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Akademische Festkulturen vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N D E R G E S E LL S C H A F T F Ü R U N I V E R S I TÄT S U N D W I S S E N S C H AFT S G E S C H I C HTE ( G U W )

Für die Zeit vom Mittelalter bis zur Gegenwart und für Europa und Nordamerika werden in 16 Beiträgen renommierter Autorinnen und Autoren unterschiedliche Facetten der universitären Festkultur und der Inszenierung von feierlichen Anlässen untersucht: Jubiläumsfeiern wie religiöse Zeremonien, Graduierungsfeste und Memorialfeiern oder Depositionsakte und schließlich Festlichkeiten aus Anlass politischer Stellungnahmen. Neben den institutionellen, organisatorischen und rechtlichen Belangen werden theatralische und musikalische Aufführungspraktiken sowie materielle Relikte der Festkulturen behandelt. Der Band enthält Beiträge von Joachim Bauer, Heike Bungert, Ulrike Denk, Pieter Dhondt, Markus Drüding, Marian Füssel, Matthias Hensel, Richard Kirwan, Renate Kohn, Harald Lönnecker, Winfried Müller, Meta Niederkorn-Bruck, Karl Ubl, Wolfgang Eric Wagner, Marija Wakounig und Susana Zapke. DIE HERAUSGEBER Martin Kintzinger, Professor für Mittelalterliche Geschichte / Westeuropäische Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Wolfgang Eric Wagner, Professor für Geschichte des frühen und späten Mittelalters / Historische Hilfswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Marian Füssel, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit / Wissenschaftsgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen

AKADEMISCHE FESTKULTUREN

AKADEMISCHE FESTKULTUREN VOM MITTELALTER BIS ZUR GEGENWART

AKADEMISCHE FESTKULTUREN VOM MITTELALTER BIS ZUR GEGENWART Zwischen Inaugurationsfeier und Fachschaftsparty

Herausgegeben von Martin Kintzinger, Wolfgang Eric Wagner und Marian Füssel unter Mitarbeit von Stefan Hynek

www.schwabeverlag.ch

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VERÖFFENTLICHUNGEN DER GESELLSCHAFT FÜR UNIVERSITÄTSUND WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

In Verbindung mit Rüdiger vom Bruch (†), Notker Hammerstein, Walter Höflechner und Martin Kintzinger Herausgegeben von Rainer Christoph Schwinges Band 15


Akademische Festkulturen vom Mittelalter bis zur Gegenwart Zwischen Inaugurationsfeier und Fachschaftsparty

Herausgegeben von Martin Kintzinger, Wolfgang Eric Wagner und Marian FĂźssel unter Mitarbeit von Stefan Hynek

Schwabe Verlag


Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Georg-August-Universität Göttingen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen ­Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder e­ lektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Eröffnungsfestakt des 650. Jubiläumsjahres der Universität Wien am 12. März 2015, Foto: Matthias Cremer Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: Stefan Hynek, Münster Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3823-0 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3884-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhaltsverzeichnis Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII Marian Füssel Universität und Festkultur. Praktiken – Räume – Medien . . . . . . . . . . . . . . . .

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Wolfgang Eric Wagner Die Erfindung des Universitätsjubiläums im späten Mittelalter . . . . . . . . . .

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Markus Drüding Warum feiern Universitäten Geschichte? Funktionen und Formen deutscher Universitätsjubiläen im späten 19. und 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . 55 Joachim Bauer Zivilisierung und Politisierung? Zwischen Friedensfest und Reformationsjubiläum. Jenaer Studenten auf dem Weg zum Wartburgfest . . . . . . . . .

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Renate Kohn St. Stephan als Bühne für festliche Zeremonien der Universität Wien . . .

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Ulrike Denk Von der Unordnung zur Ordnung. Akademische Deposition zwischen studentischem Initiationsritual und solennem Universitätsakt am Beispiel von Wiener Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Heike Bungert An Agreeable Mixture of Festivity with Solemnity: Graduierungsfeierlichkeiten (Commencements) an US-amerikanischen Hochschulen . . . . . 143 Richard Kirwan Ephemeral No More: University Festival, Print and the Pull of Posterity 179 Matthias Hensel Bacchanalien und Mummenlauffen – Studentische Fastnacht in der frühneuzeitlichen Universitätsstadt Jena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Marija Wakounig Zwischen Antiquiertheit und Zeitlosigkeit. Zur Rolle des Talars an der Universität Wien im 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217


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Inhaltsverzeichnis

Susana Zapke Musik, Prozession, Ritus. Performative Formen universitärer Festkultur in Wien nach 1365. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Pieter Dhondt University Celebrations to Music. Songs and Cantatas as a Particular Historical Source in a Nineteenth-Century Nordic Context . . . . . . . . . . . . . . 241 Harald Lönnecker „. . . die besten Studentenchöre der Welt?!“ – Facetten der Universitätsmusik an deutschsprachigen Hochschulen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ca. 1820–1935 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Meta Niederkorn-Bruck Außenwirkung durch Memoria societatis universitatis. Sterben, Tod und Memoria an der spätmittelalterlichen Universität Wien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 Winfried Müller Personale Jubiläums- und Ehrungskultur in der Universität. . . . . . . . . . . . . . 355

Zur Gründung der Universität Wien aus Anlass ihres Jubiläums 2015 Karl Ubl Die Universität als utopischer Ort. Herzog Rudolf IV. und die Gründungsurkunde von 1365 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371

Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401


Vorwort Im Zusammenhang mit den 650-Jahr-Feiern an der Universität Wien fand vom 9. bis 11. September 2015 die Tagung der Gesellschaft für Universitätsund Wissenschaftsgeschichte im Universitätsarchiv in Wien statt. Über das, wie stets, diachron übergreifend vom Mittelalter bis zur Gegenwart behandelte Thema der akademischen und universitären Festkulturen fügte sich das Programm der Tagung in die anderen Veranstaltungen aus Anlass des Universitätsjubiläums ein. Unsere Gesellschaft ist den Verantwortlichen der Universität Wien, dem Präsidium und dem Dekanat sowie insbesondere dem Archiv, für die gewährte Gastfreundschaft, die freundliche Aufnahme und die konstruktive Zusammenarbeit dankbar. Der eindrucksvolle institutionelle wie bauliche Rahmen, den die Universität Wien der Tagung bot, prägt die Erinnerung an die Veranstaltung maßgeblich mit. Für die Organisation der Exkursion zum Stift Melk und eine dortige instruktive Einführung in die Bibliotheksbestände unter dem Thema „Wissenstransfer und Kloster“ gilt Prof. Dr. Meta Niederkorn besonderer Dank. Nachdem 2013 auf der Tagung an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel das Thema der Universitätsreformen und in der Tagung 2017 im Universitätsarchiv in Heidelberg die Politisierung der Universität behandelt worden sind, wird 2019 in Rostock über die wechselseitige Beziehung von Intellektuellen und Universität gesprochen werden. Der Wolfenbütteler Band ist 2018 erschienen. Mit der Wiener Tagung und dem vorliegenden Band zum Thema der Festkulturen wird ein vielfach übersehenes und bis heute sehr unterschiedlich gehandhabtes „Erbe“ der abendländischen Universitätsgeschichte aufgenommen und im europäischen wie interkontinentalen Vergleich untersucht. Angesichts der besonderen, feierlichen Umstände der Veranstaltung in Wien freuen sich die Herausgeber, dass für den vorliegenden Band neben Vortragenden aus Deutschland, Irland und Finnland insbesondere auch Referent/innen von der Universität Wien zur Mitwirkung bereit waren. Ihre insgesamt 17 Beiträge sind im vorliegenden Band aufgenommen. Mit dem Beitrag von Karl Ubl, der als Festvortrag gehalten worden ist, wird die bedeutende Geschichte der Universität Wien besonders gewürdigt. Für ihre Mitwirkung durch Begrüßungsansprachen an der feierlichen Eröffnung der Tagung ist die Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte der Vizerektorin der Universität Wien, Prof. Dr. Christa Schnabl, dem Vizedekan der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Peter


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Vorwort

Eigner, dem Sprecher des Fakultätsschwerpunktes Wissenschaftsgeschichte, Prof. Dr. Mitchell Ash, sowie der Repräsentantin des Instituts für Osteuropäische Geschichte, Prof. Dr. Marija Wakounig, dankbar verbunden. Für den großzügigen Empfang im Rahmen der Eröffnung ist dem Rektorat, für die Empfänge im Rahmen der Tagung dem Universitätsarchiv zu danken. Die langjährige konstruktive Zusammenarbeit der Gesellschaft mit dem Universitätsarchiv Wien und seinen Leitern, HR Dr. Kurt Mühberger und HR Dr. Kurt Maisel, hat sich in der besonderen Gastfreundschaft des Archivs ausgedrückt, in dessen bemerkenswerten Räumlichkeiten die Tagung stattfinden konnte. Für weitere finanzielle Unterstützung ist die Gesellschaft Prof. Dr. Mitchell Ash (Fakultätsschwerpunkt Wissenschaftsgeschichte, Wissenskulturen, Wissensgesellschaften der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien) sowie Prof. Dr. Marija Wakounig (Austrian and Central European Center Vienna/Österreich und Ostmitteleuropa Zentrum Wien am Institut für Osteuropäische Geschichte, gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung) zu Dank verpflichtet. Die Veranstaltung wurde großzügig gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Druck des Tagungsbandes durch die Georg-AugustUniversität Göttingen. Für die angenehme Zusammenarbeit danken die Herausgeber des Bandes dem Schwabe Verlag (Basel/Berlin), insbesondere Frau Iris Becher. Münster, im August 2018

Marian Füssel, Martin Kintzinger, Wolfgang Eric Wagner


Universität und Festkultur Praktiken – Räume – Medien Marian Füssel

Die Frage nach der Geschichte akademischer Festkulturen führt zum Kern dessen, was eine Universität ausmachte und wie sich ihre Mitglieder selbst sahen und von ihrer sozialen Umwelt gesehen werden wollten. Sie führt gleichzeitig ins Zentrum der Geschichte jeder einzelnen Universität, die ihre Existenz meist dem feierlich begangenen Gründungsakt ihrer Inauguration verdankt. Akademische Feste waren und sind Momente, in denen sich die Institution Universität ihrer Geschichtlichkeit und Tradition bewusstmacht, sei es in stolzer Selbstvergewisserung, sei es in kritischer Distanzierung.1 Ein Rückblick auf eine viele Jahrhunderte umspannende Geschichte der universitären Festkulturen zeigt jedoch nicht nur soziale und kulturelle Reproduktion und Stabilität, sondern auch den Wandel von Repräsentationen, Begriffen und Praktiken auf. Bereits die erste grundlegende historiographische Auseinandersetzung mit dem Thema akademischer Festkultur verdankt sich selbst einem akademischen Festakt. Als die Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde 1972 in der Aula der alten Universität Würzburg ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte, hielt Laetitia Boehm einen Vortrag zur Geschichte des „‚actus publicus‘ im akademischen Leben“.2 Der daraus entstandene Aufsatz sollte für mehrere Jahrzehnte fast die einzige allgemeinere deutschsprachige Forschungsreferenz zur Thematik bleiben. Zwar erschienen einzelne Lokalstudien zu diversen Aspekten der universitären Festkultur, doch kaum systematischere oder theoriegeleitete Arbeiten.3 Noch 1999 konnte Mathias Kotowski zu Recht urteilen, dass das 1

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Vgl. exemplarisch Joachim Bauer, Universitätsgeschichte und Mythos. Erinnerung, Selbstvergewisserung und Selbstverständnis Jenaer Akademiker 1548–1858 (Pallas Athene 41), Stuttgart 2012. Laetitia Boehm, Der „actus publicus“ im akademischen Leben. Historische Streiflichter zum Selbstverständnis und zur gesellschaftlichen Kommunikation der Universitäten [zuerst 1972], in: Geschichtsdenken, Bildungsgeschichte, Wissenschaftsorganisation. Ausgewählte Aufsätze von Laetitia Boehm anlässlich ihres 65. Geburtstags, hg. von Gert Melville, Rainer A. Müller und Winfried Müller, Berlin 1996, S. 675–693. Helge Zoitl, Akademische Festkultur, in: Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen 1918 und 1938, hg. von Franz Kadrnoska, Wien u. a. 1981, S. 167–204;


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Marian Füssel

Thema „Festkultur“ „in der gesamten universitätshistorischen Literatur bisher so gut wie keine Rolle spielt“.4 Erst mit der allgemeinen historiographischen Konjunktur der Ritual-, Zeremoniell- und Festforschung zu Beginn der 2000er Jahre5 änderte sich die Situation allmählich, so dass wir mittlerweile auf eine breitere Basis an empirischen Arbeiten aufbauen können.6 Nicht von ungefähr fiel diese Konjunktur der Forschung auch in eine Zeit, in der die Festpraktiken an viele Hochschulen einerseits zurückkehrten, andererseits als „erfundene Traditionen“ neu erschaffen wurden.7

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Hans Wilhelm Eckhardt, Akademische Feiern als Selbstdarstellung der Hamburger Universität im „Dritten Reich“, in: Hochschulalltag im Dritten Reich. Die Hamburger Universität 1933–1945, hg. von Eckart Krause, Ludwig Huber und Holger Fischer, 3 Teile, Berlin 1991, S. 179–200; Werner K. Blessing, Repräsentation als akademischer Akt. Zu den Feiern der Friedrich-Alexander-Universität, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 54 (1994), S. 299–320; Helga Robinson-Hammerstein, Commencement Ceremonies and the Public Profile of a University: Trinity College Dublin, the First One Hundred Years, in: Università in Europa. Le istituzioni universitarie dal Medio Evo ai nostri giorni. Strutture, organizzazione, funzionamento. Atti del Convegno Internazionale di Studi, Milazzo, 28 Septembre–2 Ottobre 1993, hg. von Andrea Romano, Soveria Manelli 1995, S. 239–255. Mathias Kotowski, Die öffentliche Universität. Veranstaltungskultur der Eberhard-KarlsUniversität Tübingen in der Weimarer Republik (Contubernium 49), Stuttgart 1999, S. 14. Vgl. als Überblicke Barbara Stollberg-Rilinger, Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Begriffe – Forschungsperspektiven – Thesen, in: Zeitschrift für Historische Forschung 31 (2004), S. 489–527; Dies., Rituale. Vom vormodernen Europa bis zur Gegenwart (Campus Historische Einführungen 16), Frankfurt a. M. u. a. 2013. Marian Füssel, Akademische Solennitäten. Universitäre Festkulturen der Frühen Neuzeit im Vergleich, in: Festkulturen im Vergleich. Inszenierungen des Religiösen und Politischen, hg. von Michael Maurer, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 43–60; Ders., Die inszenierte Universität. Ritual und Zeremoniell als Gegenstand der frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 9 (2006), S. 19–33; Sylvia Paletschek, Festkultur und Selbstinszenierung deutscher Universitäten, in: Mittendrin. Eine Universität macht Geschichte. Eine Ausstellung anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Humboldt-Universität, hg. von Ilka Thom und Kirsten Weinig, Berlin 2010, S. 88–95; Ulrich Gottfried Leinsle, Inszenierte Universität. Akademische Festkultur in der Frühen Neuzeit, in: Blick in die Wissenschaft 18 (2006), S. 20–29; Kathleen Manning, Rituals, ceremonies, and cultural meaning in higher education, Westport, Conn. 2000. Vgl. Margaretha Schweiger-Wilhelm, Willkommen und Abschied. Eine empirische Studie über Leitbilder einer neuen akademischen Festkultur an der Reformuniversität, Phil. Diss., Augsburg 2010 online unter <https://opus.bibliothek.uni-augsburg. de/opus4/files/1473/Dissertation_MSW.pdf> (25. 9. 2016); Falk Brettschneider und Peer Pasternack (Hg.), Akademische Rituale. Symbolische Praxis an Hochschulen, Leipzig 1999. Zu den „invented traditions“ vgl. Eric Hobsbawm, Das Erfinden von Traditionen, in: Kultur & Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung, hg. von Christoph Conrad und Martina Kessel, Stuttgart 1998, S. 97–118.


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Intensiv erforscht sind vor allem Inaugurations- und Gründungsfeierlichkeiten8 , Jubiläen9 und Graduierungsrituale10 . Weniger Berücksichtigung fan8

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Remmet van Luttervelt, De optocht ter gelegenheid van de inwijding der Leidsche Universiteit, in: Jaarboekje voor geschiedenis en oudheidkunde van Leiden en omstreken 50 (1958), S. 87–104; Frank Rexroth, Wie sozialisiert man eine Hochschule? Die Eröffnungsfeiern der mittelalterlichen deutschen Universitäten und die Gründung der Erfurter Universität (28. April 1392), in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 21 (1998), S. 19–33; Jan Könighaus, Die Inauguration der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 1665. Symbolgehalt und rechtliche Bedeutung des Universitätszeremoniells, Frankfurt a. M. u. a. 2002; Marian Füssel, Universität und Öffentlichkeit. Die Inaugurationsfeierlichkeiten der Universität Halle 1694, in: Vergnügen und Inszenierung. Stationen städtischer Festkultur in Halle, hg. von Werner Freitag und Katrin Minner, Halle 2004, S. 59–78; Ders., Actus publicus academicus. Die Inaugurationsfeierlichkeiten der Universität Göttingen 1737, in: Tradition – Autonomie – Innovation. Göttinger Debatten zu universitären Standortbestimmungen, hg. von Gerd Lüer und Horst Kern, Göttingen 2013, S. 38–62; Richard Kirwan, Empowerment and Representation at the University in Early Modern Germany. Helmstedt and Würzburg 1576–1634, Wiesbaden 2009; Jonathan Davies, Culture and power. Tuscany and its universities 1537–1609, Leiden u. a. 2009, S. 141–156. Konzeptionell grundlegend sind Winfried Müller, Erinnern an die Gründung. Universitätsjubiläen, Universitätsgeschichte und die Entstehung der Jubiläumskultur in der frühen Neuzeit, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 21 (1998), S. 79–102 sowie Wolfgang Flügel und Stefan Dornheim, Die Universität als Jubiläumsmultiplikator in der Frühen Neuzeit. Akademiker und die Ausbreitung des historischen Jubiläums, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 9 (2006), S. 51–70. Aus den zahlreichen Einzelstudien vgl. in Auswahl Anton Ernstberger, Die feierliche Eröffnung der Universität Altdorf, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 11/12 (1953), S. 109–122; Rudolf Kleinert, Die Universität Helmstedt. Gründungsakt, Säkularfeste und Gedächtnisfeiern (1576–1976). Theologischer Gehalt, Helmstedt 1984; Werner Conze, Die Selbstdarstellung von Universitäten in Zentenarfeiern: Heidelberg im Vergleich, in: Die Geschichte der Universität Heidelberg (Vorträge im Wintersemester 1985/86), Heidelberg 1986, S. 90–109; Sabine Bock, Die künstlerische Gestaltung der Heidelberger Universitätsjubiläen (Veröffentlichungen zur Heidelberger Altstadt 28), Heidelberg 1993; Sebastian Kusche, „Erinnerung“ im Spannungsfeld von Mythologisierung und akademischer Festkultur. Die Zweihundertjahrfeier der Universität Leipzig 1609, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 74/75 (2003/2004), S. 99–131; Jens Blecher und Gerald Wiemers (Hg.), Universitäten und Jubiläen. Vom Nutzen historischer Archive (Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Leipzig 4), Leipzig 2004; Carsten Lind, Mit Pauken und Trompeten – Die Giessener Universitätsjubiläen im 18. und 20. Jahrhundert, in: Universalität in der Provinz – die vormoderne Landesuniversität zwischen korporativer Autonomie, staatlicher Abhängigkeit und gelehrten Lebenswelten, hg. von Horst Carl und Friedrich Lenger, Darmstadt 2009, S. 309–319; Markus Drüding, Akademische Jubelfeiern. Eine geschichtskulturelle Analyse der Universitätsjubiläen in Göttingen, Leipzig, Münster und Rostock (1919–1969), Berlin u. a. 2014; Pieter Dhondt (Hg.), University jubilees and university history writing: a challenging relationship (Scientific and learned cultures and their institutions 13), Leiden 2015. Marian Füssel, Ritus Promotionis. Zeremoniell und Ritual akademischer Graduierungen in der frühen Neuzeit, in: Examen, Titel, Promotionen. Akademisches und staatli-


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den eher okkasionelle Festlichkeiten bis hin zur „Fachschafts-Party“.11 Im Folgenden werde ich mich nicht der dichten Beschreibung eines einzelnen Festes oder eines Festtypus widmen, sondern einige systematische Überlegungen entlang der Leitbegriffe Praktiken (1.), Räume (2.) und Medien (3.) anstellen.

1. Praktiken Universitäre Feste als „Praktiken“ zu thematisieren, ist nicht in erster Linie einer momentanen Konjunktur des Begriffes geschuldet, sondern bietet einen wesentlichen heuristischen Schlüssel zum Verständnis der Dynamiken von Kontinuität und Wandel.12 Praktiken verstanden als „situierter Vollzug von Sprechakten und Handlungen im Zusammenspiel von Dingen und körperlichen Routinen von Akteuren“ reproduzieren soziale Strukturen, verändern sie aber auch beständig.13 Betrachtet man etwa das Absingen einer Hymne als kulturelle Praktik, so erfüllt dies jeweils nach Aufführungskontext und Vollzugswirklichkeit ganz unterschiedliche Funktionen und Wirkungen. Auch können einige Strophen des Textes entfallen oder gar der ganze Text bei Beibehaltung der Melodie ausgetauscht werden. Die Hymne kann kollektiv gesungen, einzeln vorgetragen oder auch nur instrumental gespielt werden, sie kann live aufgeführt oder technisch reproduziert werden. Ähnlichen Dynamiken sind auch akademische Praxisformationen, also Bündel diverser Praktiken

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ches Qualifikationswesen vom 13. bis zum 21. Jahrhundert, hg. von Rainer Christoph Schwinges (VGUW 7), Basel 2007, S. 411–450; Reinildis van Ditzhuyzen, Selbstdarstellung der Universität. Feiern und Zeremoniell am Beispiel der Doktorpromotionen, in: Universität im öffentlichen Raum, hg. von Rainer Christoph Schwinges (VGUW 10), Basel 2008, S. 45–75. Vgl. allerdings zum Thema akademischer Geselligkeit die Sammelbände von Kirsten Bernhardt, Barbara Krug-Richter und Ruth-Elisabeth Mohrmann (Hg.), Gastlichkeit und Geselligkeit im akademischen Milieu in der Frühen Neuzeit, Münster 2013; Matthias Asche und Dietmar Klenke (Hg.), Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Köln/Weimar/Wien 2016. Vgl. als Überblick Marian Füssel, Praktiken historisieren. Geschichtswissenschaft und Praxistheorie im Dialog, in: Methoden einer Soziologie der Praxis, hg. von Anna Daniel, Frank Hillebrandt und Franka Schäfer, Bielefeld 2015, S. 267–287. Aus der jüngeren soziologischen Diskussion vgl. Robert Schmidt, Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen, Berlin 2012; Frank Hillebrandt, Soziologische Praxistheorien. Eine Einführung, Wiesbaden 2014. Marian Füssel, Praxeologische Perspektiven in der Frühneuzeitforschung, in: Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, hg. von Arndt Brendecke, Köln/Weimar/Wien 2015, S. 21–33, hier S. 26.


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ausgesetzt, wie etwa Promotionsfeiern, Rektoratswechsel oder Universitätsjubiläen.14 Erst die performative Auf- und Durchführung, ihr Vollzug, verleiht den Praktiken ihren sozialen Sinn, der niemals festgeschrieben ist, sondern selbst historischem Wandel unterliegt. Die Geschichte universitärer Festpraktiken ähnelt in vielem der Geschichte des christlichen Gottesdienstes, wenn in diesem nicht gar der Ursprung akademischer Festkultur gesehen werden kann.15 So waren die in der mittelalterlichen Schwureinung institutionalisierten privilegierten Personenverbände der akademischen Bürger zunächst auch Sakralgemeinschaften.16 Eine Funktion, die es stets mit zu bedenken gilt, wenn man die von diesen Feiern ausgehende „soziale Magie“ und „Charismatisierung“ historisieren will.17 An dieser Stelle ist die Analogie zur Geschichte des Gottesdienstes jedoch zunächst nur bezogen auf die Frage nach Persistenz und Wandel einer sozialen Praxis. Der Gottesdienst enthält rituelle und festliche Komponenten und sah sich über die Jahrhunderte nicht nur der konfessionellen Differenzierung ausgesetzt, sondern im gleichen Moment auch diversen Kodifikations- und Normierungsversuchen, Liturgiereformen etc.18 Die Sprache des Gottesdienstes unterlag diversen Wandlungen und ist auch heute noch Gegenstand der Auseinandersetzung. Die akademische Festkultur weist zu dieser Entwicklung

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Zum Begriff der „Praxisformation“ vgl. Hillebrandt, Soziologische Praxistheorien (Anm. 12), S. 59–61. Auch der allgemeine Terminus „Fest“ entstammt der christlichen Tradition, vgl. „Fest, Fest-Tag, Feyer-Tag, ist ein oder mehr Tage, an welchen man sich einer besonderen Wohltat Gottes erinnert, und von sonst gewöhnlichen weltlichen Geschäften ruhet, und Gott mit öffentlicher Wohltat dancket.“ Johann Heinrich Zedler, Großes vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste [. . .], Bd. 9, Halle/Leipzig 1734, Sp. 659–665, hier Sp. 659. Christian Wieland, Universitas als Sodalitas. Überlegungen zu einer Frömmigkeitsgeschichte der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Universität, in: Saeculum 47 (1996), S. 120–135. Zum Begriff der sozialen Magie vgl. Pierre Bourdieu, Einsetzungsriten, in: Ders., Was heisst sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tausches, Wien 1990, S. 84–93; zur Selbst-Charismatisierung vgl. Hans Georg Soeffner, Die Ordnung der Rituale. Die Auslegung des Alltags 2, Frankfurt a. M. 2 1995, S. 115 f.; zum Charisma im akademischen Feld vgl. ferner William Clark, Academic Charisma and the Origins of the Research University, Chicago 2006. Vgl. etwa zur Praxis des evangelischen Gottesdienstes jenseits normativer Quellen Irene Mildenberger und Wolfgang Ratzmann (Hg.), Der „wirkliche“ Gottesdienst. Historische Annäherungen, Leipzig 2009; zur katholischen Liturgie vgl. Friedrich Lurz, Erlebte Liturgie. Autobiografische Schriften als liturgiewissenschaftliche Quellen, Münster 2003, vgl. allg. auch Bernhard Lang, Heiliges Spiel. Eine Geschichte des christlichen Gottesdienstes, München 1998.


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zahlreiche strukturelle Homologien auf.19 So konnte etwa Jürgen Schiewe in einer sprachhistorischen Untersuchung der „Universität Freiburg zwischen Latein und Deutsch“ zeigen, dass in der „Sphäre der akademischen Repräsentation“ dem Lateinischen eine besondere Persistenz auch noch in Zeiten zukam, in denen es bereits weitgehend von der Volkssprache verdrängt worden war.20 Die Analogie zum Gottesdienst verweist ferner auf die notwendige terminologische Differenzierung innerhalb unterschiedlicher Praktiken symbolischer Kommunikation.21 Eine einheitliche Definition des „Festes“ ist trotz zahlreicher Theorieangebote nicht in Sicht. Einen begrifflichen Minimalkonsens hat Lars Deile vorgeschlagen, wenn er definiert: „Im Fest vergegenwärtigt sich eine Gemeinschaft lebensbejahend Bedeutung in besonderen äußeren Formen.“22 Das trifft auf akademische Feste und Feiern sicherlich zu, löst jedoch noch nicht die Gemengelage auf zu anderen analytischen Schlüsselbegriffen wie Ritual und Zeremoniell. Forschungspragmatisch kann der Begriff Festkultur einerseits als eine Art Dachbegriff verwendet, andererseits aber auch in Abgrenzung zum Alltag definiert werden.23 Akademische Festkultur wäre so verstanden eine Praxisformation, in der sich auch rituelle wie zeremonielle Praktiken wiederfinden. Zu einer gängigen Unterscheidung ist ferner die Differenzierung zwischen Fest und Feier geworden.24 Während die Feier das wertrationale, geplante und kontrollierte Ereignis bezeichnet, bietet das Fest einen offeneren Raum zur temporären Transgression von Ordnung. Aus dieser Warte wären 90 % der als „Feste“ behandelten universitären Akte korrekter als „Feiern“ zu bezeichnen. Rein begriffsgeschichtlich bleibt der 19

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Neben den strukturellen Homologien gibt es auch tatsächliche Mischformen wie etwa den Universitätsgottesdienst, vgl. dazu exemplarisch am Beispiel Göttingens Konrad Hammann, Universitätsgottesdienst und Aufklärungspredigt. Die Göttinger Universitätskirche im 18. Jahrhundert und ihr Ort in der Geschichte des Universitätsgottesdienstes im deutschen Protestantismus, Tübingen 2000. Jürgen Schiewe, Sprachenwandel – Funktionswandel – Austausch der Denkstile. Die Universität Freiburg zwischen Latein und Deutsch, Tübingen 1996, S. 240–243, hier S. 278. Marian Füssel, Fest – Symbol – Zeremoniell. Grundbegriffe zur Analyse höfischer Kultur in der Frühen Neuzeit, in: Soziale und ästhetische Praxis der höfischen (Fest-)Kultur im 16. und 17. Jahrhundert, hg. von Kirsten Dickhaut, Jörn Steigerwald und Birgit Wagner, Wiesbaden 2009, S. 31–53; Stollberg-Rilinger, Symbolische Kommunikation (Anm. 5). Lars Deile, Feste – eine Definition, in: Das Fest. Beiträge zu seiner Theorie und Systematik, hg. von Michael Maurer, Köln/Weimar/Wien 2004, S. 1–17, hier S. 12. Michael Maurer, Feste und Feiern als historischer Forschungsgegenstand in: Historische Zeitschrift 253 (1991), S. 101–130. Winfried Gebhardt, Fest, Feier und Alltag. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung, Frankfurt a. M. 1987.


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Befund allerdings ambivalent und legt eher einen historischen Verlauf vom Fest zur Feier nahe: Während beispielweise im 18. Jahrhundert oft vom „JubelFeste“ geschrieben wird, finden sich seit dem 19. Jahrhundert immer mehr „Säkular-Feiern“ in Bezug auf Jubiläen.25 Während der Vormoderne seien die Praktiken von Festen und Feiern jedoch vielfach noch in eins gefallen, erst mit der französischen Revolution habe sich eine Differenzierung von politischer Feier und Fest ergeben.26 Eine historische Weichenstellung, die gewiss nicht überbetont werden sollte, für den Politisierungsschub akademischer Feste und Feiern im 19. und 20. Jahrhundert jedoch nicht ohne Erklärungspotential ist. Rektoratswechsel, Semesterbeginn, kollektive und individuelle Jubiläen, also die Feier der Gesamtinstitution oder das Dienstjubiläum einer Einzelperson27 , konfessionelle Feste wie Reformationsfeiern28 , Fürstenbesuche29 ,

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Vgl. in Auswahl Johann Gottlieb Krause, Das Dritte Jubel-Fest Der Berühmten Universität Leipzig: Mit historischer Feder entworffen ; Nebst Darzu gehörigen Kupffern und andern merckwürdigen Dingen, welche in denen bißhero von diesem Jubilæo gedruckten Schrifften nicht zu befinden, Leipzig 1710; Bernhard Henrich Schröter, Rintelische Jubel-Woche, Oder Kurtze Ehren-Gedächtnis-Reden, Welche Kurtz vor und nach dem, am 17 Julii 1721 gefeyreten, ersten 100jährigen Fest der HochFürstl. Hessen Schaumb. Universität Rinteln Gehalten, [1722]; Albrecht Hallers Ode über das Einweihungs-Fest der Göttingischen hohen Schule den 17. Herbstmonats 1737, [S. l.] 1737. Gleichwohl finden sich auch im 18. Jahrhundert „Feyern“ vgl. Johann Lorenz von Mosheim, Beschreibung der grossen und denckwürdigen Feyer die bey Der Allerhöchsten Anwesenheit Des [. . .] Fürsten und Herren, Herren George des Andern, Königes von Grosbritannien, Frankreich und Irrland [. . .] auf Deroselben Georg Augustus hohen Schule in der Stadt Göttingen Im Jahr 1748. am ersten Tage des Augustmonates begangen ward, Göttingen 1749. Wie beide Begriffe im 19. Jahrhundert verbunden werden konnten, zeigen etwa Karl Bartsch, Rvperto Carola. Illustrirte Fest-Chronik der V. Säcular-Feier der Univ. Heidelberg, Heidelberg 1886 oder Hermann Varnhagen, Fest-Zeitung zur Jubelfeier der Universität Erlangen 1743–1893, Erlangen 1893. Hier fungiert das Fest eher als Unterkategorie zur Feier; vgl. auch die Nachweise in Anm. 31. Gebhardt, Fest (Anm. 24), S. 155–159; Maurer, Forschungsgegenstand (Anm. 23), S. 104; Die grundlegende Arbeit zu den Festen der Revolution und gleichzeitig Beginn der modernen kulturhistorischen Festforschung stammt von Mona Ozouf, La fête révolutionnaire 1789–1799, Paris 1976. Elizabeth Harding, Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstedt, Wiesbaden 2014, S. 286–293. Friedrich Loofs, Die Jahrhundertfeiern der Reformation an den Universitäten Wittenberg und Halle 1617, 1717 und 1817, in: Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte der Provinz Sachsen 14 (1917), S. 1–80; Harm Cordes, Hilaria evangelica academica. Das Reformationsjubiläum von 1717 an den deutschen lutherischen Universitäten, Göttingen 2006. Steffen Hölscher, Zwischen Legitimation und Lustbarkeit. Der Besuch Georgs II. an der Universität Göttingen 1748, in: Göttinger Jahrbuch 59 (2011), S. 41–69.


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Preisverleihungen, Friedensfeiern30 oder spezielle Gedenkveranstaltungen wie etwa die Feiern zur Erfindung des Buchdrucks31 boten nur einige der Anlässe für einen akademischen Actus publicus, der sich europaweit über Jahrhunderte eines ähnlichen Baukastensystems von Festelementen bediente.32 Festelemente wie Ein- und Auszüge, Gottesdienste, Reden, gemeinsame Gastmähler wie etwa der Magister- oder Doktorschmaus33 , Glockengeläut und Ständchen konnten je nach Anlass auf unterschiedliche Weise kombiniert werden. Glocken, Pauken und Trompeten machten die Feste auch zu akustischen Ereignissen, die den gesamten städtischen Klangraum erfassen konnten.34 Selbst wer nicht Zuschauer war, wurde in einer vormodernen Universitätsstadt oftmals Ohrenzeuge der akademischen Festpraktiken. Besonders plastisch lässt sich das Ineinandergreifen unterschiedlicher Praktiken am Beispiel der vormodernen Inaugurationsfeiern beobachten. Das Gesamtereignis

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Vgl. Norman Beberhold, „Gott hat Großes für uns getan, des sind wir fröhlich“. Friedensfeste der Frühen Neuzeit im Territorium der Weimarer Ernestiner, in: Maurer, Festkulturen (Anm. 6) S. 85–105. Solche Feste bzw. Feiern wurden 1740 und 1840 an diversen Universitäten abgehalten, vgl. in Auswahl Johann Christian Klemm, Das Angedencken Des Dritten Jubel-Fests der Edlen Buchdrucker-Kunst auf der Universität Tübingen: Welches, Theils wie dieses Jubel-Fest A. 1740. am Tage St. Jacobi des Apostels von denen Herrn Kunst-Verwandten gefeyret worden, und die dahin gehörige Stücke anführt, theils einen Historischen Entwurff des Anfangs und Fortgangs dieser Edlen Kunst in Schwaben, und besonders der Academie Tübingen in denen meisten von A. 1440. biß 1540. als dem ersten Jahrhundert gedruckten Büchern enthält, Tübingen 1740; Hilaria Typographica Erfordiensia das ist Historischer Bericht von der Jubel-Feyer welche zum Andencken der vor dreyhundert Jahren erfundenen Buchdrucker-Kunst am 27. Junii MDCCXL. auf der uralten Universität Erfurth begangen worden nebst der bey solcher Gelegenheit gehaltenen Academischen Rede und noch andern dahin gehörigen Schriften, Erfurt [1740]; Friedrich Christian August Hasse, Kurze Geschichte der Leipziger Buchdruckerkunst im Verlaufe ihres vierten Jahrhunderts: Einladungsschrift der Universität Leipzig zu der bei der 4. Säcularfeier der Buchdruckerkunst von ihr veranstalteten Feierlichkeit, Leipzig 1840. Zu Italien vgl. Davies, Culture and power (Anm. 8); zu Irland vgl. RobinsonHammerstein, Commencement Ceremonies (Anm. 3), zu Frankreich vgl. Antoine Destemberg, L’honneur des universitaires au Moyen Âge. Étude d’imaginaire social, Paris 2015. Vgl. Georg Erler, Leipziger Magisterschmäuse im 16., 17. und 18. Jahrhundert, Leipzig 1905; Michael Trauth, „. . .merendas dari non omnino frugales“. Vom Brauch und vom Mißbrauch des Doktorschmauses an der alten Universität Trier, in: Aufklärung 5 (1991), S. 59–77. Füssel, Göttingen 1737 (Anm. 8), S. 43–44; zur akustischen Dimension von Zeremoniell und Festkultur vgl. Jörg Jochen Berns, Herrscherliche Klangkunst und höfische Hallräume. Zur zeremoniellen Funktion akustischer Zeichen, in: Zeichen und Raum. Ausstattung und höfisches Zeremoniell in den deutschen Schlössern der Frühen Neuzeit, hg. von Peter Michael Hahn und Ulrich Schütte (Rudolstädter Forschungen zur Residenzkultur 3), München/Berlin 2006, S. 49–64.


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setzte sich aus bestimmten Sequenzen zusammen. Nach einem Adventus und diversen Umzügen zu Beginn, die eher zeremoniellen Charakter im Sinne der Repräsentation einer sozialen Ordnung aufwiesen, folgten klassische „Einsetzungsrituale“.35 Im Zentrum stand zum einen die Investitur des Rektors mit den Insignia rectoralia, zum anderen eine Doktorpromotion. Beide Rituale führten eine Statusveränderung herbei und setzten die Institution ins Leben. Ihre rechtliche Legitimität wurde über den Rektor repräsentiert, und in Gestalt der Graduierung stellte die neue Universität performativ ihre institutionelle Handlungsfähigkeit unter Beweis. Neben konstitutiven Bestandteilen des Rituellen, wie einem gemeinsamen Mahl36 und einem Festgottesdienst37 , wurden manche Inaugurationen auch durch eher okkasionelle Festbestandteile wie Reiterspiele oder Darbietungen der Studenten ergänzt. Die symbolische Markierung einer Differenz zum Alltag macht sich vor allem in einer spezifischen Festkleidung bemerkbar, im Falle des akademischen Lehrkörpers der Talare. Der Talar vermittelte Einheit und Differenz des akademischen Personenverbandes, indem er einerseits die Talarträger von den Nicht-Talarträgern schied, gleichzeitig über die Farbe der Talare die einzelnen Fakultäten hierarchisch voneinander trennte.38 Der Talar ist heute zum Inbegriff einer traditionalen akademischen Festkultur geworden, und das sowohl für seine Befürworter wie für seine Kritiker. Alltags- und Festkleidung differenzierten sich jedoch über die Jahrhunderte erst allmählich aus, und die Talare kamen, gingen und kamen wieder.39 Die Möglichkeiten zur strukturellen Koppelung unterschiedlicher Festformen lässt etwa auch an dem in der Frühen Neuzeit mehrfach anzutreffenden Brauch erkennen, eine Doktorpromotion mit der eigenen Hochzeit zu verbinden und damit nicht nur einen doppelten Statuswechsel zu zelebrieren, sondern auch zwei besonders kostenintensive Rituale in einem aufzuheben.40

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Vgl. Bourdieu, Einsetzungsriten (Anm. 17). Könighaus, Kiel 1665 (Anm. 8), S. 65–67, 173–175; Füssel, Göttingen 1737 (Anm. 8), S. 48. Könighaus, Kiel 1665 (Anm. 8), S. 70–71; Füssel, Göttingen 1737 (Anm. 8), S. 45–47. Marian Füssel, Talar und Doktorhut. Die akademische Kleiderordnung als Medium sozialer Distinktion, in: Frühneuzeitliche Universitätskulturen. Kulturhistorische Perspektiven auf die Hochschulen in Europa, hg. von Barbara Krug-Richter und Ruth Mohrmann, Köln u. a. 2009, S. 245–271; Ders., Die Macht der Talare. Akademische Kleidung in Bildmedien der Frühen Neuzeit, in: Kleidung im Bild. Zur Ikonologie dargestellter Gewandung, hg. von Philipp Zitzlsperger, Emsdetten/Berlin 2010, S. 121–135. Marian Füssel, Rituale in der Krise? Zum Wandel akademischer Ritualkultur im Zeitalter der Aufklärung, in: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde 55 (2009), S. 137–153, hier S. 146–148. Wolfgang E. Wagner, Zwei Feste – ein Abwasch? Zum sozialen Sinn der Verbindung von Doktorpromotion und Hochzeit in der frühneuzeitlichen Universitätsstadt Rostock,


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Auch lokale kulturelle Traditionen konnten mit universellen Riten wie der Graduierung verbunden werden, wie in spanischen Universitätsstädten die Verbindung mit einem Stierkampf zeigt.41 Festinszenierungen konnten nicht nur durch Festkleidung, die Insignia rectoralia oder die Insignia doctoralia geprägt sein, sondern auch durch ephemere Festarchitektur in Gestalt von Ehrenpforten und unterschiedliche in Festzügen repräsentierte Dinge aus dem lokalen Kontext.42 So etwa sichtbar an einem Miniaturuniversitätsgebäude der Universität Erfurt, das 1902 anlässlich eines historischen Festzugs zur Feier der 100-jährigen Zugehörigkeit der Stadt zu Preußen durch die Straßen getragen wurde.43 In der langfristigen Entwicklung der akademischen Festkultur lassen sich unterschiedliche kulturelle Referenzkontexte bestimmen. Angefangen bei der klerikalen und städtischen Lebenswelt des späten Mittelalters folgte in der Frühen Neuzeit eine zunehmende Anlehnung an die höfische Repräsentationskultur.44 Diese wurde unter anderem durch das Adelsstudium und die direkte Abhängigkeit vom Landesherrn strukturell noch forciert, aber von manchen Professoren wie Christian Thomasius auch aktiv betrieben.45 An der frühneuzeitlichen Landesuniversität des Alten Reiches waren akademische Feste wie etwa Inaugurationen oder Jubiläen häufig von der Präsenz des Landesherrn begleitet, was die ganze Veranstaltung zu einer Mischung aus höfischem Fest und akademischer Feier machte.46 Immer wieder zeigte sich, wie abhängig die ganze Veranstaltung von der Person des Landesherrn war, so konnten die

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in: Land – Stadt – Universität. Historische Lebensräume von Ständen, Schichten und Personen, hg. von Ernst Münch, Mario Niemann und Wolfgang E. Wagner (Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 14.), Hamburg 2010, S. 93–116. Willem Frijhoff. Der Lebensweg der Studenten, in: Geschichte der Universität in Europa, hg. von Walter Rüegg, Bd. 2, München 1996, S. 287–334, hier S. 287. Vgl. exemplarisch Füssel, Göttingen 1737 (Anm. 8), S. 58–61; Ders., Gelehrtenkultur als symbolische Praxis. Rang, Ritual und Konflikt an der Universität der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006, S. 141. Vgl. allg. Hans Martin von Erffa, Ehrenpforte, in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, hg. von Ernst Gall und Ludwig Heinrich Heydenreich, Bd. 4, Stuttgart 1958, Sp. 1443–1504. Vgl. die Abbildung bei Marian Füssel, Öffentlichkeit und Geheimnis an der Universität der Frühen Neuzeit, in: Denkmale – Statuten – Zeitzeugen. Facetten Rostocker Universitätsgeschichtsschreibung (2), hg. von Gisela Boeck und Hans-Uwe Lammel (Rostocker Studien zur Universitätsgeschichte 29), Rostock 2015, S. 7–30, hier S. 12. Zu strukturellen Parallelen zwischen Aufnahmeritualen an mittelalterlichen Universitäten und Handwerkergilden vgl. Betsy Barker Price, Paired in Ceremony. Academic Inception and Trade-Guild Reception, in: History of Universities 20 (2005), S. 1–37. Zu Thomasius vgl. Füssel, Gelehrtenkultur (Anm. 42), S. 70, 80, 108. Vgl. exemplarisch Kirwan, Empowerment (Anm. 8); Könighaus, Kiel 1665 (Anm. 8); Füssel, Halle 1694 (Anm. 8).


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Vorstellungen von zeremoniellem Aufwand und Gestaltung merklich auseinandergehen oder das Fernbleiben des Landesherrn, die ganze Veranstaltung in Frage stellen.47 Mit dem 18. und 19. Jahrhundert kam es zu einer Verbürgerlichung und gleichzeitigen Verstaatlichung der universitären Interaktionsformen, die nach einer kurzen Zeit der zeremoniellen Ernüchterung während Spätaufklärung, Josephinismus und französischer Revolution zu einer neuen Blüte akademischer Festkultur führte.48 Im späten 19. Jahrhundert trug der Actus publicus dem neuen Selbstbewusstsein der Hochschulen als zentralen Institutionen des bürgerlichen Nationalstaates Rechnung.49 Nun kam es ästhetisch zu einer historistischen Traditionsbeschwörung, zum Teil auch der Erfindung von Traditionen, die sich in aufwendigen Kostümparaden manifestierte, in denen sich viele Hochschulen sinnfällig ihrer langen Dauer vergewisserten.50 Bekannte Beispiele hierfür sind unter anderem die Jubiläumsfeierlichkeiten der Universitäten Tübingen 1877, Würzburg 1882, Heidelberg 1886 oder Leipzig 1909.51 Ein Blick auf die Geschichte der Festkultur der Universitäten lässt auch spezifische Differenzierungsprozesse ihrer Mitglieder zu Tage treten. Der augenfälligste ist wahrscheinlich derjenige der allmählichen Dissoziation von Lehrenden und Lernenden beziehungsweise Graduierten und Studierenden. 47

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In Göttingen wollte 1748 die Universität aus Legitimationsbedarf heraus mehr zeremonielle „Festlichkeit“ als der Landesherr, vgl. Hölscher, Legitimation (Anm. 29). In Tübingen brachte das Ableben Herzog Wilhelm Ludwig von Württemberg 1677 kurz vor der Feier des zweihundert-jährigen Universitätsjubiläums die Gestaltung der Feierlichkeiten in große Schwierigkeiten, vgl. Bernhard Kugler, Die Jubiläen der Universität Tübingen nach handschriftlichen Quellen dargestellt, Tübingen 1877, S. 30–32. Vgl. Füssel, Rituale in der Krise? (Anm. 39); Ders., Geltungsgrenzen. Frühneuzeitliche Rituale zwischen Antiritualismus, Medienwandel und Sachzwang, in: Grenzen des Rituals. Wirkreichweiten – Geltungsbereiche – Forschungsperspektiven, hg. von Andreas Büttner, Andreas Schmidt und Paul Töbelmann (Norm und Struktur 42), Köln/Weimar/Wien 2014, S. 269–286. Zum Wandel der bürgerlichen Festkultur im 19. Jahrhundert vgl. Manfred Hettling und Paul Nolte, Bürgerliche Feste als symbolische Politik im 19. Jahrhundert, in: Bürgerliche Feste. Symbolische Formen politischen Handelns im 19. Jahrhundert, hg. von Manfred Hettling und Paul Nolte, Göttingen 1993, S. 7–36; Werner Faulstich, Die bürgerliche Mediengesellschaft 1700–1830, Göttingen 2002, S. 62–68. Zum Kontext des historischen Festzuges vgl. Wolfgang Hartmann, Der historische Festzug. Seine Entstehung und Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, München 1976. Zu den einzelnen Hochschulen vgl. Bock, Heidelberger Universitätsjubiläen (Anm. 9); Bartsch, Illustrirte Fest-Chronik (Anm. 25); Die vierte Säcularfeier der Universität Tübingen im Jahre 1877, Tübingen 1878; August Schäffler (Red.), Alma Julia. Illustrirte Chronik ihrer dritten Säcularfeier, hg. vom Akademischen Comité für Presse und Drucksachen, Würzburg 1882; Karl Binding, Die Feier des 500jährigen Bestehens der Universität Leipzig. Amtlicher Bericht im Auftrag des akademischen Senats, Leipzig 1910.


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Aus der mittelalterlichen Universitas magistrorum et scholarium waren spätestens im Verlauf der Frühen Neuzeit zwei distinkte Lebenswelten der Professoren und der Studenten geworden. Sinnfälliger Gradmesser dieser Distanzierung ist etwa der akademische Auszug aus einer Universitätsstadt, der in der Frühen Neuzeit als Protestpraxis ausschließlich von Studenten praktiziert wurde, während im Mittelalter noch ganze Universitäten auszogen.52 Wie andere Festkulturen, zieht auch die akademische Grenzen zwischen Alltag und Fest, beinhaltete jedoch zu kaum einer Zeit besonders inversive oder transgressive Elemente des Karnevalesken oder der „rauschhaften Geselligkeit“ und tendiert in diesem Sinne eher zur „Feier“.53 Diese Dimensionen des Festes finden sich allein in der studentischen Kultur und dort vor allem im Rahmen von Einsetzungsriten wie der frühneuzeitlichen Deposition, seit dem 18. Jahrhundert auch in der bis heute in studentischen Verbindungen üblichen Fuchsentaufe, der Bizutage in Frankreich oder den Ritualen des Hazing in den USA.54 In der Gegenwart haben sich studentische Initiationsrituale im globalen Maßstab verbreitet. In der Frühen Neuzeit konnte das Einsetzungsritual der Deposition jedoch ähnlich wie die Graduierungsrituale auch als Festelement etwa während der Feierlichkeiten der Inauguration einer Universität Verwendung finden.55 Der exzessive Charakter studentischer Rituale – der auch in der Gegenwart regelmäßig die Notaufnahmen der Krankenhäuser mit alkoholisierten Studenten füllt, Fälle sexueller Nötigung aufweist und zum Teil sogar Todesopfer fordert wie das Hazing – hat seit jeher zu Einhegungsund Kontrollversuchen der akademischen Obrigkeiten geführt.56 Hierin tritt ein institutionelles Spezifikum akademischer Festkultur zu Tage. So bildet die Universität als Institution eine Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Erziehungssystem, Forschung und Lehre, und trägt als solche dafür Sorge, stets als Vorbild der studierenden Jugend zu dienen und ihre wissenschaftlichen Erträge zu repräsentieren.57 Ein noch so kontrollierter Exzess kann daher nie52 53 54

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Karsten Bahnson, Akademische Auszüge aus deutschen Universitäts- und Hochschulorten (Diss.), Saarbrücken 1973. Wolfgang Behringer, Art. „Fest“, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2006, Sp. 915–921, hier Sp. 916. Vgl. Marian Füssel, Riten der Gewalt. Zur Geschichte der akademischen Deposition und des Pennalismus in der frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für historische Forschung 32.4 (2005), S. 605–648. Aus der älteren Literatur vgl. Wilhelm Fabricius, Die akademische Deposition (Depositio cornuum). Beiträge zur Deutschen Litteratur- und Kulturgeschichte, speciell zur Sittengeschichte der Universitäten, Frankfurt 1895. Vgl. z. B. Könighaus, Kiel 1665 (Anm. 8), S. 146–148. Zum „hazing“ vgl. Hank Nuwer, Wrongs of passage. Fraternities, Sororities, Hazing, and Binge Drinking, Bloomington, In. 2001. Vgl. Rudolf Stichweh, Neuere Steuerungsformen der Universität und die akademische Selbstverwaltung. Die Universität als Organisation, in: Die Idee der Universität heute, hg. von Ulrich Sieg und Dietrich Korsch, München 2005, S. 123–133, hier S. 123–125.


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Akademische Festkulturen vom Mittelalter bis zur Gegenwart by Schwabe Verlag - Issuu