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THÉOLOGIE PRATIQUE EN DIALOGUE PRAKTI S C H E TH E OLO G I E I M DIALO G Herausgegeben von François-Xavier Amherdt und Salvatore Loiero
Pragmatik christlicher Heilshoffnung unter den Bedingungen der Säkularität Zugänge zu einer differenzsensiblen Pragmatik erfahrungsbezogener Theologie
Ansgar Kreutzer Salvatore Loiero Matthias Möhring-Hesse Andreas Odenthal (Hg.)
Théologie Pratique en Dialogue Praktische Theologie im Dialog
Gegründet von Leo Karrer Herausgegeben von François-Xavier Amherdt und Salvatore Loiero
Band 57
Ansgar Kreutzer, Salvatore Loiero, Matthias Möhring-Hesse, Andreas Odenthal (Hg.)
Pragmatik christlicher Heilshoffnung unter den Bedingungen der Säkularität Zugänge zu einer differenzsensiblen Pragmatik erfahrungsbezogener Theologie
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Inhaltsverzeichnis Vorwort ........................................................................................................................... 7 Herbert Haslinger Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft ..................................................... 15 Annette Langner-Pitschmann Autoritätsprobleme Der Erfahrungsbegriff von E. Schillebeeckx im Spiegel prä- und postmoderner Kritik ................................................................ 69 Sibylle Trawöger Konstellation(en) der Korrelation Skizze zur Erschließung des Korrelationsprinzips .................................................. 87 Salvatore Loiero Pastoraler Byzantinismus? Von der notwendigen Differenzierung spiritueller und religiöser Erfahrungen ...................................................................................... 119 Ulrike Sallandt Der Entwurf einer ‹leisen› Theologie in Anlehnung an das Leibkonzept von Emmanuel Levinas Überlegungen am Beispiel der Diakonie als Öffentlicher Theologie ................. 145 Eugen Schweiger Das Kreuz mit der Couch Christliche Anthropologie und Psychoanalyse ..................................................... 169
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Inhaltsverzeichnis
Robert Plum Eine Theologie für die offene Stadt Ansätze zu einer Theologie des Sakralraums ........................................................ 201 Andreas Odenthal «Sinn- und Kontrasterfahrungen zum Ritual geläutert» Liturgietheologische Konturen im Gespräch mit Edward Schillebeeckx .......... 221 Ansgar Kreutzer «In den Armen Christus entdecken»? Relevanz und Pragmatik eines theologischen Deutungsmusters ....................... 247 Matthias Möhring-Hesse Eindeutig eine «Geschichte der Menschen» Zur Pragmatik des christlichen Immanenzglaubens ............................................ 275 Autorinnen und Autoren ......................................................................................... 305
Vorwort «Der religiöse Sinn eines weltlichen Prozesses setzt einen menschlichen Sinn voraus; anders gesagt: Heilsgeschichte ist ein menschenbefreiendes Geschehen. Offenbarung setzt einen menschlich sinnvollen Prozeß voraus, ein Geschehen, das schon menschlich relevant ist, menschen-befreiend, ohne direkten Bezug auf Gott – ‹etsi Deus non daretur›»,
so schreibt der flämische Theologe Edward Schillebeeckx OP (1914–2009) in seinem Buch «Menschen. Die Geschichte von Gott» 1. Damit bindet er religiösen Sinn grundlegend an voraus liegenden säkularen bzw. vorreligiösen Sinn: Was in säkularen menschlichen Kontexten keinerlei Relevanz besitzt, kann auch im religiösen Bereich nicht sinnvoll sein. Von diesem Grundgedanken her sucht Schillebeeckx die im Christentum überlieferten Sinndeutungen und Orientierungen für Glaubende in säkularen Gesellschaften und Zeiten aktualisierend zu erschließen: Erst auf der Basis von menschlichen Erfahrungen und menschlicher Geschichte kann den christlichen Überlieferungen ein anschlussfähiger Sinn zugesprochen werden. Die Herausgeber des Sammelbandes initiierten einen internationalen Forschungsverbund aus unterschiedlichen theologischen Disziplinen, dessen Ziel es ist, diesen theologischen Grundansatz pragmatisch zu wenden. Sinndeutungen sind immer in Praxis eingebunden. Sie antworten auf situative Herausforderungen und haben ihre Bedeutung darin, diese Herausforderungen im Handeln zu bewältigen. Diese pragmatisch ausgerichtete Annahme betrifft die beiden von Schillebeeckx ausgezeichneten Ebenen, sowohl den allen Akteuren gemeinsam geteilten «säkularen Sinn», als auch den besonderen von glaubenden Menschen angesprochenen «religiösen Sinn». Denn auch religiöser Sinn lässt sich als ein Horizont menschlicher Praxis verstehen: Glaubensüberzeugungen erhalten Inhalt und Wahrheit darin, dass Glaubende die sich ihnen im Handeln stellenden He-
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Edward Schillebeeckx, Menschen. Die Geschichte von Gott, Freiburg i. Br.: Herder, 1990, 29.
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Vorwort
rausforderungen bewältigen können – und sei es, dass sie damit umzugehen vermögen, die sich ihnen stellenden Herausforderungen gerade nicht bewältigen zu können. Jede Theologie ist auf den Glaubensvollzug bezogen: In der Reflexion christlicher Glaubenspraxis erschließt sie religiösen Sinn; so erkundet sie die Inhalte christlichen Glaubens über deren praktische Bedeutung und «verschafft» ihnen – ganz im Sinne von «disclosure» – Relevanz, Inhalt und Bedeutung. Die besondere Herausforderung liegt dabei darin, dass die Situationen von Glaubenden in den Gegenwartsgesellschaften zumeist säkular bestimmt sind: Zur Bewältigung situativer Herausforderungen und in der Interaktion mit anderen stehen auch Glaubenden spezifisch religiöse Deutungs- und Beurteilungsschemata sowie spezifisch religiöse Symbolhandlungen nicht ohne Weiteres zur Verfügung. Wird menschliche Praxis unter Bedingungen der Säkularität gesehen, lässt sich gut vorstellen, dass der von Schillebeeckx angesprochene «menschliche Sinn» als Moment der gemeinsamen Praxis von Menschen «entsteht» und «besteht». Für den «religiösen» Sinn aber, der auf «menschlichem Sinn» immer und notwendig aufliegt, wird dies problematisch: In säkularen Situationen taugt «religiöser Sinn» nicht ohne Weiteres dazu, eben diese Situationen zu bewältigen. Eine pragmatisch angelegte Sicht führt somit zum Problem, dass Glaubensinhalte auf säkularen Praxisfeldern bedeutungsleer zu werden drohen, falls sie nicht zur Ideologie verkommen. Der Forschungsverbund ist in drei Symposien diesen Fragen nachgegangen, in Weingarten (20.–22.01.2017), Zürich (4.–5.10.2018) und Fribourg (3.–4.10. 2019). Interesseleitend war das Anliegen, die aus dem christlichen Traditionszusammenhang erschließbaren Sinndeutungen und Orientierungen als Moment des Praxisvollzugs in säkularen Handlungssituationen «aufzuklären»: Religiöse Sinndeutungen können etwas Bedeutsames und Relevantes über Handlungssituationen und darüber auch über die Welt aussagen, die Glaubende mit NichtGlaubenden gemeinsam und mit gemeinsam geteilten Sinn «haben» und so den Relevanzbezug religiös interpretierter Praxis her(aus)stellen. Religiöse Sinndeutungen sind darin (und nur darin) als bedeutsam herauszustellen, dass sie Glaubenden dabei helfen, ihre (mit Nicht-Glaubenden) geteilten Situationen und die darin liegenden Herausforderungen zu bewältigen – und offenbaren genau darin ihre «Heilswahrheit». Dabei ist zum einen zu fragen, wie Glaubende religiösen
Vorwort
Sinn in mit Nicht-Glaubenden geteilten, daher säkularen Situationen auch auf den Praxisvollzug nicht-glaubender Mitakteure legen können, ohne diese für die eigenen, oft partikularen und in säkularen Situationen zudem nicht vorgesehenen Sinndeutungen einzugemeinden. Zum anderen wären die Bedingungen zu klären, unter denen es die Theologie vermeiden kann, derart Gemeinsamkeiten über kollektive Glaubensidentitäten zu schaffen, dass es zu einer ideologienahen Vergemeinschaftung von Glaubenden und dem Ausschluss der ihnen Fremden und der Anderen auf Kosten des gemeinsam geteilten menschlichen Sinnes kommen kann. Erste Ergebnisse der Symposien zu den benannten Fragestellungen werden mit diesem Band vorgestellt. Er beginnt mit dem grundlegenden Beitrag «Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft» von Herbert Haslinger (Paderborn). Von der philosophischen und soziologischen Tradition des 19., 20. und 21. Jahrhunderts entwirft Haslinger eine Pastoraltheologie als Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit, die er mit dem Offenbarungsverständnis des II. Vatikanischen Konzils und dem grundlegenden Paradigma der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu vermitteln sucht. Von hierher kann die Lebenswirklichkeit zum theologiegenerierenden Ort werden. In religionsphilosophischer Perspektive fokussiert Annette Langner-Pitschmann (Frankfurt a. M.) in ihrem Artikel «Autoritätsprobleme. Der Erfahrungsbegriff von E. Schillebeeckx im Spiegel prä- und postmoderner Kritik» auf das Erfahrungskonzept von Edward Schillebeeckx und verteidigt es gegen den Subjektivismusvorwurf, der von Seiten der Glaubenskongregation gegen Schillebeeckx erhoben wurde. Im Rückgriff auf die pragmatistische Philosophie John Deweys, den die Autorin als argumentativen «Bündnispartner» von Schillebeeckx’ Erfahrungskonzept ansieht, weist sie zugleich ein zum Relativismus neigendes Wahrheitsverständnis zurück, wie es etwa von Richard Rorty vertreten werde. Der Artikel «Konstellation(en) der Korrelation. Skizze zur Erschließung des Korrelationsprinzips» von Sibylle Trawöger (Würzburg) rekonstruiert zunächst korrelationstheologische Klassiker (Tillich, Schillebeeckx und Tracy) und nimmt eine Durchsicht der aktuellen religionspädagogischen Diskussion zur Korrelation vor, um dann – im Rückgriff auf die dem Material Turn zuzurechnende Philoso-
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Vorwort
phin und Naturwissenschaftlerin Karen Barad – das Konzept der «Intraaktion» ins Spiel zu bringen. Damit möchte Trawöger einerseits die Bipolarität des Korrelationsbegriffs («Erfahrung» – «christliche Tradition») zugunsten des «Zwischens» der beiden Korrelationspole ein Stück weit aufbrechen und andererseits auf nicht-personale Bezogenheiten des Menschen, seine Bindungen an materielle Dimensionen hinweisen. In praktischer Anwendung ergibt sich daraus etwa ein Fokus auf ökologische Fragen im Religionsunterricht und in religiöser Bildung allgemein. Ausgehend von der Erfahrungshermeneutik Edward Schillebeeckx’ geht Salvatore Loiero (Fribourg) in seinem Beitrag «Pastoraler Byzantinismus? Von der notwendigen Differenzierung spiritueller und religiöser Erfahrungen» der Frage nach, wie eine Praktische Theologie eine Wahrnehmung, Reflexion und Interpretation von religiösen Erfahrungen in säkularen Kontexten entwickeln und produktiv einbringen kann, indem sie sich keiner linearen Identifikation von religiösen und säkularen Erfahrungen bedient, sondern sich von einer differenzsensiblen Unterscheidung von spirituellen und religiösen Erfahrungen leiten lässt. Den Weg hierfür sieht Loiero in der Generierung einer Hierarchie der Erfahrungen bzw. einer Hierarchie der Erfahrungsdichten auf Basis ihrer «disclosure»Qualität, die sich mithilfe des prophetischen Pragmatismus’ nach Cornel West und dem Drei-Sphären-Paradigma nach Gerhard Schulze schärfen lässt. In ihrem Beitrag «Der Entwurf einer ‹leisen› Theologie in Anlehnung an das Leibkonzept Emmanuel Levinas’. Überlegungen am Beispiel der Diakonie als Öffentlicher Theologie» arbeitet Ulrike Sallandt (Heidelberg) die zentrale theologische Bedeutung der Diakonie heraus, die sie eben nicht als Folge theologischer Prämissen, sondern vielmehr umgekehrt und von Levinas’ Vorrang der Ethik inspiriert als konkreten theologischen Lernort verstanden wissen will. Mit dem Etikett einer «leisen Theologie» verbindet sie somit die konstitutive Bedeutung eines leiblichkeits- und sinnlichkeitssensiblen diakonischen Handels für Christsein und Theologie, das zugleich kein «exklusiv-christliches Proprium» darstellt. Eine Konkretion zwischen menschlichen Sinnstiftungen im Allgemeinen und religiösen Sinnstiftungen im Besonderen bietet Eugen Schweiger (Steyr) mit seinem Beitrag «Das Kreuz mit der Couch. Christliche Anthropologie und Psychoana-
Vorwort
lyse». Hier geht es darum, jenseits kirchenamtlicher Verdächtigungen Gemeinsamkeiten und Trennendes in den doppelten Blickrichtungen von Psychoanalyse und Theologie wahrzunehmen. Im Anschluss an Joachim Höhn kann die theologische Rede von der Schöpfung gerade jene säkulare Praxis hervorbringen, die die Psychoanalyse übt, um jenes Andere und manchmal auch Unheimliche zu verstehen, mit dem die christliche Tradition doch auch immer umgegangen ist. Das Gespräch beider Disziplinen wäre hier gewinnbringend weiterzuführen. Robert Plum (Bonn) nimmt ein aktuelles Thema als Ausgangspunkt, nämlich die Frage nach dem Umgang mit den Kirchenbauten in Europa, die nicht mehr kirchlich «gebraucht» werden. In seinem Beitrag «Eine Theologie für die offene Stadt. Ansätze zu einer Theologie des Sakralraums» stellt er philosophisch-theologische Überlegungen zum Wohnen bereit, die die Bedeutung von «Sakralbauten» als Symbolisierung grundlegender Fragen menschlicher Existenz verstehen lässt. Die Frage nach der Zukunft der Kirchenbauten gewinnt so an Bedeutung über den kirchlichen Bereich hinaus. Andreas Odenthal (Bonn) greift in seinem Artikel «‹Sinn- und Kontrasterfahrungen zum Ritual geläutert›. Liturgietheologische Konturen im Gespräch mit Edward Schillebeeckx» die im Opus des Theologen verstreuten Hinweise zum Thema Ritual auf und versucht, den Gottesdienst als «Zwischen-Raum» zu verstehen, der für Deutungen des Lebens und Glaubens offensteht. Offenbaren und Verhüllen, Vorfinden und Erfinden bilden die Koordinaten des sakramentlichen Tuns der Kirche, das freilich immer weiterzuentwickeln ist, wie eine Interpretation der «Eucharistischen Danksagung» von Edward Schillebeeckx zeigt. Der Beitrag von Ansgar Kreutzer (Gießen) «In den Armen Christus entdecken. Relevanz und Pragmatik eines theologischen Deutungsmusters» beschäftigt sich – unter anderem im Anschluss an Edward Schillebeeckx – grundsätzlich mit der theologischen und gesellschaftlichen Bedeutung religiöser Deutungsmuster und wendet dies für die (religiös motivierte) Sensibilisierung für sozialen Ausschluss an. Dabei tritt insbesondere das in Theologie und Kirche an verschiedenen Stellen prominent vorkommende Deutungsmuster «In den Armen Christus entdecken» in den Blick, das einerseits einen Beitrag dazu leisten kann, in sogenannten Wohlstandsgesellschaften versteckte Armut ins öffentliche Bewusstsein zu heben, an-
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Vorwort
dererseits jedoch auch in der Gefahr steht, Exkludierten mit einer paternalistischen Haltung zu begegnen oder sie gar spirituell zu «instrumentalisieren». Gottes Anwesenheit kann man in der von ihm unterschiedenen Welt nur vermittelt über etwas erfahren, das nicht Gott, dafür aber ganz und gar von dieser Welt «ist». Dies wird auch in der Theologie von Edward Schillebeeckx aufgeklärt. Dass damit Gottes Immanenz, an die im Christentum für gewöhnlich geglaubt wird, ganz in die Hände der Menschen gelegt wird, beschäftigt Matthias MöhringHesse (Tübingen) in seinem Beitrag «Eindeutig eine ‹Geschichte der Menschen›. Zur Pragmatik des christlichen Immanenzglaubens». Durch theologische Rekonstruktion von Glaubenspraxis will er zeigen, dass Glaubende die Anwesenheit und die Ankunft Gottes «machen», indem sie an Gottes Anwesenheit und seinem Kommen glauben und ihren Glauben praktisch vollziehen. Damit wird bestätigt, dass Gott – wie Schillebeeckx schreibt – «die Geschichte der Menschen» ist. Die Herausgeber bedanken sich herzlich bei allen, die an der Erstellung des vorliegenden Bandes mitgewirkt haben: bei den Kolleginnen und Kollegen für ihre Beiträge, bei Herrn Elias Meile für den immensen Einsatz bei der Erstellung der Druckvorlage, bei Frau Manuela Fux und Frau Theresa Strobel für die umsichtigen Korrekturarbeiten und bei Frau Jelena Petrovic und Frau Dr. Arlette Neumann vom Verlag Schwabe für die sehr gute Zusammenarbeit.
Gießen, Fribourg, Tübingen und Bonn, Pfingsten 2021 Ansgar Kreuzer, Salvatore Loiero, Matthias Möhring-Hesse, Andreas Odenthal
Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft Herbert Haslinger
Nach der von Edward Schillebeeckx (1914–2009) formulierten Aufgabenbeschreibung eines Theologen hat dieser nichts anderes zu tun, «als tastend und stammelnd danach zu suchen, was Gott für die Menschen bedeuten kann. Um das in Erfahrung zu bringen, muss er sich zu diesen Menschen gesellen und sich neben diese Menschen stellen: Ihr Leben, sie selbst sind die Geschichte von Gott in unserer Mitte.» 1
In Worte gefasst findet sich hier das Anliegen einer Immanenztheologie, um das sich die Beiträge dieses Bandes versammeln. Deren Kern besteht in der Überzeugung, dass sich Gott im Voraus zu jedem dezidiert religiös-kirchlichen Vermittlungsakt, ja sogar im Voraus zu jeder bewussten Religiosität oder Kirchlichkeit den Menschen in deren Wirklichkeit hinein selbst mitteilt; dass folglich die Menschen von sich aus in Beziehung zu Gott stehen und über eine wie unbewusst auch immer gehaltene Erfahrung dieser Beziehung verfügen; und dass somit die Erfahrungen und Lebensgeschichten der Menschen eine genuine Quelle gläubiger Sinngebung wie auch theologischer Reflexion sind. Die implizite These des Diskurses, den die Herausgeber dieses Bandes angestoßen haben, lautet, dass immanenztheologisches Denken den heutigen Anforderungen an Theologie und Kirche angemessener ist und auch dem Wesen christlicher Theologie mehr entspricht als überkommene neuscholastische, deduktive Denkmuster. Im Folgenden möchte ich die von mir vorgeschlagene Konzeption der Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft 2 als immanenztheologische Formatierung dieser theologischen Disziplin vorstellen. Vorausgesetzt ist dabei, dass 1 2
Edward Schillebeeckx, Menschen. Die Geschichte von Gott, Freiburg: Herder, 1990, 9f. Vgl. Herbert Haslinger, Pastoraltheologie, Paderborn: Schöningh, 2015, 369-513.
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Herbert Haslinger
dem Begriff «Pastoraltheologie» selbst jenes vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der pastoralen Kirchenkonstitution «Gaudium et spes» inaugurierte Verständnis von «pastoral» als dem dienenden, sich verausgabenden In-der-Welt- und Bei-den-Menschen-Sein der Kirche zugrunde liegt, so dass man unter Pastoraltheologie die theologische Wissenschaft von eben diesem dienenden, sich verausgabenden In-der-Welt- und Bei-den-Menschen-Sein der Kirche versteht. 3
Was heißt «Wirklichkeitswissenschaft»? Beim Begriff «Wirklichkeitswissenschaft» handelt es sich um keine terminologische Neuschöpfung. An der Wende zum 20. Jahrhundert und in dessen erstem Drittel diente er der Soziologie in Deutschland als Chiffre zur Klärung ihres Selbstverständnisses als Wissenschaft, mit Nachklängen bis in die jüngere Vergangenheit. 4 Georg Simmel (1858–1918) geht in Hinblick auf die Problematik, dass Menschen zu unterschiedlichen Erkenntnissen darüber kommen, was wahr ist, von der Maxime aus, dass sich diejenige Theorie als die je tragfähigere erweise, die unter den bestehenden Theorien den besten Zugang zur Wirklichkeit bietet bzw. die Wirklichkeit am treffendsten erfasst. Da aber keine Wissenschaft mit ihrer theoretischen Arbeit die gesamte Wirklichkeit auf einmal, sondern immer nur Teilbereiche der Wirklichkeit erfassen kann, zeigt er eine deutliche Skepsis gegenüber den nomothetisch verfahrenden Wissenschaften, die darauf abstellen, für die Wirklichkeit allgemeingültige und konstante Gesetzmäßigkeiten zu formulieren. Diesen setzt er mit dem Begriff der «Wirklichkeitswissenschaft» ein Wissenschaftsverständnis entgegen, dessen Anspruch darin besteht, Wirklichkeit zu erfassen und zutreffend zu beschreiben, das aber dabei mit einer heterogenen Vielfalt an Wirklichkeiten rechnet. Er zieht daraus für die Geschichtswissenschaft die Folgerung, dass sie, «indem sie die Wirklichkeitswissenschaft schlechthin ist, […] in den denkbar schärfsten Gegensatz gegen alle Gesetzeswissenschaft» 5 tritt.
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Vgl. Haslinger, Pastoraltheologie (Anm. 2), 337-354. Vgl. Volker Kruse, «Geschichts- und Sozialphilosophie» oder «Wirklichkeitswissenschaft». Die deutsche historische Soziologie und die logischen Kategorien René Königs und Max Webers, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1999. Georg Simmel, Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Eine erkenntnistheoretische Studie, Leipzig: Duncker & Humblot, 1892, 43.
Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft
Auch Max Weber (1864–1920) geht von dem offenkundigen Sachverhalt aus, dass die Wirklichkeit dem Menschen in einer unüberschaubaren, nicht abschließbaren Vielfalt von Erscheinungen, als «eine schlechthin unendliche Mannigfaltigkeit von nach- und nebeneinander auftauchenden und vergehenden Vorgängen ‹in› uns und ‹außer› uns» 6 entgegentritt, die eine Wissenschaft nie gänzlich erfassen kann. Jede wissenschaftliche Betätigung vollzieht sich, gerade wenn sie ihren Gegenstand möglichst genau und umfassend in allen seinen Aspekten bearbeiten will, immer unter der impliziten Voraussetzung, dass sich Wissenschaften jeweils nur einen begrenzten Teil aus der unendlichen Wirklichkeit zum Gegenstand ihrer Erkenntnisgewinnung machen können, und zwar den Teil, den sie in einer bestimmten Situation unter einer bestimmten Hinsicht als den relevanten, beachtenswerten, «wesentlichen» Wirklichkeitsteil erachten. Das wirft die Frage auf, nach welchen Prinzipien die Wissenschaften diese Auswahl ihrer Erkenntnisgegenstände vornehmen. An dieser Stelle nun moniert Weber am nomothetischen Wissenschaftsideal, dass in ihm nur die Wirklichkeitsanteile Relevanz als Objekt wissenschaftlicher Untersuchung zugesprochen bekommen, für deren Vorkommen als Phänomene und für deren Bedingungszusammenhänge untereinander sich allgemeine Gesetzmäßigkeiten formulieren lassen. All die Wirklichkeitsanteile, die sich nicht anhand der vorgegebenen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten begreifen bzw. sich nicht in sie einordnen lassen, fallen somit aus dem Wahrnehmungsraster der nomothetischen Wissenschaften heraus, werden als unwesentlich, unerklärbar, zufällig oder schlichtweg bedeutungslos ausgesondert. Demgegenüber propagiert Weber ein Verständnis von Sozialwissenschaft, mit dem er der Wirklichkeit gerade in ihrer unüberschaubaren, nicht zur Gänze fassbaren Vielfalt, in der «absoluten Unendlichkeit dieser Mannigfaltigkeit» 7 gerecht werden und mit dem er Wirklichkeit gerade nicht in die Formulierung allgemeingültiger Gesetze einpassen und einebnen will. Er will Erkenntnisse gewinnen, die die Wirklichkeit in ihren konkret vorkommenden Erscheinungsformen und nicht
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Max Weber, «Die ‹Objektivität› sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis», in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Dritte, erweiterte und verbesserte Auflage. Hg. von Johannes Winckelmann, Tübingen: Mohr Siebeck, 1968 (erstmals 1904), 146-214, 171. Weber, Objektivität (Anm. 6), 171.
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Herbert Haslinger
bloß als Fall eines Allgemeingültigen verstehen lassen. Dieses sein Wissenschaftsverständnis kennzeichnet er mit dem Begriff «Wirklichkeitswissenschaft»: «Die Sozialwissenschaft, die wir treiben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenart verstehen – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits.» 8
Eine Abgrenzungsintention leitet schließlich auch Hans Freyer (1887–1969) bei seiner Bestimmung der Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. 9 Er stellt diese «in scharfen Gegensatz gegen alle Logoswissenschaften» 10. Mit letzterem Begriff bezeichnet er jene Wissenschaften, deren Erkenntnisinteresse nicht auf das reale Dasein und Entstehen von Sachverhalten, sondern auf ihre situationsunabhängigen, objektiven Bedeutungsgehalte gerichtet ist; die ihr Erkenntnisziel dann erreicht haben, wenn sie den Bedeutungsgehalt einer Sache definiert und in eine Theorie gefasst haben; die also die gemeinte Sache in Begriffssystemen zu erfassen und nachzubilden versuchen; in denen es folglich auch keine entscheidungsoffenen Prozesse der Erkenntnis gibt, weil die Erkenntnisgegenstände, nämlich die Bedeutungen schon abgeschlossen sind; die nicht Aussagen über die historisch realen Gestalten, Bedingungen und Wirkungen ihrer Reflexionsgegenstände treffen, sondern über die logischen Verknüpfungen von theoretisch definierten Bedeutungen. Da sie danach trachten, den Sinnzusammenhang, also die Logik von Bedeutungen festzustellen, fasst Freyer sie unter den Begriff der «Logoswissenschaften». 11 Zur anderen Seite hin nimmt Freyer eine Abgrenzung gegenüber den Naturwissenschaften vor, deren Charakteristikum er darin erkennt, dass sie in ei-
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Weber, Objektivität (Anm. 6), 170f. Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Logische Grundlegung des Systems der Soziologie, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1964 (unveränderter Nachdruck der ersten Auflage Berlin/Leipzig 1930). – Bei der Rezeption dieses Werkes ist durchaus im Blick, dass Hans Freyer sich in der Folgezeit zu einem dezidierten Vertreter des Nationalsozialismus entwickelt hat. Inwiefern Freyer bereits bei der Abfassung des 1930, also noch vor der Gerinnung des Nationalsozialismus zum manifesten Regime, publizierten Werkes Affinitäten zu nationalsozialistischem Denken aufwies, kann an dieser Stelle nicht untersucht werden. Zumindest die hier rezipierten Aussagen lassen solche Affinitäten nicht erkennen. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (Anm. 9), 199f. Vgl. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (Anm. 9), 21f./200/203.
Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft
nem konkreten Sein und in dessen Ordnung nach immer geltenden Gesetzen ihren Erkenntnisgegenstand haben und dass sie die Gegebenheiten in der Welt als Material menschlicher Gestaltung und technischer Beherrschung wahrnehmen. Wirklichkeitswissenschaften definieren sich demnach dadurch, dass sie weder in der Natur noch in logischen Bedeutungssystemen ihren Gegenstand haben. Ihre Gegenstände sind vielmehr die Psyche des Menschen, der Prozess der Geschichte und die Struktur der Gesellschaft, weshalb Psychologie, Geschichte und Soziologie als vornehmliche Wirklichkeitswissenschaften firmieren. 12 An dieser Stelle formuliert Freyer eine entscheidende Signatur der Wirklichkeitswissenschaften: Sie finden ihren Erkenntnisgegenstand in einem «Geschehen, dem der Erkennende selbst existentiell angehört» 13. Sie sind als Wissenschaften Ausdruck des Selbstbewusstseins, das aus der eigenen existentiellen Erfahrung von Wirklichkeit entsteht; in ihnen versucht der erkennende Mensch, eine Wirklichkeit theoretisch zu erfassen, die er selber ist. Freyer veranschaulicht das Gemeinte beispielhaft mit einem «Arzt, der erst gesund ist und sich als gesund weiß, dann krank wird und sich als krank erkennt, sich selbst heilt und über den Heilungsprozess wissenschaftlich nachdenkt» 14. Als Extrakt daraus kann man festhalten: Die Bezeichnung «Wirklichkeitswissenschaft» bedeutet, dass die betreffende Wissenschaft ihren Ausgangspunkt und ihre Grundlage nicht in vorgegebenen Lehraussagen, Bedeutungsdefinitionen, Gesetzmäßigkeiten und Normen, sondern in der konkreten, existentiell erfahrenen Wirklichkeit jener Menschen hat, die in dieser Wissenschaft in Blick genommen werden. Unschwer lässt sich an dieser Bestimmung ablesen, dass man sich, wenn man das Konzept der Wirklichkeitswissenschaft für die Theologie aufgreift, in der Fluchtlinie des Wechsels von einem deduktionstheologischen zu einem immanenztheologischen Denken bewegt. Bevor daraus eine Kontur der Pastoraltheologie als Wirklichkeitswissenschaft abgeleitet wird, bedarf es jedoch noch der Vergewisserung, ob und warum die Theologie in der «Wirklichkeit» überhaupt eine konzeptionelle Grundlage sehen kann.
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Vgl. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (Anm. 9), 201-205. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (Anm. 9), 199/204. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (Anm. 9), 200f.
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