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Zwischen Belle Époque und Neuer Zeit

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Eine junge, eigenwillige Malerin trifft im Stuttgart des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf einen ehrgeizigen Kunststudenten. Bertha Malzacher und Otto Jung gründen in wilder Ehe eine Ateliergemeinschaft, heben gemeinsam in eine ganz der Malerei gewidmete

TANJA WARRING

ZWISCHEN BELLE ÉPOQUE UND NEUER ZEIT

TANJA WARRING

Zukunft ab und erzielen bald erste Erfolge. Das Paar heiratet, bekommt drei Kinder und kauft im Norden der Stadt ein Haus, dessen Wände sie mit Gemälden überdecken, dessen Schränke und Truhen sie mit Briefen, Fotografien und Skizzenbüchern füllen. Was heisst es, sich Frauen die Anerkennung der Akademien und des Kunstmarkts regelrecht erstreiten müssen, während das traditionelle ästhetische Empfinden durch eine Flut neuer Kunstströmungen umgepflügt wird? Die Lebens- und Schaffensgeschichte des Malerpaares beschreibt das Ringen zweier begabter, nie ganz der Norm des deutschen Kaiserreichs entsprechender Persönlichkeiten.

TANJA WARRING arbeitete als Ausstellungs- und Museumskuratorin in verschiedenen Museen und Agenturen in der Schweiz, Deutschland und den USA. Die Urenkelin von Bertha und Otto Jung lebt heute als freischaffende Texterin, Ausstellungskuratorin und Künstlerin mit ihrer Familie in der Nähe von Klosters in Graubünden.

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ZWISCHEN BELLE ÉPOQUE UND NEUER ZEIT

als Kunstmalerpaar in einer Zeit eine Familie zu gründen, in der

ZWISCHEN BELLE ÉPOQUE UND NEUER ZEIT DAS KÜNSTLERPAAR BERTHA MALZACHER-JUNG UND OTTO JUNG


Tanja Warring

Zwischen Belle Époque und Neuer Zeit Das Künstlerpaar Bertha Malzacher-Jung und Otto Jung

Schwabe


Publiziert mit freundlicher Unterstützung durch SWISSLOS/Kulturförderung, Kanton Graubünden

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildungen Umschlag: Bertha Malzacher-Jung: Porträt Otto Jung, o. J.; Otto Jung: Bildnis Bertha Malzacher, o. J. Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4550-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4551-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4551-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Für Lilian und Damon Für all jene, die sich erinnern wollen


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Was bleibt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hinter Mauern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Rückkehr ins Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ruhelos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Lichtbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Zeitwende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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In die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

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Spiegelbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

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Die Zeit gerät aus den Fugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

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Eiszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167

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Dunkelheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189

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Aus der Welt gefallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

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Dieser laue, betäubende, feine Regen … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215

… Den man eigentlich nie hört . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Es bleibt ihre Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Quellen und ausgewählte Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Abbildungsverzeichnis und Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261


Vorwort Stuttgart um 1910 ist als eine Stadt im Übergang zu begreifen, eine Stadt, die ihr Gesicht grundlegend veränderte und auf der Suche nach einer neuen Identität ist. Diese Entwicklung wurde in der zeitgenössischen Publizistik bereits erkannt und beschrieben. Im «Schwäbischen Bilderblatt», der ersten illustrierten Stuttgarter Zeitschrift, war in einem Artikel aus dem Jahr 1911 beispielsweise davon die Rede, dass «[…] so manch liebgewordenes Plätzchen und idyllischer Winkel auf Nimmerwiederkehr aus dem Stadtbild»1 entschwunden sei. Überall nehme man einen aufstrebenden Zug zum Ausbau zur echten Grossstadt wahr, der seinen sichtbaren Ausdruck in Grossbauten wie der neuen Markthalle oder dem Kunstgebäude am Schlossplatz fand. Spätestens mit der Revolution von 1918 hatte das Konzept der Residenzstadt ausgedient, und ein neues Stuttgart war am Entstehen. Vor diesem Hintergrund erzählt das vorliegende Buch die Doppelbiografie eines Künstlerpaares, dessen Leben und künstlerisches Schaffen eng mit dieser Stadt verknüpft ist. Bertha Malzacher-Jung und Otto Jung verbrachten den Grossteil ihres Lebens in Stuttgart. Hier studierten sie an der Akademie, hier begannen sie ihre künstlerische Laufbahn, hier lernten sie sich kennen und lieben, hier gründeten sie eine Familie. Sie wechselten innerhalb der Stadt mehrfach die Wohn- und Lebensorte, bis sie im Haus am Herdweg 118 schliesslich ihre Heimat fanden. Das vorliegende Buch ist deshalb aus stadtgeschichtlicher Perspektive hochinteressant. Ebenso bedeutsam ist es aus kunsthistorischer Sicht. Otto Jung war Kunstmaler, der mit Auftragskunst seine Familie ernähren musste. Seine Bilder trafen offenbar den Zeitgeist: Es gibt unzählige Porträts der Stuttgarter Gesellschaft, ebenso gross ist die Zahl der Stadtansichten. Im Bildbestand des Stadtarchivs sind beide Themenbereiche vertreten mit Jungs «Doppelporträt von Susanne Hornbach und Emma Gutersohn», seiner Studie «Blick auf Rohracker» von 1905, einem Bild des Hotels «König von England» von 1912 oder einer Vorstudie der «Stiftskirche» von 1935. Die künstlerischen Ambitionen von Bertha Malzacher-Jung mussten nach ihrem Studium zunächst zurückstehen. Zweifellos war sie eine starke und eigenwillige Persönlichkeit, die sich mit ihrem Wunsch, Malerin zu werden, als Tochter aus bürgerlichem Haus über die Erwartungen ihrer Familie hinweggesetzt hatte. Die Situation malender Frauen in dieser Zeit war prekär: Sie waren zahlreichen gesellschaftlichen und künstlerischen Zwängen unterworfen. Bis heute finden sie in der Kunstgeschichte erstaunlich wenig Beachtung. Tanja Warrings Doppelporträt ist deswegen nicht zuletzt die Wiederentdeckung einer Malerin, die wegen des deutlich umfangreicheren Werkes ihres Man-


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Vorwort

nes zu Unrecht in Vergessenheit geraten war. Dabei zeichnet sich ihr Werk durch Kreativität und Experimentierfreude aus, wie beispielsweise ihr innovativer Porträtstil beweist. Aber auch das Leben und Schaffen ihres Mannes Otto findet in diesem Buch seine erste ausführliche Darstellung ausserhalb des Ausstellungskontextes. Das Stadtarchiv Stuttgart freut sich über die ausserordentlich gelungene Publikation von Tanja Warring, deren Doppelporträt eine wichtige, von der stadtgeschichtlichen Forschung bislang selten behandelte Epoche auferstehen lässt: Stuttgart zwischen Belle Époque und Neuer Zeit. Dr. Katharina Ernst, Direktorin des Stadtarchivs Stuttgart


Was bleibt? Ein Stapel alter Bücher, teils in braunes, vergilbtes Papier eingeschlagen, teils mit sich auflösender Bindung und fehlenden Seiten. Wie man sie eben findet, in den vergessenen Nischen des Dachbodens oder knarrender Kellerschränke. Um der Untat des herzlosen Wegwerfens zu entgehen, werden sie an die Nachkommen weitergereicht. Mit möglichst glaubwürdigem Interesse blättern diese darin, nur um festzustellen, dass sie in den veralteten Sätzen, Notizen und Schriften nicht mehr heimisch werden. Die Bücher landen dann bestenfalls auf dem Kaminsims, als Dekoration mit intellektuellem Anstrich. Mein Bücherkonvolut stammt aus der Hinterlassenschaft des Urgrossvaters Otto Jung, einem Stuttgarter Maler stiller Landschaften und Porträts der gehobenen Gesellschaft, der von der Kunstwelt irgendwann vergessen wurde, in seiner Zeit aber durchaus achtenswerten Erfolg genoss. Einige wenige Werke fanden Eingang in süddeutsche Museumssammlungen, doch den Hauptteil seiner Malereien verkaufte er an Privatsammler. Er besass, was zur akademischen Ausbildung eines Kunstmalers um 1900 gehörte: anatomische Lehrbücher, Übersichtswerke zur Kunstgeschichte oder Monografien zu zeitenthobenen Meistern wie Rembrandt van Rijn. Die Einbandseiten hat er sorgfältig mit seinem Namen beschriftet: O. Jung. Moderne Kunstströmungen sucht man eher vergeblich, sie blieben aber nicht ganz unbeachtet. Zumindest einer der Bände hebt sich aus der Sammlung ab und lädt noch immer zum Lesen ein, wobei der Lesefluss, wie so oft bei gebrauchten Büchern, durch die angestrichenen Textzeilen des Vorbesitzers oder der Vorbesitzerin etwas ins Stocken gerät. Man ertappt sich dabei, wie man unweigerlich an den markierten Stellen hängen bleibt und ins Grübeln gerät. Was mag diejenige oder denjenigen dazu bewogen haben, genau diese Zeile oder jenen Abschnitt hervorzuheben? Was für einen tieferen Sinn erkannte der frühere Leser oder die Leserin in diesen Aussagen? Verpasse ich wichtige Erkenntnisse, wenn besagte Stellen in mir nicht ebenfalls etwas auslösen? Spätestens da erwacht das Interesse an der unbekannten Person aus der Vergangenheit. Wer war sie? Wann hat sie genau dieses Buch gelesen und warum? Kann ich aus den einfachen Bleistiftstrichen vielleicht viel mehr herauslesen, in die Welt des anderen abtauchen? In besagtem, nicht ganz zum Rest passenden Buch hatte vor mittlerweile fast hundert Jahren ein solcher «Jemand» zahlreiche Zeilen mit Bleistift unterstrichen oder an der Seite markiert. Doch es war nicht Otto, sondern seine Frau. Im Einband schrieb sie mit feinem Stift: B Jung, Herdweg 118, 1928. Das von ihr so eifrig gelesene Buch beinhaltet die «Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker»2. Die erste Ausgabe des Bandes war bereits 1917 an-


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lässlich der Ausstellung zum zehnten Todestag der früh verstorbenen Künstlerin publiziert worden und hatte erstmals die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums geweckt. Meine Urgrossmutter Emma Bertha Malzacher-Jung, die nach ihrer Mutter immer nur Bertha genannt wurde, kam offensichtlich erst zehn Jahre nach Kriegsende dazu, sich den Band zu kaufen. Sie zählte damals bereits 63 Jahre, blickte auf 31 Jahre Ehe zurück und hatte drei erwachsene Kinder im Alter von 30, 28 und 24 Jahren. Uns Nachkommen wurde überliefert, dass auch sie eine Künstlerin gewesen sei. Einst. Vor ihrer Ehe. Nach ihrer Hochzeit hatte sie allerdings nur noch an wenigen Ausstellungen teilgenommen und sich in den Schatten ihres Gatten begeben. Sie tat also, was von ihr in jener Zeit erwartet wurde. Sie wechselte von der Künstlerin zur Künstlergattin, wurde Mutter und schliesslich unser aller Urgrossmutter. Warum also sollte sie sich mit über 60 Jahren für die zehn Jahre jüngere Künstlerin Paula Modersohn-Becker interessieren, die früh ihre naturalistisch geprägten Anfänge und die in ihrem Künstlerkreis in Worpswede gepflegte Stimmungsmalerei hinter sich liess, um ihre Bildkompositionen in monumentaler Flächigkeit zu radikalisieren? Zwischen die Seiten ihres Buches legte Bertha aus Zeitschriften herausgetrennte Abbildungen von Gemälden der Malerin, die heute zu den bahnbrechendsten Werken des Expressionismus in Deutschland gezählt werden. Warum unterstrich sie bereits im Einführungstext der Herausgeberin und Schriftstellerin Sophie Dorothee Gallwitz, einzelne Worte, die das Gesamtwerk der künstlerischen Avantgarde zuordneten? Was bewegte sie daran, dass in Modersohn-Beckers Gemälden «Zukünftigkeit» gewirkt habe, ein «lebendiger Nerv, der dieses Heute mit dem Morgen und Übermorgen verbindet»? Warum interessierte sie, wer «diese Frau war, die […] ein derartig starkes, geschlossenes Werk hinterliess, ein Werk, das […] in das aktive laute Kunstleben der Gegenwart eingreifen konnte»3 ? Bertha trieben offensichtlich dieselben Fragen um, sie fühlte sich der Zeitgenossin vielleicht sogar verbunden, mit leiser Bewunderung, da deren Werke als zukunftsweisend eingestuft wurden. Schwang Wehmut mit, da ihr selbst eine solche Anerkennung verwehrt geblieben war? Dass Berthas Lebensweg nicht ganz so freiwillig gewählt war, wie es die Familie gerne darstellte, muss wohl nicht hinterfragt werden. Warum sollten sie und ihr ebenfalls malender Gatte die traditionelle Rollenverteilung nicht in Zweifel gezogen haben? Zumindest wäre dies von einem Künstlerpaar zu erwarten gewesen. Bald begann ich in den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen der Paula Modersohn-Becker zu springen. Von einem markierten Abschnitt zum nächsten, in der Hoffnung, dass sich aus dieser Verstrickung zweier Malerinnen Konturen zur Person Bertha Malzacher abzeichnen würden. Ein erster Einblick in ihre Gedankenwelt. Dabei las ich die im Buch markierten Aussagen von Paula Modersohn-Becker quasi als Berthas Stimme im Alter, mit der sie zu ihrer damaligen Familie, aber auch zu ihren Nachkommen sprach.


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Die Auswahl der Textstellen lässt eine sachte Trauer und Reue um ein vergangenes Glück spüren. Glück, dass beide Künstlerinnen besonders in der Ausübung ihrer Passion, der Malerei, erlebten. In Paulas frühen Briefen an ihre Familie und den Tagebuchblättern aus Worpswede im Jahr 1899 erklingt die entsprechend euphorische Rede einer entschlossenen Künstlerin: Des Nachts, wenn ich aufwache, und morgens, wenn ich aufstehe, ist es mir, als wenn etwas Traumhaft-Schönes auf mir liege. Und dann ist es doch nur das Leben, das mit seinen schönen Armen ausgebreitet vor mir steht, auf das ich hineinfliege.4 Mein Gefühl der Kraft will weiter kämpfen, sich immer und immer wieder seiner bewusst werden, machen, nicht ruhen. O bleibe lange bei mir. Dann gleicht mein Leben dem Fluge des jungen Adlers.5

Während sie den Stift unter den Worten entlang über die Buchseite führte, wird sich Bertha an ihre eigenen Jugendjahre erinnert haben, wie sie sich in Stuttgart als eine der ersten jungen Malerinnen für die Damenklasse der Kunstschule einschrieb. Sie hatte sich über die bürgerlichen Erwartungen ihres Standes als Tochter eines geadelten Beamten am Oberlandesgericht hinweggesetzt und wollte ihren Lebensunterhalt selbstständig als Künstlerin bestreiten. Dazu gehörte eine rechte Portion Mut. Beim Lesen reifte in mir das Bild einer eigenwilligen Frau, die durchaus wusste, welchem Weg sie folgen wollte, und die sich später in einen ebenso fortschrittlich denkenden Mitstudenten verliebte. Für beide öffneten sich alle Tore zu einer schillernd kreativen Welt. Sie waren frei, begabt, wunderschön und bewegten sich mit Leichtigkeit in der Stuttgarter Gesellschaft. Alles schien möglich. Beide Frauen, Paula Modersohn wie Bertha Malzacher, entstammten gebildeten Familien und wurden vom Vater entgegen herrschender Konventionen im innigen Wunsch unterstützt, zumindest ein Kunststudium zu absolvieren. Beide kämpften bereits in jungen Jahren für ihre Ziele. Von der Beziehung zu einem Malerkollegen, der sie als ebenbürtige Künstlerin anerkannte und bewunderte, erhofften sich vermutlich beide Frauen die weitere, notwendige Unterstützung, um ihren hart erkämpften Freiraum beizubehalten. Paula heiratete mit 25, Bertha konnte sich erst mit 31 Jahren zur Ehe durchringen. Nach der Eheschliessung mit Otto Modersohn änderte sich allerdings der Ton in Modersohn-Beckers Aufzeichnungen: «Ich hatte so viele starke Hoffnung»6, schrieb die nunmehr verheiratete Paula 1902. Die Ehe brachte alles andere als das grosse Glück zu zweit und die weiteren, von Bertha unterstrichenen Gedanken der Künstlerin, wirken mit einem Mal schwermütig, fast verzweifelt: In meinen ersten Jahren der Ehe habe ich viel geweint und es kommen mir die Tränen oft wie in der Kindheit jene grossen Tropfen. Sie kommen mir in der Musik und bei vielem Schönen, was mich bewegt. Ich lebe im Sinne wohl ebenso einsam als in meiner Kindheit.7


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Abb. 1: Die «Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker» mit einer Zeichnung von Bertha Malzacher-Jung

Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, dass es eine Schwesternseele gäbe. Man fühlt in der Ehe doppelt das Unverstandensein, weil das ganze frühere Leben darauf hinausging, ein Wesen zu finden, das versteht. Und ist es nicht vielleicht doch besser ohne diese Illusion, Aug’ in Auge einer grossen Wahrheit? Dies schreibe ich in mein Küchenhaushaltebuch am Ostersonntag 1902, sitze in meiner Küche und koche Kalbsbraten.8

Beim Lesen der Zeilen lässt sich das Gefühl nicht unterdrücken, dass sich die Malerinnen, kaum durch luftige Reformkleider befreit, mit ihrer Ehe sofort in ein neues Korsett zwängen liessen. Die Heirat bot ihnen einerseits finanzielle Sicherheit. Sie bewahrte sie davor, als unverheiratete Frauen, was damals einer Entmenschlichung gleichkam, einem zusätzlichen Beruf nachgehen zu müssen, der ihnen ein Leben als Künstlerin erschwert, wenn nicht verunmöglicht hätte. Andererseits wählten die Frauen einen Partner, der selbst malte und der ihre Beweggründe ziemlich gut verstanden haben dürfte. Und dennoch scheint es, als nahm ihnen die Ehe mit ihren Ottos – der Zufall wollte es, dass beide Partner denselben Namen trugen – quasi die Luft zum Atmen. Die Sehnsucht nach Freiheit


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veranlasste Paula immer wieder dazu, fluchtartig nach Paris abzureisen, um Otto schliesslich ganz zu verlassen. Das Drama fand auch mit der Wiederversöhnung 1907 kein glückliches Ende. Paula gebar ihre sehnlichst erwünschte Tochter und verstarb kurz darauf im Kindbett mit nur 31 Jahren. Zurück blieben über 700 kühne, kraftvolle Gemälde. Bertha andererseits, die angesichts ihrer gerade gereiften Künstlerkarriere kaum ans Muttersein dachte, bekam drei Kinder. Es drängt sich die berechtigte Frage auf, wie sich in der damaligen Zeit ein fünfköpfiger Haushalt mit dem Beruf als Malerin vereinbaren liess. Ohne die Hilfe und Unterstützung des Ehemannes wird es kaum möglich gewesen sein. Während Otto Jung mehrere 1000 Werke schuf, blieb Berthas Werk hingegen überschaubar. Dass sie zu Beginn ihrer Karriere an Ausstellungen einiges verkaufte und vor allem Aufträgen nachging, mag der Grund sein, warum viele ihrer früheren Werke nicht mehr im Familienbesitz sind. Der Umstand, dass ihre Kunst bei den Nachkommen im Gegensatz zu der ihres Gatten kaum Beachtung fand, erstaunt allerdings. Wie ist dies zu erklären? Sich auf das Klischee zu stützen, dass der oft flirrende Charakter kreativer Menschen ein Zusammenleben und -arbeiten verunmöglicht, wäre naheliegend, kann aber kaum befriedigen. Die beiden lebten in einer Zeit, die sich mit Konventionen und Geschlechterrollen quasi zumauerte. Es fehlte ihnen wohl die Kraft, sie zu überwinden, so sehr sie es auch wünschten. Dennoch möchte man glauben, dass beide mit ihrer ganzen Überzeugung anfangs dafür einstanden, gemeinsam eine intakte fünfköpfige Familie mittels der Kunstmalerei zu finanzieren. Genauso wie die festgefahrenen Geschlechterrollen befand sich die Kunst des Fin de Siècle in Aufruhr. Die unumstössliche Vorherrschaft der vergeistigten, allegorisierenden Akademiekunst wankte und wurde schliesslich durch die Emanzipation der Künstler, die Hinwendung zur reinen Farbe, zum Licht und dem realen Leben zum Einsturz gebracht. Es herrschten unruhige Zeiten, als Bertha und Otto an den Kunstschulen in Stuttgart und Karlsruhe studierten. Wie viele junge Künstlerseelen blickten sie bewundernd auf das alles überstrahlende München und setzten sich mit den neuen Kunstströmungen aus Frankreich auseinander. Ottos Landschaftsmalerei darf zum Kreis der «Schwäbischen Impressionisten» gezählt werden. Einflüsse der Münchner Schule und des Jugendstils prägen seine Porträts. Einer expressionistischen Befreiung seines Pinselstrichs gegenüber blieb er aber im Gegensatz zu Bertha skeptisch. Berthas fast altmeisterliche Wachsstudien münden später in eine ausdrucksvoll oszillierende Linienführung. Von Bertha und Otto existieren einige Werke mit ähnlichen Motiven, in erster Linie Porträts der Kinder. Man möchte sie sich in Eintracht malend vorstellen, beide im Atelier in ihrem hübschen Haus am steilen Herdweg in Stuttgart. Otto vermehrt in Öl auf grossen Leinwänden, Bertha immer öfter mit Wachsfarbe auf kleineren Formaten. Oder arbeiteten sie allein, jeder für sich, um die Wer-


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ke später zu vergleichen, zu kommentieren, sich gegenseitig anspornend, lobend und kritisierend? Ein Streit kann den Kunstschaffenden einerseits über sich hinaus in neue Richtungen vorwärtstreiben, kann aber auch das Gegenteil bewirken, das Verharren in sicheren Werten. Künstlerseelen sind so leicht zu verletzen. Keiner von beiden wurde zum Avantgardisten, doch ihr Leben blieb von der Kunst durchwirkt. Als Familie wie als Künstler pulsierten sie zwischen Biederkeit und Freigeist, Konvention und Moderne. Ein jeder kam aus einer anderen Zeit – doch aus welcher? Welche Wirklichkeit sollte die ihre werden und ihre Kunst beleben? Warum liessen sie ihr Wiederverschwinden im Dickicht des Zeitgeschehens zu? Wie ein kleiner Stachel nistete sich das Verlangen in mir ein, den hinterlassenen Spuren des Paares weiter zu folgen. Es gilt die vielen Hüllen ihrer Geschichte abzuschälen, ihre Kritzeleien, Pinselstriche nachzuzeichnen, die bereits aufgenommenen Fäden weiterzuspinnen, ihre Briefe und Gesichter zu lesen, ihre Schriften zu entziffern. Es gilt sie herauszuholen aus ihrer Falte der Zeit. Das Haus am Hang im Stuttgarter Norden, in welches die Familie Jung-Malzacher um 1900 eingezogen war – es steht noch immer und überdauerte mehr als ein Jahrhundert im Besitz der Nachkommen. So wurden die Spuren der Künstlergrosseltern vor dem Verschwinden bewahrt, ihre Gemälde blieben an den Wänden hängen, die Skizzenbücher, Fotos und Briefe in Koffern und Truhen verwahrt. Einer der Enkel hatte vor einigen Jahren damit begonnen, diese zu öffnen, die alten Briefe zu lesen, ein wenig in der Zeit zurückzusinken. Allein die daraus resultierenden Gespräche an den Familientreffen öffneten erste Fenster auf die damaligen Geschehnisse und liessen vermuten, dass dieses Haus noch einiges mehr freigeben könnte. Wer heute an Stuttgart denkt, sieht das Bild in Feinstaub gehüllter Schnellstrassen, die den Kesselboden durchschneiden, auf dem die geschäftige Hauptstadt Baden-Württembergs klebt, und einen Bahnhof im ewigen Umbau. Das alte Stuttgart der Jahrhundertwende fiel weitgehend dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer, was Zeitreisen knifflig werden lässt. Vor mehr als hundert Jahren endete der Herdweg am Rand der Stadt. Die steile Strasse wurde gerade in den Hang gelegt. Die Familie Jung wohnte im obersten Abschnitt, im tieferen Teil eines stufenartig in den Berg gebauten Doppelhauses. Zur Strasse hin gab es ein «Hoftor», vermutlich war die heutige Garage eine kleine Einfahrt, in welcher die von Pferden gezogenen Wagen geparkt werden konnten. Von dort führt auch heute noch eine kurze, steile Treppe zum Hauseingang hinauf. Sie ist nicht lang und nicht gewunden und das Anwesen steht nicht allein auf der Anhöhe, dennoch wirkt es von unten wie ein Geisterhaus, in dessen Zwischenböden und Mauernischen die Urahnen rascheln. Nachts, wenn es im Dunkel liegt, vermutet man die Schattenrisse der ersten Bewohner an den hell erleuchteten Fenstern. Dann schauen sie auf uns herab, etwas erstaunt, mit hochgezogenen Augenbrauen, leise raunend: «Was


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Abb. 2: Otto Jung: Familienbildnis, 1916

wollt ihr von uns?» Ihr Blick erinnert mich an ein altes, allzu oft gesehenes Gemälde. Im Esszimmer des Hauses hing viele Jahre später ein ziemlich wuchtiges Familienbild an der Wand. Otto hatte es während des Krieges gemalt. Lange hielt es seinen Platz über dem Esstisch, umrahmt von zahllosen weiteren Gemälden. Ähnlich einer sich rasch ausbreitenden Flechtenart bedeckten sie die Wände des gesamten Hauses. Sicher, auch andere Dinge aus dieser entschwundenen Welt haften in der gemeinsamen Erinnerung, wie der halb verfallene Garten, die rostigen Schaukel-Liegestühle, die knarrende Treppe. Im Esszimmer standen das alte Buffet mit den Butzenscheiben, die wackligen Beistelltischchen entlang der Wände, das Klavier, auf dem niemand mehr spielte; im Wohnzimmer die muffige Sitzgruppe, ein überquellender Schreibtisch, die vollgestopften Bücherregale, die im oberen Stock bedrohlich vornüberkippten. Die gemalten Bilder aber waren überall. Die Galerie endete auch nicht in Stuttgart, sie wuchs über die Stadtgrenze hinaus in die diversen Domizile der Verwandtschaft und nachfolgender Generationen. Ein geistiger Rückruf der Kindheit gelingt nicht mehr ohne diese in das Gehirn eingebrannten altertümlichen Darstellungen von Landschaften und Gesichtern, die alle der Urgrossvater gemalt hatte. Und die Urgrossmutter? An besagtem Esstisch hatte ich als Kind meinen festen Platz, unverrückbar und exakt gegenüber der Malerfamilie. Jedes Mal, wenn ich dort sass, war mir, als


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starrten sie direkt in meinen Suppenteller. Mit diesem vorwurfsvollen Blick und hochgezogenen Augenbrauen. Im Gemälde sitzen sie nebeneinander auf einem Mauervorsprung, im Hintergrund schweift der Blick über den Norden Stuttgarts in Richtung Schottstrasse und Kriegsbergturm, so wie Otto es aus seinem Atelier unter dem Dach des Hauses sah. Mit lockerer, breit gesprenkelter Malweise liess er die monochrom gehaltenen Töne ineinanderfliessen und tauchte alles in ein grünlich-bläuliches, eigentlich gräuliches Licht. Sogar die Gesichter der mageren Gestalten wirken trotz der rosa Wangen seltsam fahl. In ihnen scheint das Schweigen geradezu eingraviert. Der Himmel über Stuttgart ist wolkenverhangen und grau wie die schlichte Mauer am unteren Bildrand. Die Stadt, das Leben, die Zeit standen damals still, eingefroren. Ich wusste, dass die grosse Figur im Vordergrund meine Grossmutter war, Regina. Doch ich konnte diese ernste junge Frau mit Gitarre, die fast misstrauisch über ihre Schulter schaut, beim besten Willen nie mit meiner stillen, freundlichen Oma in Verbindung bringen. Für meine kindlichen Augen entstammte Ihr Abbild einem anderen Universum. Genauso das ihres schmerzhaft an den Rand gequetschten Bruders Wolfgang, der seinem späteren kahlköpfigen Äusseren so gar nicht glich. Von der Dreiergruppe links hatte ich niemanden persönlich gekannt, sie waren reine Erzählung. Geschichte. Rosina, die als Einzige lächelt und sich schüchtern an ihre Mutter schmiegt, wohnte im fernen Norddeutschland. Die Mutter im Hintergrund, die sie schützend im Arm hält, war ein Gesicht auf einem uralten Bild, mehr nicht. Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Man sprach kaum von ihr, ganz im Gegensatz zu dem Herrn mit der Brille und dem Bart am linken Bildrand. Der alles überstrahlende Urgrossvater Otto Jung, der auch aussah, wie eben ein Künstler auszusehen hatte. Er war es schliesslich, der uns die kreative Ader vermacht hat. Dank ihm konnte sich die Liebe zur Kunst wie Feenstaub über seine Kinder und Enkel bis hin zu seinen Urenkeln ausbreiten. Wir waren alle stolz, einen Kunstmaler als Urgrossvater zu haben. Von der Kunstmalerin Bertha wussten wir nichts. Als Rahmen für Puzzlespiele mit der Vergangenheit bieten sich Adventswochenenden geradezu an. Wenn das Tageslicht nicht allzu grell durch die Fenster scheint, lässt der diffuse Schein der Kerzen die Umrisse der Gegenwart leichter verschwimmen. Das Familienbild musste seinen Platz über dem Esstisch räumen, es war auf Dauer einfach zu gross, zu drückend. Es hängt mittlerweile in der Sammlung von Wolfgangs Nachkommen, ein paar Kilometer weiter Richtung Norden. Mit einem Mal vermisse ich die Gesichter, obwohl ich nicht behaupten kann, dass das Gemälde im Herdweg eine Lücke hinterlassen hätte. Hier wurde seither kräftig umgehängt, neu arrangiert, durchmischt und ergänzt. Das Resultat erinnert an früher: Von unten im Kellergeschoss bis ganz oben in die Dachwohnung wachsen goldgerahmte Porträts, Landschaften, Stillleben und Stadtansichten wie eh und je aus den Tapeten. Auch Bertha, Otto und Regina sind noch da,


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als Einzelbildnisse. Die Malereien offenbaren einen beeindruckenden Schaffensdrang, nahezu pausenlos müssen hier Leinwände mit Farbe bestrichen worden sein. Rund um den alten Tisch haben mein Onkel und meine Tante Stapel von Alben und Kartons mit Briefen, Zeitungsausschnitten, Notizen und Fotos fein säuberlich aufgetürmt. Allein schon dieser kleine Teil des Nachlasses bildete eine imposante Menge an gesammeltem Material. Wer in Gottes Namen kam auf die Idee, das alles aufzubewahren, und hat sämtliche Schnipsel, Zettelchen, Bildchen bündelweise in Kuverts gesteckt und diese wiederum stapelweise in Kartons gepresst ? Natürlich weiss ich, dass es nach der Urgrossmutter Bertha die Grossmutter Regina war, und fühle nun Dankbarkeit angesichts ihrer Sammelwut. Die beiden horteten auch Nichtigkeiten wie handgeschriebene Quittungen für Lebensmitteleinkäufe, Schuhreparaturen, Kindermöbel, Lederwaren, Rechnungen von Reparaturen der Gaslampen in der Wohnung, der Wäscherei und der Weinhandlung. Doch all der Kram wirft heute ein kostbares Licht auf den Familienhaushalt Anfang des 20. Jahrhunderts. Reginas Babybüchlein von 1899 ist erhalten, zusammen mit den Impfscheinen. Es folgen Zahnarztrechnungen von Bertha, ein Gebiss mit feinen kleinen Zähnen und schliesslich Schuhformen angepasst an Füsse mit schmerzhaft verkrümmten Hammerzehen. Ganz allmählich beginnen diese Hinterlassenschaften mit den Schatten in den alten Räumen im Kerzenlicht zu verschmelzen. Wie soll aus diesen Splittern ein Gesicht, eine Person, eine Geschichte entstehen? Die Zeitschnipsel sind Teile einer gigantischen Bildcollage. Sie müssen so gut es geht sortiert, in der richtigen Reihenfolge aneinandergefügt, gestapelt, geschichtet und zu einem grossen Ganzen gebracht werden. Wenn ich Glück habe, kann ich zumindest Teilstücke der Protagonisten in einzelne Zeitabschnitte einbetten und hoffen, dass daraus plausible Gesamtbilder herauswachsen. Allerdings werden wohl lediglich Konstrukte gebildet, denn nur das, was aufgehoben wurde, kann erzählen. Doch wäre es wirklich so anders, könnten mir die betroffenen Personen selbst berichten? Wenn sie hier sässen, beide mehr als 150 Jahre alt, mit der geistigen Gegenwärtigkeit von, sagen wir, rund Siebzigjährigen? Vieles würde vergessen, nebulös umschrieben, beschönigt, bewusst begradigt oder dramatisiert werden. Auf die Erinnerungen einzelner Personen können wir uns – wenn wir ehrlich sind – in etwa genauso verlassen wie auf das, was sie hinterlassen. Sie erzeugen die gleichen, konstruierten Gebilde, von irgendeiner Wahrheit womöglich noch weiter entfernt als die gebliebenen Zeitzeugnisse. Berthas Geschichte wäre vollkommen verschieden von derjenigen Ottos und die Kinder würden nochmals andere Versionen untermischen. Vielleicht unterschieden sich die erzählten Lebensläufe gar nicht so sehr von jenen, die ich aus den Briefen und Notizen herauslesen kann. Vielleicht aber werde ich etwas vollkommen anderes zeichnen. Es werden Abbilder entstehen, Versatzstücke, zusammengesetzte Gebilde – Erinnerungen eben.


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Was bleibt?

Doch ich werde sie in ihre Zeit einbetten. Sie sollen von ihr erzählen. Von einer Stadt, die heute so ganz anders vibriert. Von einer Kunstwelt, die nicht nur durch die Abtrünnigkeit einer jüngeren Künstlergeneration aus den Fugen geriet, sondern in die sich plötzlich auch vermehrt Frauen, sogenannte «Malweiber», drängten. Von einem Verständnis von Ehe und Familie, das mit diesen «Weibern» immer weniger zurechtkam. Und schliesslich von einer Epoche, die irgendwann im Nebel der Zeit verschwand. Während die Ur-Ur-Enkel unten in der Stadt durch den Weihnachtsmarkt streifen, beginne ich mit dem Festhalten, Speichern, Fotografieren und Bepacken von Kartons. Ich verharre beim Anblick einiger Fotos von Regina, Wolf und Rosina, auf denen sie einzeln auf einer Fenstermauer posieren. Es sind offensichtlich Vorlagen, aus denen das grosse Familienbild zusammengesetzt wurde. Zwischen weiteren vergilbten Zeitungsausschnitten finde ich den Nachruf auf die Künstlerin Bertha Malzacher-Jung, den Reginas Ehemann, der dichtende Ingenieur Heinrich Blickle am 24. Juni 1932 verfasst hatte. Obwohl ich meines Grossvaters Hang zu manierierter Wortwahl und Dramatisierung gut kenne, berührt mich der Inhalt in unerwarteter Weise. Er lobte das «zu den höchsten Hoffnungen berechtigende» Talent der Künstlerin und zitiert aus früheren Kritiken ihrer Ausstellungen. Bald aber wechselte er zu Berthas Zerrissenheit zwischen Kunstschaffen und Familie, welche die Ausstellungstätigkeit schleichend hinter die Kindererziehung rücken und sie bewusst werden liess, dass sie dem Malen ihre einstige Aufmerksamkeit nicht mehr widmen konnte: Wie stark aber die geborene Künstlerin noch in ihr lebte, zeigten ihre Schaffensimpulse, die immer wieder wie unbezähmbare Flammen hervorbrachen. Und dann malte sie mit einer Leidenschaft und Feinheit, mit einer Hingabe und einem Können, das über alle Leiden ihres schweren Schicksals wie ein dokumentarischer Beweis ihres geborenen Genies stand. […] Im Juni letzten Jahres waren die Jahre ihres Leidens erfüllt. Sie starb in gänzlicher Zurückgezogenheit, selbst ihren nächsten Freunden nicht mehr zugänglich. Nun sind nur noch ihre Bilder da und zeugen von einer Künstlerin, deren Begabung an der Vollendung des Könnens stand, der aber die Natur die Kraft versagt hatte, dieses Können in sicheren Händen zu halten.

Die Worte meines Grossvaters werfen mit einem Mal einen düsteren Schatten auf ihre letzten Jahre, die Fotografien und Briefe, auf das Haus und auf die darin verborgene Geschichte. Mein Grossvater kannte Regina meines Erachtens damals noch nicht allzu lange und damit auch Bertha nicht wirklich. Es überrascht, dass die Hinterbliebenen (einschliesslich Otto) sich erst ein Jahr nach ihrem Tod dazu entschliessen konnten, diesen Nachruf zu publizieren und in derart unmissverständlicher Weise auf ihr anscheinend tragisches Schicksal hinwiesen. Noch mehr überrascht, dass man danach überhaupt nicht mehr von ihr sprach. Wieder spüre ich den kleinen Stachel, der nun entschiedener fragt: «Was war geschehen?»


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Zwischen Belle Époque und Neuer Zeit by Schwabe Verlag - Issuu