Eingehende Analysen verschiedener Fassungen der Laxdœla saga und der Fóstbrœðra saga bilden die Grundlage von Yves Lenzins Studie. Unter den Prämissen der historischen Anthropologie nähert sich Lenzin seinen Gegenständen mit Methoden, die in der Sagaforschung erstmals derart systematisch angewendet werden. Die Dichte seiner Beobachtungen erlaubt es ihm, Akteure zu benennen, aus deren Biografien sich die Schriftlichkeit und Individualität der Sagas erklären. Wie wurden Sagas im 13. Jahrhundert politisch instrumentalisiert? Wie begann ihre Verschriftlichung im 12. Jahrhundert? Und wie entwickelten sich die Form, der Stil und die Funktionen von Isländersagas? All dies ist Gegenstand des Bandes, der – anders als ältere Forschungsbeiträge – den Wandel in den Voraussetzungen der Sagaproduktion nicht vernachlässigt.
YVES LENZIN hat an der Universität Zürich Geschichte, Publizistikwissenschaft und Altnordisitik studiert. Seit dem Masterabschluss erforscht er als freischaffender Historiker die Sagaliteratur.
www.schwabe.ch
ISBN: 978-3-7965-4256-5
9 783796
542565
I SL Ä N DE R S AG A S – Verschr i ft lichung und Polit isier ung
Verschriftlichung und Politisierung
Y V E S L E NZ I N
Islä ndersaga s
Y VE S L ENZIN
ISL Ä NDE R S AGA S Ve r s c h r i f t l i c h u n g u nd Polit isier ung
Yves Lenzin
Isländersagas Verschriftlichung und Politisierung
Schwabe Verlag
Gedruckt mit der Unterstützung von Marcel und Annarös Lenzin-Schilling
®
MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen
www.fsc.org
FSC® C083411
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Vorderseite des Manuskriptfragments AM 162 D2 fol. aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das als ältestes erhaltenes Dokument einen Ausschnitt aus der Laxdœla saga überliefert; mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Stofnun Árna Magnússonar in Reykjavík. Umschlaggestaltung: Kevin Jenni, Rothrist Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4256-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4280-0 DOI 10.24894/978-3-7965-4280-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Vorbemerkung zur Wiedergabe historischer Namen . . . . . . . . . . . . . .
13
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
1.1
Grundsätzliche Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
1.2
Aufriss: Geschichte des isländischen Freistaats . . . . . . . . . . . . . . . .
19
1.3
Forschungsstand und Ziele der eigenen Forschung . . . . . . . . . . . .
23
1.4
These, Fragestellung und Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
49
2. Positionsbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
2.1
Der isländische Freistaat – eine «Nation»? . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
2.2
Was für ein Publikum erreichte eine Isländersaga? . . . . . . . . . . . .
70
2.3
Welches soziale Umfeld brachte Isländersagas hervor? . . . . . . . . .
75
2.4
Isländersagas und das Selbstverständnis ihrer Autoren . . . . . . . . .
79
2.5
Funktionen von Genealogie im isländischen Freistaat . . . . . . . . . .
88
2.6
Funktionen und Formen von Isländersagas im Wandel der Zeit . 101 2.6.1 Die Isländersagas und das kulturelle Gedächtnis der Isländer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 2.6.2 Der Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit und das Problem der Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
2.7
Exkurs: Wie die Isländer ihren Ruf als Skalden erwarben und wie das Aufblühen der Sagaliteratur damit zusammenhängt . . . . . . . . 130
6
Inhalt
3. Laxdœla saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3.1
Handschriften und Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3.2
Analyse und Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Fokusthema 1: Isländer in der Fremde . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2 Fokusthema 2: Fremde auf Island . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3 Fokusthema 3: Aussagen über Island . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.4 Fokusthema 4: Goden, Bauern, Knechte und ihre Rollen . .
3.3
Textstellenvergleiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 3.3.1 Verschiedene Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 3.3.2 Verwandte Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
3.4
Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 3.4.1 Mit Gott und dem König wider den Hochmut der Isländer . 204 3.4.2 Synthese: Laxdœla saga und Óláf hvítaskáld Þórðarson . . . 218
145 145 155 161 168
4. Fóstbrœðra saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
4.1
Handschriften und Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
4.2
Analyse und Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Fokusthema 1: Das Island- und Gesellschaftsbild . . . . . . . . . 4.2.2 Fokusthema 2: Die christliche und die gelehrte Sicht der Dinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.3 Fokusthema 3: Die komische Seite der Geschichte . . . . . . . .
248 248 256 261
4.3
Textstellenvergleiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 4.3.1 Verschiedene Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 4.3.2 Verwandte Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
4.4
Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 4.4.1 Das Werk eines Unterhalters vor dem Herrn . . . . . . . . . . . . 303 4.4.2 Synthese: Fóstbrœðra saga und Ingimund Einarsson . . . . . . 319
5. Vergleich der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Inhalt
6. Schlussfolgerungen und Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
6.1
Erkenntnisgewinn für das Verständnis der Literaturgattung «Isländersagas» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 6.1.1 Beginn der Verschriftlichung im 12. Jahrhundert . . . . . . . . . 353 6.1.2 Tendenz zur Politisierung im 13. Jahrhundert . . . . . . . . . . . 366
6.2
Auf den Erkenntnissen aufbauende Diskussion weiterer Forschungsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 6.2.1 Reykdœla saga ok Víga-Skútu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 6.2.2 Hœnsa-Þóris saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382
7. Rekapitulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 8. Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407
8.1
Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.1.1 Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.1.2 Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.1.3 Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8.2
Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 8.2.1 Nachschlagewerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 8.2.2 Aufsätze und Monografien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
407 407 407 409
Anhang A . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
Übersichtskarte über die Stammlande der führenden isländischen Geschlechter des 12. und 13. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 Anhang B . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
Verwandtschaftsbeziehungen zwischen aus Isländersagas und aus Gegenwartssagas bekannten Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Anhang C . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
Verzeichnis der erwähnten mittelalterlichen Personen und Personengruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
7
Vorwort
Die vorliegende wissenschaftliche Studie habe ich nicht als Dissertation oder zwecks Erlangung eines anderen akademischen Grades durchgeführt. Sie wurzelt zwar in meiner von Prof. Simon Teuscher betreuten Masterarbeit in Geschichte, mit der ich 2015 mein Studium an der Universität Zürich abschloss; die darauf aufbauende und nun beim Schwabe Verlag als Monografie erscheinende Abhandlung aber habe ich ausserhalb universitärer Strukturen abgefasst. Ich bereichere die Forschung damit um einen etablierte Konsense schonungslos hinterfragenden und das Erkenntnispotenzial eines radikal neuen Zugangs zur Sagaliteratur demonstrierenden Beitrag. Die vertiefte Auseinandersetzung mit den Isländersagas und der sich ihnen widmenden Forschungsliteratur liess gegen Ende meines Studiums erstmals wissenschaftlichen Ehrgeiz in mir keimen, weshalb ich meine mit der Masterarbeit begonnene Forschung nach dem Abschluss nicht einfach ad acta legen konnte. Mir war bewusst geworden, dass ich die Sagaforschung weiterbringen kann, wenn ich den eingeschlagenen Weg weiterverfolge, meine Methodik noch kritischer und umfassender anwende und es schaffe, mein Vorgehen noch nachvollziehbarer darzulegen. Der Besuch der Summer School in Manuscript Studies in Reykjavík befähigte mich, meine Gegenstände noch eingehender zu behandeln, und die International Saga Conference in Zürich und Basel im Sommer 2015 zeigte mir auf, welche Fragen ich zu beantworten habe, möchte ich andere Sagaforscher von meinen Methoden und Ergebnissen überzeugen. Im Bewusstsein um die Eigenständigkeit meiner Thesen und die Klarheit meiner Vorstellungen, von denen ich mich nicht abbringen lassen wollte, entschied ich mich für die Weiterarbeit als unabhängiger Historiker mit dem Ziel einer Buchpublikation. Im Bestreben um Nachvollziehbarkeit bin ich dennoch, wie bereits am Inhaltsverzeichnis ablesbar, konsequent akademischen Standards gefolgt.
10
Vorwort
Obwohl ich mit klaren Vorstellungen an die Arbeit ging, erschloss sich mir die ganze Logik und Tragweite meiner Forschung doch erst im Laufe der fünf Jahre, die die Umsetzung meines Vorhabens beansprucht hat. So gestaltete sich meine Tätigkeit denn auch niemals trocken, sondern stets spannend und erfüllend: Wiederholt war ich mit Herausforderungen konfrontiert, doch nie erwies sich ein Problem als unlösbar; vielmehr gelangte ich stets zu neuen Einsichten und konnte meine Beweisführung verdichten. Immer deutlicher trat zutage, dass meine Argumentation schlüssig ist, sodass es mir in keiner Phase des Prozesses an Motivation für meine Arbeit mangelte. Ausserdem bestärkten mich Äusserungen jüngerer Sagaforscher in der Erwartung einer gewissen Resonanz auf meinen Beitrag; so haben unlängst Emily Lethbridge sowie Torfi Tulinius das Studium der Sagaliteratur vor dem Hintergrund der historischen Realität der Isländer zur Zeit der Verschriftlichung der Sagas als zu verfolgenden Ansatz mit Potenzial bezeichnet. Eine zeitgemässe Methodik für eine umfassende Studie dieser Art musste aber erst entwickelt werden, was ich hiermit geleistet habe. Meine Hoffnung ist es, dass infolge der Publikation meiner Studie die verlorenen schriftlichen Urfassungen der Isländersagas, die momentan als der Wissenschaft nur sehr beschränkt zugänglich gelten, wieder vermehrt in den Fokus der Sagaforschung geraten. Zweifellos wird es eine Weile dauern, bis mein Ansatz durch andere Forscher bestätigt werden kann. Dass es aber so weit kommen wird, darauf vertraue ich im Glauben an die Wissenschaft und an die Vitalität des Forschungszweigs. Bin ich somit einen unabhängigen und eigenständigen Weg gegangen, so haben mich auf diesem doch auch zahlreiche Menschen unterstützt. Mein Dank geht an Prof. Jürg Glauser, der 2010 meine einzige Seminararbeit in meinem zweiten Nebenfach, der älteren nordischen Philologie, entgegennahm und mir wertvolle Rückmeldung gab; aus dieser Seminararbeit erwuchs meine Masterarbeit und schliesslich also die vorliegende Monografie. Für die Betreuung meiner Masterarbeit und das Gutachten dazu, aus dem ich Anregungen für meine Weiterarbeit bezog, danke ich Prof. Simon Teuscher. Profitiert habe ich ausserdem vom wissenschaftlichen Austausch mit Nanina Egli, Axel Kristinsson und Guðvarður Már Gunnlaugsson, denen ich ebenfalls meinen Dank ausspreche; Guðvarður verdanke ich im Besonderen ein Argument für meine Beweisführung bei der Auseinandersetzung mit der Fóstbrœðra saga.
Vorwort
Meine Arbeit in unschätzbarer Weise erleichtert haben mir verschiedene Institutionen, deren Personal ich in Dank verbunden bin: die Zentralbibliothek Zürich, die Bibliothek des Deutschen Seminars der Universität Zürich und die Stofnun Árna Magnússonar in Reykjavík, die nicht nur die einzigartige Summer School in Scandinavian Manuscript Studies veranstaltet, sondern auch wesentlich zur Onlinedatenbank handrit.is beiträgt, die es mir erlaubte, von zu Hause aus auf hochauflösende Scans der für meine Forschung benötigten mittelalterlichen und neuzeitlichen Sagamanuskripte zuzugreifen. Indem meine Monografie beim Schwabe Verlag erscheint, geht bezüglich Publikation mein Wunschtraum in Erfüllung. Darüber hinaus gestaltet sich die Zusammenarbeit ausgesprochen angenehm; ich danke allen in die Publikation dieses Buches involvierten Mitarbeitenden, besonders herzlich Harald S. Liehr. Auch den Auftrag für die Covergestaltung durfte mit dem Einverständnis des Verlags mein Wunschkandidat Kevin Jenni übernehmen, dem ich für die freundschaftliche Zusammenarbeit bei der Findung der perfekten grafischen Aufmachung danke. Überdies bedanke ich mich bei Manuel Sulzer für die Mithilfe bei der Erstellung des Personenverzeichnisses sowie bei den folgenden Menschen, die mich mit Rat oder moralisch unterstützt haben: Sandra Walser, Roman Steinlin, Silvia Hufnagel und meinen Eltern, Annarös und Marcel Lenzin-Schilling. Für zahlreiche wertvolle Anregungen und vorbehaltlose Unterstützung während des ganzen Prozesses am allerherzlichsten danke ich meiner lieben, unersetzlichen Nicole Suter. Yves Lenzin Ehrendingen, Juli 2020
11
Vorbemerkung zur Wiedergabe historischer Namen
Ich vereinheitliche die Schreibung historischer Namen nach folgenden Regeln: Namen nicht primär aus der Sagaliteratur bekannter Personen und Orte gebe ich in einer im Deutschen oder einer modernen skandinavischen Sprache geläufigen Form wieder, wobei ich jedoch mittelalterliche Ortsnamen verwende, wo diese eigenständig und historisch bedeutsam sind (Nidaros für Trondheim). Namen isländischer, primär aus der Sagaliteratur bekannter Personen und Orte gebe ich in Originalsprache wieder, jedoch ohne die allenfalls im Altisländischen vorhandene Nominativendung -r bzw. an andere Konsonanten assimilierte Formen davon (Óláf statt Óláfr; Jórun statt Jórunn). Bei Zitaten übernehme ich die in meinen Vorlagen verwendeten Formen; das gilt auch für Fälle, in denen ich in den Fussnoten fremde Übersetzungen zitiere. Altnordische Personennamen gebe ich gewöhnlich in der Form «Vorname Vaters-/Muttersname» wieder, gelegentlich auch in der Form «Vorname Beiname Vaters-/Muttersname», sofern ein Beiname überliefert ist. Bei Personen mit berühmten Beinamen und selten genannten Vaters-/Muttersnamen halte ich mich an die Form «Vorname Beiname»; dabei wähle ich bei nicht primär aus der Sagaliteratur bekannten Personen die im Deutschen geläufige Form (etwa bei Harald Schönhaar), bei isländischen, primär aus der Sagaliteratur bekannten Personen hingegen die originalsprachliche Form (so im Fall von Ketil flatnef).
1. Einleitung
1.1 Grundsätzliche Überlegungen Warum begannen die Isländer, Sagas zu schreiben, und warum schrieben sie so viel? Die Antworten auf diese Grundfragen der Erforschung der isländischen Literatur des Mittelalters liegen nach wie vor im Dunkeln. Obwohl die Sagas die Wissenschaft seit Jahrhunderten beschäftigen, hat sich diesbezüglich nie ein Konsens herausgebildet. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Prioritäten vor langer Zeit anders gesetzt wurden: Die zwei Theorien, die die Sagaforschung des 20. Jahrhunderts dominierten, die Freiprosa- und die Buchprosa-Theorie, waren darauf ausgelegt, die Sagas durch die Beantwortung der Frage nach dem «Wie» ihrer Entstehung zu erklären. Die Frage nach dem «Warum» ihrer Verschriftlichung wurde dadurch verdrängt und wird bis heute in der Forschungsliteratur oft gar nicht thematisiert. Den Entstehungsprozess der Sagas betreffend hingegen sind unzählige Thesen aufgestellt und diskutiert worden, von denen sich manche zum Konsens verfestigt haben, obwohl sie nie abschliessend verifiziert werden konnten. Einige davon tangieren auch die Möglichkeiten zur Beantwortung der Frage nach den Gründen für die Verschriftlichung und lassen diese umso schwieriger erscheinen. Bei der Auseinandersetzung mit solch grossen Fragen ist es natürlich absolut unumgänglich, nicht verifizierte Thesen in die Argumentation einzubeziehen – so kommt denn auch die vorliegende Studie keineswegs darum herum. Auf nicht verifizierte Thesen, die zwar dieselben Gegenstände betreffen, aber aus der Diskussion anderer Fragestellungen abgeleitet wurden, darf jedoch nicht unhinterfragt aufgebaut werden, auch wenn diese von einem breiten Konsens getragen werden: Es ist zwingend, in jedem dieser Fälle die zugrunde liegenden Argumente zu studieren und zu entscheiden, ob diese in einem grösseren Zusammenhang akzeptiert werden können oder verworfen
16
1. Einleitung
werden müssen. Sind die Thesen aus Diskussionen hervorgegangen, deren Bezugsrahmen die Gesamtheit der altnordischen Literatur bildete, so ist der grössere Zusammenhang, in den sie gestellt werden müssen, die historische Realität der Isländer zur Zeit der Verschriftlichung der Sagas, denn nur aus dem Kontext der Lebenswelt ihrer Urheber erschliessen sich die Motive für die Produktion der Manuskripte. Aus der Vielfalt der Isländersagas ergibt sich die Anforderung, bei der Erörterung der Frage nach den Gründen für die Verschriftlichung nicht auf der Ebene der literaturwissenschaftlich definierten Gattung, sondern auf der Ebene der Quellen anzusetzen. Zu vermeiden ist, dass die Gattung beschreibende Aussagen a priori als für sämtliche ihr zugeordneten Texte gültige Erkenntnisse behandelt werden. Ich richte meine Fragestellung deshalb primär an zwei voneinander unabhängige Sagas, die ich vorab als in sich geschlossene Einheiten auffasse. In der Überzeugung, dass der aufwendigen Verschriftlichung einer Saga starke Motive zugrunde gelegen haben müssen, und davon ausgehend, dass sich diese im Text niedergeschlagen haben, prüfe ich die erhaltenen Abschriften hinsichtlich charakteristischer Tendenzen, Vorlieben und Abneigungen. Unter Berücksichtigung verschiedener Manuskripte gewinne ich Hinweise auf die Voraussetzungen und Absichten desjenigen Individuums, das den betreffenden Stoff erstmals aus der mündlichen Tradition in eine schriftliche Form überführte. Jedoch kann über die Stringenz einer Motivation erst Klarheit herrschen, wenn im Wissen um die Ergebnisse der Quellenanalyse versucht wird, an die Stelle dieses abstrakten Individuums eine konkrete Persönlichkeit treten zu lassen: Erkennbar sind die Motive zwar immer am Text; nachvollziehbar werden sie bisweilen aber erst in den Zusammenhängen der Lebenssituation eines bestimmten Akteurs. Die grösstenteils in der Sturlunga saga vereinten Gegenwartssagas erlauben es, zwischen den von mir analysierten Isländersagas und der Realität des isländischen Hochmittelalters mögliche Verbindungslinien zu ziehen und diese gegeneinander abzuwägen. Die Gegenwartssagas vermitteln ein dichtes Bild der isländischen Aktualität in der Phase, in der die Verschriftlichung von Isländersagas ihre Blüte erlebte, und angesichts dessen, dass die meisten davon aufgeschrieben wurden, als noch Zeitzeugen am Leben waren, ist ihre historische Faktentreue als hoch einzuschätzen. In ihnen begegnet uns ein Grossteil der Akteure, die im Verlauf der fraglichen Zeit auf Island nach Einfluss trachteten und aus genau diesem Grund als potenzielle Autoren von
1.1 Grundsätzliche Überlegungen
Isländersagas in Erwägung gezogen werden müssen. Die anfangs noch schwer überschaubare Anzahl von Kandidaten lässt sich mithilfe der Ergebnisse der Quellenanalyse auf eine sinnvolle Grösse reduzieren, und durch die Konfrontation möglicher Motivationen mit konkreten Lebenssituationen kristallisieren sich in den von mir behandelten Fällen schliesslich die Namen einzelner Persönlichkeiten heraus, die mehr als nur die aus den Untersuchungsgegenständen abgeleiteten Autorenprofile erfüllen: Die Sagas erscheinen als logische Produkte aus ihren Biografien. Meine auf der Ebene einzelner Sagas gemachten Beobachtungen erlauben es, Züge eines Gesamtbilds hervortreten zu lassen, das Möglichkeiten literarischer Produktion in den Zusammenhängen der historischen Realität der Isländer erklärt. Tendenzen in der formalen und stilistischen Entwicklung der Gattung der Isländersagas sowie der Entwicklung der Arbeitsweise der Autoren, der Funktionen und der Rezeption von Sagaliteratur werden erkennbar, und es wird deutlich, dass in der Vernachlässigung des Wandels der Voraussetzungen der Verschriftlichung von Sagas die zentrale Schwäche älterer Erklärungsmuster liegt. Einhergehend mit der Verschriftlichung von Isländersagas diskutiere ich ihre Politisierung, sprich die Formung von Inhalten zum Zweck politischer Einflussnahme. Politik beruft sich immer auf kollektive Identitäten, denn jede Herrschaft erfordert eine Zusammenhalt stiftende Erklärung in den Zusammenhängen des kulturellen Gedächtnisses. Meine These der Politisierung von Sagas berührt die in der jüngsten Forschungsgeschichte intensiv geführte Diskussion der Funktion der Sagas für das kulturelle Gedächtnis und die kollektive Identität der Isländer, ist jedoch auch klar davon abzugrenzen. Die gemeinsame Basis liegt im Wissen, dass kollektive Identitäten durch die Entwicklung der politischen Situation beeinflusst und durch Umbrüche infrage gestellt werden. Entsprechend diesem theoretischen Hintergrund war die kollektive Identität der Isländer über lange Zeit hinweg labil: Ihre soziale und politische Kultur war durch die Besiedlung einer zuvor unbevölkerten Insel und den Aufbau eines Staates ohne Oberhaupt auf eine neue Grundlage gestellt worden; wenig später erfuhr sie durch die Christianisierung eine weitere Umwälzung, und schliesslich bedeutete die Machtübergabe an den König von Norwegen einen erneuten tiefgreifenden Einschnitt, machte aus den Isländern aber dennoch beileibe keine Norweger. Die Isländer suchten nach Identität – dies war unbestritten einer der Hauptgründe für ihr grosses In-
17
18
1. Einleitung
teresse an Vergangenheitserzählungen. Der aktuelle Forschungskonsens fasst die Isländersagas deshalb als Phänomen der Bildung von Identität durch Konstruktion von Geschichte auf;1 eine Erkenntnis, die ich nicht anzweifle. Allerdings muss der Vorbehalt angebracht werden, dass diese Aussage keine Antwort auf die eingangs aufgeworfenen Grundfragen darstellt, denn es handelt sich dabei um das Ergebnis einer aus heutiger Perspektive auf der Ebene der Gattungen geführten Diskussion langfristiger, sich bewusster Steuerung weitgehend entziehender und erst aus zeitlicher Distanz fassbar werdender Wirkungen der Sagaliteratur. Im Gegensatz dazu muss sich eine Diskussion der Gründe für ihre Verschriftlichung mit den intendierten Wirkungen einzelner Werke auseinandersetzen, was bedingt, dass die Perspektive der Zeit der Verschriftlichung eingenommen wird. Dadurch werden mögliche kurzfristige Wirkungen wahrnehmbar, und notwendigerweise rücken die politischen Wirren der Sturlungenzeit und die Vorgänge rund um die norwegische Machtübernahme in den Fokus der Betrachtungen. Die Grundlage der von mir beschriebenen Entwicklungen bildete der isländische Freistaat: Dieser zeichnete sich durch flache Hierarchien, labile Machtverhältnisse und das Fehlen einer zentralen Gewalt aus, und auch die Kirche als höchste ethische Instanz vermochte die isländische Gesellschaft nicht gänzlich zu durchdringen und nach ihren Vorstellungen zu formen. Das Eingreifen in den Wettbewerb um machtpolitischen Einfluss stand einem ansehnlichen Teil der isländischen Bevölkerung offen, und es gab auch keine Instanz, die die Diskussion politischer Ideologien monopolisiert hätte. Ähnlich den Medien in modernen Staaten kam der Literatur im isländischen Freistaat eine wichtige Funktion in Meinungsbildungsprozessen zu; sowohl machtpolitische als auch ideologische Motive sind zu prüfen, wenn die Gründe für die Verschriftlichung eines bestimmten Stoffes erörtert werden. Aus meinen Überlegungen resultiert ein Konzept einer sich wandelnden Funktion der Tradierung von Isländersagas, das zwischen drei Phasen unterscheidet: einer ersten, durch mündliches Erzählen geprägten Phase; einer zweiten, um die Mitte des 13. Jahrhunderts kulminierenden Phase, während
1 Glauser, Skandinavische Literaturgeschichte, Artikel «Mittelalter (800–1500)», S. 43–44; Byock, Viking Age Iceland, S. 22–23; Uecker, Geschichte der altnordischen Literatur, S. 14–15.
1.2 Aufriss: Geschichte des isländischen Freistaats
der Interessensgruppen sich traditioneller Inhalte bemächtigten und schriftliche, dem Anspruch nach definitive Formen schufen, um Deutungshoheit über Teile der kollektiven Erinnerung zu erlangen; und einer dritten, im Zeichen der Kompilation und Kanonisierung stehenden Phase. Hat die Forschung bei der Übertragung des Konzepts des kulturellen Gedächtnisses auf die isländischen Verhältnisse bis anhin auf die dritte Phase fokussiert, so ist es mein Ziel, die zweite Phase zu beleuchten und die These, dass die in jener turbulenten Epoche der Geschichte Islands verschriftlichten Isländersagas durch politische Motive bleibend geprägt wurden, am Quellenmaterial nachvollziehbar zu machen.
1.2 Aufriss: Geschichte des isländischen Freistaats Ab ca. 870 besiedelten Bauern und Lokaladlige skandinavischen Ursprungs, die an die germanischen Gottheiten glaubten und Runen benutzten, mit ihren Familien die bis dahin abgesehen von einzelnen irischen Mönchen unbewohnte Insel Island. Die meisten der Einwanderer kamen aus Norwegen, doch nicht unbedingt unmittelbar; einige hatten sich vorher auf den britischen Inseln niedergelassen. Nach etwa sechzig Jahren der Landnahme gab es auf Island keine fruchtbaren Landstriche mehr, auf die niemand Anspruch erhoben hätte, und die vollständige Besiedlung der Insel wurde kommuniziert. Die politischen und geistlichen Oberhäupter der Siedler, die Goden2, versammelten sich ab 930 jährlich zum Althing, um Gesetze zu beschliessen und Urteile zu fällen – der «Freistaat» Island war gegründet. Das höchste Amt war das des Gesetzessprechers, der das letzte Wort zu Fragen des gültigen Rechts hatte. Freie Bauern liessen sich auf dem Althing durch einen Goden ihrer Wahl vertreten und verpflichteten sich als Gegenleistung dazu, die-
Der altisländische Begriff goði (Pl. goðar) ist vom Wort goð (Gott) abgeleitet. Im Schweizerdeutschen gibt es das Wort «Götti» mit der Bedeutung «Pate», und es kann von einer sowohl etymologischen als auch semantischen Parallele gesprochen werden: Für die ihnen zugewandten Bauern erfüllten die Goden die Rolle von Paten; sie pflegten die Beziehung in Zeiten der Prosperität durch reziproke Geschenke und leisteten Beistand in der Not. 2
19