| KOHLHAMMER
STUDIEN ZUR CHRISTLICHEN RELIGIONS- UND KULTURGESCHICHTE
BILDER, HEILIGE UND RELIQUIEN
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MARIANO DELGADO VOLKER LEPPIN (HG.)
Beiträge zur Christentumsgeschichte und zur Religionsgeschichte
Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte Herausgegeben von Mariano Delgado und Volker Leppin Band 28
Bilder, Heilige und Reliquien Beiträge zur Christentumsgeschichte und zur Religionsgeschichte Herausgegeben von Mariano Delgado und Volker Leppin
Schwabe Verlag Kohlhammer
Dieses Buch ist mit Unterstützung des Hochschulrats der Universität Freiburg Schweiz veröffentlicht worden. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz / W. Kohlhammer Verlag GmbH, Stuttgart, Deutschland Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Martyrium des heiligen Sebastian (El Greco, ca. 1612, Museo del Prado, Rechte vorbehalten) Lektorat: Andreas Burri Kolektorat: Mathea Willmann Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout | Satz: GraphicDesign Sievernich & Rose Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany
ISBN Printausgabe 978-3-7965-4198-8 (Schwabe) ISBN Printausgabe 978-3-17-039332-5 (Kohlhammer) ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4218-3 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4218-3 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
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Inhaltsverzeichnis 9 Vorwort 11 Einleitung
I Bibel und Antike Lutz Doering 21 Bilderverbot und Götzendienst Zum Verständnis des ›Bilderverbots‹ in Texten des hellenistisch-frührömischen und des rabbinischen Judentums, mit einem Blick auf den archäologischen Befund Gregor Emmenegger 49 Die Entstehung des Bilderkultes im Christentum angesichts des biblischen Bilderverbots Hartmut Leppin 69 Heiligkeit und Macht in der Spätantike
II Mittelalter Vasile-Octavian Mihoc 87 Wandel religiöser Visualität Konkurrierende Identitätskonstruktionen im frühen Islam Andreas Odenthal 113 »Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels« (Gen 28,17) Zur Genese der ›Sakralität‹ mittelalterlicher Kirchenbauten Volker Leppin 141 Stigmata und Kreuzeswunder Zur Verschiebung der Vorstellung von repraesentatio Christi in der Armutsfrömmigkeit des 13. Jahrhunderts
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Inhaltsverzeichnis
III Frühe Neuzeit Peter Walter 159 »Prepostera religio« Richtige und falsche Heiligenverehrung nach Erasmus von Rotterdam Martin Sallmann 181 Heilige und Bilder in der Zürcher und der Berner Reformation Andrea Strübind 199 Tempel ohne Steine Bilderkritik und Ikonoklasmus in den täuferischen Bewegungen Thomas Lau 223 Heiligkeit Das anglikanische Modell zwischen 1536 und 1660 Mariano Delgado 247 Heiligsprechung und kirchliche Domestizierung: Teresa von Ávila Claudia Gerken 265 Bilder- und Reliquienkult im nachtridentinischen Italien zwischen Kritik und Inszenierung Ines Weber 287 »daß wir uns die Tugendbeyspiele der Heiligen zur Nachahmung vorstellen« Heiligen- und Reliquienverehrung in der katholischen Aufklärung
Inhaltsverzeichnis
IV Moderne und andere Religionen Markus Ries 309 Neobarocke Heiligkeit: Kontinuität und Neuschöpfung Augustin Sokolovski 323 ›Kirche im Werden‹ Aspekte der Heiligenverehrung in der gegenwärtigen Orthodoxie Tim Lorentzen 339 Zerstörung - Umdeutung - neue Kulte Reliquien in der totalitären Geschichtspolitik Josef Estermann 371 Maria und Pachamama: Transkulturelle Heilige und deren Darstellung im andinen Kontext Johann Figl 403 Heiligen- und Reliquienkult im Buddhismus Historische und vergleichende Aspekte Anhang 428 Personenregister 444 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren 446 Bildnachweis
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Vorwort ie Symposien zu Themen der Kirchen- und Religionsgeschichte, die in Kooperation zwischen dem Institut für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog der Universität Freiburg / Schweiz und dem Institut für Spätmittelalter und Reformation der Universität Tübingen alljährlich in Freiburg stattfinden, haben sich nun schon als Ort des Austauschs über gewohnte Fächergrenzen hinweg und als Grundlage für handbuchartige Sammelbände etabliert. In dieser Reihe fand unter der Leitung der Herausgeber vom 20.-22. September 2018 das Symposium »Bilder, Heilige und Reliquien in der Christentumsgeschichte mit einem Seitenblick auf die Religionsgeschichte« statt, dessen Akten nun in diesem Band der Öffentlichkeit vorleget werden. Seine Durchführung wurde vom Schweizerischen Nationalfonds für die Wissenschaftliche Forschung, vom Forschungsfonds der Universität Freiburg sowie vom Doktoratsprogramm und von Dekanat ihrer Theologischen Fakultät finanziell unterstützt. Es ist seinerzeit in der Öffentlichkeit auf gute Resonanz gestoßen, und wir hoffen, dass dies auch mit dem nun vorliegenden Band der Fall sein wird. Die interdisziplinäre Vielfalt von kirchen-, kultur-, sozial-, kunst- und religionshistorischen Annäherungen eröffnet neue Perspektiven auf diese wichtige Thematik der Christentums- und Religionsgeschichte. Die Beiträge geben Impulse für die weitere Forschung zu Bildern, Heiligen und Reliquien in der Christentumsgeschichte, aber auch in Judentum, Islam und Buddhismus. Für die Aufnahme in das Publikationsprogramm danken wir den Verlagen Schwabe in Basel und W. Kohlhammer in Stuttgart. Ferner gilt unser Dank der Publikationskommission des Hochschulrates Freiburg / Schweiz für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses. Für die redaktionelle Aufarbeitung der Manuskripte danken wir cand. Dr. phil. Andreas Burri, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg / Schweiz und Mathea Willmann, studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Kirchengeschichte I in Tübingen. Wir schließen das Manuskript zu einer Zeit ab, zu der das Corona-Virus Europa im Griff hat und so angenehme Treffen wie im Spätsommer 2018 in weite Ferne gerückt scheinen. Aber wir tun dies in der Hoffnung und Zuversicht, dass dergleichen in absehbarer Zeit wieder möglich sein wird – möge die Lektüre dieses Buches die Zeit bis dahin angenehm überbrücken! Freiburg / Schweiz und Tübingen | Pfingsten 2020 Mariano Delgado | Volker Leppin
Einleitung
von Mariano Delgado und Volker Leppin
as Christentum ist aus der anikonischen Religion des Alten Testaments hervorgegangen – und doch zu einer Religion von großer, oft erschlagender Bilderpracht geworden. Die Besucherströme, die in normalen Zeiten, durch Rom oder Amsterdam, nach Paris oder Madrid ziehen, sind nicht zuletzt auch von den großen Gemäldegalerien angelockt, deren Bestände zu guten Teilen aus christlicher Kunst bestehen. Schon ein flüchtiger Gang durch die Museumsfluchten macht dabei deutlich, dass diese Menge an Kunst sich keineswegs ausschließlich auf die biblischen Erzählungen ausrichtet. Wichtig und zentral sind die vielfältigen Erzählungen von Heiligen, die dem kulturellen Gedächtnis heute nicht nur im evangelischen Raum weitgehend entschwunden sind. Tatsächlich haben die Klassiker zum Thema – Peter Brown und Arnold Angenendt 1 – auf den engen Zusammenhang zwischen Heiligenkult, wie er sich in Reliquien materialisiert, und Bildlichkeit hingewiesen. Das Altarretabel, wie es im Mittelalter entstand, steht in enger Beziehung zur Präsenz der Heiligen nicht nur unter, sondern in verschiedenen Formen von Visualisierung auch auf den Altären. Die vorliegenden Studien greifen genau diesen komplexen Zusammenhang zwischen Heiligenverehrung und Ikonizität im Christentum und in Einzelstudien auch in anderen Religionen auf. Was hier dargeboten wird, ist also weder ein Sammelband zum Thema »Christentum und Bild« noch zu »Christentum, Heilige und Reliquien«, sondern es ist, im interreligiösen Horizont, genau an der Schnittstelle zwischen beidem angelegt. Das macht den Reiz des Bandes aus. Dabei mögen die Beiträge, wie schon die Titel erkennen lassen, ihren Schwerpunkt mehr in die eine oder in die andere Richtung entfalten – auf je eigene Weise spüren sie durchweg diesem Zusammenhang zwischen Heiligen, Reliquien und Bildern nach.
1 Peter Brown, The Cult of the Saints. Its Rise
and Funktion in Latin Christianity, Chicago IL 1981; Arnold Angenendt, Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München 1997.
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Dabei sind die Bilder den Heiligen vorgeordnet, ja, sie sind sogar der Bibel vorgeordnet, die im Kontext reich bebilderter vorderasiatischer Religiosität entstand und in der sich ein Prozess abbildet, durch welchen die eigene Bildlichkeit der Religion Altisraels zunehmend als unangemessen verurteilt und schließlich auch in der Praxis beseitigt wurde. Die spannenden religionsgeschichtlichen Kontexte wurden auf der Tagung anhand eines anregenden Vortrages von Christoph Uehlinger diskutiert, der leider nicht in die Veröffentlichung eingehen konnte 2. So setzen die Aufsätze mit der Konstellation im frühen Judentum ein (LUTZ DOERING), die aber ihrerseits, wie der Beitrag zeigt, tief im Dekalog verwurzelt ist. Von ihm her erklärt sich die enge Verbindung von Bilderverbot und Fremdgötterverbot im antiken Judentum. Dabei spielen neben den literarischen Quellen – Philon von Alexandrien und Flavius Josephus – auch die archäologischen Zeugnisse bis zum Bar-KochbaAufstand eine Rolle. Diese zeigen zwar eine Zurückhaltung bei der Darstellung von Tieren und Menschen. Dabei ist aber kontraintuitiv festzustellen, dass ein absolutes Bilderverbot nicht belegt ist. Es finden sich auch durchaus einzelne Darstellungen von Tieren und sogar Menschen. Wie wichtig dabei der Zusammenhang mit der Verehrung beziehungsweise ihrem Verbot ist, zeigen die rabbinischen Texte. Das bildet den Hintergrund für eine gewisse, gelegentlich geradezu spöttische Akzeptanz paganer Abbildungen im öffentlichen Raum, aber auch von archäologisch nachweisbaren Tierbildern auf Türstürzen von Synagogen des 3. Jahrhunderts, bald darauf sogar Menschendarstellungen auf Synagogen-Mosaikböden. Eine konsequente Ablehnung von Bildlichkeit überhaupt ist also erst ein späteres Produkt der Entwicklung. Kann man so im Judentum eher eine Prinzipialisierung und extensionale Ausweitung des Bilderverbotes beobachten, so hat das antike Christentum sich eher rasch von ihm gelöst (GREGOR EMMENEGGER). Von früh an zeigen sich bei ihnen Bemalungen in Wohn- und Versammlungsorten, die voller biblischer Szenen und Symbole sind. Eine ausgesprochene Bilderverehrung entwickelte sich dann erst nach und nach. Im 6. Jahrhundert kann man aufgrund positiver wie kritischer Nachrichten wohl davon ausgehen, dass sie 2 Christoph Uehlinger, Einfluss ägyptischer
und kananäischer Bilderreligionen. Für die folgenden Zusammenfassungen der Beiträge sind die beiden Autoren dieser Einleitung verantwortlich. Sie haben dabei aber zum Teil Formulierungen aus den abstracts aufgegriffen, die von den Autorinnen und Autoren zur Tagung eingesandt worden waren. 3 Johannes Kollwitz, Art. Bild III (christlich), in: RLAC II, 318-341, hier 337.
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sich auf breiter Basis durchgesetzt hat. So kam es im spätantiken Christentum zu einem ›Iconic turn‹, d.h. zu einer Transformation des Christentums von einer Religion des strengen Bilderverbotes zu einer des Bilderkultes, um sich in der durch die Kultur des Bildes geprägten römisch-hellenistischen Welt vor allem bei den einfacheren Volksschichten verständlich zu machen. Man kann darin eine frühe Form der ›Inkulturation‹ sehen. Theologisch geht es vor allem um das Christusbild. Die Bilderfeinde gehen davon aus, dass Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch nicht dargestellt werden könne; und wenn man meine, die Darstellung gelte bloss der menschlichen Natur, so würde man durch die Bilderverehrung einen christologischen Irrtum begehen, da man beide Naturen voneinander trenne. Die bilderfreundliche Partei sieht hingegen im Bild Christi ein Bekenntnis zu seiner Menschwerdung, d.h. zu seiner menschlichen Natur. Jesus Christus sei wegen seiner »Selbstumschreibung« als hervorgehobenes Abbild Gottes in der Inkarnation »umschreibbar« geworden, was die Bilderfeinde untergraben würden. Der Sinn des Bildes liege in der »memoria«, d.h. in der Erinnerung an die Heilstaten Gottes und die Taten der Heilige – auf dass wir zur frommen Nachahmung angespornt werden. Besonders in der Westkirche entwickelt sich der Gedanke des pädagogischen Nutzens der Bilderverehrung: Nicht das Bild als solches wird verehrt, sondern die Urbilder, auf die sie uns als Abbild verweisen. Für die Ostkirche hingegen stellt das Bild nicht nur etwas Heiliges oder einen Heiligen dar, »sondern ist selbst etwas Heiliges. Im Abbild ist etwas von der Heiligkeit des Urbildes gegenwärtig«.3 Vorherrschend blieb in beiden Kirchen die Bemühung um die scharfe Unterscheidung zwischen der den Heiden angehängten Gleichsetzung von Bild und Gottheit bzw. Heiligen, gegen die die Gebildeten unter ihnen protestierten, und der christlichen Auffassung von Bild und Urbild. Heiligkeit hatte im antiken Christentum aber keineswegs nur spirituelle und liturgische Bedeutung, sondern ihr Gebrauch weist auch auf die Dimension der Macht (HARTMUT LEPPIN) hin. Eine ausgeprägte Konkurrenz um Heilige und um Reliquien konnte hier ebenso wie die dogmatischen Debatten zu scharfen Auseinandersetzungen führen, ja, die Gegenstände konnten mit ihrer sichtbaren Wirkung sogar eine höhere Evidenz erlangen als das bloße verbale Argument. In bestimmten Situationen kam Gegenständen oder Handlungen von Heiligkeit damit eine Macht zu, die wirkungsvoller sein konnte als Politik, Militär, oder Wirtschaft. Die Frage nach ihrer Kontrolle wurde dadurch um so dringlicher und gestaltete entsprechende Konflikte, wie Leppin anhand konkreter Beispiele veranschaulichen kann. Sie zeigen gemeinsam, wie schwierig es war, die Ressource Heiligkeit in die gegebenen Ordnungen zu integrieren.
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Nicht nur innerhalb des Christentums konnte der Umgang mit den Bildern Konflikte entfachen, sondern auch in Auseinandersetzung mit anderen Religionen, zumal dem Islam, der seit seiner Entstehung einen dem Judentum vergleichbaren restriktiven Weg im Umgang mit den Bildern ging (VASILEOCTAVIAN MIHOC). Auch er ist Erbe der Antike, und die Gestaltung einer anikonischen Religiosität bedeutete in den Regionen, in denen er sich früh ausbreitete, eine weitreichende Umgestaltung der byzantinisch-bildhaften Kommunikationsformen. Eben hierum drehten sich frühe Konflikte: Angriffe von islamischer Seite auf die christlichen Bilder einerseits und christliche Reaktionen auf den islamischen anikonischen Einfluss andererseits, der sich auch als christliche Ablehnung von Bildern zeigen konnte. Insgesamt aber hat sich im Christentum bekanntlich, spätestens mit dem Konzil von Nizäa 787, eine bilderfreundliche Haltung durchgesetzt, die zwar gottesdienstliche Anbetung untersagte, eine andächtige Verehrung aber zuließ. Dies konnte sich mit der weitergehenden Heiligenverehrung verbinden, die auch den Kirchenbau des Mittelalters prägte (ANDREAS ODENTHAL). Die Existenz von Märtyrergräbern gab der mittelalterlichen Liturgie eine neue Gestalt und Fokussierung. Die Grablegen bildeten den Kristallisationspunkt für Stundenliturgie wie Eucharistiefeiern, und für die Weihe von Kirchenbauten wurde die Einbettung der Reliquien zu einem zentralen Vorgang. So entstand aus dem Gedanken der heiligen Person und der Vergegenwärtigung ihrer Überreste die Vorstellung von einem heiligen Raum in der christlichen Religion. War durch solche Vorgänge die Memorialisierung der Heiligkeit und der mit ihr gegebenen Christuspräsenz vielfach der bestimmende Modus der Frömmigkeit, so begegnet in Franz von Assisi im 13. Jahrhundert eine neue Form von Christusvergegenwärtigung (VOLKER LEPPIN). Deren Brisanz resultierte daraus, dass zeitgleich durch die Auseinandersetzung mit dem Islam das Thema Martyrium neu aktualisiert worden war, dem nun das Modell Franziskus eine Passionsgestalt ohne gelebtes Martyrium entgegenhielt. Die sich darin abzeichnende Konkurrenz unterschiedlicher Heiligungsmodelle, die sich zeitgleich auch in der Auseinandersetzung der Armutsfrömmigkeit mit der etablierten Kirche beobachten lässt, konnte in der Frühen Neuzeit zu der Verbindung von Kritik an falscher und Suche nach rechter Heiligenverehrung führen. Das zeigt PETER WALTER in einem seiner letzten Beiträge vor seinem viel zu frühen Tod am 21. August 2019. Erasmus ging den schmalen Grat zwischen satirischen Kommentaren über Wallfahrten, Heiligen- und Reliquienverehrung einerseits und einer tiefen Würdigung der Heiligen als Beispiele christlichen Lebens andererseits. Ja, er suchte in der Not auch Hilfe bei ihnen und konnte ihnen zu Ehren Hymnen und liturgische
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Texte verfassen. Maßstab war die Entsprechung zum neutestamentlichen Befund. Die Heiligen zu ehren bedeutete für den Humanistenfürsten in erster Linie Nachfolge Jesu Christi im Vollzug des eigenen christlichen Lebens. So leiten sie auf das Neue Testament hin und führen nicht von diesem ab. Eben in dieser positiv-harmonischen Verhältnisbestimmung zeigt sich der Unterschied in der Sicht des Erasmus zu der der Reformatoren, die sich in ihrer Schweizer Ausprägung besonders deutlich gegen die Bilder gewandt haben (MARTIN SALLMANN). In der Bilderablehnung, wie sie hier exemplarisch anhand der Berner Geschehnisse und Debatten aufgezeigt wird, spiegelt sich ähnlich wie bei der Entstehung von Bilderverbot und -verehrung in der Antike das Ineinander aus sozialer Praxis und theologischer Reflexion wie auch der enge Zusammenhang zwischen Heiligenverehrung und Bilderverehrung, die nun im Modus der Ablehnung aus reformatorischer Perspektive zusammen gesehen werden. Die Bilderablehnung gehörte auch zu dem Erbe, das die Täufer aus der Schweizer Reformation mitgenommen haben (ANDREA STRÜBIND). In einem bislang noch wenig beachteten Ausmaß war dies bei ihnen ein Element ihrer Identitätsbildung. Sie formten eine bilderlose Religiosität aus, und die Entfernung vom bildtragenden Kirchenraum ging auch in ihre eigene Ekklesiologie ein. Diese verband sich mit spezifischen Vorstellungen von Heiligung in diesem Leben, wie man sie auf andere Weise in der Entwicklung der Curch of England zwischen 1536 von ihren Anfängen bis in die Cromwell-Zeit nachvollziehen kann (THOMAS LAU). Heiligkeit nicht als Ausweis besonderer Gestalten, sondern als Grundlinie der Ekklesiologie bildet hier ein Konstituens der werdenden anglikanischen Kirche, während zeitgleich die römisch-katholische Kirche das klassische Konzept von Heiligkeit grandios inszenierte (MARIANO DELGADO) und damit die bei Erasmus greifbare humanistische Skepsis gegenüber solchen Vorgängen hinter sich ließ: Am 12. März 1622 fand unter Gregor XV. im Petersdom die glorioseste Heiligsprechung des Barocks statt, in welcher die katholische Kirche fünf neue Heilige kreierte, darunter vier aus Spanien. Die Kanonisierung war nun ganz deutlich ausschließlich Sache des Papstes und konnte auch zu dessen Zwecken genutzt werden. So erweist sich eine jener Heiligsprechungen vom März 1622, nämlich die Teresas von Ávila, als ein Versuch der Domestizierung der Heiligen, deren Stilisierung als »Tochter der Kirche« auf Kosten der gefährlichen Erinnerung Teresas als einer selbstbewussten Frau, die predigen und lehren wollte, erfolgte. Den dogmatischen und rechtlichen Hintergrund für die damit vollzogene Wiederbelebung der Kanonisationen bildeten die Beschlüsse des Konzils von Trient (CLAUDIA GERKEN), das 1563 Heiligenbilder und -reliquien in seiner letzten Sitzung in einem gemeinsamen Dekret abgehandelt hatte, damit die
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Praxis aber nur begrenzt regulieren konnte. Insbesondere gelang es nicht, eine Verehrung der Bilder von Heiligen noch vor ihrer Kanonisation zu unterbinden, in welcher die Totenmaske als Reliquie und letztes authentisches Bild des Heiligen eine besondere Rolle spielte. Diese ausufernde Heiligenverehrung geriet durch die Aufklärung in die katholische Selbstkritik (INES WEBER). Die Theologie der Zeit löste sich von der Vorstellung besonderer, durch das Martyrium oder Wunder ausgezeichneter Heiliger. Heilig war hiernach vielmehr jede Christin und jeder Christ. Die besonderen Heiligen waren daher gerade nicht, wie im Gefolge von Trient als Objekte der Verehrung relevant, sondern als Vorbilder für ein gutes Leben. Mit der Neubesinnung auf Traditionen in den unterschiedlichen Konfessionen im 19. Jahrhundert geriet auch diese aufgeklärte Haltung wieder in die Kritik (MARKUS RIES). Es kam zu einer Art Neobarockisierung des Heiligenkultes, für die auch eine Beibehaltung, ja, Verstärkung jener anhand der Heiligsprechung von 1622 nachgezeichneten Verkirchlichungstendenz im Umgang mit den Heiligen charakteristisch war. Die minutiösen Bemühungen um Heiligsprechung sind dabei nicht nur ein Proprium der westlichen katholischen Kirche. Auch die orthodoxen Kirchen kennen einen geradezu skrupulösen Prozess der Heiligsprechung (AUGUSTIN SOKOLOVSKI). Für sie ist maßgeblich, dass die Heiligen ihrerseits zu Repräsentanten des wahren, orthodoxen Verständnisses der Kirche werden. Für die Moderne ist allerdings auch eine Diversifizierung der Wahrnehmung von Heiligkeit prägend, bis hin zur willkürlichen Übernahme von Phänomenen des Heiligenkultes in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts (TIM LORENTZEN). Diese stehen in einem spannungsreichen Verhältnis von Ablehnung und Nachahmung zur christlichen Heiligenverehrung. Deren Praktiken wurden einerseits abgelehnt und ihre Möglichkeiten zur Kultausübung zerstört, andererseits wurden vorhandene Körperreliquien auch im Sinne der neuen Ideologie umgedeutet, ja, es kam sogar zu neuen Totenkulten – der bekannteste und skurrilste wohl der um den einbalsamierten Leichnam Lenins. Handelt es sich hier um direkte Konfrontation mit säkularen Weltdeutungsmustern, so muss sich christlicher Umgang mit Bildern, Heiligen und Reliquien auch der Welt anderer Religionen stellen. Ein faszinierendes Phänomen sind in diesem Zusammenhang die transkulturellen Heiligen in den Anden (JOSEF ESTERMANN). Marien-Ikonographie und indigene Vorstellungen von der Pachamama oder Mutter Erde fließen hier ineinander und zeigen ihr produktives Potenzial. In einem gänzlich anderen religiösen Kontext, dem Buddhismus, lassen sich Vergleiche mit der christlichen Praxis und Deutung ziehen (JOHANN FIGL). Darin, dass es hier zur Entwicklung von Heiligen- und Reliquienkult in einer nicht-
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theistischen Religion kam, zeigt sich, dass die Möglichkeiten eines Religionsvergleichs im Horizont einer Religionswissenschaft, die sich von den vom Christentum geprägten Begriffen löst und doch Vergleichbares feststellt, zu den essentiellen Bedingungen einer heutigen Wahrnehmung des Phänomens von Heiligkeit gehören. Denn zu den wesentlichen Fragen heutigen Umgangs mit der reich dokumentierten Tradition christlicher Konzeptionen von Heiligkeit gehört auch die Frage, wie sich diese im Rahmen einer multireligiösen Wirklichkeit ausnimmt. Die Infragestellungen reichen allerdings weiter: Wie gestaltet sich christlicher Umgang mit dem Heiligen in einer Gesellschaft, die dem Heiligenkult immer ferner steht und ihre grundlegenden Mitteilungen doch zugleich in höchstem Maße visualisiert? Heutiges Christentum wird sich auch vor der Herausforderung zu bewähren haben, die tradierten Bildinhalte in einer Weise zu präsentieren, die dem eigenen Erbe entspricht und den neuen Anforderungen genügt. Wie dies geschehen kann, wird ein Band wie dieser nicht beantworten können. Aber Material zur Orientierung hält er in großer Menge bereit.
Bilder, Heilige und Reliquien
I Bibel und Antike