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Kaiseraugst besetzt!

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WIRTSCHAFTS-, SOZIAL- UND UMWELTGESCHICHTE ( W SU )

BAND 8

Herausgegeben von Christian Pfister und Christian Rohr

WSU 8

Die Beschlagnahmung des AKW-Geländes verhinderte die Aufnahme der Bauarbeiten und liess den Bauplatz zu einem Ausgangspunkt von Diskursen über Atomenergie, Demokratie, Rechtsstaat, Föderalismus, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz werden. Durch ihren zivilen Ungehorsam erreichte die äusserst heterogene Gegnerschaft des AKW, dass eine von den staatlichen Behörden bereits getroffene Entscheidung zurückgenommen werden musste. Dies gelang auch deswegen, weil im Laufe der Besetzung immer mehr Menschen aus allen Generationen und Gesellschaftsschichten mit der Bewegung sympathisierten oder sich ihr anschlossen.

DER AUTOR David Häni studierte Neuere und Neueste Geschichte, Erziehungswissenschaft und Humangeographie und wurde an der Abteilung für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte der Universität Bern promoviert.

SCHWABE VERLAG

DAVID HÄNI

Die Auseinandersetzung um den Bau des Atomkraftwerks Kaiseraugst vor den Toren der Stadt Basel zählt zu den wichtigsten Ereignissen der Schweizer Umweltge­schichte der letzten Jahrzehnte. Der Protest gegen das geplante energiewirtschaftliche Infrastrukturprojekt gipfelte in der Besetzung des Baugeländes durch die « Gewaltfreie Aktion Kaiseraugs t» ( GAK ) zwischen April und Juni 1975. Mit dieser Besetzung gelang es den Atomkraftgegnern nach jahrelangem Tauziehen mit den Befürwortern der Atomenergie, grosse Teile der Nordwestschweizer Bevölkerung gegen das Bauvorhaben zu mobilisieren und den politischen Druck auf die Bundesbehörden und das Baukonsortium zu erhöhen.

KAISERAUGST BESETZT !

KAISERAUGST BESETZT !

DAVID HÄNI

KAISERAUGST BESETZT ! DIE BEWEGUNG GEGEN DAS ATOMKRAFTWERK

www.schwabeverlag.ch

RZ_Druckdaten_WSU Kaiseraugst_09.indd 1

29.05.18 08:21


Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU)

Band 8

Herausgegeben von Christian Pfister und Christian Rohr, Historisches Institut der Universität Bern


David Häni

Kaiseraugst besetzt! Die Bewegung gegen das Atomkraftwerk

Schwabe Verlag


Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt. Publiziert mit Unterstützung der UniBern Forschungsstiftung.

UniBern Forschungsstiftung

(Berne University Research Foundation)

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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

www.fsc.org

FSC® C083411

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar © 2018 Schwabe Verlag, Schwabe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Bundesfeier am 1. August 1981 auf dem AKW-Gelände in Kaiseraugst. Foto: Edi Gysin, Archiv: daCH. Lektorat: Dominik Sieber, Zürich Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3756-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3757-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Vorwort und Danksagung ................................................................................... 11 1. Einleitung ........................................................................................................... 13

1.1 Der Konflikt um die zivile Nutzung der Kernenergie .................... 13 1.2 Zielsetzung und Untersuchungszeitraum .......................................... 18 1.3 Fragestellungen ........................................................................................ 19 1.4 Aufbau der Studie .................................................................................... 20 1.5 Forschungsstand ...................................................................................... 21 1.6 Archive ...................................................................................................... 25 1.7 Analytisches Konzept ............................................................................. 27 2. Soziale Bewegungen als Thema der Forschung .................................... 35

2.1 Soziale Bewegungen – Indikatoren der Moderne ............................ 37 2.2 Die Entstehung der neuen sozialen Bewegungen ............................ 39 2.3 Paradigmen der Bewegungsforschung ............................................... 43 3. Überblick über die Geschichte des Widerstands gegen das AKW Kaiseraugst – eine Chronologie der Ereignisse .......................................... 49

3.1 Zur Vorgeschichte der Besetzung des Baugeländes ......................... 51 3.1.1 Vom ölthermischen zum nuklearthermischen Kraftwerk .......... 52 3.1.2 Wachsendes Unbehagen und erster Widerstand gegen das geplante AKW ............................................................................. 55


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Inhalt

3.1.3 Der Einfluss des «Fluorkriegs» auf den ersten Widerstand gegen das AKW ............................................................................................. 60 3.1.4 Das Nordwestschweizer Aktionskomitee gegen Atomkraftwerke ................................................................................. 62 3.1.5 Der erfolglose legale Protest .............................................................. 68 3.2 Die Phase der Besetzung ....................................................................... 73 3.2.1 Der «Probehock» ................................................................................. 74 3.2.2 Ziviler Ungehorsam: Die GAK besetzt während elf Wochen das Baugelände ......................................................................... 76 3.2.3 Grosskundgebungen auf dem besetzten Bauplatz und in Bern ..................................................................................................... 83 3.2.4 Zähes Ringen um Verhandlungsgespräche und einen vorläufigen Baustopp ......................................................................... 88 3.2.5 Das Ende der Besetzung ..................................................................... 95 3.2.6 Nachspiel – fünf Besetzer vor dem Bezirksgericht Rheinfelden ......................................................................... 100 3.3 Der Widerstand bis zur Aufgabe des Bauvorhabens ....................... 103 3.3.1 Ergebnislose Verhandlungsgespräche ............................................. 105 3.3.2 Kritik am Atomgesetz ......................................................................... 110 3.3.3 Die eidgenössische Atomschutzinitiative ....................................... 114 3.3.4 Weitere Volksinitiativen und Demonstrationen ........................... 119 3.3.5 Umweltkatastrophen beeinflussen den Diskurs über die Sicherheit der Kernkraftwerke ................................................... 123 3.3.6 Der Verzicht auf die Ausführung des Bauprojekts ....................... 132 4. Der Protest gegen das AKW Kaiseraugst – Ausdruck einer neuen sozialen Bewegung .................................................. 139

4.1 Ausgangspunkt und Basis der Anti-AKW-Bewegungen ................ 140 4.1.1 Der gesellschaftliche Wandel in den 1960er-Jahren ..................... 141 4.1.2 Der Widerstand gegen die Atomkraft als Bestandteil eines neuen Umweltbewusstseins .............................................................. 149


Inhalt

4.1.3 Anti-AKW-Bewegung und Alternativbewegung .......................... 158 4.2 Radioaktivität kennt keine Grenzen – die Bewegung ­gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst im transnationalen Kontext der Region ....................................................................................................... 163 4.2.1 Das Netzwerk der Umweltbewegungen am Hoch- und Oberrhein ........................................................................... 165 4.2.2 Die wegbereitenden Besetzungen von Marckolsheim und Wyhl ........................................................................................................ 175 4.3 Der Demokratiediskurs in den Anti-AKW-Bewegungen .............. 182 4.3.1 Soziale Bewegungen und die Ausweitung demokratischer Bürgerrechte ..................................................................... 183 4.3.2 Protestbewegungen in der schweizerischen direkten Demokratie .................................................................................... 186 4.3.3 Kritik an der defizitären Demokratie .............................................. 189 4.3.4 Ärger über die undemokratische Informationspraxis und den «Atomfilz» ...................................................................................... 195 5. Die Akteure der Besetzungsphase und ihre Beweggründe ................ 199

5.1 Anhängerschaft und Entwicklungsdynamik der Bewegung ................................................................................................. 200 5.1.1 Die Atmosphäre auf dem besetzten Bauplatz ................................ 202 5.1.2 Der Wandel zur Volksbewegung – Heterogenität als Stärke ...... 207 5.1.3 Basisdemokratische Organisationsprinzipien ............................... 213 5.1.4 Der Elan der Jugend ............................................................................ 216 5.1.5 Etablierte Bürger machen gegen das AKW Kaiseraugst mobil ............................................................................... 219 5.1.6 Die Rolle des NWA während der Besetzung ................................. 222 5.1.7 Die Atomkraftgegnerinnen ............................................................... 228 5.1.8 Gruppierungen der Neuen Linken .................................................. 233 5.1.9 Ressourcen ............................................................................................ 240 5.2 Die Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst .................................................... 244

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Inhalt

5.2.1 Die Gründung der GAK zum richtigen Zeitpunkt ....................... 246 5.2.2 Ein Netzwerk des Widerstands ......................................................... 249 5.2.3 Grundsätze und Ziele ......................................................................... 253 5.2.4 «Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv» – Aktionen der GAK ........................................................................................ 256 5.2.5 Der Super-8-Film «Kaiseraugst besetzt» ........................................ 259 5.2.6 Auseinandersetzungen innerhalb der Organisation .................... 262 5.2.7 Die Spaltung ......................................................................................... 266 5.2.8 Die GAK nach der Bauplatzbesetzung ............................................ 268 5.3 Das Credo der Gewaltfreiheit .............................................................. 269 5.3.1 Gewaltfreiheit: Ein klares, handlungsleitendes Konzept ............. 270 5.3.2 Die Bedeutung theoretischer Konzepte zum gewaltfreien Widerstand .............................................................................. 275 5.3.3 Die Etablierung des zivilen Ungehorsams als demokratisches Mittel ............................................................................ 280 5.3.4 Rechtfertigung des zivilen Ungehorsams ....................................... 284 5.3.5 Ausbildungsseminare zur Gewaltfreiheit ....................................... 288 5.3.6 Andere gewaltfreie Organisationen als Vorbilder ......................... 292 5.3.7 Die andere Seite: Die Gewalt ............................................................. 294 5.4 Massenmedien und Mobilisierung ..................................................... 300 5.4.1 Neue soziale Bewegungen und Massenmedien ............................. 302 5.4.2 Die Basler National-Zeitung – ein Teil der Bewegung ................ 306 5.4.3 Kritik an der Basler Zeitung .............................................................. 310 5.4.4 Der Basler Gratisanzeiger «Doppelstab» ........................................ 312 5.4.5 Die Regional-Zeitung – das Blatt der Bewegung .......................... 316 5.4.6 Die Kontroverse über die Berichterstattung im Schweizer Fernsehen .............................................................................. 319 5.5 Bauplatzbesetzung – Kritik und Gegenreaktionen .......................... 322 5.5.1 Vorbereitungen auf einen Polizeieinsatz gegen die Besetzer ...... 324


Inhalt

5.5.2 Polizeieinsätze in Gösgen – eine Reaktion auf die verpasste Räumung in Kaiseraugst ..................................................... 328 5.5.3 Die Idee der Gründung einer Bundessicherheitspolizei (BUSIPO) ........................................................................................................ 333 5.5.4 Die Informationsoffensive der Befürworter der Kernenergie .... 337 5.5.5 Kritik an den Widerstandsformen der GAK ................................. 341 5.5.6 Attacken gegen die Besetzer .............................................................. 344 6. Schlussbetrachtungen ................................................................................... 349 7. Abkürzungen ..................................................................................................... 363 8. Bibliographie ..................................................................................................... 365

8.1 Quellen ...................................................................................................... 365 8.2 Gedruckte Quellen ............................................................................. 370 8.3 Literatur ................................................................................................ 380 9. Anhang ................................................................................................................ 393

9.1 Volksabstimmungen zu Fragen der zivilen Nutzung der Kernenergie von 1957 bis 1990 ............................................................... 393 9.2 Atomkraftwerk-Projekte in der Schweiz und in der Region Hoch- und Oberrhein .............................................................................. 394 9.3 Beteiligungen an der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG .................... 396 10. Abbildungsverzeichnis ................................................................................. 397 11. Register ............................................................................................................. 399

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Vorwort und Danksagung

Die Konsequenzen der zivilen Nutzung der Atomenergie werfen nach wie vor viele Fragen auf, die in einem breit angelegten, offenen gesellschaftlichen Diskurs nach demokratischen Grundsätzen erörtert werden müssen. Mit der vorliegenden historischen Forschungsarbeit über die Volksbewegung gegen das geplante AKW Kaiseraugst – die in der Besetzung des Baugeländes ihren Höhepunkt fand – wird ein wichtiges Ereignis der jüngsten Schweizergeschichte rekonstruiert. Mit dieser faktenreichen Aufarbeitung der Vorkommnisse rund um das nicht aus­ geführte energiewirtschaftliche Grossprojekt in der Nordwestschweiz verbin­ det sich mein Wunsch, einen Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen und wis­ senschaftlichen Debatte über die Nutzung der Atomtechnologie zu leisten, und nicht zuletzt auch meine Hoffnung, das wechselseitige Verständnis entgegen­ gesetzter Standpunkte zu fördern. Geschichtswissenschaft könnte so im besten Fall zu einer fairen Kontroverse über eines der grossen gesellschaftlichen Dilemmata beitragen. Die vorliegende Monografie stellt eine überarbeitete, aber weitgehend ungekürzte Fassung meiner Dissertation dar, die ich an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern einreichte und die im September 2016 approbiert wurde. Finanziell unterstützt wurde die Publikation durch den «Schweizerischen Nationalfonds» (SNF) und die «UniBern Forschungsstiftung». Daneben trugen zahlreiche Personen auf unterschiedlichste Weise zum Gelingen dieses Projekts bei; dafür bin ich ihnen zu Dank verpflichtet. In erster Linie möchte ich Christian Rohr, leitender Professor der Abteilung «Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte» am Historischen Institut der Universität Bern, für seine engagierte Begleitung der Studie danken. Zudem hat er deren Veröffentlichung in der Reihe «Wirtschafts-, Sozial und Umweltgeschichte» des Schwabe Verlags ermöglicht. Entscheidend für die Qualität der vorliegenden historischen Untersuchung war aber auch die Bereitschaft verschiedener Protagonisten der damaligen Anti-AKW-Bewegung, sich für Interviews zur Ver-


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Vorwort und Danksagung

fügung zu stellen und dabei engagiert Auskunft auf meine Fragen zu geben. Ihnen allen gebührt ein besonderer Dank: namentlich Aernschd Born, Ruedi Epple, Jürg und Wiebke Frei-Kitzing, Heinz Frey, André Froidevaux, Peter Niklaus, Peter und Katharina Scholer-Berner sowie Hansjürg Weder. Der Kontakt mit den zeitgenössischen Akteuren war für mich äusserst bereichernd und lehrreich. Als grosser Glücksfall erwies sich das Zusammentreffen mit Peter Niklaus: Er übergab mir sein Privatarchiv, das er anlässlich seiner langjährigen Tätigkeit beim «Nordwestschweizer Komitee gegen Atomkraftwerke» angelegt hatte. Seiner Frau Marie-Rose Niklaus-Raaflab danke ich für das Bereitstellen und Vorsortieren der archivierten Unterlagen. Speziell würdigen möchte ich Ruedi Epple, der sich darum kümmerte, dass die Dokumentensammlung über den Widerstand, welche die «Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst» im Verlaufe der Protestbewegung anlegte, im Staatsarchiv des Kantons Basel-Landschaft untergebracht wurde. Dieses umfangreiche Archiv machte eine ins Detail gehende, umfassende Darstellung der Geschichte des Protests gegen das AKW Kaiseraugst erst möglich. Heinz Frey stellte mir seinen Super-8-Films «Kaiseraugst besetzt» aus dem Jahre 1975 zur Verfügung. Dieses Filmdokument erleichterte mir nicht nur den atmosphärischen Einstieg ins Thema, sondern erwies sich auch für die Subs­ tanz der Arbeit als enormer Gewinn. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Auch Claude Giger und Edi Gysin sowie einigen namentlich nicht bekannten Foto­ grafen, deren Bilder im Archiv der «Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz» aufbewahrt werden, fühle ich mich zu einem speziellen Dank verpflichtet. Mit ihren Fotos haben sie die Stimmung und Geschehnisse rund um «Kaiseraugst» authentisch eingefangen. Ganz besonders verbunden fühle ich mich natürlich auch meiner lieben Familie, die den Werdegang meiner Arbeit stets mit Interesse verfolgte und mich mit inspirierenden Gesprächen rund ums Thema begleitete. Basel, im Sommer 2018


1. Einleitung

1.1 Der Konflikt um die zivile Nutzung der Kernenergie Am 11. März 2011 ereignete sich im Pazifischen Ozean vor der Ostküste Japans ein Seebeben, das einen verheerenden Tsunami auslöste. Dadurch wurde das Kernkraftwerk «Fukushima Daiichi» so stark zerstört, dass ein atomarer Gau eintrat. In drei der sechs Reaktorblöcke kam es zu Kernschmelzen und zu einer teilweisen Zerstörung der Betriebsgebäude durch Wasserstoffexplosionen; ein weiterer Block wurde durch eine Explosion schwer beschädigt.1 Die Katastrophe in Fukushima gab jenen Recht, die vor dem stets bestehenden Restrisiko warnten, das sich beim Betrieb von Kernkraftwerken nicht ausschliessen lässt. Als Folge des Unglücks erlebte die Debatte über eine nachhaltige Energiepolitik wieder einen Aufschwung und der Begriff «Energiewende»2 geradezu einen explosionsartigen Boom.3 In der Schweiz beschlossen Bundesrat und Parlament noch im selben Jahr den Ausstieg aus der Atomenergie. Die «Energiestrategie 2050», die den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie vorsieht, ging vielen Atomkraftgegnern aber nicht genug schnell. Deshalb lancierten sie die Volksinitiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie (Atomausstiegsinitiative)». Mit dieser Vorlage sollte neben dem geplanten Verbot der Realisierung neuer Kernkraftwerke auch die Laufzeit der bestehenden Reaktoren

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Vgl. Arnold, Fitze 2015: 288. Der Begriff «Energiewende» bezeichnet im Kern die Schaffung nachhaltigen Wohlstands bei gleichzeitiger Reduktion der Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Energieträgern. Dies bedeutet einerseits eine gesteigerte Energieeffizienz und -einsparung, andererseits eine Ablösung von nicht erneuerbaren Energien wie Öl, Gas, Kohle und Uran durch erneuerbare Energien wie Wasserkraft, Geothermie, Bioenergie, Wind- und Sonnenenergie. Vgl. Wüstenhagen 2014: 15–16. 3 Ebd.: 15. 2


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Einleitung

drastisch begrenzt werden. Die Initiative wurde jedoch am 27. November 2016 überraschend klar verworfen.4 Dies bedeutete allerdings nicht, dass auch die avisierte «Energiestrategie 2050» in Frage gestellt wurde, denn bereits einige Monate später nahmen Volk und Stände das revidierte «Energiegesetz (EnG)» in der Abstimmung vom 21. Mai 2017 deutlicher als erwartet an.5 Damit scheint der Ausstieg aus der Kernenergie, um den so lange intensiv gekämpft wurde, auf lange Sicht hinaus besiegelt. Vor diesem aktuellen Hintergrund gewinnen historische Fragestellungen zur gesellschaftlichen Kontroverse über die zivile Nutzung der Kernenergie erneut an Bedeutung. Es ist wichtig, ja sogar notwendig, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um den Ausgangspunkt der aktuellen Debatten zu erkennen und die Auseinandersetzung mit dieser zentralen Frage aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Durch diesen Sichtwechsel können wir Anhaltspunkte für künftige Entwicklungen und Entscheidungen hinsichtlich dieses zukunftsrelevanten Themas gewinnen.6 Durch den Abwurf zweier Atombomben gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Welt das Vernichtungspotential der Atomtechnologie schonungslos vor Augen geführt. Daher erstaunt es nicht, dass im gesellschaftlichen Bewusstsein der 1950er- und frühen 1960er-Jahre eine ambivalente Haltung gegenüber der Nukleartechnologie vorherrschte: Die latente Angst vor einer zunehmenden atomaren Bedrohung wurde durch die mediale Berichterstattung über Atomtests und atomares Aufrüsten noch genährt. Andererseits kam eine allgemeine Euphorie über die neuen Möglichkeiten einer friedlichen Nutzung der Kernspaltung auf. Von nun an entwickelte sich die Nukleartechnologie nicht nur in militärischen, sondern auch in zivilen Bereichen rasant. Viele hegten die Hoffnung, dass dank der friedlichen Nutzung der Kernenergie uner4 54,2% der Stimmbürger lehnten die Initiative ab. Nur fünf Kantone (Basel-Stadt, ­ aselland, Genf, Jura, Neuenburg und Waadt) stimmten dem Begehren zu. Vgl. SchweizeriB sche Eidgenossenschaft, Bundeskanzlei: Chronologie Volksabstimmungen, online (Zugriff: 12.1.2018). 5 58,2% der Stimmbürger nahmen in der eidgenössischen Volksabstimmung vom 21.5.2017 das Energiegesetz (EnG) vom 30.9.2016 an. Nur sechs Kantone (Uri, Obwalden, Zug, Glarus und Aargau) verwarfen das Energiegesetz. Vgl. Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundeskanzlei: Vorlage Nr. 612. Übersicht, online (Zugriff: 12.1.2018). 6 Vgl. Rucht, Dieter: Anstösse für den Wandel – Soziale Bewegungen im 21. Jahrhundert, online (Zugriff: 12.1.2018).


Der Konflikt um die zivile Nutzung der Kernenergie

schöpfliche Energiequellen erschlossen werden könnten, die der Bevölkerung langfristig Wohlstand und eine hohe Lebensqualität garantieren würden.7 Nukleartechnologische Fortschritte galten fortan als wichtige Bausteine im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess und wurden in den Jahren des Kalten Krieges zwischen den West- und Ostmächten als Ausdruck der wirtschaftlichen und technologischen Potenz der rivalisierenden politischen Systeme interpretiert. Im Jahre 1954 nahm das weltweit erste Kernkraftwerk im sowjetischen Obninsk den Betrieb auf und läutete damit ein neues Zeitalter der Stromerzeugung ein. Obwohl der Reaktor dieses ersten nuklearthermischen Kraftwerks angeblich mehr Strom verbrauchte als er erzeugte, war nun der Beweis, dass Kernenergie für friedliche Zwecke genutzt werden konnte, endgültig erbracht.8 Bereits kurz darauf wurden in den hochindustrialisierten Staaten des Westens wie auch des Ostens leistungsfähigere Anlagen entwickelt. Die grosse Hoffnung, die mit dem neu anbrechenden friedlichen Atomzeitalter einherging, wurde 1958 anlässlich der Weltausstellung in Brüssel durch ein ganz besonderes Bauwerk zum Ausdruck gebracht: durch das sogenannte «Atomium», ein Gebäude in der Form eines riesigen Eisenkristallmoleküls mit neun Atomen. In einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik ihre Unschuld längst verloren hatten, wurde das Atomium zum Symbol für eine neue, naiv anmutende Technikgläubigkeit. Das Bauwerk wurde zum Wahrzeichen der Brüsseler Expo und reihte sich in die Denkmäler berühmter Weltausstellungsarchitektur ein.9 Auch die Schweiz setzte damals grosse Erwartungen in die Nukleartechnologie. So waren sich Bundesbehörden, Elektrizitätswerke und grosse Teile der Bevölkerung darin einig, dass der schnelle Einstieg in die Atomenergie den schweizerischen Entwicklungsbedürfnissen entspreche. Zudem führte die Ölkrise von 1973 der Bevölkerung die Abhängigkeit vom Erdöl drastisch vor Augen. Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen schien die Stromproduktion mittels Kernkraft der richtige Weg zu sein – besonders auch deshalb, weil der Bau weiterer Wasserkraftwerke aus Gründen des Landschaftsschutzes ebenfalls umstritten war.10 7 8 9 10

Vgl. Linder 1995: 301–303. Vgl. Plaggenborg 2001–2003: 1105. Paul 2008: 210. Zum Ende der goldenen Jahre der Wasserkraft in der Schweiz vgl. Kupper 2003: 28–34.

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Einleitung

Doch bereits innerhalb weniger Jahre war der bisher kaum getrübte Optimismus hinsichtlich der zivilen Nutzung der Atomtechnologie wieder geschwunden. Ein zunehmendes Unbehagen gegenüber der fortschreitenden technischen Zivilisation, verbunden mit Zweifeln an der Nachhaltigkeit eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums, führte im Verlaufe der 1970er-Jahre weltweit zur Entstehung nationaler und transnationaler Bewegungen gegen Atomkraftwerke.11 In diese Jahre fiel auch der vehemente Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk Kaiseraugst, das in der Aargauer Gemeinde unweit von Basel hätte entstehen sollen. Die Debatte rund um die Atomtechnologie sollte sich in der Schweiz noch jahrzehntelang als Politikum von geballter emotionaler Kraft herausstellen. Die Auseinandersetzung über die Nutzung der Atomenergie beeinflusste die Energie- und Umweltpolitik unseres Landes und spaltete die Bevölkerung in zwei Lager. Die Fronten der Kontroverse verliefen quer durch soziale Schichten, einzelne Parteien und Gruppierungen und nicht selten auch durch Familien. Erst nachdem die Volksinitiative12 für ein Moratorium für den Bau von neuen Atomkraftwerken im Jahre 1990 relativ deutlich angenommen worden war, flaute der Streit um die Nutzung der Kernenergie für einige Zeit etwas ab. Im Jahre 2008 wurde die alte Debatte jedoch erneut lanciert: Damals schienen die politischen Voraussetzungen für neue AKW-Projekte wieder günstiger zu sein, so dass einige Stromkonzerne die Initiative ergriffen, um den Bau neuer Kernkraftwerke voranzutreiben. Doch mit dem Bekanntwerden ihrer Absicht kündete sich zugleich auch die Opposition gegen die geplanten Industrieanlagen an. So erklärte beispielsweise die Grüne Partei Schweiz, sie wolle an die «alten Zeiten und an den Kampf gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst anknüpfen»13. Um ihre Bereitschaft zum Widerstand zu demonstrieren, wurde –

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Eine Sammlung von Beiträgen über die Anti-AKW-Bewegungen in verschiedenen Ländern bietet: Mez 1981. 12 Die Volksinitiative «Stopp dem Atomkraftwerkbau (Moratorium)» wurde in der Abstimmung vom 23.9.1990 mit einem Ja-Stimmenanteil von 54,5% angenommen. Die am selben Tag zur Abstimmung vorgelegte Volksinitiative «für den Ausstieg aus der Atomenergie» wurde hingegen mit 52,9% verworfen. Vgl. Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundkanzlei: Chronologie Volksabstimmungen, online (Zugriff: 12.1.2018). 13 Guggenbühl, Hanspeter: Alter Kämpfer (Bildkommentar). In: Basler Zeitung, Nr. 136, 12.6.2008: 2.


Der Konflikt um die zivile Nutzung der Kernenergie

in Erinnerung an die Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst von 1975 – mit einer symbolischen Aktion auf dem Berner Bundesplatz protestiert: Die Demonstranten stellten dort ein Zelt auf, verteilten Zeltheringe und verkündeten, sie seien entschlossen, wiederum mit denselben Mitteln wie damals gegen die neuen AKW-Pläne zu kämpfen.14 Wäre es nach dem Willen der Elektrizitätsgesellschaften und der Bewilligungsbehörden gegangen, so würde heute nicht nur in den fünf Kernkraftwerken Beznau I, Beznau II, Gösgen, Leibstadt und Mühleberg Atomstrom erzeugt,15 sondern auch in Kaiseraugst. Dass es nicht soweit kam, ist zu einem grossen Teil einer Anti-AKW-Bewegung zu verdanken, die sich nicht etwa bloss aus eine Gruppe demonstrierender Neuer Linker und Umweltaktivisten zusammensetzte, sondern auch weite Kreise aus den regionalen bürgerlichen Parteien und Gruppierungen hinter sich wusste und in wesentlichen Punkten sogar von den kantonalen Regierungen Basel-Stadt und Baselland unterstützt wurde. Der Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst entwickelte sich während der Besetzung des Baugeländes durch die Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst (GAK) im Jahre 1975 zu einer breit abgestützten Volksbewegung. Nachdem alle Rechtsmittel gegen das Bauprojekt erfolglos ausgeschöpft worden waren, verlieh dieser Akt des zivilen Ungehorsams der Opposition wieder neuen Schwung und führte sie heraus aus der Sackgasse, in die sie geraten war. Diese sogenannte «direkte Aktion» der Projektgegner ist in der schweizerischen Anti-AKW-Bewegung bis heute beispiellos geblieben. Aus historischer Perspektive steht das verhinderte Kernkraftwerk Kaiseraugst heute für einen Unruheherd, der lange Zeit brodelte und beinahe zu einer Staatskrise geführt hätte, aber auch für ein geistiges Testgelände, auf dem man sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen moderner Technik und menschlicher Gesellschaft, zwischen politischer Willensbildung und Rechtsstaat auseinandersetzte.16 Die folgende historische Aufarbeitung der Ereignisse soll eine Überprüfung früherer Sichtweisen ermöglichen und dadurch einen Beitrag zu deren Objektivierung leisten.

14 Ebd. 15 16

Vgl. Anhang 9.2.1. Kohn 1990: 155.

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Einleitung

1.2 Zielsetzung und Untersuchungszeitraum Anhand des Widerstands gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst soll mit der vorliegenden Arbeit ein Stück Schweizer Geschichte rekonstruiert werden, und zwar vor allem aus umwelt- und sozialgeschichtlicher Perspektive. Im Fokus steht die Besetzung des Baugeländes für das vorgesehene Atomkraftwerk in Kaiseraugst, die vom 1. April bis zum 11. Juni 1975 dauerte. Diese Phase wurde aus der komplexen und vielschichtigen Geschichte des verhinderten Bauprojekts herausgegriffen, da die elf Wochen dauernde Aktion einen überschaubaren Zeitabschnitt darstellt, welcher exemplarisch für ein Stück Schweizer Bewegungsgeschichte steht. Die Arbeit geht von der Annahme aus, dass dieser Akt des zivilen Ungehorsams einen nachhaltigen, in vielerlei Hinsicht sogar entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des Widerstands gegen das geplante Kernkraftwerk hatte. Die Inbesitznahme des Baugeländes durch aufgebrachte Bürger verhinderte die Aufnahme der Bauarbeiten und erwirkte ein Time-out, welches den Bauplatz zu einem Kristallisationspunkt von Diskursen über Atomenergie, Demokratie, Rechtsstaat, Föderalismus, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz werden liess. Aus heutiger Sicht – gut vier Jahrzehnte nach der Bauplatzbesetzung – lassen sich dank der Historisierung der Ereignisse neue Perspektiven gewinnen. Zudem profitiert eine aktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema von einem erleichterten Zugang zu gewissen Quellen: So sind dank des Ablaufs der dreissigjährigen Sperrfrist Akten zum Widerstand zugänglich geworden, die früher unter Verschluss standen und daher bis heute in vielen Bereichen noch unbearbeitet geblieben sind. Des Weiteren stehen der Forschung seit kurzem immer mehr Dokumente aus Privatarchiven zur Verfügung. In der vorliegenden Studie sollen aufgrund der Quellenanalyse neue Aspekte der Thematik dargelegt und Fragestellungen behandelt werden, die in der bisherigen Forschungspraxis noch nicht berücksichtigt worden sind. Neben der Auseinandersetzung mit der Phase der Bauplatzbesetzung wird für deren historische Kontextualisierung die gesamte Geschichte des Widerstands gegen das Bauprojekt in ihren wesentlichen Zügen dargestellt. Dieser Verlauf umfasst die Zeitspanne von den ersten Anfängen der Opposition in den 1960er-­ Jahren bis zur Aufgabe des Bauvorhabens im Jahre 1988. Anhand einer Zusammenfassung der Ereignisse soll dem Leser ein Überblick über die wichtigsten historischen Fakten vermittelt werden. Ferner werden die wesentlichen Voraus-


Fragestellungen

setzungen und Rahmenbedingungen des Konflikts um ein (nuklear-)thermisches Kraftwerk am Standort Kaisersaugst ergründet. Denn nur der Blick auf die gesamte Geschichte des verhinderten Bauprojekts vermag aufzuzeigen, welch ausschlaggebende Bedeutung der Bauplatzbesetzung zukommt – als Angelpunkt zwischen der ersten Phase des Widerstands, in der sämtliche rechtlichen Einsprachemöglichkeiten ausgeschöpft worden waren, und der Zeit nach der Besetzung, die hauptsächlich vom politisch-institutionellen Protest geprägt war.

1.3 Fragestellungen Die vorliegende Untersuchung setzt bei der Tragweite der Besetzung des Baugeländes für das vorgesehene Kernkraftwerk in Kaiseraugst durch AKW-Gegner an. Folgende übergeordneten Fragestellungen sollen über die ganze Arbeit hinweg verfolgt werden: – Welche historischen Rahmenbedingungen waren für den Erfolg der Besetzungsaktion massgebend? Welcher Stellenwert ist der Bauplatzbesetzung innerhalb der Geschichte des Widerstands beizumessen? Aus den dazu gehörenden Basisüberlegungen lassen sich die folgenden Fragenkomplexe ableiten, wobei der Blick auf die Bewegung zunächst weit und danach zunehmend enger gefasst wird: – Wie lässt sich die Bewegung gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst in den Kontext neuer sozialer Bewegungen einordnen? Welche Bezüge zur Studentenbewegung der 1960er-Jahre und zu einem neuen globalen Umweltbewusstsein sind erkennbar? Welche transnationalen Wirkungen zwischen den verschiedenen Anti-AKW-Bewegungen der Region am Hoch- und am Oberrhein sind festzustellen? Welche Bedeutung hatte der Diskurs über Demokratiefragen in neuen sozialen Bewegungen, insbesondere innerhalb der Opposition gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst? – Wie konstituierte sich die Bewegung gegen das AKW Kaiseraugst während der Besetzung und wie wirkte sich ihre Strukturierung auf den Erfolg der Besetzungsaktion aus? Wie kommunizierte die Opposition nach innen und aussen und wie trieb sie die Mobilisierung der AKW-

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Einleitung

Gegner voran? Welche Rolle spielten die Massenmedien im Mobilisierungsprozess? – Inwieweit kommt der GAK bei der Verhinderung des Bauvorhabens eine massgebliche Bedeutung zu? Wie entstand das Netzwerk der Organisation, wie war die Gruppierung strukturiert? – Welchen Stellenwert hatte das Credo des gewaltfreien Widerstands, und wie wurde dieser organisiert? Auf welche Paradigmen und Theorien beriefen sich dabei die zeitgenössischen Akteure? Neben diesen Fragen, die die Konstitution des Widerstands gegen das energie­ wirtschaftliche Infrastrukturprojekt in den Fokus nehmen, sollen auch die Reaktionen mit einbezogen werden, welche die Besetzung bei den Befürwortern des Bauprojekts auslöste.

1.4 Aufbau der Studie Was die Architektur der vorliegenden Studie betrifft, wird – wenn immer möglich – zunächst ein Überblick über den jeweiligen Forschungsgegenstand vermittelt und danach zur Detailanalyse übergegangen. Auf die Einleitung folgt ein knapper Abriss über die soziologische Bewegungsforschung. Darin werden deren wichtige Grundlagen erläutert, da diese für das Verständnis des theoretischen Referenzrahmens der vorliegenden Untersuchung wichtig sind. Anschliessend wird dem Leser die langwierige Geschichte des fast drei Jahrzehnte dauernden Widerstands gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst in zusammengefasster Form präsentiert. In diesem chronologischen Überblick wird in je einem Kapitel die Vorgeschichte der Bauplatzbesetzung, die Phase der Okkupation und der Widerstand gegen das Bauvorhaben bis zu dessen Aufgabe dargelegt. Mit der Positionierung der kurzen Phase der Besetzung im zentralen Teil der dreiteiligen Projektgeschichte wird die Bedeutung dieser entscheidenden Aktion betont, die einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung um das vorgesehene Kernkraftwerk markierte. Die theoretischen Ausführungen über soziale und neue soziale Bewegungen sowie der chronologische Überblick über die Geschichte des Widerstands bilden die Basis für das Verständnis des vierten und fünften Kapitels: Im ersteren wird die Besetzungsaktion im Kontext der neuen sozialen Bewegungen ver-


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Kaiseraugst besetzt! by Schwabe Verlag - Issuu