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BERUFUNG ZUM ENGAGEMENT?
Die Autorin Ruth Ammann studierte Geschichte und Gender Studies in der Schweiz und Irland und promovierte an der Universität Bern. Sie war Forschungsleiterin der « Unabhängigen Expertenkommission Adminis trative Versorgungen » und publizierte verschiedentlich zur Geschichte der Frauenbewegungen im 20. Jahrhundert.
BERUFUNG ZUM ENGAGEMENT?
Dora Staudinger war im Zürich der 1910er- und 1920er-Jahre eine be kannte Frau : Die Feministin und Sozialistin gestaltete die Politik der Allgemeinen Baugenossenschaft ( A BZ ), war im Lebensmittelverein und in der Schweizerischen Frauen- und Friedensbewegung aktiv. Sie war eine Pionierin in der Erwachsenenbildung, Teil des religiössozialen Settlements « Gartenhof » und Expertin für kommunale Wohnbaupolitik. Als Fürsorgerin stellte sie sich Kindswegnahmen und Zwangssterilisationen entgegen. Die Biografie beleuchtet erstmals Arbeit und Wirken der bisher wenig beachteten Genossenschafterin und religiösen Sozialistin. Sie beschreibt die politischen und privaten Auseinandersetzungen rund um das öffentliche Engagement von Frauen und offenbart ein heute kaum mehr bekanntes weibliches politisches Selbstverständnis, in dem sich Religiosität und Mutterschaft nicht als Hemmschuh erweisen, sondern als Antrieb für linkes politisches Handeln.
Ruth Ammann
BERUFUNG ZUM ENGAGEMENT?
Die Genossenschafterin und religiöse Sozialistin Dora Staudinger ( 1886–1964 ) Ruth Ammann
Ruth Ammann
Berufung zum Engagement? Die Genossenschafterin und religiÜse Sozialistin Dora Staudinger (1886–1964)
Schwabe Verlag
Die Autorin bedankt sich für Beiträge an die Druckkosten bei: Allgemeine Baugenossenschaft Zürich, ABZ Gerda-Weiler-Stiftung e. V., www.gerda-weiler-stiftung.de SAFFA Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit Stiftung Interfeminas Verein Frauenzentrum Zürich Markus und Margaretha Lezzi, Zürich Johanna Sedlak, Wien
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Unbekannt: Dora Staudinger mit ihren Kindern Hilde, Eva (hinten), Hansjürgen und Klara, Zürich um 1918, Privatarchiv Markus und Margaretha Lezzi. Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3958-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4028-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4028-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Im Andenken an meine Grossmutter Klara Volkart (1924–1993)
Dank
Das vorliegende Buch wurde im Oktober 2016 als Dissertation am Historischen Institut der Universität Bern eingereicht und 2019 für die Publikation überarbeitet und aktualisiert. Möglich wurde diese Forschung dank eines vierjährigen Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds. Als Teilnehmerin im interdisziplinären Graduiertenkolleg Gender: Prescripts and Transcripts der Universitäten Bern und Fribourg danke ich Brigitte Schnegg, der damaligen, leider verstorbenen Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung IZFG, und Andrea Kofler, der Koordinatorin des Kollegs, für ihre fachliche Unterstützung und ihr Interesse an meiner Arbeit. Meiner Betreuerin Brigitte Studer danke ich für ihre Begleitung in meinem Forschungs- und Erkenntnisprozess, der nicht immer gradlinig verlief. Meiner Zweitgutachterin Caroline Arni am Historischen Departement der Universität Basel danke ich für ihre wertvollen Rückmeldungen. Heinzpeter Znoj vom Sozialanthropologischen Institut der Universität Bern, an dem ich während meines Stipendiums angestellt war, brachte meinem Thema grosses Interesse entgegen und Miriam Ganzfried war eine wunderbare Partnerin im gemeinsamen Forschungsmodul. Christiane Girardin und Therese Dudan erledigten für mich alle administrativen Belange, wofür ich ihnen herzlich danke. Ein besonderer Dank geht an Lina Gafner und Simona Isler für ihre Freundschaft, unseren Austausch und ihr Denken, das für mich immer wieder inspirierend war und ist. Michèle Amacker, Christina Caprez, Magali Delaloye, Marianna Prontera, Kristina Schulz, Tove Soiland und Mitgraduierenden im Kolleg danke ich für offene Ohren, Gespräche und spannende Diskussionen. Meinen Zugang zur Frauenbiografik als methodischem und historiografischem Ansatz schärfte ein von Carola Bebermeier und Gesa Finke organisierter Workshop in Köln zum Thema «Biografik und Geschlecht».
8
Dank
Wichtige Kontakte und Informationen zu Dora Staudinger und möglichen Quellenbeständen erschlossen mir die beiden ehemaligen Redaktionsmitglieder der Neuen Wege Susanne Bachmann und Willy Spieler. Luzia Höchli, Markus Lezzi und Urs Rüegg, den Enkelkindern von Dora Staudinger, sowie Markus Lezzis Frau, Margaretha Lezzi, danke ich für ihr Vertrauen und dafür, dass sie Teile der Arbeit gegengelesen und mir Bilder von Dora Staudinger für die Publikation überlassen haben. Hans Ulrich JägerWerth danke ich dafür, dass er mir seine Transkription von Clara Ragaz’ Erinnerungsbuch zur Verfügung stellte. Bei den Archivrecherchen erfuhr ich vielfältige Unterstützung, namentlich von Stefan Scherrer vom Coop-Archiv, den Mitarbeiterinnen der Gosteli-Stiftung, von Urs Kälin und Mitarbeitenden des Schweizerischen Sozialarchivs und von Karin Huser und Mitarbeiterinnen des Staats- bzw. des Stadtarchivs Zürich. Das Archiv der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) machten mir Claudia Longhini und ihre Nachfolgerin Chantal Bron von der ABZ zugänglich, bevor der Bestand 2012 ans Schweizerische Sozialarchiv ging. Über Angela Berlis am Institut für Christkatholische Theologie an der Universität Bern und Aline Berger kam ich zu Unterlagen aus dem Nachlass von Anny Peter. Bereitwillig Auskunft erteilten mir ausserdem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Einwohnerwesens der Stadt Adliswil, der Evangelischen Kirchgemeinde Arbon, des Personenmeldeamts Zürich, der Schweizerischen Nationalbibliothek, des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs sowie Wilhelm Füssl vom Archiv Deutsches Museum. Sehr herzlich danke ich Christina Caprez für das Lektorat des Manuskripts und Lisa Stalder für die Unterstützung beim Fundraising. Dem Schwabe Verlag, namentlich Katharina Böhmer, Annina Clavadetscher, Thomas Hirt und Sara Steffen danke ich für die Begleitung im Publikationsprozess. Die Drucklegung wurde möglich dank finanzieller Beiträge der Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ), der Gerda-Weiler-Stiftung e. V., der SAFFA Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit, der Stiftung Interfeminas und des Vereins Frauenzentrum Zürich sowie durch Beiträge von Markus und Margaretha Lezzi und Johanna Sedlak. Meine Eltern Johanna und Richard Ammann-Sedlak entlasteten mich bei der Haus- und Familienarbeit während den intensivsten Phasen, was ich sehr zu schätzen weiss. Meinem Vater danke ich ausserdem dafür, dass er für die Überarbeitung des Manuskripts Nachprüfungen in einzelnen Archiven anstellte, die für mich
Dank
von Norwegen aus schwierig gewesen wären. Yves Krüger, mein Mann, stand mir in diesem langen Prozess zur Seite. Dafür bin ich ihm dankbar. Bergen, im Oktober 2019
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Inhalt
Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
1.1
«Biografie» als Erkenntnisinteresse und methodische Herangehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.2
Quellenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
28
1.3
Literatur und Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
1.4
Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
60
2 Geografien des «Weiblichen». Politische Subjektivität im Kulturkampf des späten Kaiserreichs 1906 bis 1912 . . . . . . . . . . .
65
2.1
«Kirchlich konservatives Pfarrhaus»? Die Familie Förster . . . . . . .
71
2.2
Sozialdemokratie und Frauenrechte? Die Familie Staudinger . . . .
91
2.3
Ehe mit Bildungsversprechen. Dora Förster wird Dora Staudinger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.4
Anlass zu schreiben. Der Deutsche Frauenkongress 1912 in Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
2.5
Ehe und Vervollkommnung. Konflikte und Lösungsversuche . . . . 147
2.6
Bedingungen einer politischen Subjektivität um 1912. Fazit . . . . . 167
12
Inhalt
3 Feindliche Zeiten. Wahlverwandtschaft, Freundeskreis und Genossenschaft in Zürich 1912 bis 1922 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
3.1
Wahlverwandtschaften. Die Freundschaft zu Clara Ragaz und der Aufbau der Frauenfriedensbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
3.2
Genossenschaften als «Bewegung der Frauen». Aufbruch im Lebensmittelverein und in der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
3.3
«Unser Kreis». Religiös-sozialistische Politik der Intervention und die Zusammenarbeit mit Leonhard Ragaz . . . . . . . . . . . . . . . . 248
3.4
«Kreise» und Aufbruch in Zeiten der Krise. Fazit . . . . . . . . . . . . . . 271
4 Nachkriegsordnungen. Arbeit und Isolation 1923 bis 1929 . . . . . . 279
4.1
Verhärtete Fronten. Getrennte Wege, Zwang in der und Kampf um die Ehe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
4.2
Expertise und Lohn. Stiftung Wohnungsfürsorge und Müttersekretariat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
4.3
«Glück» und Isolierung. Persönliche Freiheit, linke Disziplinierungspolitik und der Verlust der politischen Heimat . . 312
4.4
Ausblick. Politische Arbeit nach 1934 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
4.5
«Ordnungen» und Gemeinschaften. Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
5 Politische Subjektivität zwischen Weiblichkeit, Mütterlichkeit und Religiosität, 1900 bis 1930. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
Stammbaum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 Chronologischer Lebenslauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 Werkverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Ausgewählte Kurzbiografien erwähnter Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
Inhalt
Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407
Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 Nachschlagewerke und Internetseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 AbkĂźrzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
13
1 Einleitung
«Es war nur so einsam in all der Schönheit. Man möchte leise zu jemandem sagen können: ‹Schau!› und alles wäre beseelt und herrlich.» Dora Staudinger, Zweisimmen 1940 Dora Staudinger war ein politischer Mensch. Dabei verwendete sie den Begriff «Politik» in ihren Artikeln und Tagebucheinträgen für ihr Tun kein einziges Mal. «Politik» bedeutete das «Kampfestreiben» der Männer und war nicht ihr Gegenstand; selbstverständlich brauchte es ihr zuvolge aber eine gesellschaftsverändernde öffentliche Intervention von Frauen.1 Mehr noch: Ihr Sein und die Art des Seins als Frau verband sie in ihren Tagebüchern, ihren Briefen und in ihren Publikationen untrennbar mit politischem Tun – es gab für sie, so scheint es, gar keine weibliche Subjektivität ausserhalb des Politischen.2 «Politik» oder das «Politische» als analytische Begriffe sind dabei in dieser Arbeit weit gefasst. Sie beschreiben in Anlehnung an Seyla Benhabibs Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Begriff des «öffentlichen Raums» das, was in der Öffentlichkeit verhandelt wird, als die «reflexive Thematisierung von Streitfragen durch alle die, die von deren absehbarer Konsequenz betroffen sind, und die Anerkennung ihres Rechts, so zu handeln».3 Dora Staudinger benannte ihr Z. B. Dora Staudinger: Genossenschaft und Familie, Separat-Ausdruck aus dem Gen. Volksblatt, Basel 1922, S. 8. Gedruckte und ungedruckte Quellen werden im Folgenden mit Volltitel und danach mit Kurztitel zitiert. 2 Vgl. den chronologischen Lebenslauf im Anhang. 3 «Öffentlichkeit» und damit das «Politische» sind demnach weder über einen Ort, eine Institution (wie ein Parlament oder Parteien) noch über dort verhandelte Themen, sondern über die Beteiligten, ihre Betroffenheit und insbesondere über die Art und Weise, wie gesprochen wird, definiert. Diese Art und Weise zeichnet sich durch Debatte und 1
16
1 Einleitung
Engagement mit Begriffen wie «tätig sein», «suchen», «werden», «wirken» und «Arbeit», womit sie deutlich machte, dass es bei diesen Interventionen von Frauen um «Arbeit» – Arbeit an sich und an der Gesellschaft – ging. Darüber hinaus sprach Dora Staudinger von Weiblichkeit, Mütterlichkeit, von Freundschaft, Kameradschaft, von Gott, von Gemeinschaft und Liebe. Und auch von Einsamkeit. Was war das für ein politisches Selbstverständnis? Was war politisch an der Mütterlichkeit, an der Liebe? Steht nicht gerade die Weiblichkeit als Zuschreibung uns Frauen im Weg, indem sie uns festschreibt auf das, was gesellschaftlich unsichtbar oder beurteilbar, oft der Lächerlichkeit preisgegeben und geschmäht, un(ter)bezahlt, irrelevant und, eben, unpolitisch oder aber höchstens konservativ ist und bestenfalls in Modeheften und auf Mütterblogs verhandelt wird?4 Wenn es «Arbeit» war, was bedeutete sie? Und was hatte sie mit Gott zu tun? War sie eine «Berufung zum Engagement»?
1.1 «Biografie» als Erkenntnisinteresse und methodische Herangehensweise Dora Staudingers Haltung unterscheidet sich stark vom Selbstverständnis heutiger politischer Akteurinnen. Gleichzeitig ist ihr Selbstverständnis, wie sich im Zuge der Recherchen herausstellte, in mancher Hinsicht «typisch» für eine politisch engagierte Frau Anfang des 20. Jahrhunderts.5 Um feministisches Engagement aus jener Zeit heute nachvollziehen zu können, bietet sich
gewaltfreie Prozesse der Konsensfindung aus, denn «Zwang und Gewalt zerstören die Besonderheit des öffentlichen Diskurses, indem sie die ‹stumme Sprache› von körperlicher Überlegenheit und Zwang einführen und die Stimme der Überredung und Überzeugung zum Schweigen bringen.» Benhabib 1994, S. 285. 4 Mindestens der Antagonismus zwischen Mütterlichkeit und Politik steht gegenwärtig, wie es scheint, erneut zur Diskussion, wie etwa die Forderung «Lohn für Hausarbeit» am zweiten schweizerischen Frauenstreik vom 14. Juni 2019 und die bereits länger anhaltenden Debatten um den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert der meist von Frauen geleisteten «Care-Arbeit» zeigen. 5 «Typisch» bezieht sich hier auf einen «Typus», meint also eine begrifflich zugespitzte und analytisch hergestellte Einheit politischen Selbstverständnisses, die über den Einzelfall hinausweist. Kelle, Kluge 2010, S. 83–84.
1.1 «Biografie» als Erkenntnisinteresse und methodische Herangehensweise
darum eine biografische Herangehensweise an.6 Das vorliegende Buch versucht also, das Selbstverständnis der linken, feministischen, religiösen, pazifistischen Aktivistin Dora Staudinger in der Zeit zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Ende der 1920er Jahre biografisch zu beschreiben und zu verstehen. Die Beschreibung dieses Selbstverständnisses erlaubt darüber hinaus Rückschlüsse auf die Bedingtheiten politischer Interventionen von Frauen allgemein in dieser Zeit: Woran hatten sie sich abzuarbeiten? Welche Grenzen und Räume waren ihnen beschieden, bzw. wer schuf solche Grenzen und Räume unter welchen Umständen, und wie konnten Frauen darauf reagieren? Gerade im Untersuchungszeitraum waren die Bedingungen politischen Engagements für Frauen grossen Veränderungen ausgesetzt: Konfessionelle und politische Kämpfe um die Jahrhundertwende mündeten in die massive politische, wirtschaftliche, soziale und militärische Verwerfung des Ersten Weltkriegs, die zu einer Radikalisierung vieler Menschen führte. Dem Krieg folgten in der von direkten Kriegshandlungen verschonten Schweiz der Landesstreik mit zeitweise bürgerkriegsähnlichen Situationen und eine Nachkriegsordnung, die den politischen Spielraum von Frauen wiederum bestimmte. Indem die Biografie der politischen Aktivistin und Feministin Dora Staudinger ins Zentrum gerückt wird, sollen diese Veränderung aus ihrer Sicht, durch ihre Person in ihrem spezifischen – persönlichen, politischen – Umfeld als Frau rekonstruiert werden. Aus dieser situierten Einzelperspektive lässt sich genauer beschreiben, worin Umbrüche und Umwälzungen zwischen 1900 und 1930 bestanden und was dabei überhaupt verhandelt wurde. Biografisch ist zunächst die Darstellungsform: Im Folgenden geht es um das Leben von Dora Staudinger, um ihr Engagement und ihre Leistungen als politische Aktivistin. Doch wird die Form bereits ungenügend erfüllt: nicht das ganze Leben Dora Staudingers steht zur Diskussion, sondern «nur» die Zeit ihres Lebens bis 1929, als sie, 43-jährig, Zürich, ihr Netzwerk und ihre Ähnlich wie der Begriff «Politik» bzw. «das Politische» werden «feministisch» bzw. «Feminismus» in der Arbeit als breit gefasste Analysebegriffe verwendet. Weder Dora Staudinger noch ihre Mitstreiterinnen bezeichneten sich als «Feministinnen», setzten sich aber für die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Frauen ein. Der Analysebegriff dient hier dazu, diese Politik beschreiben und von anderen Arten politischen Engagements unterscheiden zu können, ohne damit auf eine historisch spezifische Zeit oder Art frauenpolitischen Engagements zu verweisen.
6
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1 Einleitung
politischen und gesellschaftlichen Aufgaben und Funktionen verliess und mit ihrem zweiten Mann Adolf Mohler nach Hirzel, in ein kleines Dorf südlich des Zürichsees zog. Dieser Rückzug aus allem Politischen war das Resultat eines Konflikts in ihrem Umfeld und Ausdruck einer schweren persönlichen Krise, die auf diesen Konflikt folgte. Gegenstand der Arbeit ist demnach «die Genossenschafterin und religiöse Sozialistin», die «Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin», die «Erwachsenenbildnerin» und «Sozialarbeiterin» Dora Staudinger, die sie bis zu diesem Zeitpunkt war, nicht die «Kommunardin», «Selbstversorgerin» und «Teppichweberin», die sie im Hirzel wurde, nicht die «Kommunistin», «Untergrundkämpferin», «Frauen- und Friedensaktivistin», als die sie ab Mitte der 1930er Jahre die politische Bühne erneut betrat, und nicht, nach ihrer neuerlichen Hinwendung zum religiösen Sozialismus, die «Quäkerin», als die sie 1964 starb. Steht hier die Zeit bis zur biografischen Zäsur von 1929 im Vordergrund, dann einerseits, weil es für diese Zeit Quellen gibt, die es erlauben, ihr Selbstverständnis zu rekonstruieren. Dora Staudinger hinterliess in diesen Jahren ein Tagebuch – einen klassischen «Biografiegenerator», wie es Alois Hahn nennt.7 Auch publizierte sie in den 1910er und 1920er Jahren besonders intensiv, was versprach, ihr öffentliches Wirken in dieser Zeit mindestens teilweise rekonstruieren zu können. Damit waren die quellentechnischen Voraussetzungen für eine Rekonstruktion ihrer politischen Subjektivität gegeben. Andererseits veränderten sich die politischen Bedingungen ab spätestens Mitte der 1920er Jahre für Frauen einschneidend. Karen Offen spricht von einem «Great Backlash».8 Wichtige Referenzpunkte der hier beschriebenen politischen Subjektivität gerieten unter Beschuss. Sie werden im Folgenden in den thematischen und biografischen Bereichen nachgezeichnet, können aber aufgrund der Quel-
Unter Biografiegeneratoren werden Beichten, Krankenakten, Akten von Sozialämtern oder gemeinnützigen Institutionen über sogenannte Problembiografien, aber auch eine Psychoanalyse, Autobiografien, Memoiren und Tagebücher verstanden. Hahn 1987, S. 9–24; Etzemüller 2012, S. 49. 8 Karen Offen setzt diese Zäsur bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs und beschreibt eine Entwicklung, die für die Schweizer Frauenbewegung ebenfalls relevant ist. In meiner Wahrnehmung beginnt sich dieser Backlash in der Schweiz ab den 1920er Jahren auszuwirken. Offen 2000, S. 257–276. Für die Schweiz auch: Guex, Studer, Degen, Kübler, Schade, Ziegler 1998, S. 12 und S. 22–24. 7