STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 157
RUPERT GRILL
WILLENSSCHWÄCHE
SCHWABE VERLAG | ECHTER VERLAG
Eine moralpsychologische Untersuchung
studien zur theologischen ethik 157 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann
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Willensschwäche Eine moralpsychologische Untersuchung
Schwabe Verlag, Basel Echter Verlag, WĂźrzburg
Die Druckvorlagen der Textseiten wurden vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.
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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Satz: Ute Heimburger; Kathrin Staniul, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie und Ethik, Av. de l’Europe 20, ch- 1700 Fribourg Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany isbn Printausgabe 978-3-7965-4248-0 (Schwabe) isbn eBook (pdf) 978-3-7965-4249-7 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4249-7 (Schwabe) isbn Printausgabe 978-3-429-05586-8 (Echter) issn 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
INH A LT Geleitwort 9 Vorwort 13 Einleitung 15 1. Forschungsgegenstand und Forschungsmethode 19 1.1 Willensschwäche als Forschungsobjekt der Theologischen Ethik 19 1.1.1 Phänomenologie zu Willensschwäche aus historischer Perspektive nach Jörn Müller 20 1.1.2 Theologisch-ethische Definition und Neuverortung von «Willensschwäche» 51 1.2 Forschungsmethode und Vorgehensweise 60 1.2.1 Interdisziplinärer Forschungshorizont: Psychologie und Moralpsychologie 61 1.2.2 Methodische Weichenstellung: Die PSI-Theorie von Julius Kuhl als moralpsychologische Perspektive 75 1.2.3 Interdisziplinäre Qualitätsmerkmale der PSI-Theorie 82 1.2.4 Methodische Konkretisierung 101 2. Die Motivations- und Persönlichkeitspsychologie (PSI-Theorie) von Julius Kuhl
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2.1 Die Grundlagen der PSI-Theorie: Die Funktionsebenen der Persönlichkeit nach Julius Kuhl 114 2.1.1 Ebene 1: Intuitive Verhaltenssteuerung und Objekterkennung 114 2.1.2 Ebene 2: Temperament – Motorische Aktivierung und sensorische Erregung 125 2.1.3 Ebene 3: Affekt und Anreizmotivation 128 2.1.4 Ebene 4: Top-down- versus Bottom-up-Steuerung (Progression und Regression) 135 2.1.5 Ebene 5: Motive – Erfahrungsnetzwerke um Bedürfniskerne 144 2.1.6 Ebene 6: Kognition – Denken und Fühlen 154 2.1.7 Ebene 7: Volition – Selbstkontrolle, Selbstregulation und Volitionshemmung 168 2.2 PSI-Theorie: Handlungs- und Selbststeuerung 183 2.2.1 Das Handlungssteuerungsmodell und der Kern der PSI-Theorie 183 2.2.2 Erlebnisseitige Vertiefung 197 2.2.3 Verhaltensseitige Vertiefung 208 2.3 Resümee zum moralpsychologischen Beitrag der PSI-Theorie 216
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3. Willensschwäche aus anthropologisch-ethischer Perspektive
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3.1 Handlungstheoretische Perspektiven anhand der PSI-Theorie 220 3.1.1 Menschliches Verhalten und menschliche Handlungen aus Perspektive der Theologischen Ethik 220 3.1.2 Verhaltensbahnung und Handlungssteuerung in der PSI-Theorie 222 3.1.3 Überlegungen zu einer PSI-theoretisch erweiterten Handlungstheorie der Theologischen Ethik 224 3.2 Drei Grundformen von Willensschwäche aus handlungstheoretisch-interdisziplinärer Perspektive 229 3.2.1 Vertikale Willensschwäche I: Gewohnheit vs. bewusster Wille 231 3.2.2 Vertikale Willensschwäche II: Affekte vs. bewusster Wille 235 3.2.3 Horizontale Willensschwäche oder uneinheitliches Wollen 250 3.3 Willensschwäche im Licht narrativer Psychologie 258 3.3.1 Narration und Narrative Psychologie 259 3.3.2 Narration «Willensschwäche» als identitätsstabilisierendes Moment 265 3.4 Tugenden als Grundkompetenzen zur Autonomierealisierung angesichts von Willensschwäche 3.4.1 Findung selbstkongruenter Ziele als kluge und gerechte Entscheidung im Dienste der sittlichen Autonomie 3.4.2 Tapferkeit und rechtes Maß als selbstgesteuerte Affekt regulation im Dienste sittlicher Autonomie 3.4.3 Begrenzte Stabilität durch Gewohnheiten und eingeübte Tugenden 3.5 Ergebnisbündelung zu Willensschwäche aus anthropologischethischer Perspektive 3.5.1 Willensschwache Handlungen und ihr willensschwaches Subjekt 3.5.2 Zum konstruktiven Umgang mit Willensschwäche aus theologisch-ethischer Perspektive 3.5.3 Handlungstheoretisch und epistemologisch erweiterter Horizont 3.5.4 Willensschwäche aus tugendethischer Akteursperspektive 4. Willensschwäch aus theologisch-spiritueller Perspektive
268 271 281 290 293 293 295 299 300 305
4.1 Theologisch-interdisziplinäre Überlegungen zur Erfahrbarkeit von Gnade 306
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4.1.1 4.1.2 4.1.3
Theologisch denkbare Gnadenerfahrung – eine Anknüpfung an Pröpper 308 PSI-theoretisch denkbare Wirkweisen von Gnade 317 Verschiedenartigkeit der Gnadenerfahrungen 321
4.2 Christliche Spiritualität als «Eintreten in und für die Gnade» 324 4.3 Die Ignatianischen Exerzitien im Dienste eines konstruktiven Umgangs mit Willensschwäche 4.3.1 Der Eintritt in die Gnade als grundlegender Schritt christlicher Spiritualität 4.3.2 Kultivierung der Affekte im Exerzitienprozess 4.3.3 Das selbstkongruente Ziel als konkreter Wille Gottes 4.3.4 Dauerhaftigkeit durch innere Stabilität und Gewohnheits bildung
328 331 336 347 353
4.4 Zusammenfassung der theologisch-spirituellen Perspektive hinsichtlich Willensschwäche 355 4.4.1 Denkbare göttliche Gnadenhilfe angesichts von Willens schwäche 356 4.4.2 Spiritualität als Ermöglichung göttlicher Gnadenhilfe angesichts von Willensschwäche 356 4.4.3 Theologisch-ethische Kriterien für Modelle einer christlichen Spiritualität 361 4.4.4 Bleibende Forschungsdesiderate hinsichtlich möglicher Gnadenhilfe angesichts von Willensschwäche 365 5. Resümee und Ausblick
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5.1 Die subjektive Erfahrung von Willensschwäche im Licht Theologischer Ethik 368 5.2 Verantwortung für Willensschwäche als Selbstverantwortung 372 5.2.1 Selbstverantwortung für die sittliche Selbstentwicklung 372 5.2.2 Selbstverantwortung im Kontext von Gnade und Spiritualität 375 5.3 Perspektiven für die Theologische Ethik 378 5.3.1 Replik auf die PSI-Theorie als (eine) moralpsychologische Perspektive 378 5.3.2 Handlungstheoretische und epistemologische Einsichten 379 5.3.3 Sittliche Autonomie und christliche Existenz 381 Abkürzungen, Abbildungen und Glossar
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Literaturverzeichnis
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GELEIT WORT Als ich die erste Fassung des vorliegenden Buchmanuskripts zu lesen begann, war ich überrascht: Hier lässt sich ein Theologe ausgerechnet auf eine psychologische Theorie der Persönlichkeit ein, die die menschliche Psyche mit dem «kalten Blick» der Naturwissenschaft betrachtet? Die von mir und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelte Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) betrachtet in der Tat die Persönlichkeit mit all ihren Zielen, Bedürfnissen, Werten und Gefühlen aus der Drittpersonperspektive der Naturwissenschaft. Nun ist aber gerade die Erstpersonperspektive ein zentrales Merkmal der Spiritualität – die Begegnung mit dem Unverfügbaren ist ganz ähnlich wie die zwischenmenschliche Begegnung an die Erstpersonperspektive gebunden: Ich begegne Gott wie auch meinen Mitmenschen als erlebnisfähiges Subjekt, nicht als Träger biochemischer Prozesse, die mit erlebnisunfähigen Instrumenten quantifizierbar sind. So ist es kein Wunder, dass auch ich selbst meine wissenschaftlichen Arbeit und meinen Glauben jahrzehntelang streng voneinander getrennt habe. Mein Start in die Psychologie in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war von Skinners radikalem Behaviorismus geprägt, der zentrale Merkmale der menschlichen Existenz wie Freiheit und Würde auf erlernte, automatisch ablaufende Reiz-Reaktions-Verknüpfungen zu reduzieren versuchte. Wenn Rupert Grill in diesem Buch einen Dialog zwischen Moraltheologie und einer naturwissenschaftlich geprägten Persönlichkeitstheorie entfaltet, schlägt er einen anderen Weg ein. Er stellt sich der herausfordernden Frage, ob der Dialog zwischen zwei so unterschiedlichen Perspektiven auf den Menschen womöglich dazu beitragen kann, die scheinbar unüberbrückbare Trennung von Erst- und Drittpersonperspektive, die Kluft zwischen dem objektiv messbaren Wissen über die menschliche Psyche und dem gegenseitigen subjektiven Verstehen von erlebnisfähigen Subjekten zu überwinden. Die dabei erarbeitete Perspektivenverschränkung greift jene Spannung auf, die mich als Naturwissenschafter in existenzieller Weise begleitet hat. In seinem Buch über die Würde des Menschen betont der Philosoph Peter Bieri die Bedeutung des sich selbst und des sich gegenseitigen Verstehens erlebnisfähiger Subjekte: «Die Art, wie wir zu uns selbst stehen, prägt unsere Einstellung zu den anderen, und dieser Zusammenhang prägt die Weise und das Ausmaß, in denen die anderen über unsere Würde bestimmen können.» 1 Bedeutet das nicht, dass schon der Versuch, die menschliche Psyche naturwissenschaftlich zu ergründen, unweigerlich einer Verletzung der Würde gleichkommt? Dass ich angesichts solcher Zweifel mein Psychologie-Studium nicht aufgegeben habe, hängt 1 P. Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, München 2013, 13.
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mit einer Erfahrung zusammen, die ich inzwischen durch viele Erlebnisse in der Beratung, im Coaching und in der Therapie bestätigt fand. Ein Beispiel: Ich erzählte vor etwa zwanzig Jahren Patienten einer neuen Selbsthilfegruppe für Menschen mit Zwangssymptomen (z. B. zwanghaftes Händewaschen bis die Hände bluten) etwas zögerlich von den damals neuen Forschungsergebnissen über Hirnbereiche, die bei Zwangskranken überaktiviert sind. Mein Zögern beruhte auf der Sorge, dass die Betroffenen sich durch diesen objektiv nachweisbaren «Hirndefekt» stigmatisiert und in ihrer Würde verletzt fühlen würden. Das Gegenteil schien der Fall zu sein: Eine Frau, die von ständigen Zwangsgedanken gepeinigt wurde, sie müsse ihr geliebtes Baby erstechen, sagte mir: «Danke, Herr Professor! Ich wünschte Sie würden das einmal meinem Mann erklären. Der sagt immer, ich solle mich mehr zusammennehmen». Es kommt gar nicht so selten vor, dass sich Menschen eher durch die objektive als durch die subjektive Perspektive gewürdigt und verstanden fühlen: Schüler oder Führungskräfte mit Motivationsproblemen, Patienten mit schweren Depressionen oder Zwangsvorstellungen berichten immer wieder, wie sehr es ihnen hilft, wenn sie lernen, wie die (neuro-) psychischen Systeme funktionieren, von deren Zusammenwirken abhängt, ob man die eigenen Vorsätze umsetzen kann und ob man aus Fehlern und schmerzlichen Erfahrungen lernen kann statt sie ständig wiederholen zu müssen. Wovon mag es abhängen, ob sich Menschen eher durch den objektiven Blick auf die Funktionsweise psychischer Prozesse verstanden und gewürdigt fühlen oder, dass eine andere Person sich einfühlt? Unsere Forschungsergebnisse legten nahe, dass dies von der Kontrollierbarkeit des problematischen Verhaltens abhängt: Solange wir oder andere der Meinung sind, dass unsere Motivationsschwierigkeiten oder unsere psychischen Symptome kontrollierbar sind, fühlen wir uns aufgerufen, uns mehr anzustrengen (auch der zitierte Ehemann fand, seine Frau brauche sich nur mehr zusammenzunehmen). Wenn es dann trotz aller Anstrengungen nicht klappt, sind wir allerdings «selbst» daran schuld. In der Psychotherapie hat zwar der Fokus auf subjektive Überzeugungen (Konstruktivismus) bemerkenswerte Möglichkeiten eröffnet, durch Veränderung subjektiver Überzeugungen neue Lösungsmöglichkeiten selbst für hartnäckige Probleme zu erschließen. Diese Ansätze blenden aber den Fall eines objektiven Kontrollverlusts weitgehend aus: Motivation ist nicht immer etwas Verfügbares. Wenn jemandem vorübergehend oder auch nur in bestimmten Situationen die Fähigkeit, sich zu motivieren, fehlt, dann helfen noch so gut gemeinte positive Kontrollüberzeugungen nicht weiter. Die sich hier abzeichnende Herausforderung wird auch nicht leichter, wenn wir daran denken, dass es immer wieder zu zwischenmenschlichen Missverständnissen kommen kann, wenn die objektive Kontrollierbarkeit von verschiedenen Menschen unterschiedlich beurteilt wird. Um zwei
GELEITWORT
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Beispiele zu nennen: Das Wegdrücken von unguten Gedanken oder das sich aufraffen, um eine lästige Pflicht zu erledigen, mag für den einen in der konkreten Situation kontrollierbar sein und für den anderen nicht. Wir brauchen hier nicht in die diffizilen Zusammenhänge von Schuld, Verantwortung und subjektiver bzw. objektiver Kontrollierbarkeit einzutauchen. Denn das tut in einer an wissenschaftlicher Sorgfalt und interdisziplinärem Engagement kaum zu überbietenden Weise der Autor dieses Buches. Wie sehr ein Verhalten kontrollierbar ist, spielt nicht nur in der Persönlichkeitspsychologie eine zentrale Rolle, sondern ist auch von großer Bedeutung für die Beurteilung moralischen Handelns. Dieses Buch eröffnet eine enorme Chance für den interdisziplinären Dialog zwischen Psychologie, Theologie, Pädagogik und Philosophie. Wer sich auf einen solchen Dialog einlassen möchte, braucht sich nicht vorab mit der Persönlichkeitspsychologie im Allgemeinen oder der PSI-Theorie im Besonderen befassen. Das vorliegende Buch beschreibt alle zentralen Annahmen der PSI-Theorie und die sich aus ihnen ergebenden Ableitungen sehr präzise und umfassend. Darüber hinaus schließt die Arbeit von Rupert Grill einen metatheoretischen Blick auf die PSI-Theorie mit ein, der einzigartig ist. So kommt der Autor dieses Buches auch zu einer interessanten und überzeugenden wissenschaftstheoretischen Einordnung der PSI-Theorie. Die hier vorgelegte Darstellung der PSI-Theorie ist in ihrer Detailgenauigkeit und Werktreue einzigartig. Der damit erreichte Brückenschlag zwischen objektivierbaren psychologischen und neurobiologischen Prozessen und theologischen Konzepten mag so manches moraltheologisches Dilemma in einem anderen Licht erscheinen lassen oder sogar auflösen. Vor diesem Hintergrund können sich auch die psychologiefernen Leserinnen und Leser dieses Buches gut gerüstet fühlen, um sich auf den Hauptteil des Buches einzulassen, in dem auf wissenschaftlich präzise Weise die in der Geschichte der Moralphilosophie und -theologie wichtigsten Entwicklungslinien mit dem Forschungsstand der Psychologie abgeglichen werden. Die Lektüre bietet erhellende Einsichten für eine realistische Motivations- und Handlungstheorie, für die tugendethisch bedeutsame Kultivierung der Affekte, für die epistemische Bedeutung von Emotionen und Intuitionen, für die psychologisch denkbare Wirkung von Gnade und dem Titel der Arbeit entsprechend zur Willensschwäche und ihrer Überwindung. Osnabrück, 2. April 2020 Julius Kuhl
VORWORT Die vorliegende Arbeit ist die nur leicht überarbeitete Fassung meiner im Jahr 2019 der Universität Wien unter dem Titel Willensschwäche. Theologisch-ethische Neuverortung anhand der PSI-Theorie von Kuhl als Basis einer moralpsychologischen Perspektive vorgelegten Habilitationsschrift. Der Entstehungsprozess dieser Arbeit war von Brückenschlägen in mehrfacher Hinsicht geprägt. Um in inhaltlicher Hinsicht psychologische, philosophische und theologisch-ethische Perspektiven in einen fruchtbaren Dialog miteinander zu bringen, war nicht nur einiges an wissenschaftstheoretischer und methodischer Arbeit nötig, sondern auch das verstärkte Einlesen bzw. Einarbeiten in die psychologische Perspekive, für die ich keine dedizierte Vorbildung mitbrachte. Der Forschungsalltag und die Erstellung dieser Arbeit waren von einem sich gegenseitig befruchtenden, aber nicht immer einfachen Wechsel zwischen wissenschaftlicher Forschungsarbeit und den mir seitens der Diözese anvertrauten pastoralen Aufgaben – als Pfarrer, Ausbildungsleiter für Diakone, Seelsorger für Theologiestudierende – und ihren ganz praktischen Fragestellungen geprägt. Insgesamt waren diese Jahre als «Grenzgänger» eine fruchtbare Zeit in verschiedener Hinsicht. Damit auch die theologischen Leser und Leserinnen diese Brückenschläge mitvollziehen können und nicht den Überblick in den persönlichkeitspsychologischen Begrifflichkeiten und Abkürzungen verlieren, ist am Ende sowohl ein Abkürzungsverzeichnis, als auch ein Glossar zu den wichtigsten Begriffen beigefügt. Zudem sind die Graphiken am Beginn des 2. Kapitels und unter 2.2.1 hilfreich um beim weiteren Lesen den Überblick zu wahren. An dieser Stelle ist es mir ein Anliegen, die Veröffentlichung meiner Arbeit auch als Gelegenheit für einige Dankesworte zu nutzen. Mein Dank gilt zu allererst Prof. Dr. Sigrid Müller für die wohlwollende Begleitung meiner Forschungsarbeit und für die Möglichkeit der Habilitation als «Externer» an der Universität Wien. Ebenso herzlich möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen am Lehrstuhl für Theologische Ethik recht herzlich für die freundliche Aufnahme in die Gemeinschaft bedanken. Mein Dank gilt aber auch den Menschen in den Pfarren Zeillern und Oed, die in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Anwesenheit ihres Pfarrer verzichten mussten, sowie den hauptamtlichen MitarbeiterInnen und allen aus der Sendung in Taufe und Firmung engagierten Christinnen und Christen. Besonders bereichernd und motivierend waren die Begegnungen mit Prof. Dr. Julius Kuhl im Kloster Niederalteich und das große Interesse mit der er mein Forschungsprojekt verfolgte. Herrn Prof. DDr. Jochen Sautermeister danke ich für wertvolle Hinweise. Ein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Angelika Walser,
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VORWORT
Prof. Dr. Stephan Ernst sowie Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl für die wissenschaftlichen Begutachtung und Ao. Univ. Prof. Dr. Matthias Beck sowie Helene Wahl für die Erstellung der didaktischen Gutachen im Rahmen des Habilitationsverfahrens. Frau Mag. Michaela E. Lugmaier gilt ein ganz besonderer Dank für Ihre ausdauernden und präzisen Korrekturen der gesamten Arbeit. Herrn Prof. Dr. Daniel Bogner und Herrn Prof. Dr. Markus Zimmermann möchte ich für die Aufnahme in die Reihe Studien zur Theologischen Ethik und Frau Ute Heimburger sowie Frau Kathrin Staniul-Stucky für ihr Lektorat danken. Meiner Heimatdiözese St. Pölten danke ich sehr herzlich für den großzügig gewährten Druckkostenzuschuss. Meinen Eltern Hedwig und Leopold Grill († 30.12.13), die mir nicht nur das Durchhaltevermögen, das für diese Arbeit nötig war, vererbt und gelehrt, sondern auch viel von jener Liebe mit auf dem Lebensweg gegeben haben, die laut Kuhls PSI-Theorie für Persönlichkeitswachstum entscheidend ist, sei dieses Buch gewidmet. Amstetten, im Frühling 2020 Rupert Grill
EINLEIT UNG Der subjektiv anerkannte Anspruch eines gesollten Guten, die Entscheidung für eine sittlich gute Handlung und der feste Entschluss, diese auch in die Tat umsetzen zu wollen, haben nicht zwangsläufig ihre tatsächliche Ausführung zur Folge. Neben veränderten äußeren Faktoren, die die Entscheidung fragwürdig erscheinen lassen oder den festen Entschluss wieder relativieren, kann ein Entschluss auch «von innen her» wieder ins Wanken geraten. Mit dem Begriff «Willensschwäche» werden alltägliche Erfahrungen beschrieben, bei denen man in der Vorbereitung auf eine Entscheidung überlegt, was man wirklich tun will. Dies geschieht in der Überzeugung, aufgrund dieser Überlegungen handeln zu können und auch zu wollen. Obwohl man gute Gründe für ein bestimmtes Handeln gefunden hat, handelt man jedoch anders, vielleicht sogar in entgegengesetzter Weise, wobei man dann später das tatsächliche Handeln bereut oder unverständlich findet. 1 Dabei will die vorliegende Untersuchung die subjektive Erfahrung von Willensschwäche, ihre innerpsychischen Ursachen und die Möglichkeiten eines konstruktiven Umgangs mit dieser Erfahrung ins Zentrum rücken. Im Unterschied zur gegenwärtigen Theologischen Ethik, in der es keine nennenswerte Auseinandersetzung mit dem Thema «Willensschwäche» gibt, hat sich in der Philosophie der vergangenen Jahrzehnte eine Diskussion zu dieser Problematik entwickelt. 2 Diese beginnt mit einer Leugnung des Phänomens Willensschwäche durch Richard Hare im Rahmen seiner Erläuterungen zum Präskriptivismus 3 und fokussiert vor allem aufgeworfene handlungstheoretische Fragen, wie jene, ob und wie jemand absichtlich nicht das Beste, sondern etwas wenigstens nur minder Gutes tun kann. In der philosophischen Diskussion stellt sich zudem die Frage, ob es «Willensschwäche» an sich überhaupt gibt, oder ob sie nicht
1 Zu dieser ersten Beschreibung von «Willensschwäche» vgl. R. P. Hofmann, Willensschwäche. Eine handlungstheoretische und moralphilosophische Untersuchung, Berlin 2016, 1 f. 2 Die Ausgangslage der philosophischen Diskussion fasst Hügli treffend so zusammen: «Das Wort benennt ein Phänomen, von dem umstritten ist, ob es überhaupt existiert, und erklärt es zugleich mit dem Hinweis auf die angebliche Schwäche eines psychischen Vermögens, von dem unklar ist, was für eine Art von Vermögen es ist und inwiefern es schwach genannt werden kann», A. Hügli, Willensschwäche, in: J. Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 2007, 800–809, 800. Einen guten Überblick über die aktuelle philosophische Debatte zur Willensschwäche gibt die jüngste Monographie zur Willensschwäche von Hofmann, der in seiner ausführlichen Analyse zugleich darüber hinausführt. Vgl. R. P. Hofmann, Willensschwäche, 1–38. Bei Hofmann kommt das Phänomen der Willensschwäche dabei vor allem als Infragestellung des Menschen als rationales Wesen in Blick; vgl. ebd. 21–24. 3 Vgl. dazu R. M. Hare, Freiheit und Vernunft, Düsseldorf 1973; sowie Ders., Das Problem der Willensschwäche, in: J. Schulte/T. Spitzley (Hg.), Willensschwäche, Paderborn 2005, 52–66.
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EINLEITUNG
vielmehr als Selbsttäuschung 4, mangelnde Selbstkontrolle 5 oder eine andere Form von Irrationalität erklärt werden müsste. Zentral ist dabei, ob die Bezeichnung «Willensschwäche» zutreffend ist. Dabei wird das vermeintlich gleiche Phänomen mit Hilfe unterschiedlicher Begriffe diskutiert. «Man stößt dabei mindestens auf «Akrasia (lat. incontinentia, engl. incontinence, dt. Unbeherrschtheit), acting against one’s better judgement, Handeln wider besseres Wissen, moral weakness, backsliding und Willensschwäche» 6. Historisch bezieht sich diese Diskussion fast ausschließlich auf die aristotelischen Ausführungen zur Willenschwäche in der Nikomachischen Ethik und deren strittige Auslegung. 7 Die breite Konnotation alltäglicher Rede von Willensschwäche kommt in der philosophischen Debatte kaum in den Blick. 8 «Eine solche insuläre Betrachtungsweise läuft jedoch letztlich Gefahr, ihren eigenen Anspruch zu verfehlen, nämlich das Phänomen in toto angemessen zu beschreiben und in kausaler Hinsicht zureichend analysieren zu können» 9, so auch die Kritik aus philosophischer Perspektive. Die philosophische Reflexion des Phänomens Willensschwäche versteht sich dabei geradezu als Kontrast zur subjektiven Erlebnisperspektive. Während die eigene Willensschwäche z. B. als praktisches Problem der eigenen Lebensführung angesehen wird, das man irgendwie zu lösen versucht, interessiert philosophische Ansätze vor allem die begriffliche Ordnung, in die sich das Phänomen möglichst konsistent einfügen lässt. 10
Für die Theologische Ethik, die sich bei allen grundlegenden theoretischen Reflexionen immer auch dem alltäglichen Leben der Menschen bzw. der Christinnen und Christen verpflichtet weiß, muss hingegen «Willenschwäche als praktisches Problem der eigenen Lebensführung» in ihrer anthropologisch-ethischen und theologisch-spirituellen Bedeutung ins Zentrum des Interesses gerückt werden. 4 Vgl. U. Wolf, Zum Problem der Willensschwäche, in: ZphF 39 (1985), 21–33. 5 Vgl. G. Watson, Skepsis bezüglich Willensschäche. Zwei Formen von Skepsis, in: J. Schulte/ T. Spitzley (Hg.), Willensschwäche, Paderborn 2005, 107–127. 6 T. Spitzley, Einleitung, in: J. Schulte/T. Spitzley (Hg.), Willensschwäche, Paderborn 2005, 7–27, 26. 7 Vgl. 1.1.1.2. 8 Eine Ausnahme ist hier der Beitrag von T. E. Hill, Willensschwäche und Charakter, in: J. Schulte/T. Spitzley (Hg.), Willensschwäche, Paderborn 2005, 168–190, der auf die alltägliche Bedeutung von «Willenschwäche» abzielt. Für die Theologische Ethik wäre hier festzuhalten, dass im Sinne des Beitrags zur Lebensbewältigung diesbezüglich die Erlebnisperspektive vorrangig ist. Ebenso ist hier auf die von der alltäglichen Erfahrung ausgehende Analyse von A. Kusser, Willensschwäche als Erfahrung, in: DZPh 57 (2009), 37–48 hinzuweisen. 9 J. Müller, Willensschwäche in Antike und Mittelalter. Eine Problemgeschichte von Sokrates bis Johannes Duns Scotus, Leuven 2009, 30. 10 R. P. Hofmann, Willensschwäche, 11.
EINLEITUNG
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Die Orientierung an alltäglichen Erfahrungen scheint der Theologischen Ethik höchst angemessen zu sein, denn «sie hat Lebenshilfe zu leisten. Der therapeutische Impetus moraltheologischer Reflexion ist unverwechselbar» 11. Die Auseinandersetzung mit der Frage, warum es bei psychisch gesunden Menschen zu willensschwachen Handlungen kommen kann, muss zu einem konstruktiv-entwicklungsorientierten Umgang mit diesen beitragen. Mit dem Auftrag einer lebensermöglichenden Relevanz hinsichtlich problematischer Erfahrungen des alltäglichen Lebens, stehen die theologisch-ethischen Überlegungen zur Willensschwäche und ihrer Überwindung zugleich im Dienst all jener, die Menschen in entsprechenden Scham- und Schulderfahrungen 12 und durch Lebenskrisen hindurch begleiten. So muss Theologische Ethik primär von einem weiten, alltäglichen Verständnis von Willensschwäche ausgehen, die inneren Hintergründe dieser Erfahrungen in einem solch breiten Fokus ausleuchten 13 und nach Wegen, die zu einem konstruktiven Umgang mit Willensschwäche führen, suchen. Selbstverständlich sind auch handlungstheoretische Fragestellungen mit diesem, am realen Lebensalltag orientierten Fokus verbunden und erfahren möglicherweise gerade durch die veränderte Perspektive neue Lösungsansätze. Das Phänomen Willensschwäche, als praktisches Problem der eigenen Lebensführung, in seiner innerpsychischen Kausalstruktur zu erfassen und Wege für einen konstruktiven Umgang mit ihr aufzuzeigen, führt methodisch in das interdisziplinäre Feld der Moralpsychologie und der damit verbundenen zentralen Frage nach dem Können des moralisch Gesollten. 14 Eine ausführliche Beschreibung und genauere Begriffsbestimmung von Willensschwäche aus der spezifischen Perspektive Theologischer Ethik sowie die Darlegung, Begründung und Kontextualisierung des methodisch interdisziplinär-moralpsychologischen Weges, der zur Bearbeitung des Forschungsobjekt eingeschlagen werden soll, erfolgt im ersten, in die Thematik multiperspektivisch einführenden Kapitel. Darin wird auch der weitere Aufbau der Untersuchung entwickelt und dargelegt. 11 K. Demmer, Moraltheologische Methodenlehre, Freiburg i. Üe. 1989, 12. 12 Zur Differenzierung von Scham- und Schulderfahrungen vgl. M.-S. Lotter, Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral, Berlin 2012, 89–106; 123–128; R. Werden, Schamkultur und Schuldkultur. Revision einer Theorie, Münster 2015, 191–226; J. Sautermeister, Zur Bedeutung der Moralpsychologie für die theologische Ethik – am Beispiel von Scham- und Schuldgefühl, in: MThZ 66 (2015), 229–242, 236 f.; M. Hilgers, Scham, Schuld und Schuldgefühle, in: J. Sautermeister (Hg.), Moralpsychologie, Stuttgart 2017, 326–339. 13 «Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass zumindest die Erklärung des willensschwachen Handelns ohne Rekurs auf Dispositionen des Akteurs grundsätzlich kurzschlüssig bleiben», J. Müller, Willensschwäche, 30 f. 14 Vgl. die Beschreibung der zentralen Fragen der Moralpsychologie bei S. E. Müller, Bausteine zur theologischen Ethik, Bd. 2: Moralpsychologie, Regensburg 2015, 11.