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Gotteskinder und Störenfriede

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so nahe gekommen wie kaum ein anderer Journalist. Er trank Wodka mit Mstislaw Rostropowitsch, fütterte mit Glenn Gould einen verlassenen Hund in Toronto und führte das letzte Interview mit Paul Sacher vor dessen Tod. Schmidts Gespräch mit Pierre Boulez, das 1967 unter dem Titel « Sprengt die Opernhäuser in die Luft » erschien, versetzte die Musikwelt in Aufruhr und wurde 30 Jahre später zum Anlass eines polizeilichen Verhörs. In diesem Buch sind ausgewählte persönliche Interviews und treffende Porträts versammelt, die einmalige Einblicke hinter die Kulissen der Musikwelt geben. Schmidt zeichnet ein Bild der Klassischen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und macht sichtbar, was dem Konzertbesucher sonst verborgen bleibt.

Felix Schmidt, Journalist, Träger des  «Chevalier des Arts et des Lettres », hat Musikbücher verfasst und zahlreiche Musikfilme, vor allem für « Art e», verantwortet. Er war Kulturressortleiter beim «Spiegel», Chefredakteur überregionaler Zeitungen und Zeitschriften, Programmdirektor des Südwestfunks und Leiter der Musiksendung « Achtung Klassik ».

SCHWABE VERLAG www.schwabe.ch

FELIX SCHMIDT

Felix Schmidt ist vielen Musikern, Dirigenten und Komponisten

Gotteskinder und Störenfriede

Gotteskinder und Störenfriede

FELIX SCHMIDT

Gotteskinder und Störenfriede Das Spiel und die Weisheit begnadeter Musiker


Felix Schmidt

Gotteskinder und Stรถrenfriede Das Spiel und die Weisheit begnadeter Musiker

Schwabe Verlag


Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Ulrich Steinmetzger, Halle Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4157-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4271-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4271-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


«Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.» Friedrich Schiller: «Über die ästhetische Erziehung des Menschen»


Inhalt

Der Journalist als Weggefährte: Vorwort von Yorck Kronenberg . . . . . .

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Paul Sacher: «Ich bin ein verkappter Linker» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anne-Sophie Mutter: «Ich sehe mich als Glücksfall an» . . . . . . . . . . . . .

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Mstislaw Rostropowitsch: «Ich bin ein einfacher Cellist aus dem Ural».

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Pierre Boulez: «Ich bin nicht geboren worden, um jedermanns Freund zu sein» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Daniel Barenboim: «Ich bin weit davon entfernt, ein Genie zu sein» . . .

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Christian Thielemann: «Ich bin ein Widerspruchsgeist» . . . . . . . . . . . . .

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Karlheinz Stockhausen: «Ich bin ein Gotteskind» . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Wolfgang Rihm: «Ich bin die Tradition» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 John Cage: «Ich will die schönen Klänge stören» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Mauricio Kagel: «Ich bin im Zenit meiner Unbeliebtheit» . . . . . . . . . . . 149 Glenn Gould: «Ich bin ein Dämon der Übertreibung» . . . . . . . . . . . . . . 161 Herbert von Karajan: «Ich war einmal ein kalter Rechner» . . . . . . . . . . 171 Leonard Bernstein: «Ich bin nicht der John Wayne der Musik» . . . . . . . 195 Vladimir Horowitz: «Ich mag nicht, wenn auf dem Klavier Klavier gespielt wird» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Karl Böhm: «Ich mache meinen Mitmenschen das Leben zur Hölle» . . 221 Jörg Widmann: «Ich habe ein Faible für den ästhetischen Rotlichtbezirk» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Gesprächsdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253


Der Journalist als Weggefährte Vorwort von Yorck Kronenberg

Im Morgengrauen des 3. November 2001 wurde Pierre Boulez, weltberühmter Dirigent und epochemachender Komponist der Neuen Musik, von drei Schweizer Polizeibeamten im Basler Hotel «Drei Könige» aus dem Schlaf gerissen. Man zog seine Papiere ein, befragte den 76-Jährigen und ließ ihn schließlich ohne weitere Erklärungen in seinem Zimmer zurück. War Boulez’ Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, bisher von einer arglosen Welt nicht einmal vermutet, einzig eidgenössischen Sicherheitsbeamten aufgefallen? Diese jedenfalls hatten Nachforschungen über den Franzosen angestellt; entdeckt hatten sie ein Interview mit dem Spiegel aus dem Jahr 1967. Der Titel: «Sprengt die Opernhäuser in die Luft». Boulez’ Gesprächspartner in dem noch Jahrzehnte später brisanten Text: Felix Schmidt. Viele der Begegnungen, die Schmidt im Laufe einer langen produktiven Laufbahn gemacht und dokumentiert hat, haben Spuren hinterlassen: Er ist Musikern und Komponisten, Dirigenten und Regisseuren so nah gekommen wie kaum ein anderer Journalist. Er ließ sich von Glenn Gould in halsbrecherischer Geschwindigkeit durchs nächtliche Toronto fahren und wurde Zeuge, wie jener mitten in der Nacht an einem Fernfahrerrestaurant einen verlassenen Hund fütterte. Er mache das regelmäßig, gab Gould an: Womöglich verdankte das Tier dem exzentrisch-genialen Pianisten sein Leben. Schmidt trank mit dem russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch Wodka, traditionsgemäß aus Wassergläsern, als dieser ihm das Du anbot: «Du hast so viel für die musique getan.» Und Anne-Sophie Mutter vertraute dem Autor anlässlich eines Porträts im FAZ-Magazin an: «Herr Schmidt, Sie haben mir in die Seele geschaut …» Auch wo er kritische Töne anschlägt, bleibt Felix Schmidt stets interessiert, offen, undogmatisch – ein Anwalt der Künstler wie der Kunst, ein Vermittler auch des Schwierigen, Widerständigen. Aus seinen Texten lassen sich Entwicklungslinien ableiten, wie von einzelnen Schlaglichtern erhellt, erge-


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Yorck Kronenberg

ben sich die Umrisse einer musikalischen Epoche: Seit Mitte der 1960er-Jahre arbeitete er intensiv mit Interpreten und Komponisten, korrespondierte mit Karlheinz Stockhausen ebenso wie mit Mauricio Kagel, traf mehrfach mit Karajan zusammen und arbeitete mit Karl Böhm. Angetrieben von der Neugierde des Enthusiasten, geleitet vom Blick des Kenners, gezügelt von der Bescheidenheit des diskreten Beobachters, gelingen ihm Einblicke, in denen das Persönliche zum Spiegel der Zeit wird. Gleichzeitig verdeutlichen seine Porträts die Bedeutung von Einzelpositionen, die die Stimmung eines Zeitalters überhaupt erst prägen: Immer wieder fragt Schmidt nach der Motivation des Künstlers, nach jener Kraft, die das Talent aus der Masse hebt und über sich selbst hinauswachsen lässt. Wenn er dabei Getriebensein, Monomanie und das unbedingte Streben nach Perfektion schildert, so wird man als Leser den Eindruck nicht los, dass auch Schmidt selbst von einem Willen zur Genauigkeit, ja zur künstlerischen Wahrheit motiviert wird, der ihn hinter seinen Gespächspartnern genau in dem Maße zurücktreten lässt, in dem er ihn mit diesen verbindet. So werden Charaktere sichtbar, Geschichten offenbart, Persönlichkeitsnuancen herausgearbeitet, die dem Konzertbesucher naturgemäß verborgen bleiben. Er hat selbst früh Geige gespielt und sah sich stets aufseiten der Kunst. Auch als sein beruflicher Weg ihn in Redaktionsstuben oder an den Platz des Programmdirektors des SWF führte, hielt er dabei den Kontakt. Nicht wenigen Künstlern wurde er Gastgeber, Freund, ja Ratgeber, wie auch der Autor dieser Zeilen mit Dankbarkeit bezeugen kann. Dabei haben die Texte Schmidts ihrerseits auf Lebensläufe der Nachgeborenen eingewirkt: Für den Komponisten Jörg Widmann, von Schmidt für diesen Band um ein Interview gebeten, mag sich sogar ein Kreis geschlossen haben: In seiner Jugend boten Schmidt’sche Musikerporträts, gesammelt im Band «Hat man Töne?», dem jungen Klarinettisten und Tonschöpfer Anregungen, Orientierung und Perspektiven. Auch dies sind Früchte eines über Jahrzehnte mit Leidenschaft verfolgten Weges. Für den Spiegel sprach Schmidt im Jahr 2006 erneut mit Pierre Boulez. Auf die Wirkung des früheren Interviews angesprochen, antwortete Boulez ironisch, die Polizei habe «wegen lebenslanger guter Führung und aufgrund seines hohen Alters» darauf verzichtet, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Nicht zuletzt ist es auch die Dauer der Bekanntschaften, die den Schilderungen Felix Schmidts ihre Tiefe verleihen, eine Breite der Perspektive, die


Der Journalist als Weggefährte

außer ihm nur wenigen Beobachtern zu Gebote steht: Auch dies ein Zeichen lebenslanger guter Führung?

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Paul Sacher «Ich bin ein verkappter Linker»

Es gab ein langes Hin und Her wegen des Termins. Weder meine Briefe noch meine Anrufe führten zum Ziel. Mit Hinweis auf sein hohes Alter und auch, weil er genug geredet habe, ließ mich Paul Sacher wissen, er wolle keine Interviews mehr geben. Ich hatte mich schon damit abgefunden, den Mann nicht kennenzulernen, der über so weitverzweigte Talente verfügte, dass er sich als Aufsichtsratsvorsitzender um das Wohlbefinden des Chemie-Giganten Hoffmann-La Roche kümmern und als Musiker ein Internationales Forschungszentrum für die Musik des 20. Jahrhunderts managen konnte. Dort ist der musikalische Nachlass vieler bedeutender Komponisten verwahrt, beispielsweise von Igor Strawinsky, Pierre Boulez und Mauricio Kagel. Sie zählten zu jenem Kreis, den Sacher, der durch Heirat an ein Riesenvermögen gekommen war, mit Kompositionsaufträgen gefördert oder anderweitig unterstützt hat. Zu seinen Protegés gehörte auch die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Ohne seine Handreichung wäre sie vermutlich nie ins Labyrinth der Neuen Musik vorgedrungen. Gut vier Wochen waren seit meinem letzten Telefonat mit dem Büro von Sacher in Basel vergangen, als mich die Sekretärin von Pierre Boulez anrief, um mir mitzuteilen, ich könne mir eine Fahrkarte nach Basel kaufen, Boulez habe Sacher von der Seriosität meines Vorhabens überzeugt. Ich hatte Boulez, mit dem ich seit vielen Jahren in Verbindung stand, beiläufig erzählt, wie wichtig mir ein Gespräch mit Sacher sei. Meine Interviews mit Boulez hatte ich in Basel als Referenz angegeben. Es ist ein heller Tag im März 1999. Ich sitze in Sachers Büro, gewissermaßen der Zentrale des Forschungszentrums für die Musik des 20. Jahrhunderts und warte auf den Musiker. Ich werfe einen Blick auf die Picasso-Gemälde, die an den Wänden hängen und die ich als besonders gute Drucke identifiziere.


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Felix Schmidt

«Nein, es sind alles Originale», belehrt mich wenig später Sacher, der durch eine Seitentür in das Büro gekommen ist. Ich sehe einen Mann vor mir, der so gar nichts von jenem kulturellen Snob an sich hat, den ich eigentlich erwartet habe. Ihm steht die schweizerische Bodenständigkeit geradezu ins Gesicht geschrieben. Er stellt sich ans Fenster und winkt mich zu sich. Wir schauen hinunter auf den Rhein, der in der Frühlingssonne silbrig schimmert. Das Bild von den winzig anmutenden Paddlern, die den Märztag zu einem ersten Ausflug nutzen, prägt sich mir ein: Wann immer der Name Sacher fällt, kommt mir dieser versonnene Augenblick in den Sinn. «Schöner kann man es nicht haben», sagt er und fährt unvermittelt fort: «Wenn Sie mir geschrieben hätten, dass Sie mit meinem Freund Pierre Boulez die Opernhäuser in die Luft sprengen wollten, dann hätte ich Sie natürlich gleich eingeladen.» Er spielt auf das berüchtigte Spiegel-Gespräch an, das ich mit Boulez geführt habe und das, nachdem es im Herbst 1967 erschienen war, einen internationalen Skandal provozierte. Das Gespräch hoch über dem Rhein vor den Picasso-Bildern ist das letzte Interview, das Sacher gegeben hat. Als das Manuskript in Druck ging, kam die Nachricht von seinem Tod.

Paul Sacher im Gespräch Herr Sacher, wie schafft es ein zweiundneunzig Jahre alter Mann, so frisch auszusehen wie ein Sechzigjähriger? Lieber Freund, Gesundheit ist das wahre Glück des Lebens. Wenn man im hohen Alter wie selbstverständlich über die geistigen Fähigkeiten verfügt, wie man sie das ganze Leben lang hatte, dann ist man privilegiert. Das ist eine Gnade, die mir bis jetzt erlaubt, ein normales Leben zu führen. Natürlich werde ich von körperlichen Leiden geplagt und bin dann und wann auch mal im Spital. In meinem Alter muss man jeden Tag damit rechnen, dass es zu Ende geht.


Paul Sacher

Denken Sie an Ernst Jünger, der ist hundertundzwei Jahre alt geworden. Bewundernswert. Alt zu werden und dabei einigermaßen frisch zu bleiben ist auch eine Willenssache. Jeden Morgen, wenn man sich vom Bett erhebt, zu wissen, welche Leistung man zu vollbringen hat, ist Voraussetzung für ein schöpferisches Leben, auch im Alter. Haben Sie, um sich fit zu halten, außer dem anstrengenden Sport des Dirigierens noch andere Leibesertüchtigungen betrieben? Die Bewegung des Dirigierens hat gereicht. Das ist körperliche Schwerarbeit, zu der noch die geistige dazukommt. Dirigieren bedeutet ja nicht nur, auf dem Podium zu stehen und ein Programm zu vermitteln, sondern auch eine anstrengende intellektuelle Auseinandersetzung mit den Werken, die man aufführen will. Diese geistige Arbeit, und da sind wir wieder beim Thema, setzt Lebendigkeit und Frische voraus. Deshalb muss man sich mit zunehmenden Jahren immer neuen Aufgaben stellen, muss sich fordern und darf sich auf keinen Fall mit Hinweis auf das Alter auf die faule Haut legen. Die Bereitschaft zu immer neuen und schwierigeren Aufgaben ist ja die Voraussetzung für eine schöpferische Existenz. Ihre schöpferische Existenz ist schon Musikgeschichte. Sie blicken ja auf ein ganzes Jahrhundert zurück. Sie sind den Großen begegnet, Sie haben den einen oder anderen gefördert mit Geld oder guten Worten. Wer hat Sie denn am meisten beeindruckt? Wer das Glück hat, an einer exponierten Stelle zu stehen, der begegnet ununterbrochen neuen Werken und Manifestationen der geistigen Arbeit. Und vor allem Menschen, die einen beeindrucken. Das Zusammentreffen mit genialen Menschen ist das, was ein Leben reich macht, ganz gleich, ob man sich mit einem großen Meister wie Richard Strauss, einem Gelehrten wie Einstein oder einem hocherfahrenen Konzernchef auseinandersetzt.

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Felix Schmidt

Wann sind Sie Richard Strauss begegnet? Strauss kam bald nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz. In Baden bei Zürich hat er in einem Hotel gelebt, einem sehr eleganten Haus, das den alten Herrn besonders beeindruckt hat, weil ja seine eigene schöne Welt soeben vollständig untergegangen war. Die Opernhäuser und Konzertsäle waren nahezu zerstört, und er hatte Angst, dass seine Stücke nicht mehr aufgeführt würden, er hatte Angst um seine materielle Zukunft. Strauss hat damals seine Partituren eigenhändig kopiert, weil er sie verkaufen wollte, um eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Er ist dann auf mein Ansinnen, etwas für mich zu schreiben, eingegangen und hat die Metamorphosen komponiert. Er war bei den Proben dabei, die ich dirigierte, hat aufmerksam zugehört und mich irgendwann gefragt: «Würde es Sie stören, wenn ich das Stück einmal selber dirigiere?» Er hat sich hingestellt und diese Metamorphosen dirigiert, ohne einmal zu unterbrechen, hat sich beim Orchester bedankt und mir mitgeteilt, dass er zum Konzert nicht kommen werde. Ich hatte den Eindruck, dass er dieses Stück gewissermaßen einmal durch sich hindurchgehen lassen musste, um es gänzlich zu besitzen. Ihr Bekenntnis zur Fin-de-siècle-Musik von Strauss ist überraschend, zumal bekannt ist, dass Sie den Antipoden Strawinsky vergöttern. Strauss sollte für jeden Musiker schon deswegen ein Ereignis sein, weil seine Partituren in ihrem Stil und auf ihre Art Zeugnisse einer unübertrefflichen Meisterschaft sind. Das ist nicht anders bei Strawinsky oder Schönberg; nur auf einer anderen Etage. Strawinsky hat in der Tat die Musik geschrieben, die meinem Naturell, meinem Wesen am meisten entspricht. Ich bekenne unumwunden, wie sehr mich seine Meisterwerke, vor allem das rhythmische Element seiner Musik, fasziniert und geformt haben. Dieser Russe war ein Mann von ganz ungewöhnlichem Zuschnitt, für jeden ein Genie, ein Goethe der Musik. Ich bin froh, dass wir seine Werke und alle Zeugnisse seines Schaffens hier in meiner Stiftung im Hause haben. Das ist ein unbeschreibliches Glück.


Paul Sacher

Sind Sie ihm häufig begegnet? Nicht so häufig, wie ich es mir gewünscht habe. Ich lebte in Europa und er, nachdem er Russland verlassen hatte, in Amerika. Er war eine bunte Figur aus einer untergegangenen Welt, ein Produkt des russischen Zarenreiches mit einer unglaublichen Ausstrahlung, die wie Zauber auf andere Menschen gewirkt hat. Zu welchem Künstler der Vergangenheit hatten Sie das engste persönliche Verhältnis? Zweifellos zu Arthur Honegger. Das hängt sicher damit zusammen, dass auch er Schweizer war. Eine große Nähe hatte ich auch zum polnischen Komponisten Lutosławski und zu Béla Bartók, dem schweigsamsten Menschen, dem ich je begegnet bin. Er war ganz auf die Sache bezogen, auf die Probleme seiner Partituren. Das habe ich hier in Basel bei den Proben zu seiner Musik für Saiteninstrumente erlebt. Bartók war streng und von großer Eindeutigkeit, was man nicht so oft im Leben antrifft. Er hat mir, als wir einander besser kannten, vieles aus seinem nicht einfachen Leben erzählt, dass er nur in den Ferien komponieren könne, weil er von seinen Einkünften als Klavierlehrer leben müsse. Das war sein Beruf. «Wenn Sie jetzt eine Partitur in Auftrag geben», erklärte er mir, «dann kann ich Ihnen nicht sagen, ob Sie sie auch rechtzeitig bekommen.» Ist das nicht erschütternd, dass einer der bedeutendsten Komponisten dieses Jahrhunderts möglicherweise verhungert wäre, wenn er versucht hätte, vom Erlös seiner Kompositionen zu leben? Er war in jeder Beziehung eine ergreifende Erscheinung; sein Herz brach, als er sein Heimatland verlassen musste. «Ich wäre niemals aus Ungarn weggegangen», hat mir Bartók gestanden, «wenn meine Mutter noch gelebt hätte. Ich hätte meine Mutter nie zurücklassen können.» Er lebte dann in Amerika, die Leute waren sehr freundlich zu ihm, versuchten zu helfen, aber Bartók konnte man nicht helfen, wie ich selber erfahren musste: «Ich nehme doch kein Geld von Ihnen. Ich nehme nur Geld für eine Arbeit, die ich geleistet habe, aber nicht, weil Sie mich unterstützen wollen.» Sie haben sehr viel Geld in Auftragswerke gesteckt. Spielt bei der Förderung von Musikern auch Ihre persönliche musikalische Vorliebe eine Rolle?

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Felix Schmidt

Es gibt für mich keine ästhetische Grenze. Wissen Sie, ob Schönberg ein Meisterwerk nach seiner Zwölfton-Theorie oder in einem anderen System schreibt, ist belanglos. Was zählt, ist das Werk, das aufgeführt wird und seine Wirkung ausübt. Das ist das Entscheidende. Nach welchen Rezepten, kompositorischen Regeln das Werk geschrieben wird, interessiert den Zuhörer gar nicht. Ich denke, dass auch wir, die Musiker, dem nicht zu viel Gewicht geben dürfen. Aber natürlich habe ich persönliche Vorlieben. Ich bin ja nicht eine Organisation unter Kontrolle irgendeines Rates, sondern ich bin eine Privatperson, die nach eigenem Geschmack und nach eigener Überzeugung urteilt. Aber selbstverständlich habe ich auch Musiker gefördert, die ich nicht kannte, oder Musik, die nicht so sehr nach meinem Gusto war. Ich habe dabei auf Empfehlung von Freunden oder nahestehenden Personen gehandelt, die mein Vertrauen besitzen. Gehört zu denen auch Hans Werner Henze? Nein. Die Musik von Henze ist mir nahe. Selbst als Henze wegen seiner APO-Aktivität in der Bundesrepublik Persona non grata war, haben Sie zu ihm gestanden. Sind Sie, der steinreiche Mann, vielleicht ein verkappter Linker? Das ist eine gute Frage. Ich könnte sehr gut ein Linker sein, weil ich an die Fruchtbarkeit der Opposition glaube. Ich glaube daran, dass wir Menschen brauchen, die alles in Frage stellen. Es bedeutet eine ungeheure Beschränkung, wenn man stets auf den Dingen beharrt, die man erfahren und gelebt hat. Man muss sie in Frage stellen. Und vielleicht muss man sogar einmal den Standpunkt des Gegners einnehmen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. So gesehen, bin ich ein verkappter Linker. Hatten Sie politische Auseinandersetzungen mit Henze, der in den späten Sechzigern die Musik als Vehikel benutzte, um die Weltrevolution herbeiführen zu wollen? Das geht zum Glück nicht, sonst wäre unsere Welt sehr gefährdet. Für Henze empfinde ich Freundschaft, und ich habe die feste Überzeugung, dass er ein


Paul Sacher

bedeutender Komponist ist. Wissen Sie, Künstler wie Henze sind gefährdete Existenzen, immer nahe am Zerbrechen. Es gibt kein unbequemeres Leben als das Leben eines schöpferischen Künstlers, der sich gegen eine gleichgültige oder feindliche Umwelt behaupten muss. Das gilt auch für einen intellektuell so überbegabten Menschen wie Pierre Boulez. Kein Mensch hat so viele Feinde wie der Einzelgänger Boulez, der bei aller öffentlichen Anerkennung, die ihm in den letzten Jahren zuteilwurde, doch in der Isolation lebt, ausgesetzt all diesen Widersprüchen und Anfeindungen, all diesem Unverständnis. Es ist ein Glück, zu solchen Menschen eine gewisse Nähe zu haben und ihnen etwas zu bedeuten. Sie haben, wenn richtig gezählt worden ist, mehr als zweihundert Werke bei zeitgenössischen Komponisten in Auftrag gegeben. Man hatte zeitweilig den Eindruck, dass es ganz unmöglich sei, von Sacher nicht gefördert zu werden. Haben Sie denn auch strikte Abneigungen? Nicht eigentlich. Es gibt Partituren, die mir prima vista mühelos nahestehen, die ich gerne aufführe, und es gibt welche, um deren Verständnis ich ringe. Ich bin in dieser Beziehung ein Chamäleon. Wenn Sie mich fragen, welches Werk mir nun am liebsten ist, dann müsste ich eigentlich sagen: das, mit dem ich mich gerade beschäftige. Das ist Voraussetzung für eine gute Aufführung. Immer das, was mir gerade als Aufgabe bevorsteht, ist das, was mich am meisten fasziniert und was mir auch den Glauben an das Stück gibt, das durch meine Initiative zustandegekommen ist. Sie meinen: von Ihnen bezahlt worden ist. Wissen Sie, wenn Geld im Rahmen der künstlerischen Betätigung eine Rolle spielt, ist das schon eine Belastung. Geld gehört nicht in die Welt der Kunst. Das sagt der Mann, der eines der größten Vermögen nicht nur der Schweiz besitzt. Das Geld, das ich habe, ist wie ein Leben, etwas, das einem in Wahrheit nicht gehört. Man kann durch glückliche Umstände zu Geld kommen. Wenn das der Fall ist, trägt man eine große Verpflichtung und Verantwortung. Und

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