LHV 46
LHV 46
VOM KULTURKAMPF ZUR BELLE EPOQUE
Der Kanton Luzern 1875 bis 1914
Heidi Bossard-Borner
Die Autorin Heidi Bossard-Borner, geboren 1951, Dr. phil., war Mitarbeiterin der Briefedition Philipp Anton von Segesser und erarbeitete im Rahmen einer Forschungsstelle am Staatsarchiv Luzern die Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die ersten zwei Bände des Projekts erschienen 1998 und 2008: «Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798 bis 1831/50» (LHV 34); «Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831–1875» (LHV 42).
Heidi Bossard-Borner
VOM KULTURKAMPF ZUR BELLE EPOQUE
Der dritte Teil der Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts beleuchtet den Weg des ehemaligen Sonderbundskantons in die schweizerische Normalität des frühen 20. Jahrhunderts. Der für die Luzerner Politik charakteristische konservativ-liberale Dualismus zeigt sich in zwei Gestalten: Die Zusammenarbeit, die im Alltagsgeschäft meist reibungslos funktionierte, wurde immer wieder konterkariert durch erbitterte Machtkämpfe. Als unerschöpfliches Reservoir der Parteipolemik diente dabei die Frage nach dem Verhältnis des Kantons zur römisch-katholischen Kirche, eine Frage, die altvertraut war, im Kulturkampf aber neue Akzente erhielt. Jenseits des Politischen richtet sich der Fokus auf verschiedenste Bereiche des öffentlichen Lebens, so auf Gemeindebeamte, die öffentliches Gut veruntreuten, oder auf die vielen Kinder, die verdingt oder in Erziehungsanstalten versorgt wurden. Weitere Schwerpunkte bilden die wirtschaftliche Entwicklung von Stadt und Landschaft, der Eisenbahnbau mit der Gotthardbahn als Inbegriff aller verkehrspolitischen Visionen und Enttäuschungen, die Arbeitskämpfe, die namentlich im Raum Luzern ausgetragen wurden, sowie die Vereine, die das katholische Milieu strukturierten und damit dem Luzerner Katholizismus einen neuen Charakter verliehen.
I S B N 978-3-7965-3714-1
Schwabe Verlag www.schwabeverlag.ch
000_Umschlag_LHV_46.indd Alle Seiten
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783796 537141
Luzerner Historische Veröffentlichungen
13.11.17 07:59
Luzerner Historische VerĂśffentlichungen Band 46
Herausgegeben vom Staatsarchiv des Kantons Luzern und vom Stadtarchiv Luzern Redaktion: AndrĂŠ Heinzer
Bearbeitet und publiziert im Rahmen der Geschichte des Kantons Luzern, herausgegeben im Auftrag des Regierungsrates des Kantons Luzern
Heidi Bossard-Borner
Vom Kulturkampf zur Belle Epoque Der Kanton Luzern 1875 bis 1914
Schwabe Verlag
Im Rahmen der Geschichte des Kantons Luzern sind früher erschienen: Wilhelm Schnyder, Karl Meyer, Peter Xaver Weber, Geschichte des Kantons Luzern von der Urzeit bis zum Jahre 1500, Band 1, 1932 (vergriffen) Sebastian Grüter, Geschichte des Kantons Luzern im 16. und 17. Jahrhundert, Band 2, 1945 Hans Wicki, Bevölkerung und Wirtschaft des Kantons Luzern im 18. Jahrhundert (Luzerner Historische Veröffentlichungen Band 9), 1979 Hans Wicki, Staat, Kirche, Religiosität. Der Kanton Luzern zwischen barocker Tradition und Aufklärung (Luzerner Historische Veröffentlichungen Band 26), 1990 Heidi Bossard-Borner, Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798–1831/50 (Luzerner Historische Veröffentlichungen Band 34), 1998 Heidi Bossard-Borner, Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875 (Luzerner Historische Veröffentlichungen Band 42), 2008
Abbildung auf dem Umschlag: «Ein Kreuzzug.» Ausschnitt aus einer liberalen Flugschrift von 1905. Vgl. Abb. 11.
© 2017 Schwabe Verlag, Schwabe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Dominik Sieber, Zürich Druck: Schwabe AG, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3714-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3735-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Vorwort
In memoriam Fritz Glauser (1932–2015) Der vorliegende dritte Band setzt den Schlussstein zur Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit seinem Erscheinen, das ein gutes Jahr nach der formellen Pensionierung erfolgt, findet meine Tätigkeit als Bearbeiterin der Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts ihr definitives Ende. Das ist Anlass für ein Innehalten, in dem sich die Wehmut des Abschieds vermischt mit der Erleichterung über den Abschluss eines Projekts, das mich beinahe drei Jahrzehnte lang beschäftigt hat. Vor allem aber ist es Anlass, noch einmal in Dankbarkeit der Personen und Institutionen zu gedenken, ohne deren Zutun die Vollendung des Werks nicht möglich gewesen wäre. Zuvorderst steht dabei der Widmungsträger: Der Luzerner Staatsarchivar Fritz Glauser entwickelte in den 1980er Jahren die Vision einer Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts und machte ihre Realisierung mit der ihm eigenen Verbindung von Diplomatie und Beharrlichkeit möglich. Er war es auch, der mich ermunterte, dieses Langzeitprojekt anzupacken. Ebenso zu danken habe ich Fritz Glausers Nachfolgern im Amt des Staatsarchivars, Anton Gössi und Jürg Schmutz. Auch sie boten mir im Staatsarchiv des Kantons Luzern ein ideales Arbeitsumfeld und begleiteten das Entstehen des Werks mit wohlwollendem Interesse. Staatsarchivar Jürg Schmutz und Stadtarchivarin Daniela Walker sorgten zudem als Vertreter der Herausgeberschaft dafür, dass auch der dritte Band der Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts in der Reihe der Luzerner Historischen Veröffentlichungen erscheinen konnte. Um die Kantonsgeschichte verdient machten sich nicht zuletzt die zuständigen Mitglieder des Luzerner Regierungsrats, Brigitte Mürner-Gilli, Ulrich Fässler, Paul Huber, Yvonne Schärli-Gehrig und Paul Winiker, die über verschiedene Departements- und Personalwechsel hinweg das Unternehmen Kantonsgeschichte mittrugen und ungeachtet aller Sparzwänge seine finanzielle Ausstattung gewährleisteten. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Staatsarchivs danke ich für die freundschaftliche Kollegialität, mit der sie mir über all die Jahre begegnet sind. Der fachliche Austausch in den täglichen Kaffeepausen sorgte immer wieder für Anregungen, und die Möglichkeit, einzelne konkrete Sachprobleme quasi zwischen Tür und Angel zu besprechen, kam dem Fortgang der Arbeit zugute. Namentlich erwähnt sei André Heinzer, der Redaktor der LHV, der mich bei der Drucklegung und beim Korrekturlesen als engagierter und verlässlicher Partner begleitet hat. Gregor Egloff hat wie schon bei den ersten beiden Bänden die Druckvorlagen der Karten bearbeitet, Christina Dentler die fotografischen Vorlagen für die meisten Abbildungen hergestellt. In den verschiedenen anderen Archiven und Bibliotheken, in denen ich gearbeitet habe, ist man auf meine Wünsche stets bereitwillig eingegangen. Besonders zu Dank verpflichtet bin ich in diesem Zusammenhang den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Direktion der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. Der Schwabe Verlag hat die Drucklegung in gewohnt souveräner Art betreut. Besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang der Lektorin Julia Grütter Binkert.
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Dominik Sieber hat im Auftrag des Verlags das Korrektorat übernommen und mit seiner Akribie wesentlich mitgeholfen, die Fehlerquote zu minimieren. Das günstige professionelle Umfeld bildete die Voraussetzung für das Entstehen der Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Allerdings wäre mir wohl angesichts der Dimensionen des Projekts irgendwann «der Schnauf ausgegangen», wenn nicht weitere positive Faktoren dazugekommen wären. Wichtig war die Komplexität der Aufgabe. So begrenzt das Thema Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts vordergründig erscheinen mag, so breit ist das Spektrum der Detailfragen. Die Vielseitigkeit der Forschungsarbeit forderte mich immer wieder von neuem heraus und ließ keinen Überdruss aufkommen. Hilfreich waren zudem die positiven Rückmeldungen auf die bereits erschienenen Bände, die, oft verbunden mit der diskreten oder auch drängenden Nachfrage nach der Fortsetzung, Anlass zur Hoffnung gaben, dass auch der Schlussband eine freundliche Aufnahme finden werde. Entscheidend war schließlich die Unterstützung, die ich im engsten privaten Kreis erleben durfte. So gilt der letzte Dank wiederum meinem Mann Rudolf Bossard für das Mitdenken und Mitfühlen, mit dem er meine Arbeit Tag für Tag begleitet hat. Luzern, Ende Juni 2017
Heidi Bossard-Borner
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5 Einleitung 11 1. Politik und Parteien 1.1 Wahlen als Spiegel des politischen Lebens 1.1.1 Die Großratswahlkreise und ihre Charakteristik 1.1.2 Die Großratswahlen 1879 1.1.3 Die Wahlkreisreform 1882 und die Wahlen 1883 und 1887 1.1.4 1890/91 – Verfassungsrevision und Wahlkampf im Zeichen der Konfrontation 1.1.5 Von der Proporzinitiative 1893 zu den Großratswahlen 1895 1.1.6 1896–1899 – Die dritte Partei etabliert sich 1.1.7 1902–1905 – Gewichtsverschiebungen und neue Allianzen 1.1.8 Die Großratswahlen 1907 und die Volkswahl des Regierungsrats 1.1.9 Der Weg zum Proporz und die Wahlen 1911
17 17 18 22 29 34 46 54 57 62 65
Die Großratswahlen 1911
1.2 Verfassungsgeschichte im Zeichen der demokratischen Rechte 1.2.1 1882 – Die demokratische Legitimierung der Todesstrafe 1.2.2 Die Verfassungskämpfe 1890/91 1.2.3 Die Verfassungsrevision 1904 1.2.4 Die liberale Verfassungsinitiative 1905 2. Der Kulturkampf im Kanton Luzern 2.1 Von der altkatholischen Bewegung zur christkatholischen Kirche 2.1.1 Die Stadt Luzern: Römisch-katholische Kirchgemeinde mit altkatholischer Verwaltung 2.1.2 Die christkatholische Diaspora auf der Landschaft
78 79 84 88 90 105 105 106 112
Der Fall Wolhusen
2.1.3 Die Christkatholische Genossenschaft Luzern und der Streit um Mariahilf 2.1.4 Die Organisation des religiösen Lebens 2.2 Kulturkampf um die Schule 2.2.1 Der Streit um die Lehrschwestern von Ruswil und Buttisholz
123 138 142 143
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2.2.2 Die Kantonsschule 2.2.3 Die Neuausrichtung der Volksschule 2.3 Katholisch-konservative Kirchenpolitik zwischen staatskirchenrechtlicher Tradition und Ultramontanismus 2.3.1 Die Ära Segesser 2.3.2 Mehr Spielraum für die Kirche 3. Politik und Verwaltung – Zwischen Wunschdenken und Notwendigkeit 3.1 Finanzpolitik im Spannungsfeld von Parteipolemik und Realität 3.1.1 Die Revision des Armen- und des Steuergesetzes 3.1.2 Wie viel Geld braucht der Staat? 3.2 Problemfelder im Gemeindewesen 3.2.1 Gemeinden mit Finanzproblemen
157 162 173 173 182 193 193 193 202 213 214
Buchs – Schachen – Alberswil – Richensee und Mosen
3.2.2 Inkompetent, nachlässig, ungetreu: Probleme mit Gemeindebeamten 223 3.3 Das Sozialwesen zwischen Fürsorge und Disziplinierung 232 3.3.1 Kinder als Objekte der Armenpflege 232 Verdingkinder – Die Erziehungsanstalt Rathausen – Die Rettungsanstalt S onnenberg
3.3.2 Kantonale Anstalten
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Die Zwangsarbeitsanstalt – Das Kantonsspital – Die «Anstalt für bildungsfähige schwachsinnige Kinder» in Hohenrain
4. Wirtschaft, Bevölkerung, soziales Leben 4.1 Konjunktur und Krise 4.1.1 Die Luzerner Wirtschaft am Vorabend der Krise 4.1.2 Die Krise der 1870er und 1880er Jahre
267 267 267 271
Konkurse in der Stadt Luzern – Die Krise der Landwirtschaft und das Problem der Hypothekarverschuldung
4.2 Die Luzerner Wirtschaft im Zeichen des Wachstums 4.2.1 Der Weg aus der Agrarkrise 4.2.2 Die Stadt Luzern in der Belle Epoque 4.2.3 Die Industrie
283 283 293 310
Der lange Weg aus der Krise – Die Papierfabrik Perlen – Das Beispiel Sursee – Elektrizität – Die Industrie vor und nach der Jahrhundertwende – Der Fall H ochdorf
4.3 Der Ausbau des Eisenbahnnetzes 4.3.1 Vision und Realität – Luzern und die Gotthardbahn 4.3.2 Die Seetalbahn 4.3.3 Die Kriens-Luzern-Bahn
334 335 353 361
IN HA LT SV ERZ EICH N IS
4.3.4 Die Huttwil-Wolhusen-Bahn 4.3.5 Die Normalspurbahn von Sursee nach Triengen 4.3.6 Die Verlängerung der Seetalbahn nach Beromünster 4.3.7 Die Frage des Eisenbahnrückkaufs 4.4 Arbeitskämpfe 4.4.1 Streiks im späten 19. Jahrhundert
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366 369 374 380 391 392
Die italienischen Maurer organisieren sich – Der Typographenstreik 1897 – Der Maurerstreik 1897
4.4.2 Die Arbeitskämpfe der Jahre 1902 bis 1914
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Der Spenglerstreik 1903, der Gipserstreik 1904/05 und die Frage eines Streik gesetzes – Der Streik bei von Moos 1905 – Die Malerstreiks 1905 und 1907 und die christlich-sozialen Gewerkschaften – Die Schreinerstreiks 1908 und 1911 – Das Streikjahr 1912 und der erneute Ruf nach einem Streikgesetz
4.5 Aspekte der Bevölkerungsentwicklung 4.5.1 Wachstumsregionen 4.5.2 Ehe, Geburt, Tod 4.5.3 Ansteckende Krankheiten
419 419 425 428
Die Tuberkulose
4.5.4 Veränderungen des konfessionellen Gefüges
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Protestanten – Die jüdische Gemeinschaft
4.5.5 Zum Bestattungswesen 4.6 Facetten des Vereinswesens 4.6.1 Vereinszweck: Gemeinnützigkeit 4.6.2 Berufsorganisationen und Gewerkschaften 4.6.3 Politische Vereine und Parteien 4.6.4 Die Vereine des katholischen Milieus
444 446 448 455 460 463
Zum Schluss
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Tabellen 21–25
489
495 Quellen und Literatur Ungedruckte Quellen 495 Zeitungen 498 499 Gedruckte Quellen und zeitgenössische Literatur Literatur 503 Verzeichnis der Tabellen, Karten und Abbildungen
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Register 517
Einleitung
Der dritte und letzte Teil der Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts umfasst den Zeitraum vom Kulturkampf, der in den 1870er Jahren das öffentliche Leben beherrschte, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der im Sommer 1914 die Belle Epoque jäh beendete. Mit der Darstellung der letzten Jahrzehnte des «langen Jahr hunderts» schließt der dritte Teil chronologisch am zweiten an, der 2008 unter dem Titel Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875 erschienen ist.1 Verschiedene Themen, die dort zur Sprache gekommen sind, werden hier wieder aufgegriffen und weiterverfolgt. Allerdings kann der Faden, der sich von der Regeneration über die Sonderbundszeit bis zur Bundesrevision von 1874 durch den ganzen zweiten Teil zieht, nur bedingt weitergesponnen werden. Die Charakteristik des späten 19. Jahrhunderts ist eine andere als die der vorhergehenden Periode. Die Verdichtungen des politischen Geschehens mit ihrer Verknüpfung von Kantonalem und Eidgenössischem, die der Luzerner Geschichte von der Helvetik bis in die frühen 1870er Jahre ihren quasi epischen Zug verleihen und sich zu einem mehr oder weniger kontinuierlichen Erzählstrang fügen, fehlen nach 1875. Luzern schreibt nicht mehr Schweizer Geschichte, sondern ist als ein Kanton unter anderen auf sich selbst und seine beschränkten Kompetenzen zurückgeworfen. Einzig im Streit um die Lehrschwestern von Ruswil und Buttisholz gingen vom Kanton Luzern nochmals wichtige Impulse auf die eidgenössische Politik aus, lieferten die Dorfstreitigkeiten doch den unmittelbaren Anlass für jene schulpolitische Offensive des Bundes, die in der Schulvogt-Abstimmung von 1882 kläglich scheitern sollte. Angesichts dieser Gegebenheiten hat sich das chronologische Konzept, das den beiden ersten Bänden zugrunde liegt, nicht bis 1914 durchziehen lassen. Stattdessen orientieren sich die vier Hauptkapitel des vorliegenden Bandes an thematischen Schwerpunkten, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Der erste Schwerpunkt liegt auf der Politik. Auch wenn der Luzerner Politik seit 1875 die großen Dimensionen abgehen und sie sich meist im kurzatmigen Tagesgeschäft erschöpft, entbehrt das Geschehen keineswegs der Spannung. Die Bühne ist zwar kleiner, die Entscheidungen haben eine geringere Tragweite, die Resonanz reicht selten über die Kantonsgrenzen hinaus; doch sobald der parteipolitische Aspekt ins Spiel kommt, sind die Akteure und das Publikum mit ebenso viel Eifer wie Emotionalität bei der Sache. Die Geschichtsschreibung muss diese Emotionalität als wesentliches Element der gelebten Wirklichkeit ernst nehmen. Die parteipolitischen Kontroversen finden deshalb die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und werden hier unter zwei Blickwinkeln betrachtet. Der erste (1.1) fokussiert auf die Wahlkämpfe und zeichnet ihren Verlauf von 1875 bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs nach. Im Zentrum stehen die Großratswahlen; daneben kommen auch eidgenössische und kommunale Wahlen zur
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Bossard-Borner, Im Spannungsfeld.
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Sprache. Der zweite Ansatz (1.2) geht von der Verfassungsgeschichte aus und verfolgt namentlich die Auseinandersetzungen um die Erweiterung des direktdemokratischen Instrumentariums. Unter beiden Blickwinkeln wird klar, wie stark die kantonale Politik auch nach 1875 vom Antagonismus zwischen Liberalen und Konservativen bestimmt wurde. Erst mit dem Auftreten der sozialdemokratischen «Arbeiterpartei», die sich im Raum Luzern seit den 1890er Jahren als dritte politische Kraft etablieren konnte, kam ein neues Element in die parteipolitische Landschaft des Kantons. Der zweite thematische Schwerpunkt liegt auf der Kirchenpolitik. Sie war eng mit der Parteipolitik verknüpft und nahm angesichts der Mehrheitsverhältnisse zeitweise den Charakter eines Kulturkampfs mit umgekehrten Vorzeichen an: Im Kanton Luzern stand nicht die Kirche unter Druck; vielmehr gerieten hier die kirchenkritischen Kräfte immer mehr in die Defensive. Wie sich diese Konstellation im Detail entwickelte, wird anhand der Geschichte der christkatholischen Gemeinschaft und des ebenso langwierigen wie unerquicklichen Rechtsstreits um die Mariahilfkirche aufgezeigt (2.1). Ausführlich behandelt werden auch die Auswirkungen des kulturkämpferischen Klimas auf die Schule; im Fokus stehen neben der Lehrschwesternfrage vor allem die Kantonsschule und das Lehrerseminar Hitzkirch (2.2). Das abschließende Kapitel über die Beziehungen der Kantonsbehörden zu den Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche zeichnet die allmähliche Aushöhlung des staatskirchlichen Instrumentariums und die Bemühungen um eine Neuordnung des Staatskirchenrechts nach. Die Darstellung greift hier über die Epochengrenze von 1914 hinaus bis ins Jahr 1931, in dem das Wessenbergkonkordat von 1806 formell aufgehoben wurde (2.3). Während die ersten zwei Schwerpunkte stark von den parteipolitischen Kontroversen geprägt sind, stehen beim dritten Sachfragen im Vordergrund. Unter dem Motto «Zwischen Wunschdenken und Notwendigkeit» werden verschiedene Aspekte der staatlichen Verwaltungstätigkeit beleuchtet. Die Diskrepanz zwischen dem Wünschbaren und dem Möglichen ist besonders im Bereich des Steuerwesens und der Finanzpolitik allenthalben greifbar (3.1). Der Blick auf die Gemeinden, die in akute Finanznöte gerieten oder vom weitverbreiteten Phänomen der ungetreuen Gemeindebeamten betroffen waren, offenbart, wie heikel es sein konnte, wenn sich mangelnde Professionalität vor Ort mit einer allzu laschen Handhabung der staatlichen Aufsicht verband (3.2). Die Frage nach dem Umgang mit armen Kindern gibt Anlass zur näheren Betrachtung der gängigen Versorgungspraxis; neben dem traditionellen Verdingen erhielt die Unterbringung in Heimen wie der Erziehungsanstalt Rathausen wachsende Bedeutung (3.3.1). In diesem Zusammenhang wird auch die Geschichte der Rettungsanstalt Sonnenberg in Kriens nachgezeichnet. Schließlich belegt das Nebeneinander von Zwangsarbeitsanstalt und Kantonsspital, die beide als «Armenanstalten» gegründet wurden, wie eng nach dem zeitgenössischen Verständnis Fürsorge und Repression im Sozialwesen zusammengehörten (3.3.2). Den drei thematischen Schwerpunkten Parteipolitik, Kulturkampf und Verwaltung ist gemeinsam, dass in ihnen Kantonsgeschichte als Geschichte eines staatlichen Organismus vermittelt wird. Im vierten Teil kommt eine andere Perspektive zur Geltung; im Vordergrund dieses Großkapitels, das vom Umfang und der inhaltlichen Breite her eine Art «zweite Abteilung» des Buches bildet, stehen die Realien des Alltagslebens. Das Spektrum reicht von der Wirtschaft über die Bevölkerungsgeschichte bis zu einzelnen Erscheinungsformen des sozialen Lebens wie den Arbeitskämpfen, die vor allem im
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Raum Luzern häufig aufflammten, und den Vereinen, die durch ihr Engagement ein wesentliches Stück des sozialen Lebens mitgestalteten. Im Bereich der Wirtschaft stehen zunächst die Auswirkungen der «großen Depression» der 1870er Jahre im Mittelpunkt (4.1). Das folgende Kapitel (4.2) untersucht die wirtschaftliche Entwicklung von den späten 1880er Jahren bis zum Krieg; das Augenmerk liegt hier zum einen auf der Landwirtschaft, zum andern auf dem beschleunigten Wachstum und der touristischen Vermarktung der Stadt Luzern und zum dritten auf der Fabrikindustrie, die in einzelnen Regionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor wurde. Eng mit der Wirtschaft verknüpft war die Eisenbahn als wichtigstes V erkehrsmittel. Wie sehr dieser Zusammenhang im späten 19. Jahrhundert wahr- und ernstgenommen wurde, zeigen die Fallstudien über die Eisenbahnlinien, die im Kanton Luzern zwischen 1875 und 1914 gebaut wurden (4.3). Neben den verschiedenen Regionalbahnen kommt hier auch der direkte Anschluss an die Gotthardbahn via Meggen–Immensee zur Sprache – für Luzern ein Herzstück des Nord-Süd-Verkehrs, aus der Sicht der eidgenössischen Verkehrspolitik dagegen nicht mehr als eine potentiell unrentable Nebenlinie. Einem Modernisierungsphänomen widmet sich das Kapitel über die Arbeitskämpfe (4.4): Seit den späten 1880er Jahren entstanden im Umfeld der Stadt eine Reihe von Gewerkschaften, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten und zur Durchsetzung ihrer Ziele auch vor Streiks nicht zurückschreckten. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang das Verhalten der Kantonsregierung, die dem Streikrecht einen hohen Stellenwert einräumte und sich von den Arbeitgebern nur in wenigen Ausnahmefällen zu einer Intervention drängen ließ. Das Thema Bevölkerungsentwicklung (4.5) wird von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Die demographischen Grunddaten werden verbunden mit einer Analyse der regionalen Verhältnisse, die aufzeigt, wie groß die Spannweite zwischen stark wachsenden und stagnierenden oder gar schrumpfenden Gemeinden war. Der Rückgang der Sterblichkeit gibt Anlass, die Entwicklung einiger epidemischer Krankheiten nachzuzeichnen. Ebenfalls thematisiert werden die Folgen, die das Bevölkerungswachstum für die konfessionellen Verhältnisse hatte. Den Schluss bildet ein kurzer Blick auf das Begräbniswesen, das wegen des Wachstums und der stärkeren konfessionellen Durchmischung der Bevölkerung mit neuen Herausforderungen konfrontiert war. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem Aufschwung des Vereinswesens im 19. Jahrhundert (4.6). Dabei gilt das Interesse in erster Linie jenen Vereinen, die durch ihr gemeinnütziges Engagement, als Berufsorganisationen oder im Umfeld der Parteien aktiv an der Gestaltung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse teilhatten. Ausführlich gewürdigt werden auch die spezifisch katholischen Vereine und ihr Beitrag zur organisatorischen Strukturierung jenes katholischen Milieus, das im späten 19. Jahrhundert entstand und das Erscheinungsbild des Luzerner Katholizismus jahrzehntelang bestimmen sollte. Als Schlussband der «Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts» ist dieses Buch Teil eines Forschungsprojekts, das die Autorin während fast drei Jahrzehnten beschäftigt hat. Über die Ursprünge und die Konzeption des Unternehmens informiert die Einleitung zum ersten Band, Im Bann der Revolution.2 Was dort über die Eigenheiten des Gegen-
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Bossard-Borner, Im Bann, 11ff.
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stands und über die methodischen Implikationen, die sich daraus ergeben, ausgeführt wurde, behält seine Gültigkeit und muss hier genauso wenig wiederholt werden wie die Erläuterungen zu den Parteibezeichnungen in Band II3. Allerdings hat die Autorin inzwischen an Alter und Erfahrung zugelegt und ist noch skeptischer geworden gegenüber vermeintlich eindeutigen Befunden. Mehr denn je habe ich mich deshalb bemüht, möglichst nahe an den Fakten zu bleiben, ohne dabei zu verdrängen, dass zum einen das Faktische nur bruchstückhaft überliefert ist und zum andern das Sichten und Bewerten der überlieferten Fakten zum Kerngeschäft des historischen Handwerks gehört. Entscheidend scheint mir in jedem Fall, transparent zu machen, auf welcher Grundlage meine hermeneutischen Aussagen beruhen. Was die Quellen selbst betrifft, stehen auch in diesem Band die Bestände des Staatsarchivs Luzern im Vordergrund. Neben dem staatlichen Material erwiesen sich auch etliche Privatarchive, die im Staatsarchiv aufbewahrt werden, als ergiebig; besonders hervorzuheben sind in diesen Zusammenhang die Archive verschiedener katholischer Vereine und Organisationen. Eine weitere wichtige Quellengattung sind die Zeitungen in ihrer Doppelfunktion als Organe der Meinungspresse, die die parteipolitischen Kontroversen mitgestalten, und als Lieferanten von Sachinformationen. Zum Problem wird hier die schiere Menge des Materials. Anders als bei der Arbeit an Im Spannungsfeld von Politik und Religion war es für das spätere 19. Jahrhundert nicht mehr möglich, die Presse über einen längeren Zeitraum hinweg systematisch auszuwerten; aus Gründen der Arbeitsökonomie musste ich mich auf das Umfeld bestimmter Ereignisse und Daten konzentrieren. Viel Material zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bieten schließlich die Luzerner Adress-Bücher. Die Reihe, deren Bände ab 1877 in periodischen Abständen erschienen, erfasst nicht nur die Einwohner und Geschäftsbetriebe sowie die Vereine der Stadt Luzern, sondern auch das Gewerbe in den Gemeinden der Landschaft. Während die Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts ihren Gang genommen hat, sind zahlreiche größere und kleinere historische Arbeiten veröffentlicht worden, deren Ergebnisse in das vorliegenden Buch eingeflossen sind. Wertvolle Impulse verdanke ich namentlich Andrea Willimanns Untersuchung über die Industrie in Sursee4 sowie den verschiedenen Publikationen über die Zustände in Kinderheimen und Erziehungsanstalten.5 Anzusprechen ist im weiteren die 2013 erschienene Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Der Kanton Luzern im 20. Jahrhundert.6 Das «lange 20. Jahrhundert», das Gegenstand dieses Werks ist, überschneidet sich in seiner Frühzeit mit der Spätphase des «langen 19. Jahrhunderts». Auf den ersten Blick mag es befremden, dass die gleiche Periode in zwei Publikationen abgehandelt wird, die, beide vom Kanton Luzern initiiert, kurz nacheinander erscheinen. Der Verdacht, die zeitliche Überschneidung führe zu unnötigen Wiederholungen, ist allerdings unbegründet: Die Binsenwahrheit, gemäß der in der Geschichtsforschung ein Thema nie erschöpft ist, bewährt sich auch hier, und die unterschiedlichen Perspektiven verleihen dem Bild der Periode zusätzliche Tiefenschärfe. Im übrigen veranschaulicht ein Vergleich der Kantonsge3 4 5
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Bossard-Borner, Im Spannungsfeld, 15ff. Willimann, Fabrikindustrialisierung. Akermann/Furrer/Jenzer, Bericht; Ingenbohler Schwestern; Ries/Beck, Hinter Mauern; Walker, Waisenhaus. Kanton Luzern 20. Jahrhundert.
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schichte des 20. Jahrhunderts mit den Bänden über das 19. Jahrhundert, wie zutreffend die Feststellung ist, eine Kantonsgeschichte könne «auf ebenso viele Arten geschrieben und betitelt werden, wie es Autorinnen und Autoren (sowie Redaktorinnen, Beiräte und Projektleiter) gibt».7 Schon äußerlich sind die Unterschiede unverkennbar: Das 19. Jahrhundert ist – wie schon Hans Wickis Beiträge zum 18. Jahrhundert8 – bei den Luzerner Historischen Veröffentlichungen beheimatet, die in ihrem nüchternen Erscheinungsbild den Text in den Vordergrund stellen. Beim 20. Jahrhundert ist man bewusst von diesem Modell abgerückt zugunsten einer Gestaltung, die die graphischen Elemente und die Abbildungen stark gewichtet und damit ein «breites Publikum» ansprechen will. Erhebliche Unterschiede bestehen auch in der Art, wie der Kanton Luzern als Auftraggeber die beiden Projekte auf den Weg gebracht hat. Der Auftrag für die Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts hat der Historikerin im Sinne eines mittlerweile beinahe anachronistisch anmutenden Verständnisses von freier wissenschaftlicher Arbeit den Spielraum gegeben, als Einzelkämpferin in selbstverantworteter Forschung ihre Gesamtsicht des Jahrhunderts zu erarbeiten. Das Projekt zum 20. Jahrhundert war dagegen dem aktuellen Effizienz- und Kontrolldenken verpflichtet; es verteilte die Arbeit auf mehr als 20 Autorinnen und Autoren, die vom Projektleiter, der Redaktorin und dem wissenschaftlichen Beirat begleitet wurden und an einen rigiden Terminplan gebunden waren. Beide Ansätze haben ihre Vor- und ihre Nachteile; beide sind legitim und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Im besten Fall verleiht ihr Nebeneinander der Luzerner Geschichtsschreibung zusätzliche Farbigkeit. Seit ich mit der Arbeit an der Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts begonnen habe, ist die Geschichte ihrerseits in der weiten Welt und im Kanton Luzern weiter vorangeschritten. Damit entfernt sich auch der persönliche Erfahrungshorizont der potenziellen Leserinnen und Leser mehr und mehr vom Gegenstand dieses Buches. Dabei geht es nicht nur um den Graben, der die gegenwärtige Alltagswelt von der des Fin de Siècle trennt, sondern um das Abbrechen von Traditionslinien, die bis ins spätere 20. Jahrhundert Bestand hatten. Der Katholizismus, der für den Kanton Luzern so lange charakteristisch war, hat seine Funktion als Basis der kollektiven Identität und prägendes Element des öffentlichen Lebens verloren; geblieben sind ein paar katholische Feiertage, über deren religiösen Hintergrund ein großer Teil der «Feiernden» nichts mehr weiß. Die CVP als Erbin der einstmals staatstragenden Konservativen ist zwar noch immer die wählerstärkste Partei im Kanton; ihr Anteil ist aber auf knapp 31 Prozent geschrumpft. Die Liberalen der FDP sind vom zweiten Rang verdrängt worden durch die SVP, die, als Kantonalpartei erst 1992 gegründet, 2015 einen Wähleranteil von 24 Prozent erreicht hat.9 Auch auf der Ebene der staatlichen Strukturen hat sich in kurzer Zeit vieles verändert. Der territoriale Bestand der Gemeinden, der seit 1897 über mehr als hundert Jahre hinweg unverändert geblieben war, ist in Bewegung geraten; durch die verschiedenen Fusionen hat sich die Zahl der Gemeinden bis 2016 von 107 auf 83 vermindert. Der typisch luzernische Dualismus von Einwohner- und Bürgergemeinde ist verschwunden. Die Kantonsverfassung von 2007 hat die fünf Ämter eliminiert und
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Kanton Luzern 20. Jahrhundert I, 7. Wicki, Bevölkerung; Wicki, Kirche. LUSTAT 2016, 364; Furrer, Parteien, 239ff.
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altvertraute Begriffe geopfert: Der Große Rat heißt seither Kantonsrat, und an die Stelle des Schultheißen ist der Regierungspräsident oder die Regierungspräsidentin getreten. Der Hinweis darauf, wie viele Traditionslinien abgebrochen sind, entspringt nicht einer nostalgischen Anhänglichkeit an das Alte. Vielmehr geht es mir um das Gespür dafür, wie schnell Dinge, die eben erst noch vertraut und unmittelbar nachvollziehbar waren, fremd werden können. Bedeutsam ist dies vor allem deshalb, weil die Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht nur für die Fachkundigen aus der historischen Zunft geschrieben worden ist, sondern trotz ihres vielleicht etwas spröde wirkenden Erscheinungsbilds sehr wohl den Anspruch hat, alle anzusprechen, die sich mit der Geschichte des Kantons Luzern beschäftigen. Diesem Anspruch folgend, habe ich im Text Begriffe, die nicht mehr allgemein verständlich sind, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig erklärt. Wenn ich dabei das richtige Maß getroffen habe und es mir gelungen ist, die Luzerner Geschichte des späten 19. Jahrhunderts auch den historisch interessierten Laien, diesen «Dilettanten» im besten Sinn des Wortes, zugänglich zu machen, dann hat dieses Buch einen wesentlichen Teil seiner Zweckbestimmung e rreicht.
1. Politik und Parteien
Verglichen mit der Dramatik, die das politische Leben des Kantons Luzern von 1830 bis in die frühen 1870er Jahre charakterisiert hatte, wirken die vier Jahrzehnte von 1875 bis zum Ersten Weltkrieg auffallend ruhig. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Politik im Luzerner Mikrokosmos auch nach 1875 eine zentrale Rolle spielte und wie eh und je mit großen Emotionen verbunden war. Die Emotionen nährten sich aus dem bipolaren Parteiensystem. Auch wenn in den 1890er Jahren mit den Sozialdemokraten eine dritte Partei ins Spiel kam, blieb die kantonale Politik geprägt durch den Gegensatz zwischen den Konservativen mit ihrer unanfechtbaren Mehrheit und der liberalen Minderheit, die gleichzeitig Opposition und Juniorpartner im Regierungsrat war – eine Doppelrolle, die namentlich für die liberalen Regierungsräte ihre prekären Seiten hatte. Zusätzlich akzentuiert wurde der Antagonismus durch die Rivalität zwischen dem konservativ dominierten Kanton und der Stadt Luzern, in der die Liberalen das Sagen hatten. Im Folgenden soll zunächst anhand der Wahlkämpfe und Wahlergebnisse von 1875 bis 1911 die Entwicklung des parteipolitischen Kräftespiels nachgezeichnet werden. Das zweite Kapitel beschäftigt sich anschließend mit dem Ausbau der demokratischen Strukturen, einem staatspolitischen Anliegen, das von Konservativen und Liberalen gleichermaßen unterstützt, aber in unterschiedlicher Form interpretiert wurde.
1.1 Wahlen als Spiegel des politischen Lebens Als die Luzerner Konservativen im Mai 1871 nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Opposition die Großratswahlen gewannen, war das ein epochales Ereignis. Das überraschend deutliche Resultat markierte nicht einfach eine Phase im Auf und Ab der Wählergunst, sondern einen radikalen Umbruch. Die konservative Vorherrschaft, die damals inauguriert wurde, sollte das Gesicht des Kantons bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus prägen. Auf den Umbruch von 1871 folgte vier Jahre später die Konsolidierung des neuen Machtgefüges: Die Konservativen hielten nun 88 Mandate; den Liberalen blieben noch 48. In den folgenden drei Jahrzehnten pendelte sich der Anteil der Konservativen bei 87 bis 94 Sitzen ein, jener der Liberalen schwankte zwischen 41 und 50. Als schließlich 1907 die letzte Gesamterneuerung unter dem Majorzsystem stattfand, lautete das Resultat wie schon 1875 88 Konservative gegen 48 Liberale.1 Das tönt nach einem ausgesprochen stabilen System. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass wesentlich mehr Dynamik im Spiel war, als die nackten Zahlen suggerieren. Jedes Wahljahr und jeder Wahlkreis hatte seine eigene Charakteristik. Es gab lokale Dramen. Es gab Wahlkreise, die die Parteirichtung wechselten. Außerdem kam es wegen der Bevölkerungs-
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Tabelle 21a/b im Anhang.
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bewegung zu Sitzverschiebungen: Schrumpfende Wahlkreise verloren Mandate oder mussten zusammengelegt werden; Regionen, in denen die Bevölkerung wuchs, erhielten dagegen zusätzliche Sitze. So zählte der Große Rat von 1907 nicht mehr 136, sondern 143 Mitglieder. Neben den 48 Liberalen und 88 Konservativen gehörten ihm sieben Vertreter der sozialdemokratischen Linken an, die veranschaulichten, dass die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen des späten 19. Jahrhunderts zumindest in der Agglomeration Luzern auch auf die Politik zurückwirkten.
1.1.1 Die Großratswahlkreise und ihre Charakteristik Wenn man das Wechselspiel von Statik und Dynamik überblickt, das die Zusammensetzung des Großen Rates von 1875 an bis zur Einführung des Proporzwahlrechts bestimmte, werden verschiedene Muster erkennbar. Mehr als die Hälfte aller Wahlkreise blieben über neun Legislaturperioden hinweg fest in der Hand einer Partei. Sie bildeten das Fundament des politischen Systems und garantierten, dass die Schwankungen, die anderswo vorkamen, das Gesamtgefüge nicht erschüttern konnten. In solchen Parteibastionen waren die Mehrheitsverhältnisse oft derart eindeutig, dass die Opposition zu den Wahlen gar nicht antrat. In Hohenrain, Buttisholz, Luthern oder Hasle blieben die Konservativen an den Wahltagen in der Regel ebenso unter sich wie die Liberalen in Büron oder Reiden. Daneben gab es aber auch die Fälle, in denen die Minderheit trotz der hoffnungslosen Ausgangslage beharrlich Präsenz markierte. So traten die Konservativen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig in Escholzmatt an, obwohl die Liberalen hier seit 1875 mit einem Stimmenanteil um die 60 Prozent klar dominierten. Genauso vergeblich versuchten die Liberalen ihr Glück immer wieder im konservativen Knutwil. Dort, wo der Stachel der Opposition fehlte, leistete sich die Mehrheitspartei gelegentlich den Luxus interner Machtkämpfe. So wurde in Hohenrain 1887 Großrat Estermann-Leu durch einen Konkurrenten aus der eigenen Partei verdrängt. Im selben Jahr kandidierten in Sempach drei Konservative für zwei Sitze und in Schüpfheim vier für drei Sitze. 1883 traten die Büroner Liberalen mit beiden Bisherigen an, obwohl im Wahlkreis nur noch ein Sitz zu vergeben war, und in Kriens machte eine wilde liberale Liste den offiziellen Kandidaten Konkurrenz. 1895 und 1899 lebten die Liberalen in der Stadt Willisau persönliche Rivalitäten aus.2 Besonders wenig Parteidisziplin zeigten die konservativen Nottwiler. Nachdem ihr Wahlkreis 1882 mit Oberkirch vereinigt worden war, wehrten sie sich dagegen, quasi als Dependance der Parteizentrale Sursee behandelt zu werden, und stellten immer wieder eigene Kandidaten auf, bis 1903 endlich einer der Ihren auf der offiziellen Liste zu Ehren kam. Die Liberalen versuchten mehrfach vergeblich, von dieser Situation zu profitieren, so namentlich 1891, als die Ausgangslage besonders brisant war, weil anstelle des angesehenen Parteiführers Franz Xaver BeckLeu dessen Sohn Julius Beck portiert wurde.3 Derart ungestraft durfte man die Regeln der Parteidisziplin nicht überall vernachlässigen. Es gab durchaus Wahlkreise, in denen die Mehrheitsverhältnisse so knapp 2
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Details in KtBl. Zu Kriens 1883 vgl. LTB 1883 Nr. 109 (10. Mai). Zu Schüpfheim 1887 vgl. Aregger, Großräte 2005, 82. V 1891 Nr.109 (16. Mai).
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waren, dass die Minderheit den einen oder anderen Sitz stehlen konnte. Andere Wahlkreise wechselten definitiv die Parteifarbe. So eroberten die Liberalen nach und nach das konservative Emmen, während die ursprünglich liberalen Stützpunkte Weggis und Großwangen 1891 ins konservative Lager schwenkten. Allerdings waren auch solche potentiell angreifbaren Wahlkreise längst nicht immer umkämpft. Oft hielt die Opposition jahrelang still, bevor sie ein Lebenszeichen von sich gab. Da und dort wurde die Situation auch dadurch entschärft, dass die stärkere Partei der Minderheit einen von mehreren Sitzen freiwillig überließ. In Entlebuch etwa, wo die Liberalen 1895 einen der drei Sitze gewonnen hatten, verzichtete die konservative Mehrheit bei den zwei folgenden Erneuerungswahlen darauf, diesen Sitz zu attackieren; erst als der liberale Amtsinhaber 1907 zum vierten Mal antrat, wurde er nicht mehr bestätigt.4 Dort, wo beide Parteien ähnlich stark waren, einigten sich die Kontrahenten gelegentlich auf eine paritätische Lösung. Interessant ist in dieser Beziehung das Beispiel von Beromünster. Hier hatte 1867 eine legendäre Wahlschlacht getobt.5 Auch nach der Neueinteilung von 18696 blieb der Wahlkreis zunächst mit Wahlbeteiligungen um 90 Prozent und mehr hart umkämpft. Doch nachdem die Konservativen 1879 den Liberalen einen der beiden Sitze abgerungen hatten, akzeptierten beide Parteien den Status quo und traten fortan mit einer gemeinsamen Liste an. Einzig in der politisch überhitzten Atmosphäre des Jahres 1891 suchten die Konservativen noch einmal die Konfrontation und präsentierten zwei Kandidaten. Die Wähler hielten jedoch an der Formel eins plus eins fest; die beiden Bisherigen wurden bestätigt; der zweite Konservative war chancenlos. In den folgenden Jahren blieb es bei der paritätischen Vertretung, bis schließlich 1907 doch beide Münsterer Sitze an die Konservativen fielen, weil die Liberalen keinen eigenen Kandidaten mehr aufstellten.7 Ob ein bestimmter Wahlkreis in einem bestimmten Wahljahr umkämpft war oder nicht, hing zum einen vom allgemeinen politischen Klima im Kanton ab, zum andern von der personellen Konstellation und der Befindlichkeit vor Ort. In den 1860er Jahren hatte es eine Handvoll «Schicksalswahlkreise» gegeben. Um sie wurde jeweils besonders erbittert gekämpft, weil ihr Resultat das kantonale Gesamtergebnis bestimmte. Der Geist dieser «Schicksalswahlkreise» überdauerte die Wahlreform von 1869 und das Jahr 1871 und blieb namentlich dort wirksam, wo die Parteien ähnlich stark waren. In Wahlkreisen wie Großwangen oder Zell, Littau, Wolhusen oder Escholzmatt konnte daher das Feuer der Parteileidenschaft jederzeit wieder hell aufflammen. Zu den besonders umstrittenen Wahlkreisen gehörte Triengen. Wahlbeteiligungen von über 90 Prozent waren hier die Regel; einzig 1903, als ausnahmsweise die drei Bisherigen unangefochten blieben, begnügte man sich mit knapp 80 Prozent.8 In diesem ursprünglich liberalen Wahlkreis erkämpften sich die Konservativen dank dem Rückhalt, den sie in den beiden kleinen Gemeinden Wilihof und Kulmerau besaßen, 4
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Der liberale Josef Vogel unterlag 1907 dem dritten konservativen Kandidaten mit 148 gegen 283 Stimmen. StALU AKT 42/637; KtBl 1907, 432. Vgl. Aregger, Großräte 2009, 178. Bossard-Borner, Im Spannungsfeld, 645f. Zur Neuumschreibung der Wahlkreise im Rahmen der Verfassungsrevision von 1868/69 vgl. BossardBorner, Im Spannungsfeld, 655ff. Detailzahlen der Stimmberechtigten und der gültigen Stimmen 1875ff. in KtBl.; Zahlen 1871 StALU PA 32/655. Zur Wahl 1891 vgl. Tagebuch Adam Herzog, 10. Mai 1891, Auszug PA 75/3. Detailzahlen der Stimmberechtigten und der gültigen Stimmen in KtBl.
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nach und nach zwei von drei Mandaten. Besonders hohe Wellen schlug die Wahl von 1891, bei der sich die parteipolitische Konfrontation mit lokalpolitischen Rivalitäten verband: Nachdem die Konservativen vier Jahre zuvor einen ersten Sitz erobert hatten, einigten sich die Parteiführer darauf, den Status quo zu bestätigen. Dieser Burgfriede fand jedoch wenig Anklang. Hüben und drüben wurden Kampflisten aufgestellt, und so waren schließlich drei liberale und zwei konservative Kandidaten im Spiel. Am eigentlichen Wahltag wurden zwei der drei bisherigen Großräte, einer der liberalen und der konservative, bestätigt. Der zweite bisherige Liberale, Gemeindeschreiber Bernard Kaufmann aus Winikon, verfehlte das absolute Mehr deutlich, weil ihm der liberale Trienger Sprengkandidat, Gerichtsschreiber Kasimir Fischer, zu viele Stimmen wegnahm.9 Bei der Stichwahl zeigten die Liberalen mehr Disziplin: Gerichtsschreiber Fischer trat nicht mehr an, so dass Kaufmann sich ganz knapp gegen den konservativen Trienger Kirchmeier Ulrich Fischer durchsetzte. Eine Beschwerde des ebenfalls aus Triengen stammenden Amtsgehilfen Johann Baptist Häfliger veranlasste jedoch die konservative Mehrheit des Großen Rates, zwei vom Wahlbüro für ungültig erklärte Stimmen dem konservativen Kandidaten gutzuschreiben; damit lagen beide Kontrahenten gleichauf, und die Wahl war wieder nicht zustande gekommen. Gegen diesen Beschluss des Großen Rates legten die Trienger Liberalen beim Bundesrat Rekurs ein. Als sie dort kein Gehör fanden, appellierten sie zunächst an die Bundesversammlung, zogen den Rekurs dann aber zurück, so dass die Stichwahl am 21. Februar 1892 stattfinden konnte. Doch nun erklärte Kaufmann, er werde dem Frieden zuliebe nicht mehr antreten, und manövrierte damit seine eigene Partei aus. Da im dritten Wahlgang keine neuen Kandidaten zugelassen waren, wurde der konservative Ulrich Fischer bei einer Wahlbeteiligung von 50,6 Prozent einstimmig gewählt.10 Triengen mit seinen umstrittenen Wahlen steht exemplarisch für die Wahlkreise, in denen die Ausgangslage offen war. In einer solchen Konstellation fiel es den Parteien leicht, ihre Anhänger in großer Zahl zu mobilisieren. Umgekehrt konnte die Wahlbeteiligung dort, wo keine nennenswerte Opposition zu erwarten war, unter 30 Prozent fallen;11 den Negativrekord hielt Horw mit 14,4 Prozent im Jahre 1899.12 Wechselte ein umkämpfter Wahlkreis die Parteifarbe, dann wurde das vor Ort als einschneidendes Ereignis empfunden. Im Fall von Großwangen belegt eine Kassationsbeschwerde, die bis zum Bundesrat gezogen wurde, wie schwer es den Verlierern fiel, die neue Situation zu akzeptieren.13 Auf die Machtverhältnisse im Großen Rat hatten solche Veränderungen zwar keine konkreten Auswirkungen. Doch der Trend war unverkennbar: Auf der Landschaft summierten sich die Gewinne und Verluste bis 1907 zulasten der Liberalen, die nach und nach die Wahlkreise Zell, Eschenbach, Weggis, Großwangen, Littau und Münster sowie zwei von drei Sitzen in Triengen verloren. Die
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V 1891 Nr. 100/105/106 (5./12./13. Mai). Zur Wahl 1891/92 StALU AKT 32/674 und 32/714. Zum Rekurs AKT 32/312 sowie BBl. 1891/V, 540– 552. Kaufmanns Rückzugserklärung LTB 1892 Nr. 38 (14. Febr.). So in Luthern 1887, 1891, 1899 und 1907. Vgl. KtBl. Von 411 Stimmberechtigten nahmen 59 an der Wahl teil. KtBl. 1899, 404. StALU AKT 32/313. Vgl. unten 1.1.4.