Seinen letzten Gedichtband Abgewandt Zugewandt von 1985 eröffnet der Luzerner Autor Kuno Raeber ( 1922–1992 ) mit einem fünfteiligen Zyklus mit dem vieldeutigen Titel Beschwörung. Wolfram Malte Fues und Walter Morgenthaler tauschen sich zu Raebers hundertstem Geburtstag in einem offenen Disput über die Texte aus, die sich jeder einfachen Deutung verweigern, und über deren provokante Zusammenführung zu einem eigenständigen Zyklus. Das Buch präsentiert zugleich erstmals eine integrale Edition der nachgelassenen Manuskriptfassung, die fast 30 Gedichte beinhaltet. Zusätzlich ediert und konträr diskutiert wird ein nur in Raebers Notizbuch überlieferter zweiter Beschwörungs-Zyklus. In einer Beigabe berichtet Markus Hediger über seine denkwürdige Begegnung mit dem eigenwilligen Autor. Wolfram Malte Fues lehrte bis 2011 Neuere deutsche Literaturwissenschaft sowie Medienwissenschaften. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher, essayistischer und belletristischer Publikationen. Walter Morgenthaler ist Germanist. Er ist Herausgeber der historisch-kritischen Editionen zu Karoline von Günderrode und Gottfried Keller sowie der OnlineEdition «Kuno Raeber Lyrik».
KUNO RAEBERS BESCHWÖRUNGEN
BESCHWÖRUNGEN
Wolfram Malte Fues Walter Morgenthaler
KUNO RAEBERS
BESCHWÖRUNGEN Ein Gedichtzyklus im Dialog
Wolfram Malte Fues Walter Morgenthaler
KUNO RAEBERS
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Schwabe Fues_Morgenthaler_K_Raebers Beschwörungen Druck.indd 1
07.06.22 09:22
Wolfram Malte Fues / Walter Morgenthaler
Kuno Raebers Beschwörungen Ein Gedichtzyklus im Dialog
Schwabe Verlag
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: entspricht Abb. Seite 71 Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Korrektorat: Eva Mohr, Basel Layout und Satz: Walter Morgenthaler, Basel Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4621-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4622-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4622-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt Vorbemerkung...................................................................................... 7 Abgewandt Zugewandt......................................................................... 10
Hin und wider (ein Zwiegespräch) 1 Beschwörung I................................................................................. Vorgabe – MF............................................................................ Einspruch – WM........................................................................ Entgegnung – MF...................................................................... 2 Beschwörung II................................................................................ Vorgabe – MF............................................................................ Einspruch – WM........................................................................ Entgegnung – MF...................................................................... 3 Beschwörung III.............................................................................. Vorgabe – MF............................................................................ Einspruch – WM........................................................................ Entgegnung – MF...................................................................... 4 Beschwörung IV.............................................................................. Vorgabe – MF............................................................................ Einspruch – WM........................................................................ Entgegnung – MF...................................................................... 5 Beschwörung V................................................................................ Vorgabe – WM........................................................................... Entgegnung – MF......................................................................
12 13 16 18 21 22 26 29 31 32 34 40 42 43 46 47 49 50 55
Beschwörung (des Todes) (Manuskript-Zyklus) 6 Übersicht......................................................................................... Zur Textauswahl und Darstellung.............................................. Der Zyklus in den Textzeugen.................................................... 7 Textfassungen...................................................................................
65 66 67 68
6
Inhalt
Beschwörung – Andere Abteilung (Notizbuch-Zyklus) 8 Vorweg............................................................................................. Überblick................................................................................... Erster Durchgang – WM............................................................ 9 Textfassungen................................................................................... 10 Noch einmal.................................................................................... Conclusio – MF......................................................................... Finis – WM................................................................................
93 93 95 101 112 112 122
Anhang A «… Standard sprechen …». Ein paar Erinnerungen an Kuno Raeber von Markus Hediger............................................. B Gedichtverzeichnis «Beschwörung».................................................. C Bibliografische Hinweise.................................................................. D Abkürzungen und Sonderzeichen..................................................... E Abbildungen....................................................................................
127 132 134 135 135
Vorbemerkung Kuno Raeber ist am 20. Mai 1922 in Klingnau (Aargau) geboren und hat seine Kindheit im grossväterlichen Haus des Luzerner Verlags Räber verbracht. Ab 1958 lebte der promovierte Historiker als freier Schriftsteller in München. 1992 starb er an den Folgen einer Aids-Erkrankung in Basel. Kuno Raebers letzter Gedichtband Abgewandt Zugewandt, 1985 im Zürcher Ammann Verlag erschienen, wird eröffnet durch einen fünfteiligen Zyklus mit dem vieldeutigen Titel Beschwörung. Er bildet die Kompaktfassung eines 29-teiligen Entwurfs-Zyklus, den Raeber zwischen Dezember 1980 und September 1981 im letzten seiner Gedicht-Notizbücher angelegt hatte. Der ursprüngliche Titel: Beschwörung des Todes. Die Deutungsräume der Beschwörungen bleiben weit offen, und es ist vor allem die sich rundende Zyklus-Form, die zu übergreifenden Interpretationen verlockt. Das auf den folgenden Seiten festgehaltene Zwiegespräch (Hin und wider) zwischen den beiden Herausgebern des vorliegenden Buches ist ein Ausdruck davon. Es wurde angeregt durch eine Podiumsveranstaltung, die 2017 anlässlich der Präsentation der Online-Edition von Kuno Raebers Lyrik im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern stattfand. Unsere Texte entstanden über den Zeitraum von mehreren Jahren hinweg im Mail-Austausch. Sie sind der Versuch einer Verständigung zwischen unterschiedlichen Positionen, ohne das oft Unvereinbare überspielen zu wollen. Entsprechend werden auch der streitbare sprachliche Duktus, die variierende Zitations weise und die labile Genderkonformität beibehalten. Die Diskussion folgt Schritt für Schritt den fünf Gedichten des 1985 veröffentlichten Zyklus. Der jeweils vorangestellten, letztwilligen Druckfassung wird die ‹Urfassung› aus dem Notizbuch-Zyklus Beschwörung des Todes beigegeben, die aber nur partiell thematisiert wird. Der zweite, rein editorische Teil präsentiert erstmals integral die auf dem Notizbuch-Zyklus basierenden Manuskript-Fassungen, die auch die massgebenden Textfassungen für die Druckvorlagen abgaben. 1984 setzte Raeber das Thema der «Beschwörung» fort mit einer Reihe von 13 Gedichten: Beschwörung. Andere Abteilung. Dieser nur im Notizbuch
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Vorbemerkung
festgehaltene Zyklus wird im dritten, ursprünglich nicht vorgesehenen Teil unseres Buchs wiedergegeben. Er provoziert neue Fragestellungen. Die umrahmenden Kommentare greifen einiges davon auf und hoffen, damit zu weiterführender Erkundung der Beschwörungen anzuregen. Unser Dank gehört Markus Hediger, dessen Erinnerungen an Kuno Raeber diesen Band abschliessen. Ausserdem danken wir Thomas Binder, der an den Transkriptionen mitbeteiligt war. Der kommentierten Werkausgabe von Christiane Wyrwa und Matthias Klein verdanken wir wesentliche Erkenntnisse und wertvolle Anregungen. Raebers Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA), das die editorische Arbeit durch Bereitstellung aller benötigten Materialien erleichterte. Frau Felicitas Graf und den übrigen Nachlass-Erben danken wir für die Erlaubnis, alle nötigen Dokumente verwenden und publizieren zu dürfen. – Die edierten Gedichttexte basieren auf der historisch-kritischen Online-Edition zu Raebers Lyrik (www.kunoraeber.ch) und auf der 2020 im Chronos Verlag erschienenen Auswahl-Edition Dieses enorme Gedicht …1 Kuno Raebers eigenwilliges Werk hatte von Anbeginn an einen schweren Stand im Literaturbetrieb. Der Kunstpreis der Stadt Luzern brachte 1991 die letzte öffentliche Anerkennung. Unsere Publikation erscheint, als kleine Geste der Erinnerung, zum 100. Geburtstag des Autors. Basel, Januar 2022 Wolfram Malte Fues (MF) / Walter Morgenthaler (WM)
1 Vgl. Bibliografische Hinweise → Seite 134.
Vorschlag
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Mailbox Duggingen, 1.12.2017 Lieber Walter "Beschwörung" beschäftigt mich weiterhin stark; das war kaum ein Anfang, den die "denkwürdige Raeber-Veranstaltung" da machen konnte. Da möchte ich gerne weiterdenken und -arbeiten, und zwar sehr gerne mit Dir gemeinsam. Mir schwebt eine in mehrfachem Sinn paradigmatische Darstellung vor, in der interpretatorische, editorische, lyriktechnische und lyriktheoretische Linien sich miteinander verknüpfen mit reichlich viel offenen Enden, versteht sich. Dieser mein noch sehr karger Einfall muss natürlich noch weiter präzisiert und konkretisiert werden. Hast Du im Prinzip Lust, dabei mitzumachen? Würde mich freuen.
Basel, 3.12.2017 Lieber Malte Sicher ist "Beschwörung" wunderbar ausbaufähig, mit offenen Enden in alle Himmelsrichtungen, und natürlich interessiert mich das auch. Ich selbst laboriere, wie schon mal erwähnt, an einem Begleitband zur digitalen Edition, der sicher auch nicht auf die "Beschwörung" verzichten wird, aber sich natürlich strikt an die editorischen Dinge hält. Ein Komplementärprojekt mit theoretischem Drive wäre reizend. Ein Zwei-Flanken-Angriff auf die Festung der Gewissheiten. Aber die Mühsal / aber / das Schwinden der Kräfte. Im Ernst: Ich sehe das angesichts der sonst noch anstehenden Dinge für mich nicht so recht. Aber wir können gern mal darüber sinnieren. Wer weiss?
Duggingen, 18.12.2017 Lieber Walter Es gibt nichts Gutes(?!?)– ausser man tut es. So auch hier. Du findest im Anhang meinen Brief-An- bzw. Vorschlag; ich freue mich, wenn Du zurückschlägst.
Basel, 18.12.2017 Lieber Malte Du bist hartnäckig! Vermutlich werde ich antworten wollen, aber erst nach Christi Geburt, die sich ja jedes Jahr aufs neue ereignet, so dass mir noch beliebig viel Zeit bleibt. Ich werde mich aber auf den nächstmöglichen Umlauf konzentrieren und mir vom alsdannigen Christkind noch etwas geistigen Beistand erbitten müssen. Kann sein, dass ich ob solch mystischer Gelegenheit sanft wie ein Lamm werde und zu keinerlei Einspruch mehr tauge. – Übrigens kommt mir die HeideggerStaiger-Kontroverse über Mörikes Lampe in den Sinn, was nicht gerade ein gutes Omen ist.
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Vorschlag
Abgewandt Zugewandt (1985)
Inhalt (1. Abteilung) • Beschwörung I • Beschwörung II • Beschwörung III • Beschwörung IV • Beschwörung V • Eingeschlossen • Alles hinab • Am Ende • Draußen
Abb. 1 Abgewandt Zugewandt. Neue Gedichte. Hochdeutsch und Luzerner Alemannisch Zürich: Ammann 1985
Hauptthema des nachfolgenden Zwiegesprächs ist der fünfteilige Zyklus Beschwörung, der Kuno Raebers Gedichtband von 1985 eröffnet. Das nebenstehend wiedergegebene Inhaltsverzeichnis listet die Titel der Abteilung Hochdeutsche Gedichte auf, mit Seitenverweisen auf die in den vorliegenden Band aufgenommenen Texte.
12 21 → 31 → 42 → 49 → 84 → 85 → 87 → 88 → →
Einsicht Halde Lichtung Grabmal Aquädukt Einblick Pfeile Nebel Fluß im Gewitter Und ohne Aber hinaus Kennst du nicht? Das Idol • Rätsel → 86 Meerkrebs • Jenseits → 82 Stilleben Wenn es käme Abgewandt zugewandt Spritzer Punischer Krieg Falter verlassen Stadtnacht New York I – VI Rom I – IX Escorial I – III Frankfurt am Main I – II
Hin und wider (ein Zwiegespräch)
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Hin und wider (ein Zwiegespräch)
1 Beschwörung I Abgewandt Zugewandt, S. 7 Dieses enorme Gedicht, S. 181 WA 1, S. 297 Notizbuch 1980 – 88
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Beschwörung des Todes III
Beschwörung I
Aber wir wollten eine geschlossene Kugel machen, spiegelnd und glatt aussen, woran der Regen abläuft, woran die Blitze abprallen, und wenn sie zu Boden // fällt, rollt sie unverletzt einfach davon. Innen aber da wären Gärten mit Brunnen mit Beeten voller Rosen da wären weiche Wiesen und Berge blau wie von Bassano. Und Wälder vor allem, Wälder, dunkel, das Unterholz undurchdringlich: inwendige Wildnis für dich und für mich inwendige Zuflucht. Eine Kugel für dich und für mich wollten wir machen.
Aber wir wollten eine Kugel machen zusammen geschlossen spiegelnd und glatt außen woran der Regen abliefe die Blitze abprallten und wenn sie zu Boden fiele rollte sie unverletzt einfach davon.
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Manuskripte: • Ms A: Beschwörung des Todes III → Seite 69 • Ms B, C: Beschwörung I → Seite 69
Innen aber da wären Gärten mit Brunnen mit Beeten voller Rosen da wären weiche Wiesen und Berge blau wie von Bassano und Wälder vor allem Wälder das Unterholz undurchdringlich. Inwendige Wildnis für dich und für mich inwendige Zuflucht eine Kugel für dich und für mich wollten wir machen.
1 Beschwörung I
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Vorgabe I
Lieber Walter Als wir am Abend des 29. November das SLA verliessen, hast Du, vermute ich, in Bezug auf die Beschwörung dasselbe empfunden wie ich: Die Lichter aus und alle Fragen offen. Ich möchte im Folgenden nicht diese Fragen definitiv beantworten und so das Dossier über Raebers Zyklus schliessen, sondern gemeinsam mit Dir vielmehr versuchen, sie so weit wie uns möglich zu öffnen und auf diesem Weg das Feld zu entwerfen, auf dem die Verse sich miteinander gegen ihre Deutung mit ihr verschwören. Vers für Vers, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe.
MF – 18.12.2017
– Aber wir wollten eine – Drei Lesarten je nach Betonung: (a) ‹Aber wir wollten eine› antwortet auf einen Einwand, der ausserhalb des Gedichts liegt. (Ob ausserhalb des Zyklus, ist eine andere Frage.) (b) ‹Aber wir wollten eine› spricht ein Ich-Du an. Kann sein, tatsächlich ein Paar zweier Individuen, kann sein, das sich in sich reflektierende Ich, das Zwiedenken und Zwiesprache mit sich hält, Ego und Alter Ego. (Ich entscheide mich vorläufig für diese Lesart.) (c) ‹Aber wir wollten eine› legt den Nachdruck auf die Absicht, den Wunsch, das Begehren, die offenbar bis zur Präsenz dieses Verses unverwirklicht geblieben sind, sich also als «ohnmächtiges Wollen» erweisen, um mit Hegel zu sprechen. ‹Aber wir wollten eine›… irgendeine? Eine von vielen möglichen? Oder eine einzige ganz bestimmte einzigartige, die es nur einmal geben kann? – Kugel machen zusammen – Eine Kugel also. Wie die Gewehrkugel? Wie die Kegelkugel? Wie die Erdkugel? Eine Kugel, die alle ihr möglichen Nomina anzunehmen bereit ist? «zusammen». Ich und Du. Ego et Alter Ego. Aber keines von beiden allein. Weder Ich noch Du, weder Ego noch Alter Ego. Nur Wir.
I: 1
I: 2
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Hin und wider (ein Zwiegespräch)
I: 3
– geschlossen spiegelnd – Zwei Lesarten: (a) ‹geschlossen, spiegelnd›. Also additiv, zwei Adjektive aufzählend. (b) ‹geschlossen spiegelnd›, nämlich nur als geschlossene spiegelnd, als Totalität total reflektierend. Da ist keine Stelle, die nicht Bild gibt. – Meiner Lesart nach symbolisiert die Kugel die Kunst; hier, versteht sich, die Literatur als Kunst. Sie entsteht durch konsistente und konsequente Trennung von der Realität, was zunächst an Schillers Konzept von der «strengsten Separation» zwischen Kunst und Realität erinnert.1 Aber nur auf den ersten Blick. Der zweite zeigt, dass hier nirgendwo Strenge herrscht, sondern nur geduldig gewaltfreie Reflexion, in der die Kunst zwar nicht unmittelbar das Resultat rückspiegelnder Reflexion ist, diese Reflexion aber die Bedingung ihres Werdens ausmacht. Separation? Eher eine Grenze, die auf ihre Überschreitbarkeit hinweist und darin das Überschreitende markiert. Die Beziehung zwischen Kunst und Kugel hat in der Literatur ihre Geschichte. Ich führe hier zwei Beispiele an, auf die ich ohne längere Nachsuche gestossen bin; sie liessen sich gewiss vermehren. (a) Goethes Gedicht Lied und Gebilde aus dem W est-östlichen Divan mündet in die Pointe: «Schöpft des Dichters reine Hand / Wasser wird sich ballen.»2 Zur Kugel nämlich. (b) «Der Künstler hat lauter Kugel-Gestalten im Kopf, der gewöhnliche Mensch lauter Dreiecke.»3 Bei Raeber selber spielt die Kugel in Das Ei eine wesentliche Rolle; ein Tagebuch-Eintrag Raebers weist ihr die Aufgabe zu, «auch das Scheusslichste und Ekelhafteste in die Harmonie des Corollarium I
WA 3, 516 f.
1 Friedrich Schiller an Herder, 4.11.1795; Nationalausgabe der Werke und Briefe, Bd. 28, hg. von Norbert Oellers. Weimar 1969, S. 98. 2 J. W. von Goethe, West-östlicher Divan, Buch des Sängers: Lied und G ebilde; Krit. Ausg. der Gedichte mit textgeschichtlichem Kommentar von Hans Albert Maier. Tübingen 1965, S. 22. 3 Friedrich Hebbels Tagebuch, Wien 1861; Werke in 5 Bdn, hg. von Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher, Bd. 5. München 1967, S. 296.
1 Beschwörung I
Ganzen einzufügen». Und ist nicht die Ellipse die nächste Verwandte der Kugel? Ausserdem bietet sein Gedichtband Reduktionen zwei Vorformen der Kugel, die hier beschworen wird: Gläserne Kugel und die Schluss-Strophe des Gedichts Glück: Zurück- und hereinzurufen und gleich / gespiegelt auf der Schale der Kugel / die Ferne die Nähe.
«Inwendige Wildnis für dich / und für mich inwendige Zuflucht»: Nicht bloss innere; inwendige, von der Rückseite der Reflexion nach innen gewendete, inwandige. «Wildnis» – «Zuflucht», aus widersprechenden Bestimmungen bestehend, bilden doch einen Gegensatz, oder nicht? Hier werden sie (wie schon in der zweiten Strophe) mit einem schlichten «und» verbunden, als ständen sie einander nur additiv und nicht konträr gegenüber. Meiner Lesart nach tun sie beides zugleich: Das Konträre beruhigt sich im Additiven, das Additive profiliert sich im Konträren. Ich schlage vor, dieses Verhältnis ‹komplementär› zu nennen, und nehme folglich an, Komplementarität sei die Basis-Kategorie von Raebers Kunst- und Literatur verständnis. Fazit: «eine ‹solche› Kugel / für dich und für mich / wollten wir machen». – «Wollten». Aber haben wir – Du und ich, Ego et Alter Ego – sie nicht eben gerade gemacht? In den Versen des Gedichts, das mit diesen Versen endet? Als die Kugel, die wir haben machen wollen, aber nicht haben machen können? Was doch wohl bedeutet: Die Kugel, durch die und aus der Präsenz des Gedichts hergestellt, hat die Form und die Bestimmung ihrer vergeblichen Vergangenheit. (Was für die Literatur als Kunst heissen würde: Ihre Gegenwart hat stets die Gestalt ihrer darin vor- wie ver-gehenden Vergeblichkeit. Was meiner Auffassung nach von Raebers Werk – Lyrik wie Prosa – in globo bestätigt wird.) Für die Angemessenheit dieser Lesart meine ich im Metrum ein weiteres Indiz zu finden. – Strophe 1, Exposition: freie Verse in unterschiedlicher Hebungszahl mit freier Füllung. Strophe 2, Durchführung: Verse 9 – 14 dreihebige Trochäen Corollarium II
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WA 1, 221 WA 1, 257 I: 17 /1 8
I: 19 – 21
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Hin und wider (ein Zwiegespräch)
mit Füllungsfreiheit (wobei man allerdings Vers 14 spondeisch skandieren muss). Verse 15 – 16: zweimal ein Adoneus, der letzte Vers der sapphischen Ode, der den Schmerz um den Verlust Adonis’ artikuliert: ω των Αδονιν (– vv – v). Also trochäisch feststellende Bild-Montage, die in ihrem Be-Schluss-Stück, den Wäldern, bereits in die Trauer um das Misslingen, den Verlust des gesamten Bildes übergeht. Strophe 3 kehrt zunächst in den Versen 17 – 19 zu den freien Versen der Exposition zurück, um dann das Gedicht mit einem doppelten Adoneus zu beenden (wobei man Vers 20 anders betonen muss, als der natürliche Sprach-Rhythmus nahelegt.)
Mailbox 14.1.2018 Lieber Malte Folgendes schicke ich, als halbverdauten, unsystematischen Brocken, damit Du endlich etwas von mir zu hören bekommst.
Einspruch I WM – 14.1.2018
Lieber Malte Es ist ja nicht so, dass mich die «Kugel» nicht interessieren, anziehen und abstossen, jedenfalls: irritieren würde. Nein, sie tut dies andauernd. Und Deine eindringlichen Corollarien (obwohl per definitionem ‹einfache Schlussfolgerungen›) erleichtern mir die Sache doch auch nicht gerade auf Anhieb. Oder doch? Aber wie? Ich versuche es ganz von hinten und werde mich, in dieser meiner ersten Epistel, gewiss nicht sehr weit nach vorn durcharbeiten
→ Seite 15
können. Die Metrik also. Fast mit allen Details einverstanden. Nur nehme ich mir dann, wenn ich schon die Klammerbefehle mitbefolgen «muss», meinerseits folgendes Recht heraus: Man schneide bei Vers 9 – 14 jeweils das erste Wort weg (bei V. 10 zusätzlich das zweite), um nicht weniger als sechs Adonei zu erhalten, deren Gestalt dann in den Versen 15 / 16 ihre Vollendung erreicht. Was für eine Vollendung
1 Beschwörung I
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denn? Die völlige Zersetzung: Dem Adoneus (wenn es denn einer sein soll) wird mit metrischer Brutalität das Genick gebrochen, sprich: die Trauer in Spott transformiert. Nicht aber, sofern die mimetische Komponente des Verses bedacht wird: insofern sich nämlich die holprig-bockige Metrifizierung der thematisch beschworenen Undurchdringlichkeit geradezu übereifrig anschmiegt. – Wollte sagen: Bewiesen ist durch das Metrum nichts. (PS: Im übrigen funktioniert der Adoneus – als Adoneus – doch nur, wenn er sentenzhaft die Strophe beschliesst.) Ein Schritt weiter zurück. Der Trick mit dem Ego / Alter Ego (was → Seite 13 (b) das «wir» zu einer Art Pluralis maiestatis verknurrt) ist für mich weder zwingend noch einleuchtend. Ich sehe nirgendwo einen Anhaltspunkt dafür. Es gibt ein Ich, und es gibt ein Du. Beider gemeinsamer Plan war offenbar, eine (Eine!) Kugel zu machen, die ein Innen und ein Aussen hat, und beide wollten «inwendig» dieser (geschlossenen) Kugel sein, was ja, simpel formuliert, ohne Durchbruch der Wandung schon gar nicht geht. Ein unlösbares Paradox, das höchstens auf der Meta-Ebene, für die der Gott-Dichter zuständig ist, gelöst werden könnte. Das Ich und das Du wollen das Unmögliche: eine bewohnbare geschlossene unverletzliche Kugel, die im übrigen ihr Tod wäre, weil sie nicht mehr herausfänden. Das ‹lyrische Ich› oder der Gott-Dichter (oder mit Raeber von anderswo zu sprechen: die Gottkugel) kann dies vergebliche Bemühen thematisieren, sogar in beider Namen «wir» sagen, den ‹natürlichen› Versduktus zertrümmern und die Wörter rückwärts und vorwärts verstäten, jedoch eine kugelige Kugel entsteht dadurch auch auf dieser Ebene nicht. Auch keine Ellipse (wie käme es dazu?). Eher schon eine trilogische Quadratur des Kreises, mit einem Aussen, einem Innen und einer mystischen Ich-Du-besetzten Inwendigkeit. Zu Corollarium I – Die Kunst wäre das Totale. Die beschworene → Seite 14 Kugel symbolisiert kein Totales: Sie integriert das Konträre (wie Du selber analysiert hast) nur als additives «und». Die Miniaturwelt der zweiten Strophe ist ein Puppenhaus mit künstlichen Arrangements. Die beschworene Kugel ist nicht die Kunst, sondern ihr Schein.
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Hin und wider (ein Zwiegespräch)
Was das notwendige Konträre wäre, die ‹Realität›, wird, wiewohl als Kulisse aufgebaut, ausgesperrt. Keine Separation? Doch. Die absolute Unüberschreitbarkeit (und ja deshalb gerade eben nicht existent). Diese Kugel ist das Gegenteil der «gläsernen Kugel». Sie ist undurchsichtig. Die Spiegelung verwehrt jeden Einblick genau so, wie die glatte Oberfläche das Wasser abstösst. Reflexion nur von aussen nach aussen. Null Hegel. Und natürlich, die Kugel kann vom Tisch fallen, kann überallhin fallen, weil es keinen Ort für sie gibt. Nirgendwo steht geschrieben, dass sie, wegrollend, «irgendwo irgendwie neuen Halt» suchen oder gar finden würde. → Seite 15
Zu Corollarium II – Dieses Gedicht kann nur um den Preis der Verharmlosung sich selber sein wollen. Gegen das «und» hilft nur das «aber». Es gibt ein ‹Binnen-aber› (V. 9), gleichsam eine Spielvariante des ernsthaften «Aber». Sie heftet die zweite Strophe syntaktisch an die erste an und macht diese somit sogar zur Bedingung der zweiten. Ist das nicht ein Modell für das ernsthafte, textinaugurierende Aber, welches das ganze Gebilde an einem Übergreifenden festmacht, das eben nicht sichtbar wird, solange wir im Innern des einen Gedichts verharren? – Soviel als erster verzweifelter Einspruchsversuch.
Entgegnung I MF – 7.2.2018
Lieber Walter Deinem Beispiel folgend werde ich mich vom Ende zum Anfang Deines Einspruches vorarbeiten. Mit Deiner Unterscheidung zwischen den beiden «Aber» in Beschwörung I gehe ich einig, würde aber, meinen Denkgewohnheiten entsprechend, von einem Immanenz- und einem Transparenz-Aber sprechen. Dass die Kunst in Beschwörung I als das Totale auftrete, habe ich nie behauptet. Ich habe vielmehr darzulegen versucht, dass das Gedicht zwar den Anspruch auf die Kunst als Totalität erhebt (das ist die Kugel, die wir machen wollten), diesen Anspruch aber durch die Art, wie Strophe 2 ihn einlöst, selber
1 Beschwörung I
durchkreuzt. Das Komplementäre annulliert das Dialektische. «Null Hegel.» Ganz einverstanden. Aber Null ist nicht Nichts. Sie wird und bleibt während des Annullations-Prozesses als reine Negativität präsent – als Phantasie, als Hoffnung, als Wunsch (man kann, scheint mir, den gesamten Diskurs von Das Ei in dieser Geste abbilden). Wie Du die Metrik in Strophe 2 traktierst, hat mich erschreckt. Wenn ich die Verse so lange verstümmele, bis sie mir in die Interpretation passen, kann ich leicht beweisen, dass die Metrik nichts beweist. Gewiss: Es gibt meiner Erinnerung nach Altphilologen, die bestreiten, dass der Adoneus existiert. Der letzte Vers der sapphischen Ode sei eben ein Langvers. Gewiss: Der Adoneus ist ursprünglich ein Schluss-Vers – das ist er gemäss meiner Deutung in Strophe 2 und 3 von Beschwörung I übrigens auch –, aber da muss er als markantes Werkstück ja nicht bleiben. Das schiebt sich und verschiebt sich, merken die Wanderjahre an.4 Auch und gerade und gern in der Lyrik. (Ob Deine Editions-Arbeit mit Raebers Rhizomatik Dich zu diesem Mutilations-Exzess verführt hat? Man kann die ja auch als schöpferische Zerstörung lesen.) Jedenfalls: Nimmt man Abstand von Deiner überraschenden Brachial-Lektüre, beweist die Metrik zwar nichts (Was beweisen Gedichte? Beweisen sie etwas? Wie gehen sie um mit dem Beweisen? Wollen wir uns darüber nicht irgendwann einmal verständigen?), aber sie weist auf etwas hin. Sie zeigt den Weg, ist jedoch nicht das Ziel. Last, but not least: Das Wir. Du hast recht: Das Gedicht enthält keinen Hinweis, der meine Lesart favorisieren würde. (Es handelt sich dabei übrigens nicht um einen Pluralis maiestatis, sondern um einen Pluralis individuationis: «Das ächte Dividuum ist auch das ächte Individuum.»)5 Es enthält aber auch keinen, der sie untersagte. Das gleiche gilt für Deine 4 J. W. von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, Drittes Buch, zweites Kapitel; Jubiläumsausgabe (JA) in 40 Bdn. Stuttgart und Berlin 1902 ff., Bd. 20, S. 63. 5 Novalis, Das Allgemeine Brouillon, Nr. 952; Schriften, hg. von Richard Samuel u. a., 3., von den Hg. durchgesehene und revidierte Aufl., Bd. 3. Darmstadt 1985, S. 451.
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→ Bibl. Angabe Seite 134 → Seite 16
→ Seite 17
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Hin und wider (ein Zwiegespräch)
Lesart. Wenn wir Novalis’ Satz ernst nehmen, unterscheiden sich beide Lesarten nur darin, dass meine ein inneres Du postuliert und Deine ein äusseres (oder, lacanesisch gesprochen, meine ein imaginäres und Deine ein symbolisches). Ich wette darauf, dass ich meine Lesart bis zum Ende der Beschwörung durchinterpretieren kann. Du, was Deine betrifft, vermutlich auch. Sehen wir doch erst einmal zu, ob wir unsere Wetten gewinnen, und falls ja, gemäss welchen Kriterien die Gewinne sich miteinander vergleichen liessen. Beschwörung I verhält sich demnach, wie sich Verse m. E. nach dem Ausscheiden der Lyrik aus dem Dispositiv gesellschaftlicher Be-Deutungs-Diskurse verhalten müssen: Als ein Zeichenfeld, das eine mehrfache, nicht unendliche Menge qualitativ differenter Textualisierungen nicht nur gestattet, sondern zu ihr auffordert. Damit kehre ich zu meiner Lesart zurück und gehe mit ihr zu Beschwörung II über.