Wir leben in einem Zeitalter gesteigerter Mobilität – Merkmale sind eine hochtechnisierte Geschwindigkeit, Flexibilisierung, Kommodifizierung, rasante Umwälzungen in der Medienlandschaft und ein neues, digital organisiertes Nomadentum. Ist Wohnen, das lange als dauerhaftes Bleiben an einem heimatlichen Ort galt, heute noch möglich? Oder macht es einem allgemeinen Nicht-mehr- oder Kaum-nochWohnen Platz ? Ist Ort- und Heimatlosigkeit die Signatur der Gegenwart und Zukunft? Aus der Sicht von Phänomenologie und Medienphilosophie widmet sich der Autor diesen Fragen. Es geht um Wesen, Struktur und historische Veränderungen des Wohnens – und um die kulturanthropologischen Folgen. Was ansteht, ist eine entscheidende Transformation: Die seit je im Wohnen angelegte Verschränkung von Innen und Außen, Ruhe und Bewegung, Entfremdung und Bei-sich-selbst-Sein ist neu zu positionieren und es gilt, den abgründig-prekären Migrationsgrund allen Wohnens anzuerkennen. Nur so wird ein adäquates Wohnen möglich, das produktiv mit seiner Endlichkeit umgeht.
Reinhard Margreiter war Privatdozent für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Gastprofessor und Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck. Unter anderem veröffentlichte er Media Turn. Perspektiven einer interdiskursiven Medienphilosophie (2018), Medienphilosophie. Eine Einführung (2007) und Erfahrung und Mystik. Grenzen der Symbolisierung (1997).
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WOHNEN IM ZEITALTER DER MOBILITÄT
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IM ZEITALTER DER MOBILITÄT Ein philosophischer Essay
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Wohnen im Zeitalter der Mobilität Ein philosophischer Essay
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Inhalt
I
Einleitung: Zugänge zum Begriff des Wohnens – Phänomenologie und Medienphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
II
Wie angemessen wohnen? Rückzug oder Transparenz? Minimales oder maximales Wohnen? – Han, Vitruv, Le Corbusier, Ahne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
Medialität (als strukturelle Grundverfassung) und Medialisierung (als historische Veränderung) des Wohnens – McLuhan, Anders . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
IV
Beschleunigung und Simulation – Virilio, Baudrillard . . . . . . . . . . . . . .
43
V
Sesshaftes, emphatisches Wohnen – Heidegger, Bollnow, Bachelard, Watsuji . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
51
VI
Passage und Heterotopie, Nicht-Ort und Lager – Benjamin, Foucault, Augé, Agamben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
VII
Nomadentum, Dekonstruktion und Bodenlosigkeit – Deleuze / Guattari, Derrida, Cacciari, Flusser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
87
III
VIII Resonanz und Teil-Souveränität – Rosa, Harrasser . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 IX
Wohnen mit Tieren und Wohnen der Tiere – Diaconu, Donaldson / Kymlicka, Kynast, Ingold, Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
X
Sphären des Wohnens und digitalisierte Wohnmaschinen – Sloterdijk, Rötzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
XI
Atmosphären und Korrespondenzen – Schmitz, Knodt . . . . . . . . . . . . . 145
XII
Heimat und Heim-Weg, Wohnen und Wandern, Migration und fremd-ansässiges Wohnen – Joisten, Guzzoni, Di Cesare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
XIII Fazit: Ende oder Transformation des Wohnens? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
6
Inhalt
Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Personenindex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
I
Einleitung: Zugänge zum Begriff des Wohnens – Phänomenologie und Medienphilosophie
«Aber das Pausenlose – lebt es? Kein Gedanke, kein Finger, kein Fuß, die nicht in bemessenen Abständen zur Ruhe kämen […].»1 «Zugehörigkeit wird immer […] in ihrem Kern eine tiefe Befremdung, eine ursprüngliche Zurückweisung bewahren.»2 Botho Strauß
Dieser philosophische Essay befasst sich mit Wesen, Struktur und Geschichtlichkeit des Wohnens. Wenn heutzutage im öffentlichen Diskurs von Wohnen die Rede ist, geschieht das – von Werbeprospekten und bürgerlich-saturierten Wohlfühlzeitschriften abgesehen3 – meist im Hinblick auf einen zumindest für Teile der Bevölkerung misslichen Zustand: nämlich den durch anschwellende Bevölkerungszahlen allenthalben ansteigenden Wohnungsbedarf. Dabei geht es auch um das Wie, um die Angemessenheit des Wohnens, denn viele Wohnungen sind offenkundig zu klein und aus schlechtem Material gebaut. Zu den Wohnproblemen der schon länger in ihren Landstrichen Lebenden kommen die Probleme der Migration, insbesondere der durch Krieg, Hunger, Repression, Naturkatastrophen und gravierendes Gefälle im Lebensstandard ausgelösten Flüchtlingswellen. Ein weiterer Aspekt ist, dass massenweises Wohnen wertvolle materielle Ressourcen verbraucht, immens zum Klimawandel beiträgt und dass man vor allem in den Ballungsräumen zerstörerische Infrastrukturen erzeugt, die denen, die sie benützen, auf lange Sicht hin die Lebensgrundlagen entziehen. Es handelt sich insgesamt um ein Bündel gewichtiger sozialer, ökonomischer, ökologischer und praktisch-politischer Fragen. Die Gesamtproblematik an der Wurzel angehen B. Strauß: Wohnen Dämmern Lügen, München-Wien 1994, S. 132 f. A.a.O., S. 167. 3 Hinter diesen Zeitschriften steht – man gebe nur einmal die Stichworte Wohnen plus Philosophie bei Google ein – der kommerzielle Wohnungsmarkt, der einem zahlungskräftigen Publikum (und nur diesem) eine variierte – und beinah jede Wohnbau- und Einrichtungsfirma hat ihre eigene – «Philosophie des Wohnens» anbietet. Ein solcherart von der Sprache der Werbung okkupierter «Philosophie»-Begriff hat selbstverständlich mit «Liebe zur Weisheit» nichts zu tun und ist eindeutig dem Metier Ideologie zuzuordnen – als strukturellem Zusammenhang von Erkenntnis und (an Profitmaximierung ausgerichtetem) Interesse.
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2
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I Einleitung
hieße, der in den 1990er Jahren verkündeten und auch heute noch weithin akzeptierten These vom Endsieg des uneingeschränkten Kapitalismus, der mit rigider Ausplünderung und zunehmender Zerstörung des Planeten verbunden ist, entgegenzutreten und den – seit der Ersten Industriellen Revolution in Gang gesetzten und mittlerweile ins Unermessliche, ja ins Lächerliche anschwellenden – Prozess der Kommodifizierung aller Dinge und Bezüge rückgängig zu machen. Wohnen ist, wie die meisten Dinge, zur – zumindest für Arme und Geringverdienende – äußerst knappen Ware geworden.4 Wie genügend leistbarer und zudem ökologisch vertretbarer Wohnraum für alle zu schaffen sei, ist allerdings nicht Gegenstand des folgenden, im Bereich philosophischer «theoria» angesiedelten Essays. Es geht vielmehr um eine strukturelle Betrachtung des Phänomens Wohnen unter dem Gesichtspunkt einer allgemeinen, nicht unmittelbar unter dem Diktat praktischer Fragen stehenden reflexiven Betrachtung. Dabei steht die Frage im Raum, ob Wohnen eine anthropologische Konstante ist (wir können uns nur schwer vorstellen, überhaupt nicht zu wohnen) oder eine – wenn auch langfristige – Kulturerscheinung mit einem absehbaren historischen Ende. Was aber soll, wenn Letzteres der Fall wäre, auf das Wohnen folgen? Was wäre denn überhaupt ein Nicht-Wohnen? Um eine sachgemäße Antwort zu finden, ist zu klären, was Wohnen seinem Wesen und seiner Struktur nach ist. Handelt es sich nur um den bloßen, unverbindlichen Aufenthalt an halbwegs geschützten Orten, dann wäre die Frage trivial und bereits vorweg beantwortet. Bedeutet Wohnen hingegen – und dafür spricht doch einiges – mehr als das, sind weitere, komplexere Überlegungen anzustellen. Ich werde mich vornehmlich zweier – in der Ideengeschichte unabhängig voneinander entstandener, aber einander in mehrfacher Hinsicht ergänzender – methodischer Zugänge bedienen.5 Der eine Zugang ist ein phänomenologischer (und zwar im Sinn der hermeneutischen, nicht der transzendentalen Phänomenologie), der andere ein medienphilosophischer. Ich ziehe einerseits die Ansätze älterer und neuerer Phänomenologen heran, bei denen von Wohnen die Rede ist bzw. bei denen sich auf das Wohnen anwendbare Gedanken finden, andererseits aber auch Ansätze von Soziologen, Medientheoretikern und Medienphiloso4 Nach Schätzung der UNO leben derzeit 1,6 Milliarden Menschen – bei einer Weltbevölkerung von 7,9 Milliarden – in minderwertigen Wohnungen oder sind ohne dauerhafte Unterkunft. In London hat sich die Obdachlosenzahl innerhalb von 10 Jahren verdoppelt, in Sao Paolo ist sie in dieser Zeit um 60–70% gestiegen. Vgl. dazu die Ausstellung «Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt», die am 3. November 2021 im Architekturmuseum München (Pinakothek der Moderne im Kunstareal) eröffnet wurde. Der Ausstellungstitel weist auf die prekäre Wohnsituation weltweit hin: (fast) jeder Zeitgenosse kann demnächst davon betroffen sein. 5 Die beiden Zugänge implizieren – teilweise zumindest – auch Aspekte eines sozialphilosophischen, technikphilosophischen und kulturanthropologischen Zugangs.
I Einleitung
phen.6 Letzteres deshalb, weil es für ein zureichendes Verständnis des Phänomens unabdingbar ist, Wohnen als Medialität und konkrete Wohnungen als konkrete Medien – oder besser: als jeweiliges mediales Ensemble – aufzufassen. Gelegentlich, wenngleich nur am Rande, werde ich auch auf Vertreter des Architekturdiskurses7 Bezug nehmen. Unter medialer Perspektive lassen sich bereits einige der älteren Phänomenologen8 – das trifft vor allem auf Heidegger zu9 – als «Medienphilosophen avant la lettre» lesen, wobei diese Autoren in der Regel allerdings zwei wesentliche Momente des neueren Mediendiskurses, nämlich den Bezug auf konkrete technische Medien und den Bezug auf die radikale Geschichtlichkeit aller Kultur, vernachlässigen oder sogar ausblenden. Eine Konfrontation der älteren phänomenologischen Ansätze mit dem modernen Mediendiskurs macht deutlich, dass erstere vorwiegend einer unbefragten Ideologie der Sesshaftigkeit verpflichtet sind. Andererseits tendieren postmoderne, Dynamik und Veränderbarkeit der (Medien- und Wohn-) Verhältnisse betonende Theoretiker dazu, die Kulturbetrachtung in einer derart radikalen Weise historisch zu verflüssigen, dass anthropologische «Konstanten» – darunter verstehe ich keineswegs ewige und überzeitliche Strukturen, sondern lange, übergreifende geschichtliche Perioden – nahezu ganz aus dem Blick geraten. Beide Denkrichtungen und Methodenstränge, Phänomenologie und Medienphilosophie, gemeinsam zu verfolgen und miteinander zu vernetzen, erscheint mir im Hinblick auf das komplexe Thema Wohnen insofern sinnvoll, als sie sich in mehrfacher Hinsicht ergänzen und gemeinsam ein vollständigeres Bild ergeben. Geklärt werden sollte vorweg der Begriff Medienphilosophie. Er ist auf drei unterschiedliche Gruppen von Theoretikern sinnvoll anwendbar10: 1. auf Fachphilosophen, die sich inhaltlich mit Medien und Medialität beschäftigen, 2. auf empirische Medienwissenschaftler, soweit sie systematisch auf die Grundlagen und Methoden ihrer Arbeit reflektieren, und 3. auf alternativ (gegenüber bisheri6 Aus sprachästhetischen und sprachökomischen Gründen verwende ich hier und im Folgenden – auch wenn ich mir bewusst bin, dass einige Leserinnen und Leser daran Anstoß nehmen – das generische Maskulinum. 7 Die gesamte Architekturtheorie oder auch nur eine repräsentative Auswahl von Architekturtheoretikern zureichend mit zu berücksichtigen, würde nicht nur den Umfang des vorliegenden Essays sprengen, sondern auch meine fachliche Kompetenz überschreiten. Wohnphilosophie und Architekturtheorie weisen vielerlei Überschneidungen und Gemeinsamkeiten auf – es sind aber, jede für sich, derart komplexe und weitläufige Diskurse, dass sie nicht ohne Weiteres kurzzuschließen bzw. auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. 8 Der älteren (um 1900 entstandenen, ab den 1920er Jahren forcierten) klassischen Phänomenologie steht seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts eine so genannte «Neue Phänomenologie» gegenüber, die sich ebenfalls mit dem Wohnen beschäftigt und als deren «Gründungsvater» Hermann Schmitz gilt (s. dazu Kapitel XI). 9 Vgl. A. Beinsteiner: Heideggers Philosophie der Medialität, Frankfurt a.M. 2021. 10 Vgl. dazu R. Margreiter: Medienphilosophie. Eine Einführung. 2. Aufl. Würzburg 2016, S. 9 ff.
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I Einleitung
gen, dem Rationalismus oder Empirismus verpflichteten Denktraditionen) ausgerichtete Medientheoretiker, die unter dem Etikett «postmodern» oder «poststrukturalistisch» firmieren. Der erste und bedeutendste dieser Postmodernisten – die sich im Übrigen selbst in der Regel nicht als Philosophen einstufen (da sie den Diskurs Philosophie als Anachronismus, als bloßen Effekt der «alten» Medien Schrift und Buchdruck ansehen)11 – ist Marshall McLuhan, dessen Methodenüberlegungen – «nicht-lineares» Denken, «Mosaikmethode» und «Methode des schwebenden Urteils»12 – sich weitgehend mit der «Antitheorie» der französischen Postmoderne (z.B. bei Jean Baudrillard) decken. Von den drei genannten Gruppen fungieren im Zusammenhang mit dem Thema Wohnen als Referenzautoren vor allem Angehörige der letztgenannten, dritten Gruppe. Fragen wir nunmehr – in einem vorbereitenden Schritt (der manche Fragen noch offenlassen muss) – danach, was Wohnen überhaupt ist, worin sein Charakter und seine Funktion bestehen. Es ist dies eine phänomenologische Frage und das heißt: Wir sehen nach Möglichkeit von theoretischen und ideologischen Vorannahmen ab und versuchen den Blick auf das Phänomen, so wie es uns hier und jetzt begegnet, bzw. auf die «Sache selbst» zu richten. Zwar gibt es im Grunde nie eine völlig theoriefreie und unmittelbare Betrachtung von Phänomenen. Unleugbar aber ist, dass Phänomene durch spezielle Theorien nicht nur fokussiert und prägnant gemacht, sondern auch verengt, verzerrt und verdeckt werden können. Dies in Rechnung zu stellen und – reflektiert-methodisch – das Moment (freilich immer nur vermeintlicher) Unmittelbarkeit stark zu machen (und es dezidiert als Zwischenbetrachtung, als Sprosse auf der Leiter des Denkens zu benutzen, auf welcher man weitersteigen wird und die man bei Bedarf wieder beiseite legt), ist – meinem Verständnis nach – das wesentliche Anliegen und der Wert von Phänomenologie.13 Wenden wir uns, so besehen, dem Thema Wohnen zu, drängen sich 11 Dass der Diskurs Philosophie mit dem Aufkommen der Neuen (d.h. im Wesentlichen: digitalen) Medien obsolet geworden sei, weil letztere ein völlig neues, auf jegliche Systematik, Begründung und Selbstreflexion verzichtendes Denken insinuieren, hat sich in weiten Teilen der medientheoretischen Literatur seit den 1990er Jahren als Topos eingebürgert (s. Kittler, Bolz, Hartmann u.a.). Ich halte diese Ansicht insofern für wenig sinnvoll, als Philosophie – im Sinn eines «grundsätzlichen Nachdenkens» über die Dinge – zwar zweifellos historisch mit dem Medium Schrift entstanden ist (vorher gibt es nur Spruchweisheit und Mythen) und sich am Medium des Buchdrucks weiterentwickelt hat, aber keinesfalls mit deren Ende als Leitmedien auch selbst zu Ende ist. 12 Vgl. M. McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis, Düsseldorf-Wien 1968 (zuerst engl. 1962). 13 Dies ist der Sinn der epoché, der «Einklammerung» der Denkgegenstände. Einem rein methodisch-pragmatischen Verständnis von Phänomenologie, wie ich es hier anführe, stehen andere, substanziellere Auffassungen gegenüber, die ich jedoch nicht für ausreichend argumentierbar halte. So etwa zielt Husserls transzendentale Phänomenologie auf ungeschichtliche, ideale Gegenstände des Bewusstseins, die den Platonischen Ideen ähneln. Die materiale Phänomenologie eines Max Scheler wiederum zielt, ebenfalls sehr ungeschichtlich, auf die inhaltliche
I Einleitung
fürs Erste vier Perspektiven auf, unter denen sich Wohnen «unmittelbar» darbietet: nämlich als Zustand, Befindlichkeit, Tätigkeit und Geschehen. Es sind dies vier Kategorien, die sich offenkundig von den unterschiedlichen Wortklassen unserer Sprache herleiten. Dass es linguistisch auch andere Taxierungsmöglichkeiten gibt, verweist auf die Relativität auch des «Unmittelbaren» bzw. als unmittelbar Empfundenen. Immerhin ist aber (eine bestimmte, konkrete) Sprache unabdingbares Instrument, um uns überhaupt mit Erfahrung und Wirklichkeit auseinandersetzen zu können. Jede Sprache organisiert – hier bleiben Wilhelm von Humboldts Einsichten nach wie vor aktuell14 – Erfahrung auf je eigene Weise. Und wenn wir philosophieren, müssen wir das sprachlich tun und können deshalb von keiner Tabula rasa, keiner voraussetzungsfreien Grundlage, ausgehen, sondern müssen die intellektuelle Rodungsarbeit stets im Gestrüpp des kulturell (und vor allem sprachlich) Vorfindlichen beginnen. Was nicht ausschließt, dass wir die verwendete Sprache im Verlauf der Denkprozesse modifizieren, ihre Leistungsfähigkeit vorantreiben, sie schärfen und ihre Elemente neu kombinieren können. Die genannten vorläufigen – phänomenologischen – Aspekte des Wohnens seien im Folgenden kurz erläutert. Wohnen ist erstens ein Zustand, eine Gegebenheit, eine Qualität. Dies ergibt sich allein schon aus der Antithese – der Möglichkeit, keine Wohnung zu haben, nicht wohnen zu können. Mit der Qualität verbinden sich – zweitens – Befindlichkeiten: Beim Wohnen können wir uns wohlfühlen oder auch nicht, das Wohnen kann unseren Bedürfnissen gut, schlecht oder überhaupt nicht entsprechen. Dies hängt freilich nicht allein von den Vorgegebenheiten ab, sondern – drittens – auch davon, wie wir unser Wohnen gestalten, ob und wie wir es bloß routiniert oder auch kreativ und innovativ mitgestalten. Unter einer vierten Perspektive erscheint Wohnen schließlich als ein vielfältig ineinandergreifendes, atmosphärisch bestimmtes Bezugsgeschehen15, als relationaler Prozess, der zwischen unterschiedlichen Aktanten stattfindet (es kann sich um
Beschreibung von Gefühlen und Werten. Einer, wie ich es für richtig halte, rein methodischen Auffassung von Phänomenologie, der es bloß darum geht, einzelne Schritte zu setzen in der unabschließbaren Dialektik zwischen als unmittelbar empfundener und begrifflich-theoretisch vermittelter Erfahrung, kommt die hermeneutische Phänomenologie Heideggers am nächsten, auch wenn der oft apodiktisch anmutende und blumig-metaphorische Duktus seiner Sprache die skeptische Grundhaltung fortlaufend verdeckt. Zu Heidegger als Skeptiker vgl. H. Köchler: Skepsis und Gesellschaftskritik im Denken Martin Heideggers, Meisenheim 1978 sowie neuerdings – in dezidiert medienphilosophischer Perspektive – A. Beinsteiner: Heideggers Philosophie der Medialität. 14 Vgl. W. von Humboldt: Über die Sprache. Reden vor der Akademie, Tübingen-Basel 1994. 15 Reinhard Knodt (Ästhetische Korrespondenzen, Stuttgart 1994, S. 51) formuliert den Sachverhalt wie folgt: «Der Raum […] wird vom Menschen durch dessen soziale Tätigkeit eingerichtet. Er ist Poiesis und […] eine ästhetische Angelegenheit, ein Geschehen […].» – Was für den Raum gilt, gilt auch fürs Wohnen.
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I Einleitung
Menschen, Tiere, Pflanzen, Möbel, Geräte und diverse Infrastrukturen handeln) und dabei ein komplexes Gesamtgeschehen ausmacht. Wenn wir uns dem Thema Wohnen vorläufig-phänomenologisch nähern, liefert auch schon die Etymologie16 – so wie bei anderen Fragen nach dem Was, dem Wesen einer Sache – erste Hinweise. Das deutsche Wort wohnen geht auf ein gleich lautendes allgemein-germanisches Grundwort (wonen) zurück, das mit Gewohnheit in Zusammenhang steht, und zwar vornehmlich in positiv-affirmativem Sinn (nämlich: lieben, schätzen, zufrieden sein). Im Englischen sind für wohnen die Verben live und dwell gebräuchlich, worin einerseits der Zusammenhang des Wohnens mit und seine Einbettung ins Leben überhaupt, andererseits das Moment des Aufenthalts, des (vorübergehenden oder ständigen) Verweilens zum Ausdruck kommt. Das lateinische – später in die romanischen Sprachen (und den romanischen Anteil des Englischen) übernommene – Äquivalent habitare betont das Moment des Besitzens und Festhaltens. Die von diesem Verb abgeleiteten Substantive habitudo und habitus drücken einen Zustand, eine Haltung, ein Verhalten aus. Es drängt sich hier sofort die Assoziation mit dem Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu auf. Dieser versteht darunter eine bestimmte Art und Weise, zu denken und zu handeln, aber auch: zu wollen und zu fühlen, Gewohnheiten zu pflegen, sich anderen (und sich selbst) gegenüber zu stilisieren und sich nach außen hin zu repräsentieren.17 Die jeweilige Art des Wohnens drückt also einen Habitus bzw. eine Lebensform als psychologische und soziologische Größe aus. Anders formuliert: Unterschiedliche Weisen des Wohnens sind Ausdruck unterschiedlicher Lebensformen.18 Und: Wohnen ist ein raumbezogenes (und, wie wir noch sehen werden, zudem auch zeitbezogenes) Phänomen, es findet im Raum – man müsste präziser sagen: als Raum – statt.19 16 Vgl. die Artikel «wohnen» in: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Aufl. Berlin 1999, S. 896; Duden. Das Herkunftswörterbuch. 2. Aufl. Mannheim 1989, S. 817; J. & W. Grimm: Deutsches Wörterbuch [1852–1961], München 1999, Bd. 30, Sp. 1206–1217. Bei Grimm wird sehr detailliert auf die Bedeutungskontinuitäten und -verschiebungen hingewiesen – vom Althochdeutschen (wonen/wonan = «verweilen, bleiben, beharren, sich befinden») über das Mittelhochdeutsche (wo die Bedeutung «Sitz, Wohnung haben» dazukommt) bis ins Neuhochdeutsche (wo schließlich die Bedeutung «sedere, habere, wohnung wohnsitz haben» überwiegt und sich außerdem zahlreiche Spezialbedeutungen ausbilden). 17 P. Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Frankfurt a.M. 1982 (zuerst frz. 1979). 18 Zum Begriff der Lebensform vgl. L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (= Werkausgabe, Bd. 1), Frankfurt a.M. 1989. Teil I: §§ 19, 23, 241; Teil II: S. 485, 572. 19 Man spricht seit einigen Jahren von einem «Spatial Turn» in den Kulturwissenschaften. Vgl. T. Hunefeldt et al. (Hg.): Philosophie des Ortes. Reflexionen zum Spatial Turn in den Sozialund Kulturwissenschaften, Bielefeld 2014; J. Dünne & S. Günzel (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, 9. Aufl. Frankfurt a.M. 2018 (1. Aufl. 2006). In Philosophie und Architekturtheorie hat die Raumreflexion allerdings schon zuvor eine lange
I Einleitung
Denn Wohnen ist verbal als räumen zu denken20: im Raum sein, sich im Raum bewegen, den Raum gestalten, ihn aus- und einräumen, auch: den Raum verlassen. Lebensweltlich gesehen ist der Raum nicht nur eine geometrische Größe, er stellt immer auch ein konkretes, lebendiges Geschehen dar21 (und ist insofern, wie gesagt, auch ein zeitbezogenes Phänomen): Er ist ein Geschehen, und zwar ein Geschehen, in dem die in ihm befindlichen, bewegten und sich bewegenden Dinge untereinander vermittelt werden bzw. indem sie sich selbst, als Aktanten22, untereinander vermitteln. Als Vermittelndes ist der Raum (das neulateinische Substantiv wird seit der frühen Neuzeit so gebraucht) per definitionem ein Geschichte. Man unterscheidet unterschiedliche Raumtypen bzw. Raumvorstellungen. Bereits Descartes und Leibniz diskutieren im 17. Jahrhundert – in Weiterführung antiker Raumdebatten – Modelle des leeren und des erfüllten Raumes. Kant tritt dem Konzept des Realraumes mit der transzendental-idealistischen These von Raum als bloßer Anschauungsform entgegen. Bergson unterscheidet zwischen Intellekt und Intuition als raumbezogen-zählendem und zeitbezogen-qualitativem Denken. Cassirer in seiner Philosophie der symbolischen Formen ordnet besagten Formen spezielle Raumkonzepte zu und stellt ausdrücklich dem mathematisch-quantitativen Raum den kulturgeschichtlich älteren mythisch-qualitativen Raum gegenüber. Kulturgeschichtlich noch bedeutsamer sind die mit der modernen Grundlagendiskussion in Mathematik und Physik verknüpften Änderungen der naturwissenschaftlichen Raumvorstellung von Bernhard Riemann bis Albert Einstein – der Weg vom absoluten und geradlinigen Raum Newtons zum gekrümmten und relativierten Raum. 20 Zum verbalen Verständnis von Raum vgl. M. Heidegger: Die Kunst und der Raum / L’art et l’espace, St. Gallen 1983 (1. Aufl. 1969). 21 Dies wird auch in der Architekturtheorie lebhaft diskutiert, s. A. Moravánszky: Architekturtheorie im 20. Jahrhundert, 2. Aufl. Basel 2015, darin: Kapitel II «Die Wahrnehmung und der Raum», S. 123–260. Dazu einige Beispiele: Der Bauhaus-Architekt Laszlo Moholy-Nagy lehnt in seinem Werk Von Material zu Architektur (Passau 1929, Nachdruck 1968) einen allgemeinen Raumbegriff ab und erstellt einen Katalog von 44 (!) unterschiedlichen Raumauffassungen. Meist begnügt man sich allerdings mit einer Gegenüberstellung von zwei bis drei Raumkonzepten. In Das Problem der Form in der bildenden Kunst (6. Aufl. Straßburg 1908) unterscheidet Adolf Hildebrand zwei Arten der Raumwahrnehmung: «Gesichtsvorstellung» und «Bewegungsvorstellung». In Abstraktion und Erfahrung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie (München 1918) nennt Wilhelm Worringer die beiden im Titel genannten Begriffe als zwei kulturelle Typen unseres Verhältnisses zum Raum. Henri Lefebvre stellt in The Production of Space (Oxford 1991, zuerst frz. 1974) den mentalen Raum (des Denkens und der Fantasie) dem gebauten Raum (der Stadt) und dem geometrischen Raum (der Wissenschaften) zur Seite. Und Dom Hans van der Laan (Der architektonische Raum. 15 Lektionen über die Disposition der menschlichen Behausung, Leiden-New York-Köln 1992) schreibt über das Haus: Von außen stelle es sich als ein Schalenraum dar, von innen als ein Kernraum. (Vgl. zu den angeführten Autoren A. Moravánszky: Architekturtheorie, S. 123, 127, 131, 138 und 140) 22 Den Aktantenbegriff übernehme ich – ohne die ontologischen Grundansichten der Action-Network-Theorie (ANT) zu teilen – von Bruno Latour. Vgl. ders.: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main 2007 (zuerst engl. 2005). In der ANT werden m.E. die ja doch verbleibenden qualitativen Unterschiede
13
14
I Einleitung
Medium. Der Wohn-Raum lässt sich als Medium und das Wohnen als mediales Geschehen begreifen, und das auch im – alltagssprachlich geläufigen – Sinn technischer und Informationsmedien. Wohnungen waren übrigens schon früher, noch bevor sie sich in die digitalisierten Smarthomes von heute verwandelt haben, mit (analogen) Medien reichlich ausgestattet. Es lässt sich also ohne Schwierigkeit eine mehrfache Brücke von der Phänomenologie hin zur Medienphilosophie schlagen. Die Wohnung stellt in ihrer Einheit und Gesamtheit ein eigenständiges Medium dar: ein räumlich-stoffliches Etwas, in dem man sich befindet und bewegt, und zwar gemäß einer (kulturell vorgegebenen) zeichenhaften Ordnung, in die wir einerseits passiv und geschichtlich-kontingent hineingestellt sind, die wir andererseits aber auch eigens schaffen oder, teilweise zumindest, verändern können. Jedes Medium – so auch die Wohnung – ist von seiner Struktur her einerseits etwas Materielles und fungiert andererseits immer schon als ein Zeichen- oder Symbolsystem, als ein Gefüge bzw. Prozess von Bedeutungen. Bedeutungen aber sind Vermittlungen. Beim Wohnen handelt es sich primär um die ständige Vermittlung eines Innen (der Wohnung) und eines Außen (dem Kontext, der Umgebung, dem Milieu). Und: Kein Medium findet sich allein und isoliert in der Lebenswelt vor, es interagiert vielmehr mit anderen Medien und besteht selbst aus einer Anzahl von (Sub-)Medien. Wobei sich mit den Veränderungen einer Medienlandschaft – auch Wohnlandschaften sind, wie gesagt, Medienlandschaften – in der Regel auch die Funktion des Einzelmediums verändert. Die Wohnung ist ein Submedium im Hinblick auf das Haus (sofern sie nicht mit dem Haus identisch, sondern dessen Teileinheit ist), das Haus ein Submedium der Siedlung, der Stadt usw. Im Interesse einer präzisen Argumentation ist es ratsam, die Begriffe Medien und Medialität sowie Wohnung und Wohnen auseinander zu halten. Ich verstehe – darauf wird unten in Kapitel III noch näher eingegangen – den Zustand, die Befindlichkeit, die Tätigkeit und das Geschehen des Wohnens als Medialität im Sinn von Vermittlung, d.h. als Angewiesensein auf bestimmte Medien und als Gebrauch und Bestimmung durch diese Medien. Dagegen verstehe ich die Wohnung (welcher Art auch immer) als ein konkretes Medium bzw. als Ensemble unterschiedlicher, miteinander vernetzter Medien. Dass sich die Begriffe Medien und Medialität im Zusammenhang mit dem Phänomen des Wohnens geradezu aufdrängen, hat auch zu tun mit der in jüngster Zeit erfolgten ubiquitären Durchdringung unserer Lebenswelt mit immer komplexeren digitalen Techniken. Kultur und Lebenswelt werden durch die neuere mediale Entwicklung augenfällig verändert. Die Art der Kommunikation, die sozialen und technischen Strukturen, die Arbeits- und Freizeitwelt, das Gefühlszwischen Menschen/Subjekten/Akteuren und den dazu korrespondierenden nicht-lebendigen Dingen zu sehr nivelliert.
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leben, aber auch das gesamte Welt- und Selbstverständnis sind in mehrfacher Hinsicht nicht mehr dieselben wie zuzeiten der analogen Medien. Davon ist auch das Wohnen betroffen. Wir wohnen heute wesentlich anders, als man noch vor wenigen Generationen gewohnt hat, wobei die hochtechnisierten Wohnverhältnisse, relativ zu sozialen Schichtungen und finanziellen Teilnahmemöglichkeiten am materiellen Fortschritt, natürlich nicht überall die gleichen sind. Insofern gibt es nach wie vor Ungleichzeitigkeit und Unterschiedlichkeit im Wohnen. Trotzdem handelt es sich gegenwärtig insgesamt um qualitativ neue Wohnverhältnisse. Ein TV-Gerät und weitere (das klassische Fernsehen integrierende oder ersetzende) digitale Geräte finden sich – in reichen und armen Ländern gleichermaßen – zumeist auch noch in den allerärmsten Behausungen. * Wohnen begegnet außerdem seit je – von Vitruvs antiker Projektion der «Urhütte» angefangen23 – als ein Teilthema der Architekturtheorie, dabei geht es aber meist um die Ermittlung (und zuweilen auch um theoretisch und ideologisch aufgeladene Vorstellungen) konkreter Wohnbedürfnisse und Wunsch-Intentionen: sei es die möglichst effiziente Gestaltung von Hausarbeit (inklusive Homeoffice), Kochen, Essen, Ruhe und Schlaf, sei es das Abdecken von Hobby- und Repräsentationsbedürfnissen. Doch sind Schaffung und Gestaltung von Wohnraum zwar ein wichtiges, aber nicht das einzige Arbeitsfeld der Architekturtheorie. Diese steht ihrerseits im Kontext einer breiteren Disziplin, der Kulturanthropologie, und enthält, wie diese, zahlreiche philosophische Implikationen. Teilweise gibt es auch explizite Querverbindungen zur Fachphilosophie – denken wir nur an Heideggers berühmten Aufsatz «Bauen Wohnen Denken» (dessen Rezeption in den Feuilletons während der Corona-Pandemie24 neuen Aufwind erhalten hat) oder an Derridas Entwurf einer dekonstruktiven Architektur.
23 Zur Geschichte des Urhütten-Motivs und die diesbezügliche Rezeption Vitruvs über zwei Jahrtausende hinweg vgl. R. Rykwert: Adams Haus im Paradies. Die Urhütte von der Antike bis Le Corbusier, Berlin 2005 (zuerst engl. 1972). Vgl. dazu auch A. Moravánszky (Hg.): Architekturtheorie, S. 262 f. 24 Durch die administrativen Corona-Maßnahmen erhielt die Wohnung – gleichermaßen als rettender Rückzugsort wie als Zwangsinternierung – für breite Schichten der Bevölkerung eine neue, zuvor wenig beachtete lebensweltliche Bedeutung. Vgl. dazu F. Rötzer: Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens, Westend 2020 (siehe Kapitel X). Für Donatella Di Cesare «sollte dieses Ereignis den Anlass dafür liefern, das Wohnen neu zu denken, das kein Synonym von Haben oder Besitzen ist, sondern von Sein, von Existieren.» (D. Di Cesare: Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus, Konstanz 2020, zuerst ital. 2020, S. 30). In Anspielung auf die bei den Erkrankungsverläufen auftretenden Atembeschwerden heißt es: Wohnen bedeutet «nicht, in der Erde verwurzelt zu sein, sondern in der gemeinsamen Luft zu atmen. Das haben wir vergessen. Existieren heißt atmen.» (ebda) Allgemein zum Motiv des Atems und Atmens als Bedingung des Lebens und des Wohnens vgl auch R. Knodt:
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Wohnen, wurde festgestellt, ist ein Habitus und eine Lebensform. Zu fragen ist, ob es auch einen Habitus und eine Lebensform des Nicht-Wohnens gibt. Kann man – neben dem Haus – auch das Nomadenzelt, den prähistorischen Unterschlupf in einer Felshöhle, den Wohnwagen, das Reiseschiff usw. als Wohnung bezeichnen? Diese Alternativen gegenüber dem Haus sind gleichfalls, wenn auch flüchtigere, Weisen des Aufenthalts und des Verweilens. Allerdings sind sie Vehikel der Lebensform des Reisenden und Nomaden. (Der Nomade ist der vorwiegend oder ausschließlich Reisende). Trotz aller Parallelen zum Haus stehen solch flüchtige Verweil-Orte zu diesem in einem fundamentalen Gegensatz. Im Haus verkörpert sich der – im Neolithikum geschichtlich begründete – Habitus der Sesshaftigkeit (Homo sedens), der dem Habitus des Nomadentums (Homo viator) gegenübersteht. Nomadentum ist historisch älter als Sesshaftigkeit, allerdings gibt es über lange Perioden hinweg – und auch heute noch – beides nebeneinander, sei es in voneinander abgeschotteter Weise, in friedlicher Koexistenz oder gewaltsamer Auseinandersetzung. Kulturbestimmend (nicht nur) für das westliche Denken war bis vor kurzem jedoch die Sesshaftigkeit. Mit ihr verbinden sich die Vorstellungen eines «emphatischen» Wohnens: die Vorstellungen von Stabilität, Verlässlichkeit, Identität und Authentizität. Sesshaftigkeit ist der atmosphärische Hintergrund und die Antifolie, vor der das durch kapitalistische Turbo-Mobilität und allseitige Digitalisierung bestimmte neue Nomadentum in den Augen konservativer Zeitgenossen als defizient und als Rückschritt erscheint. Andererseits wird Flexibilität allerorts als gesellschaftliche Tugend gepriesen, als notwendige Anpassung an moderne Ökonomien. Sie impliziert für die Betroffenen jedoch enormen Zeit- und Kraftaufwand und letztlich auch verordnete Ortlosigkeit. Offenbar ist seit geraumer Zeit das Nomadentum im Vormarsch. Sowohl die Sesshaften als auch die Nomaden «wohnen» und kennen «Wohnungen». Was dabei aber jeweils Wohnen bedeutet, ist durchaus verschieden. Soweit wir geschichtlich zurückblicken können, war Wohnen schon immer eine – durchaus labile – Beziehung zu uns selbst und zu den Aktanten der uns umgebenden und durchdringenden Welt: eine Beziehung zu anderen Menschen und – neben Pflanzen und Tieren25 (von denen noch gesondert die Rede sein wird, siehe Kapitel IX) – zu leblosen Dingen. Solch leblose, als Aktanten fungierende Dinge sind z.B. Möbel und Geräte, aber auch die Wohnung als Ganzes, das Haus Der Atemkreis der Dinge. Einübung in die Philosophie der Korrespondenz, Freiburg-München, 2. Aufl. 2018 (1. Aufl. 2017). 25 Bezugstiere beim Wohnen sind Haus- und Heimtiere wie z.B. Katzen und Hunde, aber auch nicht eigens eingeladene sogenannte Schwellentiere, wie Kellermäuse, Insekten, Spinnen, Asseln, Schaben und Käfer. Vgl. zur Unterscheidung zwischen Wild-, Haus- und Schwellentieren: S. Donaldson & W. Kymklicka: Zoopolis: Eine politische Theorie der Tierrechte, Frankfurt a.M. 2013 (zuerst engl. 2011).
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oder das Zelt. Zu den leblosen Aktanten zählen – wenn wir den Begriff des Wohnens auf fahrbare und bewegliche Unterkünfte ausdehnen – auch Kutschen, Autos, Züge, Seilbahngondeln, Flug- und Raumfahrzeuge. Auch in diesen halten wir uns auf, wenngleich nur kurz. Gemeinsam ist all diesen Geräten, dass wir sie betreten und wieder verlassen (können). Wir schließen uns in sie ein und öffnen sie nach außen. Sie sind allesamt technische Vermittlungsinstanzen oder, anders gesagt, Medien. Die Dialektik von Innen und Außen bzw. von Öffnen und Schließen ist ein konstitutives Merkmal des Wohnens.26 Doch ist Wohnen durch die moderne Beschleunigung, Medialisierung und Kommodifizierung aller Lebensverhältnisse mittlerweile in besonderer Weise prekär geworden. Prekär war es seit je, ist es heute aber mehr als zuvor. Wohnen als stabiler Hintergrund unserer Lebensverhältnisse, als zurückgezogener Aufenthalt und geruhsames Verweilen scheint eine im Verschwinden begriffene Lebensform zu sein. Denn Mobilität ist allumfassend geworden und wir sehen uns mit einer durchgreifenden Erfahrung von Ortsverlust konfrontiert. Digital organisiertes – und digital kontrolliertes – Nomadentum wird, für Reiche und Arme in jeweils unterschiedlicher Ausprägung, als Lebensform immer mehr zur Regel. So ist Wohnen als Ort des (relativen) Rückzugs und der (relativen) Sicherheit historisch möglicherweise am Ende. Vom Ausblick auf die geschichtlichen Veränderungen des Wohnens kehren wir in der philosophischen Betrachtung aber immer wieder zurück zu dem, was – vermutlich – die anthropologische Konstante, den gattungsgeschichtlichen Aspekt der Kontinuität menschlichen Wohnens, ausmacht. Wobei das Wohnen der uns biologisch eng verwandten und mit uns in vielfacher Weise koexistierenden Tiere – sowohl ihr eigenes, selbständiges Wohnen als auch ihr gemeinsames Wohnen mit uns, den Menschen – einen Nebenaspekt darstellt.27 * Der Aufbau des vorliegenden Essays ist assoziativ, rundet sich aber am Ende – wie ich hoffe – zu einem Ganzen, dessen Teile korrelativ aufeinander verweisen. Im Anschluss an die vorliegende Einleitung (Kapitel I) gehe ich in Kapitel II der Frage nach, ob Wohnen primär durch Rückzug nach innen oder durch Transparenz nach außen bestimmt wird. Die bürgerliche Wohnung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war in ihrem Blick nach innen, in die Intimität, moderne Wohnungen hingegen sind in ihrem Blick meist nach außen gerichtet und in hohem Maß von außen einsehbar. Beide Tendenzen, die des Rückzugs und der Transparenz, können ins Extrem getrieben werden. Sie bezeichnen jedoch komplementäre Bedürfnisse und Funktionen des Wohnens. Die Antwort auf die Frage «RückInteressant sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen bei F. Rötzer, der die für das Wohnen konstitutive Innen-Außen-Dialektik, angefangen beim Einzeller, bereits im Körper jedes Lebewesens und damit als biologische Grundstruktur darlegt. Vgl. F. Rötzer: Sein und Wohnen, darin: «Der bewohnte Körper», S. 217 ff. 27 Siehe Kapitel IX. 26
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zug oder Transparenz» muss somit ein striktes Entweder-Oder zurückweisen. Doch betrifft das Problem angemessenen Wohnens nicht nur das Verhältnis von Innen und Außen – Rückzug und Transparenz, privat und öffentlich –, sondern auch das Verhältnis von einfach und luxuriös, von zumutbarer Enge und allfällig zu großer Ausdehnung des Wohnens. In diesem Zusammenhang thematisiere ich den Mythos der «Urhütte», der auf den römischen Architekten Vitruv zurückgeht, von Le Corbusier in seinem Konzept der «Wohnmaschine» wieder aufgegriffen und von Petra Ahne in einer kleinen, lesenswerten Monografie in der gegenwärtigen kulturellen Bedeutung erörtert wurde. In Kapitel III gehe ich auf die Begriffe Medialität und Medialisierung ein. Bei Ersterem handelt es sich um die (formale) Grundverfassung, beim Zweiten um den historischen Prozess und um konkrete Veränderungen des Wohnens. Diese Veränderungen erfolgen wesentlich, wenn auch nicht ausschließlich, durch die Transformation der schon vorhandenen sowie den Einbezug neuer Medien. Referenzautoren dieses Kapitels sind Marshall McLuhan und Günther Anders. Solche Veränderungen sind, wie in Kapitel IV mit Bezug auf Paul Virilio und Jean Baudrillard ausgeführt wird, in der jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart durch die Phänomene Beschleunigung und Simulation – verbunden mit fortschreitender Kommodifizierung – gekennzeichnet: Wohnen wird zunehmend flüchtiger, unverbindlicher, wenn auch in der technischen Handhabung leichter und bequemer. Kapitel V benennt dazu die traditionelle Antifolie: das (klassisch-phänomenologische) Denken der Sesshaftigkeit, welches den Normen der Stabilität, der Sekurität, der Verlässlichkeit und damit einer ortsgebundenen, kontinuierlichen Lebensform verpflichtet ist. Dafür stehen die Namen Martin Heidegger, Gaston Bachelard und Otto Friedrich Bollnow, aber auch – aus einem nicht-westlichen, dem japanischen Kulturkreis – Watsuji Tetsuro. Dass die Normen der Sesshaftigkeit aber zunehmend weniger Halt im Leben finden und dass sie – als Widerspiegelung dörflich-bäuerlicher und kleinbürgerlich-kleinstädtischer Lebensformen – seit längerem schon von historisch rückläufiger Bedeutung sind, veranschaulicht Kapitel VI, das (post-)moderne Autoren referiert, bei denen die moderne Ortlosigkeit als gegeben akzeptiert wird: Walter Benjamin, Michel Foucault, Marc Augé und Giorgio Agamben. Kapitel VII befasst sich mit dem modernen, digitalen Nomadentum, mit Dekonstruktion und der Vorstellung eines «bodenlosen» Wohnens und bezieht sich dabei auf Gilles Deleuze und Félix Guattari, Jacques Derrida und – die sicherlich zentralste Figur in diesem Zusammenhang – Vilém Flusser. Dass aber auch in jenen Wohnformen, die «ortlos» geworden und in technisch-mediale Turbo-Beschleunigung geraten sind, zumindest eine geringfügige Bezugnahme auf «Erdhaftes» nötig ist und den Betroffenen sehr wohl die Möglichkeit verbleibt, «resonant» – mit einer Bezugsfülle zu Mitmenschen und umgebenden Dingen – zu leben sowie zumindest eine Teil-Souveränität zu gewinnen und aufrechtzuerhalten, erläutert Kapitel VIII. Ich ziehe dafür die Thesen zweier Soziologen heran: Hartmut Rosa und Karin Harrasser.
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Kapitel IX – ein Exkurs – erweitert den Themenkomplex Resonanz, Sozialität und Autonomie, indem das Zusammenwohnen nicht nur von Menschen, sondern auch von Menschen und Tieren thematisiert wird. Auch in nach-agrarischen Wohnverhältnissen – seit dem Neolithikum haben Menschen und Nutztiere eng, anfangs oft im gleichen Raum, zusammengelebt – bleibt die Interspezies-Struktur unserer Gesellschaft ein weithin bestimmendes Moment. Die menschliche Gesellschaft war von Anfang an nie und ist auch heute keine rein menschliche Gesellschaft. Sie war und ist immer auch auf Tiere bezogen und schließt Tiere mit ein. Wie aber gestalten Tiere unser Wohnen mit und wie muss Wohnen aussehen, damit auch Tiere darin angemessen «wohnen» können? Daran schließt eine weitere Frage an: Inwiefern bewerkstelligen und gestalten Tiere, unabhängig vom Menschen, ein eigenes, artspezifisches Wohnen? Lässt sich der Begriff des Wohnens auf nichtmenschliche Kontexte überhaupt sinnvoll anwenden? Ich nehme auf einige Autoren Bezug, die der neueren Phänomenologie (Madalina Diaconu), der politischen Philosophie (Sue Donaldson und Will Kymlicka), den HumanAnimal Studies (Katja Kynast), der Kulturanthropologie (Tim Ingold) und der systematischen Tierphilosophie (Markus Wild) zuzuordnen sind. Kapitel X nimmt erneut eine – historisch belehrte und dynamisierte – phänomenologische Perspektive auf: eine Hermeneutik des Wohnens, wie sie Peter Sloterdijk mit seinem Begriff der «Sphäre» beschreibt. Es geht um ein Wohnen zunehmend unter künstlichen Bedingungen, ein Wohnen, das sich in gewisser Weise vom Erdboden abzuheben beginnt und sogar im Weltraum neue Biotope vorfindet oder sie dort technisch eigens errichtet.28 Als materialisierte Hermeneutik eigener Konstellation erweist sich das Smarthome als die in der technischen Welt am weitesten entwickelte Version der «Wohnmaschine». Diese wird bei Florian Rötzer detailliert analysiert. Die Wohnung erscheint als digital organisiertes, extrem vernetztes Geräte-Ensemble, als Superapparatur, wodurch Privatheit in zuvor nie gekannter Weise an den Rand gedrängt und sogar weitgehend zum Verschwinden gebracht wird. Zwar lässt sich ein solches Ensemble, vordergründig zumindest, effizient bedienen, aber wir müssen es auch bedienen und sind ihm letztlich strukturell ausgeliefert, weil es alle unsere Lebensfunktionen organisiert und programmiert – eine Mega-Apparatur, die sich als ein (nie zur Gänze kontrollierbares und daher «un-heimliches») Gegenüber verselbständigt und, da sie von uns kontinuierlich zu warten ist bzw. sich selbst automatisch wartet, dem le28 Es geht dabei um eine «Auflösung der traditionellen Tektonik» (A. Moravánszky: Architekturtheorie, S. 137), die bereits bei El Lissitzky in den 1920er Jahren programmatisch gefordert wird. «Im von Lissitzky begeistert beschriebenen Raum des Suprematismus verlieren vorne und hinten, oben und unten jegliche Bedeutung, die Objekte sind befreit von ihrer Schwere, und die Häuser lasten nicht mehr auf dem Boden.» (Ebda) Was heute an dazu geeigneten Baumaterialien und Techniken bereitsteht und mit ihnen realisierbar ist, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings noch Utopie.
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bensweltlichen Handeln ihre Algorithmen vorschreibt. Leicht geraten wir nunmehr in die Rolle von Goethes Zauberlehrling, der der Nebenfolgen seines Tuns nicht mehr Herr wird, so dass eine Inversion des traditionellen Herr-Knecht-Verhältnisses – die Herrschaft des Menschen über die Maschine kippt um in die Herrschaft der Maschine über den Menschen – erfolgt.29 Kapitel XI referiert den kulturphilosophischen Wohn-Diskurs zweier neuerer Phänomenologen, die in jeweils unterschiedlicher, aber über weite Partien hinweg dennoch ähnlicher Weise über den Raum- und Wohnbegriff nachdenken und beide den Begriff der Atmosphäre fokussieren: Hermann Schmitz und Reinhard Knodt. Knodt hat das Atmosphärenkonzept zu einem Konzept der «Korrespondenzen» vertieft und bezieht in seine Überlegungen Medientheorie mit ein. Im philosophischen Begriff der Korrespondenz erfährt der psychologisch-soziologische Begriff der Resonanz, wie er von Hartmut Rosa in die Diskussion eingebracht wurde, eine sowohl prägnantere als auch thematisch umfassendere Reformulierung und ermöglicht es, graduelle Abstufungen und Nuancen zwischen emphatischem Wohnen und bloßem Aufenthalt näher zu erkunden. Kapitel XII geht noch einmal auf die Spannung zwischen den Themen Heimat und (semi-)rustikalem Wohnen auf der einen sowie Urbanität und Migration auf der anderen Seite ein. Heimat wird als rückwärtsgewandter, nostalgischer, romantischer Sehnsuchtsort identifiziert, der jedoch auch – wie das beim Utopisten Ernst Bloch der Fall war – in die Zukunft projiziert werden kann. Die fortschreitende, mit Mobilisierung, Technisierung und Digitalisierung verbundene Urbanisierung der Welt sowie die ebenfalls fortschreitende Migration beachtlicher Bevölkerungsgruppen30 lassen den romantischen Heimatbegriff zunehmend dysfunktional erscheinen. Er ist – sofern er es denn je gewesen sein sollte, denn das meiste an ihm ist offensichtlich Wunschvorstellung und Ideologie – auf jetzige, modern-urbane und Migrationsverhältnisse schlichtweg nicht mehr anwendbar. Nun führen aber auch neuere Konzepte von Heimat und Wohnen, wie Karen Joisten und Ute Guzzoni sie vorlegen, nicht über die klassischen Ansätze der hermeneutisch-phänomenologischen Philosophie hinaus. Anders liegt der Fall bei Do29 Das Smarthome findet eine gewisse Antizipation in Le Corbusiers rationalistischem Konzept der «Wohnmaschine», aber auch in der Einrichtung der modernen, technisierten Mall, die den flanierenden Besucher gänzlich vereinnahmt, indem sie seine Bedürfnisse und Wahlmöglichkeiten auf standardisierte Weise ordnet und lenkt, so dass «man selber der Diener in einem Haus ist, in dem nicht der Herr, sondern das Haus selber die Befehle gibt» (R. Knodt, Ästhetische Korrespondenzen, S. 74). 30 Zu beachten bleibt, dass Migration selbstverständlich kein genuin gegenwärtiges Phänomen darstellt, sondern «immer schon» – man denke an die so genannte Völkerwanderung in Spätantike und Frühmittelalter oder an die immensen Bevölkerungsverschiebungen vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – welthistorisch eine große Rolle spielte. Allerdings finden wir gegenwärtig, im Zuge wirtschaftlicher und technischer Globalisierung, eine verschärfte Situation vor.