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DU&ICH Juni/Juli 2014

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DU&ICH Nr. 492 06/07 2014

DU&ICH FÜR SCHWULE UND ANDERE MÄNNER

One-Boy-Shows im Internet Slava Mogutin / Lana Del Rey / Hercules & Love Affair / Romy Haag / Harald Petzold / Barrie Kosky / Troye Sivan / Lucas Cruikshank / Tyler Oakley

PRIVAT WAR GESTERN

Krisenland Ukraine

LAND AM ABGRUND Homo-Lobby

SCHWULE STRIPPEN ZIEHER DU&ICH im Talk mit

Lana Del Rey Hercules & Love Affair Romy Haag

du-und-ich.net Nr. 492 Juni/Juli 2014 Deutschland € 6,50 Österreich € 7,15 BeNeLux € 7,60 Schweiz CHF 12,90


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DU&ICH 06/07 2014

Lieber Leser! Es waren magische Minuten gegen Ende des Eurovision Song Contest: Die Votingrunde bot erst Spannung ohnegleichen, dann brachen allerorten Rührung und Ergriffenheit aus, als immer mehr Länder Conchita Wurst zwölf Punkte gaben und die Österreicherin am Ende gewann. Europa setzte damit ein Zeichen der Toleranz! Ganz so, wie es sich Conchita Wurst erhofft und im DU&ICH-Interview in der vorherigen Ausgabe formuliert hatte. Wursts universelle Botschaft hat dank der Musik fast jeder auf dem Kontinent verstanden: „Weder ich noch ein anderer ist ein Mensch zweiten Ranges!“ Das Erstaunliche dabei: Sie konnte nur gewinnen, weil nicht nur West- und Nordeuropa, also die üblichen „Verdächtigen“, weil schwulenfreundlichen Länder, für ihr Lied stimmten, sondern auch viele Staaten Osteuropas, es gab sogar Punkte aus Russland. Die Community ist beseelt und glücklich. Über Nacht ist eine Galionsfigur geboren – wie passend für die bevorstehende CSD-Saison: Man könnte Conchita Wurst auch eine Botschafterin für unsere Forderungen nach Gleichberechtigung nennen. Oder – und das im positiven Sinne – Lobbyistin. Apropos: Die CSDs in Deutschland werden als Bühne von verschiedenen Politikern, Prominenten, Vereinen und anderen Akteuren aller Couleur genutzt, die häufig als Homo-Lobby zusammengefasst werden – und das nicht immer in einem positiven Sinn. Ein Reizthema für viele. Das brachte uns auf die Frage, was das eigentlich ist: die Homo-Lobby. Wir gehen auf den Seiten 16–26 diesen und anderen Fragen nach: Wer sprach da eigentlich für uns in den zurückliegenden Jahren? Wer macht das heute? Und: Wollen wir das überhaupt?

Schreibt uns, wie euch DU&ICH gefällt! Per Post, E-Mail oder Facebook! Unsere Postanschrift: Redaktion DU&ICH Special Media SDL GmbH Ritterstraße 3 10969 Berlin Unsere E-Mail-Adresse: redaktion@du-und-ich.net Unsere Homepage: du-und-ich.net DU&ICH ist bei Facebook!

Andreas Hergeth Chefredakteur

Impressum VERLAG Special Media SDL GmbH Ritterstr. 3, 10969 Berlin Telefon (030) 23 55 39-0, Fax -19 GESCHÄFTSLEITUNG Gudrun Fertig, Manuela Kay CREATIVE DIRECTOR PRINT Manuela Kay CREATIVE DIRECTOR ONLINE Gudrun Fertig CHEFREDAKTEUR Andreas Hergeth [ah] (V. i. S. d. P.), andreas.hergeth@du-und-ich.net REDAKTION Frank Hermann (fh), frank.hermann@du-und-ich.net, Michael Thiele (mit), michael.thiele@du-und-ich.net

REDAKTION QUEER TRAVEL Tobias Sauer, tobias.sauer@queer-travel.net ART DIRECTION & GRAFIK Stef Morgner, grafik@du-und-ich.net DESIGN & PROGRAMMIERUNG HOMEPAGE büro für gestaltung dedering ANZEIGEN Manuela Kugler-Knape, (030) 23 55 39 24, manuela.kugler@specialmedia.info Anzeigenschluss für die nächste Ausgabe DU&ICH, Nummer 04/14: 02.07.2014 COVERFOTO Fotograf: Slava Mogutin Model: Carter Harrington DU&ICH ABO-SERVICE ZZV GmbH Zeppelinstr. 6 16356 Ahrensfelde OT Blumberg Telefon: (030) 41 90 93 53

Fax (030) 41 90 93 20 (montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr) E-Mail: abo@du-und-ich.net Die Abo-Einzüge werden turnusgemäß laut Online-Formular eingezogen. Die Special Media SDL GmbH GläubigerID lautet: DE88ZZZ00000661768 DRUCK Möller Druck und Verlag GmbH Zeppelinstr. 6 16356 Ahrensfelde OT Blumberg VERTRIEB PARTNER Medienservices GmbH Julius-Hölder-Straße 47 70597 Stuttgart www.partner-medienservices.de (0711) 72 52 216 COPYRIGHT Special Media SDL GmbH. Alle Rechte, auch auszugsweiser Nachdruck, vorbehalten. Für unverlangt eingesandtes Bild- und

Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Vervielfältigung, Speicherung und Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlages. Bei Verlosungen ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Die Fotomodelle sind nicht identisch mit den in Textbeiträgen erwähnten Personen. Erfüllungsort und Gerichtsstand ist Berlin. Verkaufspreis des Einzelheftes: Deutschland € 6,50; Österreich € 7,15; Schweiz CHF 12,90; BeNeLux € 7,60. Im gleichen Verlag erscheinen u.a. SIEGESSÄULE, siegessaeule.de L-MAG Magazin für Lesben, l-mag.de BEILAGE in der gesamten Auflage dieser Ausgabe: Amnesty International Deutschland e. V.

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inhalt

DU&ICH 06/07 2014

Titelthemen DU&ICH im Talk mit 56 Lana del Rey 8 Hercules & Love Affair 62 Romy Haag 16 Homo-Lobby Schwule Strippenzieher 28 Krisenland Ukraine Land am Abgrund 52 One-Boy-Shows im Internet Privat war gestern

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.FOTOS VON ALEXANDRA JASPER!

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DU&ICH 06/07 2014

QUEER TRAVEL

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.AUFREGER-THEMA:! !HOMO-LOBBY.

Internet

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Musik

!SCHWULEN AKTIVISTEN!

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FOTOS: ALEXANDRA JASPER | JULIA LISNYAK | ILLUSTRATION: OLIVER WEISS

Hercules & Love Affair; 2. Dyke* March in Berlin; Briefmarke Tom of Finland; News; Kolumne von Dragqueen Jurassica Parka; 40 Jahre Gerdas kleine Weltbühne; 40 Jahre AHA Berlin; Umfrage Münchner Szene; Mogutin’s Daily Beast: Fotokolumne

Film 16

Homo-Lobby mit Analyse: Die wichtigsten Akteure; Infografik; Porträt Barrie Kosky, Intendant Komische Oper Berlin; Interview Harald Petzold (Die Linke). Leidartikel: Politkolumne von Sirko Salka

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Ausland

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Ukraine: Land am Abgrund; Kamerun: Interview mit der Aktivistin Alice Nkom; London: Modern Times; Italien: Entwicklungsland

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Queer Travel

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Cleveland – warm ums Herz; Info Gay Games 2014; Zeig Pride weltweit: die besten CSDs 84

Trendsportkolumne: Skate- und Longboards; Ratgeber Versicherungen; Beschenk dich selbst: Produkttipps!; Natur ist geil – man trägt wieder Schamhaar!

Schwule sind …

Foto

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Essay: Hetero? Langweilig! Schwule Helden im Mainstreamkino; Freischwimmen zum Coming-out: „Tiefe Wasser“; Hinreißend schön: Porträt Niels Schneider aus „Begegnungen nach Mitternacht“; aktuelle Kinostarts; neue DVDs; Porno

Lifestyle

Schwule Fußballfans; türkischer Schiedsrichter Dinçdağ im Abseits; Hitzlsperger als Aktivist? Kolumne 50plus

Julia Lisnyaks Bilder von schwulen Aktivisten Fotos von Alexandra Jasper Regenbogenfamilien: Fotos von Daniel Schumann

Buch Ganz ohne Schema: kluges Aufklärungsbuch; Fabian Hischmanns Buch über Dauerjugendliche; der neue Frings: „Manchmal ist das Leben“

Aufreger

Alltag

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Interviews mit Lana Del Rey und Romy Haag; neue CDs; Kolumne „Unser Lied“, diesmal: „Say You’ll Be There“ von den Spice Girls; neue Alben von Sam Smith und Gus Gus; Konzertticker

JULIA LISNYAKS BILDER VON!

Magazin

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One-Boy-Shows im Internet: Privat war gestern

Impressum Euer Feedback Abo E-Paper Abo Print

98 3 13 71 89

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DU&ICH 06/07 2014


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DU&ICH 06/07 2014

FOTO: REUTERS/NACHO DOCE

Brasilien hat den Größten Millionen Menschen schoben sich am 4. Mai 2014 durch die Straßen von São Paulo, Brasiliens größter Stadt – das passt: Es handelt sich um den größten Gay Pride der Welt. Er fand zum 18. Mal statt und hat einmal ganz klein angefangen. 1997 wurde er aus der Taufe gehoben, und es gingen damals lediglich 2.000 Lesben und Schwule für ihre Rechte auf die Straße. 2006 waren es dann schon 2,5 Millionen Teilnehmer! Das haben die Organisatoren der Parada do Orgulho Gay GLBT de Sao Paulo, wie der Pride auf Portugiesisch heißt, sogar amtlich: Die Leute vom Guinness Buch der Rekorde haben genau nachgezählt, seitdem gilt er als die weltweit größte Veranstaltung seiner Art. Europäische Prides, von deutschen CSDs ganz zu schweigen, erreichen diese riesigen Teilnehmerzahlen bei weitem nicht. ah gaypridebrazil.org/sao-paulo 7


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DU&ICH 06/07 2014

MAGAZIN

Zuflucht Nachtclub Deine letzte Platte hieß „Blue Songs“, dementsprechend waren auch ein paar langsame, traurige Songs drauf. Die neue, „The Feast of the Broken Heart“, ist die konsequenteste Tanzplatte deiner Karriere. Was ist die Idee dahinter? Eine Art „Dancing with Tears in My Eyes“? Andy Butler: Genau. Es geht um den Nachtclub, der uns Zuflucht bietet. Die Leute können die Schwere ihres Lebens zurücklassen, den Job, den Boss, die ganzen Kämpfe und Beziehungsprobleme. Viele Discosongs der 70er- und 80er-Jahre thematisieren ja genau das. Der Titel „The Feast of the Broken Heart“ ist ein Wortspiel mit dem katholischen „The Feast of the Sacred Heart“ (Herz-Jesu-Fest – Anm. d. Red.). In seinen besten Momenten hat der Club beinahe etwas Religiöses, es ist ein spiritueller Ort. Was genau ist die spirituelle Dimension? Man fühlt sich als Teil von etwas, gerade wenn man nach der eigenen Identität sucht. Ich spreche da auch von mir als jungem, schwulem Mann. In der Musik und im Club fand ich einen Raum, der es mir erlaubte, so kreativ, farbenfroh, queer und aufgedonnert zu sein, wie ich das wollte und brauchte. Diese Räume wurden heilig für mich. Hast du dieses heilige Gefühl noch, wenn du auflegst? Oder ist der Club mittlerweile zu deinem Arbeitsplatz geworden? Leider ja. Es gibt Momente, in denen die Sterne günstig stehen und etwas Magisches passiert. Bei richtig guten Gigs habe ich irgendwann keine Schuhe und kein Shirt mehr an und tanze genauso heftig wie die Leute auf der Tanzfläche. Das neue Album beginnt mit dem „Hercules Theme 2014“. Warum hast du die Idee eines „Hercules Theme“ nochmal aufgegriffen, nachdem es auf dem Debüt schon eins gab? Ich bin einfach ein Fan von Erkennungsmelodien! Es ist seltsam, meine Mutter hat auch mit mir darüber gesprochen. Sie macht sich immer Gedanken über meine Band. (lacht) Sie macht sich Sorgen, weil sich die Band ständig verändert, sie findet das zu verwirrend. Neulich meinte sie, Hercules & Love Affair wären wie eine TV-Show oder eine Serie mit wechselnder Besetzung. 8

Und was sagt sie dann? Junge, du solltest besser nur mit einem Sänger arbeiten! Nicht direkt, sie hat einfach ein traditionelles Musikverständnis. Das überträgt sie auf uns. Ich muss ihr dann immer klarmachen, dass wir keine Band sind, sondern ein sich ständig veränderndes Projekt. Das ist der Moment, in dem sie aus dem Gespräch aussteigt und sagt: Ist mir doch wurscht. Das „Hercules Theme 2014“ entstand, weil wir wieder eine neue Gruppe von Menschen sind, also brauchten wir auch eine neue Erkennungsmelodie. (lacht) Einer der neuen Sänger ist John Grant. Nach Antony und Kele von Bloc Party. ist er bereits der berühmteste Sänger bei Hercules & Love Affair. Wie war es, jemanden in dein Universum einzubinden, der selbst eine so klare künstlerische Vision hat? Es war toll. John ist so brillant, er quillt über vor Talent. Er hat eine tiefe Affinität zu elektronischer Musik, wie man auch auf seinem letzten Album hören konnte, das er zusammen mit Biggi von Gus Gus gemacht hat. Der Song „I Andy (Mitte) und John Try to Talk to You“ zeigt genau (li.) inmitten der neuen die Größe, Eleganz und PoinHercules-Crew tiertheit, zu der er fähig ist. Eure aktuellen Pressefotos sind interessant arrangiert. Du und John schaut euch in die Augen, er fasst dir an die nackte Brust, während die anderen scheinbar beziehungslos um euch herumlungern. Lag diesen Fotos ein bestimmtes Konzept zugrunde? Du musst wissen, auch wenn sich ein paar meiner Sängerinnen und Sänger untereinander kennen, bin ich der Zeremonienmeister. Bei diesem Shooting sind wir alle erstmals zusammengekommen: Krystle, John, Gustaph and Rouge. Vorher hatten alle getrennt voneinander mit mir im Studio gearbeitet. Es war also noch nicht ganz so vertraut. John und ich hatten aber bereits eine sehr tiefe Verbindung zueinander aufgebaut, das übertrug sich auf die Fotos. Interview: Jan Noll Hercules & Love Affair / The Feast of the Broken Heart Moshi Moshi / [PIAS] Cooperative

FOTO: BENJAMIN ALEXANDER HUSEBY | RECHTE SEITE: HEINRICH VON SCHIMMER | BRIEFMARKE: @ FINNLAND POST

Hercules & Love Affair, die queere Dance-Formation um Andy Butler, ist in neuer Besetzung mit neuem Album am Start. Ein Gespräch mit Mastermind Andy über die eigene Identität und wechselnde Bandkollegen


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DU&ICH 06/07 2014

290 … Punkte brachten die „Kaiserin von Europa“ auf ihren (Musik-)Thron. Damit bekam Conchita Wurst beim ESC nicht nur Stimmen aus Westeuropa – auch das ein Zeichen!

DYKE* MARCH BERLIN Seit letztem Jahr gehört die Nacht vor dem großen CSD auch in der Hauptstadt den Lesben 2013 sollte es einen Dyke* March in Berlin geben. Das hatte sich letztes Jahr die L-MAG-Redaktion vorgenommen, als sie über den Jubiläumsaktionen zu zehnjährigen Bestehen des Magazins brütete. L-MAG erscheint wie die Siegessäule und DU&ICH im Special Media Verlag. Die L-MAG-Macherinnen um Stephanie Kuhnen und Manuela Kay herum wollten „Taten statt Warten, raus aus dem Büro und rauf auf die Straße mit Lesben aller Couleur und Gender. Wir wollten einen Dyke March in Berlin, so wie die großen Dyke Marches in San Francisco, Toronto, New York oder Mexiko-Stadt und in noch vielen anderen Städten mit großen CSD-Demonstrationen.“ Es wurde ein voller Erfolg mit hunderten von Lesben, Butches, Femmes, Dykes, Bis, Divas, Drags, heterosexueller Verwandtschaft, Freundinnen, Freunden, schwulen Mädchen, Transmännern und frauen, Queers, Polys und einfach auch Anwohnerschaft oder Touristinnen und Touristen, die zufällig an der Strecke standen und sich spontan dazu entschlossen, mitzugehen. Der Dyke* March findet dieses Jahr am 20. Juni ab 19.30 Uhr statt. Wir von DU&ICH sind dabei! Aktuelles und Informationen auf l-mag.de und bei Facebook: facebook.com/DykeMarchBerlin

APO-PORTOX

Bitte hinten lecken! Das passende Porto für einen Liebesbrief: Ein nackter Knackarsch ziert die Briefmarke, durch die Beine des Abgebildeten blickt frech ein Schnurbartträger. Abschicken kann man das Po-Frankierte aber nur in Finnland. Am 8. September veröffentlicht die finnische Post eine Serie mit Motiven des Künstlers Tom of Finland (1920–91). Dessen maßlos muskulöse Machos in Uniform und Lederkluft formten ab den 60er-Jahren das Bild des Lederkerls, Ballon-Brüste und Riesenschwänze überwältigen den Betrachter. Touko Laaksonen, wie Tom mit bürgerlichem Namen hieß, war äußerst produktiv. Briefmarken-Designer Timo Berry konnte aus über 3.500 Motiven auswählen – mit Einschränkungen: „Bilder von Analsex, Orgien und Ejakulationen haben wir von der Auswahl ausgenommen“, gestand Berry in der Tageszeitung Die Welt. Philip Eicker

„Beim Kampf um die Ukraine geht es um mehr als um Geopolitik. Es geht um eine Weltsicht. Es geht um die Vorstellung des ethnisch reinen, männlich-gesunden, hierarchisch geordneten Eurasiens gegenüber einem dekadenten, verweichlichten Gayropa“ MARIAM LAU IN EINEM „ZEIT“-ARTIKEL ÜBER DIE VIELEN RUSSEN, UKRAINER, GEORGIER UND RUSSLANDDEUTSCHEN, DIE IN BERLIN LEBEN, UND DIE KRISE IN DER UKRAINE

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DU&ICH 06/07 2014

MAGAZIN

KOLUMNE VON JURASSICA PARKA

Eigentlich will Jurassica kurz vor der CSDSaison nur den Transen-Akku aufladen, doch dann gerät sie in einen gemeinen Touristensog

Hey, ihr Puppis, ich bin’s! Eure schönste Lieblingstranse, die Jurassica. Der Sommer ist da, endlich! Das bedeutet für mich ja immer einen vollen Terminkalender, denn die Pride-Maschinerie fräst sich durch die Republik. Grundsätzlich gönne ich mir jedes Jahr vor der Hauptsaison einen ausgedehnten Urlaub weit weg von der Heimat, um meine Travestie-Batterie komplett ent- und wieder aufladen zu können. Akkupflege ist das A und O in meinem Geschäft, sonst wird frau irgendwann wahnsinnig. Da ich über ein auf dem Erdball gut vernetztes Familiengeflecht verfüge, fiel die Wahl dieses Jahr auf San Diego. Dort wohnt mein Cousin mit Frau und Kindern. Ich hasse Kinder. Aber mein Gott, für eine kostenlose Unterkunft für mich und meinen Mann werfe ich meine Aversion über Bord und übe mich als gute Tante Juju aus good old Europe. Nutte bleibt eben Nutte. Und San Diego ist traumhaft! Der südkalifornische Frühling ist wie ein gut gemixter Long Island Ice Tea. Erst denkst du, „Ach Gott, ganz schön strong!“ – aber schnell wird dir alles egal und du wiegst dich in sonniger Zuckerwatte. Herrlich! Doch mein verklärter Vorsommernachtstraum sollte bald einen Schlag ins Gesicht bekommen. Mein Göttergatte kam nämlich auf die Idee, einen Tagesausflug nach Mexiko zu machen. Und um allen Political-IncorrectnessVorwürfen sofort den Wind aus den Segeln zu nehmen: Mexiko ist ganz sicher ein wunderschönes Land. Aber nicht, wenn du mit einem Touristenbus wie Schlachtvieh nach Tijuana gekarrt wirst. Es war die absolute Hölle! Das Grenzgebiet ist ein Hochsicherheitstrakt, wie aus einem B-Movie mit Ralf Möller. Auf der amerikanischen Seite präsentiert sich der Grenzschutz in martialischen Uniformen mit sehr vielen Waffen vor hohen Gitterzäunen, die den Abschaum der anderen Seite fernhalten

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sollen. Es riecht nach Schmuggel-Kokain, billigen Geschlechtsumwandlungen, gewaschenem Geld und ungewaschenen Geschlechtsteilen. Schnell haben wir mit unserem Auto die Grenze ins ungelobte Land passiert. Hier sehen wir Autoschlangen, hunderte Meter lang, die auf die Einreise zurück in die USA warten. Ich ergreife die Hand meines Mannes: „Liebling, wir werden nie wieder nach Hause kommen! Wie ist die Nummer des deutschen Konsulats? Gibt es hier überhaupt ein Konsulat? Oh Gott, sie werden meinen Körper verkaufen!“ Ich sehe uns schon als ausgeweidete Organspender mit Drogen befüllt im Sarg zurück nach Deutschland geschickt. Doch es kommt viel schlimmer. Nach der Grenze parkt der Touristenstrom seine Autos auf riesigen, gegen ein kleines Entgelt gut bewachten Parkplätzen und steigt in über 300 Jahre alte Reisebusse. Express-Way nach Tijuana zum Sunset Strip des gemeinen, nordamerikanischen Mexiko-Touristen. Ein Horrorszenario, wie es sich David Lynch nicht besser hätte ausdenken können: Souvenirshops (Sombreros, getrocknete Eselsfüße, Totenkopfpuppen), Apotheken (Viagra, Cialis, Valium), TableDance-Bars, Restaurants. Dieses Ensemble wiederholt sich auf beiden Straßenseiten die nächsten 2.000 Meter, überall dudelt fröhliche „mexikanische Musik“, man lässt sich mit ausstaffierten Eseln fotografieren. Und du fühlst dich schlecht. Du bist ein widerliches, ignorantes Touristen-Opfer, das ein paar Stunden Mexiko sehen will, so wie Amerika seinen Nachbarn eben sehen will. Pervers. Wir fahren ganz schnell zurück! Jetzt verstehe ich auch die lange Autoschlange. Nächstes Jahr will ich zwei Wochen nach Mexiko, aber ins echte! Und die Ausflugsplanung überlässt mein Mann jetzt mir. Guter Mann.

FOTO: TANJA SCHNITZLER | RECHTE SEITE: GERDAS KLEINE WELTBÜHNE

Mexikanische Grenzerfahrung


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DU&ICH 06/07 2014

GERDAS KLEINE WELTBÜHNE Es ging auf und ab in 40 Jahren. Doch das Mühlheimer Unternehmen hat alle Stürme überstanden. Das ist eine echte Erfolgsstory, zu der wir gratulieren!

Was als Zwei-Mann-Unternehmen begann, ist heute eine Institution in Mühlheim. In Eigeninitiative und mit viel Arbeits- und Materialeinsatz haben sich Jürgen Peusch (Jutta P.) und Gerd Stein alias Gerda Ballon ihr eigenes Theater erschaffen, mehrere Umzüge und sogar einen Brand überstanden – und jetzt feiert Gerdas kleine Weltbühne ihr 40. Jubiläum. So viel Engagement für die Travestiekunst und letztlich auch für das Ansehen der Stadt war einen Preis wert: Zum 30-Jährigen im Jahr 2004 zollte die Stadtverwaltung Anerkennung mit dem Paul-Hindemith-Kulturpreis. Die kleine Weltbühne hatte Mühlheim bis weit über seine Grenzen bekannt gemacht, hauptsächlich durch die Mundpropaganda des zufriedenen Publikums und ganz ohne Besuch vonOlivia Jones und RTL. Gerdas kleine Weltbühne lebt von den beiden Betreiberinnen Jutta P. und Gerda Ballon, die seit 2007 auch verpartnert sind. Denn es sind nicht nur die Programme, die sie so besonders machen. So wie sie mit Leib und Seele auf der Bühne stehen, setzen sie sich für karitative Belange ein nach dem Motto „Schmink dich und tu Gutes dabei“: Gespielt, Geld gesammelt oder ohne Gage gearbeitet haben sie schon für die Kinderkrebshilfe Offenbach, die Lebenshilfe Hanau, die Aids-Hilfe Offenbach etc. Neben den Shows im Stammhaus gelang ein wahrer Coup mit der Veranstaltung „Rosa Wölkchen“. Das Besondere ist der freiwillige Kostümzwang. Alle Gäste erscheinen in Rosa, so sind alle gleich. Schon im zweiten Jahr wurde die Veranstaltung zum Kult ausgerufen, der Hessische Rundfunk schnitt mit und erzielte mit der Ausstrahlung Höchstquoten. Zum 40-Jährigen finden die „Rosa Wölkchen“ nicht wie bisher im Titus-Forum in Frankfurt, sondern in der Willy-Brandt-Halle in Mühlheim statt. 2.100 Tickets gibt es und die werden schnell vergriffen sein. In der Weltbühne läuft derzeit die aktuelle Show noch bis 28. Juni 2014, dann ist Sommerpause. Ab dem ersten Mittwoch im September, legt die Weltlbühne mit einem „Best of“ los! Bereits seit Mai läuft der Vorverkauf für die Kultveranstaltung „Rosa Wölkchen“, zwei Abende sind schon ausverkauft. Frank Hermann

Gerda Ballon (vorne) mit ihrer Familie: Jutta, Stephan und René (v.l.)

rosa-woelkchen.com

„Die Zustimmung, die Putin heute in konservativen Kreisen des Westens erfährt, kommt nicht von ungefähr. Sein Kampf gegen ‚homosexuellenfreundliche Propaganda‘, gegen den Geist des Feminismus und die Libertinage, sein Eintreten für die überlieferte Form des familiären Zusammenlebens und traditionelle Werte schlechthin: Das alles sichert ihm den Beifall christlicher Fundamentalisten und von Ideologen der amerikanischen Rechten (…)“ DER BERLINER HISTORIKER HEINRICH AUGUST WINKLER IN EINEM ESSAY IN „DER SPIEGEL”

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MAGAZIN

DU&ICH 06/07 2014

FRISCHZELLENKUR

Oben und unten: Titelseite der AHA-Info vom Mai 1982 bzw. November 1981. Mitte: AHA-Info von 1982 zum CSD 12

Nach der Entschärfung des Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch schossen in der Bundesrepublik zahllose Schwulenvereine aus dem Boden. Das Magazin Don schrieb: „Ihr dürft unter 33 Gruppen und deren Untergruppen wählen: HAAW, GFS, HAW, glf-AHB, es gibt Schwule und Rotzschwule (RzSch), Hak und Hag, was nichts mit Kaffee Hag zu tun hat, es gibt INHOMSAAR und IHS, HSM, HSH und eine Loge 70. Es gibt Initiativ- und Aktionsgruppen, Aktivgruppen und Arbeitskreise, Arbeitsgruppen und Interessengemeinschaften.“ Die AHA in Berlin überlebte fast alle. Entstanden aus einer bürgerlichen Vorgängerorganisation, verständigten sich die Gründer am 19. März 1974 darauf, dass die AHA „nicht so extrem links“ werden solle wie andere Berliner Gruppen. So bildeten sich vor allem Interessengruppen. Aus ihr gingen die Schwulen Lehrer in der Gewerkschaft GEW hervor, der Sportverein Vorspiel und die ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche. Legendär: die „Fröhliche Masche“, die der ganzen AHA den Ruf einer Strickgruppe einbrachte. Bei einem Treffen Berliner Schwulengruppen in der AHA entstand 1983 die Idee zum Stadtmagazin Siegessäule. 1982 war die AHA mit über 200 Mitgliedern der größte schwule Verein Deutschlands. Etwa ebenso lang durchgängig existiert nur noch die Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart (ihs), die im vergangenen Jahr ihr 40. Jubiläum feierte. AHA-Vorstand Cathérine alias Carsten erinnert sich: „Erster Anknüpfungspunkt für mich war 1989 die Jugendgruppe. Aus Carsten wurde Cathérine de Bœuf. Die AHA war Spielplatz und Probierbühne für viele.“ Der Artikel der taz zum 20. Jahrestag der AHA war „Ficken für die Miete“ überschrieben: „Suleika Bergmann-Pohl heißt die Chefin, Käte Infektiös die Politoffizierin und Niagara Phall das aufstrebende Show-Talent.“ Der Verein hatte einen linksalternativen Gesinnungswechsel durchgemacht, kritisierte den Kommerz des CSD und organisierte eine Gegendemo. Geld brachten die Sexpartys „Bodies in Emotion“ ein. Im März 1991 berichtete „Baby Neumann“ im Magazin Magnus von der Premiere. Ein Herr in Springerstiefeln habe die Eröffnungsrede gehalten: „Ja, äh. Wir fangen jetzt an.“ Die erste regelmäßige Safer-Sex-Party der Berliner Schwulen zieht als AHA-Erotik-Party noch heute bis zu 100 Teilnehmer an … und aus. Im November 2008 geriet die AHA in eine Krise. Der Verein war praktisch pleite. Cathérine: „Wir gingen fast zwei Jahre ‚on the road‘. Die Community unterstützte uns, wofür wir sehr dankbar sind. Heute haben wir gut 70 Mitglieder, finanzieren uns vollständig durch Mitgliedsbeiträge und Veranstaltungen. Fördermittel haben wir, von einer Ausnahme abgesehen, übrigens nie angenommen.“ Die Wiedergeburt 2010 in der Berliner Monumentenstraße 13 wirkt wie eine Frischzellenkur. Cathérine: „Hier entstehen immer neue Sachen. Nicht umsonst werden wir liebevoll ‚Durchlauferhitzer der Schwulenbewegung‘ genannt. Zurzeit haben wir Gaby Tuppers ,Trash Goddess in Film‘ mit alten Filmen und prominenten Talkgästen. Zur Primetime präsentieren Vera Titanic und Emily Collier den ,Zirkus Prohst‘ mit Tunten, Tieren, Transaktionen.“ Dietmar Kreutzer

ABBILDUNGEN: AHA BERLIN (3) | RECHTE SEITE: SUB MÜNCHEN

Die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) in Berlin feiert 40. Geburtstag. Sie ist die Grande Dame der deutschen Schwulenvereine


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DU&ICH 06/07 2014

München: Sensationelle Szene

Martin Jautz (hinten, 1. v. li.) von der Münchner Aids-Hilfe und Kai Kundrath (hinten, 2. v. re.) vom Sub haben die Münchner befragt

Schwule Münchner sind mit ihrer Szene viel zufriedener als früher – und das, obwohl die Anzahl schwuler Locations stetig abnimmt. Zu diesem im Vergleich zur letzten Studie von 2000 überraschenden Ergebnis kommt eine Umfrage, die im Sommer 2013 gemeinsam vom Münchner Schwulenzentrum Sub und der Münchner Aids-Hilfe durchgeführt wurde. Wichtige Erkenntnisse außerdem: Die Szene wird noch immer als Schutzraum empfunden, vor allem junge Männer gehen gerne „schwul“ aus, der Großteil der Befragten lebt offen schwul, die Partnersuche läuft meist online ab, was wiederum die Atmosphäre in der Szene entspannt. Insgesamt hatten 774 Männer zwischen 17 und 75 Jahren die Fragen beantwortet. mit

DU&ICH 04/05 2014

Euer Feedback Zum Thema Gentrifizierung Hallo, DU&ICH-Team! Tolle Idee, das Thema Gentrifizierung auf uns Schwule runterzubrechen. Ich wohne in Berlin-Kreuzberg, bekomme hier jeden Tag mit, wie sich mein Kiez verändert – nicht zum Guten. Henry, Berlin, via E-Mail

Zur Fotostrecke „Ahoj aus Prag“ Echt coole Fotos! Ich will demnächst auch nach Prag. Jetzt hab ich auf die Stadt noch viel mehr Lust! Peter, Potsdam, via E-Mail

Zur Gayschorre in Halle (Saale) Liebe Redaktion von DU&ICH, mir ist bei eurem Bericht zum Jubiläum der Gayschorre etwas aufgefallen, und zwar, dass Themen wie diese euch (in meinen Augen sehr wohltuend) vom Magazin Männer unterscheiden. Bei euch gibt es echte Menschen, echte Geschichten, viel zu entdecken, in der Männer immer nur die gleichen Pinup-Fotos und Lifestyle-Themen. Die Konkurrenz darf euch um eure Authentizität beneiden! Alles Liebe! Theo, Dorsten


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DU&ICH 06/07 2014

MAGAZIN

FOTOKOLUMNE

slava mogutin’s daily beast „Carter Harrington stammt aus Virginia. Er lebt jetzt in New York und macht Skulpturen und Collagen, gelegentlich posiert er als Aktmodell für andere Künstler wie Marc Beard. Er liebt Magie und Okkultes. Es macht sehr viel Spaß, mit ihm zu arbeiten.“

FOTOS: SLAVA MOGUTIN

slavamogutin.com

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DU&ICH 06/07 2014

In jeder Ausgabe von DU&ICH gibt der New Yorker Starfotograf einen exklusiven Einblick in sein aktuelles Schaffen oder kramt fßr uns in seinem Archiv. Diesmal Motive, die in Zusammenarbeit mit seinem Freund und Kollegen Carter Harrington entstanden sind – und wir haben ihn aufs Cover gepackt!

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DU&ICH 06/07 2014

Die CSD-Saison hat begonnen. In ganz Deutschland ziehen bunte Wagen durch die Innenstädte, flankiert von tausenden Demonstranten. Das ist eine gute Sache, denn für die vollen Rechte von Schwulen muss noch immer gekämpft werden. Zugleich ist es eine gute Bühne für verschiedene Politiker, Prominente, Vereine und andere Akteure, die häufig als HomoLobby zusammengefasst werden – ein unscharfer, oft abwertend gemeinter Begriff, der uns auf die Frage brachte: Homo-Lobby, was ist das eigentlich? Wer spricht da für uns? Wer steigt für uns bereitwillig in den Ring? Wer gibt den Ton an? Und wollen wir das überhaupt? In einer großen Analyse widmet sich Dirk Ludigs den wichtigsten Akteuren der letzten Jahrzehnte, ergänzt durch eine Infografik. Die Frage, wo es jenseits der Politik Fürsprecher gibt, ist Anlass zu einem Porträt über Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper in Berlin. Und ein Interview mit dem linken Bundestagsabgeordneten Harald Petzold gibt Einblick in die tägliche Arbeit eines Lobbyisten. 16

ILLUSTRATION: OLIVER WEISS

Homo-Lobby Warum dieses Thema?


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Strippenzieher Von Rosa von Praunheim über Volker Beck zu David Berger: Jede Ära der Schwulenbewegung hat ihr Sprachrohr. Das posaunt vor allem den Zeitgeist ins Land und verrät viel über den Stand der Bewegung – zurzeit vor allem über ihren Stillstand Vier Jahrzehnte nach ihren Anfängen in Deutschland befindet sich das, was mal als neue Schwulenbewegung begann, in einer Identitätskrise. Angesichts einer lauter werdenden homophoben Minderheit im eigenen Land und Rückschritten von Russland bis Uganda schleicht sich ins Bewusstsein vieler, dass Emanzipation nicht unumkehrbar ist – auch hierzulande nicht. Verstärkt wird dieses Gefühl auch dadurch, dass im Land der Merkel die „Ehe für alle“ nicht vorankommt, egal unter welcher Parteienkonstellation. Die Enttäuschung reicht von links bis rechts, von CDU über FDP bis SPD und Grüne. Der Eindruck: Wenn’s drum geht, dann kuschen alle, niemandem in der Politik ist das Menschenrechtsthema wichtig genug, um es die letzten Meter über die Zielgerade zu bringen. Gleichzeitig ziehen ein westliches Land nach dem anderen und selbst Schwellenländer wie Uruguay an Deutschland homopolitisch vorbei. Frust und Wut bestimmen die Gefühlslage bei vielen Schwulen. Und selbst die eigene Welt scheint ihnen die Identität zu rauben: Queer- und Gendertheoretiker haben aus etwas scheinbar so Eindeutigem wie dem Schwulsein in den letzten 20 Jahren einen Buchstabensalat gemacht, der bürgerliche Mittelschichtsschwule oft überfordert und den sie dennoch glauben hinter sich herziehen zu müssen wie einen Klotz am Bein. Es ist nicht unbedingt Zufall, dass der Aufstieg des promovierten Theologen David Berger zum nächsten Sprachrohr der Schwulenbewegung genau in dieser Situation geschieht. Jede Phase der neuen deutschen Schwulenbewegung seit den frühen Siebzigern hatte ihren schwulen Alpha-Rüden, der gefühlt in jeder Talkshow zum Thema saß, immer mit dem Willen, die Deutungshoheit zu besitzen, innerhalb der Community stets hochumstritten und trotzdem oder genau deshalb der Prototyp zu den Fragen seiner Zeit.

DER PROVOKATEUR Mit Rosa von Praunheim fing es an. Sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ katapultierte ihn 1973 schlagartig in die Lounge-Sessel der 70er-Jahre-Talkshows. Dort agitierte er hinter den Qualmwolken seiner rauchenden Mitdiskutanten oft wütend und laut gegen die bürgerliche Gesellschaft und gegen die Kleinbürgerlichkeit der Homosexuellen, die schon dankbar dafür waren, dass man sie nicht totschlug. Praunheim wollte, dass sich alle und alles änderte: die Gesellschaft, die sich öffnen müsse, aber auch die Schwulen – von LGBTTQI* war man noch ein bisschen weg –, die raus aus den Klappen und rein in die Straßen sollten. Die Bewegung der Praunheim-Jahre war antibürgerlich, antikapitalistisch und revolutionär. 17


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DER POLIT-PROFI

Der bürgerliche Schwule, den Praunheim noch verachtete, konnte sich in der Beck-Ära zunehmend in seiner kleinen Welt einrichten: Verpartnert mit Mann und Hund? Kein Problem mehr!

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Ab Mitte der Achtziger, mit dem politischen Aufstieg der Grünen und ihrem angekündigten langen Marsch durch die Institutionen, begann eine neue, andere Phase, und mit ihr stieg auch ein anderer Typus zum Sprachrohr auf. Auf den Provokateur folgte der Politprofi, der Gleichstellung managt und organisiert – anstelle sie nur auf der Straße erkämpfen zu wollen. Die Jahre, in denen Volker Beck zum Sprachrohr wurde, waren geprägt von einer beispiellosen Professionalisierung und Auffächerung der LGBT-Welt bis heute, wie sie im Schaubild (Seite 20/21) notwendigerweise unvollständig dargestellt sind. Der institutionelle Kampf zeigte zäh, doch stetig Fortschritte: in der gesellschaftlichen Akzeptanz, in der Gesetzgebung. Der bürgerliche Schwule, den Praunheim noch verachtete, konnte sich in der Beck-Ära zunehmend in seiner kleinen Welt einrichten: Verpartnert mit Mann und Hund in Wolfenbüttel? Alles kein Problem mehr! Beck polarisierte, nicht nur bei den Gleichstellungsgegnern. Vielen vor allem linken und alternativen Bewegten war seine Fixierung auf die Homo-Ehe zutiefst suspekt, sein Bild des „normalen Schwulen“, das er so sehr abgab wie propagierte, drohte in deren Augen alternative Lebensentwürfe wie den des promisken Szeneschwulen erneut an den gesellschaftlichen Rand zu drängen, von dem aus man sich für sein Verhalten erneut zu rechtfertigen hätte. Die Spaltung in bürgerlich versus alternativ, die auch schon in Praunheims Tagen existierte, blieb bestehen – auch wenn die Themen sich änderten. Ob alternativ oder bürgerlich: Die Bewegung professionalisierte sich in den Beck-Jahren nicht nur, sie fächerte sich auch immer weiter auf. Aus schwul und lesbisch wurde schwul-lesbisch, Transgender und Transsexuelle gründeten ihre eigenen Netzwerke, Intersexuelle begannen Forderungen zu formulieren. Im Hochschulumfeld entwickelte sich die Queer-Theorie. Aus etwas so Griffigem wie „schwul“ wurde im Lauf der Jahre die unaussprechliche Buchstabenfolge LGBTTQI, ein sicher noch verbesserbarer Versuch, die Vielfalt sexueller Minderheiten sprachlich abzubilden. Es ging voran. Bis in die späten Nullerjahre stellte sich das Gefühl ein, bald könne es geschafft sein. Prophezeit hatte das 1998 schon der Publizist Werner Hinzpeter in seinem Buch „Schöne schwule

Welt“: Das Ende der Schwulenbewegung nahe, wegen „Ziel erreicht“! Eine Polemik sicherlich, aber auch eine etwas optimistische Sicht. Eine etwas optimistische Sicht, wie man 16 Jahre später feststellen muss. Denn seit etwa 2010 verändert sich etwas grundlegend: Es sieht so aus, als stoße eine seit Jahrzehnten erfolgsverwöhnte Bewegung ausgerechnet kurz vor dem allerletzten Durchbruch auf Granit. Erst brechen die Liberalen, vier Jahre später die Sozialdemokraten ihr Wahlversprechen einer Ehe für alle Erst im Netz, später in Büchern, Zeitungsartikeln und Talkshows, schließlich auf der Straße bricht sich scheinbar eine „neue Homophobie“ ihre Bahn – lauthals wie lange nicht Neue homophobe Gesetze in Uganda, vor allem aber auch Russland machen deutlich, dass Emanzipation nicht unumkehrbar ist, jeder Fortschritt fragil bleibt Ideen der Queer- und Gendertheorien wandern aus den Hochschulen in den Mainstream und entfremden eine wachsende Zahl schwuler Mittelschichtsmänner, die sich mit abstrakten Begriffen wie „LGBTTQAI*“ nicht identifizieren können oder wollen.

DER POPULIST Mit seinem erfolgreichen – finanziell vom ehemaligen Verleger Bruno Gmünder unterstützten – Kampf gegen die rechtskatholische Hetz-Website kreuz.net begann 2012 in dieser Gemengelage der Aufstieg des David Berger zum neuen Sprachrohr der Bewegung. Erst zwei Jahre zuvor hatte sich der bis dahin allenfalls Kircheninsidern als konservativer Reformgegner und Neuthomist bekannte Theologe geoutet, sich gleichzeitig von der katholischen Kirche (wenn auch nicht vom katholischen Glauben) distanziert und mit dem Buch „Der heilige Schein“ im Stile einer Autobiografie die Homophobie der Kirche unter Papst Benedikt XVI. bloßgelegt und angeprangert. Kurz nach dem kreuz.netErfolg übernahm David Berger die Chefredaktion des Gmünder-Magazins Männer. Mit seinem Kampf gegen die „Katholiban“ signalisierte Berger: Erfolge sind möglich, auch ohne die als eingefahren und schläfrig empfundenen Verbände wie den LSVD. Der römische Renegat traf den Nerv vieler schwuler Männer, auch wenn entgegen der Gefühlslage Homophobie allen Studien zufolge in der Gesellschaft seit den Neunzigerjahren in Deutschland mehr und mehr auf dem Rückzug ist. Dabei hat sie jedoch ihren eigenen harten Kern freigelegt – und der war schon immer christlich-fundamentalistisch. Berger als Speerspitze

FOTO: XXX

Vielen bürgerlichen „Homophilen“ – übrigens auch vielen Redakteuren der DU&ICH damals – ging nicht nur das Wörtchen „schwul“ schon entschieden zu weit. Einig war man sich mit der aus dem 68er-Milieu geborenen und studentisch geprägten neuen Bewegung Praunheim’scher Prägung höchstens im Ziel der Beseitigung der Diskriminierung, missbilligte aber vehement ihre Mittel: die Provokationen und Demonstrationen, die Schrillheit und den sozialrevolutionären Ansatz.


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einer neuen schwulen Mittelschichtslobby ist genau aus diesem Stein gemeißelt. Das machte ihn vor allem für die Medien so extrem passgerecht. Und so führt beim Thema Homosexualität an dem umtriebigen Männer-Chefredakteur in den letzten beiden Jahren kaum ein Weg vorbei. Mit seiner zuweilen hitzköpfigen und selbstverliebten Art repräsentiert er auf ideale Weise den Zustand zumindest des bürgerlichen Teils der Schwulen von heute. Die sind von einem gewachsenen Selbstbewusstsein geprägt, gleichzeitig von Institutionen wie Parteien und den eigenen Verbänden enttäuscht, fürchten sich vor einem gesellschaftlichen Rollback und haben sich von anderen – mutmaßlich schwächeren – sexuellen Minderheiten zunehmend entfremdet. In der komplizierter gewordenen Homowelt suchen sie nach einfachen und starken – man könnte auch sagen: populistischen – Antworten.

„Homo-Lobby“: Begriff nur ausgeliehen Berger ist bereit, diese Antworten zu liefern. Im April 2013 fordert er: „Homohasser raus aus den Talkshows!“, und stellt einen Zusammenhang her zwischen homophober Gewalt in den Straßen und der Tatsache, dass Gabriele Kuby, Martin Lohmann und andere Homophobe ihre kruden Thesen zum Teil unwidersprochen in TV-Shows äußern dürfen. Vorausgegangen waren Gewaltexzesse gegen schwule Männer in Frankreich während der Demonstrationen gegen die von der sozialistischen Regierung geplante (und später auch verabschiedete) Homo-Ehe. Nicht nur liberale Anhänger der Meinungsfreiheit haben mit David Bergers Vorschlag ein Problem. Der linke Blogger Steven Milverton kritisiert, Berger konstruiere hier einen Zusammenhang, den es so unmittelbar gar nicht gebe, um einen Notstand zu postulieren, in dem dann alles erlaubt sei. Eigentlich ein Mittel, das Schwule von ihren Gegnern gewohnt seien. Wichtiger, als seine Feinde mundtot zu machen, sei es aber, ihre Gesichter zu kennen. Im November 2013 – in Berlin wird deutlich, dass die SPD die Gleichstellung auf dem Altar der Großen Koalition opfern wird – greift Berger den Frust vieler auf und nutzt ihn für eine Breitseite gegen die in 40 Jahren gewachsenen Gruppen und Verbände der LGBT-Bewegung im Allgemeinen und den LSVD im Besonderen. Er fordert eine „schlagkräftige Homo-Lobby, die mit einer Stimme spricht“. Den Begriff der Homo-Lobby hat sich Berger von den homophoben Gegnern ausgeliehen, die das, was er fordert, seit Jahren als Schreckgespenst an die Wand malen. Dieses Mal fällt die Kritik an seiner Forderung breiter aus. Der Begriff der Homo-Lobby bleibt so nebulös wie – angesichts des immensen Netzwerks und der Vielfalt der LGBT-Organisationen in Deutschland – seltsam rückwärtsgewandt, ge-

schichtsvergessen und – ja – fast reaktionär. queer.de-Geschäftsführer Micha Schulze bemerkt, David Berger fordere eine gemeinsame Stimme, versuche aber gleichzeitig, ausgerechnet den engagiertesten Aktivisten das Rederecht zu nehmen. Dem Kampf um gleiche Rechte habe er damit einen Bärendienst erwiesen. Im Mai 2014 konstatiert Elmar Kraushaar in seiner taz-Kolumne „Der homosexuelle Mann“, die LGBT-Welt werde wieder zunehmend durch „weiße Mittelschichtsschwule“ vereinnahmt. Auf seiner Facebook-Seite kann Berger daran nichts Negatives erkennen: „Darüber mag man klagen, aber: Solange es keine wirklich kurzfristig erfolgversprechenden Alternativen gibt, ist das auch ganz gut so!“ David Berger, das wird immer deutlicher, füllt als bisher letzter Bewegungsmelder mit seinen schwulpopulistischen Sichtweisen und Forderungen ein Vakuum, das besonders diejenigen Schwulen verspüren, die sich bisher hübsch einrichten konnten mit dem, was sie schon vorgefunden hatten. Er bedient ihre diffuse Angst, ihre Frustration und Ungeduld, aber auch die Selbstverliebtheit dieser bürgerlichen schwulen Mittelschicht, die zwar als Letzte losmarschiert ist, aber unbedingt als Erste ankommen will. Dabei negiert sie, wie alle populistischen Bewegungen dieser Tage, die Komplexität gesellschaftlicher Prozesse, sucht nach einfachen Lösungen und kündigt scheinbar schwächeren Wegbegleitern die Solidarität.

Gefahr des Totalitären Ob dieser Weg Erfolg verspricht – und vor allem wie der dann aussieht –, kann heute niemand wissen. Es ließe sich sicher argumentieren, dass Homophobie in Deutschland nicht mehr wird, sondern weniger und vor allem lautstarke Rückzugsgefechte einiger Unverbesserlicher stattfinden, die sich öffentlich zunehmend um Kopf und Kragen reden; dass nicht mangelnde Homo-Lobby, sondern eine ungünstige Parteienkonstellation im Bundestag die Ehe für alle verhindert, so wie sie insgesamt den gesellschaftlichen Fortschritt lähmt; dass wir lernen müssen, so wie andere Minderheiten, Juden zum Beispiel oder People of Colour, längst gelernt haben, dass es niemals einen Endpunkt in der Verteidigung von Minderheitenrechten geben wird; dass dem Anspruch, den Gegner zu vernichten, egal wie edel und gut die Sache ist, immer die Gefahr des Totalitären innewohnt. Es ließe sich weiter argumentieren, dass der ganze Buchstabensalat eine Bereicherung und kein Ballast auf einem nicht enden werdenden Weg ist, weil eine Gesellschaft nicht dann schon die Vielgestaltigkeit sexueller Lebensentwürfe zu respektieren gelernt hat und eine bessere geworden ist, wenn schwule Paare heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Offensichtlich posaunt der schwule Zeitgeist aber gerade in die ganz andere Richtung. Dirk Ludigs

Der Begriff der Homo-Lobby bleibt so nebulös wie – angesichts des immensen Netzwerks und der Vielfalt der LGBT-Organisationen in Deutschland – seltsam rückwärtsgewandt

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POLITIK Klassische M edien Medien und VVerlage erlage

MEDIEN

Media Veerlag · Special Special M edia Verlag (Siegessäule, DU&ICH, L-MAG, Kompass) (Sie gessäule, DU&I CH, L-M AG, K ompass) Gmünder Verlag · Gm ünder V eerlag ((Männer) Männer) BLU Rik, Gab, Leo, Hinnerk, Mate) · BL U ((Blu, Blu, R ik, G ab, Le o, H innerkk, M a ate) Tropolis ·T ropolis Verlag Veerlag (Fresh) (Frresh) · Queer.de Seitenaufrufe Queerr.de (11 Millionen M S eitenaufruffe im Monat) Monat)

Blogs ·S amstagisteinggutertag Samstagisteingutertag · Nollendor ffb blog Nollendorfblog Steve Milver ton · Steve Milverton Gay West West · Gay mehrere hundert … und me hrere h undert mehr mehr

KIRCHE

Parteien Parteien nion (LSU) (LSU) Lesben Schwule Union ·L esben und S chwule in der U (Schwusos) · Lesben Lesben und Schwule Schwule in der SPD SPD (Schwusos) inke, Pira ten, FDP bei Grünen, Linke, Piraten, · aaußerdem ußerdem b ei Gr ünen, L Rosa Liste München · Ro sa L iste M ünchen

LSVD über 4.000 Einzelmitglieder, Einzelmitglieder, über liedsorganisationen, u. aa.:.: 100 Mitg Mitgliedsorganisationen, Hirschffeld-Eddy-Stifftung · Hirschfeld-Eddy-Stiftung · Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule Bundesarbeitsgemeinschafft S chwule JJuristen uristen · Europäischer Gay-Saunabund Europäischer G ay-Saunabund · Projekt Projekt Re Regenbogenfamilien genbogenfamilien

Religiöse od er oder atheistische Gruppen Gr uppen Ökumenische · Ökumeni sche Arbeitsgruppe Arbeitsgruppe Homosexuelle Kirche (HuK) H omosexuelle und Kir che (H uK) Giordano-Bruno-Stiftung · Gior dano-Bruno-Stifftung

NGOs

Stiftungen · Mag Magnus-Hirschfeld-Stiftung nus-Hirschffeld-Stiftung – S tifftungsvermögen: 10 Mio. E Stiftungsvermögen: Euro uro · Dr eilinden – F örder volumen cca. Dreilinden Fördervolumen Euro pro a. 1 Mio. E uro pr o JJahr ahr · Hannchen-Mehrzweck-Stiftung Hannchen-Mehrzweck-Stifftung – S tifftungsvermögen 2013: 1,12 Mio Stiftungsvermögen SVD) · Hirschfeld-Eddy-Stiftung Hirschffeld-Eddy-Stiftung (L (LSVD) · elledorado elledorado Berlin Berlin · PlanetRomeo PlanetRomeo Foundation Foundation

Jugendnetzwerk L ambda – Sitz im · Jugendnetzwerk Lambda Kuratorium der Hirs chffeld-Stifftung Kuratorium Hirschfeld-Stiftung Bundeskonffeerenz S chwul-Lesbischer Netzwerke Netzwerke e. V. V. · Bundeskonferenz Schwul-Lesbischer ·L esbenring – ggrößter rößter lesbischer lesbischer Verband, Veerband, Lesbenring cca. a. 5.000 Mitg lieder Mitglieder

GESUND GESUNDHEIT

CSDs CSDs Aids-Hilfen

Berlin – rund 1.000.000 · Berlin 000 Teilnehmer Teilne e hmer Köln – rund rund 900.000 T eeilnehmer · Köln Teilnehmer · München Mü ünchen – rund 50.000 000 Teilnehmer Teeilnehmer · in den letzten weiteren Städten letzten Jahren Jahren in kknapp napp 50 weit eren S tädten und zwei Deutschland zwei Freizeitparks Freizeitparks in D eutschland

·D eutsche Aid s-Hilffe Deutsche Aids-Hilfe Hilffe ·B erliner Aid s-Hilf Berliner Aids-Hilfe · üb er 100 weit ere rregionale egionale Aid s-Hilffen e und Vereine Veereine über weitere Aids-Hilfen

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Berufsverbände ufsverbände Kreis – Bundesverband ·V Völklinger ö ölklinger Kreis Bundesverband schwuler Führungskräfte Führungskräffte schwuler ·W iirtschafftsweiber – Netzwerk Netzwerk lesbischer lesbischer Wirtschaftsweiber Fach- und Führungskräfte Führungskräf äffte Fach-

WIR TWIRTSCHAF SCHAFTT

Gewerkschaften

Schlagkräftige Homo-Lobby!

· DGB-Arbeitskreis DGB-Arbeitskreis Lesben, Lesben, Schwule, Schwule, Bisexuelle, Bisexuelle, Transgender Transgender ver.di-Arbeitskreise Lesben, Schwule, · ver r.di-Arb . eitskreise L esben, S chwule, Bisexuelle Bisexuelle und Transgender Transgender · AG LSBT*I* AG L SBT*I* in der GEW · Arbeitskreis Arbeitskreis Homosexueller Homosexueller Angehöriger Angehöriger der Bundeswehr Bundeswehr e. V. V.

Film ltweit w ichtigester ·T Teddy eddy A Award ward – we weltweit wichtigester Rahmen der Berlinale Berlinale queerer Filmpreis que erer F ilmpreis im Rahmen Filmreihen in weitere Filmfestivals · weit ere F ilmffestivals und Filmreihen öln, Kar lsruhe, Br emen, Berlin, Köln, Karlsruhe, Bremen, Berlin, Hamburg, Hamburg, K gensburg, Münster, Regensburg, Münsterr, Oldenburg, Oldenburg, Re W iiesbaden, Mainz … Wiesbaden, alzgeber Gay-Filmnacht Salzgeber · G ay-Filmnacht / Edition S Pro-Fun · Pr o-Fun

KULTUR K UULLTTUR

Bildung

Konzept & Zusammenstellung: Dirk Ludigs/Malte Göbel Grafik: Stef Morgner

usen b ei G öttingen – ·W Waldschlösschen, aaldschlösschen, Reinha Reinhausen bei Göttingen Bildung sstätte, S tiftung mit eigener S chrifftenreihe, Bildungsstätte, Stiftung Schriftenreihe, jährlich Seminare Veranstaltungen jährlich rrund und 130 S eminare und V eeranstalttungen · Schwules Berlin – Schwules Museum*, Museum*, Berlin Bildungsstätte Ausstellungen, Archiv Bildung sstätte mit A usstellungen, Ar chiv eetc. tc. · Centrum Köln –Archiv Centrum Schwule Schwule Geschichte, Geschichte, K öln –Ar chiv und Forschungsstätte Schwulenbewegung Forschungsstätte zur S chwulenbewegung

Sport

In 40 Jahren ist aus bescheidenen Anfängen ein imposantes und vielfältiges Netz der Interessenvertretung von Schwulen und Lesben entstanden. Zehntausende Aktivisten in mehreren hundert Vereinen und Verbänden kämpfen an den verschiedensten Fronten um Respekt und Gleichstellung: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell. Wie vielfältig, zeigt diese Grafik, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. In der Mitte die Stiftungen, die das Netzwerk vor allem mit Geld versorgen, und der LSVD als Verband, in dem über 100 Einzelorganisationen vertreten sind, darum herum nationale und regionale Gruppen, die themenorientiert arbeiten. Und immer wieder Einzelpersonen, die ihren Einfluss geltend machen.

SPORT SPORT

· JJanus anus K Köln Mitgl., öln – 1.600 Mitg l., 45 Sportarten Sportarten Berlin – 1.100 Mitg ·V o orspiel Berlin Vorspiel Mitgl., l., 25 Sportarten Sportarten Startschuss H amburg – 650 Mitg · Startschuss Hamburg Mitgl., Sportarten l., 16 S portarten ·T eam M ünchen – 500 Mitg Team München Mitgl., l., 20 Sportarten Sportarten · weitere weitere in Karlsruhe, Karlsruhe, Münster, Münsterr, Dresden, Dresden, Düsseldorf, Düsseldorf, Mannheim, A Aachen, achen, H Halle alle …

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Lobby für die (schwule) Kunst: Der australische Regisseur Barrie Kosky, seit 2012 Hausherr der Komischen Oper in Berlin, ist der angesagte Star in der Opernszene. Das Musiktheater ist untrennbar mit seiner schwulen Sozialisation verbunden

Haustermin: Barrie Kosky, seit 2012 Intendant der Komischen Oper in Berlin

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Während seine Schulfreunde in Australien mit dem Surfbrett an den Strand fuhren, tauchte Barrie Kosky als Jugendlicher in die Welt der Opern und Operetten ein. Die Faszination für das Musiktheater hatte seine Großmutter, die aus Budapest stammt, bei ihm entfacht. In ihrer Jugend hatte sie noch die goldene Zeit der Operette miterlebt, Autogrammkarten von Komponisten wie Paul Abraham, Franz Lehár, Emmerich Kálmán und angesagten Sängern gesammelt. Statt Outback und Korallenriffen interessierte den jungen Barrie schon früh die Musikkultur des alten Europa; die Musik seiner Vorfahren, jüdischer Emigranten aus Polen, Russland und Ungarn. Auch in der Schule stürzte sich Barrie Kosky auf Musik und Theater. Angeregt durch einen Lehrer führte er mit 15 Jahren zum ersten Mal Regie: „Woyzeck“ von Georg Büchner. Auf das Stück ist er in der Bibliothek gestoßen. „Bei der Arbeit habe ich sofort gemerkt, das ist es, was ich machen möchte“, erzählt Barrie. Später studierte er in seiner Heimatstadt Melbourne Klavier und Musikgeschichte und arbeitete fortan als Regisseur. Heute inszeniert Kosky an den Opernhäusern von Los Angeles bis Amsterdam, von London bis Wien. Gleichermaßen ist er im Schauspiel zuhause. Vor einigen Jahren hat er eine bezwingende Inszenierung von Strindbergs „Ein Traumspiel“ im Berliner Techno-Tempel Berghain gezeigt. Er war Intendant des Schauspielhauses Wien und ist seit 2012 Hausherr der Komischen Oper Berlin. Barrie Kosky hat seinen eigenen Stil. Die dicken Ringe an seinen Fingern sind schon so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Als er sich als frischgebackener Berliner Opernintendant der Presse vorstellte, trug er einen großkarierten Anzug und Turnschuhe. Das Musiktheater sei untrennbar mit seiner schwulen Sozialisation verbunden, sagt er. In seiner Jugend waren nicht der Strand oder Bars, sondern das Opernfoyer sein erstes CruisingAreal. In Australien seien die Opernhäuser noch viel mehr als in Europa ein Gay-Treff. In seinen eigenen Inszenierungen bringt Kosky ohne viel Aufhebens und manchmal fast nebenbei Dragqueens, lesbische und schwule Liebe auf die Bühne. Er sieht sich selbst nicht als Schwulenaktivist in der Opernszene, aber er versteckt sich auch nicht. Queere Elemente in seinen Regiearbeiten sind für ihn ganz selbstverständlich Teil

FOTO: KOMISCHE OPER/GUNNAR GELLER

Oper statt Outback


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der Vielfalt dieser Welt und Teil seiner Person: „Als Künstler setze ich natürlich alle meine Erfahrungen ein, Elemente aus meiner Vergangenheit, was ich in meiner Kindheit erlebt habe, Erfahrungen aus meiner gesamten Sozialisation. Die Tradition des Jüdischen ist bei mir wichtig. Und ähnlich ist es auch mit Aspekten der schwulen Kultur: Seit ich denken kann, bin ich schwul. Ich habe immer ein großes Interesse an schwuler Kultur gehabt. Ich benutze Elemente daraus: Ernstes, aber auch schräge Aspekte und Camp-Elemente, wie dies auch viele andere schwule Künstler auf der Bühne oder in anderen künstlerischen Formen machen. Aber letztendlich ist das ein Teil des Ganzen, was ich auf der Bühne schaffe.“ Die Tradition der Berliner Jazz-Operetten aus den 20er- und 30erJahren liegt ihm am Herzen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass am heutigen Ort der Komischen Oper Berlin damals mit dem Metropol-Theater das Mekka für diese Stücke stand. Es ist diese ganze quirlige Kulturszene im Berlin jener Epoche, die von jüdischen Kreativen, Schwulen und Travestielokalen geprägt war. Kosky versteht es geradezu als seine Mission, an diese Tradition, die von den Nazis brutal zerstört wurde, anzuknüpfen und diese Vielfalt wieder auf der Bühne erlebbar zu machen. Deshalb gräbt er vergessene Stücke aus dieser Zeit aus, wie etwa die quietschvergnügte Beziehungskiste „Ball im Savoy“ von Paul Abraham. Auch heutige Schwulenikonen haben seit Koskys Intendanz Einzug in die Komische Oper gehalten, etwa Gayle Tufts als „Herzogin von Chicago“ in Emmerich Kálmans gleichnamiger Operette oder die Geschwister Pfister, mit Christoph „Ursli“ Marti als Filmdiva, die sich in „Clivia“ von Nico Dostal in einen Revolutionär in Südamerika verliebt. Wer aber Barrie Kosky nur als grelle Ulknudel wahrnimmt, täuscht sich gewaltig. Der Regisseur hat zwar keine Angst vor Show, Glamour und Glitzer, aber er kann auch anders. Seine Lesart von Christoph Willibald Glucks Oper „Iphigenie auf Tauris“, vor einigen Jahren von Kosky noch als Gastregisseur an der Komischen Oper geschaffen, zeigt diese Handschrift: Beklemmende Bilder zwischen Hieronymus Bosch und Abu Ghuraib zeigen eine Spirale der Gewalt und politischer Zwänge. Eine Inszenierung, die unter die Haut geht. Mit einem richtigen Paukenschlag begann er 2012 seine erste Spielzeit als Intendant der Komischen Oper: Er präsentierte in einem Zwölf-Stunden-Marathon die ersten drei Stücke der Operngeschichte und ließ die Muskeln spielen: „Orfeo“ von Claudio Monteverdi erzählte Kosky als poetisches, sinnliches Märchen über den Verlust der Liebe, Monteverdis „Odysseus“-Geschichte als schonungsloses Kriegsheimkehrer-Drama und „Poppea“ als knalligen Intrigenstadl mit Sex and Crime und Dragqueens. Die gut 400 Jahre alten Stücke kamen einem unerhört nahe. Niemand, der dies gesehen hat, wird jemals wieder behaupten können, Oper sei verstaubt.

Kein Wunder, dass Koskys erste Spielzeit die Komische Oper gleich zum „Opernhaus des Jahres“ machte, gekürt von den anspruchsvollen Kritikern des Fachmagazins Opernwelt. Mozarts „Zauberflöte“, die er mit den britischen Theatermachern „1927“ entwickelte und die den Klassiker mit interaktiven Trickfilm-Elementen und Stummfilm-Ästhetik aufmischt, schaffte es sogar in die „Tagesthemen“ der ARD und hat mittlerweile Kultstatus. Überhaupt haben sich die Besucherzahlen der Komischen Oper seit Koskys Intendanz um 20 Prozent gesteigert. Kürzlich erhielt er zudem den „International Opera Award“ als bester Regisseur der Saison. Seine Londoner Inszenierung der Barockoper „Castor et Pollux“ von Jean-Philippe Rameau, kürzlich auch in Berlin angelaufen, wurde mit dem „Laurence Olivier Award“ ausgezeichnet. Schafft Erfolg Neider? Vor allem in einem Klima, wo mehr oder weniger offen homophober Neokonservatismus gerade wieder für salonfähig erklärt wird und frech in den Medien auftrumpft? Als Figur des öffentlichen Interesses, als schwuler Promi, hat Barrie Kosky persönlich bislang nie Anfeindungen erlebt. „Aber“, erzählt er, „manchmal erscheint jetzt in manchen Feuilletons – nicht in allen – das Wort ,tuntig‘, und zwar mit negativer Konnotation. Ich habe kein Problem damit, wenn ein schwuler Journalist schreibt, dass jemand ,tuntig‘ ist. Ich habe aber oft ein großes Problem, wenn ein Heterokollege in einer Rezension schreibt, eine Produktion sei ,schwul‘ oder ,tuntig‘. Meine Inszenierung von Richard Strauss’ ,Die schweigsame Frau‘ in München wurde zum Beispiel als ,tuntig‘ bezeichnet. Ich spüre hier etwas Anderes dahinter, nämlich Vorurteile und Klischees. Ich liebe Pailletten, aber nicht in jeder Inszenierung. Und wenn man Pailletten benutzt, bedeutet es nicht immer, dass man schwul ist oder eine schwule Ästhetik beabsichtigt. Dies ist ein kleines Beispiel, aber ich finde es bezeichnend.“ In seiner neuen Heimat Berlin hat sich der Single („I am available!“) mittlerweile gut eingelebt. Was macht er in seiner Freizeit in einer Stadt, die drei Opernhäuser hat? „Ich spaziere mit meinem Hund Blumfeld im Tiergarten, ich lese, gehe ins Kino und treffe mich gerne mit guten Freunden zum Abendessen – um über nichtkünstlerische Sachen zu reden“, erzählt er. Außerdem geht er gerne mal in den queeren Club SchwuZ: „Ich mag die Musik und die Menschen dort. Es erinnert mich ein bisschen an Clubs in Australien.“ Eckhard Weber 7.–13.6.2014: Komische Oper Festival mit allen Neuproduktionen der aktuellen Spielzeit: „Clivia“, „Ein Sommernachtstraum“, „Die Soldaten“, „Der feurige Engel“, „Così fan tutte“, „Castor et Pollux“, „West Side Story“ Infos und Karten: komische-oper-berlin.de 23


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Harald Petzold (Die Linke) macht Politik im Bundestag

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FOTO: TANJA SCHNITZLER

Ein gutes Label


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Harald Petzold, queerpolitischer Sprecher seiner Fraktion Die Linke, hat nichts dagegen, als Queeraktivist bezeichnet zu werden. Ein Interview über Homo-Lobby, politische Netzwerke und seine Liebe zur Musik

Wer Sie googelt, stößt schnell auf das Label „Schwulenaktivist“, können Sie damit leben? Harald Petzold: Wenn wir uns auf das Label „Queeraktivist“ einigen – sehr gut. Ich fühle mich nicht nur den Belangen der Schwulen verbunden, auch wenn das bei mir natürlich mal der Ursprung war. Kurz vor der Wende hatte ich mein Comingout, seitdem engagiere ich mich in Vereinen. Angefangen hat das mit „Homosexuelle in Potsdam (HIP)“. Uns ging es um geschützte Räume, die Schwule gegen Ende der DDR nur unter dem Dach der Kirche fanden. Wir wollten aber öffentlich erkennbar sein. Und so kam es, dass im Babelsberger Kulturhaus jede Woche ein Treffen stattfand und Diskotheken organisiert wurden. Ich habe den Verein mit aufgebaut. Und ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern der Potsdamer Aids-Hilfe. Ihr Engagement hält ja bis heute an. Ich bin nach wie vor Mitglied im AndersARTiG e. V., der größten LSBT-Dachorganisation im Land Brandenburg. Dort war ich viele Jahre einer der Sprecher. Inzwischen ist dort eine wunderbare neue Generation herangewachsen, die diese Aufgaben übernommen hat. Sie sind in den 1990er-Jahren mit anderen AktivistInnen übers Brandenburger Land gezogen und haben in kleinen Städten und Dörfern die Regenbogenfahne gehisst! Wir machten damals positive wie negative Erfahrungen. Bürgermeister, leider auch meiner eigenen Partei, bemühten die Flaggenordnung, weil sie die Regenbogenfahne nicht aufziehen wollten. Doch wir „drohten“ an, so lange wiederzukommen, bis die Regenbogenfahne oben ist. Und sind dann mit der Fahne durchs Stadtzentrum gezogen. Inzwischen sind wir so weit, dass wir in allen Brandenburger Gemeinden willkommen geheißen werden. Uns abzuweisen, gehört der Vergangenheit an. Wie vernetzen Sie sich? Sie sind zum Beispiel Mitglied im Kuratorium der Magnus-Hirschfeld-Stiftung. Es gibt Dinge, die ich allein durch mein Bundestagsmandat wahrnehme, der Kuratoriumssitz ist so eine Funktion. Als einfacher Bürger wäre das ja nicht ohne weiteres möglich. Ja schade, Normalsterbliche sitzen dort nach meinem Empfinden nicht drin. Doch, die sitzen dort auch. Über die Verbände ist dort die Zivilgesellschaft beteiligt, das ist sehr wichtig, weil es einen wichtigen Balancefaktor darstellt, wie ich das in der konstituierenden Sitzung des neuen Kuratoriums mitbekommen habe. Aber ich bin auch Mitglied im LSVD und in der AidsHilfe Potsdam. Und ich bin über meine Mitarbeiter in Kontakt mit vielfältigen Strukturen. Mein Mit-

arbeiter Bodo Niendel ist z. B. bei Queer Nations sehr aktiv. Wie viele CSDs haben Sie im letzten Jahr geschafft? Vier. Dieses Jahr sollen es mehr werden. Ich will damit zeigen, dass Die Linke die Arbeit der CSDs wertschätzt und nicht nur dafür nutzt, für die Zeitung abgelichtet zu werden. Wo sehen Sie im Bundestag Ihre Bündnispartner über die Parteigrenzen hinweg? Ich hatte schon in der Vergangenheit eine gute Zusammenarbeit mit den – sagen wir – Leuchttürmen (lacht) der Community, zumindest in den öffentlichen Debatten: mit Volker Beck von den Grünen selbstverständlich, mit Johannes Kahrs von der SPD, mit Michael Kauch von der FDP. Zu ihnen bestehen nach wie vor gute Arbeitskontakte. Ich bemühe mich darüber hinaus, ein kleines Netzwerk zusammenzubekommen, das vielleicht vergleichbar wäre mit einer Intergroup, wie es sie im Europäischen Parlament gibt. Dafür will ich aber vor allem Kolleginnen und Kollegen der Koalition gewinnen. Ich habe für diese Idee schon viel Offenheit bei denjenigen erfahren, die ich angesprochen habe. Ich hoffe, dass wir es dieses Jahr noch auf die Reihe bekommen, ein Netzwerk von Menschen zu schaffen, die sich für das Thema engagieren – von allen vier Fraktionen. Nicht nur Lesben und Schwule, sondern mit allen Gutwilligen. Können Sie mit dem Begriff Homo-Lobby etwas anfangen? Der Begriff ist ja negativ besetzt. Lobbyarbeit klingt nach Hinterzimmern, verschlossenen Türen etc. Mir ist wichtig, wie immer man das benennt, dass es ein Netzwerk von Menschen gibt, auf die man in bestimmten Situationen zurückgreifen kann, wenn es um Unterstützung geht. Es ist wichtig, dass es ein breit aufgestelltes Netzwerk ist, in dem auch die Heterogesellschaft dabei ist, weil wir das nur gemeinsam schaffen werden. Ich habe zum Beispiel Kontakte zu Abgeordneten in der SPD-Fraktion, die sich für Menschenrechte engagieren. Mit einem von ihnen bin ich als Wahlbeobachter nach El Salvador gefahren, wo wir auch mit dem Ombudsmann für Menschenrechte der dortigen Regierung sprachen – mit Blick auf die Lebensbedingungen von LGBT-Menschen, insbesondere von Transsexuellen. Finden Sie nicht auch, dass eine Art Galionsfigur für LGBT-Belange in Deutschland fehlt? Vor Jahren war das vielleicht Volker Beck, der sich in Russland die Nase blutig schlagen ließ. Wer fährt denn heute in die Ukraine? Oder nach Ungarn? Na ja, ich denke nicht, dass die fehlen. Einerseits hat sich die Art der Berichterstattung der Medien

Brauchen wir in Deutschland eigentlich eine schwule – oder sagen wir eben: queere Partei? Harald Petzold: „Nein! Davor würde ich warnen – und auch nicht mitmachen.“

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AUFREGER

„Mir ist wichtig, wie immer man das benennt, dass es ein Netzwerk gibt“

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„concentus alius“, dem „Homophilharmonischen Orchester Berlin“ mitzuspielen! Man könnte sagen, Sie können beides: Als queerpolitischer Sprecher sind Sie der Solist … Der Vorgeiger! (lacht) … können sich aber auch in ein großes Ganzes einordnen. Guter Teamplayer! Brauchen wir in Deutschland eigentlich eine schwule – oder sagen wir eben: queere Partei? Nein! Davor würde ich warnen – und auch nicht mitmachen. Ich glaube, dass wir gut daran tun, Inklusion in der Gesellschaft voranzubringen und nicht neue Separat-Räume zu schaffen. Wir sind eine Parteiendemokratie und die Parteienlandschaft ist relativ breit ausdifferenziert. Und dass Parteien wie die Biertrinker-Partei etc. keinen Erfolg haben, belegt ja, dass die Menschen mit Separierung nicht wirklich etwas anfangen können. Interview: Andreas Hergeth

Mehr Infos zu Harald Petzold: harald-petzold.de manifest-potsdam.de concentus-alius.de/cms/content/view/190/108

Zur Person Harald Petzold, Jahrgang 1962, von Beruf Lehrer für Musik, Deutsch und Politische Bildung, 1990–1999 Mitglied des brandenburgischen Landtages für die PDS; 2000–2005 Lehrer in Falkensee bei Berlin; 2005–2010 Büroleiter der Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann und Sabine Stüber; seit 2010 Referent im Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten Brandenburg, seit 2013 Mitglied des Bundestages, u. a. queerpolitischer Sprecher der Linken.

FOTOS: TANJA SCHNITZLER

über solche Aktionen verändert. Andererseits werden heutzutage die LGBT-Belange von viel mehr Personen vorangetrieben und getragen als früher, die Basis ist viel breiter geworden. Ich erinnere an Aktionen zusammen mit Claudia Roth, Renate Künast und Barbara Höll in Warschau, wo wir mit Feuerwerkskörpern und Steinen beworfen wurden – trotzdem hat daraus keiner eine mediale Blase gemacht, wie das noch vor etlichen Jahren der Fall gewesen wäre. Und zur Ukraine: Ich bin im Juni bei einer Reise des Rechtsausschusses nach Kiew dabei und werde das Thema LGBT dort ansprechen. Es geht um Menschenrechte! Sie sind im Rechts- und Kulturausschuss tätig, zudem Stellvertreter im Familien- sowie Wirtschaftsausschuss. Was noch? Ich bin medienpolitischer Sprecher meiner Fraktion. Das hat mit meinem Anspruch zu tun, dass ich nicht nur als schwuler Mann wahrgenommen werden will, sondern auch fachpolitisch. Ich war in Brandenburg im Landtag bildungspolitischer Sprecher meiner Fraktion, insofern wollte ich auch jetzt ein Fachthema haben. Die Mitarbeit im Kulturausschuss liegt auf der Hand: Sie spielen wahrscheinlich schon immer Bratsche … Seit meiner Kindheit. Ein Grund, warum ich Musik studieren wollte, war der: Wir hatten keine richtig ausgebildete Musiklehrerin. Jemand wurde dazu verdonnert und, na ja, machte es mehr schlecht als recht. Schon als Kind dachte ich, Musik ist doch so ein tolles Fach, das muss besser gehen! Also wollte ich das selbst machen, hab studiert und als Musiklehrer gearbeitet. Ab und an gebe ich Schülern von damals eine Stunde Unterricht. Sowieso hab ich mich in Musik verliebt. Mein Herz hängt seit längerem an der KlezmerMusik, ich bin nach wie vor mit meiner Gruppe manifest aktiv. Und es macht mir großen Spaß, im


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POLITKOLUMNE VON SIRKO SALKA

LEIDARTIKEL Die AfD ist nur eine geschickter agierende NPD. Hoffentlich fallen vor allem die Menschen in ländlichen Regionen nicht auf sie rein Auf dem Land ist alles sooo super. Die saubere Luft. Das entschleunigte Leben. Der noch menschelnde Umgang miteinander. Morgens wird man von einem waschechten Hahn geweckt, nicht von einem krähenden digitalen Klingelton. Zum Büro fährt man durch blühende Landschaften – derzeit knallgelbe Rapsfelder bis zum Abwinken. Und auf dem Rückweg begegnen einem in sternklaren, lauen Nächten mehr wilde Tiere, als in einen Kleinstadtzoo passen. Großstädter wie ich, die für einen neuen Job den Radikalumzug von der pulsierenden Hauptstadt ins ländliche Idyll wagen, sind anfangs schon mächtig verklärt und verkitscht in der Birne: schwer beeindruckt von der vollen Packung Natur, aber auch leicht zu verunsichern von diversen Marotten der Menschen. Als es mich nämlich vor ein paar Monaten nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen hatte, fiel mir sofort die kollektive Freundlichkeit und überquellende Herzlichkeit der Leute auf. Die behandeln einen hier komplett anders, fast schon unanständig anständig. Das kannte ich aus den Straßen von Neukölln überhaupt nicht und dachte natürlich, dass die Mecklenburger mich Metropolenschnösel allesamt kräftig verarschen – völlig falsch! Die Kehrseite kleinerer Ortschaften, auch das kapiert man als Großstädter rasch, besteht aus Mangelerscheinungen. Nicht nur, was kulturelle Angebote betrifft oder Einkaufsmöglichkeiten nach Feierabend – nachts muss es notfalls eben die einzige Tanke weit und breit richten –, sondern auch die fehlende Farbe in der Öffentlichkeit. Schwulen Paaren, wie sie momentan haufenweise händchenhaltend um die Hamburger Alster flanieren, begegnet man in der Feldberger Seenlandschaft leider kaum. Tunten und Transen stolzieren genauso selten über die pittoresken Marktplätze dieses Landes wie Menschen mit Migrationshintergrund. Türkische Kebab-Kiosks sind wahre Raritäten, arabische Barbiere oder afrikanische Friseure komplett Fehlanzeige!

Die kulturelle, sexuelle wie auch folkloristische Mischung, die viele von uns in den Großstädten zu schätzen gelernt haben, hat das Ländliche längst nicht ergriffen. Angekommen sind stattdessen mitunter haarsträubende Vorurteile und irrationale Ängste, insbesondere vor allem Unbekannten. Das ist ja das Bizarre an der Fremdenfeindlichkeit: Statistisch gesehen sind die Vorbehalte gegen Minderheiten in solchen Regionen am größten, in denen die wenigsten davon „Betroffenen“ leben! Kommen konjunkturell-strukturelle Probleme wie Massenarbeitslosigkeit und damit verbundene Zukunftssorgen der Leute hinzu, wird die Hasskarte immer penetranter ausgespielt. Wen wundert es da, dass vereinzelte Ortschaften im Osten der Bundesrepublik mittlerweile braune Flecken auf der Landkarte sind. Umso ärgerlicher und inakzeptabler sind all jene Politiker und Parteien, die sich dieser Ängste der Menschen bedienen und sie dummdreist verstärken, statt sie sachlich anzugehen und abzubauen! Mit dem Thema Sicherheit können Wahlen gewonnen werden. Das ist nichts Neues. Doch mit Ressentiments gegen Randgruppen, wie sie derzeit einige Kleinstparteien verbreiten – und zwar nicht nur die NPD, sondern auch die Alternative für Deutschland (AfD), für mich eine Art NPD im Schafspelz, deren Plakate zur Europawahl zuweilen eine gefährliche Nähe zu den Rechtsextremen aufweisen –, können Stimmen ergattert werden. Ich halte die AfD sogar für ein Feigenblatt des schlechten Gewissens. Die Protagonisten dieser Partei der Feigen agieren diplomatisch geschickter, bestens illustriert an der „schwulen Verlobung“ von Parteipromi Hans-Olaf Henkel und dessen Chef Bernd Lucke vor wenigen Wochen. Das war abartigster Altherrenwitz, eine Verballhornung aller Lesben und Schwulen im Lande – und das macht jene europaskeptische Gruppe für mich unwählbar – und hoffentlich auch für die meisten meiner neuen Landsleute. Bitte, liebe Mecklenburger, lasst euch von diesen Typen euer gutes Image nicht versauen!

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Da war die Welt (halbwegs) noch in Ordnung: Szene vom Kiew Pride 2013 28

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Ein Land am Abgrund Die Ukraine bewegt sich weiter in Richtung Bürgerkrieg, vor allem die Separatisten im Osten gefährden die Einheit des Landes. Doch wie geht es der Community vor Ort? Eine Reportage über Schwule, die an der Seite von Rechten demonstrieren, und den letzten schwulen Club

Es war wohl noch nie leicht, den einzigen Schwulenclub in Kiew zu finden, der noch nicht aufgegeben haben soll. „Du gehst von der Krasnoarmeiskaia rechts vom Shopping-Center in den Hinterhof, dann nochmal rechts, dann links und dann stehst du vor einem Aufzug. Der führt zum Lift Club. Und nimm ein Feuerzeug mit, es ist dunkel“, sagt ein Mitarbeiter der Kiewer Schwulenund Lesbenorganisation Gay Alliance. Er hat nicht zu viel versprochen. Von der Straße dringt kein Licht in den Hinterhof, das benachbarte Einkaufszentrum ist nachts leer und unbeleuchtet. Es ist unmöglich, in der Dunkelheit nicht gegen leere Wodkaflaschen zu treten, die herumstehen. Bis der Aufzug gefunden ist, ist das Feuerzeug in den Fingern zu heiß geworden. Im Dunkeln lässt sich ein Knopf ertasten, aber Sesam öffnet sich trotz wiederholtem Drücken nicht. Auch der Lift Club hat jetzt also geschlossen. So überstürzt, dass nicht einmal die Community selbst Bescheid weiß.

FOTO: GAY ALLIANCE/PRIVAT

Angriffe auf Schwulenbars Stanislaw Mischenko versucht zu erklären, warum die Revolution auf dem Maidan die schwule Szene in Kiew heimatlos gemacht hat. Der Organisator der Gay-Pride-Paraden 2012 und 2013 in Kiew sitzt in seinem Büro an der Olesja Gontschara, vor ihm ein Stapel des ukrainischen Gay-Magazins Stonewall und eine Tasse grüner Tee. Zunächst seien die meisten Clubs und Bars der Szene in der Nähe des Maidan gewesen. Nachts dort zu feiern, während in den Straßen um den Platz herum geprügelt und geschossen wurde, sei natürlich unmöglich gewesen, sagt er. Deshalb hätten die Clubs einer nach dem ande-

ren geschlossen. Außerdem fehle vielen Ukrainern das Geld zum Ausgehen, weil die ukrainische Währung Griwna täglich an Wert verliert, während die Preise steigen. „Es hat auch zwei Angriffe auf Schwulenbars am Maidan gegeben, nachts, während die Sonderpolizei Demonstranten gejagt hat“, sagt er und hält nicht hinter dem Berg damit, wem er dafür die Verantwortung gibt: „Sie sahen aus wie Militante vom Rechten Sektor, aber sie haben alle Ostukrainisch oder Russisch gesprochen. Das war ein netter Besuch von den Berkut“, sagt er.

Falsche Schwule, „echte“ Kerle Die berüchtigten Spezialeinheiten des gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch hätten sich nach dem Beginn der Proteste einiges einfallen lassen, um die ukrainischen Homosexuellen in der einen oder anderen Weise für ihre Propaganda zu benutzen, sagt Mischenko. Vermeintliche Angriffe auf Schwule und Lesben sollten den Westen davon überzeugen, dass die gesamte Protestbewegung rechtsradikale Motive habe. In der Ukraine selbst sollten dagegen konservative, religiöse und rechtsorientierte Kräfte davon abgehalten werden, sich einer Bewegung anzuschließen, die das Land in der von Janukowitsch-Anhängern als „Club der Euro-Päderasten“ beschimpften EU sehen wollten. Mischenko erzählt von Aufmärschen verkleideter Männer. Schrill geschminkt und mit bunten Federboas geschmückt, hätten Provokateure des Regimes Regenbogenflaggen und Europafahnen geschwenkt. „Sie haben sich alle Mühe gegeben, dabei jedes homophobe Klischee zu erfüllen“, sagt Sta-

nislaw Mischenko. „Wir haben sofort ein Treffen mit dem Maidan-Rat organisiert und klargemacht, dass wir damit nichts zu tun haben“, sagt er. Sogar die Vertreter des Rechten Sektors seien angetan gewesen von dem Auftritt der LGBT-Vertreter auf dem Maidan, sagt Mischenko. Der Rechte Sektor ist ein paramilitärischer Verband von Ultranationalisten, der sich an den Protesten auf dem Maidan beteiligt hat. In Russland, aber auch in westlichen Medien wird er nicht selten als Beleg für eine neofaschistische Unterwanderung der revolutionären Bewegung in der Ukraine gesehen. „Einer von den Militanten hat mir nach dem Treffen auf die Schulter geklopft und gesagt: ,Diese falschen Schwulen sind doch Idioten, wenn sie nicht einmal wissen, dass die ukrainischen Schwulen echte Kerle sind!‘“

Die Uhren zurückgedreht Die Schwulen und Lesben in der Ukraine stehen vor einer Herausforderung: Zu tausenden waren sie im vergangenen Herbst nach Kiew gekommen, um sich den Protesten gegen Wiktor Janukowitsch anzuschließen. Doch die Regenbogenflagge habe – abgesehen von Provokateuren – niemand auf den Maidan mitgebracht, sagt Stanislaw Mischenko. „Homosexualität spaltet unsere Gesellschaft, wir verstehen uns aber als Teil einer Bewegung, die das ganze Volk umfasst“, sagt Stanislaw Mischenko. Der im Februar gestürzte Präsident wollte auch bei den Schwulenrechten die Uhren zurückdrehen auf die Zeit vor dem Ende der Sowjetunion, sagt der Aktivist. „Die Ukraine war das erste Land der ehemaligen UdSSR, das Homosexualität nicht mehr bestraft hat“, 29


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9. Mai 2014: In der ostukrainischen Stadt Lugansk schwenken Bewohner eine sowjetische Flagge zum Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus

sagt Mischenko. Janukowitsch führte dann allerdings Gesetze ein, die dem russischen Verbot von „Homosexuellenpropaganda“ gleichen und das Reden über schwule oder lesbische Lebensweisen vor Jugendlichen strafbar machten. Die LGBT-Organisationen sollten so in den Untergrund gedrängt oder zumindest zu Staatskonformität erpresst werden, erklärt Mischenko.

Dialog mit Radikalen Auf dem Maidan demonstrierten Homosexuellen-Aktivisten unerkannt mit, um dem Regime keine Munition für seine Hetze zu liefern. Sie marschierten bei den Protesten Seite an Seite mit zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen, Linken, Liberalen, aber auch Rechtsradikalen, die noch im Sommer 2013 den Gay Pride in Kiew attackiert haben. Mischenko nimmt die Rechten in der Ukraine ernst, ohne in Panik zu verfallen. „Es ist natürlich eine Frage, ob Dialog mit Radikalen überhaupt richtig ist, aber möglich ist er für uns. Das hat die Revolution gezeigt“, sagt er. Die Regierungsbeteiligung der ultranationalistschen Swoboda-Partei an der Übergangsregierung sieht Mischenko als Hindernis, schwulenfeindliche Gesetze aus der Zeit Janukowitschs wieder zurückzunehmen. „Deshalb brauchen wir so bald wie möglich Wahlen. Dann wird sich auch zeigen, dass die Rechten in der Ukraine weniger Anhänger haben als etwa in Frankreich oder Griechenland“, sagt er. 30

Nachts geht die Angst um in Kiew. Genau einen Monat ist es her, da reißt ein Schlag den Schwulenaktivisten Mykola Shewtschenko (Name von der Redaktion geändert) aus dem Schlaf. Männer mit Sturmmasken treten die Wohnungstür ein, packen ihn an der Schulter und werfen ihn aus dem Bett. Dann beginnt die Tortur: Schläge, Tritte, Beschimpfungen. „Geh zurück auf die Krim, du Schwuchtel“, ruft einer der Männer, bevor er noch einmal mit seinem Stiefel ausholt. Dem LGBT-Aktivisten ist der Schrecken immer noch anzusehen. „Ich dachte, der ganze Horror wäre vorbei, nachdem Janukowitsch abgehauen ist“, sagt er. Mykola Shewtschenko kann nur mutmaßen, wer ihn attackiert hat. Natürlich könnten es Nationalisten gewesen sein – oder es sollte eben danach aussehen. Allerdings wüsste nur sein persönliches Umfeld, dass er vor Jahren von der Krim nach Kiew gezogen ist. „Da muss schon jemand lange Informationen über mich gesammelt haben, und das kann bei uns nur der Staat sein“, sagt er.

Keiner fühlt sich sicher Shewtschenko spricht aus, was nicht nur LGBT-Aktivisten denken. Bürgerrechtler und Janukowitsch-Gegner fühlen sich in der Hauptstadt immer noch nicht sicher. Nachts werfen Unbekannte Sprengsätze auf die Zeltstadt am Maidan. Die Angst geht um vor Provokateuren, die verschiedene Grup-

pen gegeneinander aufhetzen. Und in Polizei, Justiz und Verwaltung sitzen nach wie vor die Anhänger des gestürzten Regimes. Schlimmer ist nur die Furcht vor den zehntausenden russischen Soldaten an der Ostgrenze der Ukraine. Viele Schwule und Lesben fürchten, dass die Russen und Verbündeten, die ostukrainischen Separatisten, vielleicht schon in wenigen Wochen in Kiew sind. Im Internet schaut sich die Gemeinde mit Schrecken Videos auf Youtube an, auf denen russische Neonazis Schwule quälen.

Kein Druck aus dem Westen Es ist aber mehr als die allgemeine Angst vor dem nahenden Untergang, die viele Ukrainer im Moment um den Schlaf bringt. Für die Russen seien Homosexuelle doch nur „Untermenschen“, sagt der Gay-Pride-Organisator Stanislaw Mischenko. Er benutzt dabei das deutsche Wort mit all seinen schrecklichen Assoziationen. Die Ukraine sei dagegen bei allen Schwierigkeiten ein Land, in dem Schwule und Lesben leben und sogar auf eine bessere und freiere Zukunft hoffen können, sagt er. „Wir wollen keinen Druck aus dem Westen, der uns aussehen lässt wie eure fünfte Kolonne“, sagt er. Die ukrainischen Homosexuellen könnten es alleine schaffen, glaubt er – falls es die Ukraine überhaupt schaffe, zu überleben. Cedric Rehman


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„WENIGER WERT ALS TIERE“

FOTO: REUTERS/VALENTYN OGIRENKO | RECHT SEITE TANJA SCHNITZLER

Alice Nkom war die erste schwarze Frau in Kamerun, die als Rechtsanwältin zugelassen wurde. Das war 1969. Heute könnte sich die 68-Jährige zurücklehnen und viel Zeit mit ihren Enkeln verbringen. Stattdessen kämpft sie gegen die immer schlimmer werdende Homophobie in ihrem Land. 2003 gründete Nkom den Verein Adefho (Association for the Defence of Homosexuality), die erste LGBT-Organisation Kameruns. In mehr als 60 Fällen hat sie bisher Kamerunerinnen und Kameruner verteidigt. Viele hätten sich sonst keinen anwaltlichen Beistand leisten können. Ihre Fälle sind ohnehin aussichtslos, im Gefängnis warten auf die Verurteilten Schikane, Folter und Unterversorgung. Wenn sie entlassen werden, ist es nahezu unmöglich, wieder Arbeit zu finden. Nkoms international bekanntester Fall ist der des Jean-Claude Roger Mbede, der 2011 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er einem Mann eine SMS geschickt hatte: „Ich bin sehr verliebt in dich“. Mbede wurde zwar 2012 schwer krank vorläufig aus dem Gefängnis entlassen, erlebte danach aber eine zweite Hölle: ein Leben als geouteter Schwuler. Er starb im Januar 2014 – völlig mittellos konnte er sich die Notbehandlung wegen eines Leistenbruches nicht leisten. Auch Alice Nkoms Leben ist in ständiger Gefahr. Für viele politische und religiöse Eliten im Land ist sie eine Bedrohung: ein Leuchtfeuer, dass in Kamerun Unrecht geschieht. Als Adefho 2011 eine hohe Fördersumme von der EU erhält, scheint das Maß voll. Nkom erhält Morddrohungen auf allen Kanä-

len – digital, per SMS und E-Mail, selbst im Fernsehen wird ihr der Tod gewünscht.Aber all dies schüchtert Alice Nkom, die von ihren Schützlingen liebevoll „Mom“ genannt wird, nicht ein. Sie kämpft weiter – für Lesben, Schwule, Transgender und für das unteilbare Recht, zu lieben. Dafür wurde sie im Frühjahr in Berlin von der deutschen Sektion von Amnesty International mit dem Menschenrechtspreis 2014 ausgezeichnet. Anlässlich der Preisverleihung haben wir mit ihr über die Menschenrechtssituation in Kamerun gesprochen. Was motiviert Sie, sich für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transgendern einzusetzen? Alice Nkom: Mein Motiv ist Nächstenliebe. Es sollte ganz natürlich sein, dass man Liebe für andere empfindet. Wenn man über das Leben nachdenkt, versteht man, dass man nur auf der Durchreise ist. Man darf niemanden daran hindern, zu lieben und glücklich zu sein. Vor gut zehn Jahren kamen vier Freunde in meine Kanzlei, zwei Franzosen und zwei Kameruner. Darunter waren auch zwei Männer, bei denen klar war, dass sie nicht einfach nur Freunde waren. Sie liebten sich. Ich war besorgt um ihre Sicherheit und habe sie gebeten, in der Öffentlichkeit vorsichtig zu sein, weil es sehr viel Gewalt gegen Homosexuelle in Kamerun gibt. Ich habe in ihren Gesichtern gesehen, wie sie immer trauriger wurden, das hat mir das Herz gebrochen. Alle Menschen haben es verdient, glücklich

Atmosphäre der Angst: Homosexuelle können in Kamerun jederzeit verhaftet werden. Die Anwältin Alice Nkom kämpft dagegen mutig an. Dafür bekam sie den Menschenrechtspreis 2014 der deutschen Sektion von Amnesty International

zu sein. Liebe ist für alle da!

Die 68-jährige Aktivistin Alice Nkom ist verheiratet und hat zwei Kinder 31


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Mick-Sophie Anne und Julie Ndjessa haben eine bestialische Brustbehandlung überlebt und unterrichten nun Mädchen in Douala (Kamerun), wie gefährlich das so genannte „Breast Ironing“ ist

Kamerun … ist eine 1960 gegründete Präsidialrepublik in Zentralafrika mit kolonialer Vergangenheit. Die Bevölkerung zählt rund 21 Millionen. Davon sind 70 Prozent christlichen Glaubens (27 Prozent Protestanten, 38 Prozent Katholiken) und 20 Prozent Muslime. Ein Viertel der Bevölkerung sind Analphabeten. Ein großes politisches Problem ist unter anderem die Korruption: Auf der Weltrangliste von Transparency International (2010) nimmt Kamerun Platz 146 von insgesamt 178 gelisteten Staaten ein, wobei Platz 1 als am wenigsten korrupt gilt. Homosexualität ist laut Paragraf 347a des Strafgesetzbuchs illegal. Die Haftstrafe beträgt zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, dazu wird ein Bußgeld von (umgerechnet) bis zu 300 Euro auferlegt.

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Wie ist die aktuelle Situation von Lesben, Schwulen und Transgendern in Kamerun? Homosexuelle leben in einer Atmosphäre der Angst. Sie können jederzeit verhaftet werden. Jeder kann das veranlassen. Dafür werden sogar Gesetze verletzt. Es gibt derzeit sehr viele Verhaftungen. Menschen kommen ins Gefängnis, weil sie die „falsche“ Kleidung anziehen. Manchmal sind sie einfach nur Opfer von Erpressungen und Neid. Die Angeklagten müssen beweisen, dass sie nicht homosexuell sind, und das ist nahezu unmöglich. Das ist ein großes Unrecht! Unsere Verfassung garantiert in ihrer Präambel den Schutz von Minderheiten. Die Staatsgesetze stehen über den Landesgesetzen. Ebenso ist die Privatsphäre von Bürgerinnen und Bürgern geschützt. Da Homosexuelle nicht explizit ausgenommen sind, gilt der Schutz genauso für sie. Wenn sie Opfer von Gewalt werden, kann man davon ausgehen, dass die Täter nicht angeklagt werden. Lesben und Schwule sind sehr schwer zu verteidigen, weil sie jederzeit vom Gesetz bedroht sind. Homosexuelle sind in Kamerun weniger wert als Tiere. Das kann man nicht als Leben bezeichnen, ein Mensch braucht Liebe und Würde. Werden Lesben ähnlich verfolgt wie Schwule oder gibt es da eine andere Form der Diskriminierung? Es gibt viele Verhaftungen von Lesben. Auch einige sehr spektakuläre Fälle. Eben weil nichts bewiesen werden muss, ist es sehr leicht, auch Frauen anzuzeigen. Prozesse gegen Lesben oder Frauen, die beschuldigt werden, Lesben zu sein, sind oft Massenspektakel, weil sie noch eine ganz andere Art der Sensationslust befriedigen. Man kann nicht sagen, ob mehr Männer oder Frauen angezeigt werden, nicht alle Fälle sind uns bekannt. Es gibt auch nicht unbedingt eine sprachliche Unterscheidung, die das Geschlecht anzeigt. Es heißt immer nur „homosexuell“ und das gilt für alle Geschlechter. Aber sicher ist, dass es keine LGBT-Community in Kamerun gibt, alle leben gleich versteckt, sind isoliert und schutzlos. Daher ist es manchmal schwer, Informationen zu bekommen. Wird die Situation immer schlimmer? Von außen sieht das so aus, wenn man an Uganda, Nigeria und andere Staaten denkt. Ja und nein. Der Paragraf 347a wird immer weiter ausgedehnt. Richter verurteilen aufgrund von Verdacht, nicht weil sie tatsächliche Handlungen nachweisen können. Jean-Claude Roger Mbede wurde wegen einer SMS verurteilt. Das ist absurd, weil es 1972 noch keine Handys gab. Heute ist der Paragraf einer der am häufigsten angewendeten in Kamerun. Aber man darf nicht pessimistisch sein. An Uganda konnte man sehen, dass man Einfluss nehmen kann. Wenn es extreme Homophobie von Seiten eines Staates, einer Religion oder anderer Institutionen gibt, dann entfacht das mittlerweile auch eine internationale Debatte. Auf höherer Ebene, zum Beispiel der UNO, kann diskutiert und Öffentlichkeit geschaffen werden. So lassen sich Staatschefs auch zur Ordnung rufen. Und vielleicht ist das ein sehr guter Weg, wie wir den Kampf führen können. Wer profitiert von dieser staatlichen Homophobie? Unsere Regierung will davon ablenken, dass es große demokratische Defizite gibt. Und sie kann nicht einmal für das Grundlegendste für ihre Bürgerinnen und Bürger sorgen. Nur ein Beispiel: Unser Präsident ist seit 31 Jahren an der Macht. Vor 30 Jahren konnte ich die Fläschchen meiner Kinder mit Wasser aus dem Wasserhahn auswaschen. Das geht heute nicht mehr. Wir haben

FOTO: REUTERS/JOE PENNEY

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kein fließendes Wasser mehr! Da kommt es natürlich gelegen, wenn man die Bevölkerung damit beschäftigen kann, sich gegen eine Minderheit zu wenden. Dann kommen sie nicht auf die Idee, sich mit den Fehlern ihrer Regierung zu beschäftigen, die ihre Lebenssituation zu verantworten hat. Aufgrund der sich ausbreitenden massiven Menschenrechtsverletzungen an Schwulen, Lesben und Transgendern in einzelnen afrikanischen Ländern wird in Geberländern häufig diskutiert, finanzielle Zuschüsse in der Entwicklungszusammenarbeit zu kürzen. Wie kann das Ausland Unterstützung leisten, ohne dass ein Gefühl der Erpressung oder Bevormundung entsteht? Das ist eine sehr gute und wichtige Frage! Zunächst einmal sind die Menschenrechte universal. Sie sind länderübergreifend. Und daher haben alle Staaten, die in der UNO sind, die Pflicht, einander immer wieder an die Einhaltung zu erinnern. Wenn man das nicht macht, sondern einfach nur Sanktionen androht, dann behandelt man die afrikanischen Staatschefs und die Bevölkerung wie unmündige Kinder. Man muss sie als Staaten ernst nehmen. Aber es geht auch nicht, dass Länder Geld annehmen, zum Beispiel um Aids zu bekämpfen, und dann sagen, die anderen UNO-Mitgliedsstaaten hätten sich bei Menschenrechten herauszuhalten. Und wie kann direkt geholfen werden, so dass es bei den Betroffenen ankommt? Indem sie erfahren, dass sie nicht vergessen werden. Das gibt ihnen sehr viel Kraft. Für sie bedeutet dieses Leben in Angst, dass sie immer wieder ihre Wohnungen wechseln müssen. Oder wenn sie erst einmal wegen Homosexualität verurteilt wurden und die Haft überleben, dann werden sie keine Arbeit mehr finden und werden sogar von ihren Familien verstoßen. Es gibt Organisationen im Land, die man unterstützen kann. Ich habe zum Beispiel zwei Frauen bei mir aufgenommen, aber sie brauchen so etwas wie ein Zentrum, wo sie unterkommen können. Zurzeit leben sie bei mir. Aber auch meine finanziellen Mittel sind beschränkt. Ich bin keine Aktivistin. Ich kämpfe als Anwältin. Wir bräuchten so etwas wie ein Community-Zentrum, wo Homosexuelle einander unterstützen und sich in einem sicheren Raum treffen können. Immer wieder hört man, dass Homosexualität „unafrikanisch“ sei und deswegen vernichtet werden müsse … Das kommt von Staatsseite, aber auch von den Kirchen, die eine Komplizenschaft eingegangen sind. Ausgerechnet die Erzbischöfe verwenden dieses Argument! Bei den Leuten kommt das aber auch an, weil sie sich keine wirklichen Gedanken darüber machen. Sie haben ganz andere Sorgen und sind somit verführbar. Wenn etwas unafrikanisch ist, dann ist das Homophobie. Die Bestrafung von Homosexualität entstammt der französischen und der englischen Gesetzgebung, nicht der eines einzigen afrikanischen Landes. Was soll denn überhaupt dieses „afrikanisch“ sein? Wir sprechen hier Französisch. Und gegen die Natur ist es auch nicht: Es gibt Homosexualität in der Tierwelt. Aus der Anthropologie wissen wir, dass es auch in der afrikanischen Geschichte schon vor der Zeit des Kolonialismus Formen der Homosexualität gegeben hat. Die Menschen haben sich als Spezies in Afrika entwickelt und haben sich von dort über die ganze Welt verbreitet. Man kann also sagen, Homosexualität kommt aus Afrika! (lacht)

Interview: Stephanie Kuhnen Die Autorin ist Chefredakteurin unseres Partnermagazins L-MAG

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MODERN TIMES Ist London immer noch die schwule Hauptstadt Europas? Wie hat sich vor allem das Nachtleben an der Themse verändert, seitdem homosexuelle Paare in England heiraten dürfen? Und brauchen Schwule überhaupt noch eine Szene? DU&ICH war zu Besuch in Soho, Vauxhall und Shoreditch

Es gab Champagner für alle. Als in England und Wales in der Nacht zum 29. März zum ersten Mal Schwule und Lesben heiraten durften, ließen Nieko Hayer und die Jungs der Londoner Ku Bar in der Nähe des Leicester Square die Korken knallen. Der PR-Manager der angesagten schwulen Bar in Soho versorgte alle Gäste mit einem Gläschen zum Anstoßen – aufs Haus natürlich. Für Hayer war diese Geste aber mehr als ein netter Beitrag zur Feier der Gleichstellung. „London ist so liberal, dass Schwule hier immer weniger auf spezielle Gay-Locations angewiesen sind. Sie können fast überall bedenkenlos mit ihrem Freund oder ihren Freunden hingehen. Darauf müssen wir reagieren. Ich mag es, unseren Kunden zu zeigen, dass wir froh sind, dass sie sich für uns entschieden haben“, sagt der 22-Jährige. Besonders in dieser Hinsicht habe die Szene an der Themse bereits in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel vollzogen. Schwule würden einer Bar nicht mehr nur den Vorzug geben, weil eine Regenbogenflagge über dem Eingang hängt. Qualität sei entscheidend. „Wer sich nicht modern zeigt, hat es schwer“, meint Hayer. Die Zeiten von abgedunkelten Fenstern, unauffälligen Eingängen in den Keller, einer Klingel an 34

der Tür und schäbigen Sitzmöbeln seien lange vorbei. „Wir investieren ständig“, verspricht er. Ein Erfolgsgarant der Bar ist zudem, dass die Jungs hinter der Theke oben ohne bedienen. Mit modern meint Hayer auch, sich für nicht homosexuelle Gäste zu öffnen, denn für die jüngere Generation der Schwulen ist es in London immer selbstverständlicher, auch gemeinsam mit heterosexuellen Freunden in schwulen Clubs feiern zu gehen – zumindest in einigen moderaten, die sich in Soho befinden. Der PR-Manager steht nachts häufig selbst an der Tür zur Disko im Keller der Ku Bar. Er freut sich darüber, wenn eine Gruppe Heterosexuelle um Einlass bittet. „Allerdings“, schränkt er ein, „das funktioniert nur, solange sich unsere homosexuellen Gäste damit wohl fühlen.“ Ihre Sicherheit habe oberste Priorität, denn die Ku Bar sei und werde natürlich immer eine schwule Location bleiben. „Darauf sind wir sehr stolz“ sagt er. Dennoch: In der Filiale an der Old Compton Street gibt es mittlerweile nachmittags Kaffee und Kuchen – gerne auch für Touristen. In den Straßen der drei schwulen Zentren der Stadt, in Soho, Vauxhall und Shoreditch, spürt man, dass das

FOTOS: ORANGE NATION | RECHTS: KU-BAR

Allein „Orange Nation“ veranstaltet mindestens sieben schwule Partys pro Wochenende, hier eine im Londoner Stadtteil Vauxhall. Die Partys steigen in den eigenen Clubs Fire oder Area sowie in anderen Locations der Stadt


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Selbstbewusstsein der schwulen Community in den letzten Wochen noch größer geworden ist – nicht zuletzt durch die gesetzliche Öffnung der Ehe. Aber beispielsweise auch durch das Coming-out von Wasserspringer Tom Daley, dem prominenten Liebling aller Engländer. Der 20-jährige Olympiateilnehmer hat sich Anfang Mai zum ersten Mal mit seinem Partner auf einem roten Teppich gezeigt. Er ist vor allem für Jugendliche das langersehnte Rollenmodell. „Viele meiner Bekannten sagen, dass es durch ihn einfacher geworden ist, sich zu outen oder selbstbewusster dazu zu stehen, dass man schwul ist“, meint der 22 Jahre alte Phoenix Long. Er arbeitet in Soho und beobachtet die Szene dort sehr genau. „Man kann feststellen, dass sich Soho zuletzt mehr geöffnet hat. Es gibt einige Läden, in denen sich Schwule und Heteros beim Feiern mischen. In meiner Generation spielt die jeweilige Sexualität sowieso kaum noch eine Rolle“, meint Long. Das wirft die Frage auf, ob Schwule in einer Metropole wie London überhaupt noch eine Szene brauchen. Selbst der britische Sender BBC beschäftigte sich anlässlich der jüngsten Gesetzesänderung mit dieser Frage. Das Resultat: Unbedingt. „Die Gesetze haben sich zwar geändert, aber nicht die Einstellung aller Menschen. Wie liberal Verschiedenes auch geworden ist, Menschen brauchen weiterhin ihre Nische. Deswegen sind auch irische Bars, Musikbars oder Sportbars so populär. Die Leute umgeben sich gerne mit ihresgleichen“, sagte Gary Henshaw, der Gründer der Londoner Ku-Bar-Gruppe, der BBC. Auch Craig Elder ist von der Notwendigkeit einer Szene überzeugt. „Die Jungs wollen mit Gleichgesinnten Party machen. Was haben wir alle im Sinn? Heiße Kerle und hämmernde Musik. Das kann man sonst nirgendwo finden“, sagt er. Elder ist der Kopf von „Orange Nation“, dem größten Veranstalter von schwulen Partys in Großbritannien. Vauxhall ist sein Revier. Dort zeigt sich die Szene von einer anderen Seite. Während Soho den eher schonenden Einblick ins schwule Leben liefert, bietet „Voho“ nichts außer Party, Sex, Drogen und Fetisch aller Art – durchgehend von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen. In den vielen Mega-Clubs unter der Eisenbahnstrecke feiern Abend für Abend mehr als 25.000 Menschen. Wenn Elder an Veränderungen denkt, hat er natürlich anderes im Sinn als seine Kollegen aus Soho. Er denkt europaweit. „Wir merken, dass die schwulen Clubber immer öfter in verschiedene Metropolen reisen, um die besten Partys zu besuchen. In London eröffnen immer mehr Locations“, sagt Elder. Für ihn steht außer Frage, dass London trotz Konkurrenz aus Berlin und Amsterdam die schwule Hauptstadt Europas ist. Allein „Orange Nation“ veranstaltet in den eigenen Clubs Fire und Area sowie in anderen Locations mindestens sieben Gay-Partys pro Wochenende – an besonderen Terminen sogar noch mehr. „Wenn wir mit unserer Party ‚Beyond‘ in andere Metropolen kommen, sind die Leute total begeistert, dass sie in London jede Woche läuft. In vielen anderen Städten finden solche großen Partys einmal im Monat oder nur alle drei Monate statt. Das ist ein Beweis, dass London

führend ist. Die schwulen Londoner arbeiten hart, aber sie leben für das Wochenende“, meint Elder. Die Auswahl sei überragend. „Von den Bars in Soho über die Mega-Diskotheken in Vauxhall bis zu den kleineren, alternativeren Locations in Shoreditch im Osten – es gibt für jeden etwas“, sagt Elder. Diese Bandbreite liebt auch Paul Richardson. „Die Szene in London ist wie die UN“, sagt er und lacht. „Du kannst hier alles finden. Heute gehst du in Netzhemd und Lederhose aus, morgen führst du deine Oma eine Ecke weiter in eine schicke Bar.“

Auch in Soho mussten in den vergangenen Jahren einige Locations dichtmachen Der Londoner hat in der Vergangenheit immer wieder neue Trends in die Szene gebracht. Er war vor langer Zeit an der Umgestaltung der Gay-Disco-Kathedrale Heaven beteiligt, hat in Soho die erste schwule Cocktailbar und eine Pianobar eröffnet. Sein aktuelles Projekt heißt Urbanarium. Im Sommer soll es am SohoSquare beginnen. „Eine Mischung aus Bar und Lounge. Der Clou: Jeder Gegenstand, von Möbeln bis zur Kleidung der Kellner, wird verkauft. Wer will, kann es direkt mitnehmen“, verspricht Richardson. Obwohl in den vergangenen Jahren gerade auch in Soho einige kleinere Bars schließen mussten, die offensichtlich den Anschluss verpasst hatten, macht sich Richardson über ein mögliches Scheitern seines „neuen Babys“ keine Sorgen. Zwar sind die Auswahlmöglichkeiten geringer, manche Bars zum Ärger vieler Londoner im Vergleich in den letzten fünf Jahren gesichtslos und überteuert geworden, dennoch glaubt Richardson, dass der aktuelle Boom weitergeht. „Die Ku Bar hatte 2013 ihr bestes Jahr seit Bestehen“, verrät Hayer. Auch die Bedrohung durch das Internet und DatingApps wie Grindr und Tinder – von vielen als der langsame Todesstoß der Szene angesehen – glauben die Insider überstanden zu haben. „Natürlich hat es seinen Reiz, wenn man sich sein Essen bei einem Lieferservice nach Hause bestellen kann. Mageres Hühnchen oder ein deftiges Steak … Niemand muss in eine Bar gehen und dort teure Cocktails trinken, um einen Mann abzuschleppen“, sagt Richardson. Dass man dafür nur noch das Internet braucht, habe vielen Locations empfindlich geschadet, meint er. Doch sich mit Freunden auf einen Drink zu treffen, spiele neben Sex im Leben von Schwulen eben auch noch eine große Rolle. „So ist es“, bestätigt Hayer. Im Land der Pub-Kultur will er die Ku Bar gerne auch als eine moderne Art der Eckkneipe verstanden wissen, in der man sich mit Freunden trifft oder Leute kennen lernen kann. „Wenn sie jemanden finden, um ihn mit nach Hause zu nehmen, ist das dann ein Bonus“, meint Hayer. Grindr und Tinder seien für ihn eine ständige Warnung, die ihn dazu gebracht habe, sich noch mehr um die Gäste zu bemühen. Partykönig Elder ist optimistisch : England erhole sich von der finanziellen Krise und mit dem Land auch die Szene. „Wir sind überzeugt, dass wir einer positiven Zeit entgegenblicken.“ Marc Schäfer

Von oben: Party in der Ku Bar in Soho; Nieko Hayer von der Ku Bar; und die „Ku Boys“

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Entwicklungsland

Andrea war 15 Jahre alt, als er sich im November 2012 in seinem Zimmer erhängte. Der Jugendliche aus Rom lebte offen schwul. Doch die italienische Gesellschaft hat immer noch Probleme damit. Präsident Giorgio Napolitano sah den Selbstmord als Folge einer „unerträglichen schwulenfeindlichen Einstellung in der Nation, die Rechte und Würde der Personen verletzt“ – viel passiert ist seit seiner Kritik aber nicht. Hier erzählen wir aus Sicht von Tommaso S. Monorchio (30) aus Mailand, wie es sich in Italien als Schwuler lebt: Schwul zu sein in Italien, ist gleichzeitig schwer und leicht: Ich wurde in Reggio Calabria geboren, einer Stadt, die an der Südspitze Italiens liegt, und wo die Menschen noch immer sehr konservativ sind. Passt man nicht in deren Vorstellungen, wird es schwierig. Ich komme aus einer Familie mit vielen Psychiatern und Intellektuellen, die meinem Freund und mir gegenüber sehr distanziert sind. Während meine Homosexualität in Ordnung für sie ist, haben sie meinen Freund noch nicht akzeptiert. Aber ich bin mir sicher, dass sie es eines Tages tun werden, weil ich weiß, dass sie fantastisch und großzügig sind. In Mailand, wo ich seit 2001 wohne, ist es viel internationaler, offener und ich kann mich so ausdrücken, wie ich bin. Hier muss ich 36

nicht länger in einem Korsett leben, das mir von der Gesellschaft auferlegt wurde. Natürlich ist Mailand kein Eldorado, aber es ist eine gute Stadt, um zu leben, wie ich leben möchte. Das gibt es in nicht vielen Städten Italiens. Ich bin angekommen – in meiner Stadt und in meiner Sexualität: Als ich noch in Süditalien gelebt habe, habe ich es auch mit Frauen versucht und hatte eine lange Beziehung mit einem wunderschönen Mädchen aus meiner Heimatstadt. Wir waren beide 18 und vier Jahre zusammen. Ich probierte es danach noch weiter mit Frauen, und nur manchmal mit Männern – eigentlich nur, wenn ich betrunken oder die Situation sowieso uneindeutig war, so dass ich mich direkt danach entschuldigen konnte. Ich sagte, dass ich nur einen Witz gemacht hätte oder mich nicht mehr erinnern könnte, dabei wusste ich immer ganz genau, was ich tat. Weil ich es eigentlich wollte. Nach meinem Kunststudium hatte ich ein wirklich intensives Sexleben, weil ich neugierig auf Sex und meine Sexualität war. Bis heute würde ich mich als einen „guten Spieler in nuttigen Rollen“ bezeichnen. Danach bin ich ruhiger geworden und traf zwei wunderbare Männer – einer ist bis heute ein guter Freund, und wir hatten eine wirklich fantastische Zeit miteinander.

FOTO: SELFPIC TOMMASO S. MONORCHIO

Tommaso S. Monorchio ist offen schwul. Der 30 Jahre alte Künstler aus Mailand lebt seit drei Jahren mit seinem Freund zusammen. In Italien ist das nach wie vor weder leicht noch selbstverständlich


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LÄNDERINFO

Im katholisch geprägten Italien gibt es die eingetragene Partnerschaft nur in wenigen Regionen, wie in der Toskana und Venetien, aber das hat mehr symbolischen Charakter ohne rechtliche Auswirkungen. Der neue italienische Ministerpräsident Matteo Renzi will nun erneut versuchen, Lebenspartnerschaften auch für gleichgeschlechtliche Paare zu ermöglichen. Widerstand dagegen wurde bereits angekündigt.

Die Trennung hingegen war schrecklich. Der andere wunderbare Mann, Francesco, ist mein aktueller Lebenspartner. Er hat mir seine Liebe bewiesen, indem er sich ganz kurz nach unserem Treffen vor seiner Familie geoutet hat. Bis heute halte ich das für den größten Liebesbeweis, den mir je ein Mensch entgegengebracht hat. Er hat mich vor Depressionen bewahrt, die ich hatte, nachdem ich in einer schlechten wirtschaftlichen Lage war und meinen Job verloren hatte. Wir leben gemeinsam – auch offen für unsere Umwelt. Seine Verwandten lieben mich wie einen Sohn – und ich liebe sie auch.

Traumhaft!

„Wir kämpfen immer noch“ Ein Neffe sagt manchmal „Onkel“ zu mir. Das ist wunderbar. Ich fühle mich unheimlich wohl, so wie es jetzt ist und so wie ich sein darf. Trotzdem ist Italien noch weiter entfernt von der Gleichstellung homosexueller Menschen als andere Länder in Westeuropa: Ich glaube, wir sollten für die volle Integration der queeren Menschen in die Gesellschaft kämpfen, bevor wir irgendetwas anderes tun. Wenn wir es geschafft haben, dass Homosexualität nicht mehr als Schande verstanden wird, erst dann sollten wir uns auch für die Gleichstellung der Ehe und das Adoptionsrecht einsetzen. Aber bislang kämpfen wir immer noch gegen die grundsätzliche Homophobie in unserer Gesellschaft. Aufgezeichnet von Nora Jakob

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Julia Lisnyak über ihr Fotoprojekt „Mit dieser Fotogeschichte wollte ich zeigen, wie LGBTAktivisten in der russischen Stadt St. Petersburg leben. Diese jungen Leute zeigen sich nicht nur offen als Schwule und Lesben in einem Staat, in dem staatlich Homophobie unterstützt wird, sondern bestehen auch auf ihre Rechte in der Gesellschaft. Bei der Erstellung dieser Fotos bin ich nicht auf die alltägliche Homophobie gestoßen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese jungen Leute ein wenig zurückgezogen, wenn auch offen leben. Sie haben ihren eigenen Freundeskreis, ihre eigenen Clubs. Lediglich während des Festivals der LGBTFilme bin ich damit konfrontiert worden, dass jeden Tag bei uns die Polizei vorbeigekommen ist, die Falschinformationen über eine im Kino gelegte Bombe erhalten hat. Und einmal sind wir mit dem aggressiv gestimmten Volksdeputierten Witali Milonow zusammengestoßen, der dadurch bekannt geworden ist, dass er homophobe Projekte und Gesetze gefördert hat. Er ist bei uns mit seinen Helfern aufgekreuzt, die beleidigend und bedrohend geschrien und auf die Teilnehmer des Festivals mit Fingern gezeigt haben. Was das gesetzliche Verbot der Schwulen- und Lesben-Propaganda betrifft, so erschwert es die Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft enorm und lässt die LGBT-Jugendlichen im Stich, die Informationsplattformen und Austausch sehr nötig haben. Alle Veranstaltungen, die von den Aktivisten organisiert werden, u. a. auch die Rechtsseminare, die insbesondere für schwule bzw. lesbische Jugendliche so wichtig sind, haben jetzt eine Altersbegrenzung von 18 Jahren.“

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FOTO: XXX

Julia Lisnyak, Jahrgang 1972 geboren, lebt in St. Petersburg und arbeitet für Ogoniok, Russian Reporter, Expert und weitere russische Magazine.

FOTO: JULIA LISNYAK

Die Fotografin


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Alltäglich in St. Petersburg Die bekannte russische Fotografin Julia Lisnyak hat für ihr neues Projekt junge schwule Aktivisten in der zweitgrößten Stadt Russlands mit der Kamera begleitet. Maxim (Foto auf dieser Seite) und Roman trotzen den homofeindlichen Gesetzen und dem schwulenfeindlichen Klima in ihrer Heimat

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Die zwei Protagonisten schen Abgeordneten Wladimir Milonow sah man Maxim auf einigen TV-Kanälen. Leute mit höchst homophober Einstellung bedrohten ihn daraufhin in sozialen Netzwerken. Einmal wurde er auf der Straße angegriffen, konnte aber entkommen. So entstand sein Wunsch, aus Russland zu emigrieren.

Roman Melnik (27): Manager einer Druckerei, LGBT-Aktivist. Verliebte sich zum ersten Mal in der zweiten Klasse in einen Jungen, verstand aber gar nicht, was da passierte. Seine Homosexualität begriff er erst mit 15, 16 Jahren, sprach aber mit niemandem darüber. Mit 22 kam er zum Side by Side-Festival, wurde dort Ehrenamtler und freundete sich mit anderen Schwulen und Lesben an. Dann entschloss er sich dazu, seiner Mutter und seinen Freunden zu sagen, dass er schwul ist, und begann so offen zu leben, wie es ihm möglich war. Aktivismus sieht er als Mittel, die homophobe Situation in Russland zu beeinflussen und etwas zu verändern. Manchmal bekommt er Drohungen auf seiner Internetseite, aber die meisten Leute verhalten sich doch eher neutral.

Maxim unterwegs auf dem Newski-Prospekt, dem berühmten Boulevard im historischen Zentrum von St. Petersburg 40

FOTOS: JULIA LISNYAK

Maxim Petkov (23): Friseur, Visagist. Geboren in Tschaikowski, einer kleinen Stadt in der Nähe von Perm (Russland). In der Schule war er hauptsächlich mit Mädchen befreundet. In der ersten Klasse hat sich Maxim in einen Klassenkameraden verliebt. Jeden Morgen hat er ihm ein Stückchen Schokolade mitgebracht, aber ihm nie seine Zuneigung eingestanden. Nach dem Schulabschluss fing Maxim an, sich bunt und fröhlich anzuziehen. Sehr ungewöhnlich in seiner kleinen Stadt. Die Leute reagierten mit Beleidigungen. Zutiefst deprimiert schnitt er sich die Adern auf. Er fühlte sich sehr einsam. Mit 17 beschloss er, mit seiner Mutter über seine sexuelle Orientierung zu reden. Sie war schockiert. Bald darauf zog Maxim nach Perm, einer ziemlich großen Stadt im Vergleich zu seinem Heimatkaff. Dann zog er nach Magnitogorsk zu seinem Freund. Und schließlich ließ er sich in St. Petersburg nieder, einer Stadt, die er sehr mag. Dort sah er beim queer Filmfestival „Side by Side“ den Film „Prayers for Bobby“ (in dem ein junger Schwuler nach dem Coming-out getötet wird, Anm. d. Red.) Danach engagierte er sich als Ehrenamtler und nahm an LGBT-Aktionen teil. Nach der Aktion gegen die homophoben Gesetze und den russi-


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Roman und Maxim in einer Wohnung von Freunden, die sie „Kleines Haus der Zärtlichkeiten“ nennen

Roman arbeitet ehrenamtlich für verschiedene LGBT-Organisationen und fotografiert bei Aktionen, Seminaren und Events 41


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Make-up okay? Maxim kurz vor der Neujahrsshow im schwulen Club Malewitsch 42

FOTOS: JULIA LISNYAK

Maxim in einer Show: Im Hintergrund die Projektion von Fotos einer Demo gegen homophobe Gewalt seitens der russischen Polizei


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Roman hat ein Date mit einer neuen Eroberung in einem schwulen Club

Roman will gleich auf eine schwule Party 43


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Maxim (re.) und Mona Pepperoni – der Star im Club Malewitsch“ – machen sich schön für den Auftritt. Der Club ist nach dem Maler und Hauptvertreter der russischen Avantgarde benannt 44

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FOTO: JULIA LISNYAK

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alltag

MAL SCHÖN DEN BALL FLACH HALTEN Am 12. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien – ein Thema für schwule Männer? Warum eigentlich nicht, findet unser Autor Malte Göbel (auf dem Foto bei einem Spiel von Hertha BSC), der seine Begeisterung für den Fußball schon oft erklären musste. Ein Essay über die Sportschau, Regenbogenfahnen im Stadion und unverwüstliche Kicker-Weisheiten

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FOTO: TIES GÖBEL

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Es war die perfekte WG für mich, als ich vor sechs Jahren nach München zog: schönes Haus, am Park, großes Zimmer, bezahlbar, supernette Mitbewohner, alle schwul. Eigentlich waren wir uns einig, doch dann: „Eine wichtige Frage gibt es allerdings noch“, sagte Hauptmieter Thomas, „Du bist hoffentlich kein Bayernfan, oder?“ Glück gehabt: Bin ich nicht! Und durfte einziehen. Das waren also die groben Erwartungen an den neuen Mitbewohner: umgänglich, schwul, kein Bayernfan. Noch vor 20 Jahren hätten sie vermutlich gesagt: kein Fußballfan. Doch die Zeiten haben sich geändert, Fußball ist schon lange keine reine Hetero-Domäne mehr. Bereits vor dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger hatte so gut wie jeder Bundesliga-Verein einen schwulen Fanclub. Regenbogenfahnen flattern mittlerweile am Bundesliga-Samstag in jedem Stadion. 2012 tauchte in Mainz die gesamte Fanszene das Stadion in Regenbogenfarben, um das fünfjährige Jubiläum der „Meenzelmänner“ zu feiern, des schwul-lesbischen Fanclubs. In St. Pauli organisierten die Fans Aktionstage gegen Homophobie, vor der Geschäftsstelle weht dauerhaft eine Regenbogenfahne. In jeder größeren Stadt gibt es inzwischen schwul-lesbische Sportclubs mit Fußballabteilungen. Trotzdem ernte ich noch oft Unverständnis oder Befremden, wenn ich erzähle, dass ich samstags rechtzeitig zur Sportschau zuhause sein will. Manche denken, dass ich einen Scherz mache, wenn ich sage, dass ich zur Hertha ins Stadion gehe. Schwule und Fußball? Passt für viele nicht, immer noch. Und irgendwie haben sie auch recht: 22 Männer in kurzen Hosen rennen anderthalb Stunden einem Ball hinterher, hacken sich gegenseitig in die Waden, brüllen sich an, verdienen (jedenfalls in den oberen Spielklassen) einen Haufen Geld, nur weil sie schnell rennen und fest gegen einen Ball treten können. Was soll daran toll sein? Und dann erst die Fans, die oft nicht nur auf ihren Verein fanatisch stolz sind, sondern auch auf Deutschland. Viele inszenieren sich mit Bier und Gebrüll als „echte“ Männer, Frauen gelten als schmückendes Beiwerk. Diese Abscheu kenne ich. Über die Anhänger von Fenerbahce Istanbul, die unter meiner Wohnung ihre Fankneipe haben und sonntags Fangesänge grölen, würde ich am liebsten eimerweise Wasser ausleeren. Lebt eure ekelhafte Hetero-Männlichkeit gefälligst woanders aus! Frei nach Berti Vogts: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“ Zu diesen Typen will ich auch nicht dazugehören. Aber es gibt ja nicht nur sie, der Fußball an sich wandelt sich. Den Ton geben jetzt nicht mehr die Schleifer, Bolzer und Klopper an, die Christoph Daums, Felix Magaths und Lothar Matthäusse, sondern Leisetreter wie Joachim Löw oder Philipp Lahm. Das Magazin 11Freunde thematisiert auch politische und gesellschaftliche Aspekte des Fußballs. Und im Internet floriert das Taktik-Blog spiel-

verlagerung.de und erklärt die Strategien von Dortmund-Trainer Jürgen Klopp oder Mainz-Trainer Thomas Tuchel – beide nicht gerade „metrosexuelle“ Männer, aber ausgemachte Tüftler, regelrechte Fußballverrückte. Sie sind mitverantwortlich für den Reiz des Fußballs: Er ist nicht planbar. Geld schießt keine Tore, das sieht man an den lausigen Performances der Vereine 1899 Hoffenheim und VfL Wolfsburg in den letzten Jahren. Beide Teams haben reiche Geldgeber im Hintergrund, SAP-Gründer Dietmar Hopp bei Hoffenheim, Volkswagen bei Wolfsburg, die den Erfolg erzwingen wollten und teure Stars zusammenkauften – mit dem Ergebnis, dass sie gegen den Abstieg spielten. Nun haben sich beide gefangen, auch dank der engagierten Trainer, die keine Angst vor großen Namen haben. In dieser Saison geht es dem HSV ähnlich, der womöglich in die 2. Bundesliga absteigt. Dafür begeistern Teams wie Mainz 05 und FC Augsburg, die mit geringen Mitteln und Spielern aus der eigenen Jugend sogar um die Europacup-Qualifikation mitspielen. Und Dortmund, das 2011 und 2012 dank geschickter Personalpolitik und dem genialen Trainer Klopp sogar Meister wurde und lange als einziger Verein in Deutschland galt, der dem übermächtigen FC Bayern Paroli bieten kann. Apropos: Auch die erwischen mal einen schlechten Tag; unvergessen 1994 der sensationelle Sieg des Regionalligisten TSV Vestenbergsgreuth gegen den damals (wie heute) amtierenden Meister im DFB-Pokal. Das passiert in Einzelspielen; aber über die Saison, in 34 Spielen, zeichnet sich schon ab, ob eine Mannschaft gut ist oder nicht. „Die Tabelle lügt nicht“, lautet eine Fußballweisheit (oder: -plattitüde), von denen es viele gibt: „Das Spiel hat 90 Minuten“, „Der Ball ist rund“, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, „Ball flach halten“, „Das Runde muss ins Eckige“ – vermeintlich sinnfreie Sätze, die sich auch im fußballfernen Alltag jederzeit unterbringen lassen. Und Gemeinsamkeit schaffen. Ja, darum geht es auch: Ich mag es, mit Freunden zusammen ins Stadion zu gehen oder zusammen die Sportschau zu gucken, dazu Pizza und Bier genießen. Ich mag es, dazuzugehören. Ist ein bisschen wie beim Eurovision Song Contest: gemeinsam gucken, gemeinsam freuen, gemeinsam fluchen, alles besser wissen. Fußball schafft Gemeinschaft – auch ohne die Show-Elemente. Letztes Jahr hatten mein Freund und ich die fixe Idee, bei uns im Park zu kicken, und besorgten uns einen Ball. Auf dem Weg dorthin trafen wir die Drogenhändler, die normalerweise nur gelangweilt gucken und mit „Hey!“ oder „Pssst!“ versuchen, eine Transaktion anzuschieben. Als sie den Ball sahen, glitt ein Lächeln über die Gesichter, sie juchzten, forderten zum Abspiel auf, und als es kam, jonglierten sie kurz, freuten sich, schossen den Ball wieder zurück und winkten fröhlich. Für einen Moment wurden die coolen Dealer zu verspielten Jungs. Sie hatten nichts Bedrohliches mehr an sich. Für einen Moment waren wir auf der gleichen Ebene. Dank Fußball.

Bereits vor dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger hatte so gut wie jeder Bundesliga-Verein einen schwulen Fanclub

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„ICH WILL DIESE WELT BESSER MACHEN“ Wie ein schwuler Schiedsrichter in der Türkei seit fünf Jahren für seine Rechte kämpft. Und nicht aufgibt! DU&ICH hat Halil İbrahim Dinçdağ in Istanbul besucht und mit ihm über Fußball, die türkische Gesellschaft, sein Coming-out und die Folgen gesprochen

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FOTO: FATIH YILDIRIM/URUKPHOTOGRAPHY.COM FÜR DU&ICH

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Halil İbrahim Dinçdağ sitzt in einem Café in Istanbul. Es riecht nach Sommer. Nach einer freundlichen Begrüßungszeremonie rückt er seine Brille zurecht, bestellt bei einem jungen Kellner ein Wasser. Dinçdağ, Sohn liebender Eltern aus der Hafenstadt Trabzon am Schwarzen Meer, kämpft seit 2009 um seine Ehre: „Niemand hat das Recht, sich in das Privatleben von anderen Menschen einzumischen. Auch kein Fußballverband auf der Welt.“ Er hat die Unterstützung seiner Familie. Andere Schwule und Lesben müssen dagegen gerade Eltern, Geschwister, Onkel und Cousins fürchten, wenn die erfahren, dass ihr Herz für das gleiche Geschlecht schlägt. Nicht überall ist Istanbul – der Großteil der Bevölkerung gerade auf dem Land hält Homosexualität weiterhin für eine Krankheit, die mit der richtigen Therapie, einer arrangierten Ehe, geheilt werden kann. Für Halil İbrahim Dinçdağ ist es der Fortschritt, der ihn nach eigener Aussage vor Lynchjustiz bewahrt hat. „Noch in den 1990er-Jahren wäre ich umgebracht worden, das glaube ich sicher. Die Technik hat mich gerettet, das Internet bietet seit 2005 in der Türkei Möglichkeiten, die Welt kennen zu lernen, die Menschen ändern sich, sie werden positiv beeinflusst. Ein echter Segen.“ Für Halil İbrahim Dinçdağ ist Fußball alles. Zehn Jahre stand er als Spieler auf dem Feld, nach 14 Jahren als erfolgreicher Schiedsrichter ohne Fehl und Tadel zeigte ihm der Türkische Fußballverband im Jahr 2009 die Rote Karte. Offiziell wurde Dinçdağ suspendiert, weil er laut Verband ein lausiger Schiedsrichter gewesen sei. Es sind Menschen wie Halil İbrahim Dinçdağ, die die Welt verändern. Ein mittelgroßer, schlanker Mann mit modischer Brille, der bei seiner Schwester leben muss, weil er sich keine eigene Wohnung leisten kann, der keine Arbeit findet, weil er schwul ist, zeigt sich hartnäckig und selbstbewusst, kämpft wie ein Löwe, lässt sich nicht zermürben. Halil İbrahim Dinçdağ ist ein Vorbild. Die Entscheidung im Fall von Halil İbrahim Dinçdağ sollte am 13. Verhandlungstag, am 22. April 2014 fallen. Wieder gab es eine Verzögerung, jetzt soll am 14. Verhandlungstag, am 15. Juli Recht gesprochen werden.

Ein Leben für den Fußball Herr Dinçdağ, wie reagieren türkische Eltern, wenn ihnen ihr Sohn sagt, dass er homosexuell ist? Halil İbrahim Dinçdağ: Meine Eltern waren da wundervoll. Meine Mutter hat aber gerade am Anfang viel geweint. Nicht, weil ich schwul bin. Sie hatte Angst, dass ich die Familie verlasse und wegziehe. Mein Vater sagte nur: Warum hast du es mir nicht vorher gesagt? Du bist und bleibst mein Sohn. Ohne die Unterstützung meiner Familie wäre ich nichts. Meine Familie ist meine Stütze, sie gibt mir Halt. Warum dürfen Sie nicht mehr pfeifen, Herr Dinçdağ? In den Statuten des Verbands steht, dass ein Schiedsrichter den Militärdienst absolvieren muss. Ich habe ihn angetreten, wurde aber ausgemustert. Weil ich gesagt habe, dass ich schwul bin. Die Armee hat das unter psychosexuelle Störungen abgetan. Was haben Sie dem Verband gesagt? Dass ich ein Gesundheitsproblem habe und deshalb den Wehrdienst nicht leisten kann. Ich habe es immer und immer wieder versucht zu erklären, sie wollten es nicht verstehen, bestanden auf den offiziellen Unterlagen der Armee. Einen Tag nachdem ich beim Verband meine Beschwerde eingereicht habe, waren die Zeitungen voll mit Berichten über einen schwulen Schiedsrichter. Ich wusste, die Jagd hat begonnen, sie meinten mich. Wie haben Sie reagiert?

Der Druck wurde enorm. Ich entschied mich, in die Öffentlichkeit zu treten, zu sagen, ja, ich bin der Mann, den ihr sucht. Ich habe im Fernsehen meine Position vertreten, in Zeitungsinterviews. Meine Familie, meine Freunde haben es aus den Medien erfahren, davor wussten nur ein, zwei Freunde, dass ich auf Männer stehe. Es ist meine sexuelle Orientierung, ich muss niemandem sagen, wen ich mag, auf was ich stehe, das ist meine Privatsache. Aber ich würde wieder in die Öffentlichkeit gehen, denn der Fußballverband hat elementare Menschenrechte verletzt. Ich mag keine Ungerechtigkeit. Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um Ungerechtigkeiten zu akzeptieren. Ich lasse es nicht zu, dass Menschen mich ausgrenzen. Und ich kämpfe schon lange nicht mehr für mich alleine, ich kämpfe für alle Schwulen und Lesben, für alle Menschen, die daran gehindert werden, ihr Leben zu leben, ihrem Beruf nachzugehen. Ich will diese Welt besser machen. Was ist seit 2009 passiert? Ich befinde mich immer noch im Rechtsstreit mit dem Fußballverband. Ich will mein Leben zurück, ich will meinen Fußball zurück. Das letzte offizielle Spiel in der Türkei habe ich im März 2009 gepfiffen, eine Begegnung in der ersten Frauenliga. Ich will wieder auf den Platz. Der Verband will mich zermürben, immer wieder kommt es zu Verzögerungen, werden andere Argumente vorgebracht. Ich lasse mich aber nicht beirren, ich klage für meine Rechte, notfalls gehe ich bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg.

150 Bewerbungen, 150 Absagen Was hat sich denn geändert, seitdem die ganze Türkei weiß, dass Sie schwul sind? Ich habe keine Arbeit mehr, ohne meine Familie könnte ich mich nicht ernähren. Ich habe 150 Bewerbungen geschrieben, bei Firmen vorgesprochen. Selbst als Tellerwäscher will mich niemand. Vorher war ich ein angesehener Moderator im Radio. Es ist, als ob ich eine Krankheit in mir trage. Ein Offizieller vom Fußballverband hatte sogar vorgeschlagen, ich sollte meinen Namen, meine Herkunft ändern, dann könnte ich wieder auf den Platz. Das mache ich nicht, ich verleugne mich nicht. Was sagt Ihr Bauchgefühl, werden Sie auf den Platz zurückkehren? Ich will gewinnen. Eine Niederlage kann es für mich nicht geben. Ich mache das nicht mehr für mich alleine, schon lange nicht mehr. Ich kriege E-Mails von vielen Menschen, die mir von ihrem Schicksal erzählen, die sagen, dass ich ein Vorbild für sie bin. Sie geben mir Kraft. Wenn ich das Leben von einem von ihnen ändern kann, dafür sorgen kann, dass Jüngere ein wenig selbstbewusster werden, weil ich für mein Recht eingestanden bin, dann war es richtig, für mehr Menschlichkeit zu kämpfen. Auf Einladung vom LSVD Berlin-Brandenburg waren Sie kürzlich in Deutschland, in Berlin und Leipzig durften Sie sogar zwei Freundschaftsspiele pfeifen. Was haben Sie von Ihrer ersten Auslandsreise mitgenommen? Der Besuch in Deutschland hat mir wahnsinnig Kraft gegeben. So viele tolle Menschen, die sich für mein Schicksal interessiert haben. Ich bin meinen deutschen Freunden sehr dankbar. Mir ist hier in der Türkei oft gesagt worden: „Warum tust du dir das alles an? Warum gehst du nicht einfach ins Ausland und lebst dort dein Leben?“ So schön Deutschland auch ist, die Türkei ist meine Heimat. Sie will ich verändern, ein Stückchen besser machen, dass Menschen wie ich auch hier ihren Platz haben und leben können. Interview: Hasan Hüseyin 49


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ALLTAG

GALIONSFIGUR!?

Mit einem großen Interview in der Wochenzeitung Die Zeit hatte Thomas Hitzlsperger (32) Anfang Januar 2014 sein medienwirksames Coming-out. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität“, sagte der Ex-Profifußballer, „weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“

Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger wollte eigentlich keine „schwule Galionsfigur“ sein, sagte er jedenfalls bei seinem Coming-out Anfang 2014 (DU&ICH berichtete). Nun engagiert er sich aber trotzdem: gegen Homophobie im Sport. Liegt vielleicht auch nahe. Öffentlich unterstützt er die Bildungs- und Forschungsinitiative „Fußball für Vielfalt“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. „Wir brauchen im Sport aktives Handeln der Vereine, Vorbilder und klare Signale gegen Homosexuellenfeindlichkeit“, erklärte Hitzlsperger in einem Interview mit Sport Bild, dem Medienpartner der Initiative, und rief dort auch zu Spenden auf, „damit wir Maßnahmen zur Förderung eines vorurteilsfreien Klimas und eine Kultur gelebter Vielfalt im Sport schaffen können“. Im Rahmen der Initiative „Fußball für Vielfalt“ entwickeln die Hirschfeld-Stiftung und die Universität Vechta Bildungsmodule für Vereine und Verbände, gerade auch für die Arbeit mit Jugendlichen und deren Eltern. Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, freut sich über die prominente Unterstützung und betonte die Vorbild50

funktion Thomas Hitzlspergers: „Sein mutiges Coming-out ist Vorbild für andere Sportlerinnen und Sportler, zu ihrer sexuellen Identität selbstbewusst zu stehen.“ Hitzlspergers öffentliches Eintreten für das Projekt „Fußball für Vielfalt“ sieht Litwinschuh als deutliches Zeichen. „Dafür danke ich ihm sehr!“ Der Ex-Fußballnationalspieler wird auch Ehrengast beim zweiten Spendendinner der Stiftung Magnus Hirschfeld sein, das am 4. September im Grand Hyatt Hotel in Berlin stattfindet. Malte Göbel

Mehr Infos: fussball-fuer-vielfalt.de Spendenkonto: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld Kontonummer: 1250505 Bank für Sozialwirtschaft (Bankleitzahl 10020500) IBAN: DE41100700000233552900 Verwendungszweck: Fußball für Vielfalt

FOTO: DICTUM MEDIA | RECHTE SEITE: TANJA SCHNITZLER

Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger engagiert sich jetzt doch: im Auftrag der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld gegen Homophobie im Fußball


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KOLUMNE VON FRANK HERMANN

50plus Vor meinem Wohnzimmerfenster sitzen seit Tagen zwei Tauben. Sie lärmen stundenlang und furchtbar eintönig. Huhuhu! Huhuhuhu! Es ist ja eigentlich eine Art Liebeswerben, klingt aber in meinen Ohren wie ein memento mori und ist zudem äußerst ermüdend. Nur nicht für die graublauen Vögel mit dem kleinen Kopf und dem gedrungenen Körper. Wenn ich meinen Staubwedel ausschüttle (Straußenfedern!) oder meine Patientenverfügung aufs Fensterbrett knalle, fliegen sie weg. Wahrscheinlich denkt so ein Taubenhirn dann, es wird geschossen. So weit bin ich allerdings noch nicht. Das Formular habe ich noch nicht ausgefüllt, weil mir das unheimlich ist. Ich stelle mir nämlich manchmal vor, ich liege da und höre, wie jemand sagt: „Wir schalten die Geräte jetzt ab.“ Und ich weiß ja nicht, ob ich denken würde: „Na endlich!“, oder eher ungehört schreien würde: „Bitte noch nicht!“ Deshalb liegt sie immer irgendwo in der Wohnung herum. Aber zum Taubenverjagen taugt sie immerhin. Zusätzlich schütte ich Wasser zwischen die Äste, wenn das blöde Paar es sich in seinem Nest gemütlich machen will. Mir hat meine Mutter auch kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, wenn ich Schreianfälle hatte und drohte darüber in der Schnappatmung zu landen und zu ersticken. Da war ich noch ziemlich jung und es ist lange her. Haben Sie auch schon mal festgestellt, dass es immer mehr Dinge gibt, die fürchterlich lang her sind? Gelegentlich muss ich überlegen, ob ich jetzt vor 30 oder vor 40 Jahren Abitur gemacht habe. Oder ob ich vor 10 oder doch vor 20 Jahren das letzte Mal geohrfeigt wurde. Überhaupt nehmen irgendwann die

„letzten Male“ überhand. Wo es doch sonst immer so wichtig war, das „erste Mal“ zu feiern, denn es gab so viele davon. Und jetzt? Ist man schon froh, wenn jemand sagt: „Bis zum nächsten Mal!“ Das zeigt, dass man noch eine Zukunft hat.

„Wie habt ihr euch eigentlich früher verabredet, so ohne Handy?“ Na, wie wohl? Wir haben Rauchsignale von Hügel zu Hügel geschickt! Ich komme an meine Grenzen, wenn ich von „jungen Leuten“ gefragt werde: „Wie habt ihr euch eigentlich früher verabredet, so ohne Handy?“ Na, wie wohl? Wir haben Rauchsignale von Hügel zu Hügel geschickt. Später dann haben wir mit kleinen Fähnchen ins Nachbardorf gewinkt und signalisiert, ob wir nach dem Abendessen noch mal rausdürfen. Die doofen Kinder einer Freundin haben neulich bei einer Klassenfahrt in die Schweiz ein Telefon mit Wählscheibe vorgefunden und versucht, ihre Finger durch die Löcher zu drücken, um die Zahlen zu treffen. Har har! Aber sie sind ja auf der Welt, um zu lernen, und eines Tages sind auch sie vielleicht klug und wissen etwas.

Memento mori? Das ist mir nicht mehr so wichtig, seitdem ich unsterblich verliebt bin, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie lange das letzte Mal davor her ist oder wie oft das überhaupt passiert ist. Wenn man jetzt sagt „für immer“, ist es allerdings viel realistischer, nahezu greifbar. Ich verstehe die Tauben jetzt auch besser, weil ich manchmal den ganzen Tag nur gurren möchte. Wenn eines Tages jemand mit der Patientenverfügung knallt, hör ich einfach nicht hin. Und wenn man mich beim Gurren erschösse, wäre es auch egal, ich stürbe ja glücklich.

Frank Hermann gehört seit 2003 zum DU&ICH-Team und arbeitet auch für Siegessäule und L-MAG

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INTERNET

Privat war gestern One-Boy-Shows im Internet: Sie sind jung, weltberühmt und nutzen die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke auf professionelle und höchst unterhaltsame Weise: Troye Sivan, Lucas Cruikshank und Tyler Oakley. Ein Printmagazin-Ausflug in die weite digitale Welt der SocialMedia-Stars mit all ihren Vlogs, Blogs und Profilen

Troye Sivan troyesivan.tumblr.com instagram.com/troyesivan# youtube.com/troye

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Cuteness-Flamboyanz. Sie sind schwul, tuntig, albern, extrovertiert, gerne auch belanglos und bis zur Bewusstlosigkeit blöd. Aber eins sind sie nie: langweilig. Sie sind Entertainer und One-Boy-Shows. Sie kommunizieren mit ihren Fans, sie flirten mit ihnen, kaspern mit den Kommentatoren herum und würden eins niemals tun: ihre Zuschauer nicht ernst nehmen. Sie sind durch und durch Profis. Das müssen sie auch sein. Die Maschinerie will gefüttert werden, die vielen Mädchen, jungen Frauen und einige männliche Anhänger, die Troye „adorably cute“ finden, möchten möglichst mehrmals am Tag Postings von ihm sehen, Fotos anhimmeln, seine Tweets retweeten. Der Lohn sind Nachrichten von durchdrehenden Userinnen, die in Großbuchstaben, Icons und ohne Syntaxregeln kommunizieren und Troye am liebsten virtuell abknutschen möchten. Es wären sehr viele Küsse. Auf Twitter folgen ihm knapp 1,1 Millionen „Troylaner“, auf Facebook hat seine Fanseite über 500.000 Likes. Zum Vergleich mit den deutschen schwulen Promis der jüngeren Generation: Der Schauspieler Lars Steinhöfel („Unter uns“), 28, hatte vor einigen Monaten sein Coming-out und kommt auf Facebook auf knapp 43.000 Likes, der Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger (32) hat 1.900.

ALLE ABBILDUNGEN: SCREENSHOTS DER JEWEILIGEN HOMEPAGES

Troye Sivan, Lucas Cruikshank und Tyler Oakley sind weltbekannte und sehr erfolgreiche Promis. Noch nie gehört? Das kann daran liegen, dass diese drei jungen Herren „Online Personalities“ sind, sich in den sozialen Medien bewegen und deren Fangemeinde so jung ist wie sie selbst. Troye, Lucas und Tyler haben Kanäle, Profile, Blogs und Vlogs, die abertausendfach geklickt, geliket und gesharet werden – und sie sind schwul. Troye Sivan hat einen Niedlichkeitsfaktor, der in die Millionen geht. Fast zwei Millionen Menschen haben seinen gleichnamigen YouTube-Kanal abonniert. Er ist zierlich, 1,73 Meter klein, zwinkert einen gerne knopfäugig an und macht „Ich liebe euch alle“-Schmolllippen, dass einem schwindelig wird. Troye ist Australier, Sänger und Schauspieler und hat mal in einer der Verfilmungen des MarvelComics „X-Men“ eine kleine Rolle gespielt. In erster Linie aber ist er eine Online-Persönlichkeit, die mit ihren YouTube-Videos und Instagram-Fotos ein riesiges Publikum erreicht und mit den Mitteln der sozialen Medien enormen Erfolg hat. Vor allem ist er wie andere schwule Online-Promis jung: Troye ist Jahrgang 1995, die Amerikaner Lucas Cruikshank und Tyler Oakley sind mit 20 bzw. 25 gerade mal wenige Jahre älter als Troye. Was alle drei eint, ist die FanPräsenz auf allen Kontinenten und ihre ungehemmte, expressive


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Lucas Cruikshank fredfigglehorn.com youtube.com/lucas twitter.com/lucascruikshank

Der globale Social-Media-Gigant heißt Justin Bieber: auf Facebook hat er über 66 Millionen Fans, auf Twitter folgen ihm 52 Millionen.

Das Coming-out auf YouTube

che!“ Dann folgt ein Zwinkern ganz zum Schluss, das inzwischen zu seinem Erkennungszeichen geworden ist. Den Abspann mit der Grafik und dem Remix des Ray-Charles-Songs „Good Thymes“ hat er sich professionell gestalten und genehmigen lassen.

YouTube, Vimeo oder ähnliche Plattformen sind praktisch und haben keine Zugangsrestriktionen, nur pornografische und rassistische Inhalte werden von den YouTube-Administratoren entfernt. Aber wer hier über sein Profil einen Clip reinstellt, erfährt unmittelbar und ungefiltert, ob die Arbeit ankommt, gemocht oder „gehatet“, also gehasst, wird. Keine Redakteure und keine Produzenten reden einem rein, keine Besserwisser und keine Aufpasser. Das Handgemachte und Direkte der Videos wiederum scheint so unterhaltsam zu sein, dass sie ein großes Publikum anziehen. Troyes Videos haben das Stadium des Unprofessionellen längst verlassen, obwohl er mit dem Image eines Schluffis, Aufschieberitis-Experten und Nerds, der keine Freunde hat und bis 14 Uhr im Pyjama im Bett bleibt, spielt. Die drei- bis achtminütigen Videos folgen durchweg einem Thema und einer festen Dramaturgie. Drei Beispiele:

2. „Waxing My Legs with Zoella“ Wenn Troye mal nicht Harry Styles, Beyoncé und Prokrastination thematisiert, taucht er gerne in Videos anderer bekannter Vlogger und YouTube-Stars auf oder lädt diese zu sich auf seinen Kanal ein. Die Britin Zoella ist so eine Co-YouTuberin, die sich so beschreibt: „Ich bin 22 Jahre jung, Autorin und Beauty- und Fashion-Enthusiastin“. In „Waxing My Legs with Zoella“ geht es um die Enthaarung von Troyes struppigen Beinen, für die Zoella zuständig ist. Das Ganze wird mit Zuschauerfragen via Twitter kombiniert, die Zoella und Troye beantworten, während Troye peinvoll behandelt wird. Selbstverständlich werden die diversen Vliesstreifen mit Troyes Beinhaaren schamlos in die Kamera gehalten. Die meisten Kommentare: „LOL“. Zuschauerzahlen: knapp 2,8 Millionen. Am Ende zwinkern beide und Ray Charles singt.

1. „Procrastination Masturba-??“ Neben seiner Schwärmerei für Harry Styles von der Boygroup One Direction und seiner Vorliebe für Powerfrauen des Pop beschäftigt er sich in seinen Videos mit Prokrastination. Der selbsternannte Meister des Aufschiebens stellt unangenehme Aufgaben immer wieder zurück und erledigt sie nur widerwillig. In „Procrastination Masturba-??“ listet er Dinge auf, die ihm wichtiger erscheinen als jede Arbeit oder jeder Termin: schlafen, essen, masturbieren, sinnlose Dokumentationen anschauen, Liebeslieder schreiben, Sexlieder schreiben, all diese Lieder singen, weinen, Bananen essen, Nudeln essen, Bananen mit Nudeln essen, Auto fahren, keinen Sport treiben und so weiter. Am Ende fordert er seine Zuschauer auf, fleißig sein Video zu liken und seinen Kanal zu abonnieren: „Ich sehe euch dann nächste Wo-

3. Coming-out Dass Troye nicht nur Harry-Styles-Träumereien, infantile Aufschieberitis und haarige Debilität inszenieren kann, hat er im Spätsommer 2013 bewiesen. Im Video „Coming-out“, das 3,1 Millionen Zuschauer und fast 65.000 Kommentare hat, teilt er seinen Zuschauern mit, dass er schwul ist. „Es ist seltsam, so etwas überhaupt mitzuteilen und euch in die Kamera zu sagen. Andererseits auch wieder nicht, da ich mein Leben mit euch und mit dem Internet teile. Ich habe immer gewusst, dass ich anders war.“ Der erste wichtige Schritt zum Coming-out sei mit 14 gewesen, als er mit seiner besten Freundin über Liebe und Bisexualität gesprochen habe. „Ich bin total ausgeflippt und war nicht bereit. Daraufhin habe ich mir ein halbes Jahr jedes Coming-out-Video auf YouTube angeschaut, das es gab. Ich habe sie für ihren Mut bewundert. Ohne 53


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Die sozialen Onlinewelten: Eine Kurzübersicht Facebook.com – Soziales Netzwerk – Mitglieder weltweit: 1,23 Mrd. – Gehört zu den fünf am häufigsten besuchten Websites der Welt – Steht aufgrund mangelhafter Datenschutzpraktiken in der Kritik. In Deutschland raten Verbraucherzentralen zur Nutzung von Alternativen zu Facebook YouTube.com – Videoportal, gehört zu Google – Besucher pro Monat: 1 Mrd. (März 2013) – In 61 Sprachen verfügbar – Hat nicht nur Katzenvideos im Programm Instagram.com – Kostenlose Applikation (App), Mikroblog und audiovisuelle Plattform – Nutzer weltweit: 200 Mio. – Pro Tag hochgeladene Fotos: 60 Mio. – In Deutschland registrierte Nutzer: 3 Mio. (Stand Sommer 2013) Tumblr.com – Blogging-Plattform – 185 Mio. Blogs – 83,1 Mrd. Einträge – Texte, Bilder, Links, Video- und Audiodateien können veröffentlicht werden – Seit Mai 2013 im Besitz von Yahoo Xing.com und LinkedIn.com – Soziale Business-Netzwerke – Seriöser als Facebook – Xing: 5,51 Mio. Mitglieder im deutschsprachigen Raum – LinkedIn: 277 Mio. Mitglieder in 200 Ländern joindiaspora.com – Dezentrales, offenes soziales Netzwerk – Speichert keine Daten zentral – Ca. 400.000 Nutzer Twitter.com – Klassiker unter den sozialen Netzwerken – Mikroblogging – 241 Mio. Nutzer – Mit Tweets (telegrammartigen Kurznachrichten) kann man politische Aufstände planen oder über den letzten Toilettengang berichten

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diese Videos hätte ich nicht gewusst, was ich getan hätte.“ Der zweite Schritt war ein intensives Gespräch mit seinem Vater, erst über Religion und dann über das Schwulsein. „Ich stammelte und bekam kein Wort heraus. Ich sagte: ‚Dad …‘ und dann einige Sekunden nichts. Mein Hals war wie zugeschnürt. Schließlich sagte ich ihm: ‚Dad, ich bin schwul. Hast du mich noch lieb?‘“ Natürlich hatte ihn sein Vater lieb. Es folgten Umarmungen, lange, innige Unterhaltungen mit seiner Mutter und viel Zustimmung von seinen Geschwistern und seinen Freunden. In diesem Video zeigt sich Troye ernsthaft, nachdenklich – und stark. Er will andere „Troyes, die sich mit 14 Jahren fragen, was mit ihnen nicht stimmt“ ermutigen. Er richtet sogar eine E-Mail-Adresse ein für Teenager, die Fragen zum Coming-out haben. Am Ende des Videos sinniert er, ob er das Zwinkern diesmal sein lassen soll. Vielleicht weil das Thema zu ernst sei? – „Ach was! Natürlich mache ich es!“ Zwinkern, Ray Charles, Abspann. Drei Beispiele seiner Videos aus der Welt des Zwinker-Troye, die nicht nur die gesamte Bandbreite seiner Online-Arbeiten zeigen, sondern auch stellvertretend für die Möglichkeiten des großen Netzes stehen. So wie sich junge Musikbands vermarkten, online Geld für die Produktion ihrer Platten sammeln und über ihre Websites CDs oder einzelne Songs verkaufen, steht Troye für die größtmögliche inhaltliche Unabhängigkeit.

Fred Figglehorn, Barack Obama und das Superpaar „Troyler“ Das eigene Ding machen: Auch für Lucas Alan Cruikshank und Tyler Oakley essenziell. Ersterer ist Schauspieler und Comedian und stammt aus der Weite des Mittleren Westens der USA. Der 20-jährige Darsteller diverser Sendungen des TV-Kinderkanals Nickelodeon startete seine Medienkarriere auf YouTube, wo er den Charakter „Fred Figglehorn“ erschuf, der an ADHS leidet und über unendlich viel Energie verfügt, oder anders formuliert: Fred ist ein unfassbar fideler Schnellsprecher, der es zu großem Erfolg gebracht hat. Als Autor, Schauspieler und Regisseur verantwortet und verwaltet Lucas sich und die Kunstfigur Fred als multimedialen Vollprofi: Auf Facebook mögen „Fred“ fast sieben Millionen Menschen, auf YouTube hat sein Kanal „Lucas und Jenny“ (zusammen mit der Schauspielerin Jennifer Veal) knapp 650.000 Abonnenten. Wie auch Troye hatte Lucas sein öffentliches Coming-out in einem Video, in dem er Fragen seiner Fans beantwortete, unter anderem auch die nach seinem Schwulsein: „Ja, ich bin schwul! Es ist schwierig, das vor der Kamera zu sagen, aber meine Eltern und meine Freunde wissen es seit drei Jahren.“ Im Gegensatz zu Troye geschah das Ganze in einer quiekend-aufgekratzten Atmosphäre, die sehr zu Lucas passt: autonom, aktiv und authentisch. Zuschauerreichweiten, Abonnenten- und Klickzahlen zeigen bei Troye und Lucas eindeutig, dass sie in ihren jungen Jahren bereits arrivierte Routiniers sind. Wie kann das noch gesteigert werden? Indem man Tyler Oakley heißt, ins Weiße Haus eingeladen wird und das schwule Parade-Online-Paar erschafft: Troyler. Tyler und Troye sind nicht zusammen, aber ihre „Bromance“ (zusammengesetzt aus „Brother“ und „Romance“) beschreibt ihre Verbindung als innige Männerbeziehung, die beide in ihren jeweiligen sozialen Netzwerken zelebrieren und inszenieren. Der 25-jährige Tyler (aus den USA) kommt wie die beiden anderen Online-Stars Lucas und Troye auf gewaltige Fan- und Klickzahlen. Sich selbst beschreibt er als „professional fangirl“. Sein Erfolg in und mit den sozialen Netzwerken brachte ihn ins Weiße Haus zu USPräsident Barack Obama, wo er über den Einfluss der sozialen

ALLE ABBILDUNGEN: SCREENSHOTS DER JEWEILIGEN HOMEPAGES | AUTORENFOTO: TANJA SCHNITZLER

INTERNET


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Tyler Oakley youtube.com/tyleroakley twitter.com/tyleroakley tyleroakley.tumblr.com

Medien berichten durfte und über sein Engagement für die queere Jugend in Amerika. Tyler hat sich früh für die Belange von jugendlichen LGBT eingesetzt, hier besonders für das „Trevor Project“, eine gemeinnützige Organisation und Betreiber einer Telefonseelsorge, die jugendliche Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche erreichen können. Mit Tylers Unterstützung kamen zum 25-jährigen Jubiläum des „Trevor Project“ über eine halbe Million US-Dollar an Spendengeldern zusammen.

Virtuelle Online-Persönlichkeiten werden zu realen Offline-Boys Troye Sivan, Lucas Cruikshank und Tyler Oakley: die „YouTube-Sensationen“ (Huffington Post) haben mit ihren Shows Erfolg und sind in ihren sozialen Netzwerken ihre eigenen Multiplikatoren. Indem sie sich selbst und ihre Online-Darbietungen miteinander verbinden („multi-channel networks“), steigern sie sogar noch die Reichweiten. Alle drei äußern sich zu Alltagstrivialitäten und Absurditäten, zu Postpubertärem, Pop und Privatem. Alle drei reflektieren damit die Wünsche und Gedanken ihrer Fans und ihrer jeweiligen Zielgruppe. Alle drei starteten als Online-Persönlichkeiten und sind mit ihren zahlreichen „Meet and greet“-Veranstaltungen, auf denen sie ihre Fans treffen, greifbar geworden. Aus virtuellen Online-Stars werden reale Offline-Jungs. Und sie setzen das absolute Credo aller guten Entertainer um: „The show must go on.“ Jan Dimog

Jan Dimog ist Print-Dinosaurier und Analog-Fossil aus der Start-up-Stadt Berlin, der sich fasziniert die Auswirkungen des Online-Urknalls anschaut. Fürs Internet reichen ihm ein Xing- und Facebook-Profil und seine Homepage: jandimog.de

$ Digitaldarbietung = Analoggeld

YouTuber sind in ihren Videos sehr gesprächig. Aber wenn es um Einnahmen geht, wird es schnell einsilbig. Mit SocialBlade.com (2008 gegründet) lassen sich Statistiken auch zu den Verdienstspannen der YouTuber einsehen. SocialBlade informiert über Abonnenten, Video- und Kanal-Views und die ungefähren Umsätze eines YouTube-Kanals. Beispiel Tyler Oakley: Sein YouTube-Kanal ist weltweit auf Platz 91 der Abonnentenrangliste und A-kategorisiert (höchste Stufe). Geschätzte Monatseinnahmen: bis zu 61.200 Euro; geschätztes Jahreseinkommen: knapp 735.000 Euro.

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kultur

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„Die Zukunft hat mir Angst gemacht“

Ein exklusives Gespräch mit Lana Del Rey über ihre neue Heimat an der amerikanischen Westküste, das mit Spannung erwartete zweite Album und das glückliche Gefühl, bei sich selbst angekommen zu sein Das „Sunset Marquis“-Hotel in West Hollywood, Montagmittag. Lana Del Rey kommt, eine Assistentin sowie Freund Barrie im Schlepptau, in aller Ruhe herbeigeschlendert. Sie trägt ein gepunktetes, helles Shirt, eine kurze Jeanshose und Sandalen. Die Haare sind brünett. Sie sieht viel natürlicher und attraktiver aus als beim Treffen zu ihrem ersten Album „Born to Die“ vor zweieinhalb Jahren. Viel ist seither natürlich passiert, die 27-Jährige, die als Lizzy Grant zur Welt kam, hat mit ihrem sich in der Ästhetik der Sechzigerjahre sonnenden Breitwand-Pop die ganze Welt becirct, „Video Games“ und „Summertime Sadness“ sind beinahe zeitgenössische Klassiker, die Erwartungen an die zweite Platte „Ultraviolence“ naturgemäß sehr hoch. Die Songs darauf haben beeindruckende Titel wie „Shades of Cool“, „Money Power Glory“ und „Fucked My Way Up to the Top“ oder schön schwelgerische wie bei der Single „West Coast“. Und obwohl es von Dan Auerbach, dem Frontmann der Knarz-Rocker The Black Keys, produziert wurde, steht „Ultraviolence“ dem Debüt in Sachen Opulenz in absolut nichts nach. 56

Lana, wie lief dein Auftritt beim „Coachella-Festival“ (siehe Foto oben) gestern Abend? Lana Del Rey: Richtig super. Ich muss sogar sagen, dieser Auftritt war einer der schönsten Momente überhaupt. Es war einfach toll. Meinst du einen der schönsten Momente auf der Bühne oder einen der schönsten Momente in deinem gesamten Leben? Auf der Bühne. Und im Leben eigentlich auch. Alles lief so leicht. Und bei mir ist ja sonst gar nichts leicht im Leben. Ach komm! (prustet) Gott, ist doch wahr! Mir ist nichts im Leben in den Schoß gefallen. Gestern Abend aber war einfach alles perfekt. Es war heiß, windig und wunderschön. Bist du noch ein bisschen dageblieben bei diesem Festival mitten in der Wüste? Na klar. Ich habe mir noch Muse angeschaut. Und Motörhead, die zusammen mit Slash auf der Bühne waren. Lana Del Rey ist ein Metal-Fan?


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Oh ja. Ich stehe auf Classic Rock, am Metal finde ich die Energie geil. Lebst du jetzt eigentlich hier in Los Angeles? Ja, doch, kann man sagen. Ich habe zehn Jahre lang in New York gewohnt, dann eine Zeit lang in London, und jetzt hat es sich so ergeben, dass ich hierher gezogen bin. Auch, weil meine Plattenfirma in Los Angeles ihren Sitz hat. Du bist also jetzt ein „West Coast“-Mädchen? Ja. Ich mag die Kultur und die Geschichte der West Coast sehr gerne. In meinem neuen Video spielt zum Beispiel mein Lieblingstätowierer Mark Mahoney mit, das ist einer der ganz großen Könner seines Fachs. Marks Energie und die Energie der Skateboardprofis, die ebenfalls im Video dabei sind, ergeben so ein geiles L.A.-Gemisch, auf das ich sehr, sehr abfahre. Mir gefällt die Lässigkeit dieser Jungs. Im Video räkelst du dich auch am Strand. Ich finde den Strand super. Ich komme aus Lake Placid, einem Wintersportort in den Bergen, nahe der Ostküste. Wenn du von dort stammst, fühlt sich der Pazifische Ozean wie das paradiesische Ende der Welt an. Der Ozean war immer ein unerreichbarer Sehnsuchtsort für mich. Und jetzt wohne ich da und laufe so oft barfuß durch den Sand wie nur irgend möglich.

FOTO: GETTYIMAGES/GAELLE BERI

„Ich bin absolut keine Egoistin“ Denkst du dabei: „Wow, du bist verdammt weit gekommen“? Schon, allerdings nicht in Bezug auf meine Karriere. Sondern in Bezug auf meinen Lebensstil. Ich habe einfach das Gefühl, dass dieses lässige Strandleben besser zu meinem Charakter passt als das Leben in New York oder das Leben in den Bergen. Außerdem liebe ich die Hitze. Wenn ich arbeite, singe, unterwegs bin, ist notgedrungen oft kein Platz für Sommer, Sonne und Wasser. Meine Arbeit ist weiß Gott keine leichte Arbeit. Von nichts kommt nichts. Du hast dich innerhalb von drei Jahren vom unbekannten Pop-Starlet zu einem der größten Stars der Welt hochgearbeitet. Yeah, wohl wahr. Trotzdem: Ich raste nicht aus. Was macht dich da so sicher? Ich habe eine große Familie, da muss ich gar nicht darauf achten, bodenständig zu bleiben, das geschieht ganz von selbst. Ich bin absolut keine Egoistin. Wenn ich singe, logisch, dann geht es um mich. Aber daheim geht es viel mehr um Charlie und Caroline und darum, was die wollen. Ich achte extrem darauf, dass es den beiden gut geht. Charlie und Caroline sind deine Geschwister? Mein Bruder und meine Schwester. Wir leben alle zusammen unter einem Dach. Die beiden sind jünger als ich, 20 und 25, ich passe ein bisschen auf sie auf. Ihr drei wohnt also zusammen. Wir drei und Barrie, mein Freund. Insgesamt sind wir also zu viert. Hört sich nach einem großen Spaß an. Ja und nein. Ein wenig schimmert das Hippie-Leben durch, aber wir stecken in großen Umbrüchen. Barrie hat seine Band verlassen … … dein Freund, der Schotte Barrie-James O’Neill, war Sänger und Gitarrist der Folkrock-Band Kassidy. Genau. Barrie sucht gerade ein bisschen seinen Platz im Leben, er schreibt viel. Meine Geschwister sind dabei, erwachsen zu werden. In welchem Umbruch steckst du? Meine Karriere begann vor drei Jahren, und zwar zunächst nur in Europa. Ich konnte in den USA noch völlig unerkannt mein Leben leben. Seitdem „Summertime Sadness“ in Amerika ein Top-Ten-Hit war, hat sich das geändert. Auf einmal gelte ich auch hier als Popstar. Neuerdings spiele ich in den USA Konzerte, ich trete im TV auf, das ist vorher so gut wie nie passiert. Deine Landsleute nehmen Notiz

von dir, das kann irritierend sein, wenn du das nicht gewohnt bist. Was machen deine Geschwister? Meine Schwester ist Fotografin, wir arbeiten häufig zusammen. Sie macht außerdem eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Und Charlie studiert Film an der UCLA. Alle sind kreativ. Machst du Yoga mit deiner Schwester? Oh ja, das tue ich. Yoga ist schön, das beruhigt mich. Auch wenn ich mich zunehmend daran gewöhne, ist mein Leben ja ziemlich beanspruchend und anstrengend. Insgesamt fühle ich mich heute weitaus besser und wohler als vor zwei Jahren, als das alles begann und mich teilweise wirklich überforderte. Mir kommt es so vor, als strahle mein Leben seit einiger Zeit viel heller. Anfangs war es zum Teil eine düstere, fast bedrohliche Masse, die da auf mich zugerauscht kam. Jetzt ist es endlich so, dass ich mich auf die Zukunft freue. Bis vor kurzem hat mir die Zukunft in erster Linie Angst gemacht. Du hast als Lizzy Grant bereits jahrelang mit überschaubarem Erfolg Musik gemacht. Als Lana Del Rey jedoch warst du auf einmal allgegenwärtig, der Hype war gigantisch, dein Video zu „Video Games“ galt als eine Art Sensation. Ich hatte das Gefühl, dass ich zwei Leben parallel führte. Das aufregende europäische und das stille amerikanische. Richtig akklimatisiert habe ich mich immer noch nicht, ich suche noch nach einer Ausgeglichenheit, die sowohl mein Privatleben als auch meinen Beruf umfasst. Ich hätte gerne eine dauerhafte emotionale Stabilität. Danach habe ich mein bisheriges Leben vergeblich gesucht. Mein Naturzustand ist im Grunde der einer stillen, zurückhaltenden Beobachterin. Aber wegen der Umstände kann ich diesen Zustand nicht mehr so leicht erreichen wie früher. Für eine weltweite Berühmtheit wirkst du immer noch eher introvertiert, fast schüchtern. Was wirklich eine erfrischende Abwechslung darstellt zu deinen Kolleginnen, die in der Öffentlichkeit gern Körperteile oder allgemeine Exzentrik zur Schau stellen. (kichert) Ja! Danke, dass du das so siehst. Ich komme in der Tat aus einer recht traditionellen, zurückhaltenden Familie. Ich habe gelernt, Probleme in einem kleinen Kreis zu besprechen und nicht in aller Öffentlichkeit. Das ist ein Unterschied zu manchen Menschen, die quasi auf Twitter leben und meinen, sie müssten permanent über alles und jeden Auskunft geben. Ich bin aber auch kein verschüchtertes Mäuschen, ich kann auch laut und bestimmt werden. Bei meinen Geschwistern bleibt mir mitunter keine andere Wahl. (lacht)

„Die große Überschrift bei ‚Ultraviolence‘: Gefühl“ Wie schaffst du es, nicht so allgegenwärtig zu sein wie etwa Miley Cyrus oder Lady Gaga? Man kann das ein Stück weit steuern. Zum Beispiel, indem man nicht mitten in der Stadt wohnt, sondern am Rand, so wie wir. Bis nach Hollywood und Beverly Hills sind es gut zehn Kilometer von unserem Haus. Wir wohnen in einer ganz normalen Gegend mit ganz normalen Nachbarn, das tut mir gut. Bist du eine nettere Nachbarin als etwa Justin Bieber, der sein Nachbarhaus mit Eiern bewirft? (lacht) Wir sind harmlos und machen kaum Krach. Insgesamt wenig Krach findet auch auf deinem Album „Ultraviolence“ statt. Die Songs sind eher ruhig, getragen, manchmal hymnisch und sehr atmosphärisch. Die Hip-Hop-Elemente des ersten Albums „Born to Die“ fehlen praktisch komplett. Das stimmt. Die große Überschrift bei „Ultraviolence“ lautete „Gefühl“. Beim ersten Album ergab es sich durch die Arbeit mit dem Produzenten Emile Haynie, der auch ein alter guter Freund von mir ist, dass einige Songs so einen 90er-Jahre-Hip-Hop-Beat bekamen. 57


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MUSIK

„Ich bin kein Retortenprodukt, das muss ich nochmal verdeutlichen“

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Während ich bereits im Studio an „Ultraviolence“ arbeitete, traf ich zufällig Dan Auerbach in einem Restaurant in Queens. Er war mit ein paar Freunden auf dem Weg in einen Stripclub, ich bin zusammen mit meinem Kumpel, mit dem ich unterwegs war, einfach mitgegangen. Wir also alle rein in den Laden, der „Riviera“ heißt, und sie spielen „Summertime Sadness“. Wir fangen an zu tanzen. Dann schauen wir uns so an, lachen und sagen fast gleichzeitig: „Wäre es nicht total witzig, wenn wir zusammen ins Studio gehen würden?“ Ich mochte an Dan, dass er so spontan war, dass er einfach jJ sagte zu mir und meinen kreativen Vorstellungen. Wir flogen nach Nashville, er lud seine Lieblingsmusiker ein, sechs Wochen später war die Platte fertig. Habt ihr in Auerbachs Studio aufgenommen? Ja. Bevor ich Dan über den Weg lief, nahm ich drei Wochen lang im „Electric Ladyland“ in New York auf, unter anderem mit Rick Nowels. Das Album hatte anfangs einen deutlicheren Classic-Rock-Anstrich. Als ich mit Dan in Nashville loslegte, bewegte sich der Sound hin zu diesem West Coast Vibe, den ich so gern habe. Welche Ära hast du dabei im Sinn? Wenn „Born to Die“ die 60’s aufleben ließ, welches Jahrzehnt steht dann Pate für den Stil auf „Ultraviolence“? Sicher die 70’s, angefangen bei Bands wie den Eagles. Aber auch so ein Gefühl der frühen 90’s kommt bei mir auf, im Song „West Coast“ hört man deren Beat und Synths klar heraus. Du hast allen klassischen Einflüssen zum Trotz eine ganz eigene Klangsprache entwickelt. Man erkennt einen Lana-Del-Rey-Song sofort. Danke, das bedeutet mir sehr viel, wenn du das sagst. Ich bin immer noch so dankbar, überhaupt ein Publikum erreicht zu haben mit meiner Musik. Egal, was andere sagen: Ich habe meine Musik nach meinen eigenen Vorstellungen entwickelt, basie-

rend auf meiner ganz persönlichen Intuition. Ich bin kein Retortenprodukt, das muss ich nochmal verdeutlichen. Meine Musik hatte es zunächst nicht leicht, weil sie nicht so typisch und einem bereits angesagten Genre zuzurechnen war. Ich hatte sicher Glück, aber ich hatte auch einen guten Riecher. Die Leute haben, als „Video Games“ rauskam, stark an deiner Echtheit, an der Authentizität deiner Musik gezweifelt. Oh Gott, ja! Das war ein Riesenthema. Stimmst du zu, dass du diese Kontroverse für dich entschieden hast? Keiner behauptet mehr, dass du ein gemachtes Reißbrett-Produkt bist, oder? Möglich, ja. Trotzdem bin ich nach wie vor etwas misstrauisch, was die Meinungen anderer Menschen angeht. Wenn jetzt alle sagen, wie fantastisch ich bin, verwirrt mich das fast genauso, als wenn mir weiter alle unterstellen würden, ich sei ein Plastikgeschöpf der Musikindustrie. Letzten Endes kommt es doch darauf an, ob ich an mich selbst glaube, ob ich selbst von meiner künstlerischen Ausrichtung überzeugt bin. Und das war ich immer und bin es nach wie vor. Man kann keine bleibenden Werte in der Popmusik schaffen, wenn man nichts zu erzählen hat. Oder wenn man bloß ein flüchtiges Phänomen ist. Ich weiß also nicht, ob ich – wie du es sagst – gewonnen habe. Ich weiß aber, dass ich mich heute zum ersten Mal in drei Jahren während eines Interviews nicht unwohl oder in der Defensive fühle. Ich bin ruhig und fühle mich richtig schön in der Balance mit mir selbst. Was für ein schönes, neues Gefühl. Interview: Steffen Rüth

Lana Del Rey / Ultraviolence / Vertigo/Universal VÖ: 13.6. / Live in Berlin am 20.6.

FOTOS: UNIVERSAL MUSIC | NICOLE NODLAND

Eins der ersten Fotos: Im Lolita-Look begann Lana 2011 ihre Karriere


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Hohe Töne

Sam Smith beweint in seinen Liedern die Liebe, obwohl er sie noch nicht erlebt hat. Seine Stimme hat dafür genügend Soul, sein Sound-Design jedoch nicht

Newcomer Sam Smith beim gedankenvollen Kaffeerühren

Der Zeitgeist beschert uns gerade die wehleidigsten jungen Männer der Popgeschichte. Klagelieder in ergreifendem Falsettgesang liebt man besonders in Hipster-Kreisen – und Acts wie Frank Ocean, How to Dress Well oder SOHN überbieten sich gegenseitig in der hohen Kunst der hohen Töne. Mittlerweile hat sich daraus ein interessantes Genre entwickelt, das vielerorts Neo Soul genannt wird – und das dem lange Zeit von Rihannas Stampfigkeit dominierten R&B neue Impulse verleiht. Einer, der das in den Mainstream übersetzt, heißt Sam Smith, ist erst 22 Jahre alt und stammt aus dem englischen Dorf Linton. Als Sänger des Disclosure-Hits „Latch“ inszenierte er seinen Falsettstimme erstmals eindrucksvoll, mit seiner zweiten Solo-Single eroberte er dann die Spitze der UK-Charts: „I don’t have money on my mind, I do it for the love“, glaubt man dieser markerschütternden Stimme aufs Wort. Befeuert von der Ohrwurmhaftigkeit dieses außergewöhnlichen Neo-Soul-Hits blickte man der Veröffentlichung von Smiths Debüt-Album freudig entgegen. Aber leider, wie so oft, hat die Marketingmaschine über die Innovation gesiegt. Der spannende Gegensatz von bratzenden Beats und der Emotionalität des Gesangs aus dem Disclosure-Song bleibt auf „In the Lonely Hour“ weitgehend auf der Strecke. Viele Arrangements sind zu altbacken für einen zeitgenössischen Sänger. In Songs wie „Stay with Me“ verstrickt er sich zwischen Streichern und Gospelchor in einem Pathos, das eher zu Joe Cocker als zu einem jungen, androgynen Mann passt. Nur in einigen Momenten, wie etwa in dem wehmütigen und zarten „Life Support“, ist die Magie, die man sich von diesem Album erhoffte, dann doch da. Smith, der übrigens gerne mit der schwulen Presse redet und von sich behauptet, er habe noch nie einen Partner gehabt – ja, er sagt „Partner“ und nicht „Girlfriend“ –, wirkt optisch ein bisschen wie der junge Boy George. Und der hat dem Soul damals durchaus etwas hinzugefügt. Smith wird das noch tun müssen. Michael Prenner

Konzertticker

Sam Smith / In the Lonely Hour / Capitol/Universal

Mit ihren hymnisch-treibenden Songs zählen Arcade Fire zu den derzeit künstlerisch wie kommerziell erfolgreichsten Acts. Die sechs Kanadier geben zwei Open Airs, am 17.6. in Dresden, am 18.6. in Berlin. Sommerzeit ist ja auch immer Festivalzeit. Empfohlen seien Hurricane und Southside Festival, jeweils vom 20. bis 22. Juni. Live on stage u. a. Tom Odell, Metronomy, James Blake, Lykke Li, Arcade Fire, Lily Allen, Macklemore & Ryan Lewis. 40 Jahre jung werden Blondie in diesem Jahr, die neue Platte „Ghosts of Download“ ist soeben raus, und dann hat sich Sängerin Debbie Harry auch noch als bi geoutet – Grund genug also zum Feiern, am besten auf einem der anstehenden Live-Termine. Ab 23.6. in Berlin, Hamburg und Köln. Mit ihrer aktuellen Platte „Midnight Memories“ touren One Direction derzeit

um die Welt und legen dabei auch einen Stopp in Deutschland ein. Am 2.7. spielt die aus der britischen Casting-Show „The X Factor“ hervorgegangene Boygroup in Düsseldorf. Ebenfalls für nur eine exklusive Show kommen Massive Attack nach Berlin. Dunkle Trip-Hop-Beats treffen auf gleichermaßen poetische wie politische Lyrics. Am 5.7. im Tempodrom. Im Rahmen ihrer „Blue Smoke World Tour“ gastiert Country-Legende Dolly Parton am 5.7. in Köln und am 6.7. in Berlin. Mit „The Diving Board“ legte Elton John ein Album wie ein schummrig-schöner Barabend vor. Jetzt kommt der Altmeister wieder auf Tour. Ab 6.7. in Halle (Westfalen), Fulda, Mainz u. a. Auch toll: das Melt! Festival in Ferropolis, in diesem Jahr vom 18. bis 20. Juli. Mit dabei sind John Grant, Tiga, Kele Okereke, Tensnake, Boyz Noize, Portishead, Röyksopp, Robyn u. a. mit

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MUSIK

Unser Lied:

Say You’ll Be There

Schwule Männer lieben starke Frauen. Und welche Frauen sind stärker als die Spice Girls, die die Welt in den 90ern ins Girl-Power-Fieber versetzten?

Die Spice Girls auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, 1997 bei den MTV Europe Music Awards in Rotterdam

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Was für eine Hysterie! Zwischen 1996 und 2000 verging keine Woche, ohne dass die Boulevardpresse über die bis heute erfolgreichste Unweibliche Popband berichtete: Geri hat ser Lied ist ein Prince Charles auf den Po geklapst! Lied, das uns geprägt Emma Bunton: Knöchelbruch wegen hat und begleitet. Ob zu hoher Plateauschuhe! Victoria verDiskohymne, Deutschpop lobt sich mit David Beckham! Skandal! oder Powerballade, es verParallel dazu lief eine riesige Merchaneint die Community. Unser dise-Maschinerie, von der die MusikLied hat schwule Musikindustrie anno 2014 träumen dürfte: geschichte geDie fünf Mädels verkauften Puppen und schrieben Parfüm, schlossen Verträge mit Pepsi und Polaroid, drehten einen Kinofilm, von den obligatorischen Tassen, Shirts und Kalendern ganz zu schweigen. Das Geld fließt auch heute noch, etwa dank des Musicals „Viva Forever“, das seit kurzem in London läuft. Und auch der Hype ist nicht vorbei, wie der vorerst letzte Auftritt bei den Olympischen Spielen zeigte, bei dem Ginger, Posh, Scary, Baby und Sporty Spice wunderbar Priscilla-mäßig auf Cab-Dächern durchs Stadion brausten und die Massen aufforderten, ihr Leben „aufzuspicen“. Kurz vor dem Siegeszug des Internets mit seinen stets verfügbaren Inhalten, vor 9/11 und dem kalten Neoliberalismus der Nuller-Jahre versprühten die Spice Girls eine geradezu irre Magie, in deren Zentrum eine Message stand: Girl Power! Sie wollten sich nichts sagen lassen, sich für niemanden verbiegen, standen ein für Freundschaft und Liebe. Feministisch betrachtet mag das nicht der komplexeste Überbau sein, aber deshalb ist er nicht unfeministisch. Und dass es von Girl Power zu Gay Power nur ein gesellschaftskritischer Katzensprung ist, versteht sich von selbst. Beiden, Frauen und Schwulen, geht es um Selbstermächtigung, darum, den gemeinsamen Erzfeind, den patriarchalen Hetero-Mann in die Schranken zu weisen. Diese Botschaft setzt die Gruppe visuell stark um. Man denke nur an den glitzernden, ultrakurzen Union-Jack, den Geri bei den Brit Awards ’97 trug, der Sexiness mit Britishness verband und augenblicklich Kult wurde. Welcher Spice-Girls-Song ist nun der schwulste? Schwer zu sagen. Vielleicht sollte man die Frage umdrehen: Welches ihrer Lieder ist nicht schwul? Wahrscheinlich keines. Weder der Disco-Knaller „Who Do You Think You Are“ noch die pompöse Ballade „Too Much“ noch „The Lady Is a Vamp“ mit seinen Zitaten des alten Hollywood. Wie wäre es also mit „Say You‘ll Be There“? Die im Herbst 1996 veröffentlichte, zweite Single ist popmusikalisch zeitlos und vereint alles, wofür die Spice Girls bis heute stehen. Im Musikvideo brausen sie als aufgedonnerte Amazonen – Alter Egos mit den Namen Katrina Highkick (Mel C), Kung Fu Candy (Emma), Midnight Miss Suki (Victoria), Trixie Firecracker (Geri) und Blazin’ Bad Zula (Mel B) – in einem blau-weißen Coupé durch die Wüste vor Los Angeles. Sie sind schön, sie sind auf Männerjagd, sie sind füreinander da. Spontan kann ich mir nichts Schwuleres vorstellen. Michael Thiele


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Herrenduett Gus Gus bringen ihr neues Album „Mexico“ heraus. Das geizt nicht mit Hits Von den frühen Ambient-Exkursionen auf „Gus Gus vs. T-World“ zum Dance-Spektakel „Attention“, vom beinahe prollig marschierenden „Forever“ über das asketisch-harte „24/7“ hin zur House-Pop-Offenbarung „Arabian Horse“ – seit fast 20 Jahren erkundet die isländische Techno-Soul-Formation Gus Gus die Weiten elektronischer Musik. Eine Weite übrigens, die man wie bei so vielen nordischen Acts tatsächlich heraushört. Nun erscheint mit „Mexico“ Langspieler Nr. 9 und vor allem die kommerziellen Erwartungen sind diesmal hoch, denn 2011 brachte „Arabian Horse“ Gus Gus die erste GoldAuszeichnung ein, für ihr Label Kompakt ist es einer der größten Bestseller. Im ersten Moment wirkt „Mexico“ etwas trocken. Das liegt daran, dass es das mit Abstand textlastigste Gus-Gus-Album ist, wobei die Songs fast ausschließlich von Daníel Ágúst und Högni Egilsson und damit von Männern gesungen werden. Doch schnell wird klar: „Mexico“ liefert eine geradezu unverschämte Zahl an starken, fast schon zu kalkuliert komponierten Tracks, die zwischen House, 80’s-Synthie-Pop, UK Garage und Trance pulsieren. Dazu zählen „Another Life“, der einzige Auftritt der umwerfenden Sängerin Earth, der geradlinige Opener „Obnoxiously Sexual“ und die Single „Crossfade“, in der sich Högni und Daníel leidenschaftlich umsingen. Ein veritables Herrenduett, das sich neben Klassikern wie „David“, „Need in Me“ und „Over“ wunderbar einreiht in die Hit-Galerie der Isländer. Michael Thiele

FOTOS: GETTYIMAGES/ALAIN BENAINOUS | KOMPAKT | PROMO

Biggi Veira, Daníel Ágúst und President Bongo (v. l. n. r.) von Gus Gus

NEUE CDS Röyksopp & Robyn: Do It Again (Embassy One/Warner) Nachdem die Elektropop-Helden Röyksopp und Robyn bereits mehrfach zusammengearbeitet haben, hauen sie nun ein Mini-Album raus. Doch, ups, was ist denn da passiert? Viele Songs klingen halbgar, wie Reste früherer Studio-Sessions, vor allem der Mensch-Maschine-Beziehungs-Stampfer „Sayit“. Ein Thema, das Kraftwerk („Computerliebe“), Zoot Woman („Information First“) und sogar Röyksopp und Robyn selbst („The Girl and the Robot“) tausendmal prägnanter bearbeitet haben. Am überzeugendsten ist der Opener „Monument“ mit seinem meditativen Saxofon.

Anastacia: Resurrection (BMG Rights Management/Rough Trade) Anastacia, die Fregatte des emanzipatorisch-bollerigen RadioPop-Rocks mit den „frechen“ Brillen, meldet sich mit einem neuen Album zurück, das auch noch ganz schamlos „Resurrection“, also Auferstehung, heißt. Darauf macht die 45-Jährige das, was sie seit 15 Jahren macht: Sie schreit wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten ist, dazu gibt’s viel Gitarre, viel Schlagzeug, viel Klavier. Den Hut ziehen muss man vor Anastacias Mut, trotz musikalischer Mainstream-Ausrichtung inhaltlich ernste Themen zu verhandeln.

The Acid: Liminal (Infectious/[PIAS], ab 4.7.) Auf seinem Debüt erforscht das Electronic-Trio The Acid die Möglichkeiten ebendieses Genres und kommt dabei zu inspirierenden Ergebnissen. Elf Tracks, die zusammengehalten werden von bedrohlichen Störgeräuschen, exotischen Dschungelklängen, von hymnischen Synthies, die plötzlich aufstrahlen wie ein Regenbogen in einem gerade nachlassenden, grau dampfenden Schauer, sowie von einem flüchtigen, fast weinerlichen Gesang. Trotz euphorischer Momente bewahrt „Liminal“ dabei immer eine Kühle und Distanziertheit. Unbedingt anhören: „Animal“, „Creeper“, „Fame“, „Ghost“.

The Boys You Know: Purple Lips (Wohnzimmer/Broken Silence) Wer sich an 90erJahre-Teenie-Perlen wie „Eiskalte Engel“ oder „10 Dinge, die ich an dir hasse“ erinnert, hat gleich deren süßlich-schrammlige Gitarren-Soundtracks im Ohr. Genau da setzen The Boys You Know an. Die vier Highschool-Rocker aus Wien zitieren wunderbar unschuldig The Smashing Pumpkins, Garbage und Weezer, und ihr schwuler Frontmann Thomas Hangweyrer nuschelt dazu putzig ins Mikro. Auch wenn The Boys You Know nur selten über bloße Zitate hinauskommen, sorgen sie mit den 13 Songs auf „Purple Lips“ für eine sehr wohlige Atmosphäre. Texte: mit

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MUSIK

„Wir waren sehr zärtlich miteinander“

In Berlin läuft die große David-BowieRetrospektive. Eine tolle Gelegenheit, Romy Haag zu treffen. Die Sängerin, Schauspielerin und Autorin war zwischen 1976 und 1978 die Frau an seiner Seite und spricht nur ungern über die gemeinsame Zeit mit dem Weltstar. Für uns machte die Berliner NightlifeLegende eine seltene Ausnahme 62

Romy, ich würde gerne so ganz allgemein einsteigen: Wie hat deine Zeit mit David Bowie dein Leben geprägt? Romy Haag: Ich liebe ihn für alles, er ist ein großartiger Künstler, aber irgendwie ist er auch eine Tragödie in meinem Leben. Überall fragt man nicht nach meiner neuen Musik oder danach, was ich gerade geschrieben habe. Selbst die Talkshows, vor allem die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, laden mich wieder aus, wenn ich sage, dass ich nicht über David Bowie sprechen werde. So krass ist das. Wie kam es in den späten 70er-Jahren dazu, dass du Bowie begegnet bist? Ich wusste damals fast nichts über David Bowie. 1976 sollte er ein Konzert in der Deutschlandhalle in Berlin spielen und alle waren hysterisch. Sein Management rief mich an, weil sie die Afterparty in meinem Club machen wollten. Ich dachte, o. k., und bin dann mit meinen Leuten zum Konzert gegangen. Es gab einen VIP-Raum an der Seite ganz vorne. Da standen wir. Er kam genau von der anderen Seite auf die Bühne, schaute in meine Augen, ich schaute ihn an, da war es schon geschehen. Das war wirklich so. Das Konzert war unglaublich. Er hatte als Deko

zwei Wände aus Neonröhren. Wenn die angingen, war das so grell, dass das in Verbindung mit ein bisschen Bühnennebel aussah, als käme er aus einem Kühlschrank raus. Das war so ein toller Effekt. Dann gab es die Afterparty bei mir im Club und er wartete dort auf mich. Ich wusste, dass er das tun würde. Steinbock trifft Steinbock. Wir hatten etwas auszutauschen, es war Liebe auf den ersten Blick. Du hattest zu diesem Zeitpunkt selber keine einzige Bowie-Platte zuhause, warst also kein Fan im klassischen Sinne. Absolut nicht. Ich stand auf die Rolling Stones, Supertramp und das Electric Light Orchestra. Ich hatte keine Ahnung von Bowie und Ziggy Stardust, das habe ich alles erst später erfahren. Ich wusste nur was über seinen Drogenkonsum. (lacht) War er angepisst, dass du sein Werk nicht kanntest? No, he was amazed! Ich hatte ein halbes Tonstudio zuhause, weil ich damals immer die ganze Musik zusammengeschnitten habe für die Shows in meinem Laden. Da standen 3.000 bis 4.000 Platten rum und er fing plötzlich an zu suchen. Ich frage ihn: „What are you looking for?“, und er

FOTO: JOSEPH WOLFGANG OHLERT

Die schöne Romy Haag im Café Grosz in Berlin, das direkt am Kurfürstendamm liegt


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sagte: „Where are my records?“ „Ich habe keine Platten von dir, sorry“, musste ich ihm antworten. Er hat dann nachts noch bei seiner Plattenfirma angerufen und die haben drei Stunden später 27 oder 28 Bowie-Platten vorbeigebracht. Die ganze Collection. Am nächsten Tag hatte er eigentlich ein Konzert in Hamburg. Er wollte dort nicht hin. Ich sagte zu ihm: „Du musst gehen!“ Er sagte: „Aber nur, wenn du mitkommst.“ Ich wollte oder konnte nicht mit, ich hatte ja einen Laden mit 20 Transen zu führen! Schlussendlich musste das Konzert in Hamburg vier Stunden später anfangen als geplant, weil er so lange zögerte. Danach ist er extra zurück nach Berlin gekommen, um mir zu sagen, dass er mich mit zum nächsten Konzert nach Paris nehmen will. Ich dachte, Paris ist o. k. Er hat mich vom Flughafen abholen lassen, von einem cremefarbenen Bentley aus den 20er-Jahren mit weißen Reifen. Das war ein tolles Entrée. Hinter der Bühne, beim Konzert, war ich erst mal total geschockt, weil da wirklich Kokain in großen Schalen herumstand. Keine Lines – riesige Schalen voll davon. Bowie ging auf die Bühne und die Französinnen in der ersten Reihe haben alle ihre Schlüpfer ausgezogen und auf die Bühne geschmissen. Er ging dann kurz wieder von der Bühne runter, um zu kotzen. Er hat wirklich gekotzt und ist dann wieder rauf und hat weitergesungen. (lacht) Später bin ich zurück nach Berlin und Bowie hat jeden Tag angerufen. Irgendwann sagte er, dass er nach der Tour hierher ziehen würde. Und so ist er dann in Berlin gelandet. Ich war ganz nervös, weil ich eigentlich keinen Menschen dauerhaft in meiner Nähe ertrage. Ich hab ihm gesagt, dass er sich ’ne Wohnung suchen soll. (lacht) Und dann war er da. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er hier in erster Linie einen Drogenentzug machen wollte. Das war natürlich alles sehr schwer, er war damals fix und fertig. Es gab viel Skandalpresse weltweit. Titelseiten voll! „Ist Bowie mit einem Mann zusammen?“ und so was. Das war wirklich furchtbar. Er hat deswegen riesigen Ärger bekommen mit seiner Plattenfirma. Die haben angerufen und wollten, dass er die Beziehung beendet. Die Story wäre nicht gut für sein Image. Obwohl sein Image in den Siebzigern ja eigentlich wahnsinnig queer war … Ja, interessant, oder? Aber das ging dann plötzlich so gar nicht. Es gab einen Riesenkrach. Nach der ganzen Presse über unsere Liaison hat seine Frau Angie Bowie die Scheidung eingereicht. David musste jeden Tag mit Rechtsanwälten aus L. A. sprechen. Ich dachte nur, was interessiert mich das

alles überhaupt? Im Grunde genommen war mir das alles viel zu stressig! Ihm wahrscheinlich auch. Am liebsten saß er in meiner Garderobe, hat an meinen Schminksachen geschnüffelt und sich alles angeschaut. Wir waren sehr zärtlich miteinander. Sehr romantisch. Auch, als uns beiden klar wurde, dass es langsam auseinandergeht. Ich hatte meinen Job and he had to earn money. Dir fiel damals schnell auf, dass Leute plötzlich mit dir Kontakt haben wollten, bloß weil du was mit Bowie hattest. Erzähl mal von den Schattenseiten.

„Leute kamen auf mich zu und fragten mich nach den Stellen meines Körpers, die er geküsst hatte, weil sie mich auf dieselbe Stelle küssen wollten“ Die Schattenseiten waren schrecklich! Leute kamen auf mich zu und fragten mich nach den Stellen meines Körpers, die er geküsst hatte, weil sie mich auf dieselbe Stelle küssen wollten. Das musst du dir mal vorstellen! So was Extremes hab ich noch nie erlebt. Da bin ich nicht so gut mit klargekommen. Für mich war David ein kleiner Junge. Ein zärtlicher kleiner Junge, der in den Arm genommen werden möchte und um Hilfe geschrien hat. Und das Schreckliche für mich ist, dass selbst heutzutage, wenn eine neue CD von ihm rauskommt wie vor einem Jahr, ich 420 Anfragen für Interviews bekomme! Das kotzt mich an, deshalb spreche ich kaum noch über dieses Thema. Obwohl es dir auf den Keks geht, spielt Bowie in deinem künstlerischen Schaffen eine Rolle. „,Heroes“ gehört zu deinem festen Repertoire. Hat er dich künstlerisch beeinflusst? Es war ein Geben und Nehmen. Die Delfine in „,Heroes“ zum Beispiel sind meine Erfindung. Auch das Video zu „Boys Keep Swinging“ muss man sich bloß anschauen – das bin ich! Aber natürlich hat er mich auch inspiriert. Habt ihr über seine Arbeit im Studio gesprochen? Ich nehme an, er ist täglich in die Hansa-Studios gefahren.

Ich bin nie mit im Studio gewesen. Ich war immer im Laden und er hat meistens nachts aufgenommen. Aber wir haben oft stundenlang im Bett gelegen, er hat Texte geschrieben und geändert und wollte immer meine Meinung dazu wissen. Magst du Bowies Berlin-Trilogie überhaupt? Ich glaube, das war eine seiner kreativsten Phasen. Aber das war natürlich keine Mainstream-Musik, deshalb gab es damals auch noch Krach mit der Plattenfirma. Mein Favourite-Song ist aber aus einer anderen Phase: „Space Oddity“, die italienische Version. Die finde ich herrlich. Und „Rock ’n’ Roll Suicide“. Bowie stand immer schon für etwas, das man heute als „queer“ bezeichnen würde. Hat er sich mit solchen Konzepten wirklich befasst oder ging es in erster Linie um Vermarktung? Ich glaube, dass vieles davon von Angie Bowie (seine Ex-Frau – Anm. d. Red.) kam. Leider wird sie in dieser Ausstellung kaum erwähnt. Die hat viel in sein Image reingegeben. David verstand aber, dass die Rolle des Ziggy Stardust gut zu ihm passte. Bezeichnenderweise hat er aber immer zu mir gesagt: „Du bist eigentlich Ziggy Stardust! I am not.“ Er versuchte, Ziggy loszuwerden. Hast du dich jemals von ihm kreativ ausgenutzt gefühlt? Bowie hat sich immer Inspiration geholt von den Leuten in seinem Umfeld. Ein Dankeschön im engeren Sinne hab ich nie bekommen. Ich erhielt noch jahrelang eine Postkarte mit Weihnachtsgrüßen, aber das war’s dann. Für viele hat sich mit der letzten Platte und der Single „Where Are We Now?“ ein Kreis geschlossen. Bowie singt über seine Zeit in Berlin. Wie hast du den Song erlebt? Was mich ergriffen hat dabei, war, dass er wahrscheinlich Langeweile und eine Sehnsucht nach der Vergangenheit hat. Das war der Eindruck, den ich bekam. Leute aus seinem engeren Umfeld haben mir auch bestätigt, dass er gelangweilt ist. Er benimmt sich wie Greta Garbo. Inwiefern? Ich glaube, er hat noch nicht den Mut, sich alt zu zeigen, obwohl er das in seinen Videos bereits tut. Er will vielleicht das Publikum erst mal daran gewöhnen, schaut sich die Reaktionen an, und dann erscheint er ganz plötzlich eines Tages wieder. Das denke ich. Interview: Jan Noll Der Autor ist Chefredakteur unseres Partnermagazins SIEGESSÄULE – Queer Berlin

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BUCH

GANZ OHNE SCHEMA

Cory Silverberg & Fiona Smyth Wie entsteht ein Baby? Mabuse-Verlag

Wie sag ich’s meinem Kinde? Viele heterosexuelle Mütter und Väter tun sich schwer damit. Und die schwulen und lesbischen, von denen es bekanntlich immer mehr gibt, erst recht. Denn jedes Kind fragt irgendwann, wo es eigentlich herkomt – und wie das mit dem Babymachen geht. Erklär das mal in kindgerechter Sprache! Und so, dass das eigene Familienbild von zwei Müttern, zwei Vätern oder andere Konstellationen nicht ins Wanken geraten. Fortan lässt sich dafür ein Buch zur Hand nehmen, das auf wunderbare wie geniale Art in Bild und Text erklärt, wie ein Kind entsteht.

Die entspannten Kanadier zeigen, wie es geht: Cory Silverberg hat einige wenige Zeilen geschrieben, Fiona Smyth hat sie zeichnerisch umgesetzt. Das Ergebnis verblüfft, weil wirklich ein kluges Buch „für jede Art von Familie und jede Art von Kind“ herausgekommen ist, weil auf Heteronormativität gepfiffen wird, weil hier auf Schemata verzichtet und nicht in Mann/Vater und Frau/Mutter unterteilt wird. Sondern so: „Nicht alle Menschen haben eine Eizelle in sich. Manche ja, mache nein.“ Und genau so ist es auch bei der Samenzelle oder der Gebärmutter. Andreas Hergeth

PETER-PAN-SYNDROM

Fabian Hischmann Am Ende schmeißen wir mit Gold / Berlin Verlag

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So geht Popliteratur: Man nehme ein bisschen Kindheit und Adoleszenz, vermische es mit der Jetztzeit von ein paar Thirtysomethings und verpacke es in knappen Kapiteln in noch kürzeren Sätzen. Dazu je ein Scheffel Ironie, Sarkasmus, Witz, Jugendjargon, Sex (irgendwie auch schwul sollte er sein), dazu eine Prise Intellekt. Wer jetzt noch gut schreiben kann, landet mit dem Rezept vielleicht einen Hit. Fabian Hischmann ist das zuletzt gelungen. Das ruft Neider auf den Plan: Allzu kalkuliert wäre der Roman geschrieben. Ja, na und? Wer unterhält, hat recht! Also selber lesen und urteilen. Hischmann, 1983 in Donaueschingen geboren, lebt in Berlin, studierte Kulturwissenschaften und Literatur in Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ ist sein Debütroman. Biografisch naheliegend, werden Provinz mit Großstadt, Studium mit

Elternhaus, heterosexuelle Freunde von früher mit schwulen Freunden von heute verwoben. Das liest sich prima weg und macht Spaß. Weil man sich selbst erkennt. Weil der lakonische Unterton einen Nerv trifft. Weil man sich hier und da richtig aufregen kann. Und weil die Generation rund um Ende zwanzig, Anfang dreißig präzise beschrieben scheint: Noch nicht gänzlich erwachsen, gibt man sich jugendlichem Verhalten hin – vor allem im Bereich der (Sehn-)Süchte. „Was ist mit dir, bist du sechzehn?“, fragt der Held seinen Besucher Valentin, weil der sich nicht gleich am ersten Abend die Kante geben will. Letzlich lässt sich dieser kleine wie feine Roman – nur der Teil über die Amerikareise wirkt störend – als Chiffre auf alle Jungmenschen lesen, die nicht erwachsen werden wollen, können, müssen. Und am Ende schmeißen sie mit Preisen! ah

FOTO : © ANDREAS FUX | ILLUSTRATION: MABUSE-VERLAG

Fabian Hischmann hat einer nicht erwachsen werden wollenden Generation einen Roman geschrieben: „Am Ende schmeißen wir mit Gold“


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DU&ICH 06/07 2014

Frings feierte seinen bisher größten Erfolg als Autor mit „Der letzte Kommunist“

Fex und Hahn, zwei Berliner Anfang vierzig, sind seit der gemeinsamen Schulzeit in Bonn enge Freunde, und das trotz einiger Unterschiede. Ersterer ist ein Diplomatensohn aus gutem Hause, ein schwuler Chaot, der alle paar Monate den Job wechselt. Letzterer kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, ist hetero und verdient sein Geld seit vielen Jahren als leidenschaftlicher, in der Hauptstadt nicht unbekannter Radioreporter. Durch ebendiese Stadt bewegen sich die zwei wie durch ein buntes Universum, in welchem sie unter anderem auf die lesbische Raverin Ka, den schwulen Berufsclubber Tom, die grüne Bundestagsabgeordnete Bärbel, den verarmten Ex-Barinhaber Wolle und die Sexparty-Veranstalterin Missy treffen. Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass ausgerechnet Hahn eine positive HIV-Diagnose bekommt. Schnell stellt sich heraus, dass er sich bei Fex, der ebenfalls positiv getestet wird, angesteckt haben könnte: Vor vielen Jahren sind die beiden mal zusammen abgestürzt. Erschreckend schnell geht es mit Hahns Gesundheit bergab. Erschreckend ist auch, dass die geradezu brüderliche Freundschaft der beiden nun auf der Kippe steht – während im Hintergrund Christo und Jeanne-Claude den Reichstag silbern glänzend verhüllen, denn wir befinden uns im Sommer 1995. Tatsächlich stellt das Reichstagsspektakel eine schöne Metapher für die Umbruchgeschichten dar, die Matthias Frings in seinem neuen Roman

AUF DER KIPPE Matthias Frings’ neuer Roman „Manchmal ist das Leben“ berichtet von den Abenteuern und Kämpfen zweier Freunde im Berlin des Jahres 1995

„Manchmal ist das Leben“ episodenhaft auffächert, wobei die geschilderten Umbrüche ziemlich schmerzvoll sind. Denn Ka, Missy, Fex und wie sie alle heißen, werden Krankheit, Selbstmord, Trennung und anderen Katastrophensituationen ausgesetzt. Dass Frings die Handlung um knapp 20 Jahre in die Vergangenheit zurückverlegt und damit 1990erJahre-Phänomenen wie Techno, Loveparade, Nirvana und eben auch Aids Tür und Tor öffnet, zeigt nicht nur, dass anno 2014 genug Zeit vergangen scheint, um sich diesem Jahrzehnt differenziert anzunähern. Es führt auch vor Augen, wie konträr sich Ost- und Westdeutschland damals noch gegenüberstanden, weil sie es heute eben nicht mehr tun. Darüber hinaus wirkt der Kulturhintergrund der 1990er erfrischend und stimmig in Bezug auf die originellen Figuren und die szenisch-lebendigen, multiperspektivisch und detailreich erzählten Geschichten. Besonders gelungen ist dabei das atmosphärisch dichte Sexparty-Kapitel. Und dennoch, irgendetwas fehlt, etwas stört. Frings kann gut schreiben, und das weiß er auch, denn er tut es handwerklich zu routiniert, zu sicher, zu kalkuliert, nicht fesselnd genug. Regelrecht unzureichend ist die Aufmachung des Buchs. Die fiesen Farben auf dem Einband und die verwendeten Schriftarten und -größen bereiten wenig Freude. Also, liebes Team vom Querverlag, bitte künftig ansprechender layouten! Michael Thiele

Matthias Frings Manchmal ist das Leben / Querverlag

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DU&ICH 06/07 2014

FILM

HETERO? LANGWEILIG! Eins ist klar: Im Mainstream-Kino überwiegen heterosexuelle Figuren, schwule spielen die zweite Geige. Dabei sind sie eigentlich viel spannender ausgestaltet. Ein Essay

Ein Schwuler in einem multimillionenschweren Event-Blockbuster! Gab’s das eigentlich schon mal? Und hieß es nicht immer so schön heterofeindlich, dass die gemeine Durchschnittshete gar nicht in der Lage wäre, sich mit irgendwas zu identifizieren, was ihr nicht permanent „Ich bin so wie du“ von der Leinwand entgegenschrie?

Ausgerechnet Roland Emmerich, der ungekrönte König des Desaster-Kinos, schickt sich derzeit an, einen Film über die 1969er-Stonewall-Aufstände zu inszenieren – das zentrale Erweckungsmoment der Homo-Bewegung. Böse Zungen prophezeien schon Horden von CGI(=computergenerierten) Transen, die gleich einer Flutwelle über einen Haufen New Yorker Polizisten hinwegfegen. Dabei kommt die Ankündigung so überraschend nicht. Emmerich unterstützt seit Jahren aktiv amerikanische Antidiskriminierungspolitik und hatte mittlerweile auch sein öffentliches Coming-out als schwuler Mann. Dass mit Jeremy Irvine nun ausgerechnet ein heterosexueller Allerweltsschönling die tragende Rolle übernehmen soll, lässt allerdings die Aussicht auf CGI-Transen wieder deutlich verführerischer erscheinen. Aus Homo-Perspektive ist aber ein Projekt spannender, das „Stonewall“ folgen wird und Emmerich zu den Stoffen zurückbringt, die ihn weltberühmt gemacht haben. Die Rede ist von

„Independence Day 2“ – genau, der Fortsetzung zu jenem unterhaltsamen Alien-InvasionsQuatsch mit Will Smith. Denn vor geraumer Zeit ließ der Regisseur die Bombe platzen und kündigte in einer der tragenden Rollen einen schwulen Mann an. Ein Schwuler in einem multimillionenschweren Event-Blockbuster! Gab’s das eigentlich schon mal? Und hieß es nicht immer so schön heterofeindlich, dass die gemeine Durchschnittshete gar nicht in der Lage wäre, sich mit irgendwas zu identifizieren, was ihr nicht permanent „Ich bin so wie du“ von der Leinwand entgegenschrie? Ausgesprochene Film-Nerds können sich möglicherweise vage an die beiden Tunten in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) erinnern, die kurz vor dem Fund der letzten goldenen Eintrittskarte samt Pudel als fleischgewordenes Klischee über die Straße stolzieren. Ein groteskes Detail in einem das Groteske liebenden Tim-Burton-Film! Und kaum mehr als ein flüchtiger Filmmoment. Dennoch: So revolutionär ist Emmerichs Ankündigung nicht.

FOTOS: 20TH CENTURY FOX HOME ENTERTAINMENT

Ganz übles homophobes Film-Beispiel: Mel Gibsons Schlachtengemälde „Braveheart“

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DU&ICH 06/07 2014

Minderheiten im Blick: Szene aus dem ersten „Independence Day“-Film. Im nächsten soll es eine schwule Hauptrolle geben

Schon beim Blick in die 80er-Jahre wird man fündig: zum Beispiel in David Lynchs finanziell gescheiterter Weltraumoper „Dune“ (1984). Auch Lynch setzt zwischen dem Grotesken und Homosexuellen ein schlichtes Gleichheitszeichen. Und so verwundert es kaum, dass eine der ersten schwulen Figuren des Event-Kinos ein veritables Monster ist: Baron von Harkonnen, der in einer blutigen Schlacht die Macht auf dem Planeten Arrakis an sich reißt. Ein fetter, sadistischer, von eiternden Beulen übersäter Mann, der mit Hilfe einer technischen Konstruktion beständig in der Luft schwebt, damit ihn sein eigenes Gewicht nicht erdrückt. Das Objekt der Begierde ist sein Neffe Feyd-Rautha, gespielt von Sting, der halbnackt in einer Art Unterhose mit Flügeln (vorne!) rumrennt. Bekannte Kritiker wie Robin Wood schmähten das Werk als homophobe Fantasie und Ausdruck der grassierenden Aids-Paranoia – nicht zuletzt wegen einer ungeheuerlichen Szene, in welcher der Mord des Barons an einem Sklaven als grausige Vergewaltigung inszeniert ist. Und doch hat der ziemlich wirr erzählte Film seine offensive Wirkung mit den Jahren verloren. Harkonnen ist hier nur ein absurdes Element unter vielen. Mit seinen barocken Weltraumpalästen oder den spermien artigen Außerirdischen, die in riesigen Trögen transportiert werden, während Männer in Lack mit schwarzen Besen hinter ihnen herfegen, ist „Dune“ vor allem eins: feinster Camp, basierend auf einem einfachen Prinzip. Die Bösen sind schwul und punkig – Sting mit Sid-Vicious-Frisur – und die Guten sind heterosexuell und langweilig. Eine jüngere Generation, die mit genügend positiven queeren Identifikationsfiguren aufgewachsen ist, kann mit den charismatischen Bösewichtern von einst so einen deutlich distanzierteren und entspannteren Umgang pflegen. Trotzdem geht man nicht gern ins Kino, um sich als schwuler Mann beleidigen zu lassen. Und beleidigt wurde man in Mel Gibsons überteuertem Schlachtengemälde „Braveheart“ (1995) um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. Nun sind Gibsons Filme nicht dafür bekannt, besonders sensibel mit jeder Art von Minderheit umzugehen. Doch sein schwächlich-schleimiger, effiminierter Prinz Eduard ist der zweifelhafte Höhepunkt in einem Figurenkanon, der sich seit jeher mit Vorurteilen und Rassismen schmückt. Perfide wird es, wenn Eduards stolzer Vater dessen Liebhaber in einer Art Reinigungsakt aus dem obersten Turmfenster in die Tiefe befördert. Gibson, der sonst um homophobe Statements nie verlegen war, versuchte sich hier immerhin mit der mageren Ausrede zu rechtfertigen, dass eine komplexere Ausgestaltung der Figur zwar gewollt, aber nur das Tempo des Films behindert hätte. Noch viel weiter zurück in der Historie führt Zack Snyders Comicverfilmung „300“ (2007) über den bei Herodot überlieferten Kampf

zwischen Spartanern und Persern. An die mittelalterlichen, homoerotischen Darstellungen des von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian erinnern die nackten, muskulösen Männerkörper, die hier im Sekundentakt von phallischen Speeren durchbohrt werden. Das ist zugleich morbide, homophile Fantasie wie rassistisches Machwerk. Die Gefahr aus dem Morgenland tritt uns als Perserkönig Xerxes in Gestalt einer mit Schmuck behangenen Dragqueen entgegen, die offensiv den König von Sparta anbaggert und ihre Forderung nach Unterwerfung durchaus auch im sexuellen Sinne versteht. Aber kennt das Event-Movie wirklich nur schwule Monster, Freaks und Bösewichter? Ausgerechnet in apokalyptischen Filmen mit ihrer harschen, sozialdarwinistischen Aussortierlogik findet sich die Ausnahme. Normalerweise gilt im rigiden Moralsystem des Katastrophenfilms die Regel: Wer alt, fett, vielleicht noch promiskuitiv ist oder gar mit ausländischem Akzent spricht, hat keine Chance, das Ende des Films zu erleben. Ob Lavaströme, Feuerbälle, Tsunamis oder radioaktive Verstrahlung – irgendein grausamer Tod wird sich schon finden. In Emmerichs „Independence Day“ (1996) wird zum Beispiel die dickliche Sissy – die natürlich nie mit Freund zu sehen ist, aber immerhin wunderbar gespielt wird von dem schwulen Schauspieler Harvey Fierstein – gleich von der ersten Explosionswelle dem Feuertod überantwortet. Ein Schicksal, das Richard Dreyfuss („Der weiße Hai“) in Wolfgang Petersens trickgeladenem Remake des Klassikers „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) überraschenderweise erspart bleibt. Er spielt einen alternden, eigentlich suizidalen Schwulen, der in einem von einer Flutwelle erfassten Luxusliner nun doch den Überlebenskampf aufnimmt. „Poseidon“ (2006) mag vor allem launiger Trash sein, aber er ist auch klug genug, mit der ein oder anderen Genre-Norm Tabula rasa zu spielen. Nicht nur dass Dreyfuss zu den Sympathieträgern gehört, er bleibt dies selbst dann noch, wenn er im Film das Leben eines anderen opfern muss, um sein eigenes zu retten. Das Drehbuch wird ihn weder dafür noch für seine Homosexualität bestrafen. Das Unmögliche geschieht: Er überlebt! Allerdings bleibt er im Kino da eine weitgehend rühmliche Ausnahme. Wirkliche schwule Helden sind nicht in Sicht, es sei denn, man fantasiert sich krampfhaft irgendetwas in Batman und Robin hinein. Emmerichs Geschichtslektion zu Stonewall mit irgendeinem BubiFace in der Hauptrolle wird daran nichts ändern. Viel entscheidender fürs Kino und auch sozial relevanter wäre endlich ein queerer Held, der es mit schleimigen Tentakel-Aliens aufnimmt. Andreas Scholz „Braveheart“ und „Independence Day“ auf DVD bei 20th Century Fox Home Entertainment

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DU&ICH 06/07 2014

FILM „Tiefe Wasser" wurde beim Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary 2013 ausgezeichnet. Neben dem Spiegel: Mateusz Banasiuk

FREISCHWIMMEN ZUM COMING-OUT Schon wieder ein schwuler Film aus Polen. Nach dem sehenswerten „Im Namen des …“ (DU&ICH berichtete) kommt jetzt das Coming-out-Drama „Tiefe Wasser“ ins Kino. Besondere Subventionen für Filme mit LGBT-Themen gibt es in unserem östlichen Nachbarland zwar nicht. Bemerkenswert ist aber, dass Schwule in polnischen Filmen nicht mehr als exotische Nebenfiguren auftauchen, sondern mit ihren Problemen im Zentrum stehen. In „Tiefe Wasser“ hat der angehende Profischwimmer Kuba eine Freundin, aber heimlich Sex mit Männern. Doch dann begegnet er einem Mann, in den er sich verliebt. Macho Kuba kämpft lange gegen dieses Gefühl, während seine klammernde Freundin Verdacht schöpft. Ein böses Ende scheint nahe. Das klingt jetzt wie ein Copy & Paste des deutschen Polizistenstücks „Freier Fall“. Ist es strekkenweise auch. Dennoch gibt es fünf gute Gründe, sich den Film anzusehen. 1. Die Hauptdarsteller Mateusz Banasiuk (29) versprüht auf der Leinwand herben Lukas-Podolski-Charme und macht beim Training in der Badehose eine gute Figur. Die freizügigen Sexszenen sind eher trist als erotisch angelegt, dennoch guckt man dabei gerne auf Banasiuks athletischen Körper. Dazu ist er auch ein guter Schauspieler. Kubas Entwicklung von der Klemmschwester bis zum Coming-out stellt er ohne Firlefanz glaubwürdig dar. Bartosz Gelner (26) spielt Kubas Lover und hält sowohl schauspielerisch als auch optisch mit. 2. Die Dialoge Filme sind oft besser, wenn sie mit wenig Dialog auskommen. Die Story sollte sich durch Bilder er68

zählen. Drehbuchautor und Regisseur Tomasz Wasilewski verknappt die Gespräche der Akteure auf ein Minimum. Übrig bleiben Dialogrümpfe, die pointiert die Handlung weitertreiben. Im Gegensatz zu „Freier Fall“, wo auch viel stereotypes Gequatsche zu hören war. 3. Die visuelle Atmosphäre Wasilewski verortet die Geschichte in kargen Innenräumen und einem nächtlichen Warschau an stark befahrenen Straßen, wobei nur der Lärm der Fahrzeuge zu hören ist. Die minimalistischen Kompositionen wirken wie ein Protagonist der Handlung und bebildern gelungen die Gefühlsräume der Charaktere. 4. Die Mütter Die Mütter der schwulen Männer fallen auf. Sie wirken jung und mehr wie große Schwestern. Was anfangs wie ein Vorteil für ein Coming-out wirkt, entpuppt sich aber als Finte. So beklemmend wie die Szene, in denen Kuba seiner Mutter in der Badewanne den Rücken massieren muss. 5. Die Schwimmszenen Kuba ins Wasser eintauchen und elegant die Bahn lang kraulen zu sehen, gefilmt von einer Unterwasserkamera, ist ein cinematografischer Genuss. Doch auch hier lässt Wasilewski die Chance nicht ungenutzt, den Raum und das Wasser als erzählendes Element in die Handlung zu integrieren. Und so schaut man gespannt zu, wie Kuba sich gegen eine repressive Gesellschaft und seine eigenen Ängste freizuschwimmen versucht. Peter Fuchs Ab 26. Juni im Kino

FOTOS: SALZGEBER

Schon wieder ein schwuler Film aus Polen. Fünf gute Gründe, warum man sich „Tiefe Wasser“ von Tomasz Wasilewski ansehen sollte


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DU&ICH 06/07 2014

HINREISSEND SCHÖN Portät des Hauptdarstellers Niels Schneider aus dem Film „Begegnungen nach Mitternacht“ Erblickt der Kinozuschauer die markante Nase von Niels Schneider auf der Leinwand, kann er sich der Attraktivität des Frankokanadiers schwer entziehen. Mit dem gelockten Haar und dem jünglingshaften Lächeln verkörpert der 26-jährige Schauspieler punktgenau das klassisch-antike Schönheitsideal. Damit provoziert er die Filmkritiker zu Vergleichen aus der Kunstgeschichte mit einer beachtlichen Bandbreite. Manche halten ihn in ihren Rezensionen für den kleinen Bruder von Michelangelos David, andere für einen der zwei niedlichen Cherubinen von Raffael. Einige frösteln bei seinem Anblick, weil er ihrer Meinung nach die kalte Erotik eines Models von Caravaggio verströme, auf andere wirkt er, als sei er eben aus einer fragilen Zeichnung von Jean Cocteau gestiegen. Auf alle Fälle: Die Kamera liebt den Anblick von Niels Schneider. Und deshalb tut es der Zuschauer auch. Von diesem Charisma ließ sich auch der Filmregisseur Xavier Dolan inspirieren und besetzte Schneider in „Herzensbrecher“ als Objekt der Begierde eines schwulen Mannes und seiner besten Freundin. Zwar spielte Schneider in dem Film nur die blanke Folie für die narzisstischen Projektionen der beiden, aber auch der

Zuschauer konnte sich an den fetischistischen Zeitlupe-Aufnahmen von Schneider kaum sattsehen. Von so viel Schönheit sollte man sich aber nicht blenden lassen. Der Mann hat die Darstellungskunst im Blut, wurde er doch in eine Familie von Schauspielern geboren. Als der älteste seiner vier Brüder – sein großes Schauspielervorbild – bei einem Autounfall starb, traf ihn der Verlust schwer. Umso wichtiger war ihm, am Traum der Schauspielerei festzuhalten. Noch als Teenager feierte er in Kanada erste Bühnenerfolge als junger Liebhaber in „Harold und Maude“. Kurz danach erste Filme und dann peng – Auszeichnung als Newcomer des Jahres beim Filmfestival in Cannes für seine Rolle in „Herzensbrecher“. Aktuell sehen wir Schneider in dem etwas sperrigen Arthouse-Movie „Begegnungen nach Mitternacht“. Als geheimnisvoller Nicholas lädt er mit seiner Geliebten und einer schnippischen Schwanzzofe zu einer Orgie nach Mitternacht. Die Gäste tragen dabei so sprechende Namen wie „der Hengst“ oder „die Schlampe“. Deftige Sexszenen sind jedoch nicht zu erwarten, denn der Film ist ein artifizielles Nachtstück, das sich interessant auf die Befindlichkeiten der Akteure konzentriert und „Actionszenen“ mehr im Dunkeln belässt. Dem Regisseur war die Schönheit Schneiders wohl ein wenig zu augenfällig. Er verpasste ihm kurzerhand eine Augenklappe. Man hängt trotzdem an seinen Lippen. Wer sich nach dieser Eloge auf Schneiders Aussehen selbst ein (fast) realistisches Bild machen will, sollte in diesen Tagen nach Paris reisen. Dort gibt er auf der Bühne den Romeo in Shakespeares Liebestragödie. Laut Kritikern herzzerreißend schön. pf Ab 10. Juli im Kino

Niels Schneider trägt im Film „Begegnungen nach Mitternacht" die Augenklappe die ganze Zeit

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DU&ICH 06/07 2014

FILM

COMING-OUT ANDERSRUM

Guillaume ist ein stark mutterfixierter, unsportlicher, etwas pummliger junger Mann, der von allen für schwul gehalten „Maman und ich“ spielt mit Klischees – das ist echt komisch wird. Für das Raubeinige in der Familie sorgen seine Brüder. Zum Essen ruft Maman denn auch „Die Jungs und Guillaume: zu Tisch!“, weil sie in dem anderen Sohn eher ein Mädchen als einen Jungen sieht. Aber sein Phänotyp und seine feminine Körpersprache sind es nicht allein: Er liebt es, sich als Sisi von Österreich zu kostümieren oder Flamenco zu tanzen. Jeder Versuch, sich als hetero zu „bekennen“, wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb verliebt er sich im Internat in Jeremy, deshalb versucht er später einen One-Night-Stand mit einer Club-Bekanntschaft. Beides schlägt grandios fehl.l In diesem Film wird buchstäbGuillaume Galienne wird lich das Unterste zuoberst gevon Götz Otto malträtiert kehrt. Das Spiel mit den Klischees ist saukomisch und geht bis ins Anarchische, ins Absurde sowieso. Durch seine Sozialisation quasi zwangsschwul, findet Guil- in der Tonlage der Hauptfigur. Guillaume Gallienne hat Teile seiner laume nach all den zwangsverordneten Lebenshilfen seine Identität: eigenen Biografie zugrunde gelegt, zuerst für das Theaterstück, jetzt für die Verfilmung, in der er zudem in der Rolle der Mutter glänzt. Er ist hetero und wird eine Frau heiraten. Frank Hermann Es ist freilich stellenweise kaum glaubhaft, dass diese leidlich sympathische Figur nicht schwul sein soll, was leider auch der deutschen Synchronisation anzulasten ist, denn klischeemäßiger geht es kaum Ab 5. Juni im Kino

12 JAHRE IM LEBEN EINES JUNGEN

Mason (Ellar Coltrane) mit Vater (Ethan Hawke)

Regisseur Richard Linklater („Before Sunrise“) konzipierte vor mehr als 12 Jahren ein einzigartiges cineastisches Experiment, einen Film über das Erwachsenwerden eines Jungen – als Langzeitbeobachtung. Als Doku kennt man dieses Sujet, in Form eines Spielfilms ist es ein Meilenstein: Von 2002 bis 2013 begleitete Linklater den zu Beginn sechsjährigen Mason (Ellar Coltrane) bis zum College. In über die Jahre verteilten Episoden und prägnanten Szenen wird die Geschichte von Mason, seiner Schwester (Lorelei Linklater) und den geschiedenen Eltern (Patricia Arquette, Ethan Hawke) erzählt. Die beinahe drei Stunden Film gehen vorbei so kurzweilig und schnell wie das wirkliche Leben. Die schauspielerischen Leistungen – allen voran Hawke und Arquette: wow! – sind so intensiv, dass man das Gefühl hat, man kenne die Personen. Warum steht der Film hier? Weil es selten eine berührendere Coming-of-Age-Geschichte im Kino gegeben hat und weil Kindheit und Jugend ein universelles Thema sind. fh Ab 5. Juni im Kino

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FOTOS: CONCORDE FILMVERLEIH | UNIVERSAL PICTURES

Universelles Thema: „Boyhood“ ist ein cineastischer Meilenstein


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DU&ICH 06/07 2014

DVD

UNERREICHT! „I Am Divine“: Liebevolle Hommage an die größte Trash-Ikone aller Zeiten „I Am Divine“ von Jeffrey Schwarz ist eine liebevolle Hommage an Divine (Foto), die unvergleichliche, bis dato größte Trash-Ikone. Vom ewig gehänselten Teenager zum Underground-Superstar: Der Ex-Friseur, Partyfreak, Lebensmittelfetischist und bekennende Vielkiffer wurde zum Idol und Trost aller Unangepassten und Außenseiter, die es „denen“ mal richtig zeigen wollten. Die von Trash-Meisterregisseur John Waters angekurbelte Karriere führte von surrealistisch-anarchistisch-visionären Filmen zum Off-Broadway-Theater, in die schwulen Diskotheken und auch ins MainstreamKino. Das Drag- und das schwule Image wurde Divi allerdings nie wirklich los, auch als er ins Charakterfach wechselte. Er starb 1988 an Herzversagen als Folge von Fettleibigkeit. Zeitzeugen – besonders rührend die Mutter! – geben schöne Einblicke in das hektische, glamouröse, erfüllte, leider zu früh geendete Leben dieses radikalen Künstlers und außergewöhnlich sympathischen und warmherzigen Menschen. Egbert Hörmann

I Am Divine Pro-Fun

ORIGINAL & FÄLSCHUNG „Hairspray“-Double-Feature in einer Box: Früher war besser!

Hairspray Original von 1988 & Remake von 2007 Warner Bros.

Wem nichts Neues einfällt, greift auf Erfolgreiches zurück und dreht ein Remake. Meist eine schlechte Idee. Das lässt sich nun auch anhand von „Hairspray“ nachvollziehen, das jetzt als Double Feature auf Blu-ray vorliegt. Die neue Technologie hat den bonbonbunten und übersatten Farben des Kultfilms von John Waters sichtlich gutgetan. Man darf schwelgen! Auch wegen der Songs von damals. Aber noch mehr wegen Kultstar Divine. Die spielt eine sittsame, stets bügelnde Hausfrau, während ihre pummelige Tochter davon träumt, einen

lokalen Tanzwettbewerb zu gewinnen … Das hat Witz und Tempo, der Film von 1988 ist rund 90 Minuten lang. Die Verfilmung des bekannten Musicals „Hairspray“, das auf dem gleichnamigen Film von John Waters beruht, ist mit einem unpassend besetzten John Travolta als fetter Mutti und mit zähen 117 Minuten misslungen. Hier singen die Darsteller zwar selbst, dennoch wirkt alles blutleer, ja steril. Einziger Lichtblick ist der Mini-Gastauftritt von John Waters – als Exhibitionist. ah

ZWEI DADDYS Modern Family Staffel 3 / Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Die Sitcom mit Ed O’Neill (bekannt als „Al Bundy“) als Big Daddy im Zentrum ist mit das Beste, was der USamerikanische Markt hergibt. Im deutschen TV läuft so was Brillantes in einem privaten Nischensender – warum nicht in der ARD oder im ZDF? Zu lustig? Zu schnell? Zu schwul? Anwalt Mitchell (Jesse Tyler Ferguson) hat zusammen mit Hausmann und Hobbyclown Cameron (Eric Stonestreet) die kleine Lily aus Vietnam adoptiert. In Staffel 3 soll jetzt ein kleines Brüderchen

hinzukommen, was sich als schwierig erweist – und eben vor allem lustig. Die Serie hat ein hohes Tempo, die Lacherdichte ist groß. Und es sind intelligente Witze in den kleinen 20-Minuten-Geschichten um Klischees oder Sterotype. „Modern Family“ – es könnte keinen passenderen Serientitel geben – zeigt ganz nebenbei, wie weit die amerikanische Gesellschaft schon ist, wenn Familie nicht mehr nur „Vater, Mutter, Kind“ meint, sondern sehr viel mehr. ah

COVER: LABELS | FOTO: PRO-FUN

Sitcom „Modern Family“ mit viel Patchwork, schwulen Eltern – und Witz


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DU&ICH 06/07 2014

Game of Thrones: Weltniveau Warum lieben wir die Serie bloß so? Gar nicht mal, weil es schwule Handlungsstränge mit für USA-Verhältnisse freizügigen Szenen gibt, auch in Staffel 3. Sondern weil sie brillant inszeniert und ausstaffiert ist, die Darsteller spitze und Geschichte wie Figuren hochkomplex. Leichte Kost ist „Game of Thrones“ also nicht, sondern richtig Arbeit – und Spaß. Am besten am Stück gucken, so behält man den Überblick. Wobei: Die Macher schaffen das Kunststück, zwischen den unzähligen Charakteren und Schauplätzen zu wechseln, ohne den Zuschauer dabei zu verwirren. So geht Unterhaltung auf Weltniveau. ah

Du willst sie alle! DU&ICH hat Sammlerwert: Hol dir zurückliegende Ausgaben deines Lieblingsmagazins ganz bequem nach Hause!

Game of Thrones / Warner Home Video Germany

American Vagabond: Weltverlassen Laut Schätzungen sind bis zu 40 Prozent der auf der Straße lebenden US-Amerikaner obdachlos, weil sie homosexuell sind und von ihren Familien verstoßen worden. Darum geht es in „American Vagabond“. Tyler und James hauen ab nach San Francisco, um ein besseres und eben schwules Leben zu führen. Am Ende stehlen sie Essen und prostituieren sich. Den glitzernden schwulen Castro-Lifestyle können sie sich nicht leisten. So bedrückend und alarmierend der Dokumentarfilm ist, so zäh und redundant ist er aufbereitet. Man ist irgendwie doppelt froh, wenn er vorbei ist. mit

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American Vagabond / Edition Salzgeber

Das letzte Spiel: Parallelwelt Havanna: Mangel überall, nur junge und hübsche Männer gibt’s wie Sand am Meer. Sie sitzen am Malecón, der berühmten Ufermauer, und warten auf Freier aus dem Ausland. Auch Reinier geht anschaffen, hat Frau und Sohn samt Schwiegermutter zu versorgen – alle wissen um seinen lukrativen Job. Eines Nachts lernt er Yosvani kennen, auch so ein armes Würstchen. Sie freunden sich an, spielen zusammen Fußball, verlieben sich ineinander, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Tragischer wie schöner Film aus einer anderen Welt. ah Das letzte Spiel / Edition Salzgeber

My Brother the Devil: Gegenwelt Zwei Söhne einer ägyptischen Einwandererfamilie in London: Cool und lässig findet Mo seinen älteren Bruder Rashid. Der liebt seinerseits den jüngeren Bruder, will ihm eine gute Ausbildung ermöglichen. Ganz uncool für Mo ist es, was Rashid sexuell mit einem bestimmten Kerl treibt, wie er herausfindet. So wird die Bruderliebe aufs Extremste in Frage gestellt. In ihrem Spielfilmdebüt zeigt die Regisseurin Sally El Hosaini den Vielfach-Spagat junger Migranten zwischen urbanem Machismo, Kriminalität, Religion, Fanatismus und (Homo-)Sexualität. Nicht neu, aber packend. fh My Brother the Devil / Edel

DU&ICH Nr. 490

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DU&ICH 06/07 2014

DVD

PORNOKOLUMNE VON JAN PETER

DIE RICHTIGE CHEMIE Warum es auf das gewisse Etwas auch beim Pornofilm ankommt

Fuck Crazy (1) von Cazzo ist allerdings so ein Streifen. Denn Regisseur Jörg Andreas hat allem Anschein nach einen guten Draht zu seinen Darstellern und versteht es, die trainierten Jungs und Männer in Szene zu setzen. Außerdem beweist das Label immer wieder ein glückliches Händchen beim Casting, denn die Stiere und Stuten sind allesamt massentauglich – und agieren so authentisch miteinander, als wäre keine Kamera im Raum. Besonders angetan hat es mir die Szene mit den beiden Jungstars Kayden Gray und JP Dubois. Denn beide haben nicht nur sehenswerte Körper, Riesenprügel und geile Gesichter, sondern passen wie Schwanz in Arsch zueinander. Im konkreten Fall: Greys Schwanz in Dubois’ Arsch, aber da sind die beiden Darsteller bekanntlich nicht festgelegt.

In Penance (2) von Bulldog spielt Kayden Gray ebenfalls mit – als Passiver. Doch leider macht das den Film noch lange

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nicht zu einem herausragenden. „Penance“ bedeutet im Englischen „Buße“. Das passt, denn der Film spielt im Beichtstuhl, wo verschiedene Priester und Sünder dafür sorgen, dass sie auch beim nächsten Kirchgang wieder etwas zu beichten haben. Die Darsteller sind heiß, die Beichtstuhl-Idee zwar nicht neu, aber gut. Doch leider stimmt die Chemie des Pornos insgesamt nicht: Einiges ist zu statisch, manches wiederholt sich nur mit neuen Darstellern, und 3 zumindest ein Teil der Jungs scheint nicht wirklich mit Leidenschaft bei der Sache. Aus der authentischen Kulisse und mit diesem Cast hätte man mehr machen können. Bei A Weekend with Lyle (3) von Eurocreme ist das anders. Ich muss zugeben: Als ich das Filmcover sah, wusste ich nicht, ob mir so ein Streifen gefallen würde. Denn Lyle Boyce ist ein schmächtiger Junge, der kaum volljährig wirkt und vor allem nicht so, als könne er einen ganzen Porno tragen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Lyle zeigt echtes schauspielerisches Talent, während wir ihn bei seinen Wochenend-Eskapaden begleiten. Der Vollblut-Bottom ist dabei 2 mit seiner Art und seinem sexuellen Verlangen so authentisch, dass die Chemie in diesem Film fast immer stimmt. Aus dem Kleinen könnte ein ganz Großer des Business werden. Der restliche Cast, also jene Jungs, mit denen sich Lyle in drei Szenen vergnügt, sowie das Pärchen, das eine Szene alleine bestreitet, ist übrigens ebenfalls sehenswert – allen voran der Latino-Stecher Danny Montero.

FOTOS: LABELS

Hatten Sie schon mal ein schlechtes Date? Also eins, bei dem Sie sofort wussten: „Das wird nichts?“ Ich schon. Und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell uns unser Unterbewusstsein signalisiert, dass die Chemie nicht stimmt. Auch bei Pornos geht es darum, dass die Chemie stimmt – gleich dreifach: unter den Darstellern, zwischen der Film-Crew und den Akteuren, und die Mehrheit der potenziellen Konsumenten sollte das Ergebnis auch sehen wollen. Da drei Wünsche auf einmal aber 1 bekanntlich nur schwer zu erfüllen sind, sind Erwachsenenfilme schwer zu finden, bei denen die Chemie in all ihren Varianten stimmt.


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Alexandra Jasper fotografiert gerne M채nner. Am liebsten in ihrer Heimatstadt Berlin. Am liebsten unkonventionell

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FOTOS: ALEXANDRA JASPER

BERLIN BOYZZ


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„Das Model wurde mir von der Modelfabrik geschickt, einer sehr guten Berliner Modelagentur, die mit traditionellen und unkonventionellen Models arbeitet. Eigentlich sollten es primär klassische Modelaufnahmen werden, aber als wir mit den regulären Studiofotos fertig waren und draußen die Sonne schien, haben wir uns spontan entschieden, noch etwas über den „Dächern von Berlin“ zu shooten. Ich arbeite gerne frei, der Stimmung folgend; wenn es zwischen dir und deinem Model funkt, macht es Spaß, einfach noch ein bisschen weiterzumachen und zu schauen was passiert. Gute Musik, gute Laune und keine Angst sind das Wichtigste. Die andere Art und Weise zu arbeiten ist sehr strukturiert: Von Grob- zum Feinkonzept, zu Models, Klamotten/Looks, Make-up und Styling und der allgemeinen Mood – alles muss genau geplant und vorher getestet werden. Oft suche ich tagelang nach einer geeigneten Location. Nach dem Shoot kommt die Bildauswahl zusammen mit dem Kunden und die Bearbeitung. In London habe ich mit vielen extremen Models aus der Alternative-Szene gearbeitet. In Berlin ist mein primärer Arbeitsbereich Fashion und Lifestyle sowie Männer! Männer zu fotografieren ist etwas völlig anderes als Frauen, du hast ganz andere Möglichkeiten, kannst mit Klischees wie Macht, Macho, Sex und Humor spielen oder auch ungewöhnliche Facetten mitreinspielen lassen. Es macht viel Spaß und ich bin meistens offen für alles, was etwas vom Mainstream abweicht.“ alexandrajasper.com boyzzonfilm.com 78

FOTOS: ALEXANDRA JASPER

Alexandra Jasper über ihre Fotos


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Model: Christian Fรถrster Agentur: Modelfabrik | model-fabrik.com Fotografin: Alexandra Jasper

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Warm ums Herz FOTO: COURTESY OF THISISCLEVELAND.COM/LARRY E. HIGHBAUGH, JR.

USA-Reisende machen um Cleveland in der Regel einen Bogen. Das wird sich im August ändern, wenn rund 30.000 Sportler aus aller Herren Länder zu den 9. Gay Games in die zweitgrößte Metropole Ohios kommen. Doch nicht nur dann ist die unterschätzte Stadt am Eriesee einen Besuch wert

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Der Winter ist verdammt kalt in Cleveland. So kalt, dass einem fast das Blut in den Adern gefriert, wenn der eisige Wind aus Kanada über den Eriesee fegt und das Gesicht schmerzhaft erstarren lässt. Doch davon werden die Besucher der Gay Games nichts spüren. Im August wird es angenehm warm und das riesige Gewässer, durch das die Grenze zwischen den USA und ihrem nördlichen Nachbarn verläuft, zur perfekten Kulisse für Entspannung und Sport. Dass Sport in Cleveland großgeschrieben wird, lässt sich auf den ersten Blick erkennen. Nicht nur durch die Fans der Browns und der Indians, der lokalen Football- und Baseballteams, deren Anhänger bei Heimspielen scharenweise durch die Straßen ziehen. Nein, es gibt kaum eine Stadt, die ihre großen Stadien so prominent in die Innenstadt integriert hat und die Silhouette so selbstverständlich von ihnen bestimmen lässt. Wie gemacht also für die Gay Games. Doch nicht nur die Infrastruktur stimmt. Cleveland gehört neben der Hauptstadt Columbus zu den liberalen Hochburgen des ansonsten erzkonservativen Bundesstaats Ohio. Eine Enklave, in der sich auch die LGBT-Szene heimisch fühlt.

Stadt im Umbruch „Cleveland ist im Wandel“, sagt Tom Nobbe, geschäftsführender Direktor der Gay Games 2014. „Noch vor 15 Jahren zählte die Stadt zu den Armenhäusern der USA, die Innenstadt war kaum bewohnbar, in den Straßen herrschten Armut und Kriminalität.“ Dabei

hatte die Geschichte Clevelands vielsprechend angefangen, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Stahlerzeugung boomte. Ein gewisser John D. Rockefeller verhalf mit Gründung seiner Standard Oil Company der Region rund zwei Flugstunden westlich von New York City zu rasantem Aufschwung. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs Cleveland zur fünftgrößten Metropole der USA heran, bevor es nach dem Niedergang der Stahl- und Autoindustrie in den 1970er-Jahren wirtschaftlich steil bergab ging. Die Bevölkerung halbierte sich auf heute rund 400.000 Einwohner. Mit Ausbau des Dienstleistungssektors in den 1990er-Jahren setzte ein entscheidender Strukturwandel ein, und zahlreiche Firmen aus dem Banken- und Versicherungsbereich sowie der Biotechnologie siedelten sich an.

Langsame Wiedergeburt Fährt man heute über die Euclid Avenue in die Innenstadt, sieht man viele frisch renovierte Sandstein- und Backsteinkomplexe aus dem 19. Jahrhundert, die von vergangenem und wieder zurückgewonnenem Wohlstand erzählen. Peu à peu sind dort wieder Ladengeschäfte und Restaurants eingezogen, die Apartments darüber sind so beliebt, dass sie nur noch mit sehr viel Glück zu ergattern sind. Direkt an der Euclid Avenue liegt der Playhouse Square, mit fünf benachbarten Theatern aus den 1920er-Jahren. Abends tobt dort das Leben, wenn Theaterbesucher und Anwohner erst um einen Parkplatz,

dann um einen Tisch in den umliegenden Restaurants und Cafés kämpfen. Es ist eine Erfolgsgeschichte für Cleveland, denn in den 1970er-Jahren drohte den verfallenen Schauspielhäusern die Abrissbirne, um Platz für neue Parkhäuser zu schaffen. In buchstäblich allerletzter Sekunde konnte eine Bürgerinitiative den Erhalt des gesamten Bühnenensembles durchsetzen. Heute ist der Bezirk rund um den Playhouse Square ein leuchtender Publikumsmagnet für Gäste und Einheimische. Dafür sorgen nicht nur die Broadway-Shows, sondern auch angesagte Restaurants wie das Cowell & Hubbard, das in einem ehemaligen Juweliergeschäft untergebracht ist und mit seiner imposanten Größe den vergangenen Reichtum bezeugt: Gäste sitzen in einem Art-déco-Raum mit hohen Decken und riesigen Fenstertüren, an der Bar genehmigen sich Theaterbesucher gerne einen Vorab-Drink. Wer es ausgefallen liebt, kann sogar im Tresorraum, hinter einer dicken goldenen Stahltür, moderne französische Küche mit Zutaten aus Ohio genießen.

Prost Cleveland Cleveland lebt durch seine verschiedenen Bezirke, die alle einen ganz eigenen Charakter haben. „Für jeden ist etwas dabei, egal ob hip oder gediegen, ob Kunst, Sport oder Kultur gesucht wird“, sagt Emma Benno, die mit ihrer Partnerin Alexia Rodriguez einen Stand für Biofleisch im beliebten West Side Market führt. Die älteste Markthalle der Stadt liegt mitten im Trendbezirk Ohio City. „Es ist lebendig und weniger hektisch als

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Downtown“, erklärt Alexia die Wahl ihres Standorts. Das könnte an den vielen kleinen und großen Brauereien liegen, die nur einen Steinwurf von den Markthallen entfernt liegen. Stattliche 26 gibt es in Cleveland insgesamt, Ohio City gilt manchen in Amerika als das ultimative Mekka für Bierfreunde. Nein, man verdurstet nicht in Cleveland. Auch nicht im Bounce Club, dem größten LGBT-Partytreffpunkt der Stadt, der nur wenige Autominuten von der Markthalle entfernt liegt. Seit eineinhalb Jahren lenkt David die Geschicke des Unterhaltungstempels, einer Mischung aus Bar, Café, Restaurant, Lounge und Club. An der riesigen Theke werden Cocktails im Akkord gemixt, zur Freude der vielen Besucher. „Wir sind zwar eine LGBT-Bar“, sagt David, „haben aber ebenso viele Heterogäste, die hier in der Gegend wohnen.“ Was im Restaurantbereich eher wie eine typische amerikanische Bar wirkt, mit den obligatorischen TV-Screens an den Wänden, entpuppt sich im hinteren Raum als Club mit großer Bühne und Tanzfläche. An den Wochenenden ist es dort brechend voll, wenn Drag- und BurlesqueShows oder Karaoke-Wettbewerbe auf dem Programm stehen. Unter Regenbogenfahnen feiert dann die Szene gemeinsam mit ihren Heterofreunden: Entspannt und unaufgeregt, charmant und bunt, doch dabei grundsolide und bodenständig. Ganz so wie die Stadt Cleveland selbst, die spannender ist, als ihr Ruf vermuten lässt. Lohnenswert für einen Abstecher allemal – nur nicht im Winter. Bettina Hagen

Basketball der Spitzenklasse steht auch bei den Gay Games in Cleveland auf dem Plan

Alle Adressen und viele weitere Infos auf queer-travel.net Die Autorin recherchierte auf Einladung von Positively Cleveland

Für die wichtigsten LGBT-Sportspiele dieses Jahres konnte sich Cleveland (USA) mit dem Nachbarort Akron gegen Boston und Washington, D. C., durchsetzen. Am 9. August wird die Eröffnung mit feierlichem Einzug der Teilnehmer in der Quicken Loans Arena zelebriert. Eine Woche lang gibt es Wettkämpfe, die von einem umfangreichen Veranstaltungs- und Partyprogramm begleitet werden. Die Abschlussveranstaltung findet auf dem Platz rund um die berühmte Rock and Roll Hall of Fame statt, vor der Kulisse des Eriesees. Während der gesamten Spiele wird der Terminal Tower, das Wahrzeichen der Stadt, in bunten Regenbogenfarben leuchten. Infos und Termine: gg9cle.com

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FOTO: REUTERS/FRANK POLICH

Info: Gay Games 2014


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Zeig Pride – weltweit! Der Klassiker: New York City Pride, 29. Juni 1970 fand hier der erste Pride March weltweit statt, heute ziehen über 50 Wagen und 300 Fußgruppen über die Fifth Avenue zur Christopher Street, wo mit den Stonewall-Krawallen 1969 alles seinen Anfang nahm. Gefeiert wird anschließend bei „Dance on the Pier“ im Hudson River Park. nycpride.org Der fast ganze Neue: Curaçao Pride, 24. bis 28. September Streit wie in Berlin oder pures Business-Denken? 2013 richtete die kleine Karibikinsel ihren ersten CSD aus – und jetzt hat sie schon zwei: Anfang Mai fand die South Caribbean Pride Parade statt, im September geht’s mit dem 2. Curaçao Pride weiter. facebook.com/Curacaopride Der fast ganz Alte: CSD Bielefeld, 19. Juli „Wir können auch anders – 800 Jahre lesbisch, schwul, bi, trans*, inter*, queer und asexuell in Bielefeld“, verkündet der CSD anlässlich des 800. Stadtjubiläums. Da wollen wir mal nicht meckern, dass der Pride Day dort erst seit 20 Jahren gefeiert wird! csd-bielefeld.de

Special Interest: Palm Springs Leather Pride, 30. Oktober bis 2. November In der kalifornischen Kleinstadt soll ein Drittel der Einwohner homosexuell sein – da ist auch Platz für einen Leder-CSD. desertleatherpride.com Klein, aber cool: CSD SaarLorLux, Saarbrücken, 28. Juni Das Saarland, Lothringen und Luxemburg feiern den weltweit einzigen grenzüberschreitenden CSD. Extrapunkte gibt’s für das ebenfalls einzige Pride-Motto 2014, das das Begehren nicht vergisst: „Da ist noch Lust nach oben!“ saar.lsvd.de/csd-saarlorlux/2014 Mit Mission: Budapest Pride, 5. Juli 2011 und 2012 wurde er zunächst verboten, im vergangenen Jahr kamen 10.000 Menschen trotz Gegendemonstranten und einem riesigen Polizeiaufgebot. Und 2014? Da werben sogar ungarische Tourismusportale für das Pride Festival mit dem schönen Motto „Budapest Pride 365: today and every day“. budapestpride.com Texte: Karin Schupp Lust auf mehr Auswahl? Den kompletten Pride-Planer findest du auf queer-travel.net

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lifestyle

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Pumpen, Sliden, Wobbeln

Cutouts, Wheelbites, Ollies – es gibt Sportarten, für die Anfänger ihr Englisch auffrischen müssen. Das Skate- und Longboarden gehört dazu. Und die Zahl derer, die Vokabeln pauken und an ihren Fähigkeiten feilen, wächst stetig und schnell 84

FOTO: PATRICK DZIUMLA | BOARD: AKROBAT VON SOLALA LONGBOARDS | RECHTS: TD LONGBOARDS

Hoch hinaus: Carl Fölster ist Deutscher Freestyle Meister im Boarden


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… Schuld daran sind ein paar Zentimeter, die das Skateboard zum Longboard machen. Die Bretter sind meist etwas breiter und deutlich länger: in der Regel zwischen 90 und 150 Zentimetern. Das ermöglicht einen weiteren Achsabstand, der auch bei höheren Geschwindigkeiten für mehr Stabilität sorgt. Außerdem fahren Longboards auf größeren Rollen aus weichem Kunstharz und scheppern damit nicht mehr so wie ihre Vorgänger. Groben Teer oder kleine Unebenheiten bewältigen die neuen Rollen deutlich komfortabler. Es scheint, als liefe das Longboard dem kleinen Bruder den Rang ab. Dabei war es ursprünglich andersherum. Die ersten Boards waren Surfbretter, unter die man Rollen montierte, um das Wellenreiten auf die Straße zu verlegen. Viele Skate- und Longboards ähneln in ihrer Form mit spitzer Schnauze deshalb noch heute dem Surfbrett. Man raste mit immer größerer Geschwindigkeit über den Asphalt, bei Wettkämpfen auch in Vollledermontur und mit Helm. Mit der Zeit stieg das Bedürfnis, Tricks auf den Brettern zu absolvieren. Die Boards wurden kürzer – und irgendwann so kurz, dass der Sport aus der Mode geriet. In letzter Zeit erlebt das lange Brett eine Renaissance. Kein Wunder. Es ist praktisch für kurze und mittlere Strecken in der Stadt, zum Beispiel den Weg zur nächsten U-Bahn-Haltestelle. In der Bahn kann man das Board an den Rucksack schnallen und muss kein zusätzliches Ticket lösen, wie meist für ein Fahrrad. Außerdem ist das Boarden eine Sportart, die etwas Übung sowie viel Geschick erfordert und das Reaktionsvermögen steigert. Sie fördert Ausdauer und Kondition und sorgt außer für etwas aufgeschürfte Haut vor allem für viele Erfolgserlebnisse.

DER DU&ICH-SPRACHFÜHRER FÜR EINSTEIGER Slides, Turns & Carves: Slides dienen der Verringerung der Geschwindigkeit. Der Skater stellt sein Board während der Fahrt quer zur ursprünglichen Bewegungsrichtung und schlittert dann mit allen vier Rollen seitlich über den Asphalt. Turns und Carves, Kurven oder Schlangenlinien, vermindern ebenfalls die Geschwindigkeit und sind deutlich leichter zu erlernen. Ollies & Grab Tricks: Ein Ollie ist ein Sprung, bei dem das Board nicht mit der Hand unter den Füßen fixiert wird. Für diesen sogenannten No Hand Air tritt man das Brett während des Absprungs am hinteren Ende nach unten. Dadurch stellt es sich aufrecht und schnellt in die Höhe. Der vordere Fuß gleitet im Sprung nach vorne und bringt das Board dadurch wieder in die Waagrechte. Bei den Grab Tricks berührt der Fahrer während eines Sprungs mit einer oder beiden Händen das Skateboard. Pumpen: Beim Long Distance Pumping legt man mit dem Board längere Strecken zurück, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Durch die Fahrt in kleinen Schlangenlinien können gute Fahrer sogar leichte Steigungen bewältigen.

Wobbeln: Bei Geschwindigkeiten ab etwa 60 Stundenkilometern können auch gute Longboards anfangen zu schlingern. Man spricht von wobbeln. Die Standfläche von Speedboards ist deshalb meist tiefer gelegt. Der Druckpunkt, den der Fahrer auf das Brett ausübt, liegt unterhalb des Achsendrehpunktes, was das Brett auch bei hohen Geschwindigkeiten stabilisiert. Cutout & Wheelbite: Wenn über den Rollen Teile des Decks ausgespart sind, so nennt man das Cutouts. Sie verhindern den sogenannten Wheelbite, das Schleifen der Rollen während einer Kurve am Brett. Cruiser & Shlongboard: Beim reinen Fahren um des Fahrens willen, ohne Tricks oder Sprünge, spricht man vom Cruisen. Ein Cruiserboard ähnelt in den Fahreigenschaften einem Skateboard mit größeren Rädern, das dadurch auch höhere Geschwindigkeiten erlaubt. Beim Shlongboard, einem Short Longboard, sind die Achsen so weit wie möglich auseinander montiert, um auf kurzem Brett einen großen Radabstand zu erhalten. Carsten Heider 85


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LIFESTYLE

GUT GERÜSTET! Alles rund ums Longboard: DU&ICH zeigt, welche Ausstattung man braucht, um gut über die Runden zu kommen

Universal-Genie

Meisterstück Dancing, der Tanz auf dem Brett, ist eine besonders elegante Form, Longboard zu fahren. Dabei werden während der Fahrt laufende und drehende Bewegungen ausgeführt. Dancer sind Bretter von etwa 120 Zentimeter Länge, die weit über die hintere Achse hinausragen, wie zum Beispiel der Akrobat von Solala Longboards. Auf dieser Mischung aus Dancer und Cruiser fährt auch Carl Fölster, der deutsche Meister im Freestyle. solala-longboards.de

Panzer Autsch – das tut weh! Wer schon einmal aus der Bewegung oder aus höherer Geschwindigkeit auf die Knie gestürzt ist, weiß, wie empfindlich die Gelenke sind. Gerade Anfänger sollten sich deshalb auf ihren Übungsrunden für Knieschützer entscheiden. Der Joint VPD 2.0 DH Knee von Poc hat eine Hartschale, die sich der Gelenkform anpasst und deshalb bequem sitzt. Bei einem Aufprall erhärtet sich das Material und schützt so das Knie effizient. pocsports.com 86

Mischling Praktisch, kurz, leicht – das TY5343 von Osprey ist ein Board alter Schule. Der Mini-Cruiser für Fahrer von maximal 100 Kilogramm Körpergewicht liegt auch bei mittleren Geschwindigkeiten ruhig auf dem Asphalt und erlaubt wegen seiner Länge von nur 70 Zentimetern kleine Kurven und viele Tricks. Große Rollen schlucken Unebenheiten und sorgen für gute Fahreigenschaften. Unser Tipp: das Board im Alltag für kurze bis mittlere Strecken in der Stadt verwenden und in Bahn oder Bus einfach an den Rucksack schnallen. cavida-sports.de

Gleitfläche Bei höheren Geschwindigkeiten oder waghalsigen Sprüngen sollten auch die Hände geschützt werden – mit Handschuhen, die nicht gleich nach dem ersten Sturz den Geist aufgeben. Bei den Downhill Slide Gloves von Triple8 ist in der Handfläche ein austauschbarer Slider, eine Gleitfläche, angebracht. Die Fingerspitzen sind mit Kevlar verstärkt, bieten aber trotzdem gute Bewegungsfreiheit. triple8.com

Kraftfutter Sport fördert und fordert den Organismus. Wer seinen Körper ohne künstliche Nahrungsergänzungsmittel effektiv unterstützen möchte, der kann das mit Moringa-Pulver tun. Die Blätter der afrikanischen Pflanze enthalten siebenmal so viel Calcium wie Milch, dreimal so viel Eisen wie Fleisch, fünfmal so viel Vitamin C wie Orangen und dreimal so viel Kalium wie Bananen. Das Pulver mischt man zur Salatsoße, in den Smoothie oder bereitet es mit anderen Lebensmitteln zu. theessenceofafrica.com

FOTOS: PROMO | RECHTS: PRIVAT

Sekt oder Selters? Beim Board lohnt sich der Griff in höhere Preisklassen. Das Explorer von TD Longboards ist ein Universaltalent mit solider Verarbeitung und hochwertigen Komponenten. Ein Kern aus kreuzverleimten Esche- und BirkeFurnieren sorgt für geringes Gewicht und hohe Stabilität, die Unterseite aus Nussbaum für gute Optik. Tricks, schnelles Fahren oder gemütliches Cruisen – auf dem Allrounder mit der breiten Standfläche ist alles möglich. shop.td-longboards.com

Texte: Carsten Heider


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RATGEBER RENTE

Dein eigener Herr Nur du selbst kannst deine Finanzen auf Vordermann bringen. Im Alter zahlt sich das aus Mit dem Geld ist es wie mit vielen anderen Dingen: Aller Anfang ist schwer. Wobei, so schwer ist er eigentlich gar nicht, man muss sich einfach die Zeit nehmen und sich mit dem Thema beschäftigen! Denn wie heißt es so schön: „Es ist besser, einen Tag über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat dafür zu arbeiten.“ Und mal ehrlich, wann hast du dich das letzte Mal ernsthaft mit deinen Finanzen auseinandergesetzt? Okay, es gehört mit Sicherheit nicht zu deinen Lieblingsbeschäftigungen, doch es führt einfach kein Weg daran vorbei. Schließlich geht es um deine Zukunft, und nur du ganz allein bist für die verantwortlich.

Sparen will gelernt sein Man muss sich zuerst darüber im Klaren sein, dass jede Art von Sparen einen Konsumverzicht im Hier und Jetzt bedeutet. Da fängt meist das Problem an, denn man hat sich all die Jahre ans Geldausgeben gewöhnt. Nun aber heißt es, das eigene Ausgabeverhalten zu analysieren, abzuändern und zu lernen, einen bestimmten Betrag nicht mehr zu verbrauchen, sondern für später zurückzulegen. Man verlagert also eine bestimmte Menge Konsum in die Zukunft, denn genau darum geht es ja beim Sparen.

Der Klassiker: das Haushaltsbuch Nimm die Kontoauszüge der letzten zwölf Monate zur Hand und werte die regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben aus. Am besten trägst du die monatlichen Einnahmen in eine Excel-Tabelle ein und ziehst davon die fixen Ausgaben ab, also z.B. Miete, Einkäufe, Ausgehen. Besondere Ausgaben wie für den Jahresurlaub, Versicherungen oder Anschaffungen, die in unregelmäßigen Abständen anfallen, werden anteilig auf das ganze Jahr verteilt. Um auf unvorhersehbare Überraschungen vorbereitet zu sein, ziehst du vom Rest einen zusätzlichen Sicherheitspuffer von rund 20 Prozent ab. Das Ergebnis stellt die freie Liquidität dar, die im Jahresdurchschnitt ungefähr gleich bleiben sollte und mit der du arbeiten kannst. Ein Hinweis: Wenn am Monatsende regelmäßig kein positiver Saldo übrig bleibt, solltest du dir ernsthafte Gedanken über deine Ausgaben machen.

Die optimale Sparrate Klar, die hängt vom persönlichen Einkommen und Alter ab, doch kann man vereinfacht sagen, dass etwa 15 bis 20 Prozent vom Nettoeinkommen in die langfristige Vorsorge gepackt werden sollte. Denn von nichts kommt nun mal nichts. Im Idealfall ist deine freie Liquidität mit der optimalen Sparrate deckungsgleich. Du kannst die Lücke in deiner Rente nur durch diszipli-

niertes Sparen schließen. Spart etwa ein heute 35-Jähriger bis zum 67. Lebensjahr 100 Euro im Monat an, ergibt das je nach Anlageform in etwa 350 bis 400 Euro Rente im Monat. Davon musst du aber noch die Inflation abziehen, so dass knapp 200 Euro pro Monat nach heutiger Kaufkraft übrig bleiben. Brutto!

Lass dem Geld Zeit zu arbeiten Die Zeit kann dein Freund, jedoch auch dein ärgster Feind sein. Ein wichtiger Punkt ist, dass man Geld genügend Zeit gibt zu arbeiten. Schließlich soll sich das Vermögen nicht nur durch regelmäßige Einzahlungen vermehren, sondern auch durch Zinserträge. Mit den erwirtschafteten Gewinnen vermehrt sich das angesparte Kapital Jahr für Jahr und entfaltet in zunehmendem Maß einen ordentlichen Hebeleffekt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom sogenannten Zinseszinseffekt. Eine prima Sache, die dich schneller an dein Ziel bringt! Wartest du aber zu lange, kannst du den Zeitverlust nur durch eine deutlich höhere Sparrate ausgleichen.

Achtung vor zu hohem Risiko! Neben der Anlagedauer kommt es wesentlich auf die Form der Anlage an, das heißt auf welche Weise das Geld investiert wird (siehe 3-Schichten-Modell, DU&ICH Nr. 491). Je mehr Risiko man eingeht, desto höher können die Renditen, aber auch die Verluste sein. Es ist zwingend notwendig, die eigene Risikobereitschaft zu berücksichtigen, niemals ein zu hohes Risiko einzugehen, möglichst breit zu streuen und eine Absicherung gegen Verluste einzubauen. Eins gilt aber für jeden: Wer weniger als 10 Jahre Zeit hat bis zur Rente, der sollte die Finger von spekulativen Investments und Anlagen ohne Absicherung lassen, egal wie verlockend eine mögliche Rendite sein mag! Je früher du das Thema Rente angehst, desto einfacher wird es für dich, deine Ziele zu erreichen. Die Augen davor zu verschließen und zu hoffen, dass sich alles von selbst löst, bringt nichts! Wer sich um nichts kümmert, dem bleibt im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Grundsicherung – Hartz IV Nicht wirklich erstrebenswert, oder?

DU&ICH-Fachmann Jürgen Beisler ist unabhängiger Finanzberater und Versicherungsmakler in Unterhaching bei München, Kontakt: GayConsult.de

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Beschenk dich selbst!

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Unter ökologischen Gesichtspunkten ist der Anbau von Baumwolle bedenklich. Die Pflanze verbraucht Unmengen von Wasser und wird mit extremem Einsatz von Chemikalien gezüchtet und verarbeitet. Die Alternative: Flachs und das daraus gewonnene Leinen. Gesunden Schlaf findet man in der Leinenbettwäsche von Ziatas. Die Stoffe sind atmungsaktiv, fast antistatisch und schmutzabweisend und werden mit jeder Wäsche weicher. Die Bettwäsche wird von Hand genäht und auf Wunsch individuell bestickt. ziatas-leinen.de 2 / Dauerbrenner

Wenn’s brennt, kommt Joghurt drauf – altes griechisches Hausmittel gegen die Schmer88

zen nach dem Sonnenbrand. Besser ist es, den zu verhindern, und am besten, wenn man an alte Hausmittel glaubt und dafür gleich etwas Joghurt nimmt. Die Sunscreen Face & Body Emulsion von Korres liefert der Haut Laktose, Proteine, Mineralien und Vitamine aus griechischem Speisejoghurt und schützt bei starker Sonnenbelastung. korres.com 3 / Blumenkinder

Sind Stoffe mit Blumenmuster wieder in? Oder immer noch? In Australien geht man diese Frage locker an. Sie waren nie out – zumindest am Strand. Die Surf Swim Short von Teamm8 will dieser Auffassung recht geben: viele Blumen, viel Farbe; geschneidert aus schnell trocknenden Materialien in

bequemer Form für Sport am und im Wasser. Und wer es dezenter mag, der findet im Webshop auch einfarbige Modelle. teamm8.com 4 / Hochstapler

Wenn unsere Eltern von Schrankwänden schwärmen, dann sind das klobige Möbel aus dunklem Holz, die nie bis in die Ecken reichen. Wenn wir uns für die Wand mit Schrank begeistern, dann muss das besser passen und aussehen. Das modulare Schrank- und Regalsystem von Cubit besteht aus 25 Kästen mit verschiedenen Maßen. Die sind entweder offen oder haben Türen beziehungsweise Schubfächer. Die einzelnen Cubits lassen sich frei kombinieren und mit Verbindungselementen einfach stapeln. cubit-shop.com

5 / Evergreen

Holz oder Plastik? Auf welchen Schneidebrettern haften weniger Bakterien? Wenn das Plastik Kratzer hat, macht gutes Hartholz das Rennen. Unser Favorit: das Stirnholz Rund von Boos Blocks. Hergestellt aus nordamerikanischem AhornHartholz aus nachhaltigem Anbau, eingefasst mit einem stylischen Ring aus Edelstahl. Die eine Seite benutzt man für Obst und Gemüse, für Fleisch, Geflügel oder Fisch die andere. Plastik gibt es billiger – dafür halten diese Bretter fast bis in die Ewigkeit, bleiben dauerhaft schick und schonen die Klingen der Messer. boosblocks.eu

Texte: Carsten Heider

FOTOS: PROMO

1 / Durchschläfer


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FÜR SCHWULE UND ANDERE FILMSTARS Jetzt mit toller Abo-Prämie: „Liberace“-DVD!

Dein DU&ICH-Abo (6 Ausgaben pro Jahr)

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Für die ersten 30 Abonnenten eines Jahresabos gibt’s den tollen Film „Liberace. Zu viel des Guten ist wundervoll“ mit Michael Douglas und Matt Damon!

Auch als Geschenk-Abo! Unsere Zeitschriftenabos gibt’s unter: du-und-ich.net/abo Kündigungsfristen: Alle Abos verlängern sich, wenn nicht 6 Wochen vor Erhalt der letzten Ausgabe schriftlich beim Abo-Service (Adresse siehe Seite 3) gekündigt wird. Geschenk-Abos verlängern sich nicht automatisch. Das Probe-Abo verlängert sich nicht automatisch und kann nur einmalig abgeschlossen werden.


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LIFESTYLE

Der Trend geht zurück zur intimen Behaarung. Wir blicken unter die Achseln – und in den Schritt

Sommer! Raus an den See, hin zur Pool-Party. Spätestens bei der FKK stellt sich heraus: Manchen Männern ist nackt allein noch nicht nackig genug. Sie berauben sich ihrer Naturfellrelikte in der Badehosenzone – und haben glänzende Nacktheit auch dort zu bieten, wo die Natur eigentlich etwas Tierisches vorsieht. Es ist glatt, lang, kurz, gekräuselt – oder gelockt wie frisch vom Lockenwickler. Manchmal wächst es so dicht, dass die Abstammung des Menschen vom Affen sichtbar wird. Das verweist auf die vorhandenen Triebe: Schamhaare sind evolutionsbedingt echte Anmacher. Doch der natürliche Bewuchs leidet unter Unbeliebtheit. Das war sogar schon in der Antike so, im Mittelalter und in der Renaissance – und ist es heute wieder. Früher war die Angst vor Parasiten, vor Läusen und Milben bestimmend. Heute geht es den Rasierten um die Optik: Der lüsterne Blick verlangt freie Sicht aufs Eigentliche – und missversteht den Vorhang aus Haar als unhygienischen Fusselkram. Ob in der Gegend um den Anus oder ob an der Vorderfront: Superglatt ist „in“. Fast 80 Prozent der jungen Leute frönen der Schamhaarrasur. Frauen übrigens noch öfter als Männer. Obwohl die Trends in diesen Fragen stets aus der Schwulenszene kommen. Aber die Moden wechseln. Auch die untenrum. Was gestern noch glatt und so heiß begehrt war, dass Mann es sofort zwischen die Lippen nehmen wollte, ist heute für manche schlicht und einfach schon wieder „out“. 90

Mann soll wieder Mann sein – und seine Haarpracht zeigen. Schamhaar ist schließlich ein nicht unwesentliches sekundäres Merkmal von Geschlechtsreife. Und wer außer Pädophilen liebt schon optisch Minderjährige? So gesehen, sind haarlose „Babypopos“ und „Kinderpimmel“ irgendwie peinlich. Zur Hippie-Zeit in den 60er- und 70er-Jahren galt denn auch: Ausgewachsene Natur ist geil! Seit den 80er-Jahren kam die Intimrasur weltweit wieder voran. Vor allem und zuerst, wo sonst, bei den Schwulen. Die Heteros zogen dann nach. Der Berliner Heilpraktiker und Buchautor Stephan Niederwieser, der lange in New York lebte, weiß, wieso die Rasur den erneuten Siegeszug antrat: „Da gibt es einen klaren Zusammenhang zum Vorkommen von HIV-Infektionen. Mit den ersten Aidsfällen und der Angst, sich anzustecken, kam die radikale Schamhaarentfernung auf.“ Dahinter stecke nämlich, so Niederwieser, eine Art Aberglaube: „Die rasierte Haut suggeriert, sie sei besonders sauber und besonders gesund.“ Eine glatte Werbelüge der Kosmetik! Ob jemand ansteckend ist oder nicht, hängt wirklich nicht von seiner Schamhaartracht ab. Zudem kann man damit auch ein Stück Individualität entdecken. Es gibt so viele verschiedene Arten „Urwald“! Zarte Büschel, strammes Drahthaar, struppige Steppe, seidig glänzendes Vlies oder auch witzig abstehende Flusen. Bei manchen ist die Schamhaarfarbe sogar eine andere als die

FOTO: ISTOCKPHOTO/OVERSNAP

NATUR IST GEIL


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vom Kopfhaar. Und im Laufe eines Menschenlebens verändert sich die Behaarung, und das nicht nur in Richtung Altersgrau. Die Biologie der Haare gibt also Signale, und damit ist ein Anreiz gegeben, ihnen mit einer Verführung zu folgen. Für manche Zeitgenossen ist Körperbehaarung denn auch so stark sexuell erregend, dass dieses Phänomen ein eigenes Fremdwort bekommen hat: Trichophilie. Sie gilt nicht als Krankheit, aber als Eigenart. Und wer kennt das nicht: ein sexy behaarter Rücken oder gestromt wucherndes Brusthaar, sogar Haare auf Unterarmen und Fingern können ganz schön antörnen, oder? Blondes Haar hat außerdem den Vorteil, auf brauner Haut bei Sonnenlicht kostbar zu funkeln. Dunkles Haar hingegen verleiht jedem Teint eine kräftige Nuance Noblesse und betont die Hautoberfläche durch das LichtSchatten-Spiel. Und nichts kann den Anblick einer schönen Erektion, die aus einem satten oder auch schon etwas lichten Haarwald hervorragt, toppen. Die haarige Umrahmung bietet ein optimales Passepartout. Nun hat samtig weiche, ganz enthaarte Haut, das sei gerechterweise gesagt, einen glamourös glänzenden Effekt. Rasiert ist eben nackter als nur nackt! Jedenfalls, solange keine nachwachsenden Stoppeln stören. Andererseits erinnert der Eindruck von Totalrasur an Plastik. Allzu glatte Haut ist zu perfekt, um menschlich zu sein – und ist von daher eher brav. Zumal der Trend auch in anderen Lebensbereichen zur Natur geht. Umweltschutz, Nachhaltigkeit, vegane Ernährung – wer braucht da noch Enthaarungscreme? Manche Techniken zur Haarentfernung sind tatsächlich uralt. Früher benutzte man geschliffene Muscheln und Scheren als Vorläufer für Rasierklingen. Auch mit heißem Pech wurde hantiert, ähnlich wie heute mit Wachs beim Brazilian Waxing. Die alten Ägypter kannten zwar noch keine Epilierung, aber die Enthaarung mit Bienenwachs. Sie war nur immens teuer und von daher dem Königshaus und seinen Priestern vorbehalten. Die Vornehmheit, die haarlose Haut suggerieren will, hat entsprechend einen Nachteil: Haar ist geil, und wenn es fehlt, ist das ein Stück weit Kastration. Das findet auch die schwule „Bear Community“, die „Bärengemeinschaft“. Sie liegt voll im Trend. Ihre Mitglieder stehen auf dichtes Haar, gern am ganzen Körper. Vollbärte deuten solch eine Pracht, die im Alltag meist unter der Kleidung verborgen ist, öffentlich an. Das Signal ist klar: Auf ihn mit Gebrüll! Kraulen, Lecken, Riechen, Reiben, Kneifen, Streicheln, Rubbeln: All dies macht mit Haaren deutlich mehr Spaß als ohne. Woran das liegt? Am Geruchssinn! Durch viele einzelne Haare ergibt sich eine große Oberfläche für den Schweiß, um zu verdunsten. Frisch verdunstender Männerschweiß riecht nicht nur lecker, sondern macht auch Mitteilungen

ans Unbewusste. Mit einer Mischung aus Honig und Amber kann man das noch betonen. Mitgeteilt wird via Hormonabgabe so einiges über den sexuellen Stand. Pheromone, die Lockduftstoffe, sind ebenso da wie Hinweise auf den aktuellen Testosteron- und Gestagenpegel. Sogar Gefühle wie unterschiedliche Formen von Angst, Glück oder Lust sind zu riechen. Schüchternheit riecht ja so anders als Selbstbewusstheit! Antörnen kann aber beides. Und auch Männer haben Zyklen, die ihre sexuellen Verhaltensweisen und ihre Gelüste mitbestimmen. Übers Riechen regelt sich die Aktion zwischen Sexpartnern sozusagen automatisch. Mann sagt ja nicht umsonst über seinen Geliebten, man könne ihn gut riechen. Das heißt allerdings nicht, dass Mann alles, was Mutter Natur so in den Sinn kam, toll finden muss. Korrigierende und verschönernde Eingriffe ins Haar am wichtigsten Ort sind durchaus erlaubt! Vom Trimmen bis zum Färben, vom simplen Spitzenschneiden bis zur Dauerwelle. Die haarige Beschneidung hat bereits eine gewisse Tradition: Schon in den 80er-Jahren gab es im hippen West-Berlin einen Schamhaar-Friseur. Dessen Stammkundschaft rekrutierte sich vor allem aus „It-Boys“ (ein Anachronismus: dieses Wort gab es damals noch nicht, wohl aber die damit bezeichneten Jungs). Die angesagten Clubs, in denen sie sich trafen, waren der „Dschungel“ (auch für Heteros) und das „Querelle“, eine kleine, feine Schwulenkneipe im Neonweiß-Look. Seither hat sich manches verändert. Man kann ja so viel aus sich machen, wenn man nicht immer mit derselben „Scham-Visage“ rumlaufen will. Da ist zunächst die Silhouette der Schamhaare. Man kann sie abrunden. Oder zackige Treppchen einrasieren, eine Pyramide oder einen ovalen Kegel. Oder einen Kopf stehenden Baum. Sieht toll aus, wenn sich das Haar bis zum Bauchnabel zieht. Es geht aber auch asymmetrisch was! Im Urwald selbst kann Mann die eine oder andere Schneise schlagen (lassen). Mit kleinen Kreisen, einem Stoppschild, mit Buchstaben, Kreuzen, Blumen. Sogar Herzchen! Sich gegenseitig zu verzieren, geht gut als Vorspiel durch. „Anflugschneisen“ und „Landebahnen“ sind erwünscht! Längsstreifen wie Querbalken. Und um die rektale Rosette darf die Fantasie gleich ganz aufdrehen. Wie wäre es mit kleinen Zöpfchen bei besonders langhaarigen Kandidaten? Die sind pflegeleicht und halten einige Wochen. Gegebenenfalls helfen hier Mini-Extensions. Auch farblich kann man Akzente setzen. Dezent, mit Highlight-Strähnchen. Oder auffallend, mit grellen Tönen. In Gelb, Rot, Violett. In Grün, Blau, Pink – oder in Mauve! Zu besonderen Anlässen geben Glittergel oder Olivenöl den richtigen Drive. Und Zuckerwasser statt Grease lässt so manche Locke steif stehen – und auch noch gut schmecken. Wer möchte da nicht gleich eine Runde …? Titania Oberkopf

Die Moden wechseln. Auch die untenrum. Was gestern noch glatt und so heiß begehrt war, dass Mann es sofort zwischen die Lippen nehmen wollte, ist heute schlicht und einfach „out“

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FOTO: DANIEL SCHUMANN

Bill und Clay

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Modern Family Daniel Schumann zeigt mit seinem wunderbaren Fotoprojekt „International Orange“ am Beispiel von San Francisco, wie vielseitig Familienmodelle heutzutage gelebt werden

Sie sind ein ungleiches Paar. Ein eher kleiner und ein wirklich großer Mann schauen einander an. Ihr Blick sagt alles. Die beiden fühlen sich wohl, so eng miteinander. Ihr Wohnzimmer wirkt gemütlich, das Sofa ein bisschen schäbig, doch was macht das schon? Es zählen andere Werte – Familienbande sozusagen: David und Peter sind seit 35 Jahren zusammen. Ihr Foto (siehe nächste Seite) findet sich in dem wunderbaren Bildband „International Orange“ von Daniel Schumann. Für sein Projekt lebte der 32-Jährige 15 Monate in San Francisco, studierte dort zwei Semester Fotografie und wohnte in einer WG mit vier Schwulen – mitten in der Gay-Community, im berühmten Castro-Viertel. „Es tat gut, zu erleben, dass hier Menschen so sein und so leben können, wie sie sind. Ganz offen, ohne sich verstecken zu müssen. Das erzeugte auch in mir das Gefühl, frei zu sein!“ Daniel Schumann selbst ist nicht schwul, wuchs aber mit einer lesbischen Mutter auf. Er hat in Bielefeld Fotografie und Medien studiert, später in Essen an der Folkwang Universität – und eben in San Francisco. Für sein bemerkenswertes Projekt „International Orange“ hat er im Großraum San Franciso Familien fotografiert und um kleine Statements gebeten. Er suchte die andere Perspektive des Familienbegriffs – und wurde fündig. Mundpropaganda half, Aushänge und die Zusammenarbeit mit Organisationen ebenso. Herausgekommen ist ein grandioses Kompendium moderner Lebensweisen. Und „eine Liebeserklärung an die Stadt“, wie Daniel Schumann im DU&ICH-Interview sagt. Dabei ist die „Hauptstadt der Homosexuellen in Nordamerika“ keine Insel der Glückseligkeit. Die Welt ist auch hier nicht heil. „Die Lebenshaltungskosten im Castro-Viertel und anderswo sind so hoch, dass hier eben doch nicht jeder so leben kann, wie er möchte.“ In den teureren Wohngegenden haben sich eher die weißen und wohlhabenden Schwulen niedergelassen, im weiten Ballungsraum die ärmeren Leute, meist alleinerziehende Lesben oder Schwule sowie lesbische Paare mit Kindern. Das alles lässt sich tatsächlich aus den Fotos herauslesen. „Mir war auch hier die Vielfalt wichtig“, erzählt Daniel Schumann. Das Setting der Aufnahmen, die altmeisterlichen Tafelbildern gleichkommen, hat der Fotograf mit den Porträtierten vorab besprochen. „Ich wollte ihnen Raum geben, auch hier sie selbst zu sein“, erklärt Daniel Schumann seine Arbeitsweise. „Und gleichzeitig sollte meine Art und Weise zu fotografieren wiedererkennbar sein.“ Wer wollte, konnte einige Zeilen zu den Personen oder zum Ort der Aufnahme aufschreiben. Die Bandbreite der Bilder ist groß, es gibt Innen- und unterschiedlichste Außenaufnahmen, die einen inszenieren sich extrovertiert, die anderen introvertiert. Und wer ein Haustier hat, nimmt es natürlich mit aufs Foto. Schön zu sehen: Die Menschen fassen einander

oft an, schmiegen sich aneinander, knüpfen Bande, sind im besten Sinne in Beziehung. Was hat Daniel Schumann, der sich mit dem großen Thema „Familie“ schon mehrfach künstlerisch auseinandergesetzt hat, durch sein Fotoprojekt gelernt? „Ich wurde in meiner Ansicht bestärkt, dass, egal ob homo- oder heterosexuell, der Familienbegriff allein durch die Menschen definiert wird, die die Familien ausmachen und die Familie leben. Nicht durch Gesetze oder gesellschaftliche Normen, sondern durch Begriffe wie Heimat, Sicherheit, Rückhalt.“ Daniel Schumann war 30, als er das Fotoprojekt begonnen hat. Seit fünf Monaten ist er verheiratet: „Während meiner Arbeit an ,International Orange‘ habe ich zwischen den Protagonisten meiner Fotos so viel Liebe und Zuneigung erlebt, dass ich mir dachte: Das will ich auch! Daraufhin habe ich in San Francisco meine Frau kennen gelernt, mit der ich jetzt in Deutschland zusammenlebe.“ Im Vorwort zum Bildband „International Orange“ schreibt Christina Leber von der DZ Bank Kunstsammlung so schön, dass Schumanns Bilder „die Veränderung unseres Daseins in der Welt verbildlichen“. Stimmt! Den Rest erklären die Fotos. Deshalb zeigen wir einige Aufnahmen aus dem Bildband, aber auch eine (Seite 95), die darin nicht auftaucht. Andreas Hergeth Andere Projekte des Fotografen: daniel-schumann.com

Daniel Schumann / International Orange / Kerber Verlag, Bielefeld 93


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David und Peter

FOTOS: DANIEL SCHUMANN

Peter und David mit ihrer Katze Domino [schlafend auf der Couch unter einem Bild von Monterey‘s Lone Cypress] sind glücklich in ihrem Zuhause! Sie werden ihr 35. Jubiläum im März 2013 feiern.

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Raymond, Danny, Robert und Steve Wir wollten keine Eltern werden. Tatsächlich entschieden wir zu Beginn unserer Beziehung, dass wir und unsere zwei Hunde alles waren, was wir brauchten. Aber all dies änderte sich. Plötzlich wurden unsere Freunde Eltern und wir begannen unsere Entscheidung zu überdenken. Wir sprachen nicht darüber. Es war vielmehr eine stille, persönliche Entdeckung, die wir beide über uns selbst machten. Eines Nachmittags, nach einem ungewöhnlich anstrengenden Tag, der geprägt war von widerspenstigen Kindern, einem leeren Benzintank und furchtbarem Hunger, setzten wir uns in ein Restaurant. Wir waren beide am Ende unserer Kräfte, als ich mich zu Steve wandte und sagte: „Ich glaube, ich möchte Kinder haben.“

Natürlich war dies ein großes Statement angesichts unserer Entscheidung, keine Kinder zu bekommen. Er saß da und dachte eine Weile über meine Bemerkung nach. Dann sah er mich an, voll Überzeugung – vielleicht aber auch mit ein wenig Angst – und sagte: „Das will ich auch.“ Zu diesem Zeitpunkt waren wir seit neun Jahren zusammen. Es dauerte weitere zwei Jahre, bis wir Robert fanden, und dann weitere vier, um Ray zu finden. Ich sage den Jungs immer, dass wir sie gesucht haben und froh sind, dass sich jemand um sie gekümmert hat, bis wir kamen. Und da sie jetzt unsere Kinder sind, lassen wir sie nie wieder gehen. Oft sage ich über das Elternsein: „Es ist härter, aber auch besser als ich dachte.“ 95


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Matt und Paul

FOTOS: DANIEL SCHUMANN

Gemeinsam haben wir in den letzten zehn Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt. In guten Zeiten haben wir viel Spaß, und in schlechten unterstützen wir einander. Wir lieben es, unser Leben mit den wundervollen Menschen San Franciscos zu teilen und das fabelhafte Essen in dieser Stadt zu genießen.

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Nicky, Arturo, Dave und Zac Dave und ich sind seit fast elf Jahren zusammen. Bei unserer ersten Verabredung sprachen wir über Adoption, denn wir wollten beide eine Familie gründen. Vor fünf Jahren haben wir dann unseren Sohn Zac gefunden. Und im Januar 2011 fanden wir Nicky, einen zehn Jahre alten Jungen, der eine Familie brauchte. Obwohl Zac Angst davor hatte, seine Väter teilen zu müssen, war er einverstanden, dass wir Nicky adoptierten. Er sagte: „Wir müssen ihn retten, so wie du und Papa mich gerettet habt!“ Wir adoptierten Nicky neun Monate nachdem er zu uns gekommen war, und fast drei Jahre nachdem wir Zac adoptiert hatten. Jetzt suchen wir alle zusammen Sohn Nummer drei. Wir leben in den Hügeln nördlich von Berkeley, aber verbringen unsere Sommer auf unserem Boot auf dem Lake Shasta. Dieser liegt in einer wunderschönen Gegend in Nordkalifornien, aus der Zac stammt. Ich selbst bin in Costa Rica geboren und Dave kommt aus Indiana. Nicky ist das einzige Mitglied unserer modernen Familie, das in San Francisco geboren wurde. Wir haben uns im Internet kennengelernt und verliebten uns bei unserer ersten Begegnung!

Omar und Cedric 18th Street Ecke Hattie Street wird immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben. Viele Erinnerungen an fröhliche Momente mit Freunden und Familie verbinden uns mit dem Haus an dieser Ecke. Im Augenblick sind wir nicht zusammen, arbeiten aber daran, unsere Probleme zu überwinden.

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FOTOKOLUMNE

Für die letzte Seite spricht unser Autor Tobias Sauer fremde Menschen an und stellt ihnen die Frage: „Was denkst du über Schwule?“ Diesmal hat Stefan Walther (30), Friseur in Berlin-Kreuzberg, geantwortet

SCHWULE SIND …

DIE NÄCHSTE AUSGABE VON DU&ICH ERSCHEINT AM

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FOTO: THOMAS SCHERMER

… anspruchsvoll. Wehe, die Haare sind nicht perfekt geschnitten! Aber unter uns: Ich bin da keine Ausnahme.


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DU&ICH Nr. 492 06/07 2014

DU&ICH FÜR SCHWULE UND ANDERE MÄNNER

One-Boy-Shows im Internet Slava Mogutin / Lana Del Rey / Hercules & Love Affair / Romy Haag / Harald Petzold / Barrie Kosky / Troye Sivan / Lucas Cruikshank / Tyler Oakley

PRIVAT WAR GESTERN

Krisenland Ukraine

LAND AM ABGRUND Homo-Lobby

SCHWULE STRIPPEN ZIEHER DU&ICH im Talk mit

Lana Del Rey Hercules & Love Affair Romy Haag

du-und-ich.net Nr. 492 Juni/Juli 2014 Deutschland € 6,50 Österreich € 7,15 BeNeLux € 7,60 Schweiz CHF 12,90


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DU&ICH Juni/Juli 2014 by SIEGESSÄULE - Issuu