BETTINA HUBER
Was ist Würde ? Können auch nichtmenschliche Tiere Würde haben ? Bettina Huber geht diesen Fragen nach, indem sie sich mit verschiedenen Auffassungen von Würde befasst und davon ausgehend genauer auf das
mit dem eigenen Selbstbild in Übereinstimmung zu leben. Die Autorin zeigt, inwiefern bestimmte nichtmenschliche Tiere die notwendigen Fähigkeiten besitzen, um ein Selbstbild zu entwickeln und damit übereinzustimmen. Anschliessend beschäftigt sie sich mit den Bedingungen, die für ein Leben in Würde erfüllt sein müssen. Am Ende geht es um ein konkretes Beispiel, nämlich warum Grossaquarien Delfinen ein Leben in Würde nicht ermöglichen können – und in bestimmten Fällen eine Würdeverletzung oder gar eine Demütigung vorliegt.
BETTINA HUBER hat Philosophie und Hispanistik an den Universitäten Bern und Basel studiert. Nach Abschluss ihrer Promotion 2021 nahm sie eine Stelle als Kommunikations- und PR-Verantwortliche bei Swissveg an. Ausserdem hat sie Einsitz in der Tierversuchskommission BS, BL & AG.
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BETTINA HUBER
Über Würde als Haltung zu verfügen bedeutet,
TIERWÜRDE
Verständnis von Würde als einer Haltung eingeh t:
LEBEN IN ÜBEREINSTIMMUNG MIT DEM SELBSTBILD
Bettina Huber
Tierwürde Leben in Übereinstimmung mit dem Selbstbild
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung.
Erschienen 2022 im Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Abbildung Umschlag: Steingeiss im Schnee, © Bettina Huber Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4535-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4539-9 DOI 10.24894/978-3-7965-4539-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1 Würdeverständnisse: Eine Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
19
1.1
Würde als Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.1 Würde als Wert in Rechtstexten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.2 Muss Würde ein juristischer Begriff sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.3 Wie ist Würde als Wert zu verstehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4 Probleme des Würde-als-Wert-Verständnisses . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4.1 Unklarheit bezüglich der Intension . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4.2 Begriffsgeschichtliche Integrität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4.3 Würde verlieren und wiedergewinnen . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4.4 Ableitbarkeit konkreter normativer Forderungen . . . . 1.1.4.5 Anwendbarkeit auf nichtmenschliche Tiere . . . . . . . . . . 1.1.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
24 25 29 33 35 36 44 46 50 51 53
1.2
Würde als Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.1 Würde als moralischer Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2 Probleme des Würde-als-moralischer-Status-Ansatzes . . . . . . 1.2.2.1 Unklarheit bezüglich der Intension . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2.2 Begriffsgeschichtliche Integrität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2.3 Würde verlieren und wiedergewinnen . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2.4 Anwendbarkeit auf nichtmenschliche Tiere . . . . . . . . . . 1.2.3 Würde als sozialer Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.4 Probleme des Würde-als-sozialer-Status-Ansatzes . . . . . . . . . . 1.2.4.1 Würde verlieren und wiedergewinnen . . . . . . . . . . . . . . 1.2.4.2 Ableitbarkeit konkreter normativer Forderungen . . . . 1.2.4.3 Anwendbarkeit auf nichtmenschliche Tiere . . . . . . . . . . 1.2.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55 55 57 57 59 60 61 62 64 65 65 66 67
1.3
Würde als Fähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.1 Besteht Würde im Besitz der Fähigkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.2 Besteht Würde in der Ausübung der Fähigkeit? . . . . . . . . . . . .
69 70 71
6
Inhalt
1.3.3 Würde besteht im Besitz sowie in der Ausübung der Fähigkeit (= Potenzial) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.4 Probleme des Würde-als-Fähigkeit-Ansatzes . . . . . . . . . . . . . . 1.3.4.1 Redundanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.4.2 Doppeldeutigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.4.3 Begriffsgeschichtliche Integrität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.4.4 Fähigkeit oder Verfassung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72 75 75 76 77 78 79
1.4
Würde als Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.4.1 Sich etwas würdig erweisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.4.2 Sich wessen würdig erweisen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80 81 82
1.5
Konklusion
................................................
84
2 Würde als Haltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
89
2.1
Was ist eine Haltung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
90
2.2
Was ist die Würde als Haltung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1 Übereinstimmung mit dem eigenen Selbstbild . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.1 Das Selbstbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.2 Selbstbild vs. Persönlichkeit vs. Charakter . . . . . . . . . . 2.2.1.3 Die Rolle der Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1.4 Voraussetzungen für die Entstehung eines Selbstbildes und die Übereinstimmung damit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2 Würde als Haltung: bewusst, rational und kognitiv anspruchsvoll? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3 Alternative Definitionen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3.1 Übereinstimmung mit dem eigenen Selbstbild vs. Integrität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3.2 Übereinstimmung mit dem eigenen Selbstbild vs. Authentizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93 93 95 99 101 104 109 117 118 121
2.3
Ist Würde schützenswert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
2.4
Grenzen dieses Ansatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.1 Ableitbare Normen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.2 Absolutheit, Universalität, Egalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.3 Ist der Würde-als-Haltung-Ansatz wertfrei? . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.4 Ein Prinzip unter vielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.5
Konklusion
126 126 129 130 131
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Inhalt
3 Nichtmenschliche Tiere als Subjekte, die Würde besitzen? . . . . . . 137 3.1
3.2
3.3
Inwiefern können nichtmenschliche Tiere zu ihrer Umwelt in ein Verhältnis treten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.1 Inwiefern nehmen nichtmenschliche Tiere ihre Umwelt wahr? 3.1.2 Inwiefern verfügen nichtmenschliche Tiere über Emotionen? 3.1.3 Inwiefern verfügen nichtmenschliche Tiere über Wünsche? . . 3.1.4 Inwiefern verfügen nichtmenschliche Tiere über Überzeugungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.5 Inwiefern können nichtmenschliche Tiere intentionale Handlungen ausführen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inwiefern können nichtmenschliche Tiere zu sich selbst in ein Verhältnis treten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Inwiefern sind nichtmenschliche Tiere bewusste Lebewesen? . . 3.2.2 Inwiefern sind nichtmenschliche Tiere sich ihrer selbst bewusst? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.1 Körperliches Selbstbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.2 Introspektives Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2.3 Soziales Selbstbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konklusion
139 139 141 147 149 154 158 159 164 165 172 180
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
4 Würdevolle Delfine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Perspektiven auf ein Leben im Delfinarium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.1 Das Leben im Delfinarium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.2 Delfinarien und ein möglichst leidfreies Leben . . . . . . . . . . . . . . 4.1.3 Delfinarien und das Zugestehen eines moralischen Status . . . . 4.1.4 Delfinarien und die Möglichkeit, ein autonomes Leben zu führen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.5 Delfinarien und ein Leben in Würde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.6 Exkurs: Schliessen sich Zoos und ein Leben in Würde per se aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
193 194 197 198
4.2
Würdeverlust, Würdeverletzung, Demütigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Worin besteht eine Würdeverletzung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.1 Kompletter Würdeverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1.2 Partieller Würdeverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1.3 Würdeverletzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2 Worin besteht eine Demütigung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.1 Was ist eine Demütigung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2.2 Beispiel einer Demütigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
210 211 212 214 215 226 227 230
4.3
Konklusion
4.1
200 202 207
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
7
8
Inhalt
Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Bibliografie
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
Danksagung
Das vorliegende Buch ist im Rahmen meines Dissertationsprojektes an der Universität Basel entstanden. Ich möchte mich herzlich bei allen Beteiligten für ihre Unterstützung im Hinblick auf den Prozess von den ersten Gedanken bis hin zum fertigen Buch bedanken: Ich danke dem Philosophischen Seminar der Universität Basel für die Möglichkeit, mich im Rahmen eines Dissertationsprojektes vertieft mit dem Begriff «Würde» auseinanderzusetzen. Mein herzlicher Dank gilt insbesondere meinem Betreuer Markus Wild (Universität Basel) und meiner Betreuerin Eva WeberGuskar (Ruhr-Universität Bochum). Sie standen mir in allen Etappen des Projektes mit ihrem philosophischen Wissen, ihrem Vertrauen in mein Vorhaben und ihrer persönlichen Erfahrung bestärkend zur Seite. Im Hinblick auf die Realisierung dieses Buches danke ich dem Schweizer Nationalfonds für die Finanzierung der Open-Access-Publikation sowie Christian Barth und Ruth Vachek vom Schwabe Verlag für die fachliche Begleitung vom Manuskript zum gedruckten Buch. Für die wertvollen Diskussionen und das konstruktive Feedback zu Auszügen aus diesem Buch bin ich Nico Müller, Angela Martin, Friederike Zenker, Christine Sievers, Muriel Leuenberger, Michael O’Leary, Deborah Mühlebach, Matthieu Queloz, Jelscha Schmid, Lukas Hilgert, Dominique Hosch, Anne Meylan, Melanie Sarzano, Marie van Loon, Rebekka Hufendiek, Hannah Fasnacht, Colin King und Samuel Tscharner dankbar. Ich danke meinem Lebensgefährten Laurin Stenz, meiner Familie – Markus Huber, Myrielle Huber und Raphael Huber – sowie meinen Freunden Numan Korkut, Michaela Koch, Roman Ludwig, Anita Weder und Martina Götte von Herzen für ihr Interesse und ihren Zuspruch. Auch für die vielen inspirierenden Spaziergänge mit meiner Hündin Csikita bin ich sehr dankbar.
Einleitung
Im Mai 2012 verabschiedete das Schweizer Parlament ein Importverbot für Delfine. Das bedeutete damals für das einzige Delfinarium der Schweiz das Ende und löste in der Öffentlichkeit zahlreiche Diskussionen aus, wobei unter anderem von der «Würde der Delfine» gesprochen wurde. So schrieb Alex Rübel, damaliger Direktor des Zürcher Zoos: «Ich teile die Meinung, dass die Haltung von Wildtieren zur reinen Volksbelustigung der Würde des Tieres nicht gerecht wird.» Er fragte aber zugleich: «Kann ein würdiger Umgang mit Tieren nur darin bestehen, dass wir die Wildtierhaltung verbieten, das Wildtier aus unserem Leben also verbannen?» (Rübel 2012). Antoine Goetschel, ehemaliger Zürcher Tieranwalt, sagte in der Diskussion über die Haltung von Wildtieren, die aufgrund des Importverbots erneut entstanden war: «The new point of view is to look at human animal relationships taking into account the dignity of the animal. This is the wider view» (O’Dea 2012). In einem anderen Kontext schrieb der Tagesanzeiger: «Wer wissen will, wie viel Würde ein Elefant mit Stosszähnen ausstrahlt, soll den Zürcher Zoo besuchen» (Schüz 2016). Diese Zitate betrachtend lassen sich diverse Beobachtungen festhalten: Zum einen scheinen wir – entgegen der Kritik, dass der Würdebegriff vage sei – ein intuitives und mehr oder weniger konkretes Würdeverständnis zu haben, weshalb wir bis zu einem gewissen Grad verstehen, was uns die Person mit der jeweiligen Aussage mitteilen will. Das heisst, wir haben insofern eine Idee vom Begriff der Würde, als wir ein Gefühl dafür haben, wann dieser Begriff korrekt angewendet wird – wir haben also sprachliche Intuitionen den Würdebegriff betreffend. Ausserdem verfügen wir über moralische Intuitionen im Hinblick auf den Würdebegriff, wir denken nämlich, dass ein Subjekt, das Würde besitzt, auf eine bestimmte Art und Weise behandelt werden soll. Zum anderen tauchen beim Lesen dieser Zitate aber auch diverse Fragen auf: Weshalb wird die Haltung von Wildtieren zu Unterhaltungszwecken der Würde eines Tieres nicht gerecht? Worin besteht ein würdiger Umgang mit Tieren? Kann ein Tier, das in einem Zoo lebt, Würde haben, oder schliessen sich ein Leben im Zoo und ein Leben in Würde aus? Wenn davon die Rede ist, «wie viel Würde ein Elefant ausstrahlt», ist Würde dann ein graduelles Phänomen? Und grundsätzlich: Was besitzt ein Tier, das Würde hat? Und was verliert ein Tier, das seine Würde verliert? Um hierauf Antworten zu finden, widme ich mich in dieser Arbeit der übergeordneten Frage: Lässt sich der Begriff der Würde sinnvoll auf nichtmenschli-
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Einleitung
che Tiere anwenden? Dafür setze ich mich allgemein, das heisst: im Hinblick auf nichtmenschliche sowie menschliche Tiere, mit dem Begriff der Würde auseinander –Letzteres auch, weil es zum Begriff der Würde des Menschen mehr Fachliteratur gibt. Nicht nur in der Alltagssprache, auch in der Rechtssprache wurde der Würdebegriff verankert: Nebst dem bereits etwas länger vorhandenen Begriff der Würde des Menschen, der vermehrt seit dem zweiten Weltkrieg Einzug in Rechtstexte gefunden hat, wird die «Würde der Kreatur» seit 1980 in der Kantonsverfassung des Kantons Aargau (§ 14) sowie seit 1992 auch in der Schweizerischen Bundesverfassung (BV Art. 120) garantiert, das heisst: Auch nichtmenschlichen Tieren sowie Pflanzen und anderen Organismen wird per Gesetz Würde zugesprochen. Der Begriff der Würde soll in der rechtlichen Praxis im Hinblick auf moralische Fragen eine mögliche Orientierung bieten – wobei der Würdebegriff zunächst vage und abstrakt ist und erst durch Gesetze und die Rechtsprechung inhaltlich gefüllt wird. Im schweizerischen Tierschutzgesetz wird, die Würde des Tieres betreffend, unter dem Begriff «Würde» verstanden, dass der «Eigenwert des Tieres im Umgang mit ihm geachtet werden muss» (TSchG Art. 3a). Im Vergleich zur Würde des Menschen wird die Würde des Tieres in ihrer Geltung jedoch nicht absolut, sondern relativ verstanden: Die Würde des Tieres muss jeweils mittels einer Güterabwägung gegen menschliche Interessen abgewogen werden – wohingegen die Würde des Menschen unabwägbar ist. Die Beobachtungen, die wir im Zuge der zu Beginn angeführten Zitate gemacht haben, sowie die Beobachtungen zur Handhabung des Würdebegriffs in Rechtstexten, zeigen: «Würde» hat mehrere Bedeutungen und wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verwendet. Dies zeigt auch ein Blick in die philosophische sowie die juristische Fachliteratur zu diesem Begriff. Denn seine Verwendung mag zwar weit verbreitet sein, dennoch herrscht ein grosser Dissens darüber, was jeweils im Detail unter Würde zu verstehen ist – beziehungsweise, ob der Würdebegriff überhaupt inhaltlich definiert oder ob nicht beispielsweise besser offengelassen werden sollte, welche Güter der Würdebegriff im rechtlichen Rahmen umfasst. Diese Vielfalt an diversen Würdeverständnissen ruft Kritiker*innen auf den Plan: Sie stellen infrage, ob sich der Begriff «Würde» überhaupt sinnvoll verwenden lässt. An diesem Punkt möchte ich mit meinem Vorhaben anknüpfen: Wenn man einen Begriff im ethischen Kontext sinnvoll verwenden will, dann gilt es, diesen zunächst einmal zu präzisieren. Denn erst die Präzisierung des Würdebegriffs ermöglicht eine konsistente sowie kohärente Verwendung desselben. Ich gehe in dieser Arbeit also folgendermassen vor: In einem ersten Schritt lege ich formale Adäquatheitsbedingungen fest, die ein Würdebegriff erfüllen muss. Denn erst im Anschluss daran lässt sich meines Erachtens ein fundierter Würdebegriff ausformulieren.
Einleitung
Mit einer solchen Präzisierung möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass wir den Würdebegriff weiterhin verwenden und dabei auf konkrete Sachverhalte referenzieren können. Meine Definition soll deshalb auch bestimmte Intuitionen einfangen können. Dabei fokussiere ich hauptsächlich auf Intuitionen auf sprachlicher Ebene – auf unser Sprachgefühl, wie ein Ausdruck korrekt zu gebrauchen ist – und auf Intuitionen auf moralischer Ebene – wohlüberlegte Alltagsurteile darüber, was moralisch erlaubt oder verboten ist. Ich werde deshalb im Verlauf meiner Arbeit immer wieder Beispiele anführen, um zu verdeutlichen, worin meine Aussage genau besteht beziehungsweise um zu veranschaulichen, welche Intuition ich einfangen möchte. In der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Würdeverständnissen wird sich zeigen, dass nicht alle Philosoph*innen dieselben Adäquatheitsbedingungen teilen oder dass sie mit ihrem Verständnis von Würde nicht auf die gleiche Art von Intuitionen fokussieren – sie gewichten zum Beispiel bestimmte moralische Intuitionen mehr als andere. Mein Anspruch in dieser Arbeit ist somit nicht zu zeigen, dass mein Würdeverständnis das einzig legitime ist. Ich möchte vielmehr einen in unserer Alltagssprache oft und teilweise auch inkohärent verwendeten Begriff mithilfe einer adäquaten Definition präzisieren und dabei plausibel machen, weshalb wir unter dem Begriff «Würde» das verstehen sollten, was ich erarbeitet habe – wobei ich nicht ausschliessen möchte, dass der so erarbeitete Würdebegriff nicht auch für Rechtstexte relevant sein könnte. Ich möchte deutlich machen, weshalb es Sinn macht, bestimmte Aspekte in das Würdeverständnis einzubeziehen und anderen Aspekten wiederum keinen Platz zuzugestehen. Mein Ziel ist es, einen Würdebegriff zu skizzieren, der nachvollziehbaren begrifflichen Bedingungen entspricht, dabei aber auch unsere Intuitionen einzufangen vermag sowie darüber hinaus einen Beitrag in ethischen Debatten leisten kann. Was die Erarbeitung eines präzisen Würdebegriffs anbelangt, unterscheide ich mich in meiner Vorgehensweise methodisch von anderen Philosoph*innen. Viele Autor*innen, beispielsweise Peter Schaber (2004; 2014; 2017; 2019) und Ralf Stoecker (2013), beginnen ihre Erläuterung des Würdebegriffs damit, Beispiele zu diskutieren, in denen Würde eben nicht vorhanden ist, das heisst, sie fokussieren auf den Begriff der Würdeverletzung – Schaber orientiert sich für seine Begriffserläuterung beispielsweise an «paradigmatische[n] Fälle[n] von Würdeverletzungen» (Schaber 2004, S. 99). Ich setze an einem anderen Punkt an: In Anlehnung an Eva Weber-Guskar (2016b) liefere ich eine Explikation des Würdebegriffs, indem ich das Phänomen der Würde betrachte und dabei die relevanten Aspekte mit einer präzisen Definition des Würdebegriffs zu erfassen versuche. Dabei gehe ich unter anderem von unserem alltäglichen Sprachgebrauch aus, konkret: von unseren sprachlichen und moralischen Intuitionen. Ich stütze mich ausserdem auf Beispiele, in denen Würde vorhanden ist und in denen ersichtlich ist, was mit Würde gemeint ist, das heisst: Situationen, in denen der Begriff der Würde im Vordergrund steht. Diesen methodischen Weg wähle
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Einleitung
ich, weil ich der Meinung bin, dass wir mithilfe von Beispielen durchaus beschreiben können, was es bedeutet, über Würde zu verfügen. Es ermöglicht es, in einem weiteren Schritt relevante Aspekte unter einen präzisen Begriff zu fassen. Erst im Anschluss daran befasse ich mich damit, worin der Verlust oder eine Verletzung der Würde sowie eine Demütigung bestehen. Die Erarbeitung eines präzisen Würdebegriffs ist mit Blick auf mein Vorhaben jedoch lediglich der erste, wenn auch notwendige Schritt. Auch im Hinblick auf meine übergeordnete Frage, ob sich der Würdebegriff sinnvoll auf nichtmenschliche Tiere anwenden lässt, orientiere ich mich, nebst der bestehenden Fachliteratur sowie der gängigen Rechtspraxis, an unseren sprachlichen und moralischen Intuitionen. Dass wir den Würdebegriff auf nichtmenschliche Tiere anwenden, wurde anhand der zu Beginn diskutierten Zitate ersichtlich. Um die Frage danach, ob der Würdebegriff sinnvoll auf nichtmenschliche Tiere angewendet werden kann, zu beantworten, ist es wichtig, beim Erarbeiten eines präzisen Würdebegriffs darauf zu achten, dass nicht von einem anthropozentrischen Ansatz ausgegangen wird, das heisst: der Würdebegriff darf nicht bereits von vornherein nur auf Menschen anwendbar sein. Ich setze daher voraus, dass der Würdebegriff hinsichtlich der Frage, wer oder was darunter fällt, relativ offen gehalten werden muss. Der Würdebegriff darf somit beispielsweise nichtmenschliche Tiere weder von vornherein aus- noch per se einschliessen. Dies bedeutet folglich auch nicht, dass nichtmenschliche Tiere automatisch unter den Würdebegriff fallen. Letzteres gilt es vielmehr zu erörtern. Gerade was den Würdebegriff mit Blick auf nichtmenschliche Tiere angeht, scheint eine Erklärungslücke zu bestehen: Der Begriff der Würde des Menschen wurde bereits ausführlich diskutiert – zumindest seit der Würdebegriff die starke moralische Konnotation erhalten hat, die ihm durch den Einzug in diverse rechtliche Texte zuteilwurde. Auf philosophischer und rechtlicher Ebene wurde aber noch kaum erörtert, ob auch nichtmenschliche Tiere Würde haben können und, wenn ja, ob sie unter denselben Würdebegriff wie Menschen fallen. Wenn über die Würde nichtmenschlicher Tiere gesprochen wird, wie es beispielsweise in der schweizerischen Rechtspraxis der Fall ist, dann wird der Begriff «Tierwürde» oftmals in Analogie zum Begriff «Menschenwürde» verwendet, ohne dass dabei unter dem Begriff «Würde» dasselbe verstanden wird. Dies erscheint mir auf begriffstheoretischer Ebene problematisch. Mein Anliegen ist deshalb, einen Beitrag zur Diskussion über die Würde nichtmenschlicher Tiere zu leisten, indem ich das Phänomen der Würde begrifflich zu erfassen versuche – unabhängig davon, ob es bei menschlichen oder nichtmenschlichen Tieren auftritt. Offen bleibt dann noch, inwiefern dieser Würdebegriff auf nichtmenschliche Tiere angewendet werden kann – auch, weil der Ausdruck «nichtmenschliche Tiere» eine sehr heterogene Menge an Individuen umschreibt. Deshalb soll auch präzisiert werden, was im Rahmen dieser Arbeit mit diesem Begriff gemeint ist beziehungsweise
Einleitung
welche nichtmenschlichen Tiere im Speziellen unter den hier erarbeiteten Würdebegriff fallen. Bevor ich zur argumentativen Struktur und der Kapitelübersicht komme, möchte ich mein Projekt noch klarer eingrenzen, um möglichen Einwänden und Bedenken vorzubeugen. In erster Linie besteht mein Projekt also darin, eine Explikation des Begriffs «Würde» zu skizzieren. Erst wenn ich eine überzeugende Explikation des Würdebegriffs erarbeitet habe, kann beurteilt werden, inwiefern «Würde» ein moralischer Begriff ist, der auch normativ ist und daher etwas von uns fordert. Eine Tierschützerin könnte sich aufgrund der Tatsache, dass mein Würdebegriff bestimmte nichtmenschliche Tiere nicht einschliesst und stark vom bestehenden rechtlichen Würdebegriff abweicht, im Hinblick auf mein Projekt unwohl fühlen. Aber mein Vorgehen besteht eben nicht darin, dass ich sage: Es existieren unzählige Individuen nichtmenschlicher Tierarten, und diese versuche ich mit einem massgeschneiderten Würdebegriff einzufangen. Im Gegenteil, ich beginne beim beobachtbaren Phänomen der Würde und erarbeite ein sehr spezifisches Würdeverständnis. Das schliesst bestimmte nichtmenschliche Tiere ein, aber nicht alle. Insbesondere wird der Würdebegriff an spezifische kognitive Bedingungen geknüpft sein, wie sich zeigen wird. Tiere wie Schwämme und Korallen, die nicht über ein Gehirn oder zentrales Nervensystem verfügen, werden dabei ausgeschlossen. Auch bei im Vergleich kognitiv etwas höher entwickelten Tieren, wie beispielsweise Fröschen und Fischen, wird es fraglich sein, ob sie die kognitiven Anforderungen dieses spezifischen Würdebegriffs erfüllen. Das mag auf den ersten Blick nicht sehr tierfreundlich erscheinen. Es ist gerade deshalb wichtig, zwischen «Würde besitzen» und «moralisch berücksichtigt werden» zu unterscheiden. Frösche und Fische sind empfindungsfähige Wesen und haben deshalb plausiblerweise einen Anspruch auf moralische Berücksichtigung, indem ihnen zum Beispiel ein moralischer Status zugesprochen wird. Dass sie darüber hinaus nicht auch noch Würde haben und aufgrund dessen geschützt werden sollten, heisst daher keines Falls, dass diese Tiere keine moralische Berücksichtigung oder Fürsorge verdient haben. Es präzisiert vielmehr die Form dieser Berücksichtigung oder Fürsorge: Ein Lebewesen, dem aufgrund seiner Fähigkeiten Würde zugesprochen werden kann, hat nicht mehr moralische Ansprüche, sondern es hat andere. Mein Projekt führt somit nicht dazu, dass der Schutz nichtmenschlicher Tiere gemindert wird. Im Gegenteil: Ein präziser Würdebegriff liesse sich auf konkrete Situationen anwenden und lenkte dabei den Fokus auf bestimmte Aspekte, wodurch konkrete Missstände in unserer Mensch-Tier-Beziehung aufgedeckt werden könnten. Mein Würdeverständnis könnte dadurch sogar für die rechtliche Praxis fruchtbar gemacht werden: Das bestehende rechtliche Würdeverständnis könnte um eine Komponente erweitert werden – wie das im Detail auszusehen hat, ist hier jedoch nicht Thema.
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Kommen wir nach diesen einführenden Worten zum inhaltlichen Aufbau meiner Arbeit. In Kapitel 1 setze ich mich zuerst allgemein mit dem Würdebegriff auseinander. Dabei entwickle ich Adäquatheitsbedingungen, die ein präziser Würdebegriff erfüllen muss. Anschliessend untersuche ich, ob und wie weit bestimmte Würdeverständnisse, wie Würde als Wert, Würde als moralischer und sozialer Status, Würde als Fähigkeit im Sinne eines Potenzials und Würde als Verfassung, die formalen Adäquatheitsbedingungen erfüllen oder eine inhaltlich überzeugende Antwort auf die Adäquatheitsbedingungen liefern. Die Besprechung der diversen Würdeverständnisse beinhaltet dabei keine erschöpfende Darstellung bestehender Ansätze, sondern sie soll zweierlei Leistungen erbringen: Einerseits eine allgemeine Annäherung an den Würdebegriff ermöglichen und andererseits das in dieser Arbeit skizzierte und verteidigte Würdeverständnis angemessen kontextualisieren. Das letzte zu besprechende Würdeverständnis, Würde als Verfassung, erweist sich als fruchtbarer Ansatz. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit gehe ich deshalb näher auf dieses spezifische Würdeverständnis ein. Eine Variante des Würde-als-Verfassung-Ansatzes ist das Verständnis von Würde als Haltung. Diesem Würdeverständnis widme ich mich in Kapitel 2. Würde als Haltung ist im Sinne einer bestimmten Verfassung zu verstehen, nämlich als mit dem eigenen Selbstbild in Übereinstimmung lebend. Diese Verfassung kann verlorengehen und wiedererlangt werden – ich betrachte Würde also nicht als unverlierbar. Zudem kann ein Subjekt mehr oder weniger mit seinem Selbstbild übereinstimmen, das heisst: Würde ist graduell. Bei der Darstellung dieses Würdeverständnisses orientiere ich mich an Eva Weber-Guskar (2016b; 2016; 2017) und ihrem Verständnis von Würde als Haltung, wobei ich in zwei relevanten Punkten von ihrer Vorgehensweise abweiche: Erstens betrachte ich dieses Würdeverständnis nicht nur im Hinblick auf Menschen. Im Gegenteil, ich betrachte es im Sinne der zuvor erwähnten begrifflichen Offenheit auch auf eine mögliche Anwendung auf nichtmenschliche Tiere. Ich spreche somit jeweils von Würde, unabhängig davon, ob es beispielsweise ein Mensch oder ein Schimpanse ist, bei dem das Phänomen zu beobachten ist. Zweitens arbeite ich explizit notwendige und hinreichende Fähigkeiten aus, über die ein Subjekt verfügen muss, damit es überhaupt in der Lage sein kann, über Würde verfügen zu können: Ein Subjekt muss Emotionen, Wünsche und Überzeugungen ausbilden sowie intentionale Handlungen ausführen und es muss zu sich selbst in ein Verhältnis treten können. Mithilfe dieser Fähigkeiten ist ein Subjekt nämlich in der Lage, ein Selbstbild zu entwickeln und zu merken, ob es damit übereinstimmt. In Kapitel 3 befasse ich mich mit der Frage, inwiefern bestimmte nichtmenschliche Tiere über diese würderelevanten Fähigkeiten verfügen. Dabei gehe ich – jeweils auf entsprechende Fachliteratur verweisend – davon aus, dass bestimmte nichtmenschliche Tiere Emotionen, Wünsche und Überzeugungen ausbilden sowie intentionale Handlungen ausführen können und sich ihrer selbst bewusst sind. Ich gehe deshalb nicht auf die Frage ein, ob bestimmte nicht-
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menschliche Tiere diese Fähigkeiten besitzen, sondern ich befasse mich mit der Frage, inwiefern sie diese Fähigkeiten besitzen. Das heisst, ich setze mich damit auseinander, wie sich besagte Fähigkeiten manifestieren, und stelle dar, was ich meine, wenn ich von diesen Fähigkeiten im Hinblick auf nichtmenschliche Tiere spreche. Ausserdem erläutere ich in diesem Kapitel, welche Rolle diese Fähigkeiten für die Entstehung des eigenen Selbstbildes sowie die Übereinstimmung damit spielen. Wie bereits erwähnt, versuche ich, wann immer es mir sinnvoll erscheint, ein Beispiel zu liefern. Dabei greife ich gerade in Kapitel 3 auf verschiedene Tierarten zurück. Hauptsächlich werde ich mich auf Delfine, genauer die Delfinart Grosser Tümmler (Tursiops truncatus), beziehen. Sie werden im Hinblick auf nichtmenschliche Tiere und ihre Würde sozusagen den roten Faden bilden – dies aus dem einfachen Grund, dass Delfine kognitiv hoch entwickelte soziale Tiere sind, deren Verhalten bereits seit einiger Zeit studiert wird und die dennoch nicht so nah mit uns Menschen verwandt sind, wie es beispielsweise die Menschenaffen sind. Gibt es keine geeigneten Beispiele bei Delfinen, weiche ich auf andere Tierarten aus. Dies aus zwei Gründen, die darauf zurückzuführen sind, weshalb ich überhaupt Beispiele anbringe: Einerseits verdeutliche ich damit meine Aussage. Andererseits untermauere ich die Theorie mit Beispielen aus Verhaltensstudien. Das Ziel meiner Arbeit besteht nicht darin, eine vollständige Liste von Tierarten zu erstellen, die unter den Begriff der Würde fallen, sondern die dafür notwendigen und hinreichenden Fähigkeiten mithilfe von Beispielen zu erläutern. In Kapitel 4 gehe ich schliesslich darauf ein, welchen Beitrag das hier beschriebene Würdeverständnis in ethischen Debatten leisten kann. Dafür teile ich das letzte Kapitel in zwei Teile: Zum einen betrachte ich als konkretes Beispiel das Leben von Delfinen, die in einem Delfinarium leben. Dabei befasse ich mich mit der Frage, inwiefern die Forderung nach einem Leben in Würde eine andere Perspektive auf diese Situation ermöglicht, als dies andere Forderungen mit Blick auf nichtmenschliche Tiere ermöglichen, wie beispielsweise die Forderung nach einem moralischen Status oder die Forderung nach einem autonomen Leben. Darüber hinaus setze ich mich mit weiteren Begriffen auseinander, die häufig in ethischen Debatten benutzt werden: Würdeverletzung, Würdeverlust und Demütigung. Diese Begriffe versuche ich vor dem Hintergrund des Würde-als-Haltung-Ansatzes präzise zu definieren. Zum Schluss fasse ich die Ergebnisse nochmals zusammen und betrachte auf kritische Art und Weise den wissenschaftlichen Beitrag, den ich mit dieser Arbeit zur Diskussion stelle, das heisst, ich verorte mein Projekt in einem grösseren tierethischen Rahmen. Ausserdem halte ich fest, was ich mit meinem Ansatz nicht leisten konnte und welche Fragen am Ende meiner Auseinandersetzung mit dem Würdebegriff und seiner Anwendung auf nichtmenschliche Tiere offengeblieben sind.
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1 Würdeverständnisse: Eine Übersicht
In einem ersten Schritt gilt es zu klären, was unter dem Begriff «Würde» zu verstehen ist. Ich werde deshalb im Folgenden relevante und konkrete Verständnisse des Begriffs «Würde» skizzieren und diskutieren. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass dieses Kapitel der Übersicht und teils auch dem Verwerfen unterschiedlicher Würdeverständnisse dient. Eine Verteidigung des Gebrauchs des Begriffs «Würde» leistet dieses Kapitel nur am Rande: Es gibt Autor*innen, die bezweifeln, dass der Würdebegriff sinnvoll angewendet werden kann. Die Forderung, den Begriff «Würde» fallenzulassen, wird beispielsweise von Rüdiger Bittner (2017) stark gemacht, so wie auch Ruth Macklin (2003) den Begriff «Würde» als «a useless concept» bezeichnet, weil der Würdebegriff vage sei und nichts zu einer ethischen Debatte beitragen könne.1 Anstatt diese Sichtweise zu kritisieren, werde ich im Folgenden darstellen, dass der Würdebegriff sinnvoll auf bestimmte Subjekte angewendet und auch gewinnbringend in ethischen Debatten eingebracht werden kann, zumindest dann, wenn eine präzise Definition des Würdebegriffs angegeben wird. Letzteres ist wichtig, denn Peter Bieri (2013) beispielsweise wendet sich nicht gegen die Verwendung des Würdebegriffs an sich, er ist aber der Meinung, dass wir keine Definition des Würdebegriffs brauchen. In seiner Vagheit entspreche der Würdebegriff gerade dem, wie wir ihn im Alltag verwenden. Es mag stimmen, dass 1 Wie dies bereits Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert getan haben: So schrieb Schopenhauer «Allein dieser Ausdruck ‹Würde des Menschen›, ein Mal von Kant ausgesprochen, wurde nachher das Schiboleth aller rath- und gedankenlosen Moralisten, die ihren Mangel an einer wirklichen, oder wenigstens doch irgend etwas sagenden Grundlage der Moral hinter jenen imponirenden Ausdruck ‹Würde des Menschen› versteckten, klug darauf rechnend, daß auch ihr Leser sich gern mit einer solche Würde angethan sehen und demnach damit zufrieden gestellt seyn würde» (Schopenhauer 2007, S. 64). Und Nietzsche schrieb: «Wir Neueren haben vor den Griechen zwei Begriffe voraus, die gleichsam als Trostmittel einer durchaus sklavisch sich gebarenden und dabei das Wort ‹Sklave› ängstlich scheuenden Welt gegeben sind: wir reden von der ‹Würde des Menschen› und von der ‹Würde der Arbeit›. Alles quält sich, um ein elendes Leben elend zu perpetuieren; diese furchtbare Not zwingt zu verzehrender Arbeit, die nun der vom ‹Willen› verführte Mensch (oder richtiger, menschliche Intellekt) gelegentlich als etwas Würdevolles anstaunt. Damit aber die Arbeit einen Anspruch auf ehrende Titel habe, wäre es doch vor allem nötig, daß das Dasein selbst, zu dem sie doch nur ein qualvolles Mittel ist, etwas mehr Würde und Wert habe, als dies ernstmeinenden Philosophien und Religionen bisher erschienen ist» (Nietzsche 1980, S. 275).
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1 Würdeverständnisse: Eine Übersicht
wir im Alltag den Begriff «Würde» für diverse Phänomene benutzen. Das bedeutet aber meines Erachtens nicht, dass wir daraus schliessen müssen, dass ein Begriff auch tatsächlich vage sein soll, um möglichst viele verschiedene Phänomene umfassen zu können. Der Würdebegriff, den ich in dieser Arbeit skizzieren werde, soll tatsächlich möglichst viele unserer wohlüberlegten Intuitionen einfangen, nicht aber zum Preis der begrifflichen Klarheit. Sie bildet eine wichtige Voraussetzung, um in einer Debatte Fortschritte erzielen zu können: Nur wenn sich Gegner*innen und Befürworter*innen auf denselben Begriff beziehen, lassen sich sinnvolle Diskussionen führen. Ziel dieser Arbeit ist zu prüfen, ob sich der Würdebegriff auch auf nichtmenschliche Tiere anwenden lässt. An dieser Stelle möchte ich eine mögliche Entgegnung vorwegnehmen, nämlich dass der Würdebegriff im Hinblick auf Menschen auf eine andere Art und Weise verstanden werden sollte als im Hinblick auf nichtmenschliche Tiere, das heisst, dass ein homonymes Verständnis des Würdebegriffs bevorzugt werden sollte. Das würde bedeuten, dass der Begriff «Würde» zwei verschiedene Würdeverständnisse umfassen sollte. Es könnte beispielsweise im Hinblick auf Menschen von Würde als Haltung und im Hinblick auf nichtmenschliche Tiere von Würde als Wert gesprochen werden. Meine Herangehensweise ist eine andere: Ausgangspunkt bildet in dieser Arbeit ein synonymes Verständnis des Würdebegriffs. Ich untersuche, ob sich ein Würdebegriff präzisieren lässt, der sowohl auf Menschen als auch auf nichtmenschliche Tiere zutrifft und der zugleich im Einklang mit unseren sprachlichen und moralischen Intuitionen steht. Ich gehe von einem synonymen Würdeverständnis aus, weil es zum einen keineswegs offensichtlich ist, dass ein Würdebegriff definiert werden kann, der sich auf menschliche und nichtmenschliche Tiere anwenden lässt. Doch genau dies werde ich in dieser Arbeit darstellen. Zum anderen hat ein synonymes Verständnis des Würdebegriffs einige Vorteile gegenüber der homonymen Alternative: Zum einen verfügen wir dann nur einmal über den sprachlichen Ausdruck «Würde». Zum anderen sieht sich das homonyme Würdeverständnis mit Problemen konfrontiert, zum Beispiel, dass der sprachliche Ausdruck «Würde» zwei Begriffe umfasst, die auf verschiedene Art und Weise ausdifferenziert werden, wie es beispielsweise im Schweizer Recht der Fall ist. Dort werden die Würde des Menschen und die Würde des Tieres nicht als synonyme, sondern als homonyme Begriffe betrachtet, denn Würde wird zwar in beiden Fällen als Wert verstanden, doch meint «Wert» im Hinblick auf Menschen und nichtmenschliche Tiere jeweils nicht dasselbe: Die Würde des Menschen gilt absolut, die Würde des Tieres ist abwägbar. Im Schweizer Recht scheint die Würde des Tieres vorwiegend deshalb nicht absolut verstanden zu werden, weil wir sonst unsere Gewohnheiten zu stark ändern müssten und es für Menschen einen Verzicht auf die Nutzung von nichtmenschlichen Tieren bedeuten würde. Denn Ziel ist, dass bestimmte Rechte vom Würdebegriff abgeleitet werden können und diese für Menschen und Tiere unterschiedlich ausfallen sollen. Doch dies ist ein schlechter Grund, einen Begriff anderweitig aus-