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Die ganze Wahrheit

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Die ganze Wahrheit

Peter Strasser lehrte Philosophie an den Universitäten Graz und Klagenfurt. Seit 2015 befindet er sich offiziell im Ruhestand, ist aber weiterhin im Lehrbetrieb tätig. 2014 erhielt Strasser den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen ; bei Schwabe erschien 2018 Gehirn ohne Geist.

PETER STRASSER

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Reflexe 61 Strasser Druck.indd 1

PETER STRASSER

Die ganze Wahrheit Aufklärung über ein Paradoxon

REFLEXE

REFLEXE 61

Der Homo sapiens akzeptiert keine Grenze seines Wahrheitsstrebens. Er will alles wissen. Nietzsche hat hiervor gewarnt und uns mit dem Erkenntnisgrund der ganzen Wahrheit konfrontiert. Ist die ganze Wahrheit überhaupt der begrifflichen Klärung zugänglich ? Oder ist sie ein Mythos, bloss ein Wort ohne menschlich nachvollziehbaren Sinn ? Noch vor aller Aufklärung reservierte die Philosophie den Begriff der ganzen Wahrheit für Gott. Der endliche Mensch darf an der ganzen Wahrheit teilhaben, allerdings immer nur im Modus der Stückelung, der Perspektivierung. Ohne das göttliche Wissen bleibt das Subjekt, das nach Wahrheit strebt, auf sich selbst zurück­ge­worfen und die Suche nach der ganzen Wahrheit wird eine Leerlaufbewegung. Dennoc h: Die Suche kann nicht aufgegeben werden.

08.05.19 13:17


Schwabe reflexe

Band 61


Peter Strasser

Die ganze Wahrheit Aufklärung über ein Paradoxon

Schwabe Verlag


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3947-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4019-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


«Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.» Evangelium nach Johannes, Vers 8,32 «[…] und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.» Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne «Er behauptet, er habe die Wahrheit erkannt, und die Wahrheit habe ihn freigemacht: Idée fixe.» Aus der Philosophischen Praxis, Protokoll einer Zwangsidee


Inhalt

Prolog: Kein Lob der Torheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil I: Die zumutbare und die ganze Wahrheit Der Ingeborg-Bachmann-Komplex . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Existenzielle Wahrheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die eigene Wahrheit erfinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

33

Konstrukte und Illusionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

39

Entbergen, verbergen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

47

Die ganze Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

55

Plumps! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil II: Was wäre, wenn wir die ganze Wahrheit wüssten? Mord und Moore . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die uns gemeinsame Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Realität – Verkörperung des Geistes . . . . . . . . . . . . . . . . . .

87

7


Das existenzielle Vorzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Die innere Anschauung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Der Geist der Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Die Wahrheit kennen, die Wahrheit sein . . . . . . . . . . . . . . . 129 Epilog: Die Untergangswahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143

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Prolog: Kein Lob der Torheit

Unsere Zeit ist von zwei gegensätzlichen Tendenzen im Bereich der Wahrheitssuche und Erkenntnisfindung geprägt. (1) Einerseits ist, bestärkt durch den globalen Informationsumlauf in den elektronischen Medien, das Thema der «Fake News», also der Platzierung von Informationen, welche die Wirklichkeit verzerren oder verfälschen, zu einem Politikum geworden. Man kann durch den massenhaften Konsum eines tendenziösen, bisweilen hassgeprägten Bildes von Personen, ethnischen oder weltanschaulichen Gruppen Wahlen beeinflussen, Politiker stürzen oder Bürgerkriege anzetteln. Diese Entwicklung ist alarmierend, aber – so könnte man von einem abgehobenen Standpunkt aus bemerken – sie scheint philosophisch nicht sonderlich interessant. Dem ist gewiss beizustimmen. Doch ironischerweise liefert die Philosophie einen erkenntnistheoretischen und ontologischen Unterbau für das banale und zugleich brisante Phänomen, insofern seit Langem schon – seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts – der sogenannte Konstruktivismus, zugespitzt als radikaler Konstruktivismus, die Denkerbühne bis hinein in die akademischen Seminare eroberte. Demnach sei «die» Wahrheit eine Fiktion, wenn nicht sogar, als die Wahrheit, ein ideologisches Instrument des Erkenntnisabsolutismus, also selbst eine Art «Fake». In Wahrheit (!) seien alle Tatsachen und ihre Gesamtheit, die Wirklichkeit, nichts an und für sich Seiendes, sondern interessengeleitete «Konstruktionen». Es hänge von der begrifflichen Strukturierung des sinnlichen Materials ab, wie die Welt wahrgenommen werde und sich Überzeugungen schließlich als Wahrheiten präsentierten. Und 9


nicht nur das: All unsere sogenannten Fakten und Wahrheiten seien genetisch und neurologisch «codiert», woraus folge, dass all unser Wissen die Imprägnierung unserer evolutionär erworbenen, unter unbewusstem Überlebensdruck geformten Mechanismen der organischen Informationsverarbeitung mit sich führe. Abgestritten wird nicht unbedingt, dass es eine Wirklichkeit «an sich» gebe, doch sehr wohl, dass wir diesem Begriff irgendeinen Sinn beimessen könnten außer dem – um mit Kant zu sprechen – eines «Dings an sich». Einem solchen «Ding», als dem Grund allen Seins, dürften wir keinerlei Merkmale zuschreiben, die mit unserer Erfahrung direkt oder indirekt zusammenhingen; ein solches Ding bliebe für uns notwendigerweise reines, eigenschaftsloses X. Während jedoch Kant davon ausging, dass es nur eine Wahrheit gebe, weil alle Menschen dieselben Anschauungsformen von Raum und Zeit sowie dieselben Kategorien des Verstandes «in sich» trügen – laut Kant seien sie uns a priori, noch vor aller biologischen Formung «eingeboren» –, leugnet der moderne Konstruktivismus, dass nur eine Art, die Welt zu erkennen, denkbar und möglich sei. Es ist stattdessen davon die Rede, dass es mehrere Wirklichkeiten gebe, je nach der kulturellen und begrifflichen Grundprägung, wie sie sich in verschiedenen Epochen und Gemeinschaften finde. Unabhängig von der Frage, was es mit der Ablehnung eines absoluten Wahrheitskonzeptes auf sich habe, wird durch den Relativismus ein eigentümliches Problem aufbereitet: Wie lassen sich «Fake News» von echten Wahrheiten unterscheiden? Dabei hat die Pluralisierung des Wahrheitsbegriffes unausweichlich zur Folge, dass das, was dem einen ein Faktum ist, dem anderen eine Verkennung jener Wirklichkeit sein mag, die er selbst, aufgrund seines begrifflichen und normativen Rahmenwerks, für verbindlich hält.

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(2) Andererseits – und im krassen Gegensatz zum Konstruktivismus – dominiert das naturalistische Erkenntnisprogramm der Wissenschaften. Hier geht es wie eh und je darum, zu erkennen, was die Welt «im Innersten zusammenhält». Und oft ist aus den Reihen der biologischen Forschung zu hören, dass Legionen von Experten rund um den Globus gerade dabei seien, die letzten Geheimnisse des Lebens und damit des Menschen zu entschlüsseln. Vom Baum der Erkenntnis genascht zu haben und dafür aus dem Paradies vertrieben worden zu sein, hätte sich demnach doch noch gelohnt. Wir, die Mitglieder der Gattung Homo sapiens, werden am Ende nicht, wie der vielstudierte Faust, so klug sein «als wie zuvor», nein, unser Wissen um uns, um die Substanz unseres Lebendigseins, wird schließlich an jenes unseres Schöpfers, an das Wissen Gottes, heranreichen. Und dazu gehört ironischerweise auch, dass die Humanwissenschaftler uns schon längst versichern, dass Gott selbst eine überlebensdienliche «Illusion» sei, die uns unser Gehirn über die Jahrtausende hinweg als Tatsache zwingend nahelegte … Ob wir die letzten Geheimnisse des Universums jemals ans Tageslicht der großen Theorie befördern werden, etwa in Gestalt einer «Weltformel», scheint zwar heute wieder ungewiss, ja ungewisser denn je, seit sich der himmelstürmende Aufklärungsoptimismus des 18. Jahrhunderts als verfrüht erwiesen hat. Doch das hindert – um mit Ernst Jünger zu sprechen – den «Titanismus» des modernen Geistes nicht daran, an die Eroberung des Kosmos ebenso zu glauben wie daran, dass es eines Tages möglich sein werde, den Tod des menschlichen Bewusstseins unendlich lange hinauszuschieben, also praktisch zu besiegen. Hinter all diesen Projekten steckt die tief eingewurzelte Überzeugung, dass, soweit es die Menschheit betrifft, bloß eine Wahrheit existiere, die sich darauf richte, die eine Wirklichkeit zu erkennen. Gemäß einer solchen Sichtweise, die dem Naturalismus und der Wissenschaftszentriertheit unserer Epoche 11


zugrunde liegt, redet der Konstruktivismus, soweit er sich überhaupt auf seriöse Beobachtungen und Analysen stützt, von neurologischen und kulturellen Spezifika. Diese führten demnach in der Erfahrung des Einzelnen zu einer regional bedingten, pragmatisch hilfreichen «Verzerrung» der Wirklichkeit. Man denke an das religiöse Weltbild, an die Evidenz des freien Willens oder an die Überzeugung, dass sämtliche physischen Ereignisse kausal abliefen, in Raum und Zeit als absoluten Größen – das alles sind demnach in unserem Gehirn verankerte «Irrtümer», denen, objektiv betrachtet, eine physikalische, biologische und kosmologische Wahrheit zugrunde liegt. Und nicht nur das: Die wissenschaftliche Theorie erklärt uns, dem Anspruch ihrer Vertreter folgend, worin der unverzichtbare Alltagsnutzen der «Irrtümer» und «Illusionen», die unser traditionelles Weltund Menschenbild formen, weiterhin bestehe. Meine nachfolgenden Reflexionen wollen sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen, obwohl es akkurat jene beiden Seiten sind, die gewissermaßen den Gedanken-Claim abstecken. Ich habe auch nicht die Absicht, mittels des äußeren Formulars einer akademischen «Abhandlung» samt all den üblichen Rückversicherungen aus Literatur und Zitatenwerkstatt eine Autorität zu suggerieren, die hier, im Reiche des Spekulativen und Gerade-noch-Sagbaren, wohl fehl am Platze wäre. Im Zentrum des Gegenlichts, aus dem ich sowohl den Konstruktivismus als auch den Naturalismus beleuchten möchte, stehen zwei Fragen: «Wie viel Wahrheit ist dem Menschen zumutbar?» Und: «Was wäre, wenn wir die ganze Wahrheit wüssten?» Beide Fragen hängen innerlich zusammen, und sie führen zu einem Ergebnis, das möglicherweise brüskiert. Dass dem Menschen nicht jederzeit jede Wahrheit zugemutet werden darf, ist eine ethische Norm, die ihrerseits in einer psycho12


logischen Wahrheit gründet. Zugleich jedoch ist der Mensch ein wahrheitsstrebiges Wesen, das, wie immer seine psychologische Situation beschaffen sein mag, jede mögliche Grenze der Wahrheitsfindung zu überwinden sucht. Daraus ergibt sich: Der Homo sapiens, obwohl eine zerbrechliche Kreatur, akzeptiert keine natürliche Grenze seines Wahrheitsstrebens. Er will möglichst alles wissen. Nietzsches Warnung davor, möglichst alles wissen zu wollen, konfrontiert uns mit dem Erkenntnisgrund der ganzen Wahrheit. Doch es stellt sich die Frage, ob die ganze Wahrheit überhaupt etwas sei, was begrifflicher Klärung zugänglich ist. Handelt es sich dabei etwa um einen Mythos und darüber hinaus bloß um ein Wort ohne menschlich nachvollziehbaren Sinn? Noch vor aller Aufklärung reservierte die Philosophie den Begriff der ganzen Wahrheit für Gott – und dies nicht ohne Grund. Der Mensch, das endliche Geschöpf, darf an der ganzen Wahrheit teilhaben, allerdings immer nur im Modus der Stückelung, Perspektivierung, Abschattung von ungetrübtem Licht. Mit Ausklammerung des göttlichen Wissens bleibt das wahrheitsstrebige Subjekt auf sich selbst gestellt, «zurückgeworfen», und die Suche nach der ganzen Wahrheit wird eine Leerlaufbewegung. Dennoch kann sie nicht aufgegeben werden, solange überhaupt nach der Wahrheit gestrebt wird. Dieser prekäre Umstand verleiht dem Diktum, wonach dem Menschen die Wahrheit zumutbar sei – nun allerdings in entgrenzter, nicht mehr politisch gebundener Form wie bei Ingeborg Bachmann – ein eigentümliches Gewicht: Das Diktum definiert auf paradoxe Weise das Wesen des Menschen dadurch, dass es dessen Möglichkeiten überdehnt – und dabei aber einen unabdingbaren Sehnsuchtshorizont markiert: Befreiung von den Schlacken der Endlichkeit, welche die Wahrheit, die «ganze Wahrheit», verdunkeln.

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Teil I: Die zumutbare und die ganze Wahrheit


Der Ingeborg-Bachmann-Komplex

Dass das Thema «Wahrheit» in letzter Zeit wieder heftig thematisiert wurde, hat zu einem gewichtigen Teil mit dem politischen Diskurs zu tun – falls man hier von einem Diskurs sprechen möchte. Da in den sozialen Medien die «Fake News» – früher sprach man einfach von Falschmeldungen oder Falschangaben, öfter auch direkt von Lügen – ungemein an Bedeutung gewonnen haben, gedeiht, neudeutsch gesprochen, der «Faktencheck» üppig. Kritische Medien prüfen die Wahrheit des Behaupteten, um meist festzustellen, dass ebendiese «Wahrheit» aus ideologischen oder strategischen Gründen verbogen, verfälscht oder überhaupt nur erfunden wurde. Die derart Angegriffenen dementieren naturgemäß, nicht selten, indem sie sich missverstanden fühlen: ein Umstand, der reflektierte, dem Relativismus geneigte Beobachter zu dem Schluss führen könnte, es gäbe die Wahrheit (Einzahl) nicht. Kontrastierend dazu ist bemerkenswert, dass nun wieder auf fast allen Seiten von «der» Wahrheit die Rede ist – keiner/ keine soll sich damit herausreden können, es gäbe immer nur Ansichten der Wahrheit, also Wahrheiten (Plural), und wie diese im Einzelnen beschaffen seien, hänge vom «Kontext» ab. Dabei war es genau jener plurale Wahrheitsbegriff, der in den letzten Jahrzehnten gegen den «Wahrheitsabsolutismus» in Stellung gebracht wurde, zumal in den Humanwissenschaften. Die Menschen lebten demnach – das heißt: nach Meinung der «Konstruktivisten», namentlich der «radikalen» – in unterschiedlichen Welten. Hinzu kam, dass die übliche Verwendungsweise des Wahrheitsbegriffes (es gibt nur eine Wahrheit), angewandt auf 17


die persönliche Entfaltung des Einzelnen, zugunsten eines Konzepts des «pluralen Selbst» aufgegeben wurde. Das «wahre» Selbst war demzufolge seinem Wesen nach wesenlos. Der Einzelne musste sich ständig neu erfinden, um seiner ureigenen Egozentrik zu entsprechen. Heute ist, nicht zuletzt aus solch lebensweltlicher und kulturpolitischer Wirrnis, der Ruf nach der Wahrheit – «Wahrheit» nun durchaus autoritär, wenn nicht sogar totalitär verstanden – wieder laut und breitflächig geworden. Auf dem Grab der österreichischen Schriftstellerin und Dichterin Ingeborg Bachmann (1926–1973) steht zu lesen: «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.» Der Satz stammt aus jener Rede, welche die Autorin anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises für Kriegsblinde in Bonn 1959 gehalten hat. Wörtlich sagte sie: «Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.»1 Bachmanns Sentenz ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden, das immer wieder einmal bei passender – und auch unpassender – Gelegenheit zitiert wird. Ohne hier auf den Gesamtzusammenhang näher einzugehen: Das Bild, welches die Festrednerin verwendet, wenn sie davon spricht, dass die Menschen «in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen», legt einen psychologischen Aspekt im Rahmen einer politischen und moralischen Problemsituation nahe. Man braucht nicht lange zu suchen, um den Ort der – wie ich in Anspielung auf Immanuel Kant sagen möchte – selbstverschuldeten Blindheit ausfindig zu machen, worin sich die Menschen, namentlich die Österreicher, nach 1945 einrichten wollten.

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Es war die Nachkriegsdemokratie. Man wollte so schnell wie möglich die Schrecken des Krieges vergessen, vor allem wollte man nichts von der eigenen Verstrickung, nichts mehr von einer Mitschuld hören. Es ging die Rede davon, dass Österreich das erste Opfer der Nazi-Aggression gewesen sei. Man schwieg über die Gräuel, die man als Mitläufer oder gar Mittäter des Hitler-Regimes zu verantworten hatte, und man schwieg vor allem über die kaltblütige, geradezu industriell betriebene Ermordung des jüdischen Volkes in den Konzentrationslagern und Gaskammern. Der Holocaust war tabu. Wollten, wie die Bachmann insinuiert, die Menschen wirklich in den Stand kommen, «wo ihnen die Augen aufgehen»? Die führenden deutschen Schriftsteller ihrer Zeit und alle liberal Denkenden hätten dem Wahrheitsverlangen der Bachmann wohl zugestimmt. Doch wie ich selbst – ich genieße die fragwürdige «Gnade der späten Geburt» – im Rückblick auf die 1950er-Jahre sagen muss: Das Wort der Dichterin von der Zumutbarkeit der Wahrheit musste in den Ohren vieler Zeitgenossen ein wenig klingen wie das laute Singen eines Kindes im dunklen Wald: trotzig gegen das lauernd Ungesagte und auch ängstlich davor, was der Fall wäre, wenn das Ungeheuerliche gleichsam aus dem Dunkel des willentlichen Vergessens, der Beschönigung herausbrechen würde und den Überlebenden eine Fratze zeigte, aus der sie ihr eigenes Versagen, ihre eigene schreckliche Schuld ablesen müssten … Die Menschen, die ich in meinen jungen Jahren rund um mich herum kennenlernte, zeichneten sich dadurch aus, dass sie angeblich nichts gewusst hatten und tatsächlich nichts wissen wollten, besonders nichts über die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie hierzulande. Auch über die Kriegsverbrechen der Waffen-SS und anderer Kampfeinheiten hieß es, sie wären eine bösartige, revanchistische, vaterlandslose Erfindung jener, für die unter Hitler eben alles schlecht gewe19


sen sei. Es dauerte noch viele Jahre, bis den Österreichern – wie man so sagt – «die Augen aufgingen», oder besser vielleicht: bis sie vor dem Druck der bekanntgemachten historischen Fakten nicht mehr ausweichen konnten, weder durch äußere Dementis noch durch inneres Wegschauen. Und dabei handelte es sich in der Mehrzahl um Leute, die ohnehin nichts oder kaum etwas zu verdrängen hatten. Sie hatten in den Wirren des Krieges so ziemlich alles verloren und waren nach dem Krieg bloß deshalb nicht verhungert, weil ihnen die Siegermächte beim schieren Überleben halfen. Aber man hatte auch Selbstachtung, die nur dadurch einigermaßen aufrechtzuerhalten war, dass man der Wahrheit den ärgsten Stachel nahm. Und eines der gängigen Manöver des Selbstschutzes war es, sich an die Behauptung zu klammern, man sei vor und nach 1938, dem Jahr des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich, von der Wahrheit abgeschnitten gewesen, sei hinters Licht geführt und, gutgläubig, wie man gewesen sei, betrogen worden – eine Fabel, die der Wahrheit nicht gänzlich widersprach. Dass dieses unheilvolle Klima des Schweigens, Wegsehens, Blindstellens, der lahmen Selbstrechtfertigungen langsam erodierte, dazu trugen die Schriftsteller wesentlich bei, mit ihren Erlebnissen und Geschichten, die den Opfern wenigstens auf dem Papier Gerechtigkeit widerfahren ließen. Im Gegensatz zum ersten Anschein spricht der Satz, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, wohl weniger eine psychologische Wahrheit aus, sondern formuliert ein ethisches Postulat: Die Wahrheit sollte dem Menschen zugemutet werden! Freilich, in dieser Ausdeutung bekommt Bachmanns Diktum etwas Bedrohliches, denn es gilt zu prüfen, was denn die Konsequenzen, die «Kollateralschäden», der Einlösung des Postulats wären. Wenn der Satz auf apodiktische Art und Weise verstanden wird, dann stellt sich, und zwar ohne verschleierungswilligen 20


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