Brigitte Bachmann-Geiser
Die «Geschichte der Schweizer Volksmusik» füllt eine Lücke. Nie zuvor wurde die traditionelle Musik aller Sprachregionen von der Frühzeit bis heute in einem umfassenden Buch beschrieben. Dieser bebilderte und mit zwei CDs ergänzte Band richtet sich an eine allgemeine, an Schweizer Kultur interessierte Leserschaft.
Geschichte der Schweizer Volksmusik
Brigitte Bachmann-Geiser
Geschichte der Schweizer Volksmusik
Brigitte Bachmann-Geiser gilt als Kennerin der Schweizer Volksmusik. Die Ethnomusikologin verarbeitete das in eigenen Feldforschungen bei Musikanten und Informanten gesammelte Material zu Publikationen, Tonträgern, Ausstellungen, Vorträgen und Lehrveranstaltungen. Die Honorarprofessorin wurde mit hohen Preisen geehrt.
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Brigitte Bachmann-Geiser
Geschichte der Schweizer Volksmusik
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Mit Dank für finanzielle Unterstützung von:
Kanton Uri und Stadt Zürich Kultur
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Älpler, der seine Kuhherde in den Stall zum Melken und Vogelschwarm ruft; Bohlenmalerei aus einem Bauernhaus in Gais (Appenzell Ausserrhoden), 1598 (Stiftung für appenzellische Volkskunde, ausgestellt im Appenzeller Volkskunde-Museum Stein [Appenzell Ausserrhoden]) Umschlaggestaltung: Eugen Bachmann-Geiser, Martin Dreier und icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Bildaufbereitung: Martin Dreier Gestaltung der CD-Labels: Eugen Bachmann-Geiser und Martin Dreier Konzept und Mastering der CDs: Brigitte Bachmann-Geiser und Andreas Christen, Rainbow Sound Studio Bern Satz: Schwabe Verlag, Basel Druck: Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany ISBN 978-3-7965-3853-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechtsinhaber ausfindig zu machen. Sollte es uns in Einzelfällen nicht gelungen sein, werden berechtigte Ansprüche selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
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Inhalt
Vorwort .............................................................................................................. 11 Einleitung .......................................................................................................... 13 Historische Zeugnisse .................................................................................... 19
Archäologische Funde .............................................................................. 19 Alte Volksmusikinstrumente ................................................................... 24 Volksmusikbezogene Bildwerke .............................................................. 26 Schriftliche Dokumente .......................................................................... 29 Musikalische Dokumente ........................................................................ 29 Anmerkungen ............................................................................................ 33 Vokale Traditionen .......................................................................................... 37
Bättruef (Alpsegen) ................................................................................... 37 Der Alpsegen vom Stoos .......................................................................... 41 Anmerkungen ............................................................................................ 43 Kühreihen – Ranz des vaches ...................................................................... 45
Anmerkungen ............................................................................................ 52 Jodelarten ......................................................................................................... 55
Jodeln kommt von Johlen ........................................................................ 55
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Inhalt
Jauchzer ...................................................................................................... 57 Löckler und Jüüzli ...................................................................................... 57 Zäuerli und Ruggusseli .............................................................................. 59 Jodellied ...................................................................................................... 63 Der Eidgenössische Jodlerverband ......................................................... 67 Der experimentelle Jodel .......................................................................... 68 Jodellieder der Amischen ......................................................................... 73 Anmerkungen ............................................................................................ 75 Das Volkslied in der Schweiz ........................................................................ 79
Volksliedsammler ...................................................................................... 79 Flugblattlieder und Lieder in Lautenbüchern ....................................... 81 Liturgische Volkslieder – Lobwasser-Psalmen – Geistliche Volkslieder ............................................................................... 84 Die Sammlung von Schweizer=Kühreihen und Volksliedern ............ 91 Volkslied-Editionen des 20. Jahrhunderts ............................................. 94 Volkslieder der Romandie, Südschweiz und aus Romanischbünden ............................................................................. 98 Mani Matter und die Liedermacher ....................................................... 103 Beliebte Schweizer Volkslieder ................................................................ 108 Anmerkungen ............................................................................................ 115 Viehschellen und Kuhglocken ...................................................................... 123
Herstellung – Geschichte ......................................................................... 123 Hilfe beim Treiben und Hüten ................................................................ 126 Viehschellen und Kuhglocken in Lärmbräuchen .................................. 131
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Inhalt
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Schellenschütteln ....................................................................................... 132 Anmerkungen ............................................................................................ 136 Kirchenglocken und Glockenspiele ............................................................ 139
Anmerkungen ............................................................................................ 141 Alphorn – Büchel – Tiba ................................................................................. 143
Geschichte – Alphorntypen ..................................................................... 143 Hirteninstrument ...................................................................................... 147 Heischeinstrument .................................................................................... 151 Touristenattraktion – Nationalsymbol ................................................... 152 Kunstmusik – Ethnojazz – Ethnorock – Worldmusic .......................... 154 Kirchenmusik – Andachtsinstrument .................................................... 156 Innovation und Tradition ........................................................................ 158 Die Akustik des Alphorns ........................................................................ 161 Anmerkungen ............................................................................................ 165 Blasmusikwesen ............................................................................................. 169
Harschhorn – Helmi – Hirtenhorn ........................................................ 171 Pfeife und Trommel .................................................................................. 171 Hautboisten – Türkenmusik .................................................................... 174 Klappen- und Ventilinstrumente ............................................................ 175 Die zivile Blasmusik ................................................................................. 176 Feste – Wettspiele – Repertoire ............................................................... 177 Volkstümliche Bläserensembles – Guggenmusik .................................. 179 Anmerkungen ............................................................................................ 181
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Inhalt
Die Hausorgel ................................................................................................... 183
Toggenburger und Emmentaler Hausorgel ........................................... 183 Anmerkungen ............................................................................................ 187 Die Zithern der Schweiz ................................................................................ 189
Scheitholt-Zither (Häxeschit) .................................................................. 189 Schwyzer Zither ......................................................................................... 191 Glarner Zither ........................................................................................... 192 Toggenburger – Emmentaler – Entlebucher – Krienser Halszither ................................................................................... 195 Konzertzither – Akkordzither – Streichzither ...................................... 202 Anmerkungen ............................................................................................ 208 Kinderinstrumente ......................................................................................... 213
Chlefeli – Klappern .................................................................................... 213 Maienpfeife und Pflanzeninstrumente ................................................... 218 Schwirren ................................................................................................... 228 Anmerkungen ............................................................................................ 229 Substitutinstrumente ..................................................................................... 231
Haushaltinstrumente und Werkzeuge .................................................... 231 Anmerkungen ............................................................................................ 242 Hackbrett – Violine – Streichmusik ............................................................ 243
Appenzeller Hackbrett – Walliser Hackbrett ........................................ 243 Herkunft und Verbreitung des Hackbretts ............................................ 247 Violine und Hackbrett .............................................................................. 248
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Inhalt
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Das Hackbrett in Folk- und Kunstmusik ............................................... 254 Das Neue Original Appenzeller Streichmusik Projekt ......................... 258 Anmerkungen ............................................................................................ 260 Maultrommel – Mundharmonika – Handharmonika – Ländlerkapelle ................................................................................................. 263
Maultrommel ............................................................................................. 263 Mundharmonika ....................................................................................... 265 Handharmonika Langnauerli .................................................................. 267 Handharmonika Übergangstypen .......................................................... 270 Handharmonika Schwyzerörgeli .............................................................. 271 Handharmonika Accordéon jurassien ................................................... 276 Bauernmusik – Fränzlimusik .................................................................. 278 Ländlerkapelle ........................................................................................... 280 Anmerkungen ............................................................................................ 286 Die Erneuerung der Volksmusik ................................................................. 289
Forum alpinum 1965 ................................................................................ 291 Die Folkbewegung 1972 –1981 ................................................................ 295 Spielleute – Strassenmusik – Ethnojazz ................................................. 297 Die Volkstanzsammlung Hanny Christen und die Hanneli-Musig ............................................................................. 299 Anmerkungen ............................................................................................ 304 Musik im Kalenderbrauch ............................................................................ 309
Silvester- und Neujahrsbräuche .............................................................. 309 Dreikönigs- und Sternsingen ................................................................... 311
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Inhalt
Lärm und Musik in Fasnachtsbräuchen ................................................ 312 Ratschen und Klappern in der Fastenzeit .............................................. 318 Klingende Frühlingsbräuche ................................................................... 319 Klingende Sommerbräuche ..................................................................... 320 Chilbi und Erntedank ............................................................................... 321 Lärmbräuche zur Nikolausenzeit ............................................................ 323 Klingende Weihnachtsbräuche ................................................................ 324 Anmerkungen ............................................................................................ 326 Anhang .............................................................................................................. 329
Bibliographie .............................................................................................. 329 Diskographie .............................................................................................. 362 Filmographie .............................................................................................. 367 Verbände ..................................................................................................... 368 Institutionen – Archive – Sammlungen ................................................. 369 Volksmusikalische Feste und Wettbewerbe ........................................... 370 Tonbeispiele ............................................................................................... 374 CD 1: Lieder und Tänze in der Reihenfolge der einzelnen Kapitel ............................................................. 374 CD 2: Melodien, Rhythmen und Lärm in Kalenderbräuchen ..... 377 Ausgewählte Liedtexte zu den Tonbeispielen ................................. 380 Sachregister ..................................................................................... 391 Ortsregister ...................................................................................... 395 Personenregister .............................................................................. 397
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Vorwort
Ein kleines Lied! Wie geht’s nur an, dass man so lieb es haben kann! Was liegt darin, erzähle. Es liegt darin ein wenig Klang, ein wenig Wohllaut und Gesang und eine ganze Seele. (Marie von Ebner-Eschenbach, 1830–1916)
Mit der Absicht, meine Publikationen zur Schweizer Volksmusik aus den letzten 45 Jahren zu einem abschliessenden Buch zusammenzusetzen, ist diese «Geschichte der Schweizer Volksmusik» entstanden. Es handelt sich weder um eine Geschichte im historischen Sinn des Wortes, noch um ein Nachschlagewerk oder ein Handbuch. Der vorliegende Band ist aber eine Geschichte in der erzählerischen Folge von 14 in sich geschlossenen, leicht lesbaren Kapiteln, die mit zahlreichen Anmerkungen vertieft und einer sorgfältig vorbereiteten Bibliographie, einer ausgewählten Diskographie sowie einer Filmographie ergänzt werden. Neu an diesem Nischenwerk sind insbesondere der zeitliche Rahmen von der Frühzeit bis heute und die gesamtschweizerische Darstellung einer besonders interessanten Äusserung der musikalischen Kultur.
Dem Freiburger Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie und der Stiftung Freilichtmuseum Ballenberg zum 50. Geburtstag gewidmet
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Dank Eugen Bachmann; Antonio Baldassarre; Dorothea Baumann; Ricco Bergamin; Florian Henri Besthorn; Barbara Betschart; Melanie Beugger; Bruno Bischofberger; Marc-Antoine Camp; Andreas Christen; Claudio Danuser; Silvia Delorenzi; Martin Dreier; Rolphe Fehlmann; Johannes Fuchs; Peter R. Geiser; Lena Gfeller; Christoph Greuter; Thomas Hirt; Ernst Huber; Patricia Jäggi; Jost Kirchgraber; Urs Klauser; Urs Kneubühl; Joe Manser; Ernst Meier, Werner H. Meyer; Theres Minder; Karin Niederberger; Rudolf Pietsch; Badri Redha; Quirinus Reichen; Alphons Riedo; Ernst Roth; Bernhard Schrofer; Bernard Schüle; Angelia Schwaller; Alfred Schweizer; Hans Jürg Sommer; Hans-Ruedi Spichiger; Daniel Suter; Rolf Thalmann; sowie Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften.
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Einleitung
Die traditionelle Musik der Schweiz ist eine lokale Variante der alpenländischen Volksmusik und erlaubt den Vergleich mit der musikalischen Volkskultur der alpinen Nachbarländer. Die Original Appenzeller Streichmusik ist unter österreichischem Einfluss entstanden. Das Schwyzerörgeli, eine rein und nicht wie das Akkordeon schwebend gestimmte Handharmonika, lässt sich mit der Steyrischen Knopfharmonika vergleichen. Die bandella der Tessiner ist den kleinen Bläser ensembles in Norditalien zum Verwechseln ähnlich. Das accordéon jurassien erinnert an die französische musette. Die Alte Schwiizer, Fasnachtsmärsche der Basler Pfeifer und Trommler, überliefern Volksliedmelodien aus Deutschland und Holland. Selbst das Alphorn, das Schweizer Nationalinstrument, kommt in den meisten alpinen Hirtenkulturen Europas vor. In der eidgenössischen Ausgestaltung der alpenländischen Volksmusik lassen sich aber noch immer Musiklandschaften mit Musizierstilen und -praktiken erkennen, die für eine Sprachregion, einen Kanton oder ein Tal typisch sind. Die musikalische Volkskultur der Schweiz im Spannungsfeld zwischen Alpengebiet und Flachland, Städten und ländlichen Gegenden, im Spannungsfeld der vier Landessprachen mit ungezählten Mundarten, der beiden Konfessionen und der gefühlsbetonten Amateur- und virtuosen Berufsmusiker präsentiert sich vielgestaltig und abwechslungsreich. Ein bernisches Jodellied (Volksliedstrophen mit Jodelrefrains auf blosse Silben) zeichnet die Wesensart der behäbigen Berner nach. Die von einer orchestrina (kleines Instrumentalensemble) begleitete ballata spiegelt das Temperament der Tessiner wider, während mehrstimmige, wohlklingende Chorlieder auf Französisch für die Romandie und ausdrucksvolle Liebeslieder in acht Idiomen für Graubünden charakteristisch sind. Die Volksmusik unterscheidet sich nicht nur von Sprache zu Sprache, sondern wird auch von den Konfessionen beeinflusst. Ratschengeknatter anstelle der verstummten Kirchenglocken am Karfreitag, das Surrexit-Singen in
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Einleitung
Hirte mit Horn. Römisches Mosaik, Fragment. 2. Jh. n. Chr.
Abb. 1:
Quelle: Boscéaz bei Orbe (Kanton Waadt), Mosaïques romaines d’Urba (Foto: René Allegrini)
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Einleitung
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Estavayer-le-lac (Kanton Freiburg) in der Osternacht oder der Bättruef, ein während des Alpsommers in der Inner- und Ostschweiz gerufenes Hirtengebet, gehören zur römisch-katholischen, das Genfer Escalade-Lied, ein ursprünglich kirchlicher Hymnus, zur evangelisch-reformierten Musikkultur. Die Andersartig keit der alpinen und der urbanen Volksmusik ist leicht zu erkennen. Jüüzli (Jauchzer), Zäuerli und Ruggusseli, mehrstimmige Naturjodel, Alpsegen, Fahrund Weidegeläute des Viehs und Büchelrufe stehen noch heute in enger Verbindung mit dem Hirtenleben. Und auch die Tanzmusik zu Alpstobede, Chilbi und Sagra klingt anders als die reglementierte Musik der Chöre und Blasorchester, der Ländlerkonzerte, Vorträge von Jodelvereinen und experimentellen Musikern in den Städten. Archäologische Funde aus der Ur- und Frühzeit im Gebiet der heutigen Schweiz, bildliche und später schriftliche Dokumente, historische Musikinstrumente und Manuskripte bezeugen eine alte musikalische Volkskultur. Sie hat sich durch Aussenpolitik und -handel, durch initiative Einzelinterpreten, aber auch durch den Tourismus sowie durch die Technisierung unseres Alltags stetsfort verändert und damit ihre Lebendigkeit bewiesen. Die Volksmusik wird in der Schweiz immer noch oral, häufig schriftlich und mittlerweile meistens medial über Tonträger oder durch Radio, Fernsehen und mittels Internet tradiert, aber sie ist einstweilen noch nicht wie in Deutschland und Österreich verschult und gilt als interessante und mittlerweile auch geschätzte kulturelle Äusserung. Im Unterschied zu Institutionen wie das Österreichische Volksliedwerk, das mit professionell besetzten Aussenstellen in jedem Bundesland die Volksmusik systematisch inventarisiert, mit praktischen Editionen, Kursen und Wettbewerben fördert und in akademischen Forschungsinstituten wissenschaftlich bearbeitet, gibt es in der Schweiz ausser dem Schweizerischen Volkliedarchiv in Basel, das bereits 1906 gegründet wurde, erst in neuerer Zeit volksmusikalische Archive und Zentren. Durch Einzelleistungen liegen aber zahlreiche regionale, kantonale und mittlerweile auch gesamtschweizerische Publikationen,1 Lieder- und Tanzsammlungen2 sowie Monographien zu volksmusikbezogenen Forschungsgebieten3 vor, die den Vergleich mit ähnlichen Leistungen ausländischer Institutionen durchaus erlauben. Während der Folkbewegung erwachte in den 1970er Jahren ein neues Interesse an alten Volksmusikinstrumenten, Tänzen und Liedern. Die Liedermacher erweiterten das traditionelle Liedgut in allen Landesteilen mit neuen, oft zu
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Einleitung
Volksliedern gewordenen Beiträgen. In der unübersichtlich gewordenen Volksmusikszene der Gegenwart wird in verschiedenen Stilen – experimentelle Alphorn- und Ensemblemusik, Mundartrock, Ethnojazz und Rap – auf die überlieferte Volksmusik zurückgegriffen. Die zehnbändige, 2002 erschienene, Anthologie der von Hanny Christen in allen Kantonen einstimmig notierten Volkstänze wird eifrig benutzt und beeinflusst das volkstümliche Musizieren. Neben all diesen aus der Überlieferung gewachsenen neuen Volksmusiken werden bisherige Praktiken nach wie vor gepflegt: Appenzeller Streichmusik, Jüüzli und Jodel, Ländlerkapelle, Bandella, accordéon jurassien, Pfeife und Trommel, häusliche Zitherübungen, das Stegreifspiel auf dem Schwyzerörgeli und die Wiegenlieder zahlloser Mütter. Ungezählte traditionelle oder experimentierfreudige Musikerinnen und Musiker, Spielleute, Brauchträger, Sängerinnen und Sänger schaffen zusammen die klingende Vielfalt der schweizerischen Volksmusik. Sie ist zu einer lebendigen Musikgattung und einer interessanten Äusserung der Schweizer Kultur geworden. Diese Publikation möchte das verbreitete Missverständnis korrigieren, die volkstümliche Unterhaltungsmusik sei identisch mit der traditionellen und experimentellen Volksmusik. Zudem sollen die Elemente der gesamt- und nicht nur der deutschschweizerischen Volksmusik als Teil der alpenländischen Musiktradition dargestellt werden. Erstmals lassen sich die ältesten Spuren einer volksmusikalischen Kultur im Gebiet der heutigen Schweiz und eine althergebrachte Musiktradition im Spannungsfeld der Sprachen und Konfessionen, zwischen Berg und Tal, Stadt und Land, unter steten Einflüssen aus dem Ausland aufdecken.
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Anmerkungen
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Anmerkungen 1 Max Peter Baumann: Bibliographie zur ethnomusikologischen Literatur der Schweiz. Amadeus, Winterthur 1981; Hanns In der Gand: «Volkstümliche Musikinstrumente in der Schweiz. Ein Beitrag zu ihrer Kenntnis». In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 36 (1937), S. 73–120; Brigitte Bachmann-Geiser: Die Volksmusikinstrumente der Schweiz. Handbuch der europäischen Volksmusikinstrumente. Serie I, Bd. 4. Hg. von Ernst Emsheimer und Erich Stockmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig / Atlantis, Zürich 1981; Walter Biber: Von der Blasmusik zum Blasorchester: Geschichte der Militärmusik und Blasmusik in der Schweiz. Maihof Verlag, Luzern 1996; Dieter Ringli: Schweizer Volksmusik von den Anfängen um 1800 bis zur Gegenwart. Mülirad-Verlag, Altdorf 22017 [2006]; ders. und Johannes Rühl: Die Neue Schweizer Volksmusik. Siebzehn Porträts und eine Spurensuche in der Schweiz. Chronos, Zürich 2015; Ernst Roth: Lexikon der Schweizer Volksmusikanten. AT-Verlag, Aarau 1987; Alfred Tobler: Kühreihen oder Kühreigen, Jodel und Jodellied in Appenzell. Hug, Leipzig und Zürich 1890; Johann Manser: Heemetklang us Innerrhode. Genossenschaftliche Buchdruckerei Appenzell 21980 [1979]; Georg Duthaler: Trommeln und Pfeifen in Basel. Christoph Merian Verlag, Basel 1985; Hanns In der Gand: «Pfeiferweisen aus dem Eifischtal. Val d’Anniviers». In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 31 (1936), S. 1–32; Margaret Engeler: Das Beziehungsfeld zwischen Volksmusik, Volksmusiker und Volksmusikpflege am Beispiel der Appenzeller Streichmusik. Verlag Schläpfer und Co. AG, Herisau und Trogen 1984; Amadé Salzmann: Das Hackbrett im Wallis. Instrumentenbau und Spielanleitung. Rotten-Verlag Visp 1989; Adelheid Baumgartner: Glarner Zither. Ortsgeschichtverein Engi, Engi 2014; Marcel Renggli: Die Krienser Halszither. Die Halszither in der Schweiz. Bd. 2. Mülirad-Verlag, Altdorf 2007; Alois Senti: Der Sarganserländer Alpsegen. Sarganserländer Verlag, Mels 1994; Marc Vernet: Les carillons du Valais. Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde. Basel 1965; Lorenz Mühlemann: Die Zither. Ein Instrument der Volks-, Kunst-und Hausmusik. Schweizer Zither-Kulturzentrum. Katalog der Sammlung. Hg. vom Museum für Musikautomaten Seewen, Bundesamt für Kultur 2014. 2 Alfred Tobler: Das Volkslied im Appenzellerland, nach mündlicher Überlieferung ges. von Alfred Tobler. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Zürich 1903; Alfred Leonz Gassmann: Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, aus dem Volksmunde gesammelt und hg. von Alfred Leonz Gassmann. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Basel 1906 (Schriften der schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde. Bd. 4); Otto von Greyerz (Hg.): Im Röseligarte. Schweizerische Volkslieder. Bd. 1–6, Francke, Bern 21976 [1908–1926]; Ausgabe in einem Band mit einem Vorwort von Brigitte Bachmann-Geiser. Zytglogge, Oberhofen a. Th. 22013 [2008]; Alfred Leonz Gassmann: Was unsere Väter sangen: Volkslieder und Volksmusik vom Vierwaldstättersee, aus der Urschweiz und aus dem Entlebuch / nach dem Volksmund in Wort und Weise aufgezeichnet von Alfred Leonz Gassmann. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Basel 1961 (Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde. Bd. 42); Urs Hostettler: Anderi Lieder: von den geringen Leuten, ihren Legenden und
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Einleitung
Träumen, ihrer Not und ihren Aufständen. Zytglogge, Gümligen 1979; Ex libris, Zürich 2 1980; Zytglogge, Gümligen 31992; Brigitte Bachmann-Geiser (Hg.): Kühreihen und Volkslieder. Ranz des vaches et chansons nationales de la Suisse. Reprint nach der vierten, vermehrten und verbesserten Auflage der Sammlung von Schweizer=Kühreihen und Volksliedern. J. J. Burgdorfer, Bern 1826. Mit einem Kommentar von Brigitte Bachmann-Geiser. Atlantis, Zürich 1979; Max Peter Baumann (Hg.): Hausbuch der Schweizer Volkslieder. Büchler, Wabern 1980; Ex libris Zürich 21982; Joe Manser und Urs Klauser (Hg.): «Mit was freuden soll man singen». Liederbüchlein der Maria Josepha Barbara Brogerin 1730. Hg. vom Appenzeller Volksfreund, Appenzell 1996; Alfred Leonz Gassmann: S’Alphornbüechli. Blast mir das Alphorn noch einmal: was der Alphorner von seinem Naturinstrument wissen muss. Hug, Zürich und Leipzig 1938; Schweizer Volksmusik-Sammlung. Die Tanzmusik der Schweiz des 19. und der ersten Hälfte 20. Jahrhunderts. Aus dem Nachlass von Hanny Christen. Hg. von Fabian Müller unter dem Patronat der Gesellschaft für die Volksmusik in der Schweiz (GVS/SMPS). 10 Bde., Mülirad, Zürich 2002; Iso Albin et al. (Hg.): Die Sammlung Maissen. Ein Querschnitt durch das rätoromanische Volksliedgut. Mit Beiträgen von Christian Collenberg, Karoline Oehme Jüngling und Dieter Ringli. Somedia Buchverlag, Glarus / Chur 2014. 3 Max Peter Baumann: Musikfolklore und Musikfolklorismus. Eine ethnomusikologische Untersuchung zum Funktionswandel des Jodels. Amadeus, Winterthur 1976; ders.; Art. «Kühreihen». In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2., neu bearbeitete Ausgabe. Hg. von Ludwig Finscher. Sachteil, Bd. 5. Bärenreiter und Metzler, Kassel u. a. 1996, Sp. 810–817; ders.; Art. «Jodeln». In: ebd., Sachteil, Bd. 4. Bärenreiter und Metzler, Kassel u. a. 1996, Sp. 1488–1504; Ernst Roth: Schwyzerörgeli. Eine Kulturgeschichte und Instrumentenkunde. AT-Verlag, Aarau 1993; Brigitte Bachmann-Geiser: Das Alphorn. Vom Lock- zum Rockinstrument. Haupt, Bern 1999; Samuel Mumenthaler: 50 Jahre Berner Rock. Zytglogge, Oberhofen 2009; Albert Schmid und Brigitte Geiser: Chlefeli. Instrumente der Schwyzer Schulkinder zur Fastenzeit. Kulturkommission Schwyz 21984 [1973] (Schwyzer Hefte. Nr. 1); Robert Schwaller: Treicheln Schellen Glocken. Sonnailles et Cloches. Eigenverlag Schmitten 1996; Marcus Seeberger: «Dreikönigssingen in Kippel». In: Thalmann (Hg.): Das Jahr der Schweiz in Fest und Brauch, S. 72–73; Wolfgang Sichardt: Der alpenländische Jodler und der Ursprung des Jodelns. Hahnefeld, Berlin 1939 (Schriften zur Volksliedkunde und volkskundlichen Musikwissenschaft. Bd. 2); Heinrich Szadrowsky: «Die Musik und die tonerzeugenden Instrumente der Alpenbewohner». In: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub 4 (1867), H. 68, S. 275–352; Tonisepp Wyss-Meier: Der Betruf im deutschsprachigen und rätoromanischen Raum. Sammlung von Texten und Erläuterungen. Verlag Appenzeller Volksfreund, Appenzell 2007.
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Historische Zeugnisse
«Das Volk daselbst [bei Baden im Kanton Aargau] kann durchweg gut singen; bis zu den gemeinen Leuten herab singen sie kunstgemäss dreistimmig wie geübte Künstler.» (Pero Tafur, 1438)1
Archäologische Funde Als uralte Dokumente einer frühen Musikkultur im Gebiet der heutigen Schweiz stehen frühgeschichtliche Klanggeräte – Rasseln, Schellen, Maultrommeln, Schwirren – und Melodieinstrumente – Knochenflöten, Gefässpfeifen aus Ton, eine Panflöte und ein gekrümmtes Holzhorn – aus archäologischen Grabungen zur Verfügung.
Rasseln aus Mörigen am Bielersee (Kanton Bern). Um 1000 v. Chr.
Abb. 2:
Quelle: Bernisches Historisches Museum, Inv. 7412, 7413, 7414, 7419 (Foto: Stefan Rebsamen)
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Historische Zeugnisse
Im Bernischen Historischen Museum werden vier vorchristliche individuell verzierte Gefässrasseln aus Keramik – drei in Kugel- und eine in Entenform – aufbewahrt, die mit unterschiedlich grossen Kernen gefüllt sind. Deren Reibung an der irdenen Innenwand tönt bei jedem Objekt etwas anders. Diese Rasseln wurden in der Ufersiedlung Mörigen am Bielersee (Kanton Bern) gefunden und ins 1. Jahrtausend v. Chr. datiert. Ihre Funktion könnte kultisch gewesen sein. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Klanggeräten mit einem Durchmesser von bloss 5 cm aber um Kinder- und somit um Volksmusikinstrumente.2 Die vielen kleinen Schellen aus Burgengrabungen waren wohl weniger Musikund Lärminstrumente als viel mehr Gebrauchsobjekte. Grössere Schellen aus der bäuerlichen Viehhaltung des Hochmittelalters sind aus den Kantonen Aargau, Bern, Glarus, Graubünden und Schwyz bekannt.3 Ins 1. bis 4. Jahrhundert kann eine 11 cm hohe Schelle aus Eisenblech datiert werden, die auf der Engehalbinsel bei Bern gefunden wurde und die mit Klöppel und Henkel einer heutigen Weidschelle verblüffend ähnlich ist.4 Aus dem 12. bis 15. Jahrhundert häufen sich Maultrommelfunde. Allein im Wasserschoss Hallwil (Kanton Aargau) sind 85 Exemplare geborgen worden.5 Neben Funden in ehemaligen Adelssitzen liegen fünf Maultrommelfragmente, Eisenrahmen ohne die rechtwinklig abstehenden Stahlzungen, aus bäuerlichen Siedlungen vor, so aus Schiers und Medel/St. Maria (Kanton Graubünden), aus
Abb. 3:
Schelle, Engehalbinsel Bern. 1.–4. Jahrhundert.
Quelle: Bernisches Historisches Museum, Inv. 28020 (Foto: Stefan Rebsamen)
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