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Der gestische Ursprung der Sprache

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JAC O B BU R C K HA R D T- G E S P R ÄC H E AU F C A S T E L E N 38

Ludwig Jäger

Der gestische Ursprung der Sprache Die Entstehung der menschlichen Sprachfähigkeit und die Bedeutung gestisch-visueller Kommunikation


Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen

Band 38


Ludwig Jäger

Der gestische Ursprung der Sprache Die Entstehung der menschlichen Sprachfähigkeit und die Bedeutung gestisch-visueller Kommunikation

Schwabe Verlag


Die Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen wurden im Rahmen der Römer-Stiftung Dr. René Clavel begründet von Dr. iur. Dr. phil. h.c. Jacob Frey-Clavel.

Direktorium: Prof. Dr. Gottfried Boehm · Prof. Dr. Gunnar Hindrichs · Prof. Dr. Kurt Seelmann

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Copyright © 2022 Direktorium der Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Universität Basel, und Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Direktoriums der Jakob Burckhardt-Gespräche und des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4524-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4531-3 DOI 10.24894/978-3-7965-4531-3 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt 1 Notiz zu Geschichte und Aktualität des Sprachursprungsproblems  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2 ‘Sprachfähigkeit’: Begriffliche Kontroversen   . . . . . . . . 17 3 Hominisation und Sprachevolution  . . . . . . . . . . . . . . . . 25 4 Die ‘gestural primacy hypothesis’  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 4.1 Gebärdensprache als autonome Form der menschlichen Sprachfähigkeit  .. . . . . . . . . . . . . . . . . 33 4.2 Die phylogenetische Vorgängigkeit der Gebärdensprache  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 5 Kleines Resümee  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

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Wenn weder die Anthropologie noch die menschliche Ontogenese zeigen kann, daß die Evolution der Sprache durch Veränderung der menschlichen Luftwege zustande gekommen ist, warum haben dann die Linguisten nicht die Hand und ihren speziellen Gebrauch zu Kommunikationszwecken als entscheidenden Anstoß der Sprach­ evolution vorgeschlagen? Frank. R. Wilson*

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Frank. R. Wilson: Die Hand – Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluß auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen, Stuttgart 22000, 221.

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1  Notiz zu Geschichte und Aktualität des Sprachursprungsproblems Das Rätsel des Sprachursprungs,1 das seit jeher theologisches, künstlerisches und philosophisches Denken angeregt und herausgefordert hat, muß noch immer als ein nicht vollständig gelöstes Rätsel angesehen werden. Trotz der Erkenntnisfortschritte, die die Wissenschaften insbesondere in den beiden letzten Jahrhunderten auf den Gebieten der Sprache, des Gehirns und der menschlichen Gattungsgeschichte gemacht haben, kann man auch gegenwärtig nicht davon ausgehen, dass die Entstehung des humanen Sprachvermögens in ihren Voraussetzungen und Ursachen wissenschaftlich und philosophisch abschließend aufgeklärt und gänzlich verstanden ist. Nach den großen Debatten des 18. und 19. Jahrhunderts steht das Problem in jüngerer Zeit erneut auf der Forschungsagenda von Wissenschaften wie etwa der Evolutionsbiologie, der Archäologie, der Paläoanthropologie und natürlich auch der Linguistik. 1999 schloss die Berliner Akademie der Wissenschaften mit einem internationalen Kolloquium2 an ihre eigene bedeutende Tradition auf diesem thematischen Feld an 1

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Seit Jacob Grimm dies in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die vergleichende indoeuropäische Sprachwissenschaft ankündigte (vgl. unten), intendieren Wissenschaften immer wieder, das ‘mysteriöse Rätsel’ des Sprachursprungs von einem Gegenstand philosophischer oder theologischer Reflexion zu einem Gegenstand ‘seriöser Forschung’ zu machen: «The origin of Linguistic capacity has too long been considered a mystery; it is time to treat it as amenable to serious intellectual inquiry» (vgl. Wendy K. Wilkins, Jennie Wakefield: «Brain Evolution and Neurolinguistic Preconditions». In: Behavioral and Brain Sciences 18, 1995, 161–226; hier: 161). Vgl. Jürgen Trabant/Sean Ward (Hg.): New Essays on the Origin of Language, Berlin/New York 2001.

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und blickte vom Stand der heutigen Forschung aus zurück auf die großen Debattenbeiträge, die seit dem frühen 18. Jahrhundert in ihrem Umfeld entstanden waren. Ihren Anfang genommen hatten diese mit der 1710 von Akademiegründer Leibniz in der ersten Akademiepublikation veröffentlichten «Kurze[n] Schilderung der Erwägungen zur Herkunft der Völker, die sich am ehesten aus dem, was die Sprachen zu erkennen geben, ableiten lässt».3 Der Ursprungs-​Diskurs, in dem theologische sowie philosophische und im 19. Jahr­hundert zunehmend auch naturwissenschaftlich inspirierte Positionen zum Sprachursprung aufeinandertrafen, intensivierte sich dann im Laufe des 18. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch die von der Berliner Akademie 1769 ausgeschriebene Preisfrage, «ob die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen, Sprache hätten erfinden und durch welche Mittel sie diese Erfindung hätten bewerkstelligen können», eine Frage, die die Debatte darüber aufnahm, ob der Ursprung der Sprache auf göttliche Intervention oder auf menschliche Invention4 zurückzuführen sei. Eine preisgekrönte Antwort5 auf diese Frage hatte Herder in seiner 1772 gedruckten Ursprungsschrift6 gegeben, die noch einmal den 3

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Gottfried Wilhelm Leibniz: «Brevis designatio meditationum de originibus gentium, ductis potissimum ex indicio linguarum». In: ­Miscellanea Berolinensia, ad incrementum scientarium, ex scriptis societatis regiae scientarium, Berlin, Johann. Christ. Papenii 1710, 1–16. Nach Darwin tritt mitunter an die Stelle der menschlichen Invention (so etwa bei Chomsky) die Mutation: «Either it [the linguistic evoluti� on] was put in place by some still-undiscovered force, perhaps through divine intervention, or it was the result of some relatively abrupt change […], perhaps some sort of spontaneous mutation» (vgl. Wilkins/Wake�field: «Brain Evolution and Neurolinguistic Preconditions», a. a. O., 161). Herders «Abhandlung über den Ursprung der Sprache» von 1772 war aus dreißig zumeist anonym eingereichten Schriften als Sieger hervorgegangen (vgl. hierzu Cordula Neis: Anthropologie im Sprachdenken des 18. Jahrhunderts – Die Berliner Preisfrage nach dem Ursprung der Sprache (1771), Berlin/New York 2003). Vgl. Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. In: ders.: Sprachphilosophische Schriften, hg. von Erich ­Heintel, Hamburg 1960, 3–87.


gesamten Diskurs des 18. Jahrhunderts mit Blick auf die Beiträge Diderots, Condillacs, Rousseaus, Süßmilchs und ­Maupertuis’ reflektierte und «das Feld des Irrtums zu beiden Seiten» [der Annahme eines ‘göttlichen’ bzw. eines ‘menschlichen’ Ursprungs] als «unermesslich groß» ansah: «[…] da ist die Sprache bald so übermenschlich, daß sie Gott erfinden muß, bald so unmenschlich, daß jedes Tier sie erfinden könnte, wenn es sich die Mühe nähme. Das Ziel der Wahrheit ist nur ein Punkt, auf den hingestellt, sehen wir aber auf allen Seiten: warum kein Tier Sprache erfinden kann, kein Gott Sprache erfinden darf und der Mensch, als Mensch, Sprache erfinden kann und muß.»7 Herders These, dass die ‘Besonnenheit’8 des Menschen, die er gleichsam als ‘Ersatz’ für den Mangel an tierischen ‘Kunsttrieben’ ansieht, «den notwendigen genetischen Grund zur Entstehung der Sprache» darstelle,9 kann in der Debatte des 18. Jahrhunderts10 als der letzte große Versuch angesehen werden, das Problem des Sprachursprungs im Horizont einer philosophischen Anthropologie zu lösen.11 Jakob Grimm jedenfalls gab achtzig Jahre nach dem Erscheinen von Herders Schrift, wiederum in einem Akademievortrag, der den Titel «Über den Ursprung der Sprache»12 trug, der Hoffnung Ausdruck, dass es nicht mehr die Philosophie bzw. die Theologie, sondern dass es die Wissenschaften seien – und unter diesen beson-

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Vgl. Herder: Abhandlung, a. a. O., 29. Vgl. Herder: Abhandlung, a. a. O., 22 ff. Vgl. Herder: Abhandlung, a. a. O., 19. Vgl. hierzu etwa Neis: Anthropologie, a. a. O.; vgl. auch Jürgen Trabant: «Introduction: New perspectives». In: Trabant/Ward: New Essays, a. a. O., 1–17. Vgl. hierzu Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil: Die Sprache, Darmstadt 1964, 90–99. Vgl. Jacob Grimm: Über den Ursprung der Sprache. In: Kleinere Schriften von Jacob Grimm, 1. Bd., Berlin 1864, 255–298.

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ders die (vergleichende) Sprachwissenschaft13 –, die einen grundlegenden Beitrag zur Lösung des Sprachursprungsrätsels zu leisten vermöchten: «Alle sprachstudien – so Grimm – finden sich nun heutzutage ungleich vortheilhafter gestellt und ausgerüstet, […], ja sie sind, kann man sagen, erst in unserm jahrhundert zur wahren wissenschaft gediehen.»14 Von der vergleichenden indoeuropäischen Sprachforschung versprach er sich deshalb – in expliziter Absetzung von Herder – «die ergibigsten aufschlüsse» über «den allgemeinen gang und verlauf der menschlichen sprache» und insbesondere «über deren ursprung».15 Denn – so Grimm – aus «dem verhältnis der sprachen […], welches uns über die verwandtschaft der einzelnen völker sichereren aufschlusz darreicht, als alle urkunden der geschichte es vermögen, läszt sich auf den urzustand der menschen im zeitraum der schöpfung und auf die unter ihnen erfolgte sprachbildung zurück schlieszen».16 An die vergleichende Sprachwissenschaft wurde so, wie Wilhelm Scherer im Rückblick auf Grimm formulierte, die Erwartung gerichtet, dass sie als ein «verbessertes Fernrohr durch die Riesenzeiträume der Urgeschichte» fungieren könnte.17 Dass sich die großen Hoffnungen Grimms und der vergleichenden Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts trotz der mit Darwin18 einsetzenden eindrucksvollen Erkenntnisfortschritte insbesondere im Bereich des Wissens über die Gattungsgeschichte des Menschen nicht erfüllt haben, ist bekannt. Die Sprachwissenschaft gab ihren Anspruch auf, durch Sprachvergleich zu den Ursprüngen 13 14 15 16 17 18

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Vgl. hierzu Ludwig Jäger: «Sprachwissenschaft». In: Philip Sarasin/ Marianne Sommer (Hg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar 2010, 327–340; hier insbesondere 327–330. Vgl. Grimm: Über den Ursprung der Sprache, a. a. O., 256. Vgl. Grimm: Über den Ursprung der Sprache, a. a. O., 259. Vgl. Grimm: Über den Ursprung der Sprache, a. a. O., 280 f. Vgl. Wilhelm Scherer: Jacob Grimm, Berlin 1921, 171. Zu Darwins Einfluss auf die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts vgl. etwa August Schleicher: Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft, Weimar 1863, 21873.


der Sprachentstehung vorzudringen. Moritz Lazarus etwa formulierte dezidiert die neue skeptische Position: «[…] was wir niemals mit Sicherheit erreichen werden ist: das Wissen von der wirklichen, thatsächlichen, im Einzelnen bestimmten Geschichte der Sprache und der einzelnen Sprachen in ihren Anfängen. Was wir aber zu ergründen hoffen können, ist: das Wissen von den psychischen (und psychophysischen) Processen und Gesetzen, welche bei dieser Entwickelung der Sprache zur Anwendung gekommen sind.»19 Wie Lazarus hielt auch Saussure – beide vertreten hier am Ende des 19. Jahr­hunderts die zeitgenössische linguistische opinio communis – das Stellen der Ursprungsfrage insgesamt für nutzlos, weil, wie er formulierte, die Frage nach dem Ursprung sich nicht wesentlich von der nach ihren «fortwährenden Umbildungen» unterscheide. In der zweiten Stunde seiner Genfer Antrittsvorlesung von 1891 formuliert Saussure: «Die Wissenschaft der Sprache glaubt heute feststellen zu können, daß das Wesen dieser Phänomene [der Modifikationen und der fortwährenden Umbildungen der Sprache] überall dasselbe ist und daß es immer dasselbe war, derart, daß es eine falsche Vorstellung ist zu glauben, daß das Problem des Ursprungs der Sprache ein anderes sei als das ihrer Transformation. Es wäre ein anderes Problem, wenn man annähme, daß früher andere Kräfte wirksam waren […], aber diese Annahme ist ebenso willkürlich wie unwahrscheinlich […].»20 Die neue Skepsis kommt auch in der Haltung der «Société linguistique de Paris» zum Ausdruck, die ihren Mitgliedern zum gleichen Zeitpunkt satzungsgemäß weitere Beiträge zur Ursprungs-Debatte untersagte. Gleichwohl ließ sich in der Folge das Problem doch nicht nachhaltig aus dem interdisziplinären Fragehorizont jener Wissenschaften verbannen, die sich aus 19 20

Vgl. M. Lazarus: Geist und Sprache (Das Leben der Seele). Eine psychologische Monographie, Berlin 31884, 11. Vgl. Ferdinand de Saussure: Linguistik und Semiologie. Notizen aus dem Nachlaß. Texte, Briefe und Dokumente. Gesammelt, übersetzt und eingeleitet von Johannes Fehr, Frankfurt 1997, 261 f.

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je verschiedenen Perspektiven mit der Evolution des Menschen und seiner gattungsspezifischen Fähigkeit zur Sprache beschäftigten. Spätestens seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts häufen sich die Indizien dafür, dass das Interesse an den gattungsgeschichtlichen Umständen sowie an den philosophischen Implikationen der Entstehung jenes Vermögens noch keineswegs erloschen ist,21 von dem es heißt, ihm insbesondere verdanke sich die grundlegende Differenz des Menschen als ‘symbolischer Gattung’22 zu allen anderen Spezies, die die Evolution hervorgebracht hat: «Among the vast multitude of animal species, languagelike communication is the anomaly, not the rule. It is not just unusual or rare; it is essentially nonexistent exept in one peculiar species: Homo sapiens.»23 Und vor allem seit Beginn der Neunzigerjahre ist das Thema der Sprachevolution wieder verstärkt auf die Forschungsagenden verschiedener Wissenschaften getreten. So stellt etwa ­Manfred ­Bierwisch 2001 fest, dass «[t]he evolution of natural language has again become the subject of lively debate».24 Sowohl die Sprach­ 21

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1975 etwa veranstaltete die New York Academy of Sciences eine Konferenz zum Thema «Ursprung und Evolution von Sprache und Sprechen» (vgl. Steven R. Harnad/Horst D. Steklis/Jan Lancaster (Hg.): Origins and Evolution of Language and Speech. New York (The New York Academy of Sciences) 1976); 1997 richtete die kalifornische Akademie der Wissenschaften eine Tagung aus zum «Ursprung und der Ausbreitung der Sprachen» (vgl. Nina G. Jablonski/Leslie C. Aiello (Hg.): The Origin and Diversification of Language, San Francisco (California Academy of Sciences) 1998). Terrence W. Deacon: The Symbolic Species. The Co-Evolution of Language and the Brain. New York/London 1998. Vgl. Terrence W. Deacon: «Prefrontal Cortex and symbol learning: Why a brain capable of language evolved only once». In: Boris M. Velichkovsky/Duane M. Rumbaugh (Hg.): Communicating Meaning. The evolution and development of language, Mahwah/New Jersey 1996, 103–138; hier: 103. Bierwisch, Manfred: «The apparent paradox of language evolution: can Universal Grammar be explained by adaptive selection?». In: Trabant/ Ward: New Essays, a. a. O., 55–79; hier: 55.


wissenschaft,25 einschließlich der Gebärdensprachforschung,26 als auch ein interdisziplinäres Spektrum von Wissenschaften wie die Evolutionäre Anthropologie,27 die Genetik28 sowie die Neurowissenschaften haben – insbesondere im Kontext der Entdeckung der ‘Spiegelneurone’29 – das Problem des Ursprungs und der Ausbreitung der Sprachen wieder intensiver aus je verschiedenen theoretischen Perspektiven in den Blick genommen.30 Vor dem Hinter25 Vgl. Marc D. Hauser/Noam Chomsky/W. Tecumseh Fitch: «The ­Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve?». In: Science 298 (11), 2002, 1569–1579; Ray Jackendorff/Steven Pinker: «The Nature of the Language Faculty and its Implications for Evolution of Language (Reply to Fitch, Hauser & Chomsky)». In: Cognition Vol. 97, 2005, 211–225; W. Tecumseh Fitch/Marc D. Hauser/Noam Chomsky (2005): «The evolution of the Language Faculty: Clarifications and implications». In: Cognition 97, 2005, 179–210. 26 Howard Poizner/Edward S. Klima/Ursula Bellugi: Was die Hände über das Gehirn verraten. Neuropsychologische Aspekte der Gebärdensprachforschung. Hamburg 1990; Armstrong u. a: Gesture, a. a. O.; Michael C. Corballis: «The Gestural Origins of Language». In: Ameri�can Scientist Vol. 87, Nr. 2, 1999, 138–145. 27 Michael Tomasello: The Cultural Origins of Human Cognition, Cambridge (Mass.)/London 1999. 28 Luigi Luca Cavalli-Sforza/Paolo Menozzi/Albert Piazza: The History and Geography of Human Genes, Princeton 1994. 29 Giacomo Rizzolatti/Luciano Fadgia/Vittorio Gallese/Leonardo ­Fogassi: «Premotor Cortex and the Recognition of Motor Actions». In: Cognitive Brain Research 3, 1996, 131–141; Michael A. Arbib/­Giacomo ­Rizzolatti: «Neural Expectations: A Possible Evolutionary Path from Manual Skills to Language». In: Communication & Cognition Vol. 29, Nr. 3/4, 1996, 393–424; Giacomo Rizzolatti/Michael A. Arbib: «Language within our Grasp». In: Trends in Neuroscience Vol. 21, Nr. 5, 1998, 188–194; Michael A. Arbib: «Co-Evolution of Human Consciousness and Language». In: Pedro C. Marijuan (Hg.): Cajal and Consciousness. Scientific Approaches to Consciousness and the Centennial of ­Ramon y Cajal’s Texture, Annals of the New York Academy of Sciences 929, April 2001, 195–220. 30 Vgl. etwa auch J. Hurford/M. Studdert-Kennedy/C. Knight (Hg.): Approaches to the Evolution of Language: Social and Cognitive ­Bases. Cambridge 1998; Trabant/Ward: New Essays on the Origin of Language, a. a. O.; M. Tallerman (Hg.): Language Origins: Perspectives on Evolution, Oxford 2005.

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grund der hier vorliegenden neueren Befunde und Hypothesen, insbesondere der mit einiger Evidenz versehenen Annahme, dass in der gattungsgeschichtlichen Entwicklung der Sprache gestisch-­ visuelle31 den vokal-auditiven Kommunikationsformen vorausgegangen sein könnten, soll nun im Folgenden die Frage näher in den Blick genommen werden, ob aus der Perspektive der ‘gestural primacy hypothesis’32 ein neues Licht auf das Problem des Sprach­ ursprungs fällt.33 31

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‘Gestisch’ wird hier übergreifend als Gattungsbegriff für visuell-­ gestische Kommunikationsformen verwendet, d. h. sowohl einerseits für gestische Kommunikationsformen im engeren Sinne als auch andererseits für gebärdensprachliche Kommunikation. Er soll also in diesem Gebrauch sowohl «semiotic gesture» als auch «linguistic gesture» umfassen (vgl. zu dieser Unterscheidung David F. Armstrong/­William C. Stokoe/Sherman E. Wilcox: Gesture and the Nature of Language, Cambridge etc. 1995, 46), also das gesamte ‘Kontinuum’, das von ‘redebegleitenden Gesten’ bis zu ‘gebärdensprachlichen Zeichen’ reicht (vgl. hierzu Ellen Fricke: Origo, Geste und Raum. Lokaldeixis im Deutschen, Berlin/New York 2007, etwa Kap. 3.2, 146 ff.); vgl. zur Hypothese der phylogenetischen Vorgängigkeit gestisch-visueller vor vokal-­auditiver Kommunikation etwa Gordon W. Hewes: «A history of the study of language origins and the gestural primacy hypothesis». In: Andrew Lock and Charles Peters (Hg.): Handbook of Human Symbolic Evolu�tion, Oxford 1996; vgl. hierzu ausführlich unten Abschnitt 4. Vgl. Hewes: «A history of the study of language origins», a. a. O. Die folgenden Überlegungen, die die Ausarbeitung meines Vortrags «Der gestische Ursprung der Sprache» darstellen, den ich im Rahmen der einundfünfzigsten Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen in Augst gehalten habe, gehen auf verschiedene Aufsätze im Umfeld des Themas zurück, insbesondere die folgenden: Ludwig Jäger: «Sprache als Medium. Über die Sprache als audio-visuelles Dispositiv des Medialen». In: Horst Wenzel/Wilfried Seipel/Gotthart Wunberg (Hg.): Audio­visualität vor und nach Gutenberg. Zur Kulturgeschichte der medialen Umbrüche, Wien 2001, 19–42; Ludwig Jäger: «Sprachevolu­ tion. Neuere Befunde zur Audiovisualität des menschlichen Sprachvermögens». In: David Gugerli, Michael Hagner u. a. (Hg.): Darwin. Nach Feierabend. ­Züricher Jahrbuch für Wissenschaftsgeschichte, Zürich 2008, 149–169; Ludwig Jäger: «Sprachwissenschaft». In: Philip S­ arasin/ Marianne Sommer (Hg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/­Weimar 2010, 327–340.


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