CHRISTIAN KOLLER PRIVAT DOZIEREN ZUM ÖFFENTLICHEN NUTZEN
seit 1833 als Privatdozierende an der Universität Zürich gewirkt haben, trugen durch ihre Leistungen in Forschung und Lehre wesentlich zum Aufstieg der Institution bei – teilweise ohne jegliche Bezahlung. Ihre Zahl befindet sich heute auf dem historischen Höchststand und sie erbringen rund ein Fünftel der Lehrleistungen. Das Buch stellt erstmals die Geschichte dieses wenig bekannten Teils des Lehrkörpers im Rahmen der Gesamtentwicklung der Universität Zürich und der internationalen Hochschulgeschichte vor, charakterisiert unterschiedliche Typen von Privatdozierenden, portraitiert markante Persönlichkeiten und ihre Leistungen innerhalb und ausserhalb der Universität und spart auch dunkle Punkte
PRIVAT DOZIEREN ZUM ÖFFENTLICHEN NUTZEN
Die rund 3600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die
CHRISTIAN KOLLER ist Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und Dozent an der FernUni Schweiz. Er hat an verschiedenen schweizerischen und britischen Hochschulen gelehrt und breit zur Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts publiziert.
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CHRISTIAN KOLLER
der Universitätsgeschichte nicht aus.
PRIVAT DOZIEREN ZUM ÖFFENTLICHEN NUTZEN Geschichte der Privatdozierenden an der Universität Zürich
Christian Koller im Auftrag der Vereinigung der Privatdozentinnen und Privatdozenten, Titularprofessorinnen und Titularprofessoren der Universität Zürich
Privat dozieren zum öffentlichen Nutzen Geschichte der Privatdozierenden an der Universität Zürich
Schwabe Verlag
Eine Publikation der Vereinigung der Privatdozentinnen und Privatdozenten, Titularprofessorinnen und Titularprofessoren der Universität Zürich (PDV) Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des Rektorats der Universität Zürich
Erschienen 2021 im Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Abbildungen Umschlag: Vorderseite: Eduard Fueter (Quelle: UZH Archiv AB.1.0295, Foto: Franz Schmelhaus), Emilie Kempin-Spyri (Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv F_Ka-0002-001), Oscar Wettstein (Quelle: UZH Archiv AB.1.1098, Foto: Franz Schmelhaus), Alfred Escher (Quelle: Wikimedia Commons), Adeline Rittershaus (Quelle: UZH Archiv AB.1.0800, Foto: Franz Schmelhaus), Robert Seidel (Quelle: UZH Archiv AB.1.0920, Foto: Franz Schmelhaus), Alfred de Quervain (Quelle: UZH Archiv AB.1.0774, Foto: Franz Schmelhaus), Georg Büchner (Quelle: Wikimedia Commons, Zeichnung: Philipp August Joseph Hoffmann), Marie Daiber (Quelle: UZH Archiv AB.1.0170, Foto: Franz Schmelhaus), Caroline Maake (Quelle: zVg), Karl Alex Müller (Quelle: Wikimedia Commons), Carl Gustav Jung (Quelle: ETH Bibliothek Com_L04-00840031); Rückseite: Hauptgebäude der Universität Zürich, Postkarte von ca. 1920 (Quelle: UZH Archiv DOK.001.001 26462), Chaiselongue von Pipilotti Rist zu Ehren von Emilie Kempin-Spyri im Lichthof der Universität Zürich (Quelle: UZH Archiv E.6.1.130_0004) Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4573-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4574-0 DOI 10.24894/978-3-7965-4574-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort der Präsidentin der PDV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vorwort des Leiters des Projektes und des Beirates . . . . . . . . . . . . . .
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I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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II. Bedeutung der Privatdozierenden in Lehre, Forschung, Dienstleistungen und Governance der UZH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kurzer Abriss der Geschichte von Habilitation, Privatdozentur und ihren Alternativen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Freie und kanonisierte Lehre in der Vormoderne . . . . . . . . . . . . . . . . «Pflanzschule» und «Fegefeuer» des Humboldt’schen Modells . . . . Privatdozentur in Demokratie und Diktatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gescheiterte «Verschrottung» in Deutschland und Krise der «angelsächsischen» Alternative . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21 21 22 30 33
Entwicklung der Habilitation an der Universität Zürich . . . . . . . . . . . . . . . . Wandel, Konstanten und Probleme des Habilitationssystems . . . . . . Entwicklung der Habilitationen und der Habilitierten . . . . . . . . . . . .
38 38 54
Status und Mitbestimmungsrechte der PD und TP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein privater Fremdkörper an der öffentlichen Universität? . . . . . . . . «Ständische» Mitbestimmung in der «Ordinarienuniversität» . . . . . . Die Vereinigung der PD – Gewerkschaft, Selbsthilfeorganisation oder Zunft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
58 58 65
Lehre, Forschung und Dienstleistungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anteil am Lehrkörper und Bereicherung des Lehrangebots . . . . . . . . Anteil an Forschung und Dienstleistungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88 88 94
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«Schliesslich kann man ja nicht erwarten, dass einer um der Wissenschaft willen verhungert …»: Zankapfel Entschädigung . . . . 98 Die Ära der Kollegiengelder und Gratifikationen 1833–1899 . . . . . . 99 Erste Enteignung der PD zur Jahrhundertwende und Ära der Lehraufträge 1899–2017 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
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Inhalt
Bedeutung von Mittelbaustellen, Assistenzprofessuren und Drittmittelforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Reform der Lehrentschädigung und zweite Enteignung der PD 2013–2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 «… so berechtigt, wie die Sehnsucht der Puppe, Schmetterling zu werden»: Zankapfel Titularprofessur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 III. PD-Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 «Interne»: Oberer Mittelbau und administratives Kader der UZH . . . . . . . . 132 Kader von Spitälern, Forschungs- und Kulturinstitutionen . . . . . . . . . . . . . . 133 Dozierende der ETH und anderer Hochschulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Schul- und Pfarrdienst, Gerichte und öffentliche Verwaltung . . . . . . . . . . . . 139 Tätigkeit in privatwirtschaftlichen Organisationen und Unternehmen . . . . 142 Selbständige und unternehmerisch Tätige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Wissenschaftliches Prekariat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 IV. PD-Geschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 «Gäbe es die Privatdozierenden nicht, blieben wesentliche Aspekte des Wirklichen ohne wissenschaftliche Aufmerksamkeit»: Etablierung neuer Fachbereiche und Institute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von A wie Anglistik bis Z wie Zahnmedizin: PD als Vorläufer und Gründungsfiguren bei der Etablierung neuer Fächer . . . . . . . . . . . . . . «… gewissermassen sein eigener Vorgesetzter»: Oscar Wettstein begründet nebenbei die Zürcher Medienwissenschaften . . . . . . . . . . Soziologie im doppelten Exil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . «… was Hedi ihnen vorgesungen»: Eine Zürcher Privatdozentin begründet im frühen Kalten Krieg die schweizerische Strahlenbiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsinfrastrukturen, Kompetenzzentren, Weiterbildungsstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pionierforschungen, Standardwerke, Bestseller, Erfindungen: Beispiele herausragender Forschungs- und Wissenstransferleistungen . . . . . . . . . . . . Ein Tour d’Horizon durch Fächer und Wissensgebiete . . . . . . . . . . . . Im Zeichen des technischen Fortschritts: Erfindungen . . . . . . . . . . . . C. G. Jung begründet die Analytische Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Titularprofessur zum Nobelpreis: Karl Alex Müller und die Hochtemperatursupraleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
147 149 153 158 164 170 173 173 180 182 185
Inhalt
Schattenseiten der Forschung: Zürcher Professoren und PD und der «wissenschaftliche Rassismus» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Biologismus als humanwissenschaftliches Paradigma . . . . . . . . . . . . . . Rassenanthropologie und Eugenik an der Universität Zürich . . . . . . Ernst Hanharts Weg vom «Rassenhygieniker» zum «Begründer der medizinischen Genetik» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
187 187 189 195
Suche nach Wissen und Bodenschätzen: Expeditionen in aller Welt . . . . . . «… während ich hier das grösste Schlaraffenleben führe»: Ludwig Horners früher Forschertod auf Sumatra . . . . . . . . . . . . . . . . Quer durch die «Eiswüste»: Zürcher PD erforschen Grönland . . . . . . Geologischer Weltenbummel statt Zürcher Elfenbeinturm: Arnold Heims Forschungsreisen und Erdöl-Explorationen . . . . . . . .
199
Leistungen in Politik, Wirtschaft, Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . PD in Bundesrat, Kantonsregierung, Bundesversammlung, Diplomatie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschaftsführer, Schriftsteller, Aktivisten, Funktionäre . . . . . . . . . . «Genosse Privatdozent»: Robert Seidels Aufstieg vom Webergesellen zum PD beider Hochschulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
218
Weibliche Privatdozentur als Politikum und Mangelware . . . . . . . . . . . . . . . . Die Universität Zürich als widerwillige Vorreiterin des Frauenstudiums – und der weiblichen Habilitation . . . . . . . . . . . . Vom Katheder zur Chaiselongue: Leben und Nachleben der ersten Privatdozentin Emilie Kempin-Spyri . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fast an einer Hand abzuzählen: Privatdozentinnen und Titularprofessorinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts . . . . Langsamer Take-off im Zeitalter des Kalten Krieges . . . . . . . . . . . . . . Aufschwung der weiblichen Habilitationen um die Jahrtausendwende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
237
«… in Anbetracht der Förderung, welche die Universität in früheren Jahrzehnten durch Ausländer, namentlich Emigranten, erfahren hat»: Privatdozentur und Exil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinsame Wurzeln: 1830er-Flüchtlinge an der Universität Zürich Folgen des «Völkerfrühlings» 1848: Privatdozentur als Willkommenskultur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emigranten aus dem Russländischen Zarenreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . «Wir sind ein kleines Land und können natürlich nicht alle Flüchtlinge aus Deutschland bei uns aufnehmen …»: Die Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zürich einfach: Ostflüchtlinge im Kalten Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . .
199 202 211
218 224 231
237 244 254 266 269
272 272 275 280 287 301
7
8
Inhalt
Skandale und Affären . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Orientalistik-PD stürzt die Kantonsregierung und endet als Wechselfälscher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lehrfreiheit, Klassenkämpfe, männliche Ehre: Der «Fall Goldstein» Weltpolitik und Mesalliance: Titularprofessor Fueter wird weggemobbt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Urologie und Germanophilie: Richard Allemann und die «Eingabe der 200» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Porträts des Autors und der Mitglieder des Beirats
308 309 314 318 324
. . . . . . . . . . . . . . 331
Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 Mitglieder des Beirats . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theologische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rechtswissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medizinische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vetsuisse-Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Philosophische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . .
332 332 332 333 334 334 335 336
Anhänge und Verzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 Verzeichnis der PD/TP 1833 bis 2021 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theologische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rechtswissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medizinische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vetsuisse-Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Philosophische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . .
337 337 339 345 347 386 390 406
Archive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416 Edierte Quellen und Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416
Vorwort der Präsidentin der PDV
Um es vorwegzunehmen: Die vorliegende Geschichte der PD an der Universität Zürich (UZH) ist kein Habilitationsprojekt einer universitätspolitisch engagierten Historikerin oder eines aufstrebenden Soziologen. Ausgangspunkt für dieses Buch – wenn auch gänzlich unbeabsichtigt – war der Entscheid der UZH, den Stand der Privatdozierenden (PD), Titularprofessorinnen und Titularprofessoren (TP) abzuschaffen. Nach einer langwierigen und durchaus umstrittenen Reform des gesamten Ständewesens der UZH, die mit dem teilrevidierten Universitätsgesetz im April 2020 umgesetzt wurde, finden sich die Habilitierten fortan zusammen mit einer Gruppe Nichthabilitierter im neu etablierten Stand der Fortgeschrittenen Forschenden und Lehrenden (FFL) wieder. Dass mit der Neugestaltung der Stände unsere hochqualifizierten PD und TP teilweise an akademischer Mitsprache verloren haben, kommt dabei einer nur schwer akzeptierbaren Rückentwicklung in frühere Phasen der UZH gleich. Aber man muss sehen, was die Zukunft bringt. In Gesprächen fällt immer wieder auf, wie wenig in der Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der akademischen Welt über die enge Verknüpfung der Habilitierten mit der UZH bekannt ist, welche vielfältigen Rollen PD und TP für Forschung, Lehre und Dienstleistung, aber auch für die Aussenwahrnehmung der Universität gespielt haben (und noch spielen), welche prominenten UZH-Personen PD und TP waren (und sind). Mit Fug und Recht kann man sagen, die UZH wäre nicht die UZH ohne ihre PD und TP. Vor diesen Hintergründen und der Tatsache, dass bisher keine umfassende Aufarbeitung der Geschichte der Habilitierten an der UZH vorliegt, hat die Vereinigung der PD und TP der UZH (PDV) das unabwendbare Ende unseres Standes zum Anlass genommen, das vorliegenden Buchprojekt ins Leben zu rufen. Für die vertiefte Aufarbeitung der Geschichte der PD und TP der UZH seit den Anfängen 1833 konnten wir unseren Kollegen Prof. Dr. Christian Koller gewinnen, der neben seiner Funktion als Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs dankenswerterweise die inhaltliche Leitung des Projekts übernommen und unzählige Akten und Dokumente für dieses Buch gesichtet und ausgewertet hat. Ein Beirat von PD und TP aus allen sieben Fakultäten der UZH hat ihn dabei tatkräftig unterstützt und beraten. Ganz besonderer Dank gilt hier meinem Kollegen Prof. Dr. André Wohlgemuth, der diesem Beirat als einer der Hauptinitiatoren vorstand und ohne dessen grosses Engagement das Projekt nicht zustande
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Vorwort der Präsidentin der PDV
gekommen wäre. Nicht zuletzt möchte ich mich im Namen der PDV auch bei der Universitätsleitung (und hier besonders bei dem damaligen Rektor Prof. Dr. Michael Hengartner und der Rektorin ad interim Prof. Dr. Gabriele Siegert) für die grosszügige finanzielle Unterstützung bedanken, welche die Aufarbeitung dieses speziellen Teils unserer gemeinsamen Geschichte erleichtert hat. Insgesamt freue ich mich, dass die PDV nun ein Buch vorlegen kann, das nicht nur in fundierter und allgemein verständlicher Weise die Historie der Habilitierten an der UZH darstellt, sondern auch spannende, unerwartete oder amüsante zeitgeschichtliche Einblicke in die verborgenen Winkel der akademischen Welt gewährt. Erkenntnisreiches Vergnügen bei dieser Zeitlese! Prof. Dr. Caroline Maake, Präsidentin der PDV
Zürich, im Dezember 2021
Vorwort des Leiters des Projektes und des Beirates
Die Aufgabe, zum Thema Privatdozierende, Titularprofessorinnen und -professoren an der UZH etwas tiefer zu graben, sozusagen Archäologie an unserer Alma Mater zu betreiben, war sehr reizvoll. Ein spannendes Projekt entstand. Zusammen mit dem siebenköpfigen Beirat, in dem jede Fakultät der UZH vertreten ist, konnte eine ursprünglich nur vage Idee erfolgreich umgesetzt werden. Es entstand das vorliegende Werk, welches sich in drei Hauptteile gliedert: Zuerst wird gezeigt, was die Privatdozierenden für die UZH seit ihrer Gründung im Jahre 1833 bis heute geleistet haben und wie sich der Spagat zwischen «Privat-» und «Dozentur» in seinen vielfältigen Formen entwickelt hat. Im zweiten Hauptteil werden die Privatdozierenden nach Typen differenziert, die sich im Lauf der Zeit herauskristallisiert haben. Im letzten Hauptteil werden zur Illustration viele spannende Geschichten rund um die UZH und ihre Privatdozierenden präsentiert. Da stösst man auch auf Unbekanntes und Überraschendes, was die Lektüre nicht nur bereichert, sondern insgesamt ein vollständigeres Bild zum Thema ergibt. Unser Kollege und Autor Prof. Dr. Christian Koller hatte für diese Arbeit völlige wissenschaftliche Freiheit. Die einzigen Vorgaben waren Umfang, Termine und der Arbeitstitel «Geschichte der PD der UZH». Er hat aus Sicht des Beirates eine ausgezeichnete, fundierte und gut lesbare Studie vorgelegt. Aufgrund des umfangreichen Quellenstudiums werden bereichernde, interessante Bezüge über die UZH hinaus sichtbar, die das Thema in einen grösseren geografischen und historischen Kontext stellen. Mein Dank geht an alle Kolleginnen und Kollegen der PDV, speziell an unsere Präsidentin Prof. Dr. Caroline Maake sowie an die Universitätsleitung, die das Projekt wohlwollend unterstützt hat. Den Mitgliedern des Beirates, die im Buch mit ihrem Lebenslauf vorgestellt werden, danke ich für die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit. Und ein besonderer Dank geht an den Autor Christian Koller, nicht zuletzt für die zielgerichtete und effiziente Kooperation während der gesamten Projektdauer. Dieses Werk möge die bisherigen Leistungen der vielen Privatdozierenden würdigen. Es möge aber auch Ansporn sein für die vielen, die, wie die Studie
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Vorwort des Leiters des Projektes und des Beirates
eindrücklich mit Zahlen belegt, ihre akademische Karriere via Habilitation beschreiten und beschreiten wollen. Prof. Dr. André C. Wohlgemuth
Privatdozent/Privatdozentin Personen, die das Habilitationsverfahren erfolgreich durchlaufen haben, dürfen den akademischen Titel PD (Privatdozent, Privatdozentin) führen. Dieser Titel wird an der UZH seit 2020 auf Dauer verliehen. Privatdozierende stehen in sehr unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen zur UZH. Titularprofessor/Titularprofessorin Die Eckpfeiler für die Verleihung einer Titularprofessur sind an der UZH in einer Rahmenverordnung geregelt und unterliegen fakultären Verfahren. Titularprofessorinnen und Titularprofessoren tragen den akademischen Titel eines Professors / einer Professorin (Prof.), sie zählen aktuell personalrechtlich aber nicht zur Professorenschaft. Der Titel wird auf Zeit verliehen und soll besondere Leistungen in Forschung und/oder Lehre anerkennen. 1914 als immaterielle Belohnung ausschliesslich für verdiente PD geschaffen, ist seit 2019 eine Habilitation keine Voraussetzung für die Verleihung mehr. Titularprofessorinnen und Titularprofessoren stehen in sehr unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen zur UZH. Habilitation Die Habilitation ist die höchste akademische Qualifikation, deren Grundlagen an der UZH aktuell in einer Rahmenverordnung festgelegt sind. Voraussetzungen sind das Doktorat sowie eine über mehrere Jahre erbrachte hochstehende wissenschaftliche Publikations- und Lehrtätigkeit, deren Umfänge jeweils von den Fakultäten definiert werden. Die Habilitation unterliegt einem festgelegten fakultären Verfahren, mit dem die Befähigung der Kandidatin oder des Kandidaten, ein definiertes Fachgebiet in Forschung und Lehre selbständig an der Universität zu vertreten, überprüft wird. Venia Legendi Die Venia Legendi bezeichnet die Befugnis, an der Universität selbständig zu lehren. Sie enthält kein Recht auf bezahlte Lehre an der UZH. Voraussetzung für die Venia Legendi ist die Feststellung der Lehrbefähigung durch die Habilitation. Mit der Habilitationsurkunde wird an der UZH gleichzeitig die Venia Legendi erteilt.
I. Einleitung
Über 3’600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich an der Universität Zürich seit deren Gründung 1833 habilitiert und für kürzere oder längere Zeit als PD gelehrt. Eine Minderheit von ihnen gelangte auf Lehrstühle an der Universität Zürich oder anderen Hochschulen des In- und Auslands. Darunter befinden sich drei Nobelpreisträger: der Chemiker Leopold Ružička, der Mediziner Walter Rudolf Hess und der Physiker Karl Alex Müller. Letzterer machte seine preisgekrönte Entdeckung als in der privatwirtschaftlichen Forschung beschäftigter Titularprofessor. Andere PD sind wegen bedeutender Leistungen ausserhalb der Universität in Erinnerung geblieben. Zu ihnen zählen etwa der Schriftsteller Georg Büchner, der Spitzenpolitiker und Wirtschaftspionier Alfred Escher, die Frauenrechtlerin Emilie Kempin-Spyri, der Bundesrat Ernst Wetter oder der Psychiater C. G. Jung. Fast die Hälfte aller Personen, die sich in knapp zwei Jahrhunderten an der Universität Zürich habilitiert haben, lehren in der Gegenwart als PD, Titularprofessorinnen oder -professoren. Allein seit der Jahrtausendwende hat sich ihre Zahl verdreifacht. Befinden sich die Zahlen der Habilitationen und der Habilitierten an der Universität Zürich in der Gegenwart sowohl absolut als auch im Verhältnis zu den Professuren auf dem bisherigen Allzeithoch, so kann das bezüglich ihrer Wertschätzung durch die Universität schwerlich behauptet werden. Ganz im Gegenteil beendete in den 2010er-Jahren eine Kaskade von Reformen die Existenz des «Standes» der PD als Träger universitärerer Mitbestimmungsrechte und erfolgten verschiedene Verschlechterungen bezüglich der Freiheit der PD-Lehre sowie ihrer finanziellen und symbolischen Abgeltung. Inneruniversitär, aber auch in den Medien und sogar im Kantonsrat mehrten sich Stimmen, die eine Geringschätzung von Habilitierenden und Habilitierten an der Universität gegenüber Nachwuchsforschenden auf alternativen Karrierewegen beklagten.1 Dass die Privatdozentur nicht nur ein – seit den 1960er-Jahren immer wieder vorschnell totgesagtes – Durchgangsstadium der inneruniversitären Karriereleiter darstellt, sondern – wie zu früheren Zeiten von Bildungs- und Universitätsbehörden stets betont – ein wichtiges Bindeglied zwischen der Universität und der Welt ausserhalb des Elfenbeinturms, bleibt in diesen Debatten ebenso aussen vor wie die Tages-Anzeiger, 22. 6. 2015; Zürcher Studierendenzeitung, 21. 9. 2017; Kantonsrat Zürich: Geschäft 5459: Universitätsgesetz: KR-Teilprotokoll, 17. 6. 2019.
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I. Einleitung
quantitative und thematische Bedeutung der PD-Lehre für Betreuungsverhältnisse, Vielfalt des Lehrangebots und Schonung der Universitätsfinanzen sowie die seit der Universitätsgründung bedeutende Rolle der Privatdozentur als Innovationshub. Nicht nur ging die Medizinische Fakultät 1833 aus einer ausschliesslich von als PD lehrenden Ärzten gegründeten Institution hervor und wurde sie im späten 19. Jahrhundert auf ähnliche Weise um Zahnmedizin und Neurologie erweitert, sondern auch eine Reihe von heute als zentrale Fächer geltenden Gebieten verschiedener anderer Fakultäten wurden von PD begründet – teilweise gegen den Widerstand von Fakultäten und Erziehungsbehörden. In der Historiografie zur Universität Zürich sind die Privatdozierenden relativ schwach präsent. Die beiden Gesamtdarstellungen zu den Universitätsjubiläen 1933 und 1983 erwähnen immerhin markante Persönlichkeiten und listen in ihren Anhängen nebst den Inhaberinnen und Inhabern von Lehrstühlen auch sämtliche PD auf2 – während die Universität für die Zeit seit 1983 über kein umfassendes Dozierendenverzeichnis verfügt. In der stärker thematisch gegliederten Festschrift von 1983 war den PD im Unterschied zu Assistierenden und Studierenden indessen kein eigenes Kapitel gewidmet. Verschiedene neuere Geschichten von Instituten und Fakultäten gehen auf einzelne PD ein, insbesondere ihre Rolle als Gründerfiguren des gesamten Fachbereichs oder einzelner Teildisziplinen. Die einzige knappe Überblicksdarstellung zur Geschichte der PD an der Universität Zürich ist die verschriftlichte Festrede des Historikers Hans Conrad Peyer zum 50-Jahre-Jubiläum der PD-Vereinigung von 1963.3 Hingegen existieren über eine Reihe von PD der Universität Zürich kürzere oder längere Biografien, die ihre oftmals vielfältigen inner- und ausseruniversitären Leistungen darstellen. Im Rahmen der deutschen Universitätsgeschichte hat die Geschichte der PD zu verschiedenen Zeitpunkten Beachtung gefunden, um die Wende zum 20. Jahrhundert (vor dem Hintergrund damaliger Debatten über das «Privatdozentenelend»),4 in der frühen Nachkriegszeit,5 in den 1970er- und 1980er-Jahren (im Zuge des Aufkommens der neuen sozialen Bewegungen und der Bewegungsforschung mit Blick auf Formen der Selbstorganisation und des Protests der PD)6 und (angesichts der zeitgenössischen Debatten über akademische Karrierewege auf die «rites de passage» der Habilitation und Erstberufung fokussiert) um die Jahrtausendwende.7 Die Geschichte der PD steht im Schnittpunkt von Universitäts-, Wissensund Arbeitsgeschichte. Die Universitätsgeschichte hat sich in den letzten Jahr2 3 4 5 6 7
Gagliardi, Universität Zürich; Stadler, Universität Zürich. Peyer, 50 Jahre. Jastrow, Stellung; Horn, Geschichte. Nauck, Privatdozenten; Busch, Geschichte. Hahn, Junior Faculty; Bruch, Universitätsreform. Schmeiser, Hasard; Paletschek, Geschichte.
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zehnten von der ursprünglichen Darstellung der Gesamtentwicklung von Universitäten und der Würdigung ihrer wichtigsten Persönlichkeiten zu einer kritisch-analytischen Subdisziplin weiterentwickelt und eine ganze Palette von Ansätzen der modernen Geschichtsforschung aufgegriffen.8 Ab den 1970er-Jahren waren dies Impulse der Sozialgeschichte,9 die in der Gegenwart im Interesse an der Geschichte akademischer Prekarität eine Renaissance erleben,10 ab den 1980er-Jahren dann Impulse der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Während eine Sozialgeschichte der Dozierenden und Studierenden, Berufungs- und Habilitationspraxen der Universität Zürich weitgehend ein Desiderat ist, liegen zu geschlechtergeschichtlichen Aspekten verschiedener Perioden Darstellungen vor, die auch auf die Problematik der weiblichen Habilitation eingehen.11 Die Verflechtung der Hochschulen mit ihrem politischen Umfeld ist namentlich in Bezug auf Nazi-Deutschland ein Thema der Universitätsgeschichte. Seit Kurzem liegt über jene Epoche auch eine vorzügliche Studie zur Universität Zürich vor, die freilich auf die Studierenden, nicht die Dozierenden fokussiert.12 Erst in Ansätzen umgesetzt sind «postkoloniale» Perspektiven, der Fokus auf die vielschichtigen Verflechtungen des Hochschulwesens mit dem Kolonialimperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die von der Bereitstellung imperialistischen Herrschafts- und Legitimationswissens durch zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen und dem direkten Dienst von Wissenschaftlern für Kolonialadministrationen bis hin zur Ausbildung zukünftiger antikolonialer Widerstandskämpfer reichen. Für die Zürcher Hochschulen ist in diesem Zusammenhang besonders auf die Rolle der «Rassen»-Forschung hingewiesen worden,13 eine umfassende Aufarbeitung «postkolonialer» Aspekte, wie sie der ETH-Globalhistoriker Harald Fischer-Tiné jüngst angemahnt hat,14 hat bislang nicht stattgefunden. All diese Perspektiven sind auch in der Geschichte der PD von Interesse. Die Wissensgeschichte hat sich in den letzten Jahrzehnten als Erweiterung der Wissenschaftsgeschichte herausgebildet.15 Letztere war ursprünglich vor allem eine disziplinintern betriebene Entwicklungsgeschichte einzelner Wissenschaftszweige, hat sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber zunehmend breiter mit der Geschichte der Produktion von Wissen, Denkstilen und Wissensformationen in ihren gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten auseinandergesetzt. In der Erweiterung zur WissensPrüll, Universitätsgeschichte; Paletschek, Stand. Prahl, Sozialgeschichte. 10 Die Schattenseite der Universität: Akademische Prekaritä t in der longue duré e, ca. 1150– 1945, in: H-Soz-Kult, 5. 7. 2021. URL: https://www.hsozkult.de/event/id/event-98690 (6. 2. 2022). 11 Belser, Ebenso neu; Hetzer, Männeruni. 12 Bolliger, Nationalisierung. 13 Germann, Race. 14 Zürcher Studierendenzeitung, 26. 10. 2020. 15 Müller-Wille, Wissenschaftsgeschichte; Speich Chassé / Gugerli, Wissensgeschichte. 8
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geschichte wurde dabei der epistemische Sonderstatus wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion aufgehoben und das Augenmerk verstärkt auf verschiedene Orte der Wissensproduktion sowie die Austauschbeziehungen der Wissenschaft zu anderen Gesellschaftsbereichen gelegt. Für eine Geschichte der Privatdozentur ergeben sich daraus insbesondere zwei sich überlappende Anknüpfungspunkte: die Rolle der PD im Ausdifferenzierungsprozess wissenschaftlicher Disziplinen sowie ihr häufiger Bezug zu verschiedenen, auch ausseruniversitären Orten der Wissensproduktion. Die Arbeitsgeschichte hat sich in den letzten Jahrzehnten von den ursprünglichen Schwerpunkten auf der Geschichte der Arbeiterbewegung, den industriellen Beziehungen und Lebensumständen der Arbeiterschaft in protoindustrieller und industrieller Zeit erweitert auf die Analyse einer Vielzahl selbständiger und unselbständiger, bezahlter und unbezahlter, freiwilliger und unfreiwilliger, reglementierter und nicht reglementierter Arbeitsformen sowie die «Mikropolitik im Unternehmen» und den gesellschaftlichen Stellenwert von Arbeit.16 Die «Global Labour History» interessiert sich dabei für unterschiedliche Formen von Arbeitsmigration, nicht an das Territorium und die Arbeitsgesetzgebung eines bestimmten Staates gebundene Arbeitsformen, Arbeit in transnationalen Produktionsketten sowie transnationale und interkontinentale Vergleiche, die die als Normalfall des entwickelten Industriezeitalters in Europa geltende «kodifizierte» Lohnarbeit als globalhistorischen Sonderfall identifiziert haben.17 Die Privatdozentur ist in diesen Zusammenhängen bislang kaum thematisiert worden, obgleich sie für viele Fragestellungen der «neuen» Arbeitsgeschichte einen interessanten Anwendungsfall darstellt. War die PD-Lehre bis ins 19. Jahrhundert hinein eindeutig eine Form selbständiger, von der studentischen «Kundschaft» bezahlter Erwerbsarbeit, so schwankte sie nach ihrer Transformation zur Warteposition auf verbeamtete Lehrstühle zwischen selbständiger Erwerbsarbeit, prekärer und «unkodifizierter» Lohnarbeit und Gratisarbeit gegen einen (häufig ungedeckten) Scheck auf die Zukunft. Die obligatorische und häufig unbezahlte «Titellehre» der PD ist in Deutschland vor zwei Jahrzehnten sogar als Form illegaler Zwangsarbeit diskutiert worden mit Verweis auf die «Abolition of Forced Labour Convention» der «International Labour Organization» (ILO) von 1957, die die Unterzeichnerstaaten unter anderem zur Abschaffung jeglicher Form von «forced or compulsory labour» verpflichtet, die als «method of mobilising and using labour for purposes of economic development» dient.18 Kocka/Offe, Geschichte; Welskopp/Lauschke, Mikropolitik. Van der Linden, Workers. 18 Tosstorff, Reiner: Privatdozenten in der Lehre und die Hochschulreform, in: H-Soz-Kult, 17. 1. 2002; International Labour Organization: C105 – Abolition of Forced Labour Convention, 1957 (No. 105). URL: http://www.ilo.org/dyn/normlex/en/f?p=NORMLEXPUB:12100:0:: NO::P12100_INSTRUMENT_ID:312250. (6. 2. 2022). 16 17
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Vor dem Hintergrund dieser Impulse aus Universitäts-, Wissens- und Arbeitsgeschichte untersucht das vorliegende Buch die Geschichte der PD der Universität Zürich von der Gründung 1833 bis zur Gegenwart eingebettet in die Universitätsgeschichte und die Schweizer Wissenschaftsgeschichte mit deren kultur-, sozial-, politik- und geschlechterhistorischen Dimensionen. Der erste Hauptteil stellt die Bedeutung der PD in Lehre, Forschung, Dienstleistungen und Governance der Universität Zürich von deren Gründung bis heute dar. Dabei werden neben dem Beitrag der PD zur thematischen Vielfalt und wissenschaftlichen Exzellenz auch die jahrzehntelangen Debatten um die Entschädigung der PD, um die Titularprofessur und um eine Reform akademischer Karrierewege dargestellt, ebenso die Geschichte der PD-Vereinigung und die Rolle der PD in der akademischen Selbstverwaltung und «Ständeordnung». Dazu ist eine universitäts- und sozialhistorische Verortung in der internationalen Entwicklung akademischer Laufbahnmodelle sowie im Wandel der Governance-Strukturen der UZH unerlässlich. Der zweite Hauptteil beschreibt verschiedene «Typen» von PD, geht also der Frage nach, mit welchen «Brotberufen» die PD ihre Tätigkeit an der Universität Zürich verbanden und verbinden und welche speziellen Erfahrungshintergründe dadurch der Universität zugutekommen. Der letzte Hauptteil befasst sich mit einzelnen PD oder Gruppen von PD, die im Bereich der Wissenschaft (durch Etablierung neuer Fachgebiete oder innovative, bedeutende oder spektakuläre Forschung), aber auch in Politik, Wirtschaft oder Kultur herausragen. Dabei werden ausschliesslich PD vorgestellt, die nie auf einen Lehrstuhl berufen wurden oder zumindest den grössten Teil ihrer akademischen Laufbahn als PD/TP verbrachten bzw. deren wesentlichste Leistungen in die PD-Zeit fielen. Ebenfalls in diesem Hauptkapitel behandelt werden die Entwicklung der Zürcher Privatdozentur unter geschlechtergeschichtlicher Perspektive, PD mit Flüchtlingshintergrund sowie einige Skandale und Affären um PD, die eine breitere politische und mediale Öffentlichkeit beschäftigten.
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