Der in der Forschung vernachlässigte «andere» Max Weber jenseits von Kulturprotestantismus, Rationalismus und Fortschrittsdenken steht im Mittelpunkt dieser Studie. Nach seiner gesundheitlichen Krise, dem langen Aufenthalt in Rom und vielen Reisen stand der Gelehrte der Lebensreform um 1900 nahe, kritisierte den umweltzerstörenden technischen Fortschritt und interessierte sich für den Katholizismus und andere Alternativen zur Moderne. Das Buch zeigt den Zusammenhang dieser Gebiete auf und legt daraus folgernd eine neue Interpretation der «Weber-These» zur «Protestantischen Ethik» vor, nämlich als Gegenstück der katholischen agrarischen Mentalität, die den kapitalistischen Fortschritt hemmte. Zuletzt wird die Aktualität Webers anhand der heutigen ökologischen Probleme am Beispiel von Brasilien aufgezeigt.
PETER HERSCHE war als Dozent für Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Bern tätig. Seine Themengebiete sind u. a. Agrargeschichte, die Sozialgeschichte der Religion, der Kunst und der Musik, die Kultur des Barocks und religiöse Volkskunde.
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Max Weber, die Ökologie und der Katholizismus
die Ökologie und der Katholizismus
die Ökologie und der Katholizismus
PETER HERSCHE PETER HERSCHE
Max Weber,
Max Weber,
Peter Hersche
Max Weber, die Ă–kologie und der Katholizismus
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Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel Die Publikation wurde durch die Friedrich-Emil-Welti-Stiftung, Bern gefördert.
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Le Lavandou, Pierre Auguste Renoir / Private Collection / Bridgeman Images, Max Weber: Haus der Geschichte, Stuttgart Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4274-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4275-6 DOI 10.24894/978-3-7965-4275-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1. Heilung und Neubeginn in Rom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2. Zivilisationskritik, Landschaftsschutz und Ökologie . . . . . . . . . . . .
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3. Lebensreform und erotische Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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4. Vom Kulturprotestantismus über Italien zum Kulturkatholizismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5. Die Protestantische Ethik vor ihrem historisch-biografischen Hintergrund und im Rahmen ökologischen Denkens . . . . . . . . . . . 103
6. Katholische Mentalität versus Protestantische Ethik: Hemmnisse auf dem Weg zum kapitalistischen System . . . . . . . . 131 7. Schluss und Ausblick: Ökologische Gegenwartsprobleme aus der Sicht von Max Webers Protestantischer Ethik . . . . . . . . . . . . . 167 Abbildungsverzeichnis und Quellennachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
Vorwort
Die Wiederkehr des 100. Todestages von Max Weber am 14. Juni 2020 bietet Gelegenheit, sich erneut mit dem grossen Gelehrten zu beschäftigen. In diesem Buch steht nicht der Theoretiker der abendländischen Rationalisierung im Vordergrund und schon gar nicht der Apologet des kapitalistischen Fortschritts, als der Weber fälschlicherweise auch angesprochen wurde, sondern der «andere» Weber, der in seinem Werk sich auch kritisch zu diesem äusserte, seine negativen Seiten ebenfalls registrierte, gelegentlich düstere Zukunftsperspektiven entwarf, sich aber auch neuen Ideen öffnete, in seinem Leben nicht selten an den Zeitumständen litt, ja sogar manchmal fast daran verzweifelte und ein ewig Suchender war. Durch seinen jähen und frühen Tod ist Max Webers Werk zum grössten Teil Fragment geblieben. In der nun rechtzeitig zum Jubiläum abgeschlossenen Max-Weber-Gesamtausgabe (MWG) ist es in einer 24-bändigen kritischen Werkausgabe für alle Zeiten in mustergültiger Form für die Forschung greifbar. Zudem wurden in diesem Rahmen seine rund 3’500 erhaltenen, aber bisher zum Teil unter Verschluss stehenden Briefe in elf Bänden im Druck herausgegeben, eine der wichtigsten Quellen zu seinem Leben. Sicher ist dabei nicht alles Gold und gelegentlich liest man auch hier, nicht ohne amüsierenden Nebengewinn, bloss akademischen Klatsch. Gleichwohl haben wir mit dieser Edition ein grosse Zahl Mosaiksteine vor uns, die mehr als bisher einen unvoreingenommenen Blick auf Webers Leben möglich machen. Erschlossen ist dieser Schatz durch vier Register von insgesamt über 500 Seiten, was die Arbeit damit ungemein erleichtert. Auch Webers universitäre Vorlesungen sind, soweit dokumentiert, nun publiziert. Daher ist an dieser Stelle ein grosser Dank an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dieser monumentalen Edition angebracht. Für einzelne Auskünfte bin ich speziell Frau Edith Hanke, Frau Rita Aldenhoff-Hübinger und Frau Sybille Oßwald-Bargende verpflichtet. Für spezielle Hinweise schulde
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Vorwort
ich Dirk Kaesler Dank. Bei der Beschaffung des Bildmaterials war mir Brigitte Kurmann-Schwarz behilflich. Dr. Thomas Hirt und Frau Nina Brennecke vom Schwabe Verlage danke ich für die angenehme Zusammenarbeit bei der Produktion des Buches. Die Verweise auf die genannte Edition werden im Folgenden mit dem allgemein üblichen Abkürzungssystem gegeben: MWG, Abteilung, Bandzahl, Seitenzahl. Bei den Briefen wurden in der Regel Datum und Adressat weggelassen. Die Schreibweise der Zitate ist modernisiert. Die Wahl der Coverabbildungen «Le Lavandou», ein Gemälde von Auguste Renoir, und «Max Weber im Garten der Villa Fallenstein in Heidelberg» erfolgte nicht willkürlich, da «Le Lavandou» sozusagen die Sonnenseite des Lebens von Weber zeigt und das späte Porträt die Schattenseiten. Die Portraitaufnahme ist nicht datiert; es handelt sich aber vermutlich um die letzte Fotografie zu Lebzeiten. Der versonnene Blick lässt eine gewisse Müdigkeit, vielleicht sogar eine Todesahnung spüren. Der Ort an der französischen Mittelmeerküste hingegen war Weber wegen seiner (damaligen!) Abgeschiedenheit und Ruhe besonders ans Herz gewachsen. Er weilte zweimal länger dort im Urlaub (1908 und 1912). Im Hintergrund sieht man die Hügel, in denen Weber zu «klettern» pflegte.
Zur Einführung
Max Weber (1864–1920) gilt als einer der letzten Universalgelehrten, in einer Reihe mit Goethe oder Alexander von Humboldt. Von Haus aus Jurist, betätigte er sich in der Folge auch als Historiker, Wirtschaftswissenschafter und Wissenschaftstheoretiker. Er gilt als einer der Begründer der Soziologie, insbesondere der Religionssoziologie. Er schrieb über viele Epochen von der Antike bis zur Gegenwart und befasste sich mit dem Börsenwesen wie mit verschiedenen, auch aussereuropäischen Religionen. Er war mit den Agrarverhältnissen mehrerer Länder ebenso vertraut wie mit der Musiktheorie und sein Interesse reichte von theoretischen Problemen der Wissenschaft bis zur konkreten Situation der Arbeiterschaft seiner Zeit. Schliesslich war er als Wissenschaftsorganisator und, besonders in den drei letzten Lebensjahren, auch als Politiker aktiv. Nach zeitweiliger Verkennung setzte eine breite Kenntnisnahme seiner Person und seines Werks vor allem seit 1964, seinem 100. Geburtsjahr, ein. Seine in der Folge andauernde hohe Wertschätzung zeigt sich darin, dass 2012 die deutschen historischen Auslandsinstitute allesamt in «Max-Weber-Institut» umbenannt wurden.1 Auf die grosse, zwei Buchregale füllende Werkausgabe wurde bereits im Vorwort hingewiesen: Ein dermassen anspruchsvoller wissenschaftlicher Aufwand wird nur ganz Grossen zuteil.2 Ein Zeichen für die Weltgeltung Max Webers sind auch die 1 Dazu fand in Bonn eine Tagung statt, deren Referate publiziert wurden: Michael Kaiser/Harald Rosenbach (Bearb.), Max Weber in der Welt. Rezeption und Wirkung, Tübingen 2014. Vgl. weiter zur Rezeptionsgeschichte Karl-Ludwig Ay/Knut Borchardt (Hg.), Das Faszinosum Max Weber. Die Geschichte seiner Geltung, Konstanz 2006; Dirk Kaesler, Wie ich zu Max Weber kam. Und dann nicht mehr von ihm wegkam, in: literatur kritik.de, Nr. 6, Juni 2020. 2 Max-Weber Gesamtausgabe (MWG). Vgl. dazu das Vorwort und M. Rainer Lepsius, Max Weber und seine Kreise, Tübingen 2016, S. 275–287.
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Zur Einführung
vielen Übersetzungen seiner Hauptwerke. Solche liegen in allen Weltsprachen vor, aber im Einzelnen auch in Hindi, Katalanisch oder Bulgarisch.3 Die, wenn auch selektive, Rezeption der Arbeiten von Max Weber erfolgte neben Deutschland, nach einer erzwungenen Pause bis 1945, schon relativ früh in der angelsächsischen Welt, in Italien und in Japan, während sie in den kommunistisch regierten Ländern staatlich behindert wurde. Weber wurde dabei nicht nur als vielseitiger Wissenschafter, sondern allgemein auch als ein Bannerträger des wirtschaftlich-sozialen Fortschritts gesehen, als entschiedener Repräsentant der Moderne. Im Kalten Krieg baute man ihn zum «Anti-Marx» auf, womit das Interesse an ihm aus politischen Gründen wuchs. Dazu trug sicher bei, dass er seinerzeit auf dem politischen Parkett als Liberaler agiert hatte und Konservativismus wie Sozialismus ablehnte. Seine wohl berühmteste und am weitesten verbreitete Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus konnte, obschon nicht unwidersprochen, eine generelle Erklärung für den enormen wirtschaftlich-technischen Fortschritt liefern, der vor allem in England und den Vereinigten Staaten, aber auch in einigen vom calvinistischen Protestantismus geprägten Regionen Europas zu beobachten war. Dies hatte auch politische Folgen: Die nach dem Zweiten Weltkrieg der Dritten Welt gewährte Entwicklungshilfe konnte sich im Rahmen der Modernisierungstheorien auf von Weber formulierte Thesen berufen; die Maximen der Protestantischen Ethik konnten die Grundlagen liefern, die damals ohne Scheu als «unterentwickelt» bezeichneten Länder aus ihrer Indolenz zu reissen. Dies zeitigt Wirkungen bis heute.4 Neben den Soziologen waren seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einflussreiche Sozialhistoriker, vor allem die der «Bielefelder Schule», ebenfalls von Weber beeinflusst. Sie haben sich das Verdienst erworben, Weber unter den Historikern bekannt gemacht zu haben, doch blieben seine Anregungen, insbesondere die der Protestantischen Ethik, bei diesen in der Forschungspraxis weitgehend folgenlos.5 Die Bielefelder selber rezipierten Weber für ihre Edith Hanke, Max Weber in Zeiten des Umbruchs, in: Kaiser/Rosenbach, S. 1–21. Die Autorin kam 2012 auf über 600 Übersetzungen. Vgl. die Liste S. 3. 4 Siehe Kap. 7. 5 Thomas Sokoll, Max Webers Protestantismusthese und die Historiker. Protokoll einer Verdrängung, in: Detlef Lehnert (Hg.), Max Weber 1864–1920, Köln 2016, S. 195– 216. 3
Zur Einführung
unter dem Leitbegriff der «Modernisierung» segelnde Fortschrittsgeschichte allerdings einseitig, ebenso wie seine politischen Anschauungen ihnen bloss ein eingeschränktes Vorbild boten.6 Max Weber war in der Nachkriegszeit vor allem der Theoretiker der abendländischen Rationalisierung und wurde lange fast ausschliesslich darauf reduziert. Eine kritische Theorie des Kapitalismus, zu der Weber viele Ansätze liefern konnte, war damals auch aus politischen Gründen unerwünscht.7 Max Weber hatte ein enorm breites Sachwissen und ein stupendes Gedächtnis, er war ein brillanter Redner und schlagfertiger Debattierer. In seiner Kritik an den bisherigen politischen Zuständen unerbittlich, suchte er nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs nach neuen Wegen. Zeitgenossen beeindruckten gerade damals seine intellektuelle Rechtschaffenheit und seine moralische Integrität – man denke an seine bekannte Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Seine Hilfsbereitschaft gegenüber Jüngeren und seine Förderung des Frauenstudiums sind bekannt. Die ihm innewohnende kämpferische Natur, ein bisweilen schroffes Benehmen und sein Streben nach Wahrhaftigkeit schufen ihm allerdings auch Feinde. Aber nach der 1919 erfolgten Wiederaufnahme seiner akademischen Lehrtätigkeit, nun in München, stellten sich im Auditorium maximum mehrere hundert Hörer ein. All dies trug zu seiner Bekanntheit bei; er schien gerade in diesen Zeiten des Umbruchs ein Leuchtturm zu sein. Diese Wirkung hielt allerdings nach seinem Tode nicht durchgehend beziehungsweise lange an; in breitem Umfang setzte seine Wiederentdeckung in Europa, wie erwähnt, erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Für erste fundierte wissenschaftliche Biografien musste man sogar bis in unser Jahrhundert warten.8
Hans Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975; Jürgen Kocka (Hg.), Max Weber, der Historiker, Göttingen 1986. 7 Sokoll, S. 205. 8 Die erste umfangreiche schrieb Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München/Wien 2005. Er beschäftigt sich fast obsessiv und mit vielen Wiederholungen mit der Krankheit Webers, während etwa die Bedeutung der Italienaufenthalte und das Verhältnis Webers zum Katholizismus unterbelichtet sind. Die Arbeit ist aber wertvoll, weil sie neben den gedruckten auch wichtige in der MWG nicht enthaltene ungedruckte Quellen heranzieht, so etwa die Briefe der Ehefrau Marianne an die Schwiegermutter Helene Weber. Jürgen Kaube, Max Weber: ein Leben zwischen den Epochen, 6
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Zur Einführung
Dieses heroische Bild stand den ersten Biografen Webers, die ihn noch persönlich kannten, jedoch vor Augen, und sie hüteten sich, daran zu kratzen. Das gilt in erster Linie für das Lebensbild, das Webers Gattin Marianne erstmals 1927 veröffentlichte.9 Sie stilisierte ihren verstorbenen Mann zu einem verehrungswürdigen Heiligen: «Max Webers Schreibtisch ist nun mein Altar».10 Dasselbe lässt sich von Karl Jaspers sagen, für den Max Weber «der grösste Deutsche unseres Zeitalters» war.11 Erst kurz vor seinem Tod (1969) wurde Jaspers durch Webers Briefe an Else Jaffé mit der anderen Seite dieses Idealbilds konfrontiert, was ihn gewaltig irritierte.12 Jaspers war es auch, der Marianne veranlasste, eine von Max Weber verfasste und von ihm, Jaspers,
2. Aufl., Berlin 2014, bringt journalistisch knapp die wesentlichen Fakten. Dirk Kaesler, Max Weber, München 2014, ist von einem anerkannten Weber-Experten verfasst und sicher die solideste Darstellung. Er berücksichtigt auch als Einziger den in unserem Zusammenhang wichtigen Romaufenthalt angemessen. Leider aber fehlen grundsätzlich die Belege, so dass man dem Verfasser einfach glauben muss. Die ältere Kurzbiografie von Hans Norbert Fügen, Max Weber, Reinbek 1985, ist immer noch wertvoll durch das reichhaltige Bildmaterial. Die übrige Literatur zu Weber kann wegen ihres erdrückenden Umfangs hier nicht aufgezählt, geschweige denn kommentiert werden. Für die hier behandelte Thematik gibt sie zum grössten Teil auch kaum belangreiche Hinweise. Ausführlich, fachkundig, kritisch und basierend auf einem breiten Hintergrundwissen wurden die wichtigen Neuerscheinungen zu Max Weber jeweils in den Besprechungen von Dirk Kaesler in «literaturkritik.de» behandelt. Vgl. die Übersicht dazu in: Dirk Kaesler, Zum 100. Todestag von Max Weber: aus dem Archiv von literaturkritik.de, in: literaturkritik.de, Nr. 6, Juni 2020. 9 Marianne Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, 3. Aufl., Tübingen 1984 (im Folgenden nur zitiert Lebensbild). Dieser dritten Auflage ist auf S. 720 f. ein wertvolles, aber ergänzungs- und korrekturbedürftiges Itinerar sowie ein Personenregister beigefügt. Zum Nachleben Webers allgemein Ay/Borchardt; Radkau, S. 829 ff.; Christian Marty, Max Weber. Ein Denker der Freiheit, 2. überarb. Aufl., Weinheim 2020, S. 42 ff. 10 Vgl. im Einzelnen und besonders zur Editionstätigkeit Mariannes den mit diesem Zitat betitelten Beitrag von Edith Hanke in Ay/Borchardt, S. 29–51. Zur Überhöhung Webers durch die Zeitgenossen noch die Zeugnisse bei Fügen, S. 137 ff.; Kaesler, Weber, S. 924 ff.; Martin Green, Else und Frieda, die Richthofen-Schwestern, Berlin 1976, S. 277 ff. 11 Karl Jaspers, Max Weber. Gesammelte Schriften, München/Zürich 1988, S. 50, ähnlich S. 113. Vgl. zu Jaspers noch Green, S. 285 ff. 12 Jaspers, S. 24 ff. (Einführung von Dieter Henrich); MWG II/10, S. 23 ff.
Zur Einführung
gelesene Selbstdarstellung seiner Krankheit, die sein Bild hätte belasten können, zu vernichten.13 Auch die Biografie von Eduard Baumgarten, eines Neffen von Weber, in dessen Besitz sich die erwähnten Briefe befanden, ist eine völlig kritiklose Quellensammlung.14 Abgesehen von ganz gelegentlichen Randnotizen wurde erst später, seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, der Blick frei auf einen «anderen» Weber, auf die Nachtseiten seiner Person, was auch die Interpretation seiner Werke nicht unbeeinflusst lassen kann. Zuerst erschien 1969 eine Art Psychobiografie Webers aus der Feder des Amerikaners Arthur Mitzman.15 Er befasste sich mit dem gesundheitlichen Kollaps Webers, wies auf Familienkonflikte hin, ferner auf die schwierige Beziehung zu Marianne16 und die ausserehelichen Eskapaden mit Else Jaffé und Mina Tobler. Weber sei selber in dem am Schluss der Protestantischen Ethik erwähnten «stahlharten Gehäuse» des «asketischen Rationalismus» gefangen gewesen, habe sich aber nach dem dadurch verursachten gesundheitlichen Zusammenbruch seit 1900 davon zu befreien gesucht, durch eine Hinwendung zu Mystik und Eros. Auch wenn man Mitzman nicht in allem folgen kann, so hat er doch den Weg zu neuen Erkenntnissen gebahnt. Martin Green untersuchte besonders die Beziehung Webers zu Else Jaffé-von Richthofen und wies in diesem Zusammenhang auf einen weiten Personenkreis hin, der mehr oder weniger intensiv mit ihm verbunden war, aber keineswegs der gutbürgerlich-liberalen Gelehrtenwelt angehörte, in der Weber bisher im Wesentlichen verkehrt hatte.17 In Deutschland machten einige ausserhalb des Mainstreams stehende
Jaspers, S. 23 f.; vgl. dazu noch Radkau, S. 296 ff. Eduard Baumgarten, Max Weber. Werk und Person. Dokumente, Tübingen 1964. Zu Baumgarten noch Ay/Borchardt, S. 170 ff. (Beitrag Dirk Kaesler, S. 169–195); Radkau, S. 840 ff. 15 Arthur Mitzman, The iron cage, 2. neubearb. Aufl., New York 1985. 16 Vgl. dazu noch Christa Krüger, Max und Marianne Weber, Zürich/München 2001; Bärbel Meurer (Hg.), Marianne Weber, Tübingen 2004 (auch zu den übrigen Frauen um Weber und zur frühen Frauenbewegung). Eine ausführliche Biografie von Marianne unter Benutzung des reichen Briefkorpus bleibt ein Desiderat. 17 Green. Er befasste sich vergleichend neben den beiden Schwestern Richthofen auch mit ihren Männern bzw. Geliebten (bei Frieda mit dem Schriftsteller David H. Lawrence). Sowohl Mitzman wie Green konnten für ihre Studien die damals fast 100-jährige Else
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Wissenschafter auf die Fortschrittsskepsis Webers aufmerksam.18 Sie und andere zeigten in diesem Zusammenhang auch den im Einzelnen allerdings schwer greifbaren Einfluss Friedrich Nietzsches auf Weber auf, ebenso denjenigen des bekennend konservativen Jacob Burckhardt, «eine[s] der Großen dieser Erde», von dem er nur «mit erschaudernder Ehrfurcht» geredet habe.19 Hierher gehört ferner Goethe, zwar zu Webers Zeiten zum bürgerlichen Bildungskanon zählend, jedoch nicht unbedingt als Anregung für eine wissenschaftliche Betrachtung, wie dies bei Weber offensichtlich der Fall war.20 Nicht ins bisherige Bild von Weber passte ferner der Sachverhalt, dass der bislang als Anglophiler angesprochene und einem kulturprotestantischen Haus entstammende Gelehrte seit dem langen Aufenthalt in Rom (1901/02) eher das seitdem fast jährlich besuchte Italien als «Gelobtes Land» pries und in diesem Zusammenhang auch ein merkwürdiges Interesse am Katholizismus bekundete.21 Biografische Detailforschung zeigte, dass sich der späte Weber keineswegs immer einer rationalen Lebensführung befliss, im Gegen-
Jaffé (und ebenso Max Webers Neffen Eduard Baumgarten) noch interviewen, doch gab sie ihre Geheimnisse nicht preis. 18 Detlev J. K. Peuckert, Max Webers Diagnose der Moderne, Göttingen 1989; Peter Wehling, Die Moderne als Sozialmythos. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Modernisierungstheorien, Frankfurt/M. 1992. Aus katholischer Sicht Lothar Bily, Die Religion im Denken Max Webers, St. Ottilien 1990, bes. S. 136, 198 f. und 648 ff. Zuletzt Marty, mit scharfer Kritik an der etablierten Weberforschung. 19 Paul Honigsheim, Max Weber in Heidelberg, in: René König/Johannes Winckelmann (Hg.), Max Weber zum Gedächtnis, Kölner Zeitschrift für Soziologie, Sonderheft 7, Köln 1963/64, S. 161–271, hier S. 214. Der Einschätzung Honigsheims widerspricht Peter Ghosh, der den Einfluss Burckhardts eher gering und nach 1905 deutlich abnehmend wertet. Dieser sei vor allem Kulturhistoriker gewesen und habe im Gegensatz zu Weber das Wirtschaftsleben kaum berücksichtigt. Auf verschiedenen Ebenen gab es daher ein «gap». Die Kenntnis Burckhardts verdanke Weber vor allem dem Kunsthistoriker Carl Neumann, dem er sich aber später entfremdete. Peter Ghosh, After Burckhardt. Max Weber and the Idea of an Italian Renaissance, in: ders., A Historian Reads Max Weber, Wiesbaden 2008, S. 201–238. Vgl. im Übrigen noch Wolfgang Hardtwig, Jacob Burckhardt und Max Weber, in: ders., Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990, S. 189–223. Hardtwig argumentiert aber rein werkimmanent, ohne biografische Bezüge. 20 Darauf macht Marty, S. 57 ff. und 166 ff. aufmerksam. 21 Siehe Kap. 1 und 4.
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teil: Verletzende Ausfälle gegenüber Kollegen, Besserwisserei und harsche Werturteile (trotz theoretischer Ablehnung), Jähzorn, Streitsucht und sogar Duellforderungen, eine kaum verständliche Kriegsbegeisterung anno 1914, Servilität gegenüber Else Jaffé, Tätigkeit als «Winkeladvokat» in Ascona usw. – all das waren doch eher Manifestationen der Irrationalität. Schliesslich wurde im Rahmen der Neuausgabe von Webers Werk und Briefen auch festgestellt, dass Mariannes Lebensbild keineswegs eine unanfechtbare biografische Grundlage sein kann, sondern dass sie die Quellen (vor allem die Briefe Max Webers) gelegentlich frisiert, gekürzt, neu zusammengestellt, von polemischen Wendungen befreit, Namen anonymisiert hat usw. und ihr auch sonst viele Fehler unterlaufen sind.22 Die Vollendung der Edition von Max Webers Briefen in der Gesamtausgabe ermöglicht es nun aber in vielen Fällen, diese Verfälschungen zu korrigieren. Die Schlussfolgerung aus all diesen neuen, der älteren biografischen Forschung und der soziologischen Rezeption widersprechenden Erkenntnissen wurde zusammengefasst in dem Wort, dass Weber seit der Jahrhundertwende ein «Doppelleben» geführt habe. Er war in der Tat eine janusköpfige Figur, er blickte stets nach zwei Seiten. Diese Inkohärenzen und Ambivalenzen können heute nur mehr schwerlich bezweifelt werden. In den folgenden Kapiteln wird nach einem Blick auf die Person unter diesen Aspekten der «andere» Weber an zwei speziellen Fragestellungen gezeigt, nämlich in seiner Stellung zum Katholizismus und damit teilweise zusammenhängend zu ökologischen Fragen im weitesten Sinn, soweit Briefe und Werk darüber Auskunft geben. Wiewohl diese Quellen dazu teilweise schon seit geraumer Zeit vorliegen, wurde vor allem der letzte Sachverhalt in der massgeblichen Literatur vernachlässigt.23 Es wird sich zeigen, dass Max Weber keineswegs ein
MWG II/5, S. 11; Dirk Kaesler, Der retuschierte Klassiker. Zum gegenwärtigen Forschungsstand der Biographie Max Webers, in: Johannes Weiss (Hg.), Max Weber heute, Frankfurt/M. 1989, S. 29–54. Kaesler weist auch auf dieselben Probleme bei Eduard Baumgarten hin. Aus diesen Gründen wird in diesem Buch prinzipiell auf die Brieforiginale in MWG II zurückgegriffen und das Lebensbild nur dann zitiert, wenn Marianne in eigenen Worten spricht oder auf andere Briefquellen (z. B. ihre eigenen an Helene Weber) zurückgreift. 23 Erstaunlich ist dieser Umstand besonders bei Radkau, weil er sich ja auch als Umwelthistoriker einen Namen gemacht hat. 22
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unkritischer Apologet des Fortschritts gewesen ist und ebenso wenig jener satten Bürgerlichkeit zugerechnet werden kann, die den durchschnittlichen deutschen Hochschulprofessor um 1900 auszeichnete. Er sah schon zu Lebzeiten in Einzelerscheinungen den «Fortschritt» als recht problematisch an und stand mindestens teilweise der damals zu einer grossen Oppositionsbewegung anschwellenden Lebensreform nahe.24 Das bedeutet keine Abwertung, sondern zeigt einmal mehr die enorme Breite des Interessenspektrums Webers. Ebenso zeigen sich aber auch die ungeheuren Widersprüche in seinem Innern, die er aber auszuhalten wusste und nicht einer bequemen Anpassungsstrategie opferte. Auch das beweist Grösse. Sie zeigt sich vor allem aber darin, dass die Fragestellungen Max Webers heute noch aktuell sind, gerade zum Thema «Religion und Ökologie». Dies soll in einem Schlusskapitel wenigstens andeutungsweise gezeigt werden. Denn die negativen ökologischen Folgen der von Max Weber analysierten kapitalistischen Wirtschaft sind heute weltweit eine Frage des Seins oder Nichtseins geworden. Sie hätten sicher Weber stark beschäftigt, weilte er noch unter den Lebenden.
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Siehe Kap. 3.
1. Heilung und Neubeginn in Rom
Wie schon länger bekannt, litt Max Weber seit 1898 an einer schweren depressiven Störung, die schliesslich zu einem vollständigen Nervenzusammenbruch führte.25 Die Ärzte diagnostizierten die Modekrankheit «Neurasthenie» und sahen die Ursache in Überarbeitung – heute würde man wahrscheinlich von «Burn out» reden. Der eifrige Professor konnte nicht mehr länger zusammenhängend sprechen, kaum mehr lesen und selbst das Gehen machte ihm zeitweise Mühe. Im Sommersemester 1899 wurde er von seiner Vorlesung befreit, bei der Wiederaufnahme im Wintersemester 1899/ 1900 musste er sie bald wieder abbrechen. Er bat daher um Entlassung aus dem Dienst. Diese wurde nicht bewilligt, jedoch ein Urlaub, der dann immer wieder verlängert wurde. Reisen und teils monatelange Sanatoriumskuren in Konstanz und Urach brachten keine dauernde Besserung. Nach Auflösung des Haushalts in Heidelberg begab sich das Ehepaar Max und Marianne Mitte November 1900 von Urach aus direkt in den Süden, nach Ajaccio, damals ein beliebter Winteraufenthalt vor allem für Engländer. Die Motive für diesen ungewöhnlichen Aufbruch in die Fremde sind unklar, doch legt die Mitnahme eines ebenfalls psychisch erkrankten Sohns eines Vetters von Weber, Otto Benecke, nahe, dass sich Weber von diesem Tapetenwechsel in den milden Süden eine Besserung für beide Patienten erhoffte. Der lange Aufenthalt auf Korsika gestaltete sich allerdings nicht durchwegs erfreulich.26 Die sonst den Winter in Ajaccio verbringenden Engländer blieben wegen des Burenkriegs fern und das schöne Hotel, in dem die drei zunächst abgestiegen waren, wurde geschlossen. Marianne klagt beim Einsetzen von anhaltenden
Zu den hier nicht weiter zu behandelnden Einzelheiten dieser Krankheit nun ausführlich Radkau. 26 Lebensbild, S. 259 f. 25
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1. Heilung und Neubeginn in Rom
Niederschlägen über Einsamkeit, Langeweile, mangelnde Anregungen und das Fehlen jeglichen kulturellen Lebens. Immerhin zeigten sich bei ihrem Gatten erste zaghafte Zeichen einer gesundheitlichen Besserung. Im März 1901 reisten die drei über Pisa, wo sie am 14. des Monats ankamen, nach Rom weiter. Otto Benecke, der sich immer mehr als zusätzliche Belastung erwiesen hatte, kehrte hingegen bald darauf nach Deutschland zurück. In Rom sollte Weber dann mit einigen Unterbrechungen mehr als ein Jahr verbleiben. Das Ehepaar stieg zuerst im Hotel Germania & Bellevue ab, zog dann vermutlich noch in ein anderes, um anschliessend die längste Zeit in der kleinen Pension Martini, Via Cicerone 35, im Viertel «Prati», nahe dem Vatikan, wo Max die Zimmer nach seinen persönlichen Wünschen einrichten konnte, zu wohnen. Vermutet wird, dass Weber auch die einschlägigen Kaffeehäuser, wo sich die Fremden trafen, frequentiert hat. Unterbrochen wurde der Aufenthalt in Rom von einer gemeinsamen Reise von rund einem Monat nach Neapel und Sorrent im April/Mai 1901 und einem von gesundheitlichen Rückfällen begleiteten Sommeraufenthalt von Max allein in den Schweizer Bergen (Juli/August in Grindelwald und Zermatt; Marianne ging während dieser Zeit nach Deutschland zurück). Zuletzt folgte ab Anfang März 1902 noch ein mehrwöchiger Aufenthalt in Florenz. Am 20. April 1902 war Weber wieder in Heidelberg, ohne jedoch seine akademische Tätigkeit wieder aufzunehmen – er hatte im Gegenteil schon im Vormonat ein endgültiges Entlassungsgesuch gestellt.27 Im September war er zwei Wochen auf Borkum, Mitte Dezember aber floh er, nach einer Periode der Erschöpfung und um dem widrigen nordischen Winter zu entgehen, schon wieder in den Süden, nach Genua und Nervi. Nach kurzem Aufenthalt in Heidelberg ging er dann im Frühling 1903 nochmals für sechs Wochen nach Rom. Insgesamt hat er also schätzungsweise fast ein Jahr in der Ewigen Stadt verbracht. Leider ist keine andere Episode des Lebens von Max Weber so schlecht dokumentiert wie die römische Zeit.28 Das Korpus seiner Briefe aus Rom ist
MWG II/3, S. 813 ff. Bei den folgenden Ausführungen stütze ich mich zunächst auf zwei frühere, durch neue Quellenfunde in Einzelheiten zu korrigierende Aufsätze: Peter Hersche, Max Weber, Italien und der Katholizismus, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven 27
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1. Heilung und Neubeginn in Rom
sehr klein, weniger als ein Dutzend, während in «normalen» Jahren bisweilen Hunderte von Briefen überliefert sind.29 Inhaltlich sind sie, mit einer einzigen Ausnahme,30 unbedeutend, blosse Geschäftskorrespondenz mit dem Verleger Siebeck und einem noch zu betreuenden Dissertanten sowie Gesuche an das das Ministerium und die Universität. Die Darstellung Marianne Webers im Lebensbild – wie erwähnt nicht immer eine verlässliche Quelle – umfasst wenige Seiten und befasst sich auch recht wenig mit der römischen Umwelt, sondern zur Hauptsache mit dem Gesundheitszustand ihres Ehemannes.31 Die Forschung ist kaum über diese Quellen hinausgelangt. Silke Schmitt hat seinerzeit in Rom selber versucht, alle nur denkbaren Dokumente zum dortigen Aufenthalt Max Webers ausfindig zu machen. Das Resultat war aber dermassen unergiebig, dass sie sich gezwungen sah, ihre dieser Recherche gewidmete Magisterarbeit auf ein anderes, verwandtes Thema, nämlich Webers Verständnis des Katholizismus, auszuweiten. Ihre Ausführungen
und Bibliotheken 76 (1996), S. 362–382; ders., Der Romaufenthalt (1901–1903) und Max Webers Verhältnis zum Katholizismus, in: Kaiser/Rosenbach, S. 145–158; ferner die besonders dem römischen Aufenthalt Webers gewidmete Magisterarbeit von Silke Schmitt, Max Webers Verständnis des Katholizismus. Eine werkbiographische Analyse nebst einem Exkurs über Max Webers Romaufenthalte, Online-Publikationen des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Rom 2012. Ergänzend Dirk Kaesler, Sonnig, gegenwartsfroh und katholisch. Max Webers Italien, in: Friederike Schönemann/Thorsten Maaßen (Hg.), Prüft alles und das Gute behaltet! Festschrift für Hans-Martin Barth zum 65. Geburtstag, Frankfurt/M. 2004, S. 271–296 (leider ohne Quellennachweise); Sybille Oßwald-Bargende, Max Weber und «das den Göttern heilige Italien». Impressionen zu den italienischen Reisen eines Heidelberger Gelehrten, in: Gerhard Fritz/Daniel Kirn (Hg.), Florilegium Suevicum. Beiträge zur südwestdeutschen Landesgeschichte. Festschrift für Franz Quarthal zum 65. Geburtstag, Ostfildern 2008, S. 293–307 (wichtig wegen der dort wiedergegebenen Quellenauszüge aus der nicht edierten Korrespondenz von Marianne mit Helene Weber); Lepsius, S. 117–126. 29 MWG II/3, S. 775 ff. Die Briefe wurden teilweise Marianne diktiert. Aus dem vorangegangenen Aufenthalt in Ajaccio sind gar keine Briefe erhalten. 30 Der Brief vom 11. November 1901 (MWG II/3, S. 796 ff.) an den Kunsthistoriker Carl Neumann, wo es um Jacob Burckhardt und Rembrandt geht. Marianne hat den Brief falsch datiert, nämlich auf das Jahr 1900, was gelegentlich zur unberechtigten Vermutung Anlass gegeben hat, Weber sei schon damals in Rom gewesen (Schmitt, S. 102, Anm. 90). 31 Lebensbild, S. 260 ff.
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zu Max Webers Spuren in der Ewigen Stadt umfassen in der Tat weniger als 20 Seiten.32 Die Essenz der dürftigen Quellen kann man einigermassen sicher in vier Punkten zusammenfassen: Erstens: Der Gesundheitszustand Webers hat sich in Rom zunächst wenigstens stabilisiert und dann sukzessive gebessert. Er konnte beispielsweise ohne Medikamente oder mit weniger exzessivem Gebrauch solcher besser schlafen, langsam wieder ausgiebiger lesen und ein bisschen spazieren. Es war ein Auf und Ab, aber insgesamt doch klar eine Bewegung in aufsteigender Richtung. Diese medizinischen Aspekte brauchen uns aber hier nicht weiter zu beschäftigen. Die Besserung wurde von Weber selber bestätigt,33 auch wenn es noch lange Jahre immer wieder Rückfälle gab: Perioden von Schlaflosigkeit, erhöhter Nervosität und verminderter Arbeitsfähigkeit. Aber er war sich gewiss, nun wenigstens nicht mehr tiefer fallen zu können. Zweitens: Weber hat in Rom keine wissenschaftlichen Arbeiten verfasst und vermutlich nicht einmal schriftlich solche konzipiert, begann aber wieder, andere Werke zu lesen, etwas, was ihm vorher, auf dem Höhepunkt der gesundheitlichen Krise, nicht möglich gewesen war. Er benutzte dazu vor allem die Bibliothek des späteren Deutschen, damals noch «Königlich-Preussischen» Historischen Instituts, jedoch nachweislich nicht die Vatikanische Bibliothek.34 Jene war in erster Linie eine Handbibliothek für Forscher, die im neueröffneten Vatikanischen Archiv arbeiteten, und umfasste damals 3’600 Titel mit einem Schwerpunkt auf Reformation und Gegenreformation. Was für Bücher Weber dort gelesen hat oder allenfalls zur Lektüre mitnehmen konnte, wissen wir aber nicht, da dies keinen schriftlichen Niederschlag gefunden hat.35 In zweiter Linie frequentierte er die Bibliothek des deutschen
Schmitt, S. 102–118. 33 MWG II/3, S. 775 f., 814 und 828. In den beiden Briefen an das Ministerium dürfte allerdings eine gewisse Schönfärberei vorliegen, denn Weber nimmt diese Beurteilung im endgültigen Entlassungsgesuch wieder zurück (MWG II/4, S. 45 ff.). 34 Schmitt, S. 115. Zum Deutschen Historischen Institut Reinhard Elze/Arnold Esch (Hg.), Das Deutsche Historische Institut in Rom 1888–1988, Tübingen 1990. Zur Bibliothek bes. S. 33 ff. 35 Als Handbibliothek wurden keine Ausleihscheine erstellt. Der damalige Bestand der Bibliothek wäre jedoch aufgrund der Akzessionskataloge rekonstruierbar. 32