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Unruhe im Kleinstaat

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MARTIN A. SENN TOBIAS STRAUMANN

UNRUHE IM KLEINSTAAT

Der schweizerische Generalstreik von 1918 im internationalen Vergleich


Martin A. Senn, Tobias Straumann

Unruhe im Kleinstaat Der schweizerische Generalstreik von 1918 im internationalen Vergleich

Schwabe Verlag


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Bild auf der Titelseite: Der Sozialdemokrat Jules Humbert-Droz spricht am 14. November 1918 in La Chaux-de-Fonds zu Streikenden. Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds. Bild auf dem Buchrücken: Streikende blockieren am 12. November 1918 beim Bahnhof Biel einfahrende Züge aus Bern und Delsberg. Panoptikum Roland Gretler / Schweizerisches Sozialarchiv. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4515-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4537-5 DOI 10.24894/978-3-7965-4537-5 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil 1: Der internationale Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

1. Das Typische und das Besondere des Generalstreiks . . . . . . . . . . . . . Protestwellen und Protestformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Typen des Vergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Versorgungslage und Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Verschlechterung der materiellen Lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der internationale Lebensstandard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologische Ungereimtheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Indirekte Wirkung: Mobilisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Ausschluss, Radikalisierung und Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Liberalen und die Sozialdemokraten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integration und Abspaltung: Dänemark, Schweden und die Niederlande . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausschluss und Radikalisierung: Norwegen und die Schweiz . . . . . . . Parteiinterne Machtdynamik und Eskalation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

19 19 22 25 26 29 33 42 46 49 53 65 76

Teil 2: Der Weg zum Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

4. Radikalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abschied vom Burgfrieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Generalstreik, Revolution und Bolschewismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Robert Grimm und der politische Massenstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . Allianz mit den Eisenbahnern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Generalstreikdrohung im Juli 1918 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verzögerung des Proporzwahlrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

79 79 87 91 96 98 104


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Inhalt

5. Teilintegration und informelle Spaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grimm und die Zürcher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alarm bei der Armeeführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einigung mit dem Bundesrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbruch der Generalstreik-Aktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eidgenössisches Ernährungsamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fritz Plattens «Krieg mit dem Aktionskomitee» . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zürcher Bankangestelltenstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Annahme der Proporz-Initiative . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Arbeiterunion Zürich vs. Oltener Aktionskomitee . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Truppenaufgebot und Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . «Zum Schutze Zürichs» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gab es eine Intrige des Generals? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Revolutionsangst und Revolutionsrhetorik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grösse des Truppenaufgebots . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eskalation zum Proteststreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Proteststreik zum Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Störmanöver der Bahnangestellten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Die Pandemie und der Generalstreik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begründung des Streikabbruchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

111 112 117 119 123 125 133 135 148 150 157 158 163 169 180 184 191 204 211 225

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240


Einleitung

Der schweizerische Generalstreik gilt als grösster innenpolitischer Konflikt der Schweiz im 20. Jahrhundert. Vom Dienstag bis Donnerstag, 12. bis 14. November 1918, streikten gemäss einer Umfrage des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes etwa 250’000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Grosse Teile der Wirtschaft wurden lahmgelegt, der öffentliche Verkehr lag weitgehend darnieder, die Schweiz war tief gespalten.1 Wie ist es dazu gekommen? Die Diskussion um die Gründe setzte bereits unmittelbar nach dem Ereignis ein. Eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung konnte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen, als die einschlägigen Dokumente öffentlich zugänglich wurden. Der erste Historiker, der eine gründliche Quellenauswertung vornahm, war Willi Gautschi.2 In seiner 1955 publizierten Dissertation untersuchte er das Ereignis aus der Sicht des Oltener Aktionskomitees, das zur landesweiten Arbeitsniederlegung ausgerufen hatte. Im Buch «Der Landesstreik 1918», das 1968 zum fünfzigjährigen Jubiläum erschien, erweiterte er seine Darstellung, nachdem auch die staatlichen Quellen verfügbar geworden waren.3 Gautschis primäre Absicht war es zu zeigen, dass die organisierte Arbeiterbewegung, die den Landesstreik auslöste, keineswegs eine Revolution anstrebte, sondern für legitime Interessen kämpfte. Sein Buch

1 Berichte des Bundeskomitees des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes an die Zentralvorstände und Mitglieder der schweizerischen Gewerkschaftsverbände 1917–1920, Bern 1920, S. 39–40. 2 Gautschi: Oltener Aktionskomitee und Landes-Generalstreik, 1955; Gautschi: Der Landesstreik 1918, 1968. 3 Vgl. Degen: Vom schwierigen Umgang der schweizerischen Geschichtsschreibung mit dem Landesstreik, 2018; Artho: Der Landesstreik als gescheiterter Revolutionsversuch?, 2018.


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Einleitung

ist äusserst reich an Informationen und Quellenzitaten und gilt bis heute als Standardwerk.4 Gautschi hat jedoch die Gründe für den Ausbruch des Generalstreiks nicht befriedigend klären können. In seiner abschliessenden «Gesamtwürdigung» stellt er zwar unmissverständlich die materiellen Ursachen ins Zentrum: «Eine unvoreingenommene und sorgfältig abwägende Prüfung der Faktoren, welche den Ausbruch des Landesstreiks begünstigten, führt zum Ergebnis, dass die Ereignisse vom November 1918 vorwiegend bewirkt wurden durch die wirtschaftliche Bedrängnis, in die breite Schichten des Schweizervolkes durch die Kriegsverhältnisse geraten waren. Die Empörung liegt hauptsächlich in Gegebenheiten begründet, die ökonomischen Ursprunges sind.»5 Die Belege für diese Interpretation sind allerdings spärlich. Gautschi bringt lediglich ein paar aggregierte Daten und vereinzelte zeitgenössische Stimmen bei, die seine Erklärung stützen. Gleichzeitig ignoriert er wichtige Werke der wirtschaftshistorischen Literatur, etwa die Studie von Traugott Geering über die Entwicklung von Handel und Gewerbe im Ersten Weltkrieg oder die zeitgenössische Untersuchung der Basler Ökonomin Salome Schneider über die Entwicklung des Lebensstandards.6 Vor allem unterlässt er es in seiner Erzählung, die den überwiegenden Teil des Buches ausmacht, die Bedeutung der ökonomischen Faktoren konkret zu belegen. An vielen Stellen drängt sich vielmehr der gegenteilige Eindruck auf, nämlich dass es sich in erster Linie um eine politische Auseinandersetzung handelte. Dies mag ein Grund sein, warum Gautschi im vorletzten Abschnitt seiner «Gesamtwürdigung» sein eigenes ökonomisches Argument wieder relativiert: «Im Generalstreik von 1918 darf der Höhepunkt des Emanzipationskampfes der schweizerischen Arbeiterbewegung erblickt werden. Nicht nur weil es der Arbeiterschaft während des Krieges wirtschaftlich schlecht ergangen war, sondern auch, weil sich im Lauf der industriellen Entwicklung ihr Selbstbewusstsein gehoben hatte, kam es zur Probe mit den bisher im Staate tonangebenden Kräften.»7

4 Vgl. Yersin: Willi Gautschi et la Gréve générale, 2018; Caillat; Fayet: Le mythe de l’ingérence bolchevique dans la Grève générale, 2018. 5 Gautschi: Der Landesstreik 1918, 1968, S. 380. 6 Schneider: Volksernährung, 1919; Geering: Handel und Industrie der Schweiz unter dem Einfluss des Weltkrieges, 1928. 7 Gautschi: Der Landesstreik 1918, 1968, S. 384.


Einleitung

Gautschis diffuse Deutung passt zur Beobachtung, die der damalige NZZ-Chefredaktor und ehemalige FDP-Nationalrat Willy Bretscher 1969 niederschrieb. Im Vorwort zu den Landesstreik-Erinnerungen des befreundeten Berner SP-Nationalrats und Ökonomieprofessors Fritz Marbach stellte er fest, dass keiner der am Generalstreik Beteiligten je wirklich offen über das Ereignis gesprochen habe. «Stattdessen stösst man auf eine in den Rängen der sozialistischen Führerschaft von ganz rechts bis weit links durchgehend akzeptierte und eingehaltene Sprachregelung, in der das Landesstreikunternehmen einfach den Ausbruch einer während der Kriegsjahre angestauten Unzufriedenheit der notleidenden Lohnarbeiterschaft darstellt und sein Zusammenhang mit den ideologischen Wandlungen der Sozialdemokratie und den weltpolitischen Umwälzungen am Kriegsende höchstens nebenbei erwähnt wird.»8 Gautschis ökonomische Erklärung wird also den Vorgängen von 1918 nur bedingt gerecht. Gleichwohl erwies sie sich als einflussreich. So hielt zum Beispiel Marc Vuilleumier in der Einleitung zum 1977 erschienenen Sammelband fest, es gebe in der Forschung keinerlei Dissens mehr: «La cause essentielle des événements de 1918, tout le monde en convient aujourd’hui, c’est la baisse catastrophique des conditions de vie des ouvriers et des employés.»9 In jüngster Zeit hat diese Erklärung jedoch an Bedeutung eingebüsst. Aussagen wie diejenige des Historikers Peter Aerne sind nur noch selten anzutreffen: «Die neuere Geschichtswissenschaft hat eindeutig gezeigt, dass die Ursachen [des Landesstreiks] in der damaligen wirtschaftlichen und sozialen Not lagen. Mit dem Mittel des Generalstreiks antwortete die Arbeiterschaft darauf, revolutionäre Aspekte spielten nur bei einem kleinen Teil eine Rolle.»10 In der Forschung dominiert heute vielmehr eine Erklärung, die den materiellen Bedingungen wohl eine entscheidende Bedeutung zumisst, sie aber mit weiteren Faktoren ergänzt: der Aufstieg der schweizerischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, die Streikwelle ab 1917, die mangelhafte Integration der schweizerischen Arbeiterbewegung, die instabile internationale Lage im November 1918,

Marbach: Der Generalstreik 1918, 1969, S. 7. Vuilleumier: La grève générale de 1918 en Suisse, 1977, S. 11. Für einen Überblick über diese Interpretation siehe Jaun; Straumann: Durch fortschreitende Verelendung zum Generalstreik?, 2016. 10 Aerne: «Eine Hetze gegen die Religiös-Sozialen»?, 2007, S. 39. 8 9

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Einleitung

die eskalierende Rhetorik des radikalen Flügels der Linken und die Revolutionsangst auf bürgerlicher Seite.11 Mit dieser Erweiterung ist die Forschung bei der Ergründung der Ursachen zweifellos ein grosses Stück weitergekommen. Gleichzeitig ist das Bild auch unübersichtlicher geworden, weil die einzelnen Faktoren nicht gewichtet und miteinander verknüpft werden. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass die Schweiz nicht mit anderen Ländern und Regionen verglichen wird, denn nur auf diese Weise ist eine systematische Betrachtung möglich.12 Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel: die Dissertation des Schweizer Historikers Adrian Zimmermann und der Aufsatz von Marcel van der Linden, der eine Reihe von grundlegenden Studien zur Geschichte der niederländischen und internationalen Arbeiterbewegung geschrieben hat.13 Die beiden Arbeiten zeigen, wie gewinnbringend der Blick über die Grenzen sein kann. Was jedoch die Ursachenanalyse angeht, haben sie das Potenzial des internationalen Vergleichs nicht ganz ausgeschöpft. In seiner vergleichenden Geschichte des Klassenkonflikts in den Niederlanden und der Schweiz von 1914 bis 1950 beantwortet Zimmermann zwar die Frage, warum im November 1918 nur in der Schweiz ein landesweiter Generalstreik stattfand, indem er darauf hinweist, dass vier Tendenzen in der Schweiz stärker ausgeprägt waren als in den Niederlanden: die Verschlechterung des Lebensstandards, der Ausschluss der Linken von der Macht, die organisatorische Einheit der Arbeiterbewegung und die Stärke der sozialdemokratischen Partei. Aber durch die Beschränkung auf zwei Länder bleibt Zimmermanns Vergleich von 11 Vgl. Maissen: Geschichte der Schweiz, 2010, S. 244–246; Walter: Une histoire de la Suisse, 2016, S. 408–411; Degen: Landesstreik, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 2012; Kreis: Insel der unsicheren Geborgenheit, 2013, S. 213–224; Fuhrer u. a.: Weltkrieg, Erster (HLS); Tanner: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, 2015, S. 145–152; Koller: Der November 1918 in der Kontinuität der helvetischen Streikgeschichte, 2018; Koller: Vor dem Landesstreik, 2017; Rossfeld: Streik!, 2017; Rossfeld; Koller; Studer: Neue Perspektiven auf den schweizerischen Landesstreik, 2018; Koller: Der Landesstreik im Kontext der Schweizer Streikgeschichte, 2018; Zimmermann: Les causes profondes de la grève générale, 2018; Zimmermann: Les grèves de novembre 1918 et leurs conséquences, 2018. 12 Das Fehlen eines internationalen Vergleichs wird auch von Rossfeld: Streik!, 2017, S. 416, erwähnt. 13 Zimmermann: Klassenkampf und Klassenkompromiss, 2012; Linden: «Das cha nümme so wyter gah», 2018.


Einleitung

limitierter Aussagekraft. Es bräuchte mindestens drei Fälle, um eine Gewichtung vornehmen zu können.14 Marcel van der Lindens Aufsatz schliesst zwar mehr als zwei Länder in den internationalen Vergleich ein, aber sein Interesse gilt weniger der Ursachenanalyse als drei anderen Themen, nämlich dem schweizerischen Generalstreik als Teil der europäischen Streikwelle von 1917 bis 1921, den Schweizer Besonderheiten der Arbeiterbewegung und dem Zusammenhang zwischen Krieg und Streik. Die Beobachtung, dass das Potenzial der internationalen Perspektive noch zu wenig genutzt worden ist, hat uns veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Um die Ursachen des schweizerischen Generalstreiks besser zu verstehen, vergleichen wir die Schweiz mit den Niederlanden und den skandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen und Schweden, mithin vier neutralen Kleinstaaten, die eine ähnliche Bevölkerungszahl und einen vergleichbaren Wohlstand aufwiesen wie die Schweiz.15 Tabelle 1.1 veranschaulicht diese Aspekte. Im Vergleich zu Deutschland, Frankreich und Italien hatte die kleine Fünfergruppe 1920 eine deutlich kleinere Bevölkerungszahl und einen ähnlich hohen Lebensstandard. Der Vergleich der Schweiz mit den vier anderen neutralen Kleinstaaten erfolgt in drei Schritten. Im ersten Kapitel zeigen wir, dass der schweizerische Generalstreik sowohl typisch wie einzigartig war. Er war insofern typisch, als es im November 1918 in allen fünf neutralen Kleinstaaten zu Unruhen kam, die teilweise von gewalttätigen Auseinandersetzungen begleitet waren. Aber er war zugleich auch einzigartig, weil weder in den Niederlanden Haupt; Kocka: Comparative and transnational history, 2009, S. 7. Zu den Gründen für einen Vergleich der Schweiz mit den Niederlanden und den skandinavischen Ländern siehe Straumann: Fixed ideas of money, 2010. Wichtige Beiträge für unseren Vergleich sind Cronin: Labor Insurgency and Class Formation, 1980; MacDonald: Crisis, War, and Revolution in Europe, 1988; Haimson; Sapelli (Hg.): Strikes, social conflict and the First World War, 1992; Haimson; Tilly: Strikes, Wars, and Revolutions in an International Perspective, 2002; Rinke; Wildt: Revolutions and counter-revolutions, 2017; Daniel u. a. (Hg.): 1914–1918-online, 2018. In der skandinavischen Historiographie ist der Vergleich gut etabliert, aber immer beschränkt auf Nordeuropa. Vgl. dazu: Salmon: Scandinavia and the great powers, 2004; Hobson u. a.: Introduction – Scandinavia in the First World War, 2012; Brandal: The Nordic Model of Social Democracy, 2013; Hilson u. a.: Labour, Unions and Politics in the Nordic Countries, 2017; Eloranta: Small and medium powers in global history, 2019. 14 15

11


12

Einleitung

Bevölkerung (in Mio.)

Einkommen pro Kopf (2011 internationale Geary-Khamis-Dollar)

Deutschland

60.9

4457

Frankreich

39.0

5144

Italien

37.4

3789

Schweiz (N)

3.9

7364

Dänemark (N)

3.1

6363

Niederlande (N)

6.9

6727

Norwegen (N)

2.6

4739

Schweden (N)

5.9

4788

Tabelle 1.1: Bevölkerung

und Einkommen pro Kopf im Jahr 1920.

Quelle: Bolt; van Zanden: Maddison style estimates, 2020. Bemerkung: (N) = Neutralität während des gesamten Ersten Weltkriegs.

noch in den skandinavischen Ländern eine mit dem schweizerischen Generalstreik vergleichbare politische Massenaktion stattfand. Aus unserer Sicht ist es wichtig, sowohl das Typische wie das Einzigartige zu erklären. Selbstverständlich gibt es weitere relevante Aspekte. So beschäftigte sich zum Beispiel der US-Historiker Stephen MacDonald 1988 mit der Frage, warum im November 1918 in keinem der fünf neutralen Kleinstaaten eine Revolution ausgebrochen sei.16 Angesichts der grossen Bedeutung des Generalstreiks in der Schweizer Geschichte scheint es uns jedoch von besonderem Interesse zu sein, eine Erklärung für die besonders heftige Konfrontation im November 1918 zu entwickeln. Hätte sie nicht stattgefunden, hätte sich die schweizerische Geschichtsschreibung nie besonders intensiv mit jener Zeit beschäftigt. Das zweite Kapitel untersucht die Frage, inwiefern die Verschlechterung des Lebensstandards in den beiden letzten Kriegsjahren den Ausbruch des

16

MacDonald: Crisis, War, and Revolution in Europe, 1988.


Einleitung

schweizerischen Generalstreiks zu erklären vermag. Der Vergleich fördert grosse Zweifel an der Vorstellung, dass die ökonomische Situation auf direkte Weise die Eskalation im November 1918 auslöste. Denn auch in Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden lässt sich eine fast identische Verschlechterung der Lebensbedingungen in der zweiten Kriegshälfte feststellen, und doch kam es in keinem von diesen Ländern zu einer grossen Machtprobe zwischen der Linken und den bürgerlichen Parteien in Form eines landesweiten Generalstreiks. Der Vergleich zeigt ausserdem, dass in allen fünf Ländern die grössten Versorgungsprobleme von Beginn des Jahres 1917 bis Sommer 1918 bestanden und nicht erst im Herbst 1918. Gautschis Erklärung kann somit nicht mit der wirtschaftshistorischen Chronologie in Übereinstimmung gebracht werden. Hingegen lässt sich eine indirekte Verbindung zwischen der Verschlechterung des Lebensstandards in der zweiten Kriegshälfte und dem Generalstreik durchaus herstellen. Der starke Rückgang der Reallöhne von 1915 bis 1917 löste eine enorme Streikwelle aus, und die Verteuerung und Verknappung der Lebensmittel von 1916 bis 1918 führte zu zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen. Diese umfassende Mobilisierung war mit einem starken Mitgliederzuwachs der SP und der linken Gewerkschaften verbunden, löste einen organisatorischen Lernprozess aus und versetzte die Partei- und Gewerkschaftskader dadurch erst in die Lage, einen Generalstreik durchzuführen. Ein Vergleich mit anderen Ländern und Zeiten zeigt nämlich, dass ein Generalstreik nie isoliert auftritt, sondern immer nur im Gefolge einer grösseren Protestwelle. Diese Mobilisierung war jedoch nur eine begünstigende, keine hinreichende Bedingung, denn sie fand zur gleichen Zeit auch in den anderen vier neutralen Kleinstaaten statt. Wie wir im dritten Kapitel zu zeigen versuchen, waren es vielmehr politische Unterschiede, die erklären können, warum es im November 1918 nur in der Schweiz zu einer grossen Konfrontation kam. Zwei Mechanismen scheinen eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Erstens wurde die schweizerische Sozialdemokratie während des Kriegs auf Bundesebene nicht rechtzeitig eingebunden. Die Bemühungen der bürgerlichen Parteien, die Sozialdemokraten an der Macht zu beteiligen, setzten erst im Sommer 1918 ein, und sie waren zu zaghaft. Entsprechend setzte sich der linke Zürcher Flügel innerhalb der organisierten Arbeiterbewegung durch, der eine Verständigung mit der bürgerlichen Regierung prinzipiell ablehnte und seit Juli 1918 einen Gene-

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Einleitung

ralstreik anstrebte. Ähnlich war die Situation in Norwegen. Die linksliberale Mehrheitsregierung war nicht an einer Zusammenarbeit mit der Linken interessiert und ermöglichte auf diese Weise, dass sich die radikalen Kräfte in der Arbeiterpartei durchsetzen konnten. Im April 1918 übernahmen sie alle wichtigen Parteiämter, im Juni 1919 überzeugten sie die Mehrheit der Delegierten, für den Beitritt zur Komintern zu stimmen. In Dänemark und Schweden fand hingegen eine vollständige Integration der Sozialdemokratie in Form einer Regierungsbeteiligung 1916 bzw. 1917 statt, in den Niederlagen eine informelle Einbindung, indem die Sozialdemokraten eine zentrale Rolle als Mehrheitsbeschaffer der regierenden liberalen Minderheitsregierung spielen konnten und vollumfänglich an der Verfassungsrevision von 1917 beteiligt wurden. Zweitens spielte die Machtdynamik innerhalb des linken Lagers eine entscheidende Rolle. In der Schweiz erreichten die parteiinternen Kämpfe in der zweiten Jahreshälfte 1918 ihren Höhepunkt. Auf der einen Seite stand das Oltener Aktionskomitee, das die Partei- und Gewerkschaftsspitzen vereinigte und seit August 1918 mit dem Bundesrat zusammenarbeiten wollte. Auf der anderen Seite stand die radikale Zürcher Arbeiterunion, die in der grössten Schweizer Stadt eine gezielte Eskalationsstrategie verfolgte, um den parteiinternen Machtkampf für sich zu entscheiden und die bestehende politische Ordnung herauszufordern. Somit entsprang der schweizerische Generalstreik nicht einem langfristigen Plan, sondern war das Resultat einer kurzfristigen Verschärfung der innerparteilichen Konkurrenz. In Norwegen hingegen waren die innerlinken Machtverhältnisse anders gelagert. Seit April 1918 dominierte der linke Flügel die Partei. Im Unterschied zur Schweiz waren also die Radikalen an der Macht, während die Moderaten in der Partei einstweilen in die zweite Reihe relegiert wurden. Entsprechend begann die Parteispitze sofort, eine Debatte über die geeignete revolutionäre Strategie zu lancieren, um Geschlossenheit herzustellen und zum richtigen Zeitpunkt losschlagen zu können. Doch die monatelangen Diskussionen führten nicht zur Klärung, sondern mündeten in ein Patt, weil selbst innerhalb des radikalen Lagers grosse Meinungsverschiedenheiten bestanden. So musste sich die Parteispitze im November 1918 mit einem Aufruf begnügen, der zwar durch seine revolutionäre Rhetorik auffiel, aber ohne Konsequenzen blieb, weil die Partei wie gelähmt war. Hinzu kam, dass eine radikale Aktion wie ein Generalstreik von den Gewerkschaftsführern abgelehnt wurde. Die Moderaten waren zwar aus den leitenden Parteigremien ausgeschlossen wor-


Einleitung

den, aber konnten nach wie vor auf die Loyalität der meisten Gewerkschaftsmitglieder zählen. Im zweiten Teil des Buches versuchen wir, den skizzierten Eskalationsprozess in der Schweiz genauer zu beschreiben. Dabei unterscheiden wir drei Phasen, die in der Tabelle 1.2 schematisch dargestellt werden. Die erste Phase (Kapitel 4) umfasst die Zeit der Radikalisierung, die 1915 einsetzte und im Juli 1918 ihren Höhepunkt erreichte, als die Mehrheit der führenden Sozialdemokraten und Gewerkschafter einen Katalog von ultimativen Forderungen an den Bundesrat stellte und mit dem Generalstreik drohte. 1917 erreichte die SPS mit 30,8 Prozent der Stimmen das beste Wahlergebnis ihrer gesamten Geschichte. Prägende Ereignisse waren die internationalen sozialistischen Konferenzen von Zimmerwald und Kiental, die Kündigung des Burgfriedens und die Ablehnung der bewaffneten Landesverteidigung. Anfang 1918 kam es im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die bundesrätlichen Zivildienstpflicht-Pläne zur Gründung des Oltener Aktionskomitees unter der Leitung des Berner Nationalrats und Tagwacht-Chefredaktors Robert Grimm. Gewerkschaften und SPS bekannten sich erstmals zum Generalstreik als ultimativem Kampfmittel des Proletariats. Mit dem Eintritt von Vertretern der Eisenbahner ins Oltener Aktionskomitee verbreiterte sich die Bewegung deutlich. Nach dem sogenannten Milchpreisstreit vom April 1918 kam es im Juni in mehreren Städten zu Anti-Teuerungsdemonstrationen mit Ausschreitungen. Im Juli 1918 erging aus Protest gegen eine bundesrätliche Kompetenznorm zum Erlass von Versammlungsverboten der Aufruf zum allgemeinen Arbeiterkongress in Basel, einer für die zeitgenössischen Generationen erstmaligen Versammlung aller Vertreter von SPS und Gewerkschaftsorganisationen. Die zweite Phase (Kapitel 5) setzte Ende Juli 1918 ein, als sich das Oltener Aktionskomitee von seinem Oppositionskurs abwandte. Grimms Vermittlungsstrategie setzte sich am Arbeiterkongress trotz massiver Kritik des Zürcher Flügels durch. In Eilverhandlungen mit dem Bundesrat kam es innert weniger Tage zu einer weitgehenden Einigung in versorgungspolitischen und wirtschaftlichen Fragen, und der Bundesrat beschloss die Errichtung eines eidgenössischen Ernährungsamts mit einem Beirat, in dem die Linke angemessen vertreten sein sollte. Bei den politischen Forderungen gab sich das Oltener Aktionskomitee hingegen mit vagen Zusicherungen der Landesregierung zufrieden. Nur eine Resolution, welche die Soldaten und militarisierte Eisenbahner im Fall eines Generalstreiks zur Gehorsamsverweigerung auffor-

15


16

Einleitung

Ausschluss der Linken kooperative Linke

oppositionelle Linke

Teilintegration der Linken

Vollintegration der Linken

August 1914 («Burgfriede»)

Juli 1918 (Basler Arbeiterkongress) November 1918 (Generalstreik)

gespaltene Linke

Tabelle 1.2:

August bis Oktober 1918 (Robert Grimm vs. Zürcher Arbeiterunion)

Phasenmodell.

derte, sorgte im Bundeshaus und in der Armeeführung für Nervosität. In der Gesamtbilanz überwog jedoch die Annäherung an den Bundesrat. Das sorgte für zunehmend scharfe öffentliche Kritik des Zürcher Flügels an Grimm und dem Aktionskomitee. Zudem unterstützte die Zürcher Arbeiterunion erfolgreich den Zürcher Bankangestelltenstreik und führte Anfang Oktober einen halbtägigen städtischen Generalstreik durch. Das Oltener Aktionskomitee trat im Oktober kaum noch in Erscheinung, Grimm übernahm sein Amt als neues Mitglied der Stadtberner Regierung. Die deutliche Annahme der Proporzwahl-Initiative vom 13. Oktober 1918 brachte keine Beruhigung, sondern vertiefte die innerparteiliche Spaltung und den Konfrontationskurs des Zürcher Flügels gegen die Bundesbehörden. Die zweite Phase dauerte bis Ende Oktober.


Einleitung

Die dritte Phase (Kapitel 6) war gekennzeichnet von einem neuen Schulterschluss innerhalb der Linken, wobei die Zürcher Arbeiterunion den Gang der Ereignisse bestimmte. Die SPS-Geschäftsleitung, in der sich der radikale Zürcher Flügel weitgehend durchgesetzt hatte, verabschiedete Ende Oktober einen flammenden Aufruf zur Jahresfeier der Russischen Revolution und zur Solidarität mit dem Bolschewismus und den revolutionären Bewegungen in Europa. Die Regierungen im Kanton Zürich und in Bundesbern waren seit dem Bankangestelltenstreik in Alarmstimmung. Beunruhigt über die anhaltende Rhetorik der Zürcher Linken zur Unterstützung der europäischen Revolutionen tauschten sie sich rege über das Für und Wider einer vorsorglichen Entsendung von Truppen nach Zürich aus. Nach mehrtägigem Seilziehen gab der Bundesrat am frühen Morgen des 6. November 1918 ein grösseres Truppenaufgebot bekannt. Eine Begründung dafür lieferte er erst im Verlauf des Tages. Das Oltener Aktionskomitee, das von dem Aufgebot während Stunden nichts mitbekommen hatte, beriet derweil Massnahmen gegen die Dauerkritik der Zürcher Arbeiterunion. Erst anderthalb Tage später rief es zu einem 24-stündigen Proteststreik am 9. November auf, nicht zuletzt, um die Führung in der Bewegung nicht zu verlieren. Die Arbeiterunion Zürich führte den samstäglichen Proteststreik entgegen den strikten Anweisungen Grimms nahtlos als Generalstreik weiter. Am Sonntagabend, 10. November, zog das Aktionskomitee nolens volens nach und rief den unbefristeten Landesstreik aus, beginnend am Dienstag, 12. November um 0 Uhr. Am Donnerstag, 14. November, 2 Uhr morgens, kapitulierte das Aktionskomitee und gab das Ende des Landesgeneralstreiks bekannt. Am Freitag kehrten die meisten Streikenden zur Arbeit zurück. Ein Exkurs behandelt zudem die Auswirkungen der Spanischen Grippe auf die politischen Ereignisse. An dieser Pandemie starben in der Schweiz in der zweiten Jahreshälfte 1918 mehr als 20’000 Menschen. Im gesamten epidemischen Zeitraum von Juli 1918 bis Juni 1919 belief sich die Zahl der Todesopfer auf fast 25’000 bei einer Gesamtbevölkerung von 3,9 Millionen. Es handelte sich somit um eine im historischen Vergleich gravierende Pandemie. Doch trotz ihrer Gefährlichkeit spielte sie beim Generalstreik keine wichtige Rolle. Wir beobachten nur, dass beide Seiten die Spanische Grippe instrumentalisierten, um dem politischen Gegner die Verantwortung für die hohe Zahl von Todesopfern zuzuschreiben. So hätte der schweizerische Generalstreik wohl auch ohne Pandemie genauso stattgefunden, wie er es eben tat.

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Einleitung

Für die Erarbeitung unserer Sichtweise haben wir im ersten Teil des Buches, das gleichsam aus der Vogelperspektive geschrieben ist, hauptsächlich internationale sowie schweizerische, niederländische und skandinavische Sekundärliteratur verwendet. Der zweite Teil beruht hingegen auf der Auswertung von Akten, Dokumenten und Zeitungen. Die Unterlagen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, der Sozialdemokratie und weiterer Gruppierungen der politischen Linken stammen mehrheitlich aus dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich, das auch das Archiv des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds beherbergt. Für die institutionelle Politik auf Bundesebene wurden Bestände des Bundesarchivs in Bern ausgewertet. In Zürich, das sich als ausschlaggebender Faktor in der Generalstreikfrage herausstellte, konsultierten wir das Stadtarchiv und das Staatsarchiv. Benutzt haben wir auch das Schweizerische Wirtschaftsarchiv in Basel und – im Zusammenhang mit der Spanischen Grippe – das Staatsarchiv Graubünden in Chur, um die Situation in der Stadt Zürich mit derjenigen in einem ländlichen Kanton vergleichen zu können. Wichtig für die Einschätzung von Stimmungslagen waren Zeitungen und Vereinspublikationen. Durchgearbeitet haben wir im Untersuchungszeitraum das Zürcher Volksrecht, die Berner Tagwacht, die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und die Bürgerliche Presse Zürichs, die während der Bestreikung der Druckereien der bürgerlichen Zeitungen vom 11. bis 15. November 1918 herausgegeben wurde, sowie die Bahnpersonal-Zeitschriften Die Lokomotive und die Schweizerische Eisenbahn-Zeitung. Auf weitere Presseerzeugnisse haben wir punktuell zurückgegriffen.


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