Beat von Scarpatetti
Bücherliebe und Weltverachtung Die Bibliothek des Volkspredigers Heynlin von Stein und ihr Geheimnis
Beat von Scarpatetti
Bücherliebe und Weltverachtung Die Bibliothek des Volkspredigers Heynlin von Stein und ihr Geheimnis
Unter Mitarbeit von Martin Carl (Assistent der Redaktion), Volker Honemann, Simone Mengis und Ueli Zahnd Mit Unterstützung von Christine Christ-von Wedel, Maarten Hoenen, Achatz von Müller und Simona Slanicka
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung der Claire Sturzenegger- Jeanfavre Stiftung, der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, der Lucius und Annemarie BurckhardtStiftung und der Johannes Oekolampad Stiftung Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich s einer Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Vorderseite links: Inc. 397, Kat. Nr. 97, Titelminiatur mit Wappen Heynlins; rechts: Heynlins unvermittelter Wegzug von Tübingen 1479, nach der Gründung der Universität 1477 (freie Nachzeichnung); Rückseite: F J VI 5, f. 69r (o.H.). Libris contra diabolum pugnatur. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: Thomas Lutz, Breitenbach Satz: Thomas Lutz, Breitenbach Druck: Thoma AG, Basel Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-4469-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4473-6 DOI 10.24894/978-3-7965-4473-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Vorwort
Historische Gestalten vermögen dann eine besondere Faszination zu entfalten, wenn sie uns zugleich fremd und nah scheinen, wenn sie in aller zeitlichen Distanz auch Vertrautes erkennen lassen. Das Fremde, Eigenartige, manchmal auch Abstossende, das sich in den Lebensentwürfen historischer Akteure finden kann, es lässt uns dann nicht einfach kalt, sondern regt uns zum Nachdenken an und fordert uns heraus, wenn es mit unerwartet Bekanntem einher geht, wenn sich inmitten des Unverständnisses über das Andere plötzlich vertraute Züge erkennbar machen. Es sind diese kurzen Momente der Irritation, des Zögerns, des sich ertappt Fühlens angesichts eines unverhofften Identifikationsangebots, die uns den Spiegel vorhalten und uns ermöglichen, in solcher Verschmelzung von Nähe und Distanz etwas über uns selbst zu lernen. Johannes Heynlin von Stein gehört sicher zu jenen historischen Figuren, die uns auf den ersten Blick vor allem einmal fremd scheinen. Heynlin war ein Kleriker, der in den letzten Jahrzehnten des ach so dunklen Mittelalters die Städte Süddeutschlands – und allen voran Basel – mit Aufrufen zur Busse und Umkehr bepredigte, um das Volk nicht nur zur Gottesfurcht zu bewegen, sondern auch zum Kauf von Ablässen und zu frommen Stiftungen, und der dies so wortgewaltig und erfolgreich tat, dass man ihn wiederholt etwa nach Bern kommen liess, um die Finanzierung des dort im Bau stehenden Münsters voranzutreiben. Doch Heynlin rief nicht nur zur Umkehr in einer sündhaften Welt auf, wetterte wider das Spielen, Tanzen, Trinken und die Gefahr der Frauen insbesondere, sondern er predigte ganz grundsätzlich die Abkehr von dieser Welt. Der contemptus mundi, die Weltverachtung, sie war das wohl grundlegendste Motiv seines Schaffens: Das Diesseits, die sündhafte, unreine Welt (mundus immundus), sie hatten als Spielball dämonischer Kräfte nur Geringschätzung verdient. In den scholastischen Streitigkeiten seiner Zeit schlug sich Heynlin daher in den langen Debatten um die unbefleckte Empfängnis Mariens dezidiert auf die Seite der Immakulisten und machte sich den Hoffnungsschimmer, der sich in diesem kurzen Einfall himmlischer Reinheit in irdische Sphären abzeichnete, so sehr zu eigen, dass er ihn sich – ganz wörtlich gemeint – auf sein Wappen schrieb; und um dieser bloss mit Verachtung zu begegnenden Welt zumindest ansatzweise schon im Diesseits zu entfliehen, liess er das Busspredigen schlussendlich sein und trat – wohl in seinen 50ern stehend – in die Kartause von Kleinbasel ein. Doch ist dies eben nicht der ganze Heynlin. Johannes Heynlin von Stein hatte auch eine Passion, eine Passion für Bücher. Gegen 300 Bände sind es, die sich heute noch seiner Privatbibliothek zuordnen lassen – für spätmittelalterliche Verhältnisse eine unglaubliche Zahl – und die von einer Bücherliebe zeugen, die auch heute nicht kalt lassen kann, wer dem geschriebenen Wort in seinen verschiedenen Medien nicht kalt gegenübersteht. Denn Heynlin war nicht einfach nur ein biblio-
5
Vorwort
philer Sammler, sondern zeigte sich in seinen Büchern als kritischer Zeuge jenes Medienwandels, der sich im Ausgang des Mittelalters vollzog: Heynlin war der erste, der um 1470 in Paris eine Druckerei einrichtete, zugleich liess er – ebenfalls in Paris – ihm wichtige Handschriften ganz mittelalterlich illuminieren, und einen bedeutenden Teil der Drucke, die er für sich erwarb, stattete er im Nachhinein mit Zeilenlinien und Spaltenbegrenzern aus, wie es eigentlich nur in Skriptorien für erst noch zu beschreibende Blätter sinnvoll gewesen wäre. Solch kokettierendes Spiel mit neuen und alten Medien, es zeigt Heynlin als gewitzten Akteur inmitten einer medialen Revolution, und dieser Witz lässt sich auch in einem weiteren Bearbeitungsschritt seiner Bücher finden: Mit insgesamt wohl mehr als 10 000 Glossen – der Urform der mittelalterlichen Kommentartätigkeit – hat Heynlin insbesondere seine Drucke versehen, Glossen, die mit einer Sorgfalt eingetragen sind, welche von seinem unglaublichen kalligraphischen Geschick zeugt (seine Predigten in Notizschrift lassen sich hingegen kaum entziffern), und die daher in ihrer ästhetischen Klarheit nicht nur ihm selbst, sondern auch der Nachwelt verdeutlichen sollen, was er an einem Text für bemerkenswert hält, was ihn berührt, was ihn bestätigt und was ihn über seine Weltverachtung hinwegtröstet – als ob hier einer mehr als 500 Jahre vor der nächsten Medienrevolution sich durch Kurzkommentare ein Profil erstellen wollte. Die Selbstdarstellung, die Selbstvergewisserung, die sich in diesen Glossen ebenso findet wie auch eine Sehnsucht, die sehr nach Realitätsflucht ins Mediale klingt, sie muten mindestens ebenso modern an wie die Tatsache, dass Heynlin trotz aller zur Schau gestellter Lektürevorlieben als Person letztlich geheimnisvoll unfassbar bleibt. Das vorliegende Werk ist ganz dieser Bibliothek Heynlins und ihren Glossen gewidmet. Als catalogue raisonné sämtlicher erhaltener Bücher aus Heynlins Besitz wartet es mit zahlreichen transkribierten und übersetzten Glossen auf, bietet Bio-Bibliographien zu den vorhandenen Autoren, zeichnet – soweit möglich – in einer ausführlichen Einleitung mit Einblicken in Heynlins Leben und in die Themen, die ihn umgetrieben haben, dessen intellektuelles Profil nach und erlaubt es der Leserin, dem Leser damit, in die fremd-nahe Geisteswelt dieses Gelehrten an der Schwelle zur Neuzeit einzutauchen. Verfasst hat es Beat von Scarpatetti, der sich seit vielen Jahren mit Heynlin beschäftigt. Auseinandergesetzt hat er sich mit ihm bereits im Rahmen des Catalogue des manuscrits datés en Suisse in den 1970er Jahren, und auch wenn es übertrieben wäre zu sagen, dass daraus eine Obsession geworden sei, haben ihn Heynlins Bibliothek und die Geheimnisse um seine Person seither nicht mehr losgelassen, haben zu langjährigen Studien und schliesslich zum vorliegenden Werk geführt. Was aber faszinierte Beat von Scarpatetti, bekannt nicht nur als hervorragender Paläograph, sondern als früher Vorstreiter der Umwelt-Bewegung, als Verfasser der Helvetischen ökologischen Verfassung, als der Welt und ihren Freuden durchaus zugetaner Lebemann, was fasziniert ihn an diesem Welt verachtenden, dem Diesseits entfliehenden Johannes Heynlin von Stein? Es ist wohl auch hier das Einhergehen von Nähe und Distanz: Nähe in der Achtsamkeit und bewahrenden Sorgfalt, wie sie die Bücherliebe seit Jahrhunderten auszeichnet und wie sie der Schöpfung, dem «Buch der Natur» endlich zukommen müsste – die St. Galler Waldhandschrift, die Beat von Scarpatetti 1985
6
Vorwort
initiiert hat, ist ein bleibendes Zeugnis für dieses Zusammengehen von Handschriftenkunde und Ökologie; Distanz aber in der Weltverachtung, wie sie das Christentum über Jahrhunderte hinweg gepredigt hat und der eine klare Mitschuld am heutigen Zustand unseres Planeten zuzuschreiben ist. Entstanden ist nun ein Werk, das nicht weniger mit dem Medienwandel kokettiert als einst Heynlin: Als Katalog in Buchform präsentiert es sich in einem Format, dessen Zeit angesichts von Datenbanken und Suchportalen abgelaufen scheint; doch hat sich Beat von Scarpatetti nicht gescheut, das Geld aufzutreiben, damit das Werk auch Open Access in elektronischer Form zur Verfügung steht. Ob am Bildschirm oder am Lesepult: Der Leserin, dem Leser sei gewünscht, dass sie sich scrollend oder schmökernd in die Bücherwelt Heynlins hineinversetzen lassen mögen, das Irritierende darin nicht scheuen und in der historisch aufscheinenden Gestalt Heynlins jene Faszination finden, die uns helfen kann, uns und unsere Zeit besser zu verstehen. Ueli Zahnd Institut d’histoire de la Réformation, Genève
7
Für Franca, Viola, Liane Karin und † Martin Vosseler
Inhalt
Vorwort .. ..................................................................................................................
5
Einleitung ............................................................................................................... 11 Epilog ....................................................................................................................... 106 Katalog der Bibliothek Heynlins von Stein .. ....................................................... 115 Einführung . . ............................................................................................................ 117 Übersichtsliste über die Signaturengruppen ......................................................... 118 Katalog . . ................................................................................................................... 145 Abkürzungen . . ........................................................................................................ 549 Bibliographie .......................................................................................................... 551 Bildnachweis . . ......................................................................................................... 559 Index Autoren und Werke .. ................................................................................... 563
9
Einleitung Zur Person Heynlins, zum Katalog, zur Interpretation der Glossen und zum Problem der Weltverachtung
I.
Neues zu Johannes de Lapide ..................................................................................... 1. Zur Person Heynlins und zu seiner nachgelassenen Bibliothek ............................... 2. Die Bibliothek als neue Hauptquelle für das Denken und Predigen Heynlins ............ 3. Das ältere Wissen über Heynlin (15. Jh. bis 1907) . . .................................................. 4. Die Monographie von Max Hossfeld (1907/08) als Grundlage aller folgenden Studien des 20. Jhs. . . ................................................................................................ 5. Was die Quellen zu Heynlins Herkunft und Laufbahn sagen .. .................................
13 13 17 19 22 23
II. Geschichte der Heynlin-Bibliothek und ihrer Katalogisierung ................................ 47 1. Zur Geschichte der Bibliothek und ihrer ersten Erschliessung, 1496–1889 .............. 47 2. Max Burckhardts Verzeichnis der Heynlin-Inkunabeln (1973) und die Ergänzungen durch weitere nachfolgende Kataloge (1973–1998 / 2005–2015) ...... 48 III. Zum vorliegenden Katalog ......................................................................................... 1. Ausgangslage und Fragestellung . . ............................................................................ 2. Zum Inhalt des Katalogs ......................................................................................... Übersicht über die Bibliothek Heynlins .........................................................................
50 50 50 58
IV. Inhalt, Schwerpunkte und Wert der Bibliothek . . ....................................................... 60 Schwerpunkte der Bibliothek ........................................................................................ 60 Entwurf einer Schätzung der Bibliothek in Valuta ........................................................ 66 V. Heynlins Büchersammlung als Quelle der Lehre und Predigt vom Contemptus Mundi (Weltverachtung) . . .............................................................. 1. Allgemeines ............................................................................................................ 2. Blütenlese aus Marginalien von Heynlins eigener Hand .......................................... Annotationes Johannis de Lapide in libris bibliothecae suae ......................................... Chrestomathia ascetica de contemptu mundi / Blütenlese zur Weltverachtung .............. 3. Grundlegendes und Historisches (Evangelien bis zur Zeit Heynlins) .. ..................... 4. Heynlins Busspredigt: In presenti vita nulla consolatio . . .......................................... 5. Die Substanz der Heynlinschen Glossen .. ................................................................ VI. Zum Geheimnis Johannis de Lapide .......................................................................... 1. Hinweise auf ein besonderes Schicksal: die wichtigsten Indizien ............................. Fakten zur Quellenlage um die Person Heynlins ........................................................... 2. Heynlins Reichtum ................................................................................................. 3. War Heynlin Priester? ............................................................................................. Heynlins Opera und Notae zu Sacerdotium, Beichte und Kommunion .......................... 4. Heynlins Defensio der Immaculata Conceptio Mariens und sein ihr gewidmetes Wappen .......................................................................................... 5. Heynlin als möglicher natürlicher Spross des hohen Adels oder des Klerus im Land Baden ........................................................................................................
67 67 67 67 67 74 79 85 88 88 88 89 91 95 96 98
VII. Konklusion: «Libris contra diabolum pugnatur»: Die Bücher als Abglanz der jenseitigen Transzendenz / der Schatten des Contemptus mundi über der diesseitigen Welt .... 103 1. Allgemeines ............................................................................................................ 103 2. Zu den Folgen des Contemptus mundi in Neuzeit und Moderne . . ............................ 103
Epilog Sieben ausgewählte Fenster über Folgen des Contemptus mundi in Neuzeit und Moderne ............................................................................................................... 106
12
I. Neues zu Johannes de Lapide
I. Neues zu Johannes de Lapide
1. Zur Person Heynlins und zu seiner nachgelassenen Bibliothek Johannes Heynlin von Stein (ca. 1430–1496) ist eine signifikante Figur an der traditionellen Epochengrenze zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. In der oberrheinischen frühneuzeitlichen Forschung ist er durchaus bekannt.1 Er hat in Paris als Philosoph, Frühhumanist und Protagonist des Buchdrucks gewirkt, sodann am Oberrhein als prägende Gestalt der jungen Basler Universität, als Volksprediger und schliesslich als Basler Kartäuser Er hat die religiöse Mentalität von Städten wie Bern, Basel und Tübingen stark mitgeprägt. Im Geist einer strengen Aszese und Abwendung von der Welt beeinflusste er dank innerer Nähe namhafte Freunde wie Sebastian Brant und wohl auch Johannes Reuchlin und Jakob Wimpfeling. Seine bisher weitgehend unerschlossene, persönlich von eigener Hand glossierte Bibliothek liegt mit 283 Bänden annähernd vollständig erhalten auf der Universitätsbibliothek Basel 2 und bildet eine neue Quelle für diese starke, von Widersprüchen nicht freie Persönlichkeit. Sie ist jetzt erschlossen durch den auf diese Einleitung folgenden Katalog, erstellt 1995–2016.3 Sieht man von den im Basler Staatsarchiv liegenden Akten der dortigen Kartause ab, so finden sich über den aus der Markgrafschaft Baden stammenden Heynlin keine ausseruniversitären archivalischen Quellen; ebensowenig Biographisches von seiner Hand. Von dieser stammt der Entwurf zu seinem Testament aus dem Eintrittsjahr 1487, das offenbar an den Prior der Kartause gerichtet war und erstaunlicherweise nie gedruckt und auch im 20. Jh. nicht rezipiert worden ist, sodass dies hier nachzuholen bleibt. Sein Herkunftsort Stein bei Pforzheim ist lediglich wegen des Zunamens «de lapide» erschlossen, dies schon seit dem 19. Jh. Die erste 1 M ax Hossfeld, Johannes Heynlin aus Stein. Ein Kapitel aus der Frühzeit des deutschen Humanismus, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 6 (1907), p. 309–356, fortgesetzt in Band 7 (1908), p. 79–219, 235–431; Beat von Scarpatetti, Art. Heynlin, in VL (2. Aufl.) 3, 1981, col. 1214–1219, Werkverzeichnis col. 1216f.; Ders., Weltverachtung an der Schwelle der Neuzeit. Zu den Glossen in der Bibliothek Heynlins von Stein (ca. 1430–1496), in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 110, 2010, p. 107–126; Ders., Johannes Heynlin de Lapide (ca. 1430–1496), «scolastique» et humaniste, bibliothécaire du collège de Sorbonne et recteur de l’université de Paris, in: Claire Angotti et al., Les livres des maîtres de la Sorbonne, Publications de la Sorbonne, Paris 2017, p. 225–242. 2 Zwei Bände sind auswärts neu identifiziert worden, einer in der Stadtbibliothek Winterthur und einer auf Auktion, s.u. Katalog, Kap. Drucke Aliae, Nrr. 286 und 287; s. auch Anm. 123. 3 Vgl. etwa Beat von Scarpatetti, Die Büchersammlung des Johannes de Lapide (†1496). Eine ausserordentliche Bibliothek als einziger Spiegel einer ausserordentlichen Person, in: Gazette de Livre médiéval (Paris) 34, 1999, p. 47–53. Zur Monographie von Max Hossfeld und zur weiteren biographischen Literatur siehe unten Kap. 3.
13
Einleitung
handschriftliche Erwähnung überhaupt ist sein eigenes handschriftliches Kolophon von 1448 als Student in Leipzig in einem seiner frühen Codices. Jedenfalls erscheint er erstmals im Studium an deutschen Universitäten, 1446 war er möglicherweise in Erfurt, 1448 sicher als Scholar in Leipzig. Über einen eher kurzen Aufenthalt an der Universität Löwen erreichte er 1454 die Universität Paris. Dort öffnete sich ihm eine fast 20-jährige brillante Karriere an der Sorbonne, deren höchste Chargen er im Lauf der Zeit bis 1473 bekleidete. Er war um 1464 aber auch an der neugegründeten Universität Basel wirksam, und ebenso 1477/1479 an derjenigen von Tübingen. Die akademische Welt und die Streitigkeiten zwischen nominalistischer und realistischer Richtung der Spätscholastik mögen ihn ermüdet haben; jedenfalls brach er 1474 in Paris alle Aktivitäten an der Universität ab und wurde Volksprediger in oberheinischen Städten und Konventen; auch die Berner Regierung hat ihn eigens ans Münster berufen. In Basel war er Prediger zunächst ab 1475 am Stift St. Leonhard, welches der Bischof 1464 dem Windesheimer Kapitel und somit der späten Devotio Moderna angegliedert hatte, dann 1484 ex officio am Münster sowohl von Bern wie von Basel. Nach glänzendem Wirken auf der Kanzel entschloss er sich 1487 zum vielbeachteten und vielkommentierten Übertritt in das strenge Mönchtum der Basler Kartause, wo er 1496 starb. Seine Bibliothek wurde deren Eigentum, später das der Universitätsbibliothek Basel. Bis dato nicht katalogisiert, bildet sie in Form des nun vorliegenden Katalogs die neue Hauptquelle zu Person, Denken und Wirken Heynlins, zum einen durch das Spektrum ihrer Autoren und Werke selbst, da die ganze Bibliothek ausschliesslich von ihrem Eigentümer Heynlin aufgebaut wurde, zum andern durch seine persönlichen Annotationen, die sich in zwei Dritteln der Bände finden.4 Der 1487, im Jahr des Eintritts Heynlins in die Kartause, als Entwurf aufgesetzte Text einer Letztwilligen Verfügung5 (Ordinatio mee ultime voluntatis) wirft mehr Fragen auf, als 4 Von 286 hier erfassten Bänden sind 185 glossierte, 98 nicht glossierte Bände; siehe die Übersichtsliste der Bände und Signaturen. 5 St.A. Basel, Klosterarchiv, Kartause Q3: Testament Johannes Heynlin, Entwurf auf Papier, mit Korrekturen und Überschreibungen, Beschädigungen am rechten Rand. Hier der Text: Verfügung («Ordinatio») [nicht: Testamentum] Johannis de Lapide an den Prior der Kartause] Venerabilis pater, hec est mei fratris Johannis heynlin de Lapide vltime voluntatis ordinatio. De omnibus bonis tempora/libus a domino mihi collatis, ordino atque dispono in primis vt res parui vel mediocris valoris que non valent ad vsum fratrum / in domo, cuiusmodi sunt, Cultelli, burse, cinguli & similia, donentur fautoribus & amicis meis specialibus. / Jtem de linteaminibus dentur duo paria ad vsum infirmorum hospitalis in ciuitati Basiliensis, Jtem duo paria ad vsum peregrin[orum] alienorum hospitandorum in hospitali eis deputato. Jtem vnum par vni persone eciam pauperi. / Jtem de vestimentis et pannis tunice fuste de scarlato absque subductura de vario minuto [mit kleiner Marke] Religiosis dominabus Jn valle lucida prope opidum Bad[ense], sic quod de isto fiant ornamenta cultu divino deseruientia. Jtem vna parua tunica pectoralis pro Johanne famulo me[o]. / Jtem alia longior de tela nigra, subducta pellibus nigris, absque subductura, eidem Johanni. Jtem vnum caputium fustum, eidem. Jtem due tunice grisee / verse, quarum vna absque subductura, altera uero subducta tela nigra, disseminatis pro eorum atque alio antiquo famulo seruienti, / nunc magistro Johanni Amerbach. Jn istis eciam nolo esse participem Juuenem seruientem prebendarie huius domus, ita quod convenien/tiori modo quo res disponi possit, fiat. / Item duo caputia theologalia cum brevibus cornetis … colligendus pro au … / fautoribus theologis nisi vnum
14
I. Neues zu Johannes de Lapide
er neue Fakten böte, namentlich zum wirklichen Status Heynlins im Konvent, von welchem immerhin festzuhalten gilt, dass er in dessen Sammlung der eigenhändigen Professzettel der Konventualen nicht erscheint. Innerhalb der Gemeinschaft des Kartäuser-Kapitels ist etwa das Halten eines Johannes famulus meus – so die Ordinatio – schwer denkbar, und wohl auch der angeführte reiche Hausrat. Die strenge Klausur ferner hätte jedenfalls auch die zweifelsfrei nötigen Aussenkontakte allein zum damals führenden Drucker Johannes Amerbach (welcher auch istorum posset vtiliter vendi. Jtem cellipedium siue corneta subducta serico similiter pro a … / Jtem birreta duo similiter. Jtem omnes Camisie similiter presertim indigentibus distribuantur, excepta longiore et meliore camisia qu[e] / deservire potest pro domo, pro sudariolis vel munditoriis nasi faciendis. Jtem cetera siue de vestimentis, tela vel linteaminibus / maneant pro domo B. Margarete & similiter coopertoria et alia ad lectos pertinentia; ita tamen quod ea que aptari possent ad / cultum divinum aptentur. Jtem Mense et cetera vtensilia pro domo B. Margarete. Jtem de frumentis mihi ratione / beneficiorum pertinentibus dentur due viernzelle domino Heinrico Fogel. Jtem vna vel due alteri persone pauperj. Resid[ua] / pro vsu domus S. Margarete. Jtem vasa argentea et cetera clynodia pro domo B. Margarete. Similiter eciam debita … / pecuniaria …: sic tamen quod vel omnia vel maior pars que quer[i]tantur in reliqua ad cultum diuinum pertinencia vel cultu eciam [turi]/bula vel alia ornamenta argentea vel aurea cultui diuino aptanda. Si tamen, Venerabilis pater, vestre paterni[tati] / videretur quod de quibusdam melius disponi posset pro honore dei & huius domus vtilitati, volo quod fiat … … / Jtem de libris ordino ad librariam domus predicatorum Basiliensis psalterium quod adhuc est in eadem domo. Jtem … / scriptum in duobus voluminibus ligatur. Jtem Summam viciorum et virtutum scripta in vno volumine. Jtem Sermones … / Spyre impressos et ligatos, et si videatur vnum volumen sermonum nondum ligatum vestre paternitatj detur. / De reliquis libris ordino quod maneant in domo B. Margarete [Folgen 2 Linien zugleich durchgestrichen und noch überschrieben, dabei ist vieles unklar, das Überschriebene sind nicht Wörter, sondern Buchstaben, die sich wiederholen, also starke Tilgungsabsicht des primären Textes]. Vbi eciam videretur paternitati vestre quod aliqui libri artium essent dando [sic] / ad alia loca, prout partim exposui & adhuc amplius exponam, dentur. Cuncta residua maneant eciam in domo B.[eate] M.[argarete] / Jtem Si aliqua ex supradictis non possent venire in magnam vtilitatem domus: et melius possent deseruire ad alia loca et vsus pios, / vellem quod fieret. Jn hoc tamen fiat uoluntas vestra. Hec est venerabilis pater mea voluntas vltima. Teste hac scedula manu / mea scripta et signeto meo subsignata anno etc. lxxxvij in profesto B. Hugonis Episcopi ordinis Cartusiensium. / Si eciam aliqua ratione mei essent expedienda peto vt expediantur. [Spuren eines grünen Siegelwachses.] Zusammenfassung deutsch der Verfügung/Vereinbarung (Testament?) des Johannes de Lapide an den Prior der Kartause (1487). St.A. Basel, Klosterarchiv, Kartause Q3: Testament des Johannes Heynlin, eigenhändiger Entwurf auf Papier, mit Korrekturen und Überschreibungen, Beschädigungen am rechten Rand. Ordination [nicht: Testament] an den ehrwürdigen Vater [Prior der Kartause]. Einleitend breite detaillierte Ausführungen zum sehr reichhaltigen Hausrat, schwergewichtig Bekleidung, unter Erwähnung seines Druckers Johannes Amerbach. Nach detailliert aufgeführtem Silbergeschirr und auch Paramenten folgen Verfügungen über einzelne Codices mit sehr summarisch benanntem Inhalt; neben der Kartause selbst geht ein Band auch an die hiesigen Dominikaner. Der eigenhändig geschriebene und teilweise redigierte Entwurftext auf Papier ist datiert und besiegelt am Vorabend des Festes des Hl. Hugo, anno 1487, also im Jahr seines Klostereintritts. Eine Professurkunde ist indessen im heutigen Klosterarchiv nicht enthalten, ebensowenig ein (u.U.) fragliches Original der vorliegenden Ordination.
15
Einleitung
im Testament erscheint) schwerlich in freierer Form zugelassen, wie allein schon der Traktat Heynlins in Amerbachs Porphyrius/Aristoteles-Druck von 1495/96 (Inc. 677) zeigen mag. Es ist schlicht schwer vorstellbar, dass Johannes Amerbach und Johannes Heynlin sich von 1487 bis 1496 nicht öfter und intensiver getroffen hätten. Angesichts vieler Fragen eröffnet hingegen die Bibliothek selbst entscheidende neue und klarere Einblicke. Diese auszuwerten, war trotz der grundlegenden Monographie von Max Hossfeld (1907/08) und weiterer Arbeiten lange nicht möglich, da sie bis 1973 nicht als geschlossenes Corpus erfasst und nicht mit einer Liste der Signaturen verzeichnet war. Die einzelnen Bände lagen nach ihren Inhaltsbereichen und Signaturengruppen verstreut unter den 2000 Handschriften und den 2900 Inkunabeln der Basler Universitätsbibliothek. Nur die Bibliothekare wussten Näheres vom so verstreuten grossen Bestand der Heynliniana. Im Anschluss an die ersten Bibliothekskataloge in Buchform wurden vom Jahr 1889 an alle Inkunabeln mindestens summarisch erfasst im damals neu erarbeiteten handschriftlichen Fichen-Katalog grösseren Formats (Karten 15 auf 15 cm). Auf diesem wurde die Provenienz aus der Kartause und aus dem Legat Heynlins erstmals systematisch verzeichnet, was die Grundlage für ein genaueres Verzeichnis bilden sollte.6 Weil der älteren Forschung ein solches Verzeichnis und damit das Bild einer kompakt erschlossenen Bibliothek vorerst fehlte, konnte sie die mentalitätsgeschichtliche Bedeutung Heynlins allerdings nur auf einer beschränkten Basis erfassen. Die genannte, ausgezeichnete Monographie von Max Hossfeld galt dem Bezug Heynlins als eines Vertreters der deutschen Nation zu Spätscholastik, Humanismus und Predigt. 1934 folgte eine gleichwertig quellenbezogene Studie von Hans von Greyerz zu Heynlin als Prediger in Bern.7 Beide Forscher konnten nur mit einem Bruchteil des Quellenmaterials arbeiten, nämlich rund einem Dutzend Konzepthandschriften Heynlins. Eine neue Forschungslage haben zwei Basler Handschriftenbibliothekare geschaffen, Max Burckhardt (im Amt 1935–1976) und sein Nachfolger Martin Steinmann (1976–2005). Burckhardt hat sich um die Identifizierung der Heynlinschen Drucke in der Masse der 2900 Inkunabeln der Basler Bibliothek verdient gemacht, indem er auf der Grundlage der Katalogskarten des 19. Jhs. und der Bände selbst ein summarisches Verzeichnis der Drucke aus Heynlins Besitz erstellte. Dieser erste Katalog aller Inkunabeln Heynlins erschien allerdings nur hausintern in einer vervielfältigten Schrift zum Geburtstag des Oberbibliothekars von 1973. In der Folge hat Martin Steinmann im Zuge der bibliotheksinternen Handschriftenkatalogisierung das Handschriftencorpus (Schreiber- und Besitzerschaft) Heynlins 6 Dieser Fichen-Katalog (der sogenannte «Alte Katalog») war bis 2013 im öffentlichen Gebrauch, wurde dann aber gescannt, archiviert und aufs Netz gestellt. 2002–2005 wurden zudem die gesamten gedruckten Altbestände elektronisch rekatalogisiert; somit sind nun auch im mittlerweile etablierten elektronischen Bibliothekskatalog zumindest die einzelnen Druck-Bände Heynl ins abrufbar. 7 S.u. Kap. I.5.j und k, Anm. 107–109.
16
I. Neues zu Johannes de Lapide
definitiv zusammengestellt, mit einigen Neufunden unter den Miszellanbänden von Handschriften und Drucken. Präzisen Aufschluss erteilen die Besitzerregister in den beiden von Steinmann 1982 und 1998 herausgebenenen Indices-Bänden.8 Somit kennen wir erst seit 1998 den wirklichen Gesamtumfang der Bibliothek. Im vorliegenden Katalog umfasst er 287 Bände (freilich werden hier auch vereinzelte Bände ohne direkten Besitzeintrag aufgenommen, wenn sie Einträge Heynlins oder einen sonstigen festen Bezug zu ihm aufwiesen; zudem sind kürzlich ausserhalb der Universitätsbibliothek noch zwei bisher unbekannte Bände mit zahlreichen Marginalien Heynlins aufgetaucht, einer konnte bearbeitet und in den vorliegenden Katalog aufgenommen werden).9 Somit lässt sich Heynlins Bibliothek als eine bei weitem nicht nur bibliophile Sammlung, sondern inhaltlich einzigartige Quelle für die Schnittstellen zwischen Spätscholastik, Spiritualität und Moral, Humanismus und Buchdruck ausschöpfen, was im Folgenden getan werden soll.10
2. Die Bibliothek als neue Hauptquelle für das Denken und Predigen Heynlins Heynlin fällt unter den bekannteren oberrheinischen Persönlichkeiten des Spätmittelalters und Frühhumanismus dadurch auf, dass ausserhalb seiner Bibliothek keine persönlichen Zeugnisse erhalten sind: Weder persönliche Briefe, noch biographisches Material, noch ein Portrait, oder gar Nachkommen oder weitere Familienmitglieder sind bekannt. Rigoros verschlossen ist sein Herkommen.11 Auch liegt, wie im Folgenden erläutert wird, kein eigentliches Hauptwerk Heynlins vor, mit welchem er sich als Theologe oder Philosoph bekannt gemacht hätte. Erste überhaupt vorhandene Nachrichten zur Existenz Heynlins finden sich in den Matrikeln diverser Universitäten (siehe folgendes Kapitel I.5). Auf die dort ususgemäss knappen Einträge geht zurück, dass über Lokalisierung der Herkunfts- oder Namensbezeichnung de lapide bis heute keine letzte Sicherheit besteht. Über die wahrscheinlichste Hypothese, Stein bei Pforzheim, besteht erst seit dem 19. Jh. und seit der Monographie Hossfelds Konsens, zumal die Akten der Sorbonne ihn der Markgrafschaft Baden und der Diözese Speyer zuweisen. Diese Herkunft ist auch bekräftigt durch den Rat der Stadt Bern, welcher 1476 an den Markgrafen 8 M artin Steinmann, Register zu den Abteilungen A I bis A XI und O der Handschriften der Universiätsbibliothek Basel, Verlag der UB, 1982 / ebenso zu den Abteilungen C I bis C VI, D–F e.a., ibid 1998. 9 1989 wurde bei der Arbeit am Katalog der datierten Handschriften in der Stadtbibliothek Winterthur ein von Heynlin glossierter Band entdeckt (Nr. 286 unseres Katalogs), 2015 tauchte ein solcher kurzfristig an einer Auktion in Basel auf, den wir allerdings nicht einsehen konnten: Petrus de Bergamo, Tabelle der Werke von Thomas von Aquin; Ms. o.S., provisorisch verzeichnet als Nr. 287 unseres Katalogs (siehe Abt. Drucke Aliae, am Schluss); s. auch Anm. 123. 10 Ein Einblick darin, wie Heynlin auch als ein Experimentator der Schriftkultur auffällt, findet sich unten im Kapitel III.2.c. 11 Dazu s. das nächste Kap. I.5. und weiter unten die Kap. VI.1. und 5.
17
Einleitung
von Baden gelangt, um Heynlin als Ablassprediger anlässlich der Romfahrt von 1478 zu gewinnen. Die beiden bekannten Berner Chronisten Diebold Schilling und Valerius Anshelm berichten darüber.12 Gegenüber diesen insgesamt spärlichen biographischen Quellen erweisen sich die Notae, Zeichen, Randglossen und grösseren Marginalien, die in den annotierten Bänden vorzufinden sind, als äusserst reichhaltige Zeugnisse zum Denken und Wirken Heynlins. Ihr Spektrum reicht von blossen Hinweisen auf ihm wichtig scheinende Textstellen, vom Kurzzitat zentraler Aussagen bis zu vereinzelten, sehr signifikanten persönlichen Äusserungen, ja Bekenntnissen Heynlins.13 Dabei wird deutlich, dass der Hauptteil der Glossen Heynlin offensichtlich als Elemente und Motive für seine Predigten diente; sie spiegeln aber darüberhinaus ein Interesse von eindrücklicher Breite und vor allem intensiver Aneignung vielfältigster Materien. Dass diese Annotationen vor allem dem Prediger dienen sollten, erstaunt nicht. Die grosse Reputation des weitherum bekannten Volkspredigers mit der Aura der hohen Gelehrsamkeit eines Doctor Parisiensis war zweifellos eine historische Realität, auch wenn sie nach seinem Tod und im Lauf der Jahrhunderte zu einer reinen Fama werden musste. Denn im Gegensatz zu ähnlich bekannten Figuren wie Sebastian Brant, Jakob Wimpfeling oder Beatus Rhenanus hinterliess Heynlin keinerlei signifikantes, seinem breiten Predigtwirken adäquates Werk, auf das man sich hätte berufen können.14 In akademisch interessierten Kreisen wusste man zwar um einen Logik-Kommentar aus Heynlins Hand, den bereits Trithemius 1494 an erster Stelle unter Heynlins Werken anführte und den Amerbach in derselben Zeit auch drucken liess,15 doch handelt es sich um ein dezidiert scholastisches Werk, das die Vielseitigkeit von Heynlins Persönlichkeit zu wenig beleuchtet, um als sein «Hauptwerk» gelten zu können.16 Grösseren Nachklang fand der Druck des Resolutorium dubiorum circa celebrationem missarum occurrentium, 1492 erschienen und bis 1558 über zwanzig mal nachgedruckt. Als Hauptwirken Heynlins ist daher sein Predigtwerk zu betrachten, worauf sich durchaus auch seine Reputation stützte, denn begabte Prediger waren hochgeschätzt und umworben.17 Allerdings erweist 12 Dazu s.u. Anm. 97. 13 Zum Corpus der Glossen siehe unten Kap. V.5. 14 Was wäre vergleichsweise ein Brant ohne das Narrenschiff, ein Wimpfeling ohne die Germania, ein Rhenanus ohne die Res Germanicae? 15 Inc. 677: Libri logice Porphyrii et Aristotelis cum explanatione magistri Johannis de Lapide; [dazu: Nr. 2a] Tractatus eiusdem magistri Johannis de Lapide de propositionibus exponibilibus: cum tractatu de arte solvendi importunas sophistarum argumentationes. Basel, Johannes Amerbach, s.a. [ca. 1496], mit der Elegie Sebastian Brants auf Heynlin (d.h. erst um oder nach Heynlins Tod gedruckt). Zum quasi zeitgleichen Artikel Heynlin bei Trithemius s.u. Anm. 23. 16 Ohnehin stammt das Basler Exemplar nicht aus Heynlins Bibliothek selbst, sondern aus jener des Leonhardsstiftes. Zudem lässt sich schwer feststellen, ob diese Explanationes rezipiert wurden; zu denken wäre an die aristotelisch-scholastische Grundausbildung an katholischen Universitäten der Neuzeit. Die sie begleitende Elegie Brants auf Heynlins Tod hingegen ist in die Geschichte eingegangen und wurde im vorliegenden Katalog neu übersetzt, im Anhang an die Katalog-Beschreibung der Inc. 677. 17 So wurden etwa Savonarolas Predigten schon 1496 gedruckt: Girolamo Savonarola, Predica dell’arte del ben morire, Florenz 1496, reed. Erich von Rath, Berlin 1926.
18
I. Neues zu Johannes de Lapide
sich die Fülle aller heynlinschen Predigten noch heute als schwer zugänglich, da im Normalfall nur minutiöse Notae und Skizzen vorliegen, die oft nicht leicht zu rekonstruieren, geschweige denn als Gesamtwerk herauszugeben sind.18 Das betonen auch die Editoren einer kleinen Anzahl ausgewählter Predigten, nämlich Eugen Stolz (1927) einer Tübinger Predigt von 1478, und Hans von Greyerz (1933) von sieben Berner Predigten von 1476.19 Dass das Predigen und somit Heynlins imposantes Predigtwirken eine enorme Leistung darstellt, steht in jedem Fall fest;20 Heynlin bezeugt es selbst in einer bescheidenen Glosse zu Johannes Chrysostomus: Magnus labor predicatoris.21 Als Prediger war er in der älteren Forschung denn auch am besten bekannt.
18 An der Universität Basel wurden für das Münsterjubiläum von 2019 ausgewählte Predigten transkribiert von Beat von Scarpatetti und Ueli Zahnd, im Rahmen einer Lehrveranstaltung. 19 S.u. Kap. I.5.j, Anm. 107–109. 20 Zur Liste seiner Predigten in Süddeutschland bei Hossfeld, Heynlin (1908) s.u. Kap. 5.j. 21 Im Kölner Chrysostomus-Druck von 1470, *F J IX 28, einzige Marg. im Cap. V.
19