mittelpunkt. Jetzt wird daraus ein echter Markthochlauf.« Im Rahmen des bundesweiten Schnellladeausbaus für den Schwerlastverkehr der Bundesregierung und der Autobahn GmbH hat ENGIE Vianeo den Zuschlag für das Los Südost erhalten. Das Gebiet umfasst zentrale Autobahnachsen im Südosten Deutschlands und macht mit 26 Standorten das größte Los dieser Ausschreibung aus.

Deutschland nimmt bei der Entwicklung des europäischen Ladenetzes auf jeden Fall eine Schlüsselrolle ein, weil ein großer Teil des europäischen Transitverkehrs durch unser Land verläuft. Es entstehen insgesamt 173 Ladepunkte, darunter 105 auf Basis des Megawatt-Charging-Systems (MCS) mit 1000 Kilowatt. »Für uns ist der Zuschlag ein Riesenmeilenstein. Wir entwickeln unser Geschäft seit gut einem Jahr auch auf dem deutschen Markt. Dass wir jetzt schon ein so großes Projekt gewonnen haben, ist ein enormer Erfolg für uns. Zudem ist es auch ein One-ENGIE-Erfolg, denn uns haben über die ENGIE Vianeo Deutschland hinaus sehr viele Kolleginnen und Kollegen unterstützt«, berichtet Alina Haller. Mehr als Laden an der Autobahn Ladepunkte an Autobahnen sind wichtige Bausteine für den elektrifizierten Fernverkehr. Doch aus Sicht der Expertin entsteht ein funktionierendes Schnellladenetz erst durch das Zusammenspiel verschiedener Standorte. »Der Erfolg kommt durch die Kombination aus Ladepunkten an Autohöfen, Depots,

Logistikzentren, Industriezentren und Häfen«, erklärt sie. Neben den Ladeparks mit hohen Ladeleistungen für den Transitverkehr braucht es Ladeinfrastruktur überall dort, wo Lkw ohnehin längere Standzeiten haben. »Gerade an Häfen ist für Lkw oft eine gewisse Wartezeit vorgesehen, bis ihre Ladung verschifft wird. Deswegen passt es gut, dort Ladeinfrastruktur aufzubauen«, erläutert sie. Erst das Zusammenspiel dieser Standorte schafft die Voraussetzungen für den breiteren Einsatz von E-Lkw im Fernverkehr. Ein Beispiel dafür liefert der ENGIE Vianeo Ladepark im Kieler Hafen, der im August 2026 in Betrieb genommen wurde. Weitere Hafenprojekte sind in Planung. MCS: Schnellladen für den Fernverkehr Eine große Bedeutung für den Fernverkehr mit E-Lkw hat die MCS-Ladetechnologie. »Wir freuen uns darüber, dass wir diese innovative Technologie jetzt aufbauen können«, sagt Alina Haller. »Denn natürlich gilt: Je höher die Ladeleistung, desto schneller können Lkw im Transit nachgeladen werden und umso schneller erreichen die Fahrzeuge ihr Ziel. Damit allerdings auch Fahrzeuge ohne MegawattTechnologie die Infrastruktur nutzen können, planen wir unsere Standorte heute so, dass an vielen MCS-Ladesäulen zusätzlich CCS-Ladepunkte verfügbar sind«, erläutert die Expertin. Dadurch lassen sich die Ladeparks bereits wirtschaftlich betreiben und sind gleichzeitig auf die Anforderungen der kommenden Fahrzeuggeneration vorbereitet.

Eröffnung des ersten ENGIE Vianeo Ladeparks am Seehafen Kiel mit Ehrengästen: Alke-Elisabeth Voß (Stadträtin für Umwelt, Klimaschutz und Mobilität der Stadt Kiel), Tobias Goldschmidt (Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein), Alina Haller (Leiterin Geschäftsentwicklung bei ENGIE Vianeo Deutschland), Dr. Dirk Claus (Geschäftsführer der SEEHAFEN KIEL GmbH & Co. KG), Louisa Wiethold (Aufsichtsratsvorsitzende der Seehafen Kiel GmbH & Co. KG), Claus Ruhe Madsen (Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig Holstein), Johannes Pallasch (Leiter und Sprecher der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur), Frank Lacroix (Executive Vice President Local Energy Infrastructures, ENGIE) und Niklas Wiegand (Geschäftsführer ENGIE Deutschland GmbH).

ENGIE Vianeo: Ganzheitliche Strategie statt vereinzelter Ladepunkte ENGIE Vianeo verfolgt einen Ansatz, der über den Aufbau einzelner Ladesäulen hinausgeht. »Wir haben ein anderes Verständnis als ein reiner Ladepunktbetreiber«, stellt Alina Haller klar. Als Teil der ENGIE-Gruppe kann ENGIE Vianeo Kompetenzen aus Photovoltaik, Batteriespeichern, Energiehandel und Ladeinfrastruktur miteinander verbinden. Gerade angesichts knapper Netzkapazitäten wird dieser systemische Ansatz immer wichtiger. Das Unternehmen bringt Erfahrungen aus anderen europäischen Märkten ein. In Europa betreibt ENGIE Vianeo mehr als 11 000 Ladepunkte, darunter rund 900 an Autobahnen. Projekte wie der Schnellladekorridor zwischen

Lyon und Paris oder Multi-Energie-Stationen, die Ladeinfrastruktur mit Photovoltaik und Biogas kombinieren, liefern Beispiele für den weiteren Ausbau in Europa. Wie diese Erfahrungen den Markteintritt in Deutschland beschleunigten und welche Rolle intelligente Energiekonzepte dabei spielen, erläuterte Ende 2025 Jan-Niklas Ellerich, Geschäftsführer bei ENGIE Vianeo in Deutschland, im ENGIE Deutschland Magazin. Die internationale Aufstellung sieht auch Alina Haller als Vorteil. Denn ENGIE Vianeo Deutschland kann auf Erfahrungen des Unternehmens in Ländern wie Frankreich und Belgien zurückgreifen. Die Erfahrungen fließen in den Aufbau eines europaweiten Schnellladenetzes für Nutzfahrzeuge ein. Künftig will ENGIE Vianeo Transportunternehmen grenzüberschreitend mit einem einheitlichen Qualitäts- und Servicestandard begleiten. Deutschland als Knotenpunkt im europäischen Schnellladenetz »Deutschland nimmt bei der Entwicklung des europäischen Ladenetzes auf jeden Fall eine Schlüsselrolle ein, weil ein großer Teil des europäischen Transitverkehrs durch unser Land verläuft«, sagt Alina Haller. Ein leistungsfähiges Ladenetz ist also nicht nur für deutsche Speditionen wichtig, sondern für den gesamten internationalen Güterverkehr. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Branche, Transporte klimafreundlicher zu gestalten. Nachhaltigkeitsanforderungen und ESGKriterien werden den Ausbau der Ladeinfrastruktur aus Sicht der Expertin weiter beschleunigen und elektrische Lkw zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor machen. Europäisches Schnellladenetz: Vom Infrastrukturprojekt zur Energiewende Der Ausbau der Ladeinfrastruktur schafft die Voraussetzungen dafür, dass Unternehmen ihre Flotten Schritt für Schritt elektrifizieren können. Aus einzelnen Projekten wächst nach und nach ein europaweites Netz. Dabei geht es um weit mehr als den Bau von Ladeparks. Entscheidend ist ein verlässliches Zusammenspiel aus Energieversorgung, intelligenter Infrastruktur und internationaler Vernetzung. Damit trägt ENGIE Vianeo zum Aufbau der Infrastruktur für elektrischen Schwerlastverkehr bei. Weitere Informationen unter: engie-vianeo.com


#smartinfrastruktur2030

Mehr erfahren auf

fokus.swiss


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Smart Infrastruktur 2030 by Smart Media Agency AG - Issuu