EVA HOFSTETTER
DER FISCHTELLERCODE Marine und maritime Bilder auf Gefässen aus der Antike im Museum Florence Gottet Mit einem Geleitwort von Max Kunze und einer Hinführung von Stephan Gottet
Eva Hofstetter
Der Fischteller-Code Marine und maritime Bilder auf Gefässen aus der Antike im Museum Florence Gottet Mit einem Geleitwort von Max Kunze und einer Hinführung von Stephan Gottet
Schwabe Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Fischteller des Hippocamp-Malers mit drei Brassen, vielleicht zwei Marmorbrassen und einer Gelbstrieme; Kat.-Nr. 45, Foto Sven Beham, Liechtensteinisches Landesmuseum; Gelbstriemen: Foto Wolljuergen. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: Simone Hiltscher, Schopfheim Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4067-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4344-9 DOI 10.24894/978-3-7965-4344-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Geleitwort von Max Kunze
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À tu et à toi – Gespräche mit meiner Tochter
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Sehnsuchtsort Museum Hinführung von Stephan Gottet 1000 Gramm Ton, eine Töpferscheibe und enorm viel Geschick …
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Zur Herstellung und Verwendung von attischen und unteritalischen Fischtellern Streifenbrasse oder doch Goldbrasse?
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Attische und unteritalische Fischteller und die auf ihnen abgebildeten Meeresbewohner 62 Fischteller und vieles mehr …
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Katalog der Fischteller und weiterer Vasen mit Fischdarstellungen im Museum Florence Gottet Literaturverzeichnis
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Abgekürzt zitierte Literatur
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Abbildungsnachweis
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Konkordanz zu Christian Zindel, Meeresleben und Jenseitsfahrt, Kilchberg 22008
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Register: Fische und andere Meerestiere
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Danksagung
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Zum Geleit Die griechischen Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet aus Bremgarten sind in den letzten zwei Jahrzehnten in Ausstellungen und Museen mehrerer europäischer Länder gezeigt worden. Ein übergreifender Aspekt bei all den Ausstellungen war ein aussergewöhnliches Moment der Entstehungsgeschichte dieser bemerkenswerten Sammlung. Sie hängt mit dem Tod eines früh verstorbenen Mädchens, Florence Gottet, zusammen und mit deren Eltern Jeannette und Stephan. Stephan Gottet gibt hier Auskunft über die Sinngebung der Sammlung, auch für die junge Generation. Da diese kleinen Kunstwerke, vorwiegend nach der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. in Kampanien, Apulien, Paestum und Athen hergestellt, einige Besonderheiten aufweisen und Rätsel aufgeben, waren die vergangenen Präsentationen durchaus verschieden akzentuiert. Meist fokussierte man sich auf ihre künstlerische Machart, eben die ungewöhnliche Form mit einem nach unten umbrechenden und herabhängenden Tellerrand und ihrer brillanten Bemalung mit Fischen, Seetieren, Muscheln oder maritimen Phantasiewesen. Entsprechend dem inhaltlichen Profil der Aussteller fragte man auch nach den seit der Antike existierenden Beziehungen zwischen Meer, Fisch und Mensch, die sich in ihnen widerspiegeln, oder suchte die bewundernswerte malerische Abstraktion der Fischdarstellungen mit der realen Meereswelt in Form von Präparaten des Mittelmeeres zu konfrontieren und die Phantasiewelt der maritimen Mythologie zu deuten. Sehr unterschiedlich wurde ihr archäologischer Kontext gesehen und in Ausstellungen einbezogen, um ihre Funktion zu verstehen. Da die Fischteller überwiegend in Gräbern gefunden wurden, widerspiegeln sie Aspekte des antiken Totenkults und des Jenseitsglaubens. Nun liegt eine gut lesbare Darstellung vor, die die Besonderheiten dieser antiken Keramikgattung zusammenfasst, ergänzt durch eine experimentelle Rekonstruktion der besonderen Gefässform. Dafür ist Dr. Eva Hofstetter zu danken, die sich mit den vielen hier angedeuteten Fragen intensiv beschäftigt hat. Durch die Grosszügigkeit und Unterstützung von Jeannette und Stephan Gottet, Bremgarten, und dank des Engagements des Schwabe Verlags Basel ist diese Publikation zustande gekommen. Dem gut ausgestatteten Buch sei eine interessierte Leserschaft gewünscht. Max Kunze
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À tu et à toi – ein Gespräch mit meiner Tochter Florence Sehnsuchtsort Museum «Was macht das Meer zum Meer», fragte Florence. «Das Salz im Wasser oder seine Bewohner und Flora, was ja fast so tönt wie mein Vorname?» Die Fische also, die Korallen, einfach alles, was sich unter und à fleur der Meeresoberfläche abspielt? «Oh …», natürlich beantwortete sie ihre eigene Unsicherheit gleich selbst, «… die Wellen. Man sieht sie nicht nur, man riecht und hört sie auch.» Wellen hören? «Ja, wie das Metronom auf meinem Klavier. Nur einstellen kann man die Wellen nicht. Sie ändern ihren Rhythmus von selbst. Aber wer macht denn die Wellen? Die grossen Wale etwa?» «Die Gezeiten machen sie», antwortete ich. «Zeiten was?», fragte sie und blickte dabei auf ihre Uhr. «Ich kann diese Zeiten auf dem Zifferblatt nicht finden.» «Gezeiten, auch Tiden genannt», stotterte ich ein wenig, um meine eigene Unsicherheit zu verbergen, «können weder der Mensch noch die Tiere noch die Erde selbst beeinflussen. Dafür ist unser Freund, der Mond, und ist seine Freundin, die Sonne, zuständig.» Und, immer leiser sprechend, fügte ich noch deren Einfluss auf die Schwerkraft bei. «Aha, sind wir also nie ganz unabhängig?» «Leider nein, oder – den Göttern sei Dank – vielleicht doch.» «Wie in einer Familie?» Worte niederzuschreiben für ein Buch, in dessen Titel Dein Name vorkommt, fällt schwer. Es gleicht der Aktion, wenn man die letzte Seite eines mysteriösen Buches gelesen und umgedreht hat und nun glaubt, dass es keine Fortsetzung mehr gäbe. Dabei möchte ich etwas schreiben, was für Dich und Deine Freunde und Deine Generation gedacht ist. Aber wie bloss? Purer Grössenwahn. Werden die Zeilen doch nur Erwachsene lesen? Vielleicht erinnern sich diese dann wenigstens an ihre Jugend … Oft nehme ich Dich beim Schreiben wahr … als Kind. Ein Kind, das verträumt am Ufer des Meeres sitzt und mit Muscheln und Sand spielt. Spielt? Ganz sicher nicht. Es arrangiert Sandkörner und die Hüllen von Meerestieren. Es spricht mit ihnen, in einer Sprache, die nur sie untereinander zu verstehen vermögen. Als Du diese Welt verliessest, warst Du älter als ich, Dein Vater. Ein Zustand, den man «Erwachsensein» nennt. Als ob Erwachsensein bedeuten würde, alles schon gesehen und verstanden zu haben. Wann werde ich selbst erwachsen sein und Dir folgen können? Mémoires d’outre-tombe, Gedanken über den Tod hinaus. Als Zäsur zwischen Leben und Tod? Mitnichten. Warum denn sind so viele Friedhöfe nachts abgesperrt? Wir haben viel gelacht und gemeinsam Geschichten erfunden. Teils notierte und von Dir illustrierte. Jugendfrei sicherlich, aber nicht frei von höflicher Ironie, und kaum frei von verhüllter Neckerei uns und anderen gegenüber … anderen, welche noch nie unsere gemeinsam gelebten Wunder erlebt noch gefühlt haben. Hier sei ein scheues Fragezeichen erlaubt. Wasser und Gezeiten reiben Stein zu Sand, zum Sandkörnchen. Rinnen durch Hände. Vergangenheit wird zu Mosaiksteinchen, deren Herkunft wir uns erinnern. Von Sonntag Nacht zu Dienstag Nacht Hat sich kein Tag verirrt |9
Kein Licht trennt uns die Tage Und jemand hat gesagt, schwarz sei die schönste Farbe Das Stundenglas zu Boden fällt Der Sand dem transparenten Körper leis entrinnt Nun ist das Sandkorn frei, was einmal immobiler Felsen war Erlöst von seinem Körper und Erinnerung. Einige Kinder werden durch einige Erwachsene zu stromlinienförmigen Mitschwimmern geformt. Immer flussabwärts. Brav in der Mitte. Einem imaginären Ziel entgegen. Den Start haben sie dabei längstens vergessen. Doch nicht alle. Retten wir diese Versprechen vor unserer Beliebigkeit, vor unserem Karrierewahn. Bewahren wir unsere Kinder vor dem frühzeitigen Ertrinken ihrer Hoffnung, ihrer Lebensklugheit und ihres Lächelns. Ich bin so lange gegen den Strom geschwommen, dass er sich eines Tages meiner erbarmte und seine Richtung änderte Jetzt bringt er mich zu meiner Quelle. Der Mensch vereinnahmt auch Gewässer. Von der Quelle bis zur Mündung. Hahn auf, das Wasser fliesst, Hahn zu, das Wasser versiegt. Damit ist nun nicht der Güggel (das männliche Haushuhn, auch Hahn oder Gockel genannt), welcher auf dem eigenen Mist drei- oder gerne auch mehrmals kräht, gemeint. Dabei bilden unzählige Quellen einen Fluss, einen Strom. Auch die Mündung in einen See oder in ein Meer – durch viele Arme – ist nicht gern gesehen. Ein Flussdelta widerspricht dem menschlichen Ordnungssinn. Die Menschen versklaven das Wasser. Es wird reduziert. Auf Nützlichkeit. Manche Menschen leben nicht wie wir Fische und andere Wasserbewohner mit ihm, sondern von ihm. Man spricht über und von ihm, doch leider fast nie mit ihm, dem Wasser. Den Flüssen gewährt man nicht mehr ihren eigenen Lauf. Brücken, welche eigentlich verbinden sollten, kürzen Wegstrecken zwar ab – wer aber würde dabei bedenken, dass man, wenn man einen Fluss überquert, die eine Seite verlässt (Mahatma Gandhi) … und damit die Erinnerungen? Nein, Erinnerungen sind es nicht. Unser Gespräch wurde nie unterbrochen. Der Tag hat es vielleicht gehemmt, die Nacht aber hat es wieder zurückgebracht. Es geht weiter, bis auch das letzte Sandkorn das Stundenglas nach unten verlassen hat. Ein Trick, den man nicht lernen muss, ist, es wieder auf den Kopf zu stellen. La vie à l’envers? Die verkehrte Welt? Kopf unten, Füsse gegen Himmel? Ein Handstand wider die Schwerkraft? Nein, das ewige Leben der Erinnerung an Gewesenes ist die Wurzeln für Künftiges. Im Übrigen ist das Stundenglas das Emblem unserer Familie, der Familie Gottet, und dies seit Jahrhunderten. Es macht den Anschein, als ob unser Gespräch sich ziemlich einseitig nur um antike Fischteller gedreht hätte. Nicht erstaunlich, möchte es sich doch als ein unprätentiöses Beiwort zu den Arbeiten im vorliegenden Buch gesellen dürfen. Florence, Du bist mitten in unsere Familie hineingeboren, hineingewachsen, wo es nur so von Keramiken, neuer und alter Herkunft, wimmelt und wo, erstaunlich genug, kaum jemals eine davon zu Bruch ging. Zuerst waren es die Töpfereien in der Westschweiz, in La Sarraz, in Genf 10 |
etc. In La Borne, im Berry, im Zentrum Frankreichs und im Süden, in Vallauris, und anderswo in der Provence, wo wir viele Töpfer kennen lernten, welche wir noch heute zu unseren Freunden zählen dürfen. Da wurde die Keramikherstellung praktisch neu erfunden. Künstler der Erde. Peu à peu gerieten aber auch diese Neuschöpfungen zur Massenware. Schnell war deren gerade eben erst vollzogene Renaissance vergessen. Da erst fingen wir damit an, uns den in der Zeit weit entfernten Erdkünstlern zuzuwenden. Nicht Gold, Silber und Metall, die Materien der Reichen, interessierten uns. Erde war es, der Stoff, der sich fast allen Menschen auf der ganzen Welt darbietet, der unser ureigenes Glaubensbekenntnis (Credo) bildete. Erde, das Gold der Armen. Wirklich? Und wenn schon, sie ist das nahe liegende Material, und weil es so häufig vorkommt, wird es von überheblichen Menschen schnell einmal als für ihren Standard zu gering eingeschätzt. Wir aber wussten schon damals: Was selten ist, ist nicht automatisch besser. Aber bevor Du den ersten Fischteller in Händen gehalten hast, waren andere Gottheiten auf anderen Gefässen Deine Begleiter. Erinnerst Du Dich? Ein Bild möchte ich herausgreifen, eines, welches Dir sehr gefallen hat und welches vorliegendem Buch Gotte (Patin) und Götti (Pate) stehen möge. Ein Bild auf einem Krater (Mischgefäss für Wein und Wasser) des beginnenden fünften Jahrhunderts vor Christus. Darauf sind Doris, der Name, den auch Deine Grossmutter trägt, und der Meeresgott Nereus gezeichnet. Poseidon (oder römisch: Neptun) kennen fast alle. Nicht nur am Meer, auch in vielen Städten, sogar fernab jeglichen Gewässers, gibt es Kneipen, Bistrots – oder vornehmer ausgedrückt, Restaurants –, welche mit diesen Göttern oder ihren Namen Gäste anzulocken versuchen. An Nereus oder Doris erinnert sich jedoch kaum jemand. Nereus war der älteste Sohn von Pontos und der Göttin Gaia. Nereus’ Vater Pontos symbolisiert das Meer, seine Mutter Gaia die den Ton verinnerlichende Erde. Gaia, indoeuropäischer (indogermanischer) Herkunft, könnte sogar als die Gebärende gedeutet werden.
Eines der ersten Keramikobjekte des Museums Florence Gottet. «Unheilbringender Herakles», ein Kolonnettenkrater des Myson, 490–480 v. Chr. Foto: Stephan Gottet.
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Entschuldigt bitte, junge und jung gebliebene Leserinnen und Leser. Was nun folgt ist eine Konzession an Erwachsene, welche diese Welt zu gestalten glauben. Sollten wir diese nicht eher Verwachsene nennen? Verwachsen nicht an Körper, aber im Geiste einer sonst naturgegebenen Vernunft? Erinnerungen haben für diese oft kurze Beine, wenn überhaupt. Flossen stehen ihnen schon erst recht nicht. «Das Beste (Element) aber ist das Wasser», schrieb, und das lange vor unserer Zeit, Pindar in seinen Olympischen Oden. Darf ein Dichter nicht ein wenig in die Zukunft schauen? Piscem nostrum cotidianum da nobis hodie e dimitte debita nostra. Ja, gib uns heute unseren täglichen Fisch und verzeih uns unsere Schuld, dass wir euch, liebe Bewohner des Wassers, euer Haus, nämlich die Bächlein, die Flüsse, die Seen und unsere Meere, so zugemüllt haben. Daran tragen wirklich wir die Schuld. Was wäre wohl Deine Antwort, Florence? Du wurdest 44 Jahreszeiten alt, der frühe Herbst, der 5. Oktober 1980, hat Dich uns gebracht und der gleiche Monat, elf Jahre später, der 30. Oktober 1991, wo üblicherweise die Ernte, auch die der Traube, die Frucht des künftigen Weines, eingefahren wird, hat Dich uns wieder genommen. Keine Angst, liebe jung und jung gebliebene Leserinnen und Leser, wir werden weder in eine sektiererische Religiosität noch in eine gefällige Blasphemie (Rufschädigung bis hin zu Gotteslästerung) verfallen. Das Meer, obwohl schon von den antiken Göttern für sich beansprucht und mit 1001 Geheimissen ausgestattet, guten und gefährlichen, gehört weder Nereus, Doris und deren 50 quicklebendigen Töchtern, den Nereïden, sondern uns allen, die vorgenannten Gottheiten miteingeschlossen. Erinnerst Du Dich noch, Florence, als wir zu jeder der 50 Töchter der Doris ein passendes Sprüchlein suchten und uns dabei krumm und fast kaputtlachten ob all der Ungereimtheiten unserer Verse? Die waren ganz schön holperig, aber die Worte konnten sich kaum gegen uns wehren, sie kamen ganz von allein. Kugelten in bunten Gewändern, manche auch schreiend komisch in unsere Schreibwerkstatt. Deine Grossmutter durfte in der Schule nicht den Namen Doris tragen. Unreligiös, ja gottlos sei es, den Namen einer antiken Göttin zu tragen. Ketzerisch. Bei «Gib uns unseren täglichen Fisch» denkt der Verwachsene an den lecker zubereiteten Meeresbewohner auf dem festlich geschmückten Tisch. Träumt von alten Rezepten eines Apicius und des etwas zeitnäheren Eduard Loubet, eines Vertreters und Vervollkommners der aktuellen Nouvelle Cuisine. Für Dich aber war nicht der doch ziemlich aufdringliche Geruch der altrömischen Fischsauce «Garum» wichtig, sondern der Fisch selbst. In seiner angestammten Umgebung. In seinem Lebenselixier. Überlassen wir die Feinschmeckereien ruhig den anderen. Denn sie wissen anscheinend nicht, was sie tun, indem sie dem Meer so wenig Respekt zollen. Am Schluss aber werden die Menschen beim Verzehr eines Fisches nachweislich genau denselben Abfall mitessen, mit welchem sie das Meer zuvor mit ihrem Kehricht, Plastik, Öl und anderem mehr, «bereichert», verunreinigt haben. Kehricht – «kehr recht», wie harmlos doch diese Worte daherkommen! Wir ziehen die alemannischen Bezeichnungen Mist und Güsel vor. Das Meer, schlimm verbessert durch den Menschen, verliert allmählich sein Leuchten. Die Korallen, auch Lebewesen, gehen ihrer Farben verlustig, verblassen, sterben. Die Fische tragen Trauer, auch in ihrem Aussehen, trübe Farben, sie riechen nach Petroleum, wie von einem | 13
schlechten Koch mit schlechtem Olivenöl zubereitet. Was meinst Du, Florence, zum Buch von Christian Zindel und zur jetzigen Schrift von Eva Hofstetter? Was bezwecken die mit ihren Werken? Können sie auch schwimmen und schnorcheln? Sprechen auch sie mit den Fischen und können sie verstehen? Fühlen Fische Freude und Schmerz? Da waren wir uns einig: Ja! Und ich bin überzeugt, Eva und Christian stimmen uns zu. Von Eduard Tschachtli, welcher Dich, mich und unsere Familie immer begleitet hat, weiss ich es bestimmt. Er kann und darf als einziger in unserem Skriptum, zwischen unseren Worten, herumnavigieren. Gerne leihen wir ihm zeitweise das Steuerrad. Zu Deinen Kuscheltieren gehörte auch ein Delphin. Der Meeresbewohner par exellence, der Renner für alle Kinder, für Mädchen sowieso. Der Delphin, kein Fisch, sondern ein Säugetier wie Du und Deine Freunde, welches, der Erde müde, vor Millionen von Jahren wieder ins Wasser, ins Meer zurückkehrte. Er ist vielleicht der heutige Meeresbewohner, welcher am meisten Vertrauen zum Menschen hat. Genügen wir denn seinen Erwartungen? Die schönsten Abbildungen von ihm sind uns auf Bildern antiker, griechischer Vasen erhalten geblieben, im Museum, das Deinen Namen trägt, auf den Objekten mit den Nummern G 521 (Nereide auf Delphin reitend) und G 466a (Poseidon auf einem Hippokamp reitend, gefolgt von einem Delphin). Die moderne Mixtur, bei welcher vorher deren Ingredienzen unkontrolliert verschlungen worden sind, von scheinbar Vergangenem, gerade selbst Erlebtem und Erwartungshaltung, gleicht dem halbverdauten Inhalt eines Magens. So werden gedankenbefreit und auch mal mutwillig Zeiten und Personen durcheinandergekaut, ebenso wie deren Charaktere. Nereus ist nicht Neptun. Die Töchter von Doris und Nereus sind als unbelastete Kinder zu betrachten. Nereiden sind wie die Delphine, der Natur und dem Menschen wohlgesinnt. Sie spielen, schwatzen und lächeln gern. Nicht das Anerkennung heischende, schenkelklopfende Grinsen und Gelächter Erwachsener, eher das leise, verschmitzte, geteilte Lächeln, welches ohne Worte auf den anderen trifft. Ein unauslöschliches Bild von Dir, Florence, ist Deine verspielte Art, Deine Umgebung zu Heiterkeit anzuregen. Lachten dann aber Deine Freundinnen, so verschwand Dein eigenes Lächeln. Es hörte nicht auf zu brennen, innerlich, es machte einer Ruhe Platz, welche, einer Vorausahnung gleich, der Zukunft näher schien. Es wird für Deine Mutter und für Deine Schwester Muriel und für mich selbst immer so bleiben. Karl Kerényi schrieb in seinem epochalen Werk Die Mythologie der Griechen. Götter, Menschen und Heroen über Delphi, womit er die Stadt und damit auch die Herkunft (Etymologie) des Wortes Delphin meinte: «Sie (die Stadt) glich also, dem Namen nach, eher einem Delphin, dem mit einem Uterus – das ist in der Silbe delph enthalten – versehenen Tier des Meeres.» Nereus, im Gegensatz zu Poseidon/Neptun, verkörpert Wahrheit, bar jeder Rachsucht und Lüge. Kerenyi zitiert Hesiod, einen antiken Autor: «Den Nereus, der nie lügt, sondern immer die Wahrheit sagt, hat Pontos als ältestes Kind gezeugt. Eben darum nennt man ihn den Alten; weil er nämlich wahrhaftig ist und gütig. Nie weicht er von dem ab, was sich ziemt, vielmehr hat er Gerechtigkeit und Güte im Sinn.» Was für eine andere Darstellung gewährt uns da Herakles, welcher den Hausrat der Doris und des Nereus zerstört, um zu seiner eigenen Wahrheit zu gelangen, dem Ort der Äpfel der Hesperiden, den materialisierten Zeichen (Synonyme) seiner Begehrlichkeiten? 14 |
Wärest Du stolz auf all die Ausstellungen, die Deinen Namen trugen oder in deren Titel Dein Name vorgekommen ist? In so vielen Städten Europas? Wir danken Adrienne LezziHafter herzlich für die folgende Aufstellung: Dresden, Japanisches Palais. «GENUSS PUR: Griechische Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet». In einem Nebensatz wurde erklärt: «Dresden wieder trocken», nach der eben bewältigten Jahrhundertflut. 8. März bis 10. November 2003. Kurator Rainer Vollkommer. Freiburg i.Br., Archäologische Sammlung der Universität Freiburg. «GASTMAHL DES MEERES. Griechische Fischteller der Sammlung Florence Gottet». 4. April bis 4. Juli 2004. Kurator Martin Flashar. Hannover, Kestner Museum. «DIE GRIECHEN UND DAS MEER. Die Fischteller der Sammlung Florence Gottet». 21. Oktober 2004 bis 30. Januar 2005. Kuratorin Anne Viola Siebert. Kiel, Antikensammlung, Kunsthalle zu Kiel. « DIE GRIECHEN UND DAS MEER. Die Fischteller der Sammlung Florence Gottet». 5. März bis 16. Mai 2005. Kurator Joachim Raeder. Im Beisein von Konrad Schauenburg, einem Verwandten von Loriot. Kassel, Museum Schloss Wilhelmshöhe. «DIE GRIECHEN UND DAS MEER. Griechische Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet». 9. Juli bis 16. Oktober 2005. Kurator Rüdiger Splitter. Luxembourg, Marché aux Poissons, Musée national d’Histoire et d’Art. «LES GRECS ET LA MER. Plats à poissons de la Collection Florence Gottet». 16. Februar bis 8. Juni 2008. Kurator Michel Polfer. Stendal, Winckelmann-Museum. «DIE GRIECHEN UND DAS MEER. Griechische Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet». 4. Dezember 2010 bis 3. April 2011. Kuratorin Stephanie-Gerrit Bruer. Vaduz, Liechtensteinisches Landesmuseum. «FISCHWELTEN – VOM MITTELMEER ZUM ALPENRHEIN. Griechische Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet und Exponate aus Liechtenstein und Berlin». 26. Mai 2011 bis 26. Februar 2012 (verlängert). Kurator Rainer Vollkommer. Graz, Naturkundemuseum Joanneumsviertel. «FISCHWELTEN. Griechische Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet». 5. September 2014 bis 22. Februar 2015. Kuratorin Barbara Porod. Basel, Spielzeug Welten Museum. «DAS MÄDCHEN UND DAS MEER. Jahrtausendalte geheimnisvolle Abbildungen von Meereswesen – Sammlung Florence Gottet». 22. Oktober 2016 bis 2. April 2017. Kuratorin Laura Sinanovitch. Der Titel «Die Griechen und das Meer» schwimmt oben auf. Das Mädchen und das Meer schwimmt fast auf gleicher Höhe mit und ist näher an der Aktualität eines heissen Sommers. All diese Ausstellungen haben sich im Gedächtnis vieler Menschen eingeprägt. Zwei von ihnen möchte ich speziell herausheben. Zuerst Blixa Bargeld, eigentlich Christian Emmerich, der zur Ehre des dadaistischen Künstlers Johannes Theodor Baargeld versucht hat, in dessen Identität zu schlüpfen. Der Künstler Baargeld war Mitbegründer der Kölner Dadagruppe, zu der auch Max Ernst zählte; er war am 9. Oktober 1892 als Alfred Ferdinand Gruenwald in Stettin geboren worden und verunglückte am 18. August 1927 am Mont Blanc tödlich. Beide Künstler bedienen sich also eines Pseudonyms. Glitzern mit den Schuppen anderer. Blixa ist der Frontmann der Musikband «Einstür16 |
zende Neubauten». Hoffentlich erschlagen diese nicht uns Fische. In seinem autobiografischen Buch Europa Kreuzweise: Eine Litanei ist auf den Seiten 12 bis 15 nachzulesen: «Luxemburg. Was macht man mit dem Rest des Tages? Das Musée National d’Histoire et d’Art beherbergt eine Ausstellung mit dem Titel Die Griechen und das Meer. Untertitel: Antike Fischteller aus der Sammlung Florence Gottet. Sehr schön, ich mag solche Ausstellungen. Ich durchquere immer wieder dieselben Städte, die Hauptstädte Europas … ich habe Präferenzen entwickelt. Es gibt Räume in meiner persönlichen globalen Wunderkammer, die ich zur Erbauung (im Gegenspiel zu einstürzende Neubauten) und Vergnügen besuche, aber es gibt auch kleine Wechselausstellungen wie: Die griechischen Fischteller aus der Sammlung von Florence Gottet bilden das Herzstück dieser Sonderausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte Dresden (Rainer Vollkommer) entstanden ist. Die Ausstellung ist angereichert mit Fischpräparaten und Fossilien aus dem Berliner Naturkundemuseum … die im Grabe oft auch als Grabbeigaben verwendeten Ornamente und Verzierungen existieren im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod (etwas stimme mit dem letzten Satz nicht ganz, meint Bargeld). Im Zusammenhang wird die Symbolik der Fischdarstellungen nachvollziehbar. Die Bilder von Meerestieren werden sozusagen zu tröstenden Botschaften, Ankündigung eines neuen Lebens nach dem Tod, die gemalten Fischplatten werden so zur Metapher: Genau das brauche ich jetzt, eine verständliche Ausstellung mit Metaphern existentieller Dimension in der Form von Fischplatten kurz vor dem Mittagessen.» Hat Blixa Bargeld nachher Fisch gegessen? Was meint er wohl mit Metaphern? Glaubt er etwa, die ausgestellten Objekte würden von einer alten Jungfer stammen? Hat er jemals zugeschaut wie ich, Florence, mit meiner Schwester Muriel in wechselnde Kostüme geschlüpft bin? Staunend und kichernd, Gestalten und Charaktere tauschend, schillernd wie die Oberfläche unserer Freunde, den Fischen? Die Haut (auch die mit Schuppen?) sei das Tiefste des Menschen, meint Paul Valéry. Spannungsfeld zwischen Leben und Tod? Ich kenne nur das Leben, bleiben wir dabei. Es scheint, dass alle Bewunderer der Fischwelten Pseudonyme tragen. So auch der zweite Autor Eckhard Jander, geboren 1934 in Königsberg in Preussen, der sich hinter Kansbar Wyderle verbirgt. In einem als Lebensroman untertitelten Buch Zilpzalp im Weidenlaub, Teil 2, steht auf Seite 20: «Drei schöne Farbdrucke mit griechischen Keramikmalerei schenktest Du (seine Frau) mir. Ein Fischteller aus der Schweizer Sammlung Florence Gottet mit Brasse, Tintenfisch und Schneckenhorn war dir der liebste». Was aber nun ist ein Zilpzalp? In der Schweiz, so meint der Autor, nenne man den Weidenlaubsänger Wyderle. Also ein Vogel. Fliegen jetzt sogar die Fische? Und warum nicht? Bin ich, Florence, also stolz auf alle diese Ausstellungen? Sicherlich nicht, aber ein bisschen schon. Wie gerne würde ich mich unter euch Besucher mischen. Mit euch plaudern, scherzen und die von den Kuratoren zur Verfügung gestellten, rohen Keramikteller gemeinsam mit euch bemalen. Reicht denn unsere Fantasie überhaupt aus, das zu | 17
zeichnen, was sich unter der Wasseroberfläche abspielt? Ja, die Bewohner dieser aquatischen Welt spielen miteinander. Sie fressen sich nicht nur gegenseitig auf. Sie möchten leben, wie wir. Misstrauen oder hassen sie darum uns Menschen, welche uns Fische nur als kulinarisches Objekt betrachten? Deren alleinige Existenzberechtigung der Verzehr sein soll? Mit unseren Augen und Gefühlen aber greifen wir gerne nach euch. Unfassbar, unbegreifbar, unbeschreiblich, aber nicht bar von Leben. «Für mich», meinte Florence, «lachen die Fische Tag um Tag. Ab und zu weinen sie.» Vor Freude vergiessen sie Lachtränen, aber auch Tränen der Trauer. Darum ist das Meer auch so salzig, und darum sind es unsere Seen nicht. Weil diese gerne Süsses naschen. Von uns Hinterlassenes. Die Fische aber müssen sich ihre Zähne danach nicht putzen. Wie ungerecht. In unserem Zeitalter beindrucken nur noch Zahlen, welche mit immer neuen Rekorden und Superlativen aufzutrumpfen wissen. Erinnerungswürdig sind sie schon. Für über 100 000 Besucherinnen, davon weit mehr als die Hälfte Kinder, öffneten zehn Musentempel ihre Pforten zu einer Welt des Wassers und seinen Bewohnern. Über 2000 Fischteller aus Ton, sogenannte Rohlinge, wurden bemalt, davon allein 1200 in Basel. Ich bin überzeugt: Alle diese Kinderhände – auch Erwachsene beriefen sich auf ihr Talent – haben beim Verzieren der Teller keinen Augenblick daran gedacht, euch zu töten, auszunehmen, zu kochen, zu bräteln und – was für eine Horrorvorstellung – sogar zu verspeisen. Was möchten wir Wasserbewohner Euch denn mitteilen? Das verraten Euch die Texte und die vielen bunten Bilder von Der Fischteller-Code. Wir sind keine toten Museumsgespenster. Wir sind Lebewesen … wie Ihr. Bitte helft uns, es zu bleiben! Bleibt neugierig, scherzhaft und verliebt in uns, Eure Freunde und Partner. Gemeinsam mit meiner grösseren Schwester Muriel haben wir unzählige Kostüme gewechselt, verwechselt und ausprobiert. Hauptsache bunt. Farbenfroh und glitzernd, so wie Ihr. Wir hatten unsere Geheimisse, die zu verraten uns nie in den Sinn gekommen wäre. Darum gefällt mir der Titel dieses Buches so gut: Etwas für Spürnasen, die Verborgenes entdecken wollen, für Leute, die Geheimnisvolles decodieren wollen … um es wieder schillern zu lassen. Das Wasser darf ruhig klar sein, aber unsere Welt soll sich nur denjenigen öffnen, welche Respekt vor uns haben. Nur diesen werde ich meine Hand, respektive meine Flosse gerne reichen. Statt Code, welcher versucht, eine Zuordnung zu schaffen, dachte ich zuerst an «Passwort», was aber, unrühmlich genug, heutzutage einen allzu technischen Sinn bekommen hat. Statt Zugang zu einer Welt von Wissen zu schaffen, dient es heute eher einer tönernen (fragilen) Überheblichkeit, dieses zu beherrschen. Statt einen neuen Humanismus zu schaffen, erhebt es Technik zu deren Gott. Wäre nicht Umorientierung des Denkens (Metanoia) das eigentliche Passwort, um den stummen Wesen das Wort zu erteilen (Francis Ponge)? Brauchen Meerestiere Poesie? Sind es nicht die Wellen selbst, welche unsere Gedichte schreiben? Bücher waren eine Sache, auf die wir nicht verzichten wollten, dann schon eher noch auf etwas Süsses. Na ja, nicht allzu wörtlich zu nehmen. Zu verführerisch können Worte und Schleckereien uns auf der Zunge vergehen. Mit Papa las ich gemeinsam – während ich immer öfters ans Bett gefesselt war – 164 Krimis, Tier-, beste Freundinnen-, Gespenster- und Heldengeschichten. Zusammen gingen wir auf Zeitreise. Es genügt, dass 18 |
ich weiss, dass Du ein Geheimnis hütest, nur für Dich, und das ist das Band (Netz), das uns immer verbinden wird. Der Kern. Unteilbar und trotzdem verbindend. Gerade darum. Ein unknackbarer Code. Keine Metapher. Kein Lehnwort. Ein Code, den die Zeit geschaffen hat. Speziell für uns. À travers l’eau, das gleichzeitig trennt und vereint. Schlaf weiter. Wir können unsere Träume nie zerstören. Wecken ist Tod. Die Nacht ist Hoffnung. Schwarz ist die schönste Farbe. Natare piscem doces, Francis Ponge, Proêmes, 1948. Möchten wir Menschen euch Fischen tatsächlich das Schwimmen beibringen? Etwas, wozu der Mensch bei seiner Geburt kaum fähig ist? Umgekehrt schon. Wir können von euch lernen, von der Natur abkupfern. Lustig ist es trotzdem. Wir sogenannten Menschentiere bemühen uns nicht einfach des schnellen und eleganten Schwimmens, nein, wir bestimmen sogar dessen Gangart. Auf dem Rücken, auf der Brust, crawlen, oder wie ein Schmetterling. Wir sind die Clowns des Meeres und bringen so die Fische zum Lachen. Als Du einmal noch recht klein warst, aber schon schnattern konntest wie eine Ente mit aufgestellten Federn und Haaren, fragtest du mich: «Sind Schildkröten auch Fische? Sind ihre vier Beine Flossen? Ist ihr Panzer, die Muschel, ihr Zuhause?» Human, menschlich, menschenwürdig. Begriffe, die sich auf den Menschen beziehen. Wäre demzufolge das Gegenteil, inhuman (unmenschlich), also tierisch? Für uns Wasserbewohner bedeutet eure Humanität oft nur politisches Kalkül. Darum ist für uns «tierisch» ehrlicher. Bleiben wir es. Wir danken Dir, Florence. Bist Du jetzt eine von uns? T’en souviens-tu la mer? Und umgekehrt ... Ja, bin ich geneigt zu glauben. Das Meer arbeitet Tag und Nacht an der Erinnerung. Jedes Sandkorn hat seine Geschichte. Zu den schönsten und zugleich kitschigsten aller Fotos sind Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge zu zählen. Wobei letztere vielleicht in der Überzahl sind und eher in Gesellschaft anzutreffen. Wie anders doch der Sonnenaufgang. Wie anders, wenn am frühen Morgen kein Stromkabel, keine Häuser, keine Strassen, keine Bäume, keine Berge, wenn weder eine Wolke noch Nebel, wenn kein Tagegeschehen und kaum ein Lebewesen die freie Sicht behindern? Spiegelt Erde Himmel? Tauscht sie sich mit ihm aus? Und das Wasser und das Meer?
Katze auf Fisch. Porzellanteller von Helga Krause (Goult, Vaucluse / Provence). Ein rätselhaftes Bild, welches nur die Künstlerin selbst zu decodieren vermochte: Beide Tiere, Katze und Fisch, sind etwa gleich gross – aber haben sie auch den gleichen Stellenwert?
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Und ganz zum Schluss eine Geschichte, oder zwei, oder zwei Geschichten in einer, Geschichten, die zeigen, dass Tiere die besseren Menschen sind. Nämlich eine Najade oder sonst ein Mensch auf einem Delphin und die Katze und der Fisch und, und und, und und, und und, und «und und» hören wir die Wellen ans Ufer schlagen. Die Welle, auf Lateinisch unda, auf Französisch onde. Die Welle als jungfräuliche Nixe, als halbgöttlicher Wassergeist. Tharangambadi, an der Koromandelküste Südindiens gelegen, war früher eine Kolonialstadt der Dänen und nennt sich aus dem Tamil übersetzt «Ort der singenden Wellen». Welch feines Gehör die Küstenbewohner doch haben. Verstehen wir auch der Wellen Geschichte? Aber nochmals zur Katze und dem Fisch: Ist es nicht so, dass es aussieht, als ob sich die Katze einen Fisch angle? Das Resultat wäre also: Herausgefischt, oder melodiöser: pescato fuori. Betrachtet man das Geschehen etwas näher, so sieht man die gebuckelte Gestalt, den erhobenen Schwanz und die doch eher ängstliche Haltung des Tieres aus der Familie der Felidae, währenddem unser Fisch doch eher, fröhlich nach Luft schnappend, die schlotternde Katze trägt und diese so vor dem sicheren Ertrinken rettet. Wie widersprüchlich doch eine Deutung ausfallen kann. Une petite fille chantait: «Au dortoir des mers, Que des pensionnaires, que des pensionnaires. Jamais nos rêves humains N’égaleront ceux des poissons.» Edmond Jabès, Le livre des questions II, pour Elya. Welch eine Vielfalt, wie viele Meeresbewohner tummeln sich in den riesigen Schlafräumen der Meere. Nie werden die Träume des Menschen die der Fische erreichen. Schlaf in der Zeit. Lass dich nicht wecken. Stephan Gottet
Zeichnungen von Mariann Wäfler, Keramikerin, Installations- und Textilkünstlerin aus Niederönz, Kanton Bern
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