SCHRIFTENREIHE DER THEOLOGISCHEN HOCHSCHULE CHUR
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BAND
HEINRICH REINHARDT
Dem Wort dienen Zugänge zur Wortphilosophie
SCHRIFTENREIHE DER THEOLOGISCHEN HOCHSCHULE CHUR 11
Herausgegeben von Michael Durst und Michael Fieger
Heinrich Reinhardt
Dem Wort dienen Zugänge zur Wortphilosophie
Schwabe Verlag
Die Druckvorlage der Textseiten wurde von Prof. Dr. Michael Durst, Theologische Hochschule Chur, zur VerfĂźgung gestellt.
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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen
www.fsc.org
FSCÂŽ C083411
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Thematische Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Teil I: Denken. Grundinteresse: Universalität, Begriffsschärfe, Kausallogik (mit Umfeld) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Thesenpapier 1/1: Die Sprache als das absolute Ganze gegenüber dem Sprechen als einem stets unvollkommenen Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Thesenpapier 1/2: Der Monolog als Parameter des strengen Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Teil II: Glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Thesenpapier 2: Systematisierung des religiösen Erlebens auf der Sprachebene Glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Teil III: Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Thesenpapier 3/1: Auf dem Weg zu einer fundamentalen Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Thesenpapier 3/2: Wintervorrat für die europäische Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Teil IV: Spiel der Künste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Thesenpapier 4/1: Das Kunstwerk – eine je einmalige, emotional bewegende und zur Stille führende Ordnungsgestalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Thesenpapier 4/2: Geste – Bild – Wor.t . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 5
Inhaltsverzeichnis
Teil V: Supplemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Supplement 1: Die Wahrheit als Vollzugsraum allen Sprechens (auf allen Sprachebenen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Supplement 2: Das Hohe als implizierte Zielform allen Sprechens (auf allen Sprachebenen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Supplement 3: Das Wort als maximal verdichtete Wahrheit . . . . . . . 125 Supplement 4: Thesen Ăźber die Zukunft der Vernunft . . . . . . . . . . . . 127 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
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Vorwort
Das Feld der Wahrheitstheorien liegt heute zerwühlt und zerrissen da wie ein Schlachtfeld. Ansätze zu einer umfassend-integrativen Wahrheitstheorie scheinen deshalb sinnlos zu sein. Entschwindet also die Hoffnung, jemals objektiv beweisbare Wahrheit ohne ideologische Vorentscheidungen zu finden, ins Nebulöse? Ist der ohnehin schon gängige Skeptizismus der Gewinner aller Kämpfe um die Wahrheitserkenntnis? Im vorliegenden Buch antworten wir entschieden mit Nein. Es gibt durchaus eine zuverlässige, nichtideologische und einfache Theorie der Wahrheit. Diese ist enthalten in der Wortphilosophie. Die Wortphilosophie ist nun aber keine Partialtheorie innerhalb des grossen Gebäudes der Philosophie – wie es etwa die Technikphilosophie, die Sozialphilosophie, die Moralphilosophie und andere Teildisziplinen sind –, sondern sie ist die ganze Philosophie, nur eben aus dem allgegenwärtigen Phänomen des Wortes heraus entwickelt. Philosophisch Interessierten ist nun allerdings dieser Denkansatz sehr fremd. Daher war der Verfasser des vorliegenden Buches genötigt, die Wortphilosophie relativ breit zu erläutern. Die einzelnen Abschnitte der Untersuchung sind in folgender Weise angeordnet. Zunächst findet man eine Grundinformation über die Wortphilosophie. Diese steht unter dem Titel „thematische Einführung“. Dann schliessen sich die Kapitel an, in denen ausgewählte Themen der Wortphilosophie erörtert werden. Diese Kapitel erscheinen jeweils unter dem Titel „Thesenpapier“, da sie die längst fällige allgemeine Diskussion zur Sache aktiv anregen sollen. Zum Gelingen dieses weitgespannten Projekts haben viele Personen beigetragen. Zu nennen sind besonders mein alter Freund und Fakultätskollege Prof. Dr. Michael Durst, der auch diesen Band druckfertig gemacht hat, die Hochschulkonferenz der Theologischen Hochschule Chur, die meine Arbeit in die Schriftenreihe der Hochschule aufgenommen hat, und die Mäzene, die problemlos in den Dienst des Projekts „Wortphilosophie“ getreten sind. Ihnen allen sei herzlich Dank gesagt. Ein spezielles Dankeschön gilt schliesslich den drei Sekretä7
Vorwort
rinnen, ohne die das vorliegende Buch nicht entstanden wäre. Es sind dies Frau Heckmeier, Frau Kapler und Frau Djaber-Ansari. Möge nun die Wortphilosophie wenigstens einigen Leserinnen und Lesern als wahrheitsfördernder Ansatz einleuchten. Freising, 1. Oktober 2019 Heinrich Reinhardt
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Thematische Einführung
Das, wovon die folgenden Seiten handeln, ist die Wortphilosophie. Sie hat im Lauf der Jahre verschiedene Namen angenommen: Integrale Sprachtheorie, Sprachontologie, Sprachmetaphysik, Phesiologie und schliesslich Wortphilosophie. Dabei ist aber immer dasselbe gemeint, nämlich der Versuch, ausgehend von einer vorbehaltlosen Analyse des einfachen Sprechens oder auch des einzelnen Wortes ein vernünftiges Denkschema aufzubauen, in welches die sogenannte Struktur der Welt ohne Brüche oder Systemzwänge einzuordnen wäre. Die Voraussetzung dazu war und ist allerdings, dass man, gut neuzeitlich, u. a. schon gut renaissance-humanistisch, vom Sprechen des souveränen Subjekts her denken darf (und soll). Da ich auf dem Feld der Philosophie offensichtlich mit dem Projekt der Wortphilosophie allein geblieben bin, darf hier eine persönliche Erinnerung stehen. Als ich auf der Suche nach einem attraktiven Dissertationsthema war – mein Doktorvater, Professor Dr. Max MÜLLER in München, liess mir da freie Hand –, kam mir am 17. November 1969 plötzlich folgende Idee: die Sprache kann nicht, wie bei HEIDEGGER, undefiniert in der Luft schweben, sondern sie muss erfasst und definiert werden als kausal-ontologisch permanent wirkende Ur-Macht vor und gegenüber allem empirischen Sprechen: als transempirischer Ursprung des Sprechens. Näherhin ergab sich daraus dann sofort die Vielheit der vom Menschen möglichen Wirklichkeits-Zugänge (Sprachebenen). Dieses Konzept schien Professor MÜLLER interessant genug für eine Doktordissertation. Er billigte es, und ich arbeitete es in meiner Dissertation anfanghaft aus. Es zeigte sich aber, dass es ein Programm war, das über Jahrzehnte hinaus und über meine Lebenszeit hinaus dem genauen Nachforschen die Wege wies und weist. Der 50. „Geburtstag“ des Denkprojekts Wortphilosophie gibt Anlass, zurückzuschauen und sich der wesentlichen Punkte wortphilosophischen Denkens noch einmal zu versichern. Diesem Zweck dient die vorliegende Schrift. Der Kernpunkt des wortphilosophischen Denkansatzes ist zweifellos der Unterschied von „Sprache (an sich)“ und „Sprechen“. Das Spre9
Thematische Einführung
chen braucht, um seine Treffsicherheit und relative Bedeutungsfülle erklärbar zu machen, einen jederzeit bewirkenden Ursprung von absoluter Treffsicherheit und universaler Bedeutungsfülle, und das ist die Sprache an sich. Es ist der Unterschied des Absoluten und des Kontingenten. Diese beiden Pole stehen einander nicht fremd oder verständnislos gegenüber. Vielmehr gibt es zweierlei Verbindung: jene durch die Sprachebene und jene andere durch Inspiration des einzelnen Subjekts auf das einzelne Wort hin: die erste konstitutiv, die zweite okkasionell. Sprachebenen sind diejenigen konstitutiven „Bahnen“ oder „Kanäle“, die aus dem Inneren der Sprache an sich herausführen bis in die individuellen Wahrnehmungen und Intentionen des Subjekts. Sie ermöglichen dem Subjekt jederzeit ein genaues, präzises Sprechen. Es gibt vier Sprachebenen: das Denken, das Glauben, das Handeln und das spielerische Gestalten (d. h. die Kunst). Jede Sprachebene entrollt dem sprechbereiten Individuum ein vollständiges Panorama der erfassbaren Welt, das sich aber auf jeder Sprachebene speziell anders als auf den anderen ausdrückt; also andere Grundfragen, anderes Vokabular, andere Parameter der Genauigkeit. Das konzentriert-aufmerksame Subjekt fokussiert sich ganz auf seine Sache und wählt dafür mit Notwendigkeit, meist unbewusst und in vollem Vertrauen auf die Verlässlichkeit aller Sprachebenen, eben die für den jeweiligen Fall passende Sprachebene. Hier gelingt es am besten – oder es gelingt überhaupt nur hier –, das Wort zu finden und verlauten zu lassen, das die intendierte Bedeutung in die jeweilige Kommunikationsgemeinschaft hinaus- und hineinträgt. Im unkonzentriert-alltäglichen Gerede strukturiert sich der verbale Ausdruck natürlich nicht nach Sprachebenen, sondern nur nach momentanen Emotionen oder bedeutungsarmen Wahrnehmungen. Jeder Sprechakt ist dreiteilig. Dieses Urteil ist eindeutig dann gegeben, wenn sich der sprechende Mensch im Spiegel betrachtet. Er sieht, mit welcher Kraft er sich bemüht, sich selbst, seine unausgesprochenen, oft noch gar nicht abgeklärten Pläne, Erfahrungen, Probleme, Befürchtungen usw. in sein Sprechen hineinzulegen. Unwillkürlich wird der existenzielle Ernst sichtbar, den der Sprechende in seiner Äusserung mitklingen lässt. Zweitens beobachtet er in seinem Spiegel, wie eifrig – ja manchmal wie verbissen – er versucht, das rechte Wort zu finden für das Worüber seiner Sprechtätigkeit: für den Gegenstand, dem das Spre10
Thematische Einführung
chen möglichst hohe intersubjektive Präsenz verleihen soll. Und drittens erfasst er in seinem Spiegel, in welchem Ausmass er sich jetzt auf die Adressaten seiner Wortmeldung einstellt: wie stark er sich um Verständlichkeit in der Form seiner Wortmeldung kümmert, ja ob er bereit ist, durch seine Formulierungen um ein möglichst unbeschwertes Verstandenwerden geradezu werben zu können. Diese drei Elemente: Ausdruck des Ich, Nachdruck auf den Gegenstand der Äusserung und Sorge um den Eindruck der Rede bei dem oder bei den Adressaten sind der nötige Dreitakt jeder Sprechbewegung. Aber wo bleibt denn nun das Wort, zu dessen ausgereiftem, durchreflektiertem Begriff die Wortphilosophie doch hinführen soll? Was ist, genau genommen, ein Wort? Wer heute auf die Suche nach dem Wesen des Wortes geht, kann nicht einfach die intellektuelle Linie solcher Forschung fortsetzen, die bei PLATON und ARISTOTELES begonnen hat. Zu wertvoll sind die Beiträge, die Theologen wie J. G. HAMANN und M. DEUTINGER, aber auch Romantiker wie NOVALIS oder F. SCHLEGEL zu dieser Sache des Denkens vorgelegt haben. Wort ist eben nicht einfach ein ëüãïò, sondern ein Õìá. Es transportiert nicht nur einen Vernunftimpuls, sondern ein ganzes Bündel von Konnotationen, die nicht – wie rationalistische Sprachbegriffe suggerieren – störend oder irrelevant sind, vielmehr wertvolle Zusatzimpulse geben. Man muss also das Wort als pluridimensionalen Bedeutungsträger betrachten. Zudem wird man auf der Suche nach dem umfassenden Wesen des Wortes eine grundsätzliche ontologische Unterscheidung beachten müssen. Man darf nicht einfach vom „Sein“ des Wortes sprechen. Es gibt einerseits das noch unvollständige, unbestimmte, d. h. im Wort noch nicht eingebundene Sein (esse in potentia), das man allen Seienden zubilligen muss. Andererseits kommt das vollständige Sein vor, d. h. das ins Wort gebrachte, definitiv bestimmte und an seinen wahren Platz im Kosmos gestellte Sein (esse in actu). Denn nur ein Seiendes, das, fest und wahrhaft durch das Wort bestimmt, an seinen natürlichen Platz verharrt, kann seine natürliche Wirksamkeit ausüben. Wort und Sein sind also notwendig und in privilegierter Weise verbunden. Wie soll man nun aber die umfassende Natur des Wortes darstellen? 11
Thematische Einführung
Als kleinste bedeutungstragende Einheit von Satz, Ausruf, Befehl etc. ist das Wort jene verlässliche Basis, auf deren langfristiger Identität und praktischer Belastbarkeit alles kommunikative Verstehen beruht. Allerdings kommt das einzelne Wort, abgesehen von Wörterbüchern u. ä., in isolierter Position so gut wie nirgends vor. Es ist langfristig identisch und praktisch belastbar nur im Verbund mit etlichen anderen Worten: in Kontexten. Dort definiert es sich, d. h. es setzt sich vom Kontext ab und bestimmt sich als etwas Eigenes und Anderes gegenüber dem Kontext, auf den es sich (eben als Folie seiner Andersheit) doch abstützt. Eine empirische Sprache, die aus einem einzigen Wort bestünde, ist daher unmöglich. Sprechen – in all seinen verschiedenen Modifikationen – besteht aus Worten und Schweigepausen. Man kann lange sprechen, indem man nur imitierend und variierend bereits bekannte Worte verwendet. Aber dieses Verfahren kommt an sein Ende, wenn für einen neuen oder ungewohnten Sachverhalt das gewohnte Vokabular versagt, also ein neues Wort kreiert werden muss. Der „muntere“ Fluss des Sprechens kommt zum Stillstand. Der Schock des Steckenbleibens veranlasst den Sprechenden, ungewohnt intensiv in sein verfügbares Vokabular und tiefer und tiefer in das schweigende Geheimnis der Sprache hineinzuhören. Aber plötzlich kommt dann doch im Bewusstsein des Sprechenden ein neues Wort an, er prüft es an dem aufgetauchten Sachverhalt, er weist es als unvollkommen zurück oder nimmt es als passend an – denn jedes Wort will und muss Basis einer Definition sein –, und er führt es als neues Wort in den nun wieder weiterfliessenden Strom des Sprechens ein. Dies kann man „Wortung“ nennen: gültige Wortfindung. Dazu ermächtigt die Sprache jederzeit unser empirisches Sprechen. Wortung ist aber keinesfalls willkürliche Modifikation des Sprechens durch ein herrschaftliches Sprech-Subjekt, sondern Ergebnis eines gehorsamen Hörens. Als eine Möglichkeit der Selbstinterpretation habe ich das neuplatonische Denkmodell akzeptiert. Man kann sehr wohl die Sprache an sich als das neuplatonische Eine auffassen, das Sprechen als den – begrenzt selbstständigen – Hervorgang der Wirkung des Einen in begrenzten Verhältnissen, den Widerstand verschiedener sprechender Subjekte und Gruppen gegeneinander als Krise und Peripetie der (wahrheitsver12
Thematische Einführung
pflichteten) Sprechbewegung und schliesslich die zunehmende Sehnsucht der Sprechenden nach Eindeutigkeit des Sprechens bis hin zur endgültig entlastenden „Einkehr“ des Sprechens in dessen Ursprung, eben das Eine. Da ich das Experiment einer neuplatonischen Reformulierung meines Ansatzes einmal durchgeführt hatte, dachten einige Interpreten, mein Ansatz sei einfach nur eine Neu-Aufkochung uralter neuplatonischer Denkmodelle. In Wirklichkeit erprobte ich nur die Traditions-Konformität meines Denkens. Denn die grosse Tradition des abendländischen Philosophierens war und ist mir wichtig; ich meine, dass sie noch lange nicht in ihrer Weisheit ausgeschöpft ist. Eine zwingend notwendige Form der Wortphilosophie ist das neuplatonische Modell aber nicht. Verwandt mit dieser neuplatonischen Selbstvergewisserung ist meine neolatinistische Aktivität. Sie basierte nicht nur auf der legitimen philosophischen Auffassung, Latein könne (oder solle) alltäglich genutzte Sprechsprache werden. An solchen Initiativen habe ich zwar in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einen recht aktiven Anteil genommen. Eigentlich interessiert war ich aber an der Idee, dass die lateinische Sprache – zumindest im europäischen Kontext – das klarste Beispiel für die Existenz der zeitlosen Sprache an sich ist: dem Unsinn der allzu menschlichen Moden enthoben, sachlich, nüchtern, aber auch sich zu feierlicher Form erhebend, flexibel, aber immer auf grosse Form bedacht: ein wirklich überzeitliches und gerade deshalb aktuelles Kleid für ernsthaftes Sprechen. In diesem Sinn habe ich manche Gedanken lateinisch formuliert und publiziert. Gedankt hat es niemand. Abgesehen von dieser exemplarischen Funktion, die lateinisches Sprechen auch heute erfüllt, ist seine hermeneutische Qualität zu beachten. Es handelt sich um das Verstehen von Texten, die dem RenaissanceHumanismus angehören. Hier hat sich ein super-historisches Vorverständnis breitgemacht, das behauptet, heutige Interpreten könnten aufgrund des Zeitabstandes und der kulturellen Verschiedenheit solche Texte nur ungefähr verstehen. Dazu ist nun doch folgendes zu sagen: Erstens wird jeder Mensch, der die lateinische Sprache gründlich erlernt hat, fähig sein, das Latein der Humanisten zu verstehen. Diese Autoren verwenden ja gerade nicht, wie jene des Mittelalters, eine terminologisch befrachtete philosophischtheologische Fachsprache, sondern das nahezu klassische, durchsichtige 13
Thematische Einführung
Latein, das sie bewusst kultivieren. Wo da die Unverständlichkeit liegen soll, die dann von selbst ernannten Spezialisten erst entfernt werden muss, ist kaum begreiflich zu machen. Vielmehr steht fest, dass gerade die Humanisten-Philosophen und -Theologen, indem wir ihre Argumentationen lesen, uns über alle Jahrhunderte hinweg genau ansprechen – und damit begründen sie einen überzeitlichen Diskurs. Dies ist für die Wort-Philosophie wichtig. Die Wort-Philosophie zeigt uns somit, dass es überzeitlich verständliche Worte und Argumentationsstränge gibt. Das heisst, dass die Wort-Philosophie (unter definierten Bedingungen, s. o.) das Verblassen und „Verwelken“ der Worte durch die unerbittliche Geschichtlichkeit übersteigen kann. Durch die hier aufgezählten Kennzeichnungen ist ein konsistenter Begriff der Wortphilosophie erarbeitet, der in einzelnen Diskussionen noch klarer in der Form, aber dem Inhalt nach nicht anders darzustellen ist.
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TEIL I: DENKEN
Grundinteresse: Universalität, Begriffsschärfe, Kausallogik (mit Umfeld)
Thesenpapier 1/1: Die Sprache als das absolute Ganze gegenüber dem Sprechen als einem stets unvollkommenen Versuch
I. Eine Annäherung an die Sprache als Ganzes führt, da es keine zureichende Erfahrung von ihr gibt, notwendigerweise über das Sprechen. Sprechen ist, wie jeder weiss, ein physisches Tun: Betätigung der Sprechorgane, die zur biologischen Ausstattung der Spezies Mensch gehören. Es ist aber zugleich – und vorgängig vor aller organisch-körperlichen Tätigkeit – ein geistiges Phänomen. Denn im Sprechen drückt sich die Suche nach starker Wirkung im momentanen Umfeld aus, nach Halt in etwas Beständigen, nach Genuss der Gemeinschaft mit anderen Sprech-Subjekten, aber auch ein hilfesuchender An-Spruch an andere Sprechende. Das Sprechen ist immer ein polyvalentes Tun. Nicht selten wird es noch begleitet (bekräftigt, unterstrichen) durch „sprechende“ Gesten. Physische und geistige Elemente machen das Sprechen in ihrem Zusammenwirken zu einem gesamtmenschlichen Prozess, bei dem aber stets die geistigen Elemente führend sind. Sprechen ist nach dieser ersten Bestandsaufnahme das menschliche Ausdrucksverhalten. Natürlich kann man dieses Ausdrucksverhalten noch erheblich genauer analysieren. Das sei hier versucht. Sprechen ist fortwährendes Darstellen noch nicht ausdefinierter Bewusstseinssplitter, und zwar in geläufigen Worten, aber mit dauernder Selbstkritik und Selbstreflexion im Hinblick auf jene stets präsente Über-Grösse, die wir die Sprache nennen. Darstellen verläuft aber zwischen zwei Zielen: erstens vollzieht es sich „für“ oder „zu Gunsten“ der noch unklaren Sache, die eben durch das definitive Sprechen zum Ding erhoben wird, und zweitens „für“ oder „zum Wohlgefallen“ des oder der Adressaten. Dieses doppelte „für“ begründet eine Spannung, die jede Art 17
Teil I: Denken
von Sprechen durchdringt. Sie macht die charakteristisch schwebende und angreifbare Haltung des Sprechens aus, derentwegen oberflächliche Menschen das Sprechen und das einzelne Wort geringachten: „nur Sprechen“, sagen sie, „nur Worte“. Offenbar zählen für sie nur massive Prügel oder massive Materialansammlungen, die freilich momentan des Wortes nicht bedürfen. In Wahrheit verleiht aber gerade jene schwebende, vibrierende Eigenschaft des Sprechens dem sprechenden Subjekt die Macht, Gegenstände oder Menschen zu „treffen“. Sprechen kann „vibrieren“ und „geschliffen“ sein wie ein gezückter Degen. Sprechen verändert Wirklichkeit.
II. Wir sprachen vorhin von der Situation des plötzlichen Steckenbleibens, der bewussten oder halbbewussten Rückwendung zu der komplexen Übergrösse, die man „die“ Sprache nennt, sodann des Auffangens eines neuen Wortes, des Prüfens, ob dieses neue Wort genau in die entstandene Lücke des bisherigen Sprechvorgangs passt, und dann der fugenlosen Fortsetzung des Sprechens. Es ist die Situation der Wortung. Dies ist das eine Beispiel für die „Berührung“ der Sprache durch das Sprechen – ein alltägliches Ereignis. Eine weniger alltägliche Situation wird erreicht, wenn der Mensch im Modus der Meditation sich selbst transzendiert und, wie all seine Tätigkeiten, gerade auch sein Sprechen sozusagen „von oben“ betrachtet. Er sieht sich dann von der Sprache als ganzer in vielfacher Hinsicht beschenkt, er sieht sich redlich bemüht, sprechend einen Sachverhalt zu präzisieren und abschliessend zu definieren, er sieht sich einen Gesprächspartner an die Wahrheit heranführen und so mit der Sprache als ganzer verbinden. Solche „Berührung“ der Sprache durch das sehr spezielle Sprechen im Modus der Selbsttranszendenz1 ist nun aber auch ein wesentlicher Vollzug der Freiheit.
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Die Selbsttranszendenz wurde religionsphilosophisch in meinem Buch „Der Gott Heraklits“ (238–268) bereits gründlich erläutert.
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Thesenpapier 1/1: Die Sprache als das absolute Ganze
Der Mensch hat grundsätzlich die Freiheit, sein Sprechen „gutwillig“ dem von der Sprache selbst schon so eingerichteten Fluss zum Adressaten hin anzuvertrauen. Daraus erfliesst eine Tendenz zur Informierung, Belehrung, Unterstützung (usw.) des Gesprächspartners. Er hat aber ebenso die Freiheit, dieser positiven Richtung seines Sprechens zu widerstehen und eine Demütigung, Verhöhnung, Irreführung und Bekämpfung des Adressaten zu intendieren. Dann wird das Sprechen lügnerisch, zerstörend, vergiftend. Der Adressat gelangt dann nicht zur Wahrheit, sondern bleibt in tiefer Verwirrung stecken; er muss auf ein besser „gestimmtes“ Sprechen warten und verharrt inzwischen sklavenhaft in der Gewalt des vergiftenden Sprechers. Im Zusammenhang der Selbsttranszendenz, d. h. nun der absichtlichen Heranführung des angesprochenen Subjekts an die Sprache als ganze oder aber in der absichtlichen Fernhaltung des angesprochenen Subjekts von der Sprache als ganzer, tritt diese selbst für die menschliche Erfahrung „greifbar“ hervor. Nach dieser noch immer etwas skizzenhaften Präsentation der Sprache als ganzer ist jetzt näher einzugehen auf den Begriff der Sprachebene; denn er stellt ja gewissermassen das „Gelenk“ dar, um welches sich die ganze Wortphilosophie dreht. Sieht ein Mensch aufmerksam auf eine Sache in seiner Vorstelung, die er aussprechen und damit für die Allgemeinheit fest und fassbar machen will, so begibt er sich automatisch auf eine der vier Sprachebenen. Denn die Beachtung aller wesentlichen (und vieler unwesentlicher) Komponenten einer Sache impliziert eine restlose Einstellung des Bewusstseins, in der die gesamte Wirklichkeit auf diese eine Sache hin geordnet wird und die daher sämtliche Vokabularien, grammatikalischen Ausdrucksmöglichkeiten und rhetorischen Modelle, Konnotationen, Assoziationen, Anspielungen und Betonungen jeglicher Art nur zum passenden Ausdruck dieser einen Sache versammelt. Es entsteht ein komplettes Bild der Wirklichkeit um diese Sache herum. Und erst durch diese selektive Sicht entsteht Wirklichkeit im eigentlichen Sinn. Und so ereignet sich im Sprechen auf einer der vier Sprachebenen das wahre Werden der Wirklichkeit im Werden des genau jetzt und hier auszusprechenden Wortes.
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Teil I: Denken
III. Aber wie ist dieses Werden der Wirklichkeit genau zu denken? Darauf kommt es jedoch in der Wortphilosophie am meisten an. Hier ist nämlich der Ort, an dem das Junktim von Wort und Wahrheit schlagartig hervortritt. Schon in der Populärphilosophie hört man gelegentlich: „Das Wort schafft Wirklichkeit“. Wie sich gleich zeigen wird, ist dieser Satz ganz sicher wahr; nur tritt seine Wahrheit in der Form, wie er da plötzlich und zusammenhanglos in irgendeinen viel weniger grundsätzlichen Diskurs hineingeschleudert wird, noch gar nicht hervor. Im ernsthaften Diskurs der Wortphilosophie werden jedoch alle Bedingungen für die Wahrheit des obigen Satzes klar bezeichnet. Erstens wird festgestellt, dass menschliches Sprechen kontingent ist. Es ist tausenderlei unvorhersehbaren Zufällen und Einschränkungen unterworfen. Es steht nicht primär in sich, obwohl es doch bewusste Absicht, eine gewisse Wahlfreiheit, ein Gespür für schönen, straffen Ausdruck (u. ä.) enthält. Im Hinblick auf diese Determinanten deutet das menschliche Sprechen hin auf eine Herkunft aus dem Absoluten (d. h. die Sprache an sich), auf ein permanentes, wenn auch unmenschliches Gehaltensein durch das Absolute (so dass das Sprechen in der Regel nicht misslingt, sondern sinnvoll bleibt) und auf eine ultimative, wenn auch vielleicht fiktive Integrierbarkeit in ein System ewiger Begriffe. Zweitens: Der Begriff der Sprache an sich (= das Absolute) muss mit Notwendigkeit in der beschriebenen Weise angenommen werden. Denn ein kontingentes Phänomen ohne ontologisch tragendes Subjekt ist ein Widerspruch in sich. Hier muss die Kausallogik der traditionellen („alten“) Metaphysik herangezogen werden, weil ansonsten das Denken in lauter Aporien und Skeptizismus verlorengeht. Die Sprache an sich ist auch weit mehr als ein kantisches Postulat der (reinen theoretischen oder praktischen) Vernunft; sie wäre dann ja ein transzendentes Konstitutum seitens der kontingenten Sprech-Kompetenz des Menschen. In Wirklichkeit „ist“ aber das menschliche Sprechen nur, weil die Sprache an sich es initiiert, es weitestgehend frei sein lässt, es aber trotzdem ontologisch und alltäglich-praktisch „trägt“ und unmerklich teleologisch führt. Darum muss das Verhältnis von Sprechen und Sprache kausalontologisch verstanden werden. 20